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Geschäftsideen Verpackung: Personalisierung senkt Retourenquote
Verpackung reduziert Retouren
Auch heute verschicken die meisten Onlineshops ihre Produkte in schmucklosen braunen Pappkartons. Das geht auch anders, dank einer personalisierten Verpackung. Eine pfiffige Geschäftsidee!
Denn eine hochwertige, personalisierte Verpackung erfreut den Kunden nicht nur und macht den Moment des Auspackens besonders – sie bindet den Empfänger auch psychologisch an das Paket. Und das führt zu deutlich sinkenden Retourenquoten.
Davon will die Printmate GmbH profitieren, die 2015 von Julian Jost in Berlin gegründet wurden. Das Start-up hat sich mit seiner Geschäftsidee auf den Onlinedruck von Versandverpackungen im kundenindividuellen Design spezialisiert. Hauptzielgruppe ist der Onlinehandel, den Printmate in Auflagen ab 100 Exemplaren beliefert.
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Zwischen Bildungsdschungel und digitaler Übersicht: Kann das Münchner Start-up kursmap den Weiterbildungsmarkt knacken?
Der Markt für berufliche Weiterbildung in Deutschland ist riesig, extrem fragmentiert – und für Suchende oft frustrierend unübersichtlich. Dariusz Opitek will das Problem mit seinem Start-up kursmap – einer zentralisierten Plattform – lösen. Ein klassisches Plattform-Modell, das schnelles Wachstum verspricht, aber auch bekannte Fallstricke birgt.
Wer in Deutschland nach einer spezifischen beruflichen Fortbildung sucht, landet schnell in einem Labyrinth aus schlecht gepflegten Websites, PDF-Broschüren und intransparenten Preisstrukturen. Genau in diese Lücke stößt die 2025 in München gegründete kursmap GmbH. Erst kürzlich meldete das Start-up einen Meilenstein: Über 150.000 Kurstermine von Präsenz-, Inhouse- und Online-Schulungen sind laut Unternehmensangaben mittlerweile auf der Plattform gebündelt. Doch ist das Modell tragfähig genug, um sich gegen die etablierten Branchengrößen durchzusetzen?
Hinter kursmap steht Gründer und Geschäftsführer Dariusz Opitek. Seine Motivation entsprang einem klassischen Pain Point: Viele Interessierte wissen schlichtweg nicht, welche qualifizierten Anbieter sich in unmittelbarer Nähe befinden. Mit der Vision, „Weiterbildungen sichtbar, digital und einfach zugänglich zu machen“, brachte Opitek die Plattform an den Start.
Doch eine bloße Aggregation von Daten reicht im heutigen Tech-Umfeld selten aus. Bisher steht der Gründer stark im Vordergrund. Auf die Frage, wer neben ihm im Kernteam stehe, um dieses Mammutprojekt zu stemmen, überrascht Opitek mit einer klaren Ansage: „Kursmap ist aktuell noch eine One-Man-Show, und das bewusst.“ Er agiere als Entwickler, SEO-Stratege und Vertriebler in Personalunion. „Was manche als Schwäche sehen, ist für mich ein Vorteil: kurze Entscheidungswege, keine Overhead-Kosten, maximale Fokussierung“, argumentiert der Gründer.
Um sich gegen gut finanzierte Copycats abzusichern, braucht es allerdings einen technologischen Burggraben. Diesen sieht Opitek im Einsatz künstlicher Intelligenz. Er betont, man baue aktuell ein intelligentes Matching-System, das weit über eine klassische Suchmaske hinausgehe. „Nutzer sollen auf Basis ihrer individuellen Situation, ihrer beruflichen Ziele, dem Standort und den aktuellen Marktentwicklungen die passenden Weiterbildungen vorgeschlagen bekommen“, verspricht er. Nicht die erstbeste Option zähle, sondern die richtige. Opitek fasst den Kern seiner Technologie selbstbewusst zusammen: „Das ist keine Datenbank-Logik, das ist ein persönlicher Weiterbildungsberater, der rund um die Uhr verfügbar ist.“
Die Resterampe-Gefahr: Masse statt Klasse?
Die Marke von 150.000 Terminen ist zweifellos beeindruckend. Erreicht wurde dies, indem kursmap die Einstiegshürden für Anbieter bewusst bei null hält, sodass diese eigenständig Profile anlegen können. Genau hier liegt jedoch das größte Risiko: Marktplätze, die auf pure Quantität setzen, laufen schnell Gefahr, mit veralteten Daten oder unseriösen Angeboten der Coaching-Szene überflutet zu werden.
Wie verhindert das Start-up also, zur unregulierten Resterampe zu verkommen? Opitek wehrt sich vehement gegen den Verdacht mangelnder Kontrolle. „Ein niedriger Einstieg bedeutet nicht, dass wir die Augen verschließen, im Gegenteil“, kontert er. Laut dem Geschäftsführer werden alle Profile laufend überprüft, und es gebe klare Prozesse zum Eingreifen. Dass man auf aufwendige Onboarding-Gespräche oder intransparente Anforderungen verzichtet, sei eine sehr bewusste Entscheidung gewesen. Opitek rechtfertigt diesen Weg: „Das schadet besonders kleinen, oft hervorragenden Anbietern, die schlicht nicht die Kapazitäten für bürokratische Hürden haben.“ Sein Credo für die Plattform lautet daher: „Wer gute Kurse anbietet, soll sofort loslegen können. Qualität muss man sich nicht erzwingen, man muss sie fördern.“
Wer zahlt am Ende die Rechnung?
Das Geschäftsmodell basiert auf der kostenlosen Listung für Anbieter*innen, um zügig ein attraktives Angebot aufzubauen. Das Kalkül: Sobald darüber Leads generiert werden, lassen sich diese künftig über Premium-Modelle monetarisieren. Doch um überhaupt Lernende auf die Plattform zu locken, muss kursmap in Google Ads und im organischen Ranking hart gegen etablierte Portale kämpfen – ein Spiel, das meist massiv Kapital verbrennt.
Finanziert das Start-up diesen teuren Sichtbarkeitskampf aus eigener Kraft, oder braucht es dringend externes Venture Capital (VC)? Opitek setzt auf organisches Wachstum durch SEO. „Hochwertige, relevante Inhalte sind die nachhaltigste Investition, die eine Plattform wie kursmap machen kann“, erklärt er. Sichtbarkeit, die man sich hart erarbeite, sei langlebiger als erkaufte Reichweite. Er räumt zwar ein, ergänzend Google Ads zu nutzen, betont jedoch, dass dies hochgradig selektiv passiere. „Kursmap ist und bleibt bootstrapped“, stellt der Gründer klar. Das zwinge das Unternehmen zur Disziplin. Risikokapital sieht er derzeit eher pragmatisch: „Venture Capital ist für uns kein Ziel, sondern eine Option, die wir nur dann in Betracht ziehen würden, wenn sie uns schneller zu unserem Ziel bringt, nicht als Ersatz für ein funktionierendes Modell.“
Der B2B-Pivot: Raus aus dem Google-Hamsterrad
Kursmap agiert in einem Haifischbecken und tritt gegen Portale wie KURSNET, Semigator oder Tech-Riesen wie LinkedIn Learning an. Deutlich spannender als das margenschwache Vermittlungsgeschäft ist daher die langfristige Vision: Opitek plant B2B-Lösungen, mit denen Unternehmen ihre Weiterbildungsbudgets direkt über kursmap verwalten können. Gelingt dieser Wechsel zum B2B-SaaS-Modell, würde sich das Start-up aus der völligen Abhängigkeit vom Google-Traffic befreien.
Doch warum sollten Personalleiter*innen einem Neuling vertrauen statt auf bewährte Features ihrer HR-Software wie Personio oder Workday zu setzen? Auf die konkrete Frage nach der B2B-Strategie bleibt Opitek bei der technischen Ausführung vage und gibt offen zu: „Wie genau wir ihn gestalten, ob als eigenständiges HR-Tool oder als integriertes Feature für Unternehmen, wird die Marktentwicklung zeigen. Wir sind da ehrlich: Wir testen, lernen und passen uns an.“ Gleichzeitig grenzt er sich aber scharf von großen Suiten ab, die oft die inhaltliche Qualität von Weiterbildungsentscheidungen vernachlässigen würden. „Ein Unternehmen, das diesen Mehrwert für seine Mitarbeitenden spürt, wird kursmap nicht als Konkurrenz zu Personio oder Workday sehen, sondern als sinnvolle Ergänzung“, ist Opitek überzeugt.
Booking.com der Bildung oder teure Illusion?
Kursmap greift ein reales Problem in einem oft digital rückständigen Markt auf. Ob das Start-up langfristig aber das „Booking.com für Fortbildungen“ wird, hängt von rigoroser Qualitätssicherung, effizienter Traffic-Skalierung und der Umsetzung der B2B-Pläne ab.
Bleibt am Ende die Frage nach der Langzeitstrategie: Exit oder Industriestandard? Der Gründer strebt die Spitze im deutschsprachigen Raum an, indem man als „aktiver Partner“ fungiere. Gerade weil KI derzeit ganze Berufsbilder umkrempele, bräuchten Menschen laut Opitek keine bloßen Trefferlisten mehr.
„Kursmap soll genau diese Orientierung geben, datenbasiert, individuell, zukunftsgerichtet“, formuliert Opitek seine Ambition. Sollte dies in Deutschland greifen, schließt er eine Expansion nach Europa nicht aus. Einem unkontrollierten Hype erteilt er zum Schluss jedoch eine deutliche Absage: „Wir denken nicht in Szenarien, sondern in Meilensteinen. Erst liefern, dann skalieren.“
Blockchain-Start-up-Report 2026
Vorbei die Zeit der Krypto-Casinos: 2026 ist Blockchain das unsichtbare Betriebssystem der Wirtschaft. Die Top Start-ups, VCs und Trends im großen StartingUp-Report.
Es fühlt sich an wie ein anderes Zeitalter, wenn man auf die wilden frühen 2020er Jahre zurückblickt. Damals dominierten fliegende Hunde-Münzen wie Dogecoin, überteuerte Affen-Bilder des Bored Ape Yacht Club und toxische Goldgräberstimmung die Schlagzeilen. Heute, im Jahr 2026, hat die Blockchain-Technologie ihre Pubertät endgültig hinter sich gelassen. Der Wandel vom spekulativen Nischenthema zur unverzichtbaren Infrastruktur ist vollzogen. Wir sprechen nicht mehr über Krypto als Anlageklasse für Zocke*innen, sondern über distributed Ledger als das unsichtbare Betriebssystem der globalen Wirtschaft. Die Technologie ist leise geworden – und genau darin liegt ihr heutiger Wert für die Start-up-Welt.
Wenn Systemrelevanz auf MiCA trifft
Der europäische Markt für Web3- und Blockchain-Technologien hat einen nie dagewesenen Reifegrad erreicht. Der entscheidende Befreiungsschlag war die vollständige Implementierung der europäischen MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets), die den Kontinent vom regulatorischen Flickenteppich zum sichersten Hafen für institutionelles Kapital gemacht hat. Aktuelle Erhebungen des Bitkom und des KfW-Research zeigen, dass im Jahr 2026 bereits über 35 Prozent des deutschen Mittelstands die Technologie aktiv evaluieren oder Pilotprojekte mit Blockchain-Infrastruktur betreiben – primär im Supply-Chain-Management und der automatisierten Abrechnung.
Auf Investor*innenseite hat sich das Bild gewandelt: Statt Milliarden in unregulierte Token-Sales zu pumpen, fließen aktuell jährlich rund 1,8 Milliarden Euro klassisches Venture Capital in echte Equity-Runden der DACH-Region. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei die Konvergenz von künstlicher Intelligenz und Blockchain. Da KI-Agenten zunehmend autonom wirtschaftlich handeln, benötigen sie ein dezentrales, programmierbares und vor allem grenzenloses Zahlungssystem. Die Blockchain liefert exakt diese finanzielle Abwicklungsschicht für die Maschinenökonomie.
Die neuen Treiber jenseits der Krypto-Börsen
Wer heute noch Krypto-Exchanges oder reine NFT-Marktplätze baut, baut für die Vergangenheit. Der Markt des Jahres 2026 wird von drei hochspezifischen Sub-Sektoren dominiert, die das Internet grundlegend neu vernetzen.
- An vorderster Front steht DePIN (Decentralized Physical Infrastructure Networks). Hierbei wird reale Hardware – von Solarpanels bis hin zu 5G-Antennen – über Token-Incentives dezentral gesteuert und finanziert.
- Ebenso mächtig ist die Tokenisierung von Real World Assets (RWA), die den traditionellen Finanzmarkt revolutioniert, indem sie Anleihen, Immobilien und Kredite liquide auf die Chain bringt.
- Der dritte große Treiber sind Zero-Knowledge Proofs (ZKPs) – kryptografische Protokolle, die es Unternehmen erlauben, die Authentizität von Daten auf öffentlichen Blockchains zu beweisen, ohne sensible Geschäftsgeheimnisse offenzulegen. Globale Pioniere wie das auf RWA spezialisierte Netzwerk Centrifuge oder das US-Projekt Helium im Bereich DePIN haben den Weg geebnet, auf dem europäische Gründer*innen nun hochskalierbare B2B-Lösungen errichten.
Die Lektionen aus dem Billionen-Kollaps
Doch diese Reife hat einen extrem hohen Preis gekostet. Der spektakuläre Zusammenbruch der Krypto-Börse FTX und das Implodieren des algorithmischen Stablecoins Terra/Luna vor wenigen Jahren dienen heute als mahnendes Pflichtprogramm in jedem BWL-Seminar. Damals verdampften hunderte Milliarden Dollar, weil Gier über Substanz siegte.
Aus diesem Epochen-Crash lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten, die absolut tödlich enden:
- Der erste Irrtum liegt in der regulatorischen Arbitrage: Wer glaubt, Gesetze durch Offshore-Konstrukte und das Mantra "Code is Law" umgehen zu können, scheitert heute an gnadenlosen Aufsichtsbehörden.
- Zweitens zerstören künstlich aufgeblähte Token-Mechaniken jedes Projekt. Wenn die Unit Economics nur durch das permanente Drucken neuer Token künstlich positiv gehalten werden (Ponzinomics), bricht das Kartenhaus bei der geringsten Marktkorrektur zusammen.
- Die dritte Lektion betrifft den ewigen B2C-Fokus. Der verzweifelte Versuch, Endkund*innen komplexe Wallets und Seed-Phrases aufzuzwingen, ist gescheitert; der wahre Wert der Blockchain liegt derzeit fast ausschließlich in B2B-Lösungen, die im Hintergrund agieren.
- Zuletzt war das fehlende Treasury-Management ein Genickbruch für hunderte Teams. Wer die Reserven seines Unternehmens im eigenen, hochvolatilen Token hielt anstatt in Fiat oder echten Stablecoins, war bei Markteinbrüchen über Nacht insolvent.
Das deutsche Netzwerk: Wo die Knotenpunkte entstehen
Deutschland hat sich in dieser neuen Ära extrem smart positioniert und eine dezentrale Hub-Struktur aufgebaut, die weltweit ihresgleichen sucht. Berlin bleibt die unangefochtene Web3-Hauptstadt Europas. Die tiefe Verwurzelung der Ethereum Foundation und eine massive Dichte an internationalen Tech-Talenten machen die Spree-Metropole zum Epizentrum für Protokoll-Entwickler und Layer-1-Infrastruktur. Frankfurt am Main hat sich im Gegensatz dazu als der Hub für institutionelles DeFi (Decentralized Finance) und RWA-Tokenisierung etabliert. Hier verschmilzt die klassische Bankenwelt durch treibende Kräfte wie das Frankfurt School Blockchain Center mit der neuen Technologie. München spielt seine Trümpfe an der Schnittstelle von DeepTech, KI und Enterprise-Blockchain aus, stark befeuert durch Ausgründungen der TU München und die Nähe zu den Corporate Venture Labs von BMW und Siemens. Die heimliche Hauptstadt für den Milliardenmarkt DePIN ist jedoch die Achse Stuttgart/Karlsruhe. Durch das geballte Ingenieurswissen der Automobilzulieferer, gepaart mit Initiativen rund um Bosch, entsteht hier die direkte Verbindung zwischen dezentralen Netzwerken und der physischen Maschinen- und Mobilitätswelt.
Investor*innen-Radar: Smart Money für das Web3
Wer im Jahr 2026 eine Krypto-Infrastruktur finanzieren will, trifft auf eine hochgradig professionalisierte Investor*innenlandschaft. Auf der einen Seite agieren die spezialisierten VCs wie Greenfield Capital, Cherry Crypto oder 1kx. Sie bringen die notwendige technische Tiefe mit, um komplexe Zero-Knowledge-Architekturen oder Token-Design auf Herz und Nieren zu prüfen. Auf der anderen Seite stehen die Top-Tier Generalisten. Häuser wie Earlybird, Point Nine oder HV Capital haben intern längst dedizierte Web3-Partner aufgebaut und führen heute massive Series-A- und B-Runden an, sobald Start-ups bewiesen haben, dass ihre Technologie echte Kundenprobleme löst.
Ein massiver Wachstumsfaktor sind zudem die Corporate VCs der Industrie, allen voran CommerzVentures im FinTech-Sektor oder Porsche Ventures, die Brücken in die klassische Wirtschaft bauen. Der eigentliche Frühphasen-Motor wird jedoch von einer extrem agilen Angel-Szene angetrieben. Erfahrene Ex-Gründer wie Peter Großkopf oder gut vernetzte Angel-Syndikate recyceln ihr Kapital aus vergangenen Zyklen und finanzieren Pre-Seed-Runden oft innerhalb weniger Wochen.
Die Top Blockchain-Start-ups: Unsere Must-Watch Liste 2026
Für unsere Watchlist haben wir klare Kriterien angelegt. Die Auswahl umfasst ausschließlich deutsche Start-ups (mit Hauptsitz oder massiver Präsenz und Wurzeln hierzulande), die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden. Wir haben Projekte aussortiert, die rein auf spekulativen Token-Sales basieren. Stattdessen lag unser Fokus auf Marktrelevanz nach dem Krypto-Winter, institutionellem Investor*innen-Vertrauen, technologischer Substanz und einem klaren Product-Market-Fit im B2B- oder tiefen Infrastrukturbereich.
Safe (Gründung 2022)
Das von Lukas Schor, Richard Meissner und Tobias Schubotz als Gnosis-Spin-off gegründete Safe betreibt eine B2B/B2C Smart Contract Account Infrastruktur. Der absolute USP ist die Account-Abstraktion und ihr Multi-Sig-Sicherheitsstandard, der mittlerweile das globale Rückgrat für die Verwahrung digitaler Assets durch Institutionen und DAOs bildet. In den letzten Runden sammelte das Team über 100 Millionen US-Dollar ein, angeführt von Schwergewichten wie 1kx und Tiger Global.
Peaq (Gründung 2020)
Till Wendler, Leonard Dorlöchter und Max Thake bauen mit Peaq eine hochspezialisierte B2B Layer-1 Blockchain. Ihre Technologie ist exakt auf den rasant wachsenden DePIN-Sektor und die "Economy of Things" zugeschnitten, wodurch Maschinen, Fahrzeuge und Roboter souveräne digitale Identitäten und Wallets erhalten. Die jüngsten Wachstumsrunden wurden unter anderem von Generative Ventures und Borderless Capital mit gut 15 Millionen Dollar als Lead-Investoren getragen.
Chainflip (Gründung 2020)
Simon Harman hat mit Chainflip eine B2B2C Cross-Chain Decentralized Exchange (DEX) in Berlin etabliert. Der technologische Vorsprung liegt im nativen Tausch von Krypto-Assets über verschiedene Blockchains hinweg (wie Bitcoin zu Ethereum), ohne dass Nutzer*innen anfällige "Wrapped Tokens" oder unsichere Bridges nutzen müssen. Pantera Capital und Framework Ventures glaubten früh an die Vision und führten Investments in Höhe von über 24 Millionen Dollar an.
Arcium (ehemals Elusiv, Gründung 2022)
Yannik Schrade, Julian Deschler und ihre Co-Founder adressieren mit Arcium eines der größten Probleme der Enterprise-Adoption: Privatsphäre auf öffentlichen Blockchains. Ihr Geschäftsmodell ist ein B2B Confidential Computing Network, dessen USP in der Nutzung von Zero-Knowledge Proofs liegt, wodurch Daten verifiziert werden können, ohne sie zu entschlüsseln. Der auf Krypto spezialisierte Fonds Greenfield Capital sicherte sich hier gemeinsam mit Solana Ventures in frühen Runden mit einem Volumen von über 5 Millionen US-Dollar den Lead.
Gelato Network (Gründung 2020)
Hilmar Orth und Luis Schliesske agieren mit Gelato Network tief im Maschinenraum des Web3. Ihr B2B-Geschäftsmodell ist ein Automatisierungs- und Relayer-Netzwerk. Der USP besteht darin, dass Entwickler über Gelato Smart Contracts automatisieren und sogenannte Rollup-as-a-Service-Lösungen nutzen können – es ist quasi das AWS-Backend für dApps. Die Vision überzeugte Top-Fonds wie Dragonfly und IOSG Ventures, die Kapital in zweistelliger Millionenhöhe bereitstellten.
Unstoppable Finance (Gründung 2021)
Das Berliner Start-up Unstoppable Finance startete unter den Gründern Peter Großkopf, Maximilian von Wallenberg und Omid Aladini ursprünglich mit einer B2C-DeFi-Wallet. Nach einem radikalen strategischen Pivot und dem operativen Ausstieg von Großkopf im Jahr 2024 wandelten Wallenberg und Aladini das Modell erfolgreich zu einer B2B-Infrastruktur für Stablecoins. Der starke USP ist der Aufbau einer vollumfänglich regulierten Brücke („Swift 2.0“), die es institutionellen Kunden vereinfacht, Stablecoins nahtlos in ihre traditionellen Produkte einzubinden. Lightspeed Venture Partners und Speedinvest führen hier das Cap Table mit einem 12,5-Millionen-Dollar-Investment an.
Senken (Gründung 2022)
Das Gründerteam um Adrian Wons, René Schäfer und Djamel Mekibes verknüpft Blockchain mit echtem Klimaschutz. Sie bauen einen B2B-Marktplatz für den Handel mit tokenisierten CO2-Zertifikaten (Carbon Credits). Der USP dieses Regenerative Finance (ReFi) Modells ist die absolute Transparenz und Nachverfolgbarkeit von Klimakompensationen, die das Double-Spending-Problem klassischer Zertifikate eliminiert. Obvious Ventures und namhafte Krypto-Fonds investierten frühzeitig in Senken rund 7,5 Millionen US-Dollar.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt, dass die Innovationszyklen rasant bleiben. Aus den USA schwappt aktuell der Makro-Trend der „Chain Abstraction“ zu uns herüber: Blockchain-Technologie wird im Backend so unsichtbar, dass Nutzer*innen gar nicht mehr wissen, auf welchem Netzwerk sie sich bewegen – ähnlich wie heute niemand mehr TCP/IP versteht, um das Internet zu nutzen.
Gleichzeitig forcieren asiatische Märkte, allen voran Singapur und Hongkong, mit massiven staatlichen Förderungen die Verschmelzung von KI-Agenten und Krypto-Payments. Zudem zwingt die globale Entwicklung von digitalen Zentralbankwährungen (CBDCs) die Finanzsysteme endgültig zur Modernisierung.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit daher so simpel wie hart: Wer heute in der Blockchain-Branche überleben will, muss bauen wie ein traditionelles Softwareunternehmen – besessen davon, echte, drängende Probleme der Wirtschaft zu lösen, nur eben mit einer radikal überlegenen, dezentralen Architektur.
Start-up-Report: Creator Support Services
Die industrielle Revolution der Creator*innen ist in vollem Gange: Unser Report beleuchtet den boomenden Markt und zeigt die deutschen Tech-Start-ups, die das Rückgrat der neuen Medien-Champions bauen.
Wir erleben das Entstehen einer neuen ökonomischen Spezies: Der Creator-Founder. Die Grenze zwischen dem/der klassischen Online-Händler*in und dem/der modernen Content-Creator*in ist endgültig gefallen. Wer heute Reichweite besitzt, baut keine Community mehr auf, sondern ein dezentrales Medien- und Handelsimperium. Diese Transformation vom Nischenthema zur Systemrelevanz braucht jedoch eine industrielle Basis. Genau hier betritt eine neue Generation von Start-ups die Bühne. Diese „Werkzeugmacher*innen“ – spezialisiert auf KI-gesteuerte Produktion, autonome Analyse und FinTech – bilden das unsichtbare, hochprofitable Rückgrat einer Branche, die gerade ihre industrielle Revolution erlebt.
Das Ökosystem wird erwachsen
Die Marktlage im Jahr 2026 beweist eindrucksvoll, dass die Werkzeug-Infrastruktur für digitale Entrepreneur*innen den Kinderschuhen entwachsen ist. Laut aktuellen Hochrechnungen etablierter Investmentbanken steuert die globale Creator Economy unaufhaltsam auf die 400-Milliarden-Dollar-Marke zu, wobei ein signifikanter zweistelliger Prozentsatz direkt in Software- und Servicetools fließt.
Auch in Deutschland bestätigt der jüngste KfW-Gründungsmonitor diese Reife: Software-Lösungen für digitale Medienschaffende gehören zu den widerstandsfähigsten B2B-Segmenten der Post-Krisen-Ära. Der technologische Haupttreiber dieser rasanten Professionalisierung ist zweifellos die angewandte generative künstliche Intelligenz, dicht gefolgt von prädiktiven Datenmodellen. Deutsche Risikokapitalgeber*innen haben im vergangenen Jahr schätzungsweise über 350 Millionen Euro spezifisch in dieses Vertical gepumpt. Es geht längst nicht mehr um experimentelles Wagniskapital, sondern um Growth-Metriken und wiederkehrende SaaS-Umsätze in einem Markt, der eine beispiellose Professionalisierung erfährt.
Technologien der totalen Integration
Blickt man jenseits der offensichtlichen Dashboards, offenbaren sich die wahren Maschinenräume dieses Jahres. Drei Sub-Sektoren dominieren aktuell das Geschehen und treiben die Verschmelzung von Commerce und Content voran. Zunächst ist da die autonome KI-Postproduktion, bei der Algorithmen nicht nur schneiden, sondern selbständig Narrative für Verkaufsformate generieren.
Ein weiterer massiver Treiber ist die prädiktive Marken-Compliance. Hierbei handelt es sich um Legal-Tech-Lösungen, die vollautomatisiert Werbekennzeichnungspflichten und internationale Steuermodelle für Creator-Marken überwachen.
Schließlich etabliert sich das Creator FinTech, insbesondere durch umsatzbasierte Finanzierungsmodelle, die den dynamischen Cashflow von Influencer-Brands algorithmisch bewerten können. Während Pioniere der ersten Welle wie Linktree lediglich Brücken bauten, stoßen die aktuellen Akteure tief in diese hochkomplexen, technologischen Nischen vor, um den Creator*innen als vollwertigen E-Commerce-Akteur*innen zu befähigen.
Reality Check: Der Kater nach dem Hype
Dass diese Branche jedoch kein automatischer Garant für Einhörner ist, bewies der spektakuläre Crash der Web3-Creator-Plattformen um das Jahr 2023. Hochgelobte Projekte wie BitClout verbrannten Hunderte Millionen Dollar an Risikokapital, weil sie die Usability vernachlässigten und keinen echten Nutzwert jenseits der Spekulation boten. Aus diesem schmerzhaften Reality Check lassen sich vier fatale Fallstricke für heutige Gründer*innen ableiten. Der erste Fehler ist das API-Klumpenrisiko, also die blinde Abhängigkeit von den Launen großer Plattformen wie Meta oder YouTube. Ein zweites, oft tödliches Problem sind katastrophale Unit Economics bei Tools, die nur den nicht-monetarisierbaren "Long Tail" der Hobby-Nutzer*innen bedienen. Der dritte Fallstrick ist die chronische Unterschätzung der Regulatorik, insbesondere des EU AI Acts. Das vierte Learning betrifft den Technologie-Fetischismus: Wer Lösungen aufzwingt, die technologisch brillieren, aber in der alltäglichen User Experience der Creator*innen versagen, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Deutschlands heimliche Creator-Hubs
Die architektonische Landkarte der deutschen Creator-Tool-Landschaft konzentriert sich 2026 auf hochspezialisierte Hotspots. Berlin bleibt der unangefochtene Magnet, angetrieben von einer dichten Konzentration an Media-Tech-VCs und der Strahlkraft von Kaderschmieden wie der ESMT. München agiert als das kraftvolle Gegenstück für harte Technologiebedingungen. Angefacht durch das CDTM und die TU München, entstehen hier vor allem datenlastige B2B-SaaS-Produkte für die Industrie. Das Rheinland, spezifisch die Achse Aachen und Köln, fungiert als historisch gewachsenes Cluster, das auf dem Fundament klassischer TV-Produktionen und starken Informatik-Fakultäten wie der RWTH Aachen basiert. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch Hamburg. Die Hansestadt nutzt ihre tiefe Verwurzelung in der Werbe- und Agenturwelt sowie Netzwerke wie den Next Media Accelerator, um Tools zu entwickeln, die genau an der Schnittstelle zwischen Markenbudgets und der Creator-Commerce-Welt ansetzen.
Investor*innen-Radar
Ein genauer Blick auf die Geldgeber*innen offenbart, wer das Benzin für diese Maschine liefert. Bei den spezialisierten VCs haben Akteure wie Creator Ventures den Takt vorgegeben, während in Deutschland vor allem Vehikel rund um OMR Ventures den tiefen Brancheneinblick für Seed-Finanzierungen nutzen. Auf der Ebene der Top-Tier Generalisten sehen wir Fonds wie Creandum, Cherry Ventures und Point Nine, die ihre rigorosen B2B-SaaS-Metriken nun konsequent auf Creator-Tools anwenden. Die Industrie mischt über Corporate VCs ebenfalls kräftig mit; hier sichern sich Bertelsmann Investments oder SevenVentures strategische Marktanteile, um ihre eigenen Wertschöpfungsketten zu digitalisieren. Der eigentliche Motor der Frühphase sind jedoch die Business Angels und Syndikate. Hier agieren Digitalgrößen wie Philipp Westermeyer oder Prominente wie Mario Götze als strategische Türöffner, die den Start-ups unmittelbaren Zugang zu jener Creator-Elite verschaffen, die heute die Märkte bewegt.
Die Top Start-ups (Must-Watch 2026)
Die für diesen Report ausgewählten Start-ups wurden anhand einer rigorosen Analyse ihrer Marktrelevanz im Jahr 2026, ihres technologischen Reifegrades sowie der Stabilität ihrer Geschäftsmodelle bewertet. Ein wesentliches Kriterium war zudem das Investoren-Vertrauen durch namhafte Risikokapitalgeber. Wir betrachten ausschließlich Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden, um den aktuellen Innovationszyklus der "Post-Plattform-Ära" präzise abzubilden – jene Ära, in der Creator zu echten Handelsmarken werden.
Passionfroot (Gegründet 2021)
Das Team um Jennifer Phan, Jens Willemen und Michelle Tian hat von Berlin aus einen globalen Standard gesetzt. Ihr B2B-SaaS-Modell bietet einen ganzheitlichen Workspace, der Sponsoring-Anfragen und CRM für Creator zentralisiert. Der USP ist die radikale Vereinfachung des Backoffice-Chaos für jene „Solopreneur*innen“, die heute Millionenumsätze verwalten. Namhafte VCs wie Creandum und Cherry Ventures investierten hier in einer Seed-Runde 3 Millionen Euro in Passionfroot.
Nindo (Gegründet 2020)
Gegründet von Rezo und Tim Jacken in Aachen, ist Nindo der Inbegriff für den Sprung von Content-Expertise zu tiefen B2B-Data-SaaS-Lösungen. Das Unternehmen bietet granularste Analytics und Reichweiten-Validierungen für das Influencer-Marketing. Durch den Einstieg und die strategische Partnerschaft mit dem globalen Medienhaus Webedia stützt Nindo heute maßgeblich das Wachstum jener Marken, die auf datenbasierte und verifizierte Creator-Kooperationen setzen.
cofenster (Gegründet 2020)
Die Hamburger Gründer Tom Vollmer, Oliver Wegner und Finn Frotscher adressieren die „Corporate Creator Economy“. Ihr Tool ermöglicht es Unternehmen, Mitarbeiter-Content via KI-Guidance in professionelle Verkaufs- und Info-Videos zu verwandeln. Dieser Ansatz sicherte cofenster unter anderem eine Seed-Finanzierung in Höhe von 1,5 Millionen Euro, angeführt von Capnamic Ventures.
Charles (Gegründet 2020)
Artjem Weissbeck und Andreas Tussing bringen mit Charles Conversational Commerce nach Berlin. Ihr SaaS-Modell erlaubt es E-Commerce- und Creator-Brands, Marketing und Verkauf vollständig über WhatsApp abzuwickeln. Der USP liegt in der direkten Monetarisierung ohne Algorithmus-Abhängigkeit, was Salesforce Ventures im Rahmen einer Series-A-Runde zu einem Investment von 20 Millionen Dollar veranlasste.
Wonnda (Gegründet 2022)
Das Berliner Duo Martin Ditzel und Oliver Allmoslechner schließt die Lücke zwischen digitaler Reichweite und physischem Handel. Als B2B-Marktplatz verbindet Wonnda Creator*innen mit europäischen Hersteller*innen für Eigenmarken. Die Plattform digitalisiert das Sourcing und zementiert den Trend zum „Creator-as-a-Manufacturer“, finanziert von namhaften Frühphasen-VCs wie Pitchdrive.
Oxolo (Gegründet 2020)
Das Hamburger Team um Elisabeth L’Orange und Heiko Hubertz besetzt die entscheidende Schnittstelle, an der 2026 die Grenze zwischen klassischem E-Commerce und Creator-Content endgültig verschwindet. Ihr „URL-to-Video“-Modell generiert aus schlichten Shop-Links hochgradig konvertierende Videoclips mit KI-Avataren. Dass Oxolo primär von „Sellern“ spricht, ist ein strategisches Understatement: In Wahrheit nutzen vor allem Creator-Founders das Tool, um ihre D2C-Brands zu industrialisieren. Mit einer Series-A-Finanzierung von 13 Millionen Euro (Lead: DN Capital) ist Oxolo der unsichtbare Motor hinter dem kommerziellen Erfolg moderner Creator-Marken.
Moojo (Gegründet 2021)
Das Berliner Start-up von Amir Djouadi, Christian Engnath und Utena Treves fungiert als das finanzielle Rückgrat der dezentralen Wirtschaft. Moojo bietet eine integrierte FinTech-Lösung, die Rechnungsstellung und sofortige Auszahlungen für Creator*innen automatisiert. Durch die Reduzierung von Zahlungsverzögerungen löst das Start-up eines der größten Liquiditätsprobleme der Branche, unterstützt durch ein 2-Millionen-Dollar-Pre-Seed-Funding von b2venture und APX.
ZebraCat (Gegründet 2022)
Reza Zolfaghari und Michael Baumgartner konzentrieren sich mit ZebraCat in Berlin auf die „Prompt-to-Video“-Revolution. Ihr Modell ermöglicht es Creator*innen, durch einfache Textbeschreibungen komplexe Video-Narrative inklusive Schnitt zu generieren. Als Absolventen von Entrepreneur First verkörpern sie die neue Generation von KI-Tools, die den kreativen Prozess radikal beschleunigen.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick auf die globale Makroebene zeigt, dass die europäische Creator Economy erst am Anfang einer tiefgreifenden Umwälzung steht. Aus Asien schwappt die nächste Evolutionsstufe der Live-Commerce-Infrastruktur herüber, während in den USA autonome KI-Agenten bereits die Verhandlungen komplexer Marken-Deals übernehmen. Für den europäischen Markt bedeutet dies: Wer heute noch isolierte Content-Tools baut, wird den Anschluss an den Handel verlieren. Die Zukunft gehört jenen Plattformen, die den gesamten Workflow vom ersten Frame bis zum finalen Checkout digitalisieren.
Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen: Die Creator Economy ist kein flüchtiger Trend mehr, sondern das Betriebssystem des modernen Mittelstands. Wer die Souveränität über die eigene Technologie und die eigenen Daten besitzt, wird die Medienhäuser und Handelskonzerne von morgen führen.
NBH-Systems: Zwischen Schaltschrank und Skalierbarkeit
Wie Dorian Tobollik und Timo Hartig mit ihrem Hardware-Start-up NBH-Systems eine Industrie-Nische knacken wollen.
Laptops, die prekär auf Maschinengehäusen balancieren, oder kniende Instandhalter*innen, die notgedrungen mit einer Hand tippen – der Arbeitsplatz im technischen Service ist selten ergonomisch. Aus genau diesem alltäglichen „Pain Point“ heraus ist das Start-up NBH-Systems entstanden. Wie Dorian Tobollik und Timo Hartig mit ihrem Hardware-Unternehmen eine Industrie-Nische knacken wollen, haben wir analytisch unter die Lupe genommen.
Vom Pain Point zum Produkt
Die Entstehungsgeschichte des hessischen Start-ups ist ein klassisches Lehrstück für anwendergetriebene Innovation. Dorian Tobollik, selbst langjähriger Systemtechniker, erlebte das Fehlen eines stabilen Arbeitsplatzes an Maschinen und Anlagen immer wieder als echten Effizienz- und Sicherheitskiller. Anstatt den Status quo hinzunehmen, ging er ans Reißbrett und entwickelte eigene Prototypen.
Doch der Weg zur Serienfertigung „Made in Germany“ barg Tücken. „Der Weg vom ersten Prototyp bis zur Serienfertigung war deutlich aufwendiger, als ich am Anfang gedacht habe“, räumt Tobollik rückblickend ein. Der große Vorteil lag jedoch in seiner eigenen Berufspraxis: „Die Idee kam direkt aus meinem Arbeitsalltag als Servicetechniker. Ich habe das Produkt selbst täglich im Einsatz gehabt, konnte es direkt testen und immer wieder anpassen.“
Die Teufel steckten bei der Umsetzung im Detail – von Gewicht und Größe über die Kompatibilität der Notebook-Formate bis hin zur exakten Stärke der Magnete. „Das sind Dinge, die man nicht am Schreibtisch löst, sondern nur im Alltag“, betont das technische Gehirn des Duos. Aus purer Überzeugung ließ er den vielversprechenden Ansatz direkt patentieren.
Um aus der funktionalen Erfindung ein marktfähiges Unternehmen zu formen, stieß Timo Hartig dazu. Er verantwortet als Geschäftsführer den Vertrieb und das Marketing, während Tobollik sich auf die Produktentwicklung fokussiert. Ende 2025 mündete dies in der Gründung der NBH-Systems UG im hessischen Seligenstadt.
Die Arbeitsteilung ist scharf getrennt, was unweigerlich die Frage nach internen Konflikten zwischen technischer Perfektion und straffen Vertriebszielen aufwirft. Hartig gibt sich hier pragmatisch: „Natürlich gibt es diesen klassischen Zielkonflikt zwischen technischer Perfektion und Marktdruck – aber wir lösen das sehr praxisnah. Für uns steht immer der reale Einsatz im Vordergrund.“ Die Entwicklungszyklen bleiben dabei extrem kund*innennah. Bis heute verzeichnet das Unternehmen laut dem Geschäftsführer keine einzige Retoure oder Reklamation. Neue Ansätze werden bewusst strukturiert angegangen und vorab mit ausgewählten Kund*innen getestet. „Am Ende entscheidet immer die Praxis. Wenn eine Lösung robust, einfach und zuverlässig funktioniert, ist sie marktfähig – und genau darauf liegt unser Fokus“, resümiert Hartig. Bootstrapping pur: Das Duo finanziert das Projekt vollständig selbst, produziert bewusst in Deutschland, arbeitet parallel in anderen Jobs und reinvestiert jeden verdienten Euro in die Firma.
Hardware-Fokus mit B2B-Preisschild
Das Kernprodukt nennt sich „MagFlex Pro“ – eine Notebook-Halterung, die werkzeuglos per Magnet oder industrieller Saugglocke an glatten Flächen oder Maschinen haftet. Mit einem Verkaufspreis von knapp 250 Euro und lokaler Fertigung platziert sich NBH-Systems selbstbewusst im B2B-Premium-Segment. Ein smarter Vertriebshebel: Ab zehn Stück gibt es Anpassungen im Corporate Design, was erfahrungsgemäß die Hemmschwelle für größere Flottenbestellungen senkt.
Doch das reine Hardware-Geschäft ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht tückisch. Es gibt im Vergleich zur Softwarebranche keine stetigen Abo-Umsätze, das bewusst langlebige Produkt limitiert das lukrative Ersatzgeschäft, und die Skalierung erfordert hohe Vorfinanzierungen. Auf den kontinuierlichen Neukund*innendruck angesprochen, bestätigt Hartig die strategische Herausforderung: „Uns ist bewusst, dass ein reines Hardware-Geschäft kontinuierlich neue Kunden erfordert. Genau deshalb liegt unser aktueller Fokus klar auf Sichtbarkeit, Markenaufbau und darauf, unsere Lösung am Markt zu etablieren.“
Die Strategie im zu 90 Prozent B2B-getriebenen Kund*innenstamm setzt primär auf klassische Kanäle wie Direktvertrieb und den Ausbau von Großhändler*innen. Ein modulares Ökosystem entsteht dabei behutsam und streng nach Kund*innenwunsch: „Darauf aufbauend entwickeln wir Zubehör und Erweiterungen gezielt aus dem tatsächlichen Bedarf heraus. Für uns steht nicht Cross-Selling im Vordergrund, sondern ein echter Mehrwert im Einsatz.“ Auf das modische Schlagwort „Hardware-as-a-Service“ für Großkund*innen reagiert der Geschäftsführer noch zurückhaltend. Perspektivisch seien solche Modelle denkbar, aktuell zähle aber der Ausbau einer soliden Marktbasis im B2B-Umfeld.
Markt & Wettbewerb: Die Macht der Gewohnheit
Der anvisierte Markt für Außendienst- und Instandhaltungstechniker ist spitz, aber tief – nicht zuletzt, weil der chronische Fachkräftemangel die Budgets für Arbeitssicherheit und Effizienz lockert. Der härteste Konkurrent ist oft jedoch paradoxerweise kein globales Konkurrenzprodukt, sondern die blanke Improvisation. Wie knackt man also das Mindset von B2B-Einkäufer*innen, die für etwas zahlen sollen, das früher eine kostenlose (wenn auch wackelige) Kiste oder Ablagefläche erledigte?
„Die größte Herausforderung im Vertrieb ist tatsächlich weniger der Wettbewerb durch andere Anbieter, sondern die bestehende Gewohnheit. Viele Unternehmen haben sich über Jahre mit improvisierten Lösungen arrangiert“, weiß Hartig. Der stärkste Vertriebskanal des Start-ups ist daher das Produkt selbst, passend zum Slogan „Work Hands Free“. „In der Praxis steht ein Techniker am Schaltschrank oder an der Maschine, arbeitet mit dem MagFlex Pro – und Kollegen oder andere Beteiligte sehen das direkt“, erklärt Hartig den viralen Effekt am Einsatzort. Ein QR-Code auf der Halterung führt direkt zur Unternehmenswebsite, wodurch der Bedarf beim Anwender geweckt und in der Folge intern an den Einkauf weitergegeben wird.
Den exakten „Return on Investment“ (ROI) durch eingesparte Rüstzeiten datenbasiert zu beziffern, fällt dem Start-up hingegen schwer. Hartig räumt ein, dass sich Effekte wie strukturiertes Arbeiten und reibungslosere Abläufe nicht immer exakt in Zahlen pressen lassen. Dennoch sehe man in der Praxis, dass die Firmen zunehmend bereit sind, in solche Arbeitsbedingungen zu investieren.
Gegenüber globalen Giganten wie RAM Mounts und asiatischen Billigimporten muss NBH-Systems seinen USP – die authentische Historie von Technikern für Techniker gepaart mit der lokalen Produktion – daher als zwingendes Differenzierungsmerkmal glasklar nach außen kommunizieren.
Fazit: Solider Hidden Champion statt VC-Unicorn
NBH-Systems ist ein reinrassiges „Painkiller“-Start-up. Es löst ein reales, akutes Problem am Arbeitsplatz, anstatt als bloßes „Nice-to-have“ zu glänzen. Da Software-Komponenten oder Abo-Modelle fehlen, fehlt auch der klassische Hebel für exponentielles Hyperwachstum, der Venture-Capitalisten anlockt.
Das scheint das Gründer-Duo jedoch keineswegs zu stören. Sie wollen sich langfristig als Standard-Ausrüster in den Werkzeugkoffern großer Service-Flotten verankern und ein bodenständiges, hochprofitables KMU aufbauen. „Unser Fokus liegt klar auf einem soliden, nachhaltig wachsenden Unternehmen im B2B-Bereich. Wir bauen bewusst ein praxisorientiertes Hardware-Business auf und sehen uns nicht als klassisches Venture-Capital-Start-up“, unterstreicht Hartig die eigenen Ambitionen.
Man verkaufe derzeit vor allem im DACH-Raum sowie in den Niederlanden und Frankreich, peile aber als großen nächsten Schritt die weitere Internationalisierung an. Digitale Zukunftsfantasien für den Weg zum Industrie-Schwergewicht schließt er für später dennoch nicht aus: „Das bedeutet nicht, dass wir Themen wie IoT oder digitale Erweiterungen grundsätzlich ausschließen. Aktuell liegt unser Fokus aber klar darauf, unser bestehendes Produkt weiterzuentwickeln und weitere Anwendungsbereiche zu erschließen.“
Der Millionen-Pakt: Wie INTELLEGAM den Spagat zwischen Start-up-Freiheit und Konzern-Korsett meistert
Es war ein Paukenschlag im Frühjahr 2025, der weit über die Flure der Hochschule München hinaus hallte. Das australische Softwareunternehmen Infomedia kaufte sich für rund 6,1 Millionen Euro beim Münchner KI-Start-up INTELLEGAM ein. Ein klassischer Exit-Traum, so schien es, für das fünfköpfige studentische Gründerteam rund um Tobias Hettfleisch, Marc Gehring, Marco Zöller, Philipp Seiter und Hannes Burrichter.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Der Deal war kein Schlusspunkt, sondern der Beginn einer hochkomplexen Transformationsphase. Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2026, und das Team aus dem Münchner Vorort Neuried muss nun beweisen, dass seine Technologie auf der globalen Bühne bestehen kann, ohne dass die eigene Identität im Räderwerk eines börsennotierten Konzerns zermahlen wird.
Die Realität nach dem Handschlag
Die Tinte unter dem Vertrag war kaum trocken, da begann für INTELLEGAM der operative Realitätscheck. Von der Kaufsumme flossen rund 1,2 Millionen Euro direkt als Working Capital in das Start-up. Dieses frische Kapital fungierte als Brandbeschleuniger für die Produktentwicklung, brachte jedoch völlig neue Spielregeln mit sich. Aus dem agilen Spin-off des Masterstudiengangs „Applied Business Innovation“ der HM Business School wurde über Nacht ein integraler Bestandteil eines globalen Daten-Ökosystems. Infomedia bedient weltweit über 250.000 Branchenexpert*innen bei rund 50 OEM-Marken in 186 Ländern. Plötzlich ging es für das Münchner Team nicht mehr nur um die Beratung lokaler Firmen in Deutschland, sondern um die nahtlose Integration ihrer KI-Lösungen in extrem heterogene, internationale Konzernstrukturen.
Vom Proof of Concept zur globalen Skalierung
Die technologische Kernkompetenz von INTELLEGAM – die Umwandlung komplexer, unstrukturierter Fahrzeugdaten in sofort abrufbares Wissen – musste in den vergangenen Monaten den ultimativen Stresstest bestehen. Vor dem Deal nutzten laut Unternehmensangaben bereits asiatische Automobilhersteller wie BYD und Nissan die Software erfolgreich in Europa. Doch durch das gewaltige Vertriebsnetzwerk der Australier wuchs der Druck zur Massentauglichkeit. Produkte wie der „Repair Assistant“, der komplexe Schaltpläne in einfache Reparaturanleitungen für Mechaniker*innen übersetzt, oder die intelligenten Voice- und Web-Assistenten für den Kund*innenservice, mussten nun für unterschiedlichste Märkte und in diversen Sprachen fehlerfrei funktionieren. Die proprietäre Sucharchitektur, die das gefürchtete Halluzinieren der KI durch Retrieval-Augmented Generation nahezu komplett ausschließen soll, wurde dabei zum wichtigsten Verkaufsargument gegenüber skeptischen Werkstattleiter*innen weltweit.
Das Damoklesschwert der Earn-out-Klausel
Ein genauer Blick auf die Transaktionsstruktur von 2025 offenbart eine strategische Finesse, die gleichzeitig eine enorme psychologische Bürde darstellt. Infomedia erwarb zunächst nur die Hälfte des Unternehmens. Die restlichen 50 Prozent können die Australier innerhalb von fünf Jahren übernehmen, sofern vorab definierte, harte finanzielle und strategische Ziele erreicht werden. Die künftige Unternehmensbewertung ist dabei direkt an Umsatz und Profitabilität gekoppelt. Diese Konstruktion schützt Infomedia vor Fehlinvestitionen, erzeugt aber für das Münchner Team einen unerbittlichen Leistungsdruck. Die Gründer befinden sich seitdem in einem ständigen Balanceakt: Sie müssen aggressive Wachstumsziele im Vertrieb erreichen, dürfen aber die kostenintensive Weiterentwicklung ihrer Basistechnologie nicht vernachlässigen.
Die Verteidigung des „technologischen Burggrabens“
Während INTELLEGAM mit Infomedia im Rücken den Aftersales-Markt beackert, schläft die Konkurrenz der BigTech-Konzerne nicht. Das Start-up veredelt Basis-Sprachmodelle für den hochspezifischen Automobil-Gebrauch. Ihr eigentlicher Burggraben ist die Fähigkeit, verstaubte Service-Bulletins, Tabellen und kryptische Herstellerhandbücher fehlerfrei zu strukturieren. Doch dieser Vorsprung droht perspektivisch zu schmelzen. Die generischen Basis-Modelle großer Tech-Giganten verfügen über immer gewaltigere Kontextfenster und lernen rasant, riesige Datenwüsten nativ und ohne große Vorstrukturierung zu verstehen. INTELLEGAM muss deshalb im Eiltempo beweisen, dass ihr tiefes Domänenwissen im Automobilsektor gepaart mit den Daten von Infomedia einen echten, unersetzbaren Mehrwert bietet, der über eine bloße API-Anbindung hinausgeht.
Die menschliche Komponente des Half-Exits
Neben den technologischen und vertrieblichen Hürden ist die Zeit nach dem großen Deal vor allem eine Reifeprüfung für die Unternehmenskultur. Die Dynamik eines studentischen Gründerteams kollidiert in der Realität unweigerlich mit den Erwartungen eines globalen Software-Konzerns. Das Team ist gewachsen, Strukturen mussten eingezogen und Rollen professionalisiert werden. Für die Gründer stellt sich damit auch die Sinnfrage nach der eigenen Identität im neuen Konstrukt. Sind sie noch die agilen Visionäre, die eine Industrie umkrempeln, oder navigieren sie bereits im Fahrwasser etablierter Manager? Genau diese innere Haltung wird letztlich darüber entscheiden, ob die strategische Ehe mit Infomedia eine nachhaltige Erfolgsgeschichte bleibt.
