Auf die schlanke Tour

Autor: Michael Habighorst
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Von Knotts und Six Sigma: Was Start-ups von einer Radtour zum Nordkap lernen können.

Michael Habighorst samt Rad am Nordkap - eine lean und agil organisierte Radtour von Freiburg zum Nordkap und zurück. Das ist der Stoff, aus dem Michael auch viele Tipps und To Do's für Start-ups generiert hat Foto: privat

Gründer haben eine Vision: Ihr Unternehmen soll konsequent auf die Wünsche des Kunden ausgerichtet sein. Alle Prozesse und Aktivitäten müssen dazu unternehmensweit aufeinander abgestimmt werden. Das ist nicht nur kundenorientiert, sondern spart Kosten und steigert die Effizienz. Was nach Start-up klingt, ist Lean Management in Reinform!

Tatsächlich sind sich der Gründergeist von Start-ups und die Unternehmenskultur nach Lean-Philosophie ähnlicher, als man denken mag. Beide Seiten streben nach radikaler Kundenorientierung und schlanken Prozessen. Diese Prinzipien wären jedoch nichts ohne die zentrale Absicht des Lean-Gedankens, Probleme zu lösen und sich stetig zu verbessern. Von diesem Motiv lassen sich alle anderen Lean-Prinzipien ableiten, mit denen so mancher „Experte“ gern um sich wirft.

Eine Radtour macht Probleme

Weil viele Projektleiter und Unternehmer sich auf diese Prinzipien nicht einlassen wollen und eher früher als später der Satz „Lean Management funktioniert bei uns nicht“ fällt, beschloss ich, den Nutzen greifbar zu machen: Eine lean und agil organisierte Radtour von Freiburg zum Nordkap und zurück.

9.149 Kilometer bis ich wieder zu Hause war. Tagelange Regenschauer, Gegenwind und endlose Fichtenwälder wurden zu den vielen Herausforderungen, die im Unternehmensalltag mit Produktionsproblemen, kurzfristig geänderten Kundenwünschen und Recruiting-Engpässen vergleichbar sind.

Das Highlight schlechthin hatte sich die Mitte Schwedens für mich aufgehoben. Es hörte auf den grausigen Namen „Knotts“. Bei uns auch als Kriebelmücken bekannt und gefürchtet, raubt einem ein solcher Schwarm Nacht um Nacht im Zelt den Schlaf und damit wichtige Energie für den Tag. Die Knotts mutierten zu einem hartnäckigen Problem. Und das galt es auszuschalten!

Six was?

Wie es der Zufall will, ist Problemlösung mein zweiter Vorname. Mit der Zeit habe ich deshalb nicht nur die Prinzipien des Lean Managements kennengelernt, sondern auch Six Sigma in meinen Methodenkoffer gepackt. Ähnlich dem Lean-Gedanken, handelt es sich um eine systematische Vorgehensweise, die allerdings nicht von Toyota, sondern von Motorola und General Electric stammt. In Schweden sollte mir dieses Methodenwissen noch buchstäblich den Hintern retten.

Six Sigma ist nicht nur eine Methode des Qualitätsmanagements, sondern auch ein Tool zur Prozessverbesserung, das perfekt als Ergänzung zum Lean Management taugt. Beide Vorgehensweisen streben die Perfektion der Prozessergebnisse an. Soweit die Theorie. In der Praxis muss man erst darauf kommen, dass es ein Problem gibt und sich diesem auch stellen wollen.

Auf Basis von Six Sigma habe ich mir über die Jahre eine eigene Lösungssystematik angeeignet, auf die ich bei meinem Knotts-Problem zurückgreifen konnte.

In sechs Schritten zum Ziel

Eine Moskito-Abwehraktion endete fast mit einem Messer in meinem Auge – so ging es nicht weiter! Zunächst musste ich das Problem beschreiben. Was genau war los? Die Bisse der Viecher waren tödlich für meinen Schlaf. Die Prozesse beobachten stand an zweiter Stelle: Irgendwo am Waldrand steige ich von meinem Rad und bin von Knotts umhüllt – oder auch nicht. Wenn die Viecher einmal da sind, bleiben sie. Wenn anfangs nichts von ihnen zu sehen ist, kommen sie eher langsam.

