CRM - ein Tool für viele Fälle


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Vier elementare Tipps für modernes Kundenbeziehungsmanagement in jungen Unternehmen.

Ohne Kunden gibt es keine Verkäufe, keine Aufträge und keinen Umsatz. Und um am Markt zu bestehen, ist es von enormer Wichtigkeit, nicht nur neue Kunden zu akquirieren, sondern auch die Zusammenarbeit mit Bestandskunden aufrechtzuerhalten und gegebenenfalls auszubauen. In jedem Unternehmen sollte daher das Kundenbeziehungsmanagement oberste Priorität haben. Wer kauft was, wer nimmt welche Dienstleistung wie oft und in welchem Umfang in Anspruch, welches Bedürfnis und welche Herausforderungen hat der Kunde, was war Inhalt der letzten Kommunikation mit ihm… - all diese Themen werden unter dem Begriff CRM („Customer Relationship Management“, zu Deutsch „Kundenbeziehungsmanagement“) zusammengefasst. Hierbei empfiehlt sich die Nutzung eines hochwertigen CRM-Tools.

Nur ein Kunde, der von einem Dienstleister, seinem Service und den Produkten überzeugt ist, wird sich an diesen binden und langfristig Kunde bleiben. Gerade für junge Unternehmen ist das Kundenbeziehungsmanagement von Bedeutung, um sich den elementar wichtigen Kundenstamm aufzubauen. Wir geben vier Top-Tipps für das ideale Kundenbeziehungsmanagement mit Hilfe eines CRM-Tools an die Hand.

Tipp 1: CRM-Tools für die Erfassung aller Daten und Vorgänge

CRM-Tools, zum Beispiel die CRM-Software AkquiseManager, machen es möglich, dass alle Informationen über den Kunden oder Interessenten zu jeder Zeit jedem Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass auch bei Krankheit oder Urlaub eine Vertretungskraft über alle Vorgänge informiert ist, die den Kunden betreffen – zum Beispiel über individuelle Vereinbarungen oder die letzte Kommunikation mit dem Kunden – und stellt einen einwandfreien Service sicher. Dieser ist für die Kundenbindung wichtig, denn sobald eine Kunde den Eindruck hat, nicht adäquat betreut zu werden und nur „einer unter Tausenden“ zu sein, leidet darunter die Beziehung zwischen Kunden und Unternehmen. Daher sind CRM-Tools und die detaillierte, zuverlässige Erfassung aller Kundeninformationen ein unentbehrliches Hilfsmittel im Vertrieb und Kundensupport

Tipp 2: Maßgeschneiderte Werbekampagnen entwickeln

CRM-Tools haben noch einen weiteren Benefit: Sie ermöglichen die systematische Auswertung der Kundendaten und erlauben die Entwicklung von personalisierten, auf den Kunden zugeschnittenen Kampagnen. Entsprechende Software ermöglicht beispielsweise bei Online Shops eine detaillierte Warenkorbanalysen und macht komplexe Kaufzyklen sichtbar. Mit gezielten Werbeaktionen lässt sich ganz individuell auf dieses Kundenverhalten eingehen – so kann man bestimmten Kundengruppen beispielsweise maßgeschneiderte Newsletter zukommen lassen, die exakt auf die vorherigen Käufe des Kunden im Shop abgestimmt sind.

Tipp 3: Definition und Etablierung von Workflows

Bis ein Kunde zum Bestandskunden wird, kommt dieser mit diversen Abteilungen des Unternehmens in Kontakt – das fängt an mit dem Vertrieb oder Verkauf, mit welchem er als Interessent erstmalig kommuniziert, geht über den Support und die Kundenbetreuung und bis hin zum Marketing, dessen Aufgabe es ist, mit passenden Kampagnen die Bindung zum Kunden zu festigen.

Damit der Übergang zwischen den betroffenen Abteilungen möglichst fließend und problemfrei verläuft, ist es von immenser Bedeutung, effiziente Workflows zu entwickeln und zu etablieren. Der Begriff „Workflow" beschreibt den konkreten Arbeitsablauf, bei dem alle Teilaufgaben genau definiert und beschrieben werden. So weiß beispielsweise der Vertrieb genau, welche Maßnahmen notwendig sind und erfüllt sein müssen, bevor ein Neukunde der Kundenbetreuung übergeben werden kann. Es empfiehlt sich, diese Workflows mit all ihren Teilaufgaben im CRM-System abzubilden – das ermöglicht unter anderem maximalen Überblick über den Stand aller Kundenprojekte und die eindeutige Zuweisung einer Aufgabe an den dafür verantwortlichen Mitarbeiter. So werden Fehlerquellen und Stolpersteine minimiert und der Kunde hat bereits von Anfang an das Gefühl bestens betreut zu werden – die Basis für eine langfristige Kundenbindung.

Tipp 4: Regelmäßig Kundenfeedback einfordern und analysieren

Die ehrliche Rückmeldung des Kunden zum Service, der Dienstleistung oder den Produkten hilft bei der Identifikation von möglichen Schwachstellen sowie ungenutztem Potenzial und ermöglicht es einem Unternehmen, Optimierungsmaßnahmen zu entwickeln. Daher ist es von essentieller Bedeutung, den Kunden regelmäßig um Feedback zu bitten. Ob es die etwas zu lange Reaktionszeit des Supports oder eine Idee zu Verbesserung des Produkts ist – Kunden geben gerne konstruktives Feedback und Unternehmen sollten dieses mit offenen Armen entgegennehmen, ernst nehmen und gewinnbringend umsetzen. Auch für das Aufsetzen einer Feedbackaktion und das Versenden von Nachrichten an die Kunden mit der Bitte um deren ehrliches Feedback, kann ein CRM-Tool genutzt werden.

So wird das Produkt, die Dienstleistung oder der Service stetig besser – was die Beziehung zwischen Kunde und Unternehmen stärkt und Kunden mit ihrer Loyalität dem Unternehmen gegenüber belohnen werden.

Fazit

Das A und O des Unternehmenserfolgs ist ein effizientes Kundenbeziehungsmanagement. Von der zuverlässigen Erfassung aller Daten in einem CRM-System, über die Entwicklung von maßgeschneiderten Werbemaßnahmen und die Definition und Etablierung von Workflows bis hin zum Einfordern von Kundenfeedback gibt es einige Maßnahmen, die sich positiv auf die Beziehung zwischen Kunde und Unternehmen auswirken und daher auf gar keinen Fall vernachlässigt werden dürfen. Ein hochwertiges CRM-Tool ist ein essentielles Hilfsmittel, das bei der Umsetzung all dieser Maßnahmen zuverlässig unterstützt.

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Embedded-Finance-Start-up-Report 2026

Der unsichtbare Bankensektor: Wie Embedded Finance und die dazugehörigen Start-ups die Wirtschaft des Jahres 2026 prägen.

Einst war es das große Versprechen für eine Handvoll hipper Neobanken, heute ist es das unsichtbare Rückgrat der europäischen Wirtschaft: Embedded Finance. Im Jahr 2026 wird das Marktwachstum längst nicht mehr von der fixen Idee isolierter Bank-Apps dominiert, denn jedes zukunftsorientierte Unternehmen ist mittlerweile selbst zu einem/einer Finanzdienstleister*in geworden. Ob Software-as-a-Service-Anbieter*in, Logistik-Plattform oder Marktplatz – die nahtlose Integration von Zahlungen, Krediten und Versicherungen in nicht-finanzielle Kund*innenreisen ist das neue Paradigma.

Dieser Report beleuchtet eine Branche, die den „Sturm der Konsolidierung“ überlebt hat und nun mit reifen Geschäftsmodellen und echten Profiten die Architektur der modernen Wirtschaft neu programmiert.

Vom Hype zur fundamentalen Reife

Nach den massiven Zinsanpassungen und regulatorischen Aufräumarbeiten der Jahre 2023 und 2024 zeichnet der Embedded-Finance-Markt heute ein Bild robuster Reife. Renommierte Analystenhäuser wie Bain & Company und Dealroom haben diese Entwicklung früh vorgezeichnet: Der globale Markt für Embedded-Finance-Dienstleistungen hat sich in ein Multimilliarden-Segment verwandelt, dessen europäisches Transaktionsvolumen mittlerweile signifikante Teile des digitalen B2B- und B2C-Handels stützt. Der technologische Haupttreiber dieser neuen Ära ist unbestreitbar die künstliche Intelligenz, genauer gesagt proprietäre Machine-Learning-Modelle, die Risikobewertungen in Millisekunden durchführen und Transaktionsströme dynamisch optimieren. Investor*innen honorieren diese technologische Tiefe: Wir sehen heute höchst realistische Series-A- und Series-B-Runden im Bereich von 15 bis 40 Millionen Euro für Start-ups, die nachweislich positive Deckungsbeiträge aufweisen. Es fließt wieder signifikant Kapital, doch es fließt exklusiv in Substanz und Skalierbarkeit, nicht mehr in reines Marketing.

Die neuen Treiber: B2B, Vertikalisierung und Orchestrierung

Wenn man über das Offensichtliche wie einfache White-Label-Kreditkarten hinausblickt, dominieren im Jahr 2026 drei spezifische Sub-Sektoren den Markt. Allen voran steht B2B Buy-Now-Pay-Later, eine Disziplin, die das traditionelle, schwerfällige Factoring abgelöst hat und nun direkt in B2B-Checkouts und Beschaffungsnetzwerke integriert ist. Ein weiterer massiver Treiber ist die sogenannte Payment Orchestration für vertikale SaaS-Lösungen. Hier werden komplexe, branchenspezifische Zahlungsflüsse – etwa im Handwerk oder in der Gastronomie – automatisiert im Hintergrund abgewickelt. Zuletzt etabliert sich Embedded Insurance zunehmend im Industriekontext, wo Maschinen nicht mehr nur geleast, sondern im selben Atemzug transaktionsbasiert versichert werden. Pioniere wie die Berliner Mondu oder auch europäische Schwergewichte wie Swan haben den Weg für diese hochspezialisierten Infrastruktur-Layer geebnet und gezeigt, wie tiefgreifend diese Geschäftsmodelle in die Wertschöpfungsketten der Realwirtschaft eingreifen.

Die Lektionen der BaaS-Krise

Doch dieser Reifegrad wurde teuer erkauft. Der Beinahe-Kollaps des britischen Banking-as-a-Service-Pioniers Railsr und die drastischen BaFin-Sonderprüfungen samt Wachstumsbeschränkungen bei etablierten deutschen Playern wie Solaris in den Jahren zuvor haben den Markt fundamental erschüttert. Der Traum, Finanzdienstleistungen wie einfache Legosteine zusammenzustecken, kollidierte brutal mit der harten Realität des Bankwesens.

Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich für heutige Gründer*innen vier konkrete, fatale Fallstricke ableiten. Der erste und wichtigste ist die eklatante Unterschätzung der Regulatorik; Compliance lässt sich nicht auslagern, und Aufsichtsbehörden dulden keine agilen Versuch-und-Irrtum-Prozesse bei der Geldwäscheprävention. Der zweite Fallstrick ist die Falle der negativen Unit Economics im B2C-Sektor, wo exorbitante Kund*innenakquisitionskosten oft nur durch kontinuierliches VC-Geld gedeckt wurden. Drittens das Klumpenrisiko der Abhängigkeit von einer einzigen Partnerbank, deren Ausfall das eigene Start-up über Nacht handlungsunfähig macht. Und viertens die Fehlannahme, dass Technologie allein ausreicht; wer heute kein tiefes Verständnis für klassisches Bilanzstruktur- und Kreditrisikomanagement mitbringt, scheitert unweigerlich.

Das deutsche Netzwerk: Die Schmieden der Infrastruktur

Deutschland hat sich in dieser Konsolidierungsphase als einer der resilientesten Standorte in Europa bewiesen, getragen von vier essenziellen Hubs. Berlin verteidigt dabei seinen Status als unangefochtene Hauptstadt für FinOps und B2B-Zahlungsinfrastruktur, massiv befeuert durch die Talent-Pipelines der TU Berlin sowie das dichte Netzwerk an Serial Entrepreneurs aus der N26- und SumUp-Schule. Frankfurt am Main bildet den unverzichtbaren regulatorischen Gegenpol; hier, im Schatten von EZB und BaFin, entstehen im Umfeld des TechQuartiers und der Frankfurt School of Finance and Management jene Start-ups, die komplexe Compliance- und Treasury-Architekturen für Großbanken bauen. München dominiert den Bereich DeepTech und Embedded Insurance im industriellen B2B-Kontext, was auf die herausragende Stellung des Center for Digital Technology and Management (CDTM) und die enge Verzahnung mit der ansässigen Versicherungs- und Automobilindustrie zurückzuführen ist. Hamburg schließlich hat sich als europäischer Hotspot für Trade Finance und in Logistikketten eingebettete Finanzierungen etabliert, gestützt durch die traditionelle Stärke der Hansestadt im globalen Handel.

Investor*innen-Radar

Das Ökosystem der Geldgeber*innen hat sich im Jahr 2026 stark differenziert und professionalisiert. An der Spitze der spezialisierten VCs agieren Fonds wie FinTech Collective und Motive Ventures (hervorgegangen aus der Übernahme des Berliner VCs embedded/capital), die mit tiefem technologischen Verständnis gezielt in Infrastruktur-Layer investieren. Unter den Top-Tier Generalisten ragen Cherry Ventures, Earlybird und Point Nine heraus, die insbesondere Series-A-Runden bei überzeugenden B2B-SaaS-Modellen anführen.

Ein starker Motor sind zudem Corporate VCs und bankennahe Fonds geworden: CommerzVentures, als unabhängiger Player, treibt Themen wie Climate-Fintech massiv voran, während CVCs der Realwirtschaft wie Allianz X und Porsche Ventures strategisch in Start-ups investieren, die sich nahtlos in ihre eigenen vertikalen Ökosysteme einklinken lassen. In der kritischen Frühphase wird der Markt von einer hochgradig vernetzten Gruppe aus Business Angels angetrieben, die nicht nur erstes Kapital, sondern vor allem regulatorisches Know-how und entscheidende Bankennetzwerke einbringen

Die Top Start-ups (Must-Watch)

Für die nachfolgende Liste der Must-Watch-Unternehmen haben wir strikte Kriterien angelegt. Die Auswahl basiert auf nachgewiesener Marktrelevanz durch echte Kund*innenimplementierungen, einem hohen technologischen Reifegrad und einem diversifizierten Ansatz bei der Lösung komplexer Finanzinfrastrukturprobleme. Zudem war ein nachhaltiges Investoren-Vertrauen in den letzten zwölf Monaten ein Schlüsselfaktor. Wir beleuchten hierbei ausschließlich Start-ups mit Hauptsitz in Deutschland, deren Gründung im Jahr 2020 oder später erfolgte, um die wahre nächste Generation der Branche abzubilden.

