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Mindpeak sichert sich $15,3 Mio. in Serie A-Finanzierung
Das 2018 von Felix Faber und Dr. Tobias Lang gegründete Mindpeak ist ein globaler Innovator für KI-gesteuerte digitale Pathologielösungen. Das frische Kapital dient dazu, das Wachstum in der KI-basierten digitalen Pathologie zu beschleunigen.
Mindpeak, führender Anbieter von KI-gestützten pathologischen Lösungen, gab heute bekannt, dass das Unternehmen in einer Serie-A-Finanzierungsrunde 15,3 Millionen US-Dollar eingeworben hat. Die Runde wurde von Zeiss Ventures und InnoVentureFund angeführt, mit Beteiligung von - unter anderem - AI.Fund und dem European Innovation Council Fund. Während Mindpeak ein Cashflow-positives Kerngeschäft hat, wird diese neue Investition das Unternehmen in die Lage versetzen, die Kommerzialisierung seiner bahnbrechenden Technologien über mehrere Regionen hinweg weiter auszubauen.
"Mit dem neuen Kapital werden wir die Entwicklung und den Einsatz unserer KI-Lösungen beschleunigen und Pathologen und Forschern schnellere und genauere Diagnosetools zur Verfügung stellen", sagte Felix Faber, CEO von Mindpeak. "Unser Ziel ist es, die Krebsdiagnostik zu revolutionieren und letztlich die Ergebnisse für die Patienten zu verbessern."
Die KI-Algorithmen von Mindpeak gehörten zu den ersten, die sowohl in den USA als auch in der EU für die klinische Routinediagnostik eingesetzt wurden. Die innovativen Lösungen des Unternehmens ermöglichen eine automatisierte histologische und immunhistochemische Gewebeanalyse und helfen Experten, sicherere Entscheidungen zu treffen. Bis heute wurden mehr als 30.000 Patient*innendiagnosen mit Hilfe der KI-Lösung unterstützt. Auch biopharmazeutische Unternehmen nutzen diese KI-Technologie, um die Wirksamkeit bestimmter Medikamente in der Krebstherapie vorherzusagen und um gezielte Behandlungen zu ermöglichen.
"Seit der Gründung im Jahr 2018 hat Mindpeak wegweisende Lösungen entwickelt und sich als einer der führenden Anbieter im Markt für digitale Pathologie etabliert", sagt Mike Gänßler, Investment Manager bei Zeiss Ventures. "Sowohl als Investor als auch als Marktpartner sind wir fest von der vielversprechenden Zukunft von Mindpeak überzeugt."
Vor kurzem hat Mindpeak sein Produktportfolio um weitere Organe, Biomarker und Färbungen erweitert. Strategische Partnerschaften mit führenden Gesundheitsorganisationen wie Roche sowie positive regulatorische Entwicklungen stärken die Position des Unternehmens auf dem Markt weiter.
"Das Engagement von Mindpeak für Innovationen in der digitalen Pathologie zeigt sich in der schnellen Produktentwicklung und der zunehmenden Akzeptanz in allen Märkten", sagte Gencer Sahin, Head of Investments bei IFB. "Diese Finanzierungsrunde wird die Position des Unternehmens als wichtiger Akteur bei der Transformation der Krebsdiagnostik weiter festigen."
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Der Kakaoschock und die Bohnen-Lösung: Oyster Bay feiert Millionen-Exit mit Nukoko
Der Hamburger Impact-Investor Oyster Bay Venture Capital verkauft das britische Start-up Nukoko an den globalen Zutatenriesen Döhler. Warum dieser Deal für die europäische Food-Tech-Szene ein Meilenstein ist – und wieso die kakaofreie Schokolade nun vor dem finalen Härtetest steht.
Die europäische Food-Tech-Branche hat einen neuen Vorzeige-Deal: Der auf Food- und AgriTech spezialisierte Hamburger Investor Oyster Bay Venture Capital (unter anderem bekannt durch frühe Investments in Oatly und Air Up) hat einen erfolgreichen Exit verkündet. Das britische Portfolio-Unternehmen Nukoko, Entwickler der weltweit ersten „Bean-to-Bar“-Schokoladenalternative auf Basis von Ackerbohnen, wird vom global agierenden Zutatenhersteller Döhler übernommen. Über die finanziellen Details der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart.
Für Oyster Bay markiert der Deal den ersten erfolgreichen Verkauf aus dem erst vor acht Monaten geschlossenen, über 100 Millionen Euro schweren zweiten Fonds. „Für uns ist der erfolgreiche Exit von Nukoko ein herausragendes Beispiel dafür, wie europäische Food-Tech-Innovationen globale Herausforderungen lösen können“, erklärt Philip Stark, Principal von Oyster Bay Venture Capital. Doch jenseits der üblichen PR-Rhetorik offenbart der Deal einen tiefgreifenden Strukturwandel im Markt für Süßwaren. Zeit für eine fundierte Einordnung für Gründer und Investoren.
Der Markt: Warum Kakao zum Krisenrohstoff mutiert
Die traditionelle Schokoladenindustrie steht massiv unter Druck. Drastische Ernteausfälle in Westafrika – bedingt durch extreme Wetterphänomene und Pflanzenkrankheiten – ließen die Kakaopreise an den Rohstoffbörsen in den letzten zwei Jahren zeitweise auf historische Rekordhöhen explodieren. Hinzu kommt ein verschärftes regulatorisches Umfeld in Europa: Die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) zwingt Konzerne zu lückenlosen Nachweisen, dass für ihre Produkte keine Wälder gerodet wurden – in kleinteiligen afrikanischen Kooperativen ein administrativer Kraftakt.
Das Zeitfenster für „Alt-Choc“ (Alternative Schokolade) steht damit weit offen. Startups, die den Geschmack, das Schmelzverhalten und die Textur von Schokolade ohne Kakaobasis replizieren können, rennen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Lebensmittelkonzerne offene Türen ein. Neuartige Rohstofflösungen sind längst kein reines Nachhaltigkeits-Gadget mehr, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Resilienz.
Das Geschäftsmodell: Als „Intel Inside“ in die industrielle Skalierung
Nukoko, 2022 unter anderem vom Pflanzenbiologen Prof. David Salt gegründet, nutzt einen geschützten Fermentationsprozess, um heimische Ackerbohnen in eine geschmackliche Schokoladenalternative zu verwandeln. Die strategischen Vorteile: Ackerbohnen (Faba Beans) können kostengünstig und stabil in Europa angebaut werden, was Lieferketten verkürzt und das Abholzungsrisiko eliminiert. Zudem punktet das Endprodukt mit einem vorteilhaften Nährwertprofil und erlaubt zuckerreduzierte Rezepturen.
Dennoch standen die Briten vor der klassischen Sollbruchstelle junger DeepFood-Tech-Unternehmen: dem kapitalintensiven Sprung von der Pilotphase in die industrielle Massenproduktion (CapEx). Genau an dieser Schnittstelle greift das strategische Kalkül der Übernahme durch Döhler. Als internationaler Gigant im Bereich technologiebasierter Zutaten-Systeme verfügt Döhler über die nötigen globalen Produktionskapazitäten und Vertriebskanäle. Für Nukoko bedeutet dies den sofortigen Zugriff auf weltweite Skaleneffekte. Statt mühsam und teuer eine eigene Consumer-Brand im Einzelhandel aufzubauen, etabliert sich das Start-up als funktionale B2B-Zutat – quasi als das „Intel Inside“ für die Süßwarenindustrie der nächsten Dekade.
Die drei Hürden der Kakaofreiheit
Trotz des Exit-Erfolgs ist das Segment kein Selbstläufer. Wer den Markt erobern will, muss drei zentrale Herausforderungen lösen:
- Die Kennzeichnungshürde: In der Europäischen Union ist der Begriff „Schokolade“ über die Kakaoverordnung streng geschützt. Da Nukoko ohne Kakaobestandteile auskommt, müssen Hersteller*innen auf Bezeichnungen wie „kakaofreier Überzug“ oder „Süßware nach Schokoladenart“ ausweichen. Das erfordert erhebliche Aufklärungsarbeit am Point of Sale.
- Die Preisparität: Obwohl die Ackerbohne als agrarischer Rohstoff günstig ist, sind die biotechnologischen Fermentations- und Verarbeitungsschritte hochkomplex. Um im Massenmarkt konventionelle Schokolade zu verdrängen, müssen die Produktionskosten pro Tonne drastisch sinken. Ob Döhler diesen Skaleneffekt schnell genug erzwingen kann, bleibt abzuwarten.
- Die sensorische Akzeptanz: Die Geschichte der pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen zeigt: Sobald Konsument*innen geschmackliche Kompromisse eingehen müssen, bricht die Wiederkaufsrate ein. Nukoko muss den Beweis erbringen, dass die „Ackerbohnen-Illusion“ auch im industriellen Großmaßstab das anspruchsvolle Schmelzverhalten echter Kakaobutter im Mund imitiert.
Wettbewerber-Check: Wer dominiert den Markt?
Der Exit von Nukoko bringt zusätzliche Dynamik in ein hochkompetitives Marktumfeld, in dem auch deutsche Pioniere bereits eine dominierende Rolle spielen. Ein prominentes Beispiel ist das Münchner Start-up Planet A Foods. Die Gründergeschwister Max und Sara Marquart setzen bei ihrer Kakaoalternative auf die Fermentation von Hafer und Sonnenblumenkernen. Mit großem Erfolg: Ihre Ingredient-Marke ChoViva gilt derzeit als absoluter Platzhirsch im DACH-Raum und ist bereits fest in bekannte Großprodukte wie Nestlés Choco Crossies, im Sortiment von Griesson sowie in diversen REWE-Eigenmarken integriert. Das Münchner Unternehmen fokussiert sich dabei stark auf eine sichtbare B2B2C-Markenstrategie und tritt durch offensives Co-Branding auf den Verpackungen direkt mit den Endkonsumenten in Kontakt.
Ebenfalls um Marktanteile kämpft das Londoner Start-up WNWN Food Labs, das für seine Schokoladenalternative auf eine technologische Basis aus Gerste und Johannisbrot vertraut. Während das britische Unternehmen in der Vergangenheit vor allem durch PR-wirksame, limitierte Direct-to-Consumer-Testläufe viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, forciert es nun ebenfalls eine strategische Neuausrichtung und baut seine lukrativen B2B-Partnerschaften mit der Industrie weiter aus.
Fazit & Takeaways für die StartingUp-Community
Der Deal zwischen Oyster Bay, Nukoko und Döhler liefert wertvolle Learnings für die europäische Startup-Szene:
- B2B schlägt D2C im FoodTech: Die Ära, in der Risikokapitalgeber unbegrenzt Millionen in den Aufbau neuer, kapitalintensiver Consumer-Lebensmittelmarken gepumpt haben, ist vorerst vorbei. Gefragt sind Enabler: Start-ups, die als Zulieferer existenzielle Probleme der Industrie (Lieferkettensicherheit, CO2-Reduktion, Rohstoffknappheit) lösen.
- Frühzeitige Kooperation mit Corporates: DeepFood-Tech ist zutiefst hardwaregetrieben. Die Allianz mit einem etablierten Industrie-Schwergewicht löst das größte Wachstumsproblem junger Tech-Unternehmen: den extrem teuren Bau eigener Großanlagen.
