Chris: KI-Power fürs „heilig‘s Blechle“

Autor: Christina Cassalla
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German-Autolabs-Gründer Holger G. Weiss ist ein weltweiter Vorreiter in Sachen Connected-Car-Technologie. Mit „Chris“ hat er einen intelligenten Beifahrer entwickelt, der jedes (alte) Auto smart macht.

German-Autolabs-Co-Gründer Holger G. Weiss, (c) German Autolabs GmbH

Er kommt! Ein Auto, ein Computer, ein Mann – Knight Rider“, mit diesem Vorspann begann eine der beliebtesten US-amerikanischen Serien der 80er-Jahre.  Mit seinem Wunderauto K.I.T.T., einem Pontiac Firebird Trans Am, kämpfte David Hasselhoff als verdeckter Ermittler gegen Unrecht und Verbrechen. K.I.T.T. konnte mit seinem Fahrer sprechen und rettete ihm damit mehr als einmal das Leben. Auch in Deutschland wurde die Serie millionenfach gesehen. Dass K.I.T.T. nun dank eines Berliner Start-ups bald Wirklichkeit werden kann, ahnte damals niemand.

Holger G. Weiss ließ als Jugendlicher kaum eine Folge der Erfolgsserie aus. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Patrick Weissert ist Holger Gründer und Geschäftsführer von German Autolabs, jenem Unternehmen, das seit 2016 einen digitalen Sprachassistenten für Autofahrer via Spracherkennung und Gestensteuerung entwickelt, der alle Funktionen eines Beifahrers übernimmt: Messaging, Telefonate, das Abspielen von Musik und Navigation.

Der kleine Mini-­Computer klebt per Saugnapf auf dem Armaturenbrett, hört auf den Namen Chris (abgeleitet vom Heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden) und ist kaum größer als eine männliche Faust. Mit seinen 250 Gramm ist das Gerät ein wahres Leichtgewicht, das mit seinem kleinen, runden Display immer dann auf on geht, wenn der Fahrer dies wünscht. Chris löst auf smarte Weise ein nicht ganz triviales Problem: Das Nutzen der Smartphones während der Fahrt ist in Deutschland verboten – nur hält sich kaum jemand daran! Stattdessen gilt: Hier eine SMS, dort ein Selfie für Instagram und schnell eine WhatsApp-Nachricht in die Familiengruppe. Und Zack! Schon hat es gekracht.

Chris, der smarte Lebensretter

Dass die Handynutzung im Auto gefährlich ist, zeigen auch die Statistiken: Mindestens 300 Deutsche sterben jährlich, weil Autofahrer nicht die Finger (und vor allem die Augen) vom Handy lassen können. Das sind mehr als die rund 250 Todesopfer, die auf Alkohol am Steuer zurückzuführen sind. Das Smartphone, sagen Experten deshalb, ist in den zehn Jahren seiner Existenz zum Unfallrisiko Nummer eins geworden. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov greifen unter den Befragten der 18 bis 22 Jahre alten Autofahrer immerhin 37 Prozent ab und zu zum Smartphone.

Vor allem an roten Ampeln und während eines Staus wandern die Hände Richtung Telefon, um Musik auszuwählen (63 Prozent), zu chatten (40 Prozent) oder auch um klassisch ein Telefongespräch zu führen. Dem Reiz des Handys widerstehen konnte auch Holger nur schlecht. „Während einer Fahrt dachte ich wieder einmal, wie gut ich diese Stunden doch nutzen könnte, meine E-Mails zu beantworten oder Nachrichten zu verschicken. Warum gibt es so etwas nicht?“, fragte er sich – und die Idee für die ersten Prototypen von Chris war geboren.

Chris ist als Nachrüstlösung u.a. für die rund 47 Mio. dt. Autos konstruiert, die keinen eingebauten Sprachassistenten haben

Per Sprach- und Gestensteuerung zu WhatsApp und Co.

Nach zweijähriger Hardware-Entwicklung und viele mögliche Varianten später hatte Chris auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) im vergangenen Herbst seinen ersten großen Auftritt und wurde in Berlin einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Danach ging Chris in Serie und ist auf dem Markt zu einem Preis von 299 Euro erhältlich.

Seit neuestem unterstützt Chris neben SMS auch WhatsApp. Die Navigation funktioniert durch den Internetzugang über das Smartphone in Echtzeit und lässt dabei auch Informationen zu Staus einfließen. Der digitale Sprachassistent kann darüber hinaus per Bluetooth oder UKW mit dem Auto­radio verbunden werden.

Chris benötigt keine Knöpfe oder Tasten der Fernbedienung. Bewegt man die Hand hoch und runter oder von rechts nach links, lässt sich zwischen den einzelnen Menüs wechseln. Zusätzlich brachte German Autolabs eine dritte Dimension in die Gestensteuerung, indem die Hand vor dem digitalen Beifahrer entweder vor- oder zurückbewegt wird. Und noch etwas ist anders: „Im Gegensatz zu anderen Assistenten funktioniert Chris auch offline“, betont der Gründer. Das ist vor allem in Gegenden besonders praktisch, die nicht über eine lückenlose Netzabdeckung verfügen. „Manchmal lässt sich dort selbst ein Car-Sharing-Auto nicht öffnen, weil das Internet nicht stark genug ist“, erzählt der Seriengründer und Business Angel.

