Münchner ConTech-Start-up oculai schließt 2,5 Mio. Euro Seed-Runde ab


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Das 2021 von Constantin Kauffmann, Tim Sippl und Yannik Mack gegründete ConstructionTech-Start-up oculai schließt eine 2,5 Mio. Euro Seed-Runde zur KI-gestützten Prozesserfassung auf Baustellen ab.

Die Gründer Constantin Kauffmann, Tim Sippl und Yannik Mack kennen sich aus dem Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Idee zu dem Start-up entsprang aus der Forschung zur kamerabasierten Erfassung manueller Industrieprozesse. Das Start-up formte sich in mehreren Gründerprogrammen, wie der Digital Tech Academy, der UnternehmerTUM und des Zollhof Inkubators und wurde anschließend durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert bis oculai im Juli 2021 offiziell gegründet wurde. Mittlerweile sitzt das Unternehmen in München und beschäftigt rund 20 Mitarbeitende.

Mit dem frischen Kapital möchte das ConstructionTech-Start-up in die Weiterentwicklung der Technologie investieren und ihre Verbreitung auf Baustellen vorantreiben.

Die Finanzierungsrunde wird vom High-Tech Gründerfonds angeführt, der mit oculai sein 700. Investment in der Geschichte des Seed-Investors erfolgreich abschließt. Zudem beteiligen sich Bayern-Kapital als einer der erfahrensten High-Tech-Investoren des Landes mit Mitteln aus dem REACT-Teil des Bayern Kapital Innovationsfonds EFRE und der in Frankreich ansässige VC-Fonds Axeleo Capital über seinen Contech-Proptech-Fonds, der sich auf Startups in Europa konzentriert. Die Runde wird um das Accelerator-Programm Leonard und weitere namhafte Privatinvestoren ergänzt. Diese Investoren umfassen Arno Zinke, Ex-Gründer und Manager von Autodesk und Hexagon, Christoph Jentzsch, Ex-Gründer und CEO von Slock.it und corpus.ventures, und Tobias Ortmaier, Ex-Gründer und Managing Director von Yuanda Robotics, voraus robotik und avatera.

Digitalisierungs- und KI-Lösung für Bauunternehmen

Oculai ist eine aufstrebende Digitalisierungs- und KI-Lösung für Bauunternehmen. So werden mithilfe von Kameras an hohen Positionen und bisher einzigartigen Deep-Learning-Modellen Bauprozesse automatisiert erfasst. Die Nutzer*innen erhalten dadurch Zugriff auf Funktionen wie einen automatisierten Soll-Ist-Terminplan, selbstschreibende Bautagesberichte oder Prozesskennzahlen. Mit oculai werden Bauvorhaben transparenter, produktiver und planbarer, während Arbeitsprozesse der Bauleitung automatisiert werden. Derzeit wird die Lösung überwiegend im Rohbau und auf ersten Infrastruktur-Projekten eingesetzt.

„Gerade in der aktuellen Zeit wird die Transformation der Bauindustrie hin zu intelligenten Produktionssystemen immer wichtiger. Das merken wir auch an der Resonanz auf unser Produkt. Mit dem frischen Rückenwind können wir dieses Momentum nutzen und jetzt große Schritte tun“, erklärt Constantin Kauffmann, Co-Gründer und CEO von oculai.

„Die KI von oculai hat das Potenzial, ein Gamechanger für die Prozessplanung in der Bauindustrie zu werden. Wir beim HTGF sind stolz darauf, dass oculai unser 700. Seed-Investment ist. Ein Jubiläum, das zeigt wie aktiv und vielfältig die Start-up- und Innovationslandschaft in Deutschland ist. Mit unserer neuen Fondsgeneration HTGF IV stehen rund 500 Mio. Euro für Investitionen in vielversprechende Start-ups und Technologien zur Verfügung. Durch den größeren Kreis der Fondsinvestoren können wir mehr Mehrwert für die Portfoliounternehmen bieten und deutlich mehr pro Unternehmen investieren. Wir freuen uns, durch die Finanzierung von hochinnovativen Startups einen relevanten Beitrag zur Lösung vieler Herausforderungen leisten zu können“, so Dr. Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des HTGF.

„Egal wie groß oder komplex ein Bauvorhaben sein mag – oculai bietet den perfekten Überblick. Das Gründerteam hat eine einzigartige KI für den Rohbau entwickelt, die den in der Branche dringend benötigten höheren Automatisierungs- und Digitalisierungsgrad enorm steigern kann“, so Monika Steger, Geschäftsführerin von Bayern Kapital.

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Gründer*in der Woche: Neona Living – Lichtblicke im D2C-Markt

Das 2020 von Lea Wecken, René Schröder und Gabriel Wittschier gegründete Start-up Neona Living agiert in einem angespannten Marktumfeld. Im D2C-E-Commerce diktieren zunehmend asiatische Marktplätze wie Temu die Preise. Dennoch meldet das Leverkusener Unternehmen laut eigenen Angaben ein starkes Umsatzwachstum. Ein Blick auf die Strategie und die Herausforderungen eines gebootstrappten E-Commerce-Projekts.

Inmitten des harten Verdrängungswettbewerbs im D2C-E-Commerce des Home-&-Living-Segments agiert das 2020 gegründete Start-up Neona Living. Die Gründer*innen Lea Wecken, René Schröder und Gabriel Wittschier beweisen, dass sich der Leuchtenmarkt auch ohne eigene Produktion und stattdessen mit kuratiertem Design erfolgreich aufmischen lässt.

Die aktuellen Zahlen des Leverkusener Unternehmens unterstreichen diesen Kurs gegen den allgemeinen Plattform-Trend. Laut eigenen Angaben bedient Neona heute über 75.000 Kund*innen, der Umsatz habe sich 2025 auf einen knapp achtstelligen Betrag verdoppelt, und im ersten Quartal 2026 verzeichnete das Unternehmen ein starkes Wachstum um das 2,7-Fache im Vergleich zum Vorjahr. Für das Gesamtjahr 2026 visiert das gebootstrappte Start-up nun einen mittleren achtstelligen Umsatz an – ambitionierte Ziele, die sich im weiteren Jahresverlauf jedoch erst noch in testierten Bilanzen niederschlagen müssen.

Das Konstrukt Gründungs-Paar: Belastungsprobe im Wachstum?

Eine derart rasante Skalierung bringt unweigerlich operative Schmerzen mit sich und stellt das Führungsteam auf eine harte Probe. Bei Neona Living kommt in dieser ohnehin intensiven Phase eine besondere Dynamik hinzu: Die Gründerin Lea Wecken und ihr Mitgründer Gabriel Wittschier sind privat ein Paar. Es ist ein Detail, das bei Investor*innen oft kritisch gesehen wird, welches das Unternehmen jedoch ganz offen kommuniziert.

CEO Lea Wecken bezeichnet den Aufbau der Unternehmenskultur als „People Game“. Zur Illustration dient ein interner Slack-Channel, in dem Mitarbeitende wöchentliche private Highlights teilen. Doch trägt so ein Modell auch bei sinkenden Margen und wirtschaftlichem Druck?

„Die eigentliche Bewährungsprobe einer Unternehmenskultur kommt nicht im ruhigen Alltag, sondern immer dann, wenn Druck entsteht“, erklärt Wecken. Eine strikte Trennung von Beruf und Privatleben sei bei einem Gründungspaar ohnehin unrealistisch. In kritischen Momenten gelte bei strategischen Differenzen ein pragmatisches Prinzip: „Am Ende trifft die Person, die in ihrem Bereich den Hut aufhat, auch die finale Entscheidung.“ Wichtig sei, dass Sachthemen nicht persönlich genommen werden.

Kuratiertes Sortiment und der fehlende technologische Burggraben

Laut globalgrowthinsights soll der deutsche Markt für Lampen und Leuchten bis 2029 auf rund 8,36 Milliarden Euro anwachsen. Während der Gesamtmarkt eher moderat performt, verzeichnet das Segment der dekorativen Beleuchtung ein jährliches Wachstum von etwa 2,8 Prozent.

Statt wie Plattformen à la Lampenwelt auf maximale Sortimentstiefe zu setzen, fokussiert sich Neona auf ein kuratiertes Portfolio mit minimalistisch-skandinavischer Ästhetik. Das Unternehmen verzichtet auf eine eigene Produktion. Die Leuchten werden bei Partnern in Fernost gefertigt. Das hält die Fixkosten und Auslastungsrisiken gering, birgt jedoch branchenüblich das Risiko einer niedrigen technologischen Eintrittsbarriere.

Ohne exklusive Hochtechnologie-Patente liegt der sogenannte Burggraben (Moat) fast ausschließlich im Brand-Building und in der Content-Produktion. Lea Wecken räumt ein, dass sie nicht jedes eigene Design automatisch als bahnbrechende Innovation bezeichnen würde. Innovation zeige sich bei Neona vielmehr in Technik, die sich in den Alltag einfügt – etwa durch austauschbare Trafos oder flexibel steuerbare Lichttemperaturen. Dennoch bleibt das margenstarke Premium-Versprechen in diesem Modell anfällig für Nachahmer*innen, da Wettbewerber*innen ähnliche Designs zügig adaptieren können.

Customer-Acquisition-Kosten und das Nachhaltigkeits-Dilemma

Wie fast alle D2C-Player ist Neona von Performance-Marketing bei Plattformen wie Meta und Google abhängig. Um den steigenden Customer Acquisition Costs (CAC) zu begegnen, setze man laut Wecken strategisch verstärkt auf organische Reichweite und Kund*innenbindung. „Wiederkehrende Kundinnen und Kunden sind langfristig deutlich wertvoller als kurzfristig eingekaufte Aufmerksamkeit“, so die Gründerin.

Ein struktureller Spagat zeigt sich beim Thema Umweltbewusstsein: Auf der Website wird Nachhaltigkeit beworben, während das D2C-Geschäftsmodell auf globalen Lieferketten und Einzelversand basiert. Die Gründerin benennt diesen Widerspruch pragmatisch: „Wir würden niemals behaupten, dass ein physisches Produkt, das produziert und verschickt wird, vollkommen nachhaltig ist.“ Man versuche dies durch langlebige Designs und den Einsatz energieeffizienter LEDs zu kompensieren. Verbraucherschützer merken bei derartigen D2C-Modellen jedoch regelmäßig an, dass der CO2-Fußabdruck durch die Logistik aus Asien und den Einzelversand an den Endkund*innen schwer wiegt.

Operative Herausforderungen in der Skalierung

Das angestrebte Wachstum bringt operative Hürden mit sich. „Einer unserer größten Lernmomente war die Erkenntnis, dass Wachstum viele Probleme zunächst kaschiert“, gibt Lea Wecken zu. Eine Unterschätzung der Nachfrage führte in der Vergangenheit zu frustrierenden Lieferengpässen und verpassten Umsätzen. Ab einer gewissen Größe werde operative Exzellenz wichtiger als reines Marketing. Ihr Appell an andere Start-ups: „Baut eure Strukturen immer ein Stück früher auf, als ihr glaubt, sie zu brauchen.“

Fazit

Das Beispiel Neona zeigt exemplarisch, wie moderner D2C-Handel abseits der großen Plattformen funktionieren kann. Ohne eigene Produktionsstätten setzt das Unternehmen fast vollständig auf Brand-Building und eine kuratierte Ästhetik. Das wirtschaftliche Fundament basiert auf der Wette, dass Konsument*innen bereit sind, für dieses kuratierte Lebensgefühl einen deutlichen Aufpreis zu zahlen. Ob sich diese Strategie angesichts steigender Werbekosten und der aggressiven Konkurrenz dauerhaft trägt oder ob am Ende doch der Exit an einen Aggregator steht, werden die kommenden Geschäftsjahre zeigen müssen.

Regulierung als Wachstumstreiber: Wie das EU-Vernichtungsverbot für Textilien einen Milliardenmarkt für Start-ups schafft

In wenigen Tagen, am 19. Juli 2026, tritt die strengste Phase der neuen EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft: Große Händler*innen dürfen unverkaufte Kleidung und Retouren nicht mehr vernichten. Was die klassische Textilindustrie unter massiven Anpassungsdruck setzt, ist für Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft der Startschuss für einen hochprofitablen B2B-Markt. Eine Markteinordnung.

Die Zahlen der Fashion-Industrie waren lange ein ökologischer Offenbarungseid: Bei Retourenquoten von teils über 40 Prozent im Onlinehandel landeten europaweit jährlich Millionen Tonnen neuwertiger Textilien im Schredder oder in der Verbrennungsanlage. Die Sichtung und Aufbereitung von Retouren oder Saisonware war für viele Marken schlichtweg teurer als die Entsorgung.

Doch damit ist ab dem 19. Juli 2026 Schluss. Mit dem Greifen der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) gilt für große Unternehmen ein striktes Vernichtungsverbot für Bekleidung, Accessoires und Schuhe. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling etablieren und diese lückenlos dokumentieren. Wer dennoch entsorgt, muss Menge und Gründe künftig öffentlich machen – ein enormes Reputationsrisiko. Für mittelständische Unternehmen folgt das Verbot 2030, Kleinstunternehmen bleiben vorerst ausgenommen.

„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, ordnet Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung, die politische Weichenstellung ein.

Der Markt: Compliance erzwingt Innovation

Damit wandelt sich die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in der Textilbranche schlagartig von einem CSR-Thema („nice to have“) zu harter Compliance. Marken suchen händeringend nach externen Dienstleister*innen, um ihre Prozesse gesetzeskonform und kosteneffizient umzubauen.

Fast Fashion und der Post-Consumer-Abfall

Das neue Vernichtungsverbot ist ein regulatorischer Meilenstein, doch es adressiert vor allem die Spitze des Eisbergs: unverkaufte Neuware und Retouren (Pre-Consumer-Waste). Die weitaus größere Herausforderung bleibt das dahinterliegende Geschäftsmodell der Fast Fashion. Durch extrem kurze Nutzungsdauern, mindere Materialqualitäten und geringe Wiederverwendungsquoten entsteht der Großteil des globalen Textilmüllbergs erst nach dem Kauf bei dem /der Endverbraucher*in.

„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, mahnt Dr. Carsten Gerhardt. Für Start-ups bedeutet das: Wer nicht nur unverkaufte Neuware rettet, sondern skalierbare Lösungen für den gewaltigen Post-Consumer-Abfall der Fast-Fashion-Industrie findet, bedient einen Markt mit gigantischem Volumen.

Das deutsche Start-up-Ökosystem: Wer den Kreislauf schließt

In genau diese Lücken stoßen derzeit deutsche Start-ups. Sie bauen die technologische und logistische Infrastruktur für eine Industrie, die bisher primär auf den linearen Vertrieb optimiert war. Das Ökosystem fächert sich dabei in hochspezialisierte Segmente entlang des gesamten Produktlebenszyklus auf:

Produktdesign & digitale Infrastruktur (Pre-Life)

Um Textilien am Ende ihrer Lebensdauer verwerten zu können, müssen Materialzusammensetzungen exakt bekannt sein.

  • circular.fashion (Berlin): Das Start-up von Gründerin Ina Budde zählt zu den deutschen Pionieren für den von der EU geforderten Digitalen Produktpass (DPP). Mit der circularity.ID erhält jedes Kleidungsstück einen digitalen "Reisepass" (via QR-Code oder NFC), der alle Infos zu Materialien speichert. Zudem bietet das Unternehmen eine Software an, die Designern schon beim Entwurf zeigt, ob ein Produkt später mechanisch oder chemisch recycelbar ist.

Recommerce-as-a-Service & Reverse Logistics (Mid-Life)

Unverkaufte Ware und Retouren müssen vorrangig wieder in den Markt gebracht werden.

  • reverse.supply (Berlin): Einer der führenden Akteure für B2B-Recommerce. Das Start-up baut für Marken wie Armedangels oder hessnatur White-Label-Second-Hand-Shops auf und übernimmt die komplette „Reverse Logistics“ im Hintergrund: Annahme, Qualitätsprüfung (Grading), Aufbereitung und Fotografie. Für Marken, die ab sofort nicht mehr vernichten dürfen, ist dieser Service ein direkter Rettungsanker.
  • Recash (München): Ein plattformgetriebener Ansatz, der Marken hilft, Recommerce unkompliziert an den primären E-Commerce anzudocken. Das Start-up fungiert als Schnittstelle zwischen Kunden, Marken und Second-Hand-Verwertern.
  • TextilTiger: Der Spezialist für die „First Mile“ der Alttextilien. Das in Hamburg gegründete Start-up holt Altkleider mit E-Lastenrädern direkt an der Haustür ab – ein Service, den das Unternehmen aktuell fokussiert in München anbietet. Das verhindert die in klassischen Sammelcontainern übliche Verschmutzung und garantiert die hohe Materialqualität, die für ein anschließendes Recycling zwingend nötig ist.

DeepTech, Recycling & Materialrückgewinnung (End-of-Life)

Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen recycelt werden. Hier liegt die höchste technologische Einstiegshürde.

  • eeden (Münster): Das Start-up löst das Problem von Mischgeweben (z.B. Baumwoll-Polyester-Mix). Mit einem patentierten chemischen Recyclingverfahren gewinnen sie Zellulose aus Alttextilien zurück, die zu neuen, hochwertigen Fasern gesponnen wird. Wie stark dieser Markt wächst, zeigt eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung von eeden über 18 Millionen Euro.
  • TURNS (Erlangen): Fokussiert sich auf das physische Faser-zu-Faser-Recycling. Das exist-geförderte Start-up sortiert Alttextilien und verarbeitet sie zu hochwertigem Recycling-Garn für neue Kollektionen.
  • Kleiderly (Berlin): Für Textilien, die nicht mehr zu Garn werden können, hat das preisgekrönte Start-up ein Verfahren entwickelt, das Textilmüll in eine Alternative zu erdölbasiertem Plastik umwandelt – etwa für die Produktion von Kleiderbügeln für die Modeindustrie.

B2B-Nischen & Corporate Workwear

Auch abseits der klassischen Modeindustrie entsteht durch die Regulierung enormer Innovationsdruck.

  • Circularity: Das Alumni-Start-up (Batch 1) des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung zeigt, wie branchenspezifische Lösungen aussehen. Das Team entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe speziell für Berufsbekleidung. Ein enormer Hebel, da Workwear aufgrund von Firmenlogos und Sicherheitsnormen bisher fast ausnahmslos der Verbrennung zugeführt wurde.

Wo die Chancen für Gründer*innen liegen

Das Wettbewerbsumfeld formiert sich gerade neu. Für Gründer*innen und VCs ergeben sich vor dem Hintergrund der neuen EU-Regulierung drei zentrale Kernmärkte mit enormem Skalierungspotenzial:

  1. Software & Reporting: Werkzeuge für Materialdokumentation, Traceability (DPP) und rechtskonformes Reporting treffen aktuell auf Kunden mit extrem hoher Zahlungsbereitschaft, da die Fristen für die großen Akteur*innen ablaufen.
  2. Infrastructure-as-a-Service: Modekonzerne sind auf den Hinweg zur Kundschaft optimiert. Start-ups, die die extrem kleinteilige Logistik für Grading, Refurbishment und Recommerce als White-Label-Lösung abnehmen, skalieren stark.
  3. Climate-Tech & Materialinnovation: Verfahren, die das Textilrecycling vom Labor in den industriellen Maßstab bringen, lösen den größten Flaschenhals der gesamten Branche und stehen im Fokus großer Kapitalgebenden.

Fazit

Das Vernichtungsverbot markiert das regulatorisch erzwungene Ende des linearen „Take-Make-Dispose“-Modells in der Textilbranche. Der Gesetzgeber agiert ab sofort als mächtigster Vertriebsmitarbeiter für Circular-Economy-Start-ups. Wer jetzt die B2B-Schnittstellen baut, um großen Marken die Kreislaufwirtschaft als Service anzubieten, positioniert sich rechtzeitig in einem wichtigen europäischen Wachstumsmarkt.

Dekarbonisierung als Renditehebel: PropTech Fuchs & Eule sichert sich 10 Mio. Euro

Das Berliner Start-up Fuchs & Eule schließt eine Finanzierungsrunde in Höhe von 10 Mio. Euro ab. Das Kapital fließt in den Ausbau KI-gestützter Sanierungsberatung für gewerbliche Immobilienportfolios. Doch hinter den Kulissen verfolgt das Unternehmen längst eine breiter angelegte Doppelstrategie. Reicht eine digitale Analyse, um den analogen Sanierungsstau in Deutschland zu lösen? Ein tieferer Blick auf das Geschäftsmodell, den Markt und die Köpfe hinter der Plattform.

Die Zinswende und verschärfte ESG-Vorgaben setzen die Immobilienbranche massiv unter Druck. Die Preise am Markt zweiteilen sich zunehmend: Während Immobilien mit guten energetischen Standards im Wert steigen, drohen unsanierte Objekte zu sogenannten „Stranded Assets“ mit Wertverlusten zu werden. Genau an dieser Schnittstelle agiert das Berliner Start-up Fuchs & Eule. Als digitaler Energie- und Sanierungsberater konnte das Team nun namhafte Geldgeber überzeugen.

In der aktuellen Finanzierungsrunde sammelt das Unternehmen 10 Millionen Euro ein. Angeführt wird die Runde vom GET Fund als Lead-Investor. Als Neuinvestoren steigen PI Impact und Wave-X ein. Zudem beteiligen sich die Bestandsinvestoren SET Ventures, Picus Capital und Realyze Ventures erneut. Das frische Kapital soll primär in den Ausbau des digitalen Geschäftsmodells fließen. Im Fokus stehen dabei KI-Technologien, intelligente Screenings sowie datenbasierte Analysen für individuelle Sanierungsberatungen, um Immobilienportfolios energieeffizienter und wertsteigernd zu transformieren.

Start-up-Erfahrung trifft Ingenieurwesen

Gegründet wurde Fuchs & Eule im Jahr 2021. Zum fünfköpfigen Gründungsteam gehören Robin Behlau, Dr. Tobias Frese, Lina Adrian, Dr. Friso Zimmermann und Matthias Kube.

Besonders der Name Robin Behlau lässt in der deutschen Gründungsszene aufhorchen. Als Gründer von Aroundhome (ehemals Käuferportal) hat Behlau bereits bewiesen, wie man fragmentierte Märkte digitalisiert, Leads generiert und Plattformen skaliert. Diese Erfahrung im Plattformaufbau trifft bei Fuchs & Eule – rechtlich eine Marke der Valyria Technology GmbH – auf ein mittlerweile über 100-köpfiges Expert*innen-Netzwerk, das ingenieurstechnisches Fachwissen mit digitalen Analyse-Tools bündelt.

Der Spagat zwischen Asset-Manager*innen und Eigenheimbesitzer*innen

Die aktuelle Kommunikation von Fuchs & Eule positioniert das Unternehmen klar im B2B-Segment: Bestandshalter, Family Offices und Asset-Manager*innen von Wohn- und Gewerbeimmobilien bilden die Kernzielgruppe. Der Beratungsansatz gliedert sich in klar definierte digitale Schritte:

  • KI-Portfolioscreening: Zum Einstieg identifiziert die Software diejenigen Gebäude eines Portfolios, die das größte Sanierungs- und Wertsteigerungspotenzial aufweisen.
  • Digitale Zwillinge & Analysen: Auf dieser Basis erstellen die Expert*innen detaillierte Gebäudeanalysen, um wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen abzuleiten.
  • Fördermittel-Begleitung: Ergänzend unterstützt das Start-up bei der Auswahl passender Programme und der Antragstellung.

Bislang wurden laut Unternehmensangaben rund 10.000 Analysen auf mehr als fünf Millionen Quadratmetern Fläche durchgeführt. Die eingesetzte Technologie soll dabei geholfen haben, pro Gebäude und Jahr durchschnittlich 21,6 Tonnen CO2 einzusparen.

Der Realitäts-Check: Die offizielle B2B-Kommunikation bildet jedoch nur einen Teil des tatsächlichen Geschäftsmodells ab. Während die neue Finanzierung das hochkomplexe, margenstarke Projektgeschäft für institutionelle Investoren anschieben soll, ist das Start-up operativ längst tief im B2C-Geschäft verwurzelt. Über weitreichende B2B2C-Partnerschaften – unter anderem mit dem toom Baumarkt, dem Bauelemente-Hersteller heroal und Verbänden wie Haus & Grund – skaliert das Unternehmen parallel das kleinteilige Volumengeschäft der individuellen Sanierungsfahrpläne (iSFP) für private Eigenheimbesitzer*innen.

Markt und Regulatorik: Rückenwind aus Brüssel

Der Markt für energetische Sanierungen wächst organisch, wird aber primär durch harte Regulatorik getrieben. Die EU-Gebäuderichtlinie gibt einen straffen Zeitplan vor: Bis zum Jahr 2030 müssen 16 Prozent aller Nichtwohngebäude, die sich EU-weit im schlechtesten energetischen Zustand befinden, saniert werden. Bis 2033 steigt diese Quote auf die schlechtesten 26 Prozent.

Ohne spezialisierte Expertise und datengestützte Priorisierung sind diese Zielvorgaben für institutionelle Bestandshalter kaum zu bewältigen. Hier greift der „Done-for-you“-Ansatz von Fuchs & Eule, der Komplexität aus dem Entscheidungsprozess nehmen und diesen für Portfolio-Manager*innen beherrschbar machen soll.

Engpass Handwerk und Doppelstrategie

Trotz des beeindruckenden Wachstums, der starken Investoren und des klaren Founder-Market-Fits steht das Geschäftsmodell vor branchenüblichen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt:

Der Umsetzungs-Flaschenhals: Digitale Zwillinge und KI-Analysen schaffen hervorragende Transparenz, bauen aber keine Wärmepumpen ein. Eine fundierte Sanierungs-Entscheidung ist nur der erste Schritt. Der eigentliche Engpass der Wärmewende in Deutschland bleibt der Fachkräftemangel im Handwerk. Wenn die identifizierten Maßnahmen aufgrund fehlender Kapazitäten nicht zeitnah umgesetzt werden können, verzögert sich der Effekt der schnellen digitalen Analyse.

Die ressourcenintensive Doppelstrategie: Den B2B-Markt (komplexe Gewerbeportfolios) und den B2C-Markt (Einfamilienhäuser via Kooperationen) parallel zu bespielen, erfordert enorme Ressourcen. Die Herausforderung für das Management wird darin bestehen, in zwei völlig unterschiedlichen Zielgruppen den operativen Fokus zu behalten.

Abhängigkeit von volatiler Förderpolitik: Ein zentraler Baustein des Modells ist die Fördermittelberatung. Die deutsche Subventionspolitik hat sich in den letzten Jahren durch plötzliche Förderstopps teils als unberechenbar erwiesen. Eine veränderte Förderkulisse kann die Wirtschaftlichkeitsrechnungen von Sanierungsprojekten kurzfristig verändern.

Fazit

Fuchs & Eule adressiert eines der größten und kapitalintensivsten Probleme der deutschen Immobilienwirtschaft mit einem hochskalierbaren Ansatz. Gelingt es den Gründer*innen, den Spagat zwischen B2B und B2C zu meistern und durch ihr Partner-Netzwerk nicht nur die Theorie der Sanierung aufzuzeigen, sondern auch die analoge Umsetzung verlässlich zu begleiten, besitzt das PropTech beste Voraussetzungen, zu einem der führenden Player in der europäischen Bestands-Dekarbonisierung zu werden.

ARC Intelligence: 4 Mio. Euro für den KI-Angriff auf das Excel-Chaos deutscher CFOs

Das Berliner Start-up ARC Intelligence hat sich eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4 Millionen Euro gesichert. Mit einer KI-gestützten Finanzplattform wollen die Gründer den Mittelstand aus der Excel-Falle befreien und bestehende Unternehmenssysteme intelligent vernetzen. Doch der Weg in die Finanzabteilungen komplexer mittelständischer Unternehmensgruppen ist gespickt mit technologischen und kompetitiven Hürden.

Hinter ARC Intelligence stehen CEO Clemens Wessendorff und CTO Simon Zimmermann. Das Duo gründete das Softwareunternehmen 2024 in Berlin. Nach einer ersten Pre-Seed-Finanzierung vor rund einem Jahr (getragen unter anderem durch 468 Capital und IBB Ventures) hat das Start-up nun kräftig nachgelegt.

In der aktuellen Seed-Runde über 4 Millionen Euro übernimmt der Fonds 42CAP den Lead, während auch die bestehenden Investoren erneut mitgehen. Besonders bemerkenswert: Mit 42CAP-Partner Moritz Zimmermann steigt einer der profiliertesten europäischen Enterprise-Software-Investoren ein. Zimmermann hatte einst Hybris mitgegründet und das Unternehmen 2013 für rund 1,5 Milliarden US-Dollar an SAP verkauft. Die operative Entwicklung gibt dem jungen Team offenbar Rückenwind, denn seit der Pre-Seed-Phase konnte ARC seinen Umsatz laut eigenen Angaben verzehnfachen.

Das Geschäftsmodell: „AI-native Finance OS“

Das Geschäftsmodell von ARC setzt an einem altbekannten Schmerzpunkt an. Unternehmen haben in der Vergangenheit Milliarden in komplexe ERP-Systeme investiert. Dennoch basieren kritische Finanzentscheidungen – gerade in Gruppen mit mehreren Gesellschaften und internationalen Standorten – noch immer auf fragmentierten Daten, Excel-Tabellen und manuellen Reports.

ARC baut hierfür eine KI-gestützte Steuerungsebene (ein AI-native Finance OSs), die sich über bestehende ERP- und CRM-Systeme legt. Statt auf den Monatsabschluss zu warten, erhalten CFOs in Echtzeit einen Überblick über finanzielle und operative Treiber. Die bisherige Traction kann sich sehen lassen: Innerhalb von sechs Monaten konnten laut Unternehmen über 100.000 Stunden manueller Arbeit eingespart werden. Zu den frühen Nutzern gehören Vorzeige-Mittelständler wie Burmester, Pfanner Schutzbekleidung und Robert Bürkle. Zudem kooperiert ARC mit Private-Equity-Häusern wie Auctus Capital und GENUI, um in deren Portfoliounternehmen Finanzprozesse zu digitalisieren.

Markt, Wettbewerb und Risiken

Der eklatante Fachkräftemangel im Controlling und die anstehende Pensionierungswelle im Mittelstands-Management zwingen Firmen zunehmend zur Digitalisierung. ARC adressiert diese Lücke punktgenau und fokussiert sich bewusst auf die Steuerung komplexer, ERP-intensiver Organisationen. Der Markt für derartige Softwarelösungen gleicht jedoch einem Haifischbecken. Etablierte deutsche Platzhirsche wie Lucanet beherrschen die Konsolidierung seit Jahren, während hochkapitalisierte Scale-ups wie Pigment massiv in die Finanzabteilungen drängen. Zudem rüsten die ERP-Giganten selbst – allen voran SAP und Microsoft – ihre Systeme massiv mit eigenen KI-Modellen und Copilots auf.

Auch die technologische Umsetzung birgt Hürden: Das Versprechen von ARC, bestehende ERP-Systeme nicht ersetzen zu wollen, sondern als systemübergreifende Steuerungsebene zu agieren, ist in der Theorie extrem elegant. In der Praxis führt die Anbindung historisch gewachsener On-Premise-Datenbanken und fragmentierter Insellösungen jedoch oft zu enormem manuellen Onboarding-Aufwand, was die schnelle Skalierbarkeit eines Start-ups bremsen kann. Darüber hinaus sind CFOs traditionell restriktiv, was das Einspeisen hochsensibler Finanzdaten in neue Plattformen betrifft. ARC muss hier höchste Standards bei Datensicherheit und Compliance nicht nur zusagen, sondern in den komplexen mittelständischen Unternehmensgruppen technisch reibungslos beweisen.

Fazit

ARC Intelligence wählt einen klugen, sehr pragmatischen B2B-Ansatz. Dass ein Industrie-Schwergewicht wie Moritz Zimmermann an die Vision und die Umsetzungsstärke des Teams glaubt, ist ein echtes Ausrufezeichen im aktuellen VC-Markt. Das frühe Anpeilen von Private-Equity-Firmen als Multiplikatoren ist zudem ein exzellenter Go-to-Market-Schachzug. Gelingt es ARC, die berüchtigten Integrationshürden im fragmentierten deutschen ERP-Markt technologisch schlank zu lösen, hat das Start-up das Potenzial, sich vom KI-Tool für das CFO-Office langfristig zum zentralen Betriebssystem für ERP-intensive Unternehmen zu entwickeln.

DeepTech-Hoffnung aus München: Kann das KI-Start-up alqem die Materialforschung revolutionieren?

Das 2026 gegründete Münchner DeepTech-Start-up alqem hat eine beachtliche Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 8 Millionen Euro abgeschlossen. Unter der Führung namhafter Investoren wie UVC Partners und Union Square Ventures schickt sich das Unternehmen an, einen der zähsten Engpässe der Industrie zu lösen: die Entdeckung und Kommerzialisierung neuer Hochleistungsmaterialien. Doch der Markt für KI-gestützte Materialforschung heizt sich global rasant auf. Zeit für eine analytische Einordnung.

Die Basis für ein erfolgreiches DeepTech-Start-up ist fast immer wissenschaftliche Exzellenz gepaart mit unternehmerischem Pragmatismus. Bei alqem, das Teil des UnternehmerTUM-Ökosystems ist und Arbeitsplätze in München und Coimbra plant, scheint diese Mischung vielversprechend.

Das Gründungs-Trio vereint drei essenzielle Domänen:

  • Dr. Hanh Nguyen (CEO): Bringt mit vorherigen Stationen bei McKinsey, Unilever und OCI Global die nötige wirtschaftliche und strategische Skalierungserfahrung mit.
  • Dr. Tiago Cerqueira (CTO): Hat als Mitentwickler der offenen Materialdatenbank Alexandria bereits bewiesen, dass er große Datenmengen in der Materialwissenschaft strukturieren und nutzbar machen kann.
  • Prof. Milan Allan (CSO): Ist Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik an der LMU München und verantwortet die wissenschaftliche Perspektive im Labor.

Flankiert wird das Team von wissenschaftlichen Beraterinnen und Beratern, darunter Prof. Claudia Felser (Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe, Dresden), Prof. Miguel Marques (Ruhr-Universität Bochum) und dem ehemaligen McKinsey-Partner Michael Viertler. Forschungspartnerschaften mit der LMU München, der TUM, dem Max-Planck-Institut Dresden sowie den portugiesischen Universitäten Técnico Lissabon, Porto und Coimbra sichern den Zugang zu Talent*innen und Infrastruktur.

Der Markt: Raus aus der chinesischen Abhängigkeit

Der strategische Fokus von alqem trifft den industriepolitischen Nerv der Zeit. Das erste konkrete Anwendungsfeld des Startups sind Permanentmagnete, die ohne den Einsatz seltener Erden auskommen. Der Schmerz der europäischen Industrie ist hier gewaltig:

  • Rund 90 Prozent der heute verwendeten Hochleistungspermanentmagnete werden in China produziert, was eine immense geopolitische Abhängigkeit schafft.
  • Gleichzeitig liegt der letzte wesentliche Durchbruch in der Entwicklung neuer magnetischer Materialien mehr als 40 Jahre zurück.

Dr. Hanh Nguyen bringt das Potenzial auf den Punkt: Ziel sei es, Materialien systematisch zu erschließen, die etwa die Effizienz von Elektrofahrzeugen und Windturbinen steigern und kritische Lieferketten unabhängig von der Produktion in einem einzigen Land machen. Investoren wie Amanda Birkenholz von UVC Partners sehen in fortschrittlichen Materialien gar das Zentrum zukünftiger Technologien – von sauberer Energie über Mobilität bis hin zur Verteidigung.

Das Geschäftsmodell: Kritisch hinterfragt

Alqems Ansatz beruht auf einer zweigleisigen Plattformtechnologie: Einerseits "al-mine", eine Datenbank für vorhergesagte stabile kristalline Verbindungen, und andererseits "al-oracle", welches domänenspezifische Trainingsdaten für Materialeigenschaften liefert. Der entscheidende Differenzierungsfaktor – und gleichzeitig der mögliche Flaschenhals – ist die Ergänzung dieser digitalen Ebene durch eigene Laborkapazitäten zur Synthese und Charakterisierung der KI-Vorschläge. Das Start-up vermeldet, bereits eine Pipeline vielversprechender Kandidatinnen und Kandidaten entwickelt und deren vorhergesagte Leistungsfähigkeit experimentell validiert zu haben. Das erklärte Ziel: Den Entwicklungszyklus von der wissenschaftlichen Vorhersage bis zur industriellen Anwendung von Jahrzehnten auf Jahre oder gar Monate zu verkürzen.

Die strukturellen Herausforderungen des Modells:

  • Labor-Skalierbarkeit: Eine KI kann Millionen Verbindungen in Rekordzeit berechnen, doch die physische Synthese im Labor bleibt oft ein iterativer, ressourcenintensiver Prozess. 8 Millionen Euro Pre-Seed-Kapital klingen solide, können beim Aufbau eigener Hardware-Labore und teurer Prüfstände jedoch schnell aufgebraucht sein.
  • IP und Monetarisierung: Es bleibt die Frage, wie alqem skalierbare Umsätze generiert. Verfolgt das Startup ein Discovery-as-a-Service-Modell für große Industriekunden? Werden Patente für neuartige Magnete an Automobilzulieferer lizenziert? Wenn alqem den Weg wählt, Rohstoffe selbst zu produzieren, wird aus dem agilen KI-Start-up schnell ein kapitalintensives Industrieunternehmen.

Der Wettbewerb: Keine "Blue Ocean"-Strategie

alqem ist mit der Vision einer KI-gestützten Materialrevolution keineswegs allein. Die sogenannte "Materials Informatics" erlebt einen regelrechten Hype. Ein Blick auf den globalen Wettbewerb zeigt, wie umkämpft das Feld bereits ist:

  • Altrove (Frankreich): Das Pariser Start-up hat kürzlich Millionen eingesammelt, betreibt ebenfalls KI-gestützte Synthese-Labore und fokussiert sich exakt auf dasselbe Ziel: Alternativen zu seltenen Erden zu finden.
  • CuspAI (UK): Mit einem massiven Funding von über 100 Millionen US-Dollar im Rücken fokussiert sich dieses Team auf neue Materialien für den Klimaschutz.
  • Dunia (Deutschland) & Materials Nexus (UK): Beide Start-ups nutzen „Self-Driving Labs" und maschinelles Lernen, um Materialentwicklungen drastisch zu beschleunigen.

Darüber hinaus werfen Tech-Giganten wie Google (mit dem GNoME-Projekt) und Microsoft (mit MatterGen) enorme Rechenpower auf das Problem und stellen Millionen neuer Kristallstrukturen open-source zur Verfügung. Alqem muss in den nächsten Monaten beweisen, dass die Symbiose aus eigenen Datenfundamenten und hauseigenem Labor einen ausreichend tiefen Burggraben gegen diese Übermacht bietet.

Unser Fazit

Mit alqem tritt ein akademisches Schwergewicht aus dem Münchner Ökosystem in den Ring, das das Potenzial hat, Europas industrielle Souveränität im Hardware-Sektor entscheidend zu stärken. Die Idee, eine systematische Karte des Materialuniversums mit Hunderten Millionen Möglichkeiten zu entwerfen und direkt physisch zu validieren, ist ambitioniert und exzellent fundiert. Die Lead-Investoren setzen hier spürbar darauf, Weltklasse-Wissenschaft in ein skalierbares Unternehmen zu übersetzen.

Das Gründungsteam muss nun beweisen, dass es nicht nur exzellent forschen, sondern auch kommerziell abliefern kann. Gelingt es alqem, den ersten marktreifen Hochleistungsmagneten ohne seltene Erden seit über vierzig Jahren industriell anwendbar zu machen, hat Deutschland ein potenzielles neues Unicorn im DeepTech-Sektor. Das Rennen um die Materialien der Zukunft hat allerdings gerade erst begonnen.

KI-Kameras gegen den Blindflug: Almetra sichert sich 16,3 Millionen Euro

Das 2022 aus dem Berliner Venture Studio Merantix hervorgegangene KI-Start-up Almetra, das in der Szene bislang unter dem Namen Deltia bekannt war, hat erfolgreich eine Series-A-Finanzierungsrunde über 16,3 Millionen Euro abgeschlossen. Unter der Führung des transatlantischen Investors blisce/ – und mit Beteiligung weiterer Geldgeber wie NAP, Merantix Capital, Robin Capital, Underline sowie Critical Ventures – plant das rund 40-köpfige Unternehmen nun die Expansion in die USA. Zu den bestehenden Kunden zählen laut Almetra bereits Schwergewichte wie Bosch, Siemens Energy und ABB.

Die Fertigungsindustrie steht massiv unter Druck: Steigende Kosten, Fachkräftemangel und zunehmende Konkurrenz aus Niedriglohnländern drücken die Margen auf jeder Ebene der Lieferkette. Gleichzeitig basieren Entscheidungen auf dem Shopfloor oft noch auf manuellen, fragmentierten Prozessen und lückenhaften Daten. Almetras Lösung setzt genau hier an, indem die Plattform KI-gestützte Kameras nutzt, um Produktionsabläufe zu erfassen und diese direkt vor Ort in Echtzeit in Kennzahlen wie Durchsatz und Auslastung zu übersetzen, ohne dass eine aufwendige IT-Integration nötig ist. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde vollzieht das Unternehmen einen strategischen Schwenk von einer reinen Lösung für visuelle Produktionsanalysen hin zu einer zentralen Daten- und Automatisierungsplattform. Zukünftig sollen Videodaten, Maschinendaten und bestehende IT-Systeme sowie das Wissen der Mitarbeitenden auf einer einheitlichen Basis gebündelt werden, was auch den Einsatz von Robotik in den Werken ermöglichen soll.

Die Köpfe hinter der Technologie

Gegründet wurde Almetra von Maximilian Fischer und Silviu Homoceanu. Das Duo vereint dabei tiefgreifende Industrieerfahrung mit akademischer KI-Forschung. Maximilian Fischer, CEO und Maschinenbauingenieur der ETH Zürich, analysierte und digitalisierte in seiner bisherigen Laufbahn weltweit bereits Dutzende Fabriken. Sein Co-Gründer Silviu Homoceanu hält einen Doktortitel in Machine Learning und verantwortete zuvor die Software-Einheit für autonomes Fahren bei Volkswagen. Die technologische Tiefe von Almetra wird zudem durch die Aufnahme in renommierte Programme wie den Robotics Accelerator von Google DeepMind sowie das Physical AI Fellowship von AWS, Nvidia und MassRobotics untermauert.

Datenschutz vs. Effizienz

Das Versprechen, die Produktivität bei namhaften Firmen durch die Abschaffung von „Blindflügen“ um bis zu 20 Prozent zu steigern, klingt für Produktionsleiter extrem verlockend. Laut Unternehmensangaben konnte die Produktionsleistung bei Kunden wie eBike Systems innerhalb weniger Wochen bereits um 19 Prozent gesteigert werden. Dennoch birgt das Geschäftsmodell der visuellen Erfassung durch Computer Vision inhärente regulatorische und soziale Risiken. Die Sorge vor einer potenziellen visuellen Dauerüberwachung am Fließband ruft unweigerlich Gewerkschaften und Betriebsräte auf den Plan. Almetra versucht diesem potenziellen „Big-Brother“-Image proaktiv durch striktes lokales Edge Computing zu begegnen: Sämtliche Aufnahmen werden von Beginn an anonymisiert und der Großteil der Daten verlässt die Fabrikhalle nie. Lediglich kurze, zufällig ausgewählte Sequenzen werden zur Ursachenanalyse gespeichert. Abseits der internen Firmenpolitik stellt der EU AI Act eine signifikante Hürde für den Sektor dar. Dauerhafte und lückenlose Compliance im Umgang mit sensiblen Mitarbeiterdaten wird für die Skalierung des Geschäftsmodells in Europa eine ständige Begleiterscheinung sein.