Anmerkung der Redaktion: INTELLEGAM hat auf unsere vertiefenden Fragen zunächst geantwortet, diese Freigabe vor der Veröffentlichung jedoch wieder zurückgezogen. Als Grund nannte das Unternehmen: „Die uns bereitgestellten Fragen sind legitim, aber in Ihrer Formulierung nicht vereinbar mit unserem öffentlichen Auftritt.“
Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping
Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.
Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.
Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine
Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.
Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.
Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg
Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.
Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.
2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.
Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt
Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.
Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.
Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?
Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.
Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.
Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.
Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.
Vivid: Runway verlängern mit US-Dollar
Das FinTech Vivid Money, 2019 von Alexander Emeshev und Artem Iamanov in Berlin gegründet, meldet 100.000 KMU-Kund*innen und lockt Start-ups mit bis zu 5 Prozent Zinsen auf Dollar- und Pfund-Guthaben. Für international finanzierte Gründungsteams ist das Angebot attraktiv, um die eigene Runway zu verlängern. Doch ein genauer Blick auf die Konditionen und den harten Wettbewerb im Business-Banking zeigt: Gründende müssen spitz kalkulieren.
Vivid Money positioniert sich im Geschäftskundensegment mit einem erweiterten Cash-Management-Angebot. Im Zentrum der Ankündigung stehen Verzinsungen, die speziell auf die Bedürfnisse international finanzierter Start-ups zugeschnitten sind. Geschäftskund*innen erhalten auf Guthaben in US-Dollar und britischen Pfund bis zu 5 Prozent Zinsen pro Jahr. Auf Euro-Guthaben zahlt das Unternehmen bis zu 4 Prozent.
Bei diesen Zahlen ist jedoch eine kritische Einordnung geboten: Es handelt sich um klassische, zeitlich befristete Lockangebote zur Neukund*innengewinnung. Der Spitzenzinssatz für Fremdwährungen gilt für fünf Monate. Der Zinssatz für Euro-Guthaben ist auf vier Monate begrenzt. Nach Ablauf dieser Aktionszeiträume fallen die Zinsen deutlich ab – auf bis zu 3 Prozent für Fremdwährungen und bis zu 2 Prozent für den Euro, was zudem an den jeweils gewählten Tarif des FinTechs gekoppelt ist. Darüber hinaus behält sich der Anbieter vor, die Zinssätze je nach Marktlage oder nach eigenem Ermessen anzupassen.
Jenseits der Marketing-Zahlen bietet die strukturelle Erweiterung der Plattform jedoch einen greifbaren administrativen Nutzen für Gründerinnen und Gründer. Da viele Start-ups ihr Kapital durch US-Investor*innen in Dollar erhalten, mussten diese Gelder bislang oft aufwendig und gebührenpflichtig umgeschichtet werden. Vivid ermöglicht es nun, internationale SWIFT-Zahlungen direkt aus den verzinsten USD- und GBP-Konten heraus zu tätigen. Zusätzliche Bankpartner, externe Treasury-Lösungen oder teure Währungsumrechnungen entfallen für diese Transaktionen. Zudem öffnet die Plattform, die nun vollständig über den Webbrowser bedienbar ist, den Zugang zu über 1850 Assets (Money Market Funds, ETFs, stocks, iBonds, crypto).
Für junge Unternehmen ohne eigene Finanzabteilung stellt dies eine niedrigschwellige Möglichkeit dar, Teile der Firmenrücklagen strukturiert anzulegen und brachliegendes Kapital zumindest als Inflationsausgleich arbeiten zu lassen.
Vom B2C-Hype zur pragmatischen B2B-Plattform
Vivid startete ursprünglich mit einer gänzlich anderen Vision in den Markt. In der Hochphase des Fintech-Booms positionierte sich das von namhaften Investoren wie Greenoaks Capital und DST Global Partners finanzierte Unternehmen als verbraucher*innenorientierte App mit einem starken Fokus auf Krypto-Trading und Cashback-Programme. Die harte Marktrealität im Privatkund*innengeschäft, dominiert von Playern wie N26 und Revolut, zwang das Management jedoch zu einem strategischen Kurswechsel.
Vivid vollzog einen weitreichenden Pivot weg vom reinen Endkonsument*innen und wandte sich dem Geschäftskund*innensegment zu. Dieser Strategiewechsel scheint aufzugehen, denn nach Unternehmensangaben konnte in weniger als zwei Jahren die Marke von 100.000 KMU-Kund*innen überschritten werden.
Das Treasury-Volumen spiegelt diese Neuausrichtung ebenfalls wider: Zwischen Februar 2025 und Februar 2026 wuchs die Zahl der Treasury-Nutzer*innen um das Zweieinhalbfache, während sich die verwalteten Einlagen im selben Zeitraum verdreifachten. Die von Mitgründer Alexander Emeshev und dem für das Treasury verantwortlichen Esmond Berkhout formulierte Strategie setzt nun vollends darauf, Start-ups eine kombinierte Infrastruktur aus alltäglichem Banking und anspruchsvolleren Anlageprodukten zu bieten. Für das Jahr 2026 hat das Management das ambitionierte Ziel ausgegeben, die Kund*innenzahl in diesem Segment abermals zu verdoppeln.
Ein hart umkämpftes Oligopol
Der aktuelle Vorstoß in das Zinsgeschäft für Fremdwährungen trifft einen wunden Punkt der europäischen Gründer*innenszene. Das allgemeine Finanzierungsumfeld hat sich merklich abgekühlt, Finanzierungsrunden dauern deutlich länger und Kapital wird von Investor*innen spürbar selektiver vergeben. Gleichzeitig stammen laut KfW-Daten rund 60 Prozent der Startup-Investitionen von internationalen Geldgeber*innen, wobei gut ein Viertel des Kapitals allein aus den USA fließt. Die Verlängerung der sogenannten Runway durch ein aktives Liquiditätsmanagement rückt daher gezwungenermaßen ins Zentrum der Finanzplanung vieler Gründungsteams. Dennoch bewegt sich Vivid bei dem Versuch, dieses Problem zu lösen, in einem hochkompetitiven Umfeld.
Im europäischen B2B-Banking dominieren stark finanzierte und etablierte Player wie der französische Marktführer Qonto, der finnische Pionier Holvi oder aufstrebende Herausforderer wie Finom. Auch Revolut Business ist mit aggressiven Preismodellen dauerpräsent. Die strategische Differenzierung von Vivid liegt im Versuch, sich nicht nur als reines Transaktionskonto, sondern als holistisches Betriebssystem für Finanzen zu etablieren, das operative Liquidität und strukturierten Anlageverkehr verschmilzt.
Für uns ergibt sich aus dieser Entwicklung ein klares pragmatisches Bild. Das temporäre Zinsangebot in Dollar und Pfund ist ein unbestreitbar attraktives Vehikel für frisch finanzierte Start-ups mit internationalen Investor*innen, um Währungsverluste durch Liegegelder zu minimieren und das aufgenommene Kapital sofort arbeiten zu lassen.
Gründungsteams müssen jedoch fernab des ersten Zinsversprechens nüchtern kalkulieren. Es gilt genau zu prüfen, ob die fixen Grundgebühren der verschiedenen Vivid-Tarife und die Konditionen nach Ablauf der viermonatigen respektive fünfmonatigen Lockzinsphase langfristig tatsächlich wirtschaftlicher sind als die etablierten Strukturen und Konditionen der direkten Wettbewerber*innen am Markt.
Mio.-Funding und leergekaufte Lager: Die Entwicklung des BioTech-Start-ups PerioTrap
Ein selektiver Wirkstoff gegen Parodontitis, ausverkaufte Zahnpasta-Bestände und frisch eingesammelte 2,9 Mio. Euro: Das BioTech-Start-up PerioTrap verzeichnet derzeit ein starkes Momentum. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell? Eine Analyse zwischen wissenschaftlicher Innovation, Crowdinvesting-Strategie und zahnmedizinischer Realität.
Das Timing war für PerioTrap günstig. Als die Fraunhofer-Gesellschaft Anfang 2026 eine Mitteilung über den neuartigen Wirkstoff des Start-ups gegen Parodontitis veröffentlichte, war das Medienecho groß. Die Folge: Die neu gelaunchte Mikrobiom-Zahnpasta des Unternehmens war innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft. Auf diesen kommerziellen Soft-Launch folgte nun der finanzielle Nachschlag. Laut den offiziellen Angaben der Crowdinvesting-Plattform Companisto flossen in der aktuellen Finanzierungsrunde insgesamt 2,9 Millionen Euro in die Kassen, getragen vom Business-Angel-Netzwerk Companisto sowie einem Co-Investment der bmp Ventures (IBG-Fonds). Doch was macht PerioTrap für Anleger so interessant?
Von der Petrischale zum Produkt
Die Wurzeln von PerioTrap reichen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals begann die Erforschung des Parodontitis-Erregers Porphyromonas gingivalis im Rahmen des internationalen, EU-geförderten Forschungskonsortiums TRIGGER. Treibende Kraft war der Pharmazeut Dr. Mirko Buchholz, der mit über 25 Jahren Erfahrung in der Wirkstoffentwicklung den Kern der heutigen Technologie erfand. 2019 folgte gemeinsam mit dem Wirtschaftsexperten Pierre Tangermann (heute CEO) die offizielle Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Weinberg Campus in Halle (Saale).
Die Arbeitsteilung der Gründer ist klassisch: Buchholz fungiert als wissenschaftlicher Kopf (CSO), Tangermann übersetzt die Forschung als CEO in eine für Investor*innen verständliche „Equity Story“. Spätestens mit dem Gesamtsieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland im Jahr 2020 erlangte das Duo überregionale Sichtbarkeit, die konsequent für die Kapitalsuche genutzt wurde.
Modulation statt Breitbandwirkung
Der Markt, auf den PerioTrap zielt, ist groß. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung; laut der repräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) leidet mehr als die Hälfte der Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren an einer moderaten oder schweren Form. Die bisherigen Branchenstandards setzen meist auf Breitbandantibiotika oder Antiseptika wie Chlorhexidin. Das Problem dieser Lösungen: Sie greifen das gesamte orale Mikrobiom an und reduzieren auch die nützlichen Bakterien. Bei der Regeneration sind die aggressiven Parodontitis-Erreger oft schneller als die gesunden Bakterien – ein medizinischer Teufelskreis.
PerioTrap setzt stattdessen auf Selektivität. Nach Unternehmensangaben hemmt der patentierte Wirkstoff gezielt ein Enzym (die bakterielle Glutaminylcyclase) des Leitkeims P. gingivalis. Die krankmachenden Eigenschaften des Erregers sollen so blockiert werden, ohne das restliche Mikrobiom anzugreifen. Neben der frei verkäuflichen Zahnpasta für Endkund*innen positioniert das Start-up auch ein professionelles Pflege-Gel für die zahnärztliche Praxis. Zukünftig sollen Haustiere als weiterer Markt erschlossen werden.
Innovation oder ergänzendes Präparat?
Bei aller positiven Resonanz im Crowdinvesting darf das Geschäftsmodell kritisch eingeordnet werden:
- Die Grenzen der Biologie: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) lobte in einem aktuellen Statement vom Februar 2026 zwar den innovativen Ansatz aus den Laboren. Die Fachgesellschaft warnt jedoch davor, Parodontitis auf ein spezifisches Bakterium zu reduzieren. Es handele sich um eine polymikrobielle Infektion aus einem Zusammenspiel Hunderter Bakterienarten. Der PerioTrap-Wirkstoff attackiert den „Leitwolf“, kann die komplexe Krankheit als alleiniges Mittel jedoch nicht besiegen.
- Keine „Abkürzung“ für Patient*innen: Für den/die Endkund*innen birgt die Zahnpasta im Premium-Preissegment die Gefahr einer trügerischen Sicherheit. Gemäß den zahnmedizinischen Leitlinien der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Fachgesellschaften kann ein kosmetisches Zahnpflegeprodukt eine professionelle Diagnostik, mechanische Taschenreinigung und Therapieplanung beim Zahnarzt bzw. bei der Zahnärztin nicht ersetzen. Klinische Langzeitstudien am Menschen müssen erst noch beweisen, ob die Zahnpasta im Patient*innenalltag signifikante Effekte auf klinische Parameter wie Sondierungstiefen und Zahnfleischbluten hat.
- Crowdfunding als strategisches Instrument: Tangermann nutzt Plattformen wie Companisto sehr bewusst. Das bringt nicht nur Kapital, sondern auch sofortige Kund*innenkreise. Gleichzeitig räumt das Management ein, dass durch den Zuwachs an hunderten Kleininvestor*innen der administrative Abstimmungsprozess deutlich komplexer wird.
Klarer Fokus auf den Trade-Sale
Für die Start-up-Szene ist PerioTrap ein Beispiel dafür, wie komplexe „DeepTech“-Forschung in ein Consumer-Product übersetzt wird. Der Vertriebs-Soft-Launch als B2C-Zahnpasta generiert erste Umsätze, erzeugt mediale Aufmerksamkeit und senkt das wahrgenommene Risiko für institutionelle Investoren.
