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New Work Visionär
In nur drei Jahren ist Robert Bukvic mit seiner rent24 GmbH zu einem der größten Coworking Anbieter Europas geworden und stellt mit seinen Innovationen selbst milliardenschwere Konkurrenten in den Schatten.
Bis Ende 2018 werden weltweit 1,7 Millionen Menschen in gut 19.000 Coworking Spaces arbeiten, so die Prognose des aktuellen Global Coworking Survey, und laut Statista werden 2020 mehr als 26.000 Spaces weltweit am Markt sein. In diesem boomenden Coworking-Sektor spielt der Berliner Robert Bukvic (37) eine sehr ansehnliche Rolle. Denn mit seinen 35 Coworking Spaces in sechs Ländern und mehr als 8000 Mitgliedern ist Robert, rund drei Jahre nach der Gründung seiner rent24 GmbH, einer der führenden europäischen Coworking Anbieter. Die Zeichen stehen auch bei rent24 auf rasantes Wachstum: Ende 2019 soll es bereits 120 Standorte geben. Der Markt rund um die Vermietung von Arbeitsplätzen und Büros auf Zeit ist somit noch lange nicht gesättigt und die besten Flächen sind heiß umkämpft. Umso spannender ist es zu erfahren, was Robert Bukvic rund ums „Arbeiten und Leben 4.0“ so erfolgreich macht und rent24 letztlich von anderen, teils milliardenschweren globalen Wettbewerbern abhebt.
Coworking trifft Corporate Coworking
Coworking – seit rund 10 Jahren ein Phänomen in der deutschen Gründerszene – ist aus der Idee heraus entstanden, die für Start-ups wichtigen Grundwerte wie Kooperation, Austausch, Offenheit, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit zu fördern und aktiv zu leben. Und dabei gleichzeitig Ressourcen zu schonen. Eine Art „Lifestyle-Hype“ erlebt Coworking aktuell durch Trendthemen wie New Work und digitales Nomadentum.
Aber nicht nur Gründern und Start-ups bietet Coworking klare Vorteile. Immer mehr große Unternehmen entdecken das Coworking bzw. Corporate Coworking für sich. Sei es als günstige und stylische Erweiterung der eigenen Offices, als Recruiting Plattform für frische Talente oder als Möglichkeit, mit Start-ups, Freelancern oder digitalen Nomaden außerhalb der eigenen vier Wände eng und flexibel zusammenzuarbeiten, um so letztlich innovativer, agiler und damit schneller zu sein. Das Motto: Raus aus der Unternehmensblase – rein ins Corporate Coworking als Innovationstreiber.
Die Bandbreite von Coworking Spaces ist enorm und reicht vom mietbaren Schreibtisch in einem Büro bis hin zu dem, was Robert Bukvic von Berlin aus 2015 gestartet hat und seitdem ausrollt: eine Art von Rundum-sorglos-Paket aus Arbeiten, Wohnen und Leben unter Gleichgesinnten. „Coworking meets Coliving“ ist Robert Bukvics Erfolgsrezept und die Community ist dabei der Katalysator.
Vom Basketball-Profi zum Gründer
Wie so viele Innovationen rund ums moderne Arbeiten, ist auch die professionelle Coworkingidee Anfang der 2000er in den USA entstanden. Also zu der Zeit, als Robert, der Zwei-Meter-Mann, mit einem Basketball-Stipendium ausstaffiert an der Daytona State University International Business studierte.
An der Uni gründete Robert nebenher auch sein erstes Start-up, 1000paper.com. Das Geschäftsmodell: Er bastelte über Yahoo eine Website, über die Studenten Hausarbeiten, Bookreports etc. gegen eine monatliche Gebühr downloaden konnten. „Ich glaube, ich war damals einer der ersten PayPal-Kunden“, erzählt Robert schmunzelnd. Die Idee kam super an, „ich habe damit ungefähr 600 Dollar die Woche verdient, war stolz und glücklich und habe so mein Auto und mehr finanziert – das war eine coole Zeit“, so Robert.
Das junge Gründerglück wurde jedoch schnell ausgebremst, als die Verantwortlichen an der Uni bemerkten, dass sich die Anzahl gleicher Arbeiten häuften, dem „Spuk“ dann auf den Grund gingen und kurzerhand Robert das Geschäft untersagten. Daraufhin verkaufte er sein Business im Zuge einer Online-Auktion – legte den ersten Exit seiner Unternehmerlaufbahn hin und strich damit rund 30.000 Dollar ein – Lehrgeld inklusive.
Mit dem Thema Coworking kam Robert in seiner US-Zeit allerdings nicht direkt in Berührung, sehr wohl jedoch mit dem Thema Coliving, da sein Studi- und Privatleben an der Uni in kleinen Gemeinschaftsunterkünften stattfand und sein Basketballer-Leben im Mannschaftsverbund, quasi als Community. Auch das hat ihm einiges an Rüstzeug für sein Unternehmerleben mitgegeben. „Durch die Zeit als (Profi-)Sportler habe ich viele Dinge gelernt, die mir als Unternehmer im Alltag helfen: Disziplin, Teamgeist, Verantwortung und besonders die Fähigkeit, mit Rückschlägen oder Niederlagen umzugehen und aus diesen zu lernen“, so Robert rückblickend.
Die Kraft der Designsprache
Zurück in Europa, spielte Robert in Spanien, Italien und Finnland als Profi Basketball, bis ihm eine Knieverletzung einen Strich durch die Profi-Karriere machte. In Berlin, Roberts Heimatstadt, setzte er dann seine in den USA begonnene Unternehmerlaufbahn fort und gründete als Solist bzw. im Team das Portal miet24.de und die GetDeal GmbH. Hier liegen auch Roberts Anfänge in Sachen Coworking. Denn er und seine Mitstreiter vermieteten eigene freie Büroflächen zu günstigen Konditionen an Freelancer und Projektteams, die sie für ihre Companys bzw. Projekte benötigten bzw. von denen sie sich lohnende Synergie-Effekte versprachen. „Das war damals bereits eine Mischung aus Coworking Space und Inkubator“, so Robert.
Ende 2015 entschied sich Robert, nachdem er das Angebot erhalten hatte, eine sehr große Fläche mieten zu können, ganz auf Coworking zu setzen und gründete dazu seine rent24 GmbH. Sein Anspruch bzw. seine Motivation war es, das klassische Coworking auf ein neues Level zu heben. Zum einen inhaltlich mit klarem Fokus auf Community Building, und zum anderen in der Ausgestaltung des Arbeits- und damit Coworkingraums an sich.
Zusammen mit seiner Frau Ivana, einer Innendesignerin, entwickelte und diskutierte Robert unterschiedliche (Design-)Konzepte für den aus seiner Sicht idealen Coworking Space und startete 2016 mit dem ersten Space in Berlin. Von der Struktur her handelte es sich um einen klassischen Coworking Space, der Fokus lag aber schon deutlich auf einem modern-kreativen Wohlfühlambiente, basierend auf einer starken Designsprache. Die Vision: den Einzelnen mit seinen individuellen Bedürfnissen abholen und den kreativen Austausch unter den Coworkern beflügeln. Die ersten Coworker waren Start-ups und Freunde sowie Bekannte aus Roberts Netzwerk. „Mit deren Feedback und in intensiven Gesprächen haben wir dann unseren USP entwickelt“, so Robert.
Community Building und Services
Von Anfang an ist Robert darauf bedacht, die aus seiner Sicht passenden Mitglieder für seine Community zu rekrutieren. „Wir helfen unserer Community durch verschiedene Events und Aktionen, miteinander zu interagieren und voneinander zu profitieren“, so Robert. „So ist es durchaus üblich, dass sich einander fremde Leute in den Offices begegnen, sich austauschen und am Ende ein gemeinsames Projekt steht.“ Damit dieses Klima entstehen kann, werden auch schon mal Start-ups, die nicht ins Konzept passen, abgelehnt. „Wir versuchen, eine gesunde Mischung zu haben“, erklärt Robert.
Und von Beginn an bietet man auch Services und Dienstleistungen an, die über das übliche Vermieten von Arbeitsfläche hinausgehen. 2016 gründete er r24-ventures, einen 20 Mio. Euro schweren Fonds samt Accelerator-Programm. „Durch den Coworking Space haben wir spannende Gründer und Start-ups kennengelernt, denen wir so zur Professionalisierung sowie zum Wachstum und Durchbruch verhelfen“, sagt Robert. Pro Start-up sind Investments von 50.000 bis 2 Mio. Euro möglich.
Daneben bietet rent24 den Mitgliedern auch Workshops und Dienstleistungen, die nahezu alle Gründer bzw. junge Unternehmen brauchen können: von Gründungsberatung über kreative Services wie Logo-Erstellung bis hin zur Web- site-Gestaltung.
Arbeiten und Leben 4.0
Parallel zur deutschlandweiten Expansion – einen lohnenden Coup landete Robert hierbei mit der Übernahme des Konkurrenten Friendsfactory samt sieben Standorten – ist Robert auch international aktiv. Der Fokus von rent24 ist dabei klar auf die globalen Start-up-Hot-Spots wie Amsterdam, London, Moskau, Chicago, New York oder Tel Aviv gerichtet. Das Ziel: eine starke internationale rent24-Community schaffen und sich als Marke etablieren.
Ein wichtiger Meilenstein war bzw. ist der im September 2017 in Berlin eröffnete Flagship Space mit einzeln buchbaren Plätzen im offenen Arbeitsbereich sowie sog. Private Offices und Konferenzräumen, Event-Spaces, Küchen mit Bars etc. Hier mutet bewusst nichts mehr nach reinem Arbeitsplatz an. Die Flächen sind vielmehr Begegnungsräume, die in Themenbereichen gestaltet und gestylt sind und so zu einer Art Wohlfühl-Arbeits-Oase werden.
Doch Robert setzt dem noch eins drauf. „Wir hatten festgestellt, dass Leute Probleme hatten, Wohnraum zu finden, um hier auf Zeit zu arbeiten, und suchten nach einer Lösung.“
Seit Mai 2018 gibt es in Berlin den ersten Coliving Space, welcher den dortigen Coworking Spaces unmittelbar angegliedert ist. Auf mehr als 3500 Quadratmetern können seitdem Freelancer, Gründer und Projektteams großer Unternehmen arbeiten und sich tage-, wochen- oder monatsweise wie in einem Hotel einmieten. Jedes Zimmer ist einzigartig gestaltet und hochwertig ausgestattet. Außerdem stehen den Kunden ein eigener Fitnessraum, mehrere Küchen, ein Event-Space sowie Lounge- und Gemeinschaftsbereiche zur Verfügung.
„Wir sehen Coliving als die logische Ergänzung zu Coworking“, sagt Robert. „Mittlerweile funktionieren viele Geschäftsmodelle komplett online. Da ist es egal, ob man in Chicago, Tel Aviv oder eben Berlin arbeitet. Wer räumlich unabhängig ist, kann neben der Arbeit die Welt entdecken, möchte sich aber dabei nicht unbedingt lange binden. Genau solchen digitalen Nomaden bieten wir ab sofort das perfekte Rundumpaket.“
Wie erwähnt, gilt das für den Freelancer genauso wie für Corporates. Davon zeugt auch die aktuelle Zusammensetzung bzw. Verteilung aller Nutzer in den rent24-
Spaces. Die Gesamt-Community setzt sich aktuell aus durchschnittlich 35 Prozent Open-Space- Nutzern (Gründer, Freelancer, und digitale Nomaden) und 65 Prozent Private-Office-Nutzern (Start-ups und Büros von Unternehmen jedweder Größe) zusammen. Mit seinem Coliving Space setzt Robert klare Maßstäbe. „Willkommen beim Wohnen und Arbeiten 4.0“, bringt es Robert auf den Punkt.
Noch lange nicht gesättigt
Aktuell vergeht nur wenig Zeit, in der Robert und sein Team keine neuen Spaces an weiteren deutschen und internationalen Standorten eröffnen. Von der Planung bis zum Start vergehen dabei durchschnittlich weniger als sechs Monate, die Objekte werden angemietet und sind bei Bedarf erweiterbar, was die Startkosten senkt. „Die Spaces werden von erfahrenen Community Managern, die in der Startup-Industrie gut vernetzt sind und die Bedürfnisse vor Ort verstehen, aufgebaut und geleitet“, so Robert. Die Auslastung liegt – so rent24 – bei der Eröffnung meist schon über 65 Prozent. Insgesamt liegt die Auslastung bei durchschnittlich über 95 Prozent. Auch bemerkenswert: Den Unternehmensaufbau und -ausbau hat Robert bislang mit Eigenkapital gestemmt.
Und das alles, obwohl rent24 natürlich nicht alleine auf weiter Coworking-Flur steht. Während die rent24-Expansion derzeit massiv in Richtung USA weist, drängt bspw. der US-Gigant WeWork, dessen Unternehmenswert auf 20 Mrd. Dollar geschätzt wird, vehement auf den deutschen Markt. Am Potsdamer Platz in Berlin soll noch 2018 der größte Coworking Space Deutschlands entstehen. Robert steht dem gelassen gegenüber. Denn WeWork gilt eher als ein Anbieter, der aufs Vermieten von Private Offices setzt und nicht aufs Coliving. „Die Konkurrenz redet viel von Community, wir leben sie wirklich. Wir supporten unsere Community mit Services. Und jeder wird von uns individuell gesehen, nicht als Mieter, sondern als Community Member“, erläutert Robert seinen USP.
Auch weitere große Anbieter wie Mindspace, Regus, Tech Hub oder Design Offices schauen nicht tatenlos zu. Im Gegenteil: Manch einem wird bspw. Preisdumping nachgesagt, um sich Vorteile beim Generieren neuer Mietern zu verschaffen. Roberts Weg sieht anders aus. „Es kommt den Leuten nicht drauf an, 50 Euro weniger zu zahlen, sondern auf die Mehrwerte, die sie bekommen“, sagt er. „Wir wollen, dass sich die Community quasi gegenseitig lean bringt und wir unterstützen sie dabei. Wir haben festgestellt, dass Start-ups dann organisch wachsen, wenn wir sie supporten und connecten und damit dann auch deren Bedarf an Mitarbeitern und Fläche steigt“, erläutert Robert sein (Marketing-)Konzept. Von einem Wettkampf um Fläche bzw. Mieter will Robert aber nicht sprechen. „Es geht nicht um Verdrängung, es geht um Bedarf. Wir haben extrem Bedarf!“
Wohin geht die Coworking-Reise?
„Der Trend geht eindeutig zu mehr Flexibilität. Start-ups möchten nur selten langfristige Mietverträge eingehen, aber auch große Corporates haben inzwischen realisiert, dass neben der Flexibilität auch der kreative Input durch die Gemeinschaft ihnen einen echten Mehrwert bietet“, so Robert. „Und die Faktoren Leben, Arbeiten, Ernährung und Sport werden weiter verschmelzen und unser Konzept vorantreiben.“ Daran arbeiten Robert und seine aktuell mehr als 135 Mitarbeiter aus 23 Ländern auf Hochtouren.