Ein hart umkämpfter Markt

Die Nische der Produktionsanalytik durch Künstliche Intelligenz ist lukrativ, aber dicht besiedelt. Globale Unternehmen wie Viso.ai, Roboflow oder Jidoka Tech bieten der Industrie bereits ausgereifte KI-Plattformen für Qualitätssicherung, Fehlererkennung und Echtzeit-Monitoring an. Gleichzeitig konkurriert Almetra mit bewährten Plattformen wie Shoplogix oder ValueStreamer, die seit Jahren darauf spezialisiert sind, Maschinen- und Produktionsdaten über MES- und ERP-Schnittstellen auszuwerten. Wenn Almetra nun den Anspruch erhebt, zur zentralen Daten- und Automatisierungsplattform der Fabriken zu werden, begibt sich das Startup unweigerlich auf Kollisionskurs mit den gigantischen, oft schwerfälligen, aber tief im industriellen Rückgrat verankerten Systemen etablierter IT-Konzerne.

Unser Fazit

Mit dem Rebranding und der Millionenspritze demonstriert Almetra eindrucksvoll, wie sich europäische DeepTech-Expertise in einen handfesten B2B-SaaS-Case übersetzen lässt. Das Gründerteam hat verstanden, dass reine visuelle Analysen für die Industrie auf Dauer nicht ausreichen – der Sprung zur ganzheitlichen Automatisierungsplattform ist der strategisch richtige nächste Schritt. Der Erfolg des Berliner Start-ups, besonders bei der nun anstehenden US-Expansion, wird am Ende von zwei kritischen Faktoren abhängen. Erstens muss es gelingen, in den Fabrikhallen den Spagat zwischen technischer Effizienzsteigerung und strengsten Datenschutzvorgaben in der Praxis dauerhaft zu meistern. Zweitens wird sich zeigen müssen, ob sich die Plattform gegen bereits stark integrierte IT-Giganten auf dem Shopfloor durchsetzen kann. Schafft Almetra beides, hat das Team eine reale Chance, den globalen Markt für Enterprise-Manufacturing-Software maßgeblich mitzugestalten.

Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus

Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?

Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.

Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen

Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.

Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.

Im Becken der Tech-Haie

Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.

Genialer Schachzug oder riskante Wette?

Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.

Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.

Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten

Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.

Kyrok sichert sich 3,1 Mio. Euro: KI-Pflaster für die alternde Supply-Chain des Mittelstands

Das Berliner Start-up Kyrok sammelt frisches Kapital ein, um Lieferketten in der europäischen Chemie- und Pharmabranche mittels KI zu modernisieren. Doch während das „Overlay“-Geschäftsmodell schnelle Erfolge und das Umgehen alter IT-Strukturen verspricht, bleibt die strategische Frage, ob es die tieferliegenden IT-Altlasten des deutschen Mittelstands langfristig beheben kann.

Das Industrie-KI-Start-up Kyrok hat sich 3,1 Millionen Euro in einer Pre-Seed-Runde gesichert. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von dem europäischen Risikokapitalgeber Speedinvest. Zu den weiteren Investoren zählen Arve Capital und das Family Office des Marktführers für aktive Pharmaverpackungen Sanner. Hinzu kommen renommierte Köpfe aus Industrie und Tech: Dr. Marcell Vollmer (Ex-CPO SAP), Dr. André Heeg (BCG), Dr. Stephan Rohr (CEO TWAICE), die Langdock-Gründer Jonas Beisswenger, Tobias Kemkes und Lennard Schmidt sowie Rodrigo Martinez über HelloWorld. Mit dem frischen Kapital baut Kyrok das Betriebssystem aus, entwickelt weitere Module und erweitert gezielt das Berliner Team, um die wachsende Nachfrage zu bedienen.

Gründungshistorie und die Köpfe dahinter

Gegründet wurde Kyrok 2025 von Daniel Hofinger und Lukas Bierfreund in Berlin. Beide Gründer absolvierten die WHU und Hofinger studierte zudem an der Frankfurt School of Finance & Management. Das Duo verfügt über ein umfassendes Know-how in der Implementierung von Software bei Industriekunden. Der Wirtschaftsinformatiker Hofinger hat mit seinen bisherigen Software-Gründungen zusammengerechnet mehr als 1.200 Mittelständler betreut und achtstellige Umsätze erzielt. Noch bevor eine Zeile Code geschrieben wurde, hatten die beiden über 200 Interviews mit Entscheidern aus Pharma und Chemie geführt und in zahlreichen Werksbesuchen und Workshops die Produktions- und ERP-Prozesse im Mittelstand analysiert.

Markt und Problemstellung: Der immense Druck auf den Mittelstand

Das Start-up zielt auf den europäischen Pharma- und Chemie-Mittelstand ab. Pharma und Chemie sind nach dem Fahrzeug- und Maschinenbau der drittgrößte Industriezweig Deutschlands und stehen laut Verband der Chemischen Industrie für mehr als 560.000 Beschäftigte. Über 90 Prozent der Unternehmen sind mittelständisch geprägt. Gleichzeitig altert die Belegschaft: In der Fertigung ist heute jeder vierte Beschäftigte 55 Jahre oder älter. Gehen diese erfahrenen Fachkräfte in Rente, droht wertvolles Prozesswissen verloren zu gehen.

Während über digitale Souveränität diskutiert wird, läuft ein erheblicher Teil der deutschen Pharma- und Chemieproduktion noch auf SAP R/3 aus den 1990er-Jahren oder auf Excel. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Lieferketten. Allein zum Jahresende 2025 bestanden laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) knapp 560 Lieferengpassmeldungen. Erhöht die europäische Industrie ihre Produktivität im internationalen Wettbewerb nicht, drohen weitere Produktionsverlagerungen. Alterung, Engpässe und Wettbewerbsdruck treffen damit ausgerechnet die Unternehmen am härtesten, die das Rückgrat der Branche bilden: den Mittelstand.

Das Produkt: Evolution statt aufwendiger IT-Migration

Kyroks Betriebssystem für Supply-Chain-Teams legt sich als Anwendungsebene über bestehende ERP-Systeme, ganz ohne Systemmigration, und überwindet so gewachsene Daten-Silos. Statt zwischen ERP und weiteren Anwendungen zu wechseln, arbeiten die Teams in einer modernen Oberfläche, in der industriespezifische KI-Agenten sie durch ihre Prozesse führen. Den Anfang macht der Kundenservice bei der Auftragserfassung, bevor Produktionsplanung, Materialplanung und Einkauf folgen.

Die Software lernt mit jeder Interaktion die nutzerspezifischen Verhaltensmuster besser kennen, sodass Wissen von den Köpfen ins System wandert. Die KI-Agenten übernehmen die Routine, doch die Entscheidung bleibt beim Menschen. Erste Pilotphasen bei mittelständischen Pharma- und Chemieunternehmen zeigen, dass Kyrok mehr als 80 Prozent komplexer Aufträge fehlerfrei erfasst. Bei Routineaufgaben ergeben sich ein hoher Zeitgewinn und eine deutlich reduzierte Fehlerquote. Alle Daten liegen dabei DSGVO-konform auf europäischer Infrastruktur in Frankfurt am Main.

Der „Overlay“-Ansatz als zweischneidiges Schwert

Kyroks Go-to-Market-Strategie adressiert elegant das akuteste Problem bei der Digitalisierung im Mittelstand: die immense Trägheit und die Angst vor riesigen IT-Umstellungen. Der Verzicht auf eine langwierige Systemmigration reißt die wohl höchste Einstiegshürde bei der Einführung neuer Enterprise-Software ein. Das Modell setzt darauf, die oftmals ungeliebte Bedienung von Legacy-ERP-Systemen einfach durch ein modernes, mit KI gestütztes „Frontend“ auszutauschen.

Aus unternehmerischer Sicht ist das ein brillanter Schachzug, da es die Verkaufszyklen massiv verkürzt. Langfristig muss die Branche jedoch die Frage beantworten, ob das bloße „Überstülpen“ einer intelligenten KI-Schicht einer tiefgreifenden digitalen Transformation gleichkommt. Es besteht das Risiko, dass die signifikanten technischen Schulden (Technical Debt), die tief in den Altsystemen schlummern, nur oberflächlich kaschiert werden. Die zwingend notwendige Modernisierung der fundamentalen Infrastruktur könnte durch eine gut funktionierende Oberfläche lediglich weiter in die Zukunft aufgeschoben werden.

Wettbewerb und Marktpositionierung

Der Markt für Industrie-KI und Supply-Chain-Optimierung ist lukrativ und verdichtet sich rasant. Während Kyrok mit einer fokussierten „Niche-to-Win“-Strategie gezielt auf den mittelständischen Pharma- und Chemiesektor setzt, formiert sich auf Konzernebene längst schwergewichtiger Widerstand. Big-Tech-Akteure haben das Potenzial veralteter Lieferketten erkannt und Allianzen wie die jüngste strategische Partnerschaft zwischen T-Systems und SupplyOn arbeiten intensiv daran, KI-gestützte Lieferketten auf souveränen europäischen Plattformen auszurollen.

Um sich gegen solche generalistischen und finanzstarken Großlösungen zu behaupten, wird Kyrok dauerhaft beweisen müssen, dass ihre feingranulare Branchenintegration den entscheidenden, unersetzbaren Mehrwert liefert. Hier könnte der konsequente Human-in-the-Loop-Ansatz zum stärksten Verkaufsargument gegenüber einer traditionell sicherheitsbedürftigen Zielgruppe werden. Wer hochsensible chemische oder medizinische Produktionsketten verantwortet, toleriert keine vollautonomen „Black-Box“-Entscheidungen einer KI. Kyrok hat ausgezeichnete Chancen, den Markt zu durchdringen, sofern es dem Team gelingt, nicht nur ein bequemes KI-Pflaster für veraltete SAP-Systeme zu bleiben, sondern zur unverzichtbaren Schaltzentrale für die Sicherung von essenziellem Prozesswissen heranzuwachsen.

ClimateTech Seqana sichert sich 3,2 Mio. Euro

Das 2020 von Stefan Gönner und Julian Ekelhof gegründete Berliner Start-up Seqana wertet Satellitendaten per KI aus, um die Bodengesundheit massentauglich messbar zu machen. Bislang lag der Fokus der Branche stark auf dem volatilen Markt für CO2-Zertifikate. Mit dem frischem Kapital zielen die Hauptstädter nun verstärkt auf das Lieferketten-Risikomanagement großer Agrarkonzerne. Ein strategischer Schritt in einem volatilen Marktumfeld – und ein technologischer Balanceakt.

