New Work Visionär

Autor: Hans Luthardt
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In nur drei Jahren ist Robert Bukvic mit seiner rent24 GmbH zu einem der größten Coworking Anbieter Europas geworden und stellt mit seinen Innovationen selbst milliardenschwere Konkurrenten in den Schatten.

Bis Ende 2018 werden weltweit 1,7 Millionen Menschen in gut 19.000 Coworking Spaces arbeiten, so die Prognose des aktuellen Global Coworking Survey, und laut Statista werden 2020 mehr als 26.000 Spaces weltweit am Markt sein. In diesem boomenden Coworking-Sektor spielt der Berliner Robert Bukvic (37) eine sehr ansehnliche Rolle. Denn mit seinen 35 Coworking Spaces in sechs Ländern und mehr als 8000 Mitgliedern ist Robert, rund drei Jahre nach der Gründung seiner rent24 GmbH, einer der führenden europäischen Coworking Anbieter. Die Zeichen stehen auch bei rent24 auf rasantes Wachstum: Ende 2019 soll es bereits 120 Standorte geben. Der Markt rund um die Vermietung von Arbeitsplätzen und Büros auf Zeit ist somit noch lange nicht gesättigt und die besten Flächen sind heiß umkämpft. Umso spannender ist es zu erfahren, was Robert Bukvic rund ums „Arbeiten und Leben 4.0“ so erfolgreich macht und rent24 letztlich von anderen, teils milliardenschweren globalen Wettbewerbern abhebt.

 

Coworking trifft Corporate Coworking

Coworking – seit rund 10 Jahren ein Phänomen in der deutschen Gründerszene – ist aus der Idee heraus entstanden, die für Start-ups wichtigen Grundwerte wie Kooperation, Austausch, Offenheit, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit zu fördern und aktiv zu leben. Und dabei gleichzeitig Ressourcen zu schonen. Eine Art „Lifestyle-Hype“ erlebt Coworking aktuell durch Trendthemen wie New Work und digitales Nomadentum. 

Aber nicht nur Gründern und Start-ups bietet Coworking klare Vorteile. Immer mehr große Unternehmen entdecken das Coworking bzw. Corporate Coworking für sich. Sei es als günstige und stylische Erweiterung der eigenen Offices, als Recruiting Plattform für frische Talente oder als Möglichkeit, mit Start-ups, Freelancern oder digitalen Nomaden außerhalb der eigenen vier Wände eng und flexibel zusammenzuarbeiten, um so letztlich innovativer, agiler und damit schneller zu sein. Das Motto: Raus aus der Unternehmensblase – rein ins Corporate Coworking als Innovationstreiber.

Die Bandbreite von Coworking Spaces ist enorm und reicht vom mietbaren Schreibtisch in einem Büro bis hin zu dem, was Robert Bukvic von Berlin aus 2015 gestartet hat und seitdem ausrollt: eine Art von Rundum-sorglos-Paket aus Arbeiten, Wohnen und Leben unter Gleichgesinnten. „Coworking meets Coliving“ ist Robert Bukvics Erfolgsrezept und die Community ist dabei der Katalysator.

Vom Basketball-Profi zum Gründer 

Wie so viele Innovationen rund ums moderne Arbeiten, ist auch die professionelle Coworkingidee Anfang der 2000er in den USA entstanden. Also zu der Zeit, als Robert, der Zwei-Meter-Mann, mit einem Basketball-Stipendium ausstaffiert an der Daytona State University International Business studierte.

An der Uni gründete Robert nebenher auch sein erstes Start-up, 1000paper.com. Das Geschäftsmodell: Er bastelte über Yahoo eine Website, über die Studenten Hausarbeiten, Bookreports etc. gegen eine monatliche Gebühr downloaden konnten. „Ich glaube, ich war damals einer der ersten PayPal-Kunden“, erzählt Robert schmunzelnd. Die Idee kam super an, „ich habe damit ungefähr 600 Dollar die Woche verdient, war stolz und glücklich und habe so mein Auto und mehr finanziert – das war eine coole Zeit“, so Robert.

Das junge Gründerglück wurde jedoch schnell ausgebremst, als die Verantwortlichen an der Uni bemerkten, dass sich die Anzahl gleicher Arbeiten häuften, dem „Spuk“ dann auf den Grund gingen und kurzerhand Robert das Geschäft untersagten. Daraufhin verkaufte er sein Business im Zuge einer Online-Auktion – legte den ersten Exit seiner Unternehmerlaufbahn hin und strich damit rund 30.000 Dollar ein – Lehrgeld inklusive.

Mit dem Thema Coworking kam Robert in seiner US-Zeit allerdings nicht direkt in Berührung, sehr wohl jedoch mit dem Thema Coliving, da sein Studi- und Privatleben an der Uni in kleinen Gemeinschaftsunterkünften stattfand und sein Basketballer-Leben im Mannschaftsverbund, quasi als Community. Auch das hat ihm einiges an Rüstzeug für sein Unternehmerleben mitgegeben. „Durch die Zeit als (Profi-)Sportler habe ich viele Dinge gelernt, die mir als Unternehmer im Alltag helfen: Disziplin, Teamgeist, Verantwortung und besonders die Fähigkeit, mit Rückschlägen oder Niederlagen umzugehen und aus diesen zu lernen“, so Robert rückblickend.

Die Kraft der Designsprache

Zurück in Europa, spielte Robert in Spanien, Italien und Finnland als Profi Basketball, bis ihm eine Knieverletzung einen Strich durch die Profi-Karriere machte. In Berlin, Roberts Heimatstadt, setzte er dann seine in den USA begonnene Unternehmerlaufbahn fort und gründete als Solist bzw. im Team das Portal miet24.de und die GetDeal GmbH. Hier liegen auch Roberts Anfänge in Sachen Coworking. Denn er und seine Mitstreiter vermieteten eigene freie Büroflächen zu günstigen Konditionen an Freelancer und Projektteams, die sie für ihre Companys bzw. Projekte benötigten bzw. von denen sie sich lohnende Synergie-Effekte versprachen. „Das war damals bereits eine Mischung aus Coworking Space und Inkubator“, so Robert.

Ende 2015 entschied sich Robert, nachdem er das Angebot erhalten hatte, eine sehr große Fläche mieten zu können, ganz auf Coworking zu setzen und gründete dazu seine rent24 GmbH. Sein Anspruch bzw. seine Motivation war es, das klassische Coworking auf ein neues Level zu heben. Zum einen inhaltlich mit klarem Fokus auf Community Building, und zum anderen in der Ausgestaltung des Arbeits- und damit Coworkingraums an sich.

Zusammen mit seiner Frau Ivana, einer Innendesignerin, entwickelte und diskutierte Robert unterschiedliche (Design-)Konzepte für den aus seiner Sicht idealen Coworking Space und startete 2016 mit dem ersten Space in Berlin. Von der Struktur her handelte es sich um einen klassischen Coworking Space, der Fokus lag aber schon deutlich auf einem modern-kreativen Wohlfühlambiente, basierend auf einer starken Designsprache. Die Vision: den Einzelnen mit seinen individuellen Bedürfnissen abholen und den kreativen Austausch unter den Coworkern beflügeln. Die ersten Coworker waren Start-ups und Freunde sowie Bekannte aus Roberts Netzwerk. „Mit deren Feedback und in intensiven Gesprächen haben wir dann unseren USP entwickelt“, so Robert.

Community Building und Services

Von Anfang an ist Robert darauf bedacht, die aus seiner Sicht passenden Mitglieder für seine Community zu rekrutieren. „Wir helfen unserer Community durch verschiedene Events und Aktionen, miteinander zu interagieren und voneinander zu profitieren“, so Robert. „So ist es durchaus üblich, dass sich einander fremde Leute in den Offices begegnen, sich austauschen und am Ende ein gemeinsames Projekt steht.“ Damit dieses Klima entstehen kann, werden auch schon mal Start-ups, die nicht ins Konzept passen, abgelehnt. „Wir versuchen, eine gesunde Mischung zu haben“, erklärt Robert.

Und von Beginn an bietet man auch Services und Dienstleistungen an, die über das übliche Vermieten von Arbeitsfläche hinausgehen. 2016 gründete er r24-ventures, einen 20 Mio. Euro schweren Fonds samt Accelerator-Programm. „Durch den Coworking Space haben wir spannende Gründer und Start-ups kennengelernt, denen wir so zur Professionalisierung sowie zum Wachstum und Durchbruch verhelfen“, sagt Robert. Pro Start-up sind Investments von 50.000 bis 2 Mio. Euro möglich. 

Daneben bietet rent24 den Mitgliedern auch Workshops und Dienstleistungen, die nahezu alle Gründer bzw. junge Unternehmen brauchen können: von Gründungsberatung über kreative Services wie Logo-Erstellung bis hin zur Web- site-Gestaltung.

Arbeiten und Leben 4.0

Parallel zur deutschlandweiten Expansion – einen lohnenden Coup landete Robert hierbei mit der Übernahme des Konkurrenten Friendsfactory samt sieben Standorten – ist Robert auch international aktiv. Der Fokus von rent24 ist dabei klar auf die globalen Start-up-Hot-Spots wie Amsterdam, London, Moskau, Chicago, New York oder Tel Aviv gerichtet. Das Ziel: eine starke internationale rent24-Community schaffen und sich als Marke etablieren. 

Ein wichtiger Meilenstein war bzw. ist der im September 2017 in Berlin eröffnete Flagship Space mit einzeln buchbaren Plätzen im offenen Arbeitsbereich sowie sog. Private Offices und Konferenzräumen, Event-Spaces, Küchen mit Bars etc. Hier mutet bewusst nichts mehr nach reinem Arbeitsplatz an. Die Flächen sind vielmehr Begegnungsräume, die in Themenbereichen gestaltet und gestylt sind und so zu einer Art Wohlfühl-Arbeits-Oase werden.

Doch Robert setzt dem noch eins drauf. „Wir hatten festgestellt, dass Leute Probleme hatten, Wohnraum zu finden, um hier auf Zeit zu arbeiten, und suchten nach einer Lösung.“ 

Seit Mai 2018 gibt es in Berlin den ersten Coliving Space, welcher den dortigen Coworking Spaces unmittelbar angegliedert ist. Auf mehr als 3500 Quadratmetern können seitdem Freelancer, Gründer und Projektteams großer Unternehmen arbeiten und sich tage-, wochen- oder monatsweise wie in einem Hotel einmieten. Jedes Zimmer ist einzigartig gestaltet und hochwertig ausgestattet. Außerdem stehen den Kunden ein eigener Fitnessraum, mehrere Küchen, ein Event-Space sowie Lounge- und Gemeinschaftsbereiche zur Verfügung.

„Wir sehen Coliving als die logische Ergänzung zu Coworking“, sagt Robert. „Mittlerweile funktionieren viele Geschäftsmodelle komplett online. Da ist es egal, ob man in Chicago, Tel Aviv oder eben Berlin arbeitet. Wer räumlich unabhängig ist, kann neben der Arbeit die Welt entdecken, möchte sich aber dabei nicht unbedingt lange binden. Genau solchen digitalen Nomaden bieten wir ab sofort das perfekte Rundumpaket.“ 

Wie erwähnt, gilt das für den Freelancer genauso wie für Corporates. Davon zeugt auch die aktuelle Zusammensetzung bzw. Verteilung aller Nutzer in den rent24-

Spaces. Die Gesamt-Community setzt sich aktuell aus durchschnittlich 35 Prozent Open-Space- Nutzern (Gründer, Freelancer, und digitale Nomaden) und 65 Prozent Private-Office-Nutzern (Start-ups und Büros von Unternehmen jedweder Größe) zusammen. Mit seinem Coliving Space setzt Robert klare Maßstäbe. „Willkommen beim Wohnen und Arbeiten 4.0“, bringt es Robert auf den Punkt.

Noch lange nicht gesättigt

Aktuell vergeht nur wenig Zeit, in der Robert und sein Team keine neuen Spaces an weiteren deutschen und internationalen Standorten eröffnen. Von der Planung bis zum Start vergehen dabei durchschnittlich weniger als sechs Monate, die Objekte werden angemietet und sind bei Bedarf erweiterbar, was die Startkosten senkt. „Die Spaces werden von erfahrenen Community Managern, die in der Startup-Industrie gut vernetzt sind und die Bedürfnisse vor Ort verstehen, aufgebaut und geleitet“, so Robert. Die Auslastung liegt – so rent24 – bei der Eröffnung meist schon über 65 Prozent. Insgesamt liegt die Auslastung bei durchschnittlich über 95 Prozent. Auch bemerkenswert: Den Unternehmensaufbau und -ausbau hat Robert bislang mit Eigenkapital gestemmt.

