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Fabrikatör: Virtual Head of Operations-Plattform sammelt 650.000 Euro ein
Das 2020 von Bahadir Efeoglu und Demirhan Aydin in Berlin gegründete Start-up Fabrikatör bietet Markenbetreibern prädiktive Analysen und personalisierte Vorschläge zur Bestands- und Lieferkettenoptimierung.
Fabrikatör, der „virtuelle Head of Operations für eCommerce-Marken“ hat seine Pre-Seed-Investitionsrunde mit Backbone Ventures, APX und hochkarätigen Angel-Investoren wie Christopher North (Ex-MD von Amazon UK), Johannes Plehn (CEO bei Seven Senders) und Anton Graboviski (CFO bei Project A) erfolgreich abgeschlossen.
Die 2020 gegründete Plattform von Fabrikatör nutzt die neuesten Technologien, um Markenbetreibern prädiktive Analysen und personalisierte Vorschläge zu liefern, die es ihnen ermöglichen, datengestützte Entscheidungen über ihren Bestand und ihre Lieferkette zu treffen. Das Start-up verarbeitet nach eigenen Angaben jährlich Bestandsentscheidungen im Wert von über 500 Millionen Euro und ist derzeit für eCommerce-Marken in über 20 Ländern zuständig.
Bahadir Efeoglu, CEO und Mitbegründer von Fabrikatör, erklärt: "Wir sind stolz darauf, eine Plattform anbieten zu können, die als virtueller Head of Operations fungiert und nicht nur das Wachstum fördert, sondern auch die Bestandsverschwendung minimiert und die Effizienz steigert. Mit diesem Pre-Seed-Investment freuen wir uns darauf, die Entwicklung unserer Plattform zu beschleunigen, das Wachstum voranzutreiben und weiterhin ein Weltklasse-Team aufzubauen."
Demirhan Aydin, Mitbegründer von Fabrikatör, fügt hinzu: "Unser Ziel ist es, der "go-to" Virtual Head of Operations für eCommerce-Marken weltweit zu werden. Wir danken unseren Angel-Investoren für ihren Vertrauen in unsere Vision und dafür, dass sie ihre langjährige Erfahrung mit uns geteilt haben. Unser besonderer Dank gilt denjenigen, die nicht gezögert haben, uns zu unterstützen, wenn wir sie brauchten."
Die erfolgreiche Pre-Seed-Investitionsrunde von Fabrikatör zeigt die wachsende Nachfrage nach Virtual Head of Operations-Plattformen, die kritische Probleme bei der Lieferplanung für eCommerce-Marken lösen. Die Investition in Höhe von 650.000 Euro soll Fabrikatör in die Lage versetzen, die Entwicklung einer Plattform fortzusetzen, die kritische Probleme bei der Lieferplanung für E-Commerce-Marken löst und es ihnen ermöglicht, schneller und effizienter zu wachsen.
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David gegen Goliath im Amt: Warum 18 Start-ups mit der "GovTech Allianz" den Aufstand proben
Die Digitalisierung der deutschen Verwaltung stockt. An den Milliardenbudgets verdienen bislang vor allem große Beratungshäuser und staatliche IT-Dienstleister. Nun haben 18 Start-ups die GovTech Allianz gegründet, um sich ein Stück vom Kuchen zu erkämpfen und die digitale Souveränität zu stärken. Doch der Markt bleibt für Gründende ein riskantes Terrain.
Es ist ein lukrativer, aber zäher Markt: Wenn der deutsche Staat digitalisiert, fließen Milliarden. Allein für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) wurden rund drei Milliarden Euro bereitgestellt. Doch wer als Gründerin oder Gründer hofft, mit innovativen Softwarelösungen in Ministerien und Rathäusern auf offene Türen zu stoßen, wird oft enttäuscht. Von den üppigen OZG-Budgets kam bei Start-ups praktisch nichts an, bemängeln Branchenkenner*innen. Stattdessen sicherten sich etablierte Player, große Beratungshäuser und staatliche IT-Dienstleister*innen die Rahmenverträge. Viele der versprochenen Leistungen sind Jahre nach der Frist noch immer nicht flächendeckend verfügbar. „Es wird schon sehr viel Steuergeld für Lösungen ausgegeben, die nicht funktionieren oder nicht ausgerollt sind“, stellt Ruth Bosse, Gründerin des Start-ups Ark Climate, fest.
Um diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen, haben sich am 4. August 2026 in Berlin 18 Unternehmen zur GovTech Allianz zusammengeschlossen. Die unabhängige und überparteiliche Initiative versteht sich als gemeinsame Stimme der privaten Anbieter*innen von Verwaltungslösungen gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Andreas Michel, Gründer des KI-Start-ups Ayunis, sieht darin eine Notwendigkeit: „Die Zukunft des Staates entsteht nicht allein im Staat. Viele Lösungen für Verwaltungsmodernisierung und digitale Souveränität entstehen längst in der Privatwirtschaft. Diese Innovationskraft zu stärken, liegt im ureigenen Interesse des Staates“. Und Bosse ergänzt: „GovTech-Unternehmen sind unmittelbar von Vergaberegeln, Digitalstrategien und regulatorischen Rahmenbedingungen betroffen. Doch bislang fehlte uns eine gemeinsame Stimme. Genau diese Lücke schließt die Allianz: konstruktiv, überparteilich und im Interesse einer modernen Verwaltung.“
Die Gesichter der Allianz: Ruth Bosse und Andreas Michel
Als erste gewählte Sprecher vertreten Ruth Bosse und Andreas Michel die Allianz nach außen. Ihre Start-ups stehen exemplarisch für das Potenzial, aber auch die Hürden der Branche:
- Ruth Bosse (Ark Climate): Mit einem 16-köpfigen Team unterstützt ihr Start-up Nachhaltigkeitsabteilungen der öffentlichen Verwaltung, unter anderem beim KI-gestützten Einwerben von Fördermitteln. Bereits 60 Kommunen in Deutschland arbeiten mit ihr.
- Andreas Michel (Ayunis): Sein Start-up bietet eine Open-Source-KI-Lösung für Behörden an, die bereits in rund 900 Kommunen im deutschsprachigen Raum im Einsatz ist.
Das Geschäftsmodell GovTech: Großes Potenzial, enorme Reibungsverluste
Die Allianz formuliert drei zentrale Handlungsfelder: die Schaffung eines fairen Wettbewerbs im öffentlichen IT-Markt, die Stärkung der digitalen Souveränität durch europäische Wertschöpfung sowie die radikale Vereinfachung der Vergabe- und Beschaffungsprozesse.
Doch bei genauerer Betrachtung offenbart der Zusammenschluss die strukturellen Risse im Geschäftsmodell GovTech. B2G (Business-to-Government) ist für Start-ups notorisch schwierig. Die Verkaufszyklen sind lang, die Budgets in den Kommunen – der mit Abstand größten Kund*innengruppe – chronisch knapp. Zwar hat das Bundeswirtschaftsministerium im Juni 2026 eine neue Sonderwertgrenze eingeführt, die Direktvergaben an Start-ups bis zu 100.000 Euro erleichtern soll. Doch das löst das Grundproblem nicht. „Wir müssen uns grundsätzlich die Frage stellen, wie wir Kommunen entlasten wollen“, mahnt Andreas Michel. „Es bringt nichts, wenn wir die Ausschreibungsgrenzen für Direktvergaben auf 100.000 Euro anheben, wenn sich Kommunen solche Projekte gar nicht leisten können.“
Fehlender App-Store und das Föderalismus-Dilemma
Das Grundproblem liegt tiefer: Dem Markt fehlt die Infrastruktur. Der Staat müsse nicht alles zentral planen oder monolithische Softwarelösungen selbst bauen, fordern die Allianz-Sprecher*innen. Stattdessen brauche es offene Marktplätze – wie in einem App-Store –, auf denen Verwaltungen unkompliziert öffentliche wie private Software einkaufen können. „Wenn wir Datenaustausch und Interoperabilität schaffen, ist es egal, welche Lösung eingesetzt wird“, so Michel. Der Staat solle sich lieber auf zentrale Basiskomponenten wie die Eudi-Wallet oder die Dateninfrastruktur Noots konzentrieren.
Hinzukommt das Föderalismus-Dilemma: Während der Bund Gesetze schreibt und digitale Initiativen anstößt, liegt die Zuständigkeit und Umsetzung bei den Ländern und Kommunen. Fehlt hier die Abstimmung und die finanzielle Durchreichung vom Bund an die Basis, führt das bei Kommunen zur Verunsicherung und dazu, dass Projekte erst einmal auf Eis gelegt werden. Die oft von der Politik angekündigten Zentrallösungen tragen zur Blockade bei: „Am Ende kommt dann aber oft gar nichts und es ging wieder wertvolle Zeit verloren“, fasst Michel das Dilemma auf kommunaler Ebene zusammen.
Konkurrenz aus dem eigenen Haus
Erschwerend hinzu kommt eine Marktverzerrung durch den Staat selbst. In den vergangenen Jahren versuchte die öffentliche Hand oftmals, eigene Lösungen zu bauen, selbst wenn diese auf dem freien Markt längst existierten. „Es ist ein Problem, dass der Staat in den vergangenen Jahren so viel selbst bauen wollte – mit fragwürdigem Ergebnis“, kritisiert Andreas Michel und zieht ein klares Fazit: „Der Staat wird nie der bessere Softwareentwickler sein.“ Ein aktuelles Beispiel für diese Problematik ist das Projekt Spark, eine vom Staat ausgeschriebene und von großen Beratungen umgesetzte agentische KI für Planungs- und Genehmigungsverfahren, die nun als offener Code bereitgestellt wird. „Man muss sich jetzt mal anschauen, wie gut der Code eigentlich ist“, merkt Michel kritisch an. „Ich sehe bei so Vorhaben immer die Gefahr, dass gute Akteure durch suboptimale Lösungen aus dem Markt gedrängt werden.“ Auch die neuen Bemühungen des Bundesdigitalministeriums mit seinem Agentic AI Hub beurteilt Michel zurückhaltend: „Ein bisschen ist das aber politische Logik: Es wird etwas getan, aber strukturelle Probleme werden nicht angefasst.“
Fazit für Gründer*innen: Ein Markt für Menschen mit langem Atem
Warum eine neue Allianz gründen, wenn es bereits Verbände wie den Bitkom, den Start-up-Verband, den Databund oder den Verein Govtech Deutschland gibt? Die Gründer*innen fühlten sich in den bestehenden Strukturen nicht ausreichend repräsentiert. „GovTechs seien zwar im Start-up-Verband, beim Bitkom oder beim Databund vertreten. Sie haben aber nirgends eine wirkliche Lobby“, erklärt Michel das Problem. Auch vom staatlich mitgetragenen Projekt Govtech Deutschland, dessen Plattform eine Art Marktplatz für Services werden soll, grenzt sich Ruth Bosse ab. Zwar nehme ihr Start-up am Testbetrieb teil, doch sie betont: „Govtech Deutschland ist eher für die großen Unternehmen.“ Es bleibe zudem abzuwarten, wie gut das Konstrukt wirklich funktioniere: „Solche Marktplätze können helfen. Es ist aber nichts, wo man voll darauf setzen sollte.“
Die Gründung der GovTech Allianz ist somit ein notwendiger Schritt zur Professionalisierung und Lobbyarbeit der jungen Szene. Für Gründerinnen und Gründer, die den Schritt in den B2G-Sektor wagen, bleibt die Botschaft gemischt: Der Modernisierungsstau der Verwaltung bietet ein gigantisches Marktpotenzial. Doch ohne einen langen finanziellen Atem, tiefes Verständnis für Vergaberecht und nun auch gebündeltes politisches Gewicht durch die neue Allianz, drohen selbst die besten digitalen Lösungen im bürokratischen Dickicht zu ersticken.
