Der bundesweite start2grow Gründungswettbewerb geht in eine neue Runde

sponsored / 25.09.2025


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Teilnehmer*innen profitieren von kostenlosen Coachings, Workshops sowie Netzwerk-Events. Am Ende des Wettbewerbs gewinnen die besten Businesspläne Preisgelder im Gesamtwert von 94.000€.

DU. DEINE IDEE. DEIN BUSINESS. Der start2grow Gründungswettbewerb zählt zu den traditionsreichsten Businessplan-Wettbewerben in Deutschland und startet am 29. Oktober 2025 in seine 25-jährige (!) Jubiläumsausgabe. Der bundesweite Wettbewerb richtet sich an Gründungsinteressierte und junge Start-ups, die an digital-technologischen Geschäftsmodellen arbeiten und Innovationen vorantreiben.

Die Teilnahme ist kostenfrei und eine Anmeldung ab sofort auf www.start2grow.de möglich. Als Teil der start2grow-Community profitierst du von zahlreichen Benefits

start2grow bietet attraktive Preisgelder

Bei start2grow werden Businesspläne für innovative und technologische Geschäftsmodelle prämiert, die beispielsweise den Prozess der Digitalisierung oder Dekarbonisierung vorantreiben. Nachdem alle eingereichten Businesspläne begutachtet wurden, erhält jedes Gründungsteam ein individuelles Feedback in Form eines schriftlichen Gutachtens. Die besten zwanzig Teams werden dann zum großen Finale nach Dortmund eingeladen, um vor Vertreter*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kapital zu pitchen. Der TOP 10 winken Preise im Gesamtwert von 94.000€:

1. Preis: 40.000€

2. Preis: 20.000€

3. Preis: 10.000€

Die Plätze 4 bis 10 erhalten einen Sachpreis im Wert von je 2.000€. Darüber hinaus vergibt der start2grow-Partner TechnologieZentrumDortmund einen Sonderpreis in Höhe von 10.000€, der zur Finanzierung von Mieten und Dienstleistungen am Standort Dortmund eingelöst werden kann. Weitere Infos zu den Preisgeldern und Teilnahmebedingungen finden Gründungsinteressierte, Gründer*innen und Start-ups auf www.start2grow.de.

Individuelles Coaching und Mentoring

Doch start2grow hat noch viel mehr zu bieten als Preisgelder für die besten zehn Businesspläne. Mit zusätzlichen Angeboten, die für alle registrierten Teilnehmer*innen kostenlos sind, ist start2grow für alle Teilnehmer*innen ein echter Gewinn. Mitmachen lohnt sich also! Und zwar unabhängig davon, ob das Start-up bereits vor kurzem gegründet wurde oder noch in der Vorgründungsphase steckt.

Mit einem Netzwerk aus über 600 ehrenamtlichen Coaches finden sich für jeden Aspekt des Businessplans passende Expert*innen, die das digital-technologische Geschäftsmodell auf Herz und Nieren prüfen und mit persönlichen Netzwerken parat stehen. Auf Wunsch werden die Teilnehmer*innen mit Mentor*innen zusammengebracht, die bei der Ausarbeitung des Businessplans fortlaufend unterstützen.

Kostenlose Workshops und Events

Die Kombination aus digitaler Unterstützung über die Online-Coaching-Area und Events vor Ort ist optimal, um schnell und unkompliziert in das start2grow-Netzwerk einzutauchen. In Workshops werden die Teilnehmenden bei der Weiterentwicklung ihres Start-ups und ihrer individuellen Gründungspersönlichkeit unterstützt. Neben Grundlagen zur Strukturierung des Gründungs- und Innovationsprozesses (z.B. mittels Business Model Canvas oder Design Thinking) wird weiteres Knowhow (z.B. Businessplan-Handbuch, Storytelling & Pitchtraining) kostenlos zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden die teilnehmenden Gründungsinteressierten und Gründer*innen mit Kapitalgebenden und Alumni der vergangenen Jahre zusammengebracht.

Terminübersicht von start2grow 2025/26

  • 29.10.2025 – start2grow-Match
    Auftaktevent inkl. Kennenlernen der Coaches und „Open Pitch Stage“
  • 14.11.2025 – start2grow-Meet & Work
    Workshops und Vorträge zu gründungsrelevanten Themen
  • 05./06.12.2025 – start2grow-Camp
    Zweitägiges Arbeitswochenende inkl. Vorstellung Kapitalgeber*innen
  • 26.01.2026 – Abgabefrist Businesspläne
  • 06.03.2025 – start2grow-Pitch & Party
    Die TOP 20 pitcht vor der Jury. Nach Bekanntgabe der Platzierungen wird am Abend der 25. Geburtstag von start2grow gemeinsam gefeiert

Jetzt kostenlos auf www.start2grow.de anmelden!

Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus

Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?

Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.

Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen

Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.

Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.

Im Becken der Tech-Haie

Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.

Genialer Schachzug oder riskante Wette?

Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.

Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.

Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten

Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.

Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung

Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.

VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.

Plattform trifft auf traditionelles Handwerk

Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.

Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.

Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung

Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.

Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.

Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.

DeepTech-Achse Paris-Berlin: southwestX startet Exzellenzprogramm „Startup Leaders“

Der deutsch-französische DeepTech-Innovationshub southwestX startet Exzellenzprogramm „Startup Leaders“ zur Stärkung der europäischen Tech-Souveränität.

Die technologische Souveränität Europas steht zunehmend im Zentrum wirtschaftspolitischer Strategien. Während Europa über exzellente Forschung und starke Industrieunternehmen verfügt, scheitert der Übergang zu internationalen Unternehmenserfolgen oft an strukturellen Hürden wie fragmentierten Märkten, begrenztem Wachstumskapital und langen Wegen in die industrielle Anwendung. Um genau diese Lücke zu schließen, hat der deutsch-französische DeepTech-Innovationshub southwestX auf der Technologie-Messe VivaTech in Paris eine neue grenzüberschreitende Initiative gestartet und parallel dazu ein neues Büro in der französischen Hauptstadt eröffnet.

Schulterschluss für die digitale Souveränität

Das neue Exzellenzprogramm „Startup Leaders“ wurde am 18. Juni 2026 von prominenten politischen und wirtschaftlichen Vertreter*innen beider Länder auf der VivaTech offiziell präsentiert. Neben Pascal Cagni, dem Präsidenten von Business France und französischem Botschafter für internationale Investitionen, sowie der Direktorin von La French Tech, Julie Huguet, betonte auch Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, die strategische Relevanz des Programms. „Unsere digitale Souveränität stärken wir am besten, indem wir eigene, globale Champions aufbauen“, unterstrich Wildberger die Zielsetzung und verwies auf das Potenzial der deutsch-französischen Zusammenarbeit für die europäische Wettbewerbsfähigkeit.

Parallel zum Launch festigt southwestX – eine von bundesweit zehn durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) ausgezeichneten und geförderten exist Startup Factories – seine physische Präsenz in Europa. Mit dem neuen Pariser Büro sollen Gründerinnen und Gründer, Investoren, Unternehmen und Forschungseinrichtungen enger vernetzt und die deutsch-französische Innovationsachse gezielt ausgebaut werden. Für Geschäftsführer Matthias Schmitz ist dieser Schritt zwingend notwendig: „Wenn wir Europas technologische Souveränität stärken wollen, müssen wir auch bei der Zusammenarbeit innerhalb Europas deutlich ambitionierter werden“.

Fokus auf die Wachstumsphase von Series-A-Scale-ups

„Startup Leaders“ hebt sich von klassischen Gründungsinitiativen ab, indem es sich explizit an reifere Deep-Tech-Scale-ups richtet. Die kuratierte Kohorte umfasst bis zu 20 Unternehmerinnen und Unternehmer aus Deutschland und Frankreich, deren Firmen bereits eine Series-A-Finanzierung oder eine vergleichbare Wachstumsphase erreicht haben. Über einen Zeitraum von zwölf bis fünfzehn Monaten erhalten die Teilnehmenden Zugang zu exklusivem Mentoring, internationalen Netzwerken sowie einem engen Austausch mit Wirtschaftsentscheidern und institutionellen Partner*innen, unterstützt unter anderem durch die Baden-Badener Unternehmer Gespräche (BBUG).

Die erste Kohorte fokussiert sich auf strategische Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, Kernfusion, Carbon Removal, Raumfahrt, Advanced Materials und Quantentechnologien. Zu den teilnehmenden Scale-ups gehören:

  • Aus Deutschland: Focused Energy, eleQtron, LidroTec, Greenlyte Carbon, Quantum Optics Jena, Kraftblock, Workpath, Phlair, Ucaneo und Surfunction.
  • Aus Frankreich: Quobly, Renaissance Fusion, Wise Integration, GitGuardian, CryptoNext Security, HyLight, EcoTree, Skynopy und SampAi.

Einordnung: Mehr als ein regionales Förderprogramm

Die Initiative zeigt einen grundlegenden Wandel in der europäischen Innovationsförderung. Anstatt rein nationale Strukturen aufzubauen, zielt southwestX auf eine übergeordnete Vernetzung ab. Getragen wird das Konstrukt von einem breiten Gesellschafter-Konsortium aus Wissenschaft und Forschung – darunter die Universität des Saarlandes, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), die WHU – Otto Beisheim School of Management, die Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU), die htw saar, die Hochschule Trier mit dem Umwelt-Campus Birkenfeld, mehrere Max-Planck-Institute und das Collège des Ingénieurs (CDI). Der Hub operiert dabei im gesamten grenzüberschreitenden Innovationsraum Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Frankreich.