Und das alles, obwohl rent24 natürlich nicht alleine auf weiter Coworking-Flur steht. Während die rent24-Expansion derzeit massiv in Richtung USA weist, drängt bspw. der US-Gigant WeWork, dessen Unternehmenswert auf 20 Mrd. Dollar geschätzt wird, vehement auf den deutschen Markt. Am Potsdamer Platz in Berlin soll noch 2018 der größte Coworking Space Deutschlands entstehen. Robert steht dem gelassen gegenüber. Denn WeWork gilt eher als ein Anbieter, der aufs Vermieten von Private Offices setzt und nicht aufs Coliving. „Die Konkurrenz redet viel von Community, wir leben sie wirklich. Wir supporten unsere Community mit Services. Und jeder wird von uns individuell gesehen, nicht als Mieter, sondern als Community Member“, erläutert Robert  seinen USP.

Auch weitere große Anbieter wie Mindspace, Regus, Tech Hub oder Design Offices schauen nicht tatenlos zu. Im Gegenteil: Manch einem wird bspw. Preisdumping nachgesagt, um sich Vorteile beim Generieren neuer Mietern zu verschaffen. Roberts Weg sieht anders aus. „Es kommt den Leuten nicht drauf an, 50 Euro weniger zu zahlen, sondern auf die Mehrwerte, die sie bekommen“, sagt er. „Wir wollen, dass sich die Community quasi gegenseitig lean bringt und wir unterstützen sie dabei. Wir haben festgestellt, dass Start-ups dann organisch wachsen, wenn wir sie supporten und connecten und damit dann auch deren Bedarf an Mitarbeitern und Fläche steigt“, erläutert Robert sein (Marketing-)Konzept. Von einem Wettkampf um Fläche bzw. Mieter will Robert aber nicht sprechen. „Es geht nicht um Verdrängung, es geht um Bedarf. Wir haben extrem Bedarf!“

Wohin geht die Coworking-Reise?

„Der Trend geht eindeutig zu mehr Flexibilität. Start-ups möchten nur selten langfristige Mietverträge eingehen, aber auch große Corporates haben inzwischen realisiert, dass neben der Flexibilität auch der kreative Input durch die Gemeinschaft ihnen einen echten Mehrwert bietet“, so Robert. „Und die Faktoren Leben, Arbeiten, Ernährung und Sport werden weiter verschmelzen und unser Konzept vorantreiben.“ Daran arbeiten Robert und seine aktuell mehr als 135 Mitarbeiter aus 23 Ländern auf Hochtouren. 

Doch was geschieht mit den vielen kleineren Spaces, die keine Event-Flächen und Konferenzräume stellen können, geschweige denn Übernachtungsmöglichkeiten? Diese werden es künftig sehr viel schwerer haben, sofern sie nicht eine Nische finden und bedienen, und nicht wenige von ihnen werden wohl das Handtuch werfen müssen. Zumal nur 31 Prozent aller Coworking Spaces profitabel sind, so die Berechnung der German Coworking Federation.

Wer im Rennen um die besten Standorte und die beste, das heißt zugleich treueste Community die Nase vorn behalten wird, bleibt abzuwarten. Der rent24-Gründer gibt sich zuversichtlich und setzt voll auf sein wegweisendes Coworking-Coliving-Konzept: „Ich möchte ein weltweit operierendes Unternehmen aufbauen, das seinen Mitgliedern echten Mehrwert bietet. Deshalb entwickeln wir unser Geschäftsmodell permanent weiter.“ 

Dazu gehört auch der am 1. August gestartete ICO für eine rent24-Blockchain-Plattform. Über diese sollen die Standorte vernetzt und mit neuen Services – auch von externen Partnern – ausgestattet werden. Über die Plattform können beispielsweise Jobs und Aufgaben innerhalb der Community ausgeschrieben werden. Mitglieder, die diese bearbeiten, erhalten dafür als Belohnung „Token“ und „Statuspunkte“, die ihnen wiederum Vorteile einbringen und neue Möglichkeiten geben, etwa Funding Projekte innerhalb des rent24-Netzwerks vorzuschlagen. „Clicks and bricks“ nennt Robert diesen innovativen Ansatz, um seine Community – bis Ende 2019 soll es weltweit 120 rent24-Standorte geben – dezentral und transparent zu vernetzen. Eins wird hier nochmals deutlich: Coworking ist längst zu einem ganzheitlichen Geschäftsmodell mit schier unbegrenzten Möglichkeiten erwachsen und Robert ist mit seinem zukunftsweisenden Coworking Modell ganz vorn dabei.


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Tipps für E-Mobility-Newbies

Fünf Starttipps für alle, die ein nachhaltiges E-Mobility-Geschäftsmodell aufbauen wollen.

Wer mit seinem Geschäftsmodell durchstarten möchte, hat es nicht immer leicht. Denn neben der Frage, ob das Produkt überhaupt vom Markt angenommen wird, gibt es auch andere Unsicherheitsfaktoren, die den Start stark beeinflussen. In der E-Mobilitätsbranche ist dieses Problem besonders groß, da viele Bereiche unreguliert sind. Anbieter*innen können sich nur auf wenige Standards verlassen. Diese Tipps sollten E-Mobilitätsanbieter*innen beherzigen, damit ihre Idee auch langfristig ein Erfolg wird.

I. Transparenz gegenüber den Kund*innen

Die Ladeinfrastruktur wächst stetig. Eine aktuelle Studie der KfW zeigt jedoch, dass mehr als jede(r) zweite potenzielle Käufer*in in Deutschland vom Erwerb eines E-Autos absieht, weil das Vertrauen in die Ladeinfrastruktur fehlt. Vieles läuft in der E-Mobilitätsbranche über Software. Doch die gesamte User Experience kann von der E-Mobilitätsbranche nicht rein technisch gelöst werden. Hier ist die ganze Branche gefragt, bestehende Ängste von Fahrer*innen abzubauen und das Vertrauen in die E-Mobilität zu stärken. Newcomer*innen sollten dabei als positives Beispiel vorangehen, ihre Kund*innen dort an die Hand nehmen, wo es notwendig ist und Unsicherheiten durch offene Kommunikation aus dem Weg räumen.

II. Künftige Skalierbarkeit des Unternehmens

Für aufstrebende Marken ist es immer wichtig, skalierbar zu sein. Nur so können neue Märkte erschlossen und Kund*innen nachhaltig zufrieden gestellt werden. Wir hatten bei Plugsurfing verschiedene MVPs (Minimum Viable Products), die aber im großen Stil nicht skalierbar waren. Erst durch die Migration auf unsere neue Plugsurfing Power Platform waren wir wirklich in der Lage, uns zu vergrößern und mit den schnellen Veränderungen im Markt Schritt zu halten. Wir mussten in der Migrationsphase verschiedene Produktentwicklungen on-hold setzen und verloren so viel Zeit. Newcomer*innen sollten dementsprechend frühzeitig die Weichen stellen, um diese Probleme zu umgehen.

III. Einheitliche Datenstandards

Wie bereits angesprochen, sind technische Implementierungen in unserer Branche wenig reguliert und standardisiert. Im Moment arbeiten viele nur für sich, aber Fahrer*innen erwarten überall standardisierte Lademöglichkeiten. Das ist eine der zentralen technischen Herausforderungen der E-Mobilität. Wir brauchen europaweite Regelungen, um die Standards für unsere Zukunft zu setzen. Neue Anbieter*innen sollten an der Weiterentwicklung solcher Standards aktiv mitwirken, da sie so eine sehr gute Übersicht über den Markt haben und an den richtigen Stellen Anschluss finden.

IV. Flexibilität in der Software

Natürlich hat jede(r) Anbieter*in aktuell eine bestimmte Lösung, auf die er/sie setzt. Es ist daher sehr schwierig, alle miteinander zu verknüpfen, damit zum Beispiel Bezahlvorgänge für Fahrer*innen an diversen Ladesäulen funktionieren. Viele Workarounds sind noch Übergangslösungen, die ersetzt oder zukunftssicher überarbeitet werden müssen. Anbieter*­innen sollten daher unbedingt auf eine flexible Software setzen, die angepasst werden kann.

V. Langfristige Partnerschaften eingehen

Zuletzt ein wichtiger Tipp: Ohne Partner*innen geht es nicht. Und das gilt besonders für die E-Mobilitätsbranche. Natürlich treten Newcomer*innen mit bestehenden Anbieter*innen in Konkurrenz, weil sie zum Beispiel einen blinden Fleck gefunden haben und so Kund*innen abwerben. Anbieter*innen sollten jedoch immer auch Partnerschaften anbieten. Wir legen bspw. den Fokus auf enge Zusammenarbeit und Wissenstransfer, um nachhaltige technische Lösungen entwickeln zu können. So hilft ein großes Netzwerk an Partner*innen dabei, die E-Mobilität zu stärken und langfristig zukunftsfähig zu machen.

Der Autor Tatu Kulla ist CEO des E-Mobilitätsdienstleisters Plugsurfing, der Softwaretools entwickelt, um E-Mobilität für alle zugänglicher zu machen.

Wissenschafts-Gründer*innen als Klimaretter*innen

Wissenschaftliche Start-ups beschäftigen sich zunehmend mit Themen, die die Umwelt entlasten können und nehmen hierbei nicht selten Vorreiterrollen ein. Wir stellen fünf Start-ups vor, die auch mithilfe des Hamburger Verbundprojekts beyourpilot Maßnahmen gegen die Klimakrise entwickeln.

Der Klimawandel erfordert dringenden Handlungsbedarf: Ohne nachhaltige Veränderungen, die unseren Alltag umfassend durchdringen, steuert die globale Gesellschaft auf eine verheerende Krise zu. Etwa 80 Prozent der jemals weltweit produzierten Kunststoffe liegen auf Deponien oder verschmutzen zunehmend die Ozeane. Das empfindliche Ökosystem in den Tiefen der Meere ist bereits jetzt durch fünf Milliarden Tonnen unseres Plastikmülls belastet, der nicht abbaubar ist. In Deutschland werden gerade mal 17,3 Prozent der Plastikabfälle recycelt, wobei sich einige dieser Kunststoffe nur schwer wiederverwenden lassen. Insbesondere Einwegprodukte, die selbst in Ländern mit einem funktionierenden Re­cyclingsystem für Verpackungen nicht wiederaufbereitet werden können, bedrohen unsere Umwelt und beschleu­nigen den Klimawandel.

Fast ein Drittel aller grünen Start-ups sind forschungsnahe Gründungen

Der Green Startup Monitor beschreibt seit vier Jahren, wie es Deutschlands grüner Start-up-Szene geht. Der diesjährigen Studie zufolge spielen die Hochschulen gerade bei innovativen, grünen Gründungen eine wesentliche Rolle: Fast ein Drittel aller grünen Start-ups sind forschungsnahe Gründungen. Trotzdem sieht der Monitor hier noch großes Potenzial.

Essenzielle Unterstützung bei der Entwicklung innovativer grüner Technologien erhalten beispielsweise Hamburgs Start-ups vom Verbundprojekt beyourpilot, einem vernetzten und koordinierten Beratungs- und Unterstützungsangebot für alle Wissenschafts-Gründer*innen in der Hansestadt. Um den Erfolg der Wissenschafts-Start-ups in Hamburg zu erhöhen, wurde mit beyourpilot ein zentraler Anlaufpunkt für Gründer*innen geschaffen, über den online, aber auch offline durch Beratung und Unterstützung für mehr

Unternehmensgründungen an Hamburger Hochschulen und Forschungsinstituten gesorgt wird. Hierfür haben sich die größten Hamburger Hochschulen und das Deutsche Elektronen-Synchrotron DESY zusammengeschlossen, um die Gründungen von Wissenschaftler*innen noch besser und effektiver fördern und unterstützen zu können. Hier eine kleine Auswahl an Start-ups, die auch mithilfe von beyourpilot erfolgreich durchgestartet sind.

traceless materials

Ein Start-up, das insbesondere das Plastikproblem angeht, ist traceless materials mit einer umweltschonenden ­Alternative zu Plastik. Dr. Anne Lamp, die als Verfahrenstechnikerin bei Professor Kaltschmitt am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft (IUE) der Technischen Universität Hamburg (TUHH) promovierte, hat anhand ihrer Forschung ein neues Verfahren entwickelt, um das globale Plastikproblem zu lösen. Aus pflanzlichen Reststoffen der Agrarindustrie stellt das Unternehmen ein neuartiges Biomaterial her, das in vielen Bereichen Plastik ersetzen kann – beispielsweise in Verpackungen, Einwegprodukten oder Papierbeschichtungen. Das sogenannte traceless-Granulat lässt sich praktisch wie Kunststoffgranulat verarbeiten und befindet sich in verschiedenen Pilotprojekten im Anwendungstest (bspw. beim Versandhaus OTTO). Das Material ist nach wenigen Wochen kompostierbar sowie energieeffizient, klima­freundlich und lässt sich künftig zu einem wettbewerbsfähigen Preis in industriellem Maßstab herstellen. Das Start-up gewann 2022 den Hamburger Gründerpreis in der Kategorie „Existenzgründer“ und erhielt auf der nationalen Bühne den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Startup“.