Doch was geschieht mit den vielen kleineren Spaces, die keine Event-Flächen und Konferenzräume stellen können, geschweige denn Übernachtungsmöglichkeiten? Diese werden es künftig sehr viel schwerer haben, sofern sie nicht eine Nische finden und bedienen, und nicht wenige von ihnen werden wohl das Handtuch werfen müssen. Zumal nur 31 Prozent aller Coworking Spaces profitabel sind, so die Berechnung der German Coworking Federation.
Wer im Rennen um die besten Standorte und die beste, das heißt zugleich treueste Community die Nase vorn behalten wird, bleibt abzuwarten. Der rent24-Gründer gibt sich zuversichtlich und setzt voll auf sein wegweisendes Coworking-Coliving-Konzept: „Ich möchte ein weltweit operierendes Unternehmen aufbauen, das seinen Mitgliedern echten Mehrwert bietet. Deshalb entwickeln wir unser Geschäftsmodell permanent weiter.“
Dazu gehört auch der am 1. August gestartete ICO für eine rent24-Blockchain-Plattform. Über diese sollen die Standorte vernetzt und mit neuen Services – auch von externen Partnern – ausgestattet werden. Über die Plattform können beispielsweise Jobs und Aufgaben innerhalb der Community ausgeschrieben werden. Mitglieder, die diese bearbeiten, erhalten dafür als Belohnung „Token“ und „Statuspunkte“, die ihnen wiederum Vorteile einbringen und neue Möglichkeiten geben, etwa Funding Projekte innerhalb des rent24-Netzwerks vorzuschlagen. „Clicks and bricks“ nennt Robert diesen innovativen Ansatz, um seine Community – bis Ende 2019 soll es weltweit 120 rent24-Standorte geben – dezentral und transparent zu vernetzen. Eins wird hier nochmals deutlich: Coworking ist längst zu einem ganzheitlichen Geschäftsmodell mit schier unbegrenzten Möglichkeiten erwachsen und Robert ist mit seinem zukunftsweisenden Coworking Modell ganz vorn dabei.
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Ist Florian Bretschneider seriös? Kundenberichte, Bewertungen und Hintergrund Einleitung
Wer sich über Online-Business oder neue digitale Tätigkeiten informiert, möchte häufig vorab einschätzen, wie seriös ein Anbieter ist und welche Erfahrungen andere gemacht haben. Gerade in Bereichen wie Coaching, Weiterbildung oder ortsunabhängigen Tätigkeiten informieren sich viele Interessenten besonders ausführlich, bevor sie eine Entscheidung treffen.
Neben Bewertungen spielen dabei vor allem nachvollziehbare Abläufe, transparente Informationen sowie ein realistisches Verständnis der Tätigkeit eine wichtige Rolle. Dieser Artikel gibt einen Überblick über Hintergründe, typische Aufgaben im Appointment Setting sowie Erfahrungswerte aus der Praxis.
Welche Tätigkeit steckt hinter Appointment Setting?
Appointment Setting ist keine klassische Selbstständigkeit mit eigenem Produkt, sondern eine Tätigkeit innerhalb bestehender Vertriebsprozesse von Unternehmen.
Typische Aufgaben sind:
- Bearbeitung eingehender Anfragen über digitale Kanäle anhand klar definierter Abläufe
- Einordnung, ob Anfragen grundsätzlich zum jeweiligen Angebot passen (Vorqualifizierung)
- Koordination und Terminvereinbarung für Beratungsgespräche innerhalb bestehender Systeme
- Unterstützung im Vertriebsprozess durch strukturierte Vorbereitung von Gesprächsterminen
Die Tätigkeit folgt in der Praxis meist strukturierten Prozessschritten, damit Anfragen nachvollziehbar eingeordnet und Termine sinnvoll koordiniert werden können.
Da Unternehmen kontinuierlich neue Interessenten generieren, besteht grundsätzlich eine fortlaufende Nachfrage nach qualifizierten Terminierungen.
Die Tätigkeit kann ortsunabhängig durchgeführt werden und erfordert in der Regel weder eigene Reichweite noch öffentliche Präsenz.
Beispiele für Erfahrungen aus der Praxis
Einige Erfahrungsberichte beziehen sich auf erste praktische Schritte im Bereich digitaler Terminierungsprozesse. Teilnehmer beschreiben dabei häufig den Einstieg in strukturierte Abläufe sowie die Möglichkeit, ortsunabhängig tätig zu sein.
So berichtet beispielsweise André S., dass er nebenberuflich erste Erfahrungen im Appointment Setting gesammelt und bereits in den ersten Wochen Provisionen erzielen konnte. Auch Teilnehmer wie Alice Z. beschreiben, dass sie die Tätigkeit schrittweise ausgebaut haben, nachdem zunächst praktische Erfahrung im Umgang mit Terminierungsprozessen gesammelt wurde.
Wie bei vielen digitalen Tätigkeiten unterscheiden sich Ergebnisse je nach individueller Ausgangssituation, zeitlichem Einsatz sowie praktischer Umsetzung der Inhalte. Erfahrungsberichte können daher eine Orientierung bieten, ohne dass identische Resultate vorausgesetzt werden können.
Einordnung von Erfahrung und Bewertungen
Florian Bretschneider beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit digitalen Vertriebsprozessen und Appointment Setting im Coaching- und Beratungsumfeld. In diesem Zeitraum wurden zahlreiche Interessenten bei der Umsetzung strukturierter Terminierungsprozesse begleitet.
Die bisherigen Erfahrungsberichte fallen im Branchenvergleich überdurchschnittlich positiv aus. Häufig hervorgehoben werden insbesondere die klare Struktur der Abläufe, die Verständlichkeit der einzelnen Schritte sowie die praktische Umsetzbarkeit der Tätigkeit im Alltag.
Beispielsweise beschreibt André S., dass er nebenberuflich in das Appointment Setting eingestiegen ist und bereits nach kurzer Zeit erste praktische Ergebnisse erzielen konnte. Auch Teilnehmer wie Alice Z. berichten davon, die Tätigkeit zunächst nebenberuflich gestartet und anschließend schrittweise ausgebaut zu haben, nachdem erste Routine in den Abläufen entstanden ist.
Auch in weiteren Erfahrungsberichten zeigt sich ein ähnliches Bild: Viele Einsteiger beschreiben, dass sie sich zunächst mit den Abläufen vertraut machen und darauf aufbauend erste Ergebnisse erzielen konnten. Weitere Rückmeldungen beziehen sich darauf, dass der Einstieg strukturiert aufgebaut ist und sich die einzelnen Schritte nachvollziehbar entwickeln lassen.
Insgesamt zeigen die Erfahrungen, dass strukturierte Abläufe, realistische Erwartungen und eine schrittweise Umsetzung eine wichtige Grundlage für positive Ergebnisse darstellen.
Transparenz und nachvollziehbare Abläufe
Ein wichtiger Faktor für die Einschätzung der Seriosität ist, ob Inhalte und Abläufe verständlich dargestellt werden. Interessenten möchten vorab nachvollziehen können:
- wie eine Tätigkeit grundsätzlich aufgebaut ist
- welche Aufgaben übernommen werden
- welche Voraussetzungen sinnvoll sein können
- wie die praktische Umsetzung erfolgt
Je klarer Prozesse beschrieben sind, desto leichter lässt sich einschätzen, ob ein Modell zur eigenen Situation passt.
Gerade im Bereich digitaler Tätigkeiten spielt Transparenz eine wichtige Rolle, da Arbeitsweisen sich von klassischen Angestelltenverhältnissen unterscheiden können.
Für wen Appointment Setting geeignet ist – und für wen nicht
Wie bei jeder Tätigkeit ist auch dieses Modell nicht für jede Person gleichermaßen geeignet.
Geeignet kann es sein für:
- Personen mit Interesse an Online-Business
- strukturierte Arbeitsweise
- Interesse an digitalen Geschäftsmodellen
- Wunsch nach ortsunabhängigem Arbeiten
Weniger geeignet kann es sein für:
- Personen, die kein Interesse am Austausch mit Interessenten haben
- Personen, die ausschließlich passives Einkommen erwarten
- Personen ohne Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erlernen
Eine realistische Erwartungshaltung ist entscheidend für eine positive Erfahrung.
Hintergrund und Einordnung der Tätigkeit
Appointment Setting ist ein Bestandteil moderner Vertriebsprozesse, bei denen Unternehmen digitale Kanäle nutzen, um Interessenten strukturiert zu betreuen.
Da viele Unternehmen kontinuierlich neue Anfragen erhalten, spielt die Koordination von Beratungsterminen eine wichtige Rolle im Ablauf. Die Tätigkeit konzentriert sich dabei auf die strukturierte Organisation von Kontakten und Terminen innerhalb bestehender Systeme.
Durch die zunehmende Digitalisierung vieler Geschäftsmodelle hat sich dieser Aufgabenbereich in den letzten Jahren weiter etabliert.
Fazit: Seriosität im Kontext digitaler Tätigkeiten richtig einordnen
Die Einschätzung der Seriosität hängt im Bereich Online-Business häufig davon ab, wie transparent Inhalte dargestellt werden und wie nachvollziehbar Abläufe aufgebaut sind.
Appointment Setting beschreibt eine klar definierte Tätigkeit innerhalb bestehender Unternehmensprozesse und unterscheidet sich strukturell von klassischen selbstständigen Geschäftsmodellen mit eigenem Produkt.
Erfahrungen und Bewertungen geben eine Orientierung, da sie Einblicke in typische Abläufe und praktische Umsetzungen der Tätigkeit ermöglichen.
Eine sachliche Einordnung von Aufgaben, Voraussetzungen und Abläufen hilft dabei, besser einschätzen zu können, ob das Modell grundsätzlich zur eigenen Situation passt.
ODONATAs Sprung zur Multi-Mission-Drohne
Vom scheiternden Lufttaxi-Traum zum taktischen Technologieträger: Das Münchner Start-up ODONATA hat mit dem PANTALA-Hovertest einen entscheidenden Pivot eingeleitet. Am 10. April 2026 erreichte das Unternehmen auf dem Militärflughafen der Bundeswehr im fränkischen Roth einen Meilenstein und absolvierte den ersten Schwebeflug des 1:1-Prototyps seiner Langstreckendrohne. Doch hinter der Erfolgsmeldung steckt eine tiefgreifende strategische Neuausrichtung des 2021 von Dennis Furchheim, Tobias Nickel und Dominik Weigl gegründeten Unternehmens. Wir haben uns mit Co-Founder Dennis Furchheim darüber ausgetauscht.
Gegründet im Jahr 2021 im Rahmen des ESA-Business-Incubation-Programms, verfolgten die ODONATA-Gründer Dennis Furchheim, Tobias Nickel und Dominik Weigl ursprünglich eine weitaus kapitalintensivere Vision: ein bemanntes, wasserstoffbasiertes Flugtaxi (eVTOL). Doch die Realität der Finanzmärkte zwang das Team zum Umdenken. „Die Finanzierung eines solchen Vorhabens ist grundsätzlich schon nicht einfach“, erinnert sich CEO Dennis Furchheim an die kritischen Phasen der letzten fünf Jahre.
Besonders die Probleme anderer Branchengrößen belasteten das junge Unternehmen: „Wenn aber die Entwicklungen, wie beispielsweise bei Lilium, einen in Sippenhaft nehmen, weil nicht unterschieden wird zwischen verschiedenen Konzepten, dann wird es noch härter.“ In dieser Situation habe der „Zeitenwechsel“ und der neue Fokus auf Dual-Use den nötigen Befreiungsschlag ermöglicht.
Mitte 2024 folgte der scharfe Kurswechsel weg vom zertifizierungsrechtlich komplexen Passagiermarkt. Furchheim räumt offen ein, dass dies auch eine Reaktion auf den Standort Deutschland war: „Wir haben ursprünglich mit dem Ziel gestartet, ein eVTOL für Passagiere zu entwickeln und zu produzieren. Wir haben allerdings lernen müssen, dass Investoren in Deutschland nicht in so langfristig angelegte Projekte investieren.“
Der Schwenk zur autonomen Drohne PANTALA sei zwar „hart“ gewesen, doch das Team konnte wertvolle Erfahrungen und Technologien aus der ersten Phase transferieren.
PANTALA: Technik mit Schwerpunkt-Trick
Die nun getestete PANTALA-Drohne ist als Multi-Mission-Plattform konzipiert, die Logistik, Lagebildgewinnung und Drohnenabwehr vereint. Mit einer Spannweite von 7,9 Metern und einem maximalen Startgewicht von 280 Kilogramm kann sie bis zu 80 Kilogramm Nutzlast transportieren. Dank einer hybriden Antriebsarchitektur – batterieelektrisch für Start und Landung, ein Kraftstoffsystem für den Reiseflug – soll sie über zehn Stunden in der Luft bleiben und eine Reichweite von mehr als 1.100 Kilometern erzielen.
Ein technologisches Highlight ist der zum Patent angemeldete verschiebbare Antriebsstrang, der die Schwerpunktsanpassung im Flug bei variierenden Lasten ermöglicht. Angesprochen auf die Zukunftsfähigkeit des Antriebs gibt sich der Gründer pragmatisch. „Wir haben uns bewusst technologieoffen aufgestellt“, betont Furchheim im Hinblick auf die noch fehlende Wasserstoff-Infrastruktur. Er verspricht: „So können wir mit klassischen Treibstoffen, elektrisch und künftig auch mit Wasserstoff fliegen, je nachdem, wie die Infrastruktur sich entwickelt.“
Der Marktdruck und die Konkurrenz
Obwohl ODONATA durch Partner wie die ESA und die TUM Venture Labs Aerospace unterstützt wird, bleibt der Kapitalbedarf massiv. Im Wettbewerb mit bereits etablierten Playern wie Quantum Systems muss sich das Start-up behaupten. Furchheim sieht sein Unternehmen jedoch technologisch im Vorteil.
„Wir haben zwei zentrale Vorteile“, erklärt der CEO selbstbewusst: „Zum einen haben wir eine höhere Payload mit bis zu achtzig Kilogramm, was uns ermöglicht, ganz neue Use-Cases zu bedienen.“ Zudem ermögliche die enorme Reichweite eine Überwachung von Frontabschnitten oder kritischer Infrastruktur über viele Stunden hinweg. Laut Furchheim gibt es bereits konkrete Gespräche mit Interessenten, „die genau auf so etwas warten“.