Mit diesem Ansatz adressiert southwestX das zentrale „Valley of Death“ der Deep-Tech-Branche: die kostenintensive und langwierige Skalierung von komplexen Hardware- und Hochtechnologielösungen. Durch die Bündelung von Spitzenforschung, Kapital und industrieller Praxis entlang der beiden größten Volkswirtschaften der EU entsteht eine Blaupause dafür, wie Europa künftig seine technologischen Durchbrüche sichern und im globalen Wettbewerb als souveräner Technologiestandort auftreten kann.

Berlin gründet, der Süden patentiert: Ein Ranking mit zwei Wahrheiten

Wer in Deutschland ein Start-up gründet, steht unweigerlich vor der Standortfrage. Ein neues Bundesländer-Ranking der BSBI School of Business and Innovation sieht Baden-Württemberg an der Spitze und straft Berlin ab. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Studie misst zum Teil Äpfel mit Birnen – und übersieht, wie moderne Digitalisierung funktioniert.

Dass Innovation nicht gleich Innovation ist, zeigt sich beim Blick auf die nackten Zahlen. Für das aktuelle Ranking wurden Start-up-Neugründungen und Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner (Stand Ende 2024) analysiert sowie eine KI-gestützte Schlagwortsuche in den Koalitionsverträgen der Landesregierungen durchgeführt. Das vermeintliche Ergebnis: Ein klares Süd-Nord-Gefälle mit Baden-Württemberg auf Platz 1 und Berlin abgeschlagen auf Platz 7.

Für Gründerinnen und Gründer greift diese Interpretation jedoch zu kurz.

Der Süden dominiert die Hardware – aus gutem Grund

Im Gesamtranking sichert sich Baden-Württemberg den Spitzenplatz, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Das „Ländle“ glänzt vor allem mit einem Spitzenwert von 135 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner*innen. Auf dem Papier ist das der absolute Innovationssieg.

Und tatsächlich: Wer im Bereich DeepTech, Industrie 4.0, Medizintechnik oder Hardware gründet, findet im Süden (Baden-Württemberg auf Platz 1, Bayern auf Platz 5 mit 95 Patenten) das perfekte Ökosystem. Hier trifft Gründungsgeist auf den industriellen Mittelstand und die entsprechende Forschungslandschaft.

Das Berlin-Paradoxon: Warum die Patent-Kritik ins Leere läuft

Die eigentliche Überraschung der Studie: Berlin verteidigt zwar mit knapp 17 Start-ups je 100.000 Einwohner*innen einsam die Spitze bei der Gründungsdynamik, stürzt im Gesamtranking aber auf Platz 7 ab. Die Studienautor*innen bemängeln die niedrige Patentquote (Platz 12) der Hauptstadt.

StartingUp-Einordnung: Hier beißt sich die Methodik der Studie mit der Realität der Digitalwirtschaft. In Deutschland und Europa sind Software, Algorithmen und rein digitale Geschäftsmodelle rechtlich kaum patentierbar. Da Berlin das Epizentrum für SaaS-, FinTech- und Plattform-Start-ups ist, kann die Stadt in dieser Statistik nicht glänzen. Ein Mangel an Innovation ist das jedoch nicht – es ist schlicht die Natur digitaler Produkte, die sich über Schnelligkeit und Netzwerkeffekte schützen, nicht über Patentämter.

Buzzword-Bingo in der Landespolitik

Ein weiterer Minuspunkt für Berlin im Ranking: In den politischen Dokumenten der Hauptstadt tauchen Begriffe wie „Innovation“ oder „Digitalisierung“ seltener auf als in den Verträgen der südlichen Flächenländer (Platz 15 für Berlin).

Auch hier sollten Gründer*innen gelassen bleiben. Ob ein Ökosystem funktioniert, entscheidet sich nicht an der Anzahl der Buzzwords in einem Koalitionsvertrag, sondern an der gelebten Praxis: Wie schnell arbeiten die Behörden? Wie steht es um die Vergabe von Fördermitteln (z. B. IBB oder Landes-Stipendien)? In der Realität zeigen sich die Stadtstaaten hier oft agiler als bürokratische Flächenländer, selbst wenn dort „Digitalisierung“ auf jeder Seite des Parteiprogramms steht.

Bittere Realität im Nordosten

Abseits der Methodik-Kritik zeigt die Studie jedoch einen schmerzhaften und realen Trend: Das Abdriften des Nordostens. Mecklenburg-Vorpommern bildet das Schlusslicht des Rankings (Platz 16), gefolgt von Brandenburg (Platz 15) und Sachsen-Anhalt (Platz 14). Mit statistisch nur einer Start-up-Gründung und sieben Patenten je 100.000 Einwohner*innen in MV herrscht hier nach wie vor strukturelle Flaute. Für Gründer*innen fehlen in diesen Regionen oft die kritische Masse an Talenten, Investoren und relevanten Netzwerken.

Unser Fazit für die Praxis: Augen auf bei der Standortwahl

Das Ranking der BSBI liefert wertvolle Daten, muss aber je nach Geschäftsmodell völlig anders gelesen werden:

  • Du gründest Software, B2C oder Plattformen? Lass dich vom Ranking nicht täuschen. Berlin, Hamburg (Platz 3) und die Metropolregionen bleiben aufgrund des Talentpools und der VC-Dichte deine erste Wahl.
  • Du gründest im Bereich Hardware, Robotics oder DeepTech? Hier hat die Studie recht: In Baden-Württemberg und Bayern sitzt das industrielle Rückgrat, das du für Pilotprojekte, Patente und B2B-Kooperationen brauchst.

Gründer der Woche: DYNO – für mehr Rentenansprüche

Altersarmut steigt, die betriebliche Altersvorsorge schwächelt. DYNO will das System umkrempeln – komplett digital und provisionsfrei. Wir haben bei Co-Founder Marc Karkossa nachgehakt.

In Deutschland haben mehr als 34 Millionen Menschen Anspruch auf eine betriebliche Altersvorsorge (bAV). Doch nur rund 18 Millionen zahlen tatsächlich ein – oft, ohne zu wissen, was am Ende für sie herausspringt. Die Gründe dafür sind tief in der Branche verwurzelt: Hohe Kosten, versteckte Provisionen und Intransparenz sind seit Jahrzehnten Standard. Das Offenburger Start-up DYNO tritt an, um genau dieses Problem zu lösen.

Mit einem 2,5-Millionen-Euro-Investment im Rücken und namhaften B2B-Kund*innen wie Freeletics, Schöffel und Quantum Systems verspricht das Unternehmen ein komplett digitales und provisionsfreies Modell. Der Anspruch: Arbeitnehmer*innen sollen durch den Zinseszinseffekt bis zu 150.000 Euro mehr Rentenansprüche aufbauen können. Doch wie skaliert man mit solch einem Versprechen in einem hochregulierten Markt gegen die etablierten Platzhirsche? Wir haben mit Mitgründer Marc Karkossa über das Aufbrechen alter Strukturen, ehrgeizige Ziele und die Zukunft der Rente gesprochen.

Das Interview

Wo steht der deutsche bAV-Markt heute wirklich und warum hat es erst externe Gründer gebraucht, um die Digitalisierung und Transparenz in dieser Branche ernsthaft anzustoßen?

Marc Karkossa: Der Markt ist zweigeteilt. Es gibt bAV-Modelle in Großkonzernen, die aufgrund vorhandener Ressourcen und Kompetenzen ordentliche Teilnahmequoten in der Belegschaft erzielen. Häufig gibt es hier auch arbeitgeberfinanzierte Modelle. Der Teil, der nicht erreicht wird – und wenn, dann häufig mit schlechten bAV‑Produkten –, sind kleine und mittelständische Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeitenden. Hier muss sich etwas ändern. Ich würde uns jedoch nicht als externe Gründer bezeichnen. Ich habe meine Ausbildung bei der AXA gemacht und war dann sechs Jahre lang in der familieneigenen Vermittlungsagentur tätig, zuletzt als Prokurist. Nur jemand, der das System von innen kennt, kann es grundlegend verändern.

Ich habe erlebt, wie Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einen vom Staat geförderten und vom Arbeitgeber unterstützten bAV‑Vertrag gespart haben, am Ende weniger Geld zur Verfügung hatten, als sie eingezahlt haben. Das System habe ich als zutiefst unfair empfunden: Provisionen, undurchsichtige Verwaltungskosten, starre Anlagemöglichkeiten mit zu hoher Garantie, Nullrendite. Das sind alles keine Einzelfälle, sondern die Regel. Dass man das anders machen kann, habe ich schnell verstanden. Es geht um einen kleinen, aber wichtigen Perspektivwechsel: Wir arbeiten für die Sparer*innen, nicht für Provisionen oder die Incentive-Reisen nach Dubai für die besten Verkäufer.

Ihr werft dieses System aus Intransparenz und Maklerprovisionen über den Haufen. Wie schwer war dieser Bruch für dich persönlich und wie stark ist der Gegenwind aus der etablierten Versicherungsbranche?

Marc Karkossa: Der Bruch war nie das Schwere. Im Gegenteil: Schwer war, das Problem zu sehen und nichts zu tun. Menschen zahlen jahrelang ein und am Ende ist weniger Geld da, als eingezahlt wurde – und das bei 2,37 Prozent Durchschnittsrendite. Das ist kein Pech, das ist ein Konstruktionsfehler. Ab da fühlt sich der Schritt nicht wie Rebellion an, sondern wie das Naheliegende.

Und ich korrigiere das Bild: Wir werfen nicht die Branche über den Haufen, sondern ein Geschäftsmodell. Wir arbeiten auch mit Versicherern zusammen und sind Teil der Infrastruktur, kein Gegner. Gegenwind gibt es, aber selten offen. Der Widerstand ist Trägheit – und er kommt von dort, wo sich Menschen bedroht fühlen. Viele in der Branche sehen es im Stillen genauso. Und die Regulierung bewegt sich ohnehin in diese Richtung. Wir sind nicht gegen das System. Wir stehen nur schon da, wo der Markt in fünf Jahren stehen wird.