- Fokus auf heimische Rohstoff-Resilienz: Die Nutzung europäischer Agrarprodukte (wie Ackerbohnen oder Hafer) trifft den Nerv von Impact-Investoren. Start-ups, die sich von volatilen, geopolitisch anfälligen globalen Lieferketten entkoppeln, sichern sich einen fundamentalen Wettbewerbsvorteil.
Berlin gründet, der Süden patentiert: Ein Ranking mit zwei Wahrheiten
Wer in Deutschland ein Start-up gründet, steht unweigerlich vor der Standortfrage. Ein neues Bundesländer-Ranking der BSBI School of Business and Innovation sieht Baden-Württemberg an der Spitze und straft Berlin ab. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Studie misst zum Teil Äpfel mit Birnen – und übersieht, wie moderne Digitalisierung funktioniert.
Dass Innovation nicht gleich Innovation ist, zeigt sich beim Blick auf die nackten Zahlen. Für das aktuelle Ranking wurden Start-up-Neugründungen und Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner (Stand Ende 2024) analysiert sowie eine KI-gestützte Schlagwortsuche in den Koalitionsverträgen der Landesregierungen durchgeführt. Das vermeintliche Ergebnis: Ein klares Süd-Nord-Gefälle mit Baden-Württemberg auf Platz 1 und Berlin abgeschlagen auf Platz 7.
Für Gründerinnen und Gründer greift diese Interpretation jedoch zu kurz.
Der Süden dominiert die Hardware – aus gutem Grund
Im Gesamtranking sichert sich Baden-Württemberg den Spitzenplatz, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Das „Ländle“ glänzt vor allem mit einem Spitzenwert von 135 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner*innen. Auf dem Papier ist das der absolute Innovationssieg.
Und tatsächlich: Wer im Bereich DeepTech, Industrie 4.0, Medizintechnik oder Hardware gründet, findet im Süden (Baden-Württemberg auf Platz 1, Bayern auf Platz 5 mit 95 Patenten) das perfekte Ökosystem. Hier trifft Gründungsgeist auf den industriellen Mittelstand und die entsprechende Forschungslandschaft.
Das Berlin-Paradoxon: Warum die Patent-Kritik ins Leere läuft
Die eigentliche Überraschung der Studie: Berlin verteidigt zwar mit knapp 17 Start-ups je 100.000 Einwohner*innen einsam die Spitze bei der Gründungsdynamik, stürzt im Gesamtranking aber auf Platz 7 ab. Die Studienautor*innen bemängeln die niedrige Patentquote (Platz 12) der Hauptstadt.
StartingUp-Einordnung: Hier beißt sich die Methodik der Studie mit der Realität der Digitalwirtschaft. In Deutschland und Europa sind Software, Algorithmen und rein digitale Geschäftsmodelle rechtlich kaum patentierbar. Da Berlin das Epizentrum für SaaS-, FinTech- und Plattform-Start-ups ist, kann die Stadt in dieser Statistik nicht glänzen. Ein Mangel an Innovation ist das jedoch nicht – es ist schlicht die Natur digitaler Produkte, die sich über Schnelligkeit und Netzwerkeffekte schützen, nicht über Patentämter.
Buzzword-Bingo in der Landespolitik
Ein weiterer Minuspunkt für Berlin im Ranking: In den politischen Dokumenten der Hauptstadt tauchen Begriffe wie „Innovation“ oder „Digitalisierung“ seltener auf als in den Verträgen der südlichen Flächenländer (Platz 15 für Berlin).
Auch hier sollten Gründer*innen gelassen bleiben. Ob ein Ökosystem funktioniert, entscheidet sich nicht an der Anzahl der Buzzwords in einem Koalitionsvertrag, sondern an der gelebten Praxis: Wie schnell arbeiten die Behörden? Wie steht es um die Vergabe von Fördermitteln (z. B. IBB oder Landes-Stipendien)? In der Realität zeigen sich die Stadtstaaten hier oft agiler als bürokratische Flächenländer, selbst wenn dort „Digitalisierung“ auf jeder Seite des Parteiprogramms steht.
Bittere Realität im Nordosten
Abseits der Methodik-Kritik zeigt die Studie jedoch einen schmerzhaften und realen Trend: Das Abdriften des Nordostens. Mecklenburg-Vorpommern bildet das Schlusslicht des Rankings (Platz 16), gefolgt von Brandenburg (Platz 15) und Sachsen-Anhalt (Platz 14). Mit statistisch nur einer Start-up-Gründung und sieben Patenten je 100.000 Einwohner*innen in MV herrscht hier nach wie vor strukturelle Flaute. Für Gründer*innen fehlen in diesen Regionen oft die kritische Masse an Talenten, Investoren und relevanten Netzwerken.
Unser Fazit für die Praxis: Augen auf bei der Standortwahl
Das Ranking der BSBI liefert wertvolle Daten, muss aber je nach Geschäftsmodell völlig anders gelesen werden:
- Du gründest Software, B2C oder Plattformen? Lass dich vom Ranking nicht täuschen. Berlin, Hamburg (Platz 3) und die Metropolregionen bleiben aufgrund des Talentpools und der VC-Dichte deine erste Wahl.
- Du gründest im Bereich Hardware, Robotics oder DeepTech? Hier hat die Studie recht: In Baden-Württemberg und Bayern sitzt das industrielle Rückgrat, das du für Pilotprojekte, Patente und B2B-Kooperationen brauchst.
Krypto im Mittelstand: Das Augsburger Start-up terahash im strategischen Kreuzfeuer
Eine neue Allianz mit dem FinTech 21bitcoin rückt das Augsburger Start-up terahash in den Fokus. Entstanden als Spin-off eines etablierten Industrieunternehmens, versucht terahash, das energieintensive Bitcoin-Mining für den deutschen Mittelstand zu erschließen. Ein regulatorisch und ökonomisch ambitioniertes Vorhaben im europäischen Hochstrompreisland.
In der deutschen Web3-Landschaft zieht derzeit ein Akteur außerhalb der typischen Metropolen Aufmerksamkeit auf sich. Die Ende 2022 gegründete terahash.energy GmbH ist kein klassisches universitäres Tech-Spin-off, sondern ging aus der Kläger Group hervor – einem seit über 75 Jahren bestehenden, familiengeführten Industrieunternehmen aus dem Großraum Augsburg, das im Kerngeschäft auf Kunststofftechnik und Aerosol-Abfüllung setzt.
Der Vorstoß in die Krypto-Infrastruktur geht auf Kristian Kläger, CEO der Kläger Group, zurück. Neben dem industriellen Hintergrund setzte das Start-up bei der Gründung auf eine gezielte Personalstrategie: Mit Roman Reher, dem Betreiber der reichweitenstarken deutschen Bitcoin-Plattform „Blocktrainer“, und dessen Geschäftspartner Bastian Bleker wurden zwei in der Community verankerte Akteure als Co-Founder integriert. Diese Konstellation kombiniert die Kapitalbasis eines Industriebetriebs mit der organischen Reichweite einer bestehenden Krypto-Community – eine Struktur, die dem Start-up den Markteintritt sichtlich erleichterte.
Kooperation als Vertriebskanal: Die Allianz mit 21bitcoin
Wie komplex und erklärungsbedürftig das Thema Bitcoin in der B2B-Sphäre nach wie vor ist, verdeutlicht die aktuelle Meldung des Unternehmens. terahash geht eine strategische Allianz mit der in Salzburg und München ansässigen Wealth-Plattform 21bitcoin ein.
Während das MiCAR-lizenzierte Fintech 21bitcoin mit rund 120.000 Nutzer*innen die regulierte Handels- und Verwahrinfrastruktur stellt, besetzt terahash die energietechnische Beratungskomponente. Das deklarierte Ziel der Kooperation – die Bündelung von „Bitcoin-Bildung“ – ist dabei auch aus vertrieblicher Sicht strategisch motiviert: Um Dienstleistungen rund um die Blockchain an Unternehmen zu verkaufen, muss im ersten Schritt das informationelle Fundament bei den Entscheidern gelegt werden. Der offizielle Start der Kooperation erfolgt über eine Podcast-Aufzeichnung auf der Branchenmesse BTC Prague 2026.
Die Strompreis-Problematik
Ein Geschäftsmodell, das Bitcoin-Mining im DACH-Raum verorten will, stößt unweigerlich auf erhebliche ökonomische Skepsis. Aufgrund der im globalen Vergleich extrem hohen Strompreise in Deutschland ist ein profitables Mining unter Normalbedingungen kaum darstellbar.
Das Konzept von terahash ruht daher auf zwei Säulen, die diese Standortnachteile umgehen sollen:
Auslands-Mining (Managed Mining): Das Start-up vermittelt Rechenleistung und Hardware-Kapazitäten an Standorte mit günstigeren, oft überschüssigen erneuerbaren Energien (u. a. in Skandinavien und den USA). Die operative Abwicklung verbleibt im Ausland, während terahash als Asset-Manager für Family Offices und institutionelle Kund*innen fungiert.
Infrastruktur-Integration im Heimatmarkt: Für den DACH-Raum agiert terahash als Projektierer. Da Bitcoin-Miner den eingesetzten Strom fast vollständig in Abwärme umwandeln, sollen die Rechencluster in bestehende Energiesysteme von Industrie- und Gewerbebetrieben integriert werden – etwa als Kopplung mit Photovoltaik-Überschussanlagen, Großspeichern und Wärmepumpen.
Markt, Wettbewerb & Risiken
Dieser Ansatz der energetischen Sektorenkopplung ist theoretisch schlüssig, im B2B-Markt jedoch mit hohen Hürden verbunden. Terahash bewegt sich in einem engen Nischensegment. Während Wettbewerber*innen wie das österreichische Start-up 21energy mit dezentralen Bitcoin-Heizlüftern eher standardisierte Consumer- und Kleingewerbe-Lösungen anstreben, zielt terahash auf maßgeschneiderte Großprojekte im Mittelstand.
Hier liegen die kritischen Variablen:
Hohe Investitionskosten (CapEx): Die Integration von ASIC-Servern und Wärmetauschern in bestehende Fabrikarchitekturen erfordert signifikante Vorabinvestitionen der Kund*innen.
Volatilität der Amortisation: Da die Erträge in Bitcoin generiert werden, hängen die Amortisationszyklen direkt vom hochvolatilen Kryptomarkt ab. Fällt der Bitcoin-Kurs über längere Zeit, drohen kalkulierte Effizienzgewinne der Industrieanlagen durch den Wertverlust des geschürften Assets aufgefressen zu werden.
Regulatorische Unsicherheit: Die politische Debatte um den Energieverbrauch von Proof-of-Work-Protokollen in Europa birgt latente regulatorische Risiken für Unternehmen, die diese Technologie in ihre Bilanz oder Infrastruktur aufnehmen.
Einordnung & Learnings
Trotz der inhärenten Marktrisiken bietet das Konstrukt hinter terahash für die Start-up-Szene relevante Erfahrungswerte:
- Das Spin-off-Modell als Innovationshebel: Der Case zeigt, wie traditionelle Familienunternehmen über eigenständige Ausgründungen in hochspekulativen Tech-Märkten agieren können, ohne das operative Kerngeschäft des Mutterkonzerns den Risiken des Web3-Marktes auszusetzen.
