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HealthTech-Start-up clare&me erhält € 1 Mio. Pre-Seed Finanzierung
clare&me, HealthTech-Start-up aus Berlin, gibt sechs Monate nach Gründung eine Pre-Seed-Finanzierung in Höhe von 1 Million Euro bekannt.
Clare&me wurde 2021 von Emilia Theye und Celina Messner in Berlin gegründet, um dem akuten Mangel an Therapieplätzen und der damit einhergehenden Unterversorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen entgegenzuwirken. Ziel des Unternehmens ist es, den Millionen Menschen, die weltweit unter Angstsymptomen und Depressionen leiden, mit einer skalierbaren und niedrigschwelligen Softwarelösung zu helfen. Die Lösung fühlt sich dabei menschlich an, und soll den erheblichen Engpässen in der Behandlungskapazität entgegenwirken. Clare ist eine künstliche Intelligenz, die mit Nutzer*innen Gespräche per Smartphone führt und klinisch erprobte Ansätzen der Verhaltenstherapie vermittelt. Als virtueller Mental Health Companion bietet Clare so psychische Unterstützung für alle Menschen an, ortsungebunden und rund um die Uhr.
Angeführt wird die Runde vom Münchner HealthTech Fonds YZR (u.a. Ex-Gründer der Teleclinic). Weiter beteiligen sich der global agierende Early-Stage-Risikokapitalgeber Antler, sowie namhafte Business Angels, darunter Hans Raffauf (Gründer von Clue, Krisenchat und Hy), Jenny Saft (Gründerin von Oviavo) als Teil des Atomico Angels Programms, Jan Wilmking, Heidrun Twesten (Gründerin von Impacct, Co-Host Equalizer Podcast), sowie die Tomorrow Gründer Inas Nureldin und Michael Schweikart. Das Kapital wird in die Weiterentwicklung des Produkts sowie in den Ausbau des Teams investiert. Der Prototyp wird derzeit in Großbritannien getestet.
“Wir freuen uns sehr, sechs Monate nach der Gründung eine erfolgreiche Pre-Seed Finanzierungsrunde verkünden zu können. Als Psychologin ist die Entstigmatisierung mentaler Erkrankungen eine Herzensangelegenheit für mich – und ein wichtiger gesellschaftlicher Schritt in die richtige Richtung”, sagt Emilia Theye.
Celina Messner ergänzt: “Die mentale Gesundheit von Individuen zu erhalten und zu fördern, ist eine der größten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Wir wollen proaktiv dazu beitragen, die Lücke zwischen Bedarf und Angebot an psychischer Unterstützung zu schließen. Das kann uns nur gemeinsam gelingen – mit Akteur*innen des Gesundheitswesens, Politiker*innen, Unternehmen und Entwickler*innen von innovativer Technologie.”
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Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?
Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.
Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?
Die Köpfe hinter der Chat-Innovation
Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.
„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“
Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.
All-in-one zum Kampfpreis
Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.
Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.
Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.
Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"
So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.
Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.
Grenzen der Chat-Bedienung
Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.
Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.
Fazit und Ausblick
Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.
Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“
25 Mio. Euro Funding für ClimateTech encosa
Das 2024 von Sascha Koberstaedt und Sebastian Becker gegründete Münchner Start-up encosa hat sich eine Gesamtfinanzierung in Höhe von 25 Millionen Euro gesichert, um sein Portfolio gewerblich und industriell genutzter Batteriespeicher massiv auszubauen.
Die Kombination aus Venture Capital und einer skalierbaren Fremdkapitalfazilität soll das „Energy-as-a-Service“-Modell des Unternehmens im deutschen Mittelstand etablieren. Für Gründer*innen und Investor*innen im ClimateTech-Segment ist dieser Case ein starkes Signal – doch das hochkomplexe und kapitalintensive Hardware-Geschäft birgt in der Praxis spezifische Herausforderungen.
Gründer und Historie
Hinter encosa stehen Sascha Koberstaedt (CEO) und Sebastian Becker (COO), die das Unternehmen im Juni 2024 ins Leben gerufen haben. Koberstaedt bringt bereits tiefe Erfahrung im Aufbau komplexer Hardware-Unternehmen mit – unter anderem als Mitgründer des Münchner Elektrotransporter-Start-ups Evum Motors. In weniger als zwei Jahren konnte das Duo ein beachtliches Tempo vorlegen, erste Anlagen in Betrieb nehmen und ein spezialisiertes Team formieren.
Die rasante Finanzierungshistorie unterstreicht das Vertrauen des Marktes:
- Pre-Seed-Runde: First Momentum Ventures und Redstone stiegen als Lead-Investoren ein, flankiert von Heliad, UTUM Funding for Innovators und WEPA Ventures.
- Seed-Runde: Angeführt vom sektorfokussierten Frühphasen-VC Realyze Ventures, beteiligten sich Verve Ventures, Blum Ventures, Kopa Ventures und Bayern Kapital. Alle Pre-Seed-Investoren zogen erneut mit.
- Business Angels: Prominente Köpfe wie Andreas Kupke (Finanzcheck.de), Marc Stilke (Immobilienscout24) und Sebastian Bärhold (IDnow) unterstützen das Unternehmen.
Das Geschäftsmodell: Nutzung statt Besitz
Der Mittelstand leidet unter volatilen Strompreisen, steigenden Netzentgelten und strengeren CO2-Vorgaben. Batteriespeicher gelten als Schlüsseltechnologie, um Lastspitzen zu kappen (Peak Shaving) und Energiekosten zu senken. Dennoch scheiterten Projekte im Mittelstand bislang oft an hohen Investitionskosten (CapEx) und komplexen Prozessen.
Hier setzt encosa mit einer All-in-one-Lösung an:
- Zero CapEx: Das Start-up übernimmt die komplette Planung, Finanzierung, Installation und den Betrieb der Anlagen. Kund*innen benötigen keine eigene Anfangsinvestition.
- Flexible Finanzierung: Kunden wählen flexibel zwischen Kauf, Miete oder Pacht.
- Duale Wertschöpfung: Erlöse werden sowohl durch die Optimierung des Kund*innenverbrauchs („Behind the Meter“) als auch über den aktiven Energiehandel am Strommarkt („Front of the Meter“) generiert.
Laut encosa amortisieren sich die Anlagen je nach Verbrauchsprofil innerhalb von 18 Monaten bis fünf Jahren.
Merkmal | Klassischer Speicherkauf | encosa Modell |
Investitionskosten (CapEx) | Hoch | Keine Anfangsinvestition nötig |
Betriebsrisiko | Liegt komplett beim Kunden | Wird durch encosa minimiert |
Erlösquellen | Meist nur lokale Optimierung | Mix aus Einsparung & Energiehandel |
Projektmanagement | Eigenverantwortlich / komplex | Komplettlösung aus einer Hand |
Markt, Wettbewerb und die Risiken des Asset-Heavy-Modells
Der Markt für gewerbliche und industrielle Speicher (C&I) in Deutschland boomt, ist aber hart umkämpft. Etablierte Player wie Tesvolt oder Fenecon dominieren den Hardware-Vertrieb. Start-ups wie Voltfang besetzen die Nachhaltigkeitsnische mit Second-Life-Batterien, während Akteure wie Kyon Energy im Bereich der Groß-Netzspeicher aktiv sind.
Der Ansatz von encosa, die Speicher auf die eigene Bilanz zu nehmen bzw. über Zweckgesellschaften zu finanzieren, birgt fundamentale Risiken: Das Risiko der Hardware-Degradation (Zellverschleiß) verbleibt beim Anbieter. Zudem ist der deutsche Markt durch hochkomplexe regulatorische Rahmenbedingungen (z.B. Netzentgelte nach § 19 StromNEV) und bürokratische Netzanschlussverfahren geprägt, was die Skalierung ausbremsen kann.
Strategisch hat das Team diese Klippe jedoch clever umschifft: Während das teure Eigenkapital (VC-Geld) ausschließlich in Team, Software und Plattformentwicklung fließt, wird die kapitalintensive Hardware über die neu gesicherte Debt-Facility (Fremdkapital) finanziert. Diese saubere Trennung verhindert eine Verwässerung der Gründeranteile und zeigt, dass institutionelle Geldgebende die Cashflow-Modelle als bankfähig (bankable) einstufen.
Fazit
Batteriespeicher entwickeln sich rasant von einer technischen Notwendigkeit zu einer hochrentablen, eigenständigen Assetklasse. Für die Bau-, Logistik- und Immobilienwirtschaft, in der Investor*innen wie Realyze Ventures tief vernetzt sind, sind solche Modelle der Schlüssel zur Dekarbonisierung.
encosa zeigt exemplarisch, wohin sich ClimateTech entwickelt: Reine Software-Dashboards reichen nicht mehr aus. Gefragt sind integrierte „Full-Stack“-Modelle, die dem/der Kund*in das operative Risiko abnehmen und die Arbitrage-Möglichkeiten der europäischen Strommärkte algorithmisch voll ausschöpfen. Die Bewährungsprobe für encosa wird nun sein, diese Performance auch bei sinkenden Spreads an den Strombörsen stabil zu halten.
Rekord-Finanzierung für Focused Energy: 240 Mio. USD für den Traum von der Kernfusion
Das Darmstädter DeepTech-Start-up Focused Energy hat in einer Series-A-Runde 240 Millionen US-Dollar eingesammelt – ein Meilenstein für die europäische Fusionsbranche. Am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis soll nun das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Doch während Investoren wie RWE und SPRIND den potenziellen „Energie-Giganten“ feiern, lohnt ein genauerer Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell steht vor massiven technologischen, regulatorischen und strategischen Hürden.
Es ist eine Nachricht, die in der europäischen Start-up-Szene aufhorchen lässt. Der Geldregen für das erst 2021 gegründete Start-up ist laut Unternehmensangaben die bislang größte vollständig gesicherte Series-A-Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Unterstützt wird die Runde von Schwergewichten wie dem Energiekonzern RWE, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sowie dem EIC Fund der EU. Das ambitionierte Ziel der Macher: die kommerzielle Nutzbarmachung der Kernfusion und der Aufbau einer industriellen Pilotanlage im südhessischen Biblis.
Die Köpfe hinter dem Projekt: Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft
Hinter Focused Energy steht ein klassisches, vielversprechendes Gründer-Duo. Prof. Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer, forscht seit über 25 Jahren auf dem Gebiet der Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und ist weltweit vernetzt. An seiner Seite agiert CEO Thomas Forner, ein Serial Entrepreneur mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau von Technologieunternehmen.