Die Landwirtschaft steht vor einem fundamentalen Problem: Mehr als 60 Prozent der europäischen Böden gelten laut EU-Kommission als ungesund; die Bodendegradation verursacht in Europa jährliche Kosten von schätzungsweise 50 Milliarden Euro. Gleichzeitig sind gesunde Böden die größte terrestrische Kohlenstoffsenke der Welt. Das Problem war bisher die ökonomische Messbarkeit: Wer herausfinden wollte, wie viel CO2 ein Acker tatsächlich speichert, musste aufwendige und teure physische Bodenproben nehmen.

Genau dieses Nadelöhr adressiert Seqana. Das 2020 von Stefan Gönner und Julian Ekelhof in Berlin gegründete Start-up entwickelt sogenanntes „Digital MRV“ (Monitoring, Reporting and Verification). Das Versprechen: Durch die Kombination von Erdbeobachtungs-Satelliten, Machine-Learning-Algorithmen und punktuellen Vor-Ort-Daten lassen sich digitale Bodenkarten und Kohlenstoffgehalte großflächig und zu einem Bruchteil der bisherigen Laborkosten erstellen. Bislang hat das Unternehmen so nach eigenen Angaben bereits mehrere Millionen Hektar analysiert.

3,2 Millionen Euro für den Ausbau der Indikatoren

Dass dieser Ansatz Investoren überzeugt, zeigt die aktuelle Finanzierungsrunde. Seqana sichert sich 3,2 Millionen Euro in einer Mischung aus Eigen- und Fremdkapital. Angeführt wird die Runde vom Amsterdamer Impact-VC Pymwymic, der schwerpunktmäßig in Präzisionslandwirtschaft investiert. Auch die Bestandsinvestoren HTGF und der britische Climate-VC Counteract ziehen erneut mit. Flankiert wird das Venture Capital durch ein Start-up-Darlehen der Landwirtschaftlichen Rentenbank; zudem wurde Seqana in der Vergangenheit durch die Europäische Weltraumorganisation (ESA) gefördert.

Das frische Kapital markiert jedoch auch eine inhaltliche Weiterentwicklung. War das Geschäftsmodell bisher primär auf den reinen Kohlenstoffgehalt für den freiwilligen Kohlenstoffmarkt (Voluntary Carbon Market, VCM) zugeschnitten, rückt nun die ganzheitliche Bodengesundheit in den Fokus. Seqana will künftig weitere Indikatoren messbar machen, die für Ertragsstabilität und Produktqualität entscheidend sind.

Lieferketten-Resilienz statt reines Offsetting

Dieser Schwenk ist strategisch nachvollziehbar. Der globale Markt für freiwillige CO2-Zertifikate stand in der jüngeren Vergangenheit wegen methodischer Schwächen bei einigen Offsetting-Projekten wiederholt in der Kritik. Gleichzeitig erkennen Lebensmittel- und Agrarkonzerne, dass degradierte Böden ein handfestes wirtschaftliches Risiko für ihre eigenen Lieferketten (Scope 3) darstellen.

Seqana verweist hierzu auf Daten der europäischen Dürreperiode 2023: In Frankreich verzeichneten Betriebe mit fortschrittlichen regenerativen Anbaumethoden lediglich Ertragseinbußen von 8 Prozent, während konventionell wirtschaftende Betriebe Verluste von 22 Prozent hinnehmen mussten. Kunden wie Danone, Bayer oder die Agrar-Plattformen Klim und eAgronom nutzen Seqanas Daten daher zunehmend, um die Klimaresilienz ihrer globalen Zulieferstrukturen zu bewerten und Absicherungsstrategien zu priorisieren.

Die Grenzen des Satelliten-Blicks

Dennoch muss sich die Technologie einer harten physikalischen Realität stellen: Satelliten „sehen“ via Fernerkundung primär die oberste Erdschicht und funktionieren zudem am besten bei unbedecktem Boden. Nachhaltige, regenerative Landwirtschaft setzt jedoch paradoxerweise genau auf das Gegenteil: eine ständige Bodenbedeckung durch Zwischenfrüchte, um den Boden zu schützen. Die Algorithmen müssen also von der sichtbaren Oberfläche präzise auf das gesamte Bodenvolumen extrapolieren. Das erfordert eine kontinuierliche Kalibrierung durch lokale Referenzdaten (Ground-Truthing), um statistische Unschärfen zu minimieren.

In diesem regulatorisch anspruchsvollen Umfeld hat sich Seqana allerdings frühzeitig positioniert: Das Start-up agierte als Mitautor der „VM0042 v3“-Methodik des Zertifizierers Verra sowie der SOC Model Guidelines des Gold Standard. Die fundierte Kenntnis dieser globalen Standards dürfte den Berlinern im Vertrieb einen spürbaren Vertrauens- und Zeitvorteil gegenüber Neueinsteigern verschaffen.

Markt &Wettbewerb

Der Markt für digitale Agrar- und Bodendaten ist dennoch stark umkämpft und vor allem in den USA extrem kapitalstark besetzt.

  • Der globale Vorreiter ist das US-amerikanisch-australische Start-up Regrow Ag, das mit einem Funding von knapp 100 Millionen US-Dollar bereits Branchenriesen wie Kellogg's und Cargill bedient.
  • Weitere Wettbewerber sind US-Player wie Perennial (ehemals Cloud Agronomics) sowie europäische Mitstreiter wie Agreena (Dänemark), die wiederum stark auf den integrierten Zertifikate-Handel setzen.

Unser Fazit

Seqana zeigt mit dem aktuellen Funding, dass es dem Gründerteam gelungen ist, eine komplexe wissenschaftliche Nische in ein skalierbares B2B-Datenprodukt zu übersetzen. Die Berliner haben erkannt, dass die langfristige Wertschöpfung nicht allein im volatilen Handel mit CO2-Zertifikaten liegt, sondern in der Rolle des geschäftskritischen Daten-Providers für die agrarische Lieferkette. „Über Kohlenstoff hat der Markt erstmals gelernt, dem Boden einen wirtschaftlichen Wert zuzuschreiben“, fasst Mitgründer und CEO Stefan Gönner zusammen. Mit dem neuen Kapital muss das Team nun den Beweis antreten, dass seine Machine-Learning-Modelle auch auf globaler Skala und in unterschiedlichsten Klimazonen robust genug sind, um als verlässlicher Risikostandard für die globale Nahrungsmittelindustrie zu dienen.

DeepTech-Moonshot gegen Krebs: CollimateHealth sichert sich 6 Mio. Euro Seed-Kapital – und fordert die Radiotherapie-Giganten heraus

Das 2026 von Prof. Dr. Stefan Bartzsch, Dr. Johanna Winter und Dr. Hans Maria Heÿn gegründete Münchner MedTech-Start-up CollimateHealth will die Strahlentherapie revolutionieren. Mit extrem feinen Mikrostrahlen sollen Tumore präziser bekämpft und das Immunsystem aktiviert werden. Eine überzeichnete Seed-Runde in Höhe von 6 Millionen Euro gibt dem Team massiven Rückenwind. Doch der Weg zur Marktreife in einem von Großkonzernen dominierten Markt ist lang und extrem kapitalintensiv. Eine Analyse.

Die klassische Strahlentherapie gehört bei rund der Hälfte aller Krebspatienten weltweit zur Standardbehandlung. In den letzten Jahrzehnten hat sie sich technologisch stetig verbessert, operiert jedoch weiterhin mit einem grundlegenden Dilemma: Um Krebszellen zu zerstören, arbeiten Kliniken typischerweise mit vergleichsweise breiten Strahlen und niedrigen Dosen, was unweigerlich auch gesundes Gewebe schädigt und teils starke Nebenwirkungen hervorruft.

Das Münchner Start-up CollimateHealth tritt an, um dieses Paradigma zu brechen. Für die Entwicklung einer radikal neuen Mikrostrahltherapie konnte das Unternehmen nun namhafte europäische Life-Science-Investoren überzeugen. VP Venture Partners, Positron, XISTA Science Ventures, der High-Tech Gründerfonds (HTGF) sowie caesar investieren gemeinsam 6 Millionen Euro in einer deutlich überzeichneten Seed-Phase.

Vom Stadion-Beschleuniger zum Start-up

Die technologische Basis von CollimateHealth ist kein kurzfristiger Geistesblitz, sondern das Resultat von beinahe zehn Jahren akademischer Forschung, maßgeblich vorangetrieben an der Technischen Universität München (TUM) und dem Klinikum rechts der Isar, flankiert durch Institute wie das Forschungszentrum Jülich.

Die ingenieurstechnische Meisterleistung dahinter ist immens: Um medizinische Mikrostrahlen in der benötigten Dosis zu erzeugen, waren bislang Teilchenbeschleuniger (Synchrotrone) nötig, die den Platzbedarf eines Fußballstadions haben. Dem wissenschaftlichen Kernteam um Prof. Dr. Stefan Bartzsch (Chief Scientific Officer) und Dr. Johanna Winter (Chief Technology Officer) ist es laut eigenen Angaben gelungen, die Strahlführung derart zu miniaturisieren, dass das künftige System auf einer Grundfläche von unter zehn Quadratmetern in gängige Klinikräume passt.

Zusammen mit Dr. Hans Maria Heÿn, der als CEO unternehmerische Erfahrung im Aufbau von Deep-Tech-Firmen mitbringt, wurde das Start-up schließlich als Venture-Build-Projekt von VP Venture Partners ausgegründet.

Die Technologie: Gezielter Zelltod und neue Synergien

Der biologische Ansatz unterscheidet sich fundamental vom Standard. Statt auf das "Gießkannen-Prinzip" setzt das System auf gebündelte, schmale X-Ray-Strahlen (etwa in der Breite eines menschlichen Haares) in wesentlich höheren Dosen.

Der Clou dabei ist laut aktuellem Forschungsstand weniger die bloße physikalische Zerstörung, sondern die biologische Reaktion: Werden Tumore derart intensiv bestrahlt, durchlaufen sie eine besondere Form des Zelltods. Diese steigert die Antigenpräsentation und soll so das körpereigene Immunsystem anregen, Krebszellen auch über das primäre Bestrahlungsfeld hinaus zu bekämpfen. Zudem erzeugen die feinen Strahlen mikroskopische, temporäre Kanäle im Gewebe, die die Aufnahme von Medikamenten aus zeitgleichen Chemo- oder Immuntherapien drastisch verbessern können.

Das Geschäftsmodell und der lange Atem

Trotz technologischer Brillanz und frischem Kapital steht CollimateHealth vor massiven unternehmerischen Hürden. Das Geschäftsmodell bringt alle Nachteile der Hardware-Entwicklung im medizinischen Sektor mit sich: enormer Vorab-Kapitaleinsatz und extrem lange Zyklen.

Mit den 6 Millionen Euro soll zunächst "nur" der erste klinische Prototyp gebaut und die präklinische Datenbasis für künftige Zulassungsverfahren (MDR in Europa, FDA in den USA) geschaffen werden. Den ersten Einsatz am Menschen peilt das Unternehmen für Ende 2028 an. Das Start-up hat also noch Jahre der reinen Cash-Burn-Phase ohne jegliche Umsätze vor sich. Letztlich entscheidet später der nachweisbare klinische Nutzen, ob das System von den strengen Erstattungssystemen der Krankenkassen getragen wird – ohne Kassenübernahme wird ein Medizinprodukt in diesem Segment nicht überleben.

