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Mona Ghazi: Die High-Performerin
BWL-Studium mit 14 neben der Schule, erstes Start-up mit 16, drohendes Burnout mit 21: Heute – mit 22 Jahren – hat Mona Ghazi schon viel erreicht und mehr erlebt, als manch Gründer*in in seiner/ihrer ganzen Laufbahn – und sie hat noch einiges vor.
Bereits als kleines Kind wollte Mona Ghazi Unternehmerin werden. Sie hatte schon immer Spaß daran, mit unkonventionellen Ansätzen Probleme zu lösen. Ihre Mutter erzählte Mona regelmäßig Geschichten von ihrem Großvater, der Erfinder gewesen war. Er hatte stets brillante Ideen gehabt und viele Produkte entwickelt, doch leider hatte er kein nennenswertes kaufmännisches Talent. Die meisten seiner Erfindungen schafften es nie auf den Markt. „Meine Mutter sagte mir, wenn man als Erfinderin seine Produkte auch verkaufen kann, dann ist man Unternehmerin“, erinnert sich Mona. Seitdem beschäftigt sie sich mit Innovationen, Produkten und Geschäftsmodellen. Sie las einschlägige Bücher und schaute Videos zum Thema Unternehmertum auf YouTube. Schon bald wollte sie ihre ersten eigenen Geschäftsideen ausprobieren. Da sie als junge Teenagerin für viele geschäftliche Aktivitäten noch zu klein war, überzeugte Mona ihre Mutter, sie bei den ersten Schritten zu begleiten. „Ob Aktien, Drop Shipping oder Crypto Investments, ich habe mich an ganz vielen Sachen ausprobiert“, erzählt sie.
Studium und erstes Start-up mit 16
In der Schule war Mona zunächst eine mittelmäßige Schülerin. Doch nachdem sie auf das Gymnasium gewechselt war, wollte sie unbedingt gute Noten haben. Sie perfektionierte für sich eine Methode, mit der sie schneller neue Inhalte lernen konnte. Die Erfolge stellten sich bald ein. Sie erhielt die Möglichkeit, zwei Klassen zu überspringen, und landete in der neunten Klasse. Doch auch dort war sie nicht ausgelastet. Durch eine Beratung für besonders Begabte erfuhr sie von der Möglichkeit, ein Schülerstudium zu beginnen. Ihre Eltern erwarteten, dass sie zunächst studierte, bevor sie unternehmerische Wege einschlug. Von der Aussicht, das Studium bereits neben der Schule zu absolvieren und gleich nach dem Abschluss ein Unternehmen zu gründen, war Mona begeistert. Sie schrieb sich an der Fernuniversität zum Studium der Wirtschaftswissenschaften ein. Dort traf das erste Mal auf eine Gruppe gleichgesinnter und gleichaltriger Studierende, die schnell lernten und ein unternehmerisches Mindset mitbrachten. „Dieser Austausch hat mich stark beflügelt“, erinnert sich Mona. Zusammen mit Studienkolleg*innen richtete Mona einen wöchentlichen Videocall ein, um sich über mögliche Business Cases, Businesspläne und den Aufbau einer Firma auszutauschen. Bald trafen sie sich jeden Nachmittag nach der Schule und wurden ein Team.
So gründete Mona mit 16 Jahren ihr erstes Start-up Dino Solutions, um eine Zeitmanagement-App für Schüler*innen zu entwickeln. „Wir haben erstmal herumgebastelt und bei einem Gründungswettbewerb mitgemacht“, so Mona. Bei diesem ging das Team zwar leer aus, doch allein die Erfahrung, unter den Finalist*innen auf der Bühne zu stehen und die eigene Geschäftsidee vorzustellen, motivierte alle, weiterzumachen, und bald wurde die Idee Realität. „Wir hatten die App programmiert und veröffentlicht, doch wir hatten keinen echten Markt, denn niemand wollte dafür Geld ausgeben“, sagt Mona. So lernte sie eine unternehmerische Lektion: „Du musst ein Problem adressieren, das für Menschen relevant ist und für dessen Lösung sie bereit sind, etwas zu bezahlen.“ Als Gründungsteam könne man sich auch die Frage stellen, was es die Kund*innen koste, wenn sie ein bestehendes Problem nicht lösten. „Wenn Menschen keinen Schmerz wahrnehmen oder keine Opportunitätskosten haben, werden sie am Status quo nichts ändern“, sagt Mona. Während sie ursprünglich vom reinen Erfindergeist getrieben war, sah sie nun die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Erfolgs, auch aus Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden. Als Schülerin, Studentin und Gründerin war ihr Arbeitspensum schon damals sehr hoch. Hin und wieder konsultierte sie deshalb einen Coach, der ihr half, zu reflektieren und fokussiert zu bleiben.
Mit Software gegen den Fachkräftemangel
Kurz nach dem Abitur machte Mona den ersten Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften. Mit Anfang 18 ging sie nach Potsdam, um Informatik zu studieren. „Das Studium war unglaublich spannend“, so Mona. „Doch es war nicht das Richtige für mich, weil ich in erster Linie unser Start-up voranbringen wollte.“ Sie erkannte, dass sie die wesentlichen Qualifikationen, die sie dafür brauchte, nicht an der Uni erlernen würde. „Beim Unternehmensaufbau geht es um praktische Fragen, zum Beispiel, wie man ein Team aufbaut, Kunden findet, eine Strategie entwickelt, eine Marke etabliert“, so Mona. Sie nahm an Futury teil, einem dreimonatigen Hackathon, in dem junge Unternehmer*innenteams an nachhaltigen Innovationen arbeiten und Produkte zur Marktreife bringen können. Unterstützt wurden die multidisziplinären Teams von namhaften Firmen, die ihr Know-how in die jeweiligen Projekte einbrachten. „Zusammen mit Schäffler und der Deutschen Bundesbank haben wir Lösungen für den Fachkräftemangel entwickelt“, sagt Mona. Der Fokus lag dabei auf sogenannten Blue-Collar-Arbeitsumgebungen wie Produktion und Logistik, in denen der Personalmangel besonders stark ist und durch die demografische Entwicklung weiter zunimmt. „Aufgrund meiner Erfahrungen mit Bildung und Lernen sah ich die Chance, den Fachkräftemangel durch die gezielte Weitergabe von Wissen zu beheben“, so Mona.
Eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Problems im Blue-Collar-Bereich spielen jene Mitarbeitende, die jahrzehntelang Erfahrung aufgebaut haben und kurz vor der Rente stehen. Deren Fähigkeiten sollten mit dem Eintritt in den Ruhestand nicht verloren gehen, sondern an die nächste Generation der Mitarbeitenden weitergegeben werden. Zudem gilt es, den Lernprozess für Produktionsumgebungen zu verbessern. Da viele Produktionsmitarbeitende nicht digital vernetzt sind und zum Beispiel keine eigene E-Mail-Adresse besitzen, können sie nicht oder nur sehr umständlich auf digitale Lerninhalte zugreifen. Folglich müssen sie praktische Fähigkeiten vor Ort erlernen und anwenden, was andere Methoden erfordert als das Lernen am Computer im Büro.
Mona hatte ihre Mission gefunden. „Wir entschlossen uns, eine Firma zu bauen, die Menschen unterstützt, ihre Skills aktiv weiterzuentwickeln und Unternehmen hilft, den Wissenstransfer sicherzustellen.“ Drei Monate nach dem Hackathon waren von ursprünglich fünf Teammitgliedern noch Mona und ihr damaliger Mitgründer übrig. Sie entschieden sich, das Studium ruhen zu lassen und sich voll ihrer Geschäftsidee zu widmen. Sie gingen nach Berlin und gründeten 2020 die Optimo GmbH. Ein Start-up-Stipendium nutzten sie, um einen Software-Entwickler einzustellen. „So konnten wir schnell den Prototyp bauen und mit potenziellen Kunden testen“, so Mona. Da Unternehmen mit tausenden Mitarbeitenden typischerweise sehr hohe Anforderungen und lange Planungsprozesse haben, konzentrierten sie sich zunächst auf kleinere, mittelständische Firmen. Mona betont, wie wichtig es in dieser Phase war, intensiv mit potenziellen Kund*innen und Nutzer*innen zu sprechen, um nutzbringende Lösungen zu entwickeln. So konnte das Team schnell zeigen, dass der Ansatz tatsächlich funktioniert.
Große Erfolge und schlaflose Nächte
Nun sollte Optimo skalieren. Das Team umfasste mittlerweile zehn Mitglieder, die Software war für größere Unternehmen vorbereitet und musste nur noch neu programmiert werden. Für die Pre-Seed-Finanzierung konnte man den US-amerikanischen Accelerator Techstars gewinnen, einen der renommiertesten Frühphaseninvestoren der Welt. Doch all die Erfolge hatten auch ihren Preis: Schwierige unternehmerische Entscheidungen, Gespräche mit Investor*innen und anstrengende Verhandlungen zehrten an den Nerven. Mona war kurz vor dem Burnout. Nach vielen schlaflosen Nächten und Gesprächen mit ihrem Team nahm sie sich eine zweimonatige Auszeit.
„In dieser Zeit habe ich intensiv mit einem Coach zusammengearbeitet, der mir geholfen hat, mein Selbstwertgefühl vom Erfolg meines Unternehmens zu trennen“, erzählt Mona. Entgegen ihren bisherigen Erfahrungen mit Coaching arbeitete Mona in diesen Sitzungen mit speziellen hypnotischen Sprachmustern, sogenanntem Neuro-Coaching. Dieses helfe, nicht nur die Business Skills, sondern vor allem auch die emotionalen Skills weiterzubilden, so Mona. Die Chancen, die eine gezielte Arbeit an diesen Fähigkeiten biete, seien immens, und würden von viel zu wenigen Unternehmen genutzt.
Kurz nachdem Mona wieder aktiv ins Business eingestiegen war, erhielt sie den German Startup Award als beste Newcomer-Unternehmerin des Jahres. Mit Fiege Logistics hatte Optimo bis dato schon sehr eng zusammengearbeitet. Nun machte das Grevener Logistikunternehmen Mona und ihrem Team ein Angebot, das Start-up vollständig zu übernehmen, und die Software im eigenen Unternehmen weiterzuentwickeln. „Da unsere Lösung nicht nur aus Software, sondern auch aus Dienstleistungen bestand, waren unsere Möglichkeiten, weitere Großkunden anzudocken und zu skalieren, begrenzt“, so Mona. Sie entschied sich mit ihrem Team für den Verkauf.
Neuer Fokus: Neuro-Entrepreneurship
„In dieser Zeit habe ich mir öfter die Frage gestellt, ob es nicht mehr Menschen wie mich gibt, die einerseits rational und strikt sind, aber manchmal nicht zu Ruhe kommen, gestresst sind und das Gefühl haben, zu wenig zu arbeiten“, sagt Mona. Sie erkannte schnell, dass sie mit diesem Problem nicht allein ist und kam zu dem Schluss, dass Menschen in ähnlichen Situationen von ihren Erfahrungen lernen könnten, und sie ihnen aktiv helfen könne. „Die Arbeit an meinen Fähigkeiten, insbesondere zusammen mit Coaches, hatte mich in meinem Leben schon früher weitergebracht“, so Mona, und die Möglichkeiten der Hypnose und des Neuro-Coachings hatten noch einmal ganz neue Dimensionen eröffnet. „Man geht dabei sehr tief ins Unterbewusstsein hinein. Es fühlt sich an wie ein normales Coaching mit geschlossenen Augen, doch man gelangt in einen Zustand der Tiefenentspannung, in dem das Gehirn ganz andere Informationen aufnehmen kann.“ Es geht um die Neuprogrammierung des Unterbewusstseins. Innerhalb weniger Sitzungen können Teilnehmende massiven Stress abbauen. So wiederum lassen sich bessere Entscheidungen treffen, und der eigene Auftritt wird ausgeglichener und selbstbewusster.
Damit mehr Unternehmer*innen von diesen positiven Wirkungen profitieren können und die Chancen dieser Techniken auch in der breiteren Öffentlichkeit bekannt werden, hat Mona Anfang dieses Jahres das Neuropreneur Institute gegründet. „Neuro-Entrepreneurship ist die Schnittstelle zwischen Neurowissenschaften und Unternehmertum“, so Mona. Es gehe darum, „Leistung und Achtsamkeit zu verbinden, sodass Menschen große Dinge erreichen können und gleichzeitig Zeit und Raum für die Dinge haben, die ihnen Spaß machen, die sie zum Ausgleich brauchen“. Mit ihren Kund*innen arbeitet sie persönlich zusammen, in der Regel per Videocall. Je nach Aufgabenstellung und Zielsetzung bezieht sie Coaching-Spezialist*innen in die Arbeit mit ein. Die Zusammenarbeit läuft in der Regel über drei bis sechs Monate, die ersten Coachingprogramme sind bereits erfolgreich abgeschlossen. „Wir arbeiten nicht nur mit klassischen Unternehmerpersönlichkeiten zusammen, sondern mit allen, die etwas aufbauen, viel leisten und dabei ausgeglichen bleiben wollen“, sagt Mona. Denn unter hoher Belastung sei es immer wichtig, Ruhe, Entspannung und Stärke in das Leben hineinzubringen. Mittlerweile gibt es auch ein Gruppencoaching für Workaholics.
Rund um das Institut soll nun eine Community aus Gleichgesinnten entstehen. Weil das Forschungsfeld des Neuro-Coachings noch so jung ist, will Mona zur weiteren Entwicklung des Themas auch wissenschaftlich beitragen. „Manche Menschen sind skeptisch und halten die Methoden des Neuro-Coachings für Esoterik“, sagt Mona. Nach einer Keynote, in der sie über ihre Erfahrungen und Herausforderungen als mehrfache Gründerin sprach, fragte sie ein Professor, ob sie nicht zum Thema Neuro-Entrepreneurship promovieren wolle. Mona sagte zu, und drei Monate später wurde ein erstes Forschungspapier bei einer Konferenz akzeptiert. So wird das Thema künftig sicherlich weiter an Bedeutung gewinnen, nicht nur für Mona. Und man darf gespannt sein, auf welchen weiteren Feldern die High-Performerin Mona Ghazi in Zukunft unternehmerisch aktiv werden wird.
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KI-Agenten auf dem Vormarsch: Warum 2026 alles von Kontrolle abhängt
Agentische KI ist das dominierende Technologiethema des Jahres 2026 – und trotzdem stehen die meisten Unternehmensverantwortlichen noch immer vor einer grundlegenden Frage: Wer hat hier eigentlich das Steuer in der Hand?
Eine EY-Umfrage vom März 2026 zeigt deutlich: 78 Prozent der befragten Führungskräfte geben zu, dass die KI-Einführung in ihren Unternehmen schneller voranschreitet, als sie die damit verbundenen Risiken beherrschen können.
Das ist kein Zufall. Im Laufe des Jahres 2025 haben viele Unternehmen den Schritt gemacht – vom Experiment hin zur skalierbaren Nutzung von KI im operativen Alltag. Die Ausgaben für generative KI sind im selben Zeitraum auf rund 37 Milliarden US-Dollar gestiegen. Doch nicht das schnelle Wachstum des KI-Ökosystems hat die Debatte in Richtung Kontrolle verschoben, sondern eine neue Generation von Systemen: agentische KI.