Banxware

Das 2020 von Miriam Wohlfarth und Jens Röhrborn gegründete Banxware hat sich als Marktführer für Embedded Lending in Deutschland etabliert. Banxware bietet eine White-Label-Lösung, mit der Marktplätze und Zahlungsdienstleister*innen ihren Händler*innen Sofortkredite basierend auf historischen Umsatzdaten anbieten können. Der USP liegt in der extrem schnellen Risikoprüfung und der nahtlosen API-Integration in bestehende Plattformen. Das enorme Vertrauen der Finanzbranche in dieses Modell spiegelt sich massiv auf Investor*innenseite wider: Neben frühen Leadern wie Element Ventures (heute 13books Capital) ist insbesondere der Einstieg der Großbank UniCredit ein Ritterschlag. Die Bank führte nicht nur die Series-A-Runde an, sondern legte Mitte 2025 mit einem weiteren strategischen Millionen-Investment nach, um die europäische Expansion von Banxware gemeinsam voranzutreiben.

Pliant

Im Jahr 2020 von Malte Rau und Fabian Terner aus der Taufe gehoben, definiert Pliant den Markt für B2B-Kreditkarten und Ausgabenmanagement neu. Das B2B-SaaS-Modell kombiniert eine moderne Karteninfrastruktur mit einer tiefen API-basierten Integration in Buchhaltungs- und ERP-Systeme. Der technologische Vorsprung liegt im eigenen Card-as-a-Service-Angebot (CaaS), das anderen B2B-Plattformen den Launch eigener Kreditkartenprogramme ermöglicht. Ein entscheidender Meilenstein war hierfür der Erhalt der eigenen E-Geld-Lizenz der BaFin, die Pliant die nötige regulatorische Unabhängigkeit verleiht. Unterstützt wird Pliant von namhaften Investoren wie SBI Investment, Alstin Capital – und einem Investment des globalen Schwergewichts PayPal Ventures, das das enorme Skalierungspotenzial der Plattform bestätigt.

Mondu

Die Serial Entrepreneurs Malte Huffmann, Philipp Povel und Gil Danziger gründeten Mondu 2021 und revolutionieren damit den B2B-Zahlungsverkehr. Ihr B2B-BNPL-Modell ermöglicht es Geschäftskund*innen, online wie B2C-Kund*innen auf Rechnung oder in Raten zu kaufen, während der Händler sofort sein Geld erhält. Die Kerntechnologie ist ein proprietäres Echtzeit-Risk-Scoring für Firmenkund*innen. Finanziert wurde diese Vision anfangs von Top-Tier-Fonds wie Valar Ventures und Cherry Ventures. Der ultimative Ritterschlag erfolgte jedoch Ende 2025: Neben dem Erhalt der E-Geld-Lizenz sicherte sich Mondu eine 100-Millionen-Euro-Fazilität von J.P. Morgan Payments inklusive einer strategischen Partnerschaft, um die Buy-Now-Pay-Later-Lösung dem europäischen Kund*innen stamm der US-Großbank anzubieten.

Payrails

Gegründet 2021 von Orkhan Abdullayev, Emre Talay und Nicolas Thouzeau, löst Payrails die Herausforderung der Payment Orchestration. Das FinOps-Start-up baut ein intelligentes Betriebssystem für Zahlungen, das Transaktionen für Enterprise-Kund*innen dynamisch über verschiedene Provider routet, um Kosten zu senken und Autorisierungsraten zu maximieren. Die technologische Brillanz dieser Architektur lockte früh Schwergewichte wie Andreessen Horowitz und EQT Ventures an. Im Sommer 2025 zündete Payrails die nächste Stufe: HV Capital führte eine massive Series-A-Runde über 32 Millionen US-Dollar an, bei der auch alle Top-Tier-Altinvestoren erneut mitzogen, um die globale Expansion der Plattform endgültig zu sichern.

Finmid

Die beiden N26-Alumni Max Schertel und Alexander Talkanitsa starteten Finmid 2021 mit der Mission, jede B2B-Plattform zu einer Finanzierungsquelle zu machen. Ihr Geschäftsmodell fokussiert sich auf Embedded B2B Lending, das speziell auf die Anforderungen von Marktplätzen (wie etwa dem Partner Wolt) zugeschnitten ist – ohne dass diese Plattformen eigenes Kapital bereitstellen oder Risiken tragen müssen. Ihr USP ist die radikale Simplifizierung der B2B-Kreditvergabe durch smarte Echtzeit-Datenverknüpfungen. Angetrieben von einer wuchtigen 23-Millionen-Euro-Series-A-Runde, angeführt vom britischen Fonds Blossom Capital und dem Seed-Lead Earlybird, treibt das Start-up seine aggressive europäische Expansion unaufhaltsam voran.

Topi (Exit)

Charlotte Pallua und Estelle Merle brachten Topi 2021 an den Start, um das Hardware-as-a-Service-Modell in den B2B-Bereich zu integrieren. Über die Plattform können B2B-Kund*innen IT-Equipment flexibel mieten, wobei Topi den gesamten Prozess vom Checkout über das Refinancing bis zum Asset-Management abwickelt. Nachdem Topi mit Händler*innen wie Cyberport massiv skalierte und von Top-VCs wie Index Ventures und Creandum finanziert wurde, erfolgte im Sommer 2025 der strategische Exit: Das FinTech wurde von dem internationalen Leasing-Giganten PEAC Solutions (einem BlackRock-Portfoliounternehmen) übernommen, um das innovative B2B-Mietmodell global in dessen gewaltige Finanzierungsinfrastruktur einzugliedern.

Hakuna

Im Bereich Embedded Insurance schlägt das 2021 von Sebastian Jost, Rupert Mayer und Orhan Köroglu gegründete Hakuna neue Wege ein. Das Start-up bietet Händler*innen eine Plattform für Garantieverlängerungen und Produktschutzversicherungen, nahtlos integriert in den Online- und Offline-Checkout. Der USP ist ein völlig neu gedachtes, digitales Schadensmanagement, das die Abwicklung für Endkund*innen radikal vereinfacht. Finanziert von Top-VCs wie Earlybird und Visionaries Club, hat Hakuna mittlerweile den Sprung ins absolute Enterprise-Segment geschafft: Im Jahr 2025 integrierten Branchenriesen wie Vorwerk, STIHL und Mister Spex die Embedded-Technologie des Start-ups, um ihre eigenen, maßgeschneiderten Produktschutzprogramme europaweit zu skalieren.

Pile (Exit)

Jessica Holzbach startete Pile 2022 und pivotierte das Modell nach dem Krypto-Winter erfolgreich zu einem hochspezialisierten Treasury-Angebot für Start-ups. Die B2B-SaaS-Technologie bündelte Konten und automatisierte die Diversifikation von Einlagen zur Risikominimierung. Das Modell erregte schnell Aufmerksamkeit und führte bereits im Sommer 2024 zu einem frühen Exit: Die 2019 gegründete Berliner Neobank Vivid Money übernahm das Start-up, um das eigene Business-Banking-Angebot mit Piles Treasury-Technologie aufzurüsten – ein Paradebeispiel für die rasante Konsolidierung im FinTech-Infrastrukturmarkt.

Internationaler Ausblick & Fazit

Blickt man über die Grenzen Europas hinaus, formen sich 2026 drei gewaltige Makro-Trends, die den deutschen Markt unausweichlich verändern werden. Aus Asien schwappt die Architektur für grenzüberschreitende Echtzeit-Settlements basierend auf regulierten Stablecoins und digitalen Zentralbankwährungen heran, was das traditionelle Korrespondenzbankensystem massiv unter Druck setzt. Die USA hingegen dominieren die Entwicklung der KI-gesteuerten autonomen Finanzen, bei der das Corporate Treasury von Algorithmen gesteuert wird, die ohne menschliches Zutun Liquidität verschieben. Aus Indien lernen wir, wie Identity-as-a-Service untrennbar mit dem Zahlungsverkehr verschmilzt und Betrug nahezu ausmerzt.

Für Gründer*innen und Investor*innen im DACH-Raum bedeutet dies: Der Fokus muss radikal auf Profitabilität, wasserdichter Compliance und extrem stabiler Infrastruktur liegen. Wer heute in Embedded Finance gewinnt, baut keine bunten Apps mehr, sondern die hochkomplexen, unsichtbaren Stahlträger der digitalen Weltwirtschaft.

Wie das TechBio-Start-up mbiomics mit 30 Mio. Euro die Krebstherapie skalierbar machen will

Stuhltransplantationen haben gezeigt, dass das Darmmikrobiom ein mächtiger Hebel gegen Krebs sein kann – doch der Ansatz ist bisher kaum standardisierbar. Das Münchner Unternehmen mbiomics setzt auf künstliche Intelligenz und maßgeschneiderte Bakterien-Cocktails aus dem Labor. Mit dem Abschluss einer 30-Millionen-Euro-Serie-A-Runde rückt die klinische Phase näher. Ein genauer Blick auf das Geschäftsmodell, die Gründer*innen und einen hart umkämpften globalen Markt.

Wer heute von modernster Krebstherapie spricht, kommt am menschlichen Darm nicht mehr vorbei. Die wissenschaftliche Datenlage der letzten Jahre hat sich massiv verdichtet: Ob ein Patient auf revolutionäre Krebs-Immuntherapien (wie Immun-Checkpoint-Inhibitoren) anspricht, hängt maßgeblich von der individuellen Zusammensetzung seines Mikrobioms ab. Das Münchner TechBio-Unternehmen mbiomics hat sich genau dieses Zusammenspiel zur Mission gemacht und gab heute den dritten Abschluss seiner Serie-A-Finanzierungsrunde bekannt. Mit neu eingeworbenen 12 Millionen Euro wächst das Gesamtvolumen der Runde auf beachtliche 30 Millionen Euro.

Das Kapital, das unter anderem von erfahrenen Investoren wie den MIG Fonds und Bayern Kapital stammt, markiert für das 2020 gegründete Unternehmen einen entscheidenden Wendepunkt: den Übergang von der reinen Technologieplattform hin zur klinischen Anwendung am Menschen. Der führende Wirkstoffkandidat „MBX-116“ soll 2027 in einer Phase-1B-Studie an Patienten mit fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs (Melanom) getestet werden. Doch wie belastbar ist dieser Ansatz im Vergleich zum Wettbewerb?

Die Köpfe hinter der Vision

Aus der Taufe gehoben wurde mbiomics im Jahr 2020 von Dr. Laura Figulla, Dr. Johannes B. Wöhrstein und Dr. Markus Rinecker. Während die Mitgründer Figulla und Rinecker das Unternehmen in der frühen Phase prägten, wird die nun anstehende Skalierung und klinische Validierung von einem spezialisierten Leadership-Trio gesteuert:

  • Dr. Johannes B. Wöhrstein (CEO & Mitgründer): Als technologischer Kopf und Geschäftsführer verantwortet er die firmeneigene Plattform. Seine Expertise in hochauflösender Analytik ist das Fundament, um komplexe mikrobielle Netzwerke mithilfe von maschinellem Lernen (KI/ML) überhaupt erst zu kartieren.
  • Kristin Torre Vinuesa (CFO): Als Chief Financial Officer verantwortet sie die finanziellen Geschicke des Unternehmens. Ihre Rolle ist entscheidend, um die neu eingeworbenen 30 Millionen Euro strategisch einzusetzen, den naturgemäß hohen Kapitalbedarf der anstehenden klinischen Studien („Cash Burn“) effizient zu steuern und das finanzielle Fundament für zukünftige Runden zu sichern.

  • Dr. Christopher Weidenmaier (CSO): Der erfahrene Mikrobiologe (zuvor unter anderem beim US-Konkurrenten Finch Therapeutics) komplettiert das heutige Führungstrio. Als Chief Scientific Officer leitet er die präklinische Forschung und treibt das rationale Design der komplexen Bakterien-Konsortien maßgeblich voran.

Das Problem: Die Unberechenbarkeit der Natur

Um das Geschäftsmodell zu verstehen, muss man den Status quo betrachten. In der Onkologie wird aktuell intensiv mit Stuhltransplantationen (Fecal Microbiota Transplants, FMT) experimentiert. Dabei wird das Mikrobiom von Patient*innen, die hervorragend auf Krebsmedikamente ansprechen, auf „Non-Responder“ übertragen. Die Erfolge sind bemerkenswert, doch das Verfahren hat einen massiven Haken: Stuhl ist ein hochvariables Naturprodukt. Er ist schwer zu standardisieren, birgt Infektionsrisiken und lässt sich nicht als skalierbares Pharma-Produkt im industriellen Maßstab herstellen.

Hier setzt mbiomics mit sogenannten Live Biotherapeutic Products (LBPs) an. Statt auf ungefilterte Spender*innen-Transplantate zu setzen, identifiziert das Team mittels KI genau jene Bakterienstämme, die für den therapeutischen Effekt verantwortlich sind. Diese werden dann im Labor nach pharmazeutischen GMP-Standards gezüchtet und als orale Kapsel verabreicht. Es ist der Versuch, die „Blackbox“ Darm in ein berechenbares, patentierbares Medikament zu verwandeln.

Wo liegen die Risiken?

Für Beobachter*innen der Start-up-Szene bleibt das Vorhaben trotz der Millionen-Finanzierung eine Hochrisiko-Wette. Ein TechBio-Start-up in diesem Stadium hat einen enormen „Cash Burn“. Die 30 Millionen Euro sind ein starkes Fundament, doch die klinische Entwicklung in der Onkologie ist ein Langstreckenlauf, der oft dreistellige Millionenbeträge verschlingt.

