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Sketchnoting statt Powerpoint
Beim Graphic Recording stellt Sketchnoting eine echte Alternative zu allzu oft gesehenen Strategiebilder dar, sofern es nicht zum schnöden Kreativwashing-Tool verkommt.
Den Begriff Greenwashing kennt inzwischen jede(r). Laut Definition werden bei dieser „Weiße-Weste“-Kommunikation Techniken der Öffentlichkeitsarbeit, der Rhetorik und der Manipulation benutzt, um einem Unternehmen, seinen Produkten und Aktivitäten einen grünen Anstrich zu geben.
Genauso, wie „Green“ zu sein, wollen viele Unternehmen heute betont agil, kreativ und innovativ wirken. Das verspricht Modernität, Attraktivität und zieht besonders job- und sinnsuchende junge Mitarbeiter*innen an. Das ist prinzipiell lobens- und erstrebenswert, sofern es keine Mogelpackung bzw. reines „Kreativwashing“ ist. Denn innovative Kreativität ist in Unternehmen zweifelsohne ein wettbewerbsentscheidender Punkt – aber nur, wenn diese Haltung gelebt wird und nicht nur ein Marketinghype ist.
Visualisierungen sind der emotionale Türöffner für den Intellekt
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass in Veranstaltungen immer häufiger Visionen, Ideen oder Strategien in gesketchten Visualisierungen festgehalten werden. Beim sogenannten Sketchnoten bereitet man Inhalte visuell auf und fügt Elemente wie beispielsweise kleine Zeichnungen, Rahmen, Pfeile oder Letterings hinzu. Am Ende erhält man quasi Notizen mit Mehrwert.
Der Mehrwert dieser Art des visuellen Storytellings liegt darin, dass es mehr berührt als trockene Zahlen, Daten und Fakten. Visualisierungen sind der emotionale Türöffner für den Intellekt. Deshalb werden diese inspirierenden, gesketchten Bilder gern angeschaut, bewundert und geteilt. Der Aufmerksamkeitsfaktor ist größer als bei üblichen PowerPoint Slides. Visualisierungen sind nicht nur ein Hingucker bei Veranstaltungen, sondern werden zudem als attraktive Abbildungen in Dokumentationen oder für die Social-Media-Auftritte genutzt.
Worauf es beim Sketchen wirklich ankommt
Künstlerische Qualität vs. gehaltvoller Inhalt
Die künstlerisch-ästhetische Qualität von Visualisierungen ist über die letzten Jahre immer professioneller geworden. Kein Wunder, denn inzwischen haben immer mehr professionelle Illustrator*innen und Graphiker*innen diesen Markt zum Geldverdienen entdeckt. Doch hohes künstlerisches Niveau ist eigentlich nicht das, worauf es beim Sketchen geht. Sketches sind sichtbar gemachte Gedanken, sind clevere, merk-würdige Zusammenfassungen. Also kommt es auf die Qualität der Gedanken an. Auf die Fähigkeit, das Gehörte zu verstehen, zu interpretieren und intelligent auf den Punkt zu bringen.
Je mehr Fachkenntnis der/die Visualisierer*in zum jeweiligen Thema einbringen kann, je wacher sein/ihr Geist ist, desto gehaltvoller wird die Visualisierung werden. Und hier liegen das Problem und die Kritik: Diese Fachkenntnis, bringt ein(e) hervorragende(r) Kreative(r) nicht per se mit.
So könnte das Wandbild von sketchenden Ingenieur*innen oder Personalverantwortlichen weitaus mehr Substanz haben als jenes von begnadeten Profi-Zeichner*innen. Deshalb ist beim Graphic Recording, bei dem das Gesagte in Echtzeit grafisch festgehalten wird, der hübsche Augenschein nicht das einzige Kriterium – genauso wenig, wie das glänzende Geschenkpapier mit Goldschleife oder eine glänzend polierte Karosserie. Es kommt darauf an, was mit dem Geschenkpapier eingewickelt worden ist bzw. unter der Haube steckt.
Visuelle Kommunikationskultur statt bewundernde Konsumhaltung
Warum haben nicht mehr Unternehmen den Mut, die Teilnehmenden eines Events selbst an den Stift zu bringen, statt das übliche Event-Graphic-Recording zu praktizierten? Denn das gelingt mithilfe einer kurzen Anleitung durchaus! So werden aus rein Betrachtenden skizzierende Akteur*innen. Noch besser wäre es, Sketches nicht nur bei einem Event zu nutzen, sondern täglich am Arbeitsplatz.
Unternehmen, die diesen Schritt wagen, erleben, dass die vielen kleinen Sketches im Geschäftsalltag von der Wirkung her durchaus mit den eindrucksvollen Wandbildern der Zeichen-Profis mithalten können – hinsichtlich der Wirkung auf Menschen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Denn gerade die Visualisierungen der Mitarbeiter*innen und Führungskräfte helfen, Gedanken zu entwickeln und zu teilen. Das Beuys’sche „Jeder ist Künstler“ wird so zum „Jede(r) ist Sketchnoter*in“. Dann wird das eindrucksvolle professionelle Wandbild ein Teil der visuellen Kommunikationskultur des Unternehmens – und eine noch viel wertvollere Inspiration.
Vom Kreativwashing zur echten Kreativität
Kreativität ist stets ein Weg von unten nach oben. Sie wird nicht von oben eingekauft, sondern die Teams und Mitarbeitenden müssen entsprechend gefördert werden. Fördern heißt hierbei oftmals, einfach nur zuzulassen, dass nicht nur PowerPoint-Folien nach strengem CI erlaubt sind bzw. reine Textnotizen Teil der Kommunikationskultur sein dürfen. Denn gerade die Kommunikationsform Sketchnoten bringt eine weitere Dimension in den Austausch. Wie schon erwähnt: Das rein Sachliche wird mittels Sketchen emotional oder durch eine Metapher verpackt. Das ist zielführend. Denn was berührt, kann besser gären. Auch das Trainieren der sogenannten doppelten Kodierung einer Botschaft durch Bild und Notiz (SketchNote) hilft beim Merken und Verstehen – dem/der Sketchenden genauso wie seinen/ihren Ansprechpartner*innen.
Ein zu hoher Anspruch hemmt – fang einfach an
Das gilt nicht nur, wenn es um Visualisierungen geht. Zu exzellenten Ergebnissen schaut man bewundernd auf. In dieser Das-kann-ich-nie-Haltung vergleicht man allzu schnell seine Anfänger*in-Ergebnisse mit jenen der Profis. Man vergleicht allzu leicht die Optik und nicht die Substanz einer Visualisierung. Nehmen wir den Vergleich vom Anfang nochmals auf: Der glänzende Lack ist nicht gleichbedeutend mit der Qualität unter der Haube. Wenn man vorankommen möchte, hilft die Motorisierung. Das Blech der Visualisierung ist die reine Optik, die Gewandtheit der Zeichenkünste – die Motorisierung ist die Struktur, der bedeutungsstarke Inhalt und das gelungene Storytelling. Und alles lässt sich auch mit krakeligen einfachen Skizzen ausdrücken.
Gewandtheit im Skizzieren ist vor allem Übung
Dass Visulisierungs-Profis in ihre Fähigkeit schier unzählige Stunden investiert haben, weiß man zwar, wird aber im Vergleichsfrust oft vergessen. Das Gute am Visualisieren bzw. dem Erlernen von Sketchnoting ist aber, dass es um Sprachenlernen geht und nicht darum, Künstler*in zu werden. Darüber hinaus ist Visualisieren eine einfache Sprache, die du als Kind schon einmal perfekt konntest – bis dir vielleicht im Kunstunterricht die Noten den Spaß verdorben haben, dich mit Zeichnungen und Bildern auszudrücken.
Die Grundlagen, Gedanken visuell zu Papier zu bringen, kannst du in wenigen Stunden lernen. Du wirst schon nach wenig Übung erleben, wie nützlich deine Skizzen sind – nicht nur in der Geschäftskommunikation. Fange das Visualisieren ganz einfach an, mit wenigen visuellen Worten. Und trau dich von Anfang an, diese Sprache zu sprechen. Du wirst schnell merken, dass dich dieser Elementarwortschatz täglich weiterbringt. Und übe weiter, fürs Visualisieren gibt es täglich Gelegenheit. Durch das Learning by Doing kannst du dich bald fließend visuell ausdrücken. Und auch hier ist es wie bei einer Fremdsprache: Manches fehlende Wort oder witzige Umschreibungen für fehlende Worte sowie ein Akzent wirken besonders sympathisch.
Der Vergleich mit dem Sprachenlernen hilft dir auch dabei, das Visualisieren effektiver zu erlernen. Es gilt: Gezielte Übungen und Impulse zusätzlich zur täglichen Sprachpraxis bringen dich schneller zum Ziel. Lass dich deshalb von einer guten Anleitung oder durch einen Workshop motivieren und inspirieren. Und wenn es um das Inspirieren geht, taugen die Visualisierungen der Profis. Aber versuche, das demotivierende Vergleichen zu unterlasen.
Noch ein letzter Gedanke zur Motivation
Du kennst es vielleicht vom Musikhören oder Sporttreiben: Oft sind es gerade die Nicht-Profis, die sich besonders aufs Training freuen und mehr Spaß beim Spiel haben. So geht es auch fast allen, die beginnen, den Stift immer öfter in die Hand zu nehmen. Dazu kommen die Quick Wins von Anfang an. Es gilt: Was hilft, wird beibehalten. Was also spricht gegen eine kreativ-visuelle Kommunikationskultur in deinem Unternehmen, statt schnödem Kreativwashing?
Tipp zum Weiterarbeiten: Das Sachbuch des Autors dieses Beitrags – Sigi Bütefisch: Clever visualisieren, ISBN: 978-3-86980-707-2, BusinessVillage 2023, ca. 240 Seiten, 24,95 Euro
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Cybersecurity-Start-up-Report 2026
Der Markt für Cybersecurity hat einen beispiellosen Reifegrad erreicht, der von Panik und Pragmatismus gleichermaßen getrieben wird. Wir stellen die zentralen Trends, die wichtigsten Treiber, Investor*innen und erfolgreiche junge deutsche Cybersecurity-Start-ups vor.
Das Zeitalter der digitalen Unschuld ist endgültig vorbei. Cybersecurity hat es sich im Jahr 2026 zur ultimativen Vorstandsfrage und zum systemrelevanten Fundament der globalen Wirtschaft transformiert. Geopolitische Spannungen, staatlich orchestrierte Ransomware-Syndikate und die Waffenschmiede der generativen KI haben die Bedrohungslage asymmetrisch verschärft.
Heute geht es nicht mehr nur um den Schutz von Daten, sondern um das nackte Überleben von Lieferketten, kritischer Infrastruktur und demokratischen Institutionen. Für Start-ups und Investor*innen bedeutet diese Zeitenwende eine historische Opportunität: Der Aufbau von digitalen Festungen über alle Ebenen hinweg – vom menschlichen Faktor bis zur Quantenverschlüsselung – ist zum vielleicht lukrativsten, aber auch anspruchsvollsten Wachstumsmarkt des Jahrzehnts avanciert.
Die Marktlage
Der europäische Markt für Cybersecurity hat im Jahr 2026 einen beispiellosen Reifegrad erreicht, der von Panik und Pragmatismus gleichermaßen getrieben wird. Laut der aktuellen Wirtschaftsschutzstudie des Branchenverbandes Bitkom belaufen sich die jährlichen Schäden allein durch Cyberangriffe in Deutschland mittlerweile auf den Rekordwert von 202,4 Milliarden Euro – das sind 70 Prozent der gesamten Wirtschaftsschäden durch Diebstahl und Sabotage. Diese astronomische Summe zwingt Unternehmen zu massiven Investitionen: Der deutsche IT-Sicherheitsmarkt wuchs 2025 auf über 11 Milliarden Euro an.
Besonders alarmierend, aber auch lukrativ für Anbieter*innen: Unternehmen geben inzwischen 18 Prozent ihres gesamten IT-Budgets für Security aus – eine Verdopplung im Vergleich zu 2022. Auch die Risikokapitalgeber*innen reagieren auf diesen Druck. Jüngste Analysen von KfW Research zeigen, dass Cybersecurity gemeinsam mit DefenseTech und künstlicher Intelligenz die absoluten Spitzenplätze der attraktivsten VC-Sektoren belegt. Die Ticketgrößen haben sich stabilisiert, da Investor*innen verstanden haben, dass echte Deep-Tech-Sicherheit extrem kapitalintensiv ist, aber im B2B-Umfeld durch enorme Lock-in-Effekte besticht.
Die neuen Treiber
Wer 2026 auf dem Parkett glänzen will, muss die Angriffsflächen in ihrer gesamten, multidimensionalen Bandbreite abdecken. Aktuell dominieren vier hochspezifische Sub-Sektoren das technologische Geschehen. Zunächst ist da das Human Risk Management im KI-Zeitalter: Weil rein technische Firewalls immer dichter werden, verlagern Hacker ihre Angriffe massiv auf Social Engineering mittels hyperrealistischer Deepfakes und Voice-Cloning.
Ein weiterer, durch pure regulatorische Not getriebener Sektor ist die automatisierte Governance, Risk und Compliance (GRC). Befeuert durch die seit 2025 scharfgeschaltete EU-Finanzmarktverordnung DORA und die NIS-2-Richtlinie, die nun eine persönliche Haftung von Geschäftsführern bei Sicherheitslücken vorsieht, müssen Unternehmen ihre IT-Architektur lückenlos und in Echtzeit nachweisen.
Parallel dazu revolutioniert das moderne Identity & Access Management (IAM) die Zugangskontrollen. Getrieben durch die Standards der FIDO-Allianz werden Passwörter zunehmend durch biometrische Passkeys abgelöst, was das lukrative Feld der passwortlosen Authentifizierung befeuert.
Als technologischer Nordstern rückt schließlich die Post-Quantum-Kryptografie (PQC) in den Fokus. Spätestens seit die US-Behörde NIST die ersten finalen Krypto-Standards veröffentlicht hat und das deutsche BSI auf eine rasche Migration drängt, setzt die Bedrohung durch künftige Quantencomputer bei Regierungen und Konzernen konkrete Budgets frei. Ältere deutsche Pioniere haben für diesen Boom den Boden bereitet: Unternehmen wie SoSafe (gegründet 2018) machten das Thema Security Awareness im Mittelstand salonfähig, während Enginsight (2017) die Augen für ganzheitliches Netzwerk-Monitoring öffnete. Auf dem hart erarbeiteten Fundament dieser Leuchttürme steht nun eine radikal neue, ab 2020 gegründete DeepTech-Generation.
Reality Check
Doch der Markt verzeiht keine Leichtgläubigkeit, wie der spektakuläre Absturz des US-Unicorns Lacework exemplarisch bewiesen hat. Einst mit atemberaubenden 8,3 Milliarden US-Dollar bewertet, wurde der Pionier für Cloud-Native Application Protection (CNAPP) im Jahr 2024 nach einer brutalen Down-Round für geschätzte 200 Millionen Dollar an Fortinet notverkauft – eine Wertvernichtung von fast 98 Prozent. Der Hype um ein scheinbar allmächtiges, KI-getriebenes Cloud-Security-Paket zerschellte an der Realität absurder Cash-Burn-Rates und fehlender operativer Tiefe beim Endkunden.
