Es kommt vor allem auf die Mitarbeiter an


44 likes

Der Deutsch-Schwede Axel Bard Bringéus hat Spotify u.a. nach Deutschland gebracht und hierzulande etabliert. Im Interview: Welche Herausforderungen bei einer Internationalisierung zu meistern sind und was Axel Bard Start-ups aus seiner Investorensicht rät.

Unter dir als Global Head of Markets ist Spotify in 60 Länder mit insgesamt 140 Mio. Usern expandiert, und das innerhalb von nur sechs Jahren. Welchen Rat hast du für Unternehmer, die eine inter­nationale Expansion pla­nen?

Beim Musikstreaming ging es damals um alles oder nichts. Spotify blieb nichts anderes übrig, als schnell zu expandieren. Das Geschäftsmodell ist größenabhängig, und es tobte ein erbitterter Konkurrenzkampf, den wir gewinnen wollten. Es gab also über eine reine Umsatzsteigerung hinaus wichtige strategische Gründe dafür, möglichst schnell weiter zu wachsen.

Jedes Unternehmen muss zunächst einmal für sich entscheiden, welche Gründe es für eine Expansion hat, und anhand dessen seine Strategie und das richtige Tempo festlegen. Wichtig ist auch die Auswahl der passenden Märkte. Bei der Erschließung internationaler Märkte gibt es zahlreiche unbekannte Faktoren, die man schlicht nicht vorhersehen kann. Man muss in der Planung flexibel bleiben, das heißt auch, bereit zu sein, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Darüber hinaus ist es wichtig, vorausschauend entsprechende Organisationsstrukturen, Prozesse und Finanzrahmen zu definieren, die bei Bedarf auch modifiziert werden können.

Ein internationales Unternehmen zu leiten, ist von Grund auf anders, als ein rein regionales Unternehmen zu führen. Es klingt vielleicht banal, aber beim Erfolg kommt es vor allem auf die Mitarbeiter an. Es ist schwierig, kompetente Leute in einer Region anzuwerben, wo die eigene Marke noch unbekannt ist, man aber trotzdem keine Kompromisse eingehen will. Wenn sich die richtigen Fachkräfte nicht finden lassen, empfiehlt es sich eher, vertrauenswürdige Mitarbeiter vom Hauptsitz zu entsenden, um die Niederlassung direkt vor Ort aufzubauen.

Was waren die größten Heraus­forderungen bei der Spotify-Expansion?

Zweifellos unsere größte Herausforderung war die kostengünstige Beschaffung von Strea­ming-­Lizenzen, damit wir auch in den neuen Märkten unser kostenloses Modell anbieten konnten. Wir waren überzeugt, dass unser Geschäftsmodell nur mit einer kostenlosen Einstiegsstufe funktionieren würde. Daran hielten wir auch in jedem neuen Markt fest. Bisweilen dauerte es ein wenig länger, andere Anbieter, ohne kostenlose Einstiegsstufe, schlossen zu uns auf, aber letztlich gingen wir immer als Sieger hervor. Die zweitgrößte Herausforderung war, in den neuen Märkten geeignete Mitarbeiter zu finden. Wir lernten, in Bezug auf Qualität und unsere Unternehmenskultur keine Kompromisse einzugehen, auch wenn das Recruiting dadurch deutlich mehr Zeit in Anspruch nahm.

Technologie entwickelt sich rasant weiter, Mitbewerber drängen aus völlig unerwarteten Richtungen auf den Markt, das Verbraucherverhalten verändert sich. Wie planst du als Investor unter solchen Bedingungen?

Es gilt, jederzeit sowohl die langfristige als auch die aktuelle Entwicklung im Blick zu haben. Auf lange Sicht geht es um das sich ständig verschiebende Ziel, das man mit einem Unternehmen erreichen will. Für uns Investoren (Axel Bard Bringéus ist Deal Partner bei EQT Ventures, Anm.d.Red.) endet die Reise mit dem Exit, aber der Unternehmer hat noch einen viel weiteren Weg vor sich.

Die langfristige Vision darf nicht von kurzfristigen Schwankungen in Bezug auf Verbraucherverhalten, Wettbewerb und Technologie aus der Bahn geworfen werden – dafür gibt es die kurzfristige Planung. Und je jünger das Unternehmen ist, desto kürzer muss hier der Zeitrahmen sein. Ein Start-up lernt ständig dazu und passiert wichtige Meilensteine. Dabei kann es dann den Graben zwischen seiner Vision und seinem Handeln mit einem längerfristigen Plan überbrücken.

Welche Tech-Bereiche entwickeln sich derzeit am schnellsten? Welche Märkte sind aus deiner Sicht besonders spannend?