Eines eurer stärksten Verkaufsargumente ist der Rentenvorteil für die Nutzer*innen: Durch eingesparte Provisionen, Honorare und Betreuungskosten sollen laut euren Berechnungen bis zu 150.000 Euro mehr Rente für die Arbeitnehmer*innen herausspringen. Da bohrt der Redakteur natürlich nach: Wenn ihr komplett auf Abschluss- und Maklerprovisionen verzichtet, wie genau refinanziert sich DYNO dann? Wo liegt euer B2B-Monetarisierungshebel?

Marc Karkossa: Die Antwort ist eigentlich banal: Wir sind eine B2B-Tech-Plattform. Unternehmen zahlen uns eine monatliche Lizenzgebühr für die Nutzung von DYNO – für die HR-Automatisierung, das Echtzeit-Dashboard, die digitale Verwaltung aller bAV-Verträge. Was das für Arbeitnehmer*innen bedeutet: Das eingezahlte Kapital arbeitet vom ersten Euro an für sie. Genau darin steckt der 150.000-Euro-Unterschied über eine durchschnittliche Erwerbsbiografie. Natürlich können es auch weniger als 150.000 Euro oder auch mehr sein. Das Provisionssystem hat über Jahrzehnte funktioniert, weil Intransparenz das Geschäftsmodell war. Unseres funktioniert, weil Transparenz das Geschäftsmodell ist.

Bisher konntet ihr über 600 Unternehmen als Kund*innen gewinnen. Für HR-Abteilungen ist die Verwaltung der bAV oft ein administrativer Albtraum. Wie überzeugt ihr klassische, teils mittelständische Unternehmen davon, ihre bewährten – wenn auch oft analogen – Prozesse an ein junges Start-up auszulagern?

Marc Karkossa: Die Frage ist berechtigt. Ein junges Unternehmen, das ein System anfasst, das seit 30 Jahren so funktioniert? Aber das Argument dreht sich eigentlich um: Wir erleichtern HR die Arbeit, wir machen sie nicht abhängig von uns. Unser Fokus liegt auf kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie schnell wachsenden Organisationen, die moderne HR-Strukturen skalierbar, rechtssicher und einfach zu administrieren aufbauen wollen. Was uns das Vertrauen bringt: Wir verdienen kein Geld über Produktprovisionen, sondern ausschließlich über die Software. Unsere Interessen sind damit mit denen des Unternehmens und der Belegschaft aligned, nicht mit denen eines Vermittlers oder Versicherers. Wenn Entscheider sehen, was ihre HR-Abteilung heute für bAV-Verwaltung aufwendet und was danach übrig bleibt, ist die Frage meistens beantwortet. Bei DYNO läuft alles digital: Vertragsänderungen, Onboarding neuer Mitarbeitender, Reporting, alles zentral und ohne Papierkram.

Die Altersvorsorge ist ein hochsensibler und streng regulierter Bereich. Wenn ihr den klassischen Versicherungsmakler ausschaltet und die Prozesse vollständig digitalisiert: Wie löst ihr das Thema Haftung und BaFin-Regulierung? Wenn Arbeitnehmer*innen am Ende falsch entscheiden oder sich schlecht beraten fühlen – wer trägt bei eurem Ansatz das rechtliche Risiko?

Marc Karkossa: Unsere komplette User-Journey auf Arbeitnehmerseite ist so gebaut, dass sie alle rechtlichen Anforderungen erfüllt – dokumentiert, nachvollziehbar. Und genau das ist auch eine Stärke der Digitalisierung: Ein digitaler Prozess senkt den Standard nicht, er hebt ihn. Und: DYNO hält eine eigene Maklerlizenz; ohne die lässt sich bAV mit Versicherungsunternehmen gar nicht managen.

Die Zahlen, die ihr kommuniziert, sind ambitioniert: 2025 wurden über die Plattform 100 Millionen Euro vertraglich vereinbarte Beiträge aktiviert. Bis Mitte 2026 wollt ihr bereits rund 400 Millionen Euro an Rentenansprüchen aufgebaut haben. Welche konkreten vertrieblichen oder technologischen Hebel nutzt ihr, um diese Vervierfachung in einem so kurzen Zeitraum zu realisieren?

Marc Karkossa: Wir bauen konsequent das, was der Mittelstand braucht, bleiben unserer provisionsfreien, digitalen DNA treu und haben eine Technologie, die von Grund auf skaliert – so könnten wir bereits jetzt täglich hunderte Unternehmen onboarden.

Spätestens seit dem Beschluss der Betriebsrentenreform (BRSG II) gewinnt die bAV politisch und gesellschaftlich wieder massiv an Relevanz – auch, weil die gesetzliche Rente oft nicht mehr reicht. Wird die rein digitale, Do-it-yourself-Vorsorge in fünf Jahren der absolute Standard sein, oder glaubst du, dass die klassische persönliche Beratung bei Finanzthemen weiterhin eine Daseinsberechtigung hat?

Marc Karkossa: Es ist kein Entweder-oder – es kommt auf das individuelle Bedürfnis an. Manche wollen es selbst managen, schnell und online. Andere wollen einen Menschen, gerade wenn die Märkte mal wackeln. Beide sollten dasselbe bekommen: ein renditestarkes Top-Produkt – egal ob vollständig digital oder im Videocall. Der Standard in fünf Jahren ist deshalb nicht zwangsläufig ‚Do it yourself‘, sondern eine digitale Infrastruktur, die beides kann – ohne Renditeunterschied. Aus diesem Grund bieten wir bei Rückfragen auch eine Beratung per Videocall an.

Marc, du hast den Seitenwechsel vom Branchen-Insider zum disruptiven Start-up-Gründer in einem hochregulierten Markt vollzogen. Welche konkreten Learnings möchtest du anderen Gründer*innen für ihren eigenen Weg mitgeben – insbesondere jenen, die sich mit ihren Ideen ebenfalls an dicke Bretter und festgefahrene Industrien wagen?

Marc Karkossa: Jeder Markt hat seine Vor- und Nachteile – und die Dicke eines Bretts hat meistens einen Grund. Mein wichtigstes Learning: dranbleiben. Dicke Bretter bohrt man nicht in einem Quartal. Und genauso wichtig: konsequent in den Markt reinhören, welche Lösung er gerade braucht – und nicht, welche man selbst gern bauen würde.

Danke, Marc Karkossa, für die spannenden Insights

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Isar Aerospace: 270 Mio. EUR für Europas Raketen-Hoffnung

Das Münchner NewSpace-Unternehmen Isar Aerospace hat eine massive Series-D-Finanzierungsrunde in Höhe von 270 Mio. Euro abgeschlossen.

Angeführt von neuen Geldgebern wie Island Green Capital und Molten Ventures sowie namhaften Bestandsinvestoren wie UVC Partners, HV Capital und Lakestar, unterstreicht diese Runde den Status des Unternehmens als Europas am besten finanziertes Raumfahrt-Start-up. Doch während die Kassen für den anstehenden Qualifikationsflug der Trägerrakete „Spectrum“ gefüllt sind, bewegt sich das Unternehmen in einem hochriskanten Marktumfeld, das von geopolitischen Dynamiken und einem gnadenlosen globalen Wettbewerb geprägt ist.

Vom studentischen Pioniergeist zum industriellen Großprojekt

Die Historie von Isar Aerospace gilt als eines der Paradebeispiele im deutschen DeepTech-Ökosystem. Gegründet im Jahr 2018 unter anderem von Daniel Metzler und Josef Fleischmann, ging das Unternehmen aus der studentischen Arbeitsgruppe WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) der Technischen Universität München (TUM) hervor. Was mit Triebwerkstests auf dem Universitätsgelände begann, hat sich zu einem industriellen Großprojekt entwickelt: In Parsdorf bei München hat Isar Aerospace eine der modernsten integrierten Fabriken für Trägerraketen in Europa errichtet. Diese ist auf eine Produktionskapazität von bis zu 40 „Spectrum“-Raketen pro Jahr ausgelegt. Durch eine außergewöhnlich hohe vertikale Integration – das heißt, Design, Fertigung und Tests finden nahezu vollständig im eigenen Haus statt – versucht das Unternehmen, sich von globalen Lieferketten unabhängig zu machen.

Bemerkenswert ist jedoch der strategische Wandel in der Positionierung. Traten die Münchner in den Anfangsjahren primär als Dienstleister für zivile und kommerzielle Kleinsatelliten-Betreiber auf, rückt nun die strategische Bedeutung für die öffentliche Hand und den Verteidigungssektor ins Zentrum. CEO Daniel Metzler betont unmissverständlich: „Der Weltraum ist keine Grenze mehr; er ist die Infrastruktur nationaler Macht.“

Diese Neuausrichtung reflektiert die veränderte geopolitische Realität. Nach dem Wegfall russischer Sojus-Sicherheiten und den massiven Verzögerungen bei klassischen europäischen Trägersystemen geriet der Kontinent in eine handfeste Souveränitätskrise im All. Im Jahr 2025 verzeichnete Europa weniger als zehn orbitale Starts – ein Bruchteil der Frequenz der USA. Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Agenda der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ist der „autonome Zugang zum Weltraum“ zu einer Priorität in Berlin und Brüssel geworden. Isar Aerospace positioniert sich hier geschickt als europäischer Champion, um von den budgetstarken und konjunkturunabhängigen Regierungs- und Verteidigungsaufträgen zu profitieren.

