KI und Kommunikation: Das sind die Einsatzfelder


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Eine Studie zeigt, welche Chancen und Risiken der Einsatz künstlicher Intelligenz mit sich bringt und welche Pläne es bei deutschen Marketingverantwortlichen gibt, KI konkret einzusetzen.

Künstliche Intelligenz soll Kommunikator*innen künftig vor allem bei Routinearbeiten entlasten und helfen, die Kosten zu senken. Derzeit testet bereits ein gutes Zehntel der Befragten aus Marketing, Kommunikation und Medien die KI bei der Produktion von Content oder bei der Suchmaschinenoptimierung. Der Großteil der Kommunikator*innen ist allerdings noch abwartend oder skeptisch, was den konkreten Einsatz von KI im eigenen Unternehmen betrifft. Das sind erste Ergebnisse einer repräsentativen Online-umfrage, die Civey im Auftrag der DMEXCO im Zeitraum vom 26. Januar bis 20. Februar 2023 durchgeführt hat. Befragt wurden insgesamt 500 Erwerbstätige in Kommunikation, PR, Medien und Marketing.

Schon im Jahr 2015 prognostizierten führende KI-Forscher*innen der künstlichen Intelligenz einen rasanten Siegeszug: Laut der Meinung der damals 352 befragten Expert*innen sei KI beispielsweise bereits 2028 in der Lage, einen Pop-Song für die Charts zu komponieren. Und 2031 könnte sie bereits Verkaufspersonal im Handel ersetzen.

Mit den neuen Versionen von ChatGPT & Co. zeigt sich, dass mit der zunehmenden Nutzung der KI die Rolle des Menschen auch in der Marketing- und Kommunikationsbranche neu definiert wird. Welche Chancen und Risiken der Einsatz künstlicher Intelligenz mit sich bringt und welche Pläne es bei deutschen Marketingverantwortlichen gibt, KI konkret einzusetzen, hat Civey im Auftrag der DMEXCO bei 500 Erwerbstätigen in Marketing, Kommunikation und Medien in Deutschland online abgefragt.

KI soll für Entlastung bei Routinearbeiten sorgen

Das größte Potenzial (45 Prozent) der KI sehen die befragten Kommunikationsexpert*innen dabei in der Möglichkeit, Routinearbeiten zu automatisieren. Für 27 Prozent birgt KI die Chance, die Kosten zu senken. Fast ein Viertel der Befragten (23 Prozent) traut der KI sogar zu, Impulse bei der Entwicklung innovativer Tools zu setzen. 15 Prozent gehen davon aus, dass der Dialog mit Kund*innen durch künstliche Intelligenz verbessert werden kann. Nur 13 Prozent glauben hingegen, dass KI dazu beitragen kann, den Fachkräftemangel zu kompensieren.

KI steckt zwar nicht mehr in den Kinderschuhen, allerdings zeigen die Umfrageergebnisse auch, dass erst eine Minderheit in diesem Jahr konkrete Pläne für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im eigenen Unternehmen hat. So will rund jeder Zehnte (11 Prozent) KI im Bereich Content-Produktion nutzen, 12 Prozent beabsichtigen dies im Bereich Suchmaschinenoptimierung (SEO). Knapp 10 Prozent der Befragten wollen KI im Bereich Service- und Kundendialog einsetzen. Das Gros der befragten Kommunikator*innen ist eher abwartend oder skeptisch: 16 Prozent der Marketer gaben an, erstmal auf weitere Entwicklungen zu warten und rund ein Drittel (32 Prozent) sieht sogar überhaupt keinen Bedarf für den Einsatz von KI. 25 Prozent der Befragten sind noch unentschlossen.

Nur eine Minderheit glaubt, dass KI Arbeitsplätze bedroht

Trotz der Einsatzmöglichkeiten und Potenziale sehen viele Kommunikationsexpert*innen auch Risiken beim Einsatz von künstlicher Intelligenz. Die größte Sorge der Befragten: 48 Prozent glauben, dass die Möglichkeiten von KI überschätzt werden. Für 45 Prozent ist die Qualität der Ergebnisse, die KI-Technologien aufgrund mangelnder Ausgereiftheit liefern, ein Risiko. Ihre Einzigartigkeit und Kreativität sehen 44 Prozent gefährdet. Dass die KI zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führt, glauben nur 30 Prozent. Lediglich eine Minderheit von 13 Prozent sieht die Lage rundum optimistisch und keine Risiken beim Einsatz von KI in ihrem beruflichen Alltag.

„Dass wir neuen Technologien zu Anfang eher kritisch gegenüberstehen, scheint ein typischer deutscher Reflex zu sein. Auch wenn ein Teil der Marketing- und Kommunikationsbranche noch mit einer gewissen Skepsis auf künstliche Intelligenz blickt, so zeigen die vielfältigen Einsatzpläne in den Unternehmen bereits die Dimensionen und Möglichkeiten für unterschiedlichste Geschäftsfelder”, sagt Prof. Dr. Dominik Matyka, Chief Advisor der DMEXCO.

„Die stark wachsende Bedeutung von künstlicher Intelligenz für das Digitale Marketing und das E-Commerce wird ein Top-Thema unseres Konferenzprogramms 2023. Zahlreiche internationale Expert*innen werden zeigen, was heute schon erfolgreich geht und vor allem, was in den Monaten nach der DMEXCO möglich werden wird”, ergänzt Thomas Mosch, Director Conference der DMEXCO.

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boboola: Zwischen Bilderbuch und App

Schluss mit der Reizüberflutung: Das 2025 von Jürgen (Joe) Schmitt und Frank H. P. Dohrmann gegründete EdTech-Start-up boboola will seinen digitalen Premium-Edu Books die Lücke zwischen klassischem Bilderbuch und App schließen. Wir haben uns mit Co-Founder Joe Schmitt über das Geschäftsmodell und die möglichen Stolperfallen im hart umkämpften EdTech-Markt ausgetauscht.

Wie sieht digitale Bildung aus, die Konzentration fördert, statt durch ständige Reize abzulenken? Das 2025 gegründete Start-up boboola liefert mit seinen sogenannten Edu Books eine Antwort auf die aktuelle Marktsättigung durch fragmentierte Spiele-Apps. Das Ziel ist die Etablierung einer neuen Produktkategorie im EdTech-Sektor für Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren, die die narrative Tiefe eines klassischen Bilderbuchs mit den interaktiven Möglichkeiten moderner Multimedia-Technologie vereint.

Die Köpfe hinter boboola

Hinter dem Start-up stehen federführend zwei Gründer: CEO und Creative Director Jürgen (Joe) Schmitt bringt laut Unternehmensangaben ein Studium der Soziologie, Politik und Pädagogik sowie 30 Jahre Erfahrung als Etatdirektor, Designer und Projektmanager im Agenturgeschäft mit. Sein Mitgründer Frank H. P. Dohrmann verantwortet die Bereiche Controlling und Kooperationen. Der Diplom-Ökonom und Unternehmersohn verweist auf 25 Jahre kaufmännische Verantwortung in Familienunternehmen der Sektoren Logistik, Lebensmittelgroßhandel und Rohstoffe. Ein genauerer Blick in sein heutiges unternehmerisches Umfeld zeigt zudem, dass Dohrmann ein erfahrener Akteur im Immobilien-, Finanz- und Anlagebereich ist.

Fokus statt Swipen

Als Gegenentwurf zu schnelllebigen Apps startete boboola nun im März 2026 den Verkauf der digitalen Edu Books über den eigenen Online-Shop. Ein Edu Book folgt keiner typischen App-Logik, sondern der Dramaturgie einer durchgehenden Geschichte. Um unterschiedlichen Nutzungssituationen gerecht zu werden, bietet das Format einen integrierten „Kids“-Modus mit Audiobook, durch den Kinder die Inhalte selbständig erkunden können. Im „Kids+“-Modus lässt sich hingegen der Text für Eltern zum Mit- oder Vorlesen einblenden. Technisch setzt boboola auf etablierte Web-Standards wie EPUB3, XPUB und HTML5. Die digitalen Bücher sind zudem komplett offline nutzbar und für iPads, MacOS- sowie Android-Tablets optimiert.

Doch wie verhindert man bei einer jungen Zielgruppe, dass die interaktiven Elemente passiv und ungeduldig durchgeklickt werden, wie sie es von anderen Spielen gewohnt sind? Joe Schmitt sieht hier die Eltern in der Pflicht und geht davon aus, dass diese sich das Premiumprodukt zunächst gemeinsam mit dem Kind anschauen. „Ein pädagogischer Aspekt ist hierbei unter anderem, dass Kinder lernen zuzuhören, bevor sie agieren“, betont der CEO und verweist darauf, dass die Charaktere im Buch alle Module ausführlich erklären. Tests hätten zudem gezeigt, dass Kinder und Eltern der Produktlogik gerne folgen.

Die Entscheidung, bewusst auf Web-Standards zu setzen und primär über den eigenen Shop zu verkaufen, um die typische App-Store-Logik zu umgehen, birgt Risiken. Die Bequemlichkeit der Eltern, die Käufe mit nur einem Klick gewohnt sind, könnte zur Hürde werden. Schmitt rudert hier leicht zurück und kündigt an, dass die Edu Books auch im Apple Books Store verfügbar sein werden. Dennoch verteidigt er den elitären Anspruch des Formats: „Unser Produkt ist ein ästhetisches und pädagogisches Gesamtkunstwerk, es entzieht sich damit bewusst einer Massenmarkt-Logik.“ Wer für ein solches Konzept keine Zeit oder Muße habe, greife vermutlich ohnehin zu digitalen Massenprodukten oder klassischen Bilderbüchern. Den Unterschied produziere man bewusst.

Markt, Wettbewerb und Preisgestaltung

Der EdTech-Markt für Vor- und Grundschulkinder ist lukrativ, aber hart umkämpft. Die Pressemitteilung des Start-ups suggeriert zwar, man erschaffe eine völlig neue Produktkategorie, doch dieser „unbesetzte Raum“ zwischen App und Buch ist in der Realität kleiner als dargestellt. Während Hardware-Giganten wie die Toniebox den reinen Audio-Markt dominieren und Start-ups wie Edurino mit haptischen Figuren auf app-basiertes Lernen setzen, gibt es im Bereich der interaktiven Bücher bereits massiven Wettbewerb. Analog dominiert Ravensburger mit dem „TipToi“-Stift. Im rein digitalen Raum auf Tablets bietet das Hamburger Unternehmen Tiger Media mit „TigerBooks“ längst ein erfolgreiches Flatrate-Modell an.

Boboolas Leitsatz „Ein Buch – keine App“ muss sich also gegen ein sehr erwachsenes Marktumfeld behaupten. Herausfordernd dürfte dabei vor allem die Preisstrategie werden. Für das Start-Sortiment ruft boboola Preise von 29,90 Euro für Storybooks und 12,90 Euro für Playbooks ab. Damit liegt ein einziges digitales Buch deutlich über der monatlichen Flatrate etablierter Wettbewerber*innen.

Konfrontiert mit dieser hohen finanziellen Eintrittsbarriere teilt Schmitt gegen die Konkurrenz aus: „Der Markt ist massiv geprägt von kurzweiligen digitalen App-Angeboten und Massenware, die zunehmend zu ruinös niedrigen Flatrate-Preisen angeboten wird.“ Mit wirklichem Lernen habe dies wenig zu tun. Der Gründer rechtfertigt den Preis mit dem eigenen Ökosystem an Charakteren, dem integrativen Konzept sowie der Bilingualität der Bücher.

Die Skalierbarkeit: Handwerk oder KI?

Angesichts dieser ambitionierten Preisgestaltung und des immensen Aufwands für multimediale Erlebniswelten stellt sich bei einem Start-up unweigerlich die Frage nach der Skalierbarkeit – und dem Einsatz von KI-Generatoren. Wie viel echte handwerkliche Kunst steckt noch in den Welten?

Auf diese Frage reagiert Schmitt pragmatisch und räumt den orchestrierten Einsatz moderner Software offen ein: Ohne diese Technologie sei das Produkt wirtschaftlich schlicht nicht umsetzbar. Der Fokus der Gründer liege nicht auf reiner Handarbeit, sondern auf der Umsetzung pädagogischer Prinzipien, bei denen Kinder über Geschichten und Emotionen involviert werden.

Mögliche Abstriche bei der visuellen Individualität der Welten ficht das Start-up nicht an. „Dass unsere Charaktere nicht die Einzigartigkeit einer Raupe Nimmersatt haben, nehmen wir in Kauf“, gesteht der CEO, verweist aber auf die kindliche Wahrnehmung: „Kinder lieben die Charaktere und kennen das Wort ‚austauschbar‘ nicht.“ Nachahmer*innen könnten zwar einzelne Figuren replizieren, ein komplexes Edu Book entstünde dadurch aber noch lange nicht.

Fazit

Mit boboola wagt ein deutsches EdTech-Start-up den bewussten Schritt in die Entschleunigung digitaler Medien für Kinder. Die Verbindungen der Gründer in den Finanz- und Anlage-Sektor deuten darauf hin, dass hier professionell und mit klarem Business-Case agiert wird. Doch das Start-up operiert in keinem luftleeren Raum. Gelingt es den Gründern nicht, den Premium-Preis durch herausragende didaktische Qualität im direkten Vergleich zur Konkurrenz zu rechtfertigen, könnte das anvisierte Category-Design an der Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe scheitern.

Schluss mit der Wegwerf-Ausrüstung: Outzips Masterplan für eine neue Outdoor-Ökonomie

Gekaufte Outdoor-Ausrüstung wird im Schnitt nur zehn Tage genutzt – eine gewaltige Ressourcenverschwendung. Das junge Berliner Start-up Outzip der Gründer Kai Meier und Eloy Padilla will diese Lücke mit einem digitalen Miet-Marktplatz schließen. Doch wie belastbar ist das „Asset-Light“-Modell der Gründer? Wir haben nachgehakt.

Das Konsumverhalten verändert sich: Gekaufte Outdoor-Artikel werden im Durchschnitt nur zehn Tage genutzt, während 73 Prozent der Millennials laut Marktdaten angeben, mehr Ausrüstung mieten zu wollen. In diese Lücke stößt das Berliner Start-up Outzip. Mit einer digitalen Plattform für die Vermietung von Outdoor- und Sportausrüstung wollen die Gründer den fragmentierten Markt digitalisieren und ein skalierbares „Gear-as-a-Service“-Modell etablieren. Doch wie belastbar ist das Marktplatz-Modell im realen operativen Betrieb, wenn längst auch etablierte Handelsriesen denselben Markt ins Visier nehmen?

Die Gründer und der operative Ursprung

Hinter der im Jahr 2024 in Berlin gegründeten Outzip UG stehen zwei Gründer. Als Co-Founder und CEO bringt Kai Meier berufliche Stationen als Projektmanager in der Bike-Sharing-Economy beim ADFC Berlin sowie im Sales- und Marketingbereich bei ONOMotion in das Vorhaben ein. Co-Founder und CPO Eloy Padilla sammelte zuvor bereits Erfahrungen mit dem D2C-Outdoor-Marktplatz thefaircottage.com.

Der Impuls zur Gründung leitet sich direkt aus der aktuellen Ressourcenverschwendung ab. Im Fachmagazin Suston adressierte Outzip beispielsweise das Problem der Müllberge auf Musikfestivals, die durch billig gekaufte und zurückgelassene Campingausrüstung entstehen, und skizzierte Mietlösungen direkt vor Ort als Gegenmaßnahme. Erste konzeptionelle Bestätigung erhielt das Start-up im Wintersemester 2023/24 im Rahmen einer Projektarbeit der HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft sowie im Frühjahr 2025 im „Pitch Battle“ des Startup Insider Podcasts.

Margendruck durch Logistik?

Outzip agiert als B2B2C-Marktplatz, der lokale Miet-Shops, Reisende und Affiliate-Partner*innen zusammenbringt. In ersten Kooperationen binden der Reiseveranstalter Perlenfänger oder Vivido Outzip bereits für sogenannte Mikroabenteuer ein. Die Monetarisierung stützt sich auf eine 15-prozentige Provision pro Buchung. Auf Konsument*innen-Seite soll ein KI-Chatbot bei der Produktauswahl assistieren und so die Konversionsrate stützen.

Das Start-up fokussiert sich im Vertrieb zunächst darauf, Shops einen zusätzlichen digitalen Buchungskanal über das eigene Listing anzubieten. Perspektivisch, so Meier, wolle man das Onboarding eines eigenen Buchungssystems über den SaaS-Partner Sharefox ermöglichen und direkte API-Schnittstellen zu Shops mit existierendem System entwickeln.

Dabei verfolgt das Unternehmen prinzipiell einen „Asset Light“-Ansatz: Es besitzt die Ausrüstung nicht selbst, sondern aggregiert Bestände über API-Schnittstellen. Im Zeitraum 2024 bis 2025 verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben 800 Buchungen – davon 550 im Jahr 2025 – mit einem Gesamtumsatz (GMV) von 50.000 Euro.

Ein Blick auf die Unit Economics offenbart jedoch operative Risiken: Die geplante Integration eines umfassenden Kreislauf-Services inklusive externer Logistikpartner*innen ist im E-Commerce traditionell ein massiver Margenfresser. Auf die kritische Frage, wie das Start-up verhindern wolle, dass hohe Versand- und Aufbereitungskosten das Geschäftsmodell aushöhlen, verweist CEO Meier auf eine betont dezentrale Strategie. „Um insbesondere die Bereitstellungskosten so gering wie möglich zu halten, liegt der Expansionsfokus vor allem auf der Zusammenarbeit mit lokalen Verleih-Anbietern“, argumentiert der Gründer. Die Ware werde idealerweise direkt am „Point of Use“ ausgegeben und dort auch wieder aufbereitet. Das steigere nicht nur die Effizienz durch die Fachkenntnis der Partner, sondern ermögliche überhaupt erst ein breiteres Angebot. So gibt Meier zu bedenken, dass Produkte wie Kajaks „über den Versand kaum profitabel vermietbar wären“.

Kampf gegen Retail-Riesen und Plattformen mit identischem Modell

Der globale Markt für Outdoor-Vermietungen wird laut Branchenprognosen bis 2035 auf 32 Milliarden Euro anwachsen. Für Deutschland geht Outzip von einem adressierbaren Umsatzpotenzial von 700 Millionen Euro aus. Die Konkurrenzlandschaft ist jedoch dicht besiedelt und hochgradig kapitalisiert. Auf der einen Seite stehen etablierte Retailer wie Globetrotter, Decathlon und Intersport, die teils mit eigenen Verleihkonzepten experimentieren. Auf der anderen Seite positionieren sich spezialisierte Vermieter wie Cirkel Supply Co. oder EcoSki.

Die direkteste Gefahr droht Outzip jedoch durch Plattformen wie Lokki oder Rent & Send, die mit einem identischen Marktplatz-Ansatz um exakt dieselben B2B-Partner buhlen. Angesprochen auf den fehlenden technologischen „Burggraben“ des Unternehmens in diesem Umfeld, gibt sich Meier gelassen. Große Retailer sehe man aktuell nicht als Bedrohung, da diese sich „strategisch vor allem auf das Thema Second-Hand und Buy Back Programme fokussieren“. Gegenüber Plattformen mit nahezu identischem Modell wie Lokki führt der Mitgründer ein eher pragmatisches Argument ins Feld: Der strategische Vorteil liege „vor allem in der Positionierung als deutsches Unternehmen“. Dies solle im Vertrieb mit kleinen lokalen Geschäften in der Frühphase den Ausschlag geben. Um hier rasch Marktanteile zu sichern, verspricht Meier zudem schnellere Onboardings durch Kooperationen mit SaaS-Anbietern. Dadurch wolle man ein breites Partner*innen-Portfolio auf dem Marktplatz sichtbar machen, „ohne den individuellen Vertrieb mit jedem Partner einzeln“ stemmen zu müssen.

Einordnung und Fazit

Outzip positioniert sich in einem signifikant wachsenden Segment der Kreislaufwirtschaft. Für die aktuelle Pre-Seed-Runde sucht das Start-up 500.000 Euro, primär um die Software-Middleware zu finanzieren und 18 Monate Runway zu sichern. Flankiert werden soll dies durch eine angestrebte Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg in Höhe von 300.000 Euro. Erste Investitionstickets werden als Wandeldarlehen ab 10.000 Euro bei einem Cap von 2,5 Millionen Euro ausgegeben.

Die größte Hürde bleibt der zügige Aufbau der B2B-Angebotsseite. Die Roadmap sieht zunächst die Akquise lokaler Shops in Brandenburg vor, bevor bundesweit skaliert werden soll. Zudem fokussiert sich das Start-up nach eigenen Angaben im laufenden Jahr ausschließlich auf die Bereiche Camping und Trekking. Das birgt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie lockt man Nutzer*innen an, wenn das lokale Angebot noch spärlich ist?

Um diese Phase zu überbrücken, verlässt sich Outzip nicht nur auf Kaltakquise. Man arbeite „an engen Partnerschaften mit relevanten Reiseveranstaltern und Campingplätzen, um die Nachfrage für die entsprechenden Produkte zu erhöhen“, skizziert Meier den Ausweg. Das so generierte Buchungsvolumen diene gleichzeitig als Marktforschung. Durch die zielgruppenspezifische Analyse wisse Outzip sehr genau, „welche lokalen Anbieter aktuell gut zu unserem Portfolio passen“.

Gelingt es dem Team, die Akquisitionskosten für neue Partner niedrig zu halten und die logistischen Herausforderungen effizient zu lösen, könnte Outzip im europäischen Outdoor-Markt eine relevante Rolle spielen. Scheitert jedoch die schnelle Skalierung der Angebotsseite, droht das Modell an den besser kapitalisierten Bestandsakteur*innen abzuprallen.

Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein

Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.

Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.

Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.

Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger

Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.

+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++

Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“

KI-Tempo vs. Konzernstrukturen

Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.

Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“

Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“

Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz

Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.

Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.

Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.

Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.

Zwischen Convenience und Notariat

Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.

Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“

Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist

Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.

Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.

Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.

Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“

Der Lackmustest

Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.

Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“

Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.

Zwischen Hausaufgaben und Datenschutz: Der mutige B2C-Vorstoß von innoGPT

Die Inno KI GmbH aus Vechta öffnet ihre bisher auf Geschäftskunden ausgerichtete KI-Plattform nun für Familien. Mit einem neuen "Family Package" wollen die Gründer Mike Koene und Maurice Brumund das Problem des Datenschutzes bei der KI-Nutzung von Jugendlichen lösen. Ein cleverer Schachzug in eine unbesetzte Nische – oder ein schwieriges B2C-Geschäftsmodell mit hoher Preishürde?

Die Zahlen der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) sprechen eine deutliche Sprache: 70 Prozent der Jugendlichen nutzen Künstliche Intelligenz zur Informationssuche, 74 Prozent lassen sich bei den Hausaufgaben helfen. Die Kehrseite dieser rasanten Adaption: Die Nutzung erfolgt zumeist über die kostenlosen Web-Versionen von US-Giganten wie OpenAI oder Google. Sensible Daten – von persönlichen Fragen bis zu hochgeladenen Schuldokumenten – fließen oft ungefiltert in die globalen Trainingsdatenbanken der Anbieter, sofern nicht manuell widersprochen wird.

Während die Politik über Social-Media-Verbote für Minderjährige debattiert, bleibt der regulatorische blinde Fleck bei KI-Tools im Kinderzimmer bislang bestehen. Genau in diese Lücke stößt nun das niedersächsische Start-up Inno KI GmbH mit seiner Plattform innoGPT.

Von der Agentur zum KI-Aggregator

Hinter innoGPT steht kein klassisches, VC-finanziertes Silicon-Valley-Konstrukt, sondern mittelständischer Pragmatismus aus