Was agentische KI wirklich ist – und warum 2026 ihr Jahr ist
Klassische KI-Systeme funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Eingabe rein, Antwort raus. Agentische Systeme gehen deutlich weiter. Sie sind Plattformen oder Programme, die:
- ein übergeordnetes Ziel entgegennehmen,
- es in Teilaufgaben zerlegen,
- passende Werkzeuge auswählen,
- einen Plan eigenständig ausführen,
- und ihr Vorgehen laufend anpassen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen – und das alles innerhalb eines definierten betrieblichen Rahmens.
Was nach außen wie ein einzelner KI-Agent wirkt, ist in der Praxis meist ein Netzwerk spezialisierter Systeme, die jeweils einen Teil eines Workflows übernehmen und von einer Orchestrierungsebene koordiniert werden.
Gerade weil diese Systeme weitgehend autonom arbeiten, steigt ihr wirtschaftlicher Nutzen deutlich. Prozesse wie Vertriebsrecherche, Pipeline-Management oder Compliance-Prüfungen – für die früher ganze Teams nötig waren – lassen sich heute automatisieren.
Der Fortschritt ist messbar: Die Bandbreite an Aufgaben, die agentische KI mit einer Erfolgsquote von rund 80 Prozent bewältigt, verdoppelt sich etwa alle sieben Monate. Gleichzeitig sind die Kosten stark gesunken. Der Betrieb eines Systems auf dem Niveau von GPT-3.5 ist heute rund 280-mal günstiger als noch 2022. Auch Hardwarekosten sinken jährlich um etwa 30 Prozent. In diesem Tempo wird es für Unternehmen zunehmend schwer, gute Gründe gegen den Einsatz agentischer KI zu finden.
Die Governance-Lücken, über die kaum jemand spricht
Die Diskussion über Risiken konzentriert sich häufig auf das Offensichtliche: Datenlecks, Prompt Injection oder Modellschwächen. Die eigentlichen Herausforderungen liegen tiefer.
Agentische KI ist kein Projekt mit einem klaren Endpunkt. Sie ist ein laufender Betrieb, der kontinuierliche Überwachung, Anpassung und klare Verantwortlichkeiten erfordert. Genau hier liegt die Schwachstelle vieler Unternehmen: Sie behandeln KI wie ein Software-Feature – einmal einführen und dann weitermachen. Genau dort beginnen die Probleme – oft unbemerkt.
Hinzu kommt ein weiteres Risiko: Open-Source-Modelle. Wenn die zugrunde liegende Architektur beliebig verändert werden kann, wird der Datenschutz schwer kontrollierbar – besonders für Unternehmen, die mit Kund*innendaten arbeiten.
Damit verbunden ist ein grundlegendes Problem: Agentische KI ist nur so zuverlässig wie die Logik, auf der sie basiert. Wer nicht systematisch alle Grenzfälle testet, riskiert, dass das System genau dort Lücken findet und nach seiner eigenen Logik handelt – nicht im Sinne der tatsächlichen Prozesse im Unternehmen. KI ist keine Wunderwaffe. In bestimmten Fällen ist klassische Automatisierung mit fest definierten Regeln deutlich verlässlicher, wenn Prozesse zu 100 Prozent korrekt ablaufen müssen.
Wenn KI keine Wunderwaffe ist: Reale Fälle
Die beschriebenen Risiken sind längst Realität – manchmal sichtbar, manchmal kaum wahrnehmbar. Im Januar 2024 musste der Paketdienstleister DPD seinen KI-Kundenservice abschalten, nachdem ein Systemupdate die Schutzmechanismen entfernt hatte. Ein Kunde brachte den Bot dazu, zu fluchen, Gedichte über seine eigene Nutzlosigkeit zu schreiben und DPD als „schlechtesten Paketdienst der Welt“ zu bezeichnen. Das Unternehmen sprach von einem Fehler. Tatsächlich zeigte der Vorfall, was passiert, wenn KI ohne ausreichende Tests und Aufsicht eingesetzt wird. Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich der Fall über soziale Medien und führte zu erheblichem Reputationsschaden.
In anderen Fällen bleibt das Ganze weitgehend unsichtbar. Im September 2025 berichtete Press Gazette über mehrere PR-Agenturen, die Journalist*innen systematisch mit KI-generierten Pressemitteilungen versorgten – inklusive erfundener Expert*innen. Die zitierten Personen ließen sich online nicht nachweisen, dennoch wurden Inhalte in großen Medien veröffentlicht.
Unterschiedliche Branchen, gleiche Ursache: fehlende Governance, fehlende Verantwortlichkeit und niemand, der im entscheidenden Moment die Kontrolle übernimmt.
Der hybride Ansatz: Was er ist – und was nicht
Die Antwort auf die Governance-Lücke ist nicht, die Einführung von KI zu verlangsamen. Es geht darum, KI nicht länger als Ersatz für menschliches Urteilsvermögen zu behandeln – sondern Systeme zu schaffen, in denen beide das tun, was sie am besten können.
Ein echtes hybrides Modell bedeutet, ein Setup zu schaffen, in dem KI das Volumen übernimmt – Routineanfragen, sich wiederholende Aufgaben, vorhersehbare Interaktionen – während sich menschliche Mitarbeitende auf das konzentrieren, was KI nicht zuverlässig leisten kann: komplexe Fälle und Ausnahmefälle, bei denen Ergebnisse stark von Einschätzung und Kontextverständnis abhängen.
Genauso wichtig ist, was ein hybrides Modell nicht ist. Einen Chatbot in einen bestehenden Workflow einzubinden, ist kein hybrides Modell, sondern nur ein zusätzliches Feature. Und Mitarbeitende, die KI-Ergebnisse lediglich passiv überwachen, arbeiten nicht wirklich hybrid – das ist bloße Aufsicht ohne aktive Beteiligung.
Im Alltag ist die Grenze zwischen „das lässt sich automatisieren“ und „das besser nicht“ konkreter, als die meisten Unternehmen erwarten. Ein Beispiel: ein SaaS-Unternehmen. Anfragen zu Abonnements, Kontozugängen oder Zahlungsfragen folgen vorhersehbaren Mustern, die Antworten liegen bereits vor – Kund*innen fragen oft nur, weil sie nicht selbst suchen möchten. Das sind ideale Kandidaten für Automatisierung. Entsprechend zeigen Anbieter*innen im Kundensupport, die das hybride Modell bereits getestet haben: Ein gut trainierter KI-Agent kann bis zu 85 Prozent solcher Anfragen übernehmen – mit sofortigen Antworten und ohne Einbußen bei der Kund*innenzufriedenheit.
Bei technischen Problemen sieht das anders aus. Tritt ein Fehler auf oder fällt ein Server aus, weiß oft nicht einmal das Produktteam sofort, was passiert ist – geschweige denn, wie das Problem zu lösen ist. Ein KI-Agent ohne diesen Kontext folgt seinem Training und liefert eine scheinbar sichere Antwort – und führt Kund*innen damit in die falsche Richtung. In einem kritischen Moment ist das kein kleines Ärgernis, sondern ein direkter Weg, Kund*innen dauerhaft zu verlieren. Deshalb bleiben gezielte Weiterleitungen an menschliche Mitarbeitende ein bewusstes Element – denn manche Situationen erfordern das Urteilsvermögen und die Sorgfalt, die nur ein Mensch bieten kann.
Welche Governance-Lösungen es heute schon gibt
Unternehmen, die KI-Integrationen systematisch testen, kommen zu einem klaren Ergebnis: Der wirksamste Ansatz ist, Systeme so zu gestalten, dass sie ihre eigenen Grenzen erkennen. Das bedeutet konkret: Die KI erkennt Unsicherheit, eskaliert automatisch und übergibt an Menschen, bevor Schaden entsteht.
Regulatorisch gibt es erste Leitplanken. Der EU AI Act gilt seit August 2025 vollständig und schreibt für Hochrisiko-KI-Systeme menschliche Aufsicht und Risikomanagement vor.
Doch Regeln allein reichen nicht. Sie definieren Rahmenbedingungen, aber nicht, wie konkret gehandelt werden soll, wenn eine KI auf eine Situation trifft, für die sie nicht trainiert wurde – und ein(e) Kund*in auf eine Antwort wartet.
Genau hier entscheidet sich, ob Governance funktioniert. Und genau das sollte 2026 nicht mehr dem Zufall überlassen werden.
Die Autorin Nataliia Onyshkevych ist CEO von EverHelp. Sie arbeitet mit wachsenden Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen daran, Customer Support in KI-gestützten Umgebungen skalierbar und wirkungsvoll zu gestalten.
Von Streaming bis Gaming – Diese Branchen profitieren vom digitalen Nutzerverhalten
Wie On-Demand-Modelle Branchen prägen und welche Erfolgsfaktoren Gründer jetzt kennen müssen.
Inhalte, Dienstleistungen und Unterhaltung werden zunehmend flexibel, mobil und individuell konsumiert. Während früher feste Zeiten und physische Angebote dominierten, stehen heute On-Demand-Modelle im Mittelpunkt. Diese Entwicklung wirkt sich nicht nur auf einzelne Produkte aus, sondern prägt ganze Branchen und schafft neue wirtschaftliche Dynamiken. Insbesondere digitale Geschäftsmodelle profitieren von der steigenden Erwartung an Verfügbarkeit, Geschwindigkeit und Personalisierung.
Digitales Nutzerverhalten im Wandel
Die Verschiebung der Nutzungsgewohnheiten von stationären Desktop-Lösungen hin zu mobilen Endgeräten ist der stärkste Treiber der aktuellen Digitalökonomie. On-Demand ist zum Standard geworden: Ob Content, Services oder Unterhaltung – die Erwartungshaltung der Konsumenten ist geprägt von sofortiger Verfügbarkeit und einer hohen Passgenauigkeit durch Personalisierung.
- Inhalte jederzeit abrufbar: Die zeitliche Entkopplung von linearen Sendeplänen oder Öffnungszeiten.
- Omnichannel-Nutzung: Ein nahtloser Übergang zwischen Smartphone, Tablet, Smart-TV und Laptop.
- Komfort als Zahlungsargument: Eine wachsende Bereitschaft, für Zeitersparnis und einfache Bedienbarkeit Abonnements abzuschließen.
Streaming als Vorreiter der digitalen Transformation
Streaming-Dienste gelten als eines der prägendsten Beispiele für die Anpassung an modernes Nutzerverhalten. Klassische Medienformate wurden durch Plattformen ersetzt, die Inhalte jederzeit zugänglich machen. Gleichzeitig haben sich abonnementbasierte Modelle etabliert, die stabile und planbare Einnahmen ermöglichen.
Ein zentraler Erfolgsfaktor liegt in der Nutzung von Daten. Algorithmen analysieren das Verhalten der Nutzer und liefern personalisierte Empfehlungen, wodurch die Verweildauer und Kundenbindung gesteigert werden. Für Unternehmen ergibt sich daraus ein skalierbares Modell, das sich international ausrollen lässt und kontinuierlich optimiert werden kann. Die Grenzkosten pro neuem Nutzer sind minimal. Eine starke Kundenbindung erfolgt hier primär durch exklusiven Content und ein personalisiertes Interface.
In diesem Bereich steht allerdings eine Wende bevor. Durch die große Akzeptanz und Nachfrage sind zahlreiche Angebote und dadurch ein fragmentierter Markt entstanden. Mehrere Abos pro Haushalt sind die Regel und Nutzer wünschen sich zunehmend eine Bündelung.
Gaming und interaktive Unterhaltung auf dem Vormarsch
Gaming hat sich von einer Nische zu einem der weltweit größten digitalen Märkte entwickelt und übertrifft in den Umsätzen längst die Film- und Musikindustrie zusammen. Besonders entscheidend ist hier der soziale Aspekt: Community-Building innerhalb der Spielewelten macht Gaming zu einem sozialen Netzwerk. Der Übergang zu Live-Events und Multiplayer-Erlebnissen schafft eine emotionale Bindung, die weit über das reine Konsumieren hinausgeht.
Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus von einmaligen Käufen hin zu kontinuierlichen Einnahmequellen, etwa durch In-Game-Käufe oder abonnementbasierte Modelle. Diese Entwicklung zeigt, wie stark Nutzererlebnisse und soziale Komponenten den Erfolg digitaler Angebote beeinflussen.
iGaming als Teil der digitalen Entertainment-Ökonomie
Innerhalb der digitalen Unterhaltungslandschaft nimmt auch der iGaming-Bereich eine besondere Rolle ein. Dieser Sektor profitiert in ähnlicher Weise von technologischen Entwicklungen wie Streaming und Gaming, insbesondere durch mobile Nutzung, intuitive Benutzeroberflächen und schnelle Transaktionsmöglichkeiten.
Die Plattformen sind darauf ausgelegt, ein möglichst reibungsloses und immersives Nutzererlebnis zu bieten. Online Casino Schweiz präsentiert eine klare Strukturierung unterschiedlicher Games sortiert nach Themen oder Anbietern. Above the fold finden Nutzer Infos zu aktuellen Top-Gewinnern, Verlosungs-Aktionen oder neuen Titeln. Die Kombination aus Gamification-Elementen, internationaler Skalierbarkeit und datenbasierter Optimierung macht diesen Markt aus wirtschaftlicher Perspektive besonders interessant.
Typische Merkmale dieser Branche sind:
- hohe Nutzerbindung durch spielerische Elemente
- globale Ausrichtung digitaler Plattformen
- kontinuierliche Anpassung durch Nutzerdaten
Wirtschaftlichkeit und Transferpotenzial
Die Branche zeichnet sich durch überdurchschnittlich hohe operative Margen aus, da nach der initialen Entwicklung der Plattform und der Integration von Content die Skalierungskosten gering bleiben. Während Marketing- und Lizenzkosten substanziell sind, ermöglichen automatisierte Prozesse in der Kundenverwaltung und Zahlungsabwicklung eine hohe Profitabilität.
Diese Effizienz lässt sich auf andere digitale Angebote übertragen: Das Prinzip der Mikro-Interaktionen und die sofortige Belohnung (Instant Gratification) sind Mechanismen, die auch im E-Commerce oder in Produktivitäts-Apps die Conversion-Rate steigern. Wer lernt, die im iGaming perfektionierten Methoden der Datenanalyse und Echtzeit-Personalisierung zu nutzen, kann die Kundenbindung in nahezu jedem digitalen Geschäftsmodell signifikant erhöhen.
Was Gründer daraus lernen können
Die Analyse erfolgreicher digitaler Branchen zeigt klare Muster. Im Mittelpunkt steht nicht die Technologie selbst, sondern deren Anwendung im Kontext realer Nutzerbedürfnisse. Plattformdenken, Datenanalyse und eine konsequente Ausrichtung auf Benutzerfreundlichkeit sind zentrale Erfolgsfaktoren.
Konkrete Impulse:
- Verhalten statt Produkt: Geschäftsmodelle sollten dort ansetzen, wo Nutzer bereits Zeit verbringen oder Reibungsverluste erleben.
- Iteration: Schnelles Testing von Funktionen (MVP-Ansatz) ermöglicht es, am Puls der Zielgruppe zu bleiben.
- Mobile-First-Denkweise: Jede Lösung muss primär auf dem kleinsten Bildschirm perfekt funktionieren.
- Entwicklung skalierbarer Plattformlösungen
Das digitale Nutzerverhalten entwickelt sich dynamisch weiter und beeinflusst zahlreiche Branchen nachhaltig. Unternehmen, die diese Veränderungen frühzeitig erkennen und in ihre Strategien integrieren, sichern sich entscheidende Wettbewerbsvorteile. Besonders erfolgreich sind Modelle, die Flexibilität, Personalisierung, einfache Zugänglichkeit und die Einbindung in starke App-Ökosysteme miteinander verbinden. In einer zunehmend digitalen Wirtschaft entstehen neue Chancen vor allem dort, wo technologische Möglichkeiten auf veränderte Erwartungen treffen.