Gegründet wurde Focused Energy als Spin-off der TU Darmstadt, beflügelt durch einen historischen Durchbruch im Dezember 2022: Am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) in den USA gelang es Forschern erstmals, durch Laserfusion mehr Energie zu erzeugen, als die Laser verbrauchten. Forner und Roth nutzten das Momentum und holten maßgebliche Köpfe dieses US-Forschungsteams ins eigene Unternehmen, um das Know-how auf beiden Seiten des Atlantiks zu bündeln.
Das Geschäftsmodell: Energie der Zukunft oder lukrative Nischen?
Der Ansatz von Focused Energy basiert auf der Trägheits- bzw. Laserfusion. Winzige Brennstoffkapseln mit Wasserstoffisotopen werden durch extrem starke Laser beschossen, um die Bedingungen im Inneren der Sonne zu simulieren. Der Plan sieht vor, bis Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Kraftwerk ans Netz zu bringen. Die aktuellen Millionen sollen vor allem in die Technologie, industrielle Lieferketten und die Infrastruktur in Biblis fließen.
Kritiker hinterfragen diese Timeline jedoch scharf. Das renommierte DIW Berlin warnt davor, dass die Kernfusion auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur akuten Energiewende leisten wird. Forscher weisen darauf hin, dass Startups der Fusionsbranche ihr Geschäftsmodell mittelfristig anpassen könnten – weg vom Kraftwerk, hin zu Nischenprodukten wie hochpräzisen Materialprüfverfahren oder Speziallasern. Nur so ließen sich Einnahmen generieren, bevor das (noch längst nicht garantierte) Kernprodukt fertig ist.
Markt und Wettbewerb: Das Rennen der DeepTech-Milliarden
Weltweit fließen Milliarden in Start-ups, die das Energieproblem der Menschheit lösen wollen. Zu den größten europäischen Wettbewerbern zählen Marvel Fusion (ebenfalls laserbasiert), Proxima Fusion (Magneteinschluss) und Gauss Fusion.
Auch die Konkurrenz steht unter wissenschaftlicher Beobachtung: So äußerten sich Forscher des Max-Planck-Instituts zuletzt äußerst skeptisch über den Ansatz von Marvel Fusion, da dessen wissenschaftliche Details mangels Transparenz kaum überprüfbar seien. Focused Energy hat hier durch den Bezug zu den validierten LLNL-Ergebnissen einen klaren Argumentationsvorteil. Dennoch bleibt die Ingenieursaufgabe gigantisch: Aus einem singulären wissenschaftlichen Experiment muss ein dauerhaft laufendes Kraftwerk werden.
Hinter den Kulissen: Was die Erfolgsmeldungen verschweigen
Meldungen über Rekordsummen blenden die knallharten Realitäten des DeepTech-Marktes oft aus. Drei Aspekte sind für die Zukunft von Focused Energy besonders kritisch:
- Cap Table und das Verwässerungsrisiko: Eine derart massive Series A ist in Europa ein Novum, birgt für die Gründer aber strategische Gefahren. Da ein marktreifes Kraftwerk erst in über zehn Jahren realisierbar ist, werden noch mehrere kapitalintensive Runden nötig sein. Branchenkenner gehen von stark getranchten Meilenstein-Zahlungen (Milestone-Funding) aus. Liefern Forner und Roth nicht punktgenau, droht eine massive Verwässerung (Dilution) ihrer Anteile.
- Biblis gegen Silicon Valley: Technologie ist kopierbar, ein Spitzen-Team nicht. Focused Energy muss die weltweit extrem raren Experten für Plasmaphysik rekrutieren. Während US-Wettbewerber wie Commonwealth Fusion Systems mit Valley-Gehältern locken, muss das Start-up diese Talente ins beschauliche Südhessen lotsen. Ein erheblicher Teil des Kapitals dürfte direkt in Personalkosten und attraktive Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) fließen.
- Das Exit-Dilemma und die regulatorische Blackbox: Klassische VC-Fonds haben Laufzeiten von zehn bis zwölf Jahren – ein Zeitraum, in dem Focused Energy voraussichtlich noch keinen kommerziellen Strom verkauft. Die Exit-Strategie läuft somit unweigerlich auf einen gigantischen künftigen Börsengang (IPO) hinaus. Zudem bleibt das regulatorische Umfeld in Deutschland unberechenbar: Zwar birgt die Kernfusion nicht die Gefahren der Kernspaltung, doch der Bau einer solchen Anlage wird extrem komplexe Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Die Partnerschaft mit RWE ist daher wohl primär ein strategischer Schutzschild für die kommende Lobbyarbeit.
Fazit für das Start-up-Ökosystem
Die Runde ist ein massives Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und staatliche Akteure mittlerweile bereit sind, bei extrem kapitalintensiven „Moonshot“-Projekten mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt Focused Energy ein Paradebeispiel für ein High-Risk-Investment. Ob Biblis tatsächlich zur Keimzelle einer neuen Hochtechnologie-Industrie wird oder ob sich die alte sarkastische Physiker-Weisheit bewahrheitet, dass die Kernfusion „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“, werden die kommenden Jahre zeigen.
LegalTech mit neuem Anlauf: nu:legal sammelt 1,3 Mio. Euro ein – aber kann das Hybrid-Modell skalieren?
Die Digitalisierung der Rechtsbranche ist ein zähes Geschäft. Nun tritt das Potsdamer Start-up nu:legal an, um kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) die teure Kanzleirechnung zu ersparen. Mit 1,3 Millionen Euro Seed-Kapital im Rücken und einem Ex-Großkanzlei-Anwalt an der Spitze startet die Plattform in die öffentliche Beta. Der Ansatz: KI erledigt die Fleißarbeit, der Mensch kontrolliert. Doch genau dieser Spagat birgt Tücken für die Skalierbarkeit.
Die Schmerzgrenze im deutschen Mittelstand ist erreicht: Laut Angaben der KfW verbringen deutsche KMU monatlich durchschnittlich rund 32 Stunden mit rechtlichen sowie Compliance-Aufgaben, was die Wirtschaft jährlich etwa 61 Milliarden Euro kostet. Genau hier setzt das 2025 gegründete Start-up nu:legal an und hat am 27. Mai 2026 seine öffentliche Beta-Version gestartet.
Unterstützt wird das Vorhaben durch eine frische Finanzierungsrunde in Höhe von 1,3 Millionen Euro, die von Caesar Ventures angeführt wird. Carolin Gabor, Managing Partner bei Caesar Ventures, sieht in der Methodik ein klares Versprechen an den Markt: „Das Unternehmen verbindet die Erfahrung eines ehemaligen Freshfields-Teams mit KI-gestützter Technologie und anwaltlicher Prüfung, und könnte damit Rechtsprozesse im Mittelstand nachhaltig verändern“.
Vom LegalGPT-Erfolg zum eigenen Start-up
Hinter nu:legal steht Bork Morfaw, ein ehemaliger Anwalt der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields. Morfaw ist in der Szene kein Unbekannter: Er entwickelte zuvor das KI-Projekt „LegalGPT“, das nach Unternehmensangaben über 200.000 Nutzer verzeichnete. Aus diesem Proof of Concept zog er eine zentrale Lehre: Generische KI-Modelle stoßen bei Haftungs- und Transparenzfragen schnell an ihre Grenzen.
Morfaw benennt das Problem offener KI-Modelle deutlich: „Viele Unternehmen nutzen bereits KI-Systeme für rechtliche Fragestellungen. Für sensible juristische Aufgaben bleiben generische Modelle jedoch oft unzuverlässig, insbesondere dann, wenn sie mit großer Selbstsicherheit falsche Antworten liefern. Für Unternehmen entsteht dadurch ein reales Risiko.“ Anfang 2025 verließ er Freshfields, um sich voll auf nu:legal zu fokussieren.
Das Produkt und der regulatorische Burggraben
Statt das Rad im gesamten Rechtswesen neu erfinden zu wollen, wählt nu:legal einen spitzen Markteintritt. Die wichtigsten Eckdaten zum Launch:
- Zum Marktstart fokussiert sich die Plattform gezielt auf Arbeitsrecht und Datenschutz, da diese Bereiche für deutsche KMU die größten operativen Hürden darstellen.
- Nutzer*innen können Prozesse wie Arbeitsverträge, Kündigungen oder Auftragsverarbeitungsverträge über die Plattform abwickeln.
- Die Datenverarbeitung findet vollständig innerhalb der EU statt , um den Vorgaben der DSGVO und dem Berufsgeheimnisschutz (BRAO, § 203 StGB) gerecht zu werden.
Diese starke Ausrichtung auf die lokale Regulatorik sieht das Start-up als entscheidenden Abwehrmechanismus gegenüber internationalen Software-Riesen. „Recht ist extrem lokal“, betont Morfaw. „Man kann US-Produkte nicht einfach übersetzen und erwarten, dass sie deutsche Arbeitsgerichte oder europäische Datenschutzanforderungen zuverlässig verstehen.“
Unsere Einordnung
Das Geschäftsmodell von nu:legal – die Kombination aus intelligenter Automatisierung und einer transparenten menschlichen Prüfung – adressiert die aktuellen Schwächen von Large Language Models (LLMs) sehr clever. „Wir glauben nicht daran, Anwälte zu ersetzen“, lautet Morfaws Vision für das Hybrid-Modell. „Wir glauben daran, juristische Expertise mithilfe von Technologie skalierbar zu machen.“
Aus Investor*innen- und Skalierungssicht ist dieser „Expert-in-the-Loop“-Ansatz jedoch ein zweischneidiges Schwert. Was die rechtliche Haftung und das Kund*innenvertrauen sichert, ist gleichzeitig der größte potenzielle Flaschenhals des Unternehmens. Ein reines Software-as-a-Service-Modell (SaaS) besticht durch marginale Kosten bei der Skalierung. Sobald jedoch hochbezahlte, menschliche Jurist*innen die KI-Ergebnisse manuell prüfen müssen, sinken die Margen und das Wachstum wird an die Verfügbarkeit von juristischen Fachkräften gekoppelt.