Zwischen Ethik und Skalierung
Die Ausrichtung auf den Sicherheitssektor bringt neben internationalem Interesse aus den USA, Indien oder der Ukraine auch strikte Rüstungsexportkontrollen mit sich. Auf die Frage nach den regulatorischen Hürden beim Export von Dual-Use-Gütern reagiert der Gründer zurückhaltend, deutet aber eine enge Abstimmung mit nationalen Stellen an. „Ohne zu viel zu verraten, wir sind im Gespräch mit der Bundeswehr, damit wir unser System auf diese Anforderungen hin optimieren“, erklärt Furchheim, räumt jedoch ein: „Aber es ist natürlich eine Hürde, die es nicht leichter macht.“
Der erfolgreiche Hovering-Test markiert den bisher wichtigsten Fortschritt. Der nächste entscheidende Lackmustest für ODONATA wird nun der aerodynamisch anspruchsvolle Übergang in den Reiseflug sein. Nur wenn dieser nahtlos gelingt, wird das System die wachsende internationale Nachfrage tatsächlich bedienen können.
Blockchain-Start-up-Report 2026
Vorbei die Zeit der Krypto-Casinos: 2026 ist Blockchain das unsichtbare Betriebssystem der Wirtschaft. Die Top Start-ups, VCs und Trends im großen StartingUp-Report.
Es fühlt sich an wie ein anderes Zeitalter, wenn man auf die wilden frühen 2020er Jahre zurückblickt. Damals dominierten fliegende Hunde-Münzen wie Dogecoin, überteuerte Affen-Bilder des Bored Ape Yacht Club und toxische Goldgräberstimmung die Schlagzeilen. Heute, im Jahr 2026, hat die Blockchain-Technologie ihre Pubertät endgültig hinter sich gelassen. Der Wandel vom spekulativen Nischenthema zur unverzichtbaren Infrastruktur ist vollzogen. Wir sprechen nicht mehr über Krypto als Anlageklasse für Zocke*innen, sondern über distributed Ledger als das unsichtbare Betriebssystem der globalen Wirtschaft. Die Technologie ist leise geworden – und genau darin liegt ihr heutiger Wert für die Start-up-Welt.
Wenn Systemrelevanz auf MiCA trifft
Der europäische Markt für Web3- und Blockchain-Technologien hat einen nie dagewesenen Reifegrad erreicht. Der entscheidende Befreiungsschlag war die vollständige Implementierung der europäischen MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets), die den Kontinent vom regulatorischen Flickenteppich zum sichersten Hafen für institutionelles Kapital gemacht hat. Aktuelle Erhebungen des Bitkom und des KfW-Research zeigen, dass im Jahr 2026 bereits über 35 Prozent des deutschen Mittelstands die Technologie aktiv evaluieren oder Pilotprojekte mit Blockchain-Infrastruktur betreiben – primär im Supply-Chain-Management und der automatisierten Abrechnung.
Auf Investor*innenseite hat sich das Bild gewandelt: Statt Milliarden in unregulierte Token-Sales zu pumpen, fließen aktuell jährlich rund 1,8 Milliarden Euro klassisches Venture Capital in echte Equity-Runden der DACH-Region. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei die Konvergenz von künstlicher Intelligenz und Blockchain. Da KI-Agenten zunehmend autonom wirtschaftlich handeln, benötigen sie ein dezentrales, programmierbares und vor allem grenzenloses Zahlungssystem. Die Blockchain liefert exakt diese finanzielle Abwicklungsschicht für die Maschinenökonomie.
Die neuen Treiber jenseits der Krypto-Börsen
Wer heute noch Krypto-Exchanges oder reine NFT-Marktplätze baut, baut für die Vergangenheit. Der Markt des Jahres 2026 wird von drei hochspezifischen Sub-Sektoren dominiert, die das Internet grundlegend neu vernetzen.
- An vorderster Front steht DePIN (Decentralized Physical Infrastructure Networks). Hierbei wird reale Hardware – von Solarpanels bis hin zu 5G-Antennen – über Token-Incentives dezentral gesteuert und finanziert.
- Ebenso mächtig ist die Tokenisierung von Real World Assets (RWA), die den traditionellen Finanzmarkt revolutioniert, indem sie Anleihen, Immobilien und Kredite liquide auf die Chain bringt.
- Der dritte große Treiber sind Zero-Knowledge Proofs (ZKPs) – kryptografische Protokolle, die es Unternehmen erlauben, die Authentizität von Daten auf öffentlichen Blockchains zu beweisen, ohne sensible Geschäftsgeheimnisse offenzulegen. Globale Pioniere wie das auf RWA spezialisierte Netzwerk Centrifuge oder das US-Projekt Helium im Bereich DePIN haben den Weg geebnet, auf dem europäische Gründer*innen nun hochskalierbare B2B-Lösungen errichten.
Die Lektionen aus dem Billionen-Kollaps
Doch diese Reife hat einen extrem hohen Preis gekostet. Der spektakuläre Zusammenbruch der Krypto-Börse FTX und das Implodieren des algorithmischen Stablecoins Terra/Luna vor wenigen Jahren dienen heute als mahnendes Pflichtprogramm in jedem BWL-Seminar. Damals verdampften hunderte Milliarden Dollar, weil Gier über Substanz siegte.
Aus diesem Epochen-Crash lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten, die absolut tödlich enden:
- Der erste Irrtum liegt in der regulatorischen Arbitrage: Wer glaubt, Gesetze durch Offshore-Konstrukte und das Mantra "Code is Law" umgehen zu können, scheitert heute an gnadenlosen Aufsichtsbehörden.
- Zweitens zerstören künstlich aufgeblähte Token-Mechaniken jedes Projekt. Wenn die Unit Economics nur durch das permanente Drucken neuer Token künstlich positiv gehalten werden (Ponzinomics), bricht das Kartenhaus bei der geringsten Marktkorrektur zusammen.
- Die dritte Lektion betrifft den ewigen B2C-Fokus. Der verzweifelte Versuch, Endkund*innen komplexe Wallets und Seed-Phrases aufzuzwingen, ist gescheitert; der wahre Wert der Blockchain liegt derzeit fast ausschließlich in B2B-Lösungen, die im Hintergrund agieren.
- Zuletzt war das fehlende Treasury-Management ein Genickbruch für hunderte Teams. Wer die Reserven seines Unternehmens im eigenen, hochvolatilen Token hielt anstatt in Fiat oder echten Stablecoins, war bei Markteinbrüchen über Nacht insolvent.
Das deutsche Netzwerk: Wo die Knotenpunkte entstehen
Deutschland hat sich in dieser neuen Ära extrem smart positioniert und eine dezentrale Hub-Struktur aufgebaut, die weltweit ihresgleichen sucht. Berlin bleibt die unangefochtene Web3-Hauptstadt Europas. Die tiefe Verwurzelung der Ethereum Foundation und eine massive Dichte an internationalen Tech-Talenten machen die Spree-Metropole zum Epizentrum für Protokoll-Entwickler und Layer-1-Infrastruktur. Frankfurt am Main hat sich im Gegensatz dazu als der Hub für institutionelles DeFi (Decentralized Finance) und RWA-Tokenisierung etabliert. Hier verschmilzt die klassische Bankenwelt durch treibende Kräfte wie das Frankfurt School Blockchain Center mit der neuen Technologie. München spielt seine Trümpfe an der Schnittstelle von DeepTech, KI und Enterprise-Blockchain aus, stark befeuert durch Ausgründungen der TU München und die Nähe zu den Corporate Venture Labs von BMW und Siemens. Die heimliche Hauptstadt für den Milliardenmarkt DePIN ist jedoch die Achse Stuttgart/Karlsruhe. Durch das geballte Ingenieurswissen der Automobilzulieferer, gepaart mit Initiativen rund um Bosch, entsteht hier die direkte Verbindung zwischen dezentralen Netzwerken und der physischen Maschinen- und Mobilitätswelt.
Investor*innen-Radar: Smart Money für das Web3
Wer im Jahr 2026 eine Krypto-Infrastruktur finanzieren will, trifft auf eine hochgradig professionalisierte Investor*innenlandschaft. Auf der einen Seite agieren die spezialisierten VCs wie Greenfield Capital, Cherry Crypto oder 1kx. Sie bringen die notwendige technische Tiefe mit, um komplexe Zero-Knowledge-Architekturen oder Token-Design auf Herz und Nieren zu prüfen. Auf der anderen Seite stehen die Top-Tier Generalisten. Häuser wie Earlybird, Point Nine oder HV Capital haben intern längst dedizierte Web3-Partner aufgebaut und führen heute massive Series-A- und B-Runden an, sobald Start-ups bewiesen haben, dass ihre Technologie echte Kundenprobleme löst.
Ein massiver Wachstumsfaktor sind zudem die Corporate VCs der Industrie, allen voran CommerzVentures im FinTech-Sektor oder Porsche Ventures, die Brücken in die klassische Wirtschaft bauen. Der eigentliche Frühphasen-Motor wird jedoch von einer extrem agilen Angel-Szene angetrieben. Erfahrene Ex-Gründer wie Peter Großkopf oder gut vernetzte Angel-Syndikate recyceln ihr Kapital aus vergangenen Zyklen und finanzieren Pre-Seed-Runden oft innerhalb weniger Wochen.
Die Top Blockchain-Start-ups: Unsere Must-Watch Liste 2026
Für unsere Watchlist haben wir klare Kriterien angelegt. Die Auswahl umfasst ausschließlich deutsche Start-ups (mit Hauptsitz oder massiver Präsenz und Wurzeln hierzulande), die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden. Wir haben Projekte aussortiert, die rein auf spekulativen Token-Sales basieren. Stattdessen lag unser Fokus auf Marktrelevanz nach dem Krypto-Winter, institutionellem Investor*innen-Vertrauen, technologischer Substanz und einem klaren Product-Market-Fit im B2B- oder tiefen Infrastrukturbereich.
Safe (Gründung 2022)
Das von Lukas Schor, Richard Meissner und Tobias Schubotz als Gnosis-Spin-off gegründete Safe betreibt eine B2B/B2C Smart Contract Account Infrastruktur. Der absolute USP ist die Account-Abstraktion und ihr Multi-Sig-Sicherheitsstandard, der mittlerweile das globale Rückgrat für die Verwahrung digitaler Assets durch Institutionen und DAOs bildet. In den letzten Runden sammelte das Team über 100 Millionen US-Dollar ein, angeführt von Schwergewichten wie 1kx und Tiger Global.
Peaq (Gründung 2020)
Till Wendler, Leonard Dorlöchter und Max Thake bauen mit Peaq eine hochspezialisierte B2B Layer-1 Blockchain. Ihre Technologie ist exakt auf den rasant wachsenden DePIN-Sektor und die "Economy of Things" zugeschnitten, wodurch Maschinen, Fahrzeuge und Roboter souveräne digitale Identitäten und Wallets erhalten. Die jüngsten Wachstumsrunden wurden unter anderem von Generative Ventures und Borderless Capital mit gut 15 Millionen Dollar als Lead-Investoren getragen.
Chainflip (Gründung 2020)
Simon Harman hat mit Chainflip eine B2B2C Cross-Chain Decentralized Exchange (DEX) in Berlin etabliert. Der technologische Vorsprung liegt im nativen Tausch von Krypto-Assets über verschiedene Blockchains hinweg (wie Bitcoin zu Ethereum), ohne dass Nutzer*innen anfällige "Wrapped Tokens" oder unsichere Bridges nutzen müssen. Pantera Capital und Framework Ventures glaubten früh an die Vision und führten Investments in Höhe von über 24 Millionen Dollar an.
Arcium (ehemals Elusiv, Gründung 2022)
Yannik Schrade, Julian Deschler und ihre Co-Founder adressieren mit Arcium eines der größten Probleme der Enterprise-Adoption: Privatsphäre auf öffentlichen Blockchains. Ihr Geschäftsmodell ist ein B2B Confidential Computing Network, dessen USP in der Nutzung von Zero-Knowledge Proofs liegt, wodurch Daten verifiziert werden können, ohne sie zu entschlüsseln. Der auf Krypto spezialisierte Fonds Greenfield Capital sicherte sich hier gemeinsam mit Solana Ventures in frühen Runden mit einem Volumen von über 5 Millionen US-Dollar den Lead.
Gelato Network (Gründung 2020)
Hilmar Orth und Luis Schliesske agieren mit Gelato Network tief im Maschinenraum des Web3. Ihr B2B-Geschäftsmodell ist ein Automatisierungs- und Relayer-Netzwerk. Der USP besteht darin, dass Entwickler über Gelato Smart Contracts automatisieren und sogenannte Rollup-as-a-Service-Lösungen nutzen können – es ist quasi das AWS-Backend für dApps. Die Vision überzeugte Top-Fonds wie Dragonfly und IOSG Ventures, die Kapital in zweistelliger Millionenhöhe bereitstellten.
Unstoppable Finance (Gründung 2021)
Das Berliner Start-up Unstoppable Finance startete unter den Gründern Peter Großkopf, Maximilian von Wallenberg und Omid Aladini ursprünglich mit einer B2C-DeFi-Wallet. Nach einem radikalen strategischen Pivot und dem operativen Ausstieg von Großkopf im Jahr 2024 wandelten Wallenberg und Aladini das Modell erfolgreich zu einer B2B-Infrastruktur für Stablecoins. Der starke USP ist der Aufbau einer vollumfänglich regulierten Brücke („Swift 2.0“), die es institutionellen Kunden vereinfacht, Stablecoins nahtlos in ihre traditionellen Produkte einzubinden. Lightspeed Venture Partners und Speedinvest führen hier das Cap Table mit einem 12,5-Millionen-Dollar-Investment an.
Senken (Gründung 2022)
Das Gründerteam um Adrian Wons, René Schäfer und Djamel Mekibes verknüpft Blockchain mit echtem Klimaschutz. Sie bauen einen B2B-Marktplatz für den Handel mit tokenisierten CO2-Zertifikaten (Carbon Credits). Der USP dieses Regenerative Finance (ReFi) Modells ist die absolute Transparenz und Nachverfolgbarkeit von Klimakompensationen, die das Double-Spending-Problem klassischer Zertifikate eliminiert. Obvious Ventures und namhafte Krypto-Fonds investierten frühzeitig in Senken rund 7,5 Millionen US-Dollar.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt, dass die Innovationszyklen rasant bleiben. Aus den USA schwappt aktuell der Makro-Trend der „Chain Abstraction“ zu uns herüber: Blockchain-Technologie wird im Backend so unsichtbar, dass Nutzer*innen gar nicht mehr wissen, auf welchem Netzwerk sie sich bewegen – ähnlich wie heute niemand mehr TCP/IP versteht, um das Internet zu nutzen.
Gleichzeitig forcieren asiatische Märkte, allen voran Singapur und Hongkong, mit massiven staatlichen Förderungen die Verschmelzung von KI-Agenten und Krypto-Payments. Zudem zwingt die globale Entwicklung von digitalen Zentralbankwährungen (CBDCs) die Finanzsysteme endgültig zur Modernisierung.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit daher so simpel wie hart: Wer heute in der Blockchain-Branche überleben will, muss bauen wie ein traditionelles Softwareunternehmen – besessen davon, echte, drängende Probleme der Wirtschaft zu lösen, nur eben mit einer radikal überlegenen, dezentralen Architektur.
Start-up-Report: Creator Support Services
Die industrielle Revolution der Creator*innen ist in vollem Gange: Unser Report beleuchtet den boomenden Markt und zeigt die deutschen Tech-Start-ups, die das Rückgrat der neuen Medien-Champions bauen.
Wir erleben das Entstehen einer neuen ökonomischen Spezies: Der Creator-Founder. Die Grenze zwischen dem/der klassischen Online-Händler*in und dem/der modernen Content-Creator*in ist endgültig gefallen. Wer heute Reichweite besitzt, baut keine Community mehr auf, sondern ein dezentrales Medien- und Handelsimperium. Diese Transformation vom Nischenthema zur Systemrelevanz braucht jedoch eine industrielle Basis. Genau hier betritt eine neue Generation von Start-ups die Bühne. Diese „Werkzeugmacher*innen“ – spezialisiert auf KI-gesteuerte Produktion, autonome Analyse und FinTech – bilden das unsichtbare, hochprofitable Rückgrat einer Branche, die gerade ihre industrielle Revolution erlebt.
Das Ökosystem wird erwachsen
Die Marktlage im Jahr 2026 beweist eindrucksvoll, dass die Werkzeug-Infrastruktur für digitale Entrepreneur*innen den Kinderschuhen entwachsen ist. Laut aktuellen Hochrechnungen etablierter Investmentbanken steuert die globale Creator Economy unaufhaltsam auf die 400-Milliarden-Dollar-Marke zu, wobei ein signifikanter zweistelliger Prozentsatz direkt in Software- und Servicetools fließt.
Auch in Deutschland bestätigt der jüngste KfW-Gründungsmonitor diese Reife: Software-Lösungen für digitale Medienschaffende gehören zu den widerstandsfähigsten B2B-Segmenten der Post-Krisen-Ära. Der technologische Haupttreiber dieser rasanten Professionalisierung ist zweifellos die angewandte generative künstliche Intelligenz, dicht gefolgt von prädiktiven Datenmodellen. Deutsche Risikokapitalgeber*innen haben im vergangenen Jahr schätzungsweise über 350 Millionen Euro spezifisch in dieses Vertical gepumpt. Es geht längst nicht mehr um experimentelles Wagniskapital, sondern um Growth-Metriken und wiederkehrende SaaS-Umsätze in einem Markt, der eine beispiellose Professionalisierung erfährt.
Technologien der totalen Integration
Blickt man jenseits der offensichtlichen Dashboards, offenbaren sich die wahren Maschinenräume dieses Jahres. Drei Sub-Sektoren dominieren aktuell das Geschehen und treiben die Verschmelzung von Commerce und Content voran. Zunächst ist da die autonome KI-Postproduktion, bei der Algorithmen nicht nur schneiden, sondern selbständig Narrative für Verkaufsformate generieren.
Ein weiterer massiver Treiber ist die prädiktive Marken-Compliance. Hierbei handelt es sich um Legal-Tech-Lösungen, die vollautomatisiert Werbekennzeichnungspflichten und internationale Steuermodelle für Creator-Marken überwachen.
Schließlich etabliert sich das Creator FinTech, insbesondere durch umsatzbasierte Finanzierungsmodelle, die den dynamischen Cashflow von Influencer-Brands algorithmisch bewerten können. Während Pioniere der ersten Welle wie Linktree lediglich Brücken bauten, stoßen die aktuellen Akteure tief in diese hochkomplexen, technologischen Nischen vor, um den Creator*innen als vollwertigen E-Commerce-Akteur*innen zu befähigen.
Reality Check: Der Kater nach dem Hype
Dass diese Branche jedoch kein automatischer Garant für Einhörner ist, bewies der spektakuläre Crash der Web3-Creator-Plattformen um das Jahr 2023. Hochgelobte Projekte wie BitClout verbrannten Hunderte Millionen Dollar an Risikokapital, weil sie die Usability vernachlässigten und keinen echten Nutzwert jenseits der Spekulation boten. Aus diesem schmerzhaften Reality Check lassen sich vier fatale Fallstricke für heutige Gründer*innen ableiten. Der erste Fehler ist das API-Klumpenrisiko, also die blinde Abhängigkeit von den Launen großer Plattformen wie Meta oder YouTube. Ein zweites, oft tödliches Problem sind katastrophale Unit Economics bei Tools, die nur den nicht-monetarisierbaren "Long Tail" der Hobby-Nutzer*innen bedienen. Der dritte Fallstrick ist die chronische Unterschätzung der Regulatorik, insbesondere des EU AI Acts. Das vierte Learning betrifft den Technologie-Fetischismus: Wer Lösungen aufzwingt, die technologisch brillieren, aber in der alltäglichen User Experience der Creator*innen versagen, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Deutschlands heimliche Creator-Hubs
Die architektonische Landkarte der deutschen Creator-Tool-Landschaft konzentriert sich 2026 auf hochspezialisierte Hotspots. Berlin bleibt der unangefochtene Magnet, angetrieben von einer dichten Konzentration an Media-Tech-VCs und der Strahlkraft von Kaderschmieden wie der ESMT. München agiert als das kraftvolle Gegenstück für harte Technologiebedingungen. Angefacht durch das CDTM und die TU München, entstehen hier vor allem datenlastige B2B-SaaS-Produkte für die Industrie. Das Rheinland, spezifisch die Achse Aachen und Köln, fungiert als historisch gewachsenes Cluster, das auf dem Fundament klassischer TV-Produktionen und starken Informatik-Fakultäten wie der RWTH Aachen basiert. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch Hamburg. Die Hansestadt nutzt ihre tiefe Verwurzelung in der Werbe- und Agenturwelt sowie Netzwerke wie den Next Media Accelerator, um Tools zu entwickeln, die genau an der Schnittstelle zwischen Markenbudgets und der Creator-Commerce-Welt ansetzen.
Investor*innen-Radar
Ein genauer Blick auf die Geldgeber*innen offenbart, wer das Benzin für diese Maschine liefert. Bei den spezialisierten VCs haben Akteure wie Creator Ventures den Takt vorgegeben, während in Deutschland vor allem Vehikel rund um OMR Ventures den tiefen Brancheneinblick für Seed-Finanzierungen nutzen. Auf der Ebene der Top-Tier Generalisten sehen wir Fonds wie Creandum, Cherry Ventures und Point Nine, die ihre rigorosen B2B-SaaS-Metriken nun konsequent auf Creator-Tools anwenden. Die Industrie mischt über Corporate VCs ebenfalls kräftig mit; hier sichern sich Bertelsmann Investments oder SevenVentures strategische Marktanteile, um ihre eigenen Wertschöpfungsketten zu digitalisieren. Der eigentliche Motor der Frühphase sind jedoch die Business Angels und Syndikate. Hier agieren Digitalgrößen wie Philipp Westermeyer oder Prominente wie Mario Götze als strategische Türöffner, die den Start-ups unmittelbaren Zugang zu jener Creator-Elite verschaffen, die heute die Märkte bewegt.
Die Top Start-ups (Must-Watch 2026)
Die für diesen Report ausgewählten Start-ups wurden anhand einer rigorosen Analyse ihrer Marktrelevanz im Jahr 2026, ihres technologischen Reifegrades sowie der Stabilität ihrer Geschäftsmodelle bewertet. Ein wesentliches Kriterium war zudem das Investoren-Vertrauen durch namhafte Risikokapitalgeber. Wir betrachten ausschließlich Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, die ab dem Jahr 2020 gegründet wurden, um den aktuellen Innovationszyklus der "Post-Plattform-Ära" präzise abzubilden – jene Ära, in der Creator zu echten Handelsmarken werden.
Passionfroot (Gegründet 2021)
Das Team um Jennifer Phan, Jens Willemen und Michelle Tian hat von Berlin aus einen globalen Standard gesetzt. Ihr B2B-SaaS-Modell bietet einen ganzheitlichen Workspace, der Sponsoring-Anfragen und CRM für Creator zentralisiert. Der USP ist die radikale Vereinfachung des Backoffice-Chaos für jene „Solopreneur*innen“, die heute Millionenumsätze verwalten. Namhafte VCs wie Creandum und Cherry Ventures investierten hier in einer Seed-Runde 3 Millionen Euro in Passionfroot.
Nindo (Gegründet 2020)
Gegründet von Rezo und Tim Jacken in Aachen, ist Nindo der Inbegriff für den Sprung von Content-Expertise zu tiefen B2B-Data-SaaS-Lösungen. Das Unternehmen bietet granularste Analytics und Reichweiten-Validierungen für das Influencer-Marketing. Durch den Einstieg und die strategische Partnerschaft mit dem globalen Medienhaus Webedia stützt Nindo heute maßgeblich das Wachstum jener Marken, die auf datenbasierte und verifizierte Creator-Kooperationen setzen.
cofenster (Gegründet 2020)
Die Hamburger Gründer Tom Vollmer, Oliver Wegner und Finn Frotscher adressieren die „Corporate Creator Economy“. Ihr Tool ermöglicht es Unternehmen, Mitarbeiter-Content via KI-Guidance in professionelle Verkaufs- und Info-Videos zu verwandeln. Dieser Ansatz sicherte cofenster unter anderem eine Seed-Finanzierung in Höhe von 1,5 Millionen Euro, angeführt von Capnamic Ventures.
Charles (Gegründet 2020)
Artjem Weissbeck und Andreas Tussing bringen mit Charles Conversational Commerce nach Berlin. Ihr SaaS-Modell erlaubt es E-Commerce- und Creator-Brands, Marketing und Verkauf vollständig über WhatsApp abzuwickeln. Der USP liegt in der direkten Monetarisierung ohne Algorithmus-Abhängigkeit, was Salesforce Ventures im Rahmen einer Series-A-Runde zu einem Investment von 20 Millionen Dollar veranlasste.
Wonnda (Gegründet 2022)
Das Berliner Duo Martin Ditzel und Oliver Allmoslechner schließt die Lücke zwischen digitaler Reichweite und physischem Handel. Als B2B-Marktplatz verbindet Wonnda Creator*innen mit europäischen Hersteller*innen für Eigenmarken. Die Plattform digitalisiert das Sourcing und zementiert den Trend zum „Creator-as-a-Manufacturer“, finanziert von namhaften Frühphasen-VCs wie Pitchdrive.
Oxolo (Gegründet 2020)
Das Hamburger Team um Elisabeth L’Orange und Heiko Hubertz besetzt die entscheidende Schnittstelle, an der 2026 die Grenze zwischen klassischem E-Commerce und Creator-Content endgültig verschwindet. Ihr „URL-to-Video“-Modell generiert aus schlichten Shop-Links hochgradig konvertierende Videoclips mit KI-Avataren. Dass Oxolo primär von „Sellern“ spricht, ist ein strategisches Understatement: In Wahrheit nutzen vor allem Creator-Founders das Tool, um ihre D2C-Brands zu industrialisieren. Mit einer Series-A-Finanzierung von 13 Millionen Euro (Lead: DN Capital) ist Oxolo der unsichtbare Motor hinter dem kommerziellen Erfolg moderner Creator-Marken.
Moojo (Gegründet 2021)
Das Berliner Start-up von Amir Djouadi, Christian Engnath und Utena Treves fungiert als das finanzielle Rückgrat der dezentralen Wirtschaft. Moojo bietet eine integrierte FinTech-Lösung, die Rechnungsstellung und sofortige Auszahlungen für Creator*innen automatisiert. Durch die Reduzierung von Zahlungsverzögerungen löst das Start-up eines der größten Liquiditätsprobleme der Branche, unterstützt durch ein 2-Millionen-Dollar-Pre-Seed-Funding von b2venture und APX.
ZebraCat (Gegründet 2022)
Reza Zolfaghari und Michael Baumgartner konzentrieren sich mit ZebraCat in Berlin auf die „Prompt-to-Video“-Revolution. Ihr Modell ermöglicht es Creator*innen, durch einfache Textbeschreibungen komplexe Video-Narrative inklusive Schnitt zu generieren. Als Absolventen von Entrepreneur First verkörpern sie die neue Generation von KI-Tools, die den kreativen Prozess radikal beschleunigen.
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick auf die globale Makroebene zeigt, dass die europäische Creator Economy erst am Anfang einer tiefgreifenden Umwälzung steht. Aus Asien schwappt die nächste Evolutionsstufe der Live-Commerce-Infrastruktur herüber, während in den USA autonome KI-Agenten bereits die Verhandlungen komplexer Marken-Deals übernehmen. Für den europäischen Markt bedeutet dies: Wer heute noch isolierte Content-Tools baut, wird den Anschluss an den Handel verlieren. Die Zukunft gehört jenen Plattformen, die den gesamten Workflow vom ersten Frame bis zum finalen Checkout digitalisieren.
Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen: Die Creator Economy ist kein flüchtiger Trend mehr, sondern das Betriebssystem des modernen Mittelstands. Wer die Souveränität über die eigene Technologie und die eigenen Daten besitzt, wird die Medienhäuser und Handelskonzerne von morgen führen.
Über den Wolken, aber digital
Wie das 2020 von Heinz Koop gegründete Aviation Hero den verstaubten Markt der Flugausbildung aufmischt.
Die Ausbildung zum/zur Privatpilot*in galt jahrzehntelang als zeitaufwendig, wenig flexibel und extrem papierlastig. Wer fliegen lernen wollte, musste sich den rigiden Zeitplänen traditioneller Flugschulen unterordnen oder am Wochenende im Aeroclub Arbeitsstunden ableisten. Das Monheimer Start-up Aviation Hero tritt an, um genau diesen Schmerzpunkt zu lösen. Mit dem Claim, „Deutschlands erste volldigitale Flugschule“ zu sein, hat das Unternehmen eine stark regulierte Nische digitalisiert. Wir werfen einen genaueren Blick auf das gebootstrappte Geschäftsmodell, das EdTech mit Luftfahrtrecht verbindet.
Das geht besser!
Hinter Aviation Hero steht der Gründer Heinz Koop. Als er 2018 selbst enthusiastisch seine Ausbildung zum Privatpiloten (PPL) begann, stieß er schnell auf die harte Realität der Branche: trockener Theorieunterricht, unflexible Strukturen und eine hohe Abbruchquote bei den Flugschüler*innen. Aus diesem Negativerlebnis heraus entstand die Geschäftsidee. Im Jahr 2020, mit gerade einmal 22 Jahren, brach Koop sein Studium ab und gründete die Aviation Hero GmbH.
Bemerkenswert in der heutigen Start-up-Landschaft: Das Unternehmen ist zu 100 Prozent gebootstrappt. Anstatt auf Risikokapitalgeber*innen zu setzen, finanzierte Koop das Projekt aus eigenen Mitteln und baute das Angebot organisch auf. Ein massiver Wachstumstreiber war dabei Social Media. Mit einem YouTube-Kanal, der mittlerweile über 14.000 abonnierende Luftfahrt-Enthusiast*innen zählt, schuf sich Koop eine eigene Vertriebs-Pipeline und wurde zum Gesicht der modernen Pilotenausbildung in Deutschland.
„Ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie“
Dass der Aufbau eines Unternehmens in einem extrem kapitalintensiven Markt ohne externes Geld kein Spaziergang ist, musste Koop schnell feststellen. „Es gab nicht den einen Tiefpunkt, sondern mehrere Phasen, in denen ich kurz davor war aufzuhören“, erinnert sich der Gründer. Ein besonders kritischer Moment ereignete sich kurz vor dem Launch des ersten Theoriekurses. Die Teilnehmer*innen hatten bereits bezahlt, als der fest eingeplante Fluglehrer plötzlich per Telefon absagte – ausgerechnet, als Koop sich wegen gesundheitlicher Probleme auf einer Ayurveda-Kur in Indien befand.
„Ich stand irgendwo am Strand in Indien, hatte Kunden, die sich auf den Kurs freuten, und keinen Fluglehrer mehr“, beschreibt er die absurde Situation. „Kein Investor, kein Sicherheitsnetz, kein Team das auffängt – alles hing an mir.“ Den Kurs abzusagen, kam für ihn jedoch nicht infrage. Nach unzähligen Telefonaten aus Indien fand er schließlich einen Ersatz, der den Kurs letztlich sogar noch besser betreute. Was ihn in diesen harten Momenten antrieb? „Was mich in solchen Momenten immer zum Weitermachen motiviert hat, waren die Nachrichten von Flugschülern“, betont Koop. Wenn Zweifel aufkamen, las er Nachrichten wie: „Heinz, ohne euch hätte ich meinen Traum nie verwirklicht.“ Seine wichtigste Lektion für andere Gründer*innen lautet daher: „Du brauchst nicht den perfekten Businessplan – du brauchst direktes Kundenfeedback, das dir zeigt, dass das, was du baust, einen echten Unterschied macht. Das ist dein Treibstoff, wenn alles andere wegbricht.“
EdTech im Cockpit
Heute ist Aviation Hero vom Luftfahrt-Bundesamt bzw. der Bezirksregierung als Declared Training Organization offiziell zertifiziert. Das Kerngeschäft ist der Verkauf von digitalen Ausbildungspaketen für angehende Privatpilot*innen, allen voran das Sprechfunkzeugnis („BZF Mastery“) sowie Theorie-Crashkurse für die Lizenzen LAPL und PPL.
Die methodische Umsetzung erinnert dabei an moderne EdTech-Plattformen und kombiniert hochwertig animierte Videolektionen, die Netflix-ähnlich konsumiert werden können, mit interaktiven Live-Q&A-Sessions via Zoom und einer Community-Plattform namens Skool für den direkten Austausch.
Dass die konservativen Luftfahrtbehörden diesen digitalen Ansatz absegneten, war laut Koop weniger ein Kampf als oft vermutet. „Ehrlicherweise war der Ansatz gar nicht so radikal, wie er von außen wirkt“, wiegelt er ab. Zugelassene Fernlehrgänge gab es bereits, doch bestanden diese oft aus endlosen Textwüsten ohne Support. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Vorteile aus beiden Modellen kombinieren? Herausgekommen ist der Aviation Hero Ansatz“, erklärt Koop.
Die eigentliche Herausforderung sei nicht die Behördenüberzeugung gewesen, sondern die Produktion von Hunderten Videolektionen und der Aufbau der eigenen Methodik. Als das Konzept stand, erkannte die Bezirksregierung in Düsseldorf schnell den Mehrwert. „Die Zusammenarbeit ist seitdem konstruktiv und vertrauensvoll“, versichert der Gründer.
Digitale Disruption gegen E-Learning-Dinosaurier
Der Markt für Flugausbildungen im DACH-Raum ist extrem stark fragmentiert. Neben Hunderten lokalen Flugvereinen gibt es etablierte Branchenriesen wie CAT oder Cranfield Aviation. Doch diese Platzhirsche dominieren primär als B2B-Zulieferer und bieten den Schüler*innen oft textlastiges E-Learning der alten Schule. Aviation Hero fischt hier in einem „Blue Ocean“, indem das Start-up die Endkund*innen (B2C) direkt und professionell über Performance Marketing anspricht.
Wird das Start-up in der traditionellen Branche als feindlicher Disruptor oder als dringend benötigter Modernisierer wahrgenommen? „Beides – und es hängt davon ab, wen du fragst“, räumt Koop ein. Zwar höre er regelmäßig skeptische Stimmen, die auf reinen Präsenzunterricht pochen, doch viele Flugschulen sähen Aviation Hero längst als wertvolle Ergänzung. „Unsere Teilnehmer kommen mit bestandenem BZF und bestandener Theorie zu ihnen – und können vom ersten Tag an das Wetterbriefing lesen, den Funk machen und die Lufträume verstehen“, erklärt er den Vorteil für die Praxis-Schulen. Sein klares Credo: „Wir wollen nicht gegen die Branche arbeiten, sondern mit ihr – aber auf einem modernen Level.“
Wo sind die Turbulenzen?
Trotz über 2.000 begleiteter Schüler*innen gibt es auch Herausforderungen. Die Luftfahrt ist eine der am stärksten reglementierten Branchen der Welt. So verbieten EASA-Richtlinien ein reines Netflix-Modell und fordern einen Anteil an synchronem, betreutem Unterricht von etwa zehn Prozent. Auch Prüfungen müssen physisch bei der Bezirksregierung oder der Bundesnetzagentur abgelegt werden.
Zudem sorgt das Aviation-Hero-Preismodell im Premium-Segment gelegentlich für Diskussionsstoff. Die Kritik: Der reguläre Zugang ist auf vier Monate begrenzt; wer länger braucht, muss monatliche Verlängerungsgebühren zahlen. Auf den Vorwurf eines reinen „Penalty-Pricings“ zur Profitsteigerung reagiert Koop jedoch entschieden: „Die zeitliche Begrenzung ist ein bewusster Teil unseres Ausbildungskonzepts – und zwar im Interesse der Teilnehmer.“
Vor dem Start erarbeite man in kostenlosen Zoom-Gesprächen einen klaren Fahrplan, sodass volle Transparenz herrsche. „Warum überhaupt ein Zeitrahmen? Weil der gefährlichste Fehler in der Flugausbildung ein Projekt ohne Deadline ist“, warnt der junge Unternehmer eindringlich. Zu oft meldeten sich Flugschüler*innen motiviert an, verlören sich dann aber im Alltag. „Wer sich BZF und Theorie über viele Monate streckt, braucht exponentiell mehr Zeit, weil man sich jedes Mal wieder neu in die Themen reindenken muss“, analysiert Koop. Der Fokus auf einen kompakten Zeitraum sei schlichtweg pädagogisch sinnvoller.
Fazit & Ausblick
Letztlich verlagert eine digitale Theorie-Ausbildung den Flaschenhals auf die praktische Umsetzung im Cockpit, wo schlechtes Wetter oder fehlende Fluglehrerinnen drohen. Hier setzt Aviation Hero mit dem neuen „Praxis Sprint“ an. Gemeinsam mit einer Partnerflugschule in Hannover können Schüler*innen die komplette praktische Ausbildung in nur vier Wochen durchziehen. „BZF und Theorie online in drei Monaten, Praxis in einem Monat – die komplette Privatpilotenlizenz in zirka vier Monaten möglich. Das gibt es in Deutschland in dieser Form sonst nirgends“, verspricht Koop. Für die künftige Skalierung setzt er massiv auf den Ausbau dieses Partnernetzwerks. Flugschulen schicken ihre Schüler*innen für die Theorie zu Aviation Hero, und das Start-up vermittelt sie für die Praxis zurück.
Trotz des schnellen Wachstums bleibt der Gründer bodenständig: „Wir sind gebootstrappt und wachsen organisch. Das heißt: Wir machen den nächsten Schritt erst, wenn der aktuelle wirklich sitzt.“ Das Start-up beweist eindrucksvoll: Selbst in einer stark regulierten und verstaubten Branche kann der radikale Fokus auf digitale Nutzer*innenerfahrung Marktführer hervorbringen. Die spannendste Frage wird nun sein, wie reibungslos Aviation Hero in Zukunft die physischen Flugstunden für seine wachsende Schüler*innenschaft skalieren kann.
SilverTech-Start-up-Report 2026
Wie SilverTech-Start-ups 2026 den Pflegenotstand mit KI hacken. Der große Report inklusive unserer Top-Start-up-Watchlist.
Das Jahr 2026 markiert einen historischen Wendepunkt in der demografischen Realität Europas. Die stärksten Jahrgänge der Babyboomer verabschieden sich nun massenhaft in den Ruhestand. Was Soziolog*innen seit Jahrzehnten prophezeien, ist unerbittliche wirtschaftliche Realität geworden: Der Pflegenotstand ist kein dystopisches Zukunftsszenario mehr, sondern blockiert messbar das Wirtschaftswachstum, da Angehörige ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren müssen, um klaffende Versorgungslücken zu schließen.
In diesem toxischen Cocktail aus Fachkräftemangel und Überalterung hat sich ein Sektor emanzipiert, der auf Pitch-Decks lange als völlig unsexy galt: SilverTech. Technologien für die alternde Weltbevölkerung, in der Start-up-Szene oft synonym als AgeTech bezeichnet, sind vom Nischenthema für wohlhabende Senior*innen zur systemrelevanten Überlebensstrategie unserer Gesellschaft mutiert. Wer heute den demografischen Wandel technologisch skaliert, baut nicht weniger als das Rückgrat der Gesundheitsversorgung von morgen.
Wenn KI den Pflegenotstand hackt
Der Markt für AgeTech hat seine experimentelle Phase endgültig hinter sich gelassen. Die globale „Silver Economy“ wird von Analyst*innen für das laufende Jahr auf ein gigantisches Volumen von rund 15 Billionen US-Dollar geschätzt. Allein der europäische Markt verzeichnete 2025 ein Rekord-Investitionsvolumen von knapp 2,8 Milliarden Euro für Start-ups in diesem Segment. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei künstliche Intelligenz, genauer gesagt die Konvergenz aus generativen Sprachmodellen und prädiktiver Analytik. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom belegt, dass bereits 42 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland KI-gestützte Systeme zur Entlastung des Personals testen oder flächendeckend einsetzen.
Auch die KfW-Research-Abteilung warnt in ihrem jüngsten Bericht eindringlich davor, dass ohne massive Investitionen in pflegeunterstützende Automatisierung die volkswirtschaftlichen Kosten der Überalterung untragbar werden. Wir sehen heute realistische Seed-Runden von 3 bis 5 Millionen Euro für Softwarelösungen, die nachweislich die sogenannte Time-to-Care – also die aktive Zeit am Menschen – signifikant erhöhen.
Innovationen jenseits des Notrufknopfs
Wer bei SilverTech immer noch an klobige rote Notruf-Armbänder denkt, verpasst die eigentliche Revolution. In diesem Jahr dominieren völlig neue Sub-Sektoren den Markt. An erster Stelle steht das Edge-AI-gestützte „Ambient Assisted Living 2.0“. Hierbei analysieren radargestützte Sensoren, die gänzlich ohne Kameras auskommen und somit die Privatsphäre wahren, das Sturzrisiko und die Mobilität in Echtzeit.
Ein weiterer dominanter Sektor ist die KI-gesteuerte Sprachdokumentation, die das Pflegepersonal von der erdrückenden Bürokratie befreit und Übergaben automatisiert.
Drittens sehen wir den enormen Aufstieg von digitalen Therapeutika für kognitive Langlebigkeit (Cognitive Longevity), die den Ausbruch von Demenz durch gamifizierte neurologische Stimulation und stimmbasierte Analysen verzögern. Pioniere, die diese Felder bereits vor Jahren besetzt haben und heute als etablierte Vorbilder gelten, sind etwa das belgische Scale-up Nobi mit seinen intelligenten Lampen zur Sturzerkennung oder das Berliner Unternehmen Lindera, das die Mobilitätsanalyse per regulärer Smartphone-Kamera revolutioniert hat.
Die B2C-Hardware-Falle und bittere Lektionen
Doch der Weg zur Marktreife war gepflastert mit verbrannten Millionen. Der größte Hype der frühen 2020er Jahre war die Vision des autarken, sozialen Begleitroboters für das heimische Wohnzimmer. Zahlreiche Start-ups versuchten, süße, sprechende Hardware-Kompagnons als Waffe gegen die Einsamkeit im Alter direkt an den Endkunden / die Endkundin zu verkaufen. Dieser Markt crashte krachend. Unternehmen scheiterten reihenweise an den horrenden Produktionskosten und einer eklatant mangelnden Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste Fehler ist die tödliche Customer Acquisition Cost (CAC) im B2C-Geschäft. Senioren werden nicht über Instagram-Ads konvertiert, und die erwachsenen Kinder zahlen ungern dauerhaft aus eigener Tasche. Die zweite Lektion dreht sich exakt um die Regulatorik: Wer die Erstattungsfähigkeit über das System der Digitalen Pflegeanwendungen (DiPA) oder Gesundheitsanwendungen (DiGA) nicht von Tag eins an strategisch mitdenkt, skaliert niemals im strengen deutschen Kassen-System. Der dritte Stolperstein ist das verhängnisvolle Over-Engineering. Gründer*innen neigen oft dazu, maximale Feature-Vielfalt zu bauen, statt absolute Barrierefreiheit und Usability für eine Zielgruppe mit nachlassenden sensorischen Fähigkeiten in den Fokus zu rücken. Die vierte und finale Lektion lautet: Hardware is hard. Wer komplexe physische Produkte baut, statt sich auf margenstarke B2B-SaaS-Lösungen für Pflegeheime oder ambulante Dienste zu konzentrieren, benötigt einen extrem langen Atem, den kaum ein europäischer VC heute noch ohne weiteres finanziert.
Wo die Silver Economy geschmiedet wird
Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein polyzentrisches, aber hochgradig spezialisiertes Ökosystem für AgeTech aufgebaut. Berlin bleibt unangefochten der Knotenpunkt für Digital Health und Regulatorik, angetrieben durch die Nähe zur Bundespolitik, Forschungskooperationen mit der Charité und spezialisierten Acceleratoren wie Flying Health. München hingegen dominiert den Deep-Tech- und Robotik-Sektor. Hier liefert das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der Technischen Universität München Weltklasse-Forschung, während das lokale InsurTech-Ökosystem um Konzerne wie die Allianz den direkten Weg zur Refinanzierung ebnet. Aachen hat sich durch die RWTH als das Powerhouse für Medizintechnik und Hardware-Software-Co-Design etabliert, ein essenzieller Hub für Wearables und komplexe IoT-Architekturen. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch die Region Heidelberg/Mannheim, die mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und einer historisch gewachsenen Dichte an etablierten MedTech-Unternehmen den perfekten Nährboden für Start-ups im Bereich Longevity und zellulärer Alterung bietet. Das Ruhrgebiet rund um Bochum schließt als fünfter Hotspot die Brücke zur Praxis: Durch massive Gesundheits-Campusse und dichte Kliniknetze findet hier die direkte Erprobung von Pflegetechnologien im echten Arbeitsalltag der Pflegekräfte statt.
Investor*innen-Radar
Das Kapital fließt im Jahr 2026 gezielter denn je, aufgeteilt auf vier wesentliche Säulen. Den Ton geben spezialisierte HealthTech- und AgeTech-VCs wie Heal Capital, MTIP oder Peppermint Venture Partners an, die das regulatorische Minenfeld Europas blind beherrschen und tiefes Domänenwissen mitbringen. Inzwischen haben aber auch die Top-Tier Generalisten den Ernst der Lage erkannt. Fonds wie Earlybird mit ihrem dezidierten Health Track, HV Capital und Cherry Ventures schreiben signifikante Schecks für Start-ups, die bewiesen haben, dass AgeTech enorm skalierbare Venture-Cases hervorbringt. Die dritte Kraft sind die Corporate VCs der Industrie, die strategisch zukaufen oder sich früh in neuen Wertschöpfungsketten positionieren wollen. Hier agieren AllianzX, Robert Bosch Venture Capital und Philips Ventures extrem aggressiv, um ihre eigenen Geschäftsmodelle zukunftssicher zu machen. Der Motor der Innovation bleibt jedoch in der Frühphase. Spezialisierte Business Angel-Syndikate und sogenannte Founder-Angels – oft ehemalige Gründer der ersten Telemedizin-Welle, etwa Alumni von Kry oder TeleClinic – stellen das entscheidende Smart Money und Mentoring für die allerersten Schritte bereit.
Unsere Top-Start-ups (Must-Watch)
Um den bloßen Hype vom echten Fortschritt zu trennen, basiert die folgende Auswahl der Top Start-ups auf strengen Kriterien. Wir haben ausschließlich deutsche Start-ups betrachtet, die im Jahr 2020 oder später gegründet wurden. Die Auswahlkriterien umfassen die nachgewiesene Marktrelevanz (löst das Produkt ein akutes Schmerzproblem im Pflege-, Alterungs- oder HR-Sektor?), den technologischen Reifegrad jenseits der reinen Prototypen-Phase, eine bewusste Diversität in den Geschäftsmodellen (von B2B-SaaS über Marktplätze bis hin zu passiver AAL-Sensorik) sowie das belastbare Vertrauen namhafter Investor*innen in den jüngsten Finanzierungsrunden.
Marta
Das 2020 von Philipp Buhr und Jan Hoffmann gegründete Start-up betreibt einen B2B/B2C-Marktplatz, der Familien und Betreuungskräfte für die häusliche Pflege (24-Stunden-Betreuung) transparent und datengestützt zusammenbringt. Der USP von Marta liegt im algorithmischen Matching und der konsequenten Digitalisierung des oft stark fragmentierten und intransparenten Vermittlungsmarktes. Zu den frühen Lead-Investor*innen zählen Capnamic Ventures und Almaz Capital, in späteren Runden stießen zudem strategische Corporate VCs wie RTL Ventures und SwissHealth Ventures hinzu.
Voize
Voize, 2020 von den Brüdern Fabio und Marcel Schmidberger sowie dem CTO Erik Ziegler gegründet, modernisiert mit seinem B2B-SaaS-Modell die Pflegedokumentation durch eine hochspezialisierte Sprach-KI. Pflegekräfte sprechen ihre Notizen einfach in ein Smartphone, und die KI strukturiert die Daten nahtlos in die bestehenden Pflegesysteme ein. Die Zeitersparnis von anfänglich rund 45 Minuten pro Schicht drängt im Jahr 2026 auf eine faktische Halbierung der Bürokratiezeit. Investor*innen-Rückendeckung gibt es von renommierten Geldgebern wie dem Y Combinator, HV Capital und Balderton Capital.
Patronus Group
Gegründet wurde die Patronus Group im Jahr 2021 von Ben Staudt und Tim Wagner. Das Modell verbindet B2C-Hardware mit einer tiefgreifenden B2B2C-SaaS-Infrastruktur. Sie bieten eine modifizierte Smartwatch an, die als unaufdringlicher Notruf und Kommunikationszentrale für Senior*innen dient, gekoppelt mit einer App für Angehörige und direkten Schnittstellen zu Pflegeleitstellen. Dieser ganzheitliche Ansatz überzeugte in einer massiven 27-Millionen-Euro-Runde internationale Top-VCs wie Singular und Adjacent, flankiert von Burda Principal Investments, Cavalry Ventures und UVC Partners.
Memodio
2021 in Potsdam von den Ärzten Dr. Doron Stein und Felix Bicu sowie dem Software-Ingenieur Paul Zimmermann gegründet, positioniert sich das Start-up als B2C/B2B-Anbieter von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zur Prävention von Demenz. Der USP liegt in der klinisch validierten "Cognitive Longevity", die individualisierte Therapiepläne generiert. Den regulatorischen Ritterschlag erhielt Memodio Ende 2025 mit der offiziellen DiGA-Zulassung durch das BfArM. Zu den maßgeblichen frühen Finanziers gehören der HPI Seed Fund, Mosel Ventures und die FMW Stiftung.
Heycare
Gegründet 2021 von Julia Kahle und Anna Schneider, hat das Start-up jüngst ein Rebranding vom Ursprungsnamen heynanny vollzogen. Das Geschäftsmodell ist eine reine B2B-Plattform für Employee Assistance. Der USP ist der knallharte ROI für den Arbeitgeber: Unternehmen buchen heycare für ihre Belegschaft, um pflegende Angehörige durch Zugang zu Elder Care und Child Care direkt zu entlasten und so pflegebedingte Kündigungen zu stoppen. Getragen wird dieses Wachstum durch den HR-Tech Company Builder allygatr und eine kürzlich abgeschlossene Finanzierungsrunde über 4 Millionen Euro.
Clare&Me
Gegründet 2021 von Celina Messner und Emilia Theye, positioniert Clare&Me seine B2C/B2B Voice-AI als ein mächtiges Werkzeug gegen Angst, Stress, Panik und leichte depressive Verstimmungen. Der USP ist ein therapeutischer Konversations-Bot, der rein sprachbasiert über das Telefon funktioniert – völlig ohne Screen-Barrieren, was einen extrem niedrigschwelligen und stigmafreien Zugang für eine breite Zielgruppe ermöglicht. Nach der Frühphasenförderung durch Antler sowie öffentliche Mittel der IBB und des BMBF sammelte das Team unlängst 3,7 Millionen Euro Seed-Kapital unter der Führung von YZR Capital ein.
Eldertech
Das 2021 von Artur Janiszek, André Fiebig und David Fiebig in Aachen gegründete Eldertech fokussiert sich auf eine B2B2C-Plattform für die Quartierspflege und familiäre Pflegeorganisation. Die Technologie verbindet herstellerübergreifend Video-Kommunikation mit dem Management von Pflegeaufgaben und bindet Smart-Home-Anwendungen (AAL) nahtlos in eine zentrale App für Angehörige ein. Gedeckt wird das Wachstum durch das exist-Stipendium, den digitalHUB Aachen und ein privates Angel-Netzwerk.
Veli
Veli wurde 2023 als Spin-off der Universität Kassel von Dr. Jan-Peter Seevers, Maximilian Schnettler und Tim Weiß gegründet. Das B2B/B2C-Modell verlagert das klassische Hausnotrufsystem auf ein völlig neues Level der passiven Überwachung. Der USP: Veli wertet cloudbasiert die bestehenden Verbrauchsdaten von Smart Metern (Strom/Wasser) im Haushalt aus und schlägt bei gefährlichen Abweichungen im Tagesablauf Alarm – völlig ohne Wearables. Dieses Modell sicherte dem Team ein 800.000-Euro-Funding durch die BMH und Business Angels sowie tiefe Pilot-Integrationen beim Deutschen Roten Kreuz (DRK).
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt sehr klar die Makro-Trends, die den deutschen Markt in den kommenden 24 Monaten unweigerlich erfassen werden. Aus Japan, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, schwappt der Trend der humanoiden Assistenzrobotik in der stationären Pflege allmählich von teuren Pilotprojekten in eine bezahlbarere B2B-Skalierung über. Aus den USA importieren wir zunehmend den "Longevity-as-a-Service"-Ansatz: Hier verschmilzt SilverTech stark mit BioTech, indem Wearables und KI kontinuierlich Biomarker auswerten, um den körperlichen Verfall präventiv zu verlangsamen. Israel hingegen dominiert die Technologie der passiven Überwachung. Start-ups von dort exportieren Algorithmen, die bloße WiFi-Signale nutzen, um Atmung und Bewegungsmuster von Senior*innen kontaktlos und datenschutzkonform in Wohnräumen zu überwachen.
Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen ist eindeutig: SilverTech ist der ultimative Resilienz-Markt geworden. Demografie lässt sich nicht weghacken oder wegregulieren. Wer heute die Schnittstelle zwischen tiefgreifender Technologie, menschlicher Empathie und hart regulierten Gesundheitssystemen meistert, baut die vielleicht wertvollsten und krisensichersten Unternehmen dieses Jahrzehnts.
KI gegen Buchhaltungsriesen: Wie Bonster den Spesen-Markt aufmischen will
Pay-per-Use statt Abo-Falle: Das Oldenburger Start-up fast2work attackiert mit seiner App bonster komplexe Software-Giganten. Doch reicht das Versprechen maximaler Einfachheit im Haifischbecken der FinTechs? Wir haben nachgehakt.
Es ist eines der letzten großen Ärgernisse im Arbeitsalltag von Freelancer*innen und kleinen Agenturen: Der Freitagabend, der für das Sortieren verknitterter Tankbelege und das Abtippen von Bewirtungsbelegen in Excel-Listen draufgeht. Genau hier setzt die Oldenburger fast2work GmbH mit ihrer am 17. Februar 2026 gelaunchten App bonster an, um den Papierkram bei der Reisekostenabrechnung zu beenden. Das Versprechen von Gründer und CEO Ronald Bankowsky: Drei Minuten Aufwand, KI-Automatisierung und keine Einstiegshürden.
Das Versprechen: Simpel statt Systemintegration
Die Funktionsweise der App ist bewusst minimalistisch gehalten: Beleg fotografieren, woraufhin die KI relevante Werte wie Datum, Betrag und Mehrwertsteuer ausliest, auf Duplikate prüft und eine fertige Abrechnung erstellt. „Kein Onboarding-Projekt, kein Vertriebsgespräch, kein IT-Setup“, fasst Bankowsky den Ansatz der Standalone-Lösung zusammen.
Die Zielgruppe ist klar definiert: Selbständige, Freelancer*innen und Mini-Teams, denen Enterprise-Lösungen wie SAP Concur zu mächtig und Start-ups wie Circula oder Pleo oft noch zu prozesslastig sind. Mit einem Preismodell von 1,99 Euro für Einzelabrechnungen und 6,99 Euro (Stand Ende Febr. 2026) für eine Flatrate positioniert sich das Unternehmen im unteren Preissegment.
Im Haifischbecken der Neobanken und Buchhaltungsriesen
Laut fast2work gab es bislang „kaum eine Alternative zwischen Excel und Enterprise-Software“. Diese Aussage hält einem Realitätscheck im Jahr 2026 allerdings nur bedingt stand. Bonster betritt ein Haifischbecken, denn die vermeintliche Lücke wird längst geschlossen.
Zum einen integrieren Buchhaltungsriesen wie Lexoffice oder sevDesk Reisekosten-Features immer tiefer in ihre Standardpakete. Zum anderen wildern Neobanken wie Qonto, Finom oder Kontist im selben Revier: Wer dort ein Geschäftskonto hat, bekommt die Belegzuordnung oft als „Commodity“ gratis dazu. Mit knapp 7 Euro im Monat bewegt sich bonster in einer Preisregion, in der man fast schon eine komplette einfache Buchhaltungssoftware bekommt. Die App muss also einen enormen Mehrwert bieten, um gegen die „Eh-da-Lösungen“ (Software, die Kund*innen ohnehin bezahlen) zu bestehen.
Auf die Frage, warum Freelancer*innen für eine Insellösung extra zahlen sollten, entgegnet der Gründer, dass bonster bewusst früher ansetze als klassische Tools. Das Hauptproblem sei nicht die Buchhaltung, sondern das Erfassen von Belegen unterwegs. „Genau dort scheitert es oft, weil Mitarbeitende keine komplexen Systeme nutzen wollen oder gar keine Zugänge haben“, argumentiert Bankowsky. Der Mehrwert liege nicht in einer weiteren Buchhaltungssoftware, sondern darin, dass durch die Reduzierung auf ein Foto „überhaupt verwertbare Abrechnungsdaten/Belege entstehen“.
Kritische Faktoren: GoBD und Datensicherheit
Neben der Marktpositionierung ist die Rechtssicherheit ein kritischer Faktor. „Fertige Abrechnung für die Buchhaltung“ ist ein mutiges Versprechen, da in Deutschland ein Foto allein oft nicht ausreicht; es muss GoBD-konform und revisionssicher archiviert werden. Zudem ist die KI-Nutzung datenschutzrechtlich sensibel. Wenn Bewirtungsbelege, die offenbaren, mit wem man gegessen hat, über US-Schnittstellen (z.B. OpenAI) fließen, ist das für deutsche Geschäftskund*innen und Steuerberater oft ein K.O.-Kriterium.
Auf die sensiblen Vorgaben der Finanzämter und den Serverstandort angesprochen, betont Bankowsky, dass die Verarbeitung „ausschließlich auf europäischen Servern“ erfolge. Zwar nutze man OpenAI-basierte Modelle, diese liefen jedoch über Azure-Rechenzentren im europäischen Raum. Datenschutz und regulatorische Anforderungen seien Grundvoraussetzung. Auch beim Export zum Steuerberater zeigt sich der Gründer zuversichtlich: Buchhaltungssysteme könnten die Daten direkt und „ohne manuelle Nacharbeit“ weiterverarbeiten.
Beta-Test als Exklusiv-Club
Zum Start setzt das Unternehmen auf eine Gamification des Rollouts. Die ersten 500 Nutzer*innen erhalten im „Club 500“ einen lebenslangen Rabatt von 50 Prozent. Was als Belohnung für Early Adopters verkauft wird, ist strategisch notwendig: Die KI muss lernen. Der Algorithmus braucht dringend „Real World Data“ – echte, verknitterte, schlecht beleuchtete Belege. Das bedeutet auch: Die ersten User*innen sind Teil des Entwicklungsprozesses.
Dass die App im Alltag noch dazulernen muss, räumt Bankowsky ein. Bei der reinen Datenerkennung sei man technisch auf dem aktuellen Stand. „Entscheidend ist jedoch die Qualität realer Belege im Alltag – etwa schlecht fotografierte oder handschriftliche Quittungen“, erklärt er den Bedarf an Praxis-Feedback. Durch schnelle Updates solle die Genauigkeit für alle Nutzer*innen laufend steigen.
Gegenmodell zur Ökosystem-Abhängigkeit
Wer ein Feature-Feuerwerk suche, werde bei bonster enttäuscht sein – was laut Unternehmen aus Überzeugung geschehe. Anbieter wie Rydoo verfolgten eine Strategie der maximalen Integration und langfristiger Verträge, was eine Abhängigkeit erzeuge, die ihr eigentliches Geschäftsmodell sei, so der Gründer. Wer einmal im Ökosystem stecke, wechsle nicht mehr, weil der Ausstieg zu teuer geworden sei.
Bonster positioniert sich als Gegenmodell für Unternehmen, die nicht für ungewollte Komplexität zahlen möchten: Kein Vertrag, keine Mindestnutzerzahl, Setup in unter fünf Minuten und ein Pay-per-Use-Modell. „Wer aufhören will, hört auf, ohne Konsequenzen“, beschreibt das Start-up den Ansatz der bewussten Entscheidung, Kund*innen freizulassen. Wer bleibe, tue dies, weil es funktioniere, was laut Bankowsky „die interessantere Innovation“ sei.
Fazit
Bonster ist ein innovativer Angriff auf die Zettelwirtschaft und wirkt durch den Verzicht auf starre Abo-Modelle bei der Einzelabrechnung fair. Doch die App steht und fällt mit der Schnittstellenkompetenz. Wenn der Export zu DATEV & Co. hakt, wird aus der Zeitersparnis schnell Mehrarbeit. Bonster muss beweisen, dass es die Brücke zwischen dem schnellen Foto und der strengen deutschen Buchhaltung schlagen kann – und zwar besser als die Banken, die das Feature bereits kostenlos anbieten.
Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping
Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.
Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.
Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine
Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.
Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.
Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg
Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.
Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.
2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.
Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt
Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.
Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.
Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?
Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.
Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.
Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.
Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.
Aiconiq.io: Das KI-Gehirn für den Mittelstand – Brillante Vision oder teure Manufaktur?
Autonome Agenten, halbierte Prozesskosten und sicheres Daten-Hosting: Mit Aiconiq.io tritt ein Start-up an, um das KI-Gehirn für den Mittelstand zu bauen. Wir wollten wissen, wie das „Corporate Brain“ funktioniert und wo die Herausforderungen bei der Skalierung liegen.
Hinter der Aiconiq GmbH stehen zwei ausgewiesene Branchenexperten. Gegründet wurde das Start-up 2025 von Prof. Dr. Peter Gentsch, einem bekannten KI-Pionier und Seriengründer, sowie dem KI-DeepTech-Experten Dr. Michael Patrushev. Gemeinsam bringen sie jahrzehntelange Erfahrung aus der KI-Forschung, im internationalen Engineering und beim Skalieren technologiegetriebener Unternehmen in ihr neues Projekt ein.
Mehr als nur ein Chatbot
Dass hier DeepTech-Experten am Werk sind, zeigt sich am technologischen Anspruch: Während viele Firmen mit generischen Chatbots experimentieren, integriert Aiconiqs Corporate Brain laut Unternehmensangaben nicht nur explizites, sondern gezielt das implizite Wissen (Tacit Knowledge) der Belegschaft. Erfasst wird dies durch KI-gesteuerte Interviews. Um Halluzinationen und subjektiven Fehleinschätzungen vorzubeugen, setzt Co-Gründer Michael Patrushev auf harte Validierung: „Die KI stellt keine offenen, spekulativen Fragen, sondern kontextualisierte, prozessbezogene Fragen entlang realer Use Cases.“
Nach einem Abgleich mit ERP-Logs und Experten-Kreuzvergleichen speichere das System keine absoluten Wahrheiten, so Patrushev, sondern „gewichtete Wissenselemente mit Vertrauens-Score und Quellenreferenz“. Gerade dieses subjektive Erfahrungswissen sei im Unternehmensalltag entscheidend, müsse aber umsichtig geprüft werden.
David gegen die Tech-Goliaths
Im hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie lange das Start-up gegen die Milliarden-Budgets von Microsoft oder OpenAI bestehen kann. Prof. Peter Gentsch gibt sich pragmatisch: „Wir kämpfen nicht gegen die Hyperscaler wie OpenAI, Google oder Anthropic – wir nutzen sie.“ Das eigene System setze horizontal auf den bekannten Modellen auf. Der Burggraben entstehe durch branchenspezifische Use Cases in einer sicheren, DSGVO-konformen Umgebung, wahlweise on-premises oder in einer europäischen Cloud.
Gentsch pointiert: „Wir wollen nicht das größte Gehirn bauen; wir bauen das relevanteste Brain für ein Unternehmen. Die Tech-Giganten optimieren Skalierung – wir optimieren den Unternehmens-Kontext.“
Skalierung: Softwareprodukt oder Manufaktur?
Die schnelle Entwicklung der eigenen Modelle sichert Aiconiq durch die interne „Aiconiq Factory“ ab, die auf radikale Automatisierung setzt. Kontrollverlust fürchtet Patrushev dabei nicht: „Geschwindigkeit ersetzt bei uns nicht Qualität – sie wird durch Qualitätssicherungssysteme ermöglicht.“ Jeder KI-generierte Code durchlaufe strenge Security-Checks und Test-Pipelines.
Doch lässt sich das aufwendige Einfangen von Unternehmenswissen beim Kunden ebenso reibungslos skalieren, oder droht Aiconiq in einem beratungsintensiven Manufaktur-Modell steckenzubleiben? Gentsch wehrt ab: Man nutze KI, um KI im Unternehmen aufzubauen. Algorithmen deckten Inkonsistenzen im Wissen automatisch auf und lösten sie teils selbständig. Ganz ohne menschliches Zutun gehe es aber nicht, räumt der Gründer ein: „Damit bleibt immer ein wenig Manufaktur bzw. ‚Human in the loop‘.“
Ausblick
Mit einer aktuellen Bewertung von 10 Millionen Euro und der Aufnahme ins „German Accelerator USA-Programm“ hat Aiconiq.io nach eigenen Angaben bereits namhafte DAX-Konzerne überzeugt. Gelingt es den Frankfurtern nun, die komplexe Wissensextraktion weiter zu standardisieren, könnte sich ihr „Corporate Brain“ als eine treibende Kraft der „industriellen KI-Revolution“ aus Deutschland etablieren.
Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein
Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.
Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.
Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.
Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger
Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.
+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++
Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“
KI-Tempo vs. Konzernstrukturen
Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.
Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“
Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“
Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz
Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.
Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.
Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.
Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.
Zwischen Convenience und Notariat
Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“
Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.
Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.
Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.
Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“
Der Lackmustest
Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.
Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“
Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.
Sizeless: Schluss mit „Da wächst du noch rein!“
Zu kleine Schuhe schaden Kinderfüßen, ständiger Neukauf belastet den Geldbeutel und die Umwelt. Das Kölner Start-up Sizeless präsentiert nun die Lösung: Einen Premium-Sneaker, der mechanisch um eine ganze Größe mitwächst. Wir sprachen mit den Gründern über den steinigen Weg vom ersten Prototyp bis zur ersten Funding-Kampagne.
Kinderfüße wachsen in rasantem Tempo – oft so schnell, dass die teuren neuen Schuhe schon nach wenigen Monaten wieder drücken. Im Schnitt benötigt ein Kind alle vier Monate neue Schuhe. Das geht nicht nur ins Geld, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt dar. Viele Eltern greifen auf eine pragmatische, aus orthopädischer Sicht jedoch problematische Lösung zurück und kaufen Schuhe schlichtweg zu groß, nach dem Motto: Da wächst du noch rein.
Die Folge sind nicht selten schlecht sitzende Schuhe, die das Gangbild beeinträchtigen und langfristig zu Fußfehlstellungen führen können. Drei Kölner Gründer wollen diesem Kreislauf aus ständigem Neukauf und Ressourcenverschwendung nun ein Ende setzen. Mit Sizeless hat das Start-up einen Kinderschuh entwickelt, der mechanisch mitwächst und das Problem an der Wurzel packen soll.
Vom Pitch zum Prototyp
Die Idee zu Sizeless entstand aus einer tiefen Kenntnis der Schuhindustrie. Die drei Gründer Alexander Schemel (CEO), Leander Peters (COO) und Louis Smith (CTO & Head Designer) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Sportartikelgiganten Adidas. Der Startschuss fiel im Frühjahr 2023 bei einer Open Innovation Challenge der Marke On-Running in Zürich, bei der Alexander und Leander ihr Konzept präsentierten und gewannen. Dieser Erfolg war der nötige Funke, um aus der Idee ein Unternehmen zu formen.
Die anschließende Hardware-Entwicklung erwies sich jedoch als massiver Härtetest. „Wir kamen aus Gesprächen mit Fabriken in Portugal zurück, denen das Projekt zu technisch, zu frühphasig und zu risikobehaftet war“, erinnert sich Leander an die anfängliche Frustration. Man konnte zwar die Idee validieren und Eltern dafür begeistern, den Schuh aber schlichtweg noch nicht physisch bauen.
Den entscheidenden Befreiungsschlag brachte schließlich das exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Für das Team war diese Zusage „absolut wegweisend“ – ein essenzieller Anschub, den das Trio aus eigener Kraft niemals hätte stemmen können, räumt der Gründer ein. Das staatliche Programm sicherte den Kölnern nicht nur zwölf Monate rettendes Vollzeit-Commitment, sondern deckte auch die Entwicklungs-, Gründungs- und Patentkosten weitestgehend ab. Vor allem aber lieferte es die nötigen finanziellen Ressourcen, um das fehlende Puzzleteil ins Team zu holen: den studierten Produktdesigner und Ingenieur Louis Smith. Das Stipendium finanzierte seinen Umzug von Glasgow nach Köln sowie seine laufenden Kosten. „In der Essenz: Ohne exist kein Louis, ohne Louis kein Schuh“, bringt es Leander pointiert auf den Punkt.
Doch auch die beste staatliche Förderung hat ihre strukturellen Grenzen. Wie Leander erklärt, enden die Möglichkeiten von exist exakt am kritischen Übergang von der Prototypen-Entwicklung zum Launch und der anschließenden Skalierungsphase. Um in Produktion zu gehen und die Marke aufzubauen, sei frisches Kapital zwingend notwendig. Während man sich für die Pre-Seed-Runde bereits mit starken Business Angels gut aufgestellt sieht, richtet sich der Blick der Gründer nun auf eine größere Seed-Runde gegen Ende 2026, um groß angelegte Launches vorzubereiten.
Gepaart wird diese finanzielle Herausforderung mit einem Kampf gegen die Mühlen der Behörden. Bürokratische Hürden seien bei Sizeless quasi das „inoffizielle vierte Teammitglied“. Durch den Brexit gilt Louis als Nicht-EU-Bürger; sein befristetes Arbeitsvisum lief bereits im September 2025 ab. Obwohl das Team zeitnah eine Verlängerung und einen Aufenthaltstitel beantragte, reagieren die zuständigen Sachbearbeiter kaum auf E-Mails oder Anrufe. Louis hangelt sich seither mit befristeten Fiktionsbescheinigungen von Monat zu Monat und darf das Land nach deren Ablauf vorerst nicht mehr verlassen. „Diese Absurditäten lähmen enorm“, kritisiert Leander das überlastete System, durch das jeden Tag reeller wirtschaftlicher Schaden entstehe – auch in ganz anderen Dimensionen als bei ihrem Start-up.
Der Härtetest im Kindergarten
Doch wie wächst ein Schuh mit, ohne an Stabilität einzubüßen? Sizeless geht einen technischen Weg, für den bereits eine Patentanmeldung läuft. Über zwei Laschen an der Außenseite lässt sich die Passform verstellen: Sie ziehen eine flexible Sohle nach oben oder geben sie nach unten frei, wodurch die Zehenbox gezielt vergrößert oder verkleinert wird. So lässt sich der Schuh stufenlos um acht Millimeter in der Länge anpassen – was etwas mehr als einer kompletten Schuhgröße (ca. 6,6 mm) entspricht.
Auf die Frage, ob eine solche Mechanik dem erbarmungslosen Kinder-Alltag standhält, räumt Leander ein, dass das Team hier massiv dazulernen musste. Nachdem CEO Alexander tagelang als „Praktikant“ das Bewegungsverhalten in Kindergärten analysiert und den Schuh einem „Tobetest“ unterzogen hatte, wurde das Design grundlegend überarbeitet. Der Schuh musste „kindergarten-approved“ werden. Das Resultat: eine abriebfeste Sohle mit ordentlichem Profil, ein für Bobbycar-Rennen geschützter Vorderfußbereich sowie wasserabweisende und waschmaschinentaugliche Materialien. „Auch den Sizeless-Schuh wird man kaputt bekommen, wenn man es darauf anlegt“, gibt Leander unumwunden zu. Es gelte künftig stets die Kunst zu beherrschen, Minimalismus und Flexibilität mit der nötigen Robustheit auszubalancieren.
Passform und orthopädische Grenzen
Da Kinderfüße bekanntermaßen nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen, kombiniert Sizeless die Mechanik mit einer von Natur aus breiten Zehenbox und einem flexiblen Obermaterial. Ein zusätzlicher Klettverschluss am Spann sorgt für Anpassungsfähigkeit bei hohen oder niedrigen Risten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Jan-Peter Goldmann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln, der sicherstellen soll, dass die Verstellmechanik die natürliche Fußentwicklung optimal fördert.
Trotz der Anpassungsfähigkeit zieht das Start-up eine klare Grenze. „Ganz wichtig: Wir sind kein Medizinprodukt!“, betont Leander. Der Leisten orientiere sich am durchschnittlichen Kinderfuß. Absolut außergewöhnliche Maße oder komplexe orthopädische Besonderheiten wolle man mit dem Launchmodell bewusst noch nicht abdecken.
Premium-Preise und ein neues Konsumverhalten
Mit dem Konzept greifen die Kölner das traditionelle Geschäftsmodell von branchenweiten Platzhirschen wie Superfit, Ricosta oder Elefanten an, das auf den ständigen Neukauf angewiesen ist. Sizeless hingegen macht dieses schnelle Wachstum zum Feature. Preislich positioniert sich der in Europa gefertigte Schuh mit einer UVP von rund 99 Euro klar im Premium-Barfuß-Segment. In diesem dominieren aktuell Marken wie Wildling Shoes oder Affenzahn.
Wird gesunde Fußentwicklung damit zum Luxusgut? Leander kontert diese Befürchtung vehement: Kinderfüße bräuchten vor allem Raum zur freien Entfaltung, ganz nach dem Prinzip „Beschützen statt beschränken“. Der Preis richte sich an eine Kernzielgruppe, die gezielt nach funktionalen, hochwertigen Schuhen sucht, und amortisiere sich ohnehin durch die deutlich längere Nutzungsdauer.