Die größten Paradigmenwechsel finden derzeit in den Bereichen Quantencomputing und künstliche Intelligenz statt. Was wir bisher gesehen haben, ist sicher erst der Anfang. Da diese Technologien noch relativ neu sind, lässt sich nur schwer darüber spekulieren, wo sie sich am stärksten und am schnellsten weiterentwickeln werden. Allerdings ist absehbar, dass sich vor allem das Gesundheits- und das Bildungswesen durch den Einsatz neuer Technologien stark verändern werden. Das sind zentrale Gesellschaftsbereiche; hier gibt es ein riesiges Potenzial für Verbesserungen, für Modernisierung und Kostenreduzierung. Wegen der starken Regulierung und den lebenswichtigen Aufgaben, die im Gesundheitswesen bewältigt werden, verlief die Einführung neuer Technologien bisher eher schleppend. Das Corona-Virus zwingt Menschen jetzt dazu, anders miteinander zu inter­agieren, beispielsweise sehen wir einen Innovationsschub in der Telemedizin.

Gleiches gilt für das Bildungswesen. Überall mussten in der Pandemie Schulen schließen; die Wissensvermittlung und der Austausch zwischen Lehrern und Schülern mussten neu organisiert und auf Fernunterricht umgestellt werden. Dabei fehlen jedoch vielerorts sowohl die Infrastrukturen als auch geeignete Software. Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, dass das Bildungswesen in veralteten Strukturen feststeckt. Die Veränderungen, auf die viele Gründer schon seit Langem drängen, werden sich jetzt viel schneller durchsetzen lassen. Marktplätze sind ein weiteres interessantes Feld. Im B2C-Bereich existiert inzwischen ein Marktplatz für praktisch jedes Produkt und jede erdenkliche Dienstleistung. In B2B-Nischen gibt es aber nach wie vor Innovationspotenzial, etwa mit erweiterten Dienstleistungen und
As-­a-Service-Modellen. Das gilt für alle Indus­triesparten.

Wenn du eine Investition in ein Unternehmen erwägst, dessen Geschäftsmodell auf neuen Tech­nologien basiert, welche Kriterien setzt du an, um sein Wachstums­potenzial zu beurteilen?

Technologien sind nur in dem Maße geschäftsrelevant wie die Köpfe, die dahinter stecken. Daher sind für uns die Gründer immer wichtiger als ihre eigentlichen Ideen. Allerdings investieren wir in Unternehmen, die Technologie nicht einfach nur einsetzen, um etwas, das es bereits gibt, zu verbessern, sondern bei denen diese Technologie den fundamentalen Kern der Geschäftsstrategie bildet. Wir suchen nach Unternehmen, die mit einem einzigartigen technologischen Ansatz Probleme lösen oder ihre Kunden begeistern.

Unternehmen wie Spotify haben die Art und Weise, wie wir (Musik) konsumieren, von Grund auf revolutioniert. Wie wird sich Technologie auf unsere Zukunft auswirken?

In der Anfangsphase von Spotify war mobile Konnektivität ein derart neues Konzept, dass viele Verbraucher aus Angst vor einem unzuverlässigen Zugriff auf ihre Musik nicht dazu bereit waren, ihre CDs oder Schallplatten aufzugeben. Das war so, als hätte man in den 1880er-Jahren die Menschen dazu aufgefordert, sämtliche Kerzen und Öllampen wegzuwerfen, nur weil es in einigen Häusern bereits Elektrizität gab. Inzwischen ist das mobile Internet Teil unseres Alltags, und es werden Dienste und Features angeboten, die für die Gesellschaft einen ähnlichen Stellenwert haben wie funktionierende Stromleitungen. Eine wichtige Frage ist aber, ob das Internet auch in Zukunft noch so frei zugänglich sein wird wie bei seiner Öffnung für den Massenmarkt in der Mitte der 1990er-Jahre. Die ganze derzeitige Debatte über Netzneu­tralität und Datenschutz ist erst der Anfang. Die Zukunft des Internets wird keineswegs so offen und frei von politischem Einfluss sein wie bisher. Seine Auswirkungen auf die Gesellschaft sind inzwischen so groß, dass die nationale und die internationale Politik sie nicht mehr sich selbst überlassen wollen. Verbraucher und Unternehmen müssen sich daher vermutlich auf umfangreiche Veränderungen einstellen.

Dein Werdegang ist eine echte Erfolgsgeschichte. Auf was bist du besonders stolz?

Als Deutsch-Schwede bin ich besonders stolz darauf, Spotify in Deutschland etabliert zu haben. Als wir im Mai 2012 begannen, unsere Fühler nach Deutschland auszustrecken, war unser Erfolg keineswegs garantiert. Ich habe viel Herzblut in die Markteinführung investiert.

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe unseres Printmagazins StartingUp: Mehr dazu liest du in der aktuellen StartingUp - Heft 04/20 - ab dem 14. Dezember 2020 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als ePaper erhältlich - über unseren Bestellservice

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: