Der Product-Story-Slot

Autor: Lasse Giese
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Der Product-Story-Slot markiert ein Zeitfenster, das sich zu einem genau bestimmbaren Zeitpunkt öffnet und „richtiges“ Branding ermöglicht.

Bestimmt kennst du den berühmten Ausspruch, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Mit Marken verhält es sich ganz ähnlich. Sobald eine Idee zum Produkt bzw. Unternehmen gedeiht, da hat man, nein, da ist man auch schon eine Marke.

Denn jede Marke beginnt mit der Unterscheidbarkeit. Das ist ihr eigentlicher Job. Du kannst problemlos ein Produkt „erfinden“, das es so schon gibt. Spätestens die Marke muss dich jedoch am Markt zweifelsfrei abheben.

In einem Early-Product-Stage-Start-up sind die Elemente Name, Logo, Story oder auch das UI in der Regel improvisiert und weit weg von dem, was wir richtige Markenarbeit nennen. Aber lass dir von einem Agenturleiter sagen: Das ist auch gut so! Ein Tipp: Verkünstle dich nicht zu sehr und verliebe dich nicht in die DIY-Marke. Denn wenn alles gut geht auf deiner Unternehmensreise, dann wirst du irgendwann Profis brauchen. In der Early-Product-Stage gibt es aber Wichtigeres zu tun und einen besseren Einsatz für deine wichtigsten Ressourcen: Zeit und Geld.

Ab wann lohnt sich „richtiges“ Branding?

Während der vergangenen drei Jahre haben wir als Design­agentur viele große und kleine Start-ups betreut und uns mit unzähligen Gründer*innenteams ausgetauscht. In all diesen Gesprächen taucht früher oder später dieselbe Frage auf: Ab wann genau lohnt sich ein richtiges Branding, bzw. das Beauftragen einer Agentur? Und fast immer sind unsere Gesprächspartner*innen verblüfft, dass wir darauf tatsächlich eine klare Antwort geben können: im Product-Story-Slot.

Der Product-Story-Slot ist ein Zeitfenster, das sich zu einem genau bestimmbaren Zeitpunkt öffnet – ehe es sich, ebenso vorhersagbar, wieder schließt. Ausschlaggebend sind zwei Dimensionen: Einerseits betrachten wir die Marktreife bzw. Viability des Produkts; und andererseits die Deutungshoheit über die bzw. Ownership der Story. Der Product-Story-Slot lässt sich ablesen, sobald man diese Dimensionen übereinanderlegt. Die Quintessenz unseres Modells lautet: Bevor sich der Slot öffnet, ergibt ein richtiges Branding keinen Sinn.

Bevor wir den Product-Story-Slot im Detail vorstellen, betrachten wir kurz, was wir eigentlich unter richtigem Branding verstehen. Eine professionelle Marke erkennst du daran, dass sie wie ein Maßanzug (oder ein Handschuh) passt – also zum Produkt, Unternehmen und den Menschen dahinter. Eine richtige Marke ist nicht nur unterscheidbar, sondern hochgradig assoziativ: Außergewöhnliches Design und durchdachte Assets werden von einer unnachahmlichen Story getragen und plausibilisiert.

Ein solcher Branding-Prozess ist kosten- und zeitintensiv. Damit das Ergebnis maßgenau sitzt, muss das zentrale Angebot deines Produkts stabil sein – nur so wird eine starke Profilierung möglich. Und das bringt uns zur ersten Dimension des Product-Story-Slots.

Viability of Product (Marktreife)

In diesem Teil des Modells erzählen wir einem Gründer*innenpublikum zunächst nichts Neues. Agile Produktentwicklung beginnt bei der Inception und führt zunächst zu einem Prototyp – also der Hypothese, die dann experimentell an der Wirklichkeit des Marktes gemessen wird. Auf Basis von Nutzer*inneninterviews, Research und Testing sowie der gesamten Resonanz wird eifrig getüftelt – bis der Proof of Concept erreicht ist. Jetzt steht fest, dass es ein interessiertes Publikum gibt, das bereit ist, das Produkt zu nutzen und (wenigstens perspektivisch) dafür zu bezahlen.

Wenn es dann mit dem MVP (Minimal Viable Product) gelingt, die Erwartungen zu erfüllen, ist gar der Heilige Gral in Reichweite: ein Product-Market-Fit, der zahlende Nutzer*innen zu unbezahlten Botschafter*innen macht, die die Marke von sich aus weiterempfehlen. So weit, so logisch.

