Gründer der Woche: Doctorsgate – Medical Communication

Gründer der Woche 38/19


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Trotz klarer Sicherheitsbedenken tauschen viele Ärzte sensible Patientendaten über WhatsApp und Co. aus. Der Medizinstudent und Gründer Robert Musmann hat nun Doctorsgate – einen sicheren Instant Messaging-Dienst für Ärzte – entwickelt. Mehr dazu im Interview mit Robert:

Doctorsgate-Gründer Robert Musmann

Wie und wann bist du auf die Idee zu deiner App Doctorsgate gekommen?


Ich habe während meines Medizinstudiums immer wieder in verschiedenen Krankenhäusern Nebenjobs als OP-Assistenz und in der Notaufnahme gehabt, durch die ich den Ablauf und damit auch die IT-Infrastruktur der Krankenhäuser kennengelernt habe. Mir ist das damals vorgekommen wie eine Zeitreise: In meiner Freizeit kann ich mit jedem zu jeder Zeit in Echtzeit kommunizieren und Informationen austauschen. Im Krankenhaus, wo es um Menschenleben geht, entziffere ich währenddessen in den Visitenkurven der Patienten die hieroglyphische Handschrift eines Kollegen, der bereits im Feierabend ist.

Neben der Tatsache, dass ich das Arbeiten in diesem Setting als frustrierend empfand, dämmerte es mir, dass das Smartphone das ideale Werkzeug für den Berufsalltag im Krankenhaus ist. Alles, was man als Arzt braucht, befindet sich in einem Gerät: Eine Kamera zur Dokumentation von Befunden, ein Mikrofon zum Diktieren von Berichten und ein Licht zum Ausleuchten der Pupillen. Und das Ganze zu jedem Zeitpunkt verfügbar in der Kitteltasche.

Die Idee mit dem Instant Messaging ergab sich in der Notaufnahme. Hier sprechen sich Kollegen zur Versorgung von Patienten täglich über WhatsApp ab – etwas, das Datenschützern zu Recht ein Dorn im Auge ist. Gleichzeitig ist dieser Austausch aber unwahrscheinlich wichtig, um den Patienten so schnell wie möglich zu helfen.

Was waren dann die wichtigsten Schritte von der Idee bis zur fertigen App?

Ich bin Mediziner und somit als Fachfremder in drei neue Welten eingetaucht: Unternehmertum, IT und Datenschutz. Der erste und wichtigste Schritt war es, die Vision Doctorsgate in diesen für mich völlig neuen Bereichen in ausreichender Qualität auszuarbeiten und mir das dafür notwendige Wissen anzueignen. 
Hierzu habe ich Kontakt mit Unternehmern, Programmierern und Juristen aufgenommen und ihnen meine Idee vorgestellt. Diese Brainstorming-Sessions dienten in erster Linie dazu, meine rohe, unausgereifte Idee durch das Wissen erfahrener Experten in konkrete Arbeitspakete zu strukturieren, die im Anschluss umgesetzt werden konnten.

Darüber hinaus gründete ich mit erfahrenen Ärztinnen und Ärzten einen medizinischen Beirat, der mich bei der Integration von Doctorsgate in den klinischen Alltag unterstützt hat. Das alles war neben dem Studium recht aufwändig, hat sich im Nachhinein jedoch als höchst lohnenswert erwiesen. Man muss nicht alles wissen. Man muss nur in Erfahrung bringen, wen man fragen kann.



Wie hast du die Entwicklung der App beziehungsweise  deine Startphase als Unternehmer neben dem Studium finanziell gestemmt?

Ein sehr guter Freund sagte mir zu Beginn des Projektes, dass fast jedes Start-up in der Gründungsphase über die drei F's finanziert wird: Friends, Family and Fools. Auch wenn die Redewendung sich natürlich in erster Linie auf das hohe Risiko einer Investition in ein Start-up früher Reife bezieht, so sind Freunde und Familie häufig die erste Anlaufstelle zur Projektfinanzierung. So war das auch bei Doctorsgate. Ohne die finanzielle Unterstützung durch Freunde und Familie hätte ich die ersten Schritte des Projektes niemals umsetzen können. Darüber hinaus haben wir vor kurzem einen Antrag für eine niederschwellige Innovationsförderung des Landes Niedersachsen gestellt.

Doctorsgate ist ein sicherer Messaging-Dienst, der exklusiv für medizinische Fachkräfte entwickelt wurde, um deren fachliche Kommunikation zu erleichtern

Und nun zu deiner App: Was genau leistet sie und was macht sie besonders?

Medizin ist ein Teamsport. Jeden Tag arbeiten Ärzte, Pfleger und andere medizinische Fachkräfte gemeinsam daran, ihre Patienten bestmöglich zu versorgen. Dabei müssen Entscheidungen häufig auch dann getroffen werden, wenn nicht alle Entscheidungsträger gemeinsam in einem Raum sitzen. Doctorsgate ist ein sicherer Messaging-Dienst, der exklusiv für medizinische Fachkräfte entwickelt wurde. Er ermöglicht es, dass Patientendaten, inklusive Bild-, Video- und Tonaufnahmen, über eine Ende-zu-Ende-verschlüsselte Verbindung datenschutzkonform ausgetauscht werden können. Dadurch können Entscheidungen in der Klinik schneller getroffen werden, wodurch den Patienten schneller geholfen werden kann.