Mit den eingesammelten 1,3 Millionen Euro hat nu:legal nun den nötigen Runway, um zu beweisen, dass die Automatisierungstiefe der KI hoch genug ist, um den teuren menschlichen Prüfaufwand auf ein Minimum zu reduzieren. Gelingt dies, könnte das Start-up langfristig tatsächlich eine neue europäische Legal-Infrastruktur aufbauen. Bleibt der manuelle Aufwand jedoch dauerhaft hoch, droht nu:legal, statt eines hochskalierbaren Tech-Unicorns eher eine digital aufgerüstete Boutique-Kanzlei zu werden. Der Startschuss fällt nun über ein kontrolliertes Waitlist-Modell auf nulegal.eu – der Markt wird genau hinsehen.
Marvelous Scito Fund: Neuer Impuls gegen das „Tal des Todes“
Ein neuer 20-Millionen-Euro-Fonds soll die schwierige Brücke vom Labor zur industriellen Fabrik schlagen. Doch reicht diese Summe für kapitalintensive Hardware überhaupt aus? Warum die Kooperation für Gründer*innen dennoch ein wichtiges Signal ist – und wo die strukturellen Haken liegen. Eine kritische Einordnung für die Start-up-Community.
Deutschland forscht unbestritten auf Weltklasseniveau. Wenn es jedoch darum geht, wissenschaftliche Durchbrüche in marktreife, skalierbare Industrieunternehmen zu verwandeln, verdorren viele Innovationen im sogenannten „Tal des Todes“. Oft scheitern DeepTech-Technologien nicht an ihrer Qualität, sondern am mangelnden Zugang zu passendem Wagniskapital. Klassische Venture-Capital-Fonds (VC) meiden die extreme Frühphase, da die technologischen, marktbezogenen und operativen Risiken kaum in herkömmliche Risiko-Rendite-Profile passen.
Genau in dieses Wespennest stechen nun die Berliner Investmentplattform Marvelous und die Hamburger Joachim Herz Stiftung (JHS). Mit dem neu aufgelegten Marvelous Scito Fund bringen sie ein Volumen von 20 Millionen Euro an den Start – mit der Stiftung als alleinigem Ankerinvestor.
Von der Theorie zur Praxis: Die hauseigene JHS-Studie
Dass die Joachim Herz Stiftung diesen Schritt geht, ist kein Zufall, sondern die konsequente Exekution eigener Erkenntnisse. Erst im Dezember 2025 veröffentlichte die Stiftung gemeinsam mit der UnternehmerTUM eine viel beachtete Studie zum Thema „Wachstumskapital für Deep-Tech Scaleups“. Das Kernergebnis dieser Untersuchung deckt sich präzise mit dem Ansatz des neuen Fonds: Bis 2030 droht im deutschen DeepTech-Segment eine jährliche Wachstumskapitallücke von rund zehn Milliarden Euro.
Mit dem Scito Fund geht die JHS nun von der theoretischen Analyse in die praktische Umsetzung über. Für die Stiftung schließt sich damit eine strategische Lücke in der hauseigenen Förderlandschaft: Während sie in der ganz frühen Phase bereits mit Initiativen wie dem „innovate! fund“ interdisziplinäre Forschungsteams mit bis zu einer Million Euro unterstützt, soll der neue Fonds nun dabei helfen, die kritischen Übergänge vom Labor zum Prototyp („Lab to Pilot“) und weiter zur industriellen Skalierung („Pilot to Scale“) abzusichern.
Die europäische Dimension: Ein Tropfen auf den heißen Stein?
Betrachtet man den breiteren Kontext, wird jedoch schnell die geldpolitische Krux des DeepTech-Standorts sichtbar. Das deutsche Wagniskapitalvolumen ist von 24,7 Milliarden US-Dollar (2021) auf magere 9,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 eingebrochen und dürfte sich Daten der JHS-Studie zufolge für 2025 auf nur noch rund 6,1 Milliarden US-Dollar einpendeln. Europaweit hat sich seit 2015 zudem ein „Later Stage Gap“ von astronomischen 375 Milliarden US-Dollar aufgestaut.
Vor diesem Hintergrund sind 20 Millionen Euro nüchtern betrachtet kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer DeepTech-Hardware im Bereich neuer Materialien oder Robotik skaliert, weiß, dass der Bau einer einzigen Pilotanlage oder Fabrik oft schon dreistellige Millionenbeträge verschlingt.
Der wahre Wert des Fonds liegt daher nicht in seiner absoluten Größe, sondern in seiner Funktion als Katalysator und Validierungsstempel. Wenn eine renommierte, langfristig orientierte Stiftung als Ankerinvestor vorangeht, signalisiert dies dem Markt Stabilität. Das Ziel muss es sein, über dieses Vehikel dringend benötigtes privates Co-Investment anzuziehen.
Das Netzwerk: Mehr als nur warmes Geld
Für Gründerinnen und Gründer ist bei der Auswahl eines VCs das Netzwerk oft entscheidender als die reine Summe auf dem Konto. Die Struktur der Investmentplattform unterscheidet sich vom klassischen, rein monetär getriebenen VC-Ansatz durch eine strikte Zweiteilung:
- Marvelous Capital: Verantwortet das reine Fondsmanagement und investiert über den Scito Fund sowie den hauseigenen Frühphasenfonds Marvelous Ventures.
- Marvelous Catalyst: Agiert als dezidierte operative Einheit. Sie soll die Start-ups praxisnah dabei begleiten, die Brücke zur Industrie zu schlagen – von der Marktvalidierung über die Pilotierung bis hin zu echten Abnahmeverträgen (Offtake-Agreements).
Der Realitätscheck für Gründer*innen: Sektoren und Ticketgrößen
Wer sollte den Fonds auf dem Schirm haben? Der Fokus liegt scharf eingegrenzt auf drei kapitalintensiven Feldern mit hoher gesellschaftlicher und ökologischer Relevanz:
- Advanced Materials (Fortschrittliche Materialien)
- Waste Valorization (Wertschöpfung aus Abfallströmen / Kreislaufwirtschaft)
- Robotics und Automatisierung
Da Marvelous in der Praxis typischerweise Investment-Tickets zwischen 250.000 Euro und 3 Millionen Euro anpeilt, wird der Scito Fund primär in der Pre-Seed-, Seed- und frühen Series-A-Phase agieren. Gründer*innen dürfen also nicht erwarten, dass Marvelous die gesamte Wachstumsreise bis zum Einhorn im Alleingang finanziert. Stattdessen holt man sich ein industriell vernetztes Team an Bord, das als Türöffner für nachfolgende, größere internationale Finanzierungsrunden dienen kann.
Fazit: Ein wichtiges Vorbild mit begrenzter Reichweite
Der Marvelous Scito Fund ist ein hochgradig spannendes Vorzeigeprojekt für das deutsche Innovationsökosystem. Er zeigt exemplarisch, wie gemeinnütziges Stiftungskapital, das von Natur aus einen langen Anlagehorizont besitzt, als moderner Innovationsmotor fungieren kann. Ulrich Müller, Finanzvorstand der JHS, stellt klar, dass man hierbei durchaus marktgerechte Renditen anstrebt, diese aber konsequent mit einer wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsstrategie verbindet.
Für DeepTech-Start-ups in den genannten Fokussektoren ist die Nachricht ein echter Lichtblick. Dennoch bleibt die fundamentale Wahrheit bestehen: Für den finalen, globalen Roll-out großer Hardware-Innovationen werden Gründer*innen auch in Zukunft zwingend ein komplexes Finanzierungsmosaik aus staatlichen Geldern, strategischen Industriepartnern und internationalen Großfonds zusammensetzen müssen. Der Scito Fund ist dafür ein exzellentes Fundament – das teure Fabrikgebäude müssen die Gründer*innen aber nach wie vor selbst hochziehen.
Paragrafen auf Autopilot: Das Kanzlei-Spin-off Justima im Check
Die europäische Regulierungswelle rollt unaufhaltsam – und mit ihr wächst der regulatorische Druck auf Unternehmen. Während Compliance-Teams in manueller Recherche versinken, schicken sich drei Gründer – Gereon Abendroth, Alexander Lilienbeck und Christian Braun – mit ihrem neuen Kanzlei-Spin-off an, diesen Prozess zu automatisieren. Pünktlich zum offiziellen Launch im Mai 2026 blicken wir hinter die Kulissen der Ausgründung Justima. Für die Gründungsszene wirft dieses Modell spannende Fragen auf: Kann ein Corporate Spin-off agil genug sein, und behauptet sich eine rein vertikale KI gegen die Tech-Giganten?
Die Entstehungsgeschichte von Justima ist im konservativen Rechtsmarkt eine kleine Sensation. Es handelt sich um die erste Ausgründung in der über 250-jährigen Geschichte der internationalen Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke, die das Start-up als exklusiver Partner unterstützt.
Hinter dem Kölner Legal-Tech-Start-up steht ein dreiköpfiges Führungsteam, das juristische Expertise mit tiefem technologischem Know-how verknüpfen will. Die operative Leitung übernimmt der Volljurist und Softwareentwickler Alexander Lilienbeck als CEO, der bereits 2025 vom Branchenmagazin JUVE als einer der „Top 10 Legal Tech Rising Stars in Germany“ ausgezeichnet wurde. Ihm zur Seite steht der CTO Christian Braun, ein auf KI und Machine Learning spezialisierter Tech-Kopf, der vor Justima bereits zwei KI-Startups erfolgreich aufgebaut hat. Komplettiert wird das Management durch Gereon Abendroth als Chairman & Managing Director. Er bringt mehr als 20 Jahre Kanzlei- und Inhouse-Erfahrung ein und schlägt als Partner bei Osborne Clarke sowie Vorsitzender des globalen AI Management Boards der Kanzlei die strategische Brücke zum Mutterkonzern.
Die Idee entstand direkt aus dem Kanzleialltag: Mandanten ächzten unter dem massiven Aufwand, europäische Gesetzesänderungen lückenlos zu verfolgen. Die potenziellen Folgen von Non-Compliance sind drastisch – laut den von Justima zitierten Marktstudien liegen die finanziellen Schäden durch verpasste Regulierungsvorgaben im Schnitt rund 2,7-mal höher als die Investitionen in funktionierende Compliance-Prozesse.
Das Geschäftsmodell: Skalierbares SaaS statt teurer Beratung
Das Produkt bricht bewusst mit dem klassischen Geschäftsmodell von Anwaltskanzleien, das meist auf der Abrechnung von Stunden basiert. Justima durchleuchtet mithilfe spezialisierter KI-Agenten täglich mehr als 200 europäische Rechts- und Regulierungsquellen wie Amtsblätter, Behördenseiten und Gerichtsentscheidungen. Die Plattform filtert diese Flut gegen das spezifische Profil des Kunden und bereitet relevante Änderungen in Klartext, inklusive Handlungsbedarf und Quellenbeleg, für die operative Arbeit auf. Technisch und regulatorisch ist das Startup hochgradig abgesichert, da der Betrieb vollständig DSGVO-konform ausschließlich in der EU läuft, flankiert von ISO 27001- und SOC 2-Zertifizierungen.
Spannend ist der Blick auf das Vertriebsmodell, das das Start-up über eine skalierbare Software-as-a-Service-Struktur (SaaS) abbildet. Justima bietet eine kostenlose Testmöglichkeit an. Erweiterte Funktionen, tiefere Analysen und der Zugriff auf internationale Märkte können dann über kostenpflichtige Upgrades flexibel freigeschaltet werden. Die Pakete starten beim Starter-Paket für Einzelpersonen ab 149 € und beim Professional-Paket ab 479 € pro Monat. Dass dieser automatisierte Ansatz im Markt auf Interesse stößt, zeigt die vom Start-up vermeldete Pre-Launch-Traktion: Rund 60 Unternehmen registrierten sich für den Early Access, darunter bekannte Namen wie Condor, AUTODOC und die Karlsberg Brauerei sowie weitere DAX-40- und Fortune-500-Unternehmen.
Die Achillesfersen des Modells
Auch wenn die Story wie ein solider Case klingt, müssen Gründer*innen und Investor*innen das Modell differenziert betrachten:
1. Vertikale KI vs. Horizontale Tech-Giganten
Justima positioniert sich explizit als „vertikale KI“ für exakt einen Anwendungsfall. Das Argument von CTO Christian Braun leuchtet ein: Generische Modelle von OpenAI oder Anthropic neigen zu Halluzinationen, während in der Compliance nicht entscheidend ist, wie viele Änderungen ein Modell findet, sondern welche es übersieht. Eine einzige verpasste Verordnung kostet ein Unternehmen oft mehr, als ein Generalist je einsparen kann.
Das Risiko liegt jedoch in der rasanten Entwicklungsgeschwindigkeit bei horizontalen Sprachmodellen. Sobald Tech-Riesen spezialisierte, verifizierbare Such- und Embedding-Strukturen standardmäßig integrieren, schrumpft der technologische Vorsprung kleinerer Vertikal-Anbieter. Justima muss kontinuierlich beweisen, dass die gemeinsam mit Osborne Clarke entwickelte Relevanzlogik den Systemen der Big Techs dauerhaft überlegen bleibt.
2. Der „Golden Cage“ der Kanzlei-Partnerschaft
Die exklusive Partnerschaft mit Osborne Clarke verschafft Justima vom ersten Tag an enorme regulatorische Expertise und schnellen Marktzugang. Gleichzeitig kann diese extreme Nähe jedoch andere Großkanzleien abschrecken, die Plattform für ihre eigenen Mandanten zu lizenzieren. Ein solches Corporate Spin-off läuft Gefahr, im freien Markt primär als verlängerter Arm des Mutterhauses wahrgenommen zu werden, was das globale Skalierungspotenzial im B2B-Anwaltsmarkt hemmen könnte.
Markt & Wettbewerb
Der Markt für automatisiertes Regulierungsmonitoring ist im Jahr 2026 heiß umkämpft. Justima stößt keineswegs in ein Vakuum vor, sondern trifft auf namhafte Konkurrenz aus verschiedenen Richtungen.
Auf der einen Seite stehen etablierte LegalTech-Herausforderer wie das österreichisch-deutsche Start-up Codara, das seine Compliance-Suite in den vergangenen Monaten massiv ausgebaut hat. Mit direkten Schnittstellen zu EUR-Lex und dem deutschen Bundesrecht sowie einem eigenen Tool zur proaktiven Verfolgung von Gesetzesentwürfen („Legislative Radar“) besetzt Codara ein sehr ähnliches Terrain und bedient bereits namhafte Großkunden.
Auf der anderen Seite positionieren sich mächtige Corporate- und Verlags-Giganten im Markt. Schwergewichte wie KPMG Law bieten mit ihren „Legal Managed Services“ ebenfalls intelligentes Risk- und Regulatory Monitoring an. Gleichzeitig drängen große Fachverlage wie LexisNexis mit spezialisierten KI-Assistenten (wie Lexis+ Protégé) und tief integrierten Recherchetools direkt in die Rechtsabteilungen. Justima muss sich somit in einem Sandwich aus agilen, unabhängigen Startups und kapitalstarken Traditions- und Beratungshäusern behaupten.
Fazit und Einordnung
Für Gründerinnen und Gründer liefert der Case Justima wertvolle Learnings, allen voran den unaufhaltsamen Trend zur Hyper-Vertikalisierung. Die Zeit der rein generischen KI-Wrapper ist vorbei. Justima zeigt exemplarisch, dass der B2B-Markt nach maßgeschneiderten Lösungen verlangt, die haftungssichere, auditierbare Ergebnisse statt vager Chat-Antworten liefern.
Gleichzeitig verdeutlicht das Beispiel, dass eine Ausgründung aus einem etablierten Unternehmen einen vielversprechenden alternativen Pfad zum klassischen VC-Weg darstellt. Die Symbiose aus der tiefen Domain-Expertise eines großen Partners wie Osborne Clarke und der Agilität eines erfahrenen Gründungsteams kann die Time-to-Market drastisch verkürzen. Ob Justima den Vorsprung auf Dauer halten kann, wird sich im harten Wettbewerb zeigen. Die nötigen Grundzutaten – ein starkes Gründer-Duo, Branchen-Rückendeckung und ein realer, validierter Schmerzpunkt – sind jedenfalls vorhanden.
Exit als Befreiungsschlag? US-HR-Gigant Deel schluckt Kölner Start-up Sastrify
Nach millionenschweren Verlusten und einem rauen Marktumfeld findet das KI-Software-Start-up Sastrify einen Käufer. Für das hoch bewertete US-Unternehmen Deel ist der Zukauf ein strategischer Schritt zum Full-Stack-IT-Anbieter. Doch der Deal wirft auch ein kritisches Schlaglicht auf die Grenzen von Standalone-Lösungen im hart umkämpften SaaS-Management-Markt.
Die Konsolidierung im globalen B2B-Tech-Markt fordert ihr nächstes prominentes Beispiel: Das 2020 in Köln gegründete Start-up Sastrify, Anbieter einer KI-gestützten Managementplattform für Software-as-a-Service (SaaS), wurde von Deel übernommen. Der US-Gigant, der mit einer Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich als weltweit führender Anbieter für internationales Personal- und Compliance-Management gilt, integriert die Kölner in sein neues Angebot „Deel IT“. Über die genaue Höhe des Kaufpreises wurde, wie in der Branche bei privat gehaltenen Tech-Unternehmen üblich, striktes Stillschweigen vereinbart. Was in der begleitenden Pressemitteilung als nahtlose strategische Expansion gefeiert wird, markiert für Sastrify das Ende einer von rasantem Wachstum, aber auch empfindlichen finanziellen Schieflagen geprägten Eigenständigkeit.
Vom Parkhaus in den globalen Software-Dschungel
Die Geschichte von Sastrify beginnt mit einem bewährten Duo: Sven Lackinger und Maximilian Messing. Die beiden Gründer hatten bereits ihr erstes Mobility-Start-up evopark erfolgreich verkauft (die Mehrheitsübernahme durch die Scheidt & Bachmann Gruppe wurde Ende 2017 besiegelt). Mit ihrem zweiten Wurf nahmen sie sich ab 2020 eines massiven Schmerzpunkts moderner Unternehmen an: des „SaaS Sprawls“ – dem unkontrollierten Wildwuchs an Software-Lizenzen, der in dezentralisierten Teams entsteht.
Die Sastrify-Plattform versprach, durch KI-gestützte Analysen, automatisierte Beschaffungsworkflows und Benchmark-Preisdaten diesen Wildwuchs zu ordnen und die Softwarekosten für Kunden drastisch zu senken. Die Story verfing bei namhaften internationalen VCs: Investoren wie HV Capital, FirstMark und Endeit Capital pumpten insgesamt über 55 Millionen US-Dollar in das Kölner Start-up (allein 32 Millionen US-Dollar in der Series-B-Runde Mitte 2023).
Rote Zahlen und die Grenzen des Geschäftsmodells
Doch der Preis des rasanten Skalierens war hoch. Sastrify befindet sich im klassischen, extrem kapitalintensiven Wachstumsmodus. Die nackten Zahlen aus dem Bundesanzeiger offenbaren die finanzielle Realität: Allein im Jahr 2022 fuhr das Unternehmen einen Verlust von 9,9 Millionen Euro ein (nach 1,7 Millionen Euro im Vorjahr). Bis Ende 2022 verschlang der Aufbau des Unternehmens bereits rund 11,8 Millionen Euro.
Als das VC-Klima 2023 abkühlte und Tech-Unternehmen weltweit massiv Personal abbauten, geriet das Geschäftsmodell zunehmend unter Druck. Sastrify, das angetreten war, um Kunden beim Kostensparen zu helfen, litt unter den eingefrorenen Budgets der eigenen Zielgruppe. Sastrify-CEO Sven Lackinger bezeichnete das Jahr 2023 rückblickend öffentlich als „spannendes Jahr“ und rief für 2024 die Devise „effizientes Wachstum“ aus – in der Start-up-Sprache oft ein Euphemismus für harte Restrukturierungen und den Zwang zur Profitabilität mangels frischen VC-Geldes.
Haifischbecken SaaS-Management: Ein Feature, kein Produkt?
Ein kritischer Blick auf den Markt zeigt zudem ein strukturelles Problem: Der Markt für SaaS-Spend-Management ist hochgradig gesättigt. Mit US-Schwergewichten wie dem hochfinanzierten Platzhirsch Vendr sowie starken Konkurrenten wie Spendflo, Zylo oder Cledara bewegte sich Sastrify in einem extrem kompetitiven Haifischbecken. Die Dienstleistungen – Schatten-IT aufdecken, Lizenzen kündigen, Preise verhandeln – unterscheiden sich oft nur in Nuancen. Sastrify lief Gefahr, in einem Markt zerrieben zu werden, der zunehmend nach ganzheitlichen Plattformen verlangt. Eine isolierte Software, die nur andere Software verwaltet, verliert bei CTOs und CFOs an Reiz, wenn sie nicht tief in übergeordnete HR- und IT-Prozesse integriert ist.
