Daten für alle

Autor: Viktor Mayer-Schönberger,Thomas Ramge
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Der Wert datenreicher Unternehmen steigt immer weiter. Wer keine Daten hat, kann nicht innovativ sein. Es stellt sich die Frage: Wie legitimieren bzw. begrenzen wir die Macht durch ungleich verteilte Informationen?

Maschinenlesbare Informationen sind heute die wichtigste Quelle ökonomischer Macht. Wir sind immer wieder verblüfft, wie oft dieser offenkundige Befund übersehen wird. Der Wert datenreicher Unternehmen steigt immer weiter. Wer keine Daten hat, kann nicht innovativ sein.

Daher gilt: Der Datenreichtum, den uns das Internet und Smartphones gebracht haben, die digitale Vernetzung physischer Objekte zum Internet der Dinge, der Aufstieg der großen digitalen Plattformen und jener Superstarfirmen, die die Plattformen schaffen und kontrollieren, die digitalen Kollaborationstools, die wir nutzen und die Datenspuren, die wir mit ihnen hinterlassen, dies alles stellt eine alte Frage auf neue Weise: Wie legitimieren und wie begrenzen wir die Macht durch ungleich verteilte Informationen?

Zugänge zu Daten, Informationen und Wissen radikal öffnen

Aus unserer Sicht gibt dafür eine einfache und zwingende Antwort geben. Wir müssen die Zugänge zu Daten, Informationen und Wissen radikal öffnen, um Informationsasymmetrien, Herrschaftswissen und Marktkonzentration zu brechen. Wir brauchen Daten und relevante Informationen für alle, die wissenschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung voranbringen können. Denn konzentrierte Datenmacht ist gut für wenige, aber schlecht für Innovation, Kooperation, und für jeden Einzelnen von uns. Den Startups kommt hier eine besondere Bedeutung zu.

Start-ups sind Hoffnungswerte kreativer Zerstörung

Start-ups sind Hoffnungswerte kreativer Zerstörung, ökonomisch und gesellschaftlich. Ihre Aufgabe ist es, Neues in die Welt zu bringen und Bekanntes zu verdrängen. Gelingt es, werden ihre Gründer und Investoren reich und die Gesellschaft profitiert von besseren Lösungen als diejenigen, die wir bis dato genutzt haben. Doch wie sollen innovative Köpfe in Startups bessere Suchmaschinen bauen, Empfehlungsalgorithmen entwickeln oder einen Autopiloten trainieren, wenn Quasimonopol-Firmen mit ihren Plattformen alle relevanten Daten absaugen, die zur Entwicklung dieser Systeme notwendig sind. Und wenn diese Datenriesen dann auch noch alle Start-ups in der Kill-Zone aufkaufen oder kaltstellen, die ihnen auch nur annäherungsweise gefährlich werden könnten. In der Killzone stirbt Innovation. Die Öffnung der Zugänge zu maschinenlesbaren Informationen reanimiert kreative Zerstörung.

Ein Zugang zu Daten für alle ist keine Utopie

Ein Zugang zu Daten für alle ist keine Utopie. Er ist eine machbare Vision. Damit die Vision Wirklichkeit wird, braucht es nur den Mut zur Umsetzung und eine politische Strategie. Es ist höchste Zeit, dass Europa diese Strategie erarbeitet, denn weder der amerikanische Datenmonopolkapitalismus noch der halbstaatliche Datenmerkantilismus Asiens ist mit unseren Interessen und Werten vereinbar. Dafür müssen wir uns in Europa endlich von der Illusion der individuellen Hoheit über unsere Daten und dem Prinzip der Datensparsamkeit verabschieden. Wir müssen endlich begreifen: Eine Datennutz-Grundverordnung ist für unseren Wohlstand und unsere Demokratie so notwendig wie eine Datenschutz-Grundverordnung für unsere bürgerlichen Rechte. Beide sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
 
Daten haben wie Wissen eine wunderbare Eigenschaft

Daten haben wie Wissen eine wunderbare Eigenschaft. Sie sind ökonomisch gesprochen ein „nicht rivalisierendes Gut”. Sie eignen sich daher als öffentliches Gut wie kaum eine wichtige wirtschaftliche Ressource zuvor. Der Idee „Daten für alle“ wird nicht daran scheitern, dass alle ihre Kühe dort weiden lassen und alles Gras bald aufgefressen ist. Daten als digitales öffentlich zugängliches Gut verschwinden ja nicht, wenn mehrere sie nutzen. Denn Daten werden erst durch ihre Nutzung wertvoll. In Summe steigt der Wert der Daten bei mehrmaligem Gebrauch. Es ist schlicht dumm, die Nutzung von Daten durch die Verfügungsmacht weniger Datenkonzerne einzuschränken.

Über die Autoren: Thomas Ramge ist Technologie-Autor, Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internetregulierung an der Oxford University. Sie sind Autoren des Buchs „Machtmaschinen. Warum Datenmonopole unsere Zukunft gefährden und wie wir sie brechen“ (Murmann Verlag, 2020).

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