Nach dem Beobachten musste ich die Einflussfaktoren bestimmen. Was provoziert die Knotts-Armee und was verschont mich vor ihr? Über mein Smartphone erfuhr ich: CO2 lockt Knotts an, sonnige sowie windige Plätze meiden sie und Mückenmittel können – aber müssen nicht – wirken. Ausprobieren war angesagt!

Das brachte mich zum vierten Schritt: Auswirkungen beobachten. Ob Mückenmittel, Schlafplätze oder das Timing beim Einschmieren und Zeltaufbau – wirklich alles kam auf den Prüfstand.

Dank meines einwöchigen "Jugend-forscht-Ausflugs" konnte ich endlich einen Gang hochschalten und die Prozesse verbessern. Meine Übernachtungen im Zelt liefen jetzt so ab: Trockenen, möglichst sonnigen und windigen Platz suchen. Platz testen. Kamen Knotts in Schwärmen, neuen Platz suchen. Bei wenigen Knotts sofort mit Mückenmittel einschmieren. Zelt aufbauen und drin verschwinden.

Am Ende stellt sich immer die Frage: War das Zufall oder systematischer Erfolg? Deshalb musste ich im letzten Schritt den Erfolg bestätigen. Die Knotts ließen sich zwar nicht völlig abschütteln, aber mit ein paar Kniffen soweit eindämmen, dass ich einen Haken dran machen konnte.  

Der Störfall ist der Normalfall

Nicht jeder teilt die Leidenschaft für Lösungsfindung. Muss man auch nicht! Es sollte aber klar sein, dass es in Unternehmen immer wieder Probleme geben wird. Der Störfall ist der Normalfall. Spätestens dann, wenn ein Unternehmen schlank und agil aufgestellt ist. Jeder muss sich fragen: Kann ich diese Situation innerlich annehmen? Wichtig ist dann, dass sie schnell und nachhaltig gelöst wird.

Klar ist: Probleme tauchen bei Neugründungen – wie in jedem Unternehmen – ständig und überall auf. Fast alle davon sind lösbar. Auch die anfängliche Ratlosigkeit ist völlig okay. Jetzt gilt es, sich dem Problem ehrlich und ungeschönt zu stellen. So schlimm es auch aussehen mag, aufstehen und loslegen ist angesagt! Wer einmal den Anfang gefunden hat, sollte aber nicht einfach drauflos rennen. Eine systematische Lösungssuche ist unerlässlich, um eine Struktur zu bekommen und das anfänglich unlösbare Problem in seine Einzelteile zu zerlegen.

Ob Mücke oder Elefant, Expansion oder Skalierung: Das Vertrauen auf eine systematische Herangehensweise ist bereits die halbe Miete für die Problemlösung – egal, welche Methoden tatsächlich genutzt werden. Lean Management ist dabei nicht nur groß im Probleme lösen, sondern auch im Sichtbarmachen. Schwachstellen in Prozessen werden mit dieser Methode gnadenlos ans Tageslicht gebracht – da helfen weder Ausreden noch Feuerwehraktionen, bei der alle dem Problem hinterherlaufen, oder gar die Kapitulation, weil die Spur zur Lösung nach fünf Minuten noch nicht gefunden wurde.

Tipp zum Weiterlesen: Michael Habighorst, Auf die schlanke Tour, So werden Unternehmen lean und agil, ISBN: 978-3-96009-095-3, O’REILLY, € 19,90 (D) | € 15,99 (E-Book). Eine Leseprobe gibt's hier

Der Autor Michael Habighorst ist Berater für mittelständische Unternehmen, Autor und Redner. Als zertifizierter Lean Experte, Scrum Master und Six Sigma Master Black Belt verknüpft er diese Prinzipien mit neusten agilen Herangehensweisen, www.habighorst-consulting.com


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