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HealthTech-Start-up clare&me erhält € 1 Mio. Pre-Seed Finanzierung
clare&me, HealthTech-Start-up aus Berlin, gibt sechs Monate nach Gründung eine Pre-Seed-Finanzierung in Höhe von 1 Million Euro bekannt.
Clare&me wurde 2021 von Emilia Theye und Celina Messner in Berlin gegründet, um dem akuten Mangel an Therapieplätzen und der damit einhergehenden Unterversorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen entgegenzuwirken. Ziel des Unternehmens ist es, den Millionen Menschen, die weltweit unter Angstsymptomen und Depressionen leiden, mit einer skalierbaren und niedrigschwelligen Softwarelösung zu helfen. Die Lösung fühlt sich dabei menschlich an, und soll den erheblichen Engpässen in der Behandlungskapazität entgegenwirken. Clare ist eine künstliche Intelligenz, die mit Nutzer*innen Gespräche per Smartphone führt und klinisch erprobte Ansätzen der Verhaltenstherapie vermittelt. Als virtueller Mental Health Companion bietet Clare so psychische Unterstützung für alle Menschen an, ortsungebunden und rund um die Uhr.
Angeführt wird die Runde vom Münchner HealthTech Fonds YZR (u.a. Ex-Gründer der Teleclinic). Weiter beteiligen sich der global agierende Early-Stage-Risikokapitalgeber Antler, sowie namhafte Business Angels, darunter Hans Raffauf (Gründer von Clue, Krisenchat und Hy), Jenny Saft (Gründerin von Oviavo) als Teil des Atomico Angels Programms, Jan Wilmking, Heidrun Twesten (Gründerin von Impacct, Co-Host Equalizer Podcast), sowie die Tomorrow Gründer Inas Nureldin und Michael Schweikart. Das Kapital wird in die Weiterentwicklung des Produkts sowie in den Ausbau des Teams investiert. Der Prototyp wird derzeit in Großbritannien getestet.
“Wir freuen uns sehr, sechs Monate nach der Gründung eine erfolgreiche Pre-Seed Finanzierungsrunde verkünden zu können. Als Psychologin ist die Entstigmatisierung mentaler Erkrankungen eine Herzensangelegenheit für mich – und ein wichtiger gesellschaftlicher Schritt in die richtige Richtung”, sagt Emilia Theye.
Celina Messner ergänzt: “Die mentale Gesundheit von Individuen zu erhalten und zu fördern, ist eine der größten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Wir wollen proaktiv dazu beitragen, die Lücke zwischen Bedarf und Angebot an psychischer Unterstützung zu schließen. Das kann uns nur gemeinsam gelingen – mit Akteur*innen des Gesundheitswesens, Politiker*innen, Unternehmen und Entwickler*innen von innovativer Technologie.”
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Millionen-Seed für CoTrainer: Gelingt der Angriff auf den Amateurfußball-Markt?
Das Kölner Sport-Tech-Start-up CoTrainer hat eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von einer Million Euro abgeschlossen. Mit dem Olympia-Verlag-Ableger kicker ventures als Lead-Investor und prominenten Business Angels strebt das Unternehmen langfristig die Marktführerschaft in der Amateurfußballförderung an. Der Markt für Vereinsorganisation ist jedoch hart umkämpft – und die Monetarisierung des Ehrenamts bleibt eine strukturelle Herausforderung.
Das Closing der Runde erfolgte Ende des ersten Quartals 2026. Neben kicker ventures stiegen strategische Investoren aus dem Sport- und Digitalbusiness ein, darunter Markan Karajica (CEO 7NXT/Gymondo), Teamgeist Capital, Dr. Sebastian Weil (Co-Founder PadelCity), Timo Skrzypski (Ex-CEO Alemannia Aachen) sowie der VfL-Wolfsburg-Profi Maximilian Arnold, superangels und die Comvest Digital AG.
Mit dem frischen Kapital und dem neuen CTO Marco Giesen will das zehnköpfige Team die Produktentwicklung vorantreiben. Ein Relaunch der Plattform ist für den Sommer 2026 geplant. Das Beteiligungsunternehmen kicker ventures, das von Werner Wittmann und Ingo Schiller geführt wird, bringt neben Kapital auch Sportdaten-Expertise und die Reichweite der Marke kicker in die Partnerschaft ein.
Vom Athletik-Planer zum Vereins-Betriebssystem
Hinter CoTrainer steht die Fussballetics GmbH mit Sitz in Köln, die im Dezember 2022 von den Sportwissenschaftlern André Werres, Dyke Lambertz und Claudius Ludwig gegründet wurde. Ein Blick auf die Start-up-Historie zeigt eine strategische Weiterentwicklung: Das Trio startete bereits vor der offiziellen CoTrainer-Gründung mit einer Plattform, die Trainer im Amateurbereich vorstrukturierte Athletik-Trainingseinheiten lieferte. Nach einem Asset-Deal mit der Street Pro GmbH erweiterte das Team seinen Fokus zunächst auf die sportliche Entwicklung einzelner Spieler.
Mit CoTrainer folgt nun der Schritt vom inhaltlichen Anbieter zur ganzheitlichen Plattform für Vereine. „Im Amateurfußball steckt enorm viel Herzblut und enorm viel Verwaltungsaufwand, der an Ehrenamtlichen hängen bleibt“, erklärt CEO Claudius Ludwig, der das Problem aus eigener Erfahrung als Vereinsvorsitzender und Trainer kennt.
Geschäftsmodell und Markt
Der Bedarf an digitalen Lösungen im Amateurfußball ist vorhanden: Viele Vereine organisieren ihren Alltag laut CoTrainer häufig über eine Mischung aus Messenger-Gruppen, Tabellen und Zuruf. Das Start-up formuliert daher den Anspruch: „Weniger Abstimmung. Mehr Fußball“. Bislang nutzen nach Unternehmensangaben über 150 Vereine die Plattform.
Dennoch steht das Start-up vor erheblichen Markthürden:
- Hohe Marktdurchdringung: Der Bereich Team-Management ist mit etablierten Anbietern wie SpielerPlus, SportMember oder Kadermanager bereits stark besetzt. Zudem drängen datengetriebene Start-ups wie Prematch in das Ökosystem des Amateurfußballs.
- Komplexe Monetarisierung: Die Zielgruppe besteht aus ehrenamtlichen Trainern und Amateurvereinen. Bisherige Marktstandards setzen auf Freemium-Modelle oder Premium-Abos, deren Preisbereitschaft historisch begrenzt ist. B2C/B2B-Hybridmodelle in diesem Segment erfordern für Profitabilität eine hohe kritische Masse.
- Differenzierung: CoTrainer positioniert sich durch die Bündelung von Vereinsorganisation, Trainingsplanung und Spielerentwicklung in einer Plattform. Der strategische Vorteil des Unternehmens könnte in seinen Wurzeln liegen: Gelingt es, fundiertes Wissen der Trainingslehre tiefgreifend mit Management-Funktionen zu verzahnen, entstünde ein Differenzierungsmerkmal gegenüber rein administrativen Kalender- und Kassen-Apps.
Um die Nutzerakquise zu beschleunigen, kündigt CoTrainer für die Saison 2026/27 eine Amateurfußball-Initiative an, deren Details zeitnah mit einem Ausrüstungspartner präsentiert werden sollen. Ob das neu aufgestellte Produkt nach dem Sommer-Relaunch stark genug ist, um Trainer von ihren etablierten Tools zu konvertieren, wird der entscheidende Härtetest für das Kölner Start-up.
Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung
Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.
VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.
Plattform trifft auf traditionelles Handwerk
Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.
Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.
Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung
Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.
Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.
Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.
Der Kakaoschock und die Bohnen-Lösung: Oyster Bay feiert Millionen-Exit mit Nukoko
Der Hamburger Impact-Investor Oyster Bay Venture Capital verkauft das britische Start-up Nukoko an den globalen Zutatenriesen Döhler. Warum dieser Deal für die europäische Food-Tech-Szene ein Meilenstein ist – und wieso die kakaofreie Schokolade nun vor dem finalen Härtetest steht.
Die europäische Food-Tech-Branche hat einen neuen Vorzeige-Deal: Der auf Food- und AgriTech spezialisierte Hamburger Investor Oyster Bay Venture Capital (unter anderem bekannt durch frühe Investments in Oatly und Air Up) hat einen erfolgreichen Exit verkündet. Das britische Portfolio-Unternehmen Nukoko, Entwickler der weltweit ersten „Bean-to-Bar“-Schokoladenalternative auf Basis von Ackerbohnen, wird vom global agierenden Zutatenhersteller Döhler übernommen. Über die finanziellen Details der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart.
Für Oyster Bay markiert der Deal den ersten erfolgreichen Verkauf aus dem erst vor acht Monaten geschlossenen, über 100 Millionen Euro schweren zweiten Fonds. „Für uns ist der erfolgreiche Exit von Nukoko ein herausragendes Beispiel dafür, wie europäische Food-Tech-Innovationen globale Herausforderungen lösen können“, erklärt Philip Stark, Principal von Oyster Bay Venture Capital. Doch jenseits der üblichen PR-Rhetorik offenbart der Deal einen tiefgreifenden Strukturwandel im Markt für Süßwaren. Zeit für eine fundierte Einordnung für Gründer und Investoren.
Der Markt: Warum Kakao zum Krisenrohstoff mutiert
Die traditionelle Schokoladenindustrie steht massiv unter Druck. Drastische Ernteausfälle in Westafrika – bedingt durch extreme Wetterphänomene und Pflanzenkrankheiten – ließen die Kakaopreise an den Rohstoffbörsen in den letzten zwei Jahren zeitweise auf historische Rekordhöhen explodieren. Hinzu kommt ein verschärftes regulatorisches Umfeld in Europa: Die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) zwingt Konzerne zu lückenlosen Nachweisen, dass für ihre Produkte keine Wälder gerodet wurden – in kleinteiligen afrikanischen Kooperativen ein administrativer Kraftakt.
Das Zeitfenster für „Alt-Choc“ (Alternative Schokolade) steht damit weit offen. Startups, die den Geschmack, das Schmelzverhalten und die Textur von Schokolade ohne Kakaobasis replizieren können, rennen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Lebensmittelkonzerne offene Türen ein. Neuartige Rohstofflösungen sind längst kein reines Nachhaltigkeits-Gadget mehr, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Resilienz.
Das Geschäftsmodell: Als „Intel Inside“ in die industrielle Skalierung
Nukoko, 2022 unter anderem vom Pflanzenbiologen Prof. David Salt gegründet, nutzt einen geschützten Fermentationsprozess, um heimische Ackerbohnen in eine geschmackliche Schokoladenalternative zu verwandeln. Die strategischen Vorteile: Ackerbohnen (Faba Beans) können kostengünstig und stabil in Europa angebaut werden, was Lieferketten verkürzt und das Abholzungsrisiko eliminiert. Zudem punktet das Endprodukt mit einem vorteilhaften Nährwertprofil und erlaubt zuckerreduzierte Rezepturen.
Dennoch standen die Briten vor der klassischen Sollbruchstelle junger DeepFood-Tech-Unternehmen: dem kapitalintensiven Sprung von der Pilotphase in die industrielle Massenproduktion (CapEx). Genau an dieser Schnittstelle greift das strategische Kalkül der Übernahme durch Döhler. Als internationaler Gigant im Bereich technologiebasierter Zutaten-Systeme verfügt Döhler über die nötigen globalen Produktionskapazitäten und Vertriebskanäle. Für Nukoko bedeutet dies den sofortigen Zugriff auf weltweite Skaleneffekte. Statt mühsam und teuer eine eigene Consumer-Brand im Einzelhandel aufzubauen, etabliert sich das Start-up als funktionale B2B-Zutat – quasi als das „Intel Inside“ für die Süßwarenindustrie der nächsten Dekade.
Die drei Hürden der Kakaofreiheit
Trotz des Exit-Erfolgs ist das Segment kein Selbstläufer. Wer den Markt erobern will, muss drei zentrale Herausforderungen lösen:
- Die Kennzeichnungshürde: In der Europäischen Union ist der Begriff „Schokolade“ über die Kakaoverordnung streng geschützt. Da Nukoko ohne Kakaobestandteile auskommt, müssen Hersteller*innen auf Bezeichnungen wie „kakaofreier Überzug“ oder „Süßware nach Schokoladenart“ ausweichen. Das erfordert erhebliche Aufklärungsarbeit am Point of Sale.
- Die Preisparität: Obwohl die Ackerbohne als agrarischer Rohstoff günstig ist, sind die biotechnologischen Fermentations- und Verarbeitungsschritte hochkomplex. Um im Massenmarkt konventionelle Schokolade zu verdrängen, müssen die Produktionskosten pro Tonne drastisch sinken. Ob Döhler diesen Skaleneffekt schnell genug erzwingen kann, bleibt abzuwarten.
- Die sensorische Akzeptanz: Die Geschichte der pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen zeigt: Sobald Konsument*innen geschmackliche Kompromisse eingehen müssen, bricht die Wiederkaufsrate ein. Nukoko muss den Beweis erbringen, dass die „Ackerbohnen-Illusion“ auch im industriellen Großmaßstab das anspruchsvolle Schmelzverhalten echter Kakaobutter im Mund imitiert.
Wettbewerber-Check: Wer dominiert den Markt?
Der Exit von Nukoko bringt zusätzliche Dynamik in ein hochkompetitives Marktumfeld, in dem auch deutsche Pioniere bereits eine dominierende Rolle spielen. Ein prominentes Beispiel ist das Münchner Start-up Planet A Foods. Die Gründergeschwister Max und Sara Marquart setzen bei ihrer Kakaoalternative auf die Fermentation von Hafer und Sonnenblumenkernen. Mit großem Erfolg: Ihre Ingredient-Marke ChoViva gilt derzeit als absoluter Platzhirsch im DACH-Raum und ist bereits fest in bekannte Großprodukte wie Nestlés Choco Crossies, im Sortiment von Griesson sowie in diversen REWE-Eigenmarken integriert. Das Münchner Unternehmen fokussiert sich dabei stark auf eine sichtbare B2B2C-Markenstrategie und tritt durch offensives Co-Branding auf den Verpackungen direkt mit den Endkonsumenten in Kontakt.
Ebenfalls um Marktanteile kämpft das Londoner Start-up WNWN Food Labs, das für seine Schokoladenalternative auf eine technologische Basis aus Gerste und Johannisbrot vertraut. Während das britische Unternehmen in der Vergangenheit vor allem durch PR-wirksame, limitierte Direct-to-Consumer-Testläufe viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, forciert es nun ebenfalls eine strategische Neuausrichtung und baut seine lukrativen B2B-Partnerschaften mit der Industrie weiter aus.
Fazit & Takeaways für die StartingUp-Community
Der Deal zwischen Oyster Bay, Nukoko und Döhler liefert wertvolle Learnings für die europäische Startup-Szene:
- B2B schlägt D2C im FoodTech: Die Ära, in der Risikokapitalgeber unbegrenzt Millionen in den Aufbau neuer, kapitalintensiver Consumer-Lebensmittelmarken gepumpt haben, ist vorerst vorbei. Gefragt sind Enabler: Start-ups, die als Zulieferer existenzielle Probleme der Industrie (Lieferkettensicherheit, CO2-Reduktion, Rohstoffknappheit) lösen.
- Frühzeitige Kooperation mit Corporates: DeepFood-Tech ist zutiefst hardwaregetrieben. Die Allianz mit einem etablierten Industrie-Schwergewicht löst das größte Wachstumsproblem junger Tech-Unternehmen: den extrem teuren Bau eigener Großanlagen.
- Fokus auf heimische Rohstoff-Resilienz: Die Nutzung europäischer Agrarprodukte (wie Ackerbohnen oder Hafer) trifft den Nerv von Impact-Investoren. Start-ups, die sich von volatilen, geopolitisch anfälligen globalen Lieferketten entkoppeln, sichern sich einen fundamentalen Wettbewerbsvorteil.