- Co-Founder-Matching statt klassischem Marketing: Durch die Beteiligung von etablierten Branchen-Influencer*innen (Blocktrainer*innen) sichert sich das Start-up Vertrauen und Reichweite in einer spitzen Zielgruppe, was die Kund*innenakquisitionskosten (CAC) im B2B-Bereich senkt.
- Content-driven B2B-Sales: Wenn das Produkt so komplex ist, dass der Markt es noch nicht vollumfänglich versteht, wird Content- und Bildungsarbeit (wie die Allianz mit 21bitcoin) zum primären Vertriebswerkzeug.
Terahash ist eine unternehmerische Wette darauf, dass sich Krypto-Infrastruktur als Werkzeug für das lokale Energiemanagement im Mittelstand etablieren lässt. Ob das Konzept aufgeht, wird sich daran messen lassen, wie viele deutsche Fabrikant*innen bereit sind, die Volatilität des Kryptomarktes in ihre physische Betriebsinfrastruktur zu integrieren.
ShopAgentic: 1,9 Mio. Euro für die Wette auf maschinelle Konsument*innen
Das 2025 gegründete ShopAgentic baut eine E-Commerce-Infrastruktur, die nicht für Menschen, sondern für autonome KI-Agenten gedacht ist.
Das Hannoveraner Start-up ShopAgentic hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,9 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von den Venture-Capital-Gesellschaften May Ventures und Greenfield Capital. Zudem beteiligt sich eine Riege namhafter internationaler Business Angels und E-Commerce-Experten an dem jungen Unternehmen. Das erst im Dezember 2025 gegründete Start-up mit derzeit vier Mitarbeitern entwickelt eine spezialisierte Technologieplattform für den sogenannten Agentic Commerce. Die zentrale These der Gründer lautet, dass künftig nicht mehr nur Menschen im Netz einkaufen, sondern zunehmend autonome KI-Agenten, die Produktsuche, Preisvergleich und Transaktionen im Auftrag der Konsument*innen eigenständig übernehmen.
Seriengründer mit Riecher für den nächsten Hype
Hinter ShopAgentic stehen Alexander Ringsdorff (CEO) und Kai-Thomas Krause, zwei Seriengründer mit nachgewiesenem Gespür für technologische Trends im Handel. Die beiden Unternehmer haben in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen, dass sie Paradigmenwechsel im E-Commerce frühzeitig besetzen können: Im Jahr 2011 gründeten sie mit CouchCommerce einen frühen Anbieter von Mobile-Commerce-Lösungen, später gehörten sie zum Gründerteam der Omnichannel-Plattform NewStore, die heute von internationalen Marken genutzt wird. Mit ShopAgentic widmen sie sich nun der nächsten Evolutionsstufe, nämlich der vollständigen Vorbereitung von Handelssystemen auf autonome KI-Systeme entlang der Customer Journey.
Middleware für Maschinen statt für Menschen
Da die bestehende E-Commerce-Infrastruktur – von der Produktseite bis zum Checkout – historisch für menschliche Nutzer*innen optimiert wurde, will ShopAgentic als technische Middleware fungieren. KI-Agenten benötigen strukturierte Informationen und standardisierte Schnittstellen, um fehlerfrei agieren zu können. Das Modell setzt auf eine niedrige Einstiegshürde: Die Software soll sich flexibel in bestehende Handelsplattformen und proprietäre Systeme integrieren lassen, ohne dass langjährige Transformationsprojekte oder ein vollständiges, kostenintensives Replatforming nötig werden. Spezialisierte KI-Agenten übernehmen dabei arbeitsteilig operative Funktionen wie das Produktdatenmanagement, die Preisgestaltung, den Kund*innenservice oder das Fulfillment, während die strategische Kontrolle und die Hoheit über Geschäftsergebnisse vollständig beim Händler bzw. bei der Händlerin verbleiben. Wie genau die Monetarisierung der Plattform erfolgen soll, lässt das Start-up bislang allerdings offen; Details zum kommerziellen Geschäftsmodell sollen erst zum anstehenden Marktstart kommuniziert werden. Das frische Kapital fließt derweil primär in die Produktentwicklung, den Ausbau von Systemintegrationen und den weiteren Teamaufbau.
Riskantes Rennen gegen die Branchen-Giganten
Obwohl die Vision innovativ ist, wirft das Konzept bei kritischer Betrachtung fundamentale Fragen bezüglich Markt, Wettbewerb und Timing auf. Das Start-up stützt sich als Kernargument auf eine Prognose von Deloitte, wonach bis zum Jahr 2030 rund 25 Prozent aller weltweiten E-Commerce-Umsätze durch KI-Agenten initiiert oder unterstützt werden. Ob die Konsument*innenakzeptanz für vollständig delegierte Kaufentscheidungen jedoch innerhalb von nur vier Jahren derart rasant und marktübergreifend wachsen wird, bleibt eine mutige Wette auf die Zukunft.
Zudem positioniert sich ShopAgentic explizit nicht als Konkurrent zu Branchenriesen wie Shopify oder Salesforce, sondern als konzeptionelle Ergänzung. Hier liegt jedoch ein erhebliches strategisches Risiko: Sollte der Agentic Commerce tatsächlich den prognostizierten Stellenwert erreichen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass große E-Commerce-Plattformen eigene native KI-Schnittstellen entwickeln werden. Der First-Mover-Vorteil von ShopAgentic müsste demnach extrem schnell in einen unaufholbaren technologischen Vorsprung übersetzt werden, um nicht durch einfache Standard-Updates der etablierten Branchen-Monopolisten obsolet zu werden.
Krypto-Zahlungen als regulatorisches Minenfeld
Ein besonders ambitionierter, aber regulatorisch komplexer Baustein der Vision sind die von Investor Greenfield Capital hervorgehobenen „Agent-to-Agent-Payments“. Die Investoren prognostizieren, dass Maschinen künftig über Stablecoins direkt miteinander verhandeln und bezahlen werden, da traditionelle Zahlungsnetzwerke für den menschlichen Gebrauch konzipiert seien. Dies eröffnet in der Theorie zwar enorme Effizienzpotenziale, blendet in der aktuellen Projektion jedoch die massiven regulatorischen, rechtlichen und haftungsrelevanten Hürden im Umgang mit Krypto-Assets und vollautomatisierten Finanztransaktionen im Endkund*innengeschäft aus.
Viel „Smart Money“ für den digitalen Goldrausch
Für die Start-up- und E-Commerce-Szene ist ShopAgentic dennoch ein hochspannendes Projekt. Die lange Liste der beteiligten Business Angels ist dabei ein massiver Vertrauensbeweis. Mit Investoren wie Jochen Krisch (Exciting Commerce), Boris Lokschin (Spryker), Thomas Gottheil (Frontastic), Sven Rittau (K5) und Stefan Wenzel (Autor des Buches „AGENTIC COMMERCE“) liest sich das Cap-Table wie ein Who-is-Who des deutschen Digitalhandels. Dieses stark vernetzte „Smart Money“ validiert das generelle Problembewusstsein im Markt und sichert dem jungen Unternehmen von Tag eins an den direkten Zugang zu entscheidenden Branchennetzwerken.
ShopAgentic ist ein klassischer Infrastruktur-Play in einem Markt, der gerade erst entsteht. Geht die Wette auf den maschinellen Kaufenden auf, baut das Team aus Hannover aktuell die Schaufeln für den nächsten digitalen Goldrausch. Scheitert jedoch die breite Konsument*innenadoption von Kauf-Agenten, könnte sich das Zeitfenster für diese spezialisierte Middleware-Lösung ebenso rasch wieder schließen.
Radikale Offenheit oder Bürokratiemonster? Wie Start-ups die neue Gehaltstransparenz meistern
Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie ist da – doch das deutsche Gesetz lässt auf sich warten. Warum Abwarten für Start-ups trotzdem gefährlich ist und wie der Umbau zu einer klaren Gehaltslogik gelingt – Insights von givve-Gründer Patrick Löffler.
Der 7. Juni 2026 sollte einen harten Stichtag für die europäische Wirtschaft markieren: Bis dahin hätte die EU-Entgelttransparenzrichtlinie in nationales Recht umgesetzt sein müssen. Zwar verzögert sich das nationale Gesetz in Deutschland nun, doch das Problem bleibt bestehen. Denn während die bürokratisch aufwendigen Berichtspflichten an Behörden erst für größere Unternehmen ab 100 Mitarbeitenden greifen, unterschätzen viele kleine Start-ups eine fundamentale Dynamik: Die Kernregeln der EU-Richtlinie gelten bereits ab der ersten angestellten Person.
Bewerber*innen haben künftig das Recht auf Vorab-Gehaltsspannen, Verschwiegenheitsklauseln in Arbeitsverträgen werden unwirksam, und jede(r) Angestellte kann Auskunft darüber verlangen, was die Kolleg*innen im Schnitt für gleichwertige Arbeit verdienen.
In der dynamischen Anfangsphase eines Start-ups werden Gehälter jedoch oft situativ, nach Nasenfaktor und stark verhandlungsabhängig festgelegt. Wer hier schnell wächst, ohne von Anfang an eine klare Struktur aufzubauen, steht vor einem handfesten Problem: Er/Sie gerät unter massiven internen Rechtfertigungsdruck durch das eigene Team.
Einer, der den Schmerz des unstrukturierten Wachstums aus eigener Erfahrung kennt, ist Patrick Löffler. Der CEO und Mitgründer des Münchner FinTechs givve hat eine Vita, die alles andere als klassisch ist: Er war Snowboard-Profi in der Nationalmannschaft, betrieb einen Nachtclub und gab ein Surf-Magazin heraus. Mit givve stand er zweimal kurz vor der Insolvenz, bevor das Unternehmen schließlich einen Millionen-Exit hinlegte. Löffler weiß, wie es sich anfühlt, wenn im Überlebenskampf eines Start-ups die Zeit fehlt, Dinge von Tag eins an perfekt aufzusetzen. Heute ist seine Haltung klar: „Wer Gehälter nicht erklären kann, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.“
Von Patrick wollen wir wissen: Wie bauen Gründer*innen rechtzeitig ein faires, erklärbares Gehaltssystem auf? Warum ist die Richtlinie gerade für kleine Teams ein Kulturschock? Und welche schmerzhaften Fehler hätte er selbst rückblickend gern vermieden?
Das Interview
Patrick, vom Snowboard-Profi über den Nachtclub-Betreiber zum FinTech-Gründer mit Millionen-Exit – dein Weg war alles andere als geradlinig. In deinen Anfangsjahren bei givve standst du zweimal kurz vor der Insolvenz. Hand aufs Herz: Wie hoch stand das Thema „faire und transparente Gehaltsstruktur“ damals auf deiner Prioritätenliste?