Gleichzeitig fordert der Ansatz ein Umdenken der Eltern, die traditionell auf das Ausmessen im stationären Fachhandel vertrauen. Leander sieht darin keinen Zwang, sondern eine Befreiung: Eltern „mussten“ bisher ins Geschäft, weil die Schuhe drückten. Mit Sizeless „können“ sie den Schuh bequem selbst anpassen. Den unter Personalmangel leidenden Fachhandel sehe man langfristig nicht als Konkurrenten, sondern als wichtigen Hebel – auch wenn der limitierte Launch bewusst der eigenen Community vorbehalten bleibt. Langfristig wolle man durch ein innovatives Konzept wieder Menschen in die Läden bewegen.
Marktreife und Skalierung: Eine neue Ära?
Nach monatelanger Entwicklung hat das Team einen verlässlichen Produktionspartner in Portugal gefunden, der europäische Qualitätsstandards garantiert. Aktuell geht Sizeless den nächsten Schritt: Am 16. März 2026 launchte eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um die erste Serienproduktion zu finanzieren. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten Schuhe im Sommer 2026 ausgeliefert werden.
Bleibt die große wirtschaftliche Frage: Kannibalisiert sich ein Geschäftsmodell nicht selbst, wenn Kund*innen seltener Schuhe kaufen müssen? „Kannibalisiert wird am Ende nur das, was sich dem neuen Standard nicht anpasst“, gibt sich Leander selbstbewusst. Die Skalierung soll einerseits über die Erweiterung des Sortiments um Modelle wie den ersten Winterschuh für 2026, Hausschuhe, Sandalen oder Gummistiefel erfolgen. Der eigentliche Hebel sei jedoch das Patent. Sobald dieses final erteilt ist, will das Start-up Lizenzen an andere Marken vergeben. Die Vision der Kölner ist grenzenlos: Jeder Schuh soll künftig ein Sizeless-Schuh werden können – völlig unabhängig davon, welches Logo am Ende auf dem Karton steht.
Clean Ocean Coatings: Grüne Revolution am Schiffsrumpf
Wie das 2021 von Patricia Griem und Dr. Christina Linke gegründete Hamburger Start-up Clean Ocean Coatings den Milliardenmarkt für Schiffsfarben aufmischen will.
Algen und Muscheln am Rumpf kosten die globale Handelsschifffahrt jährlich Milliarden an zusätzlichem Treibstoff und schaden den Ozeanen. Das Start-up Clean Ocean Coatings hat eine biozidfreie Alternative entwickelt, die in Feldversuchen überrascht. Doch kann sich ein DeepTech-„Zwerg“ gegen die globalen Chemie-Giganten behaupten? Eine Analyse.
Das Phänomen ist so alt wie die Seefahrt selbst: Sobald ein Schiffsrumpf ins Meerwasser taucht, siedeln sich Mikroorganismen, Algen und schließlich Seepocken an. Dieses sogenannte Biofouling macht Schiffe schwerer und erhöht den Wasserwiderstand enorm. Laut Angaben des Fraunhofer-Instituts kann starker Bewuchs den Kraftstoffverbrauch von Frachtschiffen um bis zu 40 Prozent in die Höhe treiben.
Die gängige Lösung der Industrie ist ebenso pragmatisch wie umstritten: Antifouling-Lacke, die oft auf Zinn- und Kupferbasis beruhen oder Mikrokunststoffe enthalten. Das Prinzip vieler dieser Beschichtungen ist es, sich im Wasser absichtlich abzuwaschen („self-polishing“), um den Bewuchs mitsamt der obersten Farbschicht abzustoßen. Dabei gelangen Schätzungen zufolge jährlich rund 100.000 Tonnen toxischer Substanzen in die Weltmeere – ein Vorgang, den Kritiker als die wohl größte unregulierte Umweltverschmutzung der maritimen Industrie bezeichnen.
Aus dem Labor vor dem Aus gerettet
Genau an diesem ökologischen wie ökonomischen Hebel setzt Clean Ocean Coatings an. Die Geschichte des Start-ups ist ein klassisches Beispiel für den Technologietransfer aus der Wissenschaft. Co-Gründerin und Materialwissenschaftlerin Patricia Griem begleitete die Basis der Beschichtung über acht Jahre lang in Forschungsprojekten an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Phi-Stone AG. Als Fördergelder ausliefen, drohte die Technologie in der Schublade zu verschwinden.Auf einer Konferenz Anfang 2020 hörte Dr. Christina Linke davon. Die promovierte Lebensmitteltechnologin (mit R&D-Stationen bei Unilever und Symrise) erkannte das immense Marktpotenzial. Die beiden Frauen schlossen sich zusammen und gründeten im Mai 2021 die Clean Ocean Coatings GmbH, um das Patent zur Marktreife zu führen.
Ökologie trifft auf harte Wirtschaftlichkeit
Das Ergebnis ist ein sogenanntes Ecoating“(basierend auf der Technologie Polyramik®), eine biozid- und lösungsmittelfreie Kombination aus nanostrukturierten Partikeln und einer Polymermatrix. Sie macht den Rumpf extrem glatt, wodurch sich Organismen schwerer ansiedeln und durch die Wasserströmung schlicht abwaschen lassen.
Dass das Konzept in der rauen Realität der Meere funktioniert, legen Branchendaten nahe: In einem achtmonatigen Feldversuch wies das Ecoating deutlich weniger Abrieb auf als konventionelle Vergleichsprodukte. Selbst siebeneinhalb Jahre alte Testflächen auf Frachtschiffen sollen laut Unternehmensangaben noch immer intakt sein.
Der eigentliche Treiber für die zutiefst konservative Schifffahrt ist jedoch ökonomischer Natur. Ein Werftaufenthalt im Trockendock kostet bei großen Handelsschiffen schnell mehrere Millionen US-Dollar. Hinzu kommen die „Off-Hire-Kosten“ – Einnahmeausfälle für jeden Tag, an dem das Schiff im Dock liegt. Die Hamburger Lackierung soll nicht nur den Treibstoffverbrauch senken, sondern vor allem deutlich länger halten als herkömmliche Lacke und mit weniger Schichten auskommen. Für Flottenbetreiber bedeutet das längere Wartungsintervalle und potenziell Einsparungen in Millionenhöhe.
Start-up vs. Chemie-Oligopol
Trotz der technologischen Brillanz der Idee steht das Start-up vor massiven Hürden. Die kommerzielle Schifffahrt ist extrem risikoavers; Reeder vertrauen seit Jahrzehnten auf etablierte Marken, denn ein misslungener Anstrich bei einem 200-Meter-Frachter ist ein logistischer Albtraum. Zudem wird der Markt von einem globalen Oligopol dominiert – Giganten wie Jotun, Hempel oder AkzoNobel verfügen über fest zementierte Netzwerke zu den asiatischen und europäischen Werften.
Wer hier Marktanteile erobern will, muss enorme industrielle Produktionskapazitäten aufbauen und hochsensible Spezialchemie just-in-time um die halbe Welt liefern. Der Kapitalbedarf für diesen Kraftakt ist immens. Neben staatlichen Förderungen wird das Start-up daher von Impact-Venture-Capital-Gebern wie dem Frühphasen-Investor capacura finanziert, die das nötige strategische und monetäre Fundament für die anstehende Skalierung legen.
Fazit
Die Marktchancen sind exzellent – nicht zuletzt, weil die EU und die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) alte Lacke zunehmend reglementieren. Gelingt es Linke und Griem, verlässliche globale Lieferketten aufzubauen, könnte Clean Ocean Coatings den Markt nachhaltig verändern – oder zu einem hochattraktiven Übernahmeziel für jene Branchenriesen werden, gegen die das Start-up heute mutig antritt.
Last Mile am Limit?
Über 3.000 Kurier*innen, mehr als 50 Städte und ein stetig wachsendes Logistiknetzwerk: Die Hamburger Fleetlery GmbH hat seit 2021 ein massives B2B-Geschäft hochgezogen – komplett gebootstrapped. Doch das Geschäftsmodell der Gründer Timo Kerzel und Micheal Kingreen offenbart die harten Strukturprobleme der Quick-Commerce-Branche. Ein Blick hinter die Kulissen eines Start-ups, das zwischen Skalierung, Tech-Versprechen und handfesten Arbeitskämpfen navigiert.
Es war das Jahr 2021, als die Quick-Commerce-Blase ihren Höhepunkt erreichte. Milliarden an Venture Capital flossen in Start-ups, die versprachen, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Inmitten dieses Hypes gründeten Timo Kerzel (zuvor Projektleiter bei TKE Elevators) und Micheal Kingreen in Hamburg die Fleetlery GmbH. Ihr Ansatz war jedoch ein anderer: Keine eigenen Dark Stores, keine Konsumenten-App, kein massives Cash-Burning. Fleetlery positionierte sich als reiner B2B-Infrastrukturanbieter. Das Versprechen: Delivery-as-a-Service.
Heute, gut vier Jahre später, zieht Fleetlery Bilanz. Während viele der hochfinanzierten Einhörner von damals verschwunden oder fusioniert sind, ist das gebootstrappte Hamburger Startup gewachsen. Über 3.000 Kuriere und Picker sind laut Unternehmensangaben für Fleetlery auf der Straße. Doch der Erfolg hat einen Preis – und offenbart, dass die letzte Meile längst kein rein technologisches Spielfeld mehr ist.
Bootstrapping im Logistik-Sektor: Flexibilität als Währung
Wer im kapitalintensiven Logistikmarkt ohne externes Risikokapital skaliert, muss Cashflows extrem präzise managen. Fleetlery löste dieses Problem, indem es sich als flexibler Puffer für große Player positionierte. Anstatt den Markt selbst aufzurollen, dockt das Start-up per API an bestehende Plattformen an. Der eigentliche strategische Schachzug folgte jedoch durch die Zulassung zur offiziellen Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit). Fleetlery verkauft seither nicht nur reine Lieferungen, sondern vermietet das Personal. Dieses Modell generiert verlässliche B2B-Umsätze, da saisonale Spitzen bei den Kund*innen abgefedert werden.
Last Mile ist kein Tech-Problem – sondern ein Strukturproblem
Fleetlery wirbt intensiv mit seinem KI-gestützten Dispatching-Algorithmus, automatisierten Routenoptimierungen und Geofencing. Doch die Realität der letzten Jahre hat eine schmerzhafte Lektion zutage gefördert: Die beste App der Welt liefert keine Pizza aus. Technologie ist in der Logistik längst zur Commodity geworden. Das eigentliche Bottleneck ist der Mensch. Händler*innen, die unter hohem Kostendruck stehen, können sich keine eigenen Flotten leisten. Fleetlery füllt diese Lücke und agiert als Schmiermittel der E-Commerce-Maschinerie – trägt damit aber auch das gesamte operative Risiko der Personalgewinnung in einem traditionellen Niedriglohnsektor.
Zwischen Zeitarbeits-Riesen und Subunternehmern
Betrachtet man das direkte Wettbewerbsumfeld, operiert Fleetlery in einer hochkomplexen Sandwich-Position. Auf der einen Seite diktieren die großen B2C-Plattformen als Auftraggebende die Preise. Auf der anderen Seite tummelt sich die direkte Konkurrenz. Da sind zum einen die klassischen Personaldienstleister*innen. Sie verfügen zwar über massive Pools an Arbeitskräften und die nötigen Lizenzen zur Arbeitnehmer*innenüberlassung, doch ihnen fehlt oft die tiefe technologische API-Anbindung an die Food-Plattformen sowie das operative Flottenmanagement.
Zum anderen gibt es internationale Delivery-as-a-Service-Player, die in Deutschland oft an der mangelnden Profitabilität gescheitert sind. Der wohl härteste Wettbewerb auf der Straße kommt jedoch von lokalen Subunternehmer*innen: hyperlokale Flottenbetreiber*innen, die mit Niedrigpreisen locken, aber bei den strenger werdenden Compliance-Prüfungen der Auftraggebenden zunehmend durchfallen. Hier sucht Fleetlery seinen USP: Durch die Arbeitnehmer*innenüberlassungs-Lizenz und die Tech-Integration positioniert sich das Start-up als haftungssicherer Partner für Großkund*innen, die das operative Risiko auslagern wollen. Sie versuchen, den oft unregulierten Markt der Subunternehmer*innen zu professionalisieren – müssen sich diesen Anspruch in einem preissensiblen Marktumfeld aber hart erkämpfen.
Die kritische Kehrseite: Skalierung in der Grauzone?
An der operativen Umsetzung auf der Straße entzündet sich massive Kritik. Der Marktführer Lieferando sorgte im Spätsommer 2025 für heftige Proteste, als bekannt wurde, dass rund 2.000 interne Fahrer*innenjobs abgebaut und unter anderem an Fleetlery ausgelagert werden sollten.
Gewerkschaften wie die NGG und Initiativen wie arbeitsunrecht.de werfen den Auftraggeber*innen vor, Subunternehmer*innen gezielt für Union Busting (die Aushebelung von Betriebsräten) zu nutzen. Zwar betont Fleetlery auf seiner Website die Festanstellung der Kuriere, doch Berichte von Arbeitnehmer*innenvertretern zeichnen ein anderes Bild: Kritisiert werden Stücklohn-Modelle nach Auslieferung und undurchsichtige Vermittlungskonstrukte. Fleetlery navigiert hier in einem juristisch hochkomplexen Umfeld, das zwar bei einigen internationalen Wettbewerber*innen Branchenstandard ist, für ein deutsches Start-up jedoch ein permanentes Reputationsrisiko darstellt.
Vier Jahre Last Mile: Learning by Scaling
Aus der Retrospektive lassen sich für Gründer*innen drei zentrale Learnings aus der Fleetlery-Historie ableiten:
- Die Unterschätzung des operativen Supports: Eine Flotte steuert sich nicht allein durch KI. Ohne den Aufbau eines massiven Live-Supports implodiert die Wirtschaftlichkeit durch Fehllieferungen.
- Die regulatorische Falle: Der reine Vermittlungs-Ansatz ist in Deutschland juristisch riskant. Die strategische Entscheidung zur Arbeitnehmer*innenüberlassung war essenziell für das B2B-Geschäft.
- Die Erweiterung der Wertschöpfungskette: Wer nur liefert, verbrennt Geld. Fleetlery überlebte das Bootstrapping nur durch zusätzliche Services (Zeitarbeit, IT-Integration, BPO-Dienstleistungen).
Fazit
Timo Kerzel und Michael Kingreen haben bewiesen, dass man einen Logistik-Player ohne fremdes Kapital bauen kann. Fleetlery ist heute ein wichtiger Puffer für den deutschen Delivery-Markt. Doch das Geschäftsmodell balanciert auf einem schmalen Grat zwischen unternehmerischer Flexibilität, massivem Margendruck und harten arbeitsrechtlichen Diskursen.