Weitere Gewinner des Nutzerwandels
Neben Unterhaltung und Gaming profitieren auch andere Branchen vom veränderten Verhalten. Besonders deutlich wird dies in Bereichen, die auf flexible Nutzung und personalisierte Angebote setzen.
Dazu zählen unter anderem:
- E-Learning-Plattformen, die ortsunabhängiges Lernen ermöglichen
- Fitness- und Gesundheits-Apps, die individuelle Trainingspläne bieten
- Fintech-Lösungen, die schnelle und unkomplizierte Zahlungsprozesse unterstützen
Gemeinsam ist diesen Geschäftsmodellen eine starke Nutzerzentrierung. Sie bieten Lösungen, die sich nahtlos in den Alltag integrieren lassen und dabei individuelle Bedürfnisse berücksichtigen.
Was Gründer daraus lernen können
Der entscheidende Erfolgsfaktor in der digitalen Ökonomie ist die radikale Nutzerzentrierung. Erfolgreiche Unternehmen denken nicht mehr in isolierten Produkten, sondern in Plattformen, die ein Problem ganzheitlich lösen. Die Bedeutung von Datenanalyse zur stetigen Verbesserung der UX kann dabei nicht überschätzt werden.
Die Verfestigung digitaler Gewohnheiten ist ein unumkehrbarer Prozess. Neue Märkte werden dort entstehen, wo technologische Möglichkeiten auf neue menschliche Bedürfnisse treffen. Die größten Chancen liegen für Gründer und etablierte Unternehmen dort, wo sich das Nutzerverhalten schneller wandelt als die bestehenden, oft noch trägen Angebote am Markt.
Bootstrapping im LegalTech: Wie cleverklagen den Arbeitsrechtsmarkt aufmischt – und wo die Grenzen des Modells liegen.
LegalTech-Start-ups versprechen den niederschwelligen Zugang zum Recht. Das 2020 von Fabian Beulke und Lucas Rößler gegründete cleverklagen fokussiert sich dabei auf das Arbeitsrecht und will Arbeitnehmer*innen bei Kündigungen sowie Abfindungen unterstützen. Die Besonderheit: Das Gründer-Duo wächst im Gegensatz zu vielen Wettbewerber*innen profitabel und das gänzlich ohne Investor*innen. Doch in einem hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie nachhaltig das provisionsbasierte Geschäftsmodell und der technologische Vorsprung wirklich sind.
Der Markt für verbraucherorientiertes LegalTech (B2C) hat in den vergangenen Jahren in Deutschland stark an Fahrt aufgenommen. Im Zentrum stehen oft standardisierbare Massenverfahren – von Fluggastrechten über Mietminderungen bis hin zum Arbeitsrecht. In letzterem Segment positioniert sich cleverklagen.
Bootstrapping in einem teuren Markt
Gegründet wurde die Plattform im Jahr 2020 von den beiden Rechtsanwälten Fabian Beulke und Lucas Rößler. Die Idee entstand in ihrer gemeinsamen Zeit bei der renommierten Kanzlei Hausfeld LLP, wo sie maßgeblich in die Betreuung großer Sammelklagen involviert waren. Diese Erfahrung inspirierte das Duo zu einem Ansatz, den sie selbst als eine Art „Robin Hood Litigation“ beschreiben: Sie wollen die strukturellen Nachteile von Arbeitnehmer*innen gegenüber ressourcenstarken Unternehmen ausgleichen. Dabei positioniert sich das Start-up bewusst als moderne Alternative zur klassischen Kanzlei.
Bemerkenswert für die Start-up-Szene: cleverklagen wächst seit der Gründung profitabel und verzichtet dabei vollständig auf externes Kapital. Das ist mutig. Denn im B2C-Arbeitsrecht haben Kund*innen einen extrem niedrigen Lifetime Value – man wird idealerweise nur einmal gekündigt –, während die Akquisekosten via Google Ads enorm sind. Wie stemmt man das gegen VC-finanzierte Konkurrenz?
„Wir haben bewusst klein angefangen“, blickt Lucas Rößler zurück. „Gerade beim Bootstrapping kommt es darauf an, extrem effizient und genau zu arbeiten. Denn wenn das Geld knapp ist, kann man sich nur wenige Fehler leisten“, erinnert er sich an die harte Anfangsphase, in der das Duo nahezu alles selbst übernehmen musste. Fehlerverzeihlich ist das B2C-Arbeitsrecht bis heute nicht: Wer im Google-Ads-Wettbewerb gegen VC-finanzierte Player antritt, braucht Nerven aus Stahl – und, wie Rößler anmerkt, „einen starken Sales-Funnel, von der Anzeige bis zur Conversion“. Neben dieser technischen Präzision brauche es laut dem Gründer aber auch „sehr viel Liebe fürs Detail und ein gutes Verständnis, was die Kund*innen von einem erwarten“. Ob sich ein(e) einzelne(r) Mandant*in rechne, müsse man in der Summe betrachten. Dank erfahrener Anwält*innen sei man meist erfolgreich, was dem Unternehmen heute eine finanzielle Stabilität gebe, die in der Anfangsphase gefehlt habe.
Prozesskostenfinanzierung statt Stundenlohn
Die Geschäftsidee verknüpft digitale Prozessabläufe mit der Betreuung durch echte Jurist*innen. Eine eigens entwickelte Software soll Arbeitsabläufe vereinfachen und dem Team mehr Raum für die Mandant*innenbetreuung geben. Das Kernstück ist jedoch das finanzielle Modell, das einer klassischen Prozesskostenfinanzierung entspricht: Es gibt kein Vorkostenrisiko und im Falle einer Niederlage entstehen den Arbeitnehmer*innen keine Kosten. Verfügen die Kund*innen über keine Rechtsschutzversicherung, finanziert cleverklagen den Prozess vor. Im Gegenzug wird eine Provision fällig, die als Teil der zusätzlich ausgehandelten Abfindung beschrieben wird.
Doch wie hoch ist diese Erfolgsprovision genau? „Unsere Erfolgsprovision ist bewusst nicht einheitlich festgelegt, sondern hängt immer vom jeweiligen Fall ab“, erklärt Fabian Beulke. Man berücksichtige das Verlustrisiko, die übernommenen Anwaltskosten und die realistische Abfindungshöhe. „Durchschnittlich kann man sagen, dass unser Erfolgshonorar bei knappen 30 Prozent liegt“, präzisiert Beulke. Stehe eine sehr hohe Abfindung im Raum, könne die Provision auch deutlich darunter fallen – bei hohem Risiko aber auch entsprechend steigen.
Während sich das Duo bei der Erfolgsquote auskunftsfreudig zeigt – derzeit schließe man über 90 Prozent der Fälle erfolgreich ab und wachse jährlich um rund 50 Prozent –, mauern die beiden bei der Frage nach den genauen Finanzen. „Zu konkreten Umsatzzielen äußern wir uns allerdings nicht“, wiegelt Beulke ab.
Das „Rosinenpickerei“-Dilemma
Das Modell der Prozessfinanzierung ist lukrativ, steht bei Kritikerinnen aber oft unter dem Verdacht des sogenannten Cherry-Pickings. Der Vorwurf lautet, Anbieter*innen würden durch Algorithmen rigoros vorfiltern und nur die fast risikolosen Fälle annehmen, während komplexe oder wirtschaftlich kleinere Schicksale durchs Raster fallen.
Lucas Rößler wehrt sich vehement gegen diese Darstellung: „Diese Kritik können wir so nicht bestätigen. Unsere Ablehnungsquote ist sehr niedrig, denn wir wollen so vielen Menschen wie möglich helfen.“ Zwar bleibt Rößler eine exakte Prozentzahl bei der Ablehnungsquote schuldig, verspricht aber: „Uns ist es ganz egal, ob unser(e) Mandant*in Mini-Jobber*in oder eine hochbezahlte Führungskraft ist. Auch komplexere oder risikoreichere Fälle schließen wir nicht aus.“ Abgelehnt werde laut Rößler nur bei Anfragen, die den eigenen moralischen Werten widersprechen – oder „wenn kein Anspruch oder Verhandlungshebel gegen den bzw. die Arbeitgeberin vorliegt“. Robin Hood agiert im LegalTech-Markt eben auch mit wirtschaftlichem Kalkül.
Proprietäre Software vs. Standard-KI
Cleverklagen betont medial gern den Einsatz eigener Tech- und KI-Lösungen. Doch in Zeiten, in denen sich standardisierte juristische Branchen-KIs rasant entwickeln, wird eine eigene Fallbearbeitungs-Software zunehmend zum reinen Hygienefaktor und verliert als unüberwindbarer Wettbewerbsvorteil an Strahlkraft.
Wo genau zieht das Start-up also die technische Grenze zwischen Automatisierung und anwaltlichem Handwerk? „Künstliche Intelligenz soll unsere Anwält*innen in erster Linie bei repetitiven und administrativen Aufgaben unterstützen“, ordnet Fabian Beulke ein. Es gehe vor allem um Fristen- und Aufgabenmanagement, Terminplanung oder die Dokumentenverwaltung. Dabei setze man auf hohe Datenschutzstandards: Die hauseigene KI laufe ausschließlich auf eigenen Servern, gänzlich ohne externe Datenverbindungen. Zudem durchkämme die KI laufend die Akten für Konsistenz-Checks. Ein pragmatischer statt revolutionärer Ansatz, wie Beulke unumwunden zugibt: „Das ist wichtig, damit bei der Vielzahl laufender Fälle nichts daneben geht.“
Bei der juristischen Kernarbeit zieht Beulke jedoch eine klare rote Linie: „Uns ist wichtig, dass eine Entscheidung nie von der KI getroffen wird. Diese Verantwortung liegt ausschließlich bei unseren Anwält*innen.“ Gerade das Arbeitsrecht sei viel Verhandlungssache, die oft mündlich in persönlichen Gesprächen oder vor Gericht geklärt werde. „Es braucht ein starkes Verhandlungsgeschick, Erfahrung und das richtige Timing“, so der Mitgründer. „Das kann KI aus unserer Sicht nicht ersetzen.“
Fazit & Ausblick
Cleverklagen zeigt eindrücklich, dass gesundes Wachstum ohne Investorinnen auch im anwaltlichen Dienstleistungssektor funktionieren kann. Die eigentliche Herausforderung für das Duo dürfte künftig jedoch weniger in der hauseigenen Softwareentwicklung liegen, sondern in der profitablen und skalierbaren Kund*innenakquise.
Wo sieht sich das Unternehmen in zwei Jahren? Lucas Rößler hat klare finanzielle Ambitionen: „Wenn weiterhin alles gut läuft, haben wir unseren Umsatz und Gewinn in zwei Jahren idealerweise mehr als verdoppelt.“ Ob man die vertikale Marktführerschaft im Arbeitsrecht erzwingen könne, werde sich zeigen.
Interessant ist jedoch die strategische Ausrichtung für die Zukunft: Cleverklagen plant die Expansion in weitere Rechtsgebiete. Dabei wolle man sich explizit nicht auf standardisierte Massenverfahren fokussieren, verrät Rößler: „Wir wollen Rechtshilfe in Bereichen bieten, in denen Menschen echte und oft existenzielle Unterstützung benötigen. Zum Beispiel bei Streitigkeiten mit Versicherungen oder bei familien- oder erbrechtlichen Fragen.“
KI-Baukasten für den Mittelstand: Kann firepanda.ai das Versprechen der Einfachheit halten?
Das Münchner Start-up firepanda.ai launcht neue Plattform-Features und ein überarbeitetes Preismodell. Mit prominenter Gründer-Erfahrung aus E-Commerce und IT will das Unternehmen den DACH-Mittelstand erobern. Doch wie zukunftssicher ist der Spagat zwischen Orchestrierung und „KI-Steuer“?
Die Integration künstlicher Intelligenz gleicht in vielen mittelständischen Betrieben aktuell noch einem Blindflug. Es fehlen oft Ressourcen für komplexe Implementierungen oder das Know-how zur Einhaltung von Datenschutzstandards. Genau in diese Lücke stößt die Münchner All-in-One-Plattform firepanda.ai. Was im Jahr 2022 als direkte Reaktion auf den globalen „ChatGPT-Moment“ innerhalb eines IT-Entwicklungsbüros begann, will mit einer aktualisierten Plattformversion den Marktzugang für den Mittelstand nun endgültig vereinfachen.
Vom „ChatGPT-Schock“ zum Agentur-Spin-off
Die Geschichte von firepanda.ai nahm ihren Lauf, als die Veröffentlichung von ChatGPT die Tech-Welt erschütterte. In der Münchner IT-Agentur Fireflow erkannten die Gründer sofort den massiven Bedarf – und die gleichzeitige Verunsicherung – bei ihren Kund*innen. Statt den Trend nur zu beobachten, entwickelte das Team in intensiven Konzeptionsphasen eine Lösung, die den deutschen Mittelstand sicher in das KI-Zeitalter führen soll. Anfang 2025 erfolgte dann der offizielle Launch.
Hinter diesem Spin-off stehen zwei Köpfe mit komplementären Profilen. Dr. Peter Dornbusch (CEO & CTO) ist promovierter Informatiker und DeepTech-Veteran mit über 25 Jahren IT-Erfahrung. Flankiert wird er von Daniel Kövary, einem Experten für Business Development und digitale Markenführung.
Auf die Frage, wie schwer der Spagat zwischen anspruchsvollem Agenturgeschäft und der Inkubation einer völlig neuen SaaS-Plattform war, räumt Kövary ein: „Es war zweifellos ein enormer Kraftakt, der sich jedoch als unser größter strategischer Vorteil erwies.“ Durch das Tagesgeschäft sei man extrem nah an den realen Schmerzpunkten der Kund*innen – wie Datenschutzbedenken und Ressourcenmangel – gewesen. Die lange Entwicklungszeit bis 2025 war dabei eine bewusste Entscheidung gegen schnelle halbe Sachen. „Wir wollten keine weitere dünne ‚Wrapper-App‘ auf den Markt bringen“, betont Kövary und fügt hinzu: „Durch KI-gestütztes Coding haben wir eine echte Zeitenwende erlebt und unsere Entwicklungszyklen bei herausragender Code-Qualität massiv verkürzt.“
Schluss mit dem KI-Flickenteppich
Die Kernidee von firepanda.ai ist ein modellagnostisches KI-Backend, das Nutzer*innen flexibel zwischen den Modellen von Anbietern wie OpenAI, Anthropic oder Google wählen lässt, ohne separate Verträge abschließen zu müssen. Ein entscheidender Hebel für den Vertrieb ist dabei die Datensicherheit, da die Plattform auf Servern in Deutschland gehostet wird.
Doch wie garantiert das Start-up rechtssicher, dass Daten bei der Nutzung von OpenAI nicht vom US-Cloud Act erfasst werden? Dr. Peter Dornbusch gibt sich hier kompromisslos: „Um höchste Datenschutzstandards zu gewährleisten, routen wir Anfragen an Modelle wie OpenAI nicht über die Standard-US-Schnittstellen, sondern ausschließlich über DSGVO-konforme Instanzen etablierter Anbieter wie Microsoft Azure oder AWS, die in Europa gehostet werden.“ Dabei würden strikte Zero-Data-Retention-Policies greifen, die verhindern, dass Kund*innendaten für das Modell-Training genutzt werden. Für Unternehmen mit extrem restriktiven Vorgaben bietet firepanda.ai zudem europäische Open-Source-Modelle wie Mistral an, die autark in Deutschland gehostet werden. „Der Kunde ist nicht in einem System gefangen, sondern behält die volle Souveränität“, resümiert der CTO.