Zudem ist das Geschäftsmodell hochgradig binär: Die für 2027 geplante Studie muss erst beweisen, dass die im Labor designten Bakterien-Konsortien im komplexen menschlichen Ökosystem tatsächlich die erhoffte Wirkung zeigen. Ein Scheitern des Leitkandidaten MBX-116 könnte das gesamte Vertrauen in die Plattform erschüttern. Zudem ist die Herstellung lebender Bakterien in absolut reproduzierbarer Qualität eine enorme logistische und biotechnologische Herausforderung, an der bereits andere Pioniere der Branche hängen geblieben sind.

Der Markt: Ein globales Rennen

Mbiomics ist nicht allein auf diesem Feld. Das Unternehmen muss sich gegen hochkapitalisierte internationale Konkurrent*innen behaupten:

  • MaaT Pharma (Frankreich): Die Franzosen sind klinisch bereits weiter fortgeschritten und setzen auf „Full-Ecosystem“-Produkte aus gepoolten Spenderproben. Mbiomics muss beweisen, dass ihr synthetischer Präzisions-Ansatz dem natürlichen Mix überlegen ist.
  • Vedanta Biosciences (USA): Ein US-Schwergewicht, das ebenfalls definierte Bakterienkonsortien entwickelt und bereits über ein breites Netzwerk an Kooperationen mit der Big-Pharma-Industrie verfügt.

Unsere Einordnung

Für das deutsche Ökosystem ist der Erfolg von mbiomics ein Leuchtturm-Signal. Dass Investoren wie MIG – die bereits bei BioNTech ein frühes Gespür bewiesen – hier massiv nachlegen, unterstreicht die Qualität des Standorts München.

Mbiomics wählt den schwierigen, aber potenziell nachhaltigeren Weg. Statt auf die bloße Kopie der Natur zu setzen, versucht das Team, das Mikrobiom durch Daten beherrschbar zu machen. Gelingt der klinische Wirksamkeitsnachweis ab 2027, könnte das Start-up nicht nur die Onkologie verändern, sondern auch Blaupausen für die Behandlung von Autoimmun- und neurodegenerativen Erkrankungen liefern. Der Weg bis dahin bleibt jedoch teuer und wissenschaftlich riskant.

Boschs 200-Mio.-Euro-Wette: Kann der Industrieriese wirklich Start-up?

Bosch pumpt frische Millionen in seinen hauseigenen Venture Builder. Während andere Konzerne ihre Inkubatoren dichtmachen, will der Stuttgarter Hardware-Gigant externe Gründer*innen anlocken und tiefe Tech-Innovationen ausgründen. Ein vielversprechendes Modell für DeepTech-Start-ups – oder eine strategische Sackgasse?

Bosch Business Innovations, der Corporate Venture Builder der Bosch Gruppe, investiert in den kommenden fünf Jahren rund 200 Millionen Euro in den Aufbau neuer DeepTech-Ventures. Das ehrgeizige Ziel: Bis 2030 sollen 20 neue Start-ups außerhalb des Bosch-Kerngeschäfts aufgebaut und zur Marktreife geführt werden. Doch die Ankündigung fällt in eine Zeit, in der das Modell Corporate Venture Building (CVB) in Europa in einer tiefen Krise steckt. Konzern-Inkubatoren von SAP, Allianz oder ProSiebenSat.1 haben in der Vergangenheit längst die Segel gestrichen. Warum glaubt Bosch, die Ausnahme von der Regel zu sein?

DeepTech trifft auf Konzern-Ressourcen

Im Gegensatz zur reinen Investment-Tochter Bosch Ventures (Robert Bosch Venture Capital), die als klassischer Geldgeberin agiert, will Bosch Business Innovations Unternehmen von Grund auf selbst bauen. Zum Start konzentriert sich die Einheit auf drei hochkomplexe Bereiche: medizinische Fernüberwachung, softwaregesteuerte Fertigung und Carbon Capture.

Der Pitch an die Szene klingt verlockend: Bosch verschafft Gründungsteams einen kuratierten Zugang zu Patenten, Forschung, Testlaboren, Ingenieurwissen und globalen Lieferketten. Im Bereich Carbon Capture will man beispielsweise direkt auf bestehende Patente und technologische Vorarbeiten des Konzerns aufsetzen. Externe Gründerinnen und Gründer sollen dabei frühzeitig Verantwortung übernehmen und die Unternehmen von Anfang an aufbauen. Axel Deniz, Geschäftsführer von Bosch Business Innovations, formuliert es so: Man wolle die Technologie und die industrielle Stärke von Bosch mit der Geschwindigkeit und dem unternehmerischen Denken der Start-up-Welt verbinden.

Gegen den „CVB-Winter“

Dass Bosch genau jetzt diese Summen lockermacht, ist ein starkes Signal gegen den aktuellen „CVB-Winter“. Viele Konzern-Inkubatoren scheitern traditionell an der mangelnden Geduld des Mutterkonzerns, quälend langsamen Freigabeprozessen oder einer zu engen inhaltlichen Fesselung an das Bestandsgeschäft.

Bosch versucht, diese strukturellen Fehler zu umgehen, indem der Fokus explizit auf neuen Märkten jenseits des Kerngeschäfts liegt. Zudem öffnet sich die Einheit gezielt für die Außenwelt: Die Zusammenarbeit mit externen Venture Studios und Investor*innen soll den Zugang zu Ökosystemen verbessern und vor allem zusätzliches Kapital mobilisieren. Die Ventures sollen bis zur Investment Readiness begleitet werden und setzen dabei auf Co-Investments. Dass dieser Spin-off-Ansatz Früchte tragen kann, zeigte unlängst der erfolgreiche Exit des Corporate-Start-ups Bosch Advanced Ceramics, das aus dem Bosch-Inkubator hervorging und zum Jahreswechsel 2025/2026 an den japanischen Anlagenbauer Sintokogio verkauft wurde.

Wo liegt der Haken für Gründer*innen?

Trotz dieser Erfolge hat das Modell Tücken, die man kritisch prüfen muss. Die zentrale Frage für externe Gründer*innen lautet: Wie unabhängig kann ein Start-up wirklich agieren, wenn der entscheidende IP-Zugang (Patente, Technologie) vom Mutterkonzern kontrolliert wird?

  • Geschwindigkeit vs. Konzernstruktur: Start-ups brauchen Agilität und Pivot-Bereitschaft. Konzerne hingegen neigen dazu, sich durch Vetorechte oder strategische Kontrollmechanismen abzusichern. Es besteht immer die Gefahr, dass der Corporate-Partner eher als Bremse denn als Beschleuniger wirkt.
  • Die Cap-Table-Falle: Wenn Bosch das Initialkapital stellt, die Patente einbringt und die Infrastruktur liefert, bleibt für externe Gründungsteams oft nur ein Bruchteil der Anteile. Eine „schiefe“ Cap Table (Kapitalverteilung) kann jedoch spätere VC-Runden massiv erschweren, da externe Investor*innen motivierte Gründer*innen mit signifikanten Anteilen sehen wollen.
  • IP-Rechte: Wem gehört die Technologie, wenn das Start-up scheitert oder sich vom Konzern lösen will? Ohne saubere und gründungsfreundliche IP-Transfer-Bedingungen wird jedes Venture zum Gefangenen seines Inkubators.

Unser Fazit: Ein Deal für Heavy-Tech, nicht für Software-Shootingstars

Für Gründer*innen im B2C- oder reinen Software-SaaS-Bereich ist das Angebot von Bosch Business Innovations uninteressant; hier genügen klassische VCs und die eigene Agilität. Wer jedoch im DeepTech-Sektor gründen will – sei es in der industriellen Dekarbonisierung oder der Medizintechnik –, steht oft vor einem enormen Hardware- und Kapital-Bottleneck. Die Entwicklungskosten sind hier astronomisch hoch.

In genau diesen „Hard Tech2-Feldern kann das Angebot von Bosch ein echter Katalysator sein. Der Zugang zu einer der weltweit größten Patentbibliotheken und industrieller Skalierung senkt das Technologierisiko enorm.

Das 200-Millionen-Euro-Commitment ist ein wichtiges Bekenntnis zum DeepTech-Standort Deutschland. Wer als Gründungsteam einsteigt, sollte sich jedoch nicht von den großen Ressourcen blenden lassen, sondern vorab knallhart über Anteile, operative Eigenständigkeit und IP-Rechte verhandeln. Nur wenn Bosch den Gründer*innen echte Beinfreiheit lässt, entstehen hier bis 2030 tatsächlich 20 flugfähige Start-ups – und nicht nur teure, konzerninterne Forschungsprojekte.

Vom Notfallknopf zum KI-Begleiter: Patronus sammelt 11 Mio. Euro ein

Das 2020 von Ben Staudt und Tim Wagner gegründete Berliner Start-up Patronus sichert sich eine weitere Mio.-Finanzierungsspritze für seinen digitalen (Notruf-)Assistenten im Smartwatch-Format. Doch im stark umkämpften Senior*innen-Tech-Markt reicht ein schickes Design allein nicht mehr aus. Ein Blick hinter die Kulissen von Geschäftsmodell, Historie und wachsendem Wettbewerb.

Die Idee zu Patronus entstand aus einem klassischen Alltagsproblem, das viele Familien kennen: Gründer Ben Staudt erlebte bei seiner eigenen Großmutter, dass der traditionelle, klobige Hausnotrufknopf statt um den Hals zu hängen, lediglich als „Nachttischdekoration“ fungierte. Gemeinsam mit Mitgründer Tim Wagner rief er daraufhin im Jahr 2020 das Unternehmen in Berlin ins Leben. Vor der Veröffentlichung ihres ersten Produkts im Jahr 2021 führte das Team nach eigenen Angaben über tausend Gespräche mit potenziellen Nutzer*innen. Die zentrale Erkenntnis: Die Ablehnung herkömmlicher Notrufsysteme ist weniger technischer Natur, sondern vielmehr ein Problem der Würde und Stigmatisierung.

Mittlerweile ist das Team auf 70 Mitarbeitende angewachsen. Nachdem das Start-up in der Vergangenheit bereits eine beachtliche 27-Millionen-Euro-Runde abschließen konnte, fließen nun weitere 11 Millionen Euro Wachstumskapital in das Unternehmen. Bei dieser Runde wird das Konsortium von 3TS Capital Partners angeführt. Begleitet wird die Finanzierung von Grazia Equity sowie Bestandsinvestoren wie Singular, Burda Principal Investments, Adjacent, NAP und UVC Partners.

Das Produkt: Hohe Akzeptanz trifft auf KI-Visionen

Das Kernprodukt von Patronus ist eine Smartwatch, die sich optisch bewusst von klassischer Medizintechnik abhebt, verschiedene Farben bietet und wie eine herkömmliche Armbanduhr wirkt. Ausgestattet mit einer integrierten SIM-Karte stellt sie im Notfall auf Knopfdruck eine sofortige Verbindung zu einer hauseigenen, mit Fachpersonal besetzten 24/7-Notrufzentrale her.

Der nutzer*innenzentrierte Ansatz zeigt laut Unternehmenszahlen deutliche Wirkung:

  • Während klassische Hausnotrufgeräte laut Studien nur von 14 Prozent der Nutzer*innen durchgehend getragen werden.
  • Liegt die tägliche Tragequote der Patronus-Uhr bei 85 Prozent.
  • Mittlerweile verzeichnet das Start-up 25.000 aktive Kund*innen.
  • Die hauseigene Zentrale hat für diese Nutzer*innen bereits mehr als eine halbe Million Notrufe beantwortet.
  • Parallel dazu verbindet eine eigens entwickelte App 50.000 Angehörige mit den Senior*innen, um deren Status – wie den Standort oder ob die Uhr getragen wird – im Blick zu behalten.

Das frische Kapital fließt nun in den weiteren Ausbau der Marktführerschaft im mobilen Notrufsegment sowie in einen neuen Produktbereich: einen KI-Begleiter. Dieser soll als digitaler Assistent direkt am Handgelenk über die Patronus Uhr verfügbar sein. Da 12 Prozent der über 75-Jährigen in Deutschland an einem durchschnittlichen Tag kein einziges persönliches Gespräch führen, soll der Assistent dem Gefühl der Einsamkeit in stillen Stunden entgegenwirken.

Geschäftsmodell, Markt & Wettbewerb

So glänzend die Zahlen der Pressemitteilung wirken, verlangt das Geschäftsmodell im dynamischen AgeTech-Sektor eine differenzierte Betrachtung:

Der demografische Rückenwind: Der Bedarf an digitalen Lösungen für ältere Menschen wächst rasant. In Deutschland leben heute 9,6 Millionen Menschen im Alter von über 75 Jahren, in ganz Europa sind es 47,4 Millionen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der pflegenden Angehörigen ab. Ein immer größerer Anteil will allein leben. Laut Destatis leben in Deutschland bereits 43 Prozent der Menschen über 75 Jahre allein.

Abo-Modell und Kassen-Abhängigkeit: Patronus refinanziert sich maßgeblich über ein Abo-Modell. Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist dabei der deutsche Gesundheitsmarkt: Bei Vorliegen eines Pflegegrads kann die Pflegekasse die monatlichen Nutzungsgebühren (die Software, SIM-Karte und Leitstelle abdecken) stark bezuschussen. Ohne diese staatlichen Subventionen hätten viele Senioren Schwierigkeiten, die fortlaufenden Service-Kosten zu tragen. Diese Abhängigkeit von gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen bleibt ein strukturelles Risiko.

Der harte Hardware-Wettbewerb: Patronus positioniert sich als digitaler Marktführer im mobilen Notrufsegment in Deutschland. Doch die Konkurrenz holt auf. Dedizierte Senior*innen-Smartwatches anderer Anbieter*innen bieten ebenfalls moderne Designs, SIM-Karten, Notruf-Sprachverbindungen und teils automatische Sturzerkennungen an. Zudem dringen Tech-Giganten tief in den Markt ein: Apple Watches verfügen längst über präzise Sturzerkennungen und EKG-Funktionen und werden zunehmend von technikaffinen "Best Agern" adaptiert. Der langfristige Burggraben von Patronus muss daher zwingend in der nahtlosen, stark vereinfachten Software-Integration und der menschlichen Notrufzentrale liegen – die Hardware allein ist auf Dauer austauschbar.

Das ethische Dilemma der KI: Einsamkeit unter älteren Menschen ist ein anerkanntes Gesundheitsrisiko, das die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflussen, das Demenzrisiko erhöhen und die Lebenserwartung verkürzen kann. Die Lösung von Patronus, diesem Problem mit einem KI-Begleiter zu begegnen, ist innovativ, aber ethisch sensibel. Altersforscher warnen davor, dass "künstliche" Gespräche den Drang nach echten sozialen Interaktionen mindern könnten. Dass Patronus selbst betont, der KI-Begleiter solle menschliche Nähe nicht ersetzen, sondern nur eine Antwort für Stunden bieten, in denen niemand da ist, ist ein wichtiger Disclaimer. Dennoch muss das Unternehmen in der Praxis beweisen, dass die KI im sensiblen Pflegeumfeld echte Empathie simulieren kann, ohne die Nutzer*innen zu verwirren.

Unser Fazit

Patronus zeigt, wie man durch konsequentes User-Centric-Design einen verstaubten Markt aufbricht und stigmatisierte Produkte salonfähig macht. Die neuen 11 Millionen Euro geben dem Start-up den nötigen Spielraum für technologische Innovationen. Um die hohe Bewertung nachhaltig zu rechtfertigen, muss Patronus künftig jedoch beweisen, dass der Vorstoß in die künstliche Intelligenz ethisch sauber umgesetzt wird und man dem zunehmenden Hardware-Preisdruck der Wettbewerber*innen standhalten kann.

Gründer*in der Woche: Vjus.AI – Vom SEO zum GEO

Wie das 2026 von Wolfe Diener gegründete Start-up Vjus.AI den Kampf um die KI-Sichtbarkeit gewinnen will.

Die Ära der klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO) bekommt ernstzunehmende Konkurrenz. Wenn Nutzer*innen heute nach Produkten oder Dienstleistungen suchen, tippen sie ihre Fragen zunehmend in Dialogfenster von Sprachmodellen statt in traditionelle Suchschlitze. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das neu gestartete Münchner Start-up Vjus.AI. Doch kann eine Software wirklich die „Black Box“ der generativen KI entschlüsseln – und wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell?

Hinter der am 1. April 2026 offiziell gelaunchten Plattform steht die AtWize Business Services GmbH mit Sitz in München. Kopf des Unternehmens ist Gründer Wolfe W. Diener, der zuvor bereits in leitenden Positionen als Geschäftsführer und im Vorstand großer Softwarehäuser aktiv war. Mit dem Start von Vjus.AI vollzieht das Unternehmen nun eine strategische Erweiterung in den stark wachsenden Bereich der Answer Engine Optimization (AEO) und Generative Engine Optimization (GEO).

Vom Humankapital zur KI-Sichtbarkeit

Die Historie des Unternehmens ist dabei von einem interessanten Strategiewechsel geprägt. Ursprünglich startete AtWize 2023 mit einem Fokus auf KI-Lösungen gegen den Fachkräftemangel. Diener erklärt die Hintergründe: „Parallel hatte ich schon eine Weile an der Idee arbeitete, Unternehmen zu ermöglichen, ihre in den Ruhestand ausscheidenden Mitarbeiter strukturierter zu managen, um sie bei Bedarf für Projekte oder übergangsweise anzusprechen. Es liegt so viel Humankapital und Erfahrung brach.“ In der aktuellen wirtschaftlichen Phase sei dies jedoch kein Top-Thema gewesen, weshalb man sich zunächst auf die Software-Entwicklung für Dritte konzentriert habe.

Der eigentliche „Aha-Moment“ kam durch die tägliche Arbeit. „Im letzten Jahr haben wir dann immer mehr auch KI-Tools zur Entwicklung eingesetzt und dabei den Bedarf, sogar die Notwendigkeit erkannt, die Sichtbarkeit in KI-Modellen zu messen und zu verbessern“, so Diener. Die Dringlichkeit begründet er mit dem veränderten Nutzer*innenverhalten: „KI-Modelle geben begründete Empfehlungen zur gestellten Frage. Da sucht man nicht weiter, sondern nimmt das Ergebnis wie es ist. Wer da nicht enthalten ist, ist unsichtbar.“

Nutzer*innensimulation: Die reale Perspektive

Vjus.AI setzt auf die Simulation realer Suchanfragen. Während klassische SEO-Tools oft auf APIs zugreifen, misst diese Plattform, wie Marken in Antworten von ChatGPT, Gemini, Grok oder Perplexity tatsächlich erscheinen. Auf die Frage nach der technischen Umsetzung und der Nicht-Deterministik der KI-Modelle antwortet Diener detailliert: „Wenn Sie Ihre Sichtbarkeit bei KI-Suchen wissen wollen, dann sollte diese ja so gemessen werden, wie sie ein normaler Nutzer, der einem KI-Modell eine Frage stellt, einen Prompt eingibt, auch sieht.“ Man müsse also zunächst Prompts definieren, bei denen man gefunden werden wolle – etwa als Münchner Zahnarzt bei der Frage nach dem besten Zahnarzt vor Ort.

„Wir analysieren die Ergebnisse, die von den KI-Modelle auf die Prompts hin geliefert werden“, erklärt Diener weiter. Dabei werden Kennzahlen wie Sichtbarkeit, Ranking und Sentiments (neutrale, positive oder negative Notation) erhoben. Den Vorwurf einer verzerrenden technischen Schicht weist er zurück: „Wir sind insofern keine Zwischenschicht, sondern werten die Daten aus, die viele User auch sehen würden. Die Nicht-Deterministik führt dabei zwar zu kleinen Schwankungen, aber es entsteht insgesamt ja ein Bild über die Zeit.“

Marktchancen und der „Unfair Advantage“

Das Interesse am Markt scheint groß zu sein; bereits vor dem offiziellen Launch konnten erste Kund*innen gewonnen werden. Finanziell steht das Start-up auf eigenen Beinen: „Wir finanzieren uns komplett aus eigenen Mitteln. Und da wir schon Kunden im Entwicklungsbereich haben, konnten wir Vjus.AI früh anwenden und testen“, betont der Gründer. Mit Investor*innen habe man noch nicht gesprochen: „Jetzt erst mal machen, dann reden wir.“

Um sich gegen die großen SEO-Platzhirsche zu behaupten, setzt Diener auf vier spezifische technische Vorteile. Erstens setze man auf eine natürliche Simulation: „Unsere Art des Promptens simuliert wirklich natürliche User. Andere machen das nicht.“ Zweitens komme eine eigene Scraping-Technologie zum Einsatz. Diese erlaube eine besonders detaillierte Analyse der Ergebnisse, auch der „Nebengeräusche“ wie etwa Quellenangaben. Als dritten Punkt nennt der Gründer das analytische Prompting: Vjus.AI unterstützt nicht nur beim Erstellen von Prompts, sondern analysiert auch, wie passend diese für die Sichtbarkeitsmessung sind. Viertens biete das Improver-Modul ein Analyse-Tool, das über die Daten hinweg ermittelt, „was die Haupthebel für das Unternehmen oder die Marke ist, um die Sichtbarkeit bei KI-Suchen zu erhöhen“.

GEO als neues Standard-Tool?

Für die Zukunft sieht Diener eine klare Entwicklung. Zwar werde es in zwei Jahren wahrscheinlich immer noch die klassische Google-Suche geben, doch der Übergang sei bereits fließend, da Google zunehmend KI-Ergebnisse mitliefere. „Die Suche mit KI-Modellen wird aber die gewohnte Praxis werden“, ist sich Diener sicher.

Seine Prognose für die Branche ist deutlich: „Insofern wird SEO eher übergehen in ein GEO. Ein SEO ohne Beachtung der Optimierungen für KI-Modelle macht aus meiner Sicht aber heute schon keinen Sinn mehr.“ Das Ziel für Vjus.AI ist dabei klar gesteckt. Die größte Hürde sei es, für die Nutzer*innen den besten Mehrwert zu generieren: „Darauf liegt unser Fokus und deshalb rennen wir, so schnell wir können.“

Energie-Betriebssystem fürs Mehrfamilienhaus: Berliner Start-up VREY sichert sich 3,3 Millionen Euro Seed-Kapital

Das Climate-Tech-Start-up VREY sammelt eine Millionenfinanzierung ein, um sich als zentrales „EnergyOS“ für Vermieter*innen zu etablieren. Doch der Markt ist umkämpft und hält operative Tücken bereit.

VREY (rechtlich firmierend unter RE Joule GmbH ) hat den Abschluss einer Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 3,3 Millionen Euro bekannt gegeben. Angeführt wird die Runde von Rubio Impact Ventures. Als weitere Investor*innen steigen der High-Tech Gründerfonds (HTGF) sowie der Impact-Investor Kopa Ventures ein. Das frische Kapital soll in die Skalierung des aktuell rund 20-köpfigen Teams sowie in die Weiterentwicklung der eigenen Software-Plattform fließen.

Warum PV auf Mietshäusern bisher oft scheiterte

Solaranlagen auf Einfamilienhäusern sind längst ein Erfolgsmodell, doch auf Mehrfamilienhäusern galten sie lange als operativ komplex und wirtschaftlich wenig attraktiv. Der Hauptgrund: Vermieter*innen, die ihren Mieter*innen Strom vom eigenen Dach anbieten wollten, fielen beim klassischen Mieterstrom-Modell schnell in die Pflichten eines vollwertigen Energieversorgers. Sie mussten unter anderem eine Vollversorgung garantieren – also auch dann Reststrom einkaufen und liefern, wenn die Sonne nicht schien. Komplexe Abrechnungsprozesse und teure Messtechnik schreckten zusätzlich ab.

Mit der Einführung der „Gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung“ (GGV) entfällt ein Großteil dieser Hürden, insbesondere die Notwendigkeit für Eigentümer*innen, selbst als Energieversorger*innen aufzutreten.

VREY als „EnergyOS“

Genau auf diese regulatorische Neuerung setzt VREY. Das Start-up kombiniert eine automatisierte Abrechnungssoftware mit der Zulassung als zertifizierter Messstellenbetreiber. VREY positioniert sich damit als eine Art Betriebssystem („EnergyOS“) für die Messung, Abrechnung und Steuerung von Energieflüssen im Mehrfamilienhaus.

Die Wertschöpfung ist in der Theorie für alle Parteien lukrativ:

  • Vermieter*in: Eine typische 30-kWp-Anlage auf einem Zehn-Parteien-Haus kann laut VREY rund 5.500 Euro an zusätzlichen jährlichen Einnahmen generieren.
  • Mieter*in: Bewohner*innen können ihren Strom bis zu 20 Prozent günstiger beziehen, was laut Unternehmensangaben jährlichen Einsparungen von etwa 120 bis 250 Euro entspricht.

Hohes Tempo seit Gründung

Gegründet wurde VREY im Jahr 2024 von Julius Pahmeier und Cedric Jaeger. Das Tempo des Gründerduos ist beachtlich: Laut Unternehmensangaben hat VREY bereits eine dreistellige Anzahl von Projekten in allen 16 Bundesländern umgesetzt. Die Kundschaft reicht von privaten Vermietern bis hin zu großen Immobilienunternehmen und Wohnungsbaugenossenschaften.

Flaschenhälse und Konkurrenzkampf

Der adressierbare Markt für VREY ist mit über 20 Millionen potenziellen Wohneinheiten in Deutschland enorm. Doch das Start-up bewegt sich keinesfalls im luftleeren Raum.

Der Wettbewerb: Die Marktchancen der GGV haben auch andere Player erkannt. Etabliertere Lösungsanbieter wie Einhundert Energie, Metergrid, Pionierkraft oder das zu Enviria gehörende prosumergy adressieren den Markt für dezentrale Energieversorgung teils seit Jahren mit eigenen Hard- oder Softwarelösungen. VREY muss in der Praxis beweisen, dass die eigene Plattform-Architektur der Konkurrenz langfristig überlegen ist.

Operative Hürden: Obwohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen verbessert wurden, ist die Umsetzung oft steinig. Branchenverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) kritisieren, dass die Umsetzung der GGV in Deutschland derzeit vielerorts an strukturellen Blockaden der klassischen, grundzuständigen Messstellenbetreiber scheitert. Es kommt zu Verzögerungen beim zwingend notwendigen Einbau intelligenter Messsysteme (Smart Meter).

VREY umgeht diesen Flaschenhals clever, indem das Unternehmen selbst als zertifizierter Messstellenbetreiber agiert und sich so autark von lokalen Netzbetreiber*innen macht. Dennoch bleibt eine zweite operative Hürde bestehen: Die Installation der Anlagen. Hier verlässt sich VREY auf lokale, frei wählbare Installationsbetriebe. Das Wachstum des Start-ups korreliert somit unweigerlich mit den Kapazitäten und dem anhaltenden Fachkräftemangel im deutschen Handwerk.

Fazit

VREY zeigt, wie Start-ups durch neue regulatorische Rahmenbedingungen Märkte erschließen können, die vorher als unprofitabel galten. Die Kombination aus Software-Abrechnung und der Lizenz als eigener Messstellenbetreiber ist ein starker USP, um bürokratische Trägheit zu umschiffen. Mit der soliden Seed-Finanzierung im Rücken hat das Team nun den nötigen Spielraum, um im Kampf um die deutschen Mietshaus-Dächer eine entscheidende Rolle einzunehmen – sofern die Koordination mit dem Handwerk reibungslos skaliert.

M&A im CleanTech-Sektor: SpotmyEnergy übernimmt Zählerhelden

Das 2023 von Jochen Schwill gegründete Kölner Start-up SpotmyEnergy übernimmt den kompletten Messstellenbetrieb des Mitbewerbers Zählerhelden und sichert sich damit rund 3.000 Smart Meter. Der Schritt markiert nicht nur anorganisches Wachstum, sondern verdeutlicht die beginnende Konsolidierung im deutschen Smart-Meter-Markt. Ein genauerer Blick auf die Macher, das Geschäftsmodell und einen Markt, der notorisch hinterherhinkt.

Hinter SpotmyEnergy steht mit Jochen Schwill ein prominenter Kopf der deutschen Energie-Start-up-szene. Schwill, bekannt als Gründer des virtuellen Kraftwerks Next Kraftwerke, rief das CleanTech-Startup im Jahr 2023 in Köln ins Leben. SpotmyEnergy agiert als unabhängiger, wettbewerblicher Messstellenbetreiber. Das Ziel des Unternehmens ist es, den in Deutschland stockenden Ausbau von intelligenten Messsystemen entscheidend zu beschleunigen.