„Premium-Taxi“ gegen den Massenbus

Trotz der beeindruckenden Kapitalspritze muss sich das Geschäftsmodell der Münchner an den harten Gesetzen der Marktökonomie messen lassen. Die „Spectrum“ ist als sogenannter Microlauncher (Kleinträgerrakete) konzipiert, der Nutzlasten von bis zu einer Tonne in den niedrigen Erdorbit (LEO) transportieren kann.

Branchenanalysten weisen jedoch seit Jahren auf ein inhärentes Problem dieses Segments hin: Die Betriebswirtschaft der Raumfahrt wird von enormen Skaleneffekten beherrscht. Die Transportkosten pro Kilogramm Nutzlast sind bei kleinen Raketen konstruktionsbedingt meist um ein Vielfaches höher als bei schweren Trägersystemen. Der US-Gigant SpaceX drückt mit seinen „Rideshare“-Programmen (Sammeltransporten) auf der Falcon 9 die Preise pro Kilogramm in Regionen, die für kleinere Anbieter kaum profitabel zu unterbieten sind.

Isar Aerospace muss folglich ein „Premium-Taxi“ verkaufen: Der Mehrwert für Kund*innen liegt nicht im günstigsten Preis, sondern in der Flexibilität – der punktgenauen Platzierung im Wunsch-Orbit und der Unabhängigkeit von den Zeitplänen großer Sammelflüge. Ob der rein kommerzielle Markt dauerhaft bereit ist, diesen Aufpreis in großem Stil zu zahlen, bleibt in der Branche umstritten. Der verstärkte Fokus auf staatliche Akteur*innen und Verteidigungsprojekte erscheint daher als logischer strategischer Schritt, da in diesem Segment Versorgungssicherheit und geopolitische Unabhängigkeit schwerer wiegen als der reine Ticketpreis.

Gedränge an den Startrampen

Isar Aerospace ist auf diesem Markt keineswegs allein. International hat das US-neuseeländische Unternehmen Rocket Lab mit seiner „Electron“-Rakete seit Jahren den kommerziellen Betrieb für Kleinträger etabliert und demonstriert, dass das Modell operativ funktionieren kann.

Auch im europäischen Raum ist die Konkurrenz aktiv: Die Rocket Factory Augsburg (RFA) verfolgt mit der „RFA One“ ein ähnliches Nutzlastsegment, setzt dabei jedoch auf einen konsequenten Low-Cost-Ansatz durch die Verwendung von modifizierten Industriekomponenten. Daneben positioniert sich das baden-württembergische Unternehmen HyImpulse mit innovativen Hybridantrieben. Unter Branchenkennern gilt es als unwahrscheinlich, dass der europäische Markt langfristig Raum für mehrere Microlauncher-Anbieter*innen bietet. Eine Konsolidierung des Marktes in den kommenden Jahren gilt als wahrscheinlich.

Einordnung für das Start-up-Ökosystem

Für das europäische DeepTech-Segment ist diese 270-Millionen-Euro-Runde ein historisches und wichtiges Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und internationale Konsortien bereit sind, kapitalintensive Hardware-Innovationen über lange Zyklen hinweg zu tragen – eine Disziplin, die traditionell stark von US-amerikanischem Risikokapital dominiert wird.

Gleichzeitig verdeutlicht der Case Isar Aerospace, dass die Skalierung im High-Tech-Bereich zunehmend eine politische und strategische Dimension besitzt. Das frische Kapital sichert dem Unternehmen die nötige Runway, um die Serienfertigung hochzufahren und das System final zu etablieren.

Der entscheidende Meilenstein steht jedoch unmittelbar bevor: Zwischen dem 15. und 21. Juni 2026 öffnet sich das Startfenster für den Qualifikationsflug „Onward and Upward“ am norwegischen Weltraumbahnhof Andøya Space. Dieser Flug wird wohl die Stunde der Wahrheit: Hier muss die „Spectrum“ beweisen, dass sie den Schritt von einer herausragenden deutschen Ingenieursleistung und einem perfekt finanzierten Businessplan in die Erdumlaufbahn erfolgreich vollziehen kann.

Tokura sichert sich Millionen-Seed-Runde: Ein Scale-up-Ansatz für den Milliardenmarkt der Ambulantisierung

Das Berliner HealthTech-Start-up Tokura hat eine erste Finanzierungsrunde in mittlerer siebenstelliger Höhe abgeschlossen. Mit dem frischen Kapital wollen die Gründer Dr. Daniel Kreter und David Rizor eine eigene Technologieplattform aufbauen und spezialisierte ambulante OP-Zentren etablieren. Das ambitionierte Ziel: Eine Million Operationen pro Jahr in den ambulanten Sektor verlagern. Doch der Markt ist hochkomplex, streng reguliert und lockt zunehmend finanzkräftige Player an.

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer historisch tiefgreifenden Transformation. Durch die schrittweise Einführung sogenannter Hybrid-DRGs (sektorenunabhängige Fallpauschalen) sollen Behandlungen, die bisher klassischerweise stationär im Krankenhaus stattfanden, konsequent in den ambulanten Sektor verlagert werden. Das ökonomische und medizinische Potenzial ist gigantisch: Laut Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) weisen rund 60 Prozent aller stationären Fälle – das entspricht etwa 8 Millionen Eingriffen jährlich – ein klares Ambulantisierungspotenzial auf.

Die Realität hinkt dem politischen Willen jedoch hinterher. Es fehlt flächendeckend an der spezialisierten, hochmodernen Infrastruktur, um ein solches OP-Volumen sicher, digitalisiert und vor allem skalierbar aufzufangen. Eine erfolgreiche Ambulantisierung erfordert massive Investitionen in hocheffiziente Räumlichkeiten sowie nahtlose digitale Prozesse.

Das Geschäftsmodell: „Space-as-a-Service“ für Mediziner*innen

Hier setzt das Konzept von Tokura an. Das Start-up positioniert sich als operativer Infrastruktur- und Technologiepartner für medizinische Leistungserbringer.

  • Flexibles Kooperationsmodell: Niedergelassene Operateur*innen sowie Krankenhäuser können sich in den Tokura-Zentren einmieten, um dort auf spezialisierte Räumlichkeiten, eingespielte OP-Teams und verlässliche Prozesse zurückzugreifen.
  • Joint Ventures: Zudem bietet das Unternehmen an, neue ambulante OP-Zentren gemeinschaftlich mit medizinischen Partnern aufzubauen und zu betreiben.
  • Technologie-Hebel: Herzstück soll eine proprietäre Plattform sein, die den gesamten operativen Alltag digital steuert und damit die Wirtschaftlichkeit drastisch erhöht.

Die Macher: Scale-up-DNA ersetzt das Stethoskop

Hinter Tokura stehen keine Brancheninsider aus dem klassischen Klinikbetrieb, sondern erfahrene Köpfe aus der Tech- und Skalierungswelt. Dr. Daniel Kreter bringt über 15 Jahre Start-up-Erfahrung mit, unter anderem von Schwergewichten wie Zalando und Taxfix. Co-Gründer David Rizor verantwortete bei Taxfix die Unternehmensstrategie und koordinierte dort Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von über 300 Millionen Euro.

Dass diese Tech- und Fundraising-Expertise bei Investor*innen verfängt, zeigt das prominente Cap-Table: Die Seed-Runde wird von den namhaften VCs Heal Capital und Redalpine angeführt. Zudem beteiligen sich Business Angels der Investor*innen-Allianz better ventures. Um die fehlende medizinische Vita auszugleichen, setzt Tokura auf einen hochkarätigen medizinischen Beirat, unter anderem besetzt mit PD Dr. med. Clemens Gwinner (Leitender Oberarzt an der Charité Berlin) und erfahrenen Praxisbetreiber*innen.

Zwischen Skalierungstraum und Investitionsrealität

Das Vorhaben von Tokura ist so logisch wie ambitioniert, birgt für ein klassisches Venture-Capital-Case jedoch spezifische Risiken:

  • Enormer Investitionsbedarf (CapEx): Der Aufbau physischer OP-Zentren ist extrem kapitalintensiv. Ein mittlerer siebenstelliger Betrag ist ein solider Start für den ersten Standort – für das Ziel von einer Million Operationen wird Tokura jedoch in rascher Folge dreistellige Millionenbeträge einsammeln müssen.
  • Finanzstarke Konkurrenz: Der Markt für ambulante Operationsstrukturen konsolidiert sich bereits im Rekordtempo. Private-Equity-getriebene MVZ-Ketten wie das Orthopädie-Netzwerk Ortivity bewegen sich in völlig anderen Finanzierungsdimensionen. Gleichzeitig drängen etablierte Medizintechnik-Riesen wie B. Braun mit maßgeschneiderten Prozesslösungen für ambulante Zentren in den Markt.
  • Das Schnittstellen-Risiko: Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gelten in Digitalisierungsfragen als notorisch träge und veränderungsresistent. Ob sich die „Zalando- und Taxfix-DNA“ der Gründer reibungslos auf den stark regulierten und von Standespolitik geprägten Medizinbetrieb übertragen lässt, muss sich im operativen Alltag erst noch beweisen.

Fazit

Tokura besetzt zur richtigen Zeit eine der größten strukturellen Bruchstellen des deutschen Gesundheitssystems. Gelingt es dem Team, die Effizienz digitaler Plattformen mit der komplexen Realität physischer Medizin-Infrastruktur zu verknüpfen, hat das Start-up das Potenzial zum Gamechanger. Wenn nicht, droht das junge Unternehmen zwischen den hohen Fixkosten eigener Standorte und der Marktmacht finanzstarker MVZ-Konzerne zerrieben zu werden.

Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?

Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.

Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?

Die Köpfe hinter der Chat-Innovation

Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.

„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“

Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.

All-in-one zum Kampfpreis

Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.

Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.

Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.

Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"

So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.

Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.

Grenzen der Chat-Bedienung

Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.

Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.

Fazit und Ausblick

Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.

Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“

Gründer*in der Woche: tourdarts – Konzert-Booking via KI statt Excel

Schluss mit Excel-Chaos im Musik-Booking: Das Berliner Start-up tourdarts plant Tourneen per KI – emissionsärmer, günstiger und stressfrei.

Rund 3,6 Millionen mögliche Routen gibt es bei einer Konzerttournee mit nur zehn Städten. Bislang lösen Booking-Agenturen dieses logistische Puzzle meist mühsam per Tabellenkalkulation und endlosen E-Mail-Schleifen. Das Berliner Start-up tourdarts will das ändern: Ein intelligenter Algorithmus soll Tourneen emissionsärmer, günstiger und stressfreier machen. Nach vielversprechenden Pitch-Erfolgen geht die SaaS-Lösung nun in die Beta-Phase.

Vom Historiker zum Hacker: Ein unkonventioneller Kopf

Hinter dem Produkt tourdarts steht die Ingwer Solutions UG mit Sitz in Berlin. Als alleiniger Geschäftsführer agiert Paul Ramisch. Sein Werdegang ist eher untypisch für die Tech-Gründungsszene: Der studierte Digitalhistoriker arbeitete zunächst als Marketingmanager und in der politischen Bildung, bevor er sich als freiberuflicher Webentwickler etablierte. In der Außendarstellung wird Ramisch teils als Co-Founder bezeichnet, was auf einen stillen Partner im Hintergrund schließen lässt.

Auf die Frage nach der genauen Teamstruktur und der Entstehungsgeschichte stellt er klar: „Tourdarts als Projekt wird heute von mir allein gebaut.“ Die initiale Zündung gab es jedoch im klassischen Start-up-Setting – am Tresen: „Die Idee zu tourdarts ist, wie so viele Ideen, bei einem Bier entstanden: Patrick Csonka, ein guter Freund von mir und selbst Booker, hatte mir von dem Problem erzählt und meinte, das müsse doch besser gehen.“

Ramisch entwickelte nebenher einen Prototyp und erkannte schnell die wahre Komplexität der Materie. Csonka berät das Projekt bis heute; gemeinsam launchten sie die Idee im vergangenen Jahr auf dem Reeperbahn-Festival. Die nötige Daten-Expertise bringt Ramisch aus seinem Master in Digital History mit – der Kombination aus Geschichte und Informatik. „Dabei geht es darum, aus großen Datenmengen Sinn zu schaffen, das ist bei dem Tour-Routing-Problem genau das Thema“, erklärt der Gründer und fügt hinzu, dass ihm die Branche ohnehin nah sei, da er seit über zehn Jahren quasi als „professionelles Hobby“ als Produktions- und Stage-Manager auf Festivals arbeite.

Smart Auto-Routing trifft auf die Realität unstrukturierter Daten

Aus der Beobachtung der Live-Musik-Branche kristallisierte sich schnell das Kernproblem heraus: Das Routing von Künstler*innen ist ein logistischer Albtraum. Im Gegensatz zur klassischen Logistik müssen im Musik-Booking sogenannte Holds – also komplexe Optionen auf Veranstaltungsorte – beachtet werden.

Tourdarts ist als B2B-SaaS-Plattform konzipiert und kombiniert das klassische Problem des Handlungsreisenden mit genau diesen branchenspezifischen Booking-Regeln. Der Algorithmus berechnet die optimale Route und bezieht dabei Distanzen, Pausentage, Club-Verfügbarkeiten und sogar die Reichweite von Elektrofahrzeugen ein. Ein weiteres Kern-Feature: Die Software nutzt KI, um Booking-Termine aus Veranstalter*innen-E-Mails zu extrahieren und generiert im Anschluss automatisierte Antwort-Templates für Verfügbarkeitsprüfungen und Bestätigungen. Das Ziel ist ambitioniert: Weniger Zickzack-Fahrten, massiv eingespartes CO2 und ein enorm reduzierter administrativer Aufwand.

Doch gerade E-Mails von Veranstalter*innen strotzen oft vor Slang oder komplexen Bedingungen. Wie verhindert man hier fatale Fehlbuchungen? Ramisch räumt offen ein, dass dies ein Kernproblem der KI-Implementierung sei. Seine Lösung verzichtet bewusst auf die absolute Kontrolle durch die Maschine: „Tourdarts löst das, indem der Anspruch eben nicht eine Vollautomatisierung ist, sondern eine starke Assistenz.“ Die Termine würden zwar extrahiert, aber die finale Kontrolle obliege stets dem/der Nutzer*in.

Liest US-KI heimlich die Gagen mit?

Wer das Wort „KI“ im Zusammenhang mit E-Mail-Postfächern nennt, lässt in deutschen Agenturen oft die DSGVO-Alarmglocke schrillen. Wir haben bei Ramisch kritisch nachgehakt: Agiert tourdarts als heimlicher Mitleser im Postfach? Und fließen sensible Daten auf US-Server?

Der Gründer winkt direkt ab und korrigiert ein weit verbreitetes Missverständnis: „Tourdarts hat keinen direkten Zugriff auf das Postfach oder den Mail-Client.“ Statt eines vollautomatisierten Scans setze man auf einen manuellen Zwischenschritt. „Für die Extraktion kopieren die User einfach die Mail in das Tool.“ Dies geschehe ganz bewusst als „expliziter Baustein“, um die händische Überprüfung der Daten durch den Booker zu erzwingen. Für die Antworten generiert die Software lediglich Buttons, die den hauseigenen Mailclient mit vorgefertigten, personalisierten Texten öffnen.

Auf die Frage nach dem Serverstandort räumt Ramisch unumwunden ein, dass die Daten aktuell an den US-Riesen OpenAI fließen. Man weise die Nutzer*innen im Interface darauf hin, dass diese Daten geteilt werden und persönliche Informationen wie Anreden nicht mit einkopiert werden sollen. Das riecht ein wenig nach der bequemen Auslagerung der Verantwortung an den Endnutzer. Doch Ramisch hat das Problem offenbar erkannt und verspricht Besserung: Er habe bereits Validierungen mit den europäischen Mistral-Modellen gestartet, „und das Ziel ist hier auch ein Wechsel“. Er merke in Demos, dass die Nutzung amerikanischer Anbieter*innen die Firmen stark beschäftige. „Wer aktuell ein Produkt mit AI-Features für den europäischen Markt baut, dem kann ich nur empfehlen, das direkt zu berücksichtigen“, mahnt der Gründer. Eigene Modelle zu hosten, sei für das Start-up derzeit jedoch schlichtweg unwirtschaftlich.

Und wie steht es um das heimliche Training der KI? „Das Tool sammelt keine Daten zur Business-Seite wie die Gagen“, versichert Ramisch. Diese Prozesse würden über etablierte Management-Tools abgewickelt, zu denen man künftig nahtlose Schnittstellen anbieten wolle. Er fahre bewusst einen „sehr datensparsamen Ansatz“: „Ich nutze nicht einfach die Daten unserer User für die Entwicklung, sondern frage da explizit nach.“

Um die Agenturen rechtlich abzusichern, biete man eine klassische Auftragsverarbeitungsvereinbarung (AVV) nach der DSGVO an. Zugleich entzaubert der Gründer den KI-Hype um sein Produkt erfrischend ehrlich selbst: Man sei kein reiner „ChatGPT-Wrapper“. Strukturierte Daten aus Texten zu ziehen, sei heute „keine Rocket Science mehr“. Die echte Magie passiere woanders: „Die Secret Sauce bei tourdarts ist der Algorithmus, und das ist ein klassisches, deterministisches Informatik-Problem.“

Die Herausforderung: Die Dreiecks-Dynamik der Monetarisierung

Aktuell befindet sich tourdarts in einer geschlossenen Beta-Phase; öffentliche Pricing-Modelle fehlen noch völlig. Auf Nachfrage skizziert Ramisch die Strategie: „Es kristallisiert sich eine Per-Seat-Lizenzierung heraus, die sich preislich an dem angrenzenden Markt von Tourmanagement-Software anlehnt.“

Dabei kämpft das Start-up jedoch mit einem strukturellen Branchenproblem. „Der ROI für Agenturen entsteht durch die eingesparte Arbeitszeit. Der noch größere Return liegt jedoch in den verringerten Logistikkosten durch kürzere Distanzen“, analysiert Ramisch. Diese Kosten betreffen die Agenturen jedoch oft nicht direkt. „Dadurch entsteht eine Dreiecks-Dynamik, weil ich das Tool den Agenturen verkaufe, nicht den Hauptprofiteuren: den Artists.“

Um das Wachstum nicht künstlich zu begrenzen, blickt das Team über den musikalischen Tellerrand. „Andere Sparten sind absolut ein Thema“, bestätigt Ramisch. Erste Lesereisen und Podcast-Touren seien bereits geplant worden; auch Comedy stehe auf der Roadmap.

Cleveres Bootstrapping statt VC-Millionen

Das Start-up befindet sich in der Pre-Seed-Phase und ist weitgehend gebootstrapped. Tourdarts sicherte sich einen Platz im Wavelab-Inkubator in München und gewann Pitch-Wettbewerbe wie auf dem Reeperbahn Festival.