Gründungsmitglieder der GovTech Allianz (Übersicht):
- Aivot (Digitalisierte Anträge)
- Ark Climate (Klimaschutz & KI)
- Ayunis (Open-Source-KI)
- Brifle (Digitales Postfach)
- Charly (KI-Bürgerservice)
- comuneo (Kommunal-Cockpit)
- cosinex (E-Vergabe-Software)
- GovRadar (Ausschreibungs-KI)
- ivicos (Virtuelle Verwaltung)
- kaleidemoskop (Digitaler Zwilling)
- Leistungslotse (Sozialleistungen)
- MACH (ERP-Finanzsoftware)
- Nect (Digitale Identitäten)
- neuraflow (Chatbots)
- PCT digital (Verwaltungssoftware)
- SUMM AI (KI-Prozessmanagement)
- Verwaltungscloud.SH (Cloud)
- vialytics (Infrastruktur-KI)
- viind (Voicebots)
Souveräne Kanzlei-KI: Invecorum sichert sich sechsstelliges Investment in Rekordzeit
Laut eigenen Angaben hat das Braunschweiger Start-up Invecorum in weniger als 24 Stunden eine sechsstellige Business-Angel-Runde abgeschlossen. Die Mission der im April 2026 gegründeten Firma: Eine datenschutzkonforme KI für Steuerberatende, die es mit US-Giganten aufnehmen soll. Doch wie realistisch ist der Aufbau einer eigenen Server-Infrastruktur in diesem stark umkämpften Markt?
Ein Pitch, ein Abend – und die Runde stand, so jedenfalls schildert es das Unternehmen. Beim Pitchabend des Banson Business-Angel-Netzwerks in Hannover konnte das KI-Start-up Invecorum die Investoren offenbar derart überzeugen, dass sämtliche Zusagen für eine sechsstellige Finanzierung innerhalb eines Tages vorlagen. Das Investorenteam rekrutiert sich vollständig aus der Region Hannover, darunter Dr. Gunter Dunkel, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Nord/LB.
Der rasante Abschluss fügt sich in die bisherige Historie ein: Erst im April 2026 im Braunschweiger Trafo Hub gegründet, brachte das Start-up bereits im Juni sein Produkt auf den Markt. Die KI-Lösung für Steuerkanzleien werde nach Unternehmensangaben inzwischen bundesweit genutzt.
Verschwiegenheitspflicht und berufsrechtliche Hürden
Der Markt, in den Invecorum vorstößt, steht unter Druck. Steuerkanzleien leiden unter Fachkräftemangel, was den Einsatz von KI-Assistenten attraktiv macht. Das Branchenproblem: Die Nutzung etablierter US-Lösungen ist für Berufsträger*innen riskant, da sie gesetzlich zu strenger Verschwiegenheit verpflichtet sind. Landen sensible Mandant*innendaten auf amerikanischen Servern, drohen massive Compliance-Probleme.
Die Architektur von Invecorum greift genau hier an: Das System ist laut Start-up strikt auf die Einhaltung von § 203 StGB (Verletzung von Privatgeheimnissen) sowie § 62a StBerG (Inanspruchnahme von Dienstleister*innen) ausgerichtet. Da diese Vorgaben für die gesamte Verarbeitungskette gelten, betreibt das Unternehmen seine Server und KI-Modelle nach eigenen Angaben autark in Deutschland, um Datenabflüsse ins Ausland physisch wie rechtlich auszuschließen.
Sichere Alternativen aus Deutschland konnten bei der Qualität bislang oft nicht mithalten. Invecorum tritt an, um diese Lücke zu schließen, und behauptet, bei Steuerrechtsfragen bereits heute auf dem Niveau führender US-Anbieter zu agieren. Das frische Kapital soll nun in den Ausbau der eigenen Recheninfrastruktur fließen.
Mehr als ein Chatbot
Invecorum positioniert sich nicht als simpler Textgenerator, sondern als in den Workflow integrierter „KI-Mitarbeiter“. Zu den Kernfunktionen gehören:
- Quellenbasierte Recherche: Die KI sucht in tagesaktuellen Gesetzen, BMF-Schreiben und der Rechtsprechung. Jede Antwort soll mit Primärquellen belegt werden, die vor der Freigabe geprüft werden können.
- Mandant*innenspezifisches „Gedächtnis“: Chats und Dokumente werden gebündelt. Die KI soll aus früheren Konversationen lernen und Sachverhalte vorab ausfüllen.
- Tiefen-OCR & Entwürfe: Das Tool digitalisiert laut Start-up auch alte Scans und formuliert darauf basierend erste Entwürfe für Einsprüche oder Memos.
- Sichere Kommunikation: Über ein „Collect“-Feature können Beratende fehlende Unterlagen per sicherem Link verschlüsselt bei dem/der Mandant*in anfordern.
Das Gründerteam: Mix aus Tech und Tax
Das operative Geschäft teilen sich drei Gründer*innen: Daniel Wasmus) ist Software-Entwickler mit Stationen in VC-finanzierten KI-Start-ups, zuletzt bei Mixedbread AI. Philip Goddinger ist Machine Learning Engineer mit Fokus auf verteilte Systeme und Security, und Irina Meier, zuvor Gründerin im Legal-Tech-Bereich, zeichnet verantwortlich für Business und Finance. Fachlich flankiert wird das Team durch den Steuerberater Jens Henke sowie Prof. Dr. Guido von Rudorff von der Universität Kassel. Letzterer ist Experte für den Betrieb offener KI-Modelle auf eigenen GPUs.
Kritischer Blick auf die Skalierbarkeit
Die Idee einer „souveränen KI“ trifft den Schmerzpunkt regulierter Berufe. Für Branchenkenner*innen stellen sich jedoch Fragen zur Skalierbarkeit:
- Infrastrukturkosten: Der Betrieb eigener GPU-Hardware ist extrem kapitalintensiv. Eine sechsstellige Finanzierung reicht für einen Proof of Concept und erste Server. Um mit Hyperscalern bei Latenz und Ausfallsicherheit auf Dauer mitzuhalten, wird bald signifikantes Folgekapital nötig sein. Der strategische Kniff: Durch die Expertise von Prof. von Rudorff dürfte das Start-up hochleistungsfähige Open-Source-Modelle lokal hosten und aufs Steuerrecht fine-tunen, was die Milliarden-Budgets für eigene Foundation-Modelle erspart.
- Wettbewerb: Das Segment ist lukrativ, aber konservativ. Platzhirsch DATEV dominiert die Kanzlei-IT und integriert zunehmend eigene KI-Funktionen. Zudem rüsten Tech-Giganten ihre europäischen Cloud-Instanzen datenschutzrechtlich weiter auf.
Fazit
Das Tempo, das Invecorum vom Start im April bis zum Launch 2026 vorgelegt hat, ist bemerkenswert. CEO Daniel Wasmus betont, dass souveräne KI-Lösungen nur dann einen „Paradigmenwechsel“ auslösen, wenn sie qualitativ mit US-Anbietern gleichziehen. Ob der USP „eigene Rechenzentren in Deutschland“ ausreicht, um Kanzleien dauerhaft von etablierten Tools oder kommenden DATEV-Integrationen fernzuhalten, muss das Team nun am Markt beweisen.
Zeitenwende im Start-up-Ökosystem: Deutschland bringt 2026 jeden Monat ein neues Unicorn hervor
Lange galt die deutsche Start-up-Szene als solide, aber unaufgeregt. Doch der brandneue Hurun Germany Unicorn Index 2026 zeigt eine radikale Transformation: Mit einem Gesamtwert von 118,9 Milliarden Euro (129 Mrd. US$) und zwölf Neuzugängen allein in diesem Jahr deklassiert Deutschland den restlichen Kontinent. Im globalen Ranking klettert die Bundesrepublik damit auf Platz 5 – getrieben von einer historischen Welle an DeepTech-, KI- und Defense-Start-ups.
Es ist eine Zäsur für den Technologie-Standort Deutschland: 38 Einhörner (Unicorns) – also nicht börsennotierte Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar – beheimatet die Bundesrepublik mittlerweile. Das entspricht einem Zuwachs von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr und bedeutet die größte Kohorte an Neuzugängen in der deutschen Geschichte. In Kontinentaleuropa liegt Deutschland damit unangefochten auf Rang 1 – weit vor den Niederlanden (11), der Schweiz (8) und Schweden (5).
Helsing erstmals auf Platz 1: Das neue Flaggschiff der deutschen Szene
An der Spitze des Index gab es einen spektakulären Machtwechsel: Das 2021 gegründete KI-Verteidigungsunternehmen Helsing führt das Ranking mit einer Bewertung von 16,6 Milliarden Euro als wertvollstes Einhorn Deutschlands an. Ein Zuwachs von 11,6 Milliarden Euro innerhalb eines einzigen Jahres unterstreicht das immense Potenzial junger deutscher DeepTech-Unternehmen und setzt ein weltweites Signal für europäische KI-Infrastruktur.
Deep-Tech, Rüstung & Fusionsenergie erreichen historischen Höhepunkt
Der Aufstieg des Standorts beruht auf einem strukturellen Wandel. Während B2B-SaaS weiterhin ein starkes Fundament bildet, erreicht die DeepTech-Welle 2026 ihren vorläufigen Höhepunkt. Befeuert durch die politische „Zeitenwende“ haben sich Verteidigungs- und Raumfahrt-Start-ups wie Helsing, STARK Defence (direkt bei Gründung mit über 1 Mrd. US-Dollar bewertet), der Drohnenpionier Quantum Systems und der Raketenbauer Isar Aerospace zu Schlüsselsektoren entwickelt. Parallel dazu beweisen Black Forest Labs (Generative KI) aus Freiburg und Proxima Fusion (Fusionsenergie) aus München, dass Deutschland bei den globalen Zukunftstechnologien in der ersten Liga mitspielt.
Berlin und München beheimaten 68 % aller deutschen Einhörner
Der Index zeigt eine bemerkenswerte räumliche Verdichtung: 18 der 38 Einhörner stammen aus Berlin, 8 aus München. Zusammen vereinen diese beiden Standorte 68 Prozent aller deutschen Milliarden-Start-ups auf sich. Während Berlin besonders im FinTech-, KI- und SaaS-Bereich dominiert, hat sich München als europäisches Powerhouse für DeepTech, Fusionsenergie und B2B-Software etabliert.
Die DNA der deutschen Unicorn-Gründer*innen
Eine Analyse der rund 95 deutschen Unicorn-Gründer*innen räumt zudem mit gängigen Silicon-Valley-Klischees auf:
Erfahrung vor jugendlichem Leichtsinn: Der 19-jährige Studienabbrecher bleibt in Deutschland ein Mythos. Im Schnitt sind deutsche Gründer*innen beim Start 34 Jahre alt, verfügen oft über eine Promotion und jahrelange Branchenerfahrung. Der Fokus liegt auf langfristig gebauten technischen Burggräben.
Die TUM als Kaderschmiede: Die Technische Universität München (TUM) ist die unangefochtene Gründungsfabrik. Allein aus ihren Reihen gingen Einhörner im Wert von 17 Milliarden Euro hervor (u. a. Personio, Celonis). Dicht dahinter folgen die TU Berlin und die LMU München.
Internationale Strahlkraft: Rund 40 Prozent der deutschen Einhörner haben mindestens eine(n) nicht-deutsche(n) Gründer*in. Deutschland fungiert zunehmend als Magnet für internationales Top-Talent.
Der Flywheel-Effekt: Das Ökosystem trägt sich zunehmend selbst durch serielle Gründer*innen. Das prominenteste Beispiel: Florian Seibel, der mit Quantum Systems und STARK Defence zeitgleich zwei Rüstungs-Einhörner erschaffen hat.
Die blinde Flanke: Weniger als 5 Prozent der Unicorn-Gründer*innen sind weiblich. Der Bericht listet derzeit nur eine einzige bestätigte Mitgründerin (Sofia Nunes, Mambu). Ein ungelöstes Problem, durch das Deutschland immenses wirtschaftliches Potenzial verschenkt.
Die 12 Neuzugänge der Rekord-Kohorte 2026 im Überblick
Die zwölf neuen Einhörner des Jahres 2026 bringen zusammen 31,8 Milliarden Euro auf die Waage:
NEURA Robotics (€6,4 Mrd., Metzingen)
Baut kognitive Humanoide-Roboter für die Industrie und gilt als deutsche Antwort auf Tesla Optimus.
Gegründet: 2019 | Zeit bis Einhorn-Status: 7 Jahre
Wichtigste Investoren: Tether, Qualcomm, Amazon, NVIDIA, Bosch, EIB
n8n (€4,8 Mrd., Berlin)
Open-Source-Plattform für Workflow-Automatisierung.
Gegründet: 2019 | Zeit bis Einhorn-Status: 6 Jahre
Wichtigste Investoren: OpenAI, Microsoft, NVIDIA, Bezos Expeditions, Intel Capital
STARK Defence (€3,4 Mrd., Berlin)
Autonome Verteidigungssysteme.
Gegründet: 2024 | Zeit bis Einhorn-Status: 0 Jahre (als Unicorn gestartet)
Wichtigste Investoren: Sequoia, Founders Fund, NATO Innovation Fund
Quantum Systems (€3,2 Mrd., Gilching)
Hochentwickelte eVTOL-Überwachungsdrohnen.
Gegründet: 2015 | Zeit bis Einhorn-Status: 11 Jahre
Wichtigste Investoren: Accel, Founders Fund, Kleiner Perkins
Black Forest Labs (€3,0 Mrd., Freiburg im Breisgau)
Generative Video-KI vom "Stable Diffusion"-Forschungsteam.
Gegründet: 2024 | Zeit bis Einhorn-Status: 2 Jahre
Wichtigste Investoren: a16z, General Catalyst, Lightspeed, M12
Parloa (€2,8 Mrd., Berlin)
Konversations-KI für die Automatisierung von Kundenservice.
Gegründet: 2020 | Zeit bis Einhorn-Status: 5 Jahre
Wichtigste Investoren: B Capital Group
Proxima Fusion (€2,4 Mrd., München)
Fusionsenergie-Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik.
Gegründet: 2023 | Zeit bis Einhorn-Status: 3 Jahre
Wichtigste Investoren: XTX Ventures, East X Ventures, Google, RWE, Plural, Balderton, Cherry, Lightspeed
Isar Aerospace (€1,9 Mrd., Ottobrunn)
Trägerraketen für kleine Satelliten.
Gegründet: 2018 | Zeit bis Einhorn-Status: 8 Jahre
Wichtigste Investoren: Earlybird, HV Capital
Osapiens (€1,0 Mrd., Mannheim)
Software für Lieferketten-Compliance.
Gegründet: 2018 | Zeit bis Einhorn-Status: 8 Jahre
Wichtigste Investoren: Decarbonization Partners, Goldman Sachs
FINN (€1,0 Mrd., München)
Auto-Abo-Plattform.
Gegründet: 2019 | Zeit bis Einhorn-Status: 7 Jahre
Wichtigste Investoren: Portage, UVC Partners, BC Partners Credit
CMBlu Energy (€1,0 Mrd., Alzenau)
Organische "SolidFlow"-Batterien für die Großspeicherung.
Gegründet: 2014 | Zeit bis Einhorn-Status: 12 Jahre
Wichtigste Investoren: Samsung Ventures, STRABAG
Dash0 (€0,9 Mrd. / $1 Mrd., Solingen)
KI-Observability (schnellstes deutsches Software-Einhorn).
Gegründet: 2023 | Zeit bis Einhorn-Status: 3 Jahre
Wichtigste Investoren: Balderton Capital, Accel, Cherry Ventures, DTCP
Fazit: Deutschland baut eigene Champions
Deutschland muss das Silicon Valley nicht kopieren. Der aktuelle Erfolg zeigt, dass die Verbindung von ingenieurwissenschaftlicher Exzellenz, industrieller Verankerung und Risikokapital tragfähige Weltklasse-Champions hervorbringt.
Damit das Wachstum nachhaltig bleibt, muss jedoch die eklatante Lücke beim heimischen Late-Stage-Kapital geschlossen werden. Bislang liegt der Anteil deutscher Investoren in späten Finanzierungsphasen bei unter 15 Prozent. Die Mobilisierung von inländischem Kapital – etwa über Pensionskassen und Versorgungswerke – wird die entscheidende Weichenstellung für die nächste Dekade sein.
Wie das MedTech-Start-up Eversion den Orthopädie-Markt aufmischen will
Mit einer frischen Finanzierung von 2,3 Millionen Euro im Rücken greift Eversion Technologies den verstaubten Markt für orthopädische Einlagen an. Die datenbasierte „0°-Sohle“ verspricht Abhilfe bei Volkskrankheiten wie Rücken- und Knieschmerzen. Doch wie tragfähig ist das B2C-Geschäftsmodell der Konstanzer, das einst als B2B-Produkt für Spitzensportler*innen startete? Ein tiefgehender Blick hinter die Kulissen.
Muskel-Skelett-Erkrankungen sind ein massiver Wirtschaftsfaktor: Sie verursachen rund jeden vierten Krankheitstag in Deutschland. Oft wird an den Symptomen laboriert, während die Ursache schlichtweg im falschen Schuhwerk liegt, das den Fuß und damit die gesamte Körperstatik in eine Fehlbelastung zwingt. Das 2023 gegründete Start-up EVERSION Technologies hat genau dieses Problem als Business Case identifiziert und konnte in seiner Seed-II-Runde nun 2,3 Millionen Euro von einem breiten Investoren-Syndikat einsammeln.
Das Investor*innen-Setup im Detail: Angeführt wird die Runde vom neu hinzugekommenen Family Office Kammerer Holding und dem Chancenkapitalfonds der Kreissparkasse Biberach, der bereits in der Seed-I-Runde (Januar 2025) als Lead-Investor agierte. Darüber hinaus unterstützen der von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft gemanagte Start-up BW Seed Fonds, die S-Kap Unternehmensbeteiligungsgesellschaft, Meerkat (die Kapitalbeteiligungsgesellschaft der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen) sowie Turtle das Startup. Komplettiert wird das Konsortium durch Business Angels aus den Netzwerken Heimatboost, BACB und hivn.
Vom „Ärztemarathon“ zum DeepTech-Start-up
Die Entstehungsgeschichte von Eversion liest sich wie das klassische Playbook eines Start-ups, das aus einem eigenen „Pain Point“ heraus geboren wurde. CEO Julia Zimmermann litt selbst unter chronischen Hüftschmerzen und durchlief einen wahren Ärztemarathon – ohne Befund. Die Lösung fand sie erst bei Wolfgang Triebstein, einem erfahrenen Orthopädie-Schuhtechnik-Meister mit eigenem Ganglabor in Eisenach. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie Hüftschmerzen den Alltag bestimmen können. Umso mehr freut es mich, dass wir mit unserer Lösung so vielen Menschen helfen können“, so Julia Zimmermann.
Aus dieser persönlichen Erfahrung entstand die Idee, die aufwendige und teure Labordiagnostik von Triebstein zu digitalisieren und in den Alltag der Patient*innen zu bringen. Bereits 2022 machte das Team beim start2grow Gründungswettbewerb auf sich aufmerksam. Ende August 2023 folgte die offizielle GmbH-Gründung.
Heute vereint das Team tiefes handwerkliches Wissen mit moderner Technologie: Julia Zimmermann, die als CEO fungiert, bildet gemeinsam mit Timon Sutter eine Doppelspitze mit Fokus auf Strategie und Operations. Der Mathematiker und CTO Lucas Heitele ist für die komplexen Algorithmen verantwortlich, während der Sportwissenschaftler Maximilian Starkmann die biomechanische Validierung übernimmt. Komplettiert wird das Gründerteam durch den Erfinder Wolfgang Triebstein, der jahrzehntelange Praxis-Erfahrung und Laborerprobung aus der Orthopädieschuhtechnik mitbringt.
Das Produkt: Wirkkettenalgorithmen statt Gipsabdruck
Klassische orthopädische Einlagen stützen den Fuß primär passiv ab. Eversion bricht mit diesem Paradigma und setzt auf eine aktive Mobilisierung durch die sogenannte „0°-Sohle“.
Der Prozess ist stark datengetrieben:
- Diagnostik im Alltag: Kund*innen tragen für zwei Wochen spezielle Sensorsohlen in ihren eigenen Schuhen.
- Datenanalyse: Eine App wertet das Bewegungsverhalten aus. Sogenannte Wirkkettenalgorithmen übersetzen die Sensordaten in ein biomechanisches 3D-Anatomiemodell.
- Die 0°-Sohle: Das Endprodukt ist auf der Unterseite gefräst, um die spezifische Fehlbelastung auszugleichen und eine neutrale 0°-Stellung zu erzwingen. Die Oberseite ist komplett flach, was den Fuß zwingt, aktiv zu arbeiten.
Kritisch hinterfragt: Geschäftsmodell und Erstattung
Heute, nach erfolgreicher CE-Zertifizierung als Medizinprodukt, agiert das Start-up primär im Direct-to-Consumer (D2C) Bereich. Das Endkund*innenprodukt kostet rund 249 Euro. Bis heute konnten über 1.500 Kund*innen gewonnen werden.
Der ZPP-Weg zur Erstattung
Besonders clever, aber auch risikobehaftet, ist die Erstattungsstrategie. Anstatt den bürokratischen Weg über das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu gehen, rechnet Eversion über Präventionskurse ab. Die Kosten werden von allen gesetzlichen Kassen nach den Richtlinien der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) bezuschusst oder komplett getragen. Privatversicherte nutzen ein klassisches Rezept.
Die kritische Frage: Dieser Erstattungsweg ist brillant für einen schnellen Markteintritt. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Krankenkassen dieses Modell auf Dauer tolerieren, wenn die Nutzer*innenzahlen in die Zehntausende skalieren.
Markt und Wettbewerb: Start-ups vs. Handwerks-Goliaths
Der Markt für smarte Ganganalyse ist stark umkämpft.
Wettbewerbs-Segment | Charakteristik | Herausforderung für Eversion |
B2B-Sensorsysteme (z.B. Moticon, stappone) | Hochpräzise Forschungs- und Klinikgeräte | Eversion muss beweisen, dass ihr D2C-Consumer-Sensor klinisch mithalten kann. |
Digitale 3D-Einlagen-Start-ups (z.B. Numo) | 3D-Druck basierend auf Smartphone-Scans | Eversion muss den Mehrwert der teureren, dynamischen 2-Wochen-Messung kommunizieren. |
Klassische Sanitätshäuser | Flächendeckend, billig (meist unter 20 € Zuzahlung) | Eversion muss die Gewohnheit der Patient*innen brechen, die an weiche Bettungen gewöhnt sind. |
Unser Fazit
Eversion Technologies ist ein Paradebeispiel dafür, wie man analoge Handwerkskunst (Orthopädieschuhtechnik) erfolgreich mit Hard- und Software in ein skalierbares Geschäftsmodell überführt. Das Gründungsteam ist interdisziplinär exzellent aufgestellt und hat mit dem neuen Millionenkapital den nötigen Runway, um den Vertrieb in die Breite zu bringen.
Der Knackpunkt für den langfristigen Erfolg wird sein, ob es dem Start-up gelingt, die B2B2C-Partnernetzwerke aus Ärzt*innen, Therapeut*innen und Sanitätshäusern wie geplant auszubauen und die Kund*innen langfristig von der passiven Bequemlichkeit klassischer Einlagen hin zur aktiven 0°-Sohle zu erziehen. Gelingt dies, könnte Eversion den Markt für orthopädische Hilfsmittel nachhaltig disruptieren.
Zwischen Hype und Haltung: Kann Joony’s mit Caro Daur die Lücke im Getränkeregal schließen?
Ein neues Hamburger Start-up will mit Natural Soda den deutschen Getränkemarkt aufmischen. Prominente Unterstützung kommt von der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur. Doch reicht ein cleveres Buzzword und Influencer-Reichweite, um im hart umkämpften FMCG-Segment zu bestehen? Eine kritische Einordnung.
Das im Juni 2026 in Hamburg gegründete Start-up Joony’s tritt an, um den deutschen Getränkemarkt mit einer völlig neuen Kategorie namens Natural Soda zu erobern. Hinter der Marke stehen die beiden Gründer Josa Rödiger, ehemaliger Director of Sales DACH bei LemonAid & ChariTea sowie Ex-Vertriebsleiter bei Krombacher, und der Serial-Founder Bijan Mashagh, der zuvor unter anderem das Matratzen-Start-up Snooze Project verantwortete. Mit der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur, die nicht nur als Investorin, sondern auch als strategische Markenpartnerin einsteigt, hat sich das Duo zudem prominente Verstärkung an Bord geholt.
Ihr gemeinsames Produkt ist eine Kombination aus prickelndem Wasser und 15 bis 20 Prozent echtem Fruchtsaft, die mit maximal 2 Gramm zelleigenem Zucker pro 100 Milliliter und nur 9 Kilokalorien auskommt. Dabei verzichtet Joony's konsequent auf Zuckerzusätze und künstliche Süßstoffe. Diese Ausrichtung zeigt bereits früh erste Erfolge: Kurz nach dem Launch ist das Getränk an über 2.000 Point-of-Sale-Stellen, darunter EDEKA, Wolt-Market und in der Gastronomie, verfügbar.
Doch der deutsche Getränkemarkt bleibt ein Haifischbecken. Zwischen etablierten Konzernen und hippen Indie-Brands scheint kaum noch Platz für echte Innovationen. Dass Joony's dabei nicht leise auf den Markt schleicht, zeigt das aktuelle Investment. Caro Daur unterstützt das Team ab sofort aktiv beim Markenaufbau und im Vertrieb. Ein beachtlicher Start – doch hält das Geschäftsmodell einer tieferen Überprüfung stand?
Das Gründer-Gespann: Symbiose aus Vertrieb und E-Commerce
Dass Joony's keine lange Anlaufzeit benötigt, liegt nicht zuletzt an der Erfahrung der Gründer, was die schnelle Verfügbarkeit in der Fläche erklärt. Josa Rödiger bringt ein tiefgreifendes Netzwerk im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und der Gastronomie mit. Sein Mitgründer Bijan Mashagh steuert hingegen die heute unverzichtbare Expertise im E-Commerce bei.
Diese Kombination ist erfolgskritisch: Der Getränkemarkt erfordert in der Skalierungsphase eine massive Präsenz im stationären Handel, während der Markenaufbau maßgeblich über digitale Kanäle funktioniert. Mit Caro Daur haben sich Rödiger und Mashagh eine Partnerin gesichert, die eine enorme digitale Community mitbringt und den Anspruch der Brand unterstreicht. Die Ambition dahinter fasst Bijan Mashagh deutlich zusammen: „Caro investiert nicht in ein Getränk. Sie investiert in eine neue Kategorie. Natural Soda steht für eine Generation von Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst leben möchte, ohne ständig verzichten zu müssen.“
Die Marktthese: Zuckersteuer und bewusster Konsum
Die These des Start-ups ist inhaltlich absolut nachvollziehbar: Verbraucherinnen und Verbraucher fordern zunehmend Getränke, die weniger Zucker enthalten, aber keine künstlichen Zusatz- oder Süßstoffe aufweisen. Die aufkeimende politische Debatte um Maßnahmen zur Reduktion des Zuckerkonsums – bis hin zu einer möglichen Zuckersteuer – beschleunigt diesen Trend spürbar. Die Industrie sucht händeringend nach Alternativen zur klassischen Limonade und zu langweiligem Mineralwasser.
Genau auf diese Lücke im Alltag zielt das Produkt ab. Mitgründer Josa Rödiger ordnet diese Entwicklung so ein: „Natural Sodas treffen den Zeitgeist, weil sie den alltäglichen Konsum mit echtem Mehrwert verbinden. Menschen kaufen heute nicht mehr einfach Getränke – sie kaufen Routinen, Wohlbefinden und bewusstere Entscheidungen.“
Ein Bedürfnis, das auch Investorin Caro Daur aus persönlicher Erfahrung bestätigt und das ihren Einstieg motivierte: „Ich achte darauf, was ich konsumiere, möchte dabei aber auch nicht komplett den Spaß verlieren. Man möchte etwas Leckeres, Erfrischendes und Prickelndes, nur eben ohne direkt eine Zuckerbombe zu trinken oder auf künstliche Süßstoffe auszuweichen. Genau das schafft Joony's.“
Hier greift die Marke mit vier Sorten (Zitrone, Grapefruit, Maracuja, Pfirsich) an und bedient mit ihren Nährwerten den vom Unternehmen definierten "Natural Sweet Spot". Der strikte Verzicht auf künstliche Süßstoffe passt zudem perfekt in den Zeitgeist der stark nachgefragten "Clean Label"-Produkte.
Kritisch hinterfragt: Innovation oder Marketing-Spin?
Doch wie innovativ ist Natural Soda wirklich? Kritisch betrachtet handelt es sich rein physisch um eine hochwertige Fruchtsaftschorle mit relativ geringem Saftanteil oder ein intensiviertes Near Water. Der Begriff Natural Soda ist in erster Linie ein geschickter Marketing-Spin, der das Produkt internationaler und moderner klingen lässt, um sich eine eigene Nische zwischen Wasser und Limonade zu bauen.
Das Geschäftsmodell im Premium-Segment bringt zudem tiefgreifende Herausforderungen mit sich. Der Einsatz von echtem Fruchtsaft treibt die Produktionskosten unweigerlich in die Höhe. Um im Lebensmitteleinzelhandel wettbewerbsfähig zu bleiben, darf der Endkundenpreis jedoch nicht zu sehr ausreißen, was die Margen drückt. Hinzu kommen logistische Hürden: Der Transport von wasserbasierten Ready-to-Drink-Getränken in Dosen ist aufwendig. Im Gegensatz zu Systemen wie Air Up oder Waterdrop, die lediglich den Geschmack ohne das Wasser verschicken, muss Joony's klassische, ressourcenintensive Logistikketten bewältigen. Zudem bleibt der Kampf um die Regalfläche in den Supermärkten selbst nach einem starken Start ein brutales Geschäft.
Das Wettbewerbsumfeld
Wer eine neue Kategorie ausruft, muss sich zwangsläufig mit diversen Playern messen. Auf der einen Seite stehen die etablierten Konzerne wie Coca-Cola mit Vio, Krombacher mit seiner Fassbrause oder Danone mit Volvic Touch, die das Near-Water-Segment durch ihre immense Vertriebsmacht dominieren. Auf der anderen Seite besetzen Social-Brands wie Lemonaid oder Fritz-Kola erfolgreich die Nische für erwachsene, hochwertige Limonaden, weisen dabei im direkten Vergleich jedoch oft höhere Zuckeranteile auf.
Auch sogenannte Wasser-Disruptoren wie Waterdrop und Air Up greifen den aktuellen Trend zu Getränken ohne Zucker aktiv an, operieren allerdings mit völlig anderen Geschäftsmodellen abseits des klassischen Marktes für Fertiggetränke. Nicht zuletzt ist der Markt förmlich überschwemmt von Creator-Brands wie Dirtea, BraTee oder Vitavate. In diesem dichten Umfeld muss Joony's beweisen, dass es das Potenzial zur nachhaltig etablierten Marke besitzt und nicht als kurzlebiger Hype-Artikel endet.
Unsere Einordnung
Joony's macht vieles richtig: Ein exzellent aufgestelltes Gründerteam trifft punktgenau auf den Megatrend der Zuckerreduktion. Die Positionierung von Caro Daur als Investorin und strategische Partnerin statt als bloßes Testimonial ist dabei ein kluger Schachzug, um Seriosität und Langfristigkeit zu signalisieren.
Das Start-up hat zweifellos das Potenzial, sich im Premium-Segment des Getränkemarkts festzusetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe wird jedoch die Wiederkaufrate sein, wenn der erste Launch-Hype abflacht. Wenn die Konsument*innen den geschmacklichen Mittelweg zwischen klassischer Limo und Wasser tatsächlich dauerhaft in ihre Alltagsroutine integrieren, könnte die Wette auf die Kategorie Natural Soda aufgehen. Andernfalls droht Joony's das Schicksal vieler hipper Getränke: Ein kurzes Aufschäumen, bevor die Kohlensäure entweicht.