Das Zuhause als virtuelles Kraftwerk

Das reine Aufhängen von Stromzählern ist in einem stark regulierten Markt kaum profitabel. SpotmyEnergy umgeht diese Falle durch einen ganzheitlichen Plattform-Ansatz:

  • Hardware & Software: Das Startup liefert Lösungen zur Messung, Vernetzung, Optimierung und Steuerung von Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Heimspeichern und Wallboxen.
  • Drei-Säulen-Modell: Das Unternehmen fungiert als Messstellenbetreiber zur Bereitstellung von Smart Metern, als Energiemanager zur Kostenoptimierung der vernetzten Geräte und als Lieferant mit einem dynamischen Tarif, der Zugang zu aktuellen Börsenstrompreisen bietet.
  • B2B2C-Vertrieb: Für den Rollout der Lösungen setzt SpotmyEnergy auf ein Partnernetzwerk, das seit der Firmengründung auf über 300 Elektroinstallationsbetriebe angewachsen ist.

Kritische Hinterfragung

Der Erfolg dieses Modells hängt maßgeblich von der fehlerfreien technischen Integration ab. SpotmyEnergy leistet aktuell Pionierarbeit bei der Einbindung von Steuerboxen, die in Deutschland bislang noch wenig verbreitet sind. Eine Übertragung derartiger Boxen in der aktuellen Größenordnung von 3.000 Stück hat es auf dem deutschen Markt bislang nicht gegeben. Die kritische Frage lautet: Funktionieren die technischen Schnittstellen dauerhaft und herstellerübergreifend reibungslos? Laut Geschäftsführer Schwill wurde mit der Etablierung der technischen Prozesse nun der Grundstein dafür gelegt, dass ein solcher Steuerboxwechsel in der Praxis überhaupt umsetzbar ist.

Markt & Wettbewerb

Deutschland ist beim Thema Smart Meter das Sorgenkind Europas; die Marktdurchdringung ist extrem gering. Dennoch drängen derzeit starke Wettbewerber*innen in die Nische, um sich die digitale Schnittstelle zum Kunden / zur Kundin für die Energiewende zu sichern:

  • metrify: Die Enpal-Ausgründung ist mit über 65.000 installierten Systemen der Platzhirsch unter den wettbewerblichen Messstellenbetreibern.
  • Inexogy & LichtBlick: Diese Anbieter kooperieren stark mit großen dynamischen Stromanbietern oder agieren als etablierte Ökostrom-Versorger mit eigenen Messstellen-Lösungen.
  • Energy Metering Germany (Octopus Energy): Setzen auf gebündelte Angebote, oft gekoppelt an ihre eigenen intelligenten Tarife.

Unsere Einordnung

Die Übernahme des Zählerhelden-Portfolios ist ein strategischer Befreiungsschlag. Für die Kunden von Zählerhelden läuft der Betrieb laut Unternehmensangaben ohne Unterbrechung weiter, sie müssen keine eigenen Schritte einleiten. Die bisherigen Zählerhelden-Gesellschafter, ABM-Mess Service und BSH, konzentrieren sich künftig wieder stärker auf ihre jeweiligen Kerngeschäfte.

Ein hardwarebasiertes, stark reguliertes Geschäftsmodell erfordert extrem tiefe Taschen. SpotmyEnergy wird hierbei vom Investitions- und Strukturierungspartner Horizon Energy Deutschland flankiert, der das Start-up seit Ende des vergangenen Jahres bei der Skalierung unterstützt. Horizon stellt Kapital in Höhe von über 50 Millionen Euro für Smart-Meter-Assets zur Verfügung. Ein Teil dieser zugesicherten Mittel fließt nun direkt in die Übernahme der rund 3.000 Smart Meter von Zählerhelden. Genaue Angaben zum Kaufpreis oder den weiteren finanziellen Übernahmemodalitäten der Transaktion machen die beteiligten Unternehmen jedoch nicht. Wie Emil Bruusgaard, Geschäftsführer von Horizon Energy Deutschland, dennoch treffend analysiert, verdeutlicht die Transaktion anschaulich, wie sich fragmentierte Strukturen im Markt gezielt konsolidieren lassen, um die Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen.

Fazit

Jochen Schwill versucht mit SpotmyEnergy im Endkund*innenbereich das, was ihm im Industriebereich bereits gelang: die digitale Bündelung dezentraler Energieflüsse. Der Zukauf von Zählerhelden beweist eindrucksvoll, dass anorganisches Wachstum in dieser Branche ein essenzieller Hebel ist. Der wettbewerbliche Messstellenbetrieb bietet für ambitionierte Start-ups weiterhin enormes Entwicklungspotenzial.

GovTech-Start-up Report 2026

Wir beleuchten, wie mutige Gründer*innen den steinigen Weg durch die Behördenflure meistern, welche Technologien den Markt dominieren und wo das smarte Kapital in diesem Jahr wirklich hinfließt.

Was in der DACH-Region lange als zäher Kampf um kleine GovTech-Pilotprojekte begann, hat sich zu einem hochprofessionellen und beispiellos erwachsenen Markt verdichtet. Befeuert durch die verpflichtende Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG 2.0) – welches ab 2028 einen einklagbaren Rechtsanspruch für Bürgerinnen und Bürger verankert, anstatt auf direkte pauschale Sanktionen zu setzen – sowie den massiven Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst, sind die Budgets für digitale Lösungen regelrecht explodiert.

Aktuelle Studien des Bitkom und Auswertungen von KfW Research aus dem Frühjahr 2026 belegen, dass Bund, Länder und Kommunen in diesem Jahr voraussichtlich über vier Milliarden Euro in Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS) und Cloud-Infrastrukturen investieren werden, wobei hiervon neben etablierten IT-Dienstleistern zunehmend auch externe Start-ups profitieren. Der technologische Haupttreiber hat sich dabei drastisch verschoben: War es vor wenigen Jahren noch die reine Digitalisierung von PDF-Formularen, dominiert heute unangefochten die „Sovereign AI“ – also künstliche Intelligenz, die datenschutzkonform und auf eigenen europäischen Servern trainiert wird, um komplexe Verwaltungsakte in Sekundenbruchteilen zu prüfen und vorzubereiten.

Die Investitionssummen im europäischen GovTech-Sektor haben sich realisiert; wir sehen mittlerweile Series-B- und Series-C-Runden im hohen zweistelligen Millionenbereich, die beweisen, dass B2G (Business-to-Government) endgültig aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist.

Jenseits des digitalen Bürgeramts

Wer heute von GovTech spricht, meint längst nicht mehr nur die Terminvergabe im Bürgeramt. Wichtig zur Einordnung ist hierbei vor allem ein gewaltiger Branchen-Crossover: An den Rändern verschmilzt der digitale Staat zunehmend mit den boomenden Sektoren DefenseTech und Cybersecurity – etwa wenn zivile Verwaltungssoftware plötzlich dual-use-fähig für das Beschaffungsamt der Bundeswehr skaliert wird oder kritische Behördeninfrastrukturen durch neue Cyber-Start-ups militärisch gehärtet werden. Da diese extrem kapitalintensiven Sicherheits-Bereiche jedoch völlig eigene Marktdynamiken besitzen, haben wir sie für unsere diesjährige Top-Start-up-Liste bewusst ausgeklammert; sie werden in eigenen, dedizierten StartingUp-Start-up-Reports tiefgehend analysiert.

Konzentrieren wir uns also auf das rein zivile GovTech, so wird der Markt in diesem Jahr von drei hochspezifischen Sub-Sektoren dominiert. An erster Stelle steht das Procurement-Tech, das den gigantischen öffentlichen Beschaffungsmarkt durch automatisierte Markterkundung und KI-Ausschreibungen radikal transparent macht. Dicht darauf folgt RegTech und Compliance Automation, um die Flut an neuen Regulierungen wie den EU AI Act in die Praxis umzusetzen. Als dritter Pfeiler hat sich CivicTech im Bereich der digitalen finanziellen und räumlichen Partizipation etabliert. Etablierte Pioniere haben hier den Weg geebnet: Polyteia hat sich als unverzichtbare Datenplattform für den öffentlichen Sektor bewiesen, während Nect mit seiner KI-gestützten Identitätsprüfung längst zum Goldstandard für den sicheren digitalen Bürgerzugang geworden ist.

Die Katerstimmung nach dem App-Goldrausch

Trotz der aktuellen Euphorie ist der Weg für GovTech-Gründer mit Gräbern gescheiterter Visionen gepflastert. Ein prominentes Beispiel für einen massiven Hype, der krachend in sich zusammenfiel, war die Ära der isolierten „Smart City Dashboards“ und Bürger*innen-Apps rund um die Jahre der Pandemie, allen voran der rasante Aufstieg und tiefe Fall der Luca App als staatlich finanzierte Contact-Tracing-Lösung. Als die öffentlichen Sondermittel versiegten, zeigte sich schonungslos, dass Geschäftsmodelle ohne tiefgreifende Integration in die kommunale IT-Architektur nicht überlebensfähig sind.

Aus diesen und ähnlichen Crashes lassen sich vier konkrete, fatale Fallstricke für heutige Gründer*innen ableiten. Erstens scheitern Start-ups reihenweise an der Unterschätzung der monatelangen öffentlichen Beschaffungszyklen (Vergaberecht), die jeden klassischen VC-Runway ausbrennen lassen. Zweitens verwechseln viele Gründer B2G mit B2C: Ein schickes Frontend reicht nicht, wenn die Unit Economics nicht stimmen und der Staat nicht pro Nutzer zahlt. Drittens zerschellen Skalierungshoffnungen an der kommunalen Kleinstaaterei, da die rund 11.000 deutschen Kommunen oft völlig autark entscheiden. Viertens und letztens unterschätzen Tech-Teams fast immer die harte IT-Regulatorik: Während auf kommunaler Ebene anfangs oft ISO-27001-Zertifizierungen und lückenlose DSGVO-Nachweise für Basis-Anwendungen ausreichen, ist das Fehlen der anspruchsvollen BSI-Grundschutz-Zertifizierung spätestens im Vertrieb an Bundesbehörden und kritische Infrastrukturen ein massives K.-o.-Kriterium.

Die deutschen Machtzentren der digitalen Republik

Die Landkarte der deutschen GovTech-Exzellenz ist im Jahr 2026 klar umrissen und konzentriert sich auf fünf absolute Hubs, in denen Wissenschaft, Verwaltung und Risikokapital symbiotisch verschmelzen. Berlin bleibt das politische und strategische Epizentrum, massiv befeuert durch den GovTech Campus Deutschland, der Ministerien und Start-ups physisch zusammenbringt, sowie die Hertie School, die als Kaderschmiede das nötige Verwaltungswissen beisteuert. München bildet den technologischen Gegenpol und fungiert als unangefochtene Speerspitze für DeepTech und LegalTech, getragen durch die Exzellenz der Technischen Universität München (TUM), das Center for Digital Technology and Management (CDTM) und den eigens ins Leben gerufenen Legal Tech Colab. Hamburg hat sich durch pragmatische Verwaltungsinnovationen an die Spitze gesetzt, wobei die Venture-Client-Einheit GovTecHH des Senats und die Nähe zur Bucerius Law School eine hochattraktive Testumgebung für RegTech-Gründer*innen bieten. Darmstadt sichert als vierter Hotspot das Fundament des digitalen Staates, da hier mit dem Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) und dem Forschungszentrum ATHENE die europäische Elite für Cybersicherheit und BSI-konforme Architekturen ausgebildet wird, ohne die kein GovTech-Start-up überleben kann.

Investor*innen-Radar

Das Kapital hat seine Scheu vor dem öffentlichen Sektor abgelegt und strukturiert sich 2026 in vier sehr professionelle Lager. Bei den spezialisierten VCs agieren Fonds wie Public.io oder Matterwave mittlerweile als absolute Experten, die nicht nur Geld, sondern vor allem unbezahlbare Zugänge in die verschachtelten Behördenstrukturen mitbringen. Auch die Top-Tier Generalisten haben den Markt für sich entdeckt: Renommierte Häuser wie Cherry Ventures und Earlybird, insbesondere über den an Universitäten gekoppelten Earlybird UNI-X Fund, leaden inzwischen kompetitive Runden im Deep-GovTech-Bereich. Eine essenzielle Brückenfunktion übernehmen die Corporate VCs und industrienahen Geldgeber; hier tritt vor allem der halbstaatliche High-Tech Gründerfonds (HTGF) als zentraler Türöffner und Gütesiegel für Folgefinanzierungen auf, dicht gefolgt von SAP.iO und Capgemini Ventures, die junge Lösungen in ihre gigantischen Behörden-Ausschreibungen integrieren. Den Nährboden dieses Ökosystems bilden jedoch die Frühphasen-Motoren und Business Angels, unter denen prominente Köpfe wie Verena Pausder, die massiv in digitale Bildungs- und Verwaltungsinfrastruktur investiert, sowie vernetzte Angel-Syndikate aus dem Umfeld des eco-Verbands, das erste Überlebenskapital und entscheidende Mentoring liefern

Die Top GovTech-Start-ups (Must-Watch)

Um die Spreu vom Weizen zu trennen, haben wir für unsere Must-Watch-Liste strengste Kriterien angelegt. Wie in Abschnitt 3 erläutert, haben wir DefenseTech und reine Cybersecurity-Start-ups für andere Ausgaben reserviert. Wir betrachten ausschließlich echte deutsche zivile GovTech-Start-ups, deren Gründung ab dem Jahr 2020 stattfand, um die neue Generation der Post-Pandemie-Gründer in den Fokus zu rücken. Die Auswahl basiert auf einer tiefgehenden Analyse der aktuellen Marktrelevanz, dem Reifegrad des Geschäftsmodells im harten B2G-Vertrieb, der technologischen Diversität sowie dem nachgewiesenen Investoren-Vertrauen in den letzten Finanzierungsrunden. Reine Beratungsagenturen oder Spin-offs von Großkonzernen wurden konsequent aussortiert.

GovRadar

Gegründet 2020 in München von Sascha Soyk und Daniel Faber, hat sich GovRadar der Entbürokratisierung des öffentlichen Einkaufs verschrieben. Das B2B/B2G-SaaS-Geschäftsmodell bietet eine Plattform, die öffentliche Beschaffungsprozesse und die obligatorische Markterkundung massiv automatisiert und vereinfacht. Der USP liegt in der rechtssicheren Erstellung von Vergabeunterlagen in einem Bruchteil der üblichen Zeit, was das Start-up schnell auf das Radar hochkarätiger Investoren brachte: In ihrer Seed-Runde sicherten sich die Gründer strategisches Kapital von prominenten Business Angels aus Wirtschaft und Politik, darunter Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und Ex-Continental-Chef Wolfgang Reitzle.