Solange noch kein MVP da ist, sollten die angesprochenen Basiselemente – also Name, Logo, Botschaften oder auch UI/UX-Design – nur zweckmäßig sein. Denn bis hierhin wird produktseitig meist noch kräftig improvisiert. In diesem Flux von Iterationen, Mikro-Pivots und Finetuning wäre ein richtiges Branding sogar kontraproduktiv, weil es die Marke auf eine Hypothese festnageln würde, die sich auch als falsch herausstellen kann.

Mit dem Launch des MVP ist es dann aber soweit: Das Zeitfenster für hochwertige Markenarbeit hat sich geöffnet. Denn jetzt steht fest, was die wesentlichen Vorteile des Produkts sind – die schließlich zu den Kernversprechen der Marke übersetzt werden können. Das richtige Branding unterstützt bei Scale-up und Rollout – und sollte übrigens auch dabei helfen, einen endgültigen Product-Market-Fit zu erreichen. Spricht eigentlich etwas dagegen, die Markenarbeit erst später anzukurbeln, also nach dem Product-Market-Fit? Die Antwort lautet: ja – und dazu kommen wir jetzt.

Ownership of Story (Deutungshoheit)

Die vielleicht größte Überraschung versteckt sich im zweiten Teil unseres Modells. Hier betrachten wir die Deutungshoheit über die Brand Story im zeitlichen Verlauf. Zu Beginn liegt die Story Ownership selbstverständlich bei den Gründer*innen. Hier wird das Narrativ entwickelt, das die ersten Mitarbeiter*innen, die ersten Kund*innen sowie das erste Kapital anlocken soll.

Mit den anfänglichen Wachstumsschritten verlagert sich diese Ownership dann auf das Team (inklusive der Gründer*innen). Von User*innen-Interviews bis Onboarding: Das Team erzählt die Geschichte nun weiter und hilft dabei, sie an die Bedürfnisse des Markts anzupassen.

Sobald aber das Scaling einsetzt, passiert etwas Erstaunliches – denn die Ownership der Brand Story liegt jetzt nicht mehr im Unternehmen selbst. Von nun an sind es die Nutzer*innen und das Publikum, die die Marken-Story fortschreiben: durch Reviews und Referrals, durch Bewertungen und Word of Mouth. Natürlich hat das Unternehmen als Absender auf diese Entwicklung Einfluss. Doch ein eigentliches Steuern ist von hier an nur noch unter hohem Einsatz von Zeit und Geld möglich. Der Product-Story-Slot, in dem richtiges Branding den größten Kosten-Nutzen-Wert darstellt, schließt sich, sobald die Deutungshoheit über eine Marke in der Öffentlichkeit liegt.

Das gilt übrigens nicht nur für Start-ups: Canada Goose und Volkswagen etwa mussten jeweils Unsummen aufbringen, um alternative Erzählungen (Tierquäler bzw. Lügner) einzufangen und ihren eigentlichen Storys wieder Gehör zu verschaffen.

Der Product-Story-Slot

Zum Heureka kommt es, wenn wir diese beiden Zeitdimensionen – also Viability of Product und Ownership of Story – übereinanderlegen. Die Faustregeln des Product-Story-­Slots können wir hier auf einen Blick erkennen.

Das Zeitfenster für ein richtiges Branding öffnet sich, sobald der MVP gelauncht ist und der Fokus von Iteration auf Rollout und Scale-up übergeht. Zu diesem Zeitpunkt liegt die Story Ownership beim (in der Regel noch kleinen) Team. Der Buy-in und das Einschwören auf die „neue“ Brand – mitsamt der richtigen Story – ist genau hier am effektivsten. Setzt dann der Hyper Growth ein, wandert die Story Ownership in die freie Wildbahn. Und das ist der Moment, in dem sich der Product-Story-Slot schließt.

Natürlich ist richtige Markenarbeit auch nach diesem Zeitpunkt noch möglich. Wer feststellt, dass die Marken-Story nicht so weitererzählt wird wie erhofft, wird ohnehin tätig werden müssen. So effektiv wie während des Product-Story-Slots ist Branding indes nie wieder.

Dass die Zeitachsen ohne Werte sind, ist übrigens kein Zufall. Je nach Idee, Markt und Gründungsvoraussetzungen sind hier alle Zeitspannen denkbar. Wenn das geplante Produkt in einem anderen Land oder Marktsegment bereits validiert worden ist, kann alles sehr schnell gehen. Handelt es sich dagegen um einen völlig neuen Ansatz, dann verlängert sich der Prozess – oft um ein Vielfaches. Die gute Nachricht lautet: In einem verlängerten Prozess wächst auch der Product-Story-Slot proportional mit.

