500.000 Euro Pre-Seed Finanzierung für Traindoo


44 likes

Das 2022 aus einem Forschungsprojekt der TU München ausgegründete Software-Start-up Traindoo gibt das Closing seiner Pre-Seed-Finanzierung über eine halbe Million Euro bekannt.

Der von Jonas Flach, Manuel Mandl und Fabian Flach gegründete SaaS-Anbieter Traindoo befähigt mit seinem Softwaretool zur datengetriebenen Trainings- und Therapieplanung Physiotherapeut*innen und Personal Trainer, ihre Kund*innen digital zu betreuen und eröffnet dadurch den Gesundheitsdienstleister*innen den Weg in die Teletherapie, welchen nach Angaben von Traindoo bereits 1500 Beta-Nutzer*innen zusammen mit dem Start-up bestreiten.

Das Produkt ist eine Software-Plattform mit einer begleitenden App für die Patient*innen, wobei die Therapeut*innen und Trainer*innen erstmalig von einer KI unterstützt werden, die auf Basis der Analyse des Trainingsfortschritts kontinuierlich zielgerichtete Maßnahmen ableitet. Im Zusammenspiel mit einem integrierten Kommunikationsmodul wird so eine individuelle 24/7-Betreuung ermöglicht.

Traindoo sichert sich nun in einer sehr frühen Unternehmensphase eine beachtliche Summe und konnte namhafte Kapitalgeber*innen überzeugen: Freiraum Capital sowie drei Business Angels aus Deutschland und USA steigen als Investor*innen bei dem Münchner Software-Start-up ein. „Wir freuen uns, dass wir so früh nach der Gründung und trotz der aktuellen Marktumstände sehr erfahrene Investoren und Unternehmer überzeugen konnten und diese uns ihr Vertrauen entgegenbringen. Die positive Resonanz der ersten Kunden zeigt, dass wir mit unserer Trainingsplanungssoftware eine innovative Lösung gefunden haben. Nun gilt es, unser Angebot weiter auszubauen und unsere Lösung möglichst vielen Gesundheitsdienstleistern zugänglich zu machen, um für diese den Weg in das digitale Arbeiten zu ebnen“, bekräftigen die Traindoo-Gründer.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Gründer*in der Woche: LingMorph – EdTech ohne Millionen-Budget

Ein Germanistik- und Geschichtsstudent aus Hannover zeigt der EdTech-Branche, wie schlanke Produktentwicklung im Jahr 2026 aussieht. Ohne Millionen-Budget, dafür mit messerscharfem Fokus auf UX und Datenschutz, revolutioniert Abdu Alawal Ibrahim mit LingMorph die digitale Satzanalyse. Ein Gespräch über Disruption im Klassenzimmer, Open-Source-Strategien und die Brücke zwischen Code und Linguistik.

StartingUp: Hallo Abdu, starten wir direkt mit dem harten Reality-Check: Was ist dein Elevator Pitch für LingMorph?

Abdu Alawal Ibrahim: Hallo Hans! LingMorph ist eine anmeldefreie, werbefreie und kostenfreie Web-Applikation, die komplexe deutsche Sätze in Sekundenschnelle visuell unter anderem in Wortarten, Satzglieder, Kasus und das topologische Feldermodell untergliedert. LingMorph bietet Lehrkräften und Lernenden im regulären Deutsch- und DaZ-Unterricht ein datenschutzkonformes Werkzeug, das auf jedem Endgerät sofort einsatzbereit ist. Damit lösen Lehrkräfte das Problem einer oft als trocken und unverständlich wahrgenommenen Grammatik durch ein interaktives und visuelles Interface.

StartingUp: Große Bildungsverlage investieren Millionen in digitale Lernplattformen, kämpfen aber oft mit behäbigen Strukturen. Du hast LingMorph im Alleingang hochgezogen. Wie ist es dir gelungen, die etablierten Player in Sachen Ladegeschwindigkeit und Barrierefreiheit zu überholen?

Abdu Alawal Ibrahim: Ich denke, dass die erwähnten Aspekte, wie die Werbe- und Anmeldefreiheit und generell der Verzicht auf kommerziellen Gewinn hier eine große Rolle spielen. Durch meine jahrelange Erfahrung in der Frontend- und App-Entwicklung habe ich LingMorph auf der Basis von Bootstrap 5.3 ohne schwere Benutzerverwaltung oder Tracking-Skripte entwickelt. Die Satzanalyse läuft dabei getrennt von der eigentlichen Visualisierung: Während serverseitig die LingMorph-Engine die Struktur analysiert, wird sie clientseitig, also direkt auf dem Endgerät der Nutzenden, visualisiert. Dieser Ansatz ist extrem ressourcenschonend. Tests zeigen eine Ladezeit von gerade einmal 0,4 Sekunden und laut Lighthouse-Audit einen Performance-Score von 94/100 sowie die volle Punktzahl von 100 im Bereich SEO.

StartingUp: Die Kombination aus Geisteswissenschaft und Tech ist extrem spannend. Du nutzt für die automatisierte Analyse den STTS-Standard (Stuttgarter-Tübinger-Tagset). Vor welchen technischen Herausforderungen steht man, wenn man komplexe, oft unlogische natürliche Sprache in einen sauberen Algorithmus gießen muss?

Abdu Alawal Ibrahim: Dass man hier vor großen Herausforderungen steht, ist definitiv der Fall. Natürliche Sprache ist voller Unregelmäßigkeiten und Mehrdeutigkeiten (sogenannten Ambiguitäten). Hier ist zum Beispiel der Kasussynkretismus zu nennen: Die Wortgruppe „die Frauen“ kann Nominativ oder Akkusativ sein, „der Frau“ wiederum Genitiv oder Dativ. Ferner stellt besonders das Deutsche mit seinen verstreuten Prädikatsteilen, wie es beim Perfekt vorkommt („Sie hat [...] abgeholt“) sowie trennbaren Verbzusätzen („Ich gebe [...] ab“) für Algorithmen eine große Herausforderung dar. Und je komplexer Sätze werden und je mehr untypische Strukturen auftauchen, desto schneller stößt die automatisierte Analyse auf Basis des Stuttgarter-Tübinger-Tagsets an ihre Grenzen.

Der Umgang mit diesen Herausforderungen ist Teil der aktiven Weiterentwicklung des Tools: Falls der Algorithmus an linguistische Grenzen stößt, berechnet LingMorph direkt innerhalb der Engine die Konfidenz-Scores und macht potenzielle Unsicherheiten transparent über UI-Warnungen für die Nutzenden sichtbar. Ferner können die Nutzenden stets fehlerhafte Ausgaben melden, denn LingMorph ergänzt die statistischen Sprachmodelle aktiv mit weiteren hauseigenen Erkennungssystemen, um die Lücken der statistischen Sprachmodelle zu schließen.

StartingUp: Aus Produkt-Sicht (UX/UI) ist das interaktive Verschieben von Satzgliedern per Drag-and-Drop im topologischen Feldermodell ein echtes Highlight. Wie wichtig ist exzellentes User-Interface-Design, um ein von Natur aus „trockenes“ Thema wie Grammatik in ein digitales Produkterlebnis zu verwandeln?

Abdu Alawal Ibrahim: Das ist natürlich sehr wichtig und stellt als Highlight, wie du es benennst, besonders auch einen didaktischen Mehrwert dar. Denn Grammatik scheitert im Unterricht oft auch daran, dass sie als abstrakt interpretiert und vielleicht manchmal im Unterricht auch einfach zu theoretisch vermittelt wird. Mit Hilfe von Tools wie LingMorph kann der Grammatikunterricht praktischer gestaltet werden: Durch das interaktive Verschieben von Elementen direkt im Feldermodell, können grammatikalische Regeln für Lernende besser verortet und sichtbar gemacht werden. Wenn Lernende ein Satzglied per Drag-and-Drop bewegen können und die strukturelle Veränderung sofort visuell zurückgespiegelt bekommen, verwandelt sich dieses schultypische Auswendiglernen in eine Art des Experimentierens und Entdeckens.

StartingUp: LingMorph verzichtet komplett auf Registrierung, Werbung und Datentracking. In der Start-up-Welt gilt das Datensammeln oft als das neue Gold. Warum ist dieser radikale Datenschutz-Ansatz für dich kein Wachstumshemmer, sondern vielleicht sogar dein wichtigster Growth-Hacker?

Abdu Alawal Ibrahim: Weil im stark regulierten Bildungssektor der Datenschutz die größte bürokratische Hürde überhaupt darstellt. Wer an Schulen ein digitales Tool einführen will, scheitert meist monatelang an den Freigaben, durch die DSGVO-Hürden und ist auch rechtlich daran gebunden, Einverständniserklärungen der Erziehungsberechtigten einzufordern. Dadurch, dass LingMorph keinerlei personenbezogene Daten für kommerzielle Zwecke erhebt, kein Tracking nutzt und keine Registrierung erfordert, fällt diese Barriere komplett weg. Lehrkräfte können den Link ohne Absprache direkt an die digitale Tafel werfen und den Lernenden zur Nutzung auf ihren Endgeräten vorstellen. Das Ziel von LingMorph ist es primär, den Deutschunterricht zu unterstützen und Lernenden zu helfen. Kommerziell orientierte Tools schrecken vor diesem radikal datenschutzfreundlichen Weg verständlicherweise oft zurück.

StartingUp: Du positionierst LingMorph als Open Educational Resource (OER). Das klingt edel, wirft im Start-up-Kontext aber die Frage auf: Wie sieht die langfristige Core-Strategie aus? Wie finanzierst du Serverkosten und Weiterentwicklung, wenn die Nutzer*innenbasis explodiert?

Abdu Alawal Ibrahim: Aktuell ist das Wachstum LingMorphs mit über 130.000 Analysen pro Monat bereits massiv, aber die technische Infrastruktur fängt das sehr kosteneffizient ab. Ein großer Teil der Kernfunktionen soll für Lehrkräfte und Lernende somit immer kostenfrei und barrierefrei bleiben. Wie genau öffentliche Fördergelder für digitale Bildungsinfrastruktur oder Premium-Lizenzen für Institutionen die Weiterentwicklung in Zukunft mittragen können, ist aufgrund des jungen Alters der Applikation im Detail noch offen.

StartingUp: Die renommierte Fachwelt, wie das Symposion Deutschdidaktik e.V., unterstützt dich bereits. Im Start-up-Sprech hast du dir damit eine extrem starke „Corporate Credibility“ gesichert. Wie hast du diese Schwergewichte der Wissenschaft von deiner studentischen Innovation überzeugt?

Abdu Alawal Ibrahim: Diese Unterstützung nehme ich stets sehr dankend an und freue mich gerade über das hohe Interesse aus der Sprachdidaktik und aus vielen Hunderten Schulen und Deutsch- sowie DaZ/DaF-Lehrkräften, die sich regelmäßig bei mir melden. Das motiviert mich bei der Weiterentwicklung enorm.

Ich denke, dass neben der einfach zu bedienenden Benutzeroberfläche und der mit LingMorph gebotenen Unterstützung für Lehrkräfte, auch die fachliche Validität von Relevanz ist, denn gerade die Erläuterungen zu den einzelnen Analyseschritten stützen sich auch auf etablierte germanistische Standardwerke. Und dass die Entwicklung von LingMorph auch stets auf das Feedback der Didaktiker*innen aufbaut und ich der Didaktik und Linguistik bei der Weiterentwicklung stets offen gegenüberstehe, hilft auch enorm.

StartingUp: Zum Schluss: Was ist das nächste große Feature auf deiner Produkt-Roadmap und wo siehst du LingMorph im EdTech-Markt der Zukunft?

Abdu Alawal Ibrahim: Auf der Produkt-Roadmap stehen neben der Optimierung des Erkennungssystems und noch besserer und interaktiverer Visualisierung, auch die Etablierung von Aufgaben für Lernende, die wahlweise durch die Lehrkräfte in Form von selbst vorgegebenen Sätzen erfolgen soll. Damit sollen mehr Möglichkeiten für das gemeinsame Experimentieren im Deutschunterricht geboten werden.

Ferner steht auch die Etablierung von Künstlicher Intelligenz (KI) auf der Produkt-Roadmap. Besonders die Integration von Large Language Models (LLM) bietet die Möglichkeit den Lernenden die Erkennungsergebnisse zu erläutern und Teile des Erkennungssystems an die KI zu delegieren (z. B. die Autokorrektur von Eingabefehlern, die erneute Prüfung bei geringer Konfidenz des gegenwärtigen Erkennungssystems u. v. m.).

Hinsichtlich des Datenschutzes gibt es reichlich Möglichkeiten der datenschutzkonformen KI-Integration: Möglich wäre hier das Hosten des LLM über den Browser des Nutzenden (auch „client-side AI“ genannt) sowie die Möglichkeit des Hostens des Modells auf dem Server von LingMorph (auch „self-hosted AI“ genannt). Besonders sogenannte Transformer-Modelle bieten hier eine enorm hohe Erkennungsgenauigkeit und können mit den eben benannten Herausforderungen deutlich besser umgehen.

Ferner sind nach enger Absprache mit Fachreferenten von verschiedenen Landesämtern für Schule und Bildung sprachliche und strukturelle Anpassungen des Tools geplant. Alles in allem berücksichtige ich stets neue Möglichkeiten zur Verbesserung von LingMorph und freue mich jederzeit auf neue Impulse.

StartingUp: Danke, Abdu Alawal Ibrahim, für das Gespräch.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Rebranding für die Europa-Expansion: Fraunhofer-Spin-off Logistikbude firmiert künftig als Loopario

Das Dortmunder Tech-Start-up Logistikbude ändert seinen Namen in Loopario. Mit dem Rebranding zum 5. August 2026 bereitet das aus dem Fraunhofer IML hervorgegangene Unternehmen den nächsten Schritt seiner europäischen Wachstumsstrategie vor. Beflügelt durch eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung, soll die Software zur Ladungsträgerverwaltung nun international breiter ausgerollt werden.

In der Logistikbranche stelle das Management von Mehrwegladungsträgern wie Paletten, Behältern und Spezialgestellen oftmals einen blinden Fleck dar, da etablierte Transport- und Warehouse-Management-Systeme (TMS und WMS) diesen spezifischen Bereich nicht im Detail abbildeten, so das Unternehmen. Weltweit fielen laut Start-up-Schätzungen jährlich rund 150 Milliarden Ladungsträger-Übergänge an, die in der Praxis häufig noch händisch gebucht und über E-Mail-Verkehr abgestimmt würden.

Das Dortmunder Start-up Loopario (ehem. Logistikbude) setzt hier mit einem sogenannten Load Carrier Management System (LCMS) an. Diese Softwarelösung solle als zusätzlicher Datenlayer in bestehende IT-Infrastrukturen von Unternehmen integriert werden. Ziel des Produktes sei es, manuelle Buchungen sowie langwierige Abstimmungsprozesse auf digitalem Wege zu automatisieren.

Kern-Features

  • Das System ist nach Unternehmensangaben auf die digitale Verwaltung von Paletten und Behältern entlang internationaler Lieferketten ausgelegt.
  • Die Software automatisiere das Zusammenführen und Abstimmen von Tauschvorgängen zwischen verschiedenen Partnerunternehmen. Das Unternehmen nutzt dafür unter anderem KI-gestützte Ansätze, um externe Belege automatisiert in die Buchungssysteme zu überführen.
  • Die Plattform sei in zehn Sprachen umstellbar und werde derzeit über Weblinks in 66 Ländern genutzt.
  • Monatlich verwalte das System laut Loopario mehr als 50 Millionen Ladungsträger für aktuell 46 Anwender, darunter Großkunden wie DACHSER, die Nagel-Group und Georg Utz.

Gründer & Köpfe

Gegründet wurde das Start-up 2021 von Michael Koscharnyj, Patrik Elfert, Jan Möller und Dr. Philipp Hüning. Das Team formierte sich als Spin-off aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund.

Die jüngste Wachstumsphase wird durch eine im Frühjahr 2026 abgeschlossene Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von über fünf Millionen Euro untermauert, angeführt vom Risikokapitalgeber Capnamic. Infolge der Kapitalspritze sei das Team seit Jahresbeginn auf über 30 Mitarbeitende angewachsen.

Co-Founder Dr. Philipp Hüning begründet die Namensänderung damit, dass sich Ladungsträger grenzüberschreitend bewegten und der neue Markenname – ein Konstrukt aus „Loop“ (Kreislauf) und „Pario“ (Zusammenführen) – diese internationale Ausrichtung künftig besser widerspiegele. Der Name sei in einem mehrstufigen Prozess aus Vorschlägen der Belegschaft ausgewählt worden. Für Kund*innen ändere sich durch die Neufirmierung abseits des Namens nichts.

Redaktionelle Einordnung

Die Series-A-Runde und die Internationalisierungsstrategie verdeutlichen die starken Ambitionen des Dortmunder Start-ups. Die Fokussierung auf eine eigenständige Softwarekategorie (LCMS) adressiert einen reellen, in der Praxis oft unterschätzten Kostentreiber in der Logistik: den enormen Verwaltungsaufwand und Schwund im Palettenmanagement.

Allerdings agiert Loopario in einem traditionell behäbigen Marktumfeld. Die Herausforderung des Geschäftsmodells liegt im erforderlichen Netzwerkeffekt: Das System entwickelt seinen vollen Nutzen erst, wenn nicht nur große Verlader, sondern auch kleine, international verstreute Speditionen und Logistikpartner die Software adaptieren. Die Bereitschaft der Akteure, neben den Kernsystemen (ERP und TMS) noch eine weitere Software-Ebene zu implementieren, dürfte in der stark fragmentierten Branche eine zentrale Vertriebshürde darstellen.

Zudem muss sich das Start-up gegen bestehende Marktstrukturen behaupten. Es existieren bereits spezialisierte, wenn auch teils kleinere Lösungen für die Lademittelverwaltung. Weitaus größer ist jedoch das langfristige Risiko, dass etablierte Enterprise-Riesen wie SAP oder Oracle ihre Standard-Suites um eigene, tief integrierte Paletten-Module aufrüsten, was den Markt für Standalone-Lösungen spürbar einengen würde.

Fazit

Loopario packt mit der Digitalisierung von Ladungsträger-Workflows ein handfestes Branchenproblem an. Das Rebranding hin zu einem international griffigeren Namen und das frische Series-A-Kapital schaffen eine solide Basis für den geplanten europäischen Rollout. Die Skalierbarkeit des Modells wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das Start-up die Integrationshürden für neue Logistikpartner extrem niedrig halten kann und es schafft, sich rechtzeitig als Standard-Layer für Ladungsträger zu etablieren, bevor große IT-Konzerne den Nischenmarkt für sich entdecken.

Der Kampf um die Fahrer*innenkabine: Warum TIMOCOM das Start-up Aparkado schluckt

Das Kölner LogTech-Start-up Aparkado, Entwickler der LKW.APP, gehört seit dem 1. August 2026 vollständig zum FreightTech-Giganten TIMOCOM. Ein echter Vorzeige-Exit für die Gründer Roland Moussavi und Philipp Henn. Doch wie nachhaltig ist ein Geschäftsmodell in einem Markt, in dem das Kernproblem – physischer Platzmangel – mit reiner Software kaum lösbar ist? Eine Einordnung.

Rückblick ins Jahr 2020: Die Gründer Roland Moussavi und Philipp Henn treten an, um ein massives Infrastrukturproblem der Transportbranche zu lindern. Allein in Deutschland fehlen jede Nacht bis zu 30.000 Lkw-Stellplätze. Die Folgen sind übermüdete Fahrer*innen, gefährlich zugeparkte Autobahnausfahrten und ineffiziente Lieferketten.

Mit der Aparkado UG und der zugehörigen LKW.APP entwickelten sie ein System, das durch prädiktive Modelle und historische Geodaten die Auslastung von Parkplätzen prognostizieren soll. Die Anfangsphase war von den typischen Hürden geprägt: Investoren und Banken reagierten zunächst zurückhaltend, und auch die Zielgruppe der Berufskraftfahrer*innen musste erst schrittweise überzeugt werden.

Der Durchbruch gelang über Etappen: Das Start-up erhielt Förderung durch die Europäische Weltraumorganisation (ESA), wurde 2022 als überregionaler „Startup-Champ“ ausgezeichnet und baute seine Anwendung konsequent zu einer paneuropäischen Community-Plattform aus. Heute verzeichnet die LKW.APP nach Unternehmensangaben mehr als 85.000 aktive Nutzer in 44 Ländern und erfasst über 50.000 Parkplätze.

Der Deal: Konsequenter Schritt nach strategischem Investment

Bereits im Januar 2025 sicherte sich der in Erkrath ansässige FreightTech-Anbieter TIMOCOM eine strategische Beteiligung an Aparkado. Die Synergien lagen auf der Hand: TIMOCOM betreibt ein europaweites Logistiknetzwerk mit über 58.000 geprüften Unternehmen, besaß jedoch historisch wenig direkten Zugang zum/zur Endanwender*in in der Fahrer*innenkabine. Durch die schrittweise Verzahnung – unter anderem der Live-Sendungsverfolgung von TIMOCOM in der LKW.APP – testeten beide Partner die operative Zusammenarbeit.

Der Vollzug der Übernahme zum 1. August 2026 markiert nun den finalen Schritt. Während die LKW.APP für die Nutzer*innen unverändert bestehen bleibt, sichert sich TIMOCOM die mobile Entwicklungskompetenz und den direkten Zugang zur Fahrer-Community dauerhaft.

„Unser Ziel ist es, den TIMOCOM Road Freight Marketplace kontinuierlich entlang der Anforderungen des Transportalltags weiterzuentwickeln. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Aparkado hat gezeigt, wie gut sich unsere Kompetenzen ergänzen. Mit der vollständigen Übernahme bündeln wir diese Expertise dauerhaft unter einem Dach und schaffen die Grundlage, mobile Innovationen und digitale Services für unsere Kunden konsequent weiterzuentwickeln“, so Tim Thiermann, Managing Partner bei TIMOCOM.

Markt & Wettbewerb

Der Markt für digitale Parkplatz- und Navigationslösungen im Güterverkehr gilt als hochkompetitiv und stark fragmentiert. Aparkado bewegte sich bisher im Umfeld etablierter Akteure wie Bosch Secure Truck Parking, KRAVAG Truck Parking oder dem niederländischen Anbieter Travis Road Services.

Während Wettbewerber*innen wie Bosch oder Travis primär auf B2B-Modelle setzen – also auf physisch gesicherte, reservierbare Stellplätze für Speditionen –, wählte Aparkado von Beginn an den B2C-Ansatz über die Fahrer*innenschaft. Dass diese Ansätze zunehmend verschmelzen, zeigte sich in der jüngeren Unternehmensentwicklung, in der Aparkado auch Buchungsfunktionen für gesicherte Partner-Parkplätze in die App integrierte.

Kritische Hinterfragung des Geschäftsmodells

Trotz des erfolgreichen Exits offenbart der Case die strukturellen Grenzen reiner Softwarelösungen im Logistiksektor. Denn: Eine App baut keinen Beton. Das fundamentale Problem des physischen Stellplatzmangels lässt sich digital nicht auflösen; Algorithmen können vorhandene Kapazitäten lediglich effizienter verteilen.

Zudem gilt die direkte Monetarisierung von Fahrer*innen (B2C) in der Branche als extrem schwierig, da die Zahlungsbereitschaft für digitale Zusatzdienste bei der Endzielgruppe gering ist. Das eigentliche Kapital von Aparkado lag folglich nie allein in der Parkplatzsuche, sondern in der aggregierten Aufmerksamkeit und den Daten einer hochspezifischen Community.

Das strategische Meisterstück der Gründer bestand darin, eine B2C-Anwendung als Türöffner für den B2B-Markt einzusetzen. Wer die Schnittstelle zum/zur Fahrer*in besetzt, kontrolliert einen entscheidenden Informationsknotenpunkt auf der letzten Meile.

Was Gründer*innen aus dem Exit lernen können

Der Verkauf von Aparkado an TIMOCOM bietet wertvolle Lehren für Gründer*innen im B2B- und Plattform-Bereich. Viele LogTech-Start-ups scheitern an den langwierigen Vertriebswegen und den komplexen Entscheidungsstrukturen etablierter Speditionen. Moussavi und Henn umgingen diesen Engpass, indem sie das unterdigitalisierteste, aber operativ kritischste Element der Lieferkette adressierten: den/die Fahrer*in selbst.

„Seit fünf Jahren begleiten wir mit der LKW.APP Berufskraftfahrer europaweit im Alltag, beginnend rund um das Thema Parken. Gemeinsam mit TIMOCOM entwickeln wir diesen Ansatz künftig weiter. Für uns ist das der Aufbruch in eine neue Phase“, so Roland Moussavi, Gründer von Aparkado.

Für TIMOCOM handelt es sich bei dem Zukauf nicht um ein Investment in Parkplatzdaten, sondern um einen strategischen Buy-out von mobiler Nutzer*innenreichweite und Software-Infrastruktur. Um sich gegenüber digitalen Plattformen und neuen Marktteilnehmer*innen zu behaupten, wird die direkte Schnittstelle ins Fahrzeug immer mehr zum Wettbewerbsvorteil.

Der Fall zeigt: Der maximale Exit-Wert eines Start-ups bemisst sich oft nicht an der ursprünglichen Einzelfunktion eines Produkts, sondern an der strategischen Relevanz des aufgebauten Netzwerks für einen etablierten Branchenplayer.

Wie das MedTech-Start-up Eversion den Orthopädie-Markt aufmischen will

Mit einer frischen Finanzierung von 2,3 Millionen Euro im Rücken greift Eversion Technologies den verstaubten Markt für orthopädische Einlagen an. Die datenbasierte „0°-Sohle“ verspricht Abhilfe bei Volkskrankheiten wie Rücken- und Knieschmerzen. Doch wie tragfähig ist das B2C-Geschäftsmodell der Konstanzer, das einst als B2B-Produkt für Spitzensportler*innen startete? Ein tiefgehender Blick hinter die Kulissen.

Muskel-Skelett-Erkrankungen sind ein massiver Wirtschaftsfaktor: Sie verursachen rund jeden vierten Krankheitstag in Deutschland. Oft wird an den Symptomen laboriert, während die Ursache schlichtweg im falschen Schuhwerk liegt, das den Fuß und damit die gesamte Körperstatik in eine Fehlbelastung zwingt. Das 2023 gegründete Start-up EVERSION Technologies hat genau dieses Problem als Business Case identifiziert und konnte in seiner Seed-II-Runde nun 2,3 Millionen Euro von einem breiten Investoren-Syndikat einsammeln.

Das Investor*innen-Setup im Detail: Angeführt wird die Runde vom neu hinzugekommenen Family Office Kammerer Holding und dem Chancenkapitalfonds der Kreissparkasse Biberach, der bereits in der Seed-I-Runde (Januar 2025) als Lead-Investor agierte. Darüber hinaus unterstützen der von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft gemanagte Start-up BW Seed Fonds, die S-Kap Unternehmensbeteiligungsgesellschaft, Meerkat (die Kapitalbeteiligungsgesellschaft der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen) sowie Turtle das Startup. Komplettiert wird das Konsortium durch Business Angels aus den Netzwerken Heimatboost, BACB und hivn.

Vom „Ärztemarathon“ zum DeepTech-Start-up

Die Entstehungsgeschichte von Eversion liest sich wie das klassische Playbook eines Start-ups, das aus einem eigenen „Pain Point“ heraus geboren wurde. CEO Julia Zimmermann litt selbst unter chronischen Hüftschmerzen und durchlief einen wahren Ärztemarathon – ohne Befund. Die Lösung fand sie erst bei Wolfgang Triebstein, einem erfahrenen Orthopädie-Schuhtechnik-Meister mit eigenem Ganglabor in Eisenach. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie Hüftschmerzen den Alltag bestimmen können. Umso mehr freut es mich, dass wir mit unserer Lösung so vielen Menschen helfen können“, so Julia Zimmermann.

Aus dieser persönlichen Erfahrung entstand die Idee, die aufwendige und teure Labordiagnostik von Triebstein zu digitalisieren und in den Alltag der Patient*innen zu bringen. Bereits 2022 machte das Team beim start2grow Gründungswettbewerb auf sich aufmerksam. Ende August 2023 folgte die offizielle GmbH-Gründung.

Heute vereint das Team tiefes handwerkliches Wissen mit moderner Technologie: Julia Zimmermann, die als CEO fungiert, bildet gemeinsam mit Timon Sutter eine Doppelspitze mit Fokus auf Strategie und Operations. Der Mathematiker und CTO Lucas Heitele ist für die komplexen Algorithmen verantwortlich, während der Sportwissenschaftler Maximilian Starkmann die biomechanische Validierung übernimmt. Komplettiert wird das Gründerteam durch den Erfinder Wolfgang Triebstein, der jahrzehntelange Praxis-Erfahrung und Laborerprobung aus der Orthopädieschuhtechnik mitbringt.

Das Produkt: Wirkkettenalgorithmen statt Gipsabdruck

Klassische orthopädische Einlagen stützen den Fuß primär passiv ab. Eversion bricht mit diesem Paradigma und setzt auf eine aktive Mobilisierung durch die sogenannte „0°-Sohle“.

Der Prozess ist stark datengetrieben:

  1. Diagnostik im Alltag: Kund*innen tragen für zwei Wochen spezielle Sensorsohlen in ihren eigenen Schuhen.
  2. Datenanalyse: Eine App wertet das Bewegungsverhalten aus. Sogenannte Wirkkettenalgorithmen übersetzen die Sensordaten in ein biomechanisches 3D-Anatomiemodell.
  3. Die 0°-Sohle: Das Endprodukt ist auf der Unterseite gefräst, um die spezifische Fehlbelastung auszugleichen und eine neutrale 0°-Stellung zu erzwingen. Die Oberseite ist komplett flach, was den Fuß zwingt, aktiv zu arbeiten.

Kritisch hinterfragt: Geschäftsmodell und Erstattung

Heute, nach erfolgreicher CE-Zertifizierung als Medizinprodukt, agiert das Start-up primär im Direct-to-Consumer (D2C) Bereich. Das Endkund*innenprodukt kostet rund 249 Euro. Bis heute konnten über 1.500 Kund*innen gewonnen werden.

Der ZPP-Weg zur Erstattung

Besonders clever, aber auch risikobehaftet, ist die Erstattungsstrategie. Anstatt den bürokratischen Weg über das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu gehen, rechnet Eversion über Präventionskurse ab. Die Kosten werden von allen gesetzlichen Kassen nach den Richtlinien der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) bezuschusst oder komplett getragen. Privatversicherte nutzen ein klassisches Rezept.

Die kritische Frage: Dieser Erstattungsweg ist brillant für einen schnellen Markteintritt. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Krankenkassen dieses Modell auf Dauer tolerieren, wenn die Nutzer*innenzahlen in die Zehntausende skalieren.

Markt und Wettbewerb: Start-ups vs. Handwerks-Goliaths

Der Markt für smarte Ganganalyse ist stark umkämpft.

Wettbewerbs-Segment

Charakteristik

Herausforderung für Eversion

B2B-Sensorsysteme (z.B. Moticon, stappone)

Hochpräzise Forschungs- und Klinikgeräte

Eversion muss beweisen, dass ihr D2C-Consumer-Sensor klinisch mithalten kann.

Digitale 3D-Einlagen-Start-ups (z.B. Numo)

3D-Druck basierend auf Smartphone-Scans

Eversion muss den Mehrwert der teureren, dynamischen 2-Wochen-Messung kommunizieren.

Klassische Sanitätshäuser

Flächendeckend, billig (meist unter 20 € Zuzahlung)

Eversion muss die Gewohnheit der Patient*innen brechen, die an weiche Bettungen gewöhnt sind.

 

Unser Fazit

Eversion Technologies ist ein Paradebeispiel dafür, wie man analoge Handwerkskunst (Orthopädieschuhtechnik) erfolgreich mit Hard- und Software in ein skalierbares Geschäftsmodell überführt. Das Gründungsteam ist interdisziplinär exzellent aufgestellt und hat mit dem neuen Millionenkapital den nötigen Runway, um den Vertrieb in die Breite zu bringen.

Der Knackpunkt für den langfristigen Erfolg wird sein, ob es dem Start-up gelingt, die B2B2C-Partnernetzwerke aus Ärzt*innen, Therapeut*innen und Sanitätshäusern wie geplant auszubauen und die Kund*innen langfristig von der passiven Bequemlichkeit klassischer Einlagen hin zur aktiven 0°-Sohle zu erziehen. Gelingt dies, könnte Eversion den Markt für orthopädische Hilfsmittel nachhaltig disruptieren.

Zwischen Hype und Haltung: Kann Joony’s mit Caro Daur die Lücke im Getränkeregal schließen?

Ein neues Hamburger Start-up will mit Natural Soda den deutschen Getränkemarkt aufmischen. Prominente Unterstützung kommt von der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur. Doch reicht ein cleveres Buzzword und Influencer-Reichweite, um im hart umkämpften FMCG-Segment zu bestehen? Eine kritische Einordnung.

Das im Juni 2026 in Hamburg gegründete Start-up Joony’s tritt an, um den deutschen Getränkemarkt mit einer völlig neuen Kategorie namens Natural Soda zu erobern. Hinter der Marke stehen die beiden Gründer Josa Rödiger, ehemaliger Director of Sales DACH bei LemonAid & ChariTea sowie Ex-Vertriebsleiter bei Krombacher, und der Serial-Founder Bijan Mashagh, der zuvor unter anderem das Matratzen-Start-up Snooze Project verantwortete. Mit der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur, die nicht nur als Investorin, sondern auch als strategische Markenpartnerin einsteigt, hat sich das Duo zudem prominente Verstärkung an Bord geholt.

Ihr gemeinsames Produkt ist eine Kombination aus prickelndem Wasser und 15 bis 20 Prozent echtem Fruchtsaft, die mit maximal 2 Gramm zelleigenem Zucker pro 100 Milliliter und nur 9 Kilokalorien auskommt. Dabei verzichtet Joony's konsequent auf Zuckerzusätze und künstliche Süßstoffe. Diese Ausrichtung zeigt bereits früh erste Erfolge: Kurz nach dem Launch ist das Getränk an über 2.000 Point-of-Sale-Stellen, darunter EDEKA, Wolt-Market und in der Gastronomie, verfügbar.

Doch der deutsche Getränkemarkt bleibt ein Haifischbecken. Zwischen etablierten Konzernen und hippen Indie-Brands scheint kaum noch Platz für echte Innovationen. Dass Joony's dabei nicht leise auf den Markt schleicht, zeigt das aktuelle Investment. Caro Daur unterstützt das Team ab sofort aktiv beim Markenaufbau und im Vertrieb. Ein beachtlicher Start – doch hält das Geschäftsmodell einer tieferen Überprüfung stand?

Das Gründer-Gespann: Symbiose aus Vertrieb und E-Commerce

Dass Joony's keine lange Anlaufzeit benötigt, liegt nicht zuletzt an der Erfahrung der Gründer, was die schnelle Verfügbarkeit in der Fläche erklärt. Josa Rödiger bringt ein tiefgreifendes Netzwerk im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und der Gastronomie mit. Sein Mitgründer Bijan Mashagh steuert hingegen die heute unverzichtbare Expertise im E-Commerce bei.

Diese Kombination ist erfolgskritisch: Der Getränkemarkt erfordert in der Skalierungsphase eine massive Präsenz im stationären Handel, während der Markenaufbau maßgeblich über digitale Kanäle funktioniert. Mit Caro Daur haben sich Rödiger und Mashagh eine Partnerin gesichert, die eine enorme digitale Community mitbringt und den Anspruch der Brand unterstreicht. Die Ambition dahinter fasst Bijan Mashagh deutlich zusammen: „Caro investiert nicht in ein Getränk. Sie investiert in eine neue Kategorie. Natural Soda steht für eine Generation von Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst leben möchte, ohne ständig verzichten zu müssen.“

Die Marktthese: Zuckersteuer und bewusster Konsum

Die These des Start-ups ist inhaltlich absolut nachvollziehbar: Verbraucherinnen und Verbraucher fordern zunehmend Getränke, die weniger Zucker enthalten, aber keine künstlichen Zusatz- oder Süßstoffe aufweisen. Die aufkeimende politische Debatte um Maßnahmen zur Reduktion des Zuckerkonsums – bis hin zu einer möglichen Zuckersteuer – beschleunigt diesen Trend spürbar. Die Industrie sucht händeringend nach Alternativen zur klassischen Limonade und zu langweiligem Mineralwasser.

Genau auf diese Lücke im Alltag zielt das Produkt ab. Mitgründer Josa Rödiger ordnet diese Entwicklung so ein: „Natural Sodas treffen den Zeitgeist, weil sie den alltäglichen Konsum mit echtem Mehrwert verbinden. Menschen kaufen heute nicht mehr einfach Getränke – sie kaufen Routinen, Wohlbefinden und bewusstere Entscheidungen.“

Ein Bedürfnis, das auch Investorin Caro Daur aus persönlicher Erfahrung bestätigt und das ihren Einstieg motivierte: „Ich achte darauf, was ich konsumiere, möchte dabei aber auch nicht komplett den Spaß verlieren. Man möchte etwas Leckeres, Erfrischendes und Prickelndes, nur eben ohne direkt eine Zuckerbombe zu trinken oder auf künstliche Süßstoffe auszuweichen. Genau das schafft Joony's.“

Hier greift die Marke mit vier Sorten (Zitrone, Grapefruit, Maracuja, Pfirsich) an und bedient mit ihren Nährwerten den vom Unternehmen definierten "Natural Sweet Spot". Der strikte Verzicht auf künstliche Süßstoffe passt zudem perfekt in den Zeitgeist der stark nachgefragten "Clean Label"-Produkte.

Kritisch hinterfragt: Innovation oder Marketing-Spin?

Doch wie innovativ ist Natural Soda wirklich? Kritisch betrachtet handelt es sich rein physisch um eine hochwertige Fruchtsaftschorle mit relativ geringem Saftanteil oder ein intensiviertes Near Water. Der Begriff Natural Soda ist in erster Linie ein geschickter Marketing-Spin, der das Produkt internationaler und moderner klingen lässt, um sich eine eigene Nische zwischen Wasser und Limonade zu bauen.

Das Geschäftsmodell im Premium-Segment bringt zudem tiefgreifende Herausforderungen mit sich. Der Einsatz von echtem Fruchtsaft treibt die Produktionskosten unweigerlich in die Höhe. Um im Lebensmitteleinzelhandel wettbewerbsfähig zu bleiben, darf der Endkundenpreis jedoch nicht zu sehr ausreißen, was die Margen drückt. Hinzu kommen logistische Hürden: Der Transport von wasserbasierten Ready-to-Drink-Getränken in Dosen ist aufwendig. Im Gegensatz zu Systemen wie Air Up oder Waterdrop, die lediglich den Geschmack ohne das Wasser verschicken, muss Joony's klassische, ressourcenintensive Logistikketten bewältigen. Zudem bleibt der Kampf um die Regalfläche in den Supermärkten selbst nach einem starken Start ein brutales Geschäft.

Das Wettbewerbsumfeld

Wer eine neue Kategorie ausruft, muss sich zwangsläufig mit diversen Playern messen. Auf der einen Seite stehen die etablierten Konzerne wie Coca-Cola mit Vio, Krombacher mit seiner Fassbrause oder Danone mit Volvic Touch, die das Near-Water-Segment durch ihre immense Vertriebsmacht dominieren. Auf der anderen Seite besetzen Social-Brands wie Lemonaid oder Fritz-Kola erfolgreich die Nische für erwachsene, hochwertige Limonaden, weisen dabei im direkten Vergleich jedoch oft höhere Zuckeranteile auf.

Auch sogenannte Wasser-Disruptoren wie Waterdrop und Air Up greifen den aktuellen Trend zu Getränken ohne Zucker aktiv an, operieren allerdings mit völlig anderen Geschäftsmodellen abseits des klassischen Marktes für Fertiggetränke. Nicht zuletzt ist der Markt förmlich überschwemmt von Creator-Brands wie Dirtea, BraTee oder Vitavate. In diesem dichten Umfeld muss Joony's beweisen, dass es das Potenzial zur nachhaltig etablierten Marke besitzt und nicht als kurzlebiger Hype-Artikel endet.

Unsere Einordnung

Joony's macht vieles richtig: Ein exzellent aufgestelltes Gründerteam trifft punktgenau auf den Megatrend der Zuckerreduktion. Die Positionierung von Caro Daur als Investorin und strategische Partnerin statt als bloßes Testimonial ist dabei ein kluger Schachzug, um Seriosität und Langfristigkeit zu signalisieren.

Das Start-up hat zweifellos das Potenzial, sich im Premium-Segment des Getränkemarkts festzusetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe wird jedoch die Wiederkaufrate sein, wenn der erste Launch-Hype abflacht. Wenn die Konsument*innen den geschmacklichen Mittelweg zwischen klassischer Limo und Wasser tatsächlich dauerhaft in ihre Alltagsroutine integrieren, könnte die Wette auf die Kategorie Natural Soda aufgehen. Andernfalls droht Joony's das Schicksal vieler hipper Getränke: Ein kurzes Aufschäumen, bevor die Kohlensäure entweicht.

Aampere unter Strom: 4,2 Mio. Euro für den Kampf um den E-Auto-Gebrauchtmarkt

„Wir ermöglichen einer Million Menschen den Umstieg auf Elektromobilität.“ Mit dieser ambitionierten Mission tritt das Münchner Start-up Aampere an, um den analogen Flickenteppich des europäischen E-Auto-Gebrauchtmarktes zu digitalisieren. Nun sicherte sich die Plattform 4,2 Millionen Euro an frischem Kapital. Doch während Investor*innen das rasante Wachstum loben, stellt sich die Frage: Kann das junge Team langfristig gegen etablierte Branchenriesen bestehen?

Mit dem frischen Kapital will Aampere den Ausbau seiner volldigitalen Handelsplattform europaweit voranzutreiben. Bemerkenswert ist dabei das hohe Tempo: Nach einer Pre-Seed-Runde von 350.000 Euro im Sommer 2023 und einer Seed-Runde über 1,6 Millionen Euro im Oktober 2025 schiebt das Start-up nun direkt die nächste Millionensumme hinterher. Angeführt wird die aktuelle Runde erneut vom estnischen VC Trind Ventures – ein starkes Signal an den Markt. Zudem holte sich das Unternehmen strategisches Gewicht aus dem skandinavischen Raum an Bord: Die Vend Marketplaces ASA – die Gruppe hinter nordischen Plattform-Riesen wie FINN.no und Blocket – steigt als Minderheitsinvestor ein. Komplettiert wird die Runde durch den Consumer-Investor G-FUND, Bestandsinvestoren wie GIMIC sowie weitere Business Angels aus der Autoindustrie.

Reichlich PS im Gründer-Trio

Hinter Aampere steht das Trio Florian Reister (CEO), Niko Schmidt (CGO) und Maximilian Rost (CPO). Gegründet im Jahr 2022 in München, trat das Team an, um die Komplexität beim Wiederverkauf von Elektroautos aufzubrechen. Inzwischen bündelt das auf über 25 Mitarbeitende angewachsene Team handfeste Erfahrung aus der Corporate- und Start-up-Welt: Auf den Lebensläufen finden sich Stationen bei Porsche, Mercedes und KPMG, aber auch bei Limehome und dem direkten Konkurrenten Cardino. Dieser Mix zahlt sich offenbar aus: Laut Firmenangaben verzeichnete Aampere im vergangenen Jahr ein vierfaches Umsatzwachstum und verkauft inzwischen mehrere Tausend Elektrofahrzeuge pro Jahr.

Doch der Anfang in einem stark analogen Marktumfeld war kein Selbstläufer. Wie gewinnt man das Vertrauen der Händler*innen? „Der Schlüssel liegt immer im ersten Kauf“, erklärt CEO Florian Reister. Um diesen Einstieg zu erleichtern, griff das Team in die Trickkiste und ließ Händler das erste Fahrzeug erst nach der tatsächlichen Lieferung bezahlen. „Sobald wir bewiesen haben, dass unsere Versprechen – transparente Zustandsinfos, zeitsparende Transaktion und schnelle Lieferung – wirklich funktionieren, werden neue Kunden zu langfristigen Partnern“, betont Reister.

„Smartphones on Wheels“: Der digitale C2B-Verkauf

Aampere fungiert als Vermittler zwischen privaten oder gewerblichen Verkäufer*innen und einem europaweiten Händler*innennetzwerk. Der Ablauf ist konsequent digitalisiert: Eine Software ermittelt den Wert, gefolgt von einem digitalen Zustands- und Historiencheck, bevor das Auto europaweit versteigert wird. Doch wie sichert sich die Plattform gegen unentdeckte Mängel am kritischen Bauteil Batterie ab, wenn niemand das Auto vor Ort inspiziert?

Reister gibt sich hier selbstbewusst: „Elektroautos sind Smartphones on Wheels.“ Anders als beim Verbrenner, wo Laufgeräusche oder Geruch physisch gecheckt werden müssten, sei bei E-Autos allein die Datenlage entscheidend. Aampere wertet Fahrzeughistorien sowie Herstellerdaten aus und prüft markenspezifisch, ob die Batteriegarantie noch greift. Reister verspricht: „Mit jedem Monat und damit weiteren Daten erlernt der Wertalgorithmus immer präziser die Wertindikation zu berechnen.“

Geld verdient das Münchner Start-up über Arbitrage – also die Differenz zwischen dem Höchstgebot der Händler*innen und dem Auszahlungsbetrag an den/die Verkäufer*in. Nimmt der/die Verkäufer*in an, überweist Aampere das Geld noch vor der Abholung und löst sogar bestehende Kredite direkt bei der Bank ab. Ein Modell, das enorm viel Kapital bindet? Reister verneint und verweist auf das geschickte Timing der Zahlungsströme: „Wir haben keine gebundene Liquidität. Wir kaufen Fahrzeuge für eine juristische Sekunde an und verkaufen sie direkt an den höchstbietenden Händler weiter.“ Da der Händler zuerst an Aampere zahle und das Start-up erst danach den Verkäufer auszahle, trage man während der Haltezeit kein Preisrisiko.

Kritische Markteinordnung und Volatilität

Trotz einer hohen Kund*innenzufriedenheit von 4,9 Sternen auf Google bewegt sich Aampere auf einem schmalen Grat. Volatile Förderpolitik und massive Rabatte bei Neuwagen setzen die Gebrauchtwagenpreise spürbar unter Druck. Darauf angesprochen, kontert Reister gelassen: „Volatilität ist für uns keine Bedrohung, sondern eine Chance, Marktanteile auszubauen.“ Weil Aampere Fahrzeuge nur für jene besagte „juristische Sekunde“ auf der Bilanz habe, entfalle das Restwertrisiko klassischer, asset-lastiger Plattformen. Zudem helfe die geografische Streuung: Durch das europaweite Händlernetz auf Käuferseite würden Preisausschläge abgedämpft – ein Puffer, den nationale Player nicht bieten können.

Wettbewerb: Kampf der Giganten

Das makroökonomische Umfeld bietet reichlich Rückenwind: Die Besitzumschreibungen von gebrauchten Elektroautos in Deutschland stiegen laut Kraftfahrt-Bundesamt in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich rund 60 Prozent jährlich. Dennoch bleibt das Wettbewerbsumfeld hart. Reichweitenriesen wie Mobile.de und AutoScout24 dominieren den Markt, während C2B-Schwergewichte wie die Auto1 Group über perfektionierte Logistiknetzwerke verfügen.

Was also ist der technologische Burggraben der Münchner, sollten diese Giganten voll auf E-Autos umschwenken? „Aampere hat einen unfairen Wettbewerbsvorteil: 100 Prozent Fokus auf E-Autos“, gibt sich Reister kämpferisch. Der rein digitale Prozess komme gänzlich ohne teure Ankaufsstellen aus. Während E-Autos für Branchengrößen wie Auto1 gerade einmal ein Prozent des Volumens ausmachten, widme sich Aampere jeden Tag ausschließlich dieser spezifischen Zielgruppe.