Doch das Endkunden-Geschäft mit Zahnpasta ist höchstwahrscheinlich nicht das finale Ziel der Gründer. Die Unternehmensstrategie deutet auf einen klassischen Trade-Sale hin: Man positioniert sich im stark wachsenden Segment der „Microbiome Oral Care“, baut Marktpräsenz und einen „Proof of Concept“ auf und macht sich als Übernahmeziel attraktiv. Große Akteure wie Colgate, GC Dental oder Haleon suchen kontinuierlich nach Innovationen in diesem Bereich.
PerioTrap hat mit dem jüngsten Funding und dem Verkaufsstart bewiesen, dass eine Nachfrage besteht. Nun folgt die anspruchsvollere Phase: Die Skalierung der Produktion und der wissenschaftliche Beweis, dass das große Interesse an der Mikrobiom-Zahnpasta dauerhaft gerechtfertigt ist und sich als fester Bestandteil der zahnmedizinischen Prävention etablieren kann.
Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein
Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.
Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.
Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.
Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger
Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.
+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++
Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“
KI-Tempo vs. Konzernstrukturen
Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.
Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“
Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“
Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz
Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.
Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.
Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.
Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.
Zwischen Convenience und Notariat
Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“
Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.
Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.
Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.
Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“
Der Lackmustest
Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.
Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“
Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.
Sizeless: Schluss mit „Da wächst du noch rein!“
Zu kleine Schuhe schaden Kinderfüßen, ständiger Neukauf belastet den Geldbeutel und die Umwelt. Das Kölner Start-up Sizeless präsentiert nun die Lösung: Einen Premium-Sneaker, der mechanisch um eine ganze Größe mitwächst. Wir sprachen mit den Gründern über den steinigen Weg vom ersten Prototyp bis zur ersten Funding-Kampagne.
Kinderfüße wachsen in rasantem Tempo – oft so schnell, dass die teuren neuen Schuhe schon nach wenigen Monaten wieder drücken. Im Schnitt benötigt ein Kind alle vier Monate neue Schuhe. Das geht nicht nur ins Geld, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt dar. Viele Eltern greifen auf eine pragmatische, aus orthopädischer Sicht jedoch problematische Lösung zurück und kaufen Schuhe schlichtweg zu groß, nach dem Motto: Da wächst du noch rein.
Die Folge sind nicht selten schlecht sitzende Schuhe, die das Gangbild beeinträchtigen und langfristig zu Fußfehlstellungen führen können. Drei Kölner Gründer wollen diesem Kreislauf aus ständigem Neukauf und Ressourcenverschwendung nun ein Ende setzen. Mit Sizeless hat das Start-up einen Kinderschuh entwickelt, der mechanisch mitwächst und das Problem an der Wurzel packen soll.
Vom Pitch zum Prototyp
Die Idee zu Sizeless entstand aus einer tiefen Kenntnis der Schuhindustrie. Die drei Gründer Alexander Schemel (CEO), Leander Peters (COO) und Louis Smith (CTO & Head Designer) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Sportartikelgiganten Adidas. Der Startschuss fiel im Frühjahr 2023 bei einer Open Innovation Challenge der Marke On-Running in Zürich, bei der Alexander und Leander ihr Konzept präsentierten und gewannen. Dieser Erfolg war der nötige Funke, um aus der Idee ein Unternehmen zu formen.
Die anschließende Hardware-Entwicklung erwies sich jedoch als massiver Härtetest. „Wir kamen aus Gesprächen mit Fabriken in Portugal zurück, denen das Projekt zu technisch, zu frühphasig und zu risikobehaftet war“, erinnert sich Leander an die anfängliche Frustration. Man konnte zwar die Idee validieren und Eltern dafür begeistern, den Schuh aber schlichtweg noch nicht physisch bauen.
Den entscheidenden Befreiungsschlag brachte schließlich das exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Für das Team war diese Zusage „absolut wegweisend“ – ein essenzieller Anschub, den das Trio aus eigener Kraft niemals hätte stemmen können, räumt der Gründer ein. Das staatliche Programm sicherte den Kölnern nicht nur zwölf Monate rettendes Vollzeit-Commitment, sondern deckte auch die Entwicklungs-, Gründungs- und Patentkosten weitestgehend ab. Vor allem aber lieferte es die nötigen finanziellen Ressourcen, um das fehlende Puzzleteil ins Team zu holen: den studierten Produktdesigner und Ingenieur Louis Smith. Das Stipendium finanzierte seinen Umzug von Glasgow nach Köln sowie seine laufenden Kosten. „In der Essenz: Ohne exist kein Louis, ohne Louis kein Schuh“, bringt es Leander pointiert auf den Punkt.
Doch auch die beste staatliche Förderung hat ihre strukturellen Grenzen. Wie Leander erklärt, enden die Möglichkeiten von exist exakt am kritischen Übergang von der Prototypen-Entwicklung zum Launch und der anschließenden Skalierungsphase. Um in Produktion zu gehen und die Marke aufzubauen, sei frisches Kapital zwingend notwendig. Während man sich für die Pre-Seed-Runde bereits mit starken Business Angels gut aufgestellt sieht, richtet sich der Blick der Gründer nun auf eine größere Seed-Runde gegen Ende 2026, um groß angelegte Launches vorzubereiten.
Gepaart wird diese finanzielle Herausforderung mit einem Kampf gegen die Mühlen der Behörden. Bürokratische Hürden seien bei Sizeless quasi das „inoffizielle vierte Teammitglied“. Durch den Brexit gilt Louis als Nicht-EU-Bürger; sein befristetes Arbeitsvisum lief bereits im September 2025 ab. Obwohl das Team zeitnah eine Verlängerung und einen Aufenthaltstitel beantragte, reagieren die zuständigen Sachbearbeiter kaum auf E-Mails oder Anrufe. Louis hangelt sich seither mit befristeten Fiktionsbescheinigungen von Monat zu Monat und darf das Land nach deren Ablauf vorerst nicht mehr verlassen. „Diese Absurditäten lähmen enorm“, kritisiert Leander das überlastete System, durch das jeden Tag reeller wirtschaftlicher Schaden entstehe – auch in ganz anderen Dimensionen als bei ihrem Start-up.
Der Härtetest im Kindergarten
Doch wie wächst ein Schuh mit, ohne an Stabilität einzubüßen? Sizeless geht einen technischen Weg, für den bereits eine Patentanmeldung läuft. Über zwei Laschen an der Außenseite lässt sich die Passform verstellen: Sie ziehen eine flexible Sohle nach oben oder geben sie nach unten frei, wodurch die Zehenbox gezielt vergrößert oder verkleinert wird. So lässt sich der Schuh stufenlos um acht Millimeter in der Länge anpassen – was etwas mehr als einer kompletten Schuhgröße (ca. 6,6 mm) entspricht.
Auf die Frage, ob eine solche Mechanik dem erbarmungslosen Kinder-Alltag standhält, räumt Leander ein, dass das Team hier massiv dazulernen musste. Nachdem CEO Alexander tagelang als „Praktikant“ das Bewegungsverhalten in Kindergärten analysiert und den Schuh einem „Tobetest“ unterzogen hatte, wurde das Design grundlegend überarbeitet. Der Schuh musste „kindergarten-approved“ werden. Das Resultat: eine abriebfeste Sohle mit ordentlichem Profil, ein für Bobbycar-Rennen geschützter Vorderfußbereich sowie wasserabweisende und waschmaschinentaugliche Materialien. „Auch den Sizeless-Schuh wird man kaputt bekommen, wenn man es darauf anlegt“, gibt Leander unumwunden zu. Es gelte künftig stets die Kunst zu beherrschen, Minimalismus und Flexibilität mit der nötigen Robustheit auszubalancieren.
Passform und orthopädische Grenzen
Da Kinderfüße bekanntermaßen nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen, kombiniert Sizeless die Mechanik mit einer von Natur aus breiten Zehenbox und einem flexiblen Obermaterial. Ein zusätzlicher Klettverschluss am Spann sorgt für Anpassungsfähigkeit bei hohen oder niedrigen Risten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Jan-Peter Goldmann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln, der sicherstellen soll, dass die Verstellmechanik die natürliche Fußentwicklung optimal fördert.
Trotz der Anpassungsfähigkeit zieht das Start-up eine klare Grenze. „Ganz wichtig: Wir sind kein Medizinprodukt!“, betont Leander. Der Leisten orientiere sich am durchschnittlichen Kinderfuß. Absolut außergewöhnliche Maße oder komplexe orthopädische Besonderheiten wolle man mit dem Launchmodell bewusst noch nicht abdecken.
Premium-Preise und ein neues Konsumverhalten
Mit dem Konzept greifen die Kölner das traditionelle Geschäftsmodell von branchenweiten Platzhirschen wie Superfit, Ricosta oder Elefanten an, das auf den ständigen Neukauf angewiesen ist. Sizeless hingegen macht dieses schnelle Wachstum zum Feature. Preislich positioniert sich der in Europa gefertigte Schuh mit einer UVP von rund 99 Euro klar im Premium-Barfuß-Segment. In diesem dominieren aktuell Marken wie Wildling Shoes oder Affenzahn.
Wird gesunde Fußentwicklung damit zum Luxusgut? Leander kontert diese Befürchtung vehement: Kinderfüße bräuchten vor allem Raum zur freien Entfaltung, ganz nach dem Prinzip „Beschützen statt beschränken“. Der Preis richte sich an eine Kernzielgruppe, die gezielt nach funktionalen, hochwertigen Schuhen sucht, und amortisiere sich ohnehin durch die deutlich längere Nutzungsdauer.
Gleichzeitig fordert der Ansatz ein Umdenken der Eltern, die traditionell auf das Ausmessen im stationären Fachhandel vertrauen. Leander sieht darin keinen Zwang, sondern eine Befreiung: Eltern „mussten“ bisher ins Geschäft, weil die Schuhe drückten. Mit Sizeless „können“ sie den Schuh bequem selbst anpassen. Den unter Personalmangel leidenden Fachhandel sehe man langfristig nicht als Konkurrenten, sondern als wichtigen Hebel – auch wenn der limitierte Launch bewusst der eigenen Community vorbehalten bleibt. Langfristig wolle man durch ein innovatives Konzept wieder Menschen in die Läden bewegen.
Marktreife und Skalierung: Eine neue Ära?
Nach monatelanger Entwicklung hat das Team einen verlässlichen Produktionspartner in Portugal gefunden, der europäische Qualitätsstandards garantiert. Aktuell geht Sizeless den nächsten Schritt: Am 16. März 2026 launchte eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um die erste Serienproduktion zu finanzieren. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten Schuhe im Sommer 2026 ausgeliefert werden.
Bleibt die große wirtschaftliche Frage: Kannibalisiert sich ein Geschäftsmodell nicht selbst, wenn Kund*innen seltener Schuhe kaufen müssen? „Kannibalisiert wird am Ende nur das, was sich dem neuen Standard nicht anpasst“, gibt sich Leander selbstbewusst. Die Skalierung soll einerseits über die Erweiterung des Sortiments um Modelle wie den ersten Winterschuh für 2026, Hausschuhe, Sandalen oder Gummistiefel erfolgen. Der eigentliche Hebel sei jedoch das Patent. Sobald dieses final erteilt ist, will das Start-up Lizenzen an andere Marken vergeben. Die Vision der Kölner ist grenzenlos: Jeder Schuh soll künftig ein Sizeless-Schuh werden können – völlig unabhängig davon, welches Logo am Ende auf dem Karton steht.
Clean Ocean Coatings: Grüne Revolution am Schiffsrumpf
Wie das 2021 von Patricia Griem und Dr. Christina Linke gegründete Hamburger Start-up Clean Ocean Coatings den Milliardenmarkt für Schiffsfarben aufmischen will.
Algen und Muscheln am Rumpf kosten die globale Handelsschifffahrt jährlich Milliarden an zusätzlichem Treibstoff und schaden den Ozeanen. Das Start-up Clean Ocean Coatings hat eine biozidfreie Alternative entwickelt, die in Feldversuchen überrascht. Doch kann sich ein DeepTech-„Zwerg“ gegen die globalen Chemie-Giganten behaupten? Eine Analyse.
Das Phänomen ist so alt wie die Seefahrt selbst: Sobald ein Schiffsrumpf ins Meerwasser taucht, siedeln sich Mikroorganismen, Algen und schließlich Seepocken an. Dieses sogenannte Biofouling macht Schiffe schwerer und erhöht den Wasserwiderstand enorm. Laut Angaben des Fraunhofer-Instituts kann starker Bewuchs den Kraftstoffverbrauch von Frachtschiffen um bis zu 40 Prozent in die Höhe treiben.
Die gängige Lösung der Industrie ist ebenso pragmatisch wie umstritten: Antifouling-Lacke, die oft auf Zinn- und Kupferbasis beruhen oder Mikrokunststoffe enthalten. Das Prinzip vieler dieser Beschichtungen ist es, sich im Wasser absichtlich abzuwaschen („self-polishing“), um den Bewuchs mitsamt der obersten Farbschicht abzustoßen. Dabei gelangen Schätzungen zufolge jährlich rund 100.000 Tonnen toxischer Substanzen in die Weltmeere – ein Vorgang, den Kritiker als die wohl größte unregulierte Umweltverschmutzung der maritimen Industrie bezeichnen.
Aus dem Labor vor dem Aus gerettet
Genau an diesem ökologischen wie ökonomischen Hebel setzt Clean Ocean Coatings an. Die Geschichte des Start-ups ist ein klassisches Beispiel für den Technologietransfer aus der Wissenschaft. Co-Gründerin und Materialwissenschaftlerin Patricia Griem begleitete die Basis der Beschichtung über acht Jahre lang in Forschungsprojekten an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Phi-Stone AG. Als Fördergelder ausliefen, drohte die Technologie in der Schublade zu verschwinden.Auf einer Konferenz Anfang 2020 hörte Dr. Christina Linke davon. Die promovierte Lebensmitteltechnologin (mit R&D-Stationen bei Unilever und Symrise) erkannte das immense Marktpotenzial. Die beiden Frauen schlossen sich zusammen und gründeten im Mai 2021 die Clean Ocean Coatings GmbH, um das Patent zur Marktreife zu führen.
Ökologie trifft auf harte Wirtschaftlichkeit
Das Ergebnis ist ein sogenanntes Ecoating“(basierend auf der Technologie Polyramik®), eine biozid- und lösungsmittelfreie Kombination aus nanostrukturierten Partikeln und einer Polymermatrix. Sie macht den Rumpf extrem glatt, wodurch sich Organismen schwerer ansiedeln und durch die Wasserströmung schlicht abwaschen lassen.
Dass das Konzept in der rauen Realität der Meere funktioniert, legen Branchendaten nahe: In einem achtmonatigen Feldversuch wies das Ecoating deutlich weniger Abrieb auf als konventionelle Vergleichsprodukte. Selbst siebeneinhalb Jahre alte Testflächen auf Frachtschiffen sollen laut Unternehmensangaben noch immer intakt sein.
Der eigentliche Treiber für die zutiefst konservative Schifffahrt ist jedoch ökonomischer Natur. Ein Werftaufenthalt im Trockendock kostet bei großen Handelsschiffen schnell mehrere Millionen US-Dollar. Hinzu kommen die „Off-Hire-Kosten“ – Einnahmeausfälle für jeden Tag, an dem das Schiff im Dock liegt. Die Hamburger Lackierung soll nicht nur den Treibstoffverbrauch senken, sondern vor allem deutlich länger halten als herkömmliche Lacke und mit weniger Schichten auskommen. Für Flottenbetreiber bedeutet das längere Wartungsintervalle und potenziell Einsparungen in Millionenhöhe.
Start-up vs. Chemie-Oligopol
Trotz der technologischen Brillanz der Idee steht das Start-up vor massiven Hürden. Die kommerzielle Schifffahrt ist extrem risikoavers; Reeder vertrauen seit Jahrzehnten auf etablierte Marken, denn ein misslungener Anstrich bei einem 200-Meter-Frachter ist ein logistischer Albtraum. Zudem wird der Markt von einem globalen Oligopol dominiert – Giganten wie Jotun, Hempel oder AkzoNobel verfügen über fest zementierte Netzwerke zu den asiatischen und europäischen Werften.
Wer hier Marktanteile erobern will, muss enorme industrielle Produktionskapazitäten aufbauen und hochsensible Spezialchemie just-in-time um die halbe Welt liefern. Der Kapitalbedarf für diesen Kraftakt ist immens. Neben staatlichen Förderungen wird das Start-up daher von Impact-Venture-Capital-Gebern wie dem Frühphasen-Investor capacura finanziert, die das nötige strategische und monetäre Fundament für die anstehende Skalierung legen.
Fazit
Die Marktchancen sind exzellent – nicht zuletzt, weil die EU und die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) alte Lacke zunehmend reglementieren. Gelingt es Linke und Griem, verlässliche globale Lieferketten aufzubauen, könnte Clean Ocean Coatings den Markt nachhaltig verändern – oder zu einem hochattraktiven Übernahmeziel für jene Branchenriesen werden, gegen die das Start-up heute mutig antritt.
Last Mile am Limit?
Über 3.000 Kurier*innen, mehr als 50 Städte und ein stetig wachsendes Logistiknetzwerk: Die Hamburger Fleetlery GmbH hat seit 2021 ein massives B2B-Geschäft hochgezogen – komplett gebootstrapped. Doch das Geschäftsmodell der Gründer Timo Kerzel und Micheal Kingreen offenbart die harten Strukturprobleme der Quick-Commerce-Branche. Ein Blick hinter die Kulissen eines Start-ups, das zwischen Skalierung, Tech-Versprechen und handfesten Arbeitskämpfen navigiert.
Es war das Jahr 2021, als die Quick-Commerce-Blase ihren Höhepunkt erreichte. Milliarden an Venture Capital flossen in Start-ups, die versprachen, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Inmitten dieses Hypes gründeten Timo Kerzel (zuvor Projektleiter bei TKE Elevators) und Micheal Kingreen in Hamburg die Fleetlery GmbH. Ihr Ansatz war jedoch ein anderer: Keine eigenen Dark Stores, keine Konsumenten-App, kein massives Cash-Burning. Fleetlery positionierte sich als reiner B2B-Infrastrukturanbieter. Das Versprechen: Delivery-as-a-Service.
Heute, gut vier Jahre später, zieht Fleetlery Bilanz. Während viele der hochfinanzierten Einhörner von damals verschwunden oder fusioniert sind, ist das gebootstrappte Hamburger Startup gewachsen. Über 3.000 Kuriere und Picker sind laut Unternehmensangaben für Fleetlery auf der Straße. Doch der Erfolg hat einen Preis – und offenbart, dass die letzte Meile längst kein rein technologisches Spielfeld mehr ist.
Bootstrapping im Logistik-Sektor: Flexibilität als Währung
Wer im kapitalintensiven Logistikmarkt ohne externes Risikokapital skaliert, muss Cashflows extrem präzise managen. Fleetlery löste dieses Problem, indem es sich als flexibler Puffer für große Player positionierte. Anstatt den Markt selbst aufzurollen, dockt das Start-up per API an bestehende Plattformen an. Der eigentliche strategische Schachzug folgte jedoch durch die Zulassung zur offiziellen Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit). Fleetlery verkauft seither nicht nur reine Lieferungen, sondern vermietet das Personal. Dieses Modell generiert verlässliche B2B-Umsätze, da saisonale Spitzen bei den Kund*innen abgefedert werden.
Last Mile ist kein Tech-Problem – sondern ein Strukturproblem
Fleetlery wirbt intensiv mit seinem KI-gestützten Dispatching-Algorithmus, automatisierten Routenoptimierungen und Geofencing. Doch die Realität der letzten Jahre hat eine schmerzhafte Lektion zutage gefördert: Die beste App der Welt liefert keine Pizza aus. Technologie ist in der Logistik längst zur Commodity geworden. Das eigentliche Bottleneck ist der Mensch. Händler*innen, die unter hohem Kostendruck stehen, können sich keine eigenen Flotten leisten. Fleetlery füllt diese Lücke und agiert als Schmiermittel der E-Commerce-Maschinerie – trägt damit aber auch das gesamte operative Risiko der Personalgewinnung in einem traditionellen Niedriglohnsektor.
Zwischen Zeitarbeits-Riesen und Subunternehmern
Betrachtet man das direkte Wettbewerbsumfeld, operiert Fleetlery in einer hochkomplexen Sandwich-Position. Auf der einen Seite diktieren die großen B2C-Plattformen als Auftraggebende die Preise. Auf der anderen Seite tummelt sich die direkte Konkurrenz. Da sind zum einen die klassischen Personaldienstleister*innen. Sie verfügen zwar über massive Pools an Arbeitskräften und die nötigen Lizenzen zur Arbeitnehmer*innenüberlassung, doch ihnen fehlt oft die tiefe technologische API-Anbindung an die Food-Plattformen sowie das operative Flottenmanagement.
Zum anderen gibt es internationale Delivery-as-a-Service-Player, die in Deutschland oft an der mangelnden Profitabilität gescheitert sind. Der wohl härteste Wettbewerb auf der Straße kommt jedoch von lokalen Subunternehmer*innen: hyperlokale Flottenbetreiber*innen, die mit Niedrigpreisen locken, aber bei den strenger werdenden Compliance-Prüfungen der Auftraggebenden zunehmend durchfallen. Hier sucht Fleetlery seinen USP: Durch die Arbeitnehmer*innenüberlassungs-Lizenz und die Tech-Integration positioniert sich das Start-up als haftungssicherer Partner für Großkund*innen, die das operative Risiko auslagern wollen. Sie versuchen, den oft unregulierten Markt der Subunternehmer*innen zu professionalisieren – müssen sich diesen Anspruch in einem preissensiblen Marktumfeld aber hart erkämpfen.
Die kritische Kehrseite: Skalierung in der Grauzone?
An der operativen Umsetzung auf der Straße entzündet sich massive Kritik. Der Marktführer Lieferando sorgte im Spätsommer 2025 für heftige Proteste, als bekannt wurde, dass rund 2.000 interne Fahrer*innenjobs abgebaut und unter anderem an Fleetlery ausgelagert werden sollten.
Gewerkschaften wie die NGG und Initiativen wie arbeitsunrecht.de werfen den Auftraggeber*innen vor, Subunternehmer*innen gezielt für Union Busting (die Aushebelung von Betriebsräten) zu nutzen. Zwar betont Fleetlery auf seiner Website die Festanstellung der Kuriere, doch Berichte von Arbeitnehmer*innenvertretern zeichnen ein anderes Bild: Kritisiert werden Stücklohn-Modelle nach Auslieferung und undurchsichtige Vermittlungskonstrukte. Fleetlery navigiert hier in einem juristisch hochkomplexen Umfeld, das zwar bei einigen internationalen Wettbewerber*innen Branchenstandard ist, für ein deutsches Start-up jedoch ein permanentes Reputationsrisiko darstellt.
Vier Jahre Last Mile: Learning by Scaling
Aus der Retrospektive lassen sich für Gründer*innen drei zentrale Learnings aus der Fleetlery-Historie ableiten:
- Die Unterschätzung des operativen Supports: Eine Flotte steuert sich nicht allein durch KI. Ohne den Aufbau eines massiven Live-Supports implodiert die Wirtschaftlichkeit durch Fehllieferungen.
- Die regulatorische Falle: Der reine Vermittlungs-Ansatz ist in Deutschland juristisch riskant. Die strategische Entscheidung zur Arbeitnehmer*innenüberlassung war essenziell für das B2B-Geschäft.
- Die Erweiterung der Wertschöpfungskette: Wer nur liefert, verbrennt Geld. Fleetlery überlebte das Bootstrapping nur durch zusätzliche Services (Zeitarbeit, IT-Integration, BPO-Dienstleistungen).
Fazit
Timo Kerzel und Michael Kingreen haben bewiesen, dass man einen Logistik-Player ohne fremdes Kapital bauen kann. Fleetlery ist heute ein wichtiger Puffer für den deutschen Delivery-Markt. Doch das Geschäftsmodell balanciert auf einem schmalen Grat zwischen unternehmerischer Flexibilität, massivem Margendruck und harten arbeitsrechtlichen Diskursen.
Vom Tabu zum Tech-Boom: Wie DeathTech den letzten Weg neu codiert
Der Tod war lange Zeit der blinde Fleck der Digitalisierung. Während Start-ups in den vergangenen zwei Jahrzehnten unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lieben mit Algorithmen und Wagniskapital optimierten, blieb das Lebensende fest in den Händen analoger Traditionen. Heute blicken wir auf eine Branche, die ihre morbide Nischenexistenz endgültig abgestreift hat.
DeathTech und GriefTech sind systemrelevant geworden. Getrieben von der massiven Vermögensübertragung der Babyboomer-Generation – laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden in Deutschland aktuell jährlich bis zu 400 Milliarden Euro vererbt – und einem fundamentalen Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler End-of-Life-Lösungen, transformieren Gründer*innen heute einen historisch fragmentierten Markt aus rund 4.000 oft sehr traditionellen Kleinbetrieben.
Es geht längst nicht mehr nur um Preisvergleiche für Särge, sondern um die nahtlose Orchestrierung des Unvermeidlichen – von KI-gestützter Trauerbewältigung bis hin zum automatisierten Management des digitalen Nachlasses.
Wenn Demografie auf DeepTech trifft
Der Markt für Bestattungen und Nachlassverwaltung hat im Jahr 2026 eine neue, datengetriebene Reifestufe erreicht. Allein in Deutschland sprechen wir laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) von einem jährlichen Branchenumsatz im klassischen Bestattungswesen, der sich stabil der Marke von drei Milliarden Euro nähert. Flankiert wird dies von einem rasant wachsenden, digitalen Vorsorgemarkt. Der makroökonomische Hebel dahinter ist historisch einmalig: Ein immer größerer Teil der gewaltigen Erbmasse liegt dabei nicht mehr in Aktenordnern, sondern existiert ausschließlich virtuell, von Krypto-Wallets bis zu SaaS-Unternehmensanteilen.
Der Digitalverband Bitkom untermauerte diese Dringlichkeit bereits in seinen Erhebungen zum digitalen Nachlass, die zeigen, dass knapp ein Drittel der Internetnutzer*innen das Thema aktiv regeln möchte, die praktische Umsetzung aber oft an fehlenden Tools scheitert. Diese gewaltige Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot lockt institutionelles Geld an. Wir sehen keine utopischen Krypto-Bewertungen mehr, sondern sehr gesunde Series-A- und Series-B-Tickets für Unternehmen, die bewiesene Unit Economics aufweisen.
Jenseits von Sarg und Urne
Wer heute im DeathTech reüssieren will, muss über das Offensichtliche hinausdenken. Möglich ist das aktuelle Marktwachstum jedoch nur durch die Vorarbeit der Wegbereiter*innen der ersten Stunde, die den Markt überhaupt erst für institutionelles Kapital geöffnet haben. Unternehmen wie Mymoria sind dem Start-up-Status längst entwachsen; angetrieben von einer 15-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde im Jahr 2021 durch namhafte VCs wie b2venture, agiert das Unternehmen heute als etablierter Omnichannel-Gigant mit bundesweiten Boutiquen.
Auch das Scale-up November hat mit einer zweistelligen Millionenrunde durch HV Capital die Bestattungsvorsorge digitalisiert. Im lukrativen Markt der rechtlichen Vorsorge dominiert Afilio, das bereits 2022 eine 13-Millionen-Dollar-Series-A unter Führung von Cherry Ventures abschloss. Im B2B-Hintergrund hat sich Columba als unsichtbares technisches Rückgrat in den Legacy-Systemen der Bestattungsbranche verankert und übernimmt vollautomatisiert die Vertragsabmeldungen. Auf der Infrastruktur dieser Pionier*innen baut nun eine neue Generation von Gründer*innen auf, die psychologische Tiefe und radikale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt.
Die Friedhofs-Illusion und ihre Lektionen
Trotz der Goldgräberstimmung ist der Pfad der Branche mit den Überresten gescheiterter Hypes gepflastert. Ein prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit war der Versuch, reine B2C-Vergleichsportale für Bestattungen nach dem Vorbild von Check24 aufzubauen. Frühe Aggregatoren-Modelle verbrannten Millionen in der Annahme, Kund*innen würden den Tod wie eine Kfz-Versicherung vergleichen. Die Realität war ein harter Crash der Profitabilität, da die Customer Acquisition Costs (CAC) via Suchmaschinenmarketing in diesem emotionalen Ausnahmezustand astronomisch hoch waren.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich harte Lektionen ableiten. Der erste Fehler ist die Ignoranz gegenüber den Unit Economics: Da der Customer Lifetime Value (LTV) beim Tod naturgemäß auf eine Transaktion beschränkt ist, müssen Geschäftsmodelle zwingend auf margenstarken B2B2C-Vertrieb oder Lebzeiten-Vorsorge-Abos ausweichen. Ein zweites Risiko lauert in der Unterschätzung der B2B-Gatekeeper; wer die traditionellen Bestatter*innen als Feinde statt als Vertriebspartner*innen betrachtet, verliert den Kund*innenzugang. Drittens bricht vielen Gründer*innen die regulatorische Tiefe das Genick, denn wer sensible Nachlassdaten verarbeitet, operiert im Hochrisikobereich der DSGVO. Der subtilste Fehler ist ein Mangel an Branding-Sensibilität; wer mit aggressiver Growth-Hacking-Mentalität an trauernde Angehörige herantritt, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Wo die DeathTech-Exzellenz in Deutschland liegt
Die geografische Verteilung der DeathTech-Exzellenz in Deutschland hat sich auf wenige, aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. Berlin bleibt der unangefochtene Motor für Plattformen und Venture Capital, profitierend von einem dichten Ökosystem rund um Hubs wie den Inkubator Mitte von Science & Startups der Berliner Universitäten. München und der bayerische Raum haben sich hingegen als das Epizentrum für DeepTech, InsurTech-Schnittstellen und anspruchsvolle KI-Modelle etabliert. Die physische Nähe zu Rückversicherungs-Giganten wie Munich Re sowie exzellente Fakultäten der LMU machen München zum Nährboden für versicherungsgekoppelte Vorsorgemodelle. Leipzig hat sich dank Ausgründungen im Umfeld der Handelshochschule (HHL) zu einem Hub für LegalTech und rechtssicheres Datenmanagement entwickelt. Die Metropolregion Rhein-Ruhr und das Rheinland fungieren als essenzieller Testmarkt für psychologisch fundierte Ansätze – stark getrieben durch das Exzellenz Start-up Center Köln (Gateway), das gezielt hochschulnahe Gründungen im HealthTech- und GriefTech-Bereich fördert.
Investor*innen-Radar
Das Kapital, das in diese Branche fließt, ist klüger, geduldiger und diverser geworden. Spezialisierte VCs für den Tod gibt es in Europa zwar noch nicht in Reinform, aber wir beobachten eine klare strategische Erweiterung von HealthTech-Spezialisten wie Heal Capital, die Trauerbewältigung zunehmend als Teilaspekt der mentalen Gesundheit begreifen und kapitalisieren. Die richtig großen Schecks schreiben die Top-Tier Generalisten: Player wie b2venture, HV Capital und Cherry Ventures haben die massiven TAM-Zahlen (Total Addressable Market) längst in ihren Investmentthesen verankert.
Auf der anderen Seite positionieren sich Corporate VCs, allen voran der Berliner Wagniskapitalgeber IBB Ventures, der strategisch früh in Plattformen wie Emmora investierte. Den entscheidenden Treibstoff für Frühphasen-Start-ups liefern jedoch Business Angels und geförderte Exzellenz-Programme wie die exist-Gründerstipendien, die den Teams den nötigen Runway geben, um hochsensible Produkte in der Seed-Phase ohne sofortigen Profitdruck zu iterieren.
Unsere DeathTech- und GriefTech-Start-up-Watch List 2026
Für unsere finale Selektion im Jahr 2026 haben wir bewusst eine strenge Definition des Start-up-Begriffs angelegt. Die durch große Series-A- oder Series-B-Runden bereits skalierten Pionier*innen wurden als Wegbereiter*innen klassifiziert und aus der engeren Auswahl exkludiert. Die resultierende Watchlist besteht aus acht agilen Unternehmen. Kohorte eins umfasst reifere Start-ups der Gründungsjahre ab 2019, die bereits solides Investor*innen-Vertrauen und validierte Umsätze aufweisen. Kohorte zwei integriert junge Early-Stage-Start-ups aus dem Jahr 2024, die als hochspannende universitäre Spin-offs die nächste disruptive Innovationswelle abbilden.
Meine Erde
Im Jahr 2021 von Pablo Metz und Max Hüsch ins Leben gerufen, innoviert Meine Erde den Green-Death-Markt in Deutschland massiv. Das Unternehmen bringt die Reerdigung als natürliche Kompostierung in 40 Tagen aus der regulatorischen Grauzone in den legalen Markt. Der USP ist ein patentiertes Verfahren im Kokon, das pro Bestattung laut Unternehmensangaben rund eine Tonne CO2 im Vergleich zur Feuerbestattung einspart und traditionellen Methoden ökologisch messbar überlegen ist. Dieses Impact-Potenzial überzeugte namhafte VCs: Project A Ventures führte bereits 2022 eine 5,8-Millionen-Euro-Seed-Runde an, flankiert von Vorwerk Ventures.
Emmora
Victoria Dietrich und Evgeniya Polo gründeten Emmora 2019 mit dem Ziel, Bestattungsplanung und Trauerbegleitung weiblicher und empathischer zu gestalten. Das B2C-Plattform-Modell begleitet Angehörige von der Organisation der Beisetzung bis hin zur psychologischen Unterstützung. Der klare USP liegt in der kuratierten Auswahl von Dienstleistern und einem Marktauftritt, der sich wohltuend von der drückenden Schwere traditioneller Bestatter abhebt. Das Modell überzeugte früh den Accelerator APX und führte 2021 zu einer siebenstelligen Seed-Runde unter Führung von IBB Ventures.
Memoresa
Das 2019 von Jörg Schädlich und Steffen Stundzig gegründete Leipziger Start-up hat sich der Ordnung des digitalen Chaos verschrieben. Ihr hybrides B2B2C-Modell bietet eine Plattform zur Verwaltung des digitalen Nachlasses. Der USP von Memoresa ist die tiefe API-Anbindung, wodurch im Todesfall Verträge vollautomatisiert gekündigt oder umgeschrieben werden können – ein Service, der für Banken und Versicherungen wie die Signal Iduna extrem wertvoll ist. Finanziert wurde das Start-up unter anderem durch Business-Angel-Netzwerke und den Inkubator cetup.INNOLAB der TU Dortmund.
TrostHelden
Das von Hendrik Lind und der ausgebildeten Sterbe-Amme Jennifer Lind 2019 ins Leben gerufene Start-up adressiert die isolierende Einsamkeit, die dem Tod folgt. Das B2C-Subscription-Modell basiert auf einem Smart-Matching-Algorithmus, der Trauernde mit exakt passenden Schicksalsschlägen und der gleichen Trauersprache verbindet. Der USP ist diese hochpräzise Logik, die echte, kuratierte Begegnungen schafft. TrostHelden wächst primär gebootstrappt, getragen von Impact-fokussierten Netzwerken, und wurde vom BMWK als herausragendes Social-Entrepreneurship-Modell ausgezeichnet.
Grievy
Dr. Nele Stadtbäumer, Daniel Bachmann und Aenis Chebil brachten 2021 eine technologisch skalierbare, psychologische Perspektive in den Markt. Grievy ist eine auf kognitiver Verhaltenstherapie fundierte App, die Nutzern therapeutische Impulse ausspielt. Der USP liegt in der klinischen Fundierung und der Skalierbarkeit der Trauerbegleitung. Das Team durchlief erfolgreich die Inkubation am Gateway Exzellenz Start-up Center Köln, sicherte sich das exist-Gründerstipendium und belegte 2022 den dritten Platz als Digitales Start-up des Jahres des Bundeswirtschaftsministeriums.
anfang.
Dieses reinrassige GriefTech-Start-up entstand im Wintersemester 2023/24 und wurde 2024 von den Studierenden Luisa Otto, Janek Voss und Pia Mauermann auf den Weg gebracht. Das B2C-Modell dreht sich um eine App als holistischen, digitalen Trauerbegleiter. Der USP ist die Kombination aus Reflexionsmodulen und einer geschützten Community. Eng begleitet wird das Team durch HIKE, den Hochschulinkubator für Entrepreneurship der Hochschule Nordhausen, wo aktuell die Strukturierung der Skalierungsphase im geschützten universitären Umfeld vorangetrieben wird.
Kreis & Raum
Im Jahr 2024 von der Architektin Eva Hartmann und der Projektmanagerin Miriam Becker in Berlin gegründet, schlägt dieses Start-up die Brücke zwischen physischer Bestattung und moderner Trauerbegleitung. Das hybride B2C-Modell bricht mit der starren Trennung von Beerdigungsinstitut und psychologischer Betreuung. Der USP ist ein radikal individueller Ansatz, der den Trauerprozess architektonisch neu designt. Begleitet von Science & Startups im Inkubator Mitte der Humboldt-Universität zu Berlin, validiert Kreis & Raum dieses hoch-emotionale Modell aktuell im städtischen Raum.
Lebewohl App
Als Ausgründung aus dem Umfeld der Lokalpioniere in Ostwestfalen-Lippe im Jahr 2024 attackiert dieses Team die überbordende Nachlass-Bürokratie. Die App fungiert als digitaler Assistent, der Hinterbliebene mit strukturierten Checklisten durch den Behörden-Dschungel manövriert. Der USP liegt in der enormen Kosteneffizienz für den Endnutzer, da automatisierte Dokumentenbeschaffung teure Rechtsberatungen flankiert oder ersetzt. Mit starkem organischen Wachstum im OWL-Netzwerk beweist Lebewohl App zugleich, dass Innovation im DeathTech nicht zwingend aus den Metropolen kommen muss
Internationaler Ausblick & Fazit
Blicken wir über den deutschen Tellerrand, zeigen sich globale Makro-Trends, die den europäischen Markt unweigerlich erfassen werden. Aus den USA schwappt die Welle der hyperpersonalisierten Generativen KI zu uns herüber; Start-ups trainieren dort bereits Large Language Models mit den digitalen Fußabdrücken von Verstorbenen, um interaktive Legacy-Avatare zu erschaffen. Asien, insbesondere Südkorea und Japan, forciert derweil die Verschmelzung von Trauer und dem Metaverse, wo physischer Platzmangel auf Friedhöfen durch immersive, digitale Gedenkstätten kompensiert wird. Israel wiederum bringt massive Impulse im Bereich der Cybersecurity in den DeathTech-Sektor ein, um posthumen Identitätsdiebstahl zu bekämpfen.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit: Der Tod ist kein Nischenthema mehr, sondern die ultimative Customer Journey. Wer in diesem drei Milliarden Euro schweren Markt bestehen will, benötigt nicht nur brillantes Tech-Know-how und wasserdichte Unit Economics, sondern vor allem eines: tiefgreifende, authentische Empathie, die im Code ebenso verankert ist wie in der Unternehmenskultur.