Berlin gründet, der Süden patentiert: Ein Ranking mit zwei Wahrheiten
Wer in Deutschland ein Start-up gründet, steht unweigerlich vor der Standortfrage. Ein neues Bundesländer-Ranking der BSBI School of Business and Innovation sieht Baden-Württemberg an der Spitze und straft Berlin ab. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Studie misst zum Teil Äpfel mit Birnen – und übersieht, wie moderne Digitalisierung funktioniert.
Dass Innovation nicht gleich Innovation ist, zeigt sich beim Blick auf die nackten Zahlen. Für das aktuelle Ranking wurden Start-up-Neugründungen und Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner (Stand Ende 2024) analysiert sowie eine KI-gestützte Schlagwortsuche in den Koalitionsverträgen der Landesregierungen durchgeführt. Das vermeintliche Ergebnis: Ein klares Süd-Nord-Gefälle mit Baden-Württemberg auf Platz 1 und Berlin abgeschlagen auf Platz 7.
Für Gründerinnen und Gründer greift diese Interpretation jedoch zu kurz.
Der Süden dominiert die Hardware – aus gutem Grund
Im Gesamtranking sichert sich Baden-Württemberg den Spitzenplatz, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Das „Ländle“ glänzt vor allem mit einem Spitzenwert von 135 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner*innen. Auf dem Papier ist das der absolute Innovationssieg.
Und tatsächlich: Wer im Bereich DeepTech, Industrie 4.0, Medizintechnik oder Hardware gründet, findet im Süden (Baden-Württemberg auf Platz 1, Bayern auf Platz 5 mit 95 Patenten) das perfekte Ökosystem. Hier trifft Gründungsgeist auf den industriellen Mittelstand und die entsprechende Forschungslandschaft.
Das Berlin-Paradoxon: Warum die Patent-Kritik ins Leere läuft
Die eigentliche Überraschung der Studie: Berlin verteidigt zwar mit knapp 17 Start-ups je 100.000 Einwohner*innen einsam die Spitze bei der Gründungsdynamik, stürzt im Gesamtranking aber auf Platz 7 ab. Die Studienautor*innen bemängeln die niedrige Patentquote (Platz 12) der Hauptstadt.
StartingUp-Einordnung: Hier beißt sich die Methodik der Studie mit der Realität der Digitalwirtschaft. In Deutschland und Europa sind Software, Algorithmen und rein digitale Geschäftsmodelle rechtlich kaum patentierbar. Da Berlin das Epizentrum für SaaS-, FinTech- und Plattform-Start-ups ist, kann die Stadt in dieser Statistik nicht glänzen. Ein Mangel an Innovation ist das jedoch nicht – es ist schlicht die Natur digitaler Produkte, die sich über Schnelligkeit und Netzwerkeffekte schützen, nicht über Patentämter.
Buzzword-Bingo in der Landespolitik
Ein weiterer Minuspunkt für Berlin im Ranking: In den politischen Dokumenten der Hauptstadt tauchen Begriffe wie „Innovation“ oder „Digitalisierung“ seltener auf als in den Verträgen der südlichen Flächenländer (Platz 15 für Berlin).
Auch hier sollten Gründer*innen gelassen bleiben. Ob ein Ökosystem funktioniert, entscheidet sich nicht an der Anzahl der Buzzwords in einem Koalitionsvertrag, sondern an der gelebten Praxis: Wie schnell arbeiten die Behörden? Wie steht es um die Vergabe von Fördermitteln (z. B. IBB oder Landes-Stipendien)? In der Realität zeigen sich die Stadtstaaten hier oft agiler als bürokratische Flächenländer, selbst wenn dort „Digitalisierung“ auf jeder Seite des Parteiprogramms steht.
Bittere Realität im Nordosten
Abseits der Methodik-Kritik zeigt die Studie jedoch einen schmerzhaften und realen Trend: Das Abdriften des Nordostens. Mecklenburg-Vorpommern bildet das Schlusslicht des Rankings (Platz 16), gefolgt von Brandenburg (Platz 15) und Sachsen-Anhalt (Platz 14). Mit statistisch nur einer Start-up-Gründung und sieben Patenten je 100.000 Einwohner*innen in MV herrscht hier nach wie vor strukturelle Flaute. Für Gründer*innen fehlen in diesen Regionen oft die kritische Masse an Talenten, Investoren und relevanten Netzwerken.
Unser Fazit für die Praxis: Augen auf bei der Standortwahl
Das Ranking der BSBI liefert wertvolle Daten, muss aber je nach Geschäftsmodell völlig anders gelesen werden:
- Du gründest Software, B2C oder Plattformen? Lass dich vom Ranking nicht täuschen. Berlin, Hamburg (Platz 3) und die Metropolregionen bleiben aufgrund des Talentpools und der VC-Dichte deine erste Wahl.
- Du gründest im Bereich Hardware, Robotics oder DeepTech? Hier hat die Studie recht: In Baden-Württemberg und Bayern sitzt das industrielle Rückgrat, das du für Pilotprojekte, Patente und B2B-Kooperationen brauchst.
Die 3,7-Billionen-Dollar-Wette: Warum die geplanten Mega-Börsengänge von SpaceX, OpenAI und Co. das globale Finanzgefüge belasten können
SpaceX hat es vorgemacht, OpenAI und Anthropic steht es bevor: der Börsengang. Die kombinierte Bewertung dieser drei Tech-Giganten stellt die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung an der Börse in den Schatten. Während die Start-up- und VC-Szene das Ende der jahrelangen IPO-Flaute feiert, schlagen Vermögensverwalter*innen Alarm: Die Flut an Mega-IPOs könnte vor allem für vermeintlich sicher geglaubte ETF-Anleger*innen zum unkalkulierbaren Risiko werden.
Der Technologie- und KI-Hype erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt. Den Auftakt macht das Raumfahrtunternehmen SpaceX mit einer schwindelerregenden Bewertung von rund 1,8 Billionen US-Dollar (Stand 15.06.26) nach erfolgfreichem Börsenstart. Auch das ChatGPT-Mutterunternehmen OpenAI (rund 1,0 Billionen US-Dollar) und der KI-Rivale Anthropic (0,9 Billionen US-Dollar) haben ihre Börsenplatzierungen bereits in Stellung gebracht.
Für das Ökosystem der Venture-Capital-Geber*innen und Gründer*innen ist das ein massives Signal: Nach Jahren der Zurückhaltung ist der IPO-Markt zurück, und er ist größer als je zuvor. Zusammen bringen es die drei Unternehmen auf eine Marktkapitalisierung von rund 3,7 Billionen US-Dollar – fast doppelt so viel wie alle DAX-Konzerne zusammen.
Doch abseits der Feierstimmung im Silicon Valley drängt sich eine weitaus unbequemere Frage auf, die das Multi Family Office FINVIA in einem aktuellen Beitrag thematisiert: Sind diese Börsengänge wirklich der Beginn eines neuen technologischen Superzyklus – oder das finale Symptom einer extremen Überhitzung?
Der Fluch des Höhepunkts
Die Finanzgeschichte liefert ein klares, warnendes Muster: Wenn unangefochtene Marktführer an die Börse gehen, wählen sie meist den Zeitpunkt der maximalen Euphorie. Das war beim IPO von Goldman Sachs 1999 (mitten in der Dotcom-Blase) so, bei Blackstone 2007 (am Vorabend der Finanzkrise) und bei Glencore 2011 (am Ende des Rohstoff-Booms). Häufig markierten genau diese Mega-IPOs den Zenit des Marktes, woraufhin Anleger*innen jahrelange Durststrecken in Kauf nehmen mussten.
Die Skepsis ist angebracht. Denn während die gigantischen Bewertungen für SpaceX und OpenAI Zukunftsvisionen von AGI (Artificial General Intelligence) und der Mars-Kolonialisierung einpreisen, sieht die fundamentale Realität oft komplexer aus: Branchenmedien berichteten für SpaceX in den vergangenen Expansionsjahren wiederholt von Nettoverlusten im Milliardenbereich, und auch bei OpenAI zweifeln Kritiker*innen daran, wie schnell sich die gewaltigen Ausgaben für die KI-Infrastruktur jemals nachhaltig refinanzieren lassen.