Fazit und Ausblick

Für das Start-up-Ökosystem beweist Aampere, dass sich spezialisierte Marktplätze auch in unsicheren Zeiten behaupten können. Die größte Aufgabe für das Gründer-Trio liegt nun darin, die Marktanteile so schnell auszubauen, dass ein Frontalangriff großer Konkurrent*innen unwirtschaftlich wird.

Auf die Frage nach dem konkreten Einsatz der frischen 4,2 Millionen bedient Reister zwar zunächst die typischen Tech-Buzzwords – künftig sollen Telematikdaten für tiefere Fahrzeug-Insights und KI-Features für eine bessere Conversion Rate sorgen –, wird bei den operativen Skalierungshürden aber erfrischend ehrlich. Der CEO räumt ein, dass die Europa-Expansion kein Selbstläufer ist: „Wir haben gelernt, dass jedes Land spezifische Anforderungen mit sich bringt.“ Aampere werde in Zukunft deshalb keine „One-Size-Fits-It-All“-Lösung sein, sondern gezielt auf länderspezifische Eigenheiten eingehen. Gelingt es Aampere, mit diesem Ansatz die Hürden der europäischen Skalierung zu meistern, rückt die große Mission tatsächlich in greifbare Nähe.

Von München in den Orbit: DeepTech-Start-up deltaVision sichert sich 10,2 Mio. Euro für die Industrialisierung der Raumfahrt

Das Münchner Raumfahrt-Start-up deltaVision vermeldet eine erfolgreiche Finanzierungsrunde über 10,2 Millionen Euro. Obwohl das Unternehmen komplexe Hardware für Raketen und Satelliten baut, wirtschaftet es in einem extrem kapitalintensiven Umfeld von Beginn an profitabel. Doch der nun anstehende Schritt von der Kleinserie zur Massenfertigung birgt in einem von Monopolisten dominierten Markt erhebliche Herausforderungen.

Das frische Kapital stammt von privaten Industrie-Family-Offices sowie Wagniskapitalgeber*innen wie KT Ventures, Valemount Capital und Futury Capital. Hinter den Summen und der Vision einer nachhaltigen Weltraumwirtschaft verbirgt sich jedoch ein knallhartes Hardware-Geschäft, das einen genauen Blick auf die Köpfe, das Geschäftsmodell und die echten Herausforderungen in diesem komplexen Markt erfordert.

Vom Pain Point zur Profitabilität

Gegründet wurde das Unternehmen 2022 von Alex Plebuch, der heute als CEO agiert, sowie Dr. Denis Kiefel und Matthias Günther. Das Gründerteam bringt tiefgreifende Expertise aus der traditionellen europäischen Raumfahrt mit. Plebuch war vor der Gründung unter anderem als Technical Leader für die Fluidsysteme der europäischen Trägerrakete Ariane 6 verantwortlich und als Trainee bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) tätig. Die Idee zur Gründung entsprang einem massiven Pain Point aus der Praxis: Bei der Entwicklung spezieller Konzepte für große Raumfahrtprogramme stellte man fest, dass es der Branche systematisch an skalierbaren Lösungen für das Fluidmanagement mangelt.

Erstaunlich in der oftmals extrem kapitalintensiven DeepTech-Szene ist der Umstand, dass deltaVision laut eigenen Angaben von Beginn an profitabel agiert. Obwohl das Unternehmen komplexe, hochphysische Hardware produziert und heute bereits 125 Mitarbeitende beschäftigt, konnte es diesen Status offenbar halten.

Das Herz-Kreislauf-System für den Kosmos

Das Kerngeschäft besteht in der Entwicklung und Produktion von Fluidsystemen wie Ventilen, Pumpen und Druckreglern, die das „Herz-Kreislauf-System“ in Raumfahrzeugen, Satelliten und Trägerraketen bilden. Das Modell stützt sich dabei auf zwei wesentliche Säulen.

Kurzfristig beseitigt das Start-up existierende Engpässe in der Lieferkette. Während traditionelle Hersteller aufgrund des aktuellen New-Space-Booms extrem überlastet sind und die Branche weltweit unter jahrelangen Verzögerungen leidet, verspricht deltaVision hochzuverlässige Produkte mit Lieferzeiten von nur wenigen Wochen. Mehr als 60 Kunden auf vier Kontinenten greifen bereits auf diese Komponenten zurück. Ein aktuelles Prestigeprojekt ist der europäische Mondlander „Argonaut“, für den die Europäische Weltraumorganisation (ESA) der Endkunde ist. Für jede dieser Argonaut-Missionen liefert das Münchner Start-up rund 50 Einzelprodukte, unter anderem zur präzisen Druckregelung.

Langfristig zielt die Vision jedoch auf einen wesentlich größeren Markt ab: Das Unternehmen entwickelt einen modularen Technologie-Baukasten für das orbitale Betanken. Standardisierte fluidische Kupplungen und integrierte Betankungsmodule sollen es künftig ermöglichen, Satelliten im All mit Treibstoff zu versorgen – ein Paradigmenwechsel, der milliardenschwere Einweg-Missionen beenden würde.

Skalierungsrisiken und der Kampf um Branchenstandards

So vielversprechend die aktuellen Auftragsbücher klingen, ist der Weg zum global dominanten Weltraum-Zulieferer mit enormen Skalierungsrisiken behaftet. Mit dem frischen Kapital will deltaVision derzeit die Produktion in einem ehemaligen Siemens-Werk in der Münchner Innenstadt auf 5.000 Einheiten pro Jahr ausbauen. Gleichzeitig expandiert das Unternehmen international: In der französischen Region Nouvelle-Aquitaine wird über die Tochtergesellschaft deltaVision SASU ein Forschungsstandort für intelligente Fluidsysteme aufgebaut, parallel ist eine eigene Ventil-Produktion in den USA geplant. Der Sprung von der ingenieurgetriebenen Manufaktur – deren Prototypen sich laut den Gründern oftmals „absolut am Rande der Physik“ bewegen – hin zur industriellen Massenfertigung ist in der Raumfahrt notorisch heikel. Bereits kleinste Verunreinigungen oder Toleranzabweichungen können den Verlust einer Mission bedeuten.

Auch der Kampf um die Vorherrschaft bei Industrie-Standards birgt Hürden. Beim Thema In-Orbit-Betankung setzt CEO Alex Plebuch bewusst auf ein offenes und interoperables Ökosystem und stellt sich explizit gegen proprietäre Modelle, bei denen am Ende ein einziger Anbieter den Markt beherrscht. Die Realität im heutigen Raumfahrtmarkt ist jedoch, dass Mega-Player wie SpaceX historisch gesehen wenig Interesse an offenen Branchenstandards haben und lieber geschlossene Architekturen durchsetzen. Zudem schlafen auch etablierte, irdische Industriezulieferer wie beispielsweise Stöhr Armaturen nicht und verfügen über eigene komplexe Ventile für Kryogenanwendungen. DeltaVision muss folglich dauerhaft beweisen, dass der schnell skalierbare New-Space-Ansatz einen echten Wettbewerbsvorteil gegenüber der Marktmacht der traditionellen Industrie bietet.

Learnings

Für die Leserschaft von StartingUp und ambitionierte DeepTech-Gründer*innen liefert der Fall deltaVision entscheidende Lektionen über den erfolgreichen Aufbau von Hardware-Unternehmen:

  • Profitabilität im Hardware-Sektor ist möglich: Das Münchner Start-up beweist, dass auch im Bereich DeepTech ab dem ersten Tag profitabel gearbeitet werden kann, sofern man reale, extrem schmerzhafte Engpassprobleme der Industrie löst und lukrative Entwicklungsaufträge an Land zieht.
  • Domain-Expertise schlägt den reinen Technologie-Hype: Die Gründer haben ihren Markt nicht abstrakt am Whiteboard analysiert, sondern litten als Ingenieure über 15 Jahre lang selbst unter den ineffizienten Strukturen der europäischen Raumfahrt.
  • Smart Money bei der industriellen Skalierung: Um von der ersten erprobten Flugerfahrung („Space Heritage“) zur Massenfertigung zu gelangen, hat deltaVision gezielt private Investor*innen und Wagniskapitalgeber*innen mit ausgeprägtem kommerziellem und industriellem Hintergrund wie KT Ventures ausgewählt. Im industriellen Sektor ist das tiefgreifende Fertigungsnetzwerk der Investor*innen oftmals weitaus überlebenswichtiger als die reine Bewertungssumme beim Pitch.

Münchner Robotik-Start-up microagi sammelt 55 Mio. USD ein

Das 2025 gegründete Start-up microagi hat eine Seed-Finanzierung in Höhe von 55 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um die größte Seed-Runde in der Geschichte deutscher Start-ups.

Angeführt wird die Finanzierung vom VC-Fonds Hummingbird, mit Beteiligung von Northzone, LocalGlobe, Village Global und redalpine. Das Unternehmen, das operativ aus München gesteuert wird und rechtlich in Aachen registriert ist, entwickelt die Daten- und Deployment-Plattform "Atlas". Diese soll Industrieunternehmen dabei unterstützen, Roboter schneller, sicherer und präziser in Fabriken zu integrieren.

Aus der Formel 1 in die Fabrikhalle

Gegründet wurde microagi vor rund zehn Monaten im Jahr 2025. Hinter dem Start-up stehen unter anderem ehemalige Formel-1-Ingenieure von Red Bull Racing und Mercedes-AMG Petronas. Der Motorsport prägt dabei die Firmenphilosophie, da es dort primär darum geht, komplexe Maschinen unter Druck verlässlich arbeiten zu lassen.

  • Das Management: Bercan Kilic (CEO) arbeitete zuvor als Aerodynamik-Ingenieur bei Red Bull Racing. Nico Nussbaum fungiert als CTO und leitet die technische Integration bei den Kunden vor Ort.
  • Das Team: Die Belegschaft rekrutiert sich neben Abgängern der ETH Zürich und der TU München aus Mathematik-Olympiasiegern, Raketeningenieuren sowie ehemaligen Mitarbeitern von DeepMind und Apple.
  • Standorte: Neben dem Münchner Hauptsitz betreibt microagi einen globalen Forschungs-Hub in Zürich sowie Büros in London und New York.

Geschäftsmodell und kritische Einordnung

microagi baut weder eigene Roboter noch trainiert das Team eigene Basis-KI-Modelle von Grund auf. Das Start-up positioniert sich bewusst als "Middleware" – eine neutrale Schicht zwischen der Kundeninfrastruktur und fortschrittlichen KI-Modellen.

  • Der Ansatz: Die Plattform Atlas erfasst spezifische Betriebsdaten direkt aus der laufenden Produktion der Kunden. Diese Daten werden in Simulationen vervielfältigt, um KI-Modelle für konkrete Aufgaben feinzujustieren. Anschließend bringen Vor-Ort-Ingenieure von microagi die Roboter zusammen mit Hardware-Partnern wie NVIDIA oder Unitree in die Werkshallen.
  • Die Kontroverse um "Shift": Um an dringend benötigte Trainingsdaten zu gelangen, ging microagi in der Vergangenheit unkonventionelle und teils umstrittene Wege. Über die virale App "Shift" bot das Unternehmen (zunächst in den USA) kostenlose Wohnungsreinigungen an. Der Haken: Die Reinigungskräfte trugen Helmkameras und filmten die Handgriffe aus der Ich-Perspektive. Nutzer tauschten hierbei ihre innerste Privatsphäre gegen eine Dienstleistung – ein datenschutzrechtlicher Drahtseilakt, der verdeutlicht, wie extrem der Hunger der KI-Branche nach realen Bewegungsdaten ist.
  • Skalierbarkeitsrisiko: Die Strategie, sich auf Deployment und Feintuning zu konzentrieren, erspart Industriekunden zwar die Abhängigkeit von einem einzigen Hardware-Anbieter (Vendor Lock-in). Das Risiko liegt jedoch in der Skalierung: Da Ingenieure von microagi physisch bei jedem Kunden vor Ort arbeiten müssen, ähnelt das Modell einem beratungsintensiven Agenturgeschäft. Dies könnte die in der Software-Branche sonst üblichen hohen Margen belasten.