GovMind

Im Jahr 2020 von Manuel Kilian in Berlin ins Leben gerufen, operiert GovMind heute faktisch als das "Bloomberg-Terminal" für den öffentlichen Sektor. Das Unternehmen agiert als hochspezialisierte B2B-Datenplattform, deren USP darin besteht, strukturierte Marktanalysen über das fragmentierte GovTech-Ökosystem bereitzustellen, damit Behörden überhaupt erst wissen, welche technologischen Innovationen existieren. Das Modell hat sich als derart unverzichtbares Recherche-Tool für Chief Digital Officer in Bund und Ländern etabliert, dass es zu einer der zentralen Exit-Stories der deutschen Szene wurde: Nach frühen Investments des renommierten GovTech-Fonds PUBLIC wurde das Start-up im Herbst 2024 vollständig von der etablierten GovTech Gruppe übernommen, um die Lösung unter industriellem Dach bundesweit zu skalieren.

Kertos

Das Münchner Start-up Kertos wurde Ende 2021 von Kilian Schmidt, Johannes Hussak und Alexander Prams gegründet und attackiert den massiven Pain Point der europäischen Bürokratie im Bereich RegTech. Das B2B-SaaS-Modell liefert ein Compliance-Betriebssystem, dessen herausragender USP eine KI-native No-Code-Plattform zur vollständigen, automatisierten Umsetzung von Datenschutz-Richtlinien (DSGVO) und Sicherheitsaudits ist. Die Schlagkraft dieser Technologie, die Unternehmen innerhalb weniger Tage für Regulierungen wie den AI Act "audit-ready" macht, bescherte dem Kertos-Team im September 2025 eine signifikante Series-A-Finanzierung über 14 Millionen Euro. Angeführt wurde diese aktuelle Runde vom globalen Investor Portage, flankiert von den treuen Bestandsinvestoren Pi Labs und Redstone.

Naro

Gegründet 2022 in Köln von Nils Krauthausen und Chris Püllen, operiert Naro heute an der hochkomplexen Schnittstelle zwischen FinTech und RegTech. Das Unternehmen, das ursprünglich als agiler ETF-Baukasten für Plattformen startete, bietet mittlerweile eine tiefgreifende B2B-Infrastruktur für rechtssichere Fonds- und Finanzprodukte. Genau dies bietet im Jahr 2026 zunehmend auch hochspannende Anwendungsfälle für staatliche Förderbanken, kommunale Anlagevehikel und komplexe Governance-Strukturen, da die Technologie die regulatorische Aufsetzung eigener Fonds radikal verkürzt. Das Vertrauen in dieses tiefe Infrastrukturmodell, das nach der frühen Begleitung durch La Famiglia (General Catalyst) massiv ausgebaut wurde, zeigte sich zuletzt Mitte 2025 in einer starken Seed-Finanzierung über fast 6 Millionen Euro, angeführt von den VCs Magnetic und Redstone.

JUPUS

René Fergen und Jannis Gebauer gründeten JUPUS im Jahr 2022 in Köln, um den juristischen Sektor ins KI-Zeitalter zu überführen. Das B2B-SaaS LegalTech fokussiert sich auf die KI-gestützte Automatisierung der Mandatsaufnahme und Aktenverwaltung, was als USP nicht nur für klassische Anwaltskanzleien, sondern zunehmend auch für chronisch überlastete staatliche Rechtsorgane und Notariate unverzichtbar ist. Die enorme Skalierbarkeit dieses Modells wurde zuletzt im Frühjahr 2025 durch eine massive Finanzierungsrunde über 6,5 Millionen Euro bestätigt. Als neuer Lead-Investor trat dabei Acton Capital auf, stark flankiert vom frühen Wegbegleiter und Bestandsinvestor, dem High-Tech Gründerfonds (HTGF).

Cityscaper

Im Jahr 2020 in Aachen von Sebastian Witt und Robin Römer gegründet, besetzt Cityscaper eine hochspannende Nische im Bereich CivicTech und kommunaler Stadtplanung. Das B2G-SaaS-Modell liefert eine Augmented-Reality-Plattform (AR), deren herausragender USP es ist, geplante städtebauliche Veränderungen für Bürgerinnen und Bürger direkt vor Ort via Smartphone dreidimensional erlebbar zu machen. Dieser demokratisierende Ansatz, der die klassische Bürgerbeteiligung radikal vereinfacht und teure Bau- und Planungsblockaden auflöst, überzeugte nicht nur schnell erste Modellkommunen, sondern sicherte dem Spin-off der RWTH Aachen auch frühzeitig strategisches Kapital durch branchenspezifische Business Angels und öffentliche Innovationsförderungen.

SUMM AI

Gegründet 2022 in München von Flora Geske, Vanessa Theel und Nicholas Wolf, löst SUMM AI ein gigantisches, oft übersehenes Problem der digitalen Verwaltung: Die gesetzliche Pflicht zur Barrierefreiheit. Das B2B/B2G-SaaS-Modell bietet quasi den universellen „DeepL-Übersetzer für Leichte Sprache“. Der herausragende USP der KI-basierten Plattform besteht darin, hochkomplexe, juristische Behördentexte auf Knopfdruck in leicht verständliche Sprache zu übersetzen. Dies ist angesichts strikter Inklusionsvorgaben für alle öffentlichen Stellen zwingend erforderlich und spart Kommunen Millionen an externen Agenturkosten. Das Fundament für den landesweiten Roll-out der Lösung in den Rathäusern legten die Gründer*innen bereits früh mit einer namhaften, siebenstelligen Finanzierungsrunde, getragen von etablierten Akteuren wie Venture Stars, jvh ventures und Müller Medien.

Ausblick & Fazit: Die nächste Welle rollt heran

Wenn wir den Blick über den deutschen Tellerrand hinaus auf das Jahr 2026 und darüber hinaus richten, zeichnen sich drei gewaltige globale Makro-Trends ab, die auch den europäischen GovTech-Markt unausweichlich verändern werden. Aus den USA schwappt ein massiver Crossover-Trend zwischen DefenseTech und GovTech nach Europa, bei dem Dual-Use-Technologien, die ursprünglich für die zivile Verwaltung gedacht waren, rasant für Sicherheits- und Verteidigungsbehörden skaliert werden. Gleichzeitig erzwingt die globale Strahlkraft der europäischen Gesetzgebung – allen voran der EU AI Act – einen internationalen Boom an Compliance-Automatisierungen, wodurch europäische RegTechs plötzlich zu Exportschlagern werden. Aus dem asiatischen Raum wiederum beobachten wir den unaufhaltsamen Siegeszug von CivicTech-Super-Apps, die staatliche Dienstleistungen, Payment und Bürgerbeteiligung in einer einzigen, extrem nutzer*innenfreundlichen Oberfläche bündeln und damit den Druck auf westliche Regierungen erhöhen, fragmentierte Portale endlich abzuschaffen.

Unser Fazit lautet: Die Zeit der geduldigen Pilotprojekte ist endgültig vorbei. Wer heute im GovTech-Sektor bestehen will, muss nicht nur brillante Technologie liefern, sondern vor allem die Ausdauer für komplexe Vergabezyklen und ein kompromissloses Verständnis für IT-Sicherheit mitbringen – denn der Staat von morgen verzeiht keine Systemausfälle mehr.

BRYCK Startup Alliance: Vom Kohlenpott zum Code-Pott

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat mit den exist Startup Factories ein hochambitioniertes Förderprogramm aufgesetzt. Das Ziel: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen schneller und skalierbarer in die Wirtschaft überführt werden. Eines der Leuchtturmprojekte entsteht derzeit im Ruhrgebiet. Wir werfen einen Blick auf den Status quo der BRYCK Startup Alliance, die Macher*innen im Hintergrund und die Frage, was das Konstrukt Gründenden in der Praxis wirklich bringt.

Deutschland habe ein Transferproblem, so die Analyse der Initiatoren. Während die heimischen Universitäten in der Grundlagenforschung weltweit Spitzengeschwindigkeiten fahren, gerate der Motor ins Stottern, sobald es darum gehe, aus diesen Erkenntnissen marktreife Unternehmen zu formen. Genau hier setzen die geförderten exist Startup Factories an. Sie haben den Auftrag, die Quantität und Qualität wissensbasierter Ausgründungen signifikant zu steigern.

Das Silicon Valley der Schwerindustrie?

Geführt wird die BRYCK Startup Alliance, die 2025 als einer der Sieger des exist-Wettbewerbs gekürt wurde, von einem fünfköpfigen Führungsteam um Geschäftsführer Philipp Herrmann. Herrmann, selbst Seriengründer und Investor, soll die Brücke zwischen akademischer Forschung und traditionellen Corporate-Strukturen schlagen. Das Ziel ist gewaltig: Das Ruhrgebiet soll sich zur führenden Modellregion für industrielle Erneuerung in Europa wandeln.

Warum aber ausgerechnet DeepTech und nicht etwa digitale B2B-Software, wo die Einstiegshürden niedriger wären? Herrmann stellt klar: „Weil wir hier nicht die x-te Region bauen sollten, die versucht, ein kleines Silicon Valley zu spielen.“ Das Ruhrgebiet habe andere Stärken, wie eine enorme Dichte an Hochschulen, Industrie und konkreten Anwendungsfeldern. Für ihn liegt die Zukunft Europas nicht in reinen Softwaremodellen, sondern in Feldern wie Energie, Wasserstoff oder industrieller Effizienz. „DeepTech hat für diese Region einen anderen Hebel“, betont er. Wenn hier etwas funktioniere, habe es echte Wirkung auf industrielle Prozesse und neue Wertschöpfung. Sein Fazit für die Region: „Nicht den schnellsten Hype, sondern den nachhaltigsten Umbau.“

Eine beispiellose Allianz – und potenzielle Corporate-Falle?

Das Fundament der Allianz ist massiv: Die Universitätsallianz Ruhr kooperiert mit der RAG-Stiftung und dem Initiativkreis Ruhr, einem Bündnis aus über 70 Konzernen wie E.ON oder RWE. Für Start-ups klinge das theoretisch nach einem Sechser im Lotto. In der Praxis jedoch drohen agile Gründer*innen oft in den bürokratischen Mühlen der Großkonzerne zu ersticken.

Herrmann räumt unumwunden ein: „Die Gefahr besteht absolut.“ Große Unternehmen seien nicht per se schnell, und Konzernprozesse könnten für junge Teams zermürbend sein. Die Allianz setze daher nicht auf bloßes Networking, sondern auf harte Vorsortierung. „Unser Job ist, viel stärker vorzusortieren: Wo gibt es ein echtes Problem? Wo gibt es auf Unternehmensseite jemanden, der das Thema wirklich treiben will?“ Ein echter „Fast Track“ sei am Ende immer ein gut vorbereiteter Prozess. Zwar werde dadurch nicht jede Reibung verschwinden, aber man könne die Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Pilotprojekte massiv erhöhen.

Status quo: Die Realitätsprüfung

Seit dem Start ist viel passiert: Weit über 130 Start-ups haben die Programme bereits durchlaufen. Zudem wurde mit „GF BRYCK Ventures“ ein 10-Millionen-Euro-Fonds für Frühphasen-Investments etabliert. Doch Herrmann gibt zu, dass zwischen Masterplan und Realität oft Welten liegen.

Besonders die Kluft zwischen Universität, Start-up und Konzern habe ihn in der täglichen Arbeit gefordert. Man habe gelernt, dass ein gutes Ökosystem neben einem „Nordstern“ vor allem „sehr viel operative Kleinarbeit an all den zu verändernden Schnittstellen“ benötige. DeepTech sei eben kein Sprint. „Das Ruhrgebiet verändert man auch nicht mit einer großen Überschrift“, so Herrmann. Vielmehr verändere man es Schritt für Schritt durch funktionierende Beispiele.

Der harte Weg aus dem Labor

Zwei der größten „Start-up-Killer“ bei Uni-Ausgründungen sind ungeklärte Patentrechte (IP) und einseitige Teams aus Forschenden ohne Vertriebserfahrung. Herrmann fordert hier bei den IP-Prozessen vor allem Geschwindigkeit und Verlässlichkeit. „Nichts ist schädlicher als Monate der Unklarheit.“

Gleichzeitig legt er den Fokus auf das Matching der Teams. Während die „Nerds“ aus dem Labor für die Technologie unverzichtbar seien, entstehe ein Unternehmen erst, wenn technologische Exzellenz und unternehmerische Kompetenz zusammenkommen. Er plädiert für ein neues Selbstverständnis: „Ich finde auch, wir müssen weg von diesem alten Denken, dass Forschung und Unternehmertum zwei getrennte Welten seien. Im Idealfall ist Unternehmertum der Weg, wie aus guter Forschung Wirkung wird.“

Was kostet die Förderung?

Mit dem neuen Fonds investiert die Allianz bis zu 300.000 Euro in der ganz frühen Phase. Pauschale Deal-Terms gebe es dabei bewusst nicht, da die Situationen der Teams zu unterschiedlich seien. Herrmann betont jedoch ein wichtiges Prinzip: „Frühphasenfinanzierung darf Gründer nicht klein, sondern muss sie handlungsfähig machen.“

Da 300.000 Euro bei DeepTech-Hardware oft nur ein Anfang sind, müsse man das „Valley of Death“ durch breitere Kapitalzugänge schließen. Er sieht hier eine große Aufgabe für ganz Europa: „Wir brauchen mehr geduldiges Kapital und bessere Anschlussfinanzierung für wissenschaftsbasierte Unternehmen.“ Ziel sei es, die Teams so aufzustellen, dass sie auch die nächste und übernächste Runde erreichen können.

Ausblick: Eine Milliarde fürs Ruhrgebiet

Bis 2030 sind die Ziele messbar: 1.000 wissenschaftsbasierte Ausgründungen und eine Milliarde Euro mobilisiertes Risikokapital. Ob das Projekt ein Erfolg wird, mache Herrmann an substanziellen Ergebnissen fest.