KI-Agenten per Drag-and-drop
Um ohne Programmierkenntnisse spezifische KI-Assistenten zu konfigurieren, bietet die Plattform einen Workflow-Builder an, in dem/der Nutzer*in Trigger und Aktionen per Drag-and-drop verknüpfen.
Trotz dieser Versprechen mutieren viele B2B-Start-ups oft zu Beratungsagenturen, weil Kund*innen das Self-Serve-Prinzip nicht allein bewältigen. Daniel Kövary kennt dieses Problem: Die Wucht der Technologie überfordere aktuell noch viele Organisationen. Während globale Player wie Anthropic massiv gegensteuern und sogenannte Forward Deployed Engineers einsetzen, die Use Cases direkt in Unternehmen auf eigene Kosten umsetzen, wählt das Münchner Team einen anderen Pfad. „Da wir diesen extrem ressourcenintensiven Weg weder gehen können noch wollen, lautet unsere strategische Antwort: Enablement!“, stellt Kövary klar. Statt klassischem Handholding setzt man auf ein mehrstufiges Befähigungsmodell im Produkt – von abteilungsspezifischen Prompt-Bibliotheken für Anfänger*innen bis zum Workflow-Builder für Profis. Das Versprechen des Gründers: „Unser primäres Ziel im Onboarding ist es, unternehmensinterne ‚KI-Champions‘ auszubilden, die das Wissen als Multiplikatoren eigenständig skalieren.“
Transparenter Deal oder teure Skalierung?
Seit dem 1. März 2026 lockt firepanda.ai mit einer kostenlosen Testversion inklusive einer Million Token. Im produktiven Einsatz werden 19,95 Euro pro Nutzer*in im Monat fällig, während die Token-Kosten mit einem Handling-Aufschlag von zehn Prozent transparent weitergereicht werden. Zusatzmodule kosten extra: 395 Euro für Workflow-Automatisierung und 95 Euro für API-Anbindungen.
Bislang ist das Start-up komplett bootstrapped. Um die Infrastrukturkosten und die geplante Skalierung zu stemmen, sucht das Unternehmen nun aber sehr selektive Seed-Finanzierungen. Dornbusch sucht dabei explizit nicht nach klassischem Venture Capital, sondern nach „Smart Money“ von strategischen Business Angels. Das ehrgeizige Ziel: „Unser Meilenstein bei diesem kontrollierten Wachstum ist es, durch die anstehende Skalierungsphase bis Ende 2026 den Break-even zu erreichen.“
Die „KI-Steuer“-Falle und wartende Tech-Giganten
Kritiker*innen könnten den zehnprozentigen Token-Aufschlag bei hohen Datenmengen als kostspielige „KI-Steuer“ ansehen, was zur Abwanderung Richtung Direkt-APIs führen könnte. Zudem buhlen globale Wettbewerber wie Make.com oder Microsofts Copilot Studio um den Mittelstand.
Dornbusch wehrt sich gegen den Begriff der Steuer: „Wir sehen diesen zehnprozentigen Aufschlag keineswegs als ‚KI-Steuer‘, sondern als nachvollziehbare Service-Fee.“ Diese Marge decke die komplexe Orchestrierung sowie Compliance-Sicherheit ab und erspare mühsames Vertragsmanagement. Dass Kund*innen bei steigendem KI-Reifegrad abwandern, glaubt er nicht: „Wenn ein Unternehmen erst einmal komplexe Freigabeschleifen, RAG-Pipelines mit proprietären internen Daten und externe API-Trigger in firepanda.ai modelliert hat, wechselt es nicht wegen eines marginal günstigeren Token-Preises die Plattform.“
Und was passiert, wenn Microsoft seinen Copilot so tief integriert, dass externe KMU-Layer überflüssig werden? Kövary kontert, dass Copilot zwar gut für persönliche Produktivität sei, die reale Prozesslandschaft des Mittelstands aber weitaus komplexer. „Wir müssen aufhören, diesen Layer als dünne, überflüssige Benutzeroberfläche zu missverstehen – er ist vielmehr das schützende Betriebssystem eines jeden Unternehmens in der KI-Ära“, argumentiert er. Durch diese Architektur befreie man Kund*innen aus dem Vendor-Lock-in einzelner Großkonzerne.
Genialer Eisbrecher mit Ablaufdatum?
Für die ersten 12 bis 24 Monate der KI-Transformation ist firepanda.ai als technologischer Eisbrecher hochattraktiv. Langfristig muss sich allerdings zeigen, ob die eigenen Workflow-Logiken stark genug sind, um gegen die Marktmacht der großen Ökosysteme zu bestehen.
Gefragt nach der Zukunft und einem möglichen Exit winkt Dr. Peter Dornbusch ab. Die Backend-Entwicklung sei dank 20 Jahren Agenturerfahrung keine Hürde gewesen, sondern der größte strategische Hebel, um eine sichere Enterprise-Umgebung zu schaffen. Man sei gekommen, um zu bleiben: „Ein schneller Exit ist nicht unser Fokus, denn der europäische Markt für B2B-KI steht erst ganz am Anfang“, stellt der CTO klar und gibt die zukünftige Marschroute vor: „Wir bauen hier an einem nachhaltigen und unabhängigen ‚German AI Champion‘, der dem Mittelstand dauerhaft hilft, seine Produktivität messbar und zukunftssicher zu steigern.“
Ist Florian Bretschneider seriös? Kundenberichte, Bewertungen und Hintergrund Einleitung
Wer sich über Online-Business oder neue digitale Tätigkeiten informiert, möchte häufig vorab einschätzen, wie seriös ein Anbieter ist und welche Erfahrungen andere gemacht haben. Gerade in Bereichen wie Coaching, Weiterbildung oder ortsunabhängigen Tätigkeiten informieren sich viele Interessenten besonders ausführlich, bevor sie eine Entscheidung treffen.
Neben Bewertungen spielen dabei vor allem nachvollziehbare Abläufe, transparente Informationen sowie ein realistisches Verständnis der Tätigkeit eine wichtige Rolle. Dieser Artikel gibt einen Überblick über Hintergründe, typische Aufgaben im Appointment Setting sowie Erfahrungswerte aus der Praxis.
Welche Tätigkeit steckt hinter Appointment Setting?
Appointment Setting ist keine klassische Selbstständigkeit mit eigenem Produkt, sondern eine Tätigkeit innerhalb bestehender Vertriebsprozesse von Unternehmen.
Typische Aufgaben sind:
- Bearbeitung eingehender Anfragen über digitale Kanäle anhand klar definierter Abläufe
- Einordnung, ob Anfragen grundsätzlich zum jeweiligen Angebot passen (Vorqualifizierung)
- Koordination und Terminvereinbarung für Beratungsgespräche innerhalb bestehender Systeme
- Unterstützung im Vertriebsprozess durch strukturierte Vorbereitung von Gesprächsterminen
Die Tätigkeit folgt in der Praxis meist strukturierten Prozessschritten, damit Anfragen nachvollziehbar eingeordnet und Termine sinnvoll koordiniert werden können.
Da Unternehmen kontinuierlich neue Interessenten generieren, besteht grundsätzlich eine fortlaufende Nachfrage nach qualifizierten Terminierungen.
Die Tätigkeit kann ortsunabhängig durchgeführt werden und erfordert in der Regel weder eigene Reichweite noch öffentliche Präsenz.
Beispiele für Erfahrungen aus der Praxis
Einige Erfahrungsberichte beziehen sich auf erste praktische Schritte im Bereich digitaler Terminierungsprozesse. Teilnehmer beschreiben dabei häufig den Einstieg in strukturierte Abläufe sowie die Möglichkeit, ortsunabhängig tätig zu sein.
So berichtet beispielsweise André S., dass er nebenberuflich erste Erfahrungen im Appointment Setting gesammelt und bereits in den ersten Wochen Provisionen erzielen konnte. Auch Teilnehmer wie Alice Z. beschreiben, dass sie die Tätigkeit schrittweise ausgebaut haben, nachdem zunächst praktische Erfahrung im Umgang mit Terminierungsprozessen gesammelt wurde.
Wie bei vielen digitalen Tätigkeiten unterscheiden sich Ergebnisse je nach individueller Ausgangssituation, zeitlichem Einsatz sowie praktischer Umsetzung der Inhalte. Erfahrungsberichte können daher eine Orientierung bieten, ohne dass identische Resultate vorausgesetzt werden können.
Einordnung von Erfahrung und Bewertungen
Florian Bretschneider beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit digitalen Vertriebsprozessen und Appointment Setting im Coaching- und Beratungsumfeld. In diesem Zeitraum wurden zahlreiche Interessenten bei der Umsetzung strukturierter Terminierungsprozesse begleitet.
Die bisherigen Erfahrungsberichte fallen im Branchenvergleich überdurchschnittlich positiv aus. Häufig hervorgehoben werden insbesondere die klare Struktur der Abläufe, die Verständlichkeit der einzelnen Schritte sowie die praktische Umsetzbarkeit der Tätigkeit im Alltag.
Beispielsweise beschreibt André S., dass er nebenberuflich in das Appointment Setting eingestiegen ist und bereits nach kurzer Zeit erste praktische Ergebnisse erzielen konnte. Auch Teilnehmer wie Alice Z. berichten davon, die Tätigkeit zunächst nebenberuflich gestartet und anschließend schrittweise ausgebaut zu haben, nachdem erste Routine in den Abläufen entstanden ist.
Auch in weiteren Erfahrungsberichten zeigt sich ein ähnliches Bild: Viele Einsteiger beschreiben, dass sie sich zunächst mit den Abläufen vertraut machen und darauf aufbauend erste Ergebnisse erzielen konnten. Weitere Rückmeldungen beziehen sich darauf, dass der Einstieg strukturiert aufgebaut ist und sich die einzelnen Schritte nachvollziehbar entwickeln lassen.
Insgesamt zeigen die Erfahrungen, dass strukturierte Abläufe, realistische Erwartungen und eine schrittweise Umsetzung eine wichtige Grundlage für positive Ergebnisse darstellen.
Transparenz und nachvollziehbare Abläufe
Ein wichtiger Faktor für die Einschätzung der Seriosität ist, ob Inhalte und Abläufe verständlich dargestellt werden. Interessenten möchten vorab nachvollziehen können:
- wie eine Tätigkeit grundsätzlich aufgebaut ist
- welche Aufgaben übernommen werden
- welche Voraussetzungen sinnvoll sein können
- wie die praktische Umsetzung erfolgt
Je klarer Prozesse beschrieben sind, desto leichter lässt sich einschätzen, ob ein Modell zur eigenen Situation passt.
Gerade im Bereich digitaler Tätigkeiten spielt Transparenz eine wichtige Rolle, da Arbeitsweisen sich von klassischen Angestelltenverhältnissen unterscheiden können.
Für wen Appointment Setting geeignet ist – und für wen nicht
Wie bei jeder Tätigkeit ist auch dieses Modell nicht für jede Person gleichermaßen geeignet.
Geeignet kann es sein für:
- Personen mit Interesse an Online-Business
- strukturierte Arbeitsweise
- Interesse an digitalen Geschäftsmodellen
- Wunsch nach ortsunabhängigem Arbeiten
Weniger geeignet kann es sein für:
- Personen, die kein Interesse am Austausch mit Interessenten haben
- Personen, die ausschließlich passives Einkommen erwarten
- Personen ohne Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erlernen
Eine realistische Erwartungshaltung ist entscheidend für eine positive Erfahrung.
Hintergrund und Einordnung der Tätigkeit
Appointment Setting ist ein Bestandteil moderner Vertriebsprozesse, bei denen Unternehmen digitale Kanäle nutzen, um Interessenten strukturiert zu betreuen.
Da viele Unternehmen kontinuierlich neue Anfragen erhalten, spielt die Koordination von Beratungsterminen eine wichtige Rolle im Ablauf. Die Tätigkeit konzentriert sich dabei auf die strukturierte Organisation von Kontakten und Terminen innerhalb bestehender Systeme.
Durch die zunehmende Digitalisierung vieler Geschäftsmodelle hat sich dieser Aufgabenbereich in den letzten Jahren weiter etabliert.
Fazit: Seriosität im Kontext digitaler Tätigkeiten richtig einordnen
Die Einschätzung der Seriosität hängt im Bereich Online-Business häufig davon ab, wie transparent Inhalte dargestellt werden und wie nachvollziehbar Abläufe aufgebaut sind.
Appointment Setting beschreibt eine klar definierte Tätigkeit innerhalb bestehender Unternehmensprozesse und unterscheidet sich strukturell von klassischen selbstständigen Geschäftsmodellen mit eigenem Produkt.
Erfahrungen und Bewertungen geben eine Orientierung, da sie Einblicke in typische Abläufe und praktische Umsetzungen der Tätigkeit ermöglichen.
Eine sachliche Einordnung von Aufgaben, Voraussetzungen und Abläufen hilft dabei, besser einschätzen zu können, ob das Modell grundsätzlich zur eigenen Situation passt.
KI gegen Beamtendeutsch: Wie ein Solo-Gründer den Markt für Nebenkosten aufrollt.
Für die meisten der rund 19 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland ist sie ein jährliches Ärgernis: die Nebenkostenabrechnung. Laut dem Deutschen Mieterbund enthält jede zweite Abrechnung Fehler. Das fränkische Start-up NebenkostenPro will diesen intransparenten Markt nun mithilfe Künstlicher Intelligenz radikal vereinfachen – und zwar für beide Seiten.
Bisherige Lösungsansätze für fehlerhafte Abrechnungen – von unzulässigen Verwaltungskosten bis zu falsch umgelegten Reparaturen – waren für Mieterinnen und Mieter oft teuer oder zeitaufwendig. Der Gang zur Anwaltskanzlei frisst die Ersparnis schnell auf, Mietervereine binden einen an jährliche Mitgliedschaften und etablierte LegalTech-Wettbewerber verlangen für eine manuelle Prüfung meist rund 50 Euro.
Hinter dem Lösungsansatz von NebenkostenPro steht kein großes Entwicklerteam, sondern Julian Falk, ein Solo-Gründer aus Zirndorf bei Nürnberg. Auf die Frage, wie man sich freiwillig in die juristischen Untiefen der Betriebskostenverordnung stürzt, hat Falk eine verblüffend einfache Antwort: „Ehrlich gesagt war der Auslöser ziemlich banal“, erinnert sich der Gründer. „Ich habe selbst als Mieter eine Nebenkostenabrechnung bekommen, bei der die Zahlen einfach nicht plausibel wirkten“.
Als er sich einlesen wollte, landete er prompt im deutschen Paragraphendschungel. „Da habe ich gemerkt: Wenn ich als technikaffiner Mensch schon Probleme habe, das zu durchdringen, wie soll das ein normaler Mieter schaffen?“ Falk erkannte schnell, dass die Betriebskostenverordnung im Kern aus klaren Wenn-Dann-Strukturen besteht. „Das schreit förmlich nach Automatisierung“, fasst er seinen Heureka-Moment zusammen.