Markteinordnung: Die Wette auf die Reindustrialisierung

Europa droht bei der Automatisierung den Anschluss zu verlieren: Während Europa im Jahr 2024 lediglich 85.000 Fabrikroboter (16 Prozent des globalen Anteils) installierte, verzeichnete China im selben Jahr 295.000 Installationen (54 Prozent). Gleichzeitig stehen europäische Fabriken vor einem massiven demografischen Wandel, da in diesem Jahrzehnt ein Großteil der erfahrenen Belegschaft in Rente geht.

Dass namhafte VCs nun eine solche Summe in ein europäisches Deployment-Unternehmen stecken, ist ein starkes Signal für den Standort. Microagi muss nun beweisen, dass der manuelle Integrationsaufwand in den Fabriken nicht zum Flaschenhals wird. Gelingt dies, könnte das Start-up zu einer der wichtigsten Datenschnittstellen der europäischen Industrie-Robotik werden.

All About Accuracy: Potsdamer DeepTech-Start-up sichert sich siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde

Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Start-up All About Accuracy entwickelt hochpräzise Sensor-Chips für die nächste Generation der Physical AI.

Während der mediale Hype um künstliche Intelligenz oftmals von Software und Sprachmodellen dominiert wird, rückt die physische Schnittstelle zur realen Welt zunehmend in den Fokus von Investoren. Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Unternehmen All About Accuracy GmbH hat in diesem Segment nun eine siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Die neuartige Sensortechnologie soll industriellen Robotern und autonomen Maschinen Millimeterpräzision in der Bewegungserfassung verleihen und damit rein optische Systeme ausgleichen. Doch der Weg vom Forschungslabor in die Massenproduktion von Hardware ist traditionell steinig.

Gründer und Herkunft aus der Spitzenforschung

All About Accuracy ist ein klassisches akademisches Spin-off. Das Unternehmen entstand als Ausgründung des renommierten Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP) und baut technologisch auf mehr als 15 Jahren wissenschaftlicher Halbleiterforschung auf.

Die operative Führungsspitze bilden Dr. Yori Fournier als Co-Founder und CEO sowie Olivier Astraud als COO und CFO. Das Start-up, welches im Innovationszentrum GO:IN im Potsdam Science Park ansässig ist, konnte ein namhaftes Investorenkonsortium gewinnen. Die aktuelle Finanzierungsrunde wurde von Campus Capital by STS Ventures (dem Frühphasen-Fonds von Serienunternehmer Stephan Schubert), der Brandenburg Kapital (Venture-Capital-Arm der Investitionsbank des Landes Brandenburg ILB) sowie ZOHO.VC angeführt. Zudem beteiligten sich spezialisierte Business Angels mit tiefer Expertise im Bereich der Ultra-Wideband-Technologie (UWB) über Gigahertz Venture und Superangels.

Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

All About Accuracy will eine neue Klasse von hochpräzisen, robusten und skalierbaren Bewegungssensorik-Chips etablieren. Das Unternehmen adressiert die Schnittstelle von industriellen Anwendungen, Robotik und Physical AI – mit einem besonderen Fokus auf die humanoide Robotik.

Das technologische Versprechen der Potsdamer:

  • Unabhängigkeit von Optik: Im Gegensatz zu Kamerasystemen funktioniert die funkbasierte Technologie auch bei Verdeckung, Staub, Reflexionen oder schwierigen Lichtverhältnissen zuverlässig.
  • Kompakte Integration: Die Sensorik wird direkt in kleine Elektronikmodule integriert und lässt sich über Wearables, Roboter, Werkzeuge und Maschinen skalieren.
  • Präzise Datenbasis: Für das Training von Physical AI liefert das System kontinuierliche und hochpräzise Referenzdaten (sogenannte Ground-Truth-Daten).

Kritische Würdigung: Obwohl das Marktpotenzial enorm ist, birgt das Geschäftsmodell die typischen Risiken von Deep-Tech-Hardware. Halbleiter-Startups sind in der frühen Phase extrem kapitalintensiv. Die jetzige siebenstellige Pre-Seed-Runde ist ein starkes Signal, doch bis zur fehlerfreien Serienreife und globalen Skalierung werden erfahrungsgemäß rasch zweistellige Millionenbeträge benötigt.

Hinzu kommen die bekannten Nadelöhre der europäischen Hardware-Branche: Abhängigkeiten von globalen Chip-Foundries und Halbleiter-Lieferketten. Zudem sind die Sales- und Integrationszyklen bei B2B-Kund*innen in der Industrie und Robotik notorisch lang. Ein etabliertes System durch eine neue, proprietäre Funktechnologie zu ersetzen, erfordert von den Industriepartner*innn ein hohes Maß an Vertrauen in die langfristige Lieferfähigkeit des Start-ups.

Markt und Wettbewerb

Der Markt für Physical AI steht vor einem ungelösten Problem: Optische Systeme (Kameras und Lidar) erfassen Daten zwar großflächig, stoßen aber bei der robusten Millimeterpräzision in rauen Industrieumgebungen an physikalische Grenzen. Professionelle Motion-Capture-Systeme wiederum sind für den flexiblen Außeneinsatz meist zu teuer und komplex. All About Accuracy besetzt genau diese infrastrukturelle Nische.

Die Konkurrenz schläft jedoch nicht:

  1. Etablierte Sensor-Giganten: Große Player im Bereich Lidar und optische 3D-Erfassung dominieren den Markt und verfügen über tief integrierte Kundenbeziehungen.
  2. UWB-Massenmarkt: Globale Halbleiterkonzerne wie NXP oder Qorvo treiben Standard-UWB-Chips voran. All About Accuracy muss im harten Praxiseinsatz demonstrieren, dass ihre spezialisierte Chip-Architektur einen so deutlichen Performance-Vorsprung bietet, dass sich der Wechsel für Systemintegratoren lohnt.

Einordnung für StartingUp

Für die europäische Start-up-Szene ist All About Accuracy ein hochspannender Case. Statt der nächsten B2B-Software-Anwendung stellt sich das Team der komplexen Aufgabe, echte Hardware-Infrastruktur für die KI-Welt von morgen zu bauen.

Gelingt es den Potsdamern, ihre Sensoren als Standard-Referenzschicht für humanoide Roboter und moderne Industrieanlagen zu etablieren, könnte hier ein global relevanter Player entstehen. Es bleibt eine klassische DeepTech-Wette: Hohes technologisches Risiko gepaart mit hoher Kapitalintensität – aber gestützt auf 15 Jahre fundierte Spitzenforschung und ein erfahrenes Investoren-Netzwerk.

Regulierung als Wachstumstreiber: Wie das EU-Vernichtungsverbot für Textilien einen Milliardenmarkt für Start-ups schafft

In wenigen Tagen, am 19. Juli 2026, tritt die strengste Phase der neuen EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft: Große Händler*innen dürfen unverkaufte Kleidung und Retouren nicht mehr vernichten. Was die klassische Textilindustrie unter massiven Anpassungsdruck setzt, ist für Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft der Startschuss für einen hochprofitablen B2B-Markt. Eine Markteinordnung.

Die Zahlen der Fashion-Industrie waren lange ein ökologischer Offenbarungseid: Bei Retourenquoten von teils über 40 Prozent im Onlinehandel landeten europaweit jährlich Millionen Tonnen neuwertiger Textilien im Schredder oder in der Verbrennungsanlage. Die Sichtung und Aufbereitung von Retouren oder Saisonware war für viele Marken schlichtweg teurer als die Entsorgung.

Doch damit ist ab dem 19. Juli 2026 Schluss. Mit dem Greifen der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) gilt für große Unternehmen ein striktes Vernichtungsverbot für Bekleidung, Accessoires und Schuhe. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling etablieren und diese lückenlos dokumentieren. Wer dennoch entsorgt, muss Menge und Gründe künftig öffentlich machen – ein enormes Reputationsrisiko. Für mittelständische Unternehmen folgt das Verbot 2030, Kleinstunternehmen bleiben vorerst ausgenommen.

„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, ordnet Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung, die politische Weichenstellung ein.

Der Markt: Compliance erzwingt Innovation

Damit wandelt sich die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in der Textilbranche schlagartig von einem CSR-Thema („nice to have“) zu harter Compliance. Marken suchen händeringend nach externen Dienstleister*innen, um ihre Prozesse gesetzeskonform und kosteneffizient umzubauen.

Fast Fashion und der Post-Consumer-Abfall

Das neue Vernichtungsverbot ist ein regulatorischer Meilenstein, doch es adressiert vor allem die Spitze des Eisbergs: unverkaufte Neuware und Retouren (Pre-Consumer-Waste). Die weitaus größere Herausforderung bleibt das dahinterliegende Geschäftsmodell der Fast Fashion. Durch extrem kurze Nutzungsdauern, mindere Materialqualitäten und geringe Wiederverwendungsquoten entsteht der Großteil des globalen Textilmüllbergs erst nach dem Kauf bei dem /der Endverbraucher*in.

„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, mahnt Dr. Carsten Gerhardt. Für Start-ups bedeutet das: Wer nicht nur unverkaufte Neuware rettet, sondern skalierbare Lösungen für den gewaltigen Post-Consumer-Abfall der Fast-Fashion-Industrie findet, bedient einen Markt mit gigantischem Volumen.

Das deutsche Start-up-Ökosystem: Wer den Kreislauf schließt

In genau diese Lücken stoßen derzeit deutsche Start-ups. Sie bauen die technologische und logistische Infrastruktur für eine Industrie, die bisher primär auf den linearen Vertrieb optimiert war. Das Ökosystem fächert sich dabei in hochspezialisierte Segmente entlang des gesamten Produktlebenszyklus auf:

Produktdesign & digitale Infrastruktur (Pre-Life)

Um Textilien am Ende ihrer Lebensdauer verwerten zu können, müssen Materialzusammensetzungen exakt bekannt sein.

  • circular.fashion (Berlin): Das Start-up von Gründerin Ina Budde zählt zu den deutschen Pionieren für den von der EU geforderten Digitalen Produktpass (DPP). Mit der circularity.ID erhält jedes Kleidungsstück einen digitalen "Reisepass" (via QR-Code oder NFC), der alle Infos zu Materialien speichert. Zudem bietet das Unternehmen eine Software an, die Designern schon beim Entwurf zeigt, ob ein Produkt später mechanisch oder chemisch recycelbar ist.

Recommerce-as-a-Service & Reverse Logistics (Mid-Life)

Unverkaufte Ware und Retouren müssen vorrangig wieder in den Markt gebracht werden.

  • reverse.supply (Berlin): Einer der führenden Akteure für B2B-Recommerce. Das Start-up baut für Marken wie Armedangels oder hessnatur White-Label-Second-Hand-Shops auf und übernimmt die komplette „Reverse Logistics“ im Hintergrund: Annahme, Qualitätsprüfung (Grading), Aufbereitung und Fotografie. Für Marken, die ab sofort nicht mehr vernichten dürfen, ist dieser Service ein direkter Rettungsanker.
  • Recash (München): Ein plattformgetriebener Ansatz, der Marken hilft, Recommerce unkompliziert an den primären E-Commerce anzudocken. Das Start-up fungiert als Schnittstelle zwischen Kunden, Marken und Second-Hand-Verwertern.
  • TextilTiger: Der Spezialist für die „First Mile“ der Alttextilien. Das in Hamburg gegründete Start-up holt Altkleider mit E-Lastenrädern direkt an der Haustür ab – ein Service, den das Unternehmen aktuell fokussiert in München anbietet. Das verhindert die in klassischen Sammelcontainern übliche Verschmutzung und garantiert die hohe Materialqualität, die für ein anschließendes Recycling zwingend nötig ist.

DeepTech, Recycling & Materialrückgewinnung (End-of-Life)

Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen recycelt werden. Hier liegt die höchste technologische Einstiegshürde.