Der Exit als logische Konsequenz
Genau diese rettende Integration bietet nun Deel. Für den US-Konzern, der das globale Onboarding, die Payroll und die Compliance von Remote-Workern dominiert, ist der Zukauf ein logisches Puzzleteil. Wer über Deel einen Entwickler in Brasilien oder eine Designerin in Berlin einstellt, muss diese Person nicht nur bezahlen, sondern auch mit den nötigen Zugängen (Slack, Salesforce etc.) ausstatten. Durch die Übernahme baut Deel diese Brücke vom reinen HR-Tool zum „Full-Stack-IT-Anbieter“.
Dabei setzt der US-Riese voll auf das Know-how aus Köln: Das gesamte Sastrify-Team mitsamt den beiden Gründern wechselt geschlossen zu Deel. Sven Lackinger und Maximilian Messing bleiben also an Bord und sollen mit den weitaus größeren Ressourcen des US-Giganten im Rücken den neuen Geschäftsbereich „Deel IT“ maßgeblich auf- und ausbauen.
Einordnung für die Start-up-Szene
Für Gründer*innen und Start-ups hält dieser Case eine zentrale Lektion bereit: Die Zeit der extrem kapitalintensiven „One-Trick-Ponys“ im B2B-SaaS-Sektor nähert sich dem Ende. Wenn Investor*innengelder knapp werden, beschleunigt sich die Konsolidierung. Standalone-Tools mutieren unweigerlich zu Features größerer Ökosysteme. Für Lackinger und Messing ist der Verkauf an Deel angesichts der finanziellen Kennzahlen der letzten Jahre und des verschlossenen IPO-Fensters zweifelsohne ein strategischer Befreiungsschlag. Dass sie und ihr Team die neue Sparte bei Deel anführen dürfen, ist zudem ein beachtlicher Vertrauensbeweis – auch wenn der ungenannte Kaufpreis im Verhältnis zu den zuvor investierten 55 Millionen Dollar im Markt durchaus Fragen offenlassen dürfte.
Gründer*in der Woche: Brotrausch – Premium-Teig im recycelten Messbecher
Backen ohne Frust: Wie Brotrausch mit smarten Premium-Mischungen im recycelbaren Messbecher den hart umkämpften DIY-Brotmarkt aufmischen will.
Hinter der 2022 ins Leben gerufenen Marke Brotrausch, die 2023 offiziell an den Start ging, steht heute die Bremer Brot GmbH. Das Unternehmen hat die Marke im Jahr 2025 durch einen Asset Deal übernommen. An der Spitze des Start-ups steht ein Gründer, dessen Wurzeln weit abseits des klassischen Bäckerhandwerks liegen. Philipp Herrnberger, einst in der Sportvermarktung bei Werder Bremen tätig, gründete nicht aus einer entspannten Laune heraus, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Nach dem Konsum von herkömmlichem Industrie-Brot kämpfte er immer wieder mit Beschwerden. Sein Antrieb: Ein bekömmliches, transparentes Brot ohne Zusatzstoffe zu kreieren, das man ohne Vorwissen einfach selbst backen kann.
Der Sprung aus der Agenturwelt in die Food-Szene war unkonventionell, doch genau das habe dem Team geholfen, „Dinge anders zu denken“, erinnert sich Herrnberger. In der ersten Phase finanzierte sich das anfänglich fünfköpfige Gesellschafterteam komplett aus eigenen Mitteln. Der Mix aus Bäckermeister, Kaufmann und Kreativen brachte dabei entscheidende Vorteile: „Wir konnten uns voll auf Produkt und Marke konzentrieren, ohne von Anfang an von externen Erwartungen getrieben zu sein“, erklärt der Geschäftsführer. Dennoch räumt er rückblickend offen ein, dass der Bootstrapping-Ansatz an seine Grenzen stieß. „Unter dem Strich muss man sagen, dass wir es ohne externe Investoren nicht geschafft haben“, resümiert Herrnberger über den rettenden Asset-Deal und Neustart im Sommer 2025.
Premium-Teig im recycelten Messbecher
Das Geschäftsmodell hebt sich bewusst vom preissensiblen Massenmarkt ab und richtet sich an all jene, denen im Post-Corona-Alltag schlichtweg die Zeit für aufwändige Sauerteig-Experimente fehlt. Hier setzt das Start-up mit absoluter Convenience an: Die neun natürlichen Brotmischungen erfordern laut Hersteller keinerlei Backerfahrung, kommen gänzlich ohne Küchenmaschine aus und beschränken sich auf rund zehn Minuten aktive Arbeitszeit. Die Zutaten für die „Made in Germany“-Strategie stammen aus kontrolliertem, regionalem Anbau.
Raffiniert und praktisch zugleich ist die Verpackungslösung: Die Mischungen ruhen in einem PET-Becher, der direkt als exakter Messbecher für die benötigte Wasserzugabe dient. Doch gerade ein Plastikbecher weckt in der nachhaltigkeitsgetriebenen Zielgruppe oft Skepsis. Herrnberger verteidigt die Entscheidung leidenschaftlich und verweist auf das rigorose Ausschlussverfahren in der Produktentwicklung. „Kraftpapiertüten sehen offensichtlich nachhaltig aus, wenn sie aber wie für uns beschichtet wären, können sie nur noch verbrannt werden“, kontert der Gründer. Dies sei überhaupt nicht im Sinne der Ressourcenschonung. Stattdessen setzt Brotrausch auf einen vollständig aus recyceltem PET bestehenden Becher einer deutschen Firma. Da die Pappbanderole raffiniert „einschnappt“ und nicht geklebt wird, seien beide Komponenten zu 100 Prozent wiederrecycelbar. Damit sei die Marke auch fit für zukünftige rechtliche Verpackungsvorschriften.
Smarte Nischen und margenstarkes Upselling
Anstatt den oft verlustreichen Preiskampf im regulären Supermarktregal zu suchen, etabliert sich Brotrausch konsequent als D2C-Marke im Premium-Segment. Eine reguläre Brotbackmischung schlägt mit 5,99 Euro zu Buche – eine echte Ansage für ein Produkt, in das die Kundschaft noch Strom, Wasser und Arbeitszeit investieren muss.
„Auf den ersten Blick wirkt der Preis natürlich hoch, vor allem, wenn man ihn rein mit Mehl vergleicht“, gibt Herrnberger zu bedenken. Dieser Vergleich greife jedoch zu kurz. „Wir verkaufen kein Rohprodukt, sondern ein durchdachtes Gesamterlebnis“, betont er und verweist auf die raffinierten Rezepturen und Prozesse, die zu einem Resultat führen, „das viele so zuhause sonst nicht hinbekommen würden“. Die Preisakzeptanz misst das Unternehmen primär über das Feedback und das Kaufverhalten. Als Kund*innen begannen, nicht nur ein zweites Mal zu bestellen, sondern direkt größere Pakete und mehrere Sorten in den Warenkorb legten, wusste das Team: Der Markt akzeptiert den Premium-Aufschlag. Zudem stellt Herrnberger klar: „Im Übrigen kostet das Backen im heimischen und relativ neuen Backofen keine 25 Cent.“
Aus den regulären Supermärkten hat sich Brotrausch mittlerweile bewusst zurückgezogen, da der Kampf um die Regale dort stark über den Preis diktiert wird. „Wir fokussieren uns nun auf Genusspartner wie Weinhändler, Hofläden oder Feinkosthändler, bei denen die Preise hochwertiger Produkte eher akzeptiert werden“, erklärt der Geschäftsführer den strategischen Kurswechsel.
Um die ambitionierte Preisgestaltung zu rechtfertigen, inszeniert das Start-up seine Produkte gezielt als Lifestyle-Upgrade – etwa für das autarke Vanlife beim Camping, als Mitbringsel zum Grillen oder für den Osterbrunch. Flankiert wird das Kernsortiment durch ein lukratives Upselling-Portfolio, das von stilvollen Geschenkboxen für knapp 30 Euro bis hin zu speziellen Baguette-Backblechen, Fruchtaufstrichen und Stullensalzen reicht. Diese Zusatzartikel seien laut Herrnberger zwar nicht essenziell für das Überleben des Unternehmens, da das Brotbacken der Mittelpunkt bleibe, sie seien aber entscheidend für das Wachstum. „Im E-Commerce geht es um den durchschnittlichen Warenkorb und die Retention“, analysiert der Gründer. Das Zusatzsortiment mache das „Erlebnis Brot“ noch intensiver. Der Umsatzanteil dieser lukrativen Extras liegt aktuell bei knapp 15 Prozent.
Die Gretchenfrage der Kund*innenbindung
Dieser strategische Ansatz sichert gesunde Margen und entzieht die Marke geschickt der Vergleichbarkeit mit Discountern. Dennoch bleibt eine große Herausforderung: Der Markt für DIY-Lebensmittel ist durch starke Bio-Traditionsmarken massiv umkämpft. Die größte Hürde besteht darin, die Wiederkaufsrate auf einem profitablen Niveau zu halten. Denn wenn die stylische Mischung primär als originelles Präsent zum Vatertag verschenkt wird, fehlen dem Unternehmen am Ende die wiederkehrenden Alltagsumsätze.
Einen aggressiven Rollout in den stationären Einzelhandel schließt Herrnberger vorerst aus. Dies sei nur mit hohen Investitionen machbar und berge das Risiko, zu einem „One-Hit-Wonder“ zu verkommen. Die Devise lautet stattdessen: „Wir wollen gesund wachsen, um profitabel zu werden.“ Die Geschenkboxen spielen in dieser Strategie eine überraschende Doppelrolle. Sie treffen nicht nur den Zeitgeist, sondern fungieren als cleverer Akquise-Kanal. „Wir erreichen dadurch Menschen, die uns vielleicht noch nicht kennen und unmittelbar mit der Marke, der Qualität und dem Erlebnis in Berührung kommen“, freut sich Herrnberger. Auf diese Weise spare man sich enorme Kund*innenakquisitionskosten. Zudem entwickle sich das Geschenke-Segment zunehmend zu einem echten Profitcenter im B2B-Bereich – etwa wenn Immobilienmakler die Boxen zur Hausübergabe als modernes „Brot und Salz“-Präsent nutzen.