KI als Herausforderer im zweiseitigen Markt
Was als Wochenendprojekt begann, wuchs schnell. Heute nutzt die Plattform eine komplexe Pipeline aus mehreren KI-Modellen, um hochgeladene PDF-Dokumente und Fotos auszulesen, zu strukturieren und juristisch einzuordnen. Der Clou dabei ist der duale Ansatz, der beide Marktseiten bedient. Für Mieter*innen dient das Tool zunächst der Symptombekämpfung, indem ein initialer Schnellcheck die hochgeladenen Daten kostenlos mit lokalen Vergleichswerten abgleicht. Der detaillierte Prüfbericht startet bei einer preislichen Kampfansage von 7,90 Euro. Für Vermieter*innen fungiert die Plattform hingegen als Software-as-a-Service zur rechtskonformen Erstellung der Abrechnungen.
Dieses B2B-Abo-Modell ist für das Überleben der Firma essenziell. Es sorgt für den dringend benötigten wiederkehrenden Umsatz, der das stark saisonale, von geringer Kund*innenbindung geprägte Mieter*ingeschäft wirtschaftlich ausbalanciert.
Wer nun glaubt, hinter einer solch komplexen KI-Pipeline stünden „Heerscharen“ von Investoren, irrt. „NebenkostenPro ist komplett eigenfinanziert. Es gibt keine externen Geldgeber, keine Investoren, keine Beteiligungen“, betont Falk. Das Modell trage sich mittlerweile selbst – für Falk ein Blick in die Zukunft der Softwareentwicklung. „KI verändert gerade fundamental, wie Software-Unternehmen entstehen. Die Werkzeuge, die heute verfügbar sind, machen einen einzelnen Gründer so produktiv wie früher ein ganzes Team.“ Die Rolle des/der Entwickler*in verschiebe sich zunehmend zum/zur Architekt*in, der lediglich die Richtung vorgebe und Ergebnisse validiere.
Smarte Daten als Reichweiten-Hebel
Um gegen etablierte LegalTech-Player wie Wenigermiete oder Mieterengel anzukommen, fehlte dem Solo-Gründer schlicht das Marketingbudget. Falks clevere Antwort: Er baute eine frei zugängliche Wissensdatenbank mit kommunalen Nebenkostendaten für rund 400 deutsche Städte auf – von Grundsteuer-Hebesätzen bis zu lokalen Wasserpreisen.
Ein massiver Hebel, der sich auszahlt: Die Datenbank wird mittlerweile sogar von Google und KI-Modellen wie ChatGPT als primäre Quelle zitiert, was organischen Traffic generiert, ohne teure Klickpreise für umkämpfte Keywords zahlen zu müssen.
Konvertiert dieser Traffic auch? „Die Seite rankt für zahlreiche organische Keywords, der Traffic vervielfacht sich von Monat zu Monat“, freut sich der Gründer. Das beste Marketing sei ohnehin die Mundpropaganda erfolgreicher Nutzer*innen. Eine Entwicklung verblüfft den Zirndorfer dabei besonders: „Was mich überrascht hat: Die Vermieterseite wächst schneller als die Mieterseite.“ „Viele private Kleinvermieter kämpfen sich jedes Jahr mit Excel durch ihre Abrechnung und sind dankbar, wenn ihnen das jemand abnimmt.“
Juristisches Minenfeld und das Haftungsrisiko
Doch wo KI auf deutsches Mietrecht trifft, lauern Gefahren. Bedingt durch das Rechtsdienstleistungsgesetz darf NebenkostenPro keine formelle Rechtsberatung anbieten, sondern liefert lediglich Indizien und Muster-Widersprüche ohne bindende Vertretung. Zudem stoßen reine Sprachmodelle bei komplexen Sonderfällen – etwa einer gewerblich-privaten Mischnutzung – an ihre Grenzen.
Auf die berüchtigten „Halluzinationen“ von Sprachmodellen angesprochen, reagiert Falk pragmatisch. Er setze nicht auf ein einziges Modell, sondern auf eine spezialisierte Pipeline mit klar abgegrenzten Aufgaben. Die eigentliche Analyse basiere dann nicht auf Freitext-Antworten der KI, sondern auf einem präzisen Abgleich extrahierter Werte mit konkreten Gesetzestexten.
Zudem übt der Gründer Kritik an der generellen KI-Skepsis. „Was mich bei der Debatte um KI-Halluzinationen immer etwas stört: Wir tun so, als wäre das ein reines KI-Problem. In Wahrheit halluzinieren Menschen ständig“, kontert er. „Ein Sachbearbeiter, der zum dritten Mal an diesem Tag eine Abrechnung prüft, übersieht Fehler. Ein Vermieter, der seine Abrechnung in Excel zusammenbastelt, vertippt sich. KI lügt nicht strategisch, sie berechnet Wahrscheinlichkeiten.“
Um sich vor Regressansprüchen zu schützen, schiebt die Plattform die finale Verantwortung konsequent auf die Nutzer*innen ab. „Man muss mit KI genauso umgehen wie mit einem Kollegen. Den Output hinterfragen, nicht blind vertrauen“, mahnt Falk. Wer als Vermieter*in das Tool nutze, sei am Ende selbst für die Richtigkeit der eingegebenen Daten und das finale Dokument verantwortlich. „Bei komplexen Sonderfällen empfehlen wir ausdrücklich den Gang zur Fachberatung“, räumt er ein. Auch dem strengen Datenschutz bei Finanzdokumenten begegnet er kompromisslos: Daten kostenloser Nutzer*innen werden nach der Erstellung sofort gelöscht und alle Übertragungen werden strikt verschlüsselt.
David gegen die LegalTech-Goliaths
NebenkostenPro steht für den aktuellen Trend rund um gebootstrappte KI-Start-ups, bei denen ein(e) einzelne(r) Gründer *inmoderne Sprachmodelle nutzt, um teure menschliche Arbeitskraft zu kommoditisieren. Doch was hindert Branchenriesen mit riesigen Budgets daran, Falks Idee mittels offener KI-Schnittstellen einfach zu kopieren?
Falk gibt sich entspannt und räumt ein, dass die reine KI-Technologie kein echter Burggraben sei. Sein Vorteil liege im Domänenwissen und in der Agilität: „Als die CO2-Kostenaufteilung kam, hatte ich das schneller drin als die meisten etablierten Anbieter.“ Zudem bediene NebenkostenPro als einzige Plattform beide Marktseiten – sie prüft für die einen und erstellt für die anderen.
Am Ende, so ist sich der Gründer sicher, gewinne nicht derjenige mit dem größten Team, sondern der Schnellere. „Der Vorsprung entsteht nicht durch eine einmalige technische Idee, sondern dadurch, dass man jeden Tag nah am Nutzer baut und schneller iteriert als die Konkurrenz.“
Zwischen Bildungsdschungel und digitaler Übersicht: Kann das Münchner Start-up kursmap den Weiterbildungsmarkt knacken?
Der Markt für berufliche Weiterbildung in Deutschland ist riesig, extrem fragmentiert – und für Suchende oft frustrierend unübersichtlich. Dariusz Opitek will das Problem mit seinem Start-up kursmap – einer zentralisierten Plattform – lösen. Ein klassisches Plattform-Modell, das schnelles Wachstum verspricht, aber auch bekannte Fallstricke birgt.
Wer in Deutschland nach einer spezifischen beruflichen Fortbildung sucht, landet schnell in einem Labyrinth aus schlecht gepflegten Websites, PDF-Broschüren und intransparenten Preisstrukturen. Genau in diese Lücke stößt die 2025 in München gegründete kursmap GmbH. Erst kürzlich meldete das Start-up einen Meilenstein: Über 150.000 Kurstermine von Präsenz-, Inhouse- und Online-Schulungen sind laut Unternehmensangaben mittlerweile auf der Plattform gebündelt. Doch ist das Modell tragfähig genug, um sich gegen die etablierten Branchengrößen durchzusetzen?
Hinter kursmap steht Gründer und Geschäftsführer Dariusz Opitek. Seine Motivation entsprang einem klassischen Pain Point: Viele Interessierte wissen schlichtweg nicht, welche qualifizierten Anbieter sich in unmittelbarer Nähe befinden. Mit der Vision, „Weiterbildungen sichtbar, digital und einfach zugänglich zu machen“, brachte Opitek die Plattform an den Start.
Doch eine bloße Aggregation von Daten reicht im heutigen Tech-Umfeld selten aus. Bisher steht der Gründer stark im Vordergrund. Auf die Frage, wer neben ihm im Kernteam stehe, um dieses Mammutprojekt zu stemmen, überrascht Opitek mit einer klaren Ansage: „Kursmap ist aktuell noch eine One-Man-Show, und das bewusst.“ Er agiere als Entwickler, SEO-Stratege und Vertriebler in Personalunion. „Was manche als Schwäche sehen, ist für mich ein Vorteil: kurze Entscheidungswege, keine Overhead-Kosten, maximale Fokussierung“, argumentiert der Gründer.
Um sich gegen gut finanzierte Copycats abzusichern, braucht es allerdings einen technologischen Burggraben. Diesen sieht Opitek im Einsatz künstlicher Intelligenz. Er betont, man baue aktuell ein intelligentes Matching-System, das weit über eine klassische Suchmaske hinausgehe. „Nutzer sollen auf Basis ihrer individuellen Situation, ihrer beruflichen Ziele, dem Standort und den aktuellen Marktentwicklungen die passenden Weiterbildungen vorgeschlagen bekommen“, verspricht er. Nicht die erstbeste Option zähle, sondern die richtige. Opitek fasst den Kern seiner Technologie selbstbewusst zusammen: „Das ist keine Datenbank-Logik, das ist ein persönlicher Weiterbildungsberater, der rund um die Uhr verfügbar ist.“
Die Resterampe-Gefahr: Masse statt Klasse?
Die Marke von 150.000 Terminen ist zweifellos beeindruckend. Erreicht wurde dies, indem kursmap die Einstiegshürden für Anbieter bewusst bei null hält, sodass diese eigenständig Profile anlegen können. Genau hier liegt jedoch das größte Risiko: Marktplätze, die auf pure Quantität setzen, laufen schnell Gefahr, mit veralteten Daten oder unseriösen Angeboten der Coaching-Szene überflutet zu werden.
Wie verhindert das Start-up also, zur unregulierten Resterampe zu verkommen? Opitek wehrt sich vehement gegen den Verdacht mangelnder Kontrolle. „Ein niedriger Einstieg bedeutet nicht, dass wir die Augen verschließen, im Gegenteil“, kontert er. Laut dem Geschäftsführer werden alle Profile laufend überprüft, und es gebe klare Prozesse zum Eingreifen. Dass man auf aufwendige Onboarding-Gespräche oder intransparente Anforderungen verzichtet, sei eine sehr bewusste Entscheidung gewesen. Opitek rechtfertigt diesen Weg: „Das schadet besonders kleinen, oft hervorragenden Anbietern, die schlicht nicht die Kapazitäten für bürokratische Hürden haben.“ Sein Credo für die Plattform lautet daher: „Wer gute Kurse anbietet, soll sofort loslegen können. Qualität muss man sich nicht erzwingen, man muss sie fördern.“
Wer zahlt am Ende die Rechnung?
Das Geschäftsmodell basiert auf der kostenlosen Listung für Anbieter*innen, um zügig ein attraktives Angebot aufzubauen. Das Kalkül: Sobald darüber Leads generiert werden, lassen sich diese künftig über Premium-Modelle monetarisieren. Doch um überhaupt Lernende auf die Plattform zu locken, muss kursmap in Google Ads und im organischen Ranking hart gegen etablierte Portale kämpfen – ein Spiel, das meist massiv Kapital verbrennt.
Finanziert das Start-up diesen teuren Sichtbarkeitskampf aus eigener Kraft, oder braucht es dringend externes Venture Capital (VC)? Opitek setzt auf organisches Wachstum durch SEO. „Hochwertige, relevante Inhalte sind die nachhaltigste Investition, die eine Plattform wie kursmap machen kann“, erklärt er. Sichtbarkeit, die man sich hart erarbeite, sei langlebiger als erkaufte Reichweite. Er räumt zwar ein, ergänzend Google Ads zu nutzen, betont jedoch, dass dies hochgradig selektiv passiere. „Kursmap ist und bleibt bootstrapped“, stellt der Gründer klar. Das zwinge das Unternehmen zur Disziplin. Risikokapital sieht er derzeit eher pragmatisch: „Venture Capital ist für uns kein Ziel, sondern eine Option, die wir nur dann in Betracht ziehen würden, wenn sie uns schneller zu unserem Ziel bringt, nicht als Ersatz für ein funktionierendes Modell.“
Der B2B-Pivot: Raus aus dem Google-Hamsterrad
Kursmap agiert in einem Haifischbecken und tritt gegen Portale wie KURSNET, Semigator oder Tech-Riesen wie LinkedIn Learning an. Deutlich spannender als das margenschwache Vermittlungsgeschäft ist daher die langfristige Vision: Opitek plant B2B-Lösungen, mit denen Unternehmen ihre Weiterbildungsbudgets direkt über kursmap verwalten können. Gelingt dieser Wechsel zum B2B-SaaS-Modell, würde sich das Start-up aus der völligen Abhängigkeit vom Google-Traffic befreien.
Doch warum sollten Personalleiter*innen einem Neuling vertrauen statt auf bewährte Features ihrer HR-Software wie Personio oder Workday zu setzen? Auf die konkrete Frage nach der B2B-Strategie bleibt Opitek bei der technischen Ausführung vage und gibt offen zu: „Wie genau wir ihn gestalten, ob als eigenständiges HR-Tool oder als integriertes Feature für Unternehmen, wird die Marktentwicklung zeigen. Wir sind da ehrlich: Wir testen, lernen und passen uns an.“ Gleichzeitig grenzt er sich aber scharf von großen Suiten ab, die oft die inhaltliche Qualität von Weiterbildungsentscheidungen vernachlässigen würden. „Ein Unternehmen, das diesen Mehrwert für seine Mitarbeitenden spürt, wird kursmap nicht als Konkurrenz zu Personio oder Workday sehen, sondern als sinnvolle Ergänzung“, ist Opitek überzeugt.
Booking.com der Bildung oder teure Illusion?
Kursmap greift ein reales Problem in einem oft digital rückständigen Markt auf. Ob das Start-up langfristig aber das „Booking.com für Fortbildungen“ wird, hängt von rigoroser Qualitätssicherung, effizienter Traffic-Skalierung und der Umsetzung der B2B-Pläne ab.
Bleibt am Ende die Frage nach der Langzeitstrategie: Exit oder Industriestandard? Der Gründer strebt die Spitze im deutschsprachigen Raum an, indem man als „aktiver Partner“ fungiere. Gerade weil KI derzeit ganze Berufsbilder umkrempele, bräuchten Menschen laut Opitek keine bloßen Trefferlisten mehr.
„Kursmap soll genau diese Orientierung geben, datenbasiert, individuell, zukunftsgerichtet“, formuliert Opitek seine Ambition. Sollte dies in Deutschland greifen, schließt er eine Expansion nach Europa nicht aus. Einem unkontrollierten Hype erteilt er zum Schluss jedoch eine deutliche Absage: „Wir denken nicht in Szenarien, sondern in Meilensteinen. Erst liefern, dann skalieren.“
Ende einer Vision: Warum die creätr-Gründerinnen den Stecker ziehen
Es sollte der nachhaltige Gegenentwurf zu Fast Fashion in der Umstandsmode werden. Doch das Frankfurter Label creätr der Gründerinnen Verena Seipp und Viktoria Ibbett zieht nach fünf Jahren den Stecker. Wir haben uns mit den beiden Gründerinnen über das Aus unterhalten: Ein lehrreiches Fallbeispiel über die Tücken hoher Produktionsstandards, falsche Pricing-Strategien und die harte Realität in einem preissensiblen Nischenmarkt.
Der Markt für Umstandsmode ist kein leichter: Die Tragedauer der Kleidung ist naturgemäß begrenzt, weshalb viele werdende Mütter aus Kostengründen zu günstiger Fast Fashion greifen. Genau hier wollten die Frankfurter Schwestern Verena Seipp und Viktoria Ibbett vor fünf Jahren ansetzen. Mit der Gründung ihres Labels creätr traten sie an, um eine hochwertige und funktionale Alternative zu schaffen. Ihre Vision: Kleidung für Schwangerschaft und Stillzeit, die Mütter dank durchdachter Funktionen und modernem Design auch lange nach der Mutterschaft noch begleitet.
Doch die Schere zwischen der Vision einer „erreichbaren Marke“ und der tatsächlichen Marktrealität ging schnell auf. „Das haben wir tatsächlich schon relativ früh gemerkt“, räumt Verena ein. Spätestens in der Produktion sei das Dilemma offensichtlich geworden: „Wenn wir all unsere Ansprüche an faire Herstellung, Nachhaltigkeit und hochwertige, langlebige Materialien erfüllen wollen, landen wir automatisch bei einem Preisniveau, das nicht mehr für alle erreichbar ist.“
Die rote Linie bei der Produktion
Die Fertigung sollte von Beginn an kompromisslos verantwortungsvoll sein und fand daher in Europa – konkret in Deutschland, Portugal und Italien – statt. Dieser ethische und qualitative Anspruch erwies sich rückblickend jedoch als enorme wirtschaftliche Herausforderung.
Hätte man nicht einfach in günstigere, nicht-europäische Länder ausweichen können, um die Preise zu senken? „Am Anfang war das für uns ganz klar eine rote Linie“, betont Viktoria. Man habe ihnen schlichtweg vermittelt, dass faire Arbeitsbedingungen und Qualität nur in Europa wirklich sicherzustellen seien. Heute sieht sie das differenzierter: „Mit zunehmender Erfahrung und einem größeren Netzwerk haben wir gelernt, dass es durchaus auch außerhalb Europas verantwortungsvolle Produktionsmöglichkeiten gibt. Diese Perspektive hatten wir zu Beginn so noch nicht.“
Die Pricing-Falle: Wenn externe Beratung am Markt vorbeigeht
Die hohen europäischen Produktionskosten erzwangen Margen, die das Start-up schnell in eine Sackgasse führten. In der kritischen frühen Aufbauphase verließ sich das Gründerduo auf externe Beratung – und positionierte creätr auf deren Anraten stark im Luxussegment. Ein Blick in das Archiv des Webshops verdeutlicht die harte Dimension: Ein Umstands-Sweatshirt schlug regulär mit 289 Euro zu Buche, ein Hoodie kostete 239 Euro, für ein einfaches Still-T-Shirt wurden 169 Euro aufgerufen.
Warum vertrauten die Schwestern der Beratung mehr als ihrem eigenen Gespür für die Zielgruppe? „Diese Frage trifft den Kern unseres größten Learnings – und wir haben sie uns selbst oft gestellt“, reflektiert Viktoria offen. Als unerfahrene Gründerinnen seien sie davon ausgegangen, dass ein Berater mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung den Markt schlicht besser einschätzen könne. Ein fataler Irrtum, wie Verena ergänzt: „Rückblickend war genau das einer unserer größten Fehler.“ Ihr dringender Rat an andere lautet daher: „Vertraue deinem eigenen Bauchgefühl – vor allem, wenn du das Problem und deine Zielgruppe wirklich verstehst.“
Für ein Label, das angetreten war, um eine greifbare Alternative für möglichst viele Mütter zu sein, war dies ein gefährlicher strategischer Schwenk. „In diesem Segment authentisch zu verkaufen, fühlte sich für uns zunehmend nicht richtig an“, resümieren die Gründerinnen heute kritisch. Die tiefe Diskrepanz zwischen dem eigenen moralischen Kompass, dem massiven Preis und der Lebensrealität der Mütter ließ sich auf Dauer nicht überbrücken.
Starke Konkurrenz und psychologische Schwellen
Hinzu kam ein hartes Wettbewerbsumfeld, das verdeutlichte, warum das Luxus-Modell in dieser Nische so schwer durchzusetzen ist. Zwar gibt es einen wachsenden Markt für nachhaltige Maternity Wear, doch selbst etablierte Premium-Wettbewerber wie Boob Design, Mara Mea oder Seraphine rufen für vergleichbare Stücke deutlich niedrigere Preise auf – oft zwischen 60 und 130 Euro.
Auf Babymessen und Pop-up-Events bekamen die Schwestern diese Marktrealität unmittelbar zu spüren. Zwar lobten die Kundinnen die Spürbarkeit der hohen Qualität, doch die Kauflaune blieb aus. „Viele haben offen gesagt, dass sie während der Schwangerschaft ohnehin schon viel fürs Baby ausgeben und deshalb bei sich selbst sparen“, fasst Viktoria die Ernüchterung zusammen. Verena bestätigt das: „Die psychologische Grenze kam immer wieder auf. Viele haben klar gesagt, dass sie – abgesehen vielleicht von einer Winterjacke – nicht bereit sind, über 200 Euro für ein einzelnes Kleidungsstück auszugeben.“ Gegen diese psychologische Hürde bei einer temporären Lebensphase half letztlich auch der Ansatz auf langlebiges Design nicht.
Fazit: Authentizität schlägt Berater-Theorie
Das Ende von creätr ist eine klassische Lektion für die Start-up-Szene. Die mathematisch korrekte Preiskalkulation für eine faire, europäische Produktion muss zwingend mit der Zahlungsbereitschaft des Marktes einhergehen. Wenn externe Strategen ein Unternehmen in ein Segment drängen, das nicht zur Grundidee passt, geht nicht nur die Authentizität verloren, sondern auch das Geschäftsmodell.
Mittlerweile haben die Schwestern die creätr GmbH in Liquidation geschickt und das Ende der Marke angekündigt. Aktuell läuft ein radikaler Schlussverkauf, bei dem sämtliche Teile der Kollektion für nur noch 29 Euro angeboten werden, um die Läger zu leeren und die Kleidung zumindest noch ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen. Ein harter Schlussstrich unter ein ambitioniertes Projekt.
Was würden sie anderen Gründerinnen und Gründern in der Sustainable Fashion mit auf den Weg geben? „Sei dir wirklich klar darüber, wofür dein Produkt steht und was du erreichen willst“, rät Verena Seipp eindringlich. „Dieses Ziel sollte dein Nordstern sein – und die Basis für jede Entscheidung.“
Zudem warnt Viktoria Ibbett vor zu großen Ambitionen am Anfang: „Starte klein. Wirklich klein. Konzentriere dich am Anfang auf ein Produkt, teste es, optimiere es und baue darauf auf.“ Dass ihnen damals geraten wurde, direkt mit einer gesamten Kollektion zu starten, sei ein Fehler gewesen. Es war nicht nur teuer, sondern verwässerte auch die Botschaft: „Mit einem klaren Hero-Produkt ist vieles einfacher: Marketing, Kommunikation und vor allem das Verständnis bei den Kundinnen, wofür deine Marke eigentlich steht.“
Start-up-Report: Creator Support Services
Die industrielle Revolution der Creator*innen ist in vollem Gange: Unser Report beleuchtet den boomenden Markt und zeigt die deutschen Tech-Start-ups, die das Rückgrat der neuen Medien-Champions bauen.
Wir erleben das Entstehen einer neuen ökonomischen Spezies: Der Creator-Founder. Die Grenze zwischen dem/der klassischen Online-Händler*in und dem/der modernen Content-Creator*in ist endgültig gefallen. Wer heute Reichweite besitzt, baut keine Community mehr auf, sondern ein dezentrales Medien- und Handelsimperium. Diese Transformation vom Nischenthema zur Systemrelevanz braucht jedoch eine industrielle Basis. Genau hier betritt eine neue Generation von Start-ups die Bühne. Diese „Werkzeugmacher*innen“ – spezialisiert auf KI-gesteuerte Produktion, autonome Analyse und FinTech – bilden das unsichtbare, hochprofitable Rückgrat einer Branche, die gerade ihre industrielle Revolution erlebt.
Das Ökosystem wird erwachsen
Die Marktlage im Jahr 2026 beweist eindrucksvoll, dass die Werkzeug-Infrastruktur für digitale Entrepreneur*innen den Kinderschuhen entwachsen ist. Laut aktuellen Hochrechnungen etablierter Investmentbanken steuert die globale Creator Economy unaufhaltsam auf die 400-Milliarden-Dollar-Marke zu, wobei ein signifikanter zweistelliger Prozentsatz direkt in Software- und Servicetools fließt.
Auch in Deutschland bestätigt der jüngste KfW-Gründungsmonitor diese Reife: Software-Lösungen für digitale Medienschaffende gehören zu den widerstandsfähigsten B2B-Segmenten der Post-Krisen-Ära. Der technologische Haupttreiber dieser rasanten Professionalisierung ist zweifellos die angewandte generative künstliche Intelligenz, dicht gefolgt von prädiktiven Datenmodellen. Deutsche Risikokapitalgeber*innen haben im vergangenen Jahr schätzungsweise über 350 Millionen Euro spezifisch in dieses Vertical gepumpt. Es geht längst nicht mehr um experimentelles Wagniskapital, sondern um Growth-Metriken und wiederkehrende SaaS-Umsätze in einem Markt, der eine beispiellose Professionalisierung erfährt.
Technologien der totalen Integration
Blickt man jenseits der offensichtlichen Dashboards, offenbaren sich die wahren Maschinenräume dieses Jahres. Drei Sub-Sektoren dominieren aktuell das Geschehen und treiben die Verschmelzung von Commerce und Content voran. Zunächst ist da die autonome KI-Postproduktion, bei der Algorithmen nicht nur schneiden, sondern selbständig Narrative für Verkaufsformate generieren.
Ein weiterer massiver Treiber ist die prädiktive Marken-Compliance. Hierbei handelt es sich um Legal-Tech-Lösungen, die vollautomatisiert Werbekennzeichnungspflichten und internationale Steuermodelle für Creator-Marken überwachen.
Schließlich etabliert sich das Creator FinTech, insbesondere durch umsatzbasierte Finanzierungsmodelle, die den dynamischen Cashflow von Influencer-Brands algorithmisch bewerten können. Während Pioniere der ersten Welle wie Linktree lediglich Brücken bauten, stoßen die aktuellen Akteure tief in diese hochkomplexen, technologischen Nischen vor, um den Creator*innen als vollwertigen E-Commerce-Akteur*innen zu befähigen.
Reality Check: Der Kater nach dem Hype
Dass diese Branche jedoch kein automatischer Garant für Einhörner ist, bewies der spektakuläre Crash der Web3-Creator-Plattformen um das Jahr 2023. Hochgelobte Projekte wie BitClout verbrannten Hunderte Millionen Dollar an Risikokapital, weil sie die Usability vernachlässigten und keinen echten Nutzwert jenseits der Spekulation boten. Aus diesem schmerzhaften Reality Check lassen sich vier fatale Fallstricke für heutige Gründer*innen ableiten. Der erste Fehler ist das API-Klumpenrisiko, also die blinde Abhängigkeit von den Launen großer Plattformen wie Meta oder YouTube. Ein zweites, oft tödliches Problem sind katastrophale Unit Economics bei Tools, die nur den nicht-monetarisierbaren "Long Tail" der Hobby-Nutzer*innen bedienen. Der dritte Fallstrick ist die chronische Unterschätzung der Regulatorik, insbesondere des EU AI Acts. Das vierte Learning betrifft den Technologie-Fetischismus: Wer Lösungen aufzwingt, die technologisch brillieren, aber in der alltäglichen User Experience der Creator*innen versagen, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Deutschlands heimliche Creator-Hubs
Die architektonische Landkarte der deutschen Creator-Tool-Landschaft konzentriert sich 2026 auf hochspezialisierte Hotspots. Berlin bleibt der unangefochtene Magnet, angetrieben von einer dichten Konzentration an Media-Tech-VCs und der Strahlkraft von Kaderschmieden wie der ESMT. München agiert als das kraftvolle Gegenstück für harte Technologiebedingungen. Angefacht durch das CDTM und die TU München, entstehen hier vor allem datenlastige B2B-SaaS-Produkte für die Industrie. Das Rheinland, spezifisch die Achse Aachen und Köln, fungiert als historisch gewachsenes Cluster, das auf dem Fundament klassischer TV-Produktionen und starken Informatik-Fakultäten wie der RWTH Aachen basiert. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch Hamburg. Die Hansestadt nutzt ihre tiefe Verwurzelung in der Werbe- und Agenturwelt sowie Netzwerke wie den Next Media Accelerator, um Tools zu entwickeln, die genau an der Schnittstelle zwischen Markenbudgets und der Creator-Commerce-Welt ansetzen.
Investor*innen-Radar
Ein genauer Blick auf die Geldgeber*innen offenbart, wer das Benzin für diese Maschine liefert. Bei den spezialisierten VCs haben Akteure wie Creator Ventures den Takt vorgegeben, während in Deutschland vor allem Vehikel rund um OMR Ventures den tiefen Brancheneinblick für Seed-Finanzierungen nutzen. Auf der Ebene der Top-Tier Generalisten sehen wir Fonds wie Creandum, Cherry Ventures und Point Nine, die ihre rigorosen B2B-SaaS-Metriken nun konsequent auf Creator-Tools anwenden. Die Industrie mischt über Corporate VCs ebenfalls kräftig mit; hier sichern sich Bertelsmann Investments oder SevenVentures strategische Marktanteile, um ihre eigenen Wertschöpfungsketten zu digitalisieren. Der eigentliche Motor der Frühphase sind jedoch die Business Angels und Syndikate. Hier agieren Digitalgrößen wie Philipp Westermeyer oder Prominente wie Mario Götze als strategische Türöffner, die den Start-ups unmittelbaren Zugang zu jener Creator-Elite verschaffen, die heute die Märkte bewegt.
Die Top Start-ups (Must-Watch 2026)
Die für diesen Report ausgewählten Start-ups wurden anhand einer rigorosen Analyse ihrer Marktrelevanz im Jahr 2026, ihres technologischen Reifegrades sowie der Stabilität ihrer Geschäftsmodelle bewertet. Ein wesentliches Kriterium war zudem das Investoren-Vertrauen durch namhafte Risikokapitalgeber. Wir betrachten ausschließlich Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden, um den aktuellen Innovationszyklus der "Post-Plattform-Ära" präzise abzubilden – jene Ära, in der Creator zu echten Handelsmarken werden.
Passionfroot (Gegründet 2021)
Das Team um Jennifer Phan, Jens Willemen und Michelle Tian hat von Berlin aus einen globalen Standard gesetzt. Ihr B2B-SaaS-Modell bietet einen ganzheitlichen Workspace, der Sponsoring-Anfragen und CRM für Creator zentralisiert. Der USP ist die radikale Vereinfachung des Backoffice-Chaos für jene „Solopreneur*innen“, die heute Millionenumsätze verwalten. Namhafte VCs wie Creandum und Cherry Ventures investierten hier in einer Seed-Runde 3 Millionen Euro in Passionfroot.