Ein Kampf gegen Oligopole und neue Hypes

Wer MedTech-Hardware für die Radioonkologie baut, legt sich mit Giganten an. Der globale Markt gleicht einem Oligopol, fest in den Händen weniger Player wie Siemens Healthineers (Varian) und Elekta. Diese verfügen über jahrzehntelange Vertriebsstrukturen und weltweite Service-Netzwerke.

Gleichzeitig schläft die hochfinanzierte Innovationskonkurrenz nicht. Derzeit strömt viel Kapital in Alternativkonzepte wie die sogenannte "FLASH-Radiotherapie". Dabei wird die Dosis in Bruchteilen einer Sekunde verabreicht, um gesundes Gewebe zu schonen. Hier preschen Start-ups wie das französische THERYQ vor, das für die Entwicklung seiner Maschine (FLASHDEEP) zusammen mit dem Institut Gustave-Roussy rund 38 Millionen Euro an staatlichen Fördermitteln (France 2030) zugesagt bekam.

CollimateHealth muss sich künftig also nicht nur gegen den Status Quo der Großkonzerne behaupten, sondern auch klinisch beweisen, dass ihr Weg der räumlichen Fraktionierung (Mikrostrahlen) echte Vorteile gegenüber der zeitlichen Fraktionierung (FLASH) bietet.

Was Gründer*innen hieraus lernen können

Der Fall CollimateHealth ist ein Lehrstück für das europäische Start-up-Ökosystem:

  1. Hardware-DeepTech ist finanzierbar: Während VCs oft auf schnelle SaaS-Modelle schielen, beweist die Runde (u. a. durch den HTGF), dass europäisches Risikokapital bereit ist, in physische "Moonshots" zu investieren, sofern sie globale Problemstellungen adressieren und wissenschaftlich exzellent untermauert sind.
  2. Venture Building mindert das Risiko: Hardware-Ausgründungen scheitern oft an mangelnder Business-Expertise der Forschenden. Das Venture-Build-Modell mit erfahrenen Partnern (VP Venture Partners) und einem unternehmerisch erfahrenen CEO schlägt hier die Brücke zwischen Labor und freier Wirtschaft.
  3. Patentierter "Burggraben": Zehn Jahre Vorlaufforschung schaffen eine immense Barriere (Moat) für Nachahmer. Wer im Deep-Tech-Bereich gründen will, muss vor dem Gang zum VC seine IP (Intellectual Property) wasserdicht gesichert haben.

Fazit

CollimateHealth liefert herausragende Wissenschaft mit dem disruptiven Potenzial, ein Grundpfeiler der zukünftigen Onkologie zu werden. Ob es dem Management jedoch gelingt, das Start-up durch das berüchtigte "Tal des Todes" bis zur Kommerzialisierung zu manövrieren, wird eine der spannendsten Deep-Tech-Storys der kommenden Jahre.

Krypto im Mittelstand: Das Augsburger Start-up terahash im strategischen Kreuzfeuer

Eine neue Allianz mit dem FinTech 21bitcoin rückt das Augsburger Start-up terahash in den Fokus. Entstanden als Spin-off eines etablierten Industrieunternehmens, versucht terahash, das energieintensive Bitcoin-Mining für den deutschen Mittelstand zu erschließen. Ein regulatorisch und ökonomisch ambitioniertes Vorhaben im europäischen Hochstrompreisland.

In der deutschen Web3-Landschaft zieht derzeit ein Akteur außerhalb der typischen Metropolen Aufmerksamkeit auf sich. Die Ende 2022 gegründete terahash.energy GmbH ist kein klassisches universitäres Tech-Spin-off, sondern ging aus der Kläger Group hervor – einem seit über 75 Jahren bestehenden, familiengeführten Industrieunternehmen aus dem Großraum Augsburg, das im Kerngeschäft auf Kunststofftechnik und Aerosol-Abfüllung setzt.

Der Vorstoß in die Krypto-Infrastruktur geht auf Kristian Kläger, CEO der Kläger Group, zurück. Neben dem industriellen Hintergrund setzte das Start-up bei der Gründung auf eine gezielte Personalstrategie: Mit Roman Reher, dem Betreiber der reichweitenstarken deutschen Bitcoin-Plattform „Blocktrainer“, und dessen Geschäftspartner Bastian Bleker wurden zwei in der Community verankerte Akteure als Co-Founder integriert. Diese Konstellation kombiniert die Kapitalbasis eines Industriebetriebs mit der organischen Reichweite einer bestehenden Krypto-Community – eine Struktur, die dem Start-up den Markteintritt sichtlich erleichterte.

Kooperation als Vertriebskanal: Die Allianz mit 21bitcoin

Wie komplex und erklärungsbedürftig das Thema Bitcoin in der B2B-Sphäre nach wie vor ist, verdeutlicht die aktuelle Meldung des Unternehmens. terahash geht eine strategische Allianz mit der in Salzburg und München ansässigen Wealth-Plattform 21bitcoin ein.

Während das MiCAR-lizenzierte Fintech 21bitcoin mit rund 120.000 Nutzer*innen die regulierte Handels- und Verwahrinfrastruktur stellt, besetzt terahash die energietechnische Beratungskomponente. Das deklarierte Ziel der Kooperation – die Bündelung von „Bitcoin-Bildung“ – ist dabei auch aus vertrieblicher Sicht strategisch motiviert: Um Dienstleistungen rund um die Blockchain an Unternehmen zu verkaufen, muss im ersten Schritt das informationelle Fundament bei den Entscheidern gelegt werden. Der offizielle Start der Kooperation erfolgt über eine Podcast-Aufzeichnung auf der Branchenmesse BTC Prague 2026.

Die Strompreis-Problematik

Ein Geschäftsmodell, das Bitcoin-Mining im DACH-Raum verorten will, stößt unweigerlich auf erhebliche ökonomische Skepsis. Aufgrund der im globalen Vergleich extrem hohen Strompreise in Deutschland ist ein profitables Mining unter Normalbedingungen kaum darstellbar.

Das Konzept von terahash ruht daher auf zwei Säulen, die diese Standortnachteile umgehen sollen:

Auslands-Mining (Managed Mining): Das Start-up vermittelt Rechenleistung und Hardware-Kapazitäten an Standorte mit günstigeren, oft überschüssigen erneuerbaren Energien (u. a. in Skandinavien und den USA). Die operative Abwicklung verbleibt im Ausland, während terahash als Asset-Manager für Family Offices und institutionelle Kund*innen fungiert.

Infrastruktur-Integration im Heimatmarkt: Für den DACH-Raum agiert terahash als Projektierer. Da Bitcoin-Miner den eingesetzten Strom fast vollständig in Abwärme umwandeln, sollen die Rechencluster in bestehende Energiesysteme von Industrie- und Gewerbebetrieben integriert werden – etwa als Kopplung mit Photovoltaik-Überschussanlagen, Großspeichern und Wärmepumpen.

Markt, Wettbewerb & Risiken

Dieser Ansatz der energetischen Sektorenkopplung ist theoretisch schlüssig, im B2B-Markt jedoch mit hohen Hürden verbunden. Terahash bewegt sich in einem engen Nischensegment. Während Wettbewerber*innen wie das österreichische Start-up 21energy mit dezentralen Bitcoin-Heizlüftern eher standardisierte Consumer- und Kleingewerbe-Lösungen anstreben, zielt terahash auf maßgeschneiderte Großprojekte im Mittelstand.

Hier liegen die kritischen Variablen:

Hohe Investitionskosten (CapEx): Die Integration von ASIC-Servern und Wärmetauschern in bestehende Fabrikarchitekturen erfordert signifikante Vorabinvestitionen der Kund*innen.

Volatilität der Amortisation: Da die Erträge in Bitcoin generiert werden, hängen die Amortisationszyklen direkt vom hochvolatilen Kryptomarkt ab. Fällt der Bitcoin-Kurs über längere Zeit, drohen kalkulierte Effizienzgewinne der Industrieanlagen durch den Wertverlust des geschürften Assets aufgefressen zu werden.

Regulatorische Unsicherheit: Die politische Debatte um den Energieverbrauch von Proof-of-Work-Protokollen in Europa birgt latente regulatorische Risiken für Unternehmen, die diese Technologie in ihre Bilanz oder Infrastruktur aufnehmen.

Einordnung & Learnings

Trotz der inhärenten Marktrisiken bietet das Konstrukt hinter terahash für die Start-up-Szene relevante Erfahrungswerte:

  • Das Spin-off-Modell als Innovationshebel: Der Case zeigt, wie traditionelle Familienunternehmen über eigenständige Ausgründungen in hochspekulativen Tech-Märkten agieren können, ohne das operative Kerngeschäft des Mutterkonzerns den Risiken des Web3-Marktes auszusetzen.
  • Co-Founder-Matching statt klassischem Marketing: Durch die Beteiligung von etablierten Branchen-Influencer*innen (Blocktrainer*innen) sichert sich das Start-up Vertrauen und Reichweite in einer spitzen Zielgruppe, was die Kund*innenakquisitionskosten (CAC) im B2B-Bereich senkt.
  • Content-driven B2B-Sales: Wenn das Produkt so komplex ist, dass der Markt es noch nicht vollumfänglich versteht, wird Content- und Bildungsarbeit (wie die Allianz mit 21bitcoin) zum primären Vertriebswerkzeug.

Terahash ist eine unternehmerische Wette darauf, dass sich Krypto-Infrastruktur als Werkzeug für das lokale Energiemanagement im Mittelstand etablieren lässt. Ob das Konzept aufgeht, wird sich daran messen lassen, wie viele deutsche Fabrikant*innen bereit sind, die Volatilität des Kryptomarktes in ihre physische Betriebsinfrastruktur zu integrieren.

ShopAgentic: 1,9 Mio. Euro für die Wette auf maschinelle Konsument*innen

Das 2025 gegründete ShopAgentic baut eine E-Commerce-Infrastruktur, die nicht für Menschen, sondern für autonome KI-Agenten gedacht ist.

Das Hannoveraner Start-up ShopAgentic hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,9 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von den Venture-Capital-Gesellschaften May Ventures und Greenfield Capital. Zudem beteiligt sich eine Riege namhafter internationaler Business Angels und E-Commerce-Experten an dem jungen Unternehmen. Das erst im Dezember 2025 gegründete Start-up mit derzeit vier Mitarbeitern entwickelt eine spezialisierte Technologieplattform für den sogenannten Agentic Commerce. Die zentrale These der Gründer lautet, dass künftig nicht mehr nur Menschen im Netz einkaufen, sondern zunehmend autonome KI-Agenten, die Produktsuche, Preisvergleich und Transaktionen im Auftrag der Konsument*innen eigenständig übernehmen.