Im Kreuzberger Hinterhof, mehr Berlin geht fast nicht, dort, wo einst eine alte Druckerei angesiedelt war und Chris von den mittlerweile 40 Mitarbeitern der German Autolabs GmbH entwickelt wurde, ist das zwar kaum vorstellbar, aber dennoch kennen all jene, die nur wenige Kilometer aus Berlin nach Brandenburg fahren, dieses Problem genau. Holger ist dort häufig in seinem Häuschen. So oft es seine Zeit zulässt, fährt er raus ins Grüne. „Ich erlebe dort eine unglaubliche Befriedigung“, sagt er und schwärmt von den dunklen Nächten und einem tiefen Himmel. „Natur und Holger, das gehört einfach zusammen“, lacht er.

Bereits als Jugendlicher arbeitete er in den Sommerferien als Erntehelfer bei Freunden seiner Eltern, die ein großes Gut in Schleswig-Holstein hatten. „Ein Traum“, erinnert er sich. „Während ich hoch oben auf dem großen Trecker saß und auf den Mähdrescher wartete, wehte der Wind durch den Weizen und mein Blick ging auf die Ostsee“, schwärmt er. „Das berührt mich noch heute.“ Vielleicht werde er irgendwann doch wieder aufs Land ziehen. Vorstellen jedenfalls kann er sich das!

Noch ist es nicht soweit, aber es klingt nach einer gesunden Work-Life-Balance, und ja, am Wochenende gehe er nie ins Büro, stattdessen liest er viel –„Belletristik, digital, Kindle!“ –  oder hört den Sprechern in Hörbüchern beim Vorlesen zu. „Bis auf wenige Ausnahmen mache ich frei, denn wie in jedem anspruchsvollen Beruf ist das Privatleben dadurch sehr beeinflusst“, betont er. Aber selbst für den Naturburschen geht es als Geschäftsführer dann doch nicht ganz ohne Telefon und Laptop. Erreichbar ist er immer! Und nur untätig rumsitzen? Ist irgendwie dann doch nicht seins.

Von Unterfranken über Hongkong nach Berlin

Aufgewachsen ist Holger am Fuße des Spessarts auf bayerischer Seite in der Nähe von Aschaffenburg. Eine nette, sehr beschaulich Ecke Deutschlands ist das, leicht hügelig, Wald, Weinbau, Fachwerk, aber „trotz ländlicher Struktur ist man durch die Nähe zu Frankfurt immer schnell überall“, sagt Holger und denkt gern an seine Heimatregion. Als junger Mann wollte er dennoch oder gerade deshalb nach dem Abitur in die weite Welt ziehen – zunächst nach Göttingen zum Studium, später nach Hamburg.

Während dieser Zeit verbringt er auch ein Jahr in der Stadt an der Seine, Paris – „toll, aber teuer“. Danach geht er zurück in die Hansestadt und arbeitet dort zunächst für den Springer-Verlag. Über seine Tätigkeit als Trainee kommt er im Jahr 1998 nach Berlin, wechselt dann jedoch zu Sat1 und verantwortet im Marketing unter anderem den Bereich Veranstaltungen, verbringt zwei  Jahre in Hongkong. Aus dieser Zeit im Ausland stammt übrigens auch das G, das in seinem Namen stets mitgenannt wird. „Es gibt so viele Holgers in meiner Generation, da fand ich das mit dem Zweitnamen ganz charmant.“ Das G steht für Gert, seinen Großvater.

Ohne Zweifel hätte Holger sicherlich eine große Karriere innerhalb des Unternehmens machen können, aber „ich bin für Konzerne nicht gemacht. Man verbringt dort schon alleine mit dem Vorbereiten von Entscheidungen so viel relativ sinn­lose Zeit.“ Der sogenannte lange Atem ist nicht seine Tugend, die habe er erst lernen müssen, sagt er. Eine gute Schule hierfür? Die vielen Jahre als Leistungssportler, die unzähligen Wochenenden bei Wind und Wetter auf dem Platz! Langstrecke? „Nein“, wehrt er entschieden ab, „wenn man so veranlagt ist wie ich, dann braucht es Geduld. Die hatte ich nicht“.

Stattdessen Zehnkampf: Kugelstoßen, Weitsprung, Stabhochsprung, Kurz- und Mittelstrecke, das ganze Programm, der Schweiß und ein ungezügelter Ehrgeiz. „Ich hatte diesen nicht im Griff und habe jedes Mal bis zur totalen Erschöpfung gekämpft. Das war überhaupt nicht gut“, sagt er. Für ein paar sehr beachtete Siege, Auszeichnungen und Urkunden reichte es dann doch, und für das unternehmerische Tun war diese Zeit extrem prägend. „Sportler wie Unternehmer müssen ihre Kräfte gut einteilen können. Man kann nicht alles mit der Brechstange erzwingen!“


Dies ist ein Auszug aus einem aktuellen Artikel unseres Print-Objekts StartingUp: Den vollständigen Artikel liest du in der aktuellen StartingUp - Heft 02/19 - ab dem 16. Mai 2019 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als epaper - in unserem Bestellservice-Bereich

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