Die Story als Marken-Anker

Welchen Stellenwert die Story im Branding-Prozess hat, macht unser eigener Ansatz deutlich: Wir begreifen uns als eine Design-Agentur, die zuerst überhaupt nicht designt. Stattdessen setzen wir früher und tiefer an: mit Fragebogen, Workshops und 1:1-Interviews, auf deren Basis wir ein Manifesto verfassen, das den Source Code einer Brand bildet. Es kann gut und gern zwei Seiten lang sein und präsentiert die Marke in einem kohärenten, weitgreifenden Narrativ. Das Besondere daran ist, dass alle wichtigen Textbausteine einer Brand von Anfang an im Manifesto enthalten sind. Wie das funktioniert, lässt sich am besten in einem Bild erklären.

Ein Manifesto ist wie ein großes Weinfass. Nicht alles davon ist für die Konsument*innen (bzw. Nutzer*innen) bestimmt; es enthält mithin Bausteine und Passagen, die mehr für das interne Selbstverständnis gedacht sind. Die Brand Story ist dann die abgefüllte Weinflasche, die sich rein an die Außenwelt richtet. Die Value Proposition wiederum ist das Weinglas, das aus der Flasche gefüllt wird: Sie erzählt den Markenkern kurz und knackig; jeder Schluck daraus ist eine Kernbotschaft. Die Tonalität ist die Geschmacksnote, die immer gleich bleibt – vom Fass bis zum Glas, von Manifesto bis Messaging. Der Claim schließlich ist der Korken: Er hält alles zusammen und transportiert bereits das Aroma als ein Versprechen auf das, was die Brand bereithält.

Der Vorteil dieser Methode liegt in ihrer Holistik begründet. Alle Elemente entstehen top-down und werden aus derselben breiten Story entnommen. Anstelle disparater Einzeldokumente – ein Mission Statement hier, eine Purpose Statement dort, plus eine generische Liste an Botschaften – wird eine Manifesto-Marke immer aus einem Guss erzählt.

Das Manifesto ist zugleich der Steigbügel für das Design, denn die visuelle Gestaltung beginnt erst mit der Freigabe der Marken-Story – auf keinen Fall früher. So wird sichergestellt, dass alle Stakeholder im Prozess das gleiche, vollumfängliche Verständnis der Brand besitzen.

Vor allem aber bringt die breite Erzählung des Manifesto eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für die Öffentlichkeit mit, sodass Außenstehende es zu ihrer Story machen können. Denn während die visuelle Ownership (so gut wie) immer beim Absender bleibt, „gehört“ die Marken-Story, wie wir gesehen haben, irgendwann den Nutzer*innen.

Fake it till you make it

Wie bei den visuellen Elementen, gilt auch hier: eine richtige, festgelegte Story zu entwickeln, ergibt erst mit dem Launch des MVP Sinn. Denn nur wenn die Problemlösung des Produkts genau feststeht, lässt sich das formulierte Markenversprechen mit den richtigen Assoziationen aufladen.

Für Early-Product-Stage-Start-ups gibt es aber eine gute Nachricht. Auch die vorläufige Story lässt sich bootstrappen. Es gibt eine Vielzahl von Vorbildern und Modellen wie die Heldenreise, die dabei helfen, den eigenen Antrieb und das Versprechen als überzeugende Geschichte zu erzählen.

Zum Schluss sollten wir noch einem Missverständnis vorbeugen. Wenn wir jungen Gründer*innenteams empfehlen, den Fokus nicht zu früh aufs richtige Branding zu legen, dann bestimmt nicht, weil wir sie loswerden wollen. Vielmehr gilt: Außergewöhnliches kann nur gelingen, wenn das, was wir branden sollen, auch wirklich weit genug ist. Der Product-Story-Slot ist deshalb kein wahnwitziges Fantasiekonstrukt, das wir uns ausgedacht haben, sondern das direkte Ergebnis unserer Erfahrungen – die meistens toll, aber manchmal auch schmerzhaft waren.

Aber hey: Das gehört zum Wachstum dazu.

Der Autor Lasse Giese ist Co-Gründer der Markenagentur CRU aus Berlin. Das Portfolio der Agentur umfasst die Bereiche Brand Identity (CI, Naming und Story) und Brand Activation mit Fokus auf Digital Experiences

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe unseres Printmagazins StartingUp: Mehr dazu liest du in der StartingUp - Heft 03/21 - ab dem 19. August 2021 im Handel oder jederzeit online bestellbar - auch als ePaper erhältlich - über unseren Bestellservice

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