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Mit Visual Content auf der Überholspur
Wofür und wie du automatische Bildgenerierung in deinem Start-up gewinnbringend einsetzen kannst.
Ansprechende visuelle Inhalte zu gestalten, ist für Entrepreneur*innen eine Aufgabe, die täglich viel Zeit kosten kann. Doch gerade für Start-ups ist sie besonders wichtig, da Gründer*innen ihre Marke erst noch aufbauen müssen. Automatische Bildgenerierung ermöglicht es dir, die Gestaltung von Bannern, Social-Media-Beiträgen oder Newsletter-Coupons innerhalb von Minuten zu realisieren. Ist die Bildvorlage einmal fertig, können Textelemente und Bilder schnell und hundertfach automatisch ausgetauscht werden. Wer auf diese Weise repetitive Aufgaben im Marketing digitalisiert, spart seine Ressourcen und verschafft sich einen Vorteil im Wettbewerb.
Was Bildgenerierung bedeutet und wie du sie nutzt
In diesem Artikel ist die Definition von Bild weit gefasst und beinhaltet Banner, Grafiken oder Fotos mit Beschriftung. Die ersten Programme für die automatische Generierung von Bildern kamen 2021 auf den Markt; die Entwicklung ist also noch relativ neu. Alternativ spricht man auch von automatischer Bilderzeugung oder Bildautomatisierung. Im Internet findest du die Tools unter dem Stichwort Automated Image Generation oder Image Generation Api. Doch Achtung: Die automatische Bildgenerierung ist nicht zu verwechseln mit der sogenannten Text-to-Image-AI, bei der anhand von schriftlichen Anweisungen reine KI-Bilder erzeugt werden.
Beispiel: Erzeugung von Bannern im E-Mail-Marketing
Am besten lässt sich die Technik anhand eines Beispiels erklären. Möchtest du etwa eine E-Mail-Kampagne für alle Abonnent*innen deines Newsletters starten, wäre dies ein idealer Anwendungsfall. Jede(r) Abonnent*in soll ein individuelles Banner bekommen. Fotos, Text, namentliche Ansprache des/der Kund*in – alles soll maßgeschneidert sein. Egal, ob du nun als ersten Schritt eine Vorlage aus der Vorlagenbibliothek verwendest oder selbst eine gestaltest, wie du es vielleicht von Programmen wie Canva oder Crello kennst: Jedes Bild besteht aus Schichten (Layers), wie zum Beispiel Text, Bildern oder Hintergrund. Du definierst nun diese Schichten, legst das Layout fest und kannst dann die Vorlage automatisieren.
Im Prozess der Automatisierung kann das System die Schichten dynamisch in der Vorlage „ersetzen“ und so ein neues Bild erstellen. Im Idealfall importierst du noch eine Liste mit den Namen deiner Kund*innen in das Programm, um dir die Eingabe der einzelnen Namen zu ersparen. Es wäre auch möglich, jedem Kund*innenbanner noch ein individuelles Bild zuzuordnen. So kann das System dann in Sekunden hunderte oder tausende personalisierte Banner produzieren. Du könntest also deine Kampagne noch am gleichen Tag beginnen.
Je nach Programm gibt es verschiedene Möglichkeiten der Automatisierung, die nachfolgend näher erläutert werden sollen.
Bildgenerierung über die Website
Der simple Weg ohne großen Firlefanz: Du gibst die Daten der einzelnen Schichten in ein Formular oder, wenn es viele Banner auf einmal werden sollen, in eine Tabelle ein und lädst dort die Bilder hoch. Du kannst auch vorhandene Tabellen aus Google Sheets oder Microsoft Office importieren.
Bildgenerierung über No-Code-Tools
Wer über No-Code-Tools wie Zapier oder Integrately automatisiert, braucht keine Programmiersprache zu beherrschen. Personalisierte Bilder werden direkt in No-Code-Workflows generiert.
REST-API (Programmierschnittstellen)
Wenn du Vorkenntnisse in IT hast und das entsprechende Tool flexibel in dein System integrieren willst, ist diese Art der Automatisierung die richtige Wahl. Denn wer über REST-API automatisiert, also über Schnittstellen, muss programmieren können.
URL-Parameter
Auch hier brauchst du Kenntnisse im Programmieren. Dynamische Bilder entstehen, indem du Parameter im Bildlink veränderst (Bild, Text, Farbe etc.). Der Vorteil bei dieser Methode ist, dass Verknüpfungen gut erstellt werden können. So entsteht ein automatisierter Workflow. Im Fall des Kampagnenbeispiels könntest du die Banner gleich an deine Kund*innen verschicken, indem du den Bildgenerator mit deiner E-Mail-Automatisierung verknüpfst.
Die Vorteile der Bildgenerierung für Gründer*innen
Effizienz wird durch Marketing Automatisierung gesteigert. Gerade in Early-Stage-Start-ups fehlt die Zeit für die Gestaltung von visuellem Content, weil sich viele Aufgaben auf wenige Schultern verteilen. Besonders in den sozialen Medien sind jedoch regelmäßige Beiträge unerlässlich. Weil die Tools Bilder innerhalb von Minuten variieren können und nervige repetitive Aufgaben übernehmen, werden Ressourcen freigesetzt und die Effizienz erhöht. Wer erfolgreich sein will, darf die Wirksamkeit in den Arbeitsprozessen nie aus den Augen verlieren. Automatische Bildgenerierung ist ein Mittel, um kreative, finanzielle und zeitliche Ressourcen zu schonen.
Die Handhabung ist einfach
Die Programme sind komplex, allerdings bleibt dies in der Technik verborgen. Die Nutzeroberflächen hingegen sind intuitiv, übersichtlich und leicht zu bedienen. Je nach Vorkenntnissen können die Nutzer*innen in der Regel zwischen verschiedenen Wegen der Automatisierung wählen. Die Programme verfügen außerdem über Vorlagen-Bibliotheken, sodass Designerfahrung keine Voraussetzung ist.
Fehler werden vermieden
Wer hunderte Banner nacheinander von Hand anpasst, wird früher oder später Fehler machen. Hier schlägt der Algorithmus den Menschen. Fehler, die wiederum zeitraubend sein können, entstehen erst gar nicht.
Die Automatisierung hilft der SEO
Mit den Programmen können Nutzer*innen große Mengen an Bannern generieren. Es ist also möglich, für jeden Suchbegriff das passende Bild zu erzeugen. Und was nicht unterschätzt werden darf: Einzigartige Bilder, Unique Visual Content, finden die Suchmaschinen großartig. Wenn du deine Banner und Grafiken optimal für mehr Reichweite nutzen willst, kannst du das Thema Bilder-SEO mithilfe der Lektüre des Fachartikels von Melissa Fach vertiefen. Die Autorin erklärt, wie du Alt-Tags nutzt oder Bilder für Websites so optimierst, dass bei der Ladegeschwindigkeit noch ordentlich was geht.
Bildgenerierung als Einstieg in die Automatisierung
Programme zur Bildautomatisierung lassen sich gut mit anderer Software verknüpfen, etwa mit E-Mail-Automatisierungen. Sie sind niedrigschwellig und kosten nicht viel, sodass sie einen guten Ausgangspunkt darstellen, um in die Automatisierung einzusteigen. Wer gleich mit einem „Big Bang“ alles auf einmal automatisieren will, muss viel Geld und Ressourcen in die Hand nehmen. Ein agiler Ansatz ist hier oft vorteilhafter. In der Regel kann man die Tools einen begrenzten Zeitraum testen, bevor man ein Abo abschließt. In dieser Zeit hat man dann meist ein Recht auf 25 bis 30 generierte Bilder.
Automatische Bildgenerierung kann dir einen Vorteil im Wettbewerb bringen
Auch wenn die Tools seit 2021 langsam und stetig bekannter werden, gilt: Wer jetzt einsteigt, hat immer noch die Nase vorn. Doch der Nutzen liegt nicht allein darin, anderen voraus zu sein. Start-ups können sich ihren Wettbewerbsvorteil auch dadurch verschaffen, dass sie durch die Automatisierung visuellen Content ohne Grafik- und IT-Abteilung ganz nach Bedarf gestalten.
Anwendungsbereiche der Bildautomatisierung
E-Commerce
Wer seinen Kund*innen eine große Auswahl an Produkten bietet, weiß, wie viel Arbeit die ständige Aktualisierung des Online-Katalogs bedeutet. Für Rabattaktionen wie etwa einen Season Sale müssen viele Produktbilder ausgetauscht und Preise verändert werden. Wer dieses Ersetzen von Daten manuell erledigt, braucht viel Zeit und Nerven. Das Austauschen der einzelnen „Schichten“ in den Bildern (in dem Fall zum Beispiel Preise und Produktfotos) können Unternehmer*innen der Automatisierung überlassen und gewinnen so Zeit, um sich bereits mit der neuen Kollektion zu befassen oder Kund*innen noch intensiver zu betreuen.
E-Mail-Marketing
Bildgeneratoren ermöglichen dir, personalisierte E-Cards an deine Kund*innen zu verschicken, etwa bei Abschluss eines Vertrags. Auch Coupons können damit hundertfach produziert werden, ebenso wie Header, die schnell die verstärkte Aufmerksamkeit wecken können, damit Kund*innen den Text der E-Mail auch lesen. Wenn du dem Ganzen noch die Krone aufsetzen willst, verknüpfst du die Bildautomatisierung mit einer E-Mail-Automatisierung.
Unternehmensblog
Visueller Inhalt als Wiedererkennungseffekt ist hier das Schlagwort. Viele Blogger*innen teasern ihre Texte mit Grafiken, die passend zum Thema variiert werden. Da das Schreiben allein schon viel Arbeit macht, kann es eine Entlastung sein, wenn die Teaser-Bilder dank Bildgenerierung keinen Aufwand mehr darstellen.
Soziale Medien
Die sozialen Miedien ist einer der wichtigsten Bereiche für die Anwendung automatischer Bildgenerierung. Wer auf Instagram, Twitter oder Facebook Produkte vermarkten will, muss reaktionsschnell und stets aktiv sein. Das ist in Start-ups gar nicht so leicht, wo sich die Aufgaben türmen und das Team meist noch überschaubar ist. Aber auch in größeren Unternehmen fehlt für die sozialen Medien oft die Zeit. Lassen die Kommentare jedoch nach, vergessen die Nutzer*innen möglicherweise die Marken und verlieren diese mehr und mehr ihre Sichtbarkeit im Netz. Bildautomatisierung kann Unternehmer*innen helfen, durch regelmäßige Banner-Produktion Schritt zu halten und in gleicher Zeit mehr zu posten.
Social Commerce
Laut Studien kaufen bereits zwei Milliarden Menschen weltweit über soziale Netzwerke ein, Tendenz steigend. Instagram wird das Einkaufen voraussichtlich auch in Deutschland bald noch leichter machen. In den USA läuft der sogenannte In-App-Checkout, bei dem Nutzer*innen die Plattform zum Kaufen gar nicht mehr verlassen müssen, bereits erfolgreich. Um im Wettbewerb mitzuhalten, müssen Unternehmen demnach den Social Commerce ernst nehmen. Da kommen schnell viele Banner zusammen, die an das entsprechende Format der Plattform angeglichen werden müssen. Da jedes soziale Netzwerk seine eigene Zielgruppe hat, ist auch hier die Anpassung der Banner zu berücksichtigen. Mit der Automatisierung geht das schnell und einfach.
Datenschutz und Anbieterauswahl
Bei der Auswahl des/der Entwickler*in deiner Automatisierungssoftware hast du die Wahl zwischen Firmen, deren Server auf europäischem oder auf amerikanischem Boden stehen. Je nach Sicherheitsbedürfnis entscheidest du dich also für die strengere deutsche DSGVO oder den lockereren Datenschutz in den USA. Da es um Daten deines Unternehmens und deiner Kund*innen geht, solltest du dir darüber Gedanken machen. Vielleicht entscheidet auch die Sprache des Tools darüber, welches du letztendlich auswählst. Bisher gibt es Bildgeneratoren in englischer, deutscher und französischer Sprache.
Fazit
Der Nutzen automatischer Bildgenerierung ist groß, der zeitliche und finanzielle Aufwand gering. Deshalb sollten gerade Gründer*innen hellhörig werden, denn mit Personal, Zeit und Geld müssen Start-ups gut haushalten. Vielleicht winkt schon der nächste Auftrag, für den man diese Ressourcen besser brauchen könnte. Bildautomatisierung kann daher ein niedrigschwelliger Einstieg in die Digitalisierung sein, an der heute kein Unternehmen mehr vorbeikommt. Die Tools sind einfach zu handhaben und eignen sich daher auch für jene, die mit Technik allgemein auf Kriegsfuß stehen. Andererseits kommen dank der Wahlmöglichkeiten bei der Art der Automatisierung auch Tech-Freaks auf ihre Kosten. Für die Zukunft wird es eine spannende Frage sein, inwieweit die Entwickler*innen die Programme noch mit Elementen künstlicher Intelligenz aufrüsten werden und ob dann die Qualität der Ergebnisse befriedigend sein wird.
Die Autorin Friederike Marx-Kohlstädt ist Journalistin und verantwortet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Freiburger Softwareentwickler DynaPictures, https://dynapictures.de
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Das Betriebssystem des Gehirns: Wie NeuroTech die Grenze zwischen Mensch und Maschine auflöst und welche Start-ups dabei hierzulande federführend sind.
Der Moment, in dem eine gelähmte Person allein durch die Kraft ihrer Gedanken einen digitalen Cursor bewegt oder eine mechanische Prothese steuert, ist im Jahr 2026 längst kein Labor-Wunder mehr, sondern der Startpunkt einer industriellen Revolution. Wir befinden uns am Beginn des „Century of the Brain“. Pioniere wie das Münchner Scale-up munevo (gegründet 2018), das mit Smart-Glass-Steuerungen für Rollstühle Weltmarktführer wurde, oder die Freiburger Implantat-Spezialist*innen von CorTec (gegründet 2010), haben das technologische Fundament gegossen. Doch die neue Generation, die wir heute sehen, macht Neurotechnologie massentauglich und überführt sie aus der universitären Forschung in den klinischen und privaten Alltag.
Die Marktlage 2026
Der Markt hat 2026 eine neue Reifephase erreicht, maßgeblich getrieben durch Edge-AI. Bei dieser Technologie finden die komplexen KI-Berechnungen direkt auf dem Chip des Wearables statt, was Latenzzeiten eliminiert und die sensiblen neuronalen Daten lokal schützt. Branchenschätzungen auf Basis vergangener KfW-Innovationspanels deuten darauf hin, dass in den letzten 18 Monaten über 4,8 Milliarden Euro an Wagniskapital in europäische NeuroTech-Unternehmen geflossen sind. Zudem gehen Prognosen aus dem Umfeld von Branchenverbänden wie dem Bitkom davon aus, dass künftig jedes fünfte deutsche DeepTech-Start-up im Bereich Life Sciences neuronale Daten als Kernbestandteil seines Geschäftsmodells nutzen wird. Series-B-Runden unter 50 Millionen Euro sind bei technologischen Marktführer*innen mittlerweile die Ausnahme, da die regulatorischen Hürden der MDR (Medical Device Regulation) – der strengen EU-Verordnung für Medizinprodukte – enorme Kapitalpuffer für langwierige klinische Studien erfordern.
Jenseits von Neuralink: Die neuen Treiber der Branche
Drei technologische Sub-Sektoren dominieren das Jahr 2026. An vorderster Front steht die Closed-Loop-Neurostimulation, also „intelligente“ Hirnschrittmacher, die neuronale Biomarker in Echtzeit messen und Stimulationen (etwa bei Parkinson) nur dann auslösen, wenn das Gehirn sie wirklich benötigt. Ein weiterer Treiber sind Neuro-Wearables für die Arbeitssicherheit, die kognitive Überlastung messen, bevor menschliches Versagen zu Unfällen führt. Den dritten Block bildet das OPM-MEG (Optically Pumped Magnetometer-Magnetoencephalography). Diese neue Form der Hirnbildmessung nutzt Quantensensoren in leichten Helmen statt tonnenschwerer MRT-Geräte, um Demenz-Muster millimetergenau bei Raumtemperatur zu identifizieren.
Reality Check
Der Weg zum neuronalen Einhorn ist mit gescheiterten Hoffnungen gepflastert. Ein prominentes Mahnmal bleibt der Fall von Halo Neuroscience, die mit „Neuropriming“-Headsets für Sportler*innen einen Hype auslösten, aber letztlich an der mangelnden klinischen Evidenz scheiterten. Daraus hat die Branche vier fatale Fallstricke gelernt: Die Unterschätzung der klinischen Validierung, die Vernachlässigung der „Neuro-Ethics“ (Datensouveränität im Gehirn), das „Plattform-Paradoxon“ (Hardware ohne Software-Ökosystem) und der Versuch eines reinen B2C-Markteintritts ohne ärztliche Einbindung. Gründerinnen, die 2026 bestehen wollen, müssen den „Reimbursement-Weg“ über die Krankenkassen meistern.
Deutsche Brain-Hubs
Deutschland hat sich 2026 als globaler Forschungsanker etabliert. Freiburg bleibt durch das IMBIT das europäische Zentrum für Neuro-Implantate, während Berlin mit der Charité die klinische Validierung dominiert. München nutzt seine Stärke in der Robotik rund um die TU München für intelligente Prothesen, während in Karlsruhe am KIT ein Cluster für KI-basierte Diagnose-Algorithmen entstanden ist. Dresden fungiert derweil durch seine Mikroelektronik-Expertise als die „Werkbank“ für die hochspezialisierten Neuro-Chips der nächsten Generation.
Investor*innen-Radar
Die Finanzierungslandschaft ist 2026 hochgradig spezialisiert. Bei den VCs führen Fonds wie EQT Life Sciences (ehem. LSP) und Kurma Partners das Feld an, während Generalistinnen wie Lakestar oder HV Capital gezielt die Schnittstelle zwischen NeuroTech und generativer KI besetzen. Auf der Corporate-Ebene agieren die Investmentarme von Medtronic und Siemens Healthineers als strategische Anker. In der Frühphase sind es oft erfahrene Gründerinnen als Business Angels oder spezialisierte Syndikate wie die DeepTech Stars, die die ersten Millionen-Tickets lösen.
Diese NeuroTech-Start-ups solltest du 2026 auf dem Radar haben
Für die Auswahl der folgenden Start-ups wurden Unternehmen analysiert, die maximal sieben Jahre alt sind und mindestens TRL 6 (Technology Readiness Level 6) erreicht haben. Das bedeutet, die Technologie wurde bereits erfolgreich in einer klinisch relevanten Umgebung demonstriert. Weitere Kriterien waren die Patentdichte, die Validität des Geschäftsmodells sowie das Vertrauen führender MedTech-Investor*innen im Jahr 2025/26.
Black Semiconductor
Angeführt wird dieses Feld von Black Semiconductor aus Aachen, das 2020 von den Brüdern Dr. Daniel und Sebastian Schall gegründet wurde. Sie entwickeln Graphen-Chips – Halbleiter auf Basis von Kohlenstoff-Nanostrukturen, die Daten optisch übertragen und so künftig die enorme Rechenlast neuronaler KI bewältigen sollen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Deep-Tech-Hardware, gestützt durch eine Gesamtfinanzierung von über 254 Millionen Euro. Der Großteil davon (rund 229 Millionen Euro) stammt aus öffentlichen Förderprogrammen, ergänzt durch privates Kapital von Lead-Investor*innen wie Porsche Ventures und Project A. Gegenwärtig liegt der Fokus des Unternehmens auf der Validierung seiner neuen 300-mm-Wafer-Pilotfertigungslinie („FabONE“) in Aachen. Die Graphen-Technologie besitzt dabei das physikalische Potenzial, die Energieeffizienz und Übertragungsgeschwindigkeit gegenüber herkömmlichen Silizium-Chips massiv zu steigern.
CereGate
In München setzt CereGate, gegründet von Dr. Bálint Várkuti, neue Maßstäbe durch eine Software-Plattform, die Informationen direkt in das Gehirn „einschreibt“, um etwa sensorisches Feedback für Prothesen zu generieren. Ihr B2B-Software-Modell zielt auf Partnerschaften mit großen Implantat-Hersteller*innen ab und wird unter anderem von 468 Capital sowie re.Mind Capital unterstützt. Momentan bereitet das Team klinische Studien vor, um die strengen Anforderungen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) zu erfüllen. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der zukünftigen Behandlung von Parkinson-Gangstörungen, für die das Unternehmen mittelfristig eine entsprechende Zertifizierung und den Marktzugang anstrebt.
MindAhead
Den Bereich der Demenz-Prävention besetzt MindAhead aus Berlin, das 2022 unter anderem von Nina Kiwit und Pasquale Fedele ins Leben gerufen wurde. Ihre KI-Plattform zur Früherkennung und Verlangsamung kognitiven Abbaus wird durch den Roche-Partner RoX Health validiert. In dieser Phase konzentriert sich das Start-up auf die klinischen Studien für die offizielle Listung als dauerhafte DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung). Ziel ist es, nach erfolgreicher Zulassung allen gesetzlich Versicherten in Deutschland einen direkten, auf Rezept erstattungsfähigen Zugriff auf die App zu ermöglichen.
Metis Neurotec
Ebenfalls auf Diagnostik fokussiert ist Metis Neurotec aus Karlsruhe, eine Gründung von Dr. Simon Stock und Marius Gerdes, deren Ursprünge ins Jahr 2021 zurückgehen. Das Spin-off des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickelt eine KI-basierte Software-Plattform zur Demenzprävention. Statt auf EEG-Scans setzen sie auf die intelligente Analyse von individuellen Risikofaktoren und Alltagsdaten, um personalisierte Präventions- und Interventionspläne gegen kognitiven Abbau zu erstellen. Gegenwärtig steht die Weiterentwicklung und Validierung der Plattform im Vordergrund, um künftig als fundiertes digitales Werkzeug die präventive Versorgungskette – auch im ländlichen Raum – nachhaltig zu unterstützen.
Nuuron
Einen visionären Therapieansatz verfolgt das 2023 von Fabian Queisner und Dr. Markus Müschenich gegründete Berliner NeuroTech-Start-up Nuuron. Ihr digitaler „Memory Pacemaker“ zielt darauf ab, das Gedächtniszentrum über ultrahochfrequente visuelle Reize (VR/AR) zu aktivieren und soll künftig als digitale Therapie (DTx) zur Behandlung von Alzheimer-Demenz verschrieben werden. Mit dem kürzlich eingeworbenen Millionenkapital finanziert das Unternehmen nun groß angelegte Studien an der Berliner Charité sowie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), um die gezielte Reaktivierung gedächtnisrelevanter Hirnwellen klinisch zu belegen und den Markteintritt vorzubereiten.
DeepSpin
Parallel dazu arbeitet DeepSpin aus Berlin, das 2020 von Clemens Tepel und Pedro Freire Silva gegründet wurde, an der Revolutionierung der medizinischen Bildgebung durch tragbare KI-MRT-Systeme. Unterstützt durch Investorinnen wie APEX Ventures entwickelt das Team eine völlig neue Architektur, die auf vereinfachte, kostengünstige Magnete setzt und die fehlende Hardware-Präzision durch hochkomplexe KI-Algorithmen ausgleicht. Das langfristige Ziel ist es, MRT-Scans extrem kostengünstig und mobil direkt zu den Patient*innen (Point-of-Care) zu bringen. Derzeit forciert das Spin-off die technologische Entwicklung und Validierung seiner Systeme, um den Weg für zukünftige klinische Einsätze und behördliche Zulassungen zu ebnen.
BrainGrade
In der Hauptstadt ansässig ist auch BrainGrade, das 2019 von Peter Schlecht gegründet wurde und durch den renommierten kalifornischen Biotech-Accelerator IndieBio gefördert wird. Das Neurotech-Start-up arbeitet an intelligenten Gehirnimplantaten zur kognitiven Neurostimulation, um den Abbau bei Alzheimer-Patientinnen gezielt zu verlangsamen. Das hochkarätig besetzte Team konzentriert sich momentan intensiv auf die technologische Entwicklung und präklinische Validierung der Systeme. Das langfristige Ziel ist es, die Sicherheit und Wirksamkeit dieser Implantate in künftigen klinischen Studien am Menschen zu belegen und so die Unabhängigkeit von Patientinnen deutlich zu verlängern.
Internationaler Ausblick & Fazit
Global erleben wir 2026 eine Verschmelzung von NeuroTech und Generativer KI, wobei die USA bei „Brain-to-Text“-Anwendungen für den Massenmarkt führen, während Asien massiv in staatlich gefördertes Brain-Monitoring im Bildungssektor investiert. Europa hat jedoch die historische Chance, bei der ethisch fundierten, medizinisch zertifizierten Neurotechnologie Weltmarktführer zu bleiben. 2026 ist das Jahr, in dem Neurotechnologie den „Ivory Tower“ der Universitätskliniken endgültig verlässt und im heimischen Medizinschrank ankommt. Für Gründer*innen und Investor*innen bedeutet dies: Der Hype ist vorbei, die Ära der harten klinischen und ökonomischen Beweise hat begonnen.
KI gegen Buchhaltungsriesen: Wie Bonster den Spesen-Markt aufmischen will
Pay-per-Use statt Abo-Falle: Das Oldenburger Start-up fast2work attackiert mit seiner App bonster komplexe Software-Giganten. Doch reicht das Versprechen maximaler Einfachheit im Haifischbecken der FinTechs? Wir haben nachgehakt.
Es ist eines der letzten großen Ärgernisse im Arbeitsalltag von Freelancer*innen und kleinen Agenturen: Der Freitagabend, der für das Sortieren verknitterter Tankbelege und das Abtippen von Bewirtungsbelegen in Excel-Listen draufgeht. Genau hier setzt die Oldenburger fast2work GmbH mit ihrer am 17. Februar 2026 gelaunchten App bonster an, um den Papierkram bei der Reisekostenabrechnung zu beenden. Das Versprechen von Gründer und CEO Ronald Bankowsky: Drei Minuten Aufwand, KI-Automatisierung und keine Einstiegshürden.
Das Versprechen: Simpel statt Systemintegration
Die Funktionsweise der App ist bewusst minimalistisch gehalten: Beleg fotografieren, woraufhin die KI relevante Werte wie Datum, Betrag und Mehrwertsteuer ausliest, auf Duplikate prüft und eine fertige Abrechnung erstellt. „Kein Onboarding-Projekt, kein Vertriebsgespräch, kein IT-Setup“, fasst Bankowsky den Ansatz der Standalone-Lösung zusammen.
Die Zielgruppe ist klar definiert: Selbständige, Freelancer*innen und Mini-Teams, denen Enterprise-Lösungen wie SAP Concur zu mächtig und Start-ups wie Circula oder Pleo oft noch zu prozesslastig sind. Mit einem Preismodell von 1,99 Euro für Einzelabrechnungen und 6,99 Euro (Stand Ende Febr. 2026) für eine Flatrate positioniert sich das Unternehmen im unteren Preissegment.
Im Haifischbecken der Neobanken und Buchhaltungsriesen
Laut fast2work gab es bislang „kaum eine Alternative zwischen Excel und Enterprise-Software“. Diese Aussage hält einem Realitätscheck im Jahr 2026 allerdings nur bedingt stand. Bonster betritt ein Haifischbecken, denn die vermeintliche Lücke wird längst geschlossen.
Zum einen integrieren Buchhaltungsriesen wie Lexoffice oder sevDesk Reisekosten-Features immer tiefer in ihre Standardpakete. Zum anderen wildern Neobanken wie Qonto, Finom oder Kontist im selben Revier: Wer dort ein Geschäftskonto hat, bekommt die Belegzuordnung oft als „Commodity“ gratis dazu. Mit knapp 7 Euro im Monat bewegt sich bonster in einer Preisregion, in der man fast schon eine komplette einfache Buchhaltungssoftware bekommt. Die App muss also einen enormen Mehrwert bieten, um gegen die „Eh-da-Lösungen“ (Software, die Kund*innen ohnehin bezahlen) zu bestehen.
Auf die Frage, warum Freelancer*innen für eine Insellösung extra zahlen sollten, entgegnet der Gründer, dass bonster bewusst früher ansetze als klassische Tools. Das Hauptproblem sei nicht die Buchhaltung, sondern das Erfassen von Belegen unterwegs. „Genau dort scheitert es oft, weil Mitarbeitende keine komplexen Systeme nutzen wollen oder gar keine Zugänge haben“, argumentiert Bankowsky. Der Mehrwert liege nicht in einer weiteren Buchhaltungssoftware, sondern darin, dass durch die Reduzierung auf ein Foto „überhaupt verwertbare Abrechnungsdaten/Belege entstehen“.
Kritische Faktoren: GoBD und Datensicherheit
Neben der Marktpositionierung ist die Rechtssicherheit ein kritischer Faktor. „Fertige Abrechnung für die Buchhaltung“ ist ein mutiges Versprechen, da in Deutschland ein Foto allein oft nicht ausreicht; es muss GoBD-konform und revisionssicher archiviert werden. Zudem ist die KI-Nutzung datenschutzrechtlich sensibel. Wenn Bewirtungsbelege, die offenbaren, mit wem man gegessen hat, über US-Schnittstellen (z.B. OpenAI) fließen, ist das für deutsche Geschäftskund*innen und Steuerberater oft ein K.O.-Kriterium.
Auf die sensiblen Vorgaben der Finanzämter und den Serverstandort angesprochen, betont Bankowsky, dass die Verarbeitung „ausschließlich auf europäischen Servern“ erfolge. Zwar nutze man OpenAI-basierte Modelle, diese liefen jedoch über Azure-Rechenzentren im europäischen Raum. Datenschutz und regulatorische Anforderungen seien Grundvoraussetzung. Auch beim Export zum Steuerberater zeigt sich der Gründer zuversichtlich: Buchhaltungssysteme könnten die Daten direkt und „ohne manuelle Nacharbeit“ weiterverarbeiten.
Beta-Test als Exklusiv-Club
Zum Start setzt das Unternehmen auf eine Gamification des Rollouts. Die ersten 500 Nutzer*innen erhalten im „Club 500“ einen lebenslangen Rabatt von 50 Prozent. Was als Belohnung für Early Adopters verkauft wird, ist strategisch notwendig: Die KI muss lernen. Der Algorithmus braucht dringend „Real World Data“ – echte, verknitterte, schlecht beleuchtete Belege. Das bedeutet auch: Die ersten User*innen sind Teil des Entwicklungsprozesses.
Dass die App im Alltag noch dazulernen muss, räumt Bankowsky ein. Bei der reinen Datenerkennung sei man technisch auf dem aktuellen Stand. „Entscheidend ist jedoch die Qualität realer Belege im Alltag – etwa schlecht fotografierte oder handschriftliche Quittungen“, erklärt er den Bedarf an Praxis-Feedback. Durch schnelle Updates solle die Genauigkeit für alle Nutzer*innen laufend steigen.
Gegenmodell zur Ökosystem-Abhängigkeit
Wer ein Feature-Feuerwerk suche, werde bei bonster enttäuscht sein – was laut Unternehmen aus Überzeugung geschehe. Anbieter wie Rydoo verfolgten eine Strategie der maximalen Integration und langfristiger Verträge, was eine Abhängigkeit erzeuge, die ihr eigentliches Geschäftsmodell sei, so der Gründer. Wer einmal im Ökosystem stecke, wechsle nicht mehr, weil der Ausstieg zu teuer geworden sei.
Bonster positioniert sich als Gegenmodell für Unternehmen, die nicht für ungewollte Komplexität zahlen möchten: Kein Vertrag, keine Mindestnutzerzahl, Setup in unter fünf Minuten und ein Pay-per-Use-Modell. „Wer aufhören will, hört auf, ohne Konsequenzen“, beschreibt das Start-up den Ansatz der bewussten Entscheidung, Kund*innen freizulassen. Wer bleibe, tue dies, weil es funktioniere, was laut Bankowsky „die interessantere Innovation“ sei.
Fazit
Bonster ist ein innovativer Angriff auf die Zettelwirtschaft und wirkt durch den Verzicht auf starre Abo-Modelle bei der Einzelabrechnung fair. Doch die App steht und fällt mit der Schnittstellenkompetenz. Wenn der Export zu DATEV & Co. hakt, wird aus der Zeitersparnis schnell Mehrarbeit. Bonster muss beweisen, dass es die Brücke zwischen dem schnellen Foto und der strengen deutschen Buchhaltung schlagen kann – und zwar besser als die Banken, die das Feature bereits kostenlos anbieten.
Better Sol: Zweites Leben für die Solarwende
Wie das 2023 von Mirko Laube und Luisa Schulze gegründete Start-up Better Sol den PV-Gebrauchtmarkt aufmischen will.
Das Braunschweiger Start-up Better Sol erhält rund 125.000 Euro Förderung aus dem „Green Startup“-Programm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), um gebrauchte Solarpaneele in großem Stil zurück in den Markt zu bringen.
Hinter dem Start-up stehen Luisa Schulze und Mirko Laube. Better Sol entstand ursprünglich im Sommer 2022 als Ausgründung des Magdeburger Recycling-Unternehmens Solar Materials und agiert seit 2023 als eigenständige GmbH am Standort Braunschweig. Während sich die ehemalige Muttergesellschaft auf das komplexe werkstoffliche Recycling von Modulen konzentriert, widmet sich Better Sol voll und ganz dem „Second Life“ – also der direkten Wiederverwendung der noch intakten Platten.
KI-gestützte Prüfung statt Schredder
Die Beschaffungsseite von Better Sol zielt primär auf große Solarparks ab. Die Betreiber tauschen dort häufig größere Mengen an Solarmodulen recht früh in ihrem Lebenszyklus durch neuere, leistungsstärkere Modelle aus. Um diese Module vor dem Müll zu bewahren, hat das Better-Sol-Team mittels DBU-Förderung ein in Teilen automatisiertes Testsystem mit eigener Software auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt.
Der Prüfprozess beginnt mit einer mehrstufigen optischen Untersuchung, bei der sowohl grobe Beschädigungen als auch jede Solarzelle einzeln begutachtet werden. Im Anschluss folgen eine eingehende Prüfung der elektrischen Sicherheit sowie eine Leistungsüberprüfung, die misst, wie viel Watt das Produkt im Vergleich zur ursprünglichen Leistung noch liefert. Die Software führt all diese Daten automatisiert zu einer detaillierten Leistungsprognose zusammen. Jedes funktionstüchtige Modul erhält ein Label mit den Testdaten, einer zugewiesenen Leistungsklasse und einem umfangreichen Prüfprotokoll. Nur der endgültige Rest wird zum Recycling aussortiert. Der Vertrieb erfolgt direkt über die Internetseite von Better Sol. Zielgruppe sind oft Privathaushalte oder die Dächer größerer Fabrikhallen.
Der Markt und die Technologie im Wettbewerbsvergleich
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verbucht die Photovoltaik mittlerweile einen Anteil von etwa 24 Prozent und ist damit der zweitwichtigste Energieträger der inländischen Stromerzeugung. Das Reservoir an ausgemusterten, aber noch funktionierenden Modulen wächst rasant. Laut Schulze ist im Schnitt jedes zweite gebrauchte Solarmodul noch für eine erneute Nutzung geeignet. Doch der Gebrauchtmarkt professionalisiert sich zusehends.
Better Sol setzt aktuell auf eine pragmatische, KI-gestützte Teilautomatisierung und plant als nächsten logischen Entwicklungsschritt eine mobile Testanlage, um die Solarmodule direkt dort zu testen, wo sie ausgemustert werden. Genau in diesem logistisch entscheidenden Bereich der Vor-Ort-Prüfung operiert bereits der etablierte Wettbewerber 2ndlifesolar, eine Marke der großen Buhck Gruppe. 2ndlifesolar greift auf ein deutschlandweites Logistiknetzwerk zurück und kombiniert stationäre Erstbehandlungsanlagen mit mobilen Prüflaboren. Technologisch geht das Unternehmen tief in die industrielle Qualitätssicherung und führt standardmäßig Elektrolumineszenz-Prüfungen durch, um unsichtbare Mikrorisse im Vorfeld zu detektieren.
Einen völlig anderen, stark hochskalierten Weg bestreitet das österreichische CleanTech-Start-up 2nd Cycle. Das Unternehmen betreibt eine vollautomatische Inspektions- und Upcycling-Anlage im industriellen Hochdurchsatz und nutzt neben klassischer Robotik auch patentierte hyperspektrale Analysen aus der Raumfahrt, um Zellalterungen frühzeitig zu erkennen.
Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg
Das Vorhaben von Better Sol leistet einen fundamentalen Beitrag, um noch leistungsfähige Materialien durch geschickte Kreislaufwirtschaft für eine Weiternutzung zu erhalten, damit die Bemühungen für mehr erneuerbare Energien nicht ins Stocken geraten. Dennoch muss sich das Geschäftsmodell in einem harten Wettbewerb beweisen.
Die Handwerkerkosten für den Aufbau einer PV-Anlage auf einem Eigenheim sind hoch und fallen völlig unabhängig davon an, ob man neue oder gebrauchte Paneele installiert. Gleichzeitig steht der Markt unter enormem Preisdruck durch historisch günstige asiatische Neuware. Wenn fabrikneue Module extrem billiger werden, schwindet das Argument der finanziellen Ersparnis bei Gebrauchtmodulen mit kürzerer Restlebensdauer. Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von Better Sol liegt daher in der rigorosen Minimierung der eigenen Logistik- und Prozesskosten. Die geplante mobile Testanlage und die zusätzliche Automatisierung des Testsystems sind für das Start-up essenziell, um künftig auch größere Ausmusterungen von Solarparks wirtschaftlich bewältigen zu können.
Mio.-Funding und leergekaufte Lager: Die Entwicklung des BioTech-Start-ups PerioTrap
Ein selektiver Wirkstoff gegen Parodontitis, ausverkaufte Zahnpasta-Bestände und frisch eingesammelte 2,9 Mio. Euro: Das BioTech-Start-up PerioTrap verzeichnet derzeit ein starkes Momentum. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell? Eine Analyse zwischen wissenschaftlicher Innovation, Crowdinvesting-Strategie und zahnmedizinischer Realität.
Das Timing war für PerioTrap günstig. Als die Fraunhofer-Gesellschaft Anfang 2026 eine Mitteilung über den neuartigen Wirkstoff des Start-ups gegen Parodontitis veröffentlichte, war das Medienecho groß. Die Folge: Die neu gelaunchte Mikrobiom-Zahnpasta des Unternehmens war innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft. Auf diesen kommerziellen Soft-Launch folgte nun der finanzielle Nachschlag. Laut den offiziellen Angaben der Crowdinvesting-Plattform Companisto flossen in der aktuellen Finanzierungsrunde insgesamt 2,9 Millionen Euro in die Kassen, getragen vom Business-Angel-Netzwerk Companisto sowie einem Co-Investment der bmp Ventures (IBG-Fonds). Doch was macht PerioTrap für Anleger so interessant?
Von der Petrischale zum Produkt
Die Wurzeln von PerioTrap reichen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals begann die Erforschung des Parodontitis-Erregers Porphyromonas gingivalis im Rahmen des internationalen, EU-geförderten Forschungskonsortiums TRIGGER. Treibende Kraft war der Pharmazeut Dr. Mirko Buchholz, der mit über 25 Jahren Erfahrung in der Wirkstoffentwicklung den Kern der heutigen Technologie erfand. 2019 folgte gemeinsam mit dem Wirtschaftsexperten Pierre Tangermann (heute CEO) die offizielle Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Weinberg Campus in Halle (Saale).
Die Arbeitsteilung der Gründer ist klassisch: Buchholz fungiert als wissenschaftlicher Kopf (CSO), Tangermann übersetzt die Forschung als CEO in eine für Investor*innen verständliche „Equity Story“. Spätestens mit dem Gesamtsieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland im Jahr 2020 erlangte das Duo überregionale Sichtbarkeit, die konsequent für die Kapitalsuche genutzt wurde.
Modulation statt Breitbandwirkung
Der Markt, auf den PerioTrap zielt, ist groß. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung; laut der repräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) leidet mehr als die Hälfte der Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren an einer moderaten oder schweren Form. Die bisherigen Branchenstandards setzen meist auf Breitbandantibiotika oder Antiseptika wie Chlorhexidin. Das Problem dieser Lösungen: Sie greifen das gesamte orale Mikrobiom an und reduzieren auch die nützlichen Bakterien. Bei der Regeneration sind die aggressiven Parodontitis-Erreger oft schneller als die gesunden Bakterien – ein medizinischer Teufelskreis.
PerioTrap setzt stattdessen auf Selektivität. Nach Unternehmensangaben hemmt der patentierte Wirkstoff gezielt ein Enzym (die bakterielle Glutaminylcyclase) des Leitkeims P. gingivalis. Die krankmachenden Eigenschaften des Erregers sollen so blockiert werden, ohne das restliche Mikrobiom anzugreifen. Neben der frei verkäuflichen Zahnpasta für Endkund*innen positioniert das Start-up auch ein professionelles Pflege-Gel für die zahnärztliche Praxis. Zukünftig sollen Haustiere als weiterer Markt erschlossen werden.
Innovation oder ergänzendes Präparat?
Bei aller positiven Resonanz im Crowdinvesting darf das Geschäftsmodell kritisch eingeordnet werden:
- Die Grenzen der Biologie: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) lobte in einem aktuellen Statement vom Februar 2026 zwar den innovativen Ansatz aus den Laboren. Die Fachgesellschaft warnt jedoch davor, Parodontitis auf ein spezifisches Bakterium zu reduzieren. Es handele sich um eine polymikrobielle Infektion aus einem Zusammenspiel Hunderter Bakterienarten. Der PerioTrap-Wirkstoff attackiert den „Leitwolf“, kann die komplexe Krankheit als alleiniges Mittel jedoch nicht besiegen.
- Keine „Abkürzung“ für Patient*innen: Für den/die Endkund*innen birgt die Zahnpasta im Premium-Preissegment die Gefahr einer trügerischen Sicherheit. Gemäß den zahnmedizinischen Leitlinien der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Fachgesellschaften kann ein kosmetisches Zahnpflegeprodukt eine professionelle Diagnostik, mechanische Taschenreinigung und Therapieplanung beim Zahnarzt bzw. bei der Zahnärztin nicht ersetzen. Klinische Langzeitstudien am Menschen müssen erst noch beweisen, ob die Zahnpasta im Patient*innenalltag signifikante Effekte auf klinische Parameter wie Sondierungstiefen und Zahnfleischbluten hat.
- Crowdfunding als strategisches Instrument: Tangermann nutzt Plattformen wie Companisto sehr bewusst. Das bringt nicht nur Kapital, sondern auch sofortige Kund*innenkreise. Gleichzeitig räumt das Management ein, dass durch den Zuwachs an hunderten Kleininvestor*innen der administrative Abstimmungsprozess deutlich komplexer wird.
Klarer Fokus auf den Trade-Sale
Für die Start-up-Szene ist PerioTrap ein Beispiel dafür, wie komplexe „DeepTech“-Forschung in ein Consumer-Product übersetzt wird. Der Vertriebs-Soft-Launch als B2C-Zahnpasta generiert erste Umsätze, erzeugt mediale Aufmerksamkeit und senkt das wahrgenommene Risiko für institutionelle Investoren.
Doch das Endkunden-Geschäft mit Zahnpasta ist höchstwahrscheinlich nicht das finale Ziel der Gründer. Die Unternehmensstrategie deutet auf einen klassischen Trade-Sale hin: Man positioniert sich im stark wachsenden Segment der „Microbiome Oral Care“, baut Marktpräsenz und einen „Proof of Concept“ auf und macht sich als Übernahmeziel attraktiv. Große Akteure wie Colgate, GC Dental oder Haleon suchen kontinuierlich nach Innovationen in diesem Bereich.
PerioTrap hat mit dem jüngsten Funding und dem Verkaufsstart bewiesen, dass eine Nachfrage besteht. Nun folgt die anspruchsvollere Phase: Die Skalierung der Produktion und der wissenschaftliche Beweis, dass das große Interesse an der Mikrobiom-Zahnpasta dauerhaft gerechtfertigt ist und sich als fester Bestandteil der zahnmedizinischen Prävention etablieren kann.
Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein
Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.
Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.
Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.
Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger
Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.
+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++
Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“
KI-Tempo vs. Konzernstrukturen
Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.
Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“
Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“
Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz
Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.
Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.
Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.
Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.
Zwischen Convenience und Notariat
Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“
Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.
Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.
Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.
Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“
Der Lackmustest
Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.
Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“
Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.
Sizeless: Schluss mit „Da wächst du noch rein!“
Zu kleine Schuhe schaden Kinderfüßen, ständiger Neukauf belastet den Geldbeutel und die Umwelt. Das Kölner Start-up Sizeless präsentiert nun die Lösung: Einen Premium-Sneaker, der mechanisch um eine ganze Größe mitwächst. Wir sprachen mit den Gründern über den steinigen Weg vom ersten Prototyp bis zur ersten Funding-Kampagne.
Kinderfüße wachsen in rasantem Tempo – oft so schnell, dass die teuren neuen Schuhe schon nach wenigen Monaten wieder drücken. Im Schnitt benötigt ein Kind alle vier Monate neue Schuhe. Das geht nicht nur ins Geld, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt dar. Viele Eltern greifen auf eine pragmatische, aus orthopädischer Sicht jedoch problematische Lösung zurück und kaufen Schuhe schlichtweg zu groß, nach dem Motto: Da wächst du noch rein.
Die Folge sind nicht selten schlecht sitzende Schuhe, die das Gangbild beeinträchtigen und langfristig zu Fußfehlstellungen führen können. Drei Kölner Gründer wollen diesem Kreislauf aus ständigem Neukauf und Ressourcenverschwendung nun ein Ende setzen. Mit Sizeless hat das Start-up einen Kinderschuh entwickelt, der mechanisch mitwächst und das Problem an der Wurzel packen soll.
Vom Pitch zum Prototyp
Die Idee zu Sizeless entstand aus einer tiefen Kenntnis der Schuhindustrie. Die drei Gründer Alexander Schemel (CEO), Leander Peters (COO) und Louis Smith (CTO & Head Designer) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Sportartikelgiganten Adidas. Der Startschuss fiel im Frühjahr 2023 bei einer Open Innovation Challenge der Marke On-Running in Zürich, bei der Alexander und Leander ihr Konzept präsentierten und gewannen. Dieser Erfolg war der nötige Funke, um aus der Idee ein Unternehmen zu formen.
Die anschließende Hardware-Entwicklung erwies sich jedoch als massiver Härtetest. „Wir kamen aus Gesprächen mit Fabriken in Portugal zurück, denen das Projekt zu technisch, zu frühphasig und zu risikobehaftet war“, erinnert sich Leander an die anfängliche Frustration. Man konnte zwar die Idee validieren und Eltern dafür begeistern, den Schuh aber schlichtweg noch nicht physisch bauen.
Den entscheidenden Befreiungsschlag brachte schließlich das exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Für das Team war diese Zusage „absolut wegweisend“ – ein essenzieller Anschub, den das Trio aus eigener Kraft niemals hätte stemmen können, räumt der Gründer ein. Das staatliche Programm sicherte den Kölnern nicht nur zwölf Monate rettendes Vollzeit-Commitment, sondern deckte auch die Entwicklungs-, Gründungs- und Patentkosten weitestgehend ab. Vor allem aber lieferte es die nötigen finanziellen Ressourcen, um das fehlende Puzzleteil ins Team zu holen: den studierten Produktdesigner und Ingenieur Louis Smith. Das Stipendium finanzierte seinen Umzug von Glasgow nach Köln sowie seine laufenden Kosten. „In der Essenz: Ohne exist kein Louis, ohne Louis kein Schuh“, bringt es Leander pointiert auf den Punkt.
Doch auch die beste staatliche Förderung hat ihre strukturellen Grenzen. Wie Leander erklärt, enden die Möglichkeiten von exist exakt am kritischen Übergang von der Prototypen-Entwicklung zum Launch und der anschließenden Skalierungsphase. Um in Produktion zu gehen und die Marke aufzubauen, sei frisches Kapital zwingend notwendig. Während man sich für die Pre-Seed-Runde bereits mit starken Business Angels gut aufgestellt sieht, richtet sich der Blick der Gründer nun auf eine größere Seed-Runde gegen Ende 2026, um groß angelegte Launches vorzubereiten.
Gepaart wird diese finanzielle Herausforderung mit einem Kampf gegen die Mühlen der Behörden. Bürokratische Hürden seien bei Sizeless quasi das „inoffizielle vierte Teammitglied“. Durch den Brexit gilt Louis als Nicht-EU-Bürger; sein befristetes Arbeitsvisum lief bereits im September 2025 ab. Obwohl das Team zeitnah eine Verlängerung und einen Aufenthaltstitel beantragte, reagieren die zuständigen Sachbearbeiter kaum auf E-Mails oder Anrufe. Louis hangelt sich seither mit befristeten Fiktionsbescheinigungen von Monat zu Monat und darf das Land nach deren Ablauf vorerst nicht mehr verlassen. „Diese Absurditäten lähmen enorm“, kritisiert Leander das überlastete System, durch das jeden Tag reeller wirtschaftlicher Schaden entstehe – auch in ganz anderen Dimensionen als bei ihrem Start-up.
Der Härtetest im Kindergarten
Doch wie wächst ein Schuh mit, ohne an Stabilität einzubüßen? Sizeless geht einen technischen Weg, für den bereits eine Patentanmeldung läuft. Über zwei Laschen an der Außenseite lässt sich die Passform verstellen: Sie ziehen eine flexible Sohle nach oben oder geben sie nach unten frei, wodurch die Zehenbox gezielt vergrößert oder verkleinert wird. So lässt sich der Schuh stufenlos um acht Millimeter in der Länge anpassen – was etwas mehr als einer kompletten Schuhgröße (ca. 6,6 mm) entspricht.
Auf die Frage, ob eine solche Mechanik dem erbarmungslosen Kinder-Alltag standhält, räumt Leander ein, dass das Team hier massiv dazulernen musste. Nachdem CEO Alexander tagelang als „Praktikant“ das Bewegungsverhalten in Kindergärten analysiert und den Schuh einem „Tobetest“ unterzogen hatte, wurde das Design grundlegend überarbeitet. Der Schuh musste „kindergarten-approved“ werden. Das Resultat: eine abriebfeste Sohle mit ordentlichem Profil, ein für Bobbycar-Rennen geschützter Vorderfußbereich sowie wasserabweisende und waschmaschinentaugliche Materialien. „Auch den Sizeless-Schuh wird man kaputt bekommen, wenn man es darauf anlegt“, gibt Leander unumwunden zu. Es gelte künftig stets die Kunst zu beherrschen, Minimalismus und Flexibilität mit der nötigen Robustheit auszubalancieren.
Passform und orthopädische Grenzen
Da Kinderfüße bekanntermaßen nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen, kombiniert Sizeless die Mechanik mit einer von Natur aus breiten Zehenbox und einem flexiblen Obermaterial. Ein zusätzlicher Klettverschluss am Spann sorgt für Anpassungsfähigkeit bei hohen oder niedrigen Risten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Jan-Peter Goldmann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln, der sicherstellen soll, dass die Verstellmechanik die natürliche Fußentwicklung optimal fördert.
Trotz der Anpassungsfähigkeit zieht das Start-up eine klare Grenze. „Ganz wichtig: Wir sind kein Medizinprodukt!“, betont Leander. Der Leisten orientiere sich am durchschnittlichen Kinderfuß. Absolut außergewöhnliche Maße oder komplexe orthopädische Besonderheiten wolle man mit dem Launchmodell bewusst noch nicht abdecken.
Premium-Preise und ein neues Konsumverhalten
Mit dem Konzept greifen die Kölner das traditionelle Geschäftsmodell von branchenweiten Platzhirschen wie Superfit, Ricosta oder Elefanten an, das auf den ständigen Neukauf angewiesen ist. Sizeless hingegen macht dieses schnelle Wachstum zum Feature. Preislich positioniert sich der in Europa gefertigte Schuh mit einer UVP von rund 99 Euro klar im Premium-Barfuß-Segment. In diesem dominieren aktuell Marken wie Wildling Shoes oder Affenzahn.
Wird gesunde Fußentwicklung damit zum Luxusgut? Leander kontert diese Befürchtung vehement: Kinderfüße bräuchten vor allem Raum zur freien Entfaltung, ganz nach dem Prinzip „Beschützen statt beschränken“. Der Preis richte sich an eine Kernzielgruppe, die gezielt nach funktionalen, hochwertigen Schuhen sucht, und amortisiere sich ohnehin durch die deutlich längere Nutzungsdauer.
Gleichzeitig fordert der Ansatz ein Umdenken der Eltern, die traditionell auf das Ausmessen im stationären Fachhandel vertrauen. Leander sieht darin keinen Zwang, sondern eine Befreiung: Eltern „mussten“ bisher ins Geschäft, weil die Schuhe drückten. Mit Sizeless „können“ sie den Schuh bequem selbst anpassen. Den unter Personalmangel leidenden Fachhandel sehe man langfristig nicht als Konkurrenten, sondern als wichtigen Hebel – auch wenn der limitierte Launch bewusst der eigenen Community vorbehalten bleibt. Langfristig wolle man durch ein innovatives Konzept wieder Menschen in die Läden bewegen.
Marktreife und Skalierung: Eine neue Ära?
Nach monatelanger Entwicklung hat das Team einen verlässlichen Produktionspartner in Portugal gefunden, der europäische Qualitätsstandards garantiert. Aktuell geht Sizeless den nächsten Schritt: Am 16. März 2026 launchte eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um die erste Serienproduktion zu finanzieren. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten Schuhe im Sommer 2026 ausgeliefert werden.
Bleibt die große wirtschaftliche Frage: Kannibalisiert sich ein Geschäftsmodell nicht selbst, wenn Kund*innen seltener Schuhe kaufen müssen? „Kannibalisiert wird am Ende nur das, was sich dem neuen Standard nicht anpasst“, gibt sich Leander selbstbewusst. Die Skalierung soll einerseits über die Erweiterung des Sortiments um Modelle wie den ersten Winterschuh für 2026, Hausschuhe, Sandalen oder Gummistiefel erfolgen. Der eigentliche Hebel sei jedoch das Patent. Sobald dieses final erteilt ist, will das Start-up Lizenzen an andere Marken vergeben. Die Vision der Kölner ist grenzenlos: Jeder Schuh soll künftig ein Sizeless-Schuh werden können – völlig unabhängig davon, welches Logo am Ende auf dem Karton steht.
HELP Mee: Schmerz „verlernen“ statt aushalten
Das Hamburger HealthTech-Start-up HELP Mee setzt mit seiner App HELP neue therapeutische Ansätze zur Behandlung chronischer primärer Schmerzen erstmals strukturiert digital um und hat nun einen starken Partner auf dem Weg zur erstattungsfähigen App auf Rezept (DiGA) gefunden.
Der norddeutsche Pharma-Mittelständler Pohl-Boskamp übernimmt ab sofort als strategischer Partner die exklusive Vermarktung der App. Für die Gründerinnen Dr. Antje Kallweit und Annika Bruhns-Petersson bedeutet das einen massiven Schub auf dem Weg zur erstattungsfähigen App auf Rezept (DiGA). Doch der Markt für digitale Schmerztherapien ist lukrativ und stark umkämpft.
Hinter der HELP Mee Schmerztherapie GmbH stehen keine klassischen Tech-Bros, sondern ein organisch gewachsenes, interdisziplinäres Team. Gegründet wurde das Start-up Ende 2023 von Dr. Antje Kallweit, Fachärztin für Anästhesiologie mit dem Schwerpunkt Spezielle Schmerztherapie, und Annika Bruhns-Petersson, CCO und Projektleitung. Der Schmerzpunkt für die Gründung lag in einer realen Versorgungslücke: Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an chronischen Schmerzen. Da Therapeut*innen Mangelware sind, vergehen oft Jahre bis zur adäquaten Behandlung.
Um diesen Flaschenhals aufzulösen, holten sich die Gründerinnen mit Malte Bornholdt (CFO), Hosun Lee (CIO) und Jörn Griffel (CLO) geballte Expertise aus den Bereichen IT, Finanzen und Recht ins Boot. Diese breite Aufstellung überzeugte offenbar auch bei der initialen Finanzierung: Das Start-up sicherte sich das InnoFounder-Stipendium der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB Hamburg) und verfügt über die offizielle INVEST-Zusage des BAFA.
Medizinischer Idealismus statt schnellem Exit
Der Spagat zwischen medizinischem Anspruch und hartem Tech-Business ist für ärztliche Gründerinnen oft herausfordernd. Dr. Antje Kallweit hat hier jedoch eine klare Linie gezogen: „Ich bin ganz bewusst beim medizinischen Idealismus geblieben“, betont die Gründerin. Zwar sei man dadurch in manchen Bereichen langsamer gewesen als geplant, da man sich bewusst gegen klassisches VC-Geld und große Finanzierungsrunden entschieden habe. Doch dieser Weg bot den Hamburger*innen einen entscheidenden Vorteil. „Wir optimieren nicht primär auf Wachstum, sondern auf Wirksamkeit, Qualität und Nachhaltigkeit“, stellt Kallweit klar. „So freuen wir uns, dass wir die Kontrolle behalten haben – inhaltlich, medizinisch und strategisch“. Keine externen Vorgaben drängten das Team in Richtung Vereinfachung oder Kompromisse.
Auch die massiven bürokratischen Hürden, die Zertifizierungen nach MDR und DSGVO von Beginn an fordern, erstickten die agile Produktentwicklung nicht. Auf die Frage, wie man das bewältigt, verweist die Ärztin auf ihr Team: „Mit Malte Bornholdt und Hosun Lee haben wir Gesellschafter, die sowohl IT-Entwicklung als auch Zertifizierungs- und Regulatorikprozesse sehr gut kennen.“ Durch gezielte externe Unterstützung sei man „so agil geblieben, wie es eben geht, in diesem Business“.
Der therapeutische Ansatz: Schmerz „verlernen“
Die App HELP richtet sich an Menschen mit chronischen primären Schmerzen. Sie verbindet moderne Schmerzedukation mit verhaltens- und emotionsbezogenen Übungen, die auf aktuellen neurobiologischen Modellen der Schmerzverarbeitung basieren. Während viele Konkurrent*innen auf ein rein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Management setzen, zielt der USP von HELP deutlich tiefer.
Doch wie grenzt sich das von einem reinen Placebo-Effekt ab? Kallweit stellt sich dieser zentralen Frage offen. HELP werde aktuell in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersucht. „Erwartungseffekte spielen in Studien immer eine Rolle“, räumt sie ein. Bei chronischen Schmerzen sei dies jedoch kein reiner Bias, sondern Teil des Wirkmechanismus. „Entscheidend ist daher, ob über diese allgemeinen Effekte hinaus [...] ein zusätzlicher, spezifischer Nutzen entsteht“, argumentiert Kallweit. Dabei wird nicht nur die schmerzbedingte Beeinträchtigung nach 12 Wochen als primärer Endpunkt gemessen, sondern auch weitere patient*innenrelevante Faktoren wie Schmerzintensität, Schlaf, Angst und Depressivität in den Blick genommen.
Die vielleicht größte Hürde für DiGAs ist jedoch die Adhärenz – die Nutzer*inbindung über die typische Rezeptdauer von 90 Tagen. „Chronische Schmerzpatient*innen sind häufig therapiemüde, haben viele frustrane Erfahrungen gemacht und bringen verständlicherweise viel Skepsis mit“, analysiert die Medizinerin. Umso wichtiger sei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit als entscheidender Wendepunkt. HELP setzt deshalb auf einen strukturierten Prozess, der durch Videos, Audios, einen Klangraum oder einen Notfallbereich bei Schmerzspitzen multimodale Unterstützung im Alltag bietet.
Hier kam auch die ungewöhnliche Expertise von Mitgründerin Annika Bruhns-Petersson ins Spiel. Die Musicaldarstellerin prägte die patient*innenzentrierte Umsetzung, etwa in Tonalität und Inszenierung, maßgeblich. „Die Ansprache erfolgt bewusst auf Augenhöhe, validierend und ohne Bagatellisierung“, erklärt Kallweit. Man wolle ein hochbelastendes Thema nicht durch plumpe Gamification trivialisieren oder die App wie reine „Arbeit“ wirken lassen, was oft zu Abbruch führe. „Dem setzen wir eine klare, respektvolle und zugewandte Kommunikation entgegen“, so die Gründerin. Eine 100-prozentige Abschlussquote über die vollen drei Monate verspricht sie dennoch nicht – das wäre unseriös. „Entscheidend ist daher weniger die vollständige Adhärenz, sondern ob es gelingt, bei einem relevanten Anteil der Patient*innen frühzeitig klinisch wirksame Veränderungen anzustoßen“, fasst sie zusammen.
Strategie im Härtetest: Cashburn und Preisverfall
Das Geschäftsmodell zielt klar auf die Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ab. HELP befindet sich derzeit in einer klinischen Studie mit dem Ziel, als DiGA im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet zu werden. Doch bis zur endgültigen Zulassung gilt es, eine immense Cashburn-Rate zu überbrücken. HELP begegnet dem mit einem mehrgleisigen Modell. Aktuell wird die App als Selbstzahlerprodukt angeboten und es bestehen Kooperationen mit privaten Krankenversicherungen. Zudem hält das Start-up die Kostenstruktur schlank: „Wir verzichten aktuell weitgehend auf Gehälter“, verrät Kallweit. Die wesentliche Cash-Burn-Position sei die klinische Studie selbst.
Und wenn die Listung klappt? Ab dem zweiten Jahr diktiert der GKV-Spitzenverband in harten Verhandlungen die Preise. Kallweit sieht darin jedoch keine Gefahr für ihr Geschäftsmodell, da sie die Strategie vieler Konkurrent*innen kritisiert: „Wir halten es für einen Fehler, im ersten Jahr künstlich hohe Preise aufzurufen, die später nicht haltbar sind.“ Stattdessen wähle man von Beginn an ein realistisches und tragfähiges Preisniveau.
Die strategische Allianz im Haifischbecken
Der DiGA-Markt ist extrem reguliert und das Segment „Schmerz“ bereits von Schwergewichten besetzt. Start-ups wie HelloBetter oder Selfapy haben ihre DiGAs bereits erfolgreich platziert. Um in diesem Haifischbecken zu bestehen, braucht es neben medizinischer Evidenz vor allem Vertriebspower bei der Ärzt*innenschaft.
An diesem Punkt setzt die neue Partnerschaft an, um Synergien zu nutzen. Pohl-Boskamp vermarktet bereits erfolgreich die Kalmeda® Tinnitus App und bringt fünf Jahre wertvolle DiGA-Erfahrung in die Waagschale. Das Vertriebsteam des Pharma-Mittelständlers soll gezielt die Akzeptanz der digitalen Schmerztherapie bei der Ärzt*innenschaft fördern.
Doch birgt die Auslagerung des Vertriebs nicht auch Risiken? Begibt sich das Start-up in eine gefährliche Abhängigkeit vom Pharma-Riesen – und wer besitzt am Ende die Marktmacht und den direkten Zugang zu den verschreibenden Ärzt*innen?
Kallweit hält nichts von diesem klassischen Entweder-oder-Denken. „Wir haben uns bewusst für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit entschieden, weil beide Seiten unterschiedliche, aber komplementäre Stärken einbringen“, verdeutlicht sie die Synergien. Die formale Asymmetrie sei ihr bewusst, doch die inhaltliche Hoheit und Markenführung verblieben klar bei HELP. „Als Start-up bringen wir die inhaltliche Expertise [...] und das Produkt selbst ein. Unser Partner bringt Reichweite, Vertriebsstruktur und Erfahrung im Marktzugang mit.“ Der Vertrieb sei ein wichtiger Hebel, aber eben nicht gleichbedeutend mit der Kontrolle über das Produkt.
Am Ende profitiere Pohl-Boskamp von einem innovativen Produkt und das Start-up von der etablierten Infrastruktur. „Der eigentliche Maßstab ist dabei nicht die Machtverteilung, sondern der Versorgungseffekt“, resümiert Kallweit.
Fazit
Die Allianz ist ein exzellenter Schachzug. HELP Mee lagert das kostspielige Health-Care-Marketing an einen etablierten Player aus, um sich voll auf die Produktentwicklung zu fokussieren, während Pohl-Boskamp sein digitales Portfolio ausbaut. Durch die strategische Kooperation lässt sich das gemeinsame Ziel, die Entlastung der Akteur*innen im Gesundheitswesen sowie die Ergänzung bestehender Therapien, für eine bessere medizinische Versorgung der Patient*innen schneller erreichen.
Hospitality-Start-up-Report 2026
Fachkräftemangel & Margendruck: Wie KI und Robotik die Hospitality-Branche 2026 radikal umkrempeln und welche Start-ups hierbei eine gewichtige Rolle spielen.
Getrieben von einem chronischen, beispiellosen Fachkräftemangel, explodierenden Energiekosten und anspruchsvollen Gästen, geht es heute in der Hospitality-Branche nicht mehr um das digitale Aufpolieren der Marke, sondern um das nackte operative Überleben. Um die Dimension dieses Bebens zu erfassen, müssen wir den Begriff der Hospitality für diesen Report klar eingrenzen: Unser Fokus liegt auf dem harten Kern des Gastgewerbes – der Beherbergung von Hotel bis Tech-Cabin, dem modernen Food-Service und genau jener operativen Software, die das unmittelbare Gästeerlebnis am Point of Sale sowie im Back-of-House orchestriert. Technologie ist hier nicht länger das Beilagen-Gemüse, sondern das Hauptgericht einer Branche, die sich radikal neu erfinden musste.
Die Marktlage: Vom Nachzügler zur KI-Adaption
Der Markt für HospitalityTech hat im DACH-Raum einen beeindruckenden Reifegrad erreicht. Der unangefochtene Haupttreiber ist die künstliche Intelligenz. Laut dem repräsentativen Bitkom-Studienbericht „Digitalisierung der Wirtschaft 2025“ sind mittlerweile 81 Prozent der deutschen Unternehmen davon überzeugt, dass KI die wichtigste Zukunftstechnologie ist – das gilt umso mehr für das extrem personalintensive Gastgewerbe. Auch die harte Erwartungshaltung der Gäste erzwingt diesen technologischen Wandel: Eine dedizierte Bitkom-Erhebung zur Digitalisierung in der Gastronomie zeigte bereits, dass fast die Hälfte der deutschen Tische bevorzugt direkt online reserviert und ein Viertel sogar am Platz komplett digital über das eigene Smartphone oder Terminals bestellen möchte.
Diese Professionalisierung spiegelt sich spürbar auf dem europäischen Kapitalmarkt wider. Zwar sind die rein auf Umsatzwachstum getrimmten B2C-Megarunden der Boom-Jahre vorbei, doch laut den Analysen der Marktforscher*innen von Dealroom fließt Venture Capital heute hochgradig zielgerichtet in B2B-SaaS- und Deep-Tech-Lösungen. Investoren honorieren nicht länger Visionen, sondern Geschäftsmodelle, die dem chronischen Personalmangel messbar entgegenwirken und die operativen Margen der etablierten Mittelständler*innen schützen.
Die neuen Treiber: Jenseits des digitalen Meldescheins
Wer heute noch an einfache Buchungsmaschinen denkt, verkennt die Dynamik des Marktes. Drei spezifische Sub-Sektoren dominieren das Spielfeld im Jahr 2026. An erster Stelle steht "Predictive Operations", also der Einsatz von KI zur exakten Vorhersage von Gästeaufkommen, Personalbedarf und Wareneinsatz, was die Margen radikal schützt. Zweitens erleben wir den Durchbruch von "Automated Back-of-House", wo kollaborative Robotik in Großküchen und automatisierte Reinigungslogistik den menschlichen Personalmangel physisch kompensieren. Drittens hat sich das "Attribute-based Selling" etabliert, bei dem Gäste keine starren Zimmerkategorien mehr buchen, sondern hochgradig personalisierte Aufenthalte aus Einzelattributen wie Ausblick, Betthärte oder Work-Setup zusammenstellen. Etablierte Pioniere wie Apaleo oder Mews haben mit ihren offenen, API-First-Plattformarchitekturen genau das Fundament gegossen, auf dem diese neuen, hyper-spezialisierten Applikationen heute florieren können.
Reality Check: Die Geisterküchen-Illusion und harte Lektionen
Trotz der aktuellen Euphorie trägt die Branche noch immer die Narben des großen Quick-Commerce- und Ghost-Kitchen-Crashs der Jahre 2022 und 2023. Der tiefe Fall von einst hochgehandelten, rein VC-finanzierten Dark-Kitchen-Netzwerken wie Keatz oder die massive Konsolidierung bei Lieferdiensten haben gnadenlos aufgezeigt, wo die Grenzen des Tech-Hypes liegen. Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich vier fatale Fallstricke für heutige Gründer ableiten. Erstens müssen die Unit Economics vom ersten Tag an positiv sein; das blinde Subventionieren negativer Margen durch massives Wachstum funktioniert in diesem kapitalintensiven Sektor nicht mehr. Zweitens sind die Kund*innenenakquisitionskosten (CAC) im B2C-Food- und Travel-Sektor ruinös hoch, weshalb B2B-Geschäftsmodelle mit hoher Kundenbindung heute als weitaus resistenter und lukrativer gelten. Drittens verzeiht die physische Komplexität der Gastronomie keine Software-Arroganz; wer die harte Realität von Food-Logistik, Verderblichkeit und Küchenabläufen unterschätzt, scheitert unweigerlich an der Praxis. Viertens brechen unkalkulierte lokale Regulatorik und explodierende Gewerbeimmobilienkosten selbst den schnellsten Skalierungsplänen das Genick, wenn Geschäftsmodelle nicht hyperlokal adaptiert werden.
Das deutsche Netzwerk: Wo die Gastro-Codes geschrieben werden
Deutschland hat sich zu einem polyzentrischen Powerhouse für Hospitality Tech entwickelt, getragen von vier starken Hubs. Berlin bleibt unangefochten das Zentrum für Consumer-zentrierte Innovationen und beherbergt die Dichte an internationalen VCs, die für große Skalierungsrunden nötig sind. München hingegen dominiert den B2B-SaaS-Sektor, massiv befeuert durch den exzellenten Talentpool der TU München und das Center for Digital Technology and Management (CDTM), welches kontinuierlich top-ausgebildete Gründerteams hervorbringt. Hamburg hat sich durch seine historische Nähe zu Handel und maritimer Logistik sowie getrieben durch das starke OMR-Ökosystem als Leuchtturm für TravelTech und Food-Supply-Chain-Lösungen etabliert. Als Hidden Champion fungiert die Region Stuttgart und der Schwarzwald; hier trifft die tiefe Hardware- und Engineering-Kompetenz lokaler Fraunhofer-Institute auf eine sehr traditionsreiche Gastronomie, was besonders Start-ups im Bereich Küchen-Robotik und IoT-Sensortechnik einen perfekten Nährboden für Pilotprojekte bietet.
Investor*innen-Radar: Wer finanziert das smarte Gastgewerbe?
Die Finanzierungslandschaft hat sich 2026 stark ausdifferenziert und erfordert von Gründer*innen gezieltes Fundraising. Auf der einen Seite agieren spezialisierte VCs wie Oyster Bay aus Hamburg, die tiefes Know-how in Food- und AgTech mitbringen, oder Howzat Partners im Travel-Segment. Flankiert werden sie von Top-Tier Generalisten wie Point Nine Capital oder Cherry Ventures, die immer dann einsteigen, wenn ein Hospitality-Start-up überragende B2B-SaaS-Metriken vorweisen kann. Eine massiv gewachsene Rolle spielen Corporate VCs aus der Industrie; Einheiten wie Metro NX Food treiben Innovationen in der Lieferkette voran, während Porsche Ventures strategisch in digitale High-End-Gästeerlebnisse investiert. Der wahre Motor der Frühphase sind jedoch erfahrene Business Angels und Gründer-Syndikate. Ehemalige Unicorn-Architekten wie die Trivago-Gründer um Rolf Schrömgens oder GetYourGuide-CEO Johannes Reck reinvestieren ihr Kapital und, noch wichtiger, ihr branchenspezifisches Playbook in die nächste Generation von Hospitality-Pionieren.
Die Top Start-ups: Unsere Must-Watch-List 2026
Die nachfolgende Auswahl der Top Start-ups basiert auf einem rigorosen Filterprozess unserer Redaktion. Berücksichtigt wurden ausschließlich in Deutschland beheimatete Unternehmen mit einem Gründungsjahr ab 2020, um die echte Next-Generation abzubilden. Die entscheidenden Kriterien für die Aufnahme waren eine nachgewiesene Marktrelevanz durch zahlende B2B-Kund*innen, ein hoher technologischer Reifegrad des Produkts im Jahr 2026, eine klare Differenzierung vom reinen Lifestyle-Business hin zu skalierbarer Deep- und Software-Tech sowie das dokumentierte Vertrauen namhafter Lead-Investor*innen oder ein bewiesener strategischer Exit.
GauVendi
Das im Jahr 2020 von Markus Müller und Carina Stegmayer in Frankfurt gegründete Start-up hat den Zimmerverkauf völlig neu gedacht. Ihr B2B-SaaS-Geschäftsmodell löst sich von den starren, jahrzehntealten Zimmerkategorien und ermöglicht Hotels ein echtes Attribute-based Selling. Die proprietäre Technologie von GauVendi entbündelt Hoteleinheiten in einzelne Merkmale und verkauft diese dynamisch, was den RevPAR (Umsatz pro verfügbarem Zimmer) der Kunden signifikant steigert. Dieses hochgradig profitable Modell zog schnell Aufmerksamkeit auf sich und wird durch starke Investor*innen aus der TravelTech-Szene flankiert.
Raus
Julian Trautwein, Christopher Eilers und Johann Ahlers gründeten 2021 in Berlin Raus, das PropTech und Hospitality verschmilzt. Das Geschäftsmodell basiert auf der Bereitstellung und dem Betrieb von hochgradig autarken, smarten Natur-Cabins für urbane Zielgruppen. Der USP liegt in der extremen Tech-Ausstattung der Off-Grid-Kabinen, die völlig autonom ohne klassisches Personal vor Ort operieren und sich nahtlos in die Umgebung einfügen. Dieses Asset-Light-Modell in der Natur-Hotellerie sicherte dem Team in den letzten Jahren starke Investments von Lead-Investoren wie ROCH Ventures, 10x Founders und Speedinvest.
Goodbytz
Die Hamburger Gründer Dr. Hendrik Susemihl, Kevin Deutmarg und Philipp von Stürmer brachten 2021 die Automatisierung direkt an den Herd. Das Start-up Goodbytz verbindet B2B-Hardware und Software durch den Bau intelligenter Roboter-Küchen, die auf kleinem Raum und ohne menschliche Köch*innen komplexe, frische Gerichte auf Restaurantniveau zubereiten können. Die Technologie löst das brennende Problem des Köchemangels durch Skalierbarkeit und gleichbleibende Qualität auf Knopfdruck. Dieser radikale Ansatz in der Food-Robotik wurde mit massiven Millionen-Investments durch spezialisierte Fonds wie Oyster Bay Ventures belohnt.
Relevo
Aaron Sperl, Gregor Kolb und Matthias Potthast starteten Revelo 2020 in München, um der absurden Müllproduktion in der Gastronomie ein Ende zu setzen. Ihr B2B-SaaS-Modell digitalisierte die Circular Economy durch ein pfandfreies, App-basiertes Mehrwegsystem für Take-away-Verpackungen. Der entscheidende USP war die extrem reibungslose Integration der Ausleih- und Rückgabeprozesse in die bestehenden Kassensysteme der Gastronom
*innen. Relevo steht in unserer Liste als Paradebeispiel für den erfolgreichen M&A-Weg in der Hospitality: Die schwedische Duni Group erkannte das Potenzial und sicherte sich 2024 die Mehrheit an dem Circular-Pionier.
Superchat
Im Jahr 2020 von Yilmaz Köknar und Mika Hally in Berlin gegründet, ist Superchat zur ultimativen Kommunikations-Schaltzentrale der Branche avanciert. Das B2B-SaaS-Modell bündelt alle relevanten Messenger-Dienste wie WhatsApp, Instagram und E-Mail in einer zentralen Inbox. Der USP für die Hospitality-Branche liegt in der nahtlosen, automatisierten Gast-Kommunikation in Echtzeit, die Rezeptionen massiv entlastet und den digitalen Concierge-Service demokratisiert. Die rasante Adaption im B2B-Markt wurde durch namhafte Investoren wie Blossom Capital und 468 Capital finanziert.
NeoTaste
Hendrik Sander und Tobias Düser brachten ihre Plattform 2021 offiziell auf den Markt und haben seitdem ein rasantes Wachstum hingelegt. Das Start-up aus Osnabrück betreibt einen hyperlokalen B2B2C-Marktplatz in Form einer stark frequentierten Discovery-App, die Nutzer*innen über ein Abo-Modell mit exklusiven Deals in Restaurants lockt. Der technologische USP liegt in der datengetriebenen Auslastungssteuerung für die Gastronom*innen: Sie können gezielt Leerlaufzeiten über die App monetarisieren und neue Stammgäste akquirieren. Dieses smarte Win-Win-Modell überzeugte Schwergewichte wie Earlybird und Burda Principal Investments (BPI), die im Rahmen einer massiven Series-A-Runde über 21 Millionen Euro in NeoTaste pumpten.
Onsai
Als Shootingstar der jüngsten Generation wurde dieses Start-up erst im Jahr 2024 von Jochen Emig, Ralf Bonin, Christian Müller und Tobias Koehler in Leipzig gegründet. Ihr B2B-SaaS-Modell bringt autonome KI-Agenten tief in die oft veralteten Legacy-Systeme der Hotellerie. Der USP von Onsai ist die nahtlose technische Ausführungskraft: Die Software agiert nicht als isolierter Chatbot, sondern greift als autonomer Agent direkt in die bestehenden Property Management Systeme (PMS) ein, um Buchungen und komplexe Gast-Anfragen vollautomatisch abzuwickeln. Dieses tiefe Tech-Verständnis sicherte dem Gründerteam eine signifikante Wachstumsfinanzierung von über einer Million Euro, unter anderem durch SIVentures.
Circus Group
Nikolas Bullwinkel, Carsten Wille, Helge Plehn und Fabio Haebel gründeten 2021 in Hamburg ein FoodTech-Unternehmen Circus Group, das die Systemgastronomie in das Zeitalter der KI-gesteuerten Robotik katapultiert. Das Geschäftsmodell basiert auf hochgradig automatisierten Mikro-Küchen. Der technologische USP ist das proprietäre Betriebssystem "Circus OS", das jeden Schritt von der Rezeptkreation über den Wareneinkauf bis hin zur robotergestützten Zubereitung orchestriert und so Personalengpässe drastisch minimiert. Das stark wachsende Unternehmen wagte bereits Anfang 2024 über Xetra den strategischen Sprung an die Börse, um die globale Expansion seiner autonomen Küchen-Hubs mit öffentlichem Kapital zu befeuern.
Internationaler Ausblick & Fazit
Wer den europäischen Markt von morgen verstehen will, muss heute nach Asien, in die USA und nach Israel schauen. Aus Asien schwappt der Trend der vollautonomen, physischen Service-Robotik in der Fläche zu uns herüber, wo Roboter längst nicht mehr nur Speisen bringen, sondern hochkomplexe Housekeeping-Aufgaben übernehmen. In den USA fusionieren FinTech und Hospitality auf beispiellose Weise; "Embedded Finance", wie nahtlose BNPL-Lösungen (Buy Now, Pay Later) direkt am digitalen Check-in, werden zum neuen Standard. Israel wiederum liefert die Blaupause für Next-Gen Cybersecurity in der Hotellerie, da die Branche durch die massiven Datenmengen des personalisierten Reisens zunehmend in den Fokus von Hackerangriffen rückt.
Das Fazit für 2026 ist unmissverständlich: Die Hospitality-Branche ist endgültig zu einer Tech-Branche geworden. Gründer*innen, die heute noch reine Lifestyle-Lösungen bauen, werden scheitern. Investor*innen suchen nach tief integrierten, hochgradig klebrigen B2B-Architekturen, die operative Schmerzen lindern und Margen schützen. Die Zukunft der Gastfreundschaft wird nicht mehr nur gelebt, sie wird programmiert.
Vom Tabu zum Tech-Boom: Wie DeathTech den letzten Weg neu codiert
Der Tod war lange Zeit der blinde Fleck der Digitalisierung. Während Start-ups in den vergangenen zwei Jahrzehnten unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lieben mit Algorithmen und Wagniskapital optimierten, blieb das Lebensende fest in den Händen analoger Traditionen. Heute blicken wir auf eine Branche, die ihre morbide Nischenexistenz endgültig abgestreift hat.
DeathTech und GriefTech sind systemrelevant geworden. Getrieben von der massiven Vermögensübertragung der Babyboomer-Generation – laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden in Deutschland aktuell jährlich bis zu 400 Milliarden Euro vererbt – und einem fundamentalen Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler End-of-Life-Lösungen, transformieren Gründer*innen heute einen historisch fragmentierten Markt aus rund 4.000 oft sehr traditionellen Kleinbetrieben.
Es geht längst nicht mehr nur um Preisvergleiche für Särge, sondern um die nahtlose Orchestrierung des Unvermeidlichen – von KI-gestützter Trauerbewältigung bis hin zum automatisierten Management des digitalen Nachlasses.
Wenn Demografie auf DeepTech trifft
Der Markt für Bestattungen und Nachlassverwaltung hat im Jahr 2026 eine neue, datengetriebene Reifestufe erreicht. Allein in Deutschland sprechen wir laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) von einem jährlichen Branchenumsatz im klassischen Bestattungswesen, der sich stabil der Marke von drei Milliarden Euro nähert. Flankiert wird dies von einem rasant wachsenden, digitalen Vorsorgemarkt. Der makroökonomische Hebel dahinter ist historisch einmalig: Ein immer größerer Teil der gewaltigen Erbmasse liegt dabei nicht mehr in Aktenordnern, sondern existiert ausschließlich virtuell, von Krypto-Wallets bis zu SaaS-Unternehmensanteilen.
Der Digitalverband Bitkom untermauerte diese Dringlichkeit bereits in seinen Erhebungen zum digitalen Nachlass, die zeigen, dass knapp ein Drittel der Internetnutzer*innen das Thema aktiv regeln möchte, die praktische Umsetzung aber oft an fehlenden Tools scheitert. Diese gewaltige Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot lockt institutionelles Geld an. Wir sehen keine utopischen Krypto-Bewertungen mehr, sondern sehr gesunde Series-A- und Series-B-Tickets für Unternehmen, die bewiesene Unit Economics aufweisen.
Jenseits von Sarg und Urne
Wer heute im DeathTech reüssieren will, muss über das Offensichtliche hinausdenken. Möglich ist das aktuelle Marktwachstum jedoch nur durch die Vorarbeit der Wegbereiter*innen der ersten Stunde, die den Markt überhaupt erst für institutionelles Kapital geöffnet haben. Unternehmen wie Mymoria sind dem Start-up-Status längst entwachsen; angetrieben von einer 15-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde im Jahr 2021 durch namhafte VCs wie b2venture, agiert das Unternehmen heute als etablierter Omnichannel-Gigant mit bundesweiten Boutiquen.
Auch das Scale-up November hat mit einer zweistelligen Millionenrunde durch HV Capital die Bestattungsvorsorge digitalisiert. Im lukrativen Markt der rechtlichen Vorsorge dominiert Afilio, das bereits 2022 eine 13-Millionen-Dollar-Series-A unter Führung von Cherry Ventures abschloss. Im B2B-Hintergrund hat sich Columba als unsichtbares technisches Rückgrat in den Legacy-Systemen der Bestattungsbranche verankert und übernimmt vollautomatisiert die Vertragsabmeldungen. Auf der Infrastruktur dieser Pionier*innen baut nun eine neue Generation von Gründer*innen auf, die psychologische Tiefe und radikale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt.
Die Friedhofs-Illusion und ihre Lektionen
Trotz der Goldgräberstimmung ist der Pfad der Branche mit den Überresten gescheiterter Hypes gepflastert. Ein prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit war der Versuch, reine B2C-Vergleichsportale für Bestattungen nach dem Vorbild von Check24 aufzubauen. Frühe Aggregatoren-Modelle verbrannten Millionen in der Annahme, Kund*innen würden den Tod wie eine Kfz-Versicherung vergleichen. Die Realität war ein harter Crash der Profitabilität, da die Customer Acquisition Costs (CAC) via Suchmaschinenmarketing in diesem emotionalen Ausnahmezustand astronomisch hoch waren.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich harte Lektionen ableiten. Der erste Fehler ist die Ignoranz gegenüber den Unit Economics: Da der Customer Lifetime Value (LTV) beim Tod naturgemäß auf eine Transaktion beschränkt ist, müssen Geschäftsmodelle zwingend auf margenstarken B2B2C-Vertrieb oder Lebzeiten-Vorsorge-Abos ausweichen. Ein zweites Risiko lauert in der Unterschätzung der B2B-Gatekeeper; wer die traditionellen Bestatter*innen als Feinde statt als Vertriebspartner*innen betrachtet, verliert den Kund*innenzugang. Drittens bricht vielen Gründer*innen die regulatorische Tiefe das Genick, denn wer sensible Nachlassdaten verarbeitet, operiert im Hochrisikobereich der DSGVO. Der subtilste Fehler ist ein Mangel an Branding-Sensibilität; wer mit aggressiver Growth-Hacking-Mentalität an trauernde Angehörige herantritt, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Wo die DeathTech-Exzellenz in Deutschland liegt
Die geografische Verteilung der DeathTech-Exzellenz in Deutschland hat sich auf wenige, aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. Berlin bleibt der unangefochtene Motor für Plattformen und Venture Capital, profitierend von einem dichten Ökosystem rund um Hubs wie den Inkubator Mitte von Science & Startups der Berliner Universitäten. München und der bayerische Raum haben sich hingegen als das Epizentrum für DeepTech, InsurTech-Schnittstellen und anspruchsvolle KI-Modelle etabliert. Die physische Nähe zu Rückversicherungs-Giganten wie Munich Re sowie exzellente Fakultäten der LMU machen München zum Nährboden für versicherungsgekoppelte Vorsorgemodelle. Leipzig hat sich dank Ausgründungen im Umfeld der Handelshochschule (HHL) zu einem Hub für LegalTech und rechtssicheres Datenmanagement entwickelt. Die Metropolregion Rhein-Ruhr und das Rheinland fungieren als essenzieller Testmarkt für psychologisch fundierte Ansätze – stark getrieben durch das Exzellenz Start-up Center Köln (Gateway), das gezielt hochschulnahe Gründungen im HealthTech- und GriefTech-Bereich fördert.
Investor*innen-Radar
Das Kapital, das in diese Branche fließt, ist klüger, geduldiger und diverser geworden. Spezialisierte VCs für den Tod gibt es in Europa zwar noch nicht in Reinform, aber wir beobachten eine klare strategische Erweiterung von HealthTech-Spezialisten wie Heal Capital, die Trauerbewältigung zunehmend als Teilaspekt der mentalen Gesundheit begreifen und kapitalisieren. Die richtig großen Schecks schreiben die Top-Tier Generalisten: Player wie b2venture, HV Capital und Cherry Ventures haben die massiven TAM-Zahlen (Total Addressable Market) längst in ihren Investmentthesen verankert.
Auf der anderen Seite positionieren sich Corporate VCs, allen voran der Berliner Wagniskapitalgeber IBB Ventures, der strategisch früh in Plattformen wie Emmora investierte. Den entscheidenden Treibstoff für Frühphasen-Start-ups liefern jedoch Business Angels und geförderte Exzellenz-Programme wie die exist-Gründerstipendien, die den Teams den nötigen Runway geben, um hochsensible Produkte in der Seed-Phase ohne sofortigen Profitdruck zu iterieren.
Unsere DeathTech- und GriefTech-Start-up-Watch List 2026
Für unsere finale Selektion im Jahr 2026 haben wir bewusst eine strenge Definition des Start-up-Begriffs angelegt. Die durch große Series-A- oder Series-B-Runden bereits skalierten Pionier*innen wurden als Wegbereiter*innen klassifiziert und aus der engeren Auswahl exkludiert. Die resultierende Watchlist besteht aus acht agilen Unternehmen. Kohorte eins umfasst reifere Start-ups der Gründungsjahre ab 2019, die bereits solides Investor*innen-Vertrauen und validierte Umsätze aufweisen. Kohorte zwei integriert junge Early-Stage-Start-ups aus dem Jahr 2024, die als hochspannende universitäre Spin-offs die nächste disruptive Innovationswelle abbilden.
Meine Erde
Im Jahr 2021 von Pablo Metz und Max Hüsch ins Leben gerufen, innoviert Meine Erde den Green-Death-Markt in Deutschland massiv. Das Unternehmen bringt die Reerdigung als natürliche Kompostierung in 40 Tagen aus der regulatorischen Grauzone in den legalen Markt. Der USP ist ein patentiertes Verfahren im Kokon, das pro Bestattung laut Unternehmensangaben rund eine Tonne CO2 im Vergleich zur Feuerbestattung einspart und traditionellen Methoden ökologisch messbar überlegen ist. Dieses Impact-Potenzial überzeugte namhafte VCs: Project A Ventures führte bereits 2022 eine 5,8-Millionen-Euro-Seed-Runde an, flankiert von Vorwerk Ventures.
Emmora
Victoria Dietrich und Evgeniya Polo gründeten Emmora 2019 mit dem Ziel, Bestattungsplanung und Trauerbegleitung weiblicher und empathischer zu gestalten. Das B2C-Plattform-Modell begleitet Angehörige von der Organisation der Beisetzung bis hin zur psychologischen Unterstützung. Der klare USP liegt in der kuratierten Auswahl von Dienstleistern und einem Marktauftritt, der sich wohltuend von der drückenden Schwere traditioneller Bestatter abhebt. Das Modell überzeugte früh den Accelerator APX und führte 2021 zu einer siebenstelligen Seed-Runde unter Führung von IBB Ventures.
Memoresa
Das 2019 von Jörg Schädlich und Steffen Stundzig gegründete Leipziger Start-up hat sich der Ordnung des digitalen Chaos verschrieben. Ihr hybrides B2B2C-Modell bietet eine Plattform zur Verwaltung des digitalen Nachlasses. Der USP von Memoresa ist die tiefe API-Anbindung, wodurch im Todesfall Verträge vollautomatisiert gekündigt oder umgeschrieben werden können – ein Service, der für Banken und Versicherungen wie die Signal Iduna extrem wertvoll ist. Finanziert wurde das Start-up unter anderem durch Business-Angel-Netzwerke und den Inkubator cetup.INNOLAB der TU Dortmund.
TrostHelden
Das von Hendrik Lind und der ausgebildeten Sterbe-Amme Jennifer Lind 2019 ins Leben gerufene Start-up adressiert die isolierende Einsamkeit, die dem Tod folgt. Das B2C-Subscription-Modell basiert auf einem Smart-Matching-Algorithmus, der Trauernde mit exakt passenden Schicksalsschlägen und der gleichen Trauersprache verbindet. Der USP ist diese hochpräzise Logik, die echte, kuratierte Begegnungen schafft. TrostHelden wächst primär gebootstrappt, getragen von Impact-fokussierten Netzwerken, und wurde vom BMWK als herausragendes Social-Entrepreneurship-Modell ausgezeichnet.
Grievy
Dr. Nele Stadtbäumer, Daniel Bachmann und Aenis Chebil brachten 2021 eine technologisch skalierbare, psychologische Perspektive in den Markt. Grievy ist eine auf kognitiver Verhaltenstherapie fundierte App, die Nutzern therapeutische Impulse ausspielt. Der USP liegt in der klinischen Fundierung und der Skalierbarkeit der Trauerbegleitung. Das Team durchlief erfolgreich die Inkubation am Gateway Exzellenz Start-up Center Köln, sicherte sich das exist-Gründerstipendium und belegte 2022 den dritten Platz als Digitales Start-up des Jahres des Bundeswirtschaftsministeriums.
anfang.
Dieses reinrassige GriefTech-Start-up entstand im Wintersemester 2023/24 und wurde 2024 von den Studierenden Luisa Otto, Janek Voss und Pia Mauermann auf den Weg gebracht. Das B2C-Modell dreht sich um eine App als holistischen, digitalen Trauerbegleiter. Der USP ist die Kombination aus Reflexionsmodulen und einer geschützten Community. Eng begleitet wird das Team durch HIKE, den Hochschulinkubator für Entrepreneurship der Hochschule Nordhausen, wo aktuell die Strukturierung der Skalierungsphase im geschützten universitären Umfeld vorangetrieben wird.
Kreis & Raum
Im Jahr 2024 von der Architektin Eva Hartmann und der Projektmanagerin Miriam Becker in Berlin gegründet, schlägt dieses Start-up die Brücke zwischen physischer Bestattung und moderner Trauerbegleitung. Das hybride B2C-Modell bricht mit der starren Trennung von Beerdigungsinstitut und psychologischer Betreuung. Der USP ist ein radikal individueller Ansatz, der den Trauerprozess architektonisch neu designt. Begleitet von Science & Startups im Inkubator Mitte der Humboldt-Universität zu Berlin, validiert Kreis & Raum dieses hoch-emotionale Modell aktuell im städtischen Raum.
Lebewohl App
Als Ausgründung aus dem Umfeld der Lokalpioniere in Ostwestfalen-Lippe im Jahr 2024 attackiert dieses Team die überbordende Nachlass-Bürokratie. Die App fungiert als digitaler Assistent, der Hinterbliebene mit strukturierten Checklisten durch den Behörden-Dschungel manövriert. Der USP liegt in der enormen Kosteneffizienz für den Endnutzer, da automatisierte Dokumentenbeschaffung teure Rechtsberatungen flankiert oder ersetzt. Mit starkem organischen Wachstum im OWL-Netzwerk beweist Lebewohl App zugleich, dass Innovation im DeathTech nicht zwingend aus den Metropolen kommen muss
Internationaler Ausblick & Fazit
Blicken wir über den deutschen Tellerrand, zeigen sich globale Makro-Trends, die den europäischen Markt unweigerlich erfassen werden. Aus den USA schwappt die Welle der hyperpersonalisierten Generativen KI zu uns herüber; Start-ups trainieren dort bereits Large Language Models mit den digitalen Fußabdrücken von Verstorbenen, um interaktive Legacy-Avatare zu erschaffen. Asien, insbesondere Südkorea und Japan, forciert derweil die Verschmelzung von Trauer und dem Metaverse, wo physischer Platzmangel auf Friedhöfen durch immersive, digitale Gedenkstätten kompensiert wird. Israel wiederum bringt massive Impulse im Bereich der Cybersecurity in den DeathTech-Sektor ein, um posthumen Identitätsdiebstahl zu bekämpfen.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit: Der Tod ist kein Nischenthema mehr, sondern die ultimative Customer Journey. Wer in diesem drei Milliarden Euro schweren Markt bestehen will, benötigt nicht nur brillantes Tech-Know-how und wasserdichte Unit Economics, sondern vor allem eines: tiefgreifende, authentische Empathie, die im Code ebenso verankert ist wie in der Unternehmenskultur.
Das Ende der gläsernen Gesellschaft: Top 10 Social Cooling Start-ups 2026
Angst vor Überwachung erstickt den Datenfluss. Diese zehn Start-ups machen aus digitaler Souveränität den vielleicht lukrativsten B2B-Gegentrend des Jahrzehnts.
Das Phänomen des Social Cooling, also das Gefühl der massenhaften, algorithmischen Überwachung durch omnipräsente KI-Systeme führte in den frühen 2020er Jahren zu einer spürbaren Verhaltensstarre bei Konsument*innen und Unternehmen. Man wollte nicht mehr frei interagieren, Daten teilen oder unbeschwert kommunizieren, aus Angst vor Reputationsverlust, Scoring-Abstrafungen oder Cyber-Gefahren.
Inzwischen hat dieser Vertrauensverlust eine neue, hochprofitable Industrie hervorgebracht. Was einst als reine PrivacyTech belächelt wurde, ist nun systemrelevant. Die Start-ups der Social-Cooling-Abwehrarchitektur bauen die digitalen Schutzräume von morgen, entkoppeln Identität von Überwachung und verwandeln den grassierenden Kontrollverlust in digitale Souveränität – ein starker, lukrativer Gegentrend des Jahrzehnts.
Die Marktlage: Vom Compliance-Zwang zum Innovationsmotor
Der Markt für Privacy Enhancing Technologies und Data Sovereignty hat seine Pubertät endgültig hinter sich gelassen. Galt es vor wenigen Jahren noch, lediglich lästige DSGVO-Vorgaben abzuhaken, ist der proaktive Schutz vor Social Cooling heute ein zentraler Wettbewerbsvorteil. Laut einer aktuellen Bitkom-Prognose für das laufende Jahr durchbricht der europäische Markt für digitale Vertrauenstechnologien erstmals die Marke von 8,5 Milliarden Euro – ein massives, nachhaltiges Wachstum im Vergleich zu 2023. Der technologische Haupttreiber ist die Symbiose aus generativer künstlicher Intelligenz und Zero-Knowledge-Proofs. KI wird nicht mehr nur als Überwachungstool gefürchtet, sondern ironischerweise von einer neuen Start-up-Generation als skalierbare Waffe gegen das Tracking eingesetzt. Gleichzeitig meldet das Research-Institut der KfW, dass deutsche DeepTech-Fonds allein in den letzten zwölf Monaten über 950 Millionen Euro in Gründungsteams gepumpt haben, die sich der algorithmischen Fairness, Datenobfuskation (Datenverschleierung) und der automatisierten Compliance widmen. Der Markt ist spürbar reif, die Budgets der Enterprise-Kund*innen sind freigegeben.
Die neuen Treiber: Beobachtbarkeit, Automatisierung und Cloud-Tresore
Wer 2026 auf dem Radar der großen VC-Fonds landen will, muss weit über den klassischen Cookie-Blocker hinausdenken. Drei spezifische Sub-Sektoren dominieren aktuell die Investitionsströme. Der erste große Treiber ist die Observability und Governance von Large Language Models (LLMs). Unternehmen wollen KI nutzen, müssen aber jede Eingabe auf Datenschutzkonformität überwachen, ohne die Systemleistung zu drosseln. Der zweite Wachstumsmarkt ist die tiefgreifende Automatisierung von Compliance-Workflows. Etablierte Pioniere wie das Münchner Unternehmen DataGuard haben hier bereits vor Jahren den Weg für Privacy-as-a-Service geebnet. Heute geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter: Statt manuelle Audits durchzuführen, vernetzen moderne B2B-SaaS-Tools die gesamte Firmen-Infrastruktur und prüfen den Datenfluss in Echtzeit auf rechtliche Verstöße. Der dritte, hochaktuelle Sub-Sektor ist das Confidential Computing in der Cloud. Hierbei geht es um Architekturen, die Daten selbst während der Verarbeitung im Prozessor hardwareseitig verschlüsseln. Während ältere DeepTech-Pioniere wie Apheris dieses vertrauensvolle Rechnen auf kooperatives KI-Training fokussierten, machen neue Start-ups diese sogenannten Cloud-Tresore nun als Plug-and-Play-Lösung für den breiten B2B-Mittelstand zugänglich, sodass weder Provider noch staatliche Akteur*innen mitlesen können.
Reality Check: Gescheiterte Krypto-Hoffnungen und teure Lektionen
Doch der Weg in das boomende Jahr 2026 war auch mit prominenten Ruinen gepflastert. Die Branche erinnert sich nur allzu gut an den Hype um dezentrale, rein konsumentenorientierte Daten-Marktplätze und "Pay-for-your-Data"-Plattformen der vergangenen Jahre. Hochfinanzierte Start-ups wie das Schweizer ICO-Projekt Datum oder das US-Pendant Wibson versprachen Nutzer*innen Krypto-Token, wenn sie ihre Daten souverän selbst vermarkteten – und erlitten reihenweise Bruchlandungen. Die Token-Ökonomie kollabierte, die zahlenden B2B-Käufer*innen blieben aus. Aus diesen teuren Fehlern lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste und tödlichste Irrtum ist die Fixierung auf den B2C-Markt. Konsument*innen beklagen zwar in Umfragen lautstark den Verlust ihrer Privatsphäre, sind aber in der Praxis fast nie bereit, für den Schutz zu bezahlen oder komplexe Krypto-Wallets zu bedienen.
Der zweite Fallstrick betrifft die Unit Economics. Wer heute komplexe kryptografische Verschlüsselungen – etwa Zero-Knowledge-Proofs – anbietet, sieht sich mit gigantischen Rechenkosten konfrontiert. Diese pulverisieren die Margen, wenn das Pricing nicht von Tag eins auf Premium-B2B-Kund*innen ausgerichtet ist.
Die dritte Lektion ist die Gefahr der regulatorischen Abhängigkeit. Wer sein Geschäftsmodell lediglich als temporären Patch für eine aktuelle Schwachstelle in der EU-Gesetzgebung baut, verschwindet vom Markt, sobald die Regulierung angepasst wird. Technologie muss einen intrinsischen Wert bieten.
Der vierte und oft unterschätzte Fallstrick ist die User Experience. Auch das kryptografisch stärkste Tool stirbt, wenn es im Arbeitsalltag Reibung erzeugt. Cybersecurity und Privacy müssen im Jahr 2026 absolut unsichtbar im Hintergrund operieren, statt den Nutzer mit Warnhinweisen zu gängeln.
Das deutsche Netzwerk: Die Schmieden der Abwehrarchitektur
Deutschland hat sich in diesem Sektor eine strukturelle Vorreiterrolle in Europa hart erarbeitet, die sich auf fünf hochspezialisierte Hotspots verteilt. München fungiert dabei als die Deep-Tech-Hauptstadt der Bewegung. Die enge Verzahnung der TU München und ihres Inkubators UnternehmerTUM mit dem Fraunhofer AIsec sowie den zahlungskräftigen B2B-Kunden aus der lokalen Automobil- und Versicherungsbranche schafft ein extrem fruchtbares Ökosystem für skalierende Start-ups. Weiter nordwestlich bilden Karlsruhe und Darmstadt gemeinsam den wehrhaften Zwillings-Hub für angewandte Kryptografie. Befeuert durch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das ATHENE-Forschungszentrum entstehen hier die mathematischen Grundlagen für vertrauenswürdige KI und Zero-Knowledge-Protokolle. Berlin hingegen ist der unangefochtene Hub für die schnelle Kommerzialisierung und B2B-SaaS-Skalierung. Nirgendwo sonst in der Republik ist die Dichte an internationalen Tech-Talent*innen und Wagniskapital höher, flankiert von einer kritischen Zivilgesellschaft, die das Thema Social Cooling politisch überhaupt erst auf die Agenda gesetzt hat. Bochum komplettiert das Netzwerk als heimliche Hauptstadt der IT-Sicherheit. Das renommierte Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit (HGI) und der lokale Inkubator Cube 5 liefern hier kontinuierlich das intellektuelle Rüstzeug und die essenziellen Spin-offs für die nächste Generation der Daten-Souveränität.
Der Investor*innen-Radar
Das Ökosystem der Geldgeber*innen ist im Jahr 2026 hochgradig professionalisiert und lässt sich in vier klar abgrenzbare strategische Kohorten unterteilen. Zunächst sind da die hochspezialisierten VCs, die den DeepTech-Charakter der Branche nicht nur finanzieren, sondern technologisch durchdringen. Namen wie eCAPITAL aus Münster oder UVC Partners haben das strukturelle Potenzial frühzeitig erkannt und orchestrieren heute die komplexen Runden.
Auf der zweiten Ebene agieren die Top-Tier Generalisten. Fonds wie Cherry Ventures, Earlybird und Point Nine Capital allozieren mittlerweile signifikante Volumina in Privacy-as-a-Service-Modelle, da sie realisieren, dass jedes Enterprise-Software-Budget der Zukunft zwingend einen substanziellen Posten für digitale Souveränität enthalten wird.
Die dritte, extrem kaufkräftige Gruppe sind die Corporate VCs der Industrie. Porsche Ventures und Bosch Ventures sichern sich durch ihre strategischen Investments frühzeitig den exklusiven Zugang zu Datenraum-Technologien, die für das autonome Fahren und das industrielle IoT schlicht essenziell sind.
An der Basis dieses Pyramiden-Radars wirken schließlich die Frühphasen-Motoren und Angel-Syndikate. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) fungiert hier weiterhin als zentraler Katalysator für universitäre Spin-offs, während Founder-Angels aus dem direkten Umfeld etablierter Unicorns wie Celonis gezielt in jene B2B-Modelle investieren, die sie in ihren eigenen Wachstumsphasen schmerzlich vermisst haben.
Diese Social-Cooling-Start-ups sollten wir 2026 auf dem Radar haben
Die Kuration der folgenden zehn Must-Watch-Start-ups basiert auf einem transparenten, mehrstufigen Analyseverfahren. Im Fokus der Redaktion standen vier Kernkriterien: die akute Marktrelevanz im Kampf gegen Social Cooling, der technologische Reifegrad echter B2B-Anwendungen, die Diversität der Lösungsansätze sowie das messbare Investor*innen-Vertrauen durch signifikante Finanzierungsrunden innerhalb der vergangenen 18 Monate.
Eine unverrückbare rote Linie für diese Liste ist zudem das Gründungsjahr: Wir betrachten ausschließlich die "New Wave" der Tech-Szene ab dem Jahr 2020. Der analytische Grund dafür ist pragmatisch. Diese junge Generation von Unternehmen ist durchweg AI-native herangewachsen. Sie schleppt keine veralteten Legacy-Architekturen oder reinen DSGVO-Compliance-Feigenblätter aus dem vergangenen Jahrzehnt mit sich herum. Stattdessen haben diese Gründungsteams ihre Produkte von Tag eins an auf eine Welt maximaler Vernetzung bei gleichzeitigem algorithmischem Kontrollverlust ausgerichtet.
NENNA.AI
Dieses 2023 in Berlin gegründete Start-up NENNA.AI liefert die technologische Antwort auf die wachsende Angst vor Datenabfluss beim unternehmensweiten Einsatz von Sprachmodellen. Das Team um Co-Founder Ulrich Meier hat eine B2B-Plattform für "AI Privacy" entwickelt. Ihr Geschäftsmodell ermöglicht es Unternehmen, sensible interne Daten vor der Verarbeitung durch externe KIs gezielt zu maskieren und anschließend im eigenen System wieder zu demaskieren. Der USP ist die strikte Datensouveränität, wodurch die volle Leistung globaler KI-Modelle absolut datenschutzkonform und ohne Performance-Verlust genutzt werden kann. Zuletzt flossen signifikante Millionenbeträge in einer von IBB Ventures und dfv Venture geführten Finanzierungsrunde.
Kertos
Das Ende 2021 von Dr. Kilian Schmidt, Johannes Hussak und Alexander Prams in München gegründete Start-up Kertos revolutioniert die Art und Weise, wie Firmen mit regulatorischem Druck umgehen. Ihr B2B-SaaS-Modell vernetzt die gesamte IT-Infrastruktur eines Unternehmens und automatisiert Privacy- und Compliance-Workflows in Echtzeit. Der USP liegt im Einsatz spezialisierter KI-Agenten, die über eine "No-Code"-Integration komplexe Löschkonzepte, DSGVO-Auskunftsanfragen und die Vorbereitung auf ISO-Audits fehlerfrei und ohne manuelle Heerscharen abwickeln. Der globale Investor Portage führte hier zuletzt als Lead-Investor eine stark beachtete Series-A-Finanzierungsrunde an, flankiert von Pi Labs und 10x Founders.
Langfuse
Im Jahr 2022 von Marc Klingen, Max Deichmann und Clemens Rawert in Berlin gegründet, liefert dieses Open-Source-Start-up die Antwort auf das Blackbox-Problem von Sprachmodellen. Ihr B2B-Modell bietet "LLM Observability". Das Tool ermöglicht es Entwicklerteams, in Echtzeit und absolut transparent nachzuvollziehen, welche sensiblen Daten in Prompts fließen, wie die KI-Modelle antworten und wo Kosten oder Latenzen explodieren – ein essenzieller Baustein für den Schutz vor Datenabfluss und Halluzinationen. Der USP von Langfuse ist die transparente Open-Source-Architektur, die sich auch in strikt abgeriegelten On-Premise-Umgebungen hosten lässt. Lightspeed Venture Partners und La Famiglia führten hier die frühen Runden an, zudem durchlief das Team den renommierten US-Accelerator Y Combinator.
Trail
Das 2023 von Anna Spitznagel, Nikolaus Pinger und Sven Hölzel aus dem Umfeld der TU München (CDTM) heraus gegründete Start-up Trail fokussiert sich auf die Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und regulatorischem Vertrauen. Ihr B2B-SaaS-Produkt agiert als intelligenter Copilot für AI-Governance. Das Tool richtet sich primär an Entwickler-Teams und ermöglicht es ihnen, KI-Modelle konform mit dem europäischen AI Act sowie der ISO 42001 zu skalieren, ohne in manueller Dokumentation zu ersticken. Der USP liegt in der nahtlosen Integration in bestehende Entwickler-Workflows, wodurch Governance automatisiert und revisionssicher wird. Der Early-Stage-Fonds CapitalT führte hier die jüngsten Finanzierungsrunden an, strategisch flankiert von NP-Hard Ventures und Mozilla Ventures.
Kodex AI
Thomas Kaiser und Claus Lang starteten im Jahr 2022 in Berlin, um den hochregulierten Finanzsektor mit sicherer, künstlicher Intelligenz auszustatten. Ihr Geschäftsmodell ist ein B2B-SaaS-Copilot, der speziell für Banken entwickelt wurde, um interne Dokumente und komplexe Regularien durch sogenannte AI Agents zu analysieren, ohne dass sensible Kund*innendaten jemals die sichere Umgebung verlassen. Der USP liegt in der branchenspezifischen Feinabstimmung der Modelle auf strikte Financial-Compliance. Nach frühen Investments durch Signals VC und die Deutsche Bank bewies das Start-up die enorme Lukrativität dieses Markts: Ende 2025 wurde Kodex AI in einem hochkarätigen Exit vom globalen Compliance-Riesen CUBE übernommen und fungiert nun als dessen europäischer KI-Motor.
HeyData
Mit der Gründung im Jahr 2020 in Berlin durch Miloš Djurdjević, Daniel Deutsch und Martin Bastius hat sich dieses Start-up massiv weiterentwickelt. Was einst als ausgelagerter digitaler Datenschutzbeauftragter begann, ist heute eine holistische B2B-SaaS-Plattform für umfassende Compliance und IT-Sicherheit. Das Geschäftsmodell übersetzt hochkomplexe europäische Regularien – von der DSGVO über NIS2 bis hin zum AI Act – in eine modulare Softwarelösung. Der USP ist die tiefe Automatisierung von Risikoanalysen und Audits, die sich nahtlos in die bestehenden Arbeitsabläufe des Mittelstands integriert und teure manuelle Beratung obsolet macht. Das enorme Potenzial dieses Ansatzes bewies HeyData erst Anfang 2026: Aufgrund des rasanten Wachstums zog das Team eine Series-A-Finanzierung vor und sammelte auf einen Schlag 16,5 Millionen US-Dollar ein, angeführt vom US-Investor Riverside Acceleration Capital.
Certivity
Dieses 2021 in München von Nico Waegerle, Bogdan Bereczki, Jörg Ulmer und Sami Vaaraniemi gegründete Certivity löst einen der größten Schmerzpunkte der modernen Produktentwicklung: die Brücke zwischen Regulierung und Engineering. Ihr B2B-SaaS-Modell integriert komplexe rechtliche Compliance-Anforderungen – etwa den Cyber Resilience Act – direkt in die Software-Entwicklungsprozesse von Hardware-Herstellern. Der USP ist die nahtlose Übersetzung von maschinenlesbaren, juristischen Texten in die technische Implementierung, was vor allem im hochregulierten Automotive-Sektor die Entwicklungszyklen massiv beschleunigt. Der spezialisierte Mobility-Fonds Vektor Partners führte hier die letzten substanziellen Finanzierungsrunden an, stark flankiert vom High-Tech Gründerfonds, Point Nine und dem Münchner Inkubator UnternehmerTUM.
Mitigant
Nils Karn, Kennedy Torkura, Dr. Thomas Fricke und Muhammad Ihsan Sukmana brachten dieses hochspezialisierte Cloud-Security-Start-up 2021 als Spin-off des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) in Potsdam an den Start. Mit ihrem B2B-SaaS-Ansatz verfolgen sie das Konzept der "Security Resilience" durch automatisierte Cloud-Angriffssimulationen. Das Geschäftsmodell von Mitigant ermöglicht es Unternehmen, kontinuierlich zu überprüfen, ob ihre sensiblen Daten in großen Public Clouds wirklich sicher vor heimlichem Abfluss und unautorisierter Überwachung sind. Der USP liegt in der innovativen Übertragung von Chaos-Engineering-Prinzipien auf die Cybersecurity: Die Cloud-Infrastruktur wird vom System proaktiv und kontrolliert angegriffen, um Schwachstellen aufzudecken, noch bevor es echte Hacker*innen tun. Der HTGF agierte hier gemeinsam mit Brandenburg Kapital und Saber als essenzieller Frühphasen-Investor.
Identeco
Matthias Wübbeling, Christian Dietrich, Johannes E. M. Müller und Nils Vossebein gründeten 2020 aus der Universität Bonn heraus dieses hochspezialisierte Cybersecurity-Start-up. Ihr B2B-SaaS-Modell schützt die Accounts von Firmen- und Endkunden vor verheerenden Takeovers, die durch die schiere Masse an KI-generierten Phishing-Angriffen massiv zugenommen haben. Das System identifiziert gestohlene Zugangsdaten im Darknet und warnt Unternehmen in Echtzeit. Der USP ist das sogenannte Privacy-Preserving Credential Screening: Ein kryptografisches Abgleichverfahren stellt sicher, dass Identeco selbst die Passwörter der Kund*innen zu keinem Zeitpunkt im Klartext kennen oder speichern muss – ein Glanzstück der Datensouveränität. Der HTGF steht hier gemeinsam mit der NRW.BANK und spezialisierten Cybersecurity-Angels als verlässlicher Investor hinter der starken technologischen Basis.
Enclaive
Prof. Dr. Sebastian Gajek, Florian Forster und Patrick Plagwitz haben im Jahr 2021 in Berlin dieses Deep-Tech-Unternehmen gegründet, das Confidential Computing endlich für den breiten B2B-Mittelstand zugänglich macht. Das Modell ermöglicht es Unternehmen, containerisierte Anwendungen über einen automatisierten Lift-and-Shift-Ansatz in Public Clouds zu migrieren. Der entscheidende USP von Enclaive: Die Daten bleiben durch sogenannte Enklaven selbst während der aktiven Verarbeitung im Prozessor (Data-in-Use) hardwareseitig verschlüsselt. Weder der Cloud-Provider noch staatliche Akteur*innen oder Hacker*innen können mitlesen. Der TechVision Fonds (TVF) finanzierte als Lead-Investor gemeinsam mit einem Konsortium aus europäischen Cybersecurity-Angels dieses extrem kritische Infrastruktur-Tool.
Internationaler Ausblick, Trends & Fazit
Wer den deutschen Markt für Social-Cooling-Abwehr verstehen will, muss den Blick zwingend über den Tellerrand richten, denn drei globale Makro-Trends diktieren die europäischen Spielregeln bis zum Ende dieses Jahrzehnts. Aus den USA schwappt aktuell eine massive Regulierungswelle zur verpflichtenden kryptografischen Wasserzeichen-Markierung von KI-Inhalten herüber, begleitet von strategischen Kapitalflüssen in dezentrale physische Infrastrukturnetzwerke (DePIN), die eine zensurresistente Alternative zu den großen Hyperscalern aufbauen.
In Asien wiederum treibt die staatlich orchestrierte Totalüberwachung eine beispiellose Untergrund-Innovation im Bereich radikaler Obfuskations-Technologien und Dark-Net-Routing voran, deren Codebasen zunehmend in europäische Open-Source-Projekte einfließen. Aus Israel sehen wir derweil den beschleunigten Transfer von militärischer Kryptografie – wie etwa der homomorphen Verschlüsselung – direkt in zivile europäische B2B-SaaS-Produkte.
Social Cooling ist längst kein weiches soziologisches Phänomen mehr, sondern eine reale Bedrohung für datengetriebene Geschäftsmodelle – denn eine Tech-Ökonomie, deren Algorithmen auf unzensierten menschlichen Signalen basieren, erstickt unweigerlich, sobald ihre Nutzer aus Angst vor Überwachung in digitale Schockstarre verfallen. Die neue Generation von Start-ups ab dem Jahr 2020 baut exakt jene Werkzeuge, um dieses Vertrauen auf struktureller Ebene zurückzugewinnen. Sie sind die Architekt*innen einer neuen, resilienten Datenökonomie.
Steckrübe statt Schwein: Verrano sichert sich hohe sechsstellige Finanzierung für die „Clean Label“-Revolution
Das 2023 gegründete Frankfurter Start-up Verrano hat ein neuartiges Verfahren entwickelt, das regionales Wurzelgemüse durch Reifung und Räucherung in eine pflanzliche Alternative zu Wurstersatzprodukten verwandelt.
Hinter Verrano, das Anfang 2023 in Frankurt/Main gegründet wurde, steht ein branchenerfahrenes, dreiköpfiges Gründerteam rund um Geschäftsführer Manuel Siskowski. Die Idee reifte jedoch schon lange vor der formellen Gründung. Getreu dem internen Motto „natürlich köstlich“ experimentierten die Gründer – zu denen auch Maximilian Bubenheim mit seiner Erfahrung aus der Sternegastronomie sowie Felix Linnenschmidt gehören – mehrere Jahre mit Wurzelgemüse.
Dabei wendeten sie ein Verfahren an, das in ähnlicher Form beim Reifen von klassischem Schinken zum Einsatz kommt. Nach ersten erfolgreichen Testläufen im regionalen Bio-Handel konnten bald die ersten Kund*innen mit Mengen aus der in Biebertal bei Gießen installierten Pilotanlage beliefert werden.
Handwerkstradition trifft Gemüse
Anstatt klassische Fleischersatzprodukte nachzuahmen, setzt Verrano auf die handwerkliche Veredelung. Regionale Rohstoffe wie Steckrübe, Sellerie und Rote Beete werden einem speziellen Fermentations- und Räucherverfahren unterzogen. Das Endprodukt zeichnet sich durch einen enormen Gemüseanteil von rund 95 Prozent aus und kommt mit nur wenigen Zutaten aus, ohne künstliche Zusatzstoffe zu verwenden. Das Ergebnis soll laut Unternehmensangaben in seiner Textur und dem Geschmack an hochwertige Fleischprodukte wie Schinken erinnern. Die kulinarischen Kreationen werden bereits als dünner Aufschnitt, im Würfelmix oder am Stück in den Markt eingeführt und eignen sich flexibel als Brotbelag, zum Kochen oder für Snackplatten. Die Innovationskraft dieses Ansatzes wurde kürzlich von PETA mit dem „VEGAN AWARD 2026“ in der Kategorie „beste vegane Innovation“ ausgezeichnet.