  • eeden (Münster): Das Start-up löst das Problem von Mischgeweben (z.B. Baumwoll-Polyester-Mix). Mit einem patentierten chemischen Recyclingverfahren gewinnen sie Zellulose aus Alttextilien zurück, die zu neuen, hochwertigen Fasern gesponnen wird. Wie stark dieser Markt wächst, zeigt eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung von eeden über 18 Millionen Euro.
  • TURNS (Erlangen): Fokussiert sich auf das physische Faser-zu-Faser-Recycling. Das exist-geförderte Start-up sortiert Alttextilien und verarbeitet sie zu hochwertigem Recycling-Garn für neue Kollektionen.
  • Kleiderly (Berlin): Für Textilien, die nicht mehr zu Garn werden können, hat das preisgekrönte Start-up ein Verfahren entwickelt, das Textilmüll in eine Alternative zu erdölbasiertem Plastik umwandelt – etwa für die Produktion von Kleiderbügeln für die Modeindustrie.

B2B-Nischen & Corporate Workwear

Auch abseits der klassischen Modeindustrie entsteht durch die Regulierung enormer Innovationsdruck.

  • Circularity: Das Alumni-Start-up (Batch 1) des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung zeigt, wie branchenspezifische Lösungen aussehen. Das Team entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe speziell für Berufsbekleidung. Ein enormer Hebel, da Workwear aufgrund von Firmenlogos und Sicherheitsnormen bisher fast ausnahmslos der Verbrennung zugeführt wurde.

Wo die Chancen für Gründer*innen liegen

Das Wettbewerbsumfeld formiert sich gerade neu. Für Gründer*innen und VCs ergeben sich vor dem Hintergrund der neuen EU-Regulierung drei zentrale Kernmärkte mit enormem Skalierungspotenzial:

  1. Software & Reporting: Werkzeuge für Materialdokumentation, Traceability (DPP) und rechtskonformes Reporting treffen aktuell auf Kunden mit extrem hoher Zahlungsbereitschaft, da die Fristen für die großen Akteur*innen ablaufen.
  2. Infrastructure-as-a-Service: Modekonzerne sind auf den Hinweg zur Kundschaft optimiert. Start-ups, die die extrem kleinteilige Logistik für Grading, Refurbishment und Recommerce als White-Label-Lösung abnehmen, skalieren stark.
  3. Climate-Tech & Materialinnovation: Verfahren, die das Textilrecycling vom Labor in den industriellen Maßstab bringen, lösen den größten Flaschenhals der gesamten Branche und stehen im Fokus großer Kapitalgebenden.

Fazit

Das Vernichtungsverbot markiert das regulatorisch erzwungene Ende des linearen „Take-Make-Dispose“-Modells in der Textilbranche. Der Gesetzgeber agiert ab sofort als mächtigster Vertriebsmitarbeiter für Circular-Economy-Start-ups. Wer jetzt die B2B-Schnittstellen baut, um großen Marken die Kreislaufwirtschaft als Service anzubieten, positioniert sich rechtzeitig in einem wichtigen europäischen Wachstumsmarkt.

Dekarbonisierung als Renditehebel: PropTech Fuchs & Eule sichert sich 10 Mio. Euro

Das Berliner Start-up Fuchs & Eule schließt eine Finanzierungsrunde in Höhe von 10 Mio. Euro ab. Das Kapital fließt in den Ausbau KI-gestützter Sanierungsberatung für gewerbliche Immobilienportfolios. Doch hinter den Kulissen verfolgt das Unternehmen längst eine breiter angelegte Doppelstrategie. Reicht eine digitale Analyse, um den analogen Sanierungsstau in Deutschland zu lösen? Ein tieferer Blick auf das Geschäftsmodell, den Markt und die Köpfe hinter der Plattform.

Die Zinswende und verschärfte ESG-Vorgaben setzen die Immobilienbranche massiv unter Druck. Die Preise am Markt zweiteilen sich zunehmend: Während Immobilien mit guten energetischen Standards im Wert steigen, drohen unsanierte Objekte zu sogenannten „Stranded Assets“ mit Wertverlusten zu werden. Genau an dieser Schnittstelle agiert das Berliner Start-up Fuchs & Eule. Als digitaler Energie- und Sanierungsberater konnte das Team nun namhafte Geldgeber überzeugen.

In der aktuellen Finanzierungsrunde sammelt das Unternehmen 10 Millionen Euro ein. Angeführt wird die Runde vom GET Fund als Lead-Investor. Als Neuinvestoren steigen PI Impact und Wave-X ein. Zudem beteiligen sich die Bestandsinvestoren SET Ventures, Picus Capital und Realyze Ventures erneut. Das frische Kapital soll primär in den Ausbau des digitalen Geschäftsmodells fließen. Im Fokus stehen dabei KI-Technologien, intelligente Screenings sowie datenbasierte Analysen für individuelle Sanierungsberatungen, um Immobilienportfolios energieeffizienter und wertsteigernd zu transformieren.

Start-up-Erfahrung trifft Ingenieurwesen

Gegründet wurde Fuchs & Eule im Jahr 2021. Zum fünfköpfigen Gründungsteam gehören Robin Behlau, Dr. Tobias Frese, Lina Adrian, Dr. Friso Zimmermann und Matthias Kube.

Besonders der Name Robin Behlau lässt in der deutschen Gründungsszene aufhorchen. Als Gründer von Aroundhome (ehemals Käuferportal) hat Behlau bereits bewiesen, wie man fragmentierte Märkte digitalisiert, Leads generiert und Plattformen skaliert. Diese Erfahrung im Plattformaufbau trifft bei Fuchs & Eule – rechtlich eine Marke der Valyria Technology GmbH – auf ein mittlerweile über 100-köpfiges Expert*innen-Netzwerk, das ingenieurstechnisches Fachwissen mit digitalen Analyse-Tools bündelt.

Der Spagat zwischen Asset-Manager*innen und Eigenheimbesitzer*innen

Die aktuelle Kommunikation von Fuchs & Eule positioniert das Unternehmen klar im B2B-Segment: Bestandshalter, Family Offices und Asset-Manager*innen von Wohn- und Gewerbeimmobilien bilden die Kernzielgruppe. Der Beratungsansatz gliedert sich in klar definierte digitale Schritte:

  • KI-Portfolioscreening: Zum Einstieg identifiziert die Software diejenigen Gebäude eines Portfolios, die das größte Sanierungs- und Wertsteigerungspotenzial aufweisen.
  • Digitale Zwillinge & Analysen: Auf dieser Basis erstellen die Expert*innen detaillierte Gebäudeanalysen, um wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen abzuleiten.
  • Fördermittel-Begleitung: Ergänzend unterstützt das Start-up bei der Auswahl passender Programme und der Antragstellung.

Bislang wurden laut Unternehmensangaben rund 10.000 Analysen auf mehr als fünf Millionen Quadratmetern Fläche durchgeführt. Die eingesetzte Technologie soll dabei geholfen haben, pro Gebäude und Jahr durchschnittlich 21,6 Tonnen CO2 einzusparen.

Der Realitäts-Check: Die offizielle B2B-Kommunikation bildet jedoch nur einen Teil des tatsächlichen Geschäftsmodells ab. Während die neue Finanzierung das hochkomplexe, margenstarke Projektgeschäft für institutionelle Investoren anschieben soll, ist das Start-up operativ längst tief im B2C-Geschäft verwurzelt. Über weitreichende B2B2C-Partnerschaften – unter anderem mit dem toom Baumarkt, dem Bauelemente-Hersteller heroal und Verbänden wie Haus & Grund – skaliert das Unternehmen parallel das kleinteilige Volumengeschäft der individuellen Sanierungsfahrpläne (iSFP) für private Eigenheimbesitzer*innen.

Markt und Regulatorik: Rückenwind aus Brüssel

Der Markt für energetische Sanierungen wächst organisch, wird aber primär durch harte Regulatorik getrieben. Die EU-Gebäuderichtlinie gibt einen straffen Zeitplan vor: Bis zum Jahr 2030 müssen 16 Prozent aller Nichtwohngebäude, die sich EU-weit im schlechtesten energetischen Zustand befinden, saniert werden. Bis 2033 steigt diese Quote auf die schlechtesten 26 Prozent.

Ohne spezialisierte Expertise und datengestützte Priorisierung sind diese Zielvorgaben für institutionelle Bestandshalter kaum zu bewältigen. Hier greift der „Done-for-you“-Ansatz von Fuchs & Eule, der Komplexität aus dem Entscheidungsprozess nehmen und diesen für Portfolio-Manager*innen beherrschbar machen soll.

Engpass Handwerk und Doppelstrategie

Trotz des beeindruckenden Wachstums, der starken Investoren und des klaren Founder-Market-Fits steht das Geschäftsmodell vor branchenüblichen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt:

Der Umsetzungs-Flaschenhals: Digitale Zwillinge und KI-Analysen schaffen hervorragende Transparenz, bauen aber keine Wärmepumpen ein. Eine fundierte Sanierungs-Entscheidung ist nur der erste Schritt. Der eigentliche Engpass der Wärmewende in Deutschland bleibt der Fachkräftemangel im Handwerk. Wenn die identifizierten Maßnahmen aufgrund fehlender Kapazitäten nicht zeitnah umgesetzt werden können, verzögert sich der Effekt der schnellen digitalen Analyse.

Die ressourcenintensive Doppelstrategie: Den B2B-Markt (komplexe Gewerbeportfolios) und den B2C-Markt (Einfamilienhäuser via Kooperationen) parallel zu bespielen, erfordert enorme Ressourcen. Die Herausforderung für das Management wird darin bestehen, in zwei völlig unterschiedlichen Zielgruppen den operativen Fokus zu behalten.

Abhängigkeit von volatiler Förderpolitik: Ein zentraler Baustein des Modells ist die Fördermittelberatung. Die deutsche Subventionspolitik hat sich in den letzten Jahren durch plötzliche Förderstopps teils als unberechenbar erwiesen. Eine veränderte Förderkulisse kann die Wirtschaftlichkeitsrechnungen von Sanierungsprojekten kurzfristig verändern.

Fazit

Fuchs & Eule adressiert eines der größten und kapitalintensivsten Probleme der deutschen Immobilienwirtschaft mit einem hochskalierbaren Ansatz. Gelingt es den Gründer*innen, den Spagat zwischen B2B und B2C zu meistern und durch ihr Partner-Netzwerk nicht nur die Theorie der Sanierung aufzuzeigen, sondern auch die analoge Umsetzung verlässlich zu begleiten, besitzt das PropTech beste Voraussetzungen, zu einem der führenden Player in der europäischen Bestands-Dekarbonisierung zu werden.

Energie-Souveränität oder Milliardengrab? Proxima Fusion erreicht Milliardenbewertung

In einer historischen Series-A2-Finanzierungsrunde sammelt das Münchner Start-up Proxima Fusion 411 Millionen Euro (468 Millionen US-Dollar) an neuem Kapital ein. Mit der daraus resultierenden Bewertung von über 2,4 Milliarden Euro (2,7 Milliarden US-Dollar) avanciert das DeepTech-Unternehmen zum bestfinanzierten und am höchsten bewerteten Fusions-Start-up Europas. Doch während Investorengiganten wie Google und RWE dreistellige Millionenbeträge in die Stellarator-Technologie pumpen, stellt sich für den Markt die drängende Frage: Kann das ehrgeizige Versprechen eines ans Netz gehenden Fusionskraftwerks in den 2030er-Jahren der physikalischen und ökonomischen Realität standhalten?

Das Konsortium, das diese 411-Millionen-Euro-Runde stemmt, wird von XTX Ventures und East X Ventures angeführt. Als strategische Investoren steigen der deutsche Energiekonzern RWE und der US-Technologiegigant Google ein. Letzterer markiert damit sein massives Interesse an grundlastfähiger, sauberer Energie – eine Grundvoraussetzung für den exponentiell steigenden Strombedarf von KI-Rechenzentren.

Im Cap Table findet sich zudem ein breites Bündnis aus staatlichen Förderern und internationalen VCs: KfW Capital, SPRIND, Burda Principal Investments sowie Bestandsinvestoren wie Plural, UVC Partners und Cherry Ventures sind beteiligt.