Als Anne Lamp Anfang 2020 hinsichtlich ihrer Gründung noch in der Phase der Orientierung war, erfuhr sie von beyourpilot, genauer gesagt vom Startup Dock. Das Startup Dock ist die Gründungsunterstützung der TUHH, die Partnerin und damit Teil des beyourpilot-Netzwerks ist. Ein erstes Unternehmen hatte damals Interesse an Anne Lamps Material gezeigt, weshalb sie im Rahmen der Gründungsberatung um Rat suchte: „Ich war unsicher und kannte meine Optionen nicht. Das Startup Dock beziehungsweise beyourpilot hat mich dann beraten und gab mir Tipps“, berichtete sie über die Anfangszeit des Start-ups. Seitdem stehen ihr mehrere Ansprechpersonen zur Verfügung: „Sie sind bis heute meine Sparringspartner*innen, wenn es um mein Pitch-Deck geht. Wir sprechen beispielsweise auch über unsere Strategie, wie wir Dinge realisieren können. Das sind alles Business-Komponenten, über die man sich als Forscherin weniger Gedanken macht.“

Im Frühjahr 2020 stellte Anne Lamp fest, dass sie eine(n) feste(n) Partner*in für die Strategieentwicklung und Finanzierung braucht – seither wird sie von ihrer Mitgründerin Johanna Baare unterstützt. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat mit ihrer Erfahrung in der Strategieberatung sowie ihrem MBA eine komplementäre Expertise zu jener von Anne Lamp: „Wir sind auf ein breites Netzwerk angewiesen, um unser Wirkungspotenzial auszuschöpfen. Dazu gehört nicht nur unser traceless-Team, sondern auch die vielen Geschäftspartner*innen, Investor*innen und Unterstützer*innen, die sich unserer Pionierreise angeschlossen haben. Und natürlich auch die Gesellschaft und die Verbraucher*innen, wo bereits ein großes Bewusstsein für die Plastikverschmutzung besteht“, so Johanna Baare bei der Verleihung des diesjährigen Deutschen Gründerpreises. Der Bedarf an Innovationen und umweltfreundlichen Lösungen ist heute größer denn je, und die Gründerinnen freuen sich, dass neue Ideen wie ihre vielfach mit offenen Armen statt mit Skepsis aufgenommen werden.

„Als Impact-Unternehmen sind wir noch lange nicht am Ende unserer Mission: Unser Ziel ist es, das volle Wirkungspotenzial unserer Technologie auszuschöpfen und unseren Beitrag zur Lösung der globalen Plastikverschmutzung und Klimakrise zu leisten. Und dafür ist – wie bei allen komplexen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen – Zusammenarbeit entscheidend. Die Veränderung, die wir dringend brauchen, wird kein Unternehmen alleine schaffen“, so Anne Lamp.

Heldengrün: Den Haushalt revolutionieren

Wie uns das nachhaltige Start-up Heldengrün nicht nur beim bevorstehenden Frühjahrsputz glänzen lassen will.

Zwei junge Männer, Shewit Hadish und Eugen Mesmer, bringen uns derzeit ein neues Verständnis für den Wohnungsputz bei und zeigen uns, wie der Frühjahrsputz anno 2023 aussieht. Seit 2018 sorgen Shewit und Eugen mit ihrem Start-up Heldengrün dafür, dass unsere eigenen vier Wände ein Stück weit nachhaltiger glänzen und sorgen mit einem Putzstein, Öko-Wasch – und Trocknerbällen, sowie diversen Bio-zertifizierten Ölen für ein neues Verständnis von Sauberkeit. Die Produkte, die es im eigenen Heldengrün-Shop, bei allen großen Online-Händlern, bei Kaufland, Alnatura und in vielen Unverpackt-Läden gibt, vermeiden nicht nur Plastikmüll, sondern kommen so gut wie ohne chemische Zusätze aus.

All-in-One Putzstein, Trocknerbälle und Co.

Die Idee zu Heldengrün entstand in den damaligen Single-Haushalten der Gründer Shewit und Eugen. „Wir fanden es furchtbar, dass die Wohnung nach dem Putzen so pnetrant nach Chemie gestunken hat“, beschreibt Shewit. „Dazu hatten wir jeweils ein ganzes Arsenal an Plastikflaschen herumstehen. Das wollten wir ändern.“

Die beiden entwickeln nach und nach einen nachhaltigen All-in-One Putzstein aus 96 Prozent natürlichen Inhaltsstoffen mitsamt Schwamm, der sich für alle Haushaltsbereiche eignet und das Putzmittel-Arsenal überflüssig macht, Trocknerbälle für den Trockner, die die Energie im Trockner effizient verteilen um Strom zu sparen, sowie einen weitestgehend natürlichen Bodenreiniger für den Wisch – und Saugroboter mit natürlichen Düften.

Alle Produkte bestehen zum Großteil aus natürlichen Inhaltsstoffen und werden entweder plastikfrei oder mit recyceltem Plastik verpackt, um einen möglichst ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. „Nachhaltigkeit ist ein Thema, das uns alle betrifft und das wir uns auch alle leisten können sollten“, sagt Eugen. „Wir wollten daher bezahlbare Alltagsprodukte schaffen, die uns als ganze Gesellschaft bewusster und grüner machen können. Wir wollen dafür vorhandene Ressourcen nutzen und keine neuen verschwenden.“

Neues Mindset in Sachen Putzen

Im Fokus steht dabei auch ein neues Mindset, was unser Verständnis fürs Putzen betrifft. „Sehr viele Menschen assoziieren den Geruch von Chemie mit Sauberkeit. Nur wenn es so steril riecht wie im Krankenhaus, vertrauen sie darauf, dass etwas wirklich sauber ist. Dabei gibt es nicht den einen spezifischen Geruch von Sauberkeit. Eine Wohnung kann auch dann sauber sein, wenn sie hinterher natürlich duftet und keine Giftkeulen zum Einsatz kamen. Wir müssen hier unser Sauberkeitsverständnis neu definieren.“

Heldengrün will genau das erreichen. Auf ihren Produkten sind anstatt leuchtfarbiger Piktogramme, die vor giftigen Stoffen warnen, lediglich Labels zur Öko-Zertifizierung zu sehen. „Es geht uns um Wertschätzung – gegenüber unserer Umwelt und auch gegenüber den Menschen“, so Shewit weiter. „Eigentlich will doch niemand chemische oder ätzende Inhaltsstoffe in seinen eigenen vier Wänden benutzen, vor allem dann nicht, wenn im Haushalt Kinder wohnen.“

2023 soll eine Erweiterung der Produktpalette erfolgen. Bereits jetzt neu im Sortiment: Ätherische Öle, die nicht nur als Duftgrundlage für Do It Yourself-Wasch- und Putzmittel verwendet werden, sondern das Sortiment in Richtung Körperpflege weiterdenken. So sind die hochwertigen Rosmarin – und Lavendelöle beispielsweise effektive Helfer für Kopfhaut- und Haarpflege. Die dafür verwendeten Pflanzen werden unter strengen ökologischen Auflagen angebaut und von einem Familienbetrieb in Handarbeit destilliert.

CleanTech-Power für die Lieferlogistik

Oliver Ritzmann hat es sich mit seinem Start-up gryn zur Aufgabe gemacht, die grüne Transformation der Lieferlogistik voranzutreiben.

Lieferketten nachhaltig gestalten: Das zählt heute zu den größten Herausforderungen in der Logistik. Spätestens seit der Logistikstudie 2021 des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) ist klar, dass es jedoch an Transparenz in den komplex verzweigten Supply Chains fehlt, um den Wandel zu einer besseren Klimabilanz in der Branche anzustoßen. Das zu ändern, hat sich das Hamburger Start-up gryn zur Aufgabe gemacht.

Digitale Logistik aus Hamburg in die Welt: „Das Potenzial ist gewaltig“

Dort, wo vor ein paar Jahrzehnten Waren aus aller Welt lagerten, plant Oliver Ritzmann mit seinen Kolleg*innen heute die Zukunft einer modernen, klimafreundlichen Logistik. Die erst im April bezogene Zentrale von gryn liegt mitten in der Hamburger Speicherstadt. Vom St. Annenufer aus entwickeln der Gründer und sein Team die Vision eines nachhaltigeren Welthandels. „Das Potenzial ist gewaltig“, ist er überzeugt. Um das zu verdeutlichen, lässt der langjährige Logistiker schnell Zahlen sprechen. Von der Hansestadt bis nach Marseille könne schon heute ein vollbeladener Lkw, 18 Tonnen schwer, 783 kg CO2 im Vergleich zum aktuellen Status quo einsparen. Eine Reduktion um mehr als 30 Prozent – ohne kostenintensive Umrüstung oder neue Fahrzeugflotte. Wie ist das möglich?

Für Ritzmann liegt einer der größten Treiber für Nachhaltigkeit in der Logistik in den digitalen Technologien. Deshalb hat der Gründer, der seine Karriere bei traditionsreichen Unternehmen wie F.H. Bertling und Kühne + Nagel startete, mit gryn eine Plattform geschaffen, auf der CO2-Bilanzen entlang der gesamten Lieferkette mess- und damit steuerbar gemacht werden. Was bis vor Kurzem für viele Lieferant*innen und Händler*innen wie eine Black Box daherkam, läuft jetzt in Echtzeit über den Monitor auf Ritzmanns Schreibtisch. Die präzisen CO2-Daten in Echtzeit, da sind sich alle bei gryn einig, sind die technische Grundlage für die grüne Transformation der Lieferlogistik.

Synergien durch Transparenz

Akribisch arbeitet man beim Hamburger CleanTech daran, die komplexen Lieferbeziehungen in einem Netzwerk aus Hersteller*innen, Lieferant*innen und Händler*innen zu digitalisieren. „Unser Ziel ist, das weltweit größte Netzwerk für nachhaltige Logistik zu werden“, bringt Ritzmann die Unternehmensvision auf den Punkt. Marktführer*innen aus der Luft- und Seefracht sowie ein großes Modeunternehmen nutzen die Plattform mit dem integrierten Analyse-Tool zur CO2-Messung bereits. Durch die moderaten Preise und die zugängliche Handhabung profitieren auch erste KMUs von der neuen Übersichtlichkeit im Emissions-Management, welche die Technologie von gryn liefert. Bis zum Jahresende sollen es 6000 Mitglieder auf der Plattform werden.

Die Chancen, dass es so kommt, stehen nicht schlecht. Denn mit dem technischen Fortschritt bahnt sich auch ein Mentalitätswechsel in der Branche an. Die Transparenz, die auf dem Boden geteilter und verknüpfter Transportdaten entsteht, deckt ungenutztes Potenzial für Synergien und Kooperationen auf. Wo diese liegen, wird durch künstliche Intelligenz ermittelt. Anonym schlägt gryn potenzielle Partner*innen für die Netzwerkoptimierung vor, um die vorhandenen CO2-Potenziale zu nutzen und macht so zeitintensive Strategieberatungen ein Stück weit obsolet.

Nachhaltigkeit wird zum Wettbewerbsvorteil

Wie groß der Bedarf für das digitale Netzwerkmanagement ist, zeigt auch die Logistikstudie des BME. Mehr als 40 Prozent der befragten Unternehmen sehen weiterhin Defizite bei der Umsetzung von höheren Nachhaltigkeitsstandards in der Supply Chain. Knackpunkt dabei ist für mehr als die Hälfte der Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen. Gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung der Stakeholder. Einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey zu Folge achten bereits mehr als drei Viertel der Verbraucher*innen auf die Nachhaltigkeit von Produkten. Mehr als zwei Drittel nehmen sogar explizit den CO2-Fußabdruck für Produktion und Transport in den Blick.

Und auch seitens der Politik nehmen die Anforderungen an Unternehmen zu, um die ehrgeizigen Klimaziele noch zu erreichen. Allein bis 2030 will man in der EU mindestens 55 Prozent der Treibhausgase im Vergleich zum Jahr 1990 einsparen, wie aus dem Klimaschutzpaket der EU-Kommission hervorgeht. Mit dem europäischen Lieferkettengesetz wird für Unternehmen ab 250 Mitarbeitenden daher erstmals die Pflicht zur Berechnung und Offenlegung des eigenen CO2-Fußabdrucks statuiert. Zudem soll die CO2-Bepreisung im EU-Emissionshandel ab 2026 auch den Verkehrsbereich erfassen. Der CO2-Preis pro Tonne, derzeit bei 25 Euro, könnte gemäß der Forderung des Umweltbundesamtes langfristig auf bis zu 180 Euro steigen.