Die Illusion der passiven Streuung: ETFs als unfreiwillige Käufer
Das eigentliche Problem, auf das die FINVIA-Analyse hinweist, liegt jedoch in der Mechanik der modernen Finanzmärkte, genauer gesagt bei passiven Indexfonds (ETFs). Der „MSCI World“ gilt unter Anleger*innen – vom Privatinvestierenden bis zum Start-up-Gründenden nach dem ersten Exit – als Inbegriff der Risikostreuung. Doch diese globale Diversifikation läuft Gefahr, in eine erhebliche Schieflage zu geraten.
Sobald SpaceX und Co. gelistet werden, saugen die großen Indizes sie automatisch auf. Der Index-Anbieter MSCI verfügt über einen „Fast-Track-Mechanismus“, durch den Giganten wie SpaceX schon nach wenigen Handelstagen in den MSCI World gespült werden können. Das Besondere daran: Sollte SpaceX, wie in Marktpreisen angedeutet, anfangs nur einen geringen Teil seiner Aktien als Streubesitz (Free Float) in den freien Handel bringen, prallt die automatische, gigantische Nachfrage der ETF-Anbieter*innen auf ein stark verknapptes Angebot. Das kann die Kurse kurzfristig künstlich in die Höhe treiben.
ETF-Anleger*innen kaufen diese neu gelisteten, maximal teuren Aktien am Ende blind mit ein. Zwar machen sie anfangs wegen des geringen Streubesitzes nur Bruchteile eines Prozents im Index aus, doch Expert*innen warnen, dass dieses Gewicht bei vollständiger Platzierung mittelfristig massiv anwachsen könnte. Der MSCI World, der heute ohnehin schon zu über 70 Prozent aus US-Aktien (und hier primär Big Tech) besteht, mutiert damit immer weiter zur konzentrierten Branchenwette.
Kritische Einordnung: Zwischen Substanz und Geschäftsmodell
Wie belastbar sind die Warnungen? Eine journalistische Überprüfung der aktuellen Marktdynamik zeigt: Die Risiken der Index-Integration sind hochaktuell und absolut real. Das beweist unter anderem der Umgang des Index-Betreibers S&P Dow Jones. Während der MSCI World Neulinge unter bestimmten Bedingungen sehr schnell integriert, sieht das Regelwerk des S&P 500 – des wichtigsten Index der Welt – strenge, historische Rentabilitätskriterien vor. Solange Tech-Giganten in ihren Wachstumsphasen keine anhaltende Netto-Profitabilität nachweisen können, bleibt ihnen dieser Markt verschlossen. Der weltweite MSCI World hingegen gewichtet primär nach Marktkapitalisierung und schluckt die Risiken ungefiltert.
Gleichzeitig gilt es, die Perspektive des Absenders FINVIA kritisch zu hinterfragen. Als Family Office hat das Unternehmen ein naturgemäßes Interesse daran, die Vorzüge einer aktiv gemanagten, strategisch strukturierten Vermögensverwaltung gegenüber rein passiven, billigen ETF-Produkten zu betonen. Der Rat, „nicht alles in einen MSCI World zu stecken“, sondern Portfolios aktiv über alternative Anlageklassen und Regionen zu streuen, ist ein klassisches Kernargument dieser Branche. Falsch wird die strukturelle Analyse des Index-Risikos dadurch jedoch nicht.
Die Dimensionen der anstehenden IPOs sprengen bisherige Denkmuster. Sollten erhebliche Anteile dieser Emissionen direkt an Kleinanleger*innen und über die Index-Zwangskäufe der ETFs in den Markt gedrückt werden, droht eine massive Risikoverlagerung: Während Gründer*innen, Insider*innen und frühe VC-Investor*innen historische Multiples realisieren und Liquidität generieren, wird das langfristige Profitabilitätsrisiko der Tech-Visionen direkt in die Depots der passiven Welt-Anleger*innen weitergereicht.
Fazit für die StartingUp-Community
Für die Start-up-Szene sind die Mega-Börsengänge ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite beweisen sie eindrucksvoll, dass echte „DeepTech“-Visionen vom Kapitalmarkt mit astronomischen Summen honoriert werden. Das verschiebt die Bewertungsmaßstäbe für die gesamte Venture-Capital-Landschaft nach oben.
Auf der anderen Seite offenbaren sie die wachsende Fragilität unhinterfragter, passiver Geldanlage. Wer heute blind auf einen Welt-ETF setzt, geht de facto die Wette ein, dass die teuersten Privatunternehmen der Wirtschaftsgeschichte ihre enormen Versprechen auf Jahrzehnte hinaus fehlerfrei einlösen werden. Für Gründer*innen und Unternehmer*innen, die durch das eigene Unternehmen ohnehin ein massives Klumpenrisiko im Tech-Sektor tragen, lautet die harte Lektion für das Privatvermögen: Echte Diversifikation erfordert wieder aktives Nachdenken – der simple Dauerauftrag auf den „MSCI World“ greift in Zeiten dieser neuen Mega-IPOs zu kurz.
Disclaimer (Rechtlicher Hinweis): Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung, Handlungsempfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Jedes Investment an den Finanzmärkten ist mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Redaktion und Verlag übernehmen keine Haftung für Entscheidungen, die auf Basis dieser Berichterstattung getroffen werden.
PropTech-Markt in Bewegung: Mietz und Regionalimmobilien24 schmieden neues Immobilien-Ökosystem
Der hart umkämpfte und oftmals träge Immobilienmarkt erhält einen neuen digitalen Impuls. Wie am 10. Juni 2026 bekannt wurde, bündeln das Immobilienportal Regionalimmobilien24 und das Berliner Start-up Mietz ihre Kräfte in einer strategischen Partnerschaft. Die Kombination beider Ansätze – deutschlandweite Reichweite auf der einen, volldigitalisierte Vermietungsprozesse auf der anderen Seite – zeigt deutlich, wohin die Reise im PropTech-Sektor geht: weg von Insellösungen, hin zu integrierten Plattformen, die den gesamten Prozess abbilden.
Die Idee zu Mietz entstand aus einem klassischen „Pain Point“, den zahllose Wohnungssuchende in Metropolen kennen. Co-Gründerin und Geschäftsführerin Lena Tuckermann verbrachte 2021 auf der Suche nach einer Wohnung in Hamburg hochgerechnet über 50 Stunden damit, Vermieter*innen erfolglos per E-Mail anzuschreiben. Gemeinsam mit Mitgründer Johann Kim rief sie daraufhin Mietz ins Leben. Das erklärte Ziel: den Bewerbungs- und Vermietungsprozess radikal zu digitalisieren und drastisch zu verkürzen.
Das Geschäftsmodell: Swipe-Prinzip für die Wohnungssuche
Das Kernstück der Mietz-App adaptiert das bewährte Swipe-Prinzip bekannter Dating-Apps für den Immobilienmarkt. Wohnungssuchende legen ein detailliertes Profil samt verifizierter Dokumente an und „swipen“ sich durch passende Angebote. Gibt es von Seiten des Vermieters – der vorab Kriterien definiert – ein „Match“, können beide Parteien interagieren.
Während die App für Suchende kostenlos ist, monetarisiert sich Mietz über professionelle Vermieter, Makler und Wohnungsunternehmen. Diese zahlen für ein volldigitales Bewerbermanagement, das unübersichtliche E-Mail-Fluten verhindert und sämtliche Schritte bis zur Dokumentenprüfung und dem Vertragsabschluss bündelt. Dass dieses Konzept Potenzial hat, sahen auch prominente Angel-Investor*innen: So stiegen in der Vergangenheit unter anderem Shutterstock-Gründer Jon Oringer, Fußballprofi Mario Götze und Investorin Christine Kiefer bei dem PropTech ein.
Bereits heute verzeichnet Mietz über 150.000 wohnungssuchende Nutzer*innen und verwaltet Vermietungsprozesse für rund 30.000 Wohneinheiten.
Der strategische Deal: Synergien statt Alleingang
Durch die nun geschlossene Kooperation werden die über 37.000 Immobilienangebote von Regionalimmobilien24 künftig über Mietz zugänglich gemacht. Im Gegenzug erhalten Anbieter, die über Mietz vermarkten, zusätzliche Sichtbarkeit im Netzwerk von Regionalimmobilien24.