Besonders bemerkenswert ist die Hebelwirkung dieser privaten Kapitalaufnahme: Erst im Februar 2026 hatten der Freistaat Bayern, RWE und Proxima Fusion ein Memorandum of Understanding (MoU) verabschiedet. Darin stellte Bayern 400 Millionen Euro an öffentlichen Geldern in Aussicht – geknüpft an die Bedingung, dass Proxima privates Kapital in gleicher Höhe beibringt. Diese Hürde wurde vom Start-up in der Rekordzeit von nur drei Monaten zwischen MoU und Termsheet genommen. In weniger als drei Jahren seit der Gründung hat Proxima somit über 650 Millionen Euro (740 Millionen US-Dollar) gesichert, wovon 95 Millionen Euro aus öffentlichen Fördermitteln stammen.

Vom Labor auf das Kraftwerksgelände: Die Historie

Proxima Fusion wurde Anfang 2023 als erstes offizielles Spin-out des renommierten Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in München gegründet. Das Gründerteam um CEO Dr. Francesco Sciortino kombiniert dabei jahrelange Forschungsexpertise am IPP mit Know-how aus der Industrie.

Technologisch baut das Unternehmen auf den jahrelangen Durchbrüchen des Wendelstein-7-X-Programms auf. Im Fokus steht die Entwicklung von sogenannten QI-HTS-Stellaratoren. Das frisch eingesammelte Kapital soll nun direkt in den Bau von „Alpha“ fließen. Dieser Nettoenergie-Demonstrator soll Anfang der 2030er-Jahre auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks in Gundremmingen (Bayern) entstehen und zentrale technologische Systeme validieren. RWE stellt für das Vorhaben nicht nur das Gelände zur Verfügung, sondern bringt sich auch strategisch ein. Darauf aufbauend soll noch im selben Jahrzehnt mit „Stellaris“ das weltweit erste kommerzielle Stellarator-Fusionskraftwerk realisiert werden.

Kritische Einordnung: Markt, Modell und Machbarkeit

Das Geschäftsmodell von Proxima Fusion ist hochriskant und extrem kapitalintensiv. Der Weg von der rein wissenschaftlichen Machbarkeit des Plasmaeinschlusses hin zur industriellen Skalierung erfordert nicht nur weitere Milliarden, sondern auch den Aufbau komplett neuer, robuster Lieferketten. Proxima muss Hochtemperatur-Supraleiter (HTS), neuartige Magnete und Kryotechnik in einem bisher nicht gekannten Maßstab fertigen.

Der Markt ist geprägt von einem globalen Subventions- und Innovationsrennen, das maßgeblich von den USA, China und Großbritannien dominiert wird:

 

Start-up / Unternehmen

Hauptsitz

Technologie-Ansatz

Bisheriges Funding (geschätzt)

Proxima Fusion

München, GER

Magneteinschluss (Stellarator)

> 650 Mio. EUR

Commonwealth Fusion Systems

Massachusetts, USA

Magneteinschluss (Tokamak)

> 2,8 Mrd. USD

Tokamak Energy

Oxford, UK

Magneteinschluss (Sphärischer Tokamak)

> 250 Mio. USD

Marvel Fusion

München, GER

Trägheitseinschluss (Laser)

> 150 Mio. EUR

Die technologische Wette: Die Kernfusions-Branche leidet traditionell unter dem Vorwurf, dass der kommerzielle Durchbruch „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“. Der ambitionierte Zeitplan von Proxima lässt kaum Spielraum für Verzögerungen beim Bau der Demonstratoren. Sollten Materialermüdungen bei extremer Hitze oder Skalierungsprobleme der Magnettechnologien auftreten, verschiebt sich die Rendite für die Investoren schnell in die 2040er-Jahre oder später.

StartingUp Fazit: Ein europäisches Wirtschaftswunder in der Mache?

Für die europäische Start-up- und VC-Landschaft ist der Erfolg von Proxima ein wegweisendes Signal. „Diese Finanzierung zeigt, dass Deutschland und Europa in der Lage sind, internationales Kapital für strategische Zukunftstechnologien zu mobilisieren“, betont Proxima-CEO Francesco Sciortino. Es geht um Tech-Souveränität und den Aufbau einer potenziellen Schlüsselindustrie, die – so die Vision des Gründers – als Wachstumstreiber, Jobmotor und Exportpfeiler der deutschen Wirtschaft fungieren kann.

Für die frühen deutschen Geldgeber zahlt sich das Risiko zumindest in der Bewertung bereits aus. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) begleitet Proxima seit der Pre-Seed-Phase, der DeepTech & Climate Fonds (DTCF) ist seit der Seed-Phase an Bord. Romy Schnelle, Geschäftsführerin von DTCF und HTGF, bringt die rasante Entwicklung auf den Punkt: „Als wir Proxima in der Pre-Seed-Phase finanzierten, war Fusion für die meisten noch eine wissenschaftliche Ambition. Nur drei Jahre später ist sie, mit 411 Millionen Euro und Investoren wie RWE und Google, eine industrielle Realität.“ Johannes Weber (Partner beim HTGF) ergänzt: „Proxima hat die reelle Chance, eine völlig neue Industrie und Lieferkette zu schaffen, mit volkswirtschaftlicher Tragweite.“

Proxima Fusion hat mit dem frischen Kapital und der Perspektive für das Kraftwerksgelände in Gundremmingen nun alle Trümpfe in der Hand, um globale Geschichte zu schreiben. Die immense Beweislast liegt jetzt beim mittlerweile rund 200-köpfigen Team: Aus herausragender theoretischer Physik muss nun funktionierendes, fehlertolerantes und wirtschaftlich tragfähiges Engineering werden.

Porelio sammelt 2,4 Mio. Euro ein

DeepTech-Hoffnung oder nur ein weiterer Filter im umkämpften PFAS-Markt?

Drei Wissenschaftler*innen wollen eine 30 Jahre alte Materialklasse erstmals industriell herstellbar machen. Mit einer überzeichneten Pre-Seed-Runde von 2,4 Millionen Euro wagt das 2025 gegründete deutsche Start-up Porelio nun den Sprung vom Labor in die Industrie. Das Versprechen der Gründenden: Wertvolle Edelmetalle aus Industrieströmen zurückgewinnen und parallel persistente PFAS-Schadstoffe aus Wasser filtern.

Team und Historie

Porelio ist ein Spin-off der TU Berlin, das 2025 gegründet wurde. Hinter dem Unternehmen steht ein tiefgreifend wissenschaftlich ausgebildetes Gründerteam:

  • Dr. Rhea Machado (CEO) bringt eine Promotion in Verfahrenstechnik von der Technischen Universität Berlin mit.
  • Javier Silva Mora (CTO) ist Doktorand in Chemie an der renommierten École polytechnique in Paris.
  • Nikol Michailidou (CPO) hält einen MSc in Chemieingenieurwesen von der Technischen Universität Berlin.

Die Technologie des Start-ups basiert auf sogenannten FOMS (Funktionalisierte Geordnete Mesoporöse Silicamaterialien). Diese Materialfamilie lag laut CEO Dr. Machado fast dreißig Jahre lang ungenutzt auf den Laborbänken, da sie niemand im entscheidenden industriellen Maßstab herstellen konnte. Vor der aktuellen, durch den VC Faber angeführten Pre-Seed-Runde, wurde die technologische Entwicklung bereits mit öffentlichen Fördermitteln in Höhe von 2,5 Millionen Euro unterstützt.

Geschäftsmodell: Ein Schwamm für zwei Milliardenmärkte

Die patentierte Innovation von Porelio ist ein neuartiges kontinuierliches Durchflussverfahren, mit dem sich FOMS erstmals im industriellen Maßstab produzieren lassen. Der Prozess soll unter nachhaltigeren Bedingungen ablaufen und 30-mal schneller sein als herkömmliche Methoden. Die so produzierten Materialien wirken wie ein molekularer Schwamm: Sie binden gezielt bestimmte molekulare Substanzen, während der Rest der Flüssigkeit frei durchfließt.

Das Start-up adressiert damit zwei sehr unterschiedliche Märkte, die laut Porelio ein gemeinsames Potenzial von rund 34 Milliarden Euro aufweisen:

  • Edelmetallrückgewinnung: Dieser Markt wird weltweit auf etwa 16 Milliarden Euro geschätzt. Die Technologie soll hierbei beispielsweise Palladium – das derzeit mit rund 40.000 Euro pro Kilogramm bewertet wird – etwa 6-mal schneller aufnehmen als eine Standard-Adsorptionsbehandlungstechnologie.
  • PFAS-Entfernung: Der Markt für die Entfernung von "Ewigkeitschemikalien" aus Wasser wird auf rund 18 Milliarden Euro beziffert. In Tests entfernte das Porelio-Material unter realen Bedingungen fast die Hälfte der enthaltenen Trifluoressigsäure (TFA). In nur fünf Minuten wurde fast 6-mal so viel aufgenommen wie mit kommerzieller Aktivkohle im gleichen Test.

Mit dem frischen Kapital soll die Produktion nun von einem Pilotmaßstab (Kilogramm pro Tag) auf einen industriellen Maßstab (Tonnen pro Jahr) skaliert werden.

Der harte Wettbewerb im PFAS-Markt

Das Start-up stützt sich beim Thema PFAS auf einen weltweit hochdynamischen Milliardenmarkt. Doch gerade hier ist die Realität stark fragmentiert und wird von einem harten technologischen Wettrüsten dominiert, das den Vorstoß von Porelio herausfordernd macht:

  • Das PFAS-Paradoxon (Filtern vs. Zerstören): Porelio fokussiert sich auf die Adsorption – also das reine Herausfiltern und Binden von Verbindungen wie TFA. Zwar betont das Start-up, dass die Materialien regenerierbar sind, doch das wirft unweigerlich die Branchen-Gretchenfrage auf: Was passiert mit dem hochkonzentrierten PFAS-Cocktail nach dem Auswaschen der Filter? Der globale Trend im Start-up-Sektor geht längst in Richtung Mineralisierung. Finanziell hochgerüstete Konkurrenten wie Claros Technologies oder Aquagga vernichten die perfluorierten Kohlenstoffketten komplett. Reine Trennverfahren geraten regulatorisch zunehmend unter Erklärungsnot, wenn die Schadstoffe letztendlich nur verlagert werden.
  • Das Haifischbecken der Adsorptions-Verfahren: Selbst innerhalb der reinen Adsorber-Technologien bewegt sich Porelio in einem Haifischbecken. Global Player wie Veolia oder Xylem rüsten ihre gewaltigen, bestehenden Infrastrukturen weltweit für PFAS-Filterungen auf. Zudem drängen andere DeepTechs auf den Markt, die in der Skalierung bereits weiter sind: Das britische Spin-off Puraffinity hat erst kürzlich knapp 17 Millionen Pfund eingesammelt, um eigene hochselektive PFAS-Materialien in die Massenproduktion zu überführen.
  • Das „Tal des Todes“ der Skalierung: Porelio plant den enormen Schritt von Kilogramm pro Tag auf Tonnen pro Jahr. In nur fünf Minuten fast 6-mal so viel TFA aufzunehmen wie kommerzielle Aktivkohle, ist ein hervorragender Laborwert. Doch im B2B-Chemiebereich verschlingt der Bau eigener industrieller CAPEX-Anlagen Unsummen. Die aktuellen 2,4 Millionen Euro sind ein respektables Pre-Seed-Polster, reichen für die finale Großproduktion gegen milliardenschwere Konkurrent*innen aber bei Weitem nicht aus.

Unser Fazit

Porelio ist ein Paradebeispiel für ambitioniertes europäisches DeepTech. Strategisch überlebenswichtig ist der zweigleisige Ansatz der Plattformtechnologie: Während das Start-up im hart umkämpften, hochregulierten PFAS-Markt massiver Konkurrenz ausgesetzt ist, könnte die Edelmetallrückgewinnung zum rettenden Anker werden. Sie verspricht Industriekunden einen schnellen und direkten Return on Investment, was dabei helfen dürfte, das junge Unternehmen organisch querzufinanzieren.

Der entscheidende Lackmustest steht allerdings noch aus: Nach erfolgreichen Proof-of-Concept-Projekten muss das Team nun beweisen, dass sich die versprochene „30-mal schnellere“ Skalierbarkeit in kommerziell rentable Industriepartnerschaften übersetzen lässt.