Der eigene CO2-Ausstoß wird so zunehmend zum Kostenfaktor für die Logistik und damit zu einer Frage der Konkurrenzfähigkeit. „Jeder, der Güter mit einem minimalen CO2-Fußabdruck liefern kann, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil“, ist sich Ritzmann sicher. Immer mehr Unternehmen dürften sich daher auf die Suche nach Einsparmöglichkeiten in ihren Lieferbeziehungen begeben. Daran bestehen zumindest bei gryn keine Zweifel mehr. Für den Klimaschutz wie für den eigenen Unternehmenserfolg setzen die Hamburger da­rauf, dass ihre Plattform nicht nur das Nachhaltigkeitsmanagement einzelner Unternehmen erleichtert, sondern durch die Netzwerkeffekte möglichst große Teil der Logistikwirtschaft zur Umsetzung inspiriert werden. Je mehr Mitglieder ihre Parameter über die Schnittstellen (APIs) mit der Plattform verknüpfen, desto besser die Datengrundlage für das gesamte Handelsnetzwerk, so das Kalkül.

Fragmentierter Markt auf dem Weg zu Net Zero

Welchen Mehrwert eine gesamtheitliche Lösung bieten könnte, zeigt ein näherer Blick auf den europäischen Logistiksektor. Kaum eine Branche ist so fragmentiert wie der über 350 Milliarden Euro schwere Logistikmarkt. Beobachter*innen aus der Transportwirtschaft schätzen, dass etwa die Hälfte der Lkws auf den Straßen der EU nur zu 50 Prozent beladen sind und etwa ein Drittel der Fahrten sogar ganz ohne Waren stattfindet. Selbst die fünf umsatzstärksten Spediteur*innen auf dem europäischen Binnenmarkt beherrschen weniger als fünf Prozent des Sektors. Demgegenüber stehen über 400.000 in der EU registrierte Unternehmen mit zehn oder weniger Lkws.

Ritzmann weiß um die Herausforderung, auf einem solchen Markt schnelle Veränderungen herbeizuführen. Auch deshalb ist das Netzwerk von gryn so angelegt, dass es vom kleinen Lokallieferanten bis hin zum multinationalen Frachtunternehmen nutzbar ist. Die automatisierte Sammlung und Berichterstellung zu den eigenen und den Emissionswerten der Handels­partner*innen soll dabei nur der erste Schritt sein. Denn die Software hilft laut der Entwickler bei gryn auch dabei, die Bereiche aufzudecken, in denen das größte Optimierungs­potenzial besteht. Step-by-Step und mit stetig verbesserter Datengrundlage will man so Kund*innen von der Umsetzung bis hin zum Ziel Net Zero begleiten.

Doch auch Oliver Ritzmann sieht, dass angesichts der andauernden Lieferengpässe in Folge von Pandemie und Sank­tionspolitik, die Spielräume für umfassende Investitionen in eine nachhaltige Lieferinfrastruktur bei einigen Akteur*innen begrenzt sind. „Ein grünes Logistik-Unternehmen braucht die richtige Balance zwischen finanziellem Wachstum und der Sicherung des künftigen Wohlstands auf unserem Planeten“, erklärt er sein Mindset. Um die Kostenseite nicht aus dem Blick zu verlieren und die wirtschaftliche Grundlage nicht zu gefährden, berechnet die KI-Software daher auch den finanziellen Aufwand, der sich aus den vorgeschlagenen Maßnahmen ergibt. Mögliche Nachhaltigkeitsziele wie die Anpassung an das 1,5-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen oder Net Zero können so in jeder Betriebssituation auf deren Machbarkeit überprüft werden.

Am Wendepunkt zur grünen Supply Chain?

Der Gewinn an Planungssicherheit und Transparenz könnte den Wendepunkt für die Logistik in Sachen Nachhaltigkeit bedeuten. Bei gryn jedenfalls setzt man alles daran, dass dieser Plan aufgeht. Ganz bewusst beschränkt sich das Start-up nicht auf die DACH-Region, sondern stellt sich mit einem Fokus auf die USA früh international auf. Nach dem erfolgreichen Launch im Juni arbeitet gryn nun an der Ausweitung seines Service-Angebots mit Projekten zur CO2-Kompensation und detaillierten Klimabilanzen. Auch heute herrscht geschäftiges Treiben auf der Büroetage unweit des Hamburger Hafens, einem der größten Häfen der Welt. Wo, wenn nicht hier, sollte die Zukunft der grünen Supply Chain beginnen?

Visual Marketing Trends 2023

Kleine und mittelständische Unternehmen aller Branchen sollten diese vier Trends für das visuelle Marketing im Jahr 2023 kennen und im Idealfall nutzen.

Um kleinen und mittelständischen Unternehmen dabei zu helfen, die Verbraucherstimmung im aktuellen Wirtschaftsszenario zu verstehen und sie bei ihren Marketingstrategien 2023 zu untersützen, hat iStock, die E-Commerce-Plattform für Bilder und Videos, einen durch VisualGPS-Daten gestützten Trendreport veröffentlicht.

Laut VisualGPS liegen die größten Sorgen der Verbraucher*innen zwischen Klimawandel, Inflation und den steigenden Kosten für Waren und Dienstleistungen. Noch wichtiger ist, dass die Menschen weiterhin neu definieren und priorisieren, was Wohlbefinden für sie bedeutet.

Die Mehrheit der Befragten (63 %) gibt an, dass sie ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben anstrebt, gefolgt von der Verbesserung ihrer körperlichen Gesundheit (59 %) und mehr Zeit für ihre Lieben (52 %).

Darüber hinaus schätzen es 79 % der Menschen, wenn Unternehmen, mit denen und bei denen sie zusammenarbeiten, die Herausforderungen anerkennen, mit denen sie persönlich konfrontiert sind. Dies könnte für Unternehmen im Jahr 2023 bedeuten, dass sie ihre Angebote durch Erlebnisse visualisieren sollten, die das individuelle Wohlbefinden ihrer Kund*innen und der ihnen nahestehenden Personen verbessern; während sie gleichzeitig die Probleme und Sorgen ihrer Kund*innen anerkennen, mit denen sie derzeit konfrontiert sind und die sie im Laufe des nächsten Jahres weiterhin bewältigen werden müssen. Die VisualGPS-Studie ergab zudem, dass zwei von drei Menschen weltweit von Unternehmen erwarten, dass diese ihnen gegenüber Empathie zeigen.

Um sich vor diesem Hintergrund Vorteile zu verschaffen, sollen kleine und mittelständische Unternehmen aller Branchen diese vier Trends für das visuelle Marketing im Jahr 2023 kennen.

Visual Marketing Trend 1: Sei emphatisch

Angesichts zukünftiger wirtschaftlicher Unsicherheiten und der Rezession solltest du bei der Vorstellung von gesellschaftlichen Events an kostengünstigere Aktivitäten denken, die Menschen zusammenbringen. Bilder, die deine Zielgruppe bei Outdoor-Aktivitäten, Abenden zu Hause mit Brettspielen oder frei zugänglichen Museen zeigen, sind eine gute Möglichkeit, um mit Kunden*innen in Kontakt zu treten, die bewusster mit ihren Ausgaben umgehen und achtsamer aufgrund ihrer wirtschaftlichen Herausforderung agieren.

Visual Marketing Trend 2: Stelle soziale Verbindungen in den Vordergrund

Verbraucher*innen stellen sich selbst und ihre Liebsten über alles. Bilder und Videos von erfüllenden Erlebnissen, die mit Freunden und Familie verbunden sind, werden entscheidend sein, um deine Kunden*innen anzusprechen. Denke daran, dass gemeinsame Aktivitäten wie Essen oder Trinken eine gute Möglichkeit sind, Kontakte zu knüpfen und sich mit anderen zu verbinden, anstatt sich auf die Aktivität selbst zu konzentrieren.

Visual Marketing Trend 3: Denke über "kleinen Luxus" nach

Laut VisualGPS stehen bei der Frage nach den wirtschaftlichen Sorgen der Verbraucher*innen weltweit die steigenden Lebenshaltungskosten an erster Stelle. Wie bereits in früheren Zeiten wirtschaftlicher Instabilität gibt es, nach Ansicht der VisualGPS-Expert*innen, einen potenziellen Anstieg des "Lipstick-Effekts", d.h. während die Kosten für Waren steigen, nimmt der "kleine Luxus" zu. Das schafft Möglichkeiten, Gegenstände, die gewöhnlicherweise nicht als luxuriös dargestellt werden, als solche zu präsentieren.

Visual Marketing Trend 4: Vergiss das emotionale und körperliche Wohlbefinden nicht

Mit der Priorisierung des individuellen Wohlbefindens ändert sich auch die Art und Weise, wie Menschen Reisen wahrnehmen. Statt oberflächliche touristische Erlebnisse und Sehenswürdigkeiten zu zeigen, solltest du Bilder präferieren, die echte Geschichten und die damit verbundenen Emotionen darstellen. Es empfiehlt sich, bei der Gestaltung Ihres visuellen Storytellings an Themen zu denken wie "Arbeiten von überall", "Leben im Moment" oder auch “allein verreisen”. Bedenke auch, wie Reisen das emotionale Wohlbefinden fördert, und zeige Momente der Verbundenheit mit anderen.

Visuelle Marketingtrends gehen bspw. auch davon aus, dass Reisen in die Berge gefragter sein werden als Stranddestinationen und insbesondere Abenteuerreisen zunehmen werden. Bei denjenigen, die in der Lage sind, mehr Geld für luxuriöse Aktivitäten auszugeben, könnte sich ein steigendes Interesse für Safaris und Kreuzfahrten verzeichnen.

Hospitality-Trends 2023

Die Digitalisierung geht weiter voran: Diese 5 Trends erwartet die Hospitality-Branche im neuen Jahr.

Während im vergangenen Jahr der Fokus in der Hospitality-Branche auf automatisierte Abläufe im Frontend-Bereich und damit für ein besseres Gästeerlebnis gesetzt wurde, blieben die Entwicklungen im Hintergrund weitestgehend auf der Strecke. Das wird sich 2023 ändern.

Neue Verfahren, smarte Tools

Die Digitalisierung schreitet in Deutschland weiter voran – das muss sie auch! Insbesondere junge Generationen setzen auf moderne Arbeitsplätze und werden von veralteten Systemen sowie analogen Strukturen zumeist abgeschreckt. Wer also dem Fachkräftemangel entgegenwirken möchte, muss auf neue Verfahren und smarte Tools setzen. Insbesondere in der Hospitality-Branche gibt es da noch immer viel zu tun. Viele internationale Technologieunternehmen sehen den Bedarf und unterstützen das Gastgewerbe vor Ort mit ihren digitalen Lösungen.

Während im vergangenen Jahr der Fokus jedoch auf automatisierte Abläufe im Frontend-Bereich und damit für ein besseres Gästeerlebnis gesetzt wurde, blieben die Entwicklungen im Hintergrund weitestgehend auf der Strecke. Das wird sich 2023 ändern - hier die wichtigsten Trends für die Hotel- und Gastronomiesparte im kommenden Jahr.

Hospitality-Trend 1: Schluss mit der Zettelwirtschaft – die Digitalisierung des Backoffice

Noch immer scheinen Excel und Notizzettel die beliebteren Hilfsmittel im Backoffice zu sein. Doch immer mehr Gründe sprechen für eine schnelle Digitalisierung und werden diese im kommenden Jahr weiter vorantreiben. Denn mit dem Grundsatzurteil 1 ABR 22/21 vom BAG (Bundesarbeitsgericht) vom 13. September 2022 ist die Arbeitszeiterfassung für Arbeitgeber*innen Pflicht. Sollen also die eigenen Angestellten entlastet werden, muss der Fokus auch in 2023 weiter auf der Optimierung interner Prozesse und speziell der Arbeitszeiterfassung liegen. Moderne Software-Lösungen und Apps sind eine einfache, aber vor allem ortsungebundene Möglichkeit, die Arbeitszeit effizient zu erfassen – egal ob im Betrieb oder im Home-Office. Eine schnelle Freigabe der endgültigen Stunden und fehlerfreie Abrechnungen inklusive. Auch für Personalmanager*innen bietet die Digitalisierung des Backoffice eine zunehmende Entlastung. Sie behalten den Überblick über die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche und können effizient Dienstpläne erstellen oder gegebenenfalls Änderungen schnell und transparent eintragen. Zusätzliche Features, wie interne Kommunikationsfunktionen oder die Verknüpfung mit bestehenden Tools bis hin zum Frontdesk-Bereich sorgen zudem für mehr Struktur im Arbeitsalltag. Das spart Zeit und schont personelle Ressourcen.