„Im Kern werden wir nur dann wirklich Strahl- und Magnetkraft auf europäischer Ebene entwickeln, wenn aus unseren Startups groß skalierte Unternehmen entstehen – wirkliche Unicorns, die Industrien verändern“, kontert er. Man müsse beweisen, dass hier Firmen entstehen, die industrielle Probleme auf Weltklasseniveau lösen. Sein Wunsch für die nächsten vier Jahre: „Dass das kein spannendes Einzelprojekt mehr ist, sondern ein funktionierendes System mit echter Zugkraft.“ Wenn die ersten Teams aus diesem System zu echten Erfolgsgeschichten werden, sei das der stärkste Beleg für den Erfolg.

Factsheet: BRYCK Startup Alliance auf einen Blick

  • Offizieller Name: BRYCK Startup Alliance
  • Fokus: DeepTech, B2B, industrielle Transformation
  • Status: Prämierte exist Startup Factory des BMWE (Entscheidung am 10. Juli 2025)
  • Geschäftsführung: Philipp Herrmann, Dr. Christian Lüdtke, Philippa Köhnk, Ersin Üstün, Maximilian Weil-Schimanski
  • Wissenschaftliches Rückgrat: Universitätsallianz Ruhr (Bochum, Dortmund, Duisburg-Essen)
  • Wirtschaftliches Netzwerk: Initiativkreis Ruhr (über 70 Top-Unternehmen) & RAG-Stiftung
  • Finanzierung: GF BRYCK Ventures (10 Mio. Euro Fonds, Tickets bis zu 300.000 Euro)
  • Ziele bis 2030: 1.000 Ausgründungen, 200 skalierende DeepTech-Start-ups, 1 Mrd. Euro mobilisiertes Kapital
  • Website: bryckstartupalliance.com/de

Workation-Falle

Flexible Arbeitsmodelle wie „Work from Anywhere“ gehören zur DNA vieler moderner Start-ups. Doch fehlende Vorbereitung bei kurzfristigen Auslandseinsätzen und Remote Work kann gerade für junge Unternehmen existenzbedrohend werden. Expert*innen warnen vor strukturellen Lücken bei Steuern, Sozialversicherung und rechtlicher Absicherung.

Internationale Mitarbeiter*inneneinsätze verändern sich derzeit rasant. Die klassische, von langer Hand geplante Entsendung weicht zunehmend flexiblen Arbeitsmodellen wie kurzfristigen Aufenthalten in verschiedenen Ländern, Remote Work oder parallelen Tätigkeiten über Ländergrenzen hinweg. Für viele Start-ups und mittelständische Unternehmen ist diese Flexibilität ein wichtiges Instrument im Kampf um Fachkräfte. Doch für die Arbeitgebenden wird es dadurch immer schwieriger, den Überblick zu behalten.

Strukturelle Überforderung in der Personalverwaltung

Die Flexibilität im Arbeitsalltag führt in der Personalverwaltung oft zu strukturellen Problemen. Häufig fehlt es an Transparenz über Aufenthaltsorte, rechtliche Rahmenbedingungen und klare Verantwortlichkeiten. In der Praxis kommt es regelmäßig vor, dass Mitarbeitende ihre Arbeitgeber*innen erst im Nachhinein darüber informieren, dass sie ihre Arbeit aus dem Ausland heraus erbringen.

„Viele Unternehmen wissen heute schlicht nicht mehr genau, wer sich wann wo aufhält und welche rechtlichen und steuerlichen Konsequenzen damit verbunden sind“, erklärt Björn Spilles, Partner bei der dhpg und Mitglied des Expertennetzwerks CROSS GLOBE. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen verfügen oft nicht über das notwendige interne Know-how, während größere Organisationen mit der schieren Masse an Fällen kämpfen. Die Folge sind unklare Zuständigkeiten und gefährliche Lücken bei Steuern und Sozialversicherungen.

Die Risiken: Wenn die Absicherung im Ernstfall fehlt

In der operativen Praxis werden zentrale Fragen zu Versicherungen, Steuern und Sozialabgaben häufig zu spät adressiert.

  • Die angemessene Absicherung wird oft nicht als Teil der Vorab-Planung betrachtet.
  • Stattdessen erfolgt eine Klärung meist erst dann, wenn der Auslandseinsatz bereits läuft oder erste Schwierigkeiten auftreten.
  • Besonders kritisch ist dabei, dass Deckungslücken oft erst sichtbar werden, wenn tatsächlich ein Leistungsfall eintritt.
  • Zudem zählen steuerliche Unsicherheiten zu den häufigsten Problemfeldern.

Werden die Rahmenbedingungen nicht vorab geprüft, entstehen für Unternehmen rechtliche Risiken und zusätzliche Kosten. Im schlimmsten Fall droht der Abbruch kompletter Einsätze. Wie schnell das gehen kann, zeigt ein Praxisbeispiel aus den USA: Ein Mitarbeitender wurde entsendet, ohne dass sein sozialversicherungsrechtlicher Status vollständig geklärt war. Erst vor Ort fiel der unzureichende Versicherungsschutz auf, was den Einsatz samt den bereits investierten Kosten für Einarbeitung, Visum und Umzug beinahe zum Scheitern brachte.

Darüber hinaus drohen Start-ups auch Reputationsrisiken: Fehlgeschlagene Einsätze können die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgebender nachhaltig beeinträchtigen.

Vertiefende Einordnung für Start-ups: Due Diligence und Betriebsstättenrisiko

Neben den offensichtlichen Personalrisiken lauern für Start-ups beim Thema „Remote Work im Ausland“ noch zwei weitere, massive Gefahren:

1. Rote Flaggen in der Due Diligence: Start-ups sind auf frisches Kapital angewiesen. Ungelöste Compliance-Themen im Bereich Steuern und Sozialversicherung durch unkontrollierte Workations sind in Finanzierungsrunden ein massives Hindernis. Bei der Due-Diligence-Prüfung decken Investoren solche Haftungsrisiken schonungslos auf. Die Folge können verzögerte Runden oder eine geminderte Bewertung sein.

2. Das Betriebsstättenrisiko: Arbeiten leitende Angestellte dauerhaft aus dem Ausland und schließen dort Verträge ab, kann das dortige Finanzamt schnell eine steuerliche Betriebsstätte des deutschen Start-ups annehmen. Das Unternehmen wird plötzlich im Ausland körperschaftssteuerpflichtig – ein administrativer und finanzieller Kraftakt.

Lösungsansatz: Vorbereitung statt Hauruck-Aktion

Internationale Mobilität darf keine fragmentierte Einzelfallentscheidung mehr sein, sondern muss als kontinuierliche Steuerungsaufgabe verstanden werden. Experten raten dringend zu einer systematischen Vorbereitung, bevor ein Mitarbeiter das Land verlässt.

  • Vorab muss eine vollständige Sachverhaltsermittlung stattfinden, die Aufenthaltsdauer, Arbeitsort und vertragliche Rahmenbedingungen klar erfasst.
  • Unternehmen müssen Transparenz schaffen, Zuständigkeiten festlegen und die Auslandseinsätze zentral erfassen.
  • Relevante steuerliche und versicherungsrechtliche Aspekte müssen frühzeitig unter Einbindung von Expert*innen geklärt werden.

„Dabei lassen sich viele dieser Fälle durch frühzeitige Abstimmung und klare Prozesse vermeiden“, betont Benedikt Grass, CMO des Anbieters für internationale Krankenversicherungen PassportCard. Wer vorausschauend plant, schützt sein Start-up vor unkalkulierbaren Kosten und sichert die Compliance für zukünftige Finanzierungsschritte.

Brainjo: 2-Mio-EUR-Spritze für die Therapie-Brille

Lange Wartelisten und ein überlastetes Gesundheitssystem: Das Regensburger Start-up brainjo will die Lücken in der klassischen Psychotherapie mit Virtual Reality (VR) schließen.

Das Digital-Health-Start-up brainjo hat erfolgreich eine Seed-Finanzierung in Höhe von zwei Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Finanzierungsrunde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF). Zu den weiteren Geldgebern gehören die MEDICE Health Family als strategischer Partner sowie Business Angels, darunter der Regensburger Investor Andreas Weinhut und der Münchner VC better ventures. Mit dem frischen Kapital finanziert das Unternehmen den Start einer klinischen Studie und treibt die Zulassung seiner ersten digitalen Gesundheitsanwendung (DiGA) voran.

Von der Studenten-Idee zum Digital-Health-Start-up

Hinter brainjo steht ein zehnköpfiges, interdisziplinäres Team, das Expertise aus den Bereichen Technologie, Psychologie und Gesundheit vereint. Gegründet wurde die brainjo GmbH im Jahr 2022 mit Sitz in Regensburg. Die Wurzeln des Unternehmens liegen in einem Ausgründungsprojekt der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Die Gründer – allen voran Christian Gnerlich, Alexander Pilling und Constantin Demigha – begannen bereits 2021 in der lokalen TechBase mit der Vision, Gehirntraining durch Virtual Reality greifbar zu machen.

Was als Projekt für generelle "Mental Fitness" startete, hat sich mittlerweile zu einem klinisch fundierten Ansatz im Bereich Digital Health weiterentwickelt. Heute lenken Markus Wensauer (Co-Founder und CEO) und Christian Gnerlich das operative Geschäft, während Alexander Pilling die VR-Entwicklung verantwortet.

Das Produkt: Psychotherapie im Gaming-Gewand

Brainjo entwickelt VR-basierte DiGAs für die Psychotherapie. Diese sollen künftig von Therapeut*innen oder Ärzt*innen verordnet und von den Krankenkassen erstattet werden. Der Ansatz des Start-ups ist es nicht, die klassische Psychotherapie zu ersetzen, sondern die teils gravierenden Versorgungslücken des Systems zu schließen. Patient*innen sollen so von zuhause aus Zugang zu einer immersiven und individualisierten Behandlungsform erhalten.

Die erste Anwendung richtet sich an Kinder mit ADHS und entsteht in direkter Kooperation mit der MEDICE Health Family. Um die oft geringe Therapiemotivation der jungen Zielgruppe zu knacken, setzt brainjo stark auf Gamification. Die Kinder tauchen per VR in virtuelle Welten ein und trainieren dort durch spielerische Elemente Alltagssituationen und kognitive Fähigkeiten. Laut HTGF-Principal Dr. Jörg Traub unterscheidet sich das Start-up genau durch diese Tiefe der Immersion von reinen Software-Lösungen, was einen klinisch relevanten Ansatz darstelle, um die Therapietreue (Adhärenz) signifikant zu steigern.

Der strategische Schachzug von MEDICE

Der Markt für Therapie auf Rezept (DiGA) ist in Deutschland stark umkämpft. Im Segment ADHS formiert sich bereits handfeste Konkurrenz:

  • Bei Erwachsenen: Im Sommer 2025 wurde mit der App ORIKO (entwickelt von Takeda und MiNDNET) die erste DiGA für erwachsene ADHS-Patient*innen in das offizielle Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgenommen.
  • Im Kinder- und Jugendbereich: Mit hiToco existiert bereits ein etabliertes, Smartphone-basiertes Elterntraining für Kinder zwischen 4 und 11 Jahren (Zulassung ebenfalls Mitte 2025).

Besonders interessant: Hinter hiToco steht die medigital GmbH – eine Tochter der MEDICE Health Family. Der Einstieg von MEDICE bei brainjo ist daher mehr als nur ein finanzielles Investment. Der Pharmakonzern baut sich hier offensichtlich ein lückenloses, digitales ADHS-Ökosystem auf: hiToco für die Schulung der Eltern, brainjo für die direkte VR-Therapie der Kinder.

Unsere Einordnung

Der technologische Ansatz von brainjo ist vielversprechend und adressiert mit langen Wartelisten in der Psychotherapie ein massives gesellschaftliches Problem. Die strategische Einbettung in das MEDICE-Portfolio ist ein cleverer Hebel. Dennoch muss sich das Modell in den kommenden Jahren harten Herausforderungen stellen:

  1. Die Hardware-Hürde: Anders als eine einfache Smartphone-App erfordert die Lösung von brainjo teure VR-Brillen. Wer bezahlt die Hardware? Krankenkassen übernehmen in der Regel nur die Kosten für die reine DiGA-Nutzungslizenz. Wenn Eltern in Vorleistung gehen müssen oder ein aufwendiges Leih-System etabliert werden muss, verliert die Therapie ihren propagierten skalierbaren und einfachen Zugang.
  2. Zulassung und Zeitplan: Die Marktzulassung ist erst für 2028 geplant. Im schnelllebigen Start-up-Sektor ist das eine halbe Ewigkeit. Bis dahin muss brainjo mit den frischen zwei Millionen Euro den Betrieb sichern und vor allem die anstehende klinische Studie erfolgreich durchführen. Ohne wasserdichte Evidenzdaten platzt der Traum der BfArM-Zulassung.
  3. Akzeptanz bei Eltern und Behandler*innen: Eine immersive VR-Welt löst bei Kindern Begeisterung aus – bei Eltern potenziell Skepsis. Das Team muss pädagogisch überzeugend belegen, dass die zusätzliche „Bildschirmzeit“ unter der Brille einen rein therapeutischen Zweck erfüllt und eine ohnehin bestehende Reizüberflutung bei ADHS-Patient*innen nicht noch verstärkt.

Fazit

Brainjo verlässt die ausgetretenen Pfade der 2D-Apps und wagt sich an die hochkomplexe Schnittstelle zwischen VR-Hardware, Gaming und klinischer Therapie. Gelingt der klinische Wirksamkeitsnachweis und lässt sich die Verteilung der Hardware logistisch reibungslos organisieren, könnte das Start-up die Psychotherapie nachhaltig verändern. Bis 2028 bleibt dieses Vorhaben jedoch ein kapitalintensiver Ausdauerlauf.

KI gegen Beamtendeutsch: Wie ein Solo-Gründer den Markt für Nebenkosten aufrollt.

Für die meisten der rund 19 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland ist sie ein jährliches Ärgernis: die Nebenkostenabrechnung. Laut dem Deutschen Mieterbund enthält jede zweite Abrechnung Fehler. Das fränkische Start-up NebenkostenPro will diesen intransparenten Markt nun mithilfe Künstlicher Intelligenz radikal vereinfachen – und zwar für beide Seiten.