Patrick Löffler: Ehrlich? Ganz unten. Wer ums Überleben kämpft, denkt nicht in Gehaltsbändern, sondern in Wochen Runway. Gehälter wurden situativ verhandelt – wer hart verhandelte, bekam mehr. Nasenfaktor statt System. Das war damals pragmatisch richtig – langfristig gesehen allerdings ein Fehler. Wenn auch beides gleichzeitig stimmt. Der Punkt ist nicht, dass wir es nicht besser wussten. Wir hatten schlicht keine Bandbreite, um saubere Gehaltsstrukturen aufzusetzen. Aber was ich heute weiß: Die Unordnung verschwindet nicht, wenn man wächst. Sie wächst mit.
Du sagst heute sehr deutlich: „Wer Gehälter nicht erklären kann, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.“ Gab es in deiner eigenen Gründer-Laufbahn einen konkreten Moment, in dem dir das organisch gewachsene „Gehaltschaos“ massiv auf die Füße gefallen ist?
Patrick Löffler: Oh ja. Der Klassiker: zwei Leute, gleiche Rolle, gleiche Leistung – unterschiedliches Gehalt. Nicht aus Logik, sondern weil die eine Person besser verhandelt hatte. Irgendwann reden Menschen miteinander. Und dann sitzt du nicht im Gehaltsgespräch, sondern im Rechtfertigungsgespräch. Das Schlimme war nicht die Zahl. Es war die Tatsache, dass ich die Differenz nicht erklären konnte, ohne mich zu winden. In dem Moment war klar: Wenn ich eine Entscheidung nicht in einem Satz begründen kann, ist sie keine Entscheidung – sie ist ein Zufall mit Folgekosten. Diese Situation hat mir gezeigt: Vertrauen verlierst du nicht über die Gehaltshöhe. Du verlierst es über Willkür.
Die Deadline zur Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie wurde nun um zwei Jahre verschoben. Nicht nur jetzt, auch vorher schon wähnten sich viele kleine Start-ups in Sicherheit, weil die großen, bürokratischen Berichtspflichten erst ab 100 Mitarbeitenden greifen. Warum ist das ein fataler Trugschluss?
Patrick Löffler: Dass Deutschland die Frist am 7. Juni 2026 reißen würde, war ziemlich sicher. Es lag ja noch nicht einmal ein Gesetzentwurf vor. Wer sich jetzt aber darauf ausruht, der macht den zweiten Fehler nach dem ersten. Denn die Richtlinie wirkt auch ohne fertiges nationales Gesetz – über die Rechtsprechung. „Wir warten erst mal ab“ ist 2026 keine Strategie, sondern ein Risiko.
Und die Berichtspflicht ab 100 Mitarbeitenden ist ganz klar ein fataler Trugschluss. Denn: Die Kernrechte gelten ab der ersten angestellten Person, nicht erst ab 100. Die Berichtspflicht ist nur die sichtbare Spitze. Bewerberinnen und Bewerber haben künftig Anspruch auf die Gehaltsspanne, bevor sie überhaupt mit dir sprechen. Die Frage nach dem letzten Gehalt? Vorbei.
Jede Person im Team kann fragen, was andere Mitarbeitende für gleichwertige Arbeit im Schnitt verdienen. Und die Beweislast liegt im Streitfall bei dir, nicht bei ihnen.
Gerade in der Bootstrapping- oder Seed-Phase können Start-ups oft nicht mit Konzerngehältern mithalten. Kompensiert wird das über individuelle Deals, Unternehmensanteile (VSOPs) oder Visionen. Wie lässt sich diese Verhandlungsflexibilität künftig mit der Forderung nach absoluter Transparenz vereinbaren?
Patrick Löffler: Erst einmal möchte ich hier ein Missverständnis ausräumen: Transparenz heißt nicht, dass alle gleich verdienen. Sie heißt, dass Unterschiede einer Logik folgen. Du darfst weiter differenzieren – nach Rolle, Verantwortung, Markt, Impact. Du darfst nur nicht mehr nach Nasenfaktor differenzieren.
VSOPs, Anteile, individuelle Boni: All das ist völlig legitim und sauber kommunizierbar. Vorausgesetzt, die Kriterien sind offen und gelten für alle gleich. Der entscheidende Hebel ist dabei nicht weniger Flexibilität, sondern begründbare Flexibilität mit Bandbreiten statt Bauchgefühl. Verhandeln darf jede*r, aber das Ergebnis muss in ein System passen, das man vor dem ganzen Team aussprechen kann, ohne rot zu werden.
Ein Praxisszenario: Wie baust du als junges Unternehmen mit vielleicht 10 bis 15 Mitarbeitenden heute eine logische Gehaltsstruktur auf, die nicht sofort kollabiert, sobald eine Series-A-Finanzierung abgeschlossen wird und das Team plötzlich exponentiell wächst?
Patrick Löffler: Drei Bausteine reichen am Anfang: definierte Rollen und Level, eine Gehaltsspanne pro Level und transparente Kriterien für den Sprung ins nächste. Keine Excel-Wissenschaft. Ein einseitiges, ehrliches Gerüst schlägt ein perfektes System, das am Ende niemand pflegt. Konkret bedeutet das: Ein Level hat beispielsweise eine Spanne von 55.000 bis 70.000 Euro. Wo jemand darin landet, ist begründbar und nicht zufällig.
Entscheidend ist dabei, dass das System skaliert, ohne bei jedem neuen Hire neu erfunden zu werden. Genau hier kollabieren die meisten nach der Series A. Der eigene Maßstab sollte deshalb eine einfache Frage sein: Könnte ich jedem neuen Mitarbeitenden in fünf Minuten erklären, wie sein Gehalt zustande kommt und wie er es verändern kann? Wenn ja, hält die Struktur.
Givve wurde kürzlich für seine Vergütungskultur ausgezeichnet. Echte Transparenz bedeutet aber auch, dass Kollege A erfährt, nach welchen Kriterien Kollegin B eingestuft ist – und womöglich mehr verdient. Wie hast du diesen Kulturwandel im eigenen Team moderiert, ohne dass es zu Neiddebatten oder gar Kündigungen kam?
Patrick Löffler: Die Auszeichnung für unsere Vergütungskultur klingt nach einem schönen Ergebnis. Aber der Weg dahin war keine Hochglanzveranstaltung.
Wir haben nicht über Nacht alle Zahlen plakatiert. Zunächst haben wir das System definiert: Level, Gehaltsspannen, Kriterien. Die Logik vor den Zahlen. Denn Neid entsteht nicht aus Transparenz, sondern aus Intransparenz. Menschen erfinden im Dunkeln bzw. durch Unwissenheit die schlimmsten Geschichten.
Klar gab es unbequeme Gespräche. Die habe ich geführt, nicht delegiert und nicht ausgesessen. Wo wir Unterschiede fanden, die wir nicht erklären konnten, haben wir korrigiert – nach oben. Das kostet. Aber Vertrauen ist günstiger als Fluktuation.
Das Ergebnis war nicht weniger Diskussion. Es war eine bessere: über Leistung und Verantwortung statt über Gerüchte.
Du betonst oft, wie wichtig dir Authentizität ist – du surfst morgens am Eisbach, praktizierst Yoga und willst, dass jede*r im Team so sein darf, wie er oder sie ist. Erfordert eine vollkommen transparente Gehaltsstruktur am Ende auch einen verletzlicheren Typ von Führungskraft, der Fehler offen eingesteht?
Patrick Löffler: „Verletzlich“ ist mir zu weich formuliert. Es braucht jemanden, der Fehler aushält – die eigenen zuerst. Transparenz heißt auch: Du legst offen, wo du in der Vergangenheit unfair warst. Das ist unangenehm und genau deshalb glaubwürdig.
Aber Offenheit ist kein Weichspüler. Clear is kind. Ich sage Menschen lieber eine harte Wahrheit klar als eine schöne Unwahrheit nett. Die Führungskraft, die das gut kann, ist nicht weicher. Sie ist gefestigter. Sie braucht die Geheimhaltung nicht mehr als Schutzschild.
Authentisch heißt nicht grenzenlos. Es heißt: Was ich sage, was ich tue und was im System steht, ist dasselbe.
Kritiker*innen der Gehaltstransparenz führen oft an, sie führe zu einer demotivierenden „Gleichmacherei“. Wie belohnst du High-Performer*innen noch individuell, wenn jede Gehaltserhöhung in ein starres Raster passen und vor dem ganzen Team gerechtfertigt werden muss?
Patrick Löffler: Ganz klar: Indem das Raster Leistung abbildet, statt sie zu verbieten. Ein gutes Gehaltsband ist breit genug, um Spitzenleute klar oben einzuordnen. Transparenz ist kein Kommunismus. Gleichmacherei wäre das Gegenteil von fair.
High-Performer fürchten Transparenz nicht, sie profitieren davon. Sie wollen, dass ihr Beitrag sichtbar und nachvollziehbar belohnt wird, nicht im Hinterzimmer ausgehandelt. Wer wirklich Angst vor offenen Kriterien hat, ist übrigens meist nicht der Top-Performer, sondern der gute Verhandler. Das ist ein Unterschied, den viele Unternehmen lange nicht sehen wollen.
Und Belohnung jenseits der Gehaltsspanne gibt es weiterhin: das nächste Level, mehr Verantwortung, Anteile, Entwicklung. Am Ende gibt es mehr Hebel als vorher, nicht weniger.
Mal ganz pragmatisch für unsere StartingUp-Leser: Wenn ein Start-up heute beim Kassensturz feststellt, dass es unerklärbare Gehaltssprünge oder einen „Gender Pay Gap“ im Team hat. Was sind aus deiner Sicht die ersten drei konkreten Schritte, um das glattzuziehen, ohne sich dabei finanziell zu ruinieren?
Patrick Löffler: Erstens: Ehrliche Bestandsaufnahme. Gleichwertige Rollen nebeneinanderlegen und die Unterschiede anschauen – ohne Beschönigung. Du kannst nicht reparieren, was du nicht benennst.
Zweitens: System vor Schecks. Erst Level, Gehaltsbänder und Kriterien definieren, dann Geld bewegen. Sonst gießt du Budget in ein Loch ohne Boden.
Drittens: Gezielt und priorisiert korrigieren. Die klarsten, am wenigsten erklärbaren Fälle zuerst. Und ein realistischer Stufenplan über Monate statt alles auf einmal.
Und: transparent kommunizieren, dass ihr es angeht. Ein ehrliches „Wir haben ein Thema erkannt und gehen es an“ schlägt jedes Schweigen. Du musst nicht über Nacht perfekt sein. Du brauchst eine glaubwürdige Richtung.
Glaubst du, dass Start-ups, die das Thema Gehaltstransparenz jetzt proaktiv angehen, künftig einen unfairen Vorteil im „War for Talents“ haben werden, oder wird das ab 2026 ohnehin nur noch als Hygienefaktor wahrgenommen?
Patrick Löffler: Kurzfristig ist es ein echter Vorteil. Die beste Kandidatin hat 2026 die Auswahl – sie geht dorthin, wo Gehalt nach Logik vergeben wird, nicht nach Verhandlungsgeschick. Mittelfristig wird Transparenz zum Hygienefaktor werden, so wie eine ordentliche Datenschutzerklärung: Wer sie nicht hat, fällt auf – negativ.
Genau deshalb ist jetzt das Fenster offen. Der Vorsprung gehört denen, die es vor dem Stichtag tun, nicht denen, die nachziehen müssen.