Aampere unter Strom: 4,2 Mio. Euro für den Kampf um den E-Auto-Gebrauchtmarkt
„Wir ermöglichen einer Million Menschen den Umstieg auf Elektromobilität.“ Mit dieser ambitionierten Mission tritt das Münchner Start-up Aampere an, um den analogen Flickenteppich des europäischen E-Auto-Gebrauchtmarktes zu digitalisieren. Nun sicherte sich die Plattform 4,2 Millionen Euro an frischem Kapital. Doch während Investor*innen das rasante Wachstum loben, stellt sich die Frage: Kann das junge Team langfristig gegen etablierte Branchenriesen bestehen?
Mit dem frischen Kapital will Aampere den Ausbau seiner volldigitalen Handelsplattform europaweit voranzutreiben. Bemerkenswert ist dabei das hohe Tempo: Nach einer Pre-Seed-Runde von 350.000 Euro im Sommer 2023 und einer Seed-Runde über 1,6 Millionen Euro im Oktober 2025 schiebt das Start-up nun direkt die nächste Millionensumme hinterher. Angeführt wird die aktuelle Runde erneut vom estnischen VC Trind Ventures – ein starkes Signal an den Markt. Zudem holte sich das Unternehmen strategisches Gewicht aus dem skandinavischen Raum an Bord: Die Vend Marketplaces ASA – die Gruppe hinter nordischen Plattform-Riesen wie FINN.no und Blocket – steigt als Minderheitsinvestor ein. Komplettiert wird die Runde durch den Consumer-Investor G-FUND, Bestandsinvestoren wie GIMIC sowie weitere Business Angels aus der Autoindustrie.
Reichlich PS im Gründer-Trio
Hinter Aampere steht das Trio Florian Reister (CEO), Niko Schmidt (CGO) und Maximilian Rost (CPO). Gegründet im Jahr 2022 in München, trat das Team an, um die Komplexität beim Wiederverkauf von Elektroautos aufzubrechen. Inzwischen bündelt das auf über 25 Mitarbeitende angewachsene Team handfeste Erfahrung aus der Corporate- und Start-up-Welt: Auf den Lebensläufen finden sich Stationen bei Porsche, Mercedes und KPMG, aber auch bei Limehome und dem direkten Konkurrenten Cardino. Dieser Mix zahlt sich offenbar aus: Laut Firmenangaben verzeichnete Aampere im vergangenen Jahr ein vierfaches Umsatzwachstum und verkauft inzwischen mehrere Tausend Elektrofahrzeuge pro Jahr.
Doch der Anfang in einem stark analogen Marktumfeld war kein Selbstläufer. Wie gewinnt man das Vertrauen der Händler*innen? „Der Schlüssel liegt immer im ersten Kauf“, erklärt CEO Florian Reister. Um diesen Einstieg zu erleichtern, griff das Team in die Trickkiste und ließ Händler das erste Fahrzeug erst nach der tatsächlichen Lieferung bezahlen. „Sobald wir bewiesen haben, dass unsere Versprechen – transparente Zustandsinfos, zeitsparende Transaktion und schnelle Lieferung – wirklich funktionieren, werden neue Kunden zu langfristigen Partnern“, betont Reister.
„Smartphones on Wheels“: Der digitale C2B-Verkauf
Aampere fungiert als Vermittler zwischen privaten oder gewerblichen Verkäufer*innen und einem europaweiten Händler*innennetzwerk. Der Ablauf ist konsequent digitalisiert: Eine Software ermittelt den Wert, gefolgt von einem digitalen Zustands- und Historiencheck, bevor das Auto europaweit versteigert wird. Doch wie sichert sich die Plattform gegen unentdeckte Mängel am kritischen Bauteil Batterie ab, wenn niemand das Auto vor Ort inspiziert?
Reister gibt sich hier selbstbewusst: „Elektroautos sind Smartphones on Wheels.“ Anders als beim Verbrenner, wo Laufgeräusche oder Geruch physisch gecheckt werden müssten, sei bei E-Autos allein die Datenlage entscheidend. Aampere wertet Fahrzeughistorien sowie Herstellerdaten aus und prüft markenspezifisch, ob die Batteriegarantie noch greift. Reister verspricht: „Mit jedem Monat und damit weiteren Daten erlernt der Wertalgorithmus immer präziser die Wertindikation zu berechnen.“
Geld verdient das Münchner Start-up über Arbitrage – also die Differenz zwischen dem Höchstgebot der Händler*innen und dem Auszahlungsbetrag an den/die Verkäufer*in. Nimmt der/die Verkäufer*in an, überweist Aampere das Geld noch vor der Abholung und löst sogar bestehende Kredite direkt bei der Bank ab. Ein Modell, das enorm viel Kapital bindet? Reister verneint und verweist auf das geschickte Timing der Zahlungsströme: „Wir haben keine gebundene Liquidität. Wir kaufen Fahrzeuge für eine juristische Sekunde an und verkaufen sie direkt an den höchstbietenden Händler weiter.“ Da der Händler zuerst an Aampere zahle und das Start-up erst danach den Verkäufer auszahle, trage man während der Haltezeit kein Preisrisiko.
Kritische Markteinordnung und Volatilität
Trotz einer hohen Kund*innenzufriedenheit von 4,9 Sternen auf Google bewegt sich Aampere auf einem schmalen Grat. Volatile Förderpolitik und massive Rabatte bei Neuwagen setzen die Gebrauchtwagenpreise spürbar unter Druck. Darauf angesprochen, kontert Reister gelassen: „Volatilität ist für uns keine Bedrohung, sondern eine Chance, Marktanteile auszubauen.“ Weil Aampere Fahrzeuge nur für jene besagte „juristische Sekunde“ auf der Bilanz habe, entfalle das Restwertrisiko klassischer, asset-lastiger Plattformen. Zudem helfe die geografische Streuung: Durch das europaweite Händlernetz auf Käuferseite würden Preisausschläge abgedämpft – ein Puffer, den nationale Player nicht bieten können.
Wettbewerb: Kampf der Giganten
Das makroökonomische Umfeld bietet reichlich Rückenwind: Die Besitzumschreibungen von gebrauchten Elektroautos in Deutschland stiegen laut Kraftfahrt-Bundesamt in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich rund 60 Prozent jährlich. Dennoch bleibt das Wettbewerbsumfeld hart. Reichweitenriesen wie Mobile.de und AutoScout24 dominieren den Markt, während C2B-Schwergewichte wie die Auto1 Group über perfektionierte Logistiknetzwerke verfügen.
Was also ist der technologische Burggraben der Münchner, sollten diese Giganten voll auf E-Autos umschwenken? „Aampere hat einen unfairen Wettbewerbsvorteil: 100 Prozent Fokus auf E-Autos“, gibt sich Reister kämpferisch. Der rein digitale Prozess komme gänzlich ohne teure Ankaufsstellen aus. Während E-Autos für Branchengrößen wie Auto1 gerade einmal ein Prozent des Volumens ausmachten, widme sich Aampere jeden Tag ausschließlich dieser spezifischen Zielgruppe.
Fazit und Ausblick
Für das Start-up-Ökosystem beweist Aampere, dass sich spezialisierte Marktplätze auch in unsicheren Zeiten behaupten können. Die größte Aufgabe für das Gründer-Trio liegt nun darin, die Marktanteile so schnell auszubauen, dass ein Frontalangriff großer Konkurrent*innen unwirtschaftlich wird.
Auf die Frage nach dem konkreten Einsatz der frischen 4,2 Millionen bedient Reister zwar zunächst die typischen Tech-Buzzwords – künftig sollen Telematikdaten für tiefere Fahrzeug-Insights und KI-Features für eine bessere Conversion Rate sorgen –, wird bei den operativen Skalierungshürden aber erfrischend ehrlich. Der CEO räumt ein, dass die Europa-Expansion kein Selbstläufer ist: „Wir haben gelernt, dass jedes Land spezifische Anforderungen mit sich bringt.“ Aampere werde in Zukunft deshalb keine „One-Size-Fits-It-All“-Lösung sein, sondern gezielt auf länderspezifische Eigenheiten eingehen. Gelingt es Aampere, mit diesem Ansatz die Hürden der europäischen Skalierung zu meistern, rückt die große Mission tatsächlich in greifbare Nähe.
WERK1: 30-Mio.-Spritze für Münchens Start-up-Leuchtturm
München festigt seinen Anspruch als führender Start-up-Standort in Deutschland: Das Gründungszentrum WERK1 erhält für die Jahre 2027 bis 2032 eine millionenschwere Anschlussförderung des Freistaats Bayern.
Mit rund 30 Millionen Euro soll das Zentrum am Münchner Ostbahnhof zu einem internationalen Start-up- und Scale-up-Campus ausgebaut werden. Doch während der Freistaat kräftig in Infrastruktur investiert, bleibt die Frage, ob Raumkonzepte allein die strukturellen Hürden des europäischen Tech-Ökosystems überwinden können.
Die Faktenlage: Ausbau statt Stagnation
Wie das Bayerische Wirtschaftsministerium unlängst bekanntgab, fließen die Mittel in den konsequenten Ausbau des Standorts im Münchner Werksviertel. Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Tobias Gotthardt betonte bei der Übergabe des Förderbescheids an WERK1-Geschäftsführer Dr. Robert R. Richter die Rolle des Zentrums als „Möglichmacher“ und „zentralen Hub“.
Die blanken Zahlen untermauern das bayerische Selbstbewusstsein: Mit 626 Neugründungen im ersten Halbjahr 2026 – ein Zuwachs von 48 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 – führt Bayern das bundesweite Ranking der Gründungsdynamik an. München hat, gemessen an der Einwohnerzahl, Metropolen wie Berlin und Düsseldorf als Gründungshochburgen abgehängt. Dr. Richter sieht in der Finanzspritze einen „klaren Auftrag“, das WERK1 zu einem vollumfänglichen Campus weiterzuentwickeln, auf dem Start-ups, Scale-ups, Investoren und Wissenschaft noch enger verzahnt werden.
Hintergrund: Vom Pfanni-Werk zum Coliving-Vorreiter
Die Historie des WERK1 spiegelt die Transformation des Münchner Ostens wider. Wo einst der Verwaltungssitz des Kartoffelherstellers Pfanni residierte, entstand vor über einem Jahrzehnt das erste WERK1. Einen Meilenstein markierte 2023 die Eröffnung des Erweiterungsbaus „WERK1.4“, der neben einer Flächenverdopplung auf rund 10.000 Quadratmeter auch 63 vollausgestattete Coliving-Apartments umfasste. Ein Novum in der Szene, das gezielt auf einen der größten Flaschenhälse für Start-ups in München reagierte: den immens teuren Wohnungsmarkt. Durch De-minimis-geförderte, all-inclusive Mieten schuf Bayern hier eine begehrte „Softlanding“-Plattform für internationale Talente und Gründer*innen.
Subventionierte Blase oder essenzieller Nukleus?