Seriengründer mit Riecher für den nächsten Hype

Hinter ShopAgentic stehen Alexander Ringsdorff (CEO) und Kai-Thomas Krause, zwei Seriengründer mit nachgewiesenem Gespür für technologische Trends im Handel. Die beiden Unternehmer haben in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen, dass sie Paradigmenwechsel im E-Commerce frühzeitig besetzen können: Im Jahr 2011 gründeten sie mit CouchCommerce einen frühen Anbieter von Mobile-Commerce-Lösungen, später gehörten sie zum Gründerteam der Omnichannel-Plattform NewStore, die heute von internationalen Marken genutzt wird. Mit ShopAgentic widmen sie sich nun der nächsten Evolutionsstufe, nämlich der vollständigen Vorbereitung von Handelssystemen auf autonome KI-Systeme entlang der Customer Journey.

Middleware für Maschinen statt für Menschen

Da die bestehende E-Commerce-Infrastruktur – von der Produktseite bis zum Checkout – historisch für menschliche Nutzer*innen optimiert wurde, will ShopAgentic als technische Middleware fungieren. KI-Agenten benötigen strukturierte Informationen und standardisierte Schnittstellen, um fehlerfrei agieren zu können. Das Modell setzt auf eine niedrige Einstiegshürde: Die Software soll sich flexibel in bestehende Handelsplattformen und proprietäre Systeme integrieren lassen, ohne dass langjährige Transformationsprojekte oder ein vollständiges, kostenintensives Replatforming nötig werden. Spezialisierte KI-Agenten übernehmen dabei arbeitsteilig operative Funktionen wie das Produktdatenmanagement, die Preisgestaltung, den Kund*innenservice oder das Fulfillment, während die strategische Kontrolle und die Hoheit über Geschäftsergebnisse vollständig beim Händler bzw. bei der Händlerin verbleiben. Wie genau die Monetarisierung der Plattform erfolgen soll, lässt das Start-up bislang allerdings offen; Details zum kommerziellen Geschäftsmodell sollen erst zum anstehenden Marktstart kommuniziert werden. Das frische Kapital fließt derweil primär in die Produktentwicklung, den Ausbau von Systemintegrationen und den weiteren Teamaufbau.

Riskantes Rennen gegen die Branchen-Giganten

Obwohl die Vision innovativ ist, wirft das Konzept bei kritischer Betrachtung fundamentale Fragen bezüglich Markt, Wettbewerb und Timing auf. Das Start-up stützt sich als Kernargument auf eine Prognose von Deloitte, wonach bis zum Jahr 2030 rund 25 Prozent aller weltweiten E-Commerce-Umsätze durch KI-Agenten initiiert oder unterstützt werden. Ob die Konsument*innenakzeptanz für vollständig delegierte Kaufentscheidungen jedoch innerhalb von nur vier Jahren derart rasant und marktübergreifend wachsen wird, bleibt eine mutige Wette auf die Zukunft.

Zudem positioniert sich ShopAgentic explizit nicht als Konkurrent zu Branchenriesen wie Shopify oder Salesforce, sondern als konzeptionelle Ergänzung. Hier liegt jedoch ein erhebliches strategisches Risiko: Sollte der Agentic Commerce tatsächlich den prognostizierten Stellenwert erreichen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass große E-Commerce-Plattformen eigene native KI-Schnittstellen entwickeln werden. Der First-Mover-Vorteil von ShopAgentic müsste demnach extrem schnell in einen unaufholbaren technologischen Vorsprung übersetzt werden, um nicht durch einfache Standard-Updates der etablierten Branchen-Monopolisten obsolet zu werden.

Krypto-Zahlungen als regulatorisches Minenfeld

Ein besonders ambitionierter, aber regulatorisch komplexer Baustein der Vision sind die von Investor Greenfield Capital hervorgehobenen „Agent-to-Agent-Payments“. Die Investoren prognostizieren, dass Maschinen künftig über Stablecoins direkt miteinander verhandeln und bezahlen werden, da traditionelle Zahlungsnetzwerke für den menschlichen Gebrauch konzipiert seien. Dies eröffnet in der Theorie zwar enorme Effizienzpotenziale, blendet in der aktuellen Projektion jedoch die massiven regulatorischen, rechtlichen und haftungsrelevanten Hürden im Umgang mit Krypto-Assets und vollautomatisierten Finanztransaktionen im Endkund*innengeschäft aus.

Viel „Smart Money“ für den digitalen Goldrausch

Für die Start-up- und E-Commerce-Szene ist ShopAgentic dennoch ein hochspannendes Projekt. Die lange Liste der beteiligten Business Angels ist dabei ein massiver Vertrauensbeweis. Mit Investoren wie Jochen Krisch (Exciting Commerce), Boris Lokschin (Spryker), Thomas Gottheil (Frontastic), Sven Rittau (K5) und Stefan Wenzel (Autor des Buches „AGENTIC COMMERCE“) liest sich das Cap-Table wie ein Who-is-Who des deutschen Digitalhandels. Dieses stark vernetzte „Smart Money“ validiert das generelle Problembewusstsein im Markt und sichert dem jungen Unternehmen von Tag eins an den direkten Zugang zu entscheidenden Branchennetzwerken.

ShopAgentic ist ein klassischer Infrastruktur-Play in einem Markt, der gerade erst entsteht. Geht die Wette auf den maschinellen Kaufenden auf, baut das Team aus Hannover aktuell die Schaufeln für den nächsten digitalen Goldrausch. Scheitert jedoch die breite Konsument*innenadoption von Kauf-Agenten, könnte sich das Zeitfenster für diese spezialisierte Middleware-Lösung ebenso rasch wieder schließen.

Tokura sichert sich Millionen-Seed-Runde: Ein Scale-up-Ansatz für den Milliardenmarkt der Ambulantisierung

Das Berliner HealthTech-Start-up Tokura hat eine erste Finanzierungsrunde in mittlerer siebenstelliger Höhe abgeschlossen. Mit dem frischen Kapital wollen die Gründer Dr. Daniel Kreter und David Rizor eine eigene Technologieplattform aufbauen und spezialisierte ambulante OP-Zentren etablieren. Das ambitionierte Ziel: Eine Million Operationen pro Jahr in den ambulanten Sektor verlagern. Doch der Markt ist hochkomplex, streng reguliert und lockt zunehmend finanzkräftige Player an.

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer historisch tiefgreifenden Transformation. Durch die schrittweise Einführung sogenannter Hybrid-DRGs (sektorenunabhängige Fallpauschalen) sollen Behandlungen, die bisher klassischerweise stationär im Krankenhaus stattfanden, konsequent in den ambulanten Sektor verlagert werden. Das ökonomische und medizinische Potenzial ist gigantisch: Laut Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) weisen rund 60 Prozent aller stationären Fälle – das entspricht etwa 8 Millionen Eingriffen jährlich – ein klares Ambulantisierungspotenzial auf.

Die Realität hinkt dem politischen Willen jedoch hinterher. Es fehlt flächendeckend an der spezialisierten, hochmodernen Infrastruktur, um ein solches OP-Volumen sicher, digitalisiert und vor allem skalierbar aufzufangen. Eine erfolgreiche Ambulantisierung erfordert massive Investitionen in hocheffiziente Räumlichkeiten sowie nahtlose digitale Prozesse.

Das Geschäftsmodell: „Space-as-a-Service“ für Mediziner*innen

Hier setzt das Konzept von Tokura an. Das Start-up positioniert sich als operativer Infrastruktur- und Technologiepartner für medizinische Leistungserbringer.

  • Flexibles Kooperationsmodell: Niedergelassene Operateur*innen sowie Krankenhäuser können sich in den Tokura-Zentren einmieten, um dort auf spezialisierte Räumlichkeiten, eingespielte OP-Teams und verlässliche Prozesse zurückzugreifen.
  • Joint Ventures: Zudem bietet das Unternehmen an, neue ambulante OP-Zentren gemeinschaftlich mit medizinischen Partnern aufzubauen und zu betreiben.
  • Technologie-Hebel: Herzstück soll eine proprietäre Plattform sein, die den gesamten operativen Alltag digital steuert und damit die Wirtschaftlichkeit drastisch erhöht.

Die Macher: Scale-up-DNA ersetzt das Stethoskop

Hinter Tokura stehen keine Brancheninsider aus dem klassischen Klinikbetrieb, sondern erfahrene Köpfe aus der Tech- und Skalierungswelt. Dr. Daniel Kreter bringt über 15 Jahre Start-up-Erfahrung mit, unter anderem von Schwergewichten wie Zalando und Taxfix. Co-Gründer David Rizor verantwortete bei Taxfix die Unternehmensstrategie und koordinierte dort Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von über 300 Millionen Euro.

Dass diese Tech- und Fundraising-Expertise bei Investor*innen verfängt, zeigt das prominente Cap-Table: Die Seed-Runde wird von den namhaften VCs Heal Capital und Redalpine angeführt. Zudem beteiligen sich Business Angels der Investor*innen-Allianz better ventures. Um die fehlende medizinische Vita auszugleichen, setzt Tokura auf einen hochkarätigen medizinischen Beirat, unter anderem besetzt mit PD Dr. med. Clemens Gwinner (Leitender Oberarzt an der Charité Berlin) und erfahrenen Praxisbetreiber*innen.

Zwischen Skalierungstraum und Investitionsrealität

Das Vorhaben von Tokura ist so logisch wie ambitioniert, birgt für ein klassisches Venture-Capital-Case jedoch spezifische Risiken:

  • Enormer Investitionsbedarf (CapEx): Der Aufbau physischer OP-Zentren ist extrem kapitalintensiv. Ein mittlerer siebenstelliger Betrag ist ein solider Start für den ersten Standort – für das Ziel von einer Million Operationen wird Tokura jedoch in rascher Folge dreistellige Millionenbeträge einsammeln müssen.
  • Finanzstarke Konkurrenz: Der Markt für ambulante Operationsstrukturen konsolidiert sich bereits im Rekordtempo. Private-Equity-getriebene MVZ-Ketten wie das Orthopädie-Netzwerk Ortivity bewegen sich in völlig anderen Finanzierungsdimensionen. Gleichzeitig drängen etablierte Medizintechnik-Riesen wie B. Braun mit maßgeschneiderten Prozesslösungen für ambulante Zentren in den Markt.
  • Das Schnittstellen-Risiko: Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gelten in Digitalisierungsfragen als notorisch träge und veränderungsresistent. Ob sich die „Zalando- und Taxfix-DNA“ der Gründer reibungslos auf den stark regulierten und von Standespolitik geprägten Medizinbetrieb übertragen lässt, muss sich im operativen Alltag erst noch beweisen.

Fazit

Tokura besetzt zur richtigen Zeit eine der größten strukturellen Bruchstellen des deutschen Gesundheitssystems. Gelingt es dem Team, die Effizienz digitaler Plattformen mit der komplexen Realität physischer Medizin-Infrastruktur zu verknüpfen, hat das Start-up das Potenzial zum Gamechanger. Wenn nicht, droht das junge Unternehmen zwischen den hohen Fixkosten eigener Standorte und der Marktmacht finanzstarker MVZ-Konzerne zerrieben zu werden.