Nindo (Gegründet 2020)
Gegründet von Rezo und Tim Jacken in Aachen, ist Nindo der Inbegriff für den Sprung von Content-Expertise zu tiefen B2B-Data-SaaS-Lösungen. Das Unternehmen bietet granularste Analytics und Reichweiten-Validierungen für das Influencer-Marketing. Durch den Einstieg und die strategische Partnerschaft mit dem globalen Medienhaus Webedia stützt Nindo heute maßgeblich das Wachstum jener Marken, die auf datenbasierte und verifizierte Creator-Kooperationen setzen.
cofenster (Gegründet 2020)
Die Hamburger Gründer Tom Vollmer, Oliver Wegner und Finn Frotscher adressieren die „Corporate Creator Economy“. Ihr Tool ermöglicht es Unternehmen, Mitarbeiter-Content via KI-Guidance in professionelle Verkaufs- und Info-Videos zu verwandeln. Dieser Ansatz sicherte cofenster unter anderem eine Seed-Finanzierung in Höhe von 1,5 Millionen Euro, angeführt von Capnamic Ventures.
Charles (Gegründet 2020)
Artjem Weissbeck und Andreas Tussing bringen mit Charles Conversational Commerce nach Berlin. Ihr SaaS-Modell erlaubt es E-Commerce- und Creator-Brands, Marketing und Verkauf vollständig über WhatsApp abzuwickeln. Der USP liegt in der direkten Monetarisierung ohne Algorithmus-Abhängigkeit, was Salesforce Ventures im Rahmen einer Series-A-Runde zu einem Investment von 20 Millionen Dollar veranlasste.
Wonnda (Gegründet 2022)
Das Berliner Duo Martin Ditzel und Oliver Allmoslechner schließt die Lücke zwischen digitaler Reichweite und physischem Handel. Als B2B-Marktplatz verbindet Wonnda Creator*innen mit europäischen Hersteller*innen für Eigenmarken. Die Plattform digitalisiert das Sourcing und zementiert den Trend zum „Creator-as-a-Manufacturer“, finanziert von namhaften Frühphasen-VCs wie Pitchdrive.
Oxolo (Gegründet 2020)
Das Hamburger Team um Elisabeth L’Orange und Heiko Hubertz besetzt die entscheidende Schnittstelle, an der 2026 die Grenze zwischen klassischem E-Commerce und Creator-Content endgültig verschwindet. Ihr „URL-to-Video“-Modell generiert aus schlichten Shop-Links hochgradig konvertierende Videoclips mit KI-Avataren. Dass Oxolo primär von „Sellern“ spricht, ist ein strategisches Understatement: In Wahrheit nutzen vor allem Creator-Founders das Tool, um ihre D2C-Brands zu industrialisieren. Mit einer Series-A-Finanzierung von 13 Millionen Euro (Lead: DN Capital) ist Oxolo der unsichtbare Motor hinter dem kommerziellen Erfolg moderner Creator-Marken.
Moojo (Gegründet 2021)
Das Berliner Start-up von Amir Djouadi, Christian Engnath und Utena Treves fungiert als das finanzielle Rückgrat der dezentralen Wirtschaft. Moojo bietet eine integrierte FinTech-Lösung, die Rechnungsstellung und sofortige Auszahlungen für Creator*innen automatisiert. Durch die Reduzierung von Zahlungsverzögerungen löst das Start-up eines der größten Liquiditätsprobleme der Branche, unterstützt durch ein 2-Millionen-Dollar-Pre-Seed-Funding von b2venture und APX.
ZebraCat (Gegründet 2022)
Reza Zolfaghari und Michael Baumgartner konzentrieren sich mit ZebraCat in Berlin auf die „Prompt-to-Video“-Revolution. Ihr Modell ermöglicht es Creator*innen, durch einfache Textbeschreibungen komplexe Video-Narrative inklusive Schnitt zu generieren. Als Absolventen von Entrepreneur First verkörpern sie die neue Generation von KI-Tools, die den kreativen Prozess radikal beschleunigen.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick auf die globale Makroebene zeigt, dass die europäische Creator Economy erst am Anfang einer tiefgreifenden Umwälzung steht. Aus Asien schwappt die nächste Evolutionsstufe der Live-Commerce-Infrastruktur herüber, während in den USA autonome KI-Agenten bereits die Verhandlungen komplexer Marken-Deals übernehmen. Für den europäischen Markt bedeutet dies: Wer heute noch isolierte Content-Tools baut, wird den Anschluss an den Handel verlieren. Die Zukunft gehört jenen Plattformen, die den gesamten Workflow vom ersten Frame bis zum finalen Checkout digitalisieren.
Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen: Die Creator Economy ist kein flüchtiger Trend mehr, sondern das Betriebssystem des modernen Mittelstands. Wer die Souveränität über die eigene Technologie und die eigenen Daten besitzt, wird die Medienhäuser und Handelskonzerne von morgen führen.
Über den Wolken, aber digital
Wie das 2020 von Heinz Koop gegründete Aviation Hero den verstaubten Markt der Flugausbildung aufmischt.
Die Ausbildung zum/zur Privatpilot*in galt jahrzehntelang als zeitaufwendig, wenig flexibel und extrem papierlastig. Wer fliegen lernen wollte, musste sich den rigiden Zeitplänen traditioneller Flugschulen unterordnen oder am Wochenende im Aeroclub Arbeitsstunden ableisten. Das Monheimer Start-up Aviation Hero tritt an, um genau diesen Schmerzpunkt zu lösen. Mit dem Claim, „Deutschlands erste volldigitale Flugschule“ zu sein, hat das Unternehmen eine stark regulierte Nische digitalisiert. Wir werfen einen genaueren Blick auf das gebootstrappte Geschäftsmodell, das EdTech mit Luftfahrtrecht verbindet.
Das geht besser!
Hinter Aviation Hero steht der Gründer Heinz Koop. Als er 2018 selbst enthusiastisch seine Ausbildung zum Privatpiloten (PPL) begann, stieß er schnell auf die harte Realität der Branche: trockener Theorieunterricht, unflexible Strukturen und eine hohe Abbruchquote bei den Flugschüler*innen. Aus diesem Negativerlebnis heraus entstand die Geschäftsidee. Im Jahr 2020, mit gerade einmal 22 Jahren, brach Koop sein Studium ab und gründete die Aviation Hero GmbH.
Bemerkenswert in der heutigen Start-up-Landschaft: Das Unternehmen ist zu 100 Prozent gebootstrappt. Anstatt auf Risikokapitalgeber*innen zu setzen, finanzierte Koop das Projekt aus eigenen Mitteln und baute das Angebot organisch auf. Ein massiver Wachstumstreiber war dabei Social Media. Mit einem YouTube-Kanal, der mittlerweile über 14.000 abonnierende Luftfahrt-Enthusiast*innen zählt, schuf sich Koop eine eigene Vertriebs-Pipeline und wurde zum Gesicht der modernen Pilotenausbildung in Deutschland.
„Ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie“
Dass der Aufbau eines Unternehmens in einem extrem kapitalintensiven Markt ohne externes Geld kein Spaziergang ist, musste Koop schnell feststellen. „Es gab nicht den einen Tiefpunkt, sondern mehrere Phasen, in denen ich kurz davor war aufzuhören“, erinnert sich der Gründer. Ein besonders kritischer Moment ereignete sich kurz vor dem Launch des ersten Theoriekurses. Die Teilnehmer*innen hatten bereits bezahlt, als der fest eingeplante Fluglehrer plötzlich per Telefon absagte – ausgerechnet, als Koop sich wegen gesundheitlicher Probleme auf einer Ayurveda-Kur in Indien befand.
„Ich stand irgendwo am Strand in Indien, hatte Kunden, die sich auf den Kurs freuten, und keinen Fluglehrer mehr“, beschreibt er die absurde Situation. „Kein Investor, kein Sicherheitsnetz, kein Team das auffängt – alles hing an mir.“ Den Kurs abzusagen, kam für ihn jedoch nicht infrage. Nach unzähligen Telefonaten aus Indien fand er schließlich einen Ersatz, der den Kurs letztlich sogar noch besser betreute. Was ihn in diesen harten Momenten antrieb? „Was mich in solchen Momenten immer zum Weitermachen motiviert hat, waren die Nachrichten von Flugschülern“, betont Koop. Wenn Zweifel aufkamen, las er Nachrichten wie: „Heinz, ohne euch hätte ich meinen Traum nie verwirklicht.“ Seine wichtigste Lektion für andere Gründer*innen lautet daher: „Du brauchst nicht den perfekten Businessplan – du brauchst direktes Kundenfeedback, das dir zeigt, dass das, was du baust, einen echten Unterschied macht. Das ist dein Treibstoff, wenn alles andere wegbricht.“
EdTech im Cockpit
Heute ist Aviation Hero vom Luftfahrt-Bundesamt bzw. der Bezirksregierung als Declared Training Organization offiziell zertifiziert. Das Kerngeschäft ist der Verkauf von digitalen Ausbildungspaketen für angehende Privatpilot*innen, allen voran das Sprechfunkzeugnis („BZF Mastery“) sowie Theorie-Crashkurse für die Lizenzen LAPL und PPL.
Die methodische Umsetzung erinnert dabei an moderne EdTech-Plattformen und kombiniert hochwertig animierte Videolektionen, die Netflix-ähnlich konsumiert werden können, mit interaktiven Live-Q&A-Sessions via Zoom und einer Community-Plattform namens Skool für den direkten Austausch.
Dass die konservativen Luftfahrtbehörden diesen digitalen Ansatz absegneten, war laut Koop weniger ein Kampf als oft vermutet. „Ehrlicherweise war der Ansatz gar nicht so radikal, wie er von außen wirkt“, wiegelt er ab. Zugelassene Fernlehrgänge gab es bereits, doch bestanden diese oft aus endlosen Textwüsten ohne Support. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Vorteile aus beiden Modellen kombinieren? Herausgekommen ist der Aviation Hero Ansatz“, erklärt Koop.
Die eigentliche Herausforderung sei nicht die Behördenüberzeugung gewesen, sondern die Produktion von Hunderten Videolektionen und der Aufbau der eigenen Methodik. Als das Konzept stand, erkannte die Bezirksregierung in Düsseldorf schnell den Mehrwert. „Die Zusammenarbeit ist seitdem konstruktiv und vertrauensvoll“, versichert der Gründer.
Digitale Disruption gegen E-Learning-Dinosaurier
Der Markt für Flugausbildungen im DACH-Raum ist extrem stark fragmentiert. Neben Hunderten lokalen Flugvereinen gibt es etablierte Branchenriesen wie CAT oder Cranfield Aviation. Doch diese Platzhirsche dominieren primär als B2B-Zulieferer und bieten den Schüler*innen oft textlastiges E-Learning der alten Schule. Aviation Hero fischt hier in einem „Blue Ocean“, indem das Start-up die Endkund*innen (B2C) direkt und professionell über Performance Marketing anspricht.
Wird das Start-up in der traditionellen Branche als feindlicher Disruptor oder als dringend benötigter Modernisierer wahrgenommen? „Beides – und es hängt davon ab, wen du fragst“, räumt Koop ein. Zwar höre er regelmäßig skeptische Stimmen, die auf reinen Präsenzunterricht pochen, doch viele Flugschulen sähen Aviation Hero längst als wertvolle Ergänzung. „Unsere Teilnehmer kommen mit bestandenem BZF und bestandener Theorie zu ihnen – und können vom ersten Tag an das Wetterbriefing lesen, den Funk machen und die Lufträume verstehen“, erklärt er den Vorteil für die Praxis-Schulen. Sein klares Credo: „Wir wollen nicht gegen die Branche arbeiten, sondern mit ihr – aber auf einem modernen Level.“
Wo sind die Turbulenzen?
Trotz über 2.000 begleiteter Schüler*innen gibt es auch Herausforderungen. Die Luftfahrt ist eine der am stärksten reglementierten Branchen der Welt. So verbieten EASA-Richtlinien ein reines Netflix-Modell und fordern einen Anteil an synchronem, betreutem Unterricht von etwa zehn Prozent. Auch Prüfungen müssen physisch bei der Bezirksregierung oder der Bundesnetzagentur abgelegt werden.
Zudem sorgt das Aviation-Hero-Preismodell im Premium-Segment gelegentlich für Diskussionsstoff. Die Kritik: Der reguläre Zugang ist auf vier Monate begrenzt; wer länger braucht, muss monatliche Verlängerungsgebühren zahlen. Auf den Vorwurf eines reinen „Penalty-Pricings“ zur Profitsteigerung reagiert Koop jedoch entschieden: „Die zeitliche Begrenzung ist ein bewusster Teil unseres Ausbildungskonzepts – und zwar im Interesse der Teilnehmer.“
Vor dem Start erarbeite man in kostenlosen Zoom-Gesprächen einen klaren Fahrplan, sodass volle Transparenz herrsche. „Warum überhaupt ein Zeitrahmen? Weil der gefährlichste Fehler in der Flugausbildung ein Projekt ohne Deadline ist“, warnt der junge Unternehmer eindringlich. Zu oft meldeten sich Flugschüler*innen motiviert an, verlören sich dann aber im Alltag. „Wer sich BZF und Theorie über viele Monate streckt, braucht exponentiell mehr Zeit, weil man sich jedes Mal wieder neu in die Themen reindenken muss“, analysiert Koop. Der Fokus auf einen kompakten Zeitraum sei schlichtweg pädagogisch sinnvoller.
Fazit & Ausblick
Letztlich verlagert eine digitale Theorie-Ausbildung den Flaschenhals auf die praktische Umsetzung im Cockpit, wo schlechtes Wetter oder fehlende Fluglehrerinnen drohen. Hier setzt Aviation Hero mit dem neuen „Praxis Sprint“ an. Gemeinsam mit einer Partnerflugschule in Hannover können Schüler*innen die komplette praktische Ausbildung in nur vier Wochen durchziehen. „BZF und Theorie online in drei Monaten, Praxis in einem Monat – die komplette Privatpilotenlizenz in zirka vier Monaten möglich. Das gibt es in Deutschland in dieser Form sonst nirgends“, verspricht Koop. Für die künftige Skalierung setzt er massiv auf den Ausbau dieses Partnernetzwerks. Flugschulen schicken ihre Schüler*innen für die Theorie zu Aviation Hero, und das Start-up vermittelt sie für die Praxis zurück.
Trotz des schnellen Wachstums bleibt der Gründer bodenständig: „Wir sind gebootstrappt und wachsen organisch. Das heißt: Wir machen den nächsten Schritt erst, wenn der aktuelle wirklich sitzt.“ Das Start-up beweist eindrucksvoll: Selbst in einer stark regulierten und verstaubten Branche kann der radikale Fokus auf digitale Nutzer*innenerfahrung Marktführer hervorbringen. Die spannendste Frage wird nun sein, wie reibungslos Aviation Hero in Zukunft die physischen Flugstunden für seine wachsende Schüler*innenschaft skalieren kann.
Der Millionen-Pakt: Wie INTELLEGAM den Spagat zwischen Start-up-Freiheit und Konzern-Korsett meistert
Es war ein Paukenschlag im Frühjahr 2025, der weit über die Flure der Hochschule München hinaus hallte. Das australische Softwareunternehmen Infomedia kaufte sich für rund 6,1 Millionen Euro beim Münchner KI-Start-up INTELLEGAM ein. Ein klassischer Exit-Traum, so schien es, für das fünfköpfige studentische Gründerteam rund um Tobias Hettfleisch, Marc Gehring, Marco Zöller, Philipp Seiter und Hannes Burrichter.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Der Deal war kein Schlusspunkt, sondern der Beginn einer hochkomplexen Transformationsphase. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2026, und das Team aus dem Münchner Vorort Neuried muss nun beweisen, dass seine Technologie auf der globalen Bühne bestehen kann, ohne dass die eigene Identität im Räderwerk eines börsennotierten Konzerns zermahlen wird.
