Der Einheizer

Autor: Christina Cassala
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Wie Philipp Pausder (42) mit seinem Start-up Thermondo die Heizungsbranche digitalisiert hat und wie er die Energiewirtschaft revolutionieren will.

Die letzten Sekunden des Spieles laufen, es steht 70:70, der letzte Korb wird entscheiden. Spannung bei den Fans, Spannung bei der Mannschaft. Philipp Pausder steht an der Freiwurflinie und soll den entscheidenden Ball in den Basketballkorb werfen. Jetzt ist höchste Konzentration gefragt, jede Muskelbewegung muss sitzen, die Abfolge der Bewegungen zum Wurf ist tausendfach trainiert worden, jetzt gilt’s. Also Fokus auf den Ball, auf den Korb, alles andere vergessen … Pausder wirft und trifft, er reißt die Arme hoch, alle Anspannung fällt ab. Der Jubel bringt aus, das Match ist gewonnen, die Mannschaft feiert ihren Sieg, ihren Mann auf dem Spielfeld.

Als „ein ungeheures Gefühl der Anspannung und Konzentration“ beschreibt Pausder diese Momente des Sieges auch noch Jahre nach seiner aktiven Basketballkarriere. Fast 15 Jahre hat Pausder als Profi in diversen nationalen und internationalen Vereinen Basketball gespielt, unter anderem in der 2. Bundesliga und in den USA für die Texas A&M University. Von dieser Zeit profitiert der athletische Zwei-Meter-Mann noch heute. Sport, sagt er, sei die beste mentale Vorbereitung für seinen Job heute gewesen. Disziplin, Ausdauer, Fokussierung und vor allem der unbedingte Wille zu siegen, der Kampfgeist – all das sind noch heute zentrale Attribute seines Unternehmertums. „Ich gebe alles für die Mannschaft und natürlich will man gewinnen“, sagt Pausder. Eine Medaille, ein Pokal trägt weiter als eine Niederlage. Fehler also sind nur ein Mittel, um zu lernen und um im nächsten Match noch besser zu werden! Wer Sportler ist, darf sich nicht damit beschäftigen, wie die Welt aussieht, wenn man versagt.

Vom Profisportler zum Disrupter

Das Wort „versagen“ scheint in Philipp Pausders Wortschatz kaum vorzukommen. Zunächst studiert er ganz klassisch Wirtschaft und Finanzierung, unter anderem in Madrid, und arbeitet zunächst in einer schwedischen Strategieberatung. Für einen Großkunden im Bereich Mobilfunkindustrie setzt er sich dann erstmals intensiv mit dem Thema Energiermarkt und -gewinnung auseinander. Er stellt fest: Der Bedarf an Strom wird immer größer, gleichzeitig jedoch muss im Hinblick auf den Klimawandel eine umweltfreundliche CO2-neutrale Gewinnung und Energieeffizienz gewährleistet sein.

Etwa zeitgleich sieht er den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ mit Al Gore. In einer Szene des Films zeigt der Vizepräsident der Vereinigten Staaten die Dringlichkeit einer CO2-Reduktion auf. „Und mir wurde klar, dass kein Gesetz dieser Welt die Geschwindigkeit zur Emissionsreduktion beschleunigen kann. Das regelt alleine der Markt“, ist sich Pausder damals schon sicher. Mit diesem Wissen gründet er gemeinsam mit einem Freund Clean Venture. Als Berater bestehender Unternehmen in den Bereichen Telekommunikation, Versorger und Zementindustrie sitzt Pausder fortan an der Schnittstelle zwischen Markt, Energiekosten und Finanzierung.

Der Schritt hin zur Gründung von Thermondo im Oktober 2012 zunächst als heizkosten-senken.de ist da nur ein logischer und konsequenter. Bereits ein Jahr später wird das Unternehmen umbenannt, die Ausrichtung bleibt jedoch die gleiche. Das Team arbeitet im ersten Schritt an einem Algorithmus, um die Bestellung von Heizungen durch den Kunden zu digitalisieren und dadurch transparenter zu machen.

Manfred macht’s!

Doch was macht Thermondo? „Wir sind ein digitalisierter Heizungsbauer und dabei der größte Heizungsinstallateur in Deutschland“, beschreibt der Gründer das Kerngeschäft seines Unternehmens. Heißt: Die Berliner Firma plant, verkauft, installiert und finanziert Heizungen mit dem Fokus auf Konsumenten und private Haushalte. Thermondo hat hierfür den oben genannten Algorithmus – das Herzstück des Unternehmens – stetig weiterentwickelt. Dieser fungiert als digitaler Heizungsbauer und hört auf den Namen „Manfred“. Das Programm benötigt nur wenige Augenblicke, um ein Angebot zu erstellen und das Bauvorhaben bis ins kleinste Detail zu planen. Auch weitere Schritte des Heizungswechsels hat Thermondo digitalisiert.

Manfred greift auf die unternehmenseigene Produktdatenbank für Gas- und Öl-Heizungen sowie Solarthermie zurück und kann somit in Echtzeit verbindliche Angebote, statt wie üblich Kostenvoranschläge, erstellen. Der Algorithmus findet die passende Heizung für jedes Ein- und Zweifamilienhaus. Zum Angebot gehört gleichzeitig auch die Demontage und Entsorgung der Altanlage, die Wartung bzw. die Koordination mit dem Schornsteinfeger sowie dem Energieversorger. Alle Handwerker sind mit einem Tablet ausgestattet, mit dem sie Zugriff auf die „Heizungshelden-App” haben. Die App enthält sämtliche Informationen zu einem Bauvorhaben. Im Gegensatz zu herkömmlichen Handwerksbetrieben, wo Handwerker in die Kundenakquise, Angebotserstellung, Beratung und die Montage selbst eingebunden sind, kann sich der Heizungsbauer bei Thermondo ausschließlich auf seine Handwerksarbeit konzentrieren – die Installation der neuen Heizanlage. Die effiziente Arbeitsteilung ist Teil der optimierten Prozesse beim Handwerksunternehmen. Bislang verbaut das Unternehmen ausschließlich Modelle deutscher Markenhersteller.

Handwerk und E-Commerce

Thermondo als Vergleichsplattform und Produktanbieter in einem – was ist daran neu? Vieles! Bei dem Berliner Start-up handelt es sich um ein stark vertikal integriertes Unternehmen. Hier arbeiten nicht nur Software-Entwickler und IT-Experten, um den digitalen Algorithmus „Manfred“ zu warten und zu verbessern. Das Unternehmen ist auch ein eingetragener Handwerksbetrieb und bildet seit dem September 2016 eigene Azubis aus, davon alleine insgesamt zwölf im handwerklichen Bereich. „Wir sehen das als einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag an“, sagt Pausder, der sich auch in seiner Freizeit stark für den Nachwuchs einsetzt und beispielsweise die Initiative Startup Teens unterstützt.

Die Initiative richtet sich an 14- bis 19-Jährige und will junge Menschen über diverse Kanäle für das Unternehmertum begeistern. Die Initiative hat Pausders Frau 2015 ins Leben gerufen, die ebenfalls Unternehmerin ist. Kinder spielen seit jeher eine große Rolle in der Familie – erst vor kurzem ist der Thermondo-Gründer zum vierten Mal Vater geworden. „Da ist eine gute Balance zwischen Beruf und Familie gefragt. Ohne meine Frau und vor allem aber viel Disziplin würde ich das nicht schaffen“, sagt der frisch gebackene Vater. Aber Disziplin, das kennt er ja schon!

Marktführer mit Wachstumsraten von 865 Prozent
Thermondo arbeitet ganz bewusst nicht mit Subunternehmern oder im Franchise-System, obwohl es diese Anfragen gerade zum Start immer wieder gab. Thermondos Handwerker arbeiten alle in der Festanstellung. Das hat den Vorteil, dass das Start-up den gesamten Prozess – von der Anfrage bis zur Installation und schließlich zur Wartung – überblicken und steuern kann. Vorteil für den Kunden: Er profitiert durch die Integration des (digitalen) Angebotsservices und der (handwerklichen) End-installation, weil Zeit und Geld gespart wird. Der Erfolg von Thermondo spricht für sich: Beim Heizungswechsel in Ein- und Zweifamilienhäusern ist man mittlerweile Marktführer.

2015 belegte das Berliner Unternehmen unter insgesamt 100 Mitbewerbern den fünften Platz der von Ernst&Young gekürten am schnellsten wachsenden Unternehmen Deutschlands. Da war das Start-up gerade mal drei Jahre alt und hatte eine jährliche Wachstumsrate von 865 Prozent. Und der Markt ist groß genug, um das Wachstum weiter zu beschleunigen. Der Jahresumsatz des Mischgewerks befindet sich seit einem Jahrzehnt nahezu im Aufwärtstrend und lag in 2014 bei 38,7 Mrd. Euro; 12 Mrd. davon entfielen dabei alleine auf die Wärmeerzeuger privater Haushalte. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz in der Autoindustrie lag im gleichen Zeitraum bei rund 70 Mrd. Euro.

Dies ist ein Auszug aus einem aktuellen Artikel unseres Print-Objekts StartingUp: Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen StartingUp - Heft 04/17 - ab dem 02. November 2017 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als epaper - in unserem Bestellservice-Bereich


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