Bisherige Lösungsansätze für fehlerhafte Abrechnungen – von unzulässigen Verwaltungskosten bis zu falsch umgelegten Reparaturen – waren für Mieterinnen und Mieter oft teuer oder zeitaufwendig. Der Gang zur Anwaltskanzlei frisst die Ersparnis schnell auf, Mietervereine binden einen an jährliche Mitgliedschaften und etablierte LegalTech-Wettbewerber verlangen für eine manuelle Prüfung meist rund 50 Euro.

Hinter dem Lösungsansatz von NebenkostenPro steht kein großes Entwicklerteam, sondern Julian Falk, ein Solo-Gründer aus Zirndorf bei Nürnberg. Auf die Frage, wie man sich freiwillig in die juristischen Untiefen der Betriebskostenverordnung stürzt, hat Falk eine verblüffend einfache Antwort: „Ehrlich gesagt war der Auslöser ziemlich banal“, erinnert sich der Gründer. „Ich habe selbst als Mieter eine Nebenkostenabrechnung bekommen, bei der die Zahlen einfach nicht plausibel wirkten“.

Als er sich einlesen wollte, landete er prompt im deutschen Paragraphendschungel. „Da habe ich gemerkt: Wenn ich als technikaffiner Mensch schon Probleme habe, das zu durchdringen, wie soll das ein normaler Mieter schaffen?“ Falk erkannte schnell, dass die Betriebskostenverordnung im Kern aus klaren Wenn-Dann-Strukturen besteht. „Das schreit förmlich nach Automatisierung“, fasst er seinen Heureka-Moment zusammen.

KI als Herausforderer im zweiseitigen Markt

Was als Wochenendprojekt begann, wuchs schnell. Heute nutzt die Plattform eine komplexe Pipeline aus mehreren KI-Modellen, um hochgeladene PDF-Dokumente und Fotos auszulesen, zu strukturieren und juristisch einzuordnen. Der Clou dabei ist der duale Ansatz, der beide Marktseiten bedient. Für Mieter*innen dient das Tool zunächst der Symptombekämpfung, indem ein initialer Schnellcheck die hochgeladenen Daten kostenlos mit lokalen Vergleichswerten abgleicht. Der detaillierte Prüfbericht startet bei einer preislichen Kampfansage von 7,90 Euro. Für Vermieter*innen fungiert die Plattform hingegen als Software-as-a-Service zur rechtskonformen Erstellung der Abrechnungen.

Dieses B2B-Abo-Modell ist für das Überleben der Firma essenziell. Es sorgt für den dringend benötigten wiederkehrenden Umsatz, der das stark saisonale, von geringer Kund*innenbindung geprägte Mieter*ingeschäft wirtschaftlich ausbalanciert.

Wer nun glaubt, hinter einer solch komplexen KI-Pipeline stünden „Heerscharen“ von Investoren, irrt. „NebenkostenPro ist komplett eigenfinanziert. Es gibt keine externen Geldgeber, keine Investoren, keine Beteiligungen“, betont Falk. Das Modell trage sich mittlerweile selbst – für Falk ein Blick in die Zukunft der Softwareentwicklung. „KI verändert gerade fundamental, wie Software-Unternehmen entstehen. Die Werkzeuge, die heute verfügbar sind, machen einen einzelnen Gründer so produktiv wie früher ein ganzes Team.“ Die Rolle des/der Entwickler*in verschiebe sich zunehmend zum/zur Architekt*in, der lediglich die Richtung vorgebe und Ergebnisse validiere.

Smarte Daten als Reichweiten-Hebel

Um gegen etablierte LegalTech-Player wie Wenigermiete oder Mieterengel anzukommen, fehlte dem Solo-Gründer schlicht das Marketingbudget. Falks clevere Antwort: Er baute eine frei zugängliche Wissensdatenbank mit kommunalen Nebenkostendaten für rund 400 deutsche Städte auf – von Grundsteuer-Hebesätzen bis zu lokalen Wasserpreisen.

Ein massiver Hebel, der sich auszahlt: Die Datenbank wird mittlerweile sogar von Google und KI-Modellen wie ChatGPT als primäre Quelle zitiert, was organischen Traffic generiert, ohne teure Klickpreise für umkämpfte Keywords zahlen zu müssen.

Konvertiert dieser Traffic auch? „Die Seite rankt für zahlreiche organische Keywords, der Traffic vervielfacht sich von Monat zu Monat“, freut sich der Gründer. Das beste Marketing sei ohnehin die Mundpropaganda erfolgreicher Nutzer*innen. Eine Entwicklung verblüfft den Zirndorfer dabei besonders: „Was mich überrascht hat: Die Vermieterseite wächst schneller als die Mieterseite.“ „Viele private Kleinvermieter kämpfen sich jedes Jahr mit Excel durch ihre Abrechnung und sind dankbar, wenn ihnen das jemand abnimmt.“

Juristisches Minenfeld und das Haftungsrisiko

Doch wo KI auf deutsches Mietrecht trifft, lauern Gefahren. Bedingt durch das Rechtsdienstleistungsgesetz darf NebenkostenPro keine formelle Rechtsberatung anbieten, sondern liefert lediglich Indizien und Muster-Widersprüche ohne bindende Vertretung. Zudem stoßen reine Sprachmodelle bei komplexen Sonderfällen – etwa einer gewerblich-privaten Mischnutzung – an ihre Grenzen.

Auf die berüchtigten „Halluzinationen“ von Sprachmodellen angesprochen, reagiert Falk pragmatisch. Er setze nicht auf ein einziges Modell, sondern auf eine spezialisierte Pipeline mit klar abgegrenzten Aufgaben. Die eigentliche Analyse basiere dann nicht auf Freitext-Antworten der KI, sondern auf einem präzisen Abgleich extrahierter Werte mit konkreten Gesetzestexten.

Zudem übt der Gründer Kritik an der generellen KI-Skepsis. „Was mich bei der Debatte um KI-Halluzinationen immer etwas stört: Wir tun so, als wäre das ein reines KI-Problem. In Wahrheit halluzinieren Menschen ständig“, kontert er. „Ein Sachbearbeiter, der zum dritten Mal an diesem Tag eine Abrechnung prüft, übersieht Fehler. Ein Vermieter, der seine Abrechnung in Excel zusammenbastelt, vertippt sich. KI lügt nicht strategisch, sie berechnet Wahrscheinlichkeiten.“

Um sich vor Regressansprüchen zu schützen, schiebt die Plattform die finale Verantwortung konsequent auf die Nutzer*innen ab. „Man muss mit KI genauso umgehen wie mit einem Kollegen. Den Output hinterfragen, nicht blind vertrauen“, mahnt Falk. Wer als Vermieter*in das Tool nutze, sei am Ende selbst für die Richtigkeit der eingegebenen Daten und das finale Dokument verantwortlich. „Bei komplexen Sonderfällen empfehlen wir ausdrücklich den Gang zur Fachberatung“, räumt er ein. Auch dem strengen Datenschutz bei Finanzdokumenten begegnet er kompromisslos: Daten kostenloser Nutzer*innen werden nach der Erstellung sofort gelöscht und alle Übertragungen werden strikt verschlüsselt.

David gegen die LegalTech-Goliaths

NebenkostenPro steht für den aktuellen Trend rund um gebootstrappte KI-Start-ups, bei denen ein(e) einzelne(r) Gründer *inmoderne Sprachmodelle nutzt, um teure menschliche Arbeitskraft zu kommoditisieren. Doch was hindert Branchenriesen mit riesigen Budgets daran, Falks Idee mittels offener KI-Schnittstellen einfach zu kopieren?

Falk gibt sich entspannt und räumt ein, dass die reine KI-Technologie kein echter Burggraben sei. Sein Vorteil liege im Domänenwissen und in der Agilität: „Als die CO2-Kostenaufteilung kam, hatte ich das schneller drin als die meisten etablierten Anbieter.“ Zudem bediene NebenkostenPro als einzige Plattform beide Marktseiten – sie prüft für die einen und erstellt für die anderen.

Am Ende, so ist sich der Gründer sicher, gewinne nicht derjenige mit dem größten Team, sondern der Schnellere. „Der Vorsprung entsteht nicht durch eine einmalige technische Idee, sondern dadurch, dass man jeden Tag nah am Nutzer baut und schneller iteriert als die Konkurrenz.“

Der Moment, in dem alles auf dem Spiel steht

Warum du genau dann versagst, wenn es zählt – und was du sofort dagegen unternehmen kannst.

Das Investor-Meeting, für das du drei Monate gearbeitet hast. Die Präsentation vor dem Vorstand. Das Gespräch mit einem Teammitglied, das du schon zu lange aufgeschoben hast. Du weißt genau, was du sagen willst. Du bist vorbereitet. Und trotzdem: Dein Herz schlägt schneller, deine Stimme wird dünner, deine Gedanken rasen oder verschwinden einfach.

Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Muster. Und du kannst es verändern.

Was wirklich passiert, wenn der Druck steigt

In meiner Arbeit mit Gründer*innen und Führungskräften erlebe ich es immer wieder: Deine Kompetenz ist selten das Problem. Was unter Druck zusammenbricht, ist nicht dein Wissen, sondern dein Zugang dazu.

Der Grund liegt in deiner Physiologie. Sobald dein Gehirn eine Situation als bedrohlich einstuft – weil eine Bewertung droht, Fehler sichtbar werden könnten oder viel auf dem Spiel steht –, schaltet dein Körper in den Alarmmodus. Cortisol wird ausgeschüttet, die Kehlkopfmuskulatur spannt sich an, die Atmung wird flacher, Stimme wird höher. Das Sprechtempo steigt. Die Wirkung sinkt. Und genau das sendet die Stimme an unser Gegenüber: Unsicherheit.

Das Perfide daran ist, dass die häufigste Reaktion auf diesen Druck genau das verstärkt, was ihn erzeugt.

Mehr Vorbereitung ist nicht die Antwort

Du kennst das sicher: Noch einmal die Folien durchgehen, noch mehr Fakten recherchieren, noch mehr üben. Du versuchst, die Kontrolle zurückzugewinnen, indem du mehr weißt. Besonders als Gründer*in steckst du oft in diesem Muster fest. Deine inneren Antreiber rufen: „Sei perfekt!“, „Sei stark!“ oder „Beeil dich, zeig keine Schwäche!“

In der richtigen Dosis sind das Tugenden. Aber unter Druck schießen sie über das Ziel hinaus. Sie versetzen dich in einen Ausnahmezustand, der genau das verhindert, was du eigentlich erreichen willst: einen souveränen Auftritt.

Ein Beispiel: Florian, ein Geschäftsführer im Coaching, kennt das gut. Bei seinem ersten Pitch vor 200 Investoren wurde er immer schneller, bis ihm fast der Atem ausging. Erst durch die Arbeit an seinen inneren Mustern lernte er, seine Aufregung zu steuern – und trat im entscheidenden Moment so auf, wie er es sich vorgestellt hatte.

Dein Körper weiß es vor deinem Kopf

Souveränität lässt sich nicht allein im Kopf lösen. Wenn du versuchst, dir die Aufregung durch bloße Gedanken auszureden, kämpfst du mit dem falschen Werkzeug gegen eine instinktive körperliche Reaktion an.

Der direkte Weg zu deiner Wirkung führt über deinen Körper – konkret über deine Atmung und deine Stimme. Wenn du vor einem wichtigen Termin bewusst deine Ausatmung verlängerst (vier Sekunden einatmen, drei halten, acht ausatmen), aktiviert das deinen Vagusnerv.

Das parasympathische Nervensystem übernimmt, dein Herzschlag normalisiert sich und deine Stimmlage sinkt. Dein Gegenüber nimmt Ruhe wahr, noch bevor du deinen ersten Satz beendet hast. Das ist keine einfache Entspannungsübung – das ist Physiologie.

Was sofort wirkt

Drei Hebel helfen dir in akuten Situationen direkt:

  • Bauchatmung: Stabilisiert deine Stimme innerhalb von Sekunden.
  • Tiefe Stimmlage: Die Rückkehr in deine natürliche, etwas tiefere Lage sendet sofort Sicherheit. Sie signalisiert, dass kein Grund zur Eile besteht.
  • Tempo drosseln: Sprich bewusst langsamer, als du dich fühlst. Wer sich Zeit lässt, wirkt kompetenter.

Der letzte Punkt ist besonders relevant für Pitches und Investor*innengespräche. Tempo signalisiert Nervosität. Pausen signalisieren Überzeugung.

Was langfristig wirklich hilft

Sofortstrategien sind wichtig, aber sie behandeln das Symptom. Wenn du dauerhaft souveräner auftreten willst, musst du die Muster dahinter verstehen. Welcher innere Antreiber setzt dich unter Druck? Ist es der Drang, perfekt zu sein? Der Anspruch, keine Schwäche zu zeigen? Oder der Reflex, es allen recht machen zu wollen?

Diese Muster sind nicht fest in deinem Charakter verankert. Du hast sie gelernt, und du kannst sie verändern. Sobald du verstehst, was dein Nervensystem unter Druck auslöst, entsteht eine neue Wahl: Statt automatisch zu reagieren, kannst du bewusst handeln. Das Ergebnis ist keine gespielte Ruhe, sondern echte Präsenz.

Selbstbewusstsein ist kein Talent

Gerade wenn du gründest, bist du ständig in Situationen, in denen du überzeugen musst: Investor*innen, Kund*innen, dein Team. Deine Wirkung entscheidet oft schneller, als dein Inhalt verarbeitet werden kann. Tonlage, Tempo und Körperhaltung senden ein Signal, bevor der erste Satz fertig ist.

Die gute Nachricht: Das ist keine Frage von Talent oder Persönlichkeit. Es ist eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt. Du kannst lernen, auch unter Druck klar, ruhig und überzeugend aufzutreten. Es braucht dafür kein „neues Ich“, sondern nur den Zugang zu dem, was bereits in dir steckt.

Die Autorin Laura Wällnitz ist Stimm- und Präsenzexpertin für Führungskräfte. Sie kombiniert Sprechwissenschaft, Psychologie und Business Coaching und begleitet Führungskräfte seit fast 20 Jahren dabei, auch unter Druck klar, sicher und überzeugend aufzutreten. Ihr Buch „Selbstbewusst führen in 30 Tagen: Wie du souverän bleibst, Druck standhältst und mit starker Stimme überzeugst“ erscheint am 30. April 2026 im Campus Verlag, www.seidirselbstbewusst.com