Für heutige Gründer*innen lassen sich aus solchen Milliarden-Crashes vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste Fehler ist die gnadenlose Unterschätzung der B2B-Sales-Zyklen; wer die komplexen Compliance- und Procurement-Anforderungen der Konzerne ignoriert, verbrennt schon in der endlosen Proof-of-Concept-Phase. Zweitens scheitern viele Start-ups an mangelhaften Unit Economics, da die Integration tiefgreifender Security-Tools beim Kunden bzw. der Kundin oft teure, manuelle Professional Services erfordert, die jegliche Software-Margen fressen. Drittens erweist sich der Versuch, wachstumsgetriebene B2C-Mechanismen (wie reines Product-Led Growth) in den rigiden Enterprise-Sektor zu übertragen, als Trugschluss, da einzelne Entwickler*innen keine Konzern-Firewalls umgehen dürfen. Und viertens führt das Phänomen der "Alert Fatigue" unweigerlich ins Verderben: Start-ups, deren Tools zwar alles messen, die Security Operations Center (SOC) der Kund*innen aber mit Tausenden unkontextualisierten Fehlalarmen überfluten, fliegen nach dem ersten Vertragsjahr konsequent aus dem Budget.
Die deutschen Hotspots
Deutschlands Position in diesem globalen Schachspiel ist erstaunlich robust, was an einem dezentralen, aber hochspezialisierten Netzwerk aus Hubs liegt. Das unangefochtene Epizentrum für Grundlagenforschung ist Bochum im Ruhrgebiet, wo das Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit und der Inkubator Cube 5 eine beispiellose Pipeline an DeepTech-Ausgründungen produzieren. Weiter südlich hat sich Darmstadt als Bastion etabliert; angetrieben vom ATHENE Forschungszentrum entstehen hier weltweit führende Kryptografie- und Netzwerksicherheitskonzepte. Jena wiederum festigt seinen Ruf als globaler Leuchtturm für optische Technologien und Quantenkommunikation, massiv gestützt durch das ansässige Fraunhofer IOF. München fungiert als entscheidende Brücke zwischen Forschung und Industrie, da die Nähe zur Universität der Bundeswehr (CODE) und hungrigen Konzernkunden schnelle Proof-of-Concepts ermöglicht. Komplettiert wird dieses Ökosystem durch Berlin als unverzichtbares Gravitationszentrum für B2B-SaaS-Skalierung, internationale Talentakquise und Wagniskapital.
Investor*innen-Radar
Deutschlands Position in diesem globalen Schachspiel ist erstaunlich robust, was an einem dezentralen, aber hochspezialisierten Netzwerk aus exzellenten Hubs liegt. Das unangefochtene Epizentrum für Grundlagenforschung ist Bochum im Ruhrgebiet, wo das renommierte Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit und der BMBF-geförderte Inkubator Cube 5 eine beispiellose Pipeline an Deep-Tech-Ausgründungen produzieren. Weiter südlich hat sich Darmstadt als Bastion etabliert; angetrieben vom ATHENE Forschungszentrum – immerhin Europas größtem Zentrum für angewandte Cybersicherheit – entstehen hier weltweit führende Kryptografie- und Netzwerksicherheitskonzepte.
Wer über Weltklasse spricht, darf in diesem Kontext auch Saarbrücken nicht verschweigen: Das dortige CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit hat sich mit massiven Fördermitteln zu einem internationalen Magneten für Spitzenforscher und hochkarätige, VC-finanzierte Spin-offs entwickelt. Jena wiederum festigt seinen Ruf als globaler Leuchtturm für optische Technologien und Quantenkommunikation, massiv gestützt durch das ansässige Fraunhofer IOF. Im Süden fungiert München als entscheidende Brücke zwischen Forschung und Industrie, da die Nähe zum Forschungsinstitut CODE der Universität der Bundeswehr und hungrigen Konzernkunden schnelle Proof-of-Concepts auf Enterprise-Niveau ermöglicht. Komplettiert wird dieses dezentrale Ökosystem durch Berlin als unverzichtbares Gravitationszentrum für rasante B2B-SaaS-Skalierung, internationale Talentakquise und hochvolumiges Wagniskapital.
Unsere Cybersecurity-Start-ups to watch 2026
Die folgende Auswahl der Start-ups des Jahres 2026 basiert auf einem strengen, qualitativen Raster, das die gesamte technologische Bandbreite der modernen Cybersecurity abbildet. Um die Innovationskraft der aktuellen Welle in den Fokus zu rücken, wurden für dieses Ranking ausschließlich junge Unternehmen berücksichtigt, die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden. Entscheidend für die redaktionelle Aufnahme waren die unmittelbare Marktrelevanz, ein nachgewiesener technologischer USP jenseits von reinen Dashboard-Lösungen sowie messbares Vertrauen durch erstklassige Investor*innen oder namhafte strategische Partner*innen in den jüngsten Finanzierungsrunden.
Quantum Optics Jena
Gegründet 2020 von Dr. Kevin Füchsel und Oliver de Vries als Spin-off des Fraunhofer IOF, agiert dieses DeepTech-Start-up an der absoluten physikalischen Basis der Cybersecurity. Das Geschäftsmodell fokussiert sich auf die Hardware- und Systembereitstellung für den Quantenschlüsselaustausch (Quantum Key Distribution, QKD). Der USP von Quantum Optics Jena ist die Entwicklung kompakter, leistungsstarker verschränkter Photonenquellen, die abhörsichere Datennetze im Post-Quantum-Zeitalter garantieren. Finanziert wurde diese hochkomplexe Grundlagenarbeit initial von ELAS Technologies, dem beteiligungsmanagement thüringen (bm|t) und dem Fraunhofer Technologie-Transfer Fonds, bevor der spezialisierte VC eCAPITAL das immense Potenzial erkannte und als Lead-Investor eine Series-A-Finanzierung in Höhe von 8,5 Millionen Euro anführte, um die europäische Quanten-Souveränität zu skalieren.
Secfix
Im Jahr 2021 von Fabiola Munguia, Grigory Emelianov und Branko Džakula in Berlin gegründet – und unseren Leser*innen bereits aus einer früheren StartingUp-Coverstory bekannt –, besetzt das Unternehmen den rasant wachsenden Bereich GRC (Governance, Risk, Compliance). Über ihr smartes B2B-SaaS-Geschäftsmodell automatisiert das Start-up die ansonsten monatelange Vorbereitung auf kritische Zertifizierungen wie ISO 27001, SOC 2 und mittlerweile auch den drängenden NIS-2-Standard. Der technologische USP von Secfix liegt in den direkten API-Integrationen in die bestehende Cloud- und HR-Infrastruktur von Unternehmen, wodurch Audit-Nachweise völlig automatisiert und in Echtzeit gesammelt werden. Dieser immense Effizienzgewinn und die Skalierbarkeit der Plattform überzeugten den britischen VC Octopus Ventures, der gemeinsam mit Neosfer und dem High-Tech Gründerfonds (HTGF) eine maßgebliche Seed-Finanzierung in Höhe von 3,6 Millionen Euro als Lead-Investor anführte.
Mitigant
Als weiteres hochinnovatives Deep-Tech-Spin-off (aus dem renommierten Hasso-Plattner-Institut) bedient das 2021 gegründete Start-up das hochkomplexe Feld des Cloud Security Posture Managements (CSPM). Das Gründerteam um Nils Karn, Kennedy Torkura und Dr. Muhammad Sukmana basiert sein B2B-SaaS-Modell auf einem in Europa einzigartigen Alleinstellungsmerkmal: dem Security Chaos Engineering. Die Plattform simuliert proaktiv und kontinuierlich Cyberangriffe auf AWS-, Azure- und Kubernetes-Infrastrukturen, um die tatsächliche Resilienz der Systeme unter Realbedingungen schonungslos zu beweisen. Besonders brisant für das Jahr 2026: Mitigant weitet diese automatisierten Angriffsemulationen zunehmend auf das sogenannte KI-Red-Teaming aus, um speziell GenAI-Workloads in der Cloud abzusichern. Eine siebenstellige Finanzierung für diese proaktive Verteidigungsstrategie lieferte ein starkes Konsortium um den Lead-Investor HTGF, flankiert von Brandenburg Kapital und adesso ventures.
Corbado
Das 2022 von Vincent Delitz und Tobias Albrecht in München gegründete Start-up revolutioniert den angestaubten Bereich des Identity & Access Managements (IAM). Über ihr B2B-SaaS-Modell bietet Corbado Entwicklern eine smarte Plug-and-Play-Lösung, um unsichere Passwörter vollständig durch biometrische Passkeys (wie FaceID oder TouchID) zu ersetzen. Der entscheidende USP für Konzerne liegt im "No-Migration"-Ansatz: Die plattformübergreifende Integration funktioniert reibungslos neben bestehenden Systemen, eliminiert Phishing-Angriffe sofort und erhöht die Conversion-Raten beim Login drastisch. Das Start-up, das zuletzt als führende Plattform im renommierten Gartner Hype Cycle for Digital Identity 2025 gelistet wurde, profitiert dabei von einer immensen strukturellen Stärke: Hinter der strategischen und finanziellen Muttergesellschaft PB Holding agieren ehemalige langjährige CHECK24-Vorstände und CTOs, die Corbado von Tag eins an auf absolute Enterprise-Skalierbarkeit getrimmt haben.
enclaive
Andreas Walbrodt und Prof. Dr. Sebastian Gajek gründeten 2022 in Berlin dieses hochinnovative Start-up für Data Security. Die im B2B-SaaS-Abo vertriebene Multi-Cloud-Plattform (eMCP) löst eines der größten Probleme beim KI-Training und bei komplexen Multi-Cloud-Deployments: die Datensicherheit während der aktiven Verarbeitung. Der USP basiert auf der Confidential Computing-Technologie, bei der sensible Daten in hardwarebasierten, isolierten Enklaven im Arbeitsspeicher verarbeitet werden, ohne dass Unternehmen ihren Code oder ihre laufenden Prozesse aufwendig anpassen müssen. Wie brandheiß dieses Thema ist, zeigt ein Blick auf die jüngsten Zahlen: Erst im Februar 2026 schloss enclaive eine hochkarätige Seed-Finanzierungsrunde über 4,1 Millionen Euro ab. Join Capital und der Amadeus APEX Technology Fund stiegen dabei als Lead-Investoren ein, strategisch flankiert von Auriga Cyber Ventures.
RedMimicry
Im Jahr 2023 von den Security-Veteranen Alexander Rausch und Stefan Steinberg in Berlin gegründet, rüttelt dieses Start-up den Markt für Sicherheitstests gewaltig auf. Wichtig für die technologische Einordnung: Das B2B-SaaS-Produkt ist kein klassisches Penetration-Testing-Tool, sondern eine hochentwickelte Plattform für Breach and Attack Emulation (Automated Red Teaming). Der USP liegt in der extrem realistischen Simulation komplexer, mehrstufiger Angriffsvektoren von bekannten Ransomware-Gruppen wie LockBit oder Black Basta. Dadurch können Unternehmen ihre Abwehr kontinuierlich unter Realbedingungen testen – ein entscheidender Hebel, um strenge Compliance-Vorgaben wie DORA oder NIS-2 nachzuweisen. Die beiden Gründer bringen tiefe Enterprise-Expertise aus Stationen bei Proofpoint und der Deutschen Cyber-Sicherheitsorganisation (DCSO) mit. Dieses Level an Professionalität überzeugte auch den Kapitalmarkt: Im August 2025 verkündete RedMimicry eine siebenstellige Seed-Finanzierung, angeführt vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), unter strategischer Beteiligung von Capital Square aus Hamburg und den superangels aus München.
revel8
Das 2024 von den ehemaligen Celonis-Kollegen Julius Muth, Tom Müller und Robert Seilbeck in Berlin gegründete Start-up (das Anfang 2026 seinen Hauptsitz in das ehemalige Flixbus-Büro nach München verlegt hat) ist die modernste Antwort auf KI-gestützte Cyberkriminalität. Das B2B-SaaS-Unternehmen – und unseren Leser*innen bereits aus einer früheren StartingUp-Coverstory bekannt –, rüstet Belegschaften zu echten „Human Firewalls“ auf und revolutioniert klassische E-Learning-Ansätze. Der USP liegt in der hochpersonalisierten, per OSINT (Open Source Intelligence) angereicherten Simulation von Angriffen wie Voice-Phishing, Deepfakes oder heimtückischen Clickfix-Attacken. Jeder Mitarbeitende erhält dabei eine dynamische, exakt auf seine Risikostufe und Rolle zugeschnittene Trainings-Playlist. Dass dieses Konzept funktioniert, beweist die rasante Enterprise-Skalierung mit Kund*innen wie dem FC Bayern, OBI und mehreren DAX-Konzernen. Im September 2025 schloss revel8 folgerichtig eine überzeichnete Seed-Runde in Höhe von 5,7 Millionen Euro ab, angeführt vom Lead-Investor Peak Capital und unterstützt von strategischen Geldgebern wie Merantix und Fortino Capital sowie Top-Angels – darunter Adidas-CISO Michael Schrank und Fußballprofi Mario Götze.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick über den europäischen Tellerrand offenbart massive tektonische Verschiebungen, die bald auch die deutschen Hubs erfassen werden. Aus Israel schwappt eine neue Welle von Start-ups heran – oft tief geprägt von den Veteranen der militärischen Geheimdiensteinheit Unit 8200 –, die aggressives "AI-Red Teaming" auf Enterprise-Niveau heben, um große Sprachmodelle (LLMs) aktiv vor Prompt Injections und Data Poisoning zu schützen. Zeitgleich skalieren in den USA Start-ups im Bereich des Data Security Posture Managements (DSPM) mit wahnwitziger Geschwindigkeit und Kapitalausstattung, um dem gigantischen Daten- und Identitäts-Chaos der Fortune-500-Unternehmen Herr zu werden.
Aus Asien wiederum wächst der geopolitische Druck durch hochkomplexe Angriffsvektoren im Bereich der Quantenentschlüsselung: Die gefürchtete "Store now, decrypt later"-Strategie staatlicher Akteure zwingt Europa förmlich zur raschen technologischen Souveränität. Für Gründer*innen im Jahr 2026 lautet das unmissverständliche Fazit: Wer heute noch isolierte "Nice-to-have"-Tools baut, wird gnadenlos vom Markt gespült. Die Gewinner*innen von morgen bauen tief integrierte, regulatorisch flankierte "Painkiller", die in den Vorstandsetagen einen messbaren Return on Investment (ROI) liefern. Investor*innen wiederum brauchen Geduld und technologischen Sachverstand, denn echte Cyber-Resilienz lässt sich nicht mit billigen B2C-Klickzahlen skalieren, sondern nur durch exzellente Grundlagenforschung, makellosen Code und hartnäckig erkämpftes Enterprise-Vertrauen.
tozero: Vom Pilotprojekt zur Industrieanlage in Rekordzeit
Das Münchner ClimateTech-Start-up tozero hat Europas erste industrielle Demonstrationsanlage für das Batterierecycling eröffnet. Es ist der nächste ehrgeizige Schritt im Kampf um die europäische Rohstoffsouveränität.
Hinter tozero stehen Sarah Fleischer, Serienunternehmerin und Maschinenbauingenieurin, sowie die renommierte Metallurgie-Expertin Dr. Ksenija Milicevic Neumann. Die Gründung im Jahr 2022 traf den exakten Nerv der Zeit: Geopolitische Spannungen und der anstehende EU-Regulierungsdruck schufen ein ideales Umfeld für strategische Investitionen in die Kreislaufwirtschaft.
Das Tempo, das tozero seither vorlegt, ist in der eher trägen Hardware-Welt bemerkenswert: Bereits im Juli 2023 startete der Betrieb der ersten Pilotanlage in München. Nur neun Monate später, im April 2024, lieferte tozero als erstes europäisches Start-up recyceltes Lithium an kommerzielle Kund*innen aus. Zuletzt konnte das Unternehmen im Februar 2025 zudem als Erster in Europa 100 % recycelten Graphit für die industrielle Produktion von Lithium-Ionen-Batteriezellen qualifizieren.
Die neue Anlage: Was die Technologie verspricht
Die nun im Chemical Park Gendorf bei München eröffnete Demonstrationsanlage wurde in lediglich sechs Monaten errichtet. Sie ist darauf ausgelegt, jährlich 1.500 Tonnen Batterieabfälle zu verarbeiten und daraus unter anderem hochreines Lithiumcarbonat sowie Graphit und eine Nickel-Kobalt-Mischung zurückzugewinnen. Das entspricht dem nötigen Batteriematerial für rund 6.000 Elektrofahrzeuge.
Das technologische Herzstück ist ein proprietäres, säurefreies hydrometallurgisches Verfahren, das die Rückgewinnung in einem einzigen Kreislauf ermöglicht. Anders als beim etablierten Hochtemperatur-Schmelzen (Pyrometallurgie) kommt dieser Ansatz mit einem deutlich geringeren CO₂-Fußabdruck und sorgt für einen „grünen Preisvorteil“. Die Materialien sind dabei so rein, dass sie direkt wieder in die Produktion eingespeist werden können. Für das Jahr 2030 ist bereits eine großskalige Anlage geplant, die die ersten tausend Tonnen Batterieabfälle pro Jahr verarbeiten soll.
Gigantisches Potenzial trifft auf reale Engpässe
Der regulatorische und marktgetriebene Rückenwind für tozero ist enorm. Seit 2010 ist der globale Lithiumverbrauch für Batterieanwendungen von 20 Prozent auf über 70 Prozent des Gesamtbedarfs gestiegen. Bis 2030 wird sich die weltweite Nachfrage nach Lithium voraussichtlich nochmals vervierfachen. Laut Prognosen der Großbank UBS droht der Weltmarkt bereits ab 2026 in ein Lithium-Versorgungsdefizit zu rutschen, das ab 2035 zu einer weltweiten Versorgungslücke von mehr als 33 Prozent führen könnte.
Gleichzeitig stammt laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen derzeit 97 Prozent des in Europa verbrauchten Lithiums aus China – tozeros Pressemitteilung spricht von einer 99-prozentigen Auslandsabhängigkeit beim Lithium. Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe fordert daher zwingend, dass künftig 25 Prozent der Versorgung aus Recyclingquellen gedeckt werden. Tozero übertrifft dabei mit einer beständigen Lithiumrückgewinnungsrate von über 80 Prozent in Pilotprojekten (unter anderem mit BMW und MAN) bereits heute das von der EU für 2031 gesteckte Ziel.
Doch das aktuelle Marktumfeld ist paradox: Obwohl die Zukunft nach Recycling ruft, warnen Experten derzeit davor, dass das Batterierecycling in Europa kurzfristig oft unprofitabel ist. Das Kernproblem ist der Input. Es gibt aktuell schlichtweg zu wenig Batterie-Rückläufer (End-of-Life-EV-Batterien), was dazu führt, dass viele europäische Anlagen weit unter ihrer Kapazitätsgrenze laufen. Erschwerend kommt hinzu, dass begehrte "Black Mass" (geschredderter Batterieschrott) von europäischen Vorverarbeiter*innen teils lukrativer an asiatische Giganten verkauft wird.
Starker Wettbewerb: Wer schließt den Kreislauf?
Tozero ist in diesem hart umkämpften Markt keineswegs allein. So punktet etwa das Aachener Start-up und RWTH-Spin-off Cylib mit einem Ende-zu-Ende-Recyclingansatz für alle Batterieelemente sowie einem starken finanziellen Rückhalt. Auch das niedersächsische Unternehmen Duesenfeld mischt in der Branche kräftig mit und setzt auf ein etabliertes mechanisch-chemisches, emissionsarmes Verfahren, das ganz ohne Einschmelzen auskommt.
Neben den agilen Start-ups drängen zunehmend auch Großkonzerne in das Feld: Traditionelle Metallurgie-Riesen wie Umicore oder große Batteriehersteller wie Northvolt investieren massiv in geschlossene Kreisläufe. Ein Blick über den Atlantik zeigt zudem die Dominanz globaler Player. In den USA hat Redwood Materials – geführt von Tesla-Mitgründer JB Straubel – mithilfe von Milliarden-Fundings und exklusiven OEM-Partnerschaften bereits gewaltige Marktanteile erobert.
Kritisch eingeordnet
Trotz der technologischen Exzellenz muss das Geschäftsmodell für den langfristigen kommerziellen Erfolg noch einige Hürden nehmen:
- Feedstock-Sicherung: Die größte Herausforderung ist nicht die Chemie, sondern das Sourcing. Auch wenn die Branche Altbatterien gern als "oberirdische Minen" bezeichnet, muss sich tozero in der Realität langfristige Lieferverträge mit Automobilhersteller*innen sichern, um die Auslastung der Anlagen zu garantieren.
- Gewaltiger CapEx-Bedarf: Der geplante Schritt von der aktuellen 1.500-Tonnen-Demonstrationsanlage hin zur geplanten kommerziellen Anlage im Vollmaßstab im Jahr 2030 erfordert immensen Kapitalaufwand. Industrielles Recycling frisst im Scale-up-Prozess oft dreistellige Millionenbeträge, was extrem anteilsverwässernde Finanzierungsrunden oder massive Fremdkapitalaufnahmen erfordert.
- Preisvolatilität: Tozero betont zwar, mit seinem effizienten Verfahren einen echten "grünen Preisvorteil" zu erzielen. Dennoch bleibt das Modell anfällig für die starken Preisschwankungen am Weltmarkt. Brechen die Lithium- oder Nickelpreise für Primärrohstoffe ein, geraten auch die Margen von Recyclern unmittelbar unter Druck.
Fazit
Der Case tozero zeigt eindrucksvoll den Wandel im europäischen Venture Capital: Weg von reinen Software-Lösungen, hin zu hochkomplexem ClimateTech, das strategische und geopolitische Probleme löst. In unter vier Jahren vom Labor zur laufenden Industrieanlage zu kommen, ist ein starker Vertrauensbeweis für Investoren. Tozero hat verstanden, Regulierungen als Katalysator zu nutzen und frühzeitig mit Branchengrößen zu validieren. Auf dem Weg zum kommerziellen Großanlagen-Betrieb 2030 werden nun vor allem clevere Lieferkettenverträge, strategische Partnerschaften und fundierte Fundraising-Skills über den finalen Markterfolg entscheiden.
Von der Medienmarke zur Infrastruktur: Was Gründende von MILC über Web3 lernen können, ohne in den Hype zu tappen
Viele Start-ups scheitern nicht an Ideen, sondern an der falschen Flughöhe. Sie bauen Produkte für einen Markt, den es in dieser Form noch gar nicht gibt, oder sie verwechseln Aufmerksamkeit mit Substanz. Gerade im Web3-Umfeld war das in den vergangenen Jahren oft zu beobachten. Viel Kapital floss in Narrative, deutlich weniger in tragfähige Modelle.
Der Fall MILC (Media Industry Licensing Content) ist deshalb interessant, weil er einen anderen Weg zeigt. Hinter dem Projekt steht mit Hendrik Hey kein Krypto-Promoter, sondern ein Medienunternehmer mit jahrzehntelanger Markterfahrung. Der Ausgangspunkt war nicht die Frage, wie man einen Token in den Markt drückt, sondern welches reale Problem so groß ist, dass sich dafür eine neue Infrastruktur lohnt.
Nicht vom Hype her denken, sondern vom Marktproblem
Ein häufiger Fehler von Gründenden besteht darin, sich zuerst in eine Technologie zu verlieben und erst danach nach ihrem Zweck zu suchen. Bei MILC scheint die Reihenfolge umgekehrt zu sein. Das Kernproblem ist schnell beschrieben: Medien lassen sich heute global verbreiten, aber Rechte, Beteiligungen und Erlöse sind weiterhin in langsamen, teuren und oft schwer nachvollziehbaren Strukturen organisiert.
Genau dort setzt das Modell an. Nicht als weiteres Medienportal, sondern als Infrastruktur für Lizenzierung, Rechteverwaltung und Erlöslogik. Für Gründende ist das die erste wichtige Lektion: Märkte mit hoher Reibung sind oft interessanter als Märkte mit hoher Lautstärke.
Je komplexer ein Markt in der Abwicklung ist, desto größer ist der Hebel für ein gutes Infrastrukturprodukt. Wer es schafft, einen Prozess nicht nur digitaler, sondern verlässlicher und klarer zu machen, baut näher am echten Wert als jemand, der bloß eine weitere Oberfläche produziert.
Eine starke These ist noch kein Geschäftsmodell
Start-ups brauchen eine große Erzählung, aber sie dürfen sich nicht in ihr verlieren. Auch MILC arbeitet mit einer großen These: dass digitale Eigentums- und Beteiligungsmodelle im Medienbereich neu organisiert werden müssen. Entscheidend ist jedoch, ob diese These in ein funktionierendes Modell übersetzt werden kann.
Genau hier wird es für Gründende spannend. Ein Projekt wie MILC muss nicht nur technisch funktionieren. Es muss mehrere Gruppen gleichzeitig überzeugen: Rechteinhaber, Produzenten, Lizenznehmer, kreative Talente, mögliche Partner und später womöglich institutionelle Kapitalgeber. Das bedeutet: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Feature, sondern im Zusammenspiel aus Produkt, Recht, Vertrieb und Vertrauen.
Viele junge Unternehmen unterschätzen diese Mehrdimensionalität. Sie bauen zu stark aus Sicht des Entwicklers und zu wenig aus Sicht eines Marktes, der sich nur dann bewegt, wenn Risiko sinkt. Infrastruktur heißt deshalb immer auch: Komplexität für andere reduzieren.
Warum Timing wichtiger ist als Vision allein
Ein weiteres Learning aus Projekten wie MILC betrifft das Timing. Dieselbe Idee wäre vor einigen Jahren vermutlich schwerer vermittelbar gewesen. Heute treffen mehrere Trends aufeinander: KI senkt Produktionskosten, digitale Inhalte zirkulieren schneller denn je, Plattformabhängigkeiten werden sichtbarer, und die Diskussion über Eigentum an Daten, Inhalten und digitalen Assets ist deutlich reifer geworden.
Für Gründende heißt das: Eine starke Idee reicht nicht. Sie muss in einem Moment auftauchen, in dem der Markt ihren Nutzen erkennen kann. Timing ist kein Nebenaspekt, sondern oft der Unterschied zwischen zu früh und genau richtig.
Das gilt nicht nur für Web3. Es gilt für fast jede Infrastrukturidee. Wer Prozesse verbessern will, die bislang mit Excel, E-Mail und juristischen Einzelabsprachen laufen, braucht Geduld und einen Markt, der Veränderungsdruck spürt. Ohne diesen Druck bleibt selbst das bessere System nur eine gute Präsentation.
Regulierung ist nicht der Feind, sondern Teil des Produkts
Gerade Gründende aus digitalen Szenen betrachten Regulierung oft als lästige Pflicht. Das ist verständlich, aber zu kurz gedacht. In Bereichen, in denen Eigentum, Geldflüsse und grenzüberschreitende Nutzung eine Rolle spielen, ist Regulierung kein Add-on. Sie ist Teil des Produkts.
Das ist einer der interessantesten Punkte an der MILC-Strategie. Der Anspruch ist nicht, sich möglichst weit außerhalb institutioneller Logiken zu bewegen, sondern Brücken in genau diese Welt zu bauen. Für viele Start-ups liegt darin eine unbequeme, aber wichtige Einsicht: Wer in sensiblen Märkten wachsen will, muss nicht nur technologisch, sondern auch strukturell glaubwürdig sein.
Das betrifft Vertragslogiken, Auditierbarkeit, Verantwortlichkeiten und Kapitalfähigkeit. Gerade im europäischen Kontext kann das ein Vorteil sein. Vertrauen entsteht nicht nur durch gutes Design, sondern auch durch belastbare Regeln.
Gründende müssen das Problem größer denken als das Produkt
MILC wirkt deshalb weniger wie ein einzelnes Tool und eher wie der Versuch, eine ganze Wertschöpfungskette neu zu sortieren. Ob das gelingt, ist offen. Aber die Perspektive dahinter ist lehrreich. Gute Start-ups stellen nicht nur die Frage, was ihr Produkt kann. Sie fragen, welches Systemverhalten sich dadurch verändert.
Für Gründende bedeutet das: Der eigentliche Wert eines Produkts entsteht oft erst dann, wenn es Teil einer größeren Marktlogik wird. Wer nur ein Feature anbietet, bleibt austauschbar. Wer eine Kategorie neu schneidet, hat die Chance, Standards zu setzen. Das ist riskanter und langsamer, aber oft auch nachhaltiger. Vor allem in Märkten, in denen sich Macht aus intransparenten Prozessen speist, können neue Standards mehr bewirken als einzelne Innovationen.
Was man als Gründende aus MILC mitnehmen kann
Drei Punkte stechen besonders hervor:
Erstens: Starte nicht mit der Technologie, sondern mit einem Marktversagen. Wo Reibung groß ist, liegt Potenzial.
Zweitens: Infrastruktur verkauft sich nicht über Glamour, sondern über Verlässlichkeit. Wer Prozesse neu ordnet, braucht Vertrauen in Produkt, Struktur und Team.
Drittens: Große Visionen brauchen Anschlussfähigkeit. Ein Start-up wird nicht dadurch stark, dass es alles anders machen will, sondern dadurch, dass es das Neue mit den Anforderungen realer Märkte kompatibel macht.
Zwischen Hype und Handwerk
Web3 war in den vergangenen Jahren oft eine Bühne für überzogene Versprechen. Umso interessanter sind Projekte, die das Thema auf Handwerk zurückholen: auf Eigentum, Regeln, Prozesse, Beteiligung. Genau dort entscheidet sich am Ende, ob aus einer Idee ein Markt wird.
Für Gründende ist das die vielleicht wichtigste Botschaft. Es lohnt sich, auf die unspektakulären Probleme zu schauen. Denn oft liegt gerade dort das größere Unternehmen verborgen. Nicht in der lautesten Story, sondern in der stillen Fähigkeit, Ordnung in ein System zu bringen, das bislang von Unklarheit lebt.
MILC ist damit weniger ein Vorbild im Sinne einer Blaupause als ein nützlicher Prüfstein. Es zeigt, wie man eine Zukunftstechnologie nicht als Selbstzweck erzählt, sondern als Antwort auf ein reales Marktproblem. Für junge Unternehmen ist das oft die wertvollste Form von Innovation.
Münchner Start-up Isar Aerospace bricht Testflug der „Spectrum“-Rakete aus Sicherheitsgründen ab
Der zweite Testflug der „Spectrum“-Trägerrakete des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace musste kurz vor der Triebwerkszündung gestoppt werden.
Ursache war nach Unternehmensangaben ein unbefugtes Boot, das in die maritime Sicherheitszone eingedrungen war. Bis das Areal geräumt werden konnte, verstrich das enge Startfenster zwischen 21:00 und 21:15 Uhr. Die Rakete blieb unbeschadet auf der Startrampe.
Sicherheitsmechanismus statt Fehlschlag
In der Raumfahrtbranche wird ein solcher Abbruch (ein sogenannter Scrub) nicht als technologischer Rückschlag gewertet, sondern als Beleg für greifende Sicherheitsmechanismen. Ein erheblicher Unterschied besteht zu einem tatsächlichen Fehlstart, bei dem Hardware verloren geht – wie es beim Erstflug der „Spectrum“ am 30. März 2025 geschah, als die Rakete nach knapp 30 Sekunden wegen eines Ausfalls der Lageregelung ins Meer stürzte.
Da die Rakete dieses Mal keinen technischen Defekt erlitt, werten die Ingenieure den abgebrochenen Countdown als erfolgreichen Härtetest der Bodenanlagen und der automatisierten Betankungsprozesse. Das Team um CEO Daniel Metzler hatte im Vorfeld betont, dass das primäre Ziel der Mission „Onward and Upward“ darin bestehe, kritische Systeme unter operativen Bedingungen zu validieren. Die nun gesammelten Daten fließen direkt in die Vorbereitung des nächsten Versuchs ein.
Die komplexe Logistik eines neuen Startfensters
Wann die „Spectrum“ erneut betankt wird, hängt von einem mehrstufigen Abstimmungsprozess ab. Nach der Sicherung der Rakete muss Isar Aerospace bei den norwegischen Behörden neue Sperrzonen beantragen. Damit Fischer, Frachtschiffe und Fluggesellschaften ihre Routen rechtzeitig anpassen können, müssen offizielle Warnungen für die Schifffahrt (NOTMAR) und den Luftraum (NOTAM) mit entsprechendem Vorlauf herausgegeben werden. Erst wenn diese bürokratischen Hürden genommen sind und Parameter wie das Wetter am Polarkreis übereinstimmen, kann ein neuer Countdown für die Nutzlast – darunter universitäre Kleinsatelliten der TU Berlin, der TU Wien sowie der norwegische FramSat-1 – beginnen.
Warum Andøya? Der strategische Vorteil im hohen Norden
Dass das Münchner Start-up diese logistischen Herausforderungen im hohen Norden auf sich nimmt, anstatt etwa den etablierten europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Südamerika zu nutzen, hat strategische und physikalische Gründe.
Die Hauptkunden von Isar Aerospace betreiben kleine Erdbeobachtungssatelliten, die bevorzugt über die Pole fliegen, um die Erdoberfläche lückenlos zu erfassen. Von Andøya aus kann die Rakete auf direktem Weg sicher über das offene Europäische Nordmeer in diesen polaren Orbit starten, ohne Treibstoff für aufwendige Kurskorrekturen zu verbrauchen. Zudem spart der Transport der in Ottobrunn gefertigten Bauteile per LKW und Fähre nach Norwegen wertvolle Zeit und Kosten im Vergleich zu einer Verschiffung nach Französisch-Guayana.
Für Europa bleibt der anstehende Flug der „Spectrum“ ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen, kommerziellen Zugang zum All. Sobald die Sperrzonen vor der norwegischen Küste neu eingerichtet sind, wird sich zeigen, ob das Münchner Unternehmen diese Lücke schließen kann.
HELP Mee: Schmerz „verlernen“ statt aushalten
Das Hamburger HealthTech-Start-up HELP Mee setzt mit seiner App HELP neue therapeutische Ansätze zur Behandlung chronischer primärer Schmerzen erstmals strukturiert digital um und hat nun einen starken Partner auf dem Weg zur erstattungsfähigen App auf Rezept (DiGA) gefunden.
Der norddeutsche Pharma-Mittelständler Pohl-Boskamp übernimmt ab sofort als strategischer Partner die exklusive Vermarktung der App. Für die Gründerinnen Dr. Antje Kallweit und Annika Bruhns-Petersson bedeutet das einen massiven Schub auf dem Weg zur erstattungsfähigen App auf Rezept (DiGA). Doch der Markt für digitale Schmerztherapien ist lukrativ und stark umkämpft.
Hinter der HELP Mee Schmerztherapie GmbH stehen keine klassischen Tech-Bros, sondern ein organisch gewachsenes, interdisziplinäres Team. Gegründet wurde das Start-up Ende 2023 von Dr. Antje Kallweit, Fachärztin für Anästhesiologie mit dem Schwerpunkt Spezielle Schmerztherapie, und Annika Bruhns-Petersson, CCO und Projektleitung. Der Schmerzpunkt für die Gründung lag in einer realen Versorgungslücke: Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an chronischen Schmerzen. Da Therapeut*innen Mangelware sind, vergehen oft Jahre bis zur adäquaten Behandlung.
Um diesen Flaschenhals aufzulösen, holten sich die Gründerinnen mit Malte Bornholdt (CFO), Hosun Lee (CIO) und Jörn Griffel (CLO) geballte Expertise aus den Bereichen IT, Finanzen und Recht ins Boot. Diese breite Aufstellung überzeugte offenbar auch bei der initialen Finanzierung: Das Start-up sicherte sich das InnoFounder-Stipendium der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB Hamburg) und verfügt über die offizielle INVEST-Zusage des BAFA.
Medizinischer Idealismus statt schnellem Exit
Der Spagat zwischen medizinischem Anspruch und hartem Tech-Business ist für ärztliche Gründerinnen oft herausfordernd. Dr. Antje Kallweit hat hier jedoch eine klare Linie gezogen: „Ich bin ganz bewusst beim medizinischen Idealismus geblieben“, betont die Gründerin. Zwar sei man dadurch in manchen Bereichen langsamer gewesen als geplant, da man sich bewusst gegen klassisches VC-Geld und große Finanzierungsrunden entschieden habe. Doch dieser Weg bot den Hamburger*innen einen entscheidenden Vorteil. „Wir optimieren nicht primär auf Wachstum, sondern auf Wirksamkeit, Qualität und Nachhaltigkeit“, stellt Kallweit klar. „So freuen wir uns, dass wir die Kontrolle behalten haben – inhaltlich, medizinisch und strategisch“. Keine externen Vorgaben drängten das Team in Richtung Vereinfachung oder Kompromisse.
Auch die massiven bürokratischen Hürden, die Zertifizierungen nach MDR und DSGVO von Beginn an fordern, erstickten die agile Produktentwicklung nicht. Auf die Frage, wie man das bewältigt, verweist die Ärztin auf ihr Team: „Mit Malte Bornholdt und Hosun Lee haben wir Gesellschafter, die sowohl IT-Entwicklung als auch Zertifizierungs- und Regulatorikprozesse sehr gut kennen.“ Durch gezielte externe Unterstützung sei man „so agil geblieben, wie es eben geht, in diesem Business“.
Der therapeutische Ansatz: Schmerz „verlernen“
Die App HELP richtet sich an Menschen mit chronischen primären Schmerzen. Sie verbindet moderne Schmerzedukation mit verhaltens- und emotionsbezogenen Übungen, die auf aktuellen neurobiologischen Modellen der Schmerzverarbeitung basieren. Während viele Konkurrent*innen auf ein rein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Management setzen, zielt der USP von HELP deutlich tiefer.
Doch wie grenzt sich das von einem reinen Placebo-Effekt ab? Kallweit stellt sich dieser zentralen Frage offen. HELP werde aktuell in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersucht. „Erwartungseffekte spielen in Studien immer eine Rolle“, räumt sie ein. Bei chronischen Schmerzen sei dies jedoch kein reiner Bias, sondern Teil des Wirkmechanismus. „Entscheidend ist daher, ob über diese allgemeinen Effekte hinaus [...] ein zusätzlicher, spezifischer Nutzen entsteht“, argumentiert Kallweit. Dabei wird nicht nur die schmerzbedingte Beeinträchtigung nach 12 Wochen als primärer Endpunkt gemessen, sondern auch weitere patient*innenrelevante Faktoren wie Schmerzintensität, Schlaf, Angst und Depressivität in den Blick genommen.
Die vielleicht größte Hürde für DiGAs ist jedoch die Adhärenz – die Nutzer*inbindung über die typische Rezeptdauer von 90 Tagen. „Chronische Schmerzpatient*innen sind häufig therapiemüde, haben viele frustrane Erfahrungen gemacht und bringen verständlicherweise viel Skepsis mit“, analysiert die Medizinerin. Umso wichtiger sei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit als entscheidender Wendepunkt. HELP setzt deshalb auf einen strukturierten Prozess, der durch Videos, Audios, einen Klangraum oder einen Notfallbereich bei Schmerzspitzen multimodale Unterstützung im Alltag bietet.
Hier kam auch die ungewöhnliche Expertise von Mitgründerin Annika Bruhns-Petersson ins Spiel. Die Musicaldarstellerin prägte die patient*innenzentrierte Umsetzung, etwa in Tonalität und Inszenierung, maßgeblich. „Die Ansprache erfolgt bewusst auf Augenhöhe, validierend und ohne Bagatellisierung“, erklärt Kallweit. Man wolle ein hochbelastendes Thema nicht durch plumpe Gamification trivialisieren oder die App wie reine „Arbeit“ wirken lassen, was oft zu Abbruch führe. „Dem setzen wir eine klare, respektvolle und zugewandte Kommunikation entgegen“, so die Gründerin. Eine 100-prozentige Abschlussquote über die vollen drei Monate verspricht sie dennoch nicht – das wäre unseriös. „Entscheidend ist daher weniger die vollständige Adhärenz, sondern ob es gelingt, bei einem relevanten Anteil der Patient*innen frühzeitig klinisch wirksame Veränderungen anzustoßen“, fasst sie zusammen.
Strategie im Härtetest: Cashburn und Preisverfall
Das Geschäftsmodell zielt klar auf die Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ab. HELP befindet sich derzeit in einer klinischen Studie mit dem Ziel, als DiGA im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet zu werden. Doch bis zur endgültigen Zulassung gilt es, eine immense Cashburn-Rate zu überbrücken. HELP begegnet dem mit einem mehrgleisigen Modell. Aktuell wird die App als Selbstzahlerprodukt angeboten und es bestehen Kooperationen mit privaten Krankenversicherungen. Zudem hält das Start-up die Kostenstruktur schlank: „Wir verzichten aktuell weitgehend auf Gehälter“, verrät Kallweit. Die wesentliche Cash-Burn-Position sei die klinische Studie selbst.
Und wenn die Listung klappt? Ab dem zweiten Jahr diktiert der GKV-Spitzenverband in harten Verhandlungen die Preise. Kallweit sieht darin jedoch keine Gefahr für ihr Geschäftsmodell, da sie die Strategie vieler Konkurrent*innen kritisiert: „Wir halten es für einen Fehler, im ersten Jahr künstlich hohe Preise aufzurufen, die später nicht haltbar sind.“ Stattdessen wähle man von Beginn an ein realistisches und tragfähiges Preisniveau.
Die strategische Allianz im Haifischbecken
Der DiGA-Markt ist extrem reguliert und das Segment „Schmerz“ bereits von Schwergewichten besetzt. Start-ups wie HelloBetter oder Selfapy haben ihre DiGAs bereits erfolgreich platziert. Um in diesem Haifischbecken zu bestehen, braucht es neben medizinischer Evidenz vor allem Vertriebspower bei der Ärzt*innenschaft.
An diesem Punkt setzt die neue Partnerschaft an, um Synergien zu nutzen. Pohl-Boskamp vermarktet bereits erfolgreich die Kalmeda® Tinnitus App und bringt fünf Jahre wertvolle DiGA-Erfahrung in die Waagschale. Das Vertriebsteam des Pharma-Mittelständlers soll gezielt die Akzeptanz der digitalen Schmerztherapie bei der Ärzt*innenschaft fördern.
Doch birgt die Auslagerung des Vertriebs nicht auch Risiken? Begibt sich das Start-up in eine gefährliche Abhängigkeit vom Pharma-Riesen – und wer besitzt am Ende die Marktmacht und den direkten Zugang zu den verschreibenden Ärzt*innen?
Kallweit hält nichts von diesem klassischen Entweder-oder-Denken. „Wir haben uns bewusst für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit entschieden, weil beide Seiten unterschiedliche, aber komplementäre Stärken einbringen“, verdeutlicht sie die Synergien. Die formale Asymmetrie sei ihr bewusst, doch die inhaltliche Hoheit und Markenführung verblieben klar bei HELP. „Als Start-up bringen wir die inhaltliche Expertise [...] und das Produkt selbst ein. Unser Partner bringt Reichweite, Vertriebsstruktur und Erfahrung im Marktzugang mit.“ Der Vertrieb sei ein wichtiger Hebel, aber eben nicht gleichbedeutend mit der Kontrolle über das Produkt.
Am Ende profitiere Pohl-Boskamp von einem innovativen Produkt und das Start-up von der etablierten Infrastruktur. „Der eigentliche Maßstab ist dabei nicht die Machtverteilung, sondern der Versorgungseffekt“, resümiert Kallweit.
Fazit
Die Allianz ist ein exzellenter Schachzug. HELP Mee lagert das kostspielige Health-Care-Marketing an einen etablierten Player aus, um sich voll auf die Produktentwicklung zu fokussieren, während Pohl-Boskamp sein digitales Portfolio ausbaut. Durch die strategische Kooperation lässt sich das gemeinsame Ziel, die Entlastung der Akteur*innen im Gesundheitswesen sowie die Ergänzung bestehender Therapien, für eine bessere medizinische Versorgung der Patient*innen schneller erreichen.
Die EU-Entgelttransparenz kommt: Was Start-ups jetzt wissen müssen (und was nicht)
Die Uhr tickt: Bis zum 7. Juni 2026 muss die EU-Entgelttransparenzrichtlinie in deutsches Recht umgesetzt sein. Viele Gründer*innen befürchten nun ein neues Bürokratiemonster. Die gute Nachricht: Kleinere Start-ups bleiben von aufwendigen Reporting-Pflichten vorerst verschont. Dennoch bringt das Gesetz spürbare Veränderungen mit sich, auf die sich junge Unternehmen schon heute in ihren Recruiting- und HR-Prozessen einstellen sollten.
Die konkrete Umsetzung der im Jahr 2023 verabschiedeten EU-Richtlinie in deutsches Recht steht derzeit noch aus. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission hat zwar bereits Ende 2025 Vorschläge für eine „bürokratiearme Umsetzung“ vorgelegt, der finale Gesetzestext aus dem zuständigen Ministerium lässt jedoch auch im Frühjahr 2026 noch auf sich warten. Arbeitsrechtler warnen bereits davor, dass Deutschland die Umsetzungsfrist im Juni reißen könnte. Unabhängig vom genauen Stichtag gilt jedoch: Die Anpassung von HR-Prozessen braucht Vorlauf. Je nachvollziehbarer und transparenter Start-ups ihre Gehaltssysteme bereits jetzt aufbauen, desto leichter lassen sich die kommenden gesetzlichen Anforderungen umsetzen.
Diese Pflichten gelten künftig auch für kleine Start-ups
Ein häufiger Irrtum ist, dass die neuen Regeln nur für große Konzerne gelten. Tatsächlich betreffen zentrale Vorgaben der Richtlinie grundsätzlich alle Arbeitgeber – unabhängig von der Unternehmensgröße. Für Start-ups ändert sich vor allem Folgendes:
- Transparenz im Recruiting: Bewerberinnen und Bewerber erhalten künftig das Recht, frühzeitig Informationen über das Einstiegsgehalt oder eine entsprechende Gehaltsspanne zu erhalten. Wie genau diese Information bereitgestellt wird – ob zwingend in der Stellenanzeige oder im weiteren Prozess – wird durch das nationale Gesetz noch konkretisiert.
- Verbot der Gehaltsfrage: Gleichzeitig dürfen Arbeitgeber Bewerbende künftig nicht mehr nach ihrer bisherigen Vergütung fragen.
- Auskunftsrechte für das Team: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können künftig Informationen über ihr individuelles Entgelt sowie über durchschnittliche Entgeltniveaus vergleichbarer Tätigkeiten verlangen. Ziel ist dabei mehr Transparenz über die Strukturen, nicht die vollständige Offenlegung aller Einzelgehälter.
- Nachvollziehbare Vergütung: Unternehmen müssen transparente Kriterien für Vergütung und Gehaltsentwicklung etablieren. Klauseln in Arbeitsverträgen, die Beschäftigten das Sprechen über das eigene Gehalt verbieten (sogenannte Gehaltsgeheimhaltung), dürften damit endgültig unwirksam werden.
Aufatmen bei der Bürokratie: Was (vorerst) nicht für Start-ups gilt
Gerade die zeitintensiven Berichtspflichten zum Gender Pay Gap treffen die allermeisten jungen Unternehmen glücklicherweise nicht:
- Diese speziellen Berichtspflichten gelten künftig erst für Unternehmen ab 100 Beschäftigten.
- Unternehmen mit 100 bis 149 Beschäftigten müssen ihren ersten Bericht erst bis zum Jahr 2031 vorlegen.
- Größere Organisationen mit 150 bis 249 Beschäftigten sowie ab 250 Beschäftigten sind hingegen schon bis 2027 in der Pflicht.
- Zudem gilt: Ein geschlechtsspezifisches Lohngefälle ist nicht automatisch rechtswidrig. Erst wenn ein Gender Pay Gap von mehr als fünf Prozent festgestellt wird und nicht ausreichend erklärt werden kann, müssen Unternehmen genauer prüfen.
Fazit für die Praxis
Vergütungssysteme werden in Zukunft deutlich transparenter und erklärungsbedürftiger sein. Start-ups sollten die Zeit bis zum finalen Inkrafttreten des Gesetzes nutzen, um ihre Gehaltsbänder logisch zu strukturieren und Interview-Leitfäden anzupassen. Wer Fairness und Gehaltstransparenz proaktiv angeht, punktet nicht nur bei der rechtlichen Compliance, sondern stärkt auch das eigene Employer Branding bei hart umkämpften Talenten.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel stellt keine rechtliche Beratung dar. Da sich das nationale Umsetzungsgesetz aktuell noch im parlamentarischen Prozess befindet, können sich rechtliche Details noch ändern. Konsultiere für die Anpassung deiner Arbeitsverträge im Zweifel juristisches Fachpersonal.
Der Code des Lebens: Wie die Longevity-Branche 2026 den Health-Markt erobert
Vom Milliardärs-Hobby zum systemrelevanten Gesundheitsmarkt: Wie deutsche Start-ups das Altern als behandelbare Krankheit neu definieren.
Vor wenigen Jahren galt das Streben nach einem radikal verlängerten Leben noch als exzentrisches Hobby von Silicon-Valley-Milliardären. Heute ist Longevity – die Wissenschaft der Langlebigkeit – im Zentrum der europäischen Gesundheitsökonomie angekommen. Angesichts einer massiv überalternden Gesellschaft und kollabierender Gesundheitssysteme hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Altern wird nicht mehr als unvermeidliches Schicksal hingenommen, sondern als die zugrundeliegende Ursache der meisten chronischen Krankheiten verstanden.
Start-ups in diesem Bereich sind längst keine Alchemisten mehr. Sie sind datengetriebene BioTech- und Software-Pioniere, die den Fokus von der bloßen Lebensverlängerung auf die Verlängerung der gesunden Lebensjahre verschoben haben und damit einen der vielleicht lukrativsten Zukunftsmärkte der Medizin erschließen.
Die Marktlage: künstliche Intelligenz als Schlüssel zur Zelle
Der deutsche Longevity-Markt hat seine wilde Goldgräberstimmung hinter sich gelassen und eine beeindruckende technologische Reife erreicht. Der alles dominierende Treiber ist dabei die Künstliche Intelligenz. Während die biomedizinische Forschung früher Jahrzehnte brauchte, um zelluläre Alterungsprozesse zu verstehen, entschlüsseln KI-Modelle heute epigenetische Muster in Rekordzeit. Einer aktuellen Branchenanalyse von Roland Berger zufolge betrachten 68 Prozent der institutionellen Gesundheitsinvestoren Longevity mittlerweile als festen Bestandteil ihres Portfolios. Diese Relevanz spiegelt sich in harten Zahlen wider: Laut dem jüngsten Start-up-Report der KfW flossen allein im vergangenen Jahr rund 850 Millionen Euro an Wagniskapital in deutsche Unternehmen an der Schnittstelle von BioTech, Präventivmedizin und AgeTech. Das Marktvolumen wächst rasant, getrieben von einer kaufkräftigen Boomer-Generation, die massiv in den Erhalt ihrer biologischen Jugend investiert.
Die neuen Treiber: Jenseits von Vitaminen und Kapseln
Die Branche hat sich meilenweit von simplen Nahrungsergänzungsmitteln entfernt. Den Markt dominieren 2026 hochkomplexe Sub-Sektoren, die direkt in den molekularen Alterungsprozess eingreifen. Einer der stärksten Trends sind die sogenannten Senolytika – Wirkstoffe, die gezielt gealterte, toxische „Zombie-Zellen“ im Körper aufspüren und zerstören. Ein weiterer massiver Treiber ist das Epigenetic Reprogramming, bei dem Zellen durch Eingriffe buchstäblich verjüngt werden. Zudem explodiert der Markt für präventive Biomarker-Diagnostik: Blut- und DNA-Tests für Zuhause, die das biologische Alter messen und durch KI-Auswertung exakte Lebensstilempfehlungen geben. Etablierte Pionier*innen wie der spezialisierte Fonds Apollo Health Ventures haben diese DeepTech-Entwicklungen früh erkannt und finanzieren Start-ups, die den Alterungsprozess nicht nur verlangsamen, sondern messbar umkehren wollen.
Reality Check: Die geplatzten Blasen der Langlebigkeit
Wer den heutigen Boom verstehen will, muss auf die spektakulären Rückschläge der ersten Longevity-Ära blicken. Das prominenteste Mahnmal bleibt der Fall von Sirtris Pharmaceuticals in den USA, einem Start-up, das den Anti-Aging-Wirkstoff Resveratrol erforschte. Nach einer Übernahme für über 700 Millionen Dollar durch GlaxoSmithKline musste das Projekt später wegen mangelnder Wirksamkeit in klinischen Studien komplett eingestampft werden. Auch der Hype um das Wundermolekül NMN (Nicotinamid-Mononukleotid) endete für viele Start-ups in einem Desaster, als amerikanische und europäische Behörden plötzlich den Status als Nahrungsergänzungsmittel kippten.
Aus diesen Abstürzen lassen sich klare Fallstricke für heutige Gründer ableiten. Erstens die Regulatorik: Altern ist von der FDA und EMA offiziell nicht als Krankheit anerkannt, was die Zulassung von reinen „Anti-Aging-Medikamenten“ extrem komplex macht. Zweitens die Snake-Oil-Falle: Im B2C-Geschäft mit Supplements verlieren Marken ohne knallharte klinische Evidenz sofort das Vertrauen der informierten Konsumenten. Drittens die klinische Zeitleiste: Den Beweis zu erbringen, dass ein Medikament das Leben verlängert, dauert Jahrzehnte – ein Zeitraum, den klassische VCs oft nicht finanzieren wollen. Viertens die Margen-Illusion: Wer im Diagnostik-Bereich teure Tests verkauft, scheitert oft an horrenden Kundenakquisitionskosten, wenn das Geschäftsmodell keinen kontinuierlichen medizinischen Mehrwert bietet.
Das deutsche Netzwerk: Die Hotspots der Verjüngung
In Deutschland hat sich eine hochspezialisierte Forschungs- und Gründungslandschaft gebildet, die weltweit Beachtung findet. München und das Umland bilden das absolute Epizentrum für molekulare Altersforschung. Die Nähe zum Max-Planck-Institut für Biochemie und der TU München verschafft Gründer*innen hier direkten Zugang zu biotechnologischer Spitzenforschung. Berlin hingegen hat sich als unangefochtener Hub für Longevity-SaaS, B2C-Diagnostik und Plattform-Modelle etabliert, stark befeuert durch die klinische Nähe zur Charité und dem Berlin Institute of Health. Heidelberg und die Rhein-Neckar-Region dominieren den Bereich der altersbedingten Onkologie, angetrieben vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Eine völlig neue Dynamik erlebt Mainz: Im Schatten des BioNTech-Erfolgs entsteht hier ein rasant wachsender Cluster, der die mRNA-Technologie gezielt zur zellulären Verjüngung nutzt.
Investor*innen-Radar: Wer finanziert das Business rund ums lange Leben?
Das Kapital für den Traum von der Unsterblichkeit stammt 2026 aus einer hochprofessionellen Allianz. An vorderster Front agieren spezialisierte VCs wie Apollo Health Ventures, der größte europäische Fonds mit exklusivem Fokus auf altersbedingte Krankheiten, oder Kizoo Technology Capital. Top-Tier Generalisten wie Cherry Ventures, HV Capital und Earlybird sind mittlerweile massiv im Markt vertreten, fokussieren sich jedoch bevorzugt auf skalierbare SaaS-Modelle, Biomarker-Plattformen und Kliniken. Auch die Industrie schläft nicht: Corporate VCs wie M Ventures oder der Boehringer Ingelheim Venture Fund investieren strategisch in DeepTech, um zukünftige Pharma-Pipelines zu sichern. Das eigentliche Schmiermittel der Szene sind jedoch erfahrene Business Angels. Prominente Köpfe wie Michael Greve oder Christian Angermayer pumpen massiv privates Kapital in visionäre Start-ups und nehmen dabei in der extrem riskanten Frühphase Forschungszyklen in Kauf, die traditionelle Banken längst abschrecken würden.
Diese Longevity-Start-ups sollte man auf dem Radar haben
Um die relevantesten Player der deutschen Longevity-Szene 2026 zu identifizieren, haben wir den Markt anhand von vier Kernkriterien analysiert. Entscheidend waren die Marktrelevanz der Technologie, der wissenschaftliche Reifegrad, die Diversität der Geschäftsmodelle sowie das explizite Vertrauen renommierter Investor*innen.
Aware (Berlin)
Dieses 2021 von Florian Meissner, Ramzi Rizk und Ferdinand Schmidt-Thomé gegründete Start-up steht an der Spitze der präventiven Bewegung in Deutschland. Aware operiert mit einem B2C- und B2B-Abo-Modell, bei dem Nutzer*innen regelmäßige, hochpräzise Bluttests durchführen lassen und die Biomarker-Daten in einer App auswerten. Der USP ist die Demokratisierung der Präventivmedizin durch nahtlose UX und den direkten Zugang zu Laborwerten, um das biologische Alter aktiv zu managen. Finanziert wurde Aware mit Millionenbeträgen von renommierten Investoren wie Cherry Ventures und Lakestar sowie prominenten Angels wie Katharina Jünger und Christian Reber.
Una Health (Berlin)
Das 2021 von Dr. Matthew Fenech, Pascal Grimm und Dominic Steele gegründete Start-up rückt die metabolische Gesundheit ins Zentrum der Langlebigkeit. Über ein B2B2C-SaaS-Modell kombiniert Una Health kontinuierliche Glukosemessgeräte mit einer KI-gesteuerten App, die in Deutschland mittlerweile als offizielle DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung) auf Kassenrezept verschrieben werden kann. Der USP liegt in der hochpräzisen Echtzeit-Analyse des Blutzuckerspiegels, um den Stoffwechsel zu optimieren und Insulinresistenz präventiv entgegenzuwirken. Das Berliner Team sammelte unter anderem eine Millionen-Seed-Runde von FoodLabs ein, um seine digitale Präventivlösung europäisch zu skalieren.
Moleqlar (München/Berlin)
Dieses von den drei Medizinern Dr. Maximilian Griessinger, Dr. Mario Gietl und Dr. Clemens Klingler im Jahr 2020 gegründete Start-up Moleqlar hat den Sprung vom Nischenanbieter zum Marktführer für evidenzbasierte Longevity-Supplements in der DACH-Region geschafft. Das B2C-E-Commerce-Modell verkauft wissenschaftlich fundierte Moleküle und epigenetische Alterstests. Der USP liegt im extremen Fokus auf Aufklärung und klinische Evidenz, um sich vom klassischen Pseudomedizin-Markt abzuheben. Das Unternehmen wächst äußerst erfolgreich und sammelte unter anderem eine Seed-Finanzierung vom VC Rheingau Founders ein, mit deren Hilfe die eigene Expertise für epigenetische Tests durch eine strategische Übernahme weiter ausgebaut wurde.
Probatix (Berlin)
Das 2019 von Dr. Daniel Werner und Philipp Noack gegründete Start-up operiert als essenzieller Infrastruktur-Anbieter für die gesamte Branche. Das B2B-SaaS-Modell liefert anderen Longevity-Start-ups und Kliniken eine Plug-and-Play-Software für die schnelle Abwicklung von Blut- und Biomarkertests. Der USP ist die nahtlose API-Integration von Laborergebnissen direkt in die Apps der Endkunden. Probatix ermöglicht es dadurch zahlreichen anderen Gründern, überhaupt erst skalierbare Longevity-Geschäftsmodelle aufzubauen. Eine Besonderheit im Markt: Das Unternehmen agiert unabhängig von externen Investoren und ist komplett eigenfinanziert (gebootstrappt).
MoleQlar Analytics (ehem. EpiQMAx) (München)
Dr. Moritz Völker-Albert, Dr. Victor Solis und Prof. Dr. Axel Imhof haben EpiQMAx 2018 als Spin-off der LMU München ins Leben gerufen. Das B2B-Geschäftsmodell bot Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen hochpräzise epigenetische Analysen als Dienstleistung an. Der USP basierte auf einem patentierten Verfahren zur Analyse von Histon-Modifikationen mittels Massenspektrometrie, das es ermöglicht, die Auswirkungen von Medikamenten oder Lebensstil-Interventionen auf das biologische Alter exakt zu messen. Nach einer anfänglichen Finanzierung durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und einer zwischenzeitlichen Insolvenz Ende 2023, wurde das DeepTech-Unternehmen von dem Berliner Start-up Moleqlar übernommen. Heute operiert es als MoleQlar Analytics GmbH und treibt die Entwicklung von Endkund*innen-Alterstests voran.
Tomorrow Biostasis (Berlin)
Die 2019 von Dr. Emil Kendziorra und Fernando Azevedo Pinheiro gegründete Firma geht an die Grenzen des heute Vorstellbaren. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf Mitgliedschaften für die Kryokonservierung nach dem rechtlichen Tod. Der USP ist der Aufbau der ersten und einzigen professionellen Kryo-Infrastruktur und Standby-Flotte in Europa, in der Hoffnung auf eine zukünftige medizinische Wiederbelebung. Während Tomorrow Biostasis die medizinische Erstversorgung und Logistik übernimmt, erfolgt die eigentliche Langzeitlagerung bei der eng kooperierenden Non-Profit-Organisation „European Biostasis Foundation“ in der Schweiz. Getragen wird die langfristige Vision von Seed-Runden spezialisierter Stiftungen und weitsichtigen Tech-Investor*innen.
Liv Longevity Labs (Berlin)
Als einer der spannendsten Newcomer startete Liv Longevity Labs unter der Führung von Gründer Amer Hamzeh im Jahr 2024. Das B2C-Modell kombiniert den Verkauf von DNA-Methylierungstests zur Bestimmung des biologischen Alters mit einer datengetriebenen Abo-App. Der USP ist ein "AI Longevity Advisor", der die Testergebnisse sofort in hochpersonalisierte Empfehlungen für Ernährung und Lifestyle übersetzt. Das junge Start-up, das unter anderem aus dem Berliner Founder Institute Accelerator hervorgegangen ist, konzentriert sich aktuell auf den Markteintritt und den Aufbau einer starken Early-Adopter-Community.
Recover Society (Frankfurt)
Dieses von Marcus Naumann und Nicolai Gropper im Jahr 2025 gegründete Start-up bringt die Langlebigkeit aus dem Labor in die Luxushotellerie. Das B2B2C-Modell integriert medizinische Hightech-Routinen, Drip-Bars und Biohacking-Technologien als exklusive Hubs in Partner-Hotels (wie den Roomers Hotels). Der USP der Recover Society ist die physische Verschmelzung von Longevity-Medizin und High-End-Hospitality für eine extrem zahlungskräftige, gesundheitsbewusste Zielgruppe. Expansion und Ausbau der Standorte werden von finanzstarken strategischen Partnern aus dem Real-Estate- (Gekko Group) und Kliniksektor (unter medizinischer Leitung von Dr. Dr. Dominik Duscher) getragen.
ASPRIVA (Heidelberg)
Antonio S. Brissa und Christoph Wild gründeten ASPRIVA 2021 als ganzheitliche Longevity-Brand. Das B2C-Modell verbindet den Verkauf hochreiner Premium-Nahrungsergänzungsmittel mit umfassenden digitalen Coaching-Strategien. Der USP ist die radikale Abkehr vom Hype hin zu verhaltensbasierten Longevity-Konzepten, bei denen Supplements nur ein Puzzleteil einer umfassenden Lebensstiländerung sind. Um sich vom unregulierten Markt abzuheben, lässt das Start-up seine Pulver auf bis zu 861 Sicherheitsparameter laborprüfen. Finanziert wird das profitable Wachstum primär durch private Investor*innen.
Years (Berlin)
Das 2021 von einem Team um die Mediziner Dr. Christian Schlatzer und Dr. Jan K. Hennigs gegründete Start-up Years schließt die Lücke zwischen präventiver App und klassischer Arztpraxis und hat kürzlich seine erste Flagship-Klinik am Berliner Kurfürstendamm eröffnet. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf physischen Longevity-Kliniken in Metropolen, in denen zahlende Mitglieder regelmäßige (oft proprietäre) Ganzkörper-MRTs, Biomarker-Screenings und ärztliche Präventiv-Beratung erhalten. Der USP ist die Bündelung der modernsten Diagnostik-Hardware unter einem Dach, um altersbedingte Krankheiten im frühestmöglichen Stadium abzufangen. Anstatt von klassischem Top-Tier-Venture-Capital wird das wachstumsstarke Modell vor allem durch die hochpreisigen Premium-Pakete für Selbstzahler*innen und strategische Health-Investor*innen getragen.
Internationaler Ausblick & Fazit
Während Europa bei Präventiv-Diagnostik und KI stark aufgestellt ist, werden die fundamentalen Durchbrüche der DeepTech-Biologie maßgeblich im Ausland vorangetrieben. Aus den USA schwappt mit Unternehmen wie Altos Labs – ausgestattet mit Milliarden von Jeff Bezos – die Welle der zellulären Reprogrammierung nach Europa. Asien forciert mit massiven staatlichen Förderungen die Stammzellenforschung, während Israel seine Vormachtstellung im Bereich der KI-gesteuerten Vorhersagemodelle für altersbedingte Krankheiten ausbaut. Diese globalen Makro-Trends werden den europäischen Markt in den kommenden Jahren zwingen, regulatorische Hürden schneller abzubauen, um international anschlussfähig zu bleiben.
Für Gründer*innen und Investor*innen in Deutschland bedeutet das aktuell: Der Longevity-Markt verzeiht keine leeren Heilsversprechen mehr. Die Zukunft gehört denen, die harte wissenschaftliche Evidenz mit brillanten, nutzer*innenfreundlichen Software- und Diagnostik-Lösungen verbinden. Wer den Menschen nicht nur mehr Lebensjahre, sondern mehr Lebensqualität verspricht – und das medizinisch beweisen kann –, dem steht in dieser Branche das Tor zu einem der vielleicht größten kommenden Wirtschaftswunder offen.
eternal.ag: 8 Mio. Euro für den Traum vom autonomen Gewächshaus
Das 2025 von Renji John und Sherry Kunjachan gegründete Kölner Start-up plant autonome Gewächshäuser und sammelt dafür erfolgreich 8 Mio. Euro ein. Wie realistisch ist diese Vision im hart umkämpften Agrar-Robotik-Markt?
Das Kölner Agrartechnologie-Start-up eternal.ag hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 8 Millionen Euro abgeschlossen. Das erklärte Ziel der Gründer Renji John und Sherry Kunjachan, die das Unternehmen im Jahr 2025 in Deutschland ins Leben riefen: die vollständige Automatisierung von Gewächshäusern voranzutreiben. Unterstützt wird das aktuell 26-köpfige Team, das neben dem Kölner Hauptsitz auch eine Niederlassung im indischen Bengaluru unterhält, von namhaften Geldgebern. An der Runde beteiligten sich die deutschen Investoren Simon Capital und Oyster Bay Venture Capital sowie EquityPitcher Ventures und Backbone Ventures aus der Schweiz. Die Vision ist ambitioniert: Bis 2040 strebt eternal.ag einen komplett durch Robotik gesteuerten Gewächshausbetrieb an, der gänzlich ohne manuelle Eingriffe auskommt.
Ein Milliardenmarkt unter enormem Druck
Die Automatisierung der Landwirtschaft ist eine strategische Notwendigkeit. Der Gewächshausanbau gewinnt an Bedeutung, da er im Vergleich zum klassischen Freilandanbau widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels, saisonalen Wetterbedingungen, Landknappheit und Schädlingen ist. Doch die Branche leidet massiv unter einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot. Laut Unternehmensangaben hat sich die Verfügbarkeit von Personal in diesem Sektor in Europa seit 2010 um drastische 30 Prozent verringert – ein Abwärtstrend, der sich Prognosen zufolge weiter fortsetzen wird. Diese enorme Unsicherheit bei der Arbeitskräftebeschaffung will eternal.ag lösen. Die Roboter sollen die repetitive, körperlich anstrengende Erntearbeit übernehmen und so einen kontinuierlichen, zuverlässigen Betrieb gewährleisten.
Gründer-Insight: Zweiter Anlauf in der Hardware-Falle
Die eternal.ag wurde 2025 gegründet. Co-Founder Renji John ist im Bereich der Gewächshaus-Robotik ein echter Branchenkenner. Der Maschinenbauingenieur mit INSEAD-MBA und Consulting-Vergangenheit leitete zuvor bereits das niederländische Start-up Honest AgTech, das eine fast identische Vision verfolgte. Dass er nun mit der EHT Eternal Horticulture Technologies GmbH und frischen 8 Millionen Euro einen neuen Anlauf wagt, verleiht der aktuellen Strategie eine enorme Tiefe. John hat die harte Schule der Hardware-Entwicklung bereits durchlaufen. Co-Gründer Sherry Kunjachan tritt öffentlich hingegen kaum in Erscheinung. Es ist stark anzunehmen, dass er im Hintergrund die technischen Fäden in der indischen Niederlassung zieht, während John das Start-up als CEO repräsentiert.
Virtuelles Training für die reale Tomatenernte
Das erste kommerzielle Produkt der Kölner trägt den Namen "Harvester" und ist ein vollständig autonomer Ernteroboter, der speziell für Tomatengewächshäuser entwickelt wurde. Die modular konzipierte Maschine kann bis zu 22 Stunden am Tag im Einsatz sein. Ein intelligentes, KI-gestütztes System überwacht dabei kontinuierlich die Qualität der geernteten Tomaten sowie die Präzision des Schnitts. Um im extrem kapitalintensiven Hardware-Markt kostbare Zeit zu sparen, setzt das Start-up auf einen effizienten Entwicklungsansatz: Die Roboter werden zunächst mithilfe von Simulationen in virtuellen Gewächshäusern trainiert und validiert. Fehler können so korrigiert werden, bevor die Hardware im echten Einsatz ist, was die Iterationszyklen laut CEO Renji John von Monaten auf wenige Tage verkürzt. Sobald die Roboter im echten Gewächshaus agieren, speisen sie fortlaufend Daten in das System zurück. Es lernt kontinuierlich dazu und ist so optimal auf die Skalierung auf viele verschiedene Betriebe ausgerichtet. Die neuen Finanzmittel sollen nun genutzt werden, um die Technologie für die Ernte weiterer Anbaukulturen auszubauen.
Der Wettbewerb und die Monetarisierungsfalle
Trotz des Millionen-Fundings betritt eternal.ag kein unberührtes Feld. International etablierte Wettbewerber wie MetoMotion aus Israel, Four Growers aus den USA oder der niederländische Gewächshaus-Gigant Certhon besetzen bereits das lukrative Segment der automatisierten Ernte. Diese Unternehmen haben durch jahrelangen Echtwelt-Einsatz oft schon einen massiven Vorsprung beim Sammeln sensibler Greif-Daten für empfindliche Früchte.
Der entscheidende Erfolgsfaktor für eternal.ag wird daher die richtige Preisstrategie sein. Klassische Hardware-Verkäufe ("CAPEX"), bei denen Landwirte vorab hohe Investitionssummen für die Maschinen aufbringen müssen, stellen für die traditionell margenschwache Agrarbranche oft eine unüberwindbare Hürde dar. Um das eigene Versprechen von für den Landwirt/der Landwirtin "zuverlässig planbaren Betriebsabläufen" einzulösen, wird sich das Start-up voraussichtlich auf kund*innenfreundlichere, aber stark kapitalbindende Modelle stützen müssen. Dazu zählen "Robotics-as-a-Service" (RaaS), bei dem Landwirt*innen die Roboter analog zu Software-Abos inklusive Wartung flexibel mieten, oder leistungsbasierte "Pay-per-Pick"-Ansätze, bei denen nur pro geerntetem Kilogramm bezahlt wird. Nur mit risikoarmen Einstiegsmodellen wird sich das Kölner Start-up gegen die globale Konkurrenz behaupten können.
boboola: Zwischen Bilderbuch und App
Schluss mit der Reizüberflutung: Das 2025 von Jürgen (Joe) Schmitt und Frank H. P. Dohrmann gegründete EdTech-Start-up boboola will seinen digitalen Premium-Edu Books die Lücke zwischen klassischem Bilderbuch und App schließen. Wir haben uns mit Co-Founder Joe Schmitt über das Geschäftsmodell und die möglichen Stolperfallen im hart umkämpften EdTech-Markt ausgetauscht.
Wie sieht digitale Bildung aus, die Konzentration fördert, statt durch ständige Reize abzulenken? Das 2025 gegründete Start-up boboola liefert mit seinen sogenannten Edu Books eine Antwort auf die aktuelle Marktsättigung durch fragmentierte Spiele-Apps. Das Ziel ist die Etablierung einer neuen Produktkategorie im EdTech-Sektor für Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren, die die narrative Tiefe eines klassischen Bilderbuchs mit den interaktiven Möglichkeiten moderner Multimedia-Technologie vereint.
Die Köpfe hinter boboola
Hinter dem Start-up stehen federführend zwei Gründer: CEO und Creative Director Jürgen (Joe) Schmitt bringt laut Unternehmensangaben ein Studium der Soziologie, Politik und Pädagogik sowie 30 Jahre Erfahrung als Etatdirektor, Designer und Projektmanager im Agenturgeschäft mit. Sein Mitgründer Frank H. P. Dohrmann verantwortet die Bereiche Controlling und Kooperationen. Der Diplom-Ökonom und Unternehmersohn verweist auf 25 Jahre kaufmännische Verantwortung in Familienunternehmen der Sektoren Logistik, Lebensmittelgroßhandel und Rohstoffe. Ein genauerer Blick in sein heutiges unternehmerisches Umfeld zeigt zudem, dass Dohrmann ein erfahrener Akteur im Immobilien-, Finanz- und Anlagebereich ist.
Fokus statt Swipen
Als Gegenentwurf zu schnelllebigen Apps startete boboola nun im März 2026 den Verkauf der digitalen Edu Books über den eigenen Online-Shop. Ein Edu Book folgt keiner typischen App-Logik, sondern der Dramaturgie einer durchgehenden Geschichte. Um unterschiedlichen Nutzungssituationen gerecht zu werden, bietet das Format einen integrierten „Kids“-Modus mit Audiobook, durch den Kinder die Inhalte selbständig erkunden können. Im „Kids+“-Modus lässt sich hingegen der Text für Eltern zum Mit- oder Vorlesen einblenden. Technisch setzt boboola auf etablierte Web-Standards wie EPUB3, XPUB und HTML5. Die digitalen Bücher sind zudem komplett offline nutzbar und für iPads, MacOS- sowie Android-Tablets optimiert.
Doch wie verhindert man bei einer jungen Zielgruppe, dass die interaktiven Elemente passiv und ungeduldig durchgeklickt werden, wie sie es von anderen Spielen gewohnt sind? Joe Schmitt sieht hier die Eltern in der Pflicht und geht davon aus, dass diese sich das Premiumprodukt zunächst gemeinsam mit dem Kind anschauen. „Ein pädagogischer Aspekt ist hierbei unter anderem, dass Kinder lernen zuzuhören, bevor sie agieren“, betont der CEO und verweist darauf, dass die Charaktere im Buch alle Module ausführlich erklären. Tests hätten zudem gezeigt, dass Kinder und Eltern der Produktlogik gerne folgen.
Die Entscheidung, bewusst auf Web-Standards zu setzen und primär über den eigenen Shop zu verkaufen, um die typische App-Store-Logik zu umgehen, birgt Risiken. Die Bequemlichkeit der Eltern, die Käufe mit nur einem Klick gewohnt sind, könnte zur Hürde werden. Schmitt rudert hier leicht zurück und kündigt an, dass die Edu Books auch im Apple Books Store verfügbar sein werden. Dennoch verteidigt er den elitären Anspruch des Formats: „Unser Produkt ist ein ästhetisches und pädagogisches Gesamtkunstwerk, es entzieht sich damit bewusst einer Massenmarkt-Logik.“ Wer für ein solches Konzept keine Zeit oder Muße habe, greife vermutlich ohnehin zu digitalen Massenprodukten oder klassischen Bilderbüchern. Den Unterschied produziere man bewusst.
Markt, Wettbewerb und Preisgestaltung
Der EdTech-Markt für Vor- und Grundschulkinder ist lukrativ, aber hart umkämpft. Die Pressemitteilung des Start-ups suggeriert zwar, man erschaffe eine völlig neue Produktkategorie, doch dieser „unbesetzte Raum“ zwischen App und Buch ist in der Realität kleiner als dargestellt. Während Hardware-Giganten wie die Toniebox den reinen Audio-Markt dominieren und Start-ups wie Edurino mit haptischen Figuren auf app-basiertes Lernen setzen, gibt es im Bereich der interaktiven Bücher bereits massiven Wettbewerb. Analog dominiert Ravensburger mit dem „TipToi“-Stift. Im rein digitalen Raum auf Tablets bietet das Hamburger Unternehmen Tiger Media mit „TigerBooks“ längst ein erfolgreiches Flatrate-Modell an.
Boboolas Leitsatz „Ein Buch – keine App“ muss sich also gegen ein sehr erwachsenes Marktumfeld behaupten. Herausfordernd dürfte dabei vor allem die Preisstrategie werden. Für das Start-Sortiment ruft boboola Preise von 29,90 Euro für Storybooks und 12,90 Euro für Playbooks ab. Damit liegt ein einziges digitales Buch deutlich über der monatlichen Flatrate etablierter Wettbewerber*innen.
Konfrontiert mit dieser hohen finanziellen Eintrittsbarriere teilt Schmitt gegen die Konkurrenz aus: „Der Markt ist massiv geprägt von kurzweiligen digitalen App-Angeboten und Massenware, die zunehmend zu ruinös niedrigen Flatrate-Preisen angeboten wird.“ Mit wirklichem Lernen habe dies wenig zu tun. Der Gründer rechtfertigt den Preis mit dem eigenen Ökosystem an Charakteren, dem integrativen Konzept sowie der Bilingualität der Bücher.
Die Skalierbarkeit: Handwerk oder KI?
Angesichts dieser ambitionierten Preisgestaltung und des immensen Aufwands für multimediale Erlebniswelten stellt sich bei einem Start-up unweigerlich die Frage nach der Skalierbarkeit – und dem Einsatz von KI-Generatoren. Wie viel echte handwerkliche Kunst steckt noch in den Welten?
Auf diese Frage reagiert Schmitt pragmatisch und räumt den orchestrierten Einsatz moderner Software offen ein: Ohne diese Technologie sei das Produkt wirtschaftlich schlicht nicht umsetzbar. Der Fokus der Gründer liege nicht auf reiner Handarbeit, sondern auf der Umsetzung pädagogischer Prinzipien, bei denen Kinder über Geschichten und Emotionen involviert werden.
Mögliche Abstriche bei der visuellen Individualität der Welten ficht das Start-up nicht an. „Dass unsere Charaktere nicht die Einzigartigkeit einer Raupe Nimmersatt haben, nehmen wir in Kauf“, gesteht der CEO, verweist aber auf die kindliche Wahrnehmung: „Kinder lieben die Charaktere und kennen das Wort ‚austauschbar‘ nicht.“ Nachahmer*innen könnten zwar einzelne Figuren replizieren, ein komplexes Edu Book entstünde dadurch aber noch lange nicht.
Fazit
Mit boboola wagt ein deutsches EdTech-Start-up den bewussten Schritt in die Entschleunigung digitaler Medien für Kinder. Die Verbindungen der Gründer in den Finanz- und Anlage-Sektor deuten darauf hin, dass hier professionell und mit klarem Business-Case agiert wird. Doch das Start-up operiert in keinem luftleeren Raum. Gelingt es den Gründern nicht, den Premium-Preis durch herausragende didaktische Qualität im direkten Vergleich zur Konkurrenz zu rechtfertigen, könnte das anvisierte Category-Design an der Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe scheitern.
Werkstudent*innen einstellen: Kosten & Abgaben (inkl. 2026er Zahlen)
Start-ups brauchen smarte, motivierte Talente, doch das Personalbudget ist gerade in der Frühphase oft knapp. Werkstudent*innen scheinen hier die perfekte Lösung zu sein: Jung, akademisch gebildet und durch das "Werkstudentenprivileg" in den Lohnnebenkosten stark vergünstigt. Doch was kostet ein(e) Werkstudent*in wirklich?
Das sogenannte Werkstudentenprivileg klingt auf dem Papier hervorragend, birgt in der Praxis für Arbeitgebende aber einige rechtliche und finanzielle Stolperfallen. Wer Abgaben falsch berechnet oder die strikte 20-Stunden-Regel missachtet, riskiert bei der nächsten Betriebsprüfung teure Nachzahlungen.
Wir schlüsseln auf, welche Lohnnebenkosten beim Einstellen von Werkstudent*innen tatsächlich anfallen, worauf du zwingend achten musst und rechnen alles an einem konkreten Beispiel mit dem gesetzlichen Mindestlohn für 2026 vor.
Das Werkstudentenprivileg: Was Start-ups wissen müssen
Das Werkstudentenprivileg ist eine Sonderregelung in der deutschen Sozialversicherung. Es besagt, dass für immatrikulierte Studierende unter bestimmten Voraussetzungen keine Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung abgeführt werden müssen – und zwar weder vom Arbeitgebenden noch vom Arbeitnehmenden.
Damit du dieses Privileg rechtssicher nutzen kannst, müssen jedoch zwingend zwei Bedingungen erfüllt sein:
- Ordentliche Immatrikulation: Der oder die Studierende muss an einer staatlich anerkannten Hochschule eingeschrieben sein. Wichtig: Urlaubssemester oder ein reines Promotionsstudium berechtigen in der Regel nicht zur Nutzung des Privilegs.
- Das Studium steht im Vordergrund: Die Erwerbsarbeit darf das Studium zeitlich nicht überlagern. Hierfür gibt der Gesetzgeber eine strenge Grenze vor.
Die 20-Stunden-Regel (Die wichtigste Hürde) Das Herzstück des Werkstudentenprivilegs ist die 20-Stunden-Regel. Während der Vorlesungszeit darf ein(e) Werkstudent*in maximal 20 Stunden pro Woche arbeiten. Wird diese Grenze überschritten, entfällt das Privileg sofort und es greift die volle Sozialversicherungspflicht.
Die Ausnahme (26-Wochen-Regel): In der vorlesungsfreien Zeit (Semesterferien) oder bei reiner Wochenend- und Nachtarbeit dürfen Werkstudent*innen auch in Vollzeit arbeiten, sofern dies im Laufe eines Jahres nicht länger als 26 Wochen geschieht.
Welche Lohnnebenkosten fallen für Arbeitgeber an?
Räumen wir mit einem weit verbreiteten Mythos auf: Werkstudent*innen sind für den Arbeitgebenden nicht komplett abgabenfrei. Zwar entfallen drei große Versicherungssäulen, aber folgende Lohnnebenkosten müssen bei der Budgetplanung einkalkuliert werden:
- Rentenversicherung (RV): Hier gibt es kein Privileg. Werkstudent*innen sind voll rentenversicherungspflichtig. Der Beitragssatz liegt aktuell bei 18,6 %, wovon der Arbeitgebende exakt die Hälfte trägt (9,3 % vom Bruttolohn).
- Umlagen (U1, U2, U3): Auch bei Werkstudent*innen sind Arbeitgebende verpflichtet, an den Umlageverfahren der Krankenkassen teilzunehmen. Diese decken finanzielle Risiken wie Krankheitsausfall (U1), Mutterschutz (U2) und Insolvenzgeld (U3) ab. Die Höhe variiert je nach Krankenkasse, liegt in Summe aber meist bei ca. 1,5 % bis 2,5 % des Bruttogehalts.
- Gesetzliche Unfallversicherung: Jede(r) Arbeitnehmende muss bei der zuständigen Berufsgenossenschaft unfallversichert werden. Diesen Beitrag trägt der Arbeitgebende allein. Er ist branchenabhängig und liegt oft zwischen 1 % und 2 %.
- Lohnsteuer: Fällt grundsätzlich an, wird aber meist über den steuerlichen Grundfreibetrag der Studierenden abgefedert oder vom Arbeitgebenden pauschaliert. Für dich als Gründer*in bedeutet dies einen administrativen Aufwand bei der Lohnabrechnung, aber in der Regel keinen direkten Kostenpunkt.
Konkretes Rechenbeispiel (Stand 2026)
Machen wir das Ganze greifbar: Seit dem 1. Januar 2026 liegt der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland bei 13,90 € pro Stunde.
Nehmen wir an, dein Start-up stellt einen Werkstudenten für die vollen 20 Stunden pro Woche ein. Das entspricht im Monatsdurchschnitt etwa 86,6 Stunden. Wir rechnen mit dem aktuellen Mindestlohn.
Kostenpunkt (Arbeitgeber) | Berechnungsgrundlage | Monatliche Kosten |
Bruttolohn | 86,6 Std. × 13,90 € | 1.203,74 € |
Rentenversicherung (RV) | 9,3 % vom Brutto | 111,95 € |
Umlagen (U1, U2, U3) | ca. 2,5 % vom Brutto (kassenabhängig) | 30,09 € |
Unfallversicherung (BG) | ca. 1,5 % vom Brutto (branchenabhängig) | 18,06 € |
Gesamtkosten Arbeitgeber | Brutto + alle Nebenkosten | ca. 1.363,84 € |
Ergebnis: Du musst beim Werkstudentenprivileg mit Lohnnebenkosten in Höhe von rund 12 % bis 14 % auf das Bruttogehalt rechnen. Zum Vergleich: Bei regulär sozialversicherungspflichtigen Festangestellten liegen die Lohnnebenkosten für den Arbeitgebenden bei deutlich über 20 %.
Abgrenzung: Wann lohnt sich ein Minijob mehr?
Oft stehen Gründer*innen vor der Frage, ob sie eine Aushilfskraft als Werkstudent *in oder als Minijobber*in einstellen sollen. Seit dem 1. Januar 2026 liegt die Verdienstgrenze für Minijobs bei 603 € im Monat.
Der große Unterschied: Beim Minijob zahlt der Arbeitgebende pauschale Abgaben von rund 30 % an die Minijob-Zentrale. Für die Administration ist das oft leichter, prozentual gesehen aber teurer.
Die Faustregel: Suchst du nur punktuelle Unterstützung für sehr wenige Stunden im Monat (unterhalb der 603-Euro-Grenze), ist der Minijob bürokratisch oft entspannter. Benötigst du aber fundierte Unterstützung für 15 bis 20 Stunden pro Woche, fährst du mit dem Werkstudent*innen-Modell finanziell deutlich günstiger.
Fazit & Checkliste für Gründer*innen
Werkstudent*innen sind ein enormer Gewinn für junge Unternehmen. Sie bringen frisches Wissen aus der Uni mit, sind hoch motiviert und im Vergleich zu Festangestellten günstiger in den Lohnnebenkosten. Damit alles glattläuft, nutze vor der Einstellung diese kurze Checkliste:
- [ ] Immatrikulationsbescheinigung: Liegt das Dokument für das aktuelle Semester vor? (Achtung: Muss jedes Semester neu angefordert werden!)
- [ ] Vertragliche Absicherung: Ist die maximale Arbeitszeit von 20 Stunden pro Woche (während der Vorlesungszeit) im Arbeitsvertrag festgeschrieben?
- [ ] Sozialversicherung: Ist die Anmeldung bei der Krankenkasse als Werkstudent*in (Beitragsgruppe "0100" o. ä.) korrekt vorbereitet?
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine rechtliche oder steuerliche Beratung dar. Obwohl die Inhalte mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert wurden, können wir keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Informationen übernehmen. Bitte konsultiere bei spezifischen Fragen stets eine(n) Steuerberater*in oder Fachanwalt bzw. -anwältin.
Marke anmelden beim DPMA: Kosten, Dauer & Schritt-für-Schritt-Anleitung 2026
Der Name steht, das Logo sieht fantastisch aus und die erste Website ist online. Doch wem gehört dein Start-up-Name eigentlich rechtlich? Wer seine Marke nicht offiziell schützen lässt, riskiert nicht nur, dass Nachahmer den Namen kopieren, sondern auch teure Abmahnungen von Unternehmen, die zufällig ähnlich heißen. Doch was kostet eine Markenanmeldung in Deutschland wirklich? Wir zeigen dir die aktuellen Gebühren des DPMA, wie du Fördermittel abgreifst und wo du auf keinen Fall sparen solltest.
Viele Gründer*innen haben Angst vor immensen Anwaltskosten und schieben die Markenanmeldung auf die lange Bank. Ein fataler Fehler. Dabei sind die reinen Amtsgebühren überraschend überschaubar – wenn man das System der sogenannten "Nizza-Klassen" versteht.
Die amtlichen DPMA-Kosten 2026 im Überblick
Wenn du deine Marke nur für den deutschen Markt schützen möchtest, ist das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) in München zuständig. Das Amt berechnet für die Anmeldung feste Gebühren, die unabhängig davon sind, ob du ein Wort oder ein Logo schützen lässt.
Der Preis richtet sich primär nach der Anzahl der sogenannten Waren- und Dienstleistungsklassen (Nizza-Klassifikation). Du musst bei der Anmeldung angeben, in welchen Branchen deine Marke geschützt werden soll (z. B. Klasse 25 für Bekleidung, Klasse 42 für Softwareentwicklung).
Leistung des DPMA | Kosten |
Elektronische Anmeldung (Online) | 290 Euro |
Anmeldung in Papierform | 300 Euro |
Inkludierte Klassen in der Grundgebühr | Bis zu 3 Klassen inklusive |
Klassengebühr ab der 4. Klasse | 100 Euro (pro weiterer Klasse) |
Beschleunigte Prüfung (Optional) | 200 Euro |
Gut zu wissen: Mit der Zahlung dieser Grundgebühr ist deine Marke für 10 Jahre geschützt. Danach wirsd eine Verlängerungsgebühr (aktuell 750 Euro) fällig.
Tipp für 2026: Der KMU-Fonds der EU zahlt mit
Bevor du nun die 290 Euro an das DPMA überweist, solltest du prüfen, ob dein Start-up förderfähig ist. Auch im Jahr 2026 hat das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) den sogenannten KMU-Fonds ("SME Fund") neu aufgelegt.
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit Sitz in der EU können hier Gutscheine beantragen, bevor sie ihre Marke anmelden. Wenn der Antrag bewilligt wird, erstattet dir die EU bis zu 75 % der Markenanmeldegebühren zurück. Aus den 290 Euro beim DPMA werden so faktisch knapp über 70 Euro. Ein massiver Hebel für das knappe Bootstrapping-Budget!
Wortmarke oder Bildmarke? Die richtige Strategie wählen
Beim DPMA kannst du verschiedene Markenformen anmelden. Die zwei wichtigsten für Start-ups sind:
- Die Wortmarke: Sie schützt den reinen Text (den Namen deines Start-ups), völlig unabhängig von Schriftart, Farbe oder Logo. Die Wortmarke bietet in der Regel den stärksten und umfassendsten Schutz!
- Die Bildmarke: Sie schützt rein grafische Elemente (dein Logo-Symbol).
- Die Wort-/Bildmarke: Eine Kombination aus deinem Namen und einem spezifischen Design. Achtung: Hier ist oft nur exakt diese Kombination geschützt. Wenn du dein Logo in zwei Jahren re-designst, verfällt der Schutz unter Umständen.
Praxis-Tipp: Wenn dein Start-up-Name rechtlich schützbar ist (also nicht rein beschreibend wie "Schuh-Shop Berlin"), melde ihn als Wortmarke an. Das gibt dir maximale Flexibilität für zukünftige Logo-Anpassungen.
Die größte Kostenfalle: Warum das DPMA dich nicht vor Abmahnungen schützt
Hier liegt der häufigste und teuerste Irrtum von Gründer*innen: Das DPMA prüft bei deiner Anmeldung nur, ob absolute Schutzhindernisse vorliegen (z.B. ob das Wort ein allgemeiner Gattungsbegriff ist oder gegen die guten Sitten verstößt).
Das Amt prüft NICHT, ob es deinen Namen (oder einen sehr ähnlichen) bereits gibt!
Wenn du 290 Euro zahlst und die Marke eingetragen wird, hast du noch lange keine Rechtssicherheit. Existiert bereits eine ältere, verwechselbar ähnliche Marke, kann deren Inhaber*in innerhalb von drei Monaten Widerspruch einlegen oder dich sogar kostenpflichtig abmahnen. Solche markenrechtlichen Abmahnungen beginnen aufgrund der hohen Streitwerte meist bei Anwaltskosten von 1.500 bis 2.000 Euro aufwärts.
So schützt du dich vor versteckten Kosten:
- Kostenlose Vorab-Recherche: Nutze die kostenlose Datenbank des DPMA (DPMAregister), um zu prüfen, ob es identische Namen in deinen Wunschklassen gibt.
- Professionelle Ähnlichkeitsrecherche: Identische Namen findet man leicht selbst. Gefährlich wird es bei ähnlichen Namen (z.B. Puma vs. Poma). Hier lohnt es sich, für ca. 300 bis 600 Euro einen Fachanwalt / eine Fachanwältin für gewerblichen Rechtsschutz mit einer professionellen Markenrecherche inklusive Risikogutachten zu beauftragen. Diese Anwaltskosten sind die beste Versicherung gegen spätere, existenzbedrohende Abmahnungen.
Fazit: Budgetiere smart, aber spare nicht am falschen Ende
Die Anmeldung einer deutschen Marke kostet dich reine Amtsgebühren in Höhe von 290 Euro für zehn Jahre – über den EU-Fonds 2026 sogar noch deutlich weniger. Die eigentliche finanzielle Gefahr liegt nicht in der Anmeldung selbst, sondern in der fehlenden Vorab-Recherche. Wer blind anmeldet, spielt russisches Roulette mit seinem Start-up-Budget.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine verbindliche Rechtsberatung dar. Das Markenrecht ist hochkomplex. Wir übernehmen keine Haftung für die Vollständigkeit und Aktualität der Gebühren (Stand: Frühjahr 2026). Vor einer Markenanmeldung empfehlen wir dringend die Konsultation eines Fachanwalts für gewerblichen Rechtsschutz, um eine professionelle Ähnlichkeitsrecherche durchführen zu lassen.
blue activity sichert sich 8,5 Mio. Euro für biozidfreie Kühlwasserbehandlung
Das Heidelberger CleanTech-Start-up blue activity schließt eine beachtliche Finanzierungsrunde ab. Mit einem unkonventionellen biologischen Ansatz fordert das Team die klassischen Verfahren der industriellen Kühlwasseraufbereitung heraus. Ein Blick auf das Geschäftsmodell, den Milliardenmarkt und die Hürden der Skalierung.
Das im Jahr 2021 gegründete Wassertechnologie-Start-up blue activity aus Heidelberg meldet den Abschluss einer weiteren großvolumigen Finanzierungsrunde in Höhe von 8,5 Millionen Euro. Das Unternehmen deklariert diese als Seed-Runde – ein aus journalistischer Sicht bemerkenswerter Schritt, da bereits Anfang 2023 der österreichische Investor Epoona in einer frühen Phase eingestiegen war. Die aktuelle Runde wurde gemeinsam von den VC-Fonds Wind Capital (Paris) und Venture Stars (München) angeführt, unter Beteiligung von Angel Invest (Berlin). Das frische Kapital soll die Produktentwicklung beschleunigen, das Team auf 15 Mitarbeitende erweitern und die kommerzielle Expansion in Europa vorantreiben.
Das Gründer-Duo
Hinter blue activity stehen CEO Lars Havighorst und Co-Founder sowie CTO Michael Simon. Die Gründung basierte auf der Mission, industrielle Verdunstungskühlsysteme chemiefrei und nachhaltig zu behandeln. Bemerkenswert ist Havighorsts Hintergrund: Vor seiner Zeit als CleanTech-Gründer war er rund 15 Jahre im Vertrieb der Finanzbranche tätig, bevor er den Quereinstieg in die Wassertechnologie wagte. Dabei ergänzt sich das Führungsduo: Während Havighorst die kommerzielle Skalierung treibt, verantwortet Simon als technologisches Rückgrat die Kombination aus neuartiger Mikrobiologie und IoT-Sensorik.
Technologie und Geschäftsmodell
Industrielle Verdunstungskühlanlagen verschlingen enorme Mengen an Wasser und stützen sich traditionell auf biozidbasierte Behandlungsprogramme. Blue activity setzt hier auf einen Paradigmenwechsel: Anstelle von Gefahrstoffen soll ein neuartiger technologischer Ansatz eine umweltfreundliche, chemiefreie und effiziente Wasseraufbereitung ermöglichen.
Der wirtschaftliche Pitch, mit dem das Startup bei der Industrie punkten will, stützt sich auf laut eigenen Angaben messbare Effekte:
- Kostenreduktion: Das Unternehmen verspricht signifikante OPEX-Einsparungen von bis zu 15 % der gesamten Kosten der Kühlwasserbehandlung.
- Anlageneffizienz: Diese sollen durch einen reduzierten Chemikalieneinsatz, geringeren Wartungsaufwand sowie eine verlängerte Lebensdauer der Anlagen erreicht werden. Berichte aus der Fachpresse (z. B. Handelsblatt, Industrieanzeiger) stützen die These der Effizienz und zitieren bei Bestandskunden Wasserverbrauchssenkungen von bis zu 38 Prozent.
Markt und Wettbewerb
Ein wesentlicher Treiber für das Geschäftsmodell ist das regulatorische Umfeld. Da Grenzwerte für Abwassereinleitungen zunehmend verschärft werden, werden traditionelle chemische Verfahren laut blue activity immer kostenintensiver und komplexer in der Handhabung. Die biologische Methode soll die Risiken im Zusammenhang mit Einleitungen senken und eine langfristige regulatorische Compliance unterstützen.
Die Herausforderung
Der Markt für industrielle Wasserbehandlung ist sicherheitsgetrieben und extrem konservativ. Kühltürme sind kritische Infrastrukturen – ein mikrobiologisches Ungleichgewicht kann schwere gesundheitliche und rechtliche Folgen haben. Ein Start-up, das hier eine neuartige Lösung anbietet, muss massives Vertrauen aufbauen. Dass diese Hürde überwindbar ist, zeigt ein Blick auf das aktuelle Kundenportfolio: Laut Branchenberichten zählen Schwergewichte wie BASF, Braskem und die Salzgitter AG bereits zu den Nutzern der Technologie.
Fazit & Einordnung
Mit 8,5 Millionen Euro handelt es sich um eine außergewöhnlich große Frühphasen-Runde im deutschen B2B-Hardware/DeepTech-Sektor. Das internationale Investorenkonsortium bringt dabei ein starkes Netzwerk in den europäischen CleanTech-Markt ein.
Blue activity profitiert von einer starken Problem-Lösungs-Passung: Das Team liefert der Industrie nicht nur moralische Umweltargumente, sondern mit der versprochenen OPEX-Reduktion knallharte betriebswirtschaftliche Anreize. Gelingt es den Heidelbergern, diese Ergebnisse dauerhaft in der industriellen Breite zu skalieren, wartet ein gigantischer Markt: Das globale Volumen für die industrielle Wasseraufbereitung lag 2024 bei rund 46 Milliarden USD und wächst stetig weiter. Das Kapital ist nun der entscheidende Hebel, um in diesem hochkomplexen Marktumfeld die Marktführerschaft für biozidfreie Alternativen anzugreifen.
Infokasten: Die Meilenstein-Historie von blue activity
Jahr / Zeitraum | Meilenstein | Redaktionelle Einordnung / Details |
2021 | Gründung | Lars Havighorst und Michael Simon gründen das CleanTech-Unternehmen in Heidelberg. |
Januar / März 2023 | Erste Seed-Runde | Der österreichische Umwelttech-Investor Epoona steigt mit ca. 500.000 Euro ein, um den Marktaufbau zu finanzieren. |
2023 / 2024 | Proof of Concept (BASF) | Erfolgreiches Pilotprojekt am Standort Ludwigshafen. Der Chemiegigant rüstet in der Folge erste Produktionsstätten auf die biozidfreie Technologie um. |
Februar 2026 | 8,5 Mio. € (Late-)Seed-Runde | Abschluss der neuen, großvolumigen Finanzierungsrunde unter Führung von Wind Capital und Venture Stars. Das Unternehmen deklariert dies offiziell als "Seed-Runde". |
Women Entrepreneurship Monitors 2024/25: Frauen fördern Gründerinnen – Männer bleiben lieber unter sich
Informelles Kapital ist der Treibstoff der frühen Phase. Doch eine neue Auswertung des „Women Entrepreneurship Monitors 2024/25“ zeigt: Wo Geld fließt, spielt das Geschlecht eine entscheidende Rolle. Während Frauen gezielt Gründerinnen stärken, investieren Männer weiterhin überwiegend in Männer. Das hat weitreichende Folgen für das Start-up-Ökosystem.
In der ganz frühen Phase einer Gründung, wenn klassische Bankkredite noch in weiter Ferne liegen, schlägt die Stunde der informellen Investor*innen. Ob Business Angels oder das private Umfeld: Ohne dieses Kapital würden viele Ideen den Sprung zum Markteintritt nicht schaffen.
Eine aktuelle Studie des RKW Kompetenzzentrums in Kooperation mit dem Thünen-Institut offenbart nun jedoch eine tiefe Kluft im Investitionsverhalten. Die Daten, basierend auf dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM), zeigen ein deutliches Muster: Man investiert bevorzugt in das eigene Geschlecht.
Die Zahlen: Einseitigkeit bei den Männern
Besonders deutlich wird dies bei den männlichen Kapitalgebern. Rund 64 Prozent ihres Kapitals floss im Jahr 2024 in Gründungen von Männern. Nur magere 18 Prozent der männlichen Investitionen kamen Gründerinnen zugute.
Frauen zeigen sich hier deutlich offener: Fast 60 Prozent der informellen Investorinnen unterstützten andere Frauen. Gleichzeitig floss knapp ein Drittel ihres Kapitals in männlich geführte Startups. Damit investieren Frauen weitaus häufiger geschlechterübergreifend als ihre männlichen Pendants.
Mutiger außerhalb der Familie
Ein weiteres Detail der Studie betrifft die soziale Nähe zum Investitionsobjekt. Zwar bleibt der Kreis aus Familie und Freunden („Family and Friends“) für beide Geschlechter wichtig (ca. 37 bis 39 Prozent), doch bei Investitionen außerhalb des sozialen Nahfelds haben Frauen die Nase vorn:
- Frauen: 51 Prozent investieren in Personen außerhalb des engen Kreises (z. B. Fremde mit guten Ideen oder Kollegen).
- Männer: Hier liegt der Anteil bei lediglich 42 Prozent.
Dies deutet darauf hin, dass Frauen bei ihren Investment-Entscheidungen häufiger sachbezogen und jenseits bestehender privater Netzwerke agieren.
Einordnung für die Praxis
Für das Startup-Ökosystem ist dieser Befund ein Weckruf. Da Männer mit einer Quote von 9 Prozent deutlich häufiger als informelle Investoren auftreten als Frauen (5,1 Prozent), entsteht für Gründerinnen ein struktureller Nachteil beim Kapitalzugang.
Was bedeutet das für Gründer*innen und Investor*innen?
- Netzwerk-Strategie: Gründerinnen sollten gezielt weibliche Business-Angel-Netzwerke ansprechen. Die Daten belegen hier eine signifikant höhere Erfolgswahrscheinlichkeit.
- Unconscious Bias: Männliche Investoren sollten ihr Portfolio kritisch prüfen. Wer nur in das eigene Spiegelbild investiert, übersieht lukrative Investmentchancen in weiblich geprägten Märkten.
- Strukturelle Förderung: Um die Finanzierungslücke für Frauen zu schließen, ist nicht nur mehr Wagniskapital nötig, sondern vor allem eine Stärkung der weiblichen Investorinnen-Basis.
Fazit
Der Women Entrepreneurship Monitor macht klar: Kapital ist in Deutschland (noch) nicht geschlechtsneutral. Die größere Offenheit der Frauen beim Investieren sollte als Vorbild dienen, um die deutsche Startup-Landschaft diverser und damit wettbewerbsfähiger zu machen.