Lars Rupprecht, Geschäftsführer von Regionalimmobilien24, verdeutlicht den strategischen Wandel: „Wir verstehen Regionalimmobilien24 nicht als klassisches Immobilienportal, sondern als digitales Ökosystem rund um Wohnen und Finanzieren.“ Lena Tuckermann ergänzt: „Der Wohnungsmarkt braucht nicht nur mehr Reichweite, sondern vor allem intelligent vernetzte Prozesse.“
Unsere Einordnung für den Markt: Zwischen Effizienz und Realität
Für StartingUp-Leser*innen lohnt sich ein nüchterner Blick auf das Marktumfeld:
- Der Flaschenhals bleibt das Angebot: Mietz optimiert die Prozesse entlang der gesamten Vermarktungsstrecke enorm, löst aber nicht das drängendste Problem – den massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Ballungszentren. Eine effizientere Verwaltung schafft keine neuen Wohnungen.
- Datenschutz und Diskriminierungsgefahr: Das Profil-gestützte Swipe-Modell birgt latent die Gefahr, dass Vermieter vorschnell nach oberflächlichen Kriterien oder Fotos aussortieren. Zwar steuert Mietz mit standardisierten Datenpaketen gegen, doch das System erfordert ein hohes Maß an datenschutzrechtlicher und ethischer Sensibilität.
- Wettbewerb mit den Platzhirschen: Der Markt wird von Giganten wie ImmoScout24 und Immowelt dominiert. Die größte Herausforderung für das junge Bündnis bleibt es, die breite Masse an traditionellen Vermieter*innen zu akquirieren, für die die etablierten Portale oft noch der gewohnte Standard sind.
Fazit
Regionalimmobilien24 bringt die dringend benötigte Reichweite in das Bündnis ein, während Mietz die technologische Infrastruktur für digitale Vermietungsprozesse beisteuert. Gelingt die nahtlose Einbindung der Immobilienangebote auf beiden Seiten, entsteht ein vernetztes Ökosystem, das die Immobilienvergabe spürbar modernisiert – und den etablierten Player*innen perspektivisch Marktanteile abnehmen könnte.
Tokura sichert sich Millionen-Seed-Runde: Ein Scale-up-Ansatz für den Milliardenmarkt der Ambulantisierung
Das Berliner HealthTech-Start-up Tokura hat eine erste Finanzierungsrunde in mittlerer siebenstelliger Höhe abgeschlossen. Mit dem frischen Kapital wollen die Gründer Dr. Daniel Kreter und David Rizor eine eigene Technologieplattform aufbauen und spezialisierte ambulante OP-Zentren etablieren. Das ambitionierte Ziel: Eine Million Operationen pro Jahr in den ambulanten Sektor verlagern. Doch der Markt ist hochkomplex, streng reguliert und lockt zunehmend finanzkräftige Player an.
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer historisch tiefgreifenden Transformation. Durch die schrittweise Einführung sogenannter Hybrid-DRGs (sektorenunabhängige Fallpauschalen) sollen Behandlungen, die bisher klassischerweise stationär im Krankenhaus stattfanden, konsequent in den ambulanten Sektor verlagert werden. Das ökonomische und medizinische Potenzial ist gigantisch: Laut Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) weisen rund 60 Prozent aller stationären Fälle – das entspricht etwa 8 Millionen Eingriffen jährlich – ein klares Ambulantisierungspotenzial auf.
Die Realität hinkt dem politischen Willen jedoch hinterher. Es fehlt flächendeckend an der spezialisierten, hochmodernen Infrastruktur, um ein solches OP-Volumen sicher, digitalisiert und vor allem skalierbar aufzufangen. Eine erfolgreiche Ambulantisierung erfordert massive Investitionen in hocheffiziente Räumlichkeiten sowie nahtlose digitale Prozesse.
Das Geschäftsmodell: „Space-as-a-Service“ für Mediziner*innen
Hier setzt das Konzept von Tokura an. Das Start-up positioniert sich als operativer Infrastruktur- und Technologiepartner für medizinische Leistungserbringer.
- Flexibles Kooperationsmodell: Niedergelassene Operateur*innen sowie Krankenhäuser können sich in den Tokura-Zentren einmieten, um dort auf spezialisierte Räumlichkeiten, eingespielte OP-Teams und verlässliche Prozesse zurückzugreifen.
- Joint Ventures: Zudem bietet das Unternehmen an, neue ambulante OP-Zentren gemeinschaftlich mit medizinischen Partnern aufzubauen und zu betreiben.
- Technologie-Hebel: Herzstück soll eine proprietäre Plattform sein, die den gesamten operativen Alltag digital steuert und damit die Wirtschaftlichkeit drastisch erhöht.
Die Macher: Scale-up-DNA ersetzt das Stethoskop
Hinter Tokura stehen keine Brancheninsider aus dem klassischen Klinikbetrieb, sondern erfahrene Köpfe aus der Tech- und Skalierungswelt. Dr. Daniel Kreter bringt über 15 Jahre Start-up-Erfahrung mit, unter anderem von Schwergewichten wie Zalando und Taxfix. Co-Gründer David Rizor verantwortete bei Taxfix die Unternehmensstrategie und koordinierte dort Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von über 300 Millionen Euro.
Dass diese Tech- und Fundraising-Expertise bei Investor*innen verfängt, zeigt das prominente Cap-Table: Die Seed-Runde wird von den namhaften VCs Heal Capital und Redalpine angeführt. Zudem beteiligen sich Business Angels der Investor*innen-Allianz better ventures. Um die fehlende medizinische Vita auszugleichen, setzt Tokura auf einen hochkarätigen medizinischen Beirat, unter anderem besetzt mit PD Dr. med. Clemens Gwinner (Leitender Oberarzt an der Charité Berlin) und erfahrenen Praxisbetreiber*innen.
Zwischen Skalierungstraum und Investitionsrealität
Das Vorhaben von Tokura ist so logisch wie ambitioniert, birgt für ein klassisches Venture-Capital-Case jedoch spezifische Risiken:
- Enormer Investitionsbedarf (CapEx): Der Aufbau physischer OP-Zentren ist extrem kapitalintensiv. Ein mittlerer siebenstelliger Betrag ist ein solider Start für den ersten Standort – für das Ziel von einer Million Operationen wird Tokura jedoch in rascher Folge dreistellige Millionenbeträge einsammeln müssen.
- Finanzstarke Konkurrenz: Der Markt für ambulante Operationsstrukturen konsolidiert sich bereits im Rekordtempo. Private-Equity-getriebene MVZ-Ketten wie das Orthopädie-Netzwerk Ortivity bewegen sich in völlig anderen Finanzierungsdimensionen. Gleichzeitig drängen etablierte Medizintechnik-Riesen wie B. Braun mit maßgeschneiderten Prozesslösungen für ambulante Zentren in den Markt.
- Das Schnittstellen-Risiko: Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gelten in Digitalisierungsfragen als notorisch träge und veränderungsresistent. Ob sich die „Zalando- und Taxfix-DNA“ der Gründer reibungslos auf den stark regulierten und von Standespolitik geprägten Medizinbetrieb übertragen lässt, muss sich im operativen Alltag erst noch beweisen.
Fazit
Tokura besetzt zur richtigen Zeit eine der größten strukturellen Bruchstellen des deutschen Gesundheitssystems. Gelingt es dem Team, die Effizienz digitaler Plattformen mit der komplexen Realität physischer Medizin-Infrastruktur zu verknüpfen, hat das Start-up das Potenzial zum Gamechanger. Wenn nicht, droht das junge Unternehmen zwischen den hohen Fixkosten eigener Standorte und der Marktmacht finanzstarker MVZ-Konzerne zerrieben zu werden.
Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?
Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.
Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?
Die Köpfe hinter der Chat-Innovation
Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.
„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“
Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.
All-in-one zum Kampfpreis
Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.
Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.
Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.
Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"
So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.
Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.
Grenzen der Chat-Bedienung
Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.
Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.
Fazit und Ausblick
Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.
Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“
Befreiungsschlag oder teure PR-Show? Europas Tech-Szene probt den Aufstand
Jahrelang galt das europäische Tech-Ökosystem als ewiges Talent, das den Durchbruch verpasst. Built in Europe – eine massive neue Kampagne des Londoner VCs Balderton Capital und über 100 Top-CEOs – will dieses Narrativ nun beenden. Doch reicht ein neues Selbstbewusstsein aus, um die strukturellen Defizite des Kontinents zu kaschieren?
Wer in diesen Tagen durch Berlin, München, London oder Paris läuft, dürfte über großflächige Plakate stolpern, die weniger an Start-up-Werbung als an ein politisches Manifest erinnern. „Not waiting for permission. Not looking somewhere else for the blueprint. Just building“, heißt es darauf.
Die Sätze sind das Herzstück der am 1. Juni gestarteten Kampagne Built in Europe. Orchestriert vom renommierten Risikokapitalgeber Balderton Capital, haben sich über 100 europäische Gründer*innen und CEOs zusammengeschlossen, um eine unmissverständliche Botschaft an Politik, Investor*innen und vor allem an die globale Tech-Elite zu senden: Europa ist kein reiner Binnenmarkt für US-Technologien mehr. Europa baut die Zukunft selbst.
Die Zahlen geben dem neuen Ego recht
Der Zeitpunkt für diesen medialen Paukenschlag ist klug gewählt, denn die nackten Zahlen stützen die These der Kampagne. Laut Atomico macht der Tech-Sektor mittlerweile rund 15 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts aus. Im Jahr 2015 lag dieser Wert noch bei bescheidenen 4 Prozent.
Noch viel entscheidender als das reine Volumen ist jedoch die inhaltliche Verschiebung. Europas Tech-Szene hat die Ära der reinen E-Commerce-Copycats hinter sich gelassen. Das zeigt ein Blick auf das Epizentrum der deutschen Beteiligung an der Kampagne. Aus dem Großraum München stammen drei Unternehmen, die in ihren jeweiligen Sektoren technologische Paradigmenwechsel vorantreiben:
- Quantum Systems: Das Unternehmen hat sich auf KI-gestützte Aufklärungsdrohnen spezialisiert und nach massiven Finanzierungsrunden im Jahr 2025 den Einhorn-Status erreicht. Die strategische Relevanz zeigt sich besonders im Verteidigungssektor: Im Mai 2026 vertiefte das Start-up eine Partnerschaft mit Rohde & Schwarz, um elektronische Kampfführung direkt in seine Drohnen zu integrieren.
- The Exploration Company: Die bayerisch-französische Firma entwickelt mit Nyx eine wiederverwendbare Raumkapsel, die trägerunabhängig konzipiert ist und auf Schwerlastraketen weltweit fliegen kann. Unterstützt durch weitreichende Verträge positioniert sich das Start-up als Europas ernsthafteste Antwort auf die Dominanz von SpaceX in der orbitalen Logistik.
- Proxima Fusion: Als Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik arbeitet das Team an der Kommerzialisierung der Kernfusion. Im Februar 2026 unterzeichnete Proxima Fusion eine weitreichende Vereinbarung mit dem Freistaat Bayern und RWE, um in den frühen 2030er-Jahren einen Nettoenergie-Demonstrator („Alpha“) zu errichten, auf den das erste kommerzielle Fusionskraftwerk (Stellaris) in Gundremmingen folgen soll.
Der wahre Grund der Kampagne: Der War for Talent
Doch VCs wie Balderton schalten keine teuren Out-of-Home-Kampagnen zur reinen Ego-Pflege. Hinter den plakativen Slogans verbirgt sich ein handfestes, geschäftskritisches Problem: der akute Mangel an Tech-Talenten.
Das Wachstum der Scale-ups wird längst nicht mehr nur durch fehlendes Kapital gebremst, sondern durch unbesetzte Entwickler- und Ingenieursstellen. Das Herzstück der Kampagne ist deshalb die Plattform BuiltInEurope.com – ein paneuropäischer Talent-Hub, der auf einen Schlag die offenen Positionen von 1.000 führenden Tech-Start-ups bündelt. Die Stoßrichtung ist klar: Fachkräfte aus dem Silicon Valley sollen zurückgeholt und Absolventen europäischer Elite-Unis davon abgehalten werden, direkt nach Übersee abzuwandern.
Ein Plakat ändert kein Steuerrecht
Genau an diesem Punkt muss sich die Kampagne den Realitätscheck gefallen lassen. Es ist ein starkes Signal, dass sich 100 CEOs vom FinTech-Giganten Revolut bis zum Mobilitäts-Player Voi vereinen. Doch eine Jobbörse und gute PR allein lösen die strukturellen Nachteile des Standorts Europa nicht.
Drei fundamentale Probleme bleiben ungelöst:
- Die ESOP-Lücke: US-Tech-Konzerne zahlen nach wie vor signifikant höhere Basisgehälter. Um das auszugleichen, sind Start-ups auf Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) angewiesen. Das europäische Steuerrecht macht diese Beteiligungen jedoch oft bürokratisch komplex. Solange Talente bei einem Exit steuerlich benachteiligt werden, zieht das Argument der „besseren Lebensqualität“ nur bedingt.
- Das Tal des Todes beim Growth Capital: Wenn für den Bau eines Fusionsreaktors oder das Training eines KI-Basismodells plötzlich 200 Millionen Euro benötigt werden, fehlt in Europa schlichtweg die Dichte an Growth-Fonds für späte Phasen.
- Regulierungsangst: Das Manifest fordert selbstbewusst, nicht mehr auf „Erlaubnis“ zu warten. Doch in einem Kontinent, der mit dem AI Act massive Hürden aufbaut, müssen Gründer*innen deutlich mehr regulatorischen Aufwand betreiben als ihre Konkurrenz in Asien oder den USA.
Fazit
Built in Europe ist ein überfälliger Befreiungsschlag einer Industrie, die nicht länger das Stiefkind der klassischen Wirtschaft sein will. Die Kampagne zeigt eindrucksvoll, dass in Städten wie München, Paris und Warschau Unternehmen gebaut werden, die den Lauf der Welt verändern können.
Der neue Hub wird kurzfristig helfen, Talente auf offene Stellen aufmerksam zu machen. Langfristig reicht gutes Marketing jedoch nicht aus. Wenn aus dem „Potenzial“ endgültig Realität werden soll, müssen der PR-Offensive der Gründer*innen nun handfeste politische Reformen folgen. Andernfalls bauen Europas klügste Köpfe die Zukunft weiterhin woanders.
Rekord-Finanzierung für Focused Energy: 240 Mio. USD für den Traum von der Kernfusion
Das Darmstädter DeepTech-Start-up Focused Energy hat in einer Series-A-Runde 240 Millionen US-Dollar eingesammelt – ein Meilenstein für die europäische Fusionsbranche. Am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis soll nun das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Doch während Investoren wie RWE und SPRIND den potenziellen „Energie-Giganten“ feiern, lohnt ein genauerer Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell steht vor massiven technologischen, regulatorischen und strategischen Hürden.
Es ist eine Nachricht, die in der europäischen Start-up-Szene aufhorchen lässt. Der Geldregen für das erst 2021 gegründete Start-up ist laut Unternehmensangaben die bislang größte vollständig gesicherte Series-A-Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Unterstützt wird die Runde von Schwergewichten wie dem Energiekonzern RWE, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sowie dem EIC Fund der EU. Das ambitionierte Ziel der Macher: die kommerzielle Nutzbarmachung der Kernfusion und der Aufbau einer industriellen Pilotanlage im südhessischen Biblis.
Die Köpfe hinter dem Projekt: Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft
Hinter Focused Energy steht ein klassisches, vielversprechendes Gründer-Duo. Prof. Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer, forscht seit über 25 Jahren auf dem Gebiet der Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und ist weltweit vernetzt. An seiner Seite agiert CEO Thomas Forner, ein Serial Entrepreneur mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau von Technologieunternehmen.