Die Strategie des organischen Wachstums ist gewollt. „Ich hatte es geschafft, recht schnell Agenturen von dem Produkt überzeugen zu können und tourdarts ist nah daran, profitabel zu sein“, betont Ramisch. Externe Investor*innengelder lehnt er vorerst ab, lässt sich aber Hintertüren offen: „Wenn die außereuropäische Internationalisierung schneller in den Fokus gerät, dann wird die Finanzierungs-Roadmap auch noch mal anders aussehen.“

Warum Excel der wahre Endgegner ist

Die größte Konkurrenz für tourdarts sind nicht andere Start-ups, sondern Microsoft Excel. Die Hürde, vertraute Workflows aufzugeben, ist enorm. Wie bricht man das auf? „Die Gewohnheit ist natürlich ein Problem, aber es gibt schon sehr viel Frust mit der Ineffizienz“, kontert der Gründer. Er setzt auf eine radikale Vereinfachung: „Wer seine Termine schon vorliegen hat, plant die erste Tour in 30 Minuten, was bisher teils Tage dauerte.“

Die Vertriebsstrategie profitiert vom Leidensdruck. „Ein Booker hat mich nach seiner Demo direkt an drei weitere Agenturen empfohlen“, berichtet Ramisch. Bei der renommierten All Artists Agency laufe tourdarts bereits seit einem Jahr produktiv in der Anwendung.

Unser Fazit: Megatrends getroffen, Bewährungsprobe steht bevor

Tourdarts positioniert sich klug an der Schnittstelle von KI-Automatisierung und „Green Touring“. Dass das Start-up die Eigenheiten des „Hold“-Systems integriert, schafft einen starken USP. Die offene und transparente Kommunikation bei den kritischen Themen DSGVO und Datensouveränität schafft zusätzlich Vertrauen.

Gelingt es der Ingwer Solutions UG, das knifflige Pricing-Modell für diese schwerfällige Nische zu justieren, hat tourdarts echtes Potenzial zum Branchenstandard. Für den Sprung vom Beta-Tool zum skalierbaren Unternehmen dürfte jedoch bald das Einwerben einer soliden Seed-Runde unumgänglich sein.

Dealroom Index 2026: Europas DeepTech-Erwachen – Warum München jetzt bei Defense-Tech dominiert

London holt sich die Krone von Paris zurück, Europa führt bei der „Innovationsdichte“ – und Deutschland festigt seine Rolle im DeepTech- und Rüstungssektor. Der neue Global Tech Ecosystem Index 2026 von Dealroom zeigt einen Kontinent im Umbruch. Doch hinter den starken Pro-Kopf-Zahlen verbirgt sich weiterhin Europas ungelöstes Skalierungsproblem.

Europa ist Heimat der weltweit leistungsstärksten Tech-Ökosysteme – zumindest, wenn man die reine Anzahl an Hubs im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße betrachtet. Zu diesem Schluss kommt der neue Global Tech Ecosystem Index, den die Datenplattform Dealroom am Donnerstag vorstellt. Demnach stellt Europa 45 der Top-100-Städte im sogenannten Density-Ranking und verweist Nordamerika (40) auf Platz zwei. Der Bericht unterstreicht einen fundamentalen Wandel: Europa versucht, seine wirtschaftliche Stagnation durch einen forcierten Fokus auf DeepTech, künstliche Intelligenz und strategische Autonomie zu kompensieren.

London verdrängt Paris, kleinere Hubs rücken auf

Nachdem Paris im vergangenen Jahr die Spitzenposition im europäischen Maßstab innehatte, hat London den Thron 2026 zurückerobert. Befeuert durch ein Rekord-Investitionsvolumen von 7 Milliarden US-Dollar im KI-Sektor (ein sattes Plus gegenüber den 3,9 Milliarden US-Dollar aus 2024) und eine wachsende Liste von mittlerweile 138 Unicorns (darunter Wayve und ElevenLabs), festigt die britische Hauptstadt ihren Status als globaler Fixpunkt. Paris bleibt mit 5 Milliarden US-Dollar an eingeworbenem Venture Capital (VC) und Aushängeschildern wie Mistral AI der schärfste Kontrahent auf dem Festland. KI macht in Europa mittlerweile rund 30 Prozent der gesamten VC-Investitionen aus.

Spannend für die Start-up-Landschaft ist jedoch die Entwicklung abseits der Megametropolen. Europas Wettbewerbsfähigkeit wird zunehmend von spezialisierten, stark forschungsgetriebenen Clustern getragen.
 

Kategorie

Top 5 Hubs in Europa (Dealroom 2026)

Fokus / Ökosystem-Merkmal

Global Champions


 

(Absolute Skalierung)

1. London


 

2. Paris


 

3. Stockholm


 

4. Berlin


 

5. Lausanne

Fokus auf massives VC-Volumen, Mega-Rounds, Enterprise-Software und absolute Unicorn-Dichte.

Density Leaders


 

(Innovation pro Kopf)

1. Cambridge


 

2. London


 

3. Stockholm


 

4. Gent


 

5. München

Starke Universitätsnähe, hohe Patentdichte, Deep Tech und effiziente Start-up-Aktivität.



Deutschland: München boomt bei Rüstung, Berlin bleibt stabil

Der Blick auf die DACH-Region und insbesondere den deutschen Markt offenbart eine klare Rollenverteilung:

  • München (Platz 5 der europäischen Density-Hubs, Platz 24 global): Die bayerische Landeshauptstadt hat sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt für europäische Verteidigungs- und Industrietechnologie entwickelt. Getrieben durch das exzellente universitäre Umfeld (insbesondere die TU München) und den starken industriellen Mittelstand, sammelten allein die Vorzeige-Unternehmen Helsing und ARX Robotics im vergangenen Jahr rund 763 Millionen US-Dollar ein.
  • Berlin (Platz 4 der europäischen Global Champions, Platz 22 global): Die Hauptstadt bleibt das deutsche Aushängeschild für absolute Volumina und späte Finanzierungsrunden. Die historisch starken Sektoren Fintech und Enterprise-Software werden zunehmend durch starke KI-Investitionen flankiert, wodurch Berlin seinen Platz unter den führenden Tech-Metropolen behauptet.

Kritische Einordnung: Zwischen Autonomie und Realitätscheck

Die Dealroom-Zahlen lesen sich für europäische Ohren und politische Entscheidungsträger*innen wie Balsam. Dennoch bedürfen sie gerade aus Gründer*innen-Perspektive einer nüchternen Einordnung:

1. Der "Per-Capita-Trostpreis" vs. echtes Scaling

Dass Europa die Density Leaders dominiert, belegt die herausragende Qualität der universitären Forschung in Städten wie Cambridge, Gent oder München. Es verschleiert jedoch die Tatsache, dass in absoluten Zahlen – beim Wachstumkapital für Mega-Rounds (Series C+) und beim Aufbau von globalen Monopolisten – das Silicon Valley und andere US-Hubs in einer eigenen Liga spielen. Europa ist mittlerweile exzellent darin, Deep-Tech-Start-ups zu gründen; es hinkt aber weiterhin beim Skalieren hinterher, weil heimisches Spätphasen-Kapital fehlt.

2. "Strategic Autonomy" als neuer Investment-Case

Die Dealroom-Daten belegen einen massiven Paradigmenwechsel: Tech-Investitionen in Europa sind sicherheitspolitisch relevant geworden. Rüstungstechnologie (DefenseTech), lange Zeit von ESG-getriebenen europäischen Fonds gemieden, ist nun massentauglich. Der Schwenk hin zu "Dual Use"-Technologien und Resilienz spült dringend benötigtes Geld in Hardware- und B2B-Start-ups. Jan-Hendrik Boelens, CEO von Alpine Eagle, fasst diesen Zeitgeist treffend zusammen, wenn er auf die Notwendigkeit verweist, dass Europa „mehr eigene strategische Fähigkeiten aufbauen muss“.

3. Fragmentierung: Vielfalt oder Flickenteppich?

Die Studie feiert die dezentrale Struktur Europas mit vielen aufstrebenden Hubs (wie Kiew, Zagreb oder Tallinn, die das "Rising Stars"-Ranking anführen) als Vorteil. Für ambitionierte Gründer bedeutet diese Fragmentierung im operativen Alltag jedoch nach wie vor die Konfrontation mit einem Flickenteppich aus unterschiedlichen Regularien, Steuergesetzen und fragmentierten Kapitalmärkten. Diese Struktur ist die größte Hürde auf dem Weg zu einem homogenen europäischen Binnenmarkt für Tech-Unternehmen.

Fazit

Der Dealroom-Index 2026 zeigt klar, dass die DACH-Region die richtige Abzweigung genommen hat. Den akademischen Forschungsgeldern folgen nun handfeste Venture-Capital-Investments im DeepTech-Sektor. Damit aus den europäischen Density Leaders jedoch echte Global Champions auf Augenhöhe mit den USA oder China werden, muss Europa den Weg für grenzüberschreitende Wachstumsfinanzierungen massiv erleichtern.

LegalTech mit neuem Anlauf: nu:legal sammelt 1,3 Mio. Euro ein – aber kann das Hybrid-Modell skalieren?

Die Digitalisierung der Rechtsbranche ist ein zähes Geschäft. Nun tritt das Potsdamer Start-up nu:legal an, um kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) die teure Kanzleirechnung zu ersparen. Mit 1,3 Millionen Euro Seed-Kapital im Rücken und einem Ex-Großkanzlei-Anwalt an der Spitze startet die Plattform in die öffentliche Beta. Der Ansatz: KI erledigt die Fleißarbeit, der Mensch kontrolliert. Doch genau dieser Spagat birgt Tücken für die Skalierbarkeit.

Die Schmerzgrenze im deutschen Mittelstand ist erreicht: Laut Angaben der KfW verbringen deutsche KMU monatlich durchschnittlich rund 32 Stunden mit rechtlichen sowie Compliance-Aufgaben, was die Wirtschaft jährlich etwa 61 Milliarden Euro kostet. Genau hier setzt das 2025 gegründete Start-up nu:legal an und hat am 27. Mai 2026 seine öffentliche Beta-Version gestartet.