Trotz der starken Nischen-Performance ist klar: Brotrausch muss langfristig beweisen, dass das Premium-Brot aus dem Becher nicht nur an Feiertagen verschenkt wird, sondern den dauerhaften Sprung in die alltägliche Frühstücksroutine der Konsument*innen schafft.
DeepTech trifft Food-Safety: 2,6 Mio. Euro für NanoStruct
Food-Safety-Revolution? NanoStruct weist Bakterien in Stunden statt Tagen nach & holt 2,6 Mio. € Seed-Kapital. Wir machen den DeepTech-Check.
Frische Lebensmittel sind ein Wettlauf gegen die Zeit. Bislang dauert der Nachweis von gefährlichen Erregern wie Salmonellen oder Listerien oft mehrere Tage – ein erhebliches Risiko für verderbliche Waren. Das Würzburger Uni-Spin-off NanoStruct will diesen Engpass mit einer neuen Analyseplattform beheben und hat dafür nun eine Seed-Finanzierung in Höhe von 2,6 Millionen Euro eingesammelt. Doch wie tragfähig ist das DeepTech-Modell in der konservativen Lebensmittelindustrie wirklich?
Das Würzburger Startup NanoStruct tritt an, um die mikrobiologische Lebensmittelanalyse von Grund auf zu beschleunigen. Durch die Kombination von optischer Messtechnik, Nanotechnologie, Biotechnologie und maschineller Datenauswertung soll der Nachweis pathogener Bakterien von mehreren Tagen auf wenige Stunden schrumpfen.
Die aktuelle Seed-Runde über 2,6 Millionen Euro bringt namhafte Investoren an Bord: Angeführt wird die Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), Bayern Kapital und dem AUXXO Female Catalyst Fund. Ergänzt wird das Kapital durch drei Business Angels aus dem Netzwerk von BayStartUP.
Gold-Antennen statt Petrischalen
Im Kern basiert das Verfahren von NanoStruct auf der sogenannten Surface-enhanced Raman Spectroscopy (SERS). Die Sensoren nutzen dabei ultrapräzise Gold-Nanoantennen, um selbst geringste Mengen von Bakterien verlässlich zu identifizieren.
Interessant ist hierbei ein Blick auf die technologischen Versprechungen: Während das Startup in jüngsten Einreichungen für Branchenpreise (wie den AMA Innovationspreis 2025) noch explizit von einem "Drei-Minuten-Bakterientest" sprach, stapelt die aktuelle Pressemitteilung etwas tiefer und verspricht eine Verkürzung auf "wenige Stunden". Dies ist ein bekanntes Phänomen in der Bio-Sensorik: Während die reine optische Messung im Labor oft nur Minuten dauert, nimmt die komplexe Probenaufbereitung aus realen, unsauberen Lebensmittelmatrizen in der Praxis weiterhin Stunden in Anspruch. Dennoch: Ein Testergebnis noch am selben Tag ("Same-Day-Detection") bedeutet für Produzenten einen gewaltigen Fortschritt.
Aus dem Uni-Labor zum Millionen-Funding
Die Wurzeln des Unternehmens liegen in der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, aus der NanoStruct 2021 ausgegründet wurde. Das Gründerteam vereint dabei interdisziplinäre Kompetenzen:
Dr. Henriette Maaß (CEO) verantwortet die Unternehmensstrategie. Sie führte das Startup bereits erfolgreich durch das EU-Förderprogramm "Women TechEU", welches von Frauen geführte Hochtechnologie-Startups unterstützt.
Enno Schatz (CTO) bringt als Experte für Nano-Optik und Sensorik das tiefe technologische Know-how ein.
Kai Leibfried (CFO) steuert die Finanzierung, Geschäftsentwicklung und die kaufmännischen Prozesse.
Der Weg zur Seed-Runde wurde unter anderem durch BayStartUP geebnet: Bereits 2021 gewann das Team das Finale des Businessplan-Wettbewerbs Nordbayern. Aus diesen ersten Berührungspunkten entwickelte sich laut Carsten Rudolph, Geschäftsführer von BayStartUP, das heutige Investorenkonsortium.
Markt, Geschäftsmodell und Wettbewerb – Eine Einordnung
Mit dem frischen Kapital plant NanoStruct nun die Industrialisierung der Technologie, erste Pilotprojekte mit Kunden sowie den Ausbau des Vertriebs. Langfristig sehen die Investoren das Potenzial der Plattform-Technologie auch in weiteren kritischen Bereichen wie der Wasserversorgung, der Medizintechnik oder der Diagnostik.
StartingUp ordnet das Vorhaben wie folgt ein:
Der Markt (Pro): Das wirtschaftliche Potenzial ist enorm. Erreger-Tests am selben Tag reduzieren Lebensmittelverschwendung drastisch, da verderbliche Waren nicht mehr tagelang in Quarantäne-Lagern auf ihre Freigabe warten müssen. Zudem lassen sich millionenschwere, rufschädigende Rückrufaktionen frühzeitig abwenden.
Markteintrittsbarrieren (Contra): Die Lebensmittelindustrie ist hochgradig konservativ und streng reguliert. Ein neues Testverfahren muss nicht nur schneller, sondern zu 100 Prozent fehlerfrei arbeiten. "False-Positives" (falscher Alarm) kosten die Industrie Geld, "False-Negatives" gefährden Menschenleben. Das Vertrauen der Industrie in etablierte Standardverfahren ist historisch gewachsen und tief verankert.
Hardware-Skalierung: Im Gegensatz zu reinen Software-Geschäftsmodellen muss NanoStruct die SERS-Sensoren auf Nanotechnologie-Basis wirtschaftlich in Masse herstellbar machen. Die Skalierung von DeepTech-Hardware verschlingt erfahrungsgemäß viel Zeit und hohe Folgeinvestitionen.
Der Wettbewerb: NanoStruct tritt gegen milliardenschwere Diagnostik-Konzerne und etablierte Verfahren wie PCR-Tests an. Der entscheidende USP von NanoStruct wird es sein, zu beweisen, dass die Sensoren in der rauen industriellen Praxis tatsächlich so robust, günstig und verlässlich sind, dass sie die immensen Wechselkosten für Großkunden rechtfertigen.
Fazit
NanoStruct bringt technologisch exzellente Voraussetzungen mit und hat sich mit dem HTGF, Bayern Kapital und AUXXO sehr starke, gut vernetzte Partner gesichert. Gelingt es dem Team nun, die Technologie aus dem Würzburger Labor erfolgreich in die industrielle Realität der Lebensmittelproduktion zu übertragen, könnte das Startup tatsächlich einen neuen Goldstandard in der mikrobiologischen Qualitätskontrolle etablieren. Die wichtigste Phase – der Beweis am Kunden – beginnt jetzt.
Primogene: 4,1 Mio. Euro für den Muttermilch-Code – Deep-Tech-Innovation oder riskantes Unterfangen?
Das Leipziger BioTech-Start-up Primogene hat eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4,1 Mio. Euro eingesammelt, um komplexe bioaktive Moleküle im industriellen Maßstab auf den Markt zu bringen.
Während die Unternehmenskommunikation den Durchbruch einer neuen Plattformtechnologie feiert, zeigt ein genauerer Blick auf den globalen Markt für humane Milcholigosaccharide (HMOs) ein Haifischbecken voller multinationaler Konzerne. Eine kritische Analyse des Geschäftsmodells, der Gründer*innen und des Wettbewerbs.
DeepTech Made in Leipzig
Hinter Primogene stehen Dr.-Ing. Reza Mahour (CEO), Valerian Grote und Linda Karger (COO), die das Unternehmen 2023 in Leipzig gründeten. Die Zusammensetzung des Teams vereint technologische und wissenschaftliche Expertise, um die ehrgeizige Vision einer industriellen Enzym-Produktion umzusetzen. Die aktuelle, 4,1 Millionen Euro starke Seed-Runde wird vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) angeführt. Zum Investoren-Konsortium gehören außerdem der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS), better ventures, die Sächsische Beteiligungsgesellschaft (SBG), die Golzern Holding GmbH, die FS Life Science Investment GmbH sowie Dr. Marc Struhalla, Gründer und CEO der c-LEcta GmbH. Der Kapitaleinsatz ist klar definiert: Die neuen Mittel fließen in den Ausbau des IP-Portfolios, die Erweiterung der Produktionskapazitäten in Leipzig und in strategische Partnerschaften.
Das Modell im Stresstest: Die Kostenfalle der Enzyme
Primogene hat eine enzymatische Plattformtechnologie entwickelt, um Inhaltsstoffe zu produzieren, die identisch zu natürlichen Molekülen sind – nachhaltig und kosteneffizient. Im Zentrum stehen dabei komplexe humane Milcholigosaccharide (HMOs) wie Disialyllacto-N-Tetraose (DSLNT) und Difucosyllacto-N-Tetraose I (LNDFH I). Laut Primogene verursachen etablierte fermentative Herstellungsverfahren erhebliche Kosten und stoßen bei der Produktion derartiger hochkomplexer Moleküle an ihre Grenzen.
Der Lackmustest: Die Prämisse, dass enzymatische Verfahren in der Massenproduktion überlegen sind, birgt in der Praxis massive Hürden. Die Entwicklung und wirtschaftliche Produktion der benötigten Enzyme selbst ist extrem kapitalintensiv. Dass das Start-up den gesamten Prozess – von der Enzymentwicklung über die Produktion und Biotransformation bis zur Aufreinigung – komplett am eigenen Unternehmensstandort in Leipzig abbilden will, ist ein ambitionierter, aber riskanter Schritt. Der Aufbau eigener Produktionsanlagen für komplexe BioTech-Prozesse führt oft zu einer enorm hohen Kapitalverbrennungsrate (Burn Rate).
Erste kommerzielle Meilensteine dämpfen dieses Risiko jedoch: Erste Inhaltsstoffe für Kosmetikprodukte wurden mit Kooperationspartnern entwickelt und sind bereits kommerziell erhältlich. Auch pharmazeutische Rohstoffe befinden sich aktuell im Test bei Kund*innen. Zudem erforscht das Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig das Potenzial seiner Inhaltsstoffe zur Prävention von Infektionskrankheiten.
Im Haifischbecken: Auf Kollisionskurs mit den Lebensmittel-Riesen
Der Zielmarkt ist hochattraktiv: Der globale HMO-Markt wächst jährlich um etwa 18 bis 20 Prozent, und über 65 Prozent der im Jahr 2023 neu eingeführten Säuglingsnahrungsprodukte enthielten mindestens ein HMO. Neben der Säuglingsernährung bedient Primogene auch Märkte wie die Darmgesundheit bei Erwachsenen, die Gedächtnisverbesserung im Alter sowie funktionale Inhaltsstoffe für Körperpflege und pharmazeutische Rohstoffe.