Hospitality-Trend 2: Modernes Bewerbungsmanagement

Auch in Sachen Recruiting unterstützen digitale Prozesse ungemein. So haben Bewerber*innen zum Beispiel verschiedene Kanäle, über die sie auf die Arbeitgeber*innen zukommen können. Diese unterschiedlichen Portale können dank smarter Lösungen inhouse zu einer zentralen Datenbank zusammenfasst und der komplette Bewerbungsprozess damit effizienter gestaltet werden. Absagen oder die Priorisierung von potenziellen Mitarbeitenden sowie Terminerinnerungen und Onboarding-Prozesse können ebenso automatisiert werden. So kann die Einarbeitung beispielsweise effizienter durch Online-Videos, Web-basierte Trainings oder Mediatheken erfolgen und so wertvolle Ressourcen sparen. Der Ausbau Cloud-basierter HR-Software wird somit im Jahr 2023 im Fokus sein.

Hospitality-Trend 3: Mitarbeitende binden – Zufriedenheit fördern

Während digitale Zeiterfassungs- und Abrechnungsanwendungen schon in einigen Unternehmen zum Arbeitsalltag gehören beziehungsweise verpflichtend sind, bietet die Automatisierung im Bereich Employee Experience noch viel Potenzial. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und will vor allem kranke Arbeitnehmer*innnen mit der eAU, der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, entlasten. Ab dem 01. Januar 2023 sind die Krankenkassen zur digitalen Weiterleitung der Krankmeldung an die Arbeitgeber*innen verpflichtet. Außerdem sollen personalisierte Performance Dashboards, die den Fortschritt von Mitarbeitenden transparent sowie jederzeit abrufbar darlegen, zur Bindung und Weiterentwicklung von Angestellten beitragen. Mittels intuitiver Tools kann dann eine stärkere Feedback-Kultur gelebt und die eigene Leistung in messbaren Zielen festgehalten werden. Schlussendlich steigt die Zufriedenheit und Loyalität der Mitarbeitenden nachhaltig, wenn Arbeitgeber*innen ein gut strukturiertes und organisiertes Arbeitsumfeld bieten.

Hospitality-Trend 4: Automatisierung des Frontoffice

Obwohl im Bereich der Kundenzufriedenheit bereits viel geschehen ist, wird 2023 auch die Digitalisierung des Frontoffice noch weiter vorangetrieben. Voice- sowie Chatbots können beispielsweise zunehmend für Bestellungen oder Reservierungen eingesetzt werden, um so auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken zu können. Während das Personal durch die künstliche Intelligenz entlastet und anderweitig eingesetzt werden kann, wird gleichzeitig schneller auf die Bedürfnisse der Gäste reagiert. Zudem wird auch das Bestandsmanagement dank digitaler Kassensysteme effizienter. Durch automatisierte Sortimentsprüfungen können Warenbestellungen dann schnell und direkt bis zum angebundenen Lieferanten weitergeleitet werden.

Hospitality-Trend 5: Waste-Management dank smarter Tools

Durch die Nutzung von Recycling- oder Foodwaste-Software wird auch die Nachhaltigkeit der Unternehmen zunehmend digitaler werden. Entsprechende Tools können zum Beispiel Warenbestände erfassen und weggeworfene Gegenstände ermitteln. Künstliche Intelligenz kann Abfallbereiche identifizieren und quantifizieren. Gerade in der Gastronomie und Hotelküche können so Prozesse optimiert werden. Lebensmittel werden reduziert und bares Geld gespart.

Fazit

Vorhandenes Personal kann mithilfe von smart eingesetzten Tools entlastet und effizient eingesetzt werden. Auch die Betreuung der Gäste wird durch die zunehmende Digitalisierung vereinfacht und die sogenannte Customer Experience weiter ausgebaut. Eine digitalisierte Branche ist somit greifbar und könnte den vielbeschäftigten Gastronom*innen und Hotelbetreiber*innen sowie ihren Angestellten 2023 den Arbeitsalltag erleichtern, wenn sie sich aktiv dafür entscheiden.

Der Autor Michael Scheiblich ist Lead Customer Success DACH der Personalplanungssoftware Planday

Technologie als Motor der Bildung

Der EdTech-Markt bietet großes Wachstumspotenzial. Gastbeitrag von Tobias Lampe, Leiter der Studienkreis Online-Nachhilfe.

30 Prozent weniger Gründungen – laut einer Analyse des Venture-Capital-Unternehmens Morphais VC wurden im 3. Quartal deutlich weniger Start-ups in Deutschland gegründet als im Vorjahr. Zahlen wie diese zeigen, dass die Start-up-Welt unter der konjunkturellen Entwicklung leidet. Insbesondere die Angst vor der Rezession schreckt Gründungswillige davon ab, ihre Business-Ideen auf den Markt zu bringen. Und das, obwohl für junge Unternehmen noch Kapital vorhanden ist. Insbesondere der Bildungsmarkt verspricht Wachstum und großes Potenzial für technologische Entwicklungen, denn in Deutschland gibt es noch enormen Nachholbedarf. Verwirklicht sich jetzt der Traum vom Milliardengeschäft EdTech-Markt?

Mehr Risikokapital: Wachstumspotenzial für EdTech-Unternehmen steigt

Nach dem Boom der vergangenen Jahre scheint die Start-up-Szene in eine neue Phase zu kommen: Wagniskapitalgeber schauen genauer hin, worin sie ihr Geld investieren, mit welcher Bewertung sie einsteigen und wo noch besonders großes Wachstumspotenzial besteht. Der European EdTech Funding Report 2022 zeigt, dass insbesondere der EdTech-Markt die Wachstumsfantasien der Investor:innen beflügelt. Allein im ersten Halbjahr wurden knapp 1.4 Milliarden Euro in EdTech-Unternehmen aus Europa investiert. Das sind knapp 40 Prozent mehr als im Vorjahr.

Einige erfolgreiche Unicorns, die mit einer Milliarde oder mehr Dollar bewertet werden, hat die Branche bereits hervorgebracht. Dazu zählen unter anderem BetterUp, GoStudent oder Coursera. Die erfolgreichsten Tech-Unternehmen im Bildungsbereich kommen vor allem aus den USA und Asien. Auf dem deutschen und europäischen Markt hingegen findet sich nur eine Handvoll vielversprechender Vorreiter. Problematisch ist dieser Status quo, da der deutsche Bildungsbereich bereits seit Jahren mit der Digitalisierung hinterherhinkt. Dazu kommt noch der Fachkräftemangel an Schulen und ein immer wieder schwerfälliger Bildungsföderalismus. Diese Herausforderungen können nur erfolgreich bewältigt werden, wenn sich die deutsche Bildungslandschaft stärker gegenüber innovativen Technologien öffnet und auch bei uns der EdTech-Markt ordentlich aufblühen kann.

Erschwertes Gründungsumfeld für EdTechs auf dem deutschen Markt

Sascha Lobo, Experte auf dem Gebiet der digitalen Medien, brachte es kürzlich im Gespräch mit Markus Lanz gut auf den Punkt: „Die Ausstattung der Schulen gehört ins Museum.“ Während das Smartphone, Tablet und Lernvideos auf YouTube in der Freizeit der Schüler*innen eine Selbstverständlichkeit sind, scheint im Schulunterricht die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Aufholbedarf in Sachen Digitalisierung ist groß, gleichzeitig stehen deutschlandweit etliche Start-ups in den Startlöchern, um die Bildungslandschaft zu optimieren. Warum hat dann noch kein deutsches Edtech ordentlich abgesahnt? Nachfrage muss es ja im bevölkerungsstärksten Land Europas zur Genüge geben.

Die größte Herausforderung für EdTechs auf dem deutschen Markt ist die Einstellung gegenüber der Digitalisierung. Oft heißt es: „Früher hat doch auch die Kreidetafel und das dicke Mathebuch gereicht“ oder „Kinder sind in ihrer Freizeit nur am Handy, das muss ja nicht auch noch in der Schule sein“. Besonders im Bildungsmarkt fehlt es an Offenheit gegenüber Technologien, wodurch wertvolle Chancen ungenutzt bleiben. Erschwerend kommt für EdTech-Unternehmen die deutsche Bürokratie hinzu, denn der Bildungsmarkt ist stark reguliert. Das verlangsamt nicht nur die Digitalisierung an Schulen, sondern erschwert auch die Zusammenarbeit zwischen den Bildungseinrichtungen und den EdTech-Unternehmen. Schulleitungen haben zum Beispiel kaum Gestaltungsspielraum bei ihrem Unterricht, können also nicht selbstständig digitale Tools in ihren Unterricht einführen, auch wenn sie den Bedarf sehen.

Ausblick: Schulen als Vorbild

Unsere Schulen könnten ein Vorbild sein, wie sich Bildung und Technologie optimal ergänzen. Doch was es dafür braucht, ist ein hohes Maß an Bereitschaft aller Beteiligten. Auch ein Wandel in der Wahrnehmung neuer Bildungstechnologien durch die deutsche Gesellschaft ist dafür notwendig. Sie ist lange nicht so aufgeschlossen wie in anderen Ländern. Wir sind es gewohnt, dass Bildung aus staatlicher Hand kommt und nicht zusätzlich kostet. Aber oftmals kann das öffentliche Bildungswesen nicht auf den individuellen Bedarf einzelner Schüler*innen eingehen. So kann Online-Nachhilfe zum Beispiel den Schulunterricht optimal ergänzen: Sie ist zeitlich flexibler, ortsunabhängig, individualisierbar und steigert zudem die Digitalkompetenz junger Menschen. Das Mindset muss sich ändern, denn wir brauchen Technologie und somit mehr Start-ups für unser Bildungssystem.

Der Autor Tobias Lampe ist Leiter der Studienkreis Online-Nachhilfe, Deutschlands führendem Anbieter für individualisierte Online-Lernförderung. Die Studienkreis Online-Nachhilfe wurde 2011 in Köln gegründet.

Trends zur Handy-Nutzung: So tickt die Gen Z und Y

Nicht nur für die Zielgruppenansprache im Jahr 2023 gut zu wissen: „Generation 9:16“ - Was passiert auf den Handys der Gen Z und Gen Y?

Diese Frage stellen sich nicht nur Social Media Professionals, sondern auch Werbetreibende aus nahezu allen Branchen. Und wie unterscheiden sich Gen Z (aktuell 14 bis 25 Jahre alt) und Gen Y (aktuell 26 bis 37 Jahre alt) eigentlich in der Nutzungsweise? Gibt es überhaupt gravierende Unterschiede? Wofür wird “dieses” TikTok überhaupt verwendet? Eine gemeinsame Studie der 9:16-Agentur WeCreate und dem Marktforschungsinstitut Appinio bringt Licht ins Dunkle und erklärt, wo welche Generation auf ihrem Handy surft – und aus welchen Gründen.

Egal ob Gen Z oder Gen Y: Das Smartphone hat alle anderen Geräte und Medien weit abgehängt und das beliebteste Format sind Videos im Hochkantformat 9:16. Aus diesem Grund werdendie beiden Generationen gern als “Generation 9:16” zusammengefasst. 80 Prozent der Generation 9:16 sind täglich mindestens drei Stunden am Tag am Smartphone. Jeder Dritte aus der Generation Z und Generation Y verbringt mehr als 6 Stunden am Smartphone. Ein Fünftel dieser Zeit wiederum wird allein auf TikTok verbracht. Unterschiede in der Nutzungsdauer zeigen sich hier eher zwischen den Geschlechtern als zwischen den Generationen. So sind deutlich mehr Frauen “Heavy User” als Männer.

Die wichtigste Plattform ist dabei Youtube - so nutzen 98 Prozent der 14- bis 37-Jährigen den Videokanal. Gen Y steht noch ein bisschen mehr auf die Plattform und verbringt 22 Prozent der Screentime auf Youtube, während es bei Gen Z 19 Prozent sind. Auch die Social-Media-Plattform Instagram kommt in beiden Generationen sehr gut an und verbraucht zu 19 Prozent in der Gen Y und zu 16 Prozent die Screentime der Gen Z. Doch ab diesem Zeitpunkt verändert sich die Nutzungsweise der Generationen.

Macht TikTok süchtig? Vielleicht!

Während die Generation Y 23 Prozent und damit den größten Anteil ihrer Zeit in Apps wie Whatsapp, Facebook oder einem Browser verbringt, führt mit 22 Prozent Screentime die chinesische Plattform TikTok das Interesse der Gen Z an. Außerdem wird sichtbar, dass TikTok die Bildschirmzeit nach oben treibt: Mit jeder Stunde mehr Screentime wächst der TikTok Anteil – unabhängig vom Alter. Sind Nutzer*innen unter einer Stunde am Smartphone, liegt er bei neun Prozent. Bei über sechs Stunden sind es 22 Prozent. Der Einfluss der Plattform lässt sich folgendermaßen beschreiben: Die erst 2018 gegründete Plattform ist nur vier Jahre später bereits die populärste bei den 14- bis 25-Jährigen. Das zeigt, wie schnell das Hochkantformat das beliebteste wurde innerhalb der jungen Audiences und untermalt die Ablösung des TVs durch Smartphone und Tablets.