Unterstützt wird das Vorhaben durch eine frische Finanzierungsrunde in Höhe von 1,3 Millionen Euro, die von Caesar Ventures angeführt wird. Carolin Gabor, Managing Partner bei Caesar Ventures, sieht in der Methodik ein klares Versprechen an den Markt: „Das Unternehmen verbindet die Erfahrung eines ehemaligen Freshfields-Teams mit KI-gestützter Technologie und anwaltlicher Prüfung, und könnte damit Rechtsprozesse im Mittelstand nachhaltig verändern“.

Vom LegalGPT-Erfolg zum eigenen Start-up

Hinter nu:legal steht Bork Morfaw, ein ehemaliger Anwalt der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields. Morfaw ist in der Szene kein Unbekannter: Er entwickelte zuvor das KI-Projekt „LegalGPT“, das nach Unternehmensangaben über 200.000 Nutzer verzeichnete. Aus diesem Proof of Concept zog er eine zentrale Lehre: Generische KI-Modelle stoßen bei Haftungs- und Transparenzfragen schnell an ihre Grenzen.

Morfaw benennt das Problem offener KI-Modelle deutlich: „Viele Unternehmen nutzen bereits KI-Systeme für rechtliche Fragestellungen. Für sensible juristische Aufgaben bleiben generische Modelle jedoch oft unzuverlässig, insbesondere dann, wenn sie mit großer Selbstsicherheit falsche Antworten liefern. Für Unternehmen entsteht dadurch ein reales Risiko.“ Anfang 2025 verließ er Freshfields, um sich voll auf nu:legal zu fokussieren.

Das Produkt und der regulatorische Burggraben

Statt das Rad im gesamten Rechtswesen neu erfinden zu wollen, wählt nu:legal einen spitzen Markteintritt. Die wichtigsten Eckdaten zum Launch:

  • Zum Marktstart fokussiert sich die Plattform gezielt auf Arbeitsrecht und Datenschutz, da diese Bereiche für deutsche KMU die größten operativen Hürden darstellen.
  • Nutzer*innen können Prozesse wie Arbeitsverträge, Kündigungen oder Auftragsverarbeitungsverträge über die Plattform abwickeln.
  • Die Datenverarbeitung findet vollständig innerhalb der EU statt , um den Vorgaben der DSGVO und dem Berufsgeheimnisschutz (BRAO, § 203 StGB) gerecht zu werden.

Diese starke Ausrichtung auf die lokale Regulatorik sieht das Start-up als entscheidenden Abwehrmechanismus gegenüber internationalen Software-Riesen. „Recht ist extrem lokal“, betont Morfaw. „Man kann US-Produkte nicht einfach übersetzen und erwarten, dass sie deutsche Arbeitsgerichte oder europäische Datenschutzanforderungen zuverlässig verstehen.“

Unsere Einordnung

Das Geschäftsmodell von nu:legal – die Kombination aus intelligenter Automatisierung und einer transparenten menschlichen Prüfung – adressiert die aktuellen Schwächen von Large Language Models (LLMs) sehr clever. „Wir glauben nicht daran, Anwälte zu ersetzen“, lautet Morfaws Vision für das Hybrid-Modell. „Wir glauben daran, juristische Expertise mithilfe von Technologie skalierbar zu machen.“

Aus Investor*innen- und Skalierungssicht ist dieser „Expert-in-the-Loop“-Ansatz jedoch ein zweischneidiges Schwert. Was die rechtliche Haftung und das Kund*innenvertrauen sichert, ist gleichzeitig der größte potenzielle Flaschenhals des Unternehmens. Ein reines Software-as-a-Service-Modell (SaaS) besticht durch marginale Kosten bei der Skalierung. Sobald jedoch hochbezahlte, menschliche Jurist*innen die KI-Ergebnisse manuell prüfen müssen, sinken die Margen und das Wachstum wird an die Verfügbarkeit von juristischen Fachkräften gekoppelt.

Mit den eingesammelten 1,3 Millionen Euro hat nu:legal nun den nötigen Runway, um zu beweisen, dass die Automatisierungstiefe der KI hoch genug ist, um den teuren menschlichen Prüfaufwand auf ein Minimum zu reduzieren. Gelingt dies, könnte das Start-up langfristig tatsächlich eine neue europäische Legal-Infrastruktur aufbauen. Bleibt der manuelle Aufwand jedoch dauerhaft hoch, droht nu:legal, statt eines hochskalierbaren Tech-Unicorns eher eine digital aufgerüstete Boutique-Kanzlei zu werden. Der Startschuss fällt nun über ein kontrolliertes Waitlist-Modell auf nulegal.eu – der Markt wird genau hinsehen.

Gründer*in der Woche: Allseven – Plattform statt Eigenmarke

Zu viele Pillen, zu wenig System: das 2025 von Tom Strohmeier und Sophia Strohmeier gegründete Allseven startet eine kuratierte Healthspan-Plattform ohne Eigenmarken. Das Vorbild stammt aus Großbritannien. Von den ambitionierten Gründer*innen wollten wir u.a. wissen: Wie lässt sich das britische Konzept auf den preissensibleren DACH-Markt übertragen?

Gesundheit ist längst zu einem Lifestyle- und Optimierungsthema geworden. Die unternehmerische Wette der neu gestarteten Allseven Healthspan GmbH lautet daher: Konsument*innen haben kein Informationsproblem mehr, sondern ein Orientierungsproblem. Während Einzelmarken und Drogerien lediglich isolierte Produkte in den Markt drücken, will das Start-up aus Caputh am Schwielowsee den Fokus auf Healthspan – also gesunde Lebensjahre – legen. Der Ansatz: Routinen und Systeme statt einzelner Dosen.

Die persönliche Überforderung als Initialzündung

Für Mitgründer Tom Strohmeier gab es keinen konkreten Auslöser für den Wechsel in den Gesundheitsmarkt, vielmehr war es ein schleichender Prozess nach dem Umzug von Berlin nach Caputh. Mit dem Abstand zum Großstadtlärm stellte er seine eigenen Gesundheitsroutinen auf den Prüfstand – und war ernüchtert. „Mit allem Zugang zu Information, den unsere Generation hat, habe ich schlechter entschieden, als ich dachte“, räumt Strohmeier offen ein. „Nicht aus Wissensmangel, sondern aus Überforderung. Genau das ist die Grundthese von Allseven: Healthspan ist kein Informationsproblem mehr, es ist ein Orientierungsproblem.“

Dass er eigentlich branchenfremd ist, sieht der Seriengründer, der seit 2009 in Bereichen wie Software, Fashion und Circular Economy unterwegs ist, als Vorteil. Es fehle dem deutschen Gesundheitsmarkt nicht an naturwissenschaftlicher Expertise, sondern an Plattform-Denken. Die Frage sei vielmehr: Wie kombiniert man Produkte sinnvoll und verbindet Routinen mit dem Alltag? Tom Strohmeier betont: „Das ist seit 17 Jahren meine Arbeit. Bei Allseven wende ich dasselbe Muster auf Gesundheitsroutinen an.“ Dass ein solches Modell trägt, beweise der britische Player Healf; dass es hierzulande fehle, zeige jeder Gang durch eine Apotheke.

Expertise trifft Unternehmergeist: Das Duo hinter Allseven

Hinter dem Start-up, das 2025 als Teil der familieneigenen TSMLA IFEEL FAITH Holding GmbH ins Leben gerufen wurde, steht Tom Strohmeier gemeinsam mit seiner Frau Sophia. Während er als Co-Founder und Gesellschafter (u.a. The Fashion Corner, nomadi) die E-Commerce- und Finanzierungsseite abdeckt, liefert die Diplom-Kauffrau das technologische Gegengewicht. Seit 2013 ist sie beim Digitalmarktplatz mobile.de tätig, aktuell als Data & AI Transformation Lead.

Finanziert ist der Marktstart bisher durch klassisches Bootstrapping über die Familienholding. Im Februar 2026 konnte das Duo zudem eine Angel-Runde über 170.000 Euro mit vier Business Angels aus dem eigenen Netzwerk abschließen. Man habe Investor*innen an Bord, die den Ansatz verstünden und aktiv mitdenken, so Tom Strohmeier. Er gibt einen Ausblick auf die weitere Kapitalisierung: „Der nächste Schritt ist eine siebenstellige Seed-Runde, die wir noch für 2026 planen. Erste Gespräche mit institutionellen Eigenkapitalgebern laufen bereits seit 2025.“

Sophia Strohmeier ergänzt, dass man durch KI-Tools das Unternehmen heute noch schlanker aufbauen könne als in der Vergangenheit. Sie stellt klar: „Disziplin in der Finanzierung ist für uns kein Zwang, sondern Grundhaltung.“

Systeme statt Dosen: Die Logik der Kuration

Die Strategie von Allseven grenzt sich von etablierten Playern ab: Keine Eigenmarke, sondern ein Kurationssystem. Zum Live-Gang umfasst das Portfolio fünf nach internen Kriterien ausgewählte Partnermarken, aus denen sich 29 Produkte und 14 Routinen (Fokus: Schlaf, Energie, Verdauung) zusammensetzen. Geplant ist eine Erweiterung in Wellen, die künftig Bereiche wie Resilienz, Herz-Kreislauf und Zyklus abdecken soll.