Das Leipziger Team trifft in der Nahrungsmittelindustrie jedoch auf einen extrem konsolidierten Markt, der von Milliarden-Konzernen dominiert wird. Einer der größten B2B-Zulieferer für Säuglingsnahrung weltweit ist DSM-Firmenich (mit der übernommenen Sparte Glycom), der den Markt durch gigantische Größenvorteile (Economies of Scale) in der Fermentation beherrscht. Auch Chr. Hansen (Jennewein), ein Pionier in der mikrobiellen HMO-Synthese, stellt mit seiner extrem tiefen Integration bei Lebensmittelriesen einen massiven Konkurrenten dar. Auf der Abnehmerseite agieren Endkonsument*innen-Giganten und Branchenführer wie Nestlé und Abbott, bei denen für einen neuen Zulieferer von Inhaltsstoffen extrem hohe regulatorische und volumenbasierte Hürden bestehen.
Primogenes strategische Nische: Ein Preiskampf bei einfach strukturierten Standard-HMOs gegen die großen Fermentations-Player wäre für ein Start-up kaum zu gewinnen. Primogenes entscheidender Wettbewerbsvorteil liegt jedoch in der Komplexität. Die industrielle Produktion von Molekülen wie DSLNT – das laut klinischen Studien signifikante gesundheitliche Vorteile speziell für Frühgeborene bietet – war bislang schlicht nicht möglich. Wenn Primogene hier durch sein starkes Patentportfolio die technologische Lücke schließt, umgeht das Unternehmen den harten Konkurrenzkampf im Massenmarkt.
Unser Fazit: Hohes Risiko, riesiger Hebel
Primogene ist kein schlankes Software-Projekt, sondern waschechtes DeepTech. Das bedeutet: Hohe regulatorische Hürden, langer Atem in der Forschung und massive Kapitalanforderungen. Die Seed-Finanzierung in Höhe von 4,1 Millionen Euro ist ein starker Vertrauensbeweis erfahrener Investoren, wird für den Anlagenbau und die Skalierung der Leipziger Produktion auf Dauer jedoch kaum ausreichen. Primogene muss nun rasch beweisen, dass die enzymatische Synthese nicht nur technologisch überlegen, sondern auch unter realen industriellen Kostendrücken skalierbar ist. Gelingt dieser Proof of Concept, hält das Start-up den Schlüssel zu einer neuen Generation komplexer, bioaktiver Moleküle in der Hand.
Gründer*in der Woche: Vjus.AI – Vom SEO zum GEO
Wie das 2026 von Wolfe Diener gegründete Start-up Vjus.AI den Kampf um die KI-Sichtbarkeit gewinnen will.
Die Ära der klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO) bekommt ernstzunehmende Konkurrenz. Wenn Nutzer*innen heute nach Produkten oder Dienstleistungen suchen, tippen sie ihre Fragen zunehmend in Dialogfenster von Sprachmodellen statt in traditionelle Suchschlitze. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das neu gestartete Münchner Start-up Vjus.AI. Doch kann eine Software wirklich die „Black Box“ der generativen KI entschlüsseln – und wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell?
Hinter der am 1. April 2026 offiziell gelaunchten Plattform steht die AtWize Business Services GmbH mit Sitz in München. Kopf des Unternehmens ist Gründer Wolfe W. Diener, der zuvor bereits in leitenden Positionen als Geschäftsführer und im Vorstand großer Softwarehäuser aktiv war. Mit dem Start von Vjus.AI vollzieht das Unternehmen nun eine strategische Erweiterung in den stark wachsenden Bereich der Answer Engine Optimization (AEO) und Generative Engine Optimization (GEO).
Vom Humankapital zur KI-Sichtbarkeit
Die Historie des Unternehmens ist dabei von einem interessanten Strategiewechsel geprägt. Ursprünglich startete AtWize 2023 mit einem Fokus auf KI-Lösungen gegen den Fachkräftemangel. Diener erklärt die Hintergründe: „Parallel hatte ich schon eine Weile an der Idee arbeitete, Unternehmen zu ermöglichen, ihre in den Ruhestand ausscheidenden Mitarbeiter strukturierter zu managen, um sie bei Bedarf für Projekte oder übergangsweise anzusprechen. Es liegt so viel Humankapital und Erfahrung brach.“ In der aktuellen wirtschaftlichen Phase sei dies jedoch kein Top-Thema gewesen, weshalb man sich zunächst auf die Software-Entwicklung für Dritte konzentriert habe.
Der eigentliche „Aha-Moment“ kam durch die tägliche Arbeit. „Im letzten Jahr haben wir dann immer mehr auch KI-Tools zur Entwicklung eingesetzt und dabei den Bedarf, sogar die Notwendigkeit erkannt, die Sichtbarkeit in KI-Modellen zu messen und zu verbessern“, so Diener. Die Dringlichkeit begründet er mit dem veränderten Nutzer*innenverhalten: „KI-Modelle geben begründete Empfehlungen zur gestellten Frage. Da sucht man nicht weiter, sondern nimmt das Ergebnis wie es ist. Wer da nicht enthalten ist, ist unsichtbar.“
Nutzer*innensimulation: Die reale Perspektive
Vjus.AI setzt auf die Simulation realer Suchanfragen. Während klassische SEO-Tools oft auf APIs zugreifen, misst diese Plattform, wie Marken in Antworten von ChatGPT, Gemini, Grok oder Perplexity tatsächlich erscheinen. Auf die Frage nach der technischen Umsetzung und der Nicht-Deterministik der KI-Modelle antwortet Diener detailliert: „Wenn Sie Ihre Sichtbarkeit bei KI-Suchen wissen wollen, dann sollte diese ja so gemessen werden, wie sie ein normaler Nutzer, der einem KI-Modell eine Frage stellt, einen Prompt eingibt, auch sieht.“ Man müsse also zunächst Prompts definieren, bei denen man gefunden werden wolle – etwa als Münchner Zahnarzt bei der Frage nach dem besten Zahnarzt vor Ort.
„Wir analysieren die Ergebnisse, die von den KI-Modelle auf die Prompts hin geliefert werden“, erklärt Diener weiter. Dabei werden Kennzahlen wie Sichtbarkeit, Ranking und Sentiments (neutrale, positive oder negative Notation) erhoben. Den Vorwurf einer verzerrenden technischen Schicht weist er zurück: „Wir sind insofern keine Zwischenschicht, sondern werten die Daten aus, die viele User auch sehen würden. Die Nicht-Deterministik führt dabei zwar zu kleinen Schwankungen, aber es entsteht insgesamt ja ein Bild über die Zeit.“
Marktchancen und der „Unfair Advantage“
Das Interesse am Markt scheint groß zu sein; bereits vor dem offiziellen Launch konnten erste Kund*innen gewonnen werden. Finanziell steht das Start-up auf eigenen Beinen: „Wir finanzieren uns komplett aus eigenen Mitteln. Und da wir schon Kunden im Entwicklungsbereich haben, konnten wir Vjus.AI früh anwenden und testen“, betont der Gründer. Mit Investor*innen habe man noch nicht gesprochen: „Jetzt erst mal machen, dann reden wir.“
Um sich gegen die großen SEO-Platzhirsche zu behaupten, setzt Diener auf vier spezifische technische Vorteile. Erstens setze man auf eine natürliche Simulation: „Unsere Art des Promptens simuliert wirklich natürliche User. Andere machen das nicht.“ Zweitens komme eine eigene Scraping-Technologie zum Einsatz. Diese erlaube eine besonders detaillierte Analyse der Ergebnisse, auch der „Nebengeräusche“ wie etwa Quellenangaben. Als dritten Punkt nennt der Gründer das analytische Prompting: Vjus.AI unterstützt nicht nur beim Erstellen von Prompts, sondern analysiert auch, wie passend diese für die Sichtbarkeitsmessung sind. Viertens biete das Improver-Modul ein Analyse-Tool, das über die Daten hinweg ermittelt, „was die Haupthebel für das Unternehmen oder die Marke ist, um die Sichtbarkeit bei KI-Suchen zu erhöhen“.
GEO als neues Standard-Tool?
Für die Zukunft sieht Diener eine klare Entwicklung. Zwar werde es in zwei Jahren wahrscheinlich immer noch die klassische Google-Suche geben, doch der Übergang sei bereits fließend, da Google zunehmend KI-Ergebnisse mitliefere. „Die Suche mit KI-Modellen wird aber die gewohnte Praxis werden“, ist sich Diener sicher.
Seine Prognose für die Branche ist deutlich: „Insofern wird SEO eher übergehen in ein GEO. Ein SEO ohne Beachtung der Optimierungen für KI-Modelle macht aus meiner Sicht aber heute schon keinen Sinn mehr.“ Das Ziel für Vjus.AI ist dabei klar gesteckt. Die größte Hürde sei es, für die Nutzer*innen den besten Mehrwert zu generieren: „Darauf liegt unser Fokus und deshalb rennen wir, so schnell wir können.“
Omegga sichert 10 Mio. EUR gegen das Kükentöten
Das 2020 gegründete Münchner Start-up Omegga sichert sich Seed-Kapital für seine optische KI-Spektroskopie. Unsere Marktanalyse.
Omegga wurde 2020 von Katharina Hesseler, Till Nöllgen und Paul Günther gegründet. Zum erweiterten Gründer:innenkreis gehören zudem Moritz Eder, Kyle Hiroyasu und Clara Kaufhold. Das Team bündelt Expertise in den Bereichen KI, Optik und industrielle Systeme. In den vergangenen Jahren entwickelte das Team seine Technologie kontinuierlich vom Prototypen zum Industriestandard weiter und konnte sich bereits 2023 eine Pre-Seed-Finanzierung sowie 2024 Fördermittel des European Innovation Council (EIC) sichern.
CEO und Mitgründerin Katharina Hesseler sieht in dem Einstieg der neuen Partner, die „tiefes technologisches Verständnis mitbringen“, ein „starkes Signal für das enorme Potenzial unseres Ansatzes, einen neuen Standard in der Industrie zu setzen“. Das frische Kapital soll in den gezielten Ausbau des Teams und die kommerzielle Skalierung der Technologie fließen.