Mein Blick darauf: Transparenz ist kein Compliance-Thema, das man wegarbeitet. Es ist eine Kulturentscheidung, die man ohnehin treffen sollte – der Gesetzgeber liefert nur den Termin. Wer Gehälter erklären kann, hat seine Hausaufgaben gemacht. Und Hausaufgaben macht man besser vor der Prüfung.
Danke, Patrick Löffler, für die spannenden Insights.
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Paukenschlag im Rewarded Gaming: Was der 202-Mio.-USD-Exit von JustPlay bedeutet
Der südkoreanische Gaming-Gigant NCSOFT übernimmt für 202 Millionen US-Dollar 70 Prozent der Anteile an der Berliner JustPlay GmbH. Damit bewertet der Deal das Start-up mit knapp 290 Millionen US-Dollar. Doch was steckt hinter der Plattform, die es geschafft hat, das oft kritisch beäugte Segment der belohnten Nutzer*innen-Interaktion in ein hochprofitables Geschäftsmodell zu verwandeln?
Die Übernahme markiert einen Meilenstein für das 2020 in Berlin gegründete Unternehmen. JustPlay steuert im Jahr 2026 auf einen Umsatz von über 300 Millionen US-Dollar zu und hat seit seiner Gründung bereits mehr als 200 Millionen US-Dollar an seine Spieler*innen ausgeschüttet. Um diesen steilen Aufstieg zu verstehen, muss man sich die Mechanik der Plattform und das Gründerteam genauer ansehen.
Gründungshistorie & Die Köpfe dahinter
Hinter JustPlay steht ein Gründer-Trio, das die Schwächen herkömmlicher Ad-Tech- und Gaming-Plattformen aus erster Hand kannte: Carl Livie (Co-CEO), Gil Mincberg (Co-CEO & Chief Strategy Officer) und Mirko Aquaro (CPO). Sie gründeten JustPlay in Berlin mit einem klaren Ziel: das strukturelle Problem der mangelnden Nutzerbindung im Bereich Rewarded Gaming zu lösen.
Laut Mitbegründer und CEO Carl Livie spielten herkömmliche Belohnungssysteme in der Vergangenheit oft nur die Rolle von „Marketing-Gags“. Sie trieben zwar kurzfristig die Downloadzahlen in die Höhe, waren jedoch nicht darauf ausgelegt, für Spieler*innen und Entwickler*innen einen langfristigen Wert zu bieten. Das Team erkannte, dass die Abhängigkeit von externen Werbebudgets unweigerlich zu schwankenden Auszahlungen führte – was das Vertrauen der Nutzer*innen nachhaltig zerstörte.
Das Geschäftsmodell kritisch hinterfragt: Alles aus einer Hand
Der entscheidende Unterschied zwischen JustPlay und klassischen Anbieter*innen liegt in der vertikalen Integration: Das Start-up besitzt und betreibt sowohl das eigene Rewarding-Ökosystem als auch die Spiele, für die die Nutzer*innen belohnt werden.
- Die Monetarisierungs-Schleife: Da JustPlay Eigentümer der Inhalte ist, kontrolliert das Unternehmen die gesamten Einnahmen. Anstatt Belohnungen aus flüchtigen, externen Kampagnenbudgets zu finanzieren, speisen sich die Auszahlungen direkt aus dem Wert, der innerhalb der Plattform selbst generiert wird.
- Vertrauen durch Instant-Payouts: JustPlay integriert die Auszahlungsinfrastruktur direkt in das Produkterlebnis. Belohnungen erfolgen transparent und sofort. Das minimiert die Abwanderungsquote, die entsteht, wenn Belohnungen versiegen oder künstlich verzögert werden.
Kritische Einordnung
Das Modell besticht durch seine Unabhängigkeit, birgt jedoch ein Klumpenrisiko: Die Strategie erfordert eine kontinuierliche Produktion oder Akquise von erfolgreichen In-House-Spielen. Verliert JustPlay an Innovationskraft oder sinkt die Qualität der eigenen Titel, gerät die gesamte Wertschöpfungskette unter Druck. Bislang geht die Rechnung jedoch auf: Mit über 50 Millionen Downloads hat das Start-up bewiesen, dass es eine kritische Masse langfristig binden kann.
Marktumfeld & Wettbewerb
Der Markt für "Play-to-Earn" und Belohnungs-Apps ist extrem kompetitiv, aber stark fragmentiert. JustPlay konkurriert hier mit verschiedenen Playern, die teils andere Schwerpunkte setzen:
- Mistplay: Der größte direkte Konkurrent (fokussiert auf Android) setzt auf eine breite, externe Spielebibliothek. Die Auszahlungen erfolgen meist in Form von Geschenkkarten und weisen oft eine Bearbeitungszeit auf.
- Swagbucks / KashKick: Diese Plattformen sind breiter aufgestellt und belohnen Nutzer nicht nur für das Spielen, sondern primär für Umfragen oder das Ansehen von Videos.
- Pocket7Games: Fokussiert sich auf kompetitives Skill-Gaming (z.B. E-Sports für Casual Games), bei dem Nutzer*innen mit Geldeinsatz direkt gegeneinander antreten.
JustPlay positioniert sich in diesem Feld als die transparente, schlanke Alternative. Anstatt Spieler*innen mit unübersichtlichen Punktesystemen auf Drittanbieter*innen-Spiele umzuleiten, bietet die Berliner Plattform ein geschlossenes Ökosystem mit Fokus auf schnelle Liquidität für die Nutzer*innen.
Die JustPlay-Perspektive: Warum dieser Exit der logische nächste Schritt ist
Aus der Sicht von JustPlay kommt der Einstieg von NCSOFT zum perfekten Zeitpunkt. Gaming-Unternehmen suchen weltweit nach Wegen, um die langfristige Kund*innenbindung und Monetarisierung in integrierten Ökosystemen zu vereinen.
Für das Berliner Start-up bietet die Übernahme drei entscheidende strategische Vorteile:
- Globale Expansion: Mit der Finanzkraft des asiatischen Gaming-Riesen im Rücken kann JustPlay die weltweite Expansion beschleunigen.
- Skalierung der Plattform: Die Investition fließt unmittelbar in den technologischen Ausbau der Plattform für belohnte Nutzer*innen-Interaktion.
- Cross-Synergien: NCSOFT bringt ein massives Casual-Gaming-Portfolio mit, darunter Tochtergesellschaften wie Lihuhu und Springcomes. Dies bietet JustPlay eine gewaltige Pipeline an neuen Inhalten, die in das eigene System integriert werden können, ohne die Kontrolle über die Umsätze abzugeben.
Fazit
Der Exit ist kein Endpunkt, sondern das Fundament für die nächste Skalierungsstufe. JustPlay definiert Belohnungen nicht als externen Anreiz, sondern als fundamentalen Bestandteil des Kernnutzens eines Produkts. Gelingt es, dieses Prinzip auf das weltweite Portfolio von NCSOFT zu übertragen, könnte aus dem Berliner Start-up sogar der globale Standard für Rewarded Engagement im Mobile Gaming werden.
Infobox: JustPlay – Key-Facts zur Übernahme
- Gründung: 2020 in Berlin.
- Management (u. a.): Carl Livie (Mitbegründer und CEO).
- Downloads: Mehr als 50 Millionen.
- Auszahlungen an Nutzer*innen: Bisher über 200 Millionen US-Dollar.
- Umsatzprognose (2026): Auf Kurs für über 300 Millionen US-Dollar.
- Übernahmedetails: Der südkoreanische Konzern NCSOFT investiert 202 Millionen US-Dollar.
- Erworbene Anteile: 70 % durch NCSOFT.
- Strategisches Ziel: Erschließung neuer Märkte, Ausbau der Plattform sowie Nutzung von Synergien mit NCSOFT-Töchtern wie Lihuhu und Springcomes.
Befreiungsschlag oder teure PR-Show? Europas Tech-Szene probt den Aufstand
Jahrelang galt das europäische Tech-Ökosystem als ewiges Talent, das den Durchbruch verpasst. Built in Europe – eine massive neue Kampagne des Londoner VCs Balderton Capital und über 100 Top-CEOs – will dieses Narrativ nun beenden. Doch reicht ein neues Selbstbewusstsein aus, um die strukturellen Defizite des Kontinents zu kaschieren?
Wer in diesen Tagen durch Berlin, München, London oder Paris läuft, dürfte über großflächige Plakate stolpern, die weniger an Start-up-Werbung als an ein politisches Manifest erinnern. „Not waiting for permission. Not looking somewhere else for the blueprint. Just building“, heißt es darauf.
Die Sätze sind das Herzstück der am 1. Juni gestarteten Kampagne Built in Europe. Orchestriert vom renommierten Risikokapitalgeber Balderton Capital, haben sich über 100 europäische Gründer*innen und CEOs zusammengeschlossen, um eine unmissverständliche Botschaft an Politik, Investor*innen und vor allem an die globale Tech-Elite zu senden: Europa ist kein reiner Binnenmarkt für US-Technologien mehr. Europa baut die Zukunft selbst.
Die Zahlen geben dem neuen Ego recht
Der Zeitpunkt für diesen medialen Paukenschlag ist klug gewählt, denn die nackten Zahlen stützen die These der Kampagne. Laut Atomico macht der Tech-Sektor mittlerweile rund 15 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts aus. Im Jahr 2015 lag dieser Wert noch bei bescheidenen 4 Prozent.
Noch viel entscheidender als das reine Volumen ist jedoch die inhaltliche Verschiebung. Europas Tech-Szene hat die Ära der reinen E-Commerce-Copycats hinter sich gelassen. Das zeigt ein Blick auf das Epizentrum der deutschen Beteiligung an der Kampagne. Aus dem Großraum München stammen drei Unternehmen, die in ihren jeweiligen Sektoren technologische Paradigmenwechsel vorantreiben:
- Quantum Systems: Das Unternehmen hat sich auf KI-gestützte Aufklärungsdrohnen spezialisiert und nach massiven Finanzierungsrunden im Jahr 2025 den Einhorn-Status erreicht. Die strategische Relevanz zeigt sich besonders im Verteidigungssektor: Im Mai 2026 vertiefte das Start-up eine Partnerschaft mit Rohde & Schwarz, um elektronische Kampfführung direkt in seine Drohnen zu integrieren.
- The Exploration Company: Die bayerisch-französische Firma entwickelt mit Nyx eine wiederverwendbare Raumkapsel, die trägerunabhängig konzipiert ist und auf Schwerlastraketen weltweit fliegen kann. Unterstützt durch weitreichende Verträge positioniert sich das Start-up als Europas ernsthafteste Antwort auf die Dominanz von SpaceX in der orbitalen Logistik.
- Proxima Fusion: Als Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik arbeitet das Team an der Kommerzialisierung der Kernfusion. Im Februar 2026 unterzeichnete Proxima Fusion eine weitreichende Vereinbarung mit dem Freistaat Bayern und RWE, um in den frühen 2030er-Jahren einen Nettoenergie-Demonstrator („Alpha“) zu errichten, auf den das erste kommerzielle Fusionskraftwerk (Stellaris) in Gundremmingen folgen soll.
Der wahre Grund der Kampagne: Der War for Talent
Doch VCs wie Balderton schalten keine teuren Out-of-Home-Kampagnen zur reinen Ego-Pflege. Hinter den plakativen Slogans verbirgt sich ein handfestes, geschäftskritisches Problem: der akute Mangel an Tech-Talenten.
Das Wachstum der Scale-ups wird längst nicht mehr nur durch fehlendes Kapital gebremst, sondern durch unbesetzte Entwickler- und Ingenieursstellen. Das Herzstück der Kampagne ist deshalb die Plattform BuiltInEurope.com – ein paneuropäischer Talent-Hub, der auf einen Schlag die offenen Positionen von 1.000 führenden Tech-Start-ups bündelt. Die Stoßrichtung ist klar: Fachkräfte aus dem Silicon Valley sollen zurückgeholt und Absolventen europäischer Elite-Unis davon abgehalten werden, direkt nach Übersee abzuwandern.
Ein Plakat ändert kein Steuerrecht
Genau an diesem Punkt muss sich die Kampagne den Realitätscheck gefallen lassen. Es ist ein starkes Signal, dass sich 100 CEOs vom FinTech-Giganten Revolut bis zum Mobilitäts-Player Voi vereinen. Doch eine Jobbörse und gute PR allein lösen die strukturellen Nachteile des Standorts Europa nicht.
Drei fundamentale Probleme bleiben ungelöst:
- Die ESOP-Lücke: US-Tech-Konzerne zahlen nach wie vor signifikant höhere Basisgehälter. Um das auszugleichen, sind Start-ups auf Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) angewiesen. Das europäische Steuerrecht macht diese Beteiligungen jedoch oft bürokratisch komplex. Solange Talente bei einem Exit steuerlich benachteiligt werden, zieht das Argument der „besseren Lebensqualität“ nur bedingt.
- Das Tal des Todes beim Growth Capital: Wenn für den Bau eines Fusionsreaktors oder das Training eines KI-Basismodells plötzlich 200 Millionen Euro benötigt werden, fehlt in Europa schlichtweg die Dichte an Growth-Fonds für späte Phasen.
- Regulierungsangst: Das Manifest fordert selbstbewusst, nicht mehr auf „Erlaubnis“ zu warten. Doch in einem Kontinent, der mit dem AI Act massive Hürden aufbaut, müssen Gründer*innen deutlich mehr regulatorischen Aufwand betreiben als ihre Konkurrenz in Asien oder den USA.
Fazit
Built in Europe ist ein überfälliger Befreiungsschlag einer Industrie, die nicht länger das Stiefkind der klassischen Wirtschaft sein will. Die Kampagne zeigt eindrucksvoll, dass in Städten wie München, Paris und Warschau Unternehmen gebaut werden, die den Lauf der Welt verändern können.
Der neue Hub wird kurzfristig helfen, Talente auf offene Stellen aufmerksam zu machen. Langfristig reicht gutes Marketing jedoch nicht aus. Wenn aus dem „Potenzial“ endgültig Realität werden soll, müssen der PR-Offensive der Gründer*innen nun handfeste politische Reformen folgen. Andernfalls bauen Europas klügste Köpfe die Zukunft weiterhin woanders.
Rekord-Finanzierung für Focused Energy: 240 Mio. USD für den Traum von der Kernfusion
Das Darmstädter DeepTech-Start-up Focused Energy hat in einer Series-A-Runde 240 Millionen US-Dollar eingesammelt – ein Meilenstein für die europäische Fusionsbranche. Am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis soll nun das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Doch während Investoren wie RWE und SPRIND den potenziellen „Energie-Giganten“ feiern, lohnt ein genauerer Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell steht vor massiven technologischen, regulatorischen und strategischen Hürden.
Es ist eine Nachricht, die in der europäischen Start-up-Szene aufhorchen lässt. Der Geldregen für das erst 2021 gegründete Start-up ist laut Unternehmensangaben die bislang größte vollständig gesicherte Series-A-Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Unterstützt wird die Runde von Schwergewichten wie dem Energiekonzern RWE, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sowie dem EIC Fund der EU. Das ambitionierte Ziel der Macher: die kommerzielle Nutzbarmachung der Kernfusion und der Aufbau einer industriellen Pilotanlage im südhessischen Biblis.
Die Köpfe hinter dem Projekt: Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft
Hinter Focused Energy steht ein klassisches, vielversprechendes Gründer-Duo. Prof. Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer, forscht seit über 25 Jahren auf dem Gebiet der Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und ist weltweit vernetzt. An seiner Seite agiert CEO Thomas Forner, ein Serial Entrepreneur mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau von Technologieunternehmen.
Gegründet wurde Focused Energy als Spin-off der TU Darmstadt, beflügelt durch einen historischen Durchbruch im Dezember 2022: Am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) in den USA gelang es Forschern erstmals, durch Laserfusion mehr Energie zu erzeugen, als die Laser verbrauchten. Forner und Roth nutzten das Momentum und holten maßgebliche Köpfe dieses US-Forschungsteams ins eigene Unternehmen, um das Know-how auf beiden Seiten des Atlantiks zu bündeln.
Das Geschäftsmodell: Energie der Zukunft oder lukrative Nischen?
Der Ansatz von Focused Energy basiert auf der Trägheits- bzw. Laserfusion. Winzige Brennstoffkapseln mit Wasserstoffisotopen werden durch extrem starke Laser beschossen, um die Bedingungen im Inneren der Sonne zu simulieren. Der Plan sieht vor, bis Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Kraftwerk ans Netz zu bringen. Die aktuellen Millionen sollen vor allem in die Technologie, industrielle Lieferketten und die Infrastruktur in Biblis fließen.
Kritiker hinterfragen diese Timeline jedoch scharf. Das renommierte DIW Berlin warnt davor, dass die Kernfusion auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur akuten Energiewende leisten wird. Forscher weisen darauf hin, dass Startups der Fusionsbranche ihr Geschäftsmodell mittelfristig anpassen könnten – weg vom Kraftwerk, hin zu Nischenprodukten wie hochpräzisen Materialprüfverfahren oder Speziallasern. Nur so ließen sich Einnahmen generieren, bevor das (noch längst nicht garantierte) Kernprodukt fertig ist.
Markt und Wettbewerb: Das Rennen der DeepTech-Milliarden
Weltweit fließen Milliarden in Start-ups, die das Energieproblem der Menschheit lösen wollen. Zu den größten europäischen Wettbewerbern zählen Marvel Fusion (ebenfalls laserbasiert), Proxima Fusion (Magneteinschluss) und Gauss Fusion.
Auch die Konkurrenz steht unter wissenschaftlicher Beobachtung: So äußerten sich Forscher des Max-Planck-Instituts zuletzt äußerst skeptisch über den Ansatz von Marvel Fusion, da dessen wissenschaftliche Details mangels Transparenz kaum überprüfbar seien. Focused Energy hat hier durch den Bezug zu den validierten LLNL-Ergebnissen einen klaren Argumentationsvorteil. Dennoch bleibt die Ingenieursaufgabe gigantisch: Aus einem singulären wissenschaftlichen Experiment muss ein dauerhaft laufendes Kraftwerk werden.
Hinter den Kulissen: Was die Erfolgsmeldungen verschweigen
Meldungen über Rekordsummen blenden die knallharten Realitäten des DeepTech-Marktes oft aus. Drei Aspekte sind für die Zukunft von Focused Energy besonders kritisch:
- Cap Table und das Verwässerungsrisiko: Eine derart massive Series A ist in Europa ein Novum, birgt für die Gründer aber strategische Gefahren. Da ein marktreifes Kraftwerk erst in über zehn Jahren realisierbar ist, werden noch mehrere kapitalintensive Runden nötig sein. Branchenkenner gehen von stark getranchten Meilenstein-Zahlungen (Milestone-Funding) aus. Liefern Forner und Roth nicht punktgenau, droht eine massive Verwässerung (Dilution) ihrer Anteile.
- Biblis gegen Silicon Valley: Technologie ist kopierbar, ein Spitzen-Team nicht. Focused Energy muss die weltweit extrem raren Experten für Plasmaphysik rekrutieren. Während US-Wettbewerber wie Commonwealth Fusion Systems mit Valley-Gehältern locken, muss das Start-up diese Talente ins beschauliche Südhessen lotsen. Ein erheblicher Teil des Kapitals dürfte direkt in Personalkosten und attraktive Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) fließen.
- Das Exit-Dilemma und die regulatorische Blackbox: Klassische VC-Fonds haben Laufzeiten von zehn bis zwölf Jahren – ein Zeitraum, in dem Focused Energy voraussichtlich noch keinen kommerziellen Strom verkauft. Die Exit-Strategie läuft somit unweigerlich auf einen gigantischen künftigen Börsengang (IPO) hinaus. Zudem bleibt das regulatorische Umfeld in Deutschland unberechenbar: Zwar birgt die Kernfusion nicht die Gefahren der Kernspaltung, doch der Bau einer solchen Anlage wird extrem komplexe Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Die Partnerschaft mit RWE ist daher wohl primär ein strategischer Schutzschild für die kommende Lobbyarbeit.
Fazit für das Start-up-Ökosystem
Die Runde ist ein massives Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und staatliche Akteure mittlerweile bereit sind, bei extrem kapitalintensiven „Moonshot“-Projekten mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt Focused Energy ein Paradebeispiel für ein High-Risk-Investment. Ob Biblis tatsächlich zur Keimzelle einer neuen Hochtechnologie-Industrie wird oder ob sich die alte sarkastische Physiker-Weisheit bewahrheitet, dass die Kernfusion „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“, werden die kommenden Jahre zeigen.
Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau
Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.
Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.
Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.
Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.
Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.
Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de
Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert
Marvelous Scito Fund: Neuer Impuls gegen das „Tal des Todes“
Ein neuer 20-Millionen-Euro-Fonds soll die schwierige Brücke vom Labor zur industriellen Fabrik schlagen. Doch reicht diese Summe für kapitalintensive Hardware überhaupt aus? Warum die Kooperation für Gründer*innen dennoch ein wichtiges Signal ist – und wo die strukturellen Haken liegen. Eine kritische Einordnung für die Start-up-Community.
Deutschland forscht unbestritten auf Weltklasseniveau. Wenn es jedoch darum geht, wissenschaftliche Durchbrüche in marktreife, skalierbare Industrieunternehmen zu verwandeln, verdorren viele Innovationen im sogenannten „Tal des Todes“. Oft scheitern DeepTech-Technologien nicht an ihrer Qualität, sondern am mangelnden Zugang zu passendem Wagniskapital. Klassische Venture-Capital-Fonds (VC) meiden die extreme Frühphase, da die technologischen, marktbezogenen und operativen Risiken kaum in herkömmliche Risiko-Rendite-Profile passen.
Genau in dieses Wespennest stechen nun die Berliner Investmentplattform Marvelous und die Hamburger Joachim Herz Stiftung (JHS). Mit dem neu aufgelegten Marvelous Scito Fund bringen sie ein Volumen von 20 Millionen Euro an den Start – mit der Stiftung als alleinigem Ankerinvestor.
Von der Theorie zur Praxis: Die hauseigene JHS-Studie
Dass die Joachim Herz Stiftung diesen Schritt geht, ist kein Zufall, sondern die konsequente Exekution eigener Erkenntnisse. Erst im Dezember 2025 veröffentlichte die Stiftung gemeinsam mit der UnternehmerTUM eine viel beachtete Studie zum Thema „Wachstumskapital für Deep-Tech Scaleups“. Das Kernergebnis dieser Untersuchung deckt sich präzise mit dem Ansatz des neuen Fonds: Bis 2030 droht im deutschen DeepTech-Segment eine jährliche Wachstumskapitallücke von rund zehn Milliarden Euro.
Mit dem Scito Fund geht die JHS nun von der theoretischen Analyse in die praktische Umsetzung über. Für die Stiftung schließt sich damit eine strategische Lücke in der hauseigenen Förderlandschaft: Während sie in der ganz frühen Phase bereits mit Initiativen wie dem „innovate! fund“ interdisziplinäre Forschungsteams mit bis zu einer Million Euro unterstützt, soll der neue Fonds nun dabei helfen, die kritischen Übergänge vom Labor zum Prototyp („Lab to Pilot“) und weiter zur industriellen Skalierung („Pilot to Scale“) abzusichern.
Die europäische Dimension: Ein Tropfen auf den heißen Stein?
Betrachtet man den breiteren Kontext, wird jedoch schnell die geldpolitische Krux des DeepTech-Standorts sichtbar. Das deutsche Wagniskapitalvolumen ist von 24,7 Milliarden US-Dollar (2021) auf magere 9,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 eingebrochen und dürfte sich Daten der JHS-Studie zufolge für 2025 auf nur noch rund 6,1 Milliarden US-Dollar einpendeln. Europaweit hat sich seit 2015 zudem ein „Later Stage Gap“ von astronomischen 375 Milliarden US-Dollar aufgestaut.
Vor diesem Hintergrund sind 20 Millionen Euro nüchtern betrachtet kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer DeepTech-Hardware im Bereich neuer Materialien oder Robotik skaliert, weiß, dass der Bau einer einzigen Pilotanlage oder Fabrik oft schon dreistellige Millionenbeträge verschlingt.
Der wahre Wert des Fonds liegt daher nicht in seiner absoluten Größe, sondern in seiner Funktion als Katalysator und Validierungsstempel. Wenn eine renommierte, langfristig orientierte Stiftung als Ankerinvestor vorangeht, signalisiert dies dem Markt Stabilität. Das Ziel muss es sein, über dieses Vehikel dringend benötigtes privates Co-Investment anzuziehen.
Das Netzwerk: Mehr als nur warmes Geld
Für Gründerinnen und Gründer ist bei der Auswahl eines VCs das Netzwerk oft entscheidender als die reine Summe auf dem Konto. Die Struktur der Investmentplattform unterscheidet sich vom klassischen, rein monetär getriebenen VC-Ansatz durch eine strikte Zweiteilung:
- Marvelous Capital: Verantwortet das reine Fondsmanagement und investiert über den Scito Fund sowie den hauseigenen Frühphasenfonds Marvelous Ventures.
- Marvelous Catalyst: Agiert als dezidierte operative Einheit. Sie soll die Start-ups praxisnah dabei begleiten, die Brücke zur Industrie zu schlagen – von der Marktvalidierung über die Pilotierung bis hin zu echten Abnahmeverträgen (Offtake-Agreements).
Der Realitätscheck für Gründer*innen: Sektoren und Ticketgrößen
Wer sollte den Fonds auf dem Schirm haben? Der Fokus liegt scharf eingegrenzt auf drei kapitalintensiven Feldern mit hoher gesellschaftlicher und ökologischer Relevanz:
- Advanced Materials (Fortschrittliche Materialien)
- Waste Valorization (Wertschöpfung aus Abfallströmen / Kreislaufwirtschaft)
- Robotics und Automatisierung
Da Marvelous in der Praxis typischerweise Investment-Tickets zwischen 250.000 Euro und 3 Millionen Euro anpeilt, wird der Scito Fund primär in der Pre-Seed-, Seed- und frühen Series-A-Phase agieren. Gründer*innen dürfen also nicht erwarten, dass Marvelous die gesamte Wachstumsreise bis zum Einhorn im Alleingang finanziert. Stattdessen holt man sich ein industriell vernetztes Team an Bord, das als Türöffner für nachfolgende, größere internationale Finanzierungsrunden dienen kann.
Fazit: Ein wichtiges Vorbild mit begrenzter Reichweite
Der Marvelous Scito Fund ist ein hochgradig spannendes Vorzeigeprojekt für das deutsche Innovationsökosystem. Er zeigt exemplarisch, wie gemeinnütziges Stiftungskapital, das von Natur aus einen langen Anlagehorizont besitzt, als moderner Innovationsmotor fungieren kann. Ulrich Müller, Finanzvorstand der JHS, stellt klar, dass man hierbei durchaus marktgerechte Renditen anstrebt, diese aber konsequent mit einer wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsstrategie verbindet.
Für DeepTech-Start-ups in den genannten Fokussektoren ist die Nachricht ein echter Lichtblick. Dennoch bleibt die fundamentale Wahrheit bestehen: Für den finalen, globalen Roll-out großer Hardware-Innovationen werden Gründer*innen auch in Zukunft zwingend ein komplexes Finanzierungsmosaik aus staatlichen Geldern, strategischen Industriepartnern und internationalen Großfonds zusammensetzen müssen. Der Scito Fund ist dafür ein exzellentes Fundament – das teure Fabrikgebäude müssen die Gründer*innen aber nach wie vor selbst hochziehen.
Millionenmarkt Frauengesundheit: Bonner MedTech Femi-ON sichert sich Seed-Finanzierung
Das 2025 von Meike Kreutel, Alexej Domnich und Marion Schink gegründete Start-up Femi-ON hat erfolgreich eine Seed-Finanzierungsrunde abgeschlossen. Zu den Geldgeber*innen gehören unter anderem die NRW.BANK und die Digitaler Hub Region Bonn AG. Femi-ON entwickelt ein Medizinprodukt, das Menstruationsbeschwerden künftig durch Vibration statt durch Medikamente lindern soll. Ein Blick auf das Geschäftsmodell und die Hürden der Marktzulassung.
Das in Bonn ansässige FemTech-Start-up Femi-ON hat den Abschluss seiner Seed-Finanzierungsrunde – über die genaue Summe wurde Stillschweigen vereinbart – bekannt gegeben. Neben der NRW.BANK und Der Digitaler Hub Region Bonn AG beteiligen sich mehrere Business Angels an dem Unternehmen. Das Kapital soll in die weitere Produktentwicklung, den Start von Pilotprojekten sowie in die Vorbereitung der Medizinproduktezulassung fließen.
Der Ansatz: Niederfrequente Vibration statt Medikamente
Hinter Femi-ON steht das interdisziplinäre Gründungsteam um Meike Kreutel, Alexej Domnich und Marion Schink. Das Start-up adressiert ein weitverbreitetes medizinisches Problem: Millionen Frauen leiden unter starken Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe) oder Endometriose. Bisherige Therapieansätze stützen sich häufig auf hormonelle Präparate oder Schmerzmittel.
Femi-ON entwickelt mit den Konzepten „Tamp-ON“ und „Ring-ON“ hardwarebasierte Medizinprodukte, die im Körper getragen werden sollen.
- Geplante Wirkungsweise: Die Schmerzlinderung soll durch niederfrequente Vibrationsenergie erfolgen, die gezielt an der Schmerzquelle ansetzt und die Weiterleitung der Schmerzsignale über die Nerven modulieren soll.
- Materialien: Die wiederverwendbaren Devices sollen aus biokompatiblen Materialien gefertigt werden.
- Digitale Anbindung: Die Hardware wird via Bluetooth über eine eigene App gesteuert, die den Nutzerinnen ein individuelles Tracking ihrer Symptome ermöglichen soll.
Die Entwicklung des Unternehmens wurde in der Frühphase bereits durch verschiedene Institutionen gestützt. Femi-ON durchlief den Inkubator der Impact Factory in Duisburg, erhielt das Gründungsstipendium NRW und war Teil des Investment SHEroes Accelerator-Programms des Digital Hub Bonn, der nun auch als Investor auftritt.
Marktumfeld: Chancen und regulatorische Hürden
Der FemTech-Sektor verzeichnet international ein starkes Wachstum. Doch der hardwarebasierte MedTech-Bereich, in dem Femi-ON agiert, ist mit spezifischen Herausforderungen verbunden. Ein kritischer Blick auf das Geschäftsmodell zeigt die zentralen Meilensteine, die das Start-up noch nehmen muss.
Technologie- und Marktabgrenzung
Kriterium | Ansatz Femi-ON | Etablierte TENS-Wearables | Konventionelle Medizin |
Wirkansatz | Interne Vibration (geplant) | Externe transkutane Nervenstimulation | Systemische Wirkstoffe |
Anwendung | Intern | Extern (Klebepads auf der Haut) | Oral (Tabletten) / Hormonell |
Zulassungshürde | Hoch (internes Medizinprodukt nach MDR) | Mittel (externes Medizinprodukt) | Hoch (Pharma) |
Kritische Einordnung des Markteintritts
- Zulassung als Bottleneck: Die Zertifizierung als Medizinprodukt nach der strengen europäischen Medical Device Regulation (MDR) für ein Device, das in den Körper eingeführt wird, ist kosten- und zeitintensiv. Diese Phase entscheidet maßgeblich über die Überlebensfähigkeit von MedTech-Start-ups.
- Nutzer*innenakzeptanz: Zwar wächst der Markt für Gesundheits-Wearables stetig, doch die Hürde, ein smartes Device vaginal einzuführen und per App zu steuern, erfordert Aufklärungsarbeit. Der Vorteil gegenüber externen Schmerzgeräten, die oft sichtbare Kabel oder Klebepads erfordern, liegt in der Diskrete der Anwendung im Alltag.
- Kund*innenakquise (CAC): Das Marketing für Produkte der Frauengesundheit unterliegt auf großen Werbenetzwerken häufig strengen und teils inkonsistenten Restriktionen. Start-ups in diesem Segment sind stark auf organisches Community-Building und B2B2C-Strategien (etwa Kooperationen mit Krankenkassen) angewiesen.
Fazit
Mit dem Abschluss der Seed-Runde sichert sich Femi-ON den finanziellen Spielraum für die kostenintensive Zertifizierungsphase. Gelingt die komplexe MDR-Zulassung, positioniert sich das Bonner Start-up in einem wachstumsstarken Markt für nicht-medikamentöse Schmerztherapien.
Gründer*in der Woche: malmachen - Bootstrapping statt Pitchdeck
Kein VC-Geld, aber echte Kund*innen: Wie ein Start-up aus Deggendorf mit Voice-KI den Mittelstand adressiert – und warum Bootstrapping eine ernstzunehmende Alternative zum polierten Pitchdeck sein kann.
Während viele KI-Start-ups ihre Ideen zunächst in Präsentationen für Investoren entwickeln, sind drei Gründer aus Deggendorf einen anderen Weg gegangen. Marco Jülke, Leonhard Pöppel und Anton Kirchner bauen seit 2022 mit der malmachen GbR eine Telefon-KI ohne externes Funding und direkt im Markt auf. Zu einem Zeitpunkt, als es hierzulande kaum praxistaugliche Lösungen gab, begannen sie, reale Anwendungsfälle umzusetzen. Ihr Ansatz war dabei von Anfang an klar formuliert: Nicht erzählen, sondern bauen. Anstatt früh Kapital einzusammeln, arbeiteten sie unmittelbar an konkreten Kund*innenprojekten und entwickelten daraus über drei Jahre eine skalierbare Technologie.
In einem extrem rechen- und technologieintensiven Umfeld war das fehlende Risikokapital dabei durchaus spürbar. „Gerade am Anfang war Telefon-KI technisch extrem aufwendig, weil es kaum fertige Infrastruktur gab, auf die man einfach hätte aufsetzen können“, räumt Mitgründer Marco Jülke ein. Die Folge war viel eigenes Testen, Verwerfen und Neubauen. Rückblickend sieht Jülke in dieser finanziell herausfordernden Zeit jedoch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. „Weil wir kein großes Kapital im Rücken hatten, konnten wir nicht einfach monatelang im stillen Kämmerlein entwickeln“, so der Gründer. Das Team war gezwungen, die Entwicklung über laufende Projekte zu finanzieren. „Wir haben nicht gebaut, was theoretisch spannend klingt, sondern das, wofür Unternehmen wirklich bereit waren zu zahlen.“ Dieser Druck habe letztlich für ein sehr praxisnahes Produkt gesorgt.
Vom Projektgeschäft zur Plattform
Die Use-Cases des Start-ups umfassen heute konkrete Anwendungen wie automatisierte Inbound-Systeme im Kund*innenservice, KI-gestützte Lead-Qualifizierung sowie Recruiting-Prozesse, bei denen Bewerber*innen ein telefonisches Erstgespräch mit einer KI führen. Ein besonderer Fokus liegt auf Outbound-Prozessen: KI-Systeme kontaktieren neue Leads innerhalb von Sekunden, führen Gespräche und qualifizieren Termine. Die Kundschaft reicht dabei vom Einzelunternehmen bis hin zum Konzern.
Doch gerade bei der Outbound-Telefonie bewegt man sich in Deutschland juristisch auf dünnem Eis. Die rechtlichen Hürden im Hinblick auf den Datenschutz (DSGVO) und das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) sind enorm hoch – automatisierte Kaltakquise ohne vorherige, ausdrückliche Einwilligung ist in der Regel unzulässig. Angesprochen auf die Gefahr, dass die KI für illegale Spam-Anrufe missbraucht werden könnte, zieht Leonhard Pöppel eine klare Haftungsgrenze. „Wir wollen ausdrücklich keine Technologie bauen, die für Spam oder aggressive Kaltakquise genutzt wird“, stellt er klar. Man setze plattformseitig auf strikte Nutzungsbedingungen. Die rechtliche Verantwortung für Datenherkunft und saubere Opt-ins bleibt jedoch beim Nutzer: „Unsere Kunden müssen selbst sicherstellen, dass sie eine rechtliche Grundlage für die Kontaktaufnahme haben.“ Pöppel sieht das Start-up dennoch in der Pflicht: „Unsere Verantwortung liegt darin, Missbrauch nicht zu fördern und Kunden für eine rechtssichere Nutzung zu sensibilisieren.“
Zuletzt vollzog das Unternehmen einen strategischen Wandel: Heute bündeln die Gründer ihre Technologie in einer Self-Service-Plattform und öffnen das Modell über White-Label-Lösungen für Agenturen. Dieser Wechsel senkt zwar die Einstiegshürde, erfordert nun aber ein hohes Nutzer*innen-Volumen, um profitabel zu wachsen.
„Die größte Hürde war, unser gesamtes Praxiswissen aus individuellen Kundenprojekten so zu vereinfachen, dass Unternehmen es selbst nutzen können“, resümiert Anton Kirchner den Pivot. Während man in der Dienstleistung vieles persönlich erklären könne, müsse das Produkt auf einer Plattform selbsterklärend sein. Um das notwendige Wachstum zu generieren, setzt das Team auf strategische Partnerschaften. „Gerade Agenturen sind für uns spannend, weil sie bereits Kundenbeziehungen haben und unsere Plattform nutzen können, um KI-Telefonie in bestehende Prozesse zu integrieren“, rechnet Kirchner vor.
Die Strategie der Marktmitte
Der Markt für KI-Telefonassistenten ist in den letzten 24 Monaten explodiert. Auf der einen Seite stehen hochfinanzierte Enterprise-Schwergewichte wie das Berliner Start-up Parloa, auf der anderen drängen globale US-Provider wie Vapi oder ElevenLabs in den DACH-Raum. Malmachen positioniert sich dazwischen: prozessnäher als reine US-Schnittstellen, aber zugänglicher als hochpreisige Enterprise-Lösungen.
Doch was hindert einen der globalen Tech-Riesen daran, den deutschen Mittelstand mit einem eigenen Frontend aufzurollen? Leonhard Pöppel verweist hierbei auf die Firmen-DNA: „Unser Ansatz war von Anfang an ein anderer – nicht aus Angst vor Wettbewerb zu handeln, sondern konsequent zu bauen, zu testen und zu verbessern. Genau daraus ist auch unser Name entstanden.“ Das über Jahre gewachsene operative Know-how im Mittelstand betrachten die Gründer als ihren eigentlichen Burggraben. „Ein globaler Player kann Technologie replizieren – aber nicht ohne Weiteres die gewachsene Marktkenntnis, die Nähe zu den Kunden und die daraus resultierende Produktqualität“, zeigt sich Pöppel überzeugt.
Profitabilität statt Pitchdeck
Für die Start-up-Szene liefert das Deggendorfer Unternehmen damit einen markanten Gegenentwurf zum üblichen Funding-first-Narrativ. Das Team beweist, dass es im kapitalintensiven KI-Sektor möglich ist, ohne Millionen-Runde und sofortigen Hyperscaling-Druck einen Product-Market-Fit anhand echter Umsätze zu validieren.
Ob das Team diesem Weg dauerhaft treu bleibt, ist offen. „Bootstrapping war für uns in der Anfangsphase genau der richtige Weg“, bilanziert Anton Kirchner. Beim Thema externes Kapital zeige man sich für das weitere Wachstum jedoch nicht dogmatisch. Sollte VC-Geld helfen, die Plattform professioneller zu skalieren, sei dies eine Option. Eine Bedingung knüpft Kirchner aber daran: „Es geht nicht um Geld allein. Der richtige Kapitalgeber sollte auch strategisch zu uns passen, Know-how mitbringen und Türen öffnen.“ Kapital nur um des Kapitals willen schließt der Gründer kategorisch aus.
5 Mio. Euro für die „Schreibtischlosen“: Kann Elephant den Frontline-Markt wirklich digitalisieren?
Operative Teams in der Produktion, der Logistik oder im Service gelten bei der Digitalisierung oft als vernachlässigt. Das Berliner Start-up Elephant verspricht Abhilfe durch KI-gestütztes Micro-Learning und sicherte sich dafür nun 5 Millionen Euro. Doch zwischen dem PR-Versprechen und der harten Shopfloor-Realität warten ein eng besetzter Markt und die Gefahr der technologischen Austauschbarkeit.
Die aktuelle Finanzierungsrunde wird von den Corporate-Venture-Capital-Einheiten (CVC) EnBW New Ventures und Wepa angeführt. Dass ausgerechnet diese Player investieren, ist kein Zufall: Die Mutterkonzerne steuern selbst riesige operative Belegschaften. Sie dienen der Elephant Technologies GmbH somit nicht nur als Geldgeber, sondern gleichzeitig als Testlabor und Referenzkund*innen. Ergänzt wird die Runde durch namhafte Angel-Investoren aus dem Umfeld von Flix und Home24.
Das Geschäftsmodell: KI-Kurse gegen das „Wissens-Leck“
Die Gründer Maurice Zomorrodi, Niklas Dehio und Melchior Schramm riefen Elephant im Sommer 2022 ins Leben. Sie adressieren ein strukturelles Problem: Wissen wird in operativen Betrieben oft noch mündlich oder über veraltete Handbücher weitergegeben. Die Elephant-Plattform nutzt einen KI-gestützten „Coursebuilder“, um aus bestehenden Dokumenten mit wenigen Klicks interaktive Lerneinheiten für eine mobile App zu generieren. Ein KI-Assistent soll Fragen zudem kontextbezogen direkt am Arbeitsplatz beantworten. Um Sprachbarrieren in der Industrie abzubauen, bietet das System Übersetzungen in über 95 Sprachen. Dass das Modell Anklang findet, zeigt sich am Solar-Einhorn Enpal, das Elephant zur Schulung von Quereinsteigern nutzt.
Journalistisch betrachtet muss man jedoch das Preisschild hinterfragen: Der Einstieg in die Plattform beginnt bei 640 Euro monatlich für bis zu 50 Nutzer*innen („Team“) und skaliert über 1.300 Euro („Pro“) bis hin zu Enterprise-Lösungen ab 4.000 Euro im Monat. Für Mittelständler*innen ist das ein beachtlicher Kostenblock, der sich zügig durch messbar sinkende Fehlerquoten oder kürzere Onboarding-Zeiten rechtfertigen muss.
Ein Markt im Goldrausch: Wer sind die Jäger*innen?
Elephant ist längst nicht allein auf der Jagd nach der „Deskless Workforce“. Dieses enorme Segment hat in den letzten Jahren mächtige Wettbewerber auf den Plan gerufen. So hat beispielsweise der Branchen-Riese Beekeeper die Frontline-Trainingsplattform eduMe nahtlos in seine App integriert, um Mitarbeitenden Weiterbildung mit nur einem Klick zugänglich zu machen. Solche Konsolidierungen zeigen: Der Standard im operativen Weiterbildungsmarkt wird zunehmend höher.
Zwischen Innovation und Commodity
Trotz des Kapitalschubs steht das Start-up vor zwei entscheidenden Hürden. Erstens droht der technologische Kern – das Umwandeln von PDFs in Quizze mittels KI – zu einer reinen „Commodity“ zu werden. Da große Sprachmodelle (LLMs) rasant mächtiger werden, könnten generische Unternehmenstools diese Funktion bald als Standard-Feature mitliefern. Elephant muss beweisen, dass sich die Plattform unverzichtbar tief in echte Qualitätssicherungs- und Produktionsprozesse verwebt.
Zweitens bleibt der Faktor Mensch das größte Risiko. Software für den Shopfloor scheitert selten am Management, sondern oft an der fehlenden Akzeptanz der Belegschaft. Wenn die App im stressigen Arbeitsalltag nicht als spürbare Entlastung wahrgenommen wird, nützt auch die beste KI wenig.
Unser Fazit
Ein valider Ansatz unter hohem Konkurrenzdruck Elephant hat mit EnBW und Wepa die idealen Partner gefunden, um die Praxistauglichkeit in großen Strukturen unter Beweis zu stellen. Die 5 Millionen Euro geben den nötigen Runway. Dennoch ist der technologische Burggraben schmal. Um langfristig gegen internationale Schwergewichte zu bestehen, muss Elephant mehr sein als nur ein komfortabler Content-Generator. Der echte Härtetest beginnt an der Werkbank.