Welcher Content funktioniert?

Beide Generationen zeigen, dass sie Plattformpräferenzen haben, je nachdem, nach welcher Art von Content sie suchen. Suchen sie nach edukativem Content, nutzen 54 Prozent der Gen Z und 50 Prozent der Gen Y Youtube. Soll es inspirativ sein, besuchen beide Generationen in erster Linie Instagram (37 Prozent Gen Z, 38 Prozent Gen Y) - nur unterhaltsamer Content spaltet die Generationen. Während mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Gen Z auf TikTok nach Unterhaltung sucht, setzt die Gen Y zu 48 Prozent auf Youtube.

Weitere Highlights der Studie

Mit welcher Motivation welches Medium von Gen Z und Gen Y genutzt wird. Außerdem wird aufgezeigt, welche Plattform am meisten Kaufkraft hat, wofür die 9:16 Plattformen, also Youtube, TikTok, Snapchat und Instagram, tatsächlich genutzt werden - und zu welcher Tageszeit welches Plattform-Verhalten dominiert. Die vollständige Studie gibt es hier.

Die 7 top E-Mail-Design-Trends 2023

Die größten E-Mail-Design-Trends 2023, gesammelt von den 99designs-Expert*innen.

Die E-Mail-Trends 2023 sind in unserem Posteingang gelandet und dieses Jahr ist ihre Botschaft unmissverständlich: 2023 dreht sich alles darum, zu zeigen, statt zu erzählen. Wir sehen, wie Grafiken in den Mittelpunkt des E-Mail-Designs rücken, mit Produktfotos, die auf der Seite schweben, Farben, die ein größeres Risiko eingehen, und Animationen, die ins Scheinwerferlicht drängen.

Auch wenn es zum Teil natürlich darum geht, Aufmerksamkeit zu erregen, könnten diese Trends auch ein Zeichen dafür sein, dass die Menschen sich mehr nach Unterhaltung sehnen als nach kalten, harten Fakten. Nach Jahren der Pandemie und Wirtschaftskrise sind diese E-Mail-Design-Trends eine Reaktion auf die aktuelle Zeit. Sie zeigen eine kollektive Sehnsucht nach Rebellion und ein Verlangen nach Freiheit.

Doch das Gute ist, dass sich E-Mails heutzutage nicht mehr so ernst nehmen müssen und so zu einem Vehikel für Eskapismus und sogar hoffnungsvollen Optimismus werden können. In jedem Fall werden die folgenden E-Mail-Design-Trends 2023 zu einem echten Hingucker in unseren Posteingängen.

E-Mail-Design-Trend 1: Schwebende Produkte

Angesichts der Tatsache, dass (an einem guten Tag) weniger als 20 % aller E-Mails überhaupt geöffnet werden – ganz zu schweigen gelesen – tragen Bilder die Verantwortung, sofortige Aufmerksamkeit zu erregen und zu erklären, worum es bei einem Produkt geht. Damit diese Bilder noch mehr Wirkung erzielen, setzen Designer und Designerinnen auf Produktfotos, die in der Luft zu schweben scheinen.

Dieser Stil ist ein todsicherer Weg, das Produktfoto zum wichtigsten Inhalt der Mail zu – das Bild ist nicht nur groß, sondern beinahe transzendent und schwebt über den irdischen Anliegen des Rests der E-Mail. Auch wenn diese Produkte unmöglich schweben können, vermitteln sie ein Gefühl von dreidimensionaler Realität. Sie zeigen, wie das Produkt tatsächlich aussehen könnte, und wirken so real, dass die Menschen das Gefühl haben, sie könnten durch den Bildschirm hindurchgreifen und es anfassen. All das trägt zum Verkaufsabschluss bei.

Online-Marketing-Trends 2023

So gelingt ein ganzheitlich-nachhaltiges Online-Marketing im Jahr 2023.

Ökologisch, ökonomisch und sozial. Auf diesen drei Eckpfeilern beruht Nachhaltigkeit, ein Thema, das heute in aller Munde ist. Dabei mag es vielleicht überraschen, dass Online-Marketing, so wie es meist betrieben wird, diesen Kriterien gar nicht entspricht. Was viele z.B. nicht wissen: Das Internet hat einen enormen Stromverbrauch und verursacht genauso viel CO2-Emissionen wie die Luftfahrtindustrie. Es reicht also nicht aus, ein papierloses Office zu betreiben und die Werbekampagne von Print auf Online umzustellen. Zu einem ganzheitlich ausgerichteten nachhaltigen Online-Marketing, das Unternehmen nicht nur erhöhte Medienaufmerksamkeit schenkt, sondern allen Aspekten der Nachhaltigkeit – ökologisch, ökonomisch und sozial – glaubhaft gerecht wird, gehört ein wenig mehr.

Im Folgenden erläutern wir, an welchen drei einfachen Stellschrauben jede(r) Unternehmer*in drehen sollte, um erste wichtige Schritte hin zu mehr Nachhaltigkeit im Online-Marketing zu gehen, von denen Unternehmen, Umwelt und auch Kund*innen profitieren.

Ökologischer Aspekt: Optimiere deine Website für einen geringeren Stromverbrauch

Der Energiebedarf des Webs ist in den letzten Jahren enorm gestiegen und beträgt heute in etwa zwei Prozent des weltweiten Verbrauchs. Immer größer werdende Websites, mit schicken Bildern und emotionalen Videos, tragen hierzu einen erheblichen Teil bei, denn je größer und schwerer eine Website ist, desto mehr Strom benötigt sie. Für einen geringeren ökologischen Fußabdruck sollten Unternehmen daher auf ein schlankes Webdesign mit reduzierten Daten achten. Wer noch einen Schritt weitergehen möchte, kann zudem auf eine klimaneutrale Website setzen. Dabei wird der Energiebedarf des Internetauftritts berechnet und durch ein gewähltes Klimaschutzprojekt gleich wieder ausgeglichen.

Natürlich gibt es neben einer klimaneutralen Website auch andere Mittel und Wege um Unternehmen ökologischer zu gestalten. Anstatt unternehmenseigene Server zu betreiben, können Unternehmen beispielsweise auf Cloud-Hosting setzen und bei der Beschaffung von Hardware sollte der benötigte Strombedarf ein Kaufkriterium sein. Auch das Ermöglichen von Home Office schont, durch geringeren Pendler*innenverkehr, die Umwelt.

Sozialer Aspekt: Respektiere die Privatsphäre deiner User*innen

Tracking-Tools wie Google Analytics kommen auf fast jeder Website zum Einsatz und sollen Unternehmen wertvolle Daten über das Verhalten deiner Besucher*innen, für personalisierte Werbemaßnahmen, liefern. Eine unglaubliche Masse an Informationen, die da zusammenkommt und den Energieverbrauch des Internets und Datenumfang einer Website erhöht. Dabei werden am Ende nicht mal mehr alle Daten genutzt oder falsche Schlüsse aus ihnen gezogen. Nachhaltig und sozialverträglich sieht anders aus.

Verringere daher deine invasiven Tracking-Methoden, mit denen du in die Privatsphäre deiner Nutzer*innen eindringst, und überlege stattdessen im Vorfeld genau, welche Daten du wirklich benötigst. Achte auch darauf, dass deine Cookie-Hinweise datenschutzrechtskonform sind. So bist du rechtlich auf der sicheren Seite, erhöhst die Nutzer*innenfreundlichkeit und wirst gleichzeitig dem sozialen Nachhaltigkeitsaspekt gerecht.

Ökonomischer Aspekt: In nachhaltige Kund*innenbeziehungen investieren

Es kommt nicht nur häufig vor, dass über Tracking-Tools gesammelte User*innen-Daten falsch interpretiert werden, sie sorgen zudem nicht selten dafür, dass die Effektivität von Werbeanzeigen systematisch überschätzt wird. Unternehmer*innen sollten daher immer wieder neu überdenken, wie viel Budget sie zu welchem Zeitpunkt für Anzeigen ausgeben, denn es gibt langfristigere und vor allem nachhaltigere Methoden, um auf sich aufmerksam zu machen:

  • Kundenbeziehungen stärken: Kommentiere Blogbeiträge, seie in relevanten Facebook-LinkedIn-Gruppen aktiv, beantworte Fragen im Social Web und besuche Branchenveranstaltungen.
  • Content mit Mehrwert produzieren: Investiere in die Erstellung von einzigartigem Content, der deinen Kund*innen einen Mehrwert liefert.
  • SEO nutzen: Optimiere deine Website und setze auf Suchmaschinenoptimierung für ein besseres Ranking.

Nicht auf den schnellen Effekt setzen

Natürlich wirst du bei einem nachhaltigen Vorgehen nicht den schnellen Erfolg sehen, den du vielleicht aus Google Ads-Kampagnen gewohnt bist. Dafür wirst du langfristig mit effektiveren und authentischen Werbemaßnahmen belohnt, die durch enge Kund*innenbindungen auch wirken. Nicht nur dein Werbebudget wird es dir danken, das gute Gefühl, das du erhältst, wenn du dein Online-Marketing nachhaltig gestaltest, bekommst du ganz automatisch und vor allem kostenlos dazu. Natürlich kannst du klassische Werbung weiterhin und ergänzend einsetzen. Die richtige Mischung zur richtigen Zeit macht’s.

REFLEX Aerospace: Highspeed für den Orbit

Neun Monate statt aktuell mehrere Jahre: Alexander Genzel, Walter Ballheimer und Chris Lindener, die Gründer des New-Space-Start-ups REFLEX Aerospace, arbeiten am Quantensprung in Sachen Entwicklung und Produktion von Satelliten.

Um unsere Welt kreisen derzeit rund 8000 aktive Satelliten, und es werden immer mehr. Schätzungen zufolge könnten es in einigen Jahren schon über 100.000 sein. Als Infrastruktur für Kommunikation gewinnen sie rapide an Bedeutung, und durch neue, leistungsfähigere Sensoren ergeben sich immer neue Einsatzfelder. Satelliten sind Gegenstand der Geopolitik und strategischer Faktor für Unternehmen wie Staaten. Der Angriff Russlands auf die Ukraine beispielsweise begann mit einer Cyberattacke auf das Satellitennetzwerk

KA-SAT, das Highspeed-Internet für Europa und den Mittelmeerraum liefert. Nicht nur die Ukraine, sondern mehrere EU-Mitgliedstaaten waren betroffen. Als kurzfristige Alternative stellte Elon Musk das private Satellitensystem Starlink bereit. Das Ereignis rückte die Bedeutung von Satelliten für die innere und äußere Sicherheit in den Blick der Öffentlichkeit.

Weil Europa im All weitgehend von den USA abhängig ist, entwickelt man derzeit in Brüssel, zusammen mit Partnern aus Forschung und Wirtschaft, ein europäisches System für Satelliteninternet. Ziel ist dabei die strategische Souveränität im All. Von der Erkenntnis, dass es sich bei Satelliten um kritische, angreifbare Infrastruktur handelt, zeugen auch Initiativen wie die Gründung des Responsive Space Centers im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR. Dieses soll Lösungen entwickeln, um Satelliten bei Bedarf auch kurzfristig in den Orbit zu bringen.

Entwicklungs- und Produktionszyklen beschleunigen

Die größte Herausforderung dabei sind die branchentypischen Entwicklungs- und Produktionszeiten. Einen komplexen Satelliten herzustellen, dauert im Schnitt vier bis fünf Jahre, die Nutzungsdauer beträgt zwischen zehn und 15 Jahren. „Diese Zyklen sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Walter Ballheimer, Gründer, CEO und CTO der Reflex Aerospace GmbH aus Berlin und München: „Viele Satelliten hängen dem technischen Fortschritt, etwa bei Elektronik und Halbleitern, um Jahre hinterher und sind bereits beim Start veraltet.“ Zudem sei es kaum möglich, Störungen zu beheben oder einen ausgefallenen Satelliten zu ersetzen. „Für die heutigen Anforderungen brauchen wir schlanke, leistungsfähige Systeme, die genau auf den Kundenbedarf zugeschnitten sind, und die vor allem schnell geliefert werden.“ Mit seinem Team will er die Entwicklung und die Produktion der Erdtrabanten revolutionieren. Neun Monate bis zur Lieferung sind das Ziel; drei Monate für die Entwicklung, drei für die Produktion und drei für Tests – gemessen an den heutigen Zyklen wäre das ein Quantensprung.