Die Realität nach dem Handschlag
Die Tinte unter dem Vertrag war kaum trocken, da begann für INTELLEGAM der operative Realitätscheck. Von der Kaufsumme flossen rund 1,2 Millionen Euro direkt als Working Capital in das Start-up. Dieses frische Kapital fungierte als Brandbeschleuniger für die Produktentwicklung, brachte jedoch völlig neue Spielregeln mit sich. Aus dem agilen Spin-off des Masterstudiengangs „Applied Business Innovation“ der HM Business School wurde über Nacht ein integraler Bestandteil eines globalen Daten-Ökosystems. Infomedia bedient weltweit über 250.000 Branchenexpert*innen bei rund 50 OEM-Marken in 186 Ländern. Plötzlich ging es für das Münchner Team nicht mehr nur um die Beratung lokaler Firmen in Deutschland, sondern um die nahtlose Integration ihrer KI-Lösungen in extrem heterogene, internationale Konzernstrukturen.
Vom Proof of Concept zur globalen Skalierung
Die technologische Kernkompetenz von INTELLEGAM – die Umwandlung komplexer, unstrukturierter Fahrzeugdaten in sofort abrufbares Wissen – musste in den vergangenen Monaten den ultimativen Stresstest bestehen. Vor dem Deal nutzten laut Unternehmensangaben bereits asiatische Automobilhersteller wie BYD und Nissan die Software erfolgreich in Europa. Doch durch das gewaltige Vertriebsnetzwerk der Australier wuchs der Druck zur Massentauglichkeit. Produkte wie der „Repair Assistant“, der komplexe Schaltpläne in einfache Reparaturanleitungen für Mechaniker*innen übersetzt, oder die intelligenten Voice- und Web-Assistenten für den Kund*innenservice, mussten nun für unterschiedlichste Märkte und in diversen Sprachen fehlerfrei funktionieren. Die proprietäre Sucharchitektur, die das gefürchtete Halluzinieren der KI durch Retrieval-Augmented Generation nahezu komplett ausschließen soll, wurde dabei zum wichtigsten Verkaufsargument gegenüber skeptischen Werkstattleiter*innen weltweit.
Das Damoklesschwert der Earn-out-Klausel
Ein genauer Blick auf die Transaktionsstruktur von 2025 offenbart eine strategische Finesse, die gleichzeitig eine enorme psychologische Bürde darstellt. Infomedia erwarb zunächst nur die Hälfte des Unternehmens. Die restlichen 50 Prozent können die Australier innerhalb von fünf Jahren übernehmen, sofern vorab definierte, harte finanzielle und strategische Ziele erreicht werden. Die künftige Unternehmensbewertung ist dabei direkt an Umsatz und Profitabilität gekoppelt. Diese Konstruktion schützt Infomedia vor Fehlinvestitionen, erzeugt aber für das Münchner Team einen unerbittlichen Leistungsdruck. Die Gründer befinden sich seitdem in einem ständigen Balanceakt: Sie müssen aggressive Wachstumsziele im Vertrieb erreichen, dürfen aber die kostenintensive Weiterentwicklung ihrer Basistechnologie nicht vernachlässigen.
Die Verteidigung des „technologischen Burggrabens“
Während INTELLEGAM mit Infomedia im Rücken den Aftersales-Markt beackert, schläft die Konkurrenz der BigTech-Konzerne nicht. Das Start-up veredelt Basis-Sprachmodelle für den hochspezifischen Automobil-Gebrauch. Ihr eigentlicher Burggraben ist die Fähigkeit, verstaubte Service-Bulletins, Tabellen und kryptische Herstellerhandbücher fehlerfrei zu strukturieren. Doch dieser Vorsprung droht perspektivisch zu schmelzen. Die generischen Basis-Modelle großer Tech-Giganten verfügen über immer gewaltigere Kontextfenster und lernen rasant, riesige Datenwüsten nativ und ohne große Vorstrukturierung zu verstehen. INTELLEGAM muss deshalb im Eiltempo beweisen, dass ihr tiefes Domänenwissen im Automobilsektor gepaart mit den Daten von Infomedia einen echten, unersetzbaren Mehrwert bietet, der über eine bloße API-Anbindung hinausgeht.
Die menschliche Komponente des Half-Exits
Neben den technologischen und vertrieblichen Hürden ist die Zeit nach dem großen Deal vor allem eine Reifeprüfung für die Unternehmenskultur. Die Dynamik eines studentischen Gründerteams kollidiert in der Realität unweigerlich mit den Erwartungen eines globalen Software-Konzerns. Das Team ist gewachsen, Strukturen mussten eingezogen und Rollen professionalisiert werden. Für die Gründer stellt sich damit auch die Sinnfrage nach der eigenen Identität im neuen Konstrukt. Sind sie noch die agilen Visionäre, die eine Industrie umkrempeln, oder navigieren sie bereits im Fahrwasser etablierter Manager? Genau diese innere Haltung wird letztlich darüber entscheiden, ob die strategische Ehe mit Infomedia eine nachhaltige Erfolgsgeschichte bleibt.
Anmerkung der Redaktion: INTELLEGAM hat auf unsere vertiefenden Fragen zunächst geantwortet, diese Freigabe vor der Veröffentlichung jedoch wieder zurückgezogen. Als Grund nannte das Unternehmen: „Die uns bereitgestellten Fragen sind legitim, aber in Ihrer Formulierung nicht vereinbar mit unserem öffentlichen Auftritt.“
Better Sol: Zweites Leben für die Solarwende
Wie das 2023 von Mirko Laube und Luisa Schulze gegründete Start-up Better Sol den PV-Gebrauchtmarkt aufmischen will.
Das Braunschweiger Start-up Better Sol erhält rund 125.000 Euro Förderung aus dem „Green Startup“-Programm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), um gebrauchte Solarpaneele in großem Stil zurück in den Markt zu bringen.
Hinter dem Start-up stehen Luisa Schulze und Mirko Laube. Better Sol entstand ursprünglich im Sommer 2022 als Ausgründung des Magdeburger Recycling-Unternehmens Solar Materials und agiert seit 2023 als eigenständige GmbH am Standort Braunschweig. Während sich die ehemalige Muttergesellschaft auf das komplexe werkstoffliche Recycling von Modulen konzentriert, widmet sich Better Sol voll und ganz dem „Second Life“ – also der direkten Wiederverwendung der noch intakten Platten.
KI-gestützte Prüfung statt Schredder
Die Beschaffungsseite von Better Sol zielt primär auf große Solarparks ab. Die Betreiber tauschen dort häufig größere Mengen an Solarmodulen recht früh in ihrem Lebenszyklus durch neuere, leistungsstärkere Modelle aus. Um diese Module vor dem Müll zu bewahren, hat das Better-Sol-Team mittels DBU-Förderung ein in Teilen automatisiertes Testsystem mit eigener Software auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt.
Der Prüfprozess beginnt mit einer mehrstufigen optischen Untersuchung, bei der sowohl grobe Beschädigungen als auch jede Solarzelle einzeln begutachtet werden. Im Anschluss folgen eine eingehende Prüfung der elektrischen Sicherheit sowie eine Leistungsüberprüfung, die misst, wie viel Watt das Produkt im Vergleich zur ursprünglichen Leistung noch liefert. Die Software führt all diese Daten automatisiert zu einer detaillierten Leistungsprognose zusammen. Jedes funktionstüchtige Modul erhält ein Label mit den Testdaten, einer zugewiesenen Leistungsklasse und einem umfangreichen Prüfprotokoll. Nur der endgültige Rest wird zum Recycling aussortiert. Der Vertrieb erfolgt direkt über die Internetseite von Better Sol. Zielgruppe sind oft Privathaushalte oder die Dächer größerer Fabrikhallen.
Der Markt und die Technologie im Wettbewerbsvergleich
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verbucht die Photovoltaik mittlerweile einen Anteil von etwa 24 Prozent und ist damit der zweitwichtigste Energieträger der inländischen Stromerzeugung. Das Reservoir an ausgemusterten, aber noch funktionierenden Modulen wächst rasant. Laut Schulze ist im Schnitt jedes zweite gebrauchte Solarmodul noch für eine erneute Nutzung geeignet. Doch der Gebrauchtmarkt professionalisiert sich zusehends.
Better Sol setzt aktuell auf eine pragmatische, KI-gestützte Teilautomatisierung und plant als nächsten logischen Entwicklungsschritt eine mobile Testanlage, um die Solarmodule direkt dort zu testen, wo sie ausgemustert werden. Genau in diesem logistisch entscheidenden Bereich der Vor-Ort-Prüfung operiert bereits der etablierte Wettbewerber 2ndlifesolar, eine Marke der großen Buhck Gruppe. 2ndlifesolar greift auf ein deutschlandweites Logistiknetzwerk zurück und kombiniert stationäre Erstbehandlungsanlagen mit mobilen Prüflaboren. Technologisch geht das Unternehmen tief in die industrielle Qualitätssicherung und führt standardmäßig Elektrolumineszenz-Prüfungen durch, um unsichtbare Mikrorisse im Vorfeld zu detektieren.
Einen völlig anderen, stark hochskalierten Weg bestreitet das österreichische CleanTech-Start-up 2nd Cycle. Das Unternehmen betreibt eine vollautomatische Inspektions- und Upcycling-Anlage im industriellen Hochdurchsatz und nutzt neben klassischer Robotik auch patentierte hyperspektrale Analysen aus der Raumfahrt, um Zellalterungen frühzeitig zu erkennen.
Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg
Das Vorhaben von Better Sol leistet einen fundamentalen Beitrag, um noch leistungsfähige Materialien durch geschickte Kreislaufwirtschaft für eine Weiternutzung zu erhalten, damit die Bemühungen für mehr erneuerbare Energien nicht ins Stocken geraten. Dennoch muss sich das Geschäftsmodell in einem harten Wettbewerb beweisen.
Die Handwerkerkosten für den Aufbau einer PV-Anlage auf einem Eigenheim sind hoch und fallen völlig unabhängig davon an, ob man neue oder gebrauchte Paneele installiert. Gleichzeitig steht der Markt unter enormem Preisdruck durch historisch günstige asiatische Neuware. Wenn fabrikneue Module extrem billiger werden, schwindet das Argument der finanziellen Ersparnis bei Gebrauchtmodulen mit kürzerer Restlebensdauer. Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von Better Sol liegt daher in der rigorosen Minimierung der eigenen Logistik- und Prozesskosten. Die geplante mobile Testanlage und die zusätzliche Automatisierung des Testsystems sind für das Start-up essenziell, um künftig auch größere Ausmusterungen von Solarparks wirtschaftlich bewältigen zu können.
Aiconiq.io: Das KI-Gehirn für den Mittelstand – Brillante Vision oder teure Manufaktur?
Autonome Agenten, halbierte Prozesskosten und sicheres Daten-Hosting: Mit Aiconiq.io tritt ein Start-up an, um das KI-Gehirn für den Mittelstand zu bauen. Wir wollten wissen, wie das „Corporate Brain“ funktioniert und wo die Herausforderungen bei der Skalierung liegen.
Hinter der Aiconiq GmbH stehen zwei ausgewiesene Branchenexperten. Gegründet wurde das Start-up 2025 von Prof. Dr. Peter Gentsch, einem bekannten KI-Pionier und Seriengründer, sowie dem KI-DeepTech-Experten Dr. Michael Patrushev. Gemeinsam bringen sie jahrzehntelange Erfahrung aus der KI-Forschung, im internationalen Engineering und beim Skalieren technologiegetriebener Unternehmen in ihr neues Projekt ein.
Mehr als nur ein Chatbot
Dass hier DeepTech-Experten am Werk sind, zeigt sich am technologischen Anspruch: Während viele Firmen mit generischen Chatbots experimentieren, integriert Aiconiqs Corporate Brain laut Unternehmensangaben nicht nur explizites, sondern gezielt das implizite Wissen (Tacit Knowledge) der Belegschaft. Erfasst wird dies durch KI-gesteuerte Interviews. Um Halluzinationen und subjektiven Fehleinschätzungen vorzubeugen, setzt Co-Gründer Michael Patrushev auf harte Validierung: „Die KI stellt keine offenen, spekulativen Fragen, sondern kontextualisierte, prozessbezogene Fragen entlang realer Use Cases.“
Nach einem Abgleich mit ERP-Logs und Experten-Kreuzvergleichen speichere das System keine absoluten Wahrheiten, so Patrushev, sondern „gewichtete Wissenselemente mit Vertrauens-Score und Quellenreferenz“. Gerade dieses subjektive Erfahrungswissen sei im Unternehmensalltag entscheidend, müsse aber umsichtig geprüft werden.
David gegen die Tech-Goliaths
Im hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie lange das Start-up gegen die Milliarden-Budgets von Microsoft oder OpenAI bestehen kann. Prof. Peter Gentsch gibt sich pragmatisch: „Wir kämpfen nicht gegen die Hyperscaler wie OpenAI, Google oder Anthropic – wir nutzen sie.“ Das eigene System setze horizontal auf den bekannten Modellen auf. Der Burggraben entstehe durch branchenspezifische Use Cases in einer sicheren, DSGVO-konformen Umgebung, wahlweise on-premises oder in einer europäischen Cloud.
Gentsch pointiert: „Wir wollen nicht das größte Gehirn bauen; wir bauen das relevanteste Brain für ein Unternehmen. Die Tech-Giganten optimieren Skalierung – wir optimieren den Unternehmens-Kontext.“
Skalierung: Softwareprodukt oder Manufaktur?
Die schnelle Entwicklung der eigenen Modelle sichert Aiconiq durch die interne „Aiconiq Factory“ ab, die auf radikale Automatisierung setzt. Kontrollverlust fürchtet Patrushev dabei nicht: „Geschwindigkeit ersetzt bei uns nicht Qualität – sie wird durch Qualitätssicherungssysteme ermöglicht.“ Jeder KI-generierte Code durchlaufe strenge Security-Checks und Test-Pipelines.
Doch lässt sich das aufwendige Einfangen von Unternehmenswissen beim Kunden ebenso reibungslos skalieren, oder droht Aiconiq in einem beratungsintensiven Manufaktur-Modell steckenzubleiben? Gentsch wehrt ab: Man nutze KI, um KI im Unternehmen aufzubauen. Algorithmen deckten Inkonsistenzen im Wissen automatisch auf und lösten sie teils selbständig. Ganz ohne menschliches Zutun gehe es aber nicht, räumt der Gründer ein: „Damit bleibt immer ein wenig Manufaktur bzw. ‚Human in the loop‘.“
Ausblick
Mit einer aktuellen Bewertung von 10 Millionen Euro und der Aufnahme ins „German Accelerator USA-Programm“ hat Aiconiq.io nach eigenen Angaben bereits namhafte DAX-Konzerne überzeugt. Gelingt es den Frankfurtern nun, die komplexe Wissensextraktion weiter zu standardisieren, könnte sich ihr „Corporate Brain“ als eine treibende Kraft der „industriellen KI-Revolution“ aus Deutschland etablieren.