Ein gutes Beispiel dafür ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Notaufnahme. Hier läuft extrem viel Kommunikation zwischen den Mitarbeitern der Rettungsdienste, der Notaufnahme und der einzelnen Stationen. Da kann der Austausch eines EKG- oder Röntgenbildes in entscheidenden Momenten viel Zeit sparen. Darüber hinaus bietet Doctorsgate seinen Nutzern einen Newsfeed an. Über diesen können anonymisierte Patientenfälle geteilt werden. Bisher wurden hier vor allem besonders spannende oder lehrreiche Patientenfälle veröffentlicht. Der Newsfeed ist eine tolle Gelegenheit, Wissen zu vermitteln oder an Fachexperten heranzutreten, um Feedback einzuholen.

Gibt es vergleichbare Lösungen auf dem Markt?

Der Markt im Bereich eHealth wird zunehmend durch großartige Start-ups mit brillanten Ideen besiedelt. Wir sind nicht die Einzigen, die daran interessiert sind, den Informationsaustausch in der Medizin zu verbessern. Allerdings bietet Doctorsgate seinen Nutzern eine einzigartige Kombination an Features, die sich vom Angebot anderer Applikationen deutlich abgrenzt. Neben einem sicheren Messaging-Dienst bietet Doctorsgate beispielsweise einen Newsfeed an. Hier lassen sich besonders interessante oder schwierige Patientenfälle mit Fachkollegen anonymisiert teilen. Somit entsteht ein funktions-, fach- und generationsübergreifender Dialog: Die Pflegekraft kommuniziert mit dem Mediziner, der Medizinstudent mit dem erfahrenen Arzt.

Darüber hinaus sind wir in höchster Weise auf die Rechtslage im deutschsprachigen Raum spezialisiert. Jedes Feature wird vor Beginn der Entwicklung bereits durch Juristen hinsichtlich seiner datenschutzrechtlichen Aspekte eingeordnet und bewertet. Erst wenn wir eine optimale Lösung gefunden haben, die aus datenschutzrechtlicher Sicht rechtskonform ist und zugleich eine optimale Nutzerfreundlichkeit bietet, starten wir mit der Entwicklung und Implementierung. Ausländische Anbieter können sich häufig nicht in solcher Detailtiefe mit den Gegebenheiten der deutschen Gesetzgebung auseinandersetzen.

Wo ist deine App aktuell im Einsatz und wie machst du marketingtechnisch auf Doctorsgate aufmerksam?

Doctorsgate wird gegenwärtig bundesweit von über 1.800 Ärzten genutzt. Dabei befinden sich in unserem Netzwerk vor allem junge Kollegen. Studierende und Assistenzärzte stellen über die Hälfte unserer Mitglieder dar. Erfreulicherweise stellen wir aktuell einige Anfragen von Krankenhäusern und Klinikketten fest, die sich eine Integration von Doctorsgate in ihren Betrieb wünschen. Wir sind gespannt, was sich in  den nächsten Monaten ergibt. 

Wir haben uns zunächst ganz auf die Erstellung unseres Produkts konzentriert und noch nicht sehr viel Marketing betrieben. Trotzdem stellen wir fest, dass sich die Userzahlen von Doctorsgate kontinuierlich erhöhen. Unsere Nutzer erfahren größtenteils über Mund-zu-Mund-Propaganda und Artikel in der Presse  von Doctorsgate.

2020 wird das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) in Kraft treten. Welches Potenzial siehst du für deine App gerade vor diesem Hintergrund?

Das Digitale-Versorgung-Gesetz stellt einen ersten wichtigen Schritt seitens des Gesetzgebers dar, digitale Produkte und Leistungen in die Krankenversorgung zu integrieren. Ich denke, diese Entwicklung wird sich insgesamt positiv auf den eHealth-Markt auswirken und eine Plattform für viele Start-ups im eHealth-Bereich bieten. Dabei wirft diese Entwicklung aber auch zwangsläufig einige Fragen auf: Wo werden die gesamten Gesundheitsdaten, die über die neuen Apps generiert und ausgetauscht werden, gespeichert? Wo und auf welche Weise werden die Resultate erhobener Daten mit Patienten besprochen?

Doctorsgate ist ein Start-up, welches sich genau mit dieser Thematik auskennt. Wir können uns sehr gut vorstellen, in naher Zukunft über Schnittstellenprogrammierung genau an diese Bereiche anzuknüpfen und anderen Start-ups zu ermöglichen, sich unserem Instant Messenger anzuschließen.

Und last but not least: Was rätst du anderen Gründern aus eigener Erfahrung?

Wenn ich aus meiner, noch kurzen Erfahrung etwas gelernt habe, dann ist es Durchhaltevermögen. Von der Idee bis zur konkreten Umsetzung und bis zu den ersten kleinen Erfolgen steht extrem viel Arbeit an. Am Anfang sieht man sich überwiegend mit Problemen konfrontiert, für die man nicht sofort eine Lösung parat hat. Entscheidend ist es in diesen Momenten den Kopf nicht hängen zu lassen und mit dem gleichen Elan weiterzumachen. Aufgeben darf im Mindset eines Gründers keine Option sein.

Hier geht's zu Doctorsgate


Das Interview führte Hans Luthardt

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