Für das Ökosystem ist die Förderung ein Paukenschlag. Doch eine rein lobpreisende Betrachtung greift zu kurz. Ein differenzierter Blick auf die 30-Millionen-Euro-Investition offenbart starke Hebel, aber auch strukturelle blinde Flecken:
- Die Standort-Rendite: Ohne Zweifel ist das WERK1 ein Erfolgsmodell. Es fungiert als Gravitationszentrum der bayerischen Gründerszene und hat landesweit Vorbildcharakter – inzwischen existieren 19 digitale Gründerzentren an 30 Standorten im Freistaat. Der Netzwerkeffekt zwischen Tech-Talenten, Corporates und Kapitalgebern an einem zentralen Ort ist immens.
- Die Gefahr der „Wohlfühloase“: Staatlich stark subventionierte Räumlichkeiten und geförderte Coaching-Programme bergen stets das latente Risiko, dass junge Unternehmen sich in einer geschützten Blase einrichten. Dem WERK1 gelingt es bislang, dieses Risiko durch strikte Aufnahmekriterien, Evaluationen und eine maximale Verweildauer (meist bis zu 5 Jahre) abzufedern. Dennoch steigen bei einem Ausbau zum „Scale-up Campus“ die Anforderungen an echte Markthärte und KPI-getriebenen Erfolg.
- Der blinde Fleck – Late-Stage-Funding: Raum, Netzwerk-Events und günstige Apartments sind essenziell für die Seed- und Early-Stage-Phase. Das fundamentale Problem der deutschen Start-up-Landschaft ist jedoch nicht der Mangel an Schreibtischen, sondern der chronische Mangel an Wachstumskapital (Growth Capital) in späteren Skalierungsphasen. Benötigen bayerische Tech-Hoffnungen zweistellige Millionenbeträge, richtet sich der Blick meist mangels regionaler Alternativen nach Übersee. Eine physische Campus-Erweiterung allein adressiert diese tiefersitzende Finanzierungslücke bei Scale-ups nicht unmittelbar.
Fazit & Würdigung
Dass die bayerische Staatsregierung in wirtschaftlich volatilen Zeiten, geprägt von geopolitischen Unsicherheiten, KI-Machtkämpfen und anhaltendem Konsolidierungsdruck im VC-Markt, antizyklisch und massiv in ihr Start-up-Ökosystem investiert, ist ein starkes und lobenswertes Signal der Standortsicherung. Das WERK1 hat sich längst von einem klassischen Coworking-Space zu einer Institution gemausert, deren Strahlkraft dem bayerischen Ökosystem und darüber hinaus enorme Sichtbarkeit verleiht.
Die zentrale Herausforderung für das WERK1-Team um Dr. Richter wird für die neue Förderperiode bis 2032 darin bestehen, den Hub nicht nur als attraktive Herberge, sondern als verlässliche Brücke zu internationalem Big-Ticket-Kapital zu positionieren. Gelingt dieser Brückenschlag, sind die 30 Millionen Euro zweifelsohne exzellent investiertes Steuergeld für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Landes.
Zusammenschluss im Rhein-Main-Gebiet: Futury integriert ryon und formt neues Deep- & GreenTech-Zentrum
Das Rhein-Main-Gebiet baut seine Strukturen für technologieorientierte Gründungen weiter aus. Mit der Integration des Accelerators ryon in die Start-up-Schmiede Futury bündeln sich regionale Stärken sowie Kapital- und Forschungsressourcen. Für Start-ups bedeutet das konkret: zentralisierte Infrastruktur, direktere Wege von der Forschung in den Markt und gebündelte Fördermittel.
Seit dem 16. Juli 2026 ist es offiziell: Der in Gernsheim ansässige Green- und DeepTech-Accelerator ryon wird in die Frankfurter Startup-Plattform Futury integriert. Dieser Schritt ist eine direkte Reaktion auf die oftmals zersplitterte deutsche Förderlandschaft.
Melissa Ott, Managing Director von Futury, formuliert den Anspruch an die neue Struktur unmissverständlich: „Unsere Aufgabe ist klar: Weniger Fragmentierung, mehr Wirksamkeit“. Durch die Bündelung unter einem Dach sollen neue Perspektiven entstehen: „Indem wir Programme, Infrastrukturen und Beratung unter einem Dach vereinen, schaffen wir ein Ökosystem, das Start-ups nicht nur begleitet, sondern ihnen echte Wachstums- und Marktperspektiven eröffnet“, so Ott weiter.
Ein Blick in die Strukturen der beteiligten Organisationen zeigt, wie sich die Innovationslandschaft in der Region durch den Zusammenschluss verändert.
Deep Dive: Die Organisationen hinter dem Zusammenschluss
Die Zusammenführung der beiden Organisationen bündelt bestehende Netzwerke aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.
Futury: Vom Frankfurter Ökosystem zur „Startup Factory“
Futury ist ein industriegetriebenes Start-up-Ökosystem mit Sitz in Frankfurt am Main.
- Nationale Förderung: Mitte 2025 wurde Futury zu einer von bundesweit zehn exist „Startup Factories“ ernannt.
- Das Kapital: Futury wird in diesem Rahmen mit bis zu 10 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt gefördert.
- Netzwerk: Getragen wird das Ökosystem von einer Allianz aus 33 Partnern aus Unternehmen und Stiftungen sowie vier Hochschulen (darunter die TU Darmstadt, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Frankfurt School of Finance & Management und die Goethe-Universität Frankfurt).
- Das Ziel: Bis 2030 sollen in dem Ökosystem rund 1.000 neue Start-ups entstehen.
Charlie Müller, Founder & Managing Director von Futury, ordnet die überregionale Tragweite des Deals ein: „Mit der Integration von ryon bündeln wir die Schlagkraft der wichtigsten regionalen Initiativen“. Für ihn ist der Zusammenschluss auch ein relevantes Signal für den Standort: „Deutschland braucht starke Innovationsknoten, die in der Lage sind, DeepTech konsequent von der Forschung über die Validierung bis zur Skalierung zu begleiten“. Genau diese Struktur entstehe jetzt im Herzen der Rhein-Main-Region.
ryon: Der GreenTech-Accelerator in Gernsheim
Der 2022 gegründete GreenTech Accelerator ryon bringt spezifische Hardware- und Labor-Infrastruktur in die Zusammenarbeit ein.
- Die Infrastruktur: ryon operiert am Standort Gernsheim im Umfeld des Industrieparks FLUXUM. Dort steht Start-ups Labor- und Technikumsinfrastruktur zur Verfügung, um nachhaltige Technologien zu skalieren.
- Gesellschafter: Zu den Akteuren hinter ryon gehören die Goethe-Universität Frankfurt, die TU Darmstadt, das Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck, Hessen Trade & Invest sowie die WIBank.
Jörg von Hagen, Geschäftsführer von ryon, erklärt zur Integration: „Ryon hat die regionale GreenTech-Landschaft mit aufgebaut. Der nächste logische Schritt ist, diese Dynamik in eine größere Struktur zu überführen und unsere Arbeit dadurch nachhaltig zu stärken.“ Die Zusammenführung strukturiere die bisherige Arbeit neu: „Mit Futury entsteht eine Plattform, die unsere Erfahrungen nicht nur aufnimmt, sondern mit neuer Kraft weiterentwickelt und unsere Region als DeepTech-Hotspot positioniert.“
Was der Deal konkret für Gründer*innen bedeutet
Für Deep- und GreenTech-Entrepreneur*innen soll dieser Zusammenschluss Innovationspfade verkürzen. Futury hat fünf strategische Cluster definiert, die sich an den Stärken der Region orientieren. Eines davon ist „Deep & GreenTech“, das fortan den strukturellen Rahmen für die ryon-Aktivitäten bildet.
Zentrale Formate von ryon werden durch Futury übernommen und weiterentwickelt:
- Talentförderung: Die fünftägige Summer School, die wissenschaftliche Talente für das Unternehmertum aktiviert, bleibt Bestandteil des Programms.
- Gründungsberatung: Die spezialisierte DeepTech-Gründungsberatung wird in die neue Struktur integriert.
Fazit
Die Zusammenführung sendet das wirtschaftliche und politische Signal, die Region stärker für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu positionieren. Wissenschaftliche Exzellenz, unternehmerische Validierung und Skalierung sollen hier zu einem durchgängigen Innovationspfad zusammenwachsen. Für hardware- und forschungslastige Start-ups bündelt das Rhein-Main-Gebiet damit relevante Ressourcen an einem Ort.
All About Accuracy: Potsdamer DeepTech-Start-up sichert sich siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde
Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Start-up All About Accuracy entwickelt hochpräzise Sensor-Chips für die nächste Generation der Physical AI.
Während der mediale Hype um künstliche Intelligenz oftmals von Software und Sprachmodellen dominiert wird, rückt die physische Schnittstelle zur realen Welt zunehmend in den Fokus von Investoren. Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Unternehmen All About Accuracy GmbH hat in diesem Segment nun eine siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Die neuartige Sensortechnologie soll industriellen Robotern und autonomen Maschinen Millimeterpräzision in der Bewegungserfassung verleihen und damit rein optische Systeme ausgleichen. Doch der Weg vom Forschungslabor in die Massenproduktion von Hardware ist traditionell steinig.
Gründer und Herkunft aus der Spitzenforschung
All About Accuracy ist ein klassisches akademisches Spin-off. Das Unternehmen entstand als Ausgründung des renommierten Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP) und baut technologisch auf mehr als 15 Jahren wissenschaftlicher Halbleiterforschung auf.
Die operative Führungsspitze bilden Dr. Yori Fournier als Co-Founder und CEO sowie Olivier Astraud als COO und CFO. Das Start-up, welches im Innovationszentrum GO:IN im Potsdam Science Park ansässig ist, konnte ein namhaftes Investorenkonsortium gewinnen. Die aktuelle Finanzierungsrunde wurde von Campus Capital by STS Ventures (dem Frühphasen-Fonds von Serienunternehmer Stephan Schubert), der Brandenburg Kapital (Venture-Capital-Arm der Investitionsbank des Landes Brandenburg ILB) sowie ZOHO.VC angeführt. Zudem beteiligten sich spezialisierte Business Angels mit tiefer Expertise im Bereich der Ultra-Wideband-Technologie (UWB) über Gigahertz Venture und Superangels.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
All About Accuracy will eine neue Klasse von hochpräzisen, robusten und skalierbaren Bewegungssensorik-Chips etablieren. Das Unternehmen adressiert die Schnittstelle von industriellen Anwendungen, Robotik und Physical AI – mit einem besonderen Fokus auf die humanoide Robotik.
Das technologische Versprechen der Potsdamer:
- Unabhängigkeit von Optik: Im Gegensatz zu Kamerasystemen funktioniert die funkbasierte Technologie auch bei Verdeckung, Staub, Reflexionen oder schwierigen Lichtverhältnissen zuverlässig.
- Kompakte Integration: Die Sensorik wird direkt in kleine Elektronikmodule integriert und lässt sich über Wearables, Roboter, Werkzeuge und Maschinen skalieren.
- Präzise Datenbasis: Für das Training von Physical AI liefert das System kontinuierliche und hochpräzise Referenzdaten (sogenannte Ground-Truth-Daten).
Kritische Würdigung: Obwohl das Marktpotenzial enorm ist, birgt das Geschäftsmodell die typischen Risiken von Deep-Tech-Hardware. Halbleiter-Startups sind in der frühen Phase extrem kapitalintensiv. Die jetzige siebenstellige Pre-Seed-Runde ist ein starkes Signal, doch bis zur fehlerfreien Serienreife und globalen Skalierung werden erfahrungsgemäß rasch zweistellige Millionenbeträge benötigt.
Hinzu kommen die bekannten Nadelöhre der europäischen Hardware-Branche: Abhängigkeiten von globalen Chip-Foundries und Halbleiter-Lieferketten. Zudem sind die Sales- und Integrationszyklen bei B2B-Kund*innen in der Industrie und Robotik notorisch lang. Ein etabliertes System durch eine neue, proprietäre Funktechnologie zu ersetzen, erfordert von den Industriepartner*innn ein hohes Maß an Vertrauen in die langfristige Lieferfähigkeit des Start-ups.
Markt und Wettbewerb
Der Markt für Physical AI steht vor einem ungelösten Problem: Optische Systeme (Kameras und Lidar) erfassen Daten zwar großflächig, stoßen aber bei der robusten Millimeterpräzision in rauen Industrieumgebungen an physikalische Grenzen. Professionelle Motion-Capture-Systeme wiederum sind für den flexiblen Außeneinsatz meist zu teuer und komplex. All About Accuracy besetzt genau diese infrastrukturelle Nische.
Die Konkurrenz schläft jedoch nicht:
- Etablierte Sensor-Giganten: Große Player im Bereich Lidar und optische 3D-Erfassung dominieren den Markt und verfügen über tief integrierte Kundenbeziehungen.
- UWB-Massenmarkt: Globale Halbleiterkonzerne wie NXP oder Qorvo treiben Standard-UWB-Chips voran. All About Accuracy muss im harten Praxiseinsatz demonstrieren, dass ihre spezialisierte Chip-Architektur einen so deutlichen Performance-Vorsprung bietet, dass sich der Wechsel für Systemintegratoren lohnt.
Einordnung für StartingUp
Für die europäische Start-up-Szene ist All About Accuracy ein hochspannender Case. Statt der nächsten B2B-Software-Anwendung stellt sich das Team der komplexen Aufgabe, echte Hardware-Infrastruktur für die KI-Welt von morgen zu bauen.
Gelingt es den Potsdamern, ihre Sensoren als Standard-Referenzschicht für humanoide Roboter und moderne Industrieanlagen zu etablieren, könnte hier ein global relevanter Player entstehen. Es bleibt eine klassische DeepTech-Wette: Hohes technologisches Risiko gepaart mit hoher Kapitalintensität – aber gestützt auf 15 Jahre fundierte Spitzenforschung und ein erfahrenes Investoren-Netzwerk.
Gründer*in der Woche: Neona Living – Lichtblicke im D2C-Markt
Das 2020 von Lea Wecken, René Schröder und Gabriel Wittschier gegründete Start-up Neona Living agiert in einem angespannten Marktumfeld. Im D2C-E-Commerce diktieren zunehmend asiatische Marktplätze wie Temu die Preise. Dennoch meldet das Leverkusener Unternehmen laut eigenen Angaben ein starkes Umsatzwachstum. Ein Blick auf die Strategie und die Herausforderungen eines gebootstrappten E-Commerce-Projekts.
Inmitten des harten Verdrängungswettbewerbs im D2C-E-Commerce des Home-&-Living-Segments agiert das 2020 gegründete Start-up Neona Living. Die Gründer*innen Lea Wecken, René Schröder und Gabriel Wittschier beweisen, dass sich der Leuchtenmarkt auch ohne eigene Produktion und stattdessen mit kuratiertem Design erfolgreich aufmischen lässt.
Die aktuellen Zahlen des Leverkusener Unternehmens unterstreichen diesen Kurs gegen den allgemeinen Plattform-Trend. Laut eigenen Angaben bedient Neona heute über 75.000 Kund*innen, der Umsatz habe sich 2025 auf einen knapp achtstelligen Betrag verdoppelt, und im ersten Quartal 2026 verzeichnete das Unternehmen ein starkes Wachstum um das 2,7-Fache im Vergleich zum Vorjahr. Für das Gesamtjahr 2026 visiert das gebootstrappte Start-up nun einen mittleren achtstelligen Umsatz an – ambitionierte Ziele, die sich im weiteren Jahresverlauf jedoch erst noch in testierten Bilanzen niederschlagen müssen.
Das Konstrukt Gründungs-Paar: Belastungsprobe im Wachstum?
Eine derart rasante Skalierung bringt unweigerlich operative Schmerzen mit sich und stellt das Führungsteam auf eine harte Probe. Bei Neona Living kommt in dieser ohnehin intensiven Phase eine besondere Dynamik hinzu: Die Gründerin Lea Wecken und ihr Mitgründer Gabriel Wittschier sind privat ein Paar. Es ist ein Detail, das bei Investor*innen oft kritisch gesehen wird, welches das Unternehmen jedoch ganz offen kommuniziert.
CEO Lea Wecken bezeichnet den Aufbau der Unternehmenskultur als „People Game“. Zur Illustration dient ein interner Slack-Channel, in dem Mitarbeitende wöchentliche private Highlights teilen. Doch trägt so ein Modell auch bei sinkenden Margen und wirtschaftlichem Druck?
„Die eigentliche Bewährungsprobe einer Unternehmenskultur kommt nicht im ruhigen Alltag, sondern immer dann, wenn Druck entsteht“, erklärt Wecken. Eine strikte Trennung von Beruf und Privatleben sei bei einem Gründungspaar ohnehin unrealistisch. In kritischen Momenten gelte bei strategischen Differenzen ein pragmatisches Prinzip: „Am Ende trifft die Person, die in ihrem Bereich den Hut aufhat, auch die finale Entscheidung.“ Wichtig sei, dass Sachthemen nicht persönlich genommen werden.
Kuratiertes Sortiment und der fehlende technologische Burggraben
Laut globalgrowthinsights soll der deutsche Markt für Lampen und Leuchten bis 2029 auf rund 8,36 Milliarden Euro anwachsen. Während der Gesamtmarkt eher moderat performt, verzeichnet das Segment der dekorativen Beleuchtung ein jährliches Wachstum von etwa 2,8 Prozent.
Statt wie Plattformen à la Lampenwelt auf maximale Sortimentstiefe zu setzen, fokussiert sich Neona auf ein kuratiertes Portfolio mit minimalistisch-skandinavischer Ästhetik. Das Unternehmen verzichtet auf eine eigene Produktion. Die Leuchten werden bei Partnern in Fernost gefertigt. Das hält die Fixkosten und Auslastungsrisiken gering, birgt jedoch branchenüblich das Risiko einer niedrigen technologischen Eintrittsbarriere.
Ohne exklusive Hochtechnologie-Patente liegt der sogenannte Burggraben (Moat) fast ausschließlich im Brand-Building und in der Content-Produktion. Lea Wecken räumt ein, dass sie nicht jedes eigene Design automatisch als bahnbrechende Innovation bezeichnen würde. Innovation zeige sich bei Neona vielmehr in Technik, die sich in den Alltag einfügt – etwa durch austauschbare Trafos oder flexibel steuerbare Lichttemperaturen. Dennoch bleibt das margenstarke Premium-Versprechen in diesem Modell anfällig für Nachahmer*innen, da Wettbewerber*innen ähnliche Designs zügig adaptieren können.
Customer-Acquisition-Kosten und das Nachhaltigkeits-Dilemma
Wie fast alle D2C-Player ist Neona von Performance-Marketing bei Plattformen wie Meta und Google abhängig. Um den steigenden Customer Acquisition Costs (CAC) zu begegnen, setze man laut Wecken strategisch verstärkt auf organische Reichweite und Kund*innenbindung. „Wiederkehrende Kundinnen und Kunden sind langfristig deutlich wertvoller als kurzfristig eingekaufte Aufmerksamkeit“, so die Gründerin.
Ein struktureller Spagat zeigt sich beim Thema Umweltbewusstsein: Auf der Website wird Nachhaltigkeit beworben, während das D2C-Geschäftsmodell auf globalen Lieferketten und Einzelversand basiert. Die Gründerin benennt diesen Widerspruch pragmatisch: „Wir würden niemals behaupten, dass ein physisches Produkt, das produziert und verschickt wird, vollkommen nachhaltig ist.“ Man versuche dies durch langlebige Designs und den Einsatz energieeffizienter LEDs zu kompensieren. Verbraucherschützer merken bei derartigen D2C-Modellen jedoch regelmäßig an, dass der CO2-Fußabdruck durch die Logistik aus Asien und den Einzelversand an den Endkund*innen schwer wiegt.
Operative Herausforderungen in der Skalierung
Das angestrebte Wachstum bringt operative Hürden mit sich. „Einer unserer größten Lernmomente war die Erkenntnis, dass Wachstum viele Probleme zunächst kaschiert“, gibt Lea Wecken zu. Eine Unterschätzung der Nachfrage führte in der Vergangenheit zu frustrierenden Lieferengpässen und verpassten Umsätzen. Ab einer gewissen Größe werde operative Exzellenz wichtiger als reines Marketing. Ihr Appell an andere Start-ups: „Baut eure Strukturen immer ein Stück früher auf, als ihr glaubt, sie zu brauchen.“
Fazit
Das Beispiel Neona zeigt exemplarisch, wie moderner D2C-Handel abseits der großen Plattformen funktionieren kann. Ohne eigene Produktionsstätten setzt das Unternehmen fast vollständig auf Brand-Building und eine kuratierte Ästhetik. Das wirtschaftliche Fundament basiert auf der Wette, dass Konsument*innen bereit sind, für dieses kuratierte Lebensgefühl einen deutlichen Aufpreis zu zahlen. Ob sich diese Strategie angesichts steigender Werbekosten und der aggressiven Konkurrenz dauerhaft trägt oder ob am Ende doch der Exit an einen Aggregator steht, werden die kommenden Geschäftsjahre zeigen müssen.
KI gegen den Kleiderberg: Berliner Spin-off reverse.fashion sichert sich Millionen-Investment – doch die Herausforderungen im Markt bleiben riesig
Das 2024 gegründete Berliner Start-up reverse.fashion hat frisches Kapital vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) eingesammelt. Mit intelligenter Sortiertechnologie will das Spin-off aus der Technischen Universität Berlin das globale Problem des Textilmülls angehen. Doch der Markt ist extrem umkämpft, und das Geschäftsmodell muss sich in einer traditionell margenschwachen Industrie erst noch beweisen.
Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche stockt oft an einer ganz entscheidenden Stelle: der hochgradig effizienten Sortierung. Genau hier setzt das Berliner KI-Start-up reverse.fashion an und hat nun eine siebenstellige Erweiterung seiner Pre-Seed-Finanzierungsrunde durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) abgeschlossen. Das frische Kapital soll genutzt werden, um bestehende Pilotprojekte auszuweiten und den kommerziellen Markteintritt der industriellen Sortierlösung „line.sort“ voranzutreiben.