Gegründet wurde Focused Energy als Spin-off der TU Darmstadt, beflügelt durch einen historischen Durchbruch im Dezember 2022: Am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) in den USA gelang es Forschern erstmals, durch Laserfusion mehr Energie zu erzeugen, als die Laser verbrauchten. Forner und Roth nutzten das Momentum und holten maßgebliche Köpfe dieses US-Forschungsteams ins eigene Unternehmen, um das Know-how auf beiden Seiten des Atlantiks zu bündeln.
Das Geschäftsmodell: Energie der Zukunft oder lukrative Nischen?
Der Ansatz von Focused Energy basiert auf der Trägheits- bzw. Laserfusion. Winzige Brennstoffkapseln mit Wasserstoffisotopen werden durch extrem starke Laser beschossen, um die Bedingungen im Inneren der Sonne zu simulieren. Der Plan sieht vor, bis Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Kraftwerk ans Netz zu bringen. Die aktuellen Millionen sollen vor allem in die Technologie, industrielle Lieferketten und die Infrastruktur in Biblis fließen.
Kritiker hinterfragen diese Timeline jedoch scharf. Das renommierte DIW Berlin warnt davor, dass die Kernfusion auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur akuten Energiewende leisten wird. Forscher weisen darauf hin, dass Startups der Fusionsbranche ihr Geschäftsmodell mittelfristig anpassen könnten – weg vom Kraftwerk, hin zu Nischenprodukten wie hochpräzisen Materialprüfverfahren oder Speziallasern. Nur so ließen sich Einnahmen generieren, bevor das (noch längst nicht garantierte) Kernprodukt fertig ist.
Markt und Wettbewerb: Das Rennen der DeepTech-Milliarden
Weltweit fließen Milliarden in Start-ups, die das Energieproblem der Menschheit lösen wollen. Zu den größten europäischen Wettbewerbern zählen Marvel Fusion (ebenfalls laserbasiert), Proxima Fusion (Magneteinschluss) und Gauss Fusion.
Auch die Konkurrenz steht unter wissenschaftlicher Beobachtung: So äußerten sich Forscher des Max-Planck-Instituts zuletzt äußerst skeptisch über den Ansatz von Marvel Fusion, da dessen wissenschaftliche Details mangels Transparenz kaum überprüfbar seien. Focused Energy hat hier durch den Bezug zu den validierten LLNL-Ergebnissen einen klaren Argumentationsvorteil. Dennoch bleibt die Ingenieursaufgabe gigantisch: Aus einem singulären wissenschaftlichen Experiment muss ein dauerhaft laufendes Kraftwerk werden.
Hinter den Kulissen: Was die Erfolgsmeldungen verschweigen
Meldungen über Rekordsummen blenden die knallharten Realitäten des DeepTech-Marktes oft aus. Drei Aspekte sind für die Zukunft von Focused Energy besonders kritisch:
- Cap Table und das Verwässerungsrisiko: Eine derart massive Series A ist in Europa ein Novum, birgt für die Gründer aber strategische Gefahren. Da ein marktreifes Kraftwerk erst in über zehn Jahren realisierbar ist, werden noch mehrere kapitalintensive Runden nötig sein. Branchenkenner gehen von stark getranchten Meilenstein-Zahlungen (Milestone-Funding) aus. Liefern Forner und Roth nicht punktgenau, droht eine massive Verwässerung (Dilution) ihrer Anteile.
- Biblis gegen Silicon Valley: Technologie ist kopierbar, ein Spitzen-Team nicht. Focused Energy muss die weltweit extrem raren Experten für Plasmaphysik rekrutieren. Während US-Wettbewerber wie Commonwealth Fusion Systems mit Valley-Gehältern locken, muss das Start-up diese Talente ins beschauliche Südhessen lotsen. Ein erheblicher Teil des Kapitals dürfte direkt in Personalkosten und attraktive Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) fließen.
- Das Exit-Dilemma und die regulatorische Blackbox: Klassische VC-Fonds haben Laufzeiten von zehn bis zwölf Jahren – ein Zeitraum, in dem Focused Energy voraussichtlich noch keinen kommerziellen Strom verkauft. Die Exit-Strategie läuft somit unweigerlich auf einen gigantischen künftigen Börsengang (IPO) hinaus. Zudem bleibt das regulatorische Umfeld in Deutschland unberechenbar: Zwar birgt die Kernfusion nicht die Gefahren der Kernspaltung, doch der Bau einer solchen Anlage wird extrem komplexe Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Die Partnerschaft mit RWE ist daher wohl primär ein strategischer Schutzschild für die kommende Lobbyarbeit.
Fazit für das Start-up-Ökosystem
Die Runde ist ein massives Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und staatliche Akteure mittlerweile bereit sind, bei extrem kapitalintensiven „Moonshot“-Projekten mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt Focused Energy ein Paradebeispiel für ein High-Risk-Investment. Ob Biblis tatsächlich zur Keimzelle einer neuen Hochtechnologie-Industrie wird oder ob sich die alte sarkastische Physiker-Weisheit bewahrheitet, dass die Kernfusion „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“, werden die kommenden Jahre zeigen.
Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau
Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.
Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.
Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.
Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.
Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.
Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de
Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert
Vor dem EU Chips Act II: Rekordinvestitionen treffen auf bürokratische Hürden
Trotz Rekordkapital lähmt Bürokratie Europas Chip-Start-ups. Vor dem Chips Act II fordern Investor*innen Reformen gegen den US-Exodus.
Das Interesse von Investor*innen an europäischen Halbleiter-Start-ups erreicht neue Höchststände, doch der Weg vom Forschungslabor zur Marktreife bleibt für viele Unternehmen steinig. Während die Europäische Kommission am 27. Mai den mit Spannung erwarteten Entwurf für den Chips Act II vorlegen wird, warnen Investor*innen und Branchenexpert*innen: Ohne einen drastischen Bürokratieabbau und eine verbesserte Wachstumsfinanzierung droht der Europäischen Union ein weiterer Exodus zukunftsweisender Deep-Tech-Unternehmen.
Ein Ökosystem der Kontraste
Die aktuellen Rahmenbedingungen für DeepTech-Gründungen in Europa zeichnen ein paradoxes Bild. Einerseits verzeichnen europäische Chip-Start-ups ein massives Finanzierungsmomentum, das Investor*innen zunehmend anzieht. Laut Analysen von PitchBook sammelten Halbleiter-Start-ups auf dem Kontinent im Jahr 2025 die Rekordsumme von 972 Millionen Euro ein. Allein im ersten Quartal 2026 flossen bereits weitere 380 Millionen Euro in den Sektor. Hardware-Start-ups aus Bereichen wie Halbleitertechnik, Quantentechnologie und Robotik rücken verstärkt in den Fokus von Geldgebern, da ihre zugrunde liegenden Innovationen weitaus schwerer zu kopieren sind als klassische softwarebasierte KI-Lösungen (Software-as-a-Service).
Andererseits kämpft Europa massiv damit, diese unbestreitbare wissenschaftliche Stärke in skalierbare Geschäftsmodelle umzuwandeln. Ein aktueller Bericht von Dealroom belegt, dass Europa zwar 30 Prozent der weltweiten Top-Universitäten im DeepTech-Bereich beheimatet und doppelt so viele Absolvent*innen in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern hervorbringt wie die USA. Dennoch haben fast 40 Prozent der europäischen DeepTech-Unicorns ihren Sitz bereits vor oder nach der Finanzierung in die USA verlegt.
Die Erwartungen an den Chips Act II
Der erwartete Chips Act II baut auf dem ersten europäischen Chip-Gesetz auf, das im September 2023 in Kraft trat und nach Angaben der Kommission Investitionen in Fertigungskapazitäten von über 80 Milliarden Euro auslöste. Aktuell hält Europa einen weltweiten Marktanteil von rund 10 Prozent, der durch die politische Initiative bis 2030 auf 20 Prozent verdoppelt werden soll.
Das ist ein überaus ehrgeiziges Ziel angesichts eines globalen Branchenwertes, der laut McKinsey bis zum Ende des Jahrzehnts auf 1,6 Billionen US-Dollar anwachsen könnte. Industrievertreter*innen und politische Entscheidungsträger*innen weisen jedoch darauf hin, dass die bisherigen Fortschritte nicht ausreichen, um mit der expandierenden Subventions- und Ausbaupolitik der USA sowie asiatischer Wirtschaftsmächte mitzuhalten.
Einordnung: Das "Tal des Todes" bei der Kommerzialisierung
Daiva Rakauskaitė, Partnerin und Fondsmanagerin bei Aneli Capital, einer Fondsgesellschaft mit Fokus auf zentral- und osteuropäische (CEE) Start-ups, warnt davor, sich auf den aktuellen Rekordsummen auszuruhen. Das stärkere Interesse der Investoren löse den wesentlichen Engpass Europas – die zu langsame Kommerzialisierung – nicht automatisch.
„Viele junge europäische DeepTech-Unternehmen stehen vor einer schwierigen mittleren Phase zwischen Forschungsförderung und kommerziellen Einnahmen“, erklärt die Expertin. Besonders Halbleiter-Start-ups benötigen massives Vorabkapital für teures Prototyping, Tests, Zertifizierungen und Kundenqualifizierungen, bevor sie überhaupt im großen Stil wachsen können.
Der Erfolg der neuen EU-Initiative wird laut Rakauskaitė maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die regulatorische Fragmentierung zwischen den EU-Mitgliedsstaaten abzubauen. Als direkte Bremsklötze für die europäische Wettbewerbsfähigkeit nennt sie:
- Verzögerungen bei der Genehmigungsvergabe.
- Zersplitterte Prozesse im staatlichen Beihilferecht.
- Zu hohe Compliance-Kosten für junge Unternehmen.
- Ein gravierender Mangel an Wachstumskapital ab der Series-B-Phase.
Europas Halbleiter-Ambitionen auf einen Blick
Kennzahl | Aktueller Stand / Prognose | Quelle |
Finanzierung 2025 | 972 Mio. Euro (Rekordwert) | PitchBook |
Finanzierung Q1/2026 | >380 Mio. Euro | PitchBook |
Abwanderungsquote | ~40 % der Deep-Tech-Unicorns wandern in die USA ab | Dealroom |
EU-Marktanteil | Aktuell ~10 % -> Ziel: 20 % bis 2030 | EU-Kommission |
Globaler Marktwert | 1,6 Billionen USD (bis 2030) | McKinsey |
Fazit für die Start-up-Szene
Während Analyst*innen von Dealroom erwarten, dass demnächst mehrere europäische Fonds mit einem Volumen von über 1 Milliarde Euro auf den Markt kommen, um DeepTech-Unternehmen zu unterstützen, braucht es für einen nachhaltigen Durchbruch tiefgreifende Reformen.
Um das Abwandern technologischer Souveränität zu verhindern, fordert der Markt systemische Veränderungen. Dazu gehören flexiblere öffentlich-private Finanzierungsmodelle, schnellere Freigaben für staatliche Beihilfen und eine deutlich aktivere Rolle von Pensionskassen im Risikokapitalmarkt. Der Chips Act II wird daran gemessen werden, ob er nicht nur den Bau großer Produktionsstätten fördert, sondern gezielt schnellere und marktorientiertere Bedingungen für die heimische Unternehmenslandschaft schafft.
Millionenmarkt Frauengesundheit: Bonner MedTech Femi-ON sichert sich Seed-Finanzierung
Das 2025 von Meike Kreutel, Alexej Domnich und Marion Schink gegründete Start-up Femi-ON hat erfolgreich eine Seed-Finanzierungsrunde abgeschlossen. Zu den Geldgeber*innen gehören unter anderem die NRW.BANK und die Digitaler Hub Region Bonn AG. Femi-ON entwickelt ein Medizinprodukt, das Menstruationsbeschwerden künftig durch Vibration statt durch Medikamente lindern soll. Ein Blick auf das Geschäftsmodell und die Hürden der Marktzulassung.
Das in Bonn ansässige FemTech-Start-up Femi-ON hat den Abschluss seiner Seed-Finanzierungsrunde – über die genaue Summe wurde Stillschweigen vereinbart – bekannt gegeben. Neben der NRW.BANK und Der Digitaler Hub Region Bonn AG beteiligen sich mehrere Business Angels an dem Unternehmen. Das Kapital soll in die weitere Produktentwicklung, den Start von Pilotprojekten sowie in die Vorbereitung der Medizinproduktezulassung fließen.
Der Ansatz: Niederfrequente Vibration statt Medikamente
Hinter Femi-ON steht das interdisziplinäre Gründungsteam um Meike Kreutel, Alexej Domnich und Marion Schink. Das Start-up adressiert ein weitverbreitetes medizinisches Problem: Millionen Frauen leiden unter starken Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe) oder Endometriose. Bisherige Therapieansätze stützen sich häufig auf hormonelle Präparate oder Schmerzmittel.
Femi-ON entwickelt mit den Konzepten „Tamp-ON“ und „Ring-ON“ hardwarebasierte Medizinprodukte, die im Körper getragen werden sollen.
- Geplante Wirkungsweise: Die Schmerzlinderung soll durch niederfrequente Vibrationsenergie erfolgen, die gezielt an der Schmerzquelle ansetzt und die Weiterleitung der Schmerzsignale über die Nerven modulieren soll.
- Materialien: Die wiederverwendbaren Devices sollen aus biokompatiblen Materialien gefertigt werden.
- Digitale Anbindung: Die Hardware wird via Bluetooth über eine eigene App gesteuert, die den Nutzerinnen ein individuelles Tracking ihrer Symptome ermöglichen soll.
Die Entwicklung des Unternehmens wurde in der Frühphase bereits durch verschiedene Institutionen gestützt. Femi-ON durchlief den Inkubator der Impact Factory in Duisburg, erhielt das Gründungsstipendium NRW und war Teil des Investment SHEroes Accelerator-Programms des Digital Hub Bonn, der nun auch als Investor auftritt.
Marktumfeld: Chancen und regulatorische Hürden
Der FemTech-Sektor verzeichnet international ein starkes Wachstum. Doch der hardwarebasierte MedTech-Bereich, in dem Femi-ON agiert, ist mit spezifischen Herausforderungen verbunden. Ein kritischer Blick auf das Geschäftsmodell zeigt die zentralen Meilensteine, die das Start-up noch nehmen muss.
Technologie- und Marktabgrenzung
Kriterium | Ansatz Femi-ON | Etablierte TENS-Wearables | Konventionelle Medizin |
Wirkansatz | Interne Vibration (geplant) | Externe transkutane Nervenstimulation | Systemische Wirkstoffe |
Anwendung | Intern | Extern (Klebepads auf der Haut) | Oral (Tabletten) / Hormonell |
Zulassungshürde | Hoch (internes Medizinprodukt nach MDR) | Mittel (externes Medizinprodukt) | Hoch (Pharma) |
Kritische Einordnung des Markteintritts
- Zulassung als Bottleneck: Die Zertifizierung als Medizinprodukt nach der strengen europäischen Medical Device Regulation (MDR) für ein Device, das in den Körper eingeführt wird, ist kosten- und zeitintensiv. Diese Phase entscheidet maßgeblich über die Überlebensfähigkeit von MedTech-Start-ups.
- Nutzer*innenakzeptanz: Zwar wächst der Markt für Gesundheits-Wearables stetig, doch die Hürde, ein smartes Device vaginal einzuführen und per App zu steuern, erfordert Aufklärungsarbeit. Der Vorteil gegenüber externen Schmerzgeräten, die oft sichtbare Kabel oder Klebepads erfordern, liegt in der Diskrete der Anwendung im Alltag.
- Kund*innenakquise (CAC): Das Marketing für Produkte der Frauengesundheit unterliegt auf großen Werbenetzwerken häufig strengen und teils inkonsistenten Restriktionen. Start-ups in diesem Segment sind stark auf organisches Community-Building und B2B2C-Strategien (etwa Kooperationen mit Krankenkassen) angewiesen.
Fazit
Mit dem Abschluss der Seed-Runde sichert sich Femi-ON den finanziellen Spielraum für die kostenintensive Zertifizierungsphase. Gelingt die komplexe MDR-Zulassung, positioniert sich das Bonner Start-up in einem wachstumsstarken Markt für nicht-medikamentöse Schmerztherapien.