Beim Onboarding neuer Marken wendet das Team ein festes Ausschluss-Raster an. Wer unerlaubte Heilversprechen macht, bei den Inhaltsstoffen unterdosiert, keine Produktionstransparenz bietet oder schlichtweg nicht alltagstauglich ist, wird nicht gelistet. „Ein Produkt, das in der Analytik sauber, aber im Alltag nicht durchhaltbar ist, fliegt genauso raus“, erklärt Tom Strohmeier. „Healthspan funktioniert nur mit Konsistenz und Konsistenz scheitert am Alltag.“

Auf das Risiko angesprochen, dass Kund*innen ihre idealen Routinen zwar über Allseven entdecken, die Produkte dann aber langfristig direkt beim Hersteller abonnieren, gibt sich der Mitgründer gelassen. Er argumentiert, dass Marktplätze durch gebündelte Warenkörbe und systembasierte Abos über mehrere Marken hinweg einen Mehrwert bieten, den Einzelhersteller nicht leisten können. Er gibt an: „Wer bei uns bleibt, bleibt nicht wegen eines einzelnen Produkts. Sondern weil die Routine funktioniert und die Plattform Orientierung bietet, die es woanders nicht gibt.“ Um Lücken im Markt zu schließen, ist langfristig dennoch eine eigene „Allseven Basics“-Kollektion geplant. Das Hauptsortiment sollen jedoch kuratierte Drittmarken bleiben.

Auf den Spuren des britischen Erfolgs

Die ökonomischen Vorzeichen für die Plattform sind präsent: Der deutsche Markt für Nahrungsergänzungsmittel wuchs laut IQVIA bis Februar 2025 um rund zehn Prozent auf 4,28 Milliarden Euro. Drei Viertel der Deutschen nutzen bereits Supplements. Das britische Vorbild Healf aus London baute in unter fünf Jahren eine Community von 550.000 Kund*innen auf und knackte laut Fitt Insider Anfang 2026 die 100-Millionen-Pfund-Umsatzmarke – flankiert von Investor*innen wie Claudia Schiffer.

Ob sich das britische Konzept auf den preissensibleren DACH-Markt übertragen lässt, bleibt abzuwarten. Sophia Strohmeier differenziert: Das Kuratierungsprinzip und die Bündel-Logik seien zwar universell. Massive Anpassungen gab es jedoch bei der Daten-Architektur und der Kommunikation. Während Healf mit komplexen Profilen arbeitet, setzt Allseven auf Datensparsamkeit; der 60-Sekunden-Kompass funktioniert ohne Login. „Im deutschsprachigen Raum ist Datensparsamkeit kein UX-Hindernis, sondern ein Vertrauensanker“, betont die Daten-Expertin. „Das ist nicht nur DSGVO-Pflicht, das ist Positionierung.“

Auch die im UK-Wellness-Markt übliche emotionale Sprache werde für Deutschland sachlicher angelegt. Die Devise lautet: „Erklären statt versprechen“. Anstelle von aggressiven Rabatten setzt das Start-up auf ein monatlich kündbares Abo mit fünf Prozent Nachlass. Sophia Strohmeier ist überzeugt: „Konsistenz schlägt Couponing, sobald Menschen langfristig denken.“

Unser strategischer Realitätscheck

Trotz des schlüssig dargelegten Modells steht Allseven durchaus vor strukturellen Hürden. Durch den Verzicht auf margenstarke Eigenmarken manövriert sich das Unternehmen in eine klassische Händler*in-Position und muss in einem hart umkämpften Umfeld mit hohen Kund*innenakquisitionskosten (CAC) profitabel werden.

Tom Strohmeier begegnet dem Margen-Dilemma mit dem Fokus auf den Customer Lifetime Value (CLTV). Man wolle teures Performance-Marketing durch organischen Content-Traffic umgehen und den Warenkorbwert durch Routinen-Bundles steigern. „Wer in einem System bleibt statt in einem Produkt, bleibt länger, kauft breiter und empfiehlt häufiger“, so seine Kalkulation. Eine eigene Basics-Kollektion soll zudem in den nächsten 12 Monaten die Margenstruktur stützen.

Sophia Strohmeier skizziert bereits das Potenzial jenseits digitaler Kanäle: „Mittelfristig sehen wir Allseven als Omni-Channel-Modell. Hochdigitalisierte physische Stores, die kuratierte Produkte präsentieren und über digitale Touchpoints nahtlos in die Online-Routine überleiten. Das ist kein Retail-Experiment, sondern die logische Erweiterung der Plattform.“

Fazit

Allseven adressiert ein bestehendes Problem – die fehlende Orientierung im Markt für Inhaltsstoffe. Mit dem E-Commerce-Hintergrund der Gründer*innen und dem bewussten Verzicht auf riskante Wirkversprechen verfolgt das Start-up einen sachlichen Ansatz. Die entscheidende Herausforderung wird jedoch darin liegen, sich gegen die enorme Marktmacht etablierter Drogerieketten und Direct-to-Consumer-Giganten zu behaupten. Gelingt es, Kund*innen dauerhaft an die versprochenen Gesundheitsroutinen zu binden, könnte Allseven eine lukrative Lücke im DACH-Markt besetzen.

Kühlen ohne Kompressor: Fraunhofer-Spin-off Qurie sichert sich 2,2 Mio. Euro Seed-Kapital

Die Kühlindustrie steht unter enormem regulatorischem Druck. Das 2026 ausgründete Freiburger DeepTech-Spin-off Qurie will mit einer neuartigen elektrokalorischen Technologie den Markt aufmischen – und verspricht das Ende des klassischen Kompressors.

Das Prinzip der meisten heutigen Kühlsysteme entstammt dem 19. Jahrhundert: Kompression und Verdampfung von Kältemitteln. Angesichts der EU-F-Gase-Verordnung, die den Einsatz klassischer, klimaschädlicher Kältemittel massiv einschränkt, tickt für diese Technologie jedoch die regulatorische Uhr. Die 2026 als Spin-off des Fraunhofer-Instituts für Physikalische Messtechnik (IPM) gegründete Qurie GmbH präsentiert nun eine marktreife Alternative: elektrokalorische Kühlsysteme, die vollständig ohne Kompressoren, ohne Druckaufbau und ohne konventionelle Kältemittel auskommen.

Für diese Mission konnte das Freiburger Unternehmen im April 2026 namhafte Investor*innen gewinnen: Der High-Tech Gründerfonds (HTGF), der Technologie-Transfer-Fonds TT49 und die Aepikur GmbH investieren gemeinsam 2,2 Millionen Euro Seed-Kapital in das Start-up.

Die Gründer und die Historie

Hinter Qurie stehen zwei Köpfe, die Wissenschaft und Marktexpertise vereinen: Dr. Kilian Bartholomé (CTO) und Dr. Christian Vogel (CEO). Die Technologie fußt auf mehr als zehn Jahren intensiver Vorlaufforschung am Fraunhofer IPM. Das nun ausgegründete Team von über zehn Expertinnen und Experten aus Materialwissenschaft, Thermodynamik und Ingenieurwesen arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Die Entwicklungsarbeit wird zudem bis Ende 2026 von einem BMWE-geförderten Forschungsprogramm flankiert.

Technologie: Materialintelligenz statt Mechanik

Qurie löst ein zentrales Problem alternativer Kühltechniken. Andere Ansätze wie die Magneto- oder Elastokalorik scheiterten bisher oft an zu hohen Systemkosten. Quries Ansatz basiert hingegen auf der Elektrokalorik: Bestimmte Keramiken und Polymere verändern ihre Temperatur, wenn ein elektrisches Feld angelegt oder entfernt wird.

Das Alleinstellungsmerkmal und Herzstück von Qurie ist dabei die weltweit patentierte „aktive elektrokalorische Heatpipe“ (AEH). Diese präzise gestapelte Materialstruktur ermöglicht es, Wärme sehr effizient abzuführen. Laut CTO Bartholomé erlaubt dieser Ansatz deutlich höhere Pumpfrequenzen beim Wärmetransport als bisherige Flüssigkeitssysteme. Die Eckdaten, die das Start-up kommuniziert, sind beachtlich:

  • Theoretische Effizienz: Über 80 Prozent (im Vergleich zu maximal 50 Prozent bei klassischen Kompressoren).
  • Energieeinsparung: Potenzial von rund 40 Prozent.
  • Formfaktor: Eine miniaturisierbare Festkörper-Architektur, die völlig neue Designs von der Chip-Kühlung bis zur Gebäudetechnik zulässt.

Markt, Wettbewerb & kritische Einordnung

Der erste Zielmarkt von Qurie ist die Schaltschrankklimatisierung – ein Segment, das hohe Präzision erfordert und in dem laut Start-up bislang vollständig zufriedenstellende Lösungen fehlen. Von diesem Sprungbrett aus visiert Qurie die gewerbliche Kühlung, die Medizintechnik sowie die Elektronik- und Automobilbranche an.

Dass institutionelle Investor*innen wie der HTGF ein solches DeepTech-Hardware-Investment tätigen, unterstreicht die Solidität der Patente und die hohe Marktrelevanz der Technologie. Der starke regulatorische Rückenwind durch die EU-F-Gase-Verordnung spielt Qurie als Markttreiber enorm in die Karten.

Dennoch bleibt das Vorhaben ambitioniert. Hardware-Start-ups stehen vor der klassischen Skalierungsfalle: Die Überführung von Laborprototypen hin zu massenfertigungstauglichen, ausfallsicheren Produkten ist komplex. Gerade präzise gestapelte Materialstrukturen können in der industriellen Fertigung Tücken bergen. Zudem schläft die Konkurrenz nicht: Etablierte Industriegiganten sowie andere Start-ups (wie beispielsweise die auf Magnetokalorik spezialisierte Magnotherm) drängen mit viel Kapital in den Markt für alternative Kühlung.

Fazit

Qurie bringt eine der vielversprechendsten Hardware-Innovationen der letzten Jahre aus dem Fraunhofer-Ökosystem auf den Markt. Kann das Team beweisen, dass die neue Technologie nicht nur im Labor funktioniert, sondern auch in der Wirtschaftlichkeitsrechnung der Industriekund*innen besteht, steht dem Start-up ein globaler Milliardenmarkt offen.