Roboter bitten zu Tisch

Autor: Robert Brunner
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Service-Roboter sind die disruptiven Vorreiter innerhalb des immer größer werdenden Robotik-Marktes. Was die intelligenten Helfer leisten und welche Start-ups erfolgreich sind.

Auf dem weltweit drittgrößten Kreuzfahrtschiff „Anthem of the Seas“ werden Cocktails spektakulär per Roboter gemixt und serviert. Foto: Makr Shakr

In der Welt von morgen werden uns Service-Roboter und Assistenzsysteme wie selbstverständlich begleiten und uns dienen. Nach der industriellen Revolution erobern sie jetzt einen Lebensbereich nach dem anderen. Die immer günstigeren Herstellungskosten der Komponenten, technologische Quantensprünge und innovative Geschäftsmodelle legen die Basis für den Erfolg von Robotik. Als markantes Einsatzbeispiel dafür eignet sich die Hotellerie. Der Beitrag beleuchtet das neue Feld der Service-Roboter und zeigt Marktchancen für innovative Start-ups auf.

Robotik-Boom

„Roboter boomen – das gilt sowohl für den Industriesektor und zunehmend auch für die private Nutzung“, sagt Martin Hägele, Vorsitzender der Service Robotics Group der International Federation of Robotics (IFR). „Das wachsende Interesse an Servicerobotik ist teilweise auf die Vielfalt und Anzahl von Start-ups zurückzuführen, die derzeit 29 Prozent aller Roboterunternehmen ausmachen. Darüber hinaus investieren etablierte große Unternehmen zunehmend in die Robotik, häufig über die Akquisition von Start-ups.“Die europäischen Hersteller von Service-Robotern spielen bereits eine wichtige Rolle auf dem globalen Markt: Rund 290 der 700 registrierten Anbieter von Service-Robotern kommen aus Europa. Nordamerika liegt mit rund 240 Herstellern auf Platz zwei und Asien mit rund 130 Herstellern auf Platz drei. In den USA arbeiten derzeit rund 200 Start-ups an neuen Service-Robotern. In der Europäischen Union und der Schweiz sind 170 Firmen aktiv, die eine neue unternehmerische Kultur für die Service-Robotik schaffen – gefolgt von Asien mit 115 Start-ups. Praktisch alle Volkswirtschaften versuchen, ein lebendiges wirtschaftliches Umfeld zu schaffen, um die Service-Robotik zu unterstützen.

Automatisierung in der Systemgastronomie - wie hier beim Frittieren - ist das Thema von Miso Robotics. Foto: Miso Robotics

Keine „Ein-Trick-Ponys“

Roboter von Savioke, Adept, Start-ups wie Fetch Robotics und Fellow Robotics aus den USA sind nur einige Beispiele für die weltweit aufstrebende Service-Robotik-Industrie. Hinzu kommen Roboter wie Pepper und Nao des französischen Unternehmens Aldebaran Robotics SAS. Der Service-Roboter Jeeves von Robotise ist ein weiteres Beispiel (mehr dazu im Interview am Ende des Beitrags). All diese Firmen sind dabei, disruptive Technologien zu entwickeln und für neue Anwendungen und Märkte einsetzbar zu machen.

Die Service-Roboter erschließen somit ein neues Feld – eines der flexiblen, teil- oder vollautonomen Robotik. Es geht dabei nicht mehr nur um Robotik, die bestimmte menschliche Aufgaben automatisiert. Es geht mehr darum, wie flexible und (teil-)autonome Roboter insgesamt neue, komplexere Arbeitsabläufe ermöglichen. Kurz, Roboter sind nicht mehr „Ein-Trick-Ponys“, die nur eine einzige Aufgabe automatisieren. Die Robotik tritt damit endgültig aus dem Reich der Science-Fiction heraus und ihren Dienst bei den Menschen an.

Service-Robotik in Gastronomie und Hotellerie

In vielen Bereichen des Dienstleistungssektors haben Roboter, die dem Menschen ähnlich aussehen, bereits als Helfer Einzug gehalten: unter anderem als sog. Kiosk- oder Assistenzroboter. Darin spiegeln sich wandelnde Aufgabenbereiche. Keiner dieser Roboter wird zumindest in absehbarer Zeit Menschen ersetzen. Aber sie helfen aus in Engpasszeiten, insbesondere in Bereichen, in denen es einen chronischen Personalmangel oder eine hohe Personalfluktuation gibt.

In Restaurants oder Hotels entlastet der Robotereinsatz das Personal von Routineaufgaben, sorgt für gleichbleibende Qualität und vermindert das Risiko, beispielsweise Lebensmittel durch Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums zu verlieren. In Hotels können sie den Raumservice von Zustell- oder Bring-Diensten entlasten und gar Wartungsdienste übernehmen. In öffentlichen Bereichen wie Restaurants und Hotels liegt ein großer Vorteil darin, hohe Aufmerksamkeit zu erzeugen, die dazu dienen kann, eine Werbewirkung zu generieren, vor allem solange die Mehrheit der Wettbewerber keine Roboter einsetzt. Doch langfristig werden Service-Roboter zum Standard werden, letztlich das Service-Portfolio und -Niveau heben.

In der Hotel-Lobby versieht der Yobot seinen Dienst als Wächter der Schließfächer. Foto: Scott Beal

Service-Robotik-Beispiele

Der SaviOne von Savioke (USA) wurde in Hotels in Kalifornien in Betrieb genommen und kann mit den Aufzugs- und Telefonanlagen kommunizieren. Der Roboter ist etwa 90 Zentimeter groß, wiegt circa 45 Kilogramm und bewegt sich im Schritttempo. Der Roboter liefert Snacks und Annehmlichkeiten an Hotelgäste, so dass sich das Hotelpersonal ganz auf die Bedürfnisse anderer Gäste konzentrieren kann.

Ein anderes Design bzw. Anwendungsbeispiel ist der Yobot, der im japanischen Hotel Henna in Sasebo, Nagasaki, zum Einsatz kommt, oder in der Lobby der größten New Yorker Hotels als automatisiertes Gepäckaufbewahrungs- und -rückholsystem dient. Der theatralisch beleuchtete Industrie-Roboter ist ein zentrales Merkmal in der Lobby. Hinter einem sicheren Glasgehäuse untergebracht, nimmt der Roboter das Gepäck der Gäste in einem von 117 Schließfächern auf. Zur Abreise, damit Yobot ihre Taschen zurückholt, zeigen die Gäste ihre Barcode-Quittung.

Drittes Beispiel: Das weltweit drittgrößte Schiff, die Anthem of the Seas der Royal Caribbean, bietet innovative Unterhaltung, Neuheiten und Getränke an der „Bionic Bar“: In der Mitte der Bar ragen zwei große Roboterarme, die in der gleichen Weise wie menschliche Ellenbogen gebogen sind, bereit, einen vordefinierten Roboter-Cocktail oder einen traditionellen Klassiker zu mixen (siehe das Foto oben).

Die Automatisierung der Essenszubereitung in der Systemgastronomie ist bereits zunehmend auch ein Thema für den Robotereinsatz geworden. Ein Beispiel ist der angekündigte Küchenassistent des Start-ups Miso Robotics (USA). Moley Robotics (UK) beabsichtige, die Zubereitung von Lebensmitteln noch einen Schritt weiter zu bringen: Integriert in eine moderne, professionelle Küche, verfügt dieses Konzept über zwei Roboterarme mit geschickten Händen. Es wiederhole die Bewegungen und Handlungen eines Meisterkochs, um eine Gourmetmahlzeit vorzubereiten. Auch eine Consumer-Version der Robotic Kitchen plane Moley, auf den Markt zu bringen. Anspruchsvoll und dennoch kompakt: Es sollen vier Küchenelemente wie Roboterarme, Backofen, Kochfeld und Touchscreen-Gerät integriert sein.

Zwei Roboterarme ersetzen den Koch in der Küche des britischen Start-ups Moley Robotics. Foto: Molay Robotics

Ausblick

Die professionelle Service-Robotik hat sich auch in Einsatzfeldern wie der Landwirtschaft, der Chirurgie, in der Logistik und auch im militärischen Umfeld, den Medien (wie Crawler und ChatBots) bewährt und gewinnt zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung. „Bei der Umsatzprognose 2018 bis 2020 erwarten wir für das Professional-Service-Segment ein kumuliertes Volumen von rund 27 Milliarden US-Dollar“, sagt Gudrun Litzenberger, Generalsekretärin der International Federation of Robotics. „Roboter für Medizin, Logistik und Field-Services sind dabei die wichtigsten Wachstumstreiber.“ Seit 2016 haben zudem einige Nischenbereiche bereits ein nachgewiesenes Wachstum zwischen 150 Prozent (mobile Plattformen) und 650 Prozent (unterstützende Technologie) erzielt. Der Siegeszug der Service-Robotik ist somit auch im Bereich der Bedienbarkeit zu suchen. So ist der Programmieraufwand beim Einrichten der smarten Helfer insgesamt zurückgegangen und die Robotersysteme lassen sich zudem erheblich einfacher in vorhandene Teams, Warenlager oder Montagen beziehungsweise Produktionen integrieren.

Gleichzeitig entwickelt sich auch der globale Markt für Personal-Service-Roboter rasant weiter: Der Umsatz mit Robotern für häusliche Aufgaben aller Art – wie beispielsweise Staubsaugen, Rasenmähen oder Fensterputzen – erreicht einen geschätzten Wert von rund 11 Milliarden US-Dollar (in den Jahren 2018 bis 2020). Zukünftige Produktvisionen zielen auf Service-Roboter in Haushalten, mit höherem Entwicklungsstand, verbesserter Leistungsfähigkeit und größerem Nutzwert, wie etwa Assistenzroboter zur Unterstützung älterer Menschen, für Haushaltsarbeiten und zur Unterhaltung.

Experten-Interview

Herr Stahl, was kann Ihr Jeeves?

Kurz gesagt, er hilft den Hotelangestellten die Produktivität sowie das Serviceniveau im Hotel zu erhöhen, indem sie Jeeves mit einfacher Zimmerzustellung beauftragen.

Warum ist das Gastgewerbe besonders geeignet für Robotik-Anwendungen?

In der Hotellerie finden sich gleichartige, immer wiederkehrende Aufgaben. So finden wir in vielen Fällen eine semi-strukturierte Arbeitsumgebung vor. Es gibt viele Tätigkeiten, die von Menschen erbracht werden, die oft sehr repetitive und eher monotone Tätigkeiten umfassen. Jeeves ist der weltweit erste Minibar-Roboter für die Hotellerie. Er ist eigentlich nicht dafür gedacht, Menschen zu ersetzen. Er ist vielmehr dafür konzipiert, dem Hotelpersonal als Produktivitätshilfe zu dienen. Sehen Sie sich an, was eine Person an der Rezeption bewältigt – sie macht viele ganz verschiedene Dinge. Jeeves kann nicht all diese Dinge, doch er kann ganz bestimmte Aufgaben zuverlässig übernehmen, z.B. eine Zimmerlieferung machen, etc. Wir denken, Menschen sollten all die großartigen Dinge tun, die sie gerne und gut können, und eher kreativer Natur sind. Doch sie wollen die langweiligen, repetitiven und redundanten Aufgaben durch einen Roboter erledigen lassen.

Auf den Punkt gebracht, meint das also Robotik als Service-Chance?

Ein Service-Roboter wie Jeeves ermöglicht dem Hotel ferner, zusätzliche Dienstleistungen anzubieten. Beispielsweise haben manche Hotels den Zimmerservice auf bestimmte Stunden des Tages beschränkt. Auch haben viele Hotels über Nacht nur eine Person an der Rezeption. In diesem Fall können sie diese nicht verlassen, um Botendienste durchzuführen. Weitere mögliche Dienste sind beispielsweise pünktliche Lieferungen, zum Beispiel für einen Hotelgast, der bereits um 5 Uhr zum Flieger muss und auf sein Zimmer die Rechnung, ein Continental Breakfast und Tageszeitung gerne geliefert bekommen möchte. Oder es gibt andere Arten von Dienstleistungen, die Hotels früher gemacht haben, die aber eingestellt wurden; wohl aufgrund der Arbeitskosten und der Tatsache, dass sie sinkende Budgets zu berücksichtigen hatten. Dazu zählen Dinge wie ein Schuhputz- und Wäscheservice.

Wie reagieren die Hotelgäste auf den Roboter, der sie bedient?

Die Gäste erleben Jeeves und genießen es. Wir haben ihn als smart und effizient konzipiert. Wir wollten nicht, dass er industriell oder beängstigend wirkt. Wir haben versucht dies zu berücksichtigen und arbeiten auch weiterhin daran, ihn noch freundlicher zu machen. Damit beginnt der Einzug der Service-Roboter auch in Europa und wird wohl bald auch zum Hotelstandard gehören.

Welche Chancen für Gründer sehen Sie in der (Service-)Robotik?

Es gibt bereits weltweit recht viele Service-Robotik-Unternehmen, insofern muss man den Markt kennen und überblicken und sich eine Nische suchen, diese besetzen und verteidigen. Das zukünftige Marktvolumen für Service-Roboter wird riesig sein und irgendwann ebenso dominant werden wie das autonome Auto und Fahren. Ungewissheit herrscht darüber, wann der Markt anzieht bzw. abhebt. Wir werden auch einen Konsolidierungsprozess erleben, ähnlich wie in der Autoindustrie – dort gab es mal zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganze 2500 Unternehmen, die Automobile herstellten.


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