Die Technologie: Von der Handarbeit zur Automatisierung
Bisherige manuelle Sortierprozesse stoßen an wirtschaftliche und kapazitäre Grenzen. reverse.fashion nutzt für seine Anlagen künstliche Intelligenz, um Kleidungsstücke präzise nach Zustand, Stil, Marke, Größe sowie Materialzusammensetzung zu kategorisieren und zu digitalisieren. So sollen die Textilien exakt für den Wiederverkauf oder das hochwertige Recycling getrennt werden. Laut Mitgründer Dr. Karsten Pufahl steigern Kund*innen durch die Anlagen ihre Produktivität um 40 Prozent und erzielen gleichzeitig eine Erlössteigerung von etwa 20 Prozent. Neben der Hardware-Gesamtlösung „line.sort“ bietet das Start-up auch das Softwareprodukt „co.sort“ an, mit dem die erfolgreichen Pilotprojekte in den kommenden Monaten fortgeführt werden.
Gründungshistorie und Team: Tiefes Branchen-Know-how
Gegründet wurde reverse.fashion 2024 als Spin-off aus der Technischen Universität Berlin (Fachgebiet Mikro- und Feingerätetechnik). Die Technologie basiert auf geistigem Eigentum (IP), das in gemeinsamen Forschungsprojekten der TU Berlin, der Freien Universität Berlin und der circular.fashion GmbH entwickelt wurde.
Das derzeit zwölfköpfige Team wird von drei Gründern geführt:
- Dr. Karsten Pufahl (Managing Director / CTO): Der Physiker bringt profunde Expertise in KI, Optik und Hardware-Engineering mit und leitete zuvor eine Arbeitsgruppe an der TU Berlin, die sich intensiv mit Textilsortierung befasste.
- Paul Doertenbach (Managing Director Strategie & Vertrieb): Er steuert über 16 Jahre Erfahrung im Altkleider-Sektor bei. Er baute unter anderem I:Collect, das weltweit erste Rücknahmesystem für Alttextilien, als Managing Director auf.
- Mario Osterwalder (Managing Director Operations, Finanzen & Business Development): Er war zuvor sieben Jahre bei ABB tätig und sammelte anschließend als Co-Founder von circular.fashion sieben Jahre lang Branchenerfahrung. Zudem ist er aktiv in die Entwicklung des EU Digital Product Passports eingebunden.
Marktumfeld und Wettbewerb
Treibende Kräfte für das Geschäftsmodell sind steigende regulatorische Anforderungen, insbesondere die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) und striktere EU-Vorgaben. Doch der Weg zum Branchenstandard ist steinig. Der Markt für KI-basierte Textilsortierung wird global kompetitiver. Wettbewerber wie Refiberd (USA) oder NewRetex aus Dänemark drängen in denselben Space. Auch etablierte Player wie der Recycling-Pionier SOEX nutzen bereits Nahinfrarot-Technologien.
Ein großes technologisches Problem der Branche bleibt die komplexe Zusammensetzung moderner Kleidung. Mischgewebe machen ein sortenreines Recycling zur Herkulesaufgabe. Hinzu kommt der Trend zu „Ultra-Fast-Fashion“, durch den die Qualität des eingespeisten Materials in den Sortieranlagen massiv sinkt.
Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
Für reverse.fashion liegt die größte betriebswirtschaftliche Hürde in der Skalierung der Hardware. Das Altkleider- und Sortiergeschäft ist traditionell eine absolute „Low-Margin“-Industrie. Die Investitionskosten für hochentwickelte Anlagen wie „line.sort“ müssen sich sehr schnell amortisieren. Erzielen die durch die KI erzeugten sortenreinen Materialströme am Markt keine signifikanten Preisprämien, rechnet sich die Anschaffung der Technologie für die Sortierer nicht.
Unsere Einordnung
Für die Start-up-Szene ist reverse.fashion ein exzellentes Fallbeispiel dafür, wie tiefe wissenschaftliche Forschung mit harter Industrie-Erfahrung gekreuzt wird. Das Gründer-Team gehört durch die jahrelange Erfahrung in der Sortierindustrie vom Track-Record her zum Besten, was die europäische Circular-Economy-Szene zu bieten hat. Dennoch handelt es sich um ein kapitalintensives B2B-Hardware-Business. Der langfristige Erfolg wird nicht allein davon abhängen, ob die Algorithmen den Unterschied zwischen Baumwolle und Viskose erkennen, sondern ob es gelingt, die Entsorgungsbranche von den Vorabinvestitionen zu überzeugen.
ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren
Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.
Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.
Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.
Ein Marktsegment mit Potenzial
Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:
Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand
Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“
Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.
Darum lohnt es sich mitzumachen
Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.
Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.
Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.
Porelio sammelt 2,4 Mio. Euro ein
DeepTech-Hoffnung oder nur ein weiterer Filter im umkämpften PFAS-Markt?
Drei Wissenschaftler*innen wollen eine 30 Jahre alte Materialklasse erstmals industriell herstellbar machen. Mit einer überzeichneten Pre-Seed-Runde von 2,4 Millionen Euro wagt das 2025 gegründete deutsche Start-up Porelio nun den Sprung vom Labor in die Industrie. Das Versprechen der Gründenden: Wertvolle Edelmetalle aus Industrieströmen zurückgewinnen und parallel persistente PFAS-Schadstoffe aus Wasser filtern.
Team und Historie
Porelio ist ein Spin-off der TU Berlin, das 2025 gegründet wurde. Hinter dem Unternehmen steht ein tiefgreifend wissenschaftlich ausgebildetes Gründerteam:
- Dr. Rhea Machado (CEO) bringt eine Promotion in Verfahrenstechnik von der Technischen Universität Berlin mit.
- Javier Silva Mora (CTO) ist Doktorand in Chemie an der renommierten École polytechnique in Paris.
- Nikol Michailidou (CPO) hält einen MSc in Chemieingenieurwesen von der Technischen Universität Berlin.
Die Technologie des Start-ups basiert auf sogenannten FOMS (Funktionalisierte Geordnete Mesoporöse Silicamaterialien). Diese Materialfamilie lag laut CEO Dr. Machado fast dreißig Jahre lang ungenutzt auf den Laborbänken, da sie niemand im entscheidenden industriellen Maßstab herstellen konnte. Vor der aktuellen, durch den VC Faber angeführten Pre-Seed-Runde, wurde die technologische Entwicklung bereits mit öffentlichen Fördermitteln in Höhe von 2,5 Millionen Euro unterstützt.
Geschäftsmodell: Ein Schwamm für zwei Milliardenmärkte
Die patentierte Innovation von Porelio ist ein neuartiges kontinuierliches Durchflussverfahren, mit dem sich FOMS erstmals im industriellen Maßstab produzieren lassen. Der Prozess soll unter nachhaltigeren Bedingungen ablaufen und 30-mal schneller sein als herkömmliche Methoden. Die so produzierten Materialien wirken wie ein molekularer Schwamm: Sie binden gezielt bestimmte molekulare Substanzen, während der Rest der Flüssigkeit frei durchfließt.
Das Start-up adressiert damit zwei sehr unterschiedliche Märkte, die laut Porelio ein gemeinsames Potenzial von rund 34 Milliarden Euro aufweisen:
- Edelmetallrückgewinnung: Dieser Markt wird weltweit auf etwa 16 Milliarden Euro geschätzt. Die Technologie soll hierbei beispielsweise Palladium – das derzeit mit rund 40.000 Euro pro Kilogramm bewertet wird – etwa 6-mal schneller aufnehmen als eine Standard-Adsorptionsbehandlungstechnologie.
- PFAS-Entfernung: Der Markt für die Entfernung von "Ewigkeitschemikalien" aus Wasser wird auf rund 18 Milliarden Euro beziffert. In Tests entfernte das Porelio-Material unter realen Bedingungen fast die Hälfte der enthaltenen Trifluoressigsäure (TFA). In nur fünf Minuten wurde fast 6-mal so viel aufgenommen wie mit kommerzieller Aktivkohle im gleichen Test.
Mit dem frischen Kapital soll die Produktion nun von einem Pilotmaßstab (Kilogramm pro Tag) auf einen industriellen Maßstab (Tonnen pro Jahr) skaliert werden.
Der harte Wettbewerb im PFAS-Markt
Das Start-up stützt sich beim Thema PFAS auf einen weltweit hochdynamischen Milliardenmarkt. Doch gerade hier ist die Realität stark fragmentiert und wird von einem harten technologischen Wettrüsten dominiert, das den Vorstoß von Porelio herausfordernd macht:
- Das PFAS-Paradoxon (Filtern vs. Zerstören): Porelio fokussiert sich auf die Adsorption – also das reine Herausfiltern und Binden von Verbindungen wie TFA. Zwar betont das Start-up, dass die Materialien regenerierbar sind, doch das wirft unweigerlich die Branchen-Gretchenfrage auf: Was passiert mit dem hochkonzentrierten PFAS-Cocktail nach dem Auswaschen der Filter? Der globale Trend im Start-up-Sektor geht längst in Richtung Mineralisierung. Finanziell hochgerüstete Konkurrenten wie Claros Technologies oder Aquagga vernichten die perfluorierten Kohlenstoffketten komplett. Reine Trennverfahren geraten regulatorisch zunehmend unter Erklärungsnot, wenn die Schadstoffe letztendlich nur verlagert werden.
- Das Haifischbecken der Adsorptions-Verfahren: Selbst innerhalb der reinen Adsorber-Technologien bewegt sich Porelio in einem Haifischbecken. Global Player wie Veolia oder Xylem rüsten ihre gewaltigen, bestehenden Infrastrukturen weltweit für PFAS-Filterungen auf. Zudem drängen andere DeepTechs auf den Markt, die in der Skalierung bereits weiter sind: Das britische Spin-off Puraffinity hat erst kürzlich knapp 17 Millionen Pfund eingesammelt, um eigene hochselektive PFAS-Materialien in die Massenproduktion zu überführen.
- Das „Tal des Todes“ der Skalierung: Porelio plant den enormen Schritt von Kilogramm pro Tag auf Tonnen pro Jahr. In nur fünf Minuten fast 6-mal so viel TFA aufzunehmen wie kommerzielle Aktivkohle, ist ein hervorragender Laborwert. Doch im B2B-Chemiebereich verschlingt der Bau eigener industrieller CAPEX-Anlagen Unsummen. Die aktuellen 2,4 Millionen Euro sind ein respektables Pre-Seed-Polster, reichen für die finale Großproduktion gegen milliardenschwere Konkurrent*innen aber bei Weitem nicht aus.
Unser Fazit
Porelio ist ein Paradebeispiel für ambitioniertes europäisches DeepTech. Strategisch überlebenswichtig ist der zweigleisige Ansatz der Plattformtechnologie: Während das Start-up im hart umkämpften, hochregulierten PFAS-Markt massiver Konkurrenz ausgesetzt ist, könnte die Edelmetallrückgewinnung zum rettenden Anker werden. Sie verspricht Industriekunden einen schnellen und direkten Return on Investment, was dabei helfen dürfte, das junge Unternehmen organisch querzufinanzieren.
Der entscheidende Lackmustest steht allerdings noch aus: Nach erfolgreichen Proof-of-Concept-Projekten muss das Team nun beweisen, dass sich die versprochene „30-mal schnellere“ Skalierbarkeit in kommerziell rentable Industriepartnerschaften übersetzen lässt.