Das Problem und die technologische Lösung
Der erste und bereits kommerziell verfügbare Use Case von Omegga widmet sich einem der massivsten ethischen Probleme der modernen Landwirtschaft. Jährlich werden weltweit Milliarden männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet, da sie weder Eier legen noch für die Masthaltung wirtschaftlich nutzbar sind.
Mit der sogenannten spektralen Intelligenz – der Kombination aus KI und Spektroskopie – will Omegga das Unsichtbare sichtbar machen. Im Gegensatz zu vielen Marktbegleitern wählt Omegga einen rein optischen, nicht-invasiven Weg. Durch spezielle Kameras und Lichtfrequenzen werden die Eier im Brutkasten gescannt. Laut eigenen Angaben bietet das Start-up damit die früheste am Markt kommerziell verfügbare Technologie, um das Geschlecht noch vor dem Schlüpfen zu bestimmen. Das System ist bereits bei Kund*innen im laufenden industriellen Produktionsbetrieb im Einsatz.
Markt, Wettbewerb & regulatorischer Druck
Der Markt für das „In-Ovo-Sexing“ wächst rasant, primär getrieben durch den Gesetzgeber. In Deutschland ist das Kükentöten seit 2022 gesetzlich verboten, Frankreich zog nach, und ein EU-weites Verbot wird debattiert. Der Zwang zur Adaption in den Brütereien ist entsprechend hoch.
Omegga tritt in ein Feld ein, das bereits von finanzstarken Konkurrenten besetzt ist:
SELEGGT: Gilt als früher Pionier auf dem Markt. Das Unternehmen nutzt hormonelle Tests am 9. Bruttag, wofür das Ei mittels eines Lasers winzig klein geöffnet werden muss (minimal-invasiv).
In Ovo: Das niederländische Unternehmen setzt auf Flüssigkeitsanalysen mittels Massenspektrometrie am 9. Bruttag und sicherte sich erst kürzlich ein 42-Millionen-Euro-Darlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB).
Agri Advanced Technologies (AAT): Die Tochter der EW Group dominiert weite Teile des Marktes mit hyperspektraler Bildgebung, die primär für braune Eier zwischen dem 11. und 13. Tag genutzt wird.
Der entscheidende Vorteil von Omegga: Die Methode kommt völlig ohne Verbrauchsmaterialien wie Chemikalien oder feine Nadeln aus. Da die Eier bei der rein optischen Methode unversehrt bleiben, entfällt das systembedingte Kontaminationsrisiko, das bei invasiven Verfahren entstehen kann.
Unsere Einordnung
Trotz der vielversprechenden Technologie steht Omegga vor Herausforderungen:
Hardware-Skalierung in rauen Umgebungen: Die Systeme müssen in den feuchten, warmen und staubigen Inkubatoren industrieller Brütereien über Jahre hinweg wartungsarm laufen. Hier muss das Start-up beweisen, dass sich die Technologie reibungslos in den globalen Massenbetrieb integrieren lässt.
Der regulatorische „Faktor Zeit“: Rein optische Modelle benötigen oft bis zum 12. Tag für eine verlässliche Auswertung. Sollte die Politik die „Tag 6“-Frist künftig strikt durchsetzen, müssen die KI-Modelle von Omegga beweisen, dass sie derart früh hochpräzise Ergebnisse liefern.
Die Plattform-Vision – Fluch oder Segen?
Omegga positioniert seine Lösung ausdrücklich als Plattformtechnologie für die Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und industrielle Qualitätskontrolle. Wie stark dieses Narrativ bei den Geldgebern verfängt, zeigen die Statements zur aktuellen Runde: Laut Christian Knott (Capnamic) entsteht hier eine Technologie „mit dem Potenzial, gleich mehrere Industrien grundlegend zu verändern“. Auch Mason Sinclair (IQ Capital) lobt die Schaffung einer „Plattform für die nicht-invasive und branchenübergreifende Materialanalyse“.
Dass solche Visionen bei Investor*innen beliebt sind, da sie den adressierbaren Markt massiv vergrößern, ist nachvollziehbar. Für ein 17-köpfiges Start-up birgt die gleichzeitige Erschließung neuer Industriezweige jedoch die Gefahr einer operativen Verzettelung. Der Fokus muss zunächst darauf liegen, den Geflügelmarkt zu durchdringen.
Fazit
Gelingt es Omegga, die rein optische Methode in der Breite zu skalieren und die Genauigkeit auf die allerersten Bruttage zu trainieren, hat das Münchner Start-up einen signifikanten Hebel gegen invasiv arbeitende Wettbewerber. Die 10-Millionen-Euro-Runde ist ein klarer Vertrauensbeweis der Investor*innen in einem schwierigen Funding-Umfeld.
M&A im CleanTech-Sektor: SpotmyEnergy übernimmt Zählerhelden
Das 2023 von Jochen Schwill gegründete Kölner Start-up SpotmyEnergy übernimmt den kompletten Messstellenbetrieb des Mitbewerbers Zählerhelden und sichert sich damit rund 3.000 Smart Meter. Der Schritt markiert nicht nur anorganisches Wachstum, sondern verdeutlicht die beginnende Konsolidierung im deutschen Smart-Meter-Markt. Ein genauerer Blick auf die Macher, das Geschäftsmodell und einen Markt, der notorisch hinterherhinkt.
Hinter SpotmyEnergy steht mit Jochen Schwill ein prominenter Kopf der deutschen Energie-Start-up-szene. Schwill, bekannt als Gründer des virtuellen Kraftwerks Next Kraftwerke, rief das CleanTech-Startup im Jahr 2023 in Köln ins Leben. SpotmyEnergy agiert als unabhängiger, wettbewerblicher Messstellenbetreiber. Das Ziel des Unternehmens ist es, den in Deutschland stockenden Ausbau von intelligenten Messsystemen entscheidend zu beschleunigen.
Das Zuhause als virtuelles Kraftwerk
Das reine Aufhängen von Stromzählern ist in einem stark regulierten Markt kaum profitabel. SpotmyEnergy umgeht diese Falle durch einen ganzheitlichen Plattform-Ansatz:
- Hardware & Software: Das Startup liefert Lösungen zur Messung, Vernetzung, Optimierung und Steuerung von Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Heimspeichern und Wallboxen.
- Drei-Säulen-Modell: Das Unternehmen fungiert als Messstellenbetreiber zur Bereitstellung von Smart Metern, als Energiemanager zur Kostenoptimierung der vernetzten Geräte und als Lieferant mit einem dynamischen Tarif, der Zugang zu aktuellen Börsenstrompreisen bietet.
- B2B2C-Vertrieb: Für den Rollout der Lösungen setzt SpotmyEnergy auf ein Partnernetzwerk, das seit der Firmengründung auf über 300 Elektroinstallationsbetriebe angewachsen ist.
Kritische Hinterfragung
Der Erfolg dieses Modells hängt maßgeblich von der fehlerfreien technischen Integration ab. SpotmyEnergy leistet aktuell Pionierarbeit bei der Einbindung von Steuerboxen, die in Deutschland bislang noch wenig verbreitet sind. Eine Übertragung derartiger Boxen in der aktuellen Größenordnung von 3.000 Stück hat es auf dem deutschen Markt bislang nicht gegeben. Die kritische Frage lautet: Funktionieren die technischen Schnittstellen dauerhaft und herstellerübergreifend reibungslos? Laut Geschäftsführer Schwill wurde mit der Etablierung der technischen Prozesse nun der Grundstein dafür gelegt, dass ein solcher Steuerboxwechsel in der Praxis überhaupt umsetzbar ist.
Markt & Wettbewerb
Deutschland ist beim Thema Smart Meter das Sorgenkind Europas; die Marktdurchdringung ist extrem gering. Dennoch drängen derzeit starke Wettbewerber*innen in die Nische, um sich die digitale Schnittstelle zum Kunden / zur Kundin für die Energiewende zu sichern:
- metrify: Die Enpal-Ausgründung ist mit über 65.000 installierten Systemen der Platzhirsch unter den wettbewerblichen Messstellenbetreibern.
- Inexogy & LichtBlick: Diese Anbieter kooperieren stark mit großen dynamischen Stromanbietern oder agieren als etablierte Ökostrom-Versorger mit eigenen Messstellen-Lösungen.
- Energy Metering Germany (Octopus Energy): Setzen auf gebündelte Angebote, oft gekoppelt an ihre eigenen intelligenten Tarife.
Unsere Einordnung
Die Übernahme des Zählerhelden-Portfolios ist ein strategischer Befreiungsschlag. Für die Kunden von Zählerhelden läuft der Betrieb laut Unternehmensangaben ohne Unterbrechung weiter, sie müssen keine eigenen Schritte einleiten. Die bisherigen Zählerhelden-Gesellschafter, ABM-Mess Service und BSH, konzentrieren sich künftig wieder stärker auf ihre jeweiligen Kerngeschäfte.
Ein hardwarebasiertes, stark reguliertes Geschäftsmodell erfordert extrem tiefe Taschen. SpotmyEnergy wird hierbei vom Investitions- und Strukturierungspartner Horizon Energy Deutschland flankiert, der das Start-up seit Ende des vergangenen Jahres bei der Skalierung unterstützt. Horizon stellt Kapital in Höhe von über 50 Millionen Euro für Smart-Meter-Assets zur Verfügung. Ein Teil dieser zugesicherten Mittel fließt nun direkt in die Übernahme der rund 3.000 Smart Meter von Zählerhelden. Genaue Angaben zum Kaufpreis oder den weiteren finanziellen Übernahmemodalitäten der Transaktion machen die beteiligten Unternehmen jedoch nicht. Wie Emil Bruusgaard, Geschäftsführer von Horizon Energy Deutschland, dennoch treffend analysiert, verdeutlicht die Transaktion anschaulich, wie sich fragmentierte Strukturen im Markt gezielt konsolidieren lassen, um die Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen.
Fazit
Jochen Schwill versucht mit SpotmyEnergy im Endkund*innenbereich das, was ihm im Industriebereich bereits gelang: die digitale Bündelung dezentraler Energieflüsse. Der Zukauf von Zählerhelden beweist eindrucksvoll, dass anorganisches Wachstum in dieser Branche ein essenzieller Hebel ist. Der wettbewerbliche Messstellenbetrieb bietet für ambitionierte Start-ups weiterhin enormes Entwicklungspotenzial.