Satelliten im Mini-Kleinwagen-Format

Die einschlägige Erfahrung bringt Walter mit. Nachdem er an der TU Berlin Luft- und Raumfahrttechnik studiert und eine Promotion begonnen hatte, gründete er 2014 aus der Forschung heraus German Orbital Systems, den ersten kommerziellen Nanosatellitenhersteller in Deutschland. Sein Fokus lag auf Satelliten in der Größe eines Schuhkartons, doch im Jahr 2020 schien das Potenzial ausgereizt. „Nanosatelliten haben ein begrenztes Nutzungsspektrum“, so Walter, „es sind einfache Produkte, die in Deutschland kaum wettbewerbsfähig produzierbar sind.“ Bei den schweren, komplexen Satelliten wiederum dominierten eine Handvoll großer Anbieter wie Airbus, Lockheed Martin und Northrop Grumman. „Der für uns spannendste Markt liegt in der Mitte“, sagt Walter. 2021 gründete er Reflex Aerospace und entwickelt seitdem mittelgroße, aber leistungsfähige Satelliten, etwa im Format eines Mini-Kleinwagens, bis zu 500 kg schwer. Sie sollen die neuesten Sensoren tragen, hohe Datenraten für die Kommunikation liefern und den Aufbau von dezidierten Satellitennetzwerken ermöglichen.

Drei Spezialisten für Luft- und Raumfahrt

Zum Kernteam zählen außerdem Alexander Genzel, der schon bei der Gründung an Bord war, und Christian Lindener, der wenig später als Co-Gründer dazustieß. Christian ist mit der Raumfahrtbranche bestens vertraut und ein profilierter Experte für Tech-Start-ups. In Brasilien geboren und in Mexico aufgewachsen, studierte er zunächst in den USA und in Spanien, bevor er das Studium der Internationalen Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck abschloss. Er arbeitete u.a. für Wayra Germany, die Risikokapitalgesellschaft der spanischen Telefonica, wo er Start-ups auf die Integration in das Konzernportfolio vorbereitete. 2019 wechselte er zu Airbus, leitete dort das ­Innovationsmanagement Airbus Scale und steuerte das externe Firmengründungsprogramm. Durch die Erfahrung in großen Konzernen ist Christian Experte für die Beziehungen zu potenziellen strategischen Partnern wie etwa BMW und Porsche. Derzeit liegen seine Schwerpunkte in den Bereichen Finanzierung und Fundraising. „Noch vor zehn Jahren hätte man kein Venture Capital für Satelliten bekommen. Doch jetzt, da jeder das Potenzial sieht, ist das kein Problem“, so Christian.

Bislang wurde Reflex Aerospace maßgeblich durch Alpine Space Ventures finanziert, hinter denen Bülent Altan steht. Der frühere SpaceX-Ingenieur und Chef des Münchner Laserspezialisten Mynaric ist einer der profiliertesten Köpfe in der europäischen New-Space-Szene. Derzeit arbeitet das Team an der Seed-Finanzierung, zehn bis zwölf Mio. Euro sind angepeilt. Alexander Genzel ist mit 23 Jahren der jüngste Co-Founder. Nach dem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in München und Denver arbeitete er als Forschungsleiter im Bereich Raumfahrtechnik an der Universität der Bundeswehr. „Komplette Projekte von der Entwicklung bis zum fertigen System im All zu begleiten, hat mich schon immer fasziniert“, sagt Alexander. Durch seinen Hintergrund bringt er im Team auch den Blickwinkel der Verteidigung und Sicherheit mit an den Tisch.

Mehr private Satellitennetzwerke

Bald sollen die ersten kommerziellen Verträge geschlossen werden. Als künftige Kunden sieht Alexander Unternehmen, die bereits Satelliten einsetzen, wie z.B. Telekommunikationsunternehmen und Betreibergesellschaften. „Eine weitere wichtige Zielgruppe sind Start-ups, die auf Satelliten setzen, wie z.B. ICEYE, die mit kleinen Radarsatelliten zielgenaue und unterbrechungsfreie Überwachungsdienstleistungen anbieten.“ Durch neue Sensoren, z.B. für hyperspektrale Daten oder im Bereich des CO-Imaging, entstehen neue mögliche Anwendungsfelder und Geschäftsideen. „Diese Start-ups begleiten wir von der Entwicklung ihrer Satelliten, über die Produktion bis hin zur Auslieferung“, sagt Walter. So könne ein Gründerteam sich voll auf die Entwicklung der eigentlichen Anwendung konzentrieren und die Zeit bis zum Markteintritt beschleunigen. Die dritte große Kundenkategorie sind Firmen, die satellitengestützte Dienste nutzen, aber noch keine eigenen Satelliten einsetzen, wie z.B. Reedereien und Automobilhersteller. „Dass ein europäischer Automobilhersteller Satelliten von Firmen wie SpaceX, die bereits direkt mit konkurrierenden Autobauern verbunden sind, nutzt, ist fraglich“, sagt Christian. Mit günstigeren und leistungsfähigeren Satelliten werden eigene Netzwerke im Orbit zunehmend zu einer Option für große Unternehmen oder Konsortien. „Noch werden die meisten Satelliten durch separate Gesellschaften betrieben“, sagt Christian, „doch künftig wird es mehr vertikale Modelle geben, bei denen die Nutzer auch die Eigentümer sind.“

Europa entwickelt Infrastruktur im All

Das Beispiel Ukraine zeige, dass sich die kommerzielle Raumfahrt zum Mittel militärischen Handelns entwickelt, so Alexander: „Kritische Infrastruktur ist in Auseinandersetzungen immer ein Angriffsziel, und im Ernstfall muss man handlungsfähig sein.“ Europa habe eine gute industrielle Basis und Forschungseinrichtungen, doch die Zeit dränge: „Wir brauchen bei unseren Raumfahrtprogrammen mehr Ambitionen und innovative, neuartige Lösungen für kosteneffektive und resiliente Infrastruktur im All.“ Reflex Aerospace könnte ein zentraler Baustein solch einer Lösung sein. Die EU möchte ab 2024 ein Netzwerk aus hunderten Satelliten auf den Weg bringen, um souveräne Kapazitäten für Kommunikation, autonome Mobilität, Internet of Things sowie für militärische und humanitäre Initiativen bereitzustellen. Sechs Mrd. Euro sind dafür bislang eingeplant, die Ausschreibung läuft. „Richtig umgesetzt, auch mit Beteiligung innovativer Start-ups, kann das Europas technologische Unabhängigkeitserklärung im All werden“, so Walter. Zusammen mit dem Unternehmen Mynaric, einem Spezialisten für Datenübertragung per Laser, Isar Aerospace, einem Startdienstanbieter für kleine und mittlere Satelliten vertritt Reflex Aerospace das Konsortium UNIO. Zuvor hatte Reflex schon mit einem Dutzend kleinen und mittelständischen Unternehmen aus der europäischen Raumfahrt im Auftrag der Europäischen Kommission eine Machbarkeitsstudie für das Konstellationsprojekt erstellt. Damit treten sie gegen etablierte, politisch bestens vernetzte Player an. Doch bei UNIO ist man zuversichtlich, dass man mit günstigeren Kosten und schnelleren Zyklen, Stärken in die Waagschale wirft, die nicht ignoriert werden können. Die Gesellschaft, die sich um Teile des europäischen Großprojekts bewerben soll, ist bereits gegründet.

Reflex Aerospace mit Konsortium im Rennen

„Bei der Ausschreibung werden Unterschiede zwischen EU und USA deutlich“, sagt Walter. Für die Umsetzung favorisiere die EU ein Public Private Partnership, bei dem sie an der Entwicklungsgesellschaft beteiligt wäre. „Das Problem ist, dass so eine Konstellation alle fünf Jahre erneuert werden muss“, meint Walter, der darin auch ein Risiko für die Auftraggeber sieht. Falls die Industrie aus dem Projekt aussteige oder die Preise erhöhen wolle, stecke die EU in der Zwickmühle, die Umsetzung werde gefährdet. „Wir vertreten den Standpunkt, dass nur ein kommerziell getriebener Ansatz erfolgreich sein wird“, so Walter, „mit einem Lastenheft der EU, einer Abnahme­garantie und einer Vergabe des Auftrags an mehrere Firmen, um nicht von einem Anbieter abhängig zu sein.“ Das Modell aus den USA, mit der Space Development Agency SDA und einem losen Netzwerk mehrerer im Wettbewerb stehender Firmen, sei effektiv und langfristig das Beste für das Ökosystem. Die Machbarkeitsstudie hat UNIO eingereicht, nun liegt der Ball bei der Europäischen Kommission. Läuft alles nach Plan, erhält UNIO in Kürze das Request for Proposal. Das wäre ein wichtiger Schritt hin zum eigentlichen Auftrag. „An der Vorbereitung dieser Studie haben wir intensiv gearbeitet“, so Walter, „wir gehen gut vorbereitet ins Rennen. Gleichzeitig freuen wir uns, dass wir unsere ganze Energie jetzt wieder in die Entwicklung stecken können.“

Micro Factories mit 3D-Druck, Algorithmen und KI

Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, gilt es, den Produktionsprozess zu beschleunigen. Während andere Hersteller*innen nach dem Fließbandprinzip fertigen, gehen Walter und sein Team neue Wege. „Wir setzen auf modulare Fabriken, ausgelegt auf kleine Stückzahlen. Mit dem Ansatz der Micro Factory lässt sich jedes Mal ein anderer Satellit bauen. Zudem kann man sie überall auf der Welt errichten, z.B. in der Nähe von Startplätzen. Und auch in den einzelnen Fertigungsschritten steckt Innovation. Die Satelliten werden aus sehr wenigen Einzelteilen entstehen. „Durch 3D-Druck haben wir ganz neue Möglichkeiten für die Gestaltung und Fertigung des Rahmens“, sagt Walter. Das Design der Strukturen, die auf die individuellen Anforderungen angepasst werden müssen, übernehmen generative Algorithmen. Auf Basis der Eingangsparameter errechnet die KI den optimalen Aufbau, um alle Komponenten zu integrieren. Im ersten Schritt soll eine Micro Factory im Münchner Umland entstehen. Mit einem exzellenten Cluster aus Industrie sowie Forschung und einer hohen Dichte geeigneter Wagniskapitalgeber*innen ist die bayerische Landeshauptstadt einer der Hotspots im Bereich New Space.

Gesucht: geeignete Mitarbeitende

Geeignetes Personal zu finden, sei immer eine Herausforderung, sagt Walter, doch auch für die stark umworbenen Absolvent*innen technischer Universitäten sei die Arbeit in einem Space-Start-up zunehmend eine Perspektive. In der Regel setzt er auf Mitarbeitende, die mindestens zwei bis drei Jahre Berufserfahrung mitbringen. „Bei uns arbeiten Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, wie z.B. Entwickler elektronischer Musikinstrumente“, so Walter, „und wir profitieren von diesem fachlichen und kulturellen Mix.“ Das Team umfasst 22 Mitarbeitende, Ende des Jahres könnten es schon 40 sein. Aktuell werden Ingenieur*innen und Produktentwickler*innen gesucht, 2023 sollen die Mitarbeitenden für den Aufbau der Produktion folgen.

Spannung vor dem Start

Der Planungshorizont ist in den vergangenen Monaten länger geworden. „Mit der Energiekrise, Verwerfungen an den Kapitalmärkten und der angespannten geopolitischen Situation haben wir eine komplexe Lage“, sagt Alexander, „und wir als Satelliten-Start-up sind mittendrin.“ Längere Lieferzeiten und unterbrochene Lieferketten werden bereits eingeplant. „Für ein Start-up denken wir schon in sehr langen Zeiträumen“, sagt Walter, „und durch gute Vorbereitung und ein super Team werden wir auch eine Krise meistern.“ Nun will das Team den Beweis antreten, dass sein Ansatz funktioniert. Im Jahr 2024 sollen die ersten Demo-Satelliten von Reflex Aerospace im Einsatz sein. Denn zu den schönsten Momenten, so die einhellige Meinung im Team, zählt nunmal der Start des ersten selbst entwickelten Satelliten ins All.

 

Ei, Ei, Ei, Neggst

Die Ei-Revolution: Verónica García-Arteaga und ihr Co-Founder Dr. Patrick Deufel haben eine kompromisslose Alter­native zum Hühnerei erforscht und mit Neggst Realität werden lassen.

Vegetarische und vegane Ernährung liegen im Trend. Während der Konsum tierischer Produkte in vielen Industrieländern sinkt, wächst der Markt für pflanzliche Alternativen. Eine der am schnellsten wachsenden Kategorien sind vegane Ei-Produkte. Der Markt ist noch jung, und bislang gab es kein Produkt, dass ein Hühnerei hinsichtlich Geschmack, Inhaltstoffen, Verarbeitungsmöglichkeiten und im typischen Erscheinungsbild mit Eiweiß, Eigelb und Eierschale ersetzen konnte. Doch Verónica García-Arteaga, Co-Founder und CEO des Berliner Start-ups Neggst, möchte das ändern.

Früher Forschungsdrang

Schon als Kind interessierte sich Verónica für Lebensmittel und deren Zusammensetzung: „Wenn die Frühstücksflocken auf dem Tisch standen, habe ich als erstes die Zutatenliste gelesen“, sagt sie. Früh war klar, dass sie eine Karriere im Bereich Ernährung einschlagen würde. Nach der Schule studierte sie Lebensmittelingenieurwesen in Mexiko City. Im Anschluss daran folgte eine Anstellung bei PepsiCo in der Qualitätskontrolle des Keksgeschäfts. Doch bald zog es sie wieder an die Universität. „Für mich war immer am wichtigsten, neue Dinge zu erforschen und gesunde Lebensmittel zu kreieren“, sagt Verónica. Mit einem Stipendium im Gepäck wechselte sie für den Masterstudiengang an die TU München. Im darauffolgenden PhD-Programm erforschte sie in Freising in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) neue Anwendungsmöglichkeiten für Erbsenproteine.

„Dabei arbeiteten wir an Alternativen zu tierischen Lebensmitteln, wie z.B. Fleisch oder Käse“, so Verónica, „doch was mir immer gefehlt hatte, war eine Alternative für das klassische Hühnerei“. So entstand die Idee. Im Jahr 2019 startete sie das Projekt, ein komplettes veganes Ei zu entwickeln – vom Eiweiß, über das Eigelb bis hin zur Eierschale. „Mit der Entwicklungsarbeit haben wir absolutes Neuland betreten“, so Verónica, „darum haben wir die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt“. Das Entwicklungsteam um Verónica kümmerte sich um Eigelb und Eiweiß, das Verpackungsteam des Fraunhofer-Instituts entwickelte die Eierschale.

Rührei überzeugte die Investor*innen

Zwei Jahre später wurden das vegane Eiweiß und das Eigelb erstmals im Fraunhofer Institut vor potenziellen strategischen Partner*innen und Investor*innen präsentiert. „Während unseres Pitches haben wir Spiegelei, Rührei und Pfannkuchen live zubereitet und serviert, und konnten so die Tester überzeugen“, sagt Verónica. Im Sommer 2021 wurde die Neggst Food GmbH aus der Taufe gehoben.

Als strategische Partner investierten die Unternehmen Ehrmann und Zentis. Dietmar Otte, der ehemalige Geschäftsführer von Zentis, wurde Teil des Gründerteams und hat mit seinem Wissen und wissenschaftlichen Hintergrund einen wichtigen Beitrag zum Projekt geleistet. Mit umfangreichem Know-how und Laborkapazitäten unterstützt der Aachener Lebensmittelhersteller seitdem das Team von Neggst in der Entwicklung. Darüber hinaus kann Zentis Support bei der Vermarktung der Produkte über den Handel leisten. Investor der ersten Stunde ist außerdem der Green Generation Fund, dessen Fokus auf pflanzlichen Lebensmitteln liegt. Geführt wird der Berliner Early-Stage-Fonds von Manon Littek, die zuvor fünf Jahre CEO bei Katjesgreenfood war, und Jana Ennsthaler, die u.a. Glossybox gründete.

Damit hatte Neggst genügend smartes Kapital für die nächsten Wachstumsschritte eingesammelt. Ende 2021 wurde das Team erweitert. Die meisten Mitarbeitenden bei Neggst, insbesondere in der Entwicklung, haben einen wissenschaftlichen Hintergrund. Und mit zunehmender Marktreife wächst auch das Marketing- und Salesteam.

„Der Schritt vom Labor in die Produktion ist riesig und keinesfalls zu unterschätzen“, sagt Verónica. „Wir arbeiten sehr nerdy und präzise und wollen nicht nur in der Forschung erfolgreich sein, sondern ein wirklich gutes und leicht verfügbares Endprodukt haben.“ (c) Daniel Ignatenko

Zielgruppe Flexitarier*innen

„Mit unseren Produkten sprechen wir grundsätzlich Vegetarier*innen und Veganer*innen an“, sagt Verónica, „doch unsere wichtigste Zielgruppe für das vegane Ei sind Flexitarier*innen.“ Diese ernähren sich teilweise pflanzlich und konsumieren immer wieder auch tierische Produkte, doch sie sind grundsätzlich offen für den Wechsel zu pflanzlichen Produkten. Diese Verbraucher wünschen sich typischerweise Produkte, die ihnen den Umstieg auf vegane Ernährung erleichtern. Dazu müssen die Lebensmittel einfach in der Anwendung sein und geschmacklich überzeugen.

„Diesen Menschen wollen wir eine nachhaltige und gesunde Alternative zum Hühnerei bieten“, sagt Verónica. Das vegane Ei von Neggst besteht aus mehreren Hülsenfrüchten wie Ackerbohnen, Erbsenprotein sowie pflanzlichem Öl. Zugesetzt werden außerdem Vitamin B12, Vitamin D3 und Ballaststoffe, die im Hühnerei nicht enthalten sind. Darüber hinaus enthält die vegane Alternative kein Cholesterin, weniger gesättigte Fettsäuren und weniger Kalorien. Entsprechend hat sie auch einen besseren Nutri-Score. Der biologisch abbaubare Kunststoff, aus dem die Eierschale besteht, enthält wie das tierische Vorbild Calciumcarbonat. Die vegane Schale wurde etwas stabiler angelegt als beim herkömmlichen Ei, doch sie lässt sich genauso aufschlagen. „Und da wir auf tierische Inhaltsstoffe verzichten, haben wir kein Problem mit Massentierhaltung und damit einhergehendem Tierleid, immensem Flächenverbrauch und Antibiotikarückständen“, ergänzt Verónica.

Das Ergebnis ist vom tierischen Produkt kaum zu unterscheiden. Auch geschmacklich und bei der Verarbeitung des Produktes gibt es keine Einschränkungen. „Verkostungen mit Kundinnen und Kunden zeigen, dass mit unserem Neggst-Ei hergestellte Lebensmittel wie z.B. Rühreier, Quiche oder Muffins keinen Unterschied zur nicht veganen Variante aufweisen“, so Verónica. Häufig liege die Präferenz sogar bei der veganen Version, besonders bei Quiche und Muffins.

Forschung für die richtige Rezeptur

Dem voran ging ein zweijähriger Entwicklungsprozess. „Zunächst mussten wir die richtigen Proteine finden, wollten keine Allergene verwenden und schließlich das gewünschte Ergebnis liefern“, so die Gründerin. Dazu wurden hunderte Kombinationen von unterschiedlichen Zutaten und Mengenverhältnissen sowie pH-Werte und viele weitere Faktoren im Labor getestet. Zusätzlich zu den Grundbestandteilen kommen Zutaten wie etwa Algen, Carrageen und natürliche Geliermittel ins Spiel, um die Textur des Eies nachzuempfinden. „Herauszufinden, was wirklich gut funktioniert, hat eine Zeit lang gedauert“, sagt Verónica.

Dazu gehörte auch, geeignete Lieferanten mit der passenden Produktqualität und Liefertreue zu finden. „Uns ist wichtig, dass wir möglichst lokal anbauen und einkaufen“, so Verónica. „Darum kommen unsere Zutaten, soweit möglich, aus Europa.“ Die aktuellen Lieferengpässe stellen auch das Team von Neggst vor Herausforderungen. Dass ein etablierter Lebensmittelhersteller mit an Bord ist, helfe im Einkauf, so die Gründerin. Doch bei einigen Zutaten musste das Team auf Alternativen zurückgreifen und zum Beispiel aufgrund der besseren Verfügbarkeit von Raps- auf Sonnenblumenöl umstellen.

Dies ist der Auszug aus einem Beitrag der aktuellen Ausgabe unseres Printmagazins: Mehr dazu liest du in der StartingUp - Heft 04/22 - ab dem 1. Dezember im Handel – jederzeit vorab online bestellbar - auch als ePaper erhältlich - über unseren Bestellservice

HR-Trends 2023

Welche Trends und Entwicklungen im HR-Bereich 2023 zu erwarten sind, hat Dr. Arne Sjöström, Lead People Scientist bei Culture Amp, skizziert.

HR-Trend 1: Pauschale Gehaltserhöhungen und Vergünstigungen werden zum Eigentor

Auch wenn Mitarbeitende Zuschüsse zur Abfederung der steigenden Lebenshaltungskosten begrüßen, sollten Unternehmen symbolische Gesten vermeiden. Leistungsprämien, bei denen nicht klar ist, auf welcher Basis sie ausgeschüttet werden, und Zulagen, die nach dem Gießkannenprinzip vergeben werden, sorgen bei den Leistungsträger*innen oftmals für Verunsicherung und Unruhe. 2023 wird vielmehr das Jahr der individuellen Weiterbildungs- und Entwicklungsprogramme sowie der Performance Reviews. Diese spielen eine immer wichtigere Rolle: Sie gewährleisten die Transparenz, die notwendig ist, um Entscheidungen und die Leistungsbeurteilung von Mitarbeitenden zu begründen.

HR-Trend 2: Der Experimentierkasten kommt zum Einsatz

Unternehmen werden austesten, was für sie der beste Weg ist, um ihre Belegschaft zu belohnen. Viele Organisationen haben jedoch schlichtweg kein Geld übrig, das sie ausschütten können. Hier ist Kreativität gefragt: Die Firmen werden überlegen, was sie ihren Beschäftigten stattdessen bieten können. Ein Beispiel ist das Aufrechterhalten von Karrierechancen und Angebote zur Weiterentwicklung. Mitarbeitende – insbesondere Leistungsträger*innen – fühlen sich so wertgeschätzt und bleiben engagiert. Ebenso können flexible Angebote bei Arbeitszeit und Arbeitsort die Mitarbeitenden dabei unterstützen, Kosten z.B. für Pendelfahrten oder die Kindertagesstätte zu sparen.

HR-Trend 3: Das Pendel schlägt zugunsten der Arbeitgebenden um – doch nur für kurze Zeit

Kurzfristig wird sich das Machtverhältnis ändern, Arbeitnehmende sitzen 2023 am längeren Hebel. Allerdings wird dieser Zustand nicht lange andauern. Der Wunsch der Arbeitnehmenden nach einem sicheren Arbeitsplatz in finanziell unsicheren Zeiten führt dazu, dass sich zunächst mehr Menschen an ihren Arbeitgebenden klammern. Das verschafft den Unternehmen zwar kurzfristig einen stärkeren Einfluss auf ihre Mitarbeitenden – zum Beispiel, wenn das Management auf eine Rückkehr ins Büro besteht. Doch sollten Arbeitgebende nicht selbstgefällig werden. Vielmehr muss die Unternehmensleitung weiterhin effektiv kommunizieren und ihren Mitarbeitenden eine klare Vision, eine klare Richtung und klare Werte vermitteln. Schlägt das Pendel erneut um, dann wird es abrupt, schnell und heftig ausschlagen. Unternehmen, die das Engagement ihrer Mitarbeitenden als selbstverständlich hingenommen haben, werden feststellen, dass ihre Belegschaft bei nächster Gelegenheit den Hut nimmt: Quiet Quitter werden dann zu First Quitter.

HR-Trend 4: Der Druck auf Manager*innen bleibt hoch

Was bereits in der Pandemie zu beobachten war – Mitarbeitende wenden sich in Krisenzeiten an ihre Manager*innen und erwarten deren Unterstützung in schwierigen Zeiten. Führungskräfte müssen auf praktischer Ebene Lösungen anbieten, aber auch auf emotionaler Ebene beraten und Unterstützung leisten. Diese zusätzliche Erwartung setzt sie erneut einem permanent hohen Druck aus und führt zu einem höheren Burnout-Risiko. Umso wichtiger ist es, dass sie ihr eigenes Wohlbefinden im Auge behalten und diese Achtsamkeit auch vorleben.

HR-Trend 5: Steigender Fachkräftemangel, sinkende Loyalität

Unternehmen, ganz gleich welcher Größe, werden immer größere Schwierigkeiten haben, Talente zu finden. Gleichzeitig zeigen sich immer weniger Arbeitnehmende dazu bereit, sich langfristig an ein Unternehmen zu binden. 2023 werden große Unternehmen gegenüber den kleineren an Attraktivität zwar zulegen, da Menschen einem sicheren Arbeitsplatz eine höhere Priorität einräumen. Das führt jedoch dazu, dass kleinere Organisationen einen noch härteren Kampf um Talente führen müssen. Diese Situation verschafft großen Unternehmen nur vermeintlich mehr Luft, denn sie laufen Gefahr, Beschäftigte einzustellen, die nur nach einer kurzfristigen Lösung suchen: Diese bewerben sich eventuell aus falschen Gründen und identifizieren sich weniger mit der eigentlichen Aufgabe oder dem Auftrag des Unternehmens.