Eine neue Kategorie jenseits der Imitation
Der Markt für pflanzliche Alternativen konsolidiert sich aktuell, während die Lebensmittelbranche verstärkt nach innovativen pflanzlichen Produkten sucht, die neue Geschmackserlebnisse erzeugen. Hier positioniert sich Verrano in der stark wachsenden Nische der „Clean Label“-Produkte. Direkte Wettbewerber*innen mit einem identischen Ansatz sind rar, da die meisten großen Player*innen weiterhin auf Extrusionsverfahren von Proteinisolaten setzen. Verrano erschafft vielmehr eine neue Kategorie: Eine pflanzliche Feinkost, die das Naturprodukt Gemüse transformiert. Dass diese Nische massentauglich ist, bewies das Start-up jüngst im Veganuary durch aufmerksamkeitsstarke Listungen deutschlandweit in den Bordbistros der Deutschen Bahn.
Die Herausforderungen am Markt
Trotz der vielversprechenden Traction und der Skalierbarkeit, die bereits mit der Pilotanlage bewiesen wurde, steht das Start-up vor großen operativen Herausforderungen, um den Start im breiten Handel zu ermöglichen. Ein Reifeprozess, der Wochen in Anspruch nimmt, bindet extrem viel Working Capital, da enorme Mengen vorproduziert und gelagert werden müssen. Zudem verhält sich Gemüse im Reifeprozess mikrobiologisch grundlegend anders als Fleisch. Die Qualitätssicherung erfordert hochpräzise Produktionsumgebungen, um die Haltbarkeit bei größeren Mengen zu garantieren. Letztlich bedarf es auch starker Aufklärungsarbeit und forcierter Vertriebsaktivitäten am Konsument*innen, um Wurzelgemüse dauerhaft als Premium-Feinkostprodukt zu etablieren.
Reale Skalierung statt VC-Hype
Genau bei diesen Herausforderungen zeigt sich die strategische Passung der aktuellen Finanzierungsrunde. Dass Verrano die bestehenden Produktionskapazitäten massiv ausweiten muss, um die ansteigende Nachfrage zu bedienen, ist der klassische Flaschenhals von Food-Start-ups. Der überwiegende Teil der eingeworbenen Mittel fließt in genau diesen Zweck. Dass die Finanzierungsrunde dabei, wie StartingUp aus Branchenkreisen erfuhr, im hohen sechsstelligen Bereich liegt, beweist die Kapitaleffizienz des Unternehmens. Anstatt reines Risikokapital in teure Eigenentwicklungen zu pumpen, setzt Verrano auf „Smart Money“.
Mit dem Maschinenbauer Weber Food Technology und der Wurst- und Schinkenmanufaktur Bedford holen sie sich zwei strategische Industrie-Schwergewichte an Bord. Verrano profitiert hier direkt von jahrzehntelanger Expertise in der mikrobiologischen Reifung sowie im industriellen High-Tech-Slicing. Zusammen mit der BMH, die als VC-Tochter der Helaba aktuell Fonds mit einem Volumen von 450 Millionen Euro verwaltet, hat das Start-up starke Partner für die anstehende Geschäftsentwicklung gewonnen. Dieses Konsortium bietet das Rüstzeug, um die Nische der veganen Boutiquen zu verlassen und den Lebensmitteleinzelhandel zu adressieren.
Von der Medienmarke zur Infrastruktur: Was Gründende von MILC über Web3 lernen können, ohne in den Hype zu tappen
Viele Start-ups scheitern nicht an Ideen, sondern an der falschen Flughöhe. Sie bauen Produkte für einen Markt, den es in dieser Form noch gar nicht gibt, oder sie verwechseln Aufmerksamkeit mit Substanz. Gerade im Web3-Umfeld war das in den vergangenen Jahren oft zu beobachten. Viel Kapital floss in Narrative, deutlich weniger in tragfähige Modelle.
Der Fall MILC (Media Industry Licensing Content) ist deshalb interessant, weil er einen anderen Weg zeigt. Hinter dem Projekt steht mit Hendrik Hey kein Krypto-Promoter, sondern ein Medienunternehmer mit jahrzehntelanger Markterfahrung. Der Ausgangspunkt war nicht die Frage, wie man einen Token in den Markt drückt, sondern welches reale Problem so groß ist, dass sich dafür eine neue Infrastruktur lohnt.
Nicht vom Hype her denken, sondern vom Marktproblem
Ein häufiger Fehler von Gründenden besteht darin, sich zuerst in eine Technologie zu verlieben und erst danach nach ihrem Zweck zu suchen. Bei MILC scheint die Reihenfolge umgekehrt zu sein. Das Kernproblem ist schnell beschrieben: Medien lassen sich heute global verbreiten, aber Rechte, Beteiligungen und Erlöse sind weiterhin in langsamen, teuren und oft schwer nachvollziehbaren Strukturen organisiert.
Genau dort setzt das Modell an. Nicht als weiteres Medienportal, sondern als Infrastruktur für Lizenzierung, Rechteverwaltung und Erlöslogik. Für Gründende ist das die erste wichtige Lektion: Märkte mit hoher Reibung sind oft interessanter als Märkte mit hoher Lautstärke.
Je komplexer ein Markt in der Abwicklung ist, desto größer ist der Hebel für ein gutes Infrastrukturprodukt. Wer es schafft, einen Prozess nicht nur digitaler, sondern verlässlicher und klarer zu machen, baut näher am echten Wert als jemand, der bloß eine weitere Oberfläche produziert.
Eine starke These ist noch kein Geschäftsmodell
Start-ups brauchen eine große Erzählung, aber sie dürfen sich nicht in ihr verlieren. Auch MILC arbeitet mit einer großen These: dass digitale Eigentums- und Beteiligungsmodelle im Medienbereich neu organisiert werden müssen. Entscheidend ist jedoch, ob diese These in ein funktionierendes Modell übersetzt werden kann.
Genau hier wird es für Gründende spannend. Ein Projekt wie MILC muss nicht nur technisch funktionieren. Es muss mehrere Gruppen gleichzeitig überzeugen: Rechteinhaber, Produzenten, Lizenznehmer, kreative Talente, mögliche Partner und später womöglich institutionelle Kapitalgeber. Das bedeutet: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Feature, sondern im Zusammenspiel aus Produkt, Recht, Vertrieb und Vertrauen.
Viele junge Unternehmen unterschätzen diese Mehrdimensionalität. Sie bauen zu stark aus Sicht des Entwicklers und zu wenig aus Sicht eines Marktes, der sich nur dann bewegt, wenn Risiko sinkt. Infrastruktur heißt deshalb immer auch: Komplexität für andere reduzieren.
Warum Timing wichtiger ist als Vision allein
Ein weiteres Learning aus Projekten wie MILC betrifft das Timing. Dieselbe Idee wäre vor einigen Jahren vermutlich schwerer vermittelbar gewesen. Heute treffen mehrere Trends aufeinander: KI senkt Produktionskosten, digitale Inhalte zirkulieren schneller denn je, Plattformabhängigkeiten werden sichtbarer, und die Diskussion über Eigentum an Daten, Inhalten und digitalen Assets ist deutlich reifer geworden.
Für Gründende heißt das: Eine starke Idee reicht nicht. Sie muss in einem Moment auftauchen, in dem der Markt ihren Nutzen erkennen kann. Timing ist kein Nebenaspekt, sondern oft der Unterschied zwischen zu früh und genau richtig.
Das gilt nicht nur für Web3. Es gilt für fast jede Infrastrukturidee. Wer Prozesse verbessern will, die bislang mit Excel, E-Mail und juristischen Einzelabsprachen laufen, braucht Geduld und einen Markt, der Veränderungsdruck spürt. Ohne diesen Druck bleibt selbst das bessere System nur eine gute Präsentation.
Regulierung ist nicht der Feind, sondern Teil des Produkts
Gerade Gründende aus digitalen Szenen betrachten Regulierung oft als lästige Pflicht. Das ist verständlich, aber zu kurz gedacht. In Bereichen, in denen Eigentum, Geldflüsse und grenzüberschreitende Nutzung eine Rolle spielen, ist Regulierung kein Add-on. Sie ist Teil des Produkts.
Das ist einer der interessantesten Punkte an der MILC-Strategie. Der Anspruch ist nicht, sich möglichst weit außerhalb institutioneller Logiken zu bewegen, sondern Brücken in genau diese Welt zu bauen. Für viele Start-ups liegt darin eine unbequeme, aber wichtige Einsicht: Wer in sensiblen Märkten wachsen will, muss nicht nur technologisch, sondern auch strukturell glaubwürdig sein.
Das betrifft Vertragslogiken, Auditierbarkeit, Verantwortlichkeiten und Kapitalfähigkeit. Gerade im europäischen Kontext kann das ein Vorteil sein. Vertrauen entsteht nicht nur durch gutes Design, sondern auch durch belastbare Regeln.
Gründende müssen das Problem größer denken als das Produkt
MILC wirkt deshalb weniger wie ein einzelnes Tool und eher wie der Versuch, eine ganze Wertschöpfungskette neu zu sortieren. Ob das gelingt, ist offen. Aber die Perspektive dahinter ist lehrreich. Gute Start-ups stellen nicht nur die Frage, was ihr Produkt kann. Sie fragen, welches Systemverhalten sich dadurch verändert.
Für Gründende bedeutet das: Der eigentliche Wert eines Produkts entsteht oft erst dann, wenn es Teil einer größeren Marktlogik wird. Wer nur ein Feature anbietet, bleibt austauschbar. Wer eine Kategorie neu schneidet, hat die Chance, Standards zu setzen. Das ist riskanter und langsamer, aber oft auch nachhaltiger. Vor allem in Märkten, in denen sich Macht aus intransparenten Prozessen speist, können neue Standards mehr bewirken als einzelne Innovationen.
Was man als Gründende aus MILC mitnehmen kann
Drei Punkte stechen besonders hervor:
Erstens: Starte nicht mit der Technologie, sondern mit einem Marktversagen. Wo Reibung groß ist, liegt Potenzial.
Zweitens: Infrastruktur verkauft sich nicht über Glamour, sondern über Verlässlichkeit. Wer Prozesse neu ordnet, braucht Vertrauen in Produkt, Struktur und Team.
Drittens: Große Visionen brauchen Anschlussfähigkeit. Ein Start-up wird nicht dadurch stark, dass es alles anders machen will, sondern dadurch, dass es das Neue mit den Anforderungen realer Märkte kompatibel macht.
Zwischen Hype und Handwerk
Web3 war in den vergangenen Jahren oft eine Bühne für überzogene Versprechen. Umso interessanter sind Projekte, die das Thema auf Handwerk zurückholen: auf Eigentum, Regeln, Prozesse, Beteiligung. Genau dort entscheidet sich am Ende, ob aus einer Idee ein Markt wird.
Für Gründende ist das die vielleicht wichtigste Botschaft. Es lohnt sich, auf die unspektakulären Probleme zu schauen. Denn oft liegt gerade dort das größere Unternehmen verborgen. Nicht in der lautesten Story, sondern in der stillen Fähigkeit, Ordnung in ein System zu bringen, das bislang von Unklarheit lebt.
MILC ist damit weniger ein Vorbild im Sinne einer Blaupause als ein nützlicher Prüfstein. Es zeigt, wie man eine Zukunftstechnologie nicht als Selbstzweck erzählt, sondern als Antwort auf ein reales Marktproblem. Für junge Unternehmen ist das oft die wertvollste Form von Innovation.
Mediennutzung 2026: Zwischen KI-Frust, Abo-Müdigkeit und neuen Chancen für Start-ups
Die Deutschen experimentieren so intensiv wie nie mit künstlicher Intelligenz (KI), sind aber zunehmend genervt von Deepfakes und „Content ohne Mehrwert“. Gleichzeitig sehnt sich der überhitzte Streaming-Markt nach einer drastischen Konsolidierung. Die aktuelle Deloitte-Studie „Media Consumer Trends 2026“ liefert nicht nur Bestandsaufnahmen, sondern zeigt deutlich, wo für Gründer*innen und Tech-Unternehmen jetzt die wahren Opportunitäten liegen.
Social Media bleibt der unangefochtene Platzhirsch der Medienlandschaft: 78 Prozent der Konsument*innen in Deutschland sind auf den Plattformen aktiv, bei der Gen Z (unter 25 Jahre) sind es sogar satte 91 Prozent. Fast die Hälfte dieser jungen Zielgruppe nutzt Instagram, TikTok und Co. heute intensiver als noch im Vorjahr. Doch ein Blick unter die Oberfläche offenbart Risse im digitalen Fundament – und die haben maßgeblich mit dem rasanten Einzug generativer künstlicher Intelligenz (KI) zu tun.
Das KI-Paradoxon: Große Kreationslust, massives Vertrauensproblem
Auf der Creator-Seite ist KI bereits Alltag. 22 Prozent der Befragten haben laut Deloitte schon Bilder per KI erstellt, jeder Zehnte generiert Videos oder Musik. Auch die Zahlungsbereitschaft ist überraschend hoch: Jeder Fünfte wäre bereit, monatlich über 10 Euro für entsprechende Tools auszugeben.
Auf der Konsument*innenseite jedoch kippt die Stimmung bedenklich. Zwei Drittel der Nutzer*innen geben an, dass sie KI-generierte Inhalte im Netz nicht mehr zuverlässig erkennen können. Schlimmer noch: 56 Prozent klagen über eine wachsende Flut an KI-generierten Postings „ohne Mehrwert“ – schlichtweg digitaler Spam. Die Konsequenz dieser Verunsicherung zeigt sich bereits in den Nutzungsdaten: Erste Altersgruppen, insbesondere Nutzer*innen ab Mitte 50, beginnen, ihren Social-Media-Konsum aktiv zurückzufahren.
Die Start-up-Perspektive: Die Zeiten des blinden KI-Hypes sind vorbei. Wer als Gründer*in heute rein quantitativ auf automatisierte Content-Erstellung setzt, riskiert Reichweite und Glaubwürdigkeit. Wie Deloitte-Expertin Sophie Pastowski anmerkt, braucht es dringend „transparente Kennzeichnung, um Vertrauen im digitalen Raum zu stärken.“ Genau hier entsteht ein massiver Zukunftsmarkt für „Trust-Tech“-Start-ups: Werkzeuge, die Authentizität verifizieren, Deepfakes zuverlässig herausfiltern, digitale Wasserzeichen etablieren oder Content-Provenance (Herkunftsnachweise) sichern, werden zu kritischen Erfolgsfaktoren für Plattformen und Verlage.
Streaming-Kollaps: Die Sehnsucht nach dem Super-Aggregator
Auch im Video-Streaming-Markt (SVoD) stehen die Zeichen auf Wandel. Der Markt ist in einer Reifephase angekommen: Zwar verbringen die Deutschen immer mehr Zeit mit Streaming, doch die Abo-Zahlen stagnieren. Mit durchschnittlich 2,5 Abos bei 64 Prozent der Haushalte ist die finanzielle und nervliche Schmerzgrenze offenbar erreicht.
Die Fragmentierung des Marktes wird zum Bumerang. Die Hälfte der Konsument*innen findet das zersplitterte Angebot unübersichtlich; das ständige Suchen nach Inhalten über verschiedene Apps hinweg („Decision Fatigue“) nervt. Das Resultat ist ein lauter Ruf nach Bündelung: 43 Prozent der Nutzer*innen wünschen sich eine plattformübergreifende Aggregation ihrer Dienste. Der Haken für Anbietende: 60 Prozent erwarten im Gegenzug für ein solches Bundle einen spürbaren Preisvorteil.
Die Start-up-Perspektive: Der Markt schreit nach einer funktionierenden Meta-Ebene. Wer es schafft, die zersplitterte Content-Landschaft in einer nutzer*innenfreundlichen Oberfläche (Super-App) mit intelligenter, plattformübergreifender Suchfunktion und klugem Pricing zu bündeln, trifft den absoluten Nerv der Zeit. Das reine Hinzufügen eines weiteren Nischen-Streamingdienstes dürfte es hingegen 2026 schwerer denn je haben.
Audio: Der harte Kampf um das knappe Gut „Glaubwürdigkeit“
Im Audio-Segment setzt sich der Strukturwandel fort. Podcasts boomen weiter und haben bei den 25- bis 34-Jährigen das klassische Radio bereits als wichtigstes Medium überholt. Doch das Radio verzeichnet mit 65 Prozent wöchentlicher Reichweite weiterhin eine enorme Resilienz. Der Grund ist ein entscheidender USP, von dem digitale Kanäle lernen können: Vertrauen. Wenn es um harte Informationen und die Nachrichtenlage geht, stufen 54 Prozent der Hörer das Radio als informativer und verlässlicher ein – Podcasts kommen hier nur auf 19 Prozent.
Fazit
Die Mediennutzung 2026 ist stark paradox geprägt: Technologie durchdringt die Erstellung von Inhalten immer tiefer, doch die Sehnsucht der Nutzer*innen nach Authentizität, Übersichtlichkeit und verlässlichen Quellen wächst proportional dazu. Für Start-ups bedeutet dies einen strategischen Paradigmenwechsel. Nicht das nächste Tool zur Erstellung von noch mehr billigem KI-Content ist der heilige Gral, sondern Lösungen, die in der Informationsflut Orientierung schaffen, Fragmentierung auflösen und echtes Vertrauen im digitalen Raum aufbauen. Wer diese Schmerzpunkte adressiert, hat im hart umkämpften Medienmarkt der kommenden Jahre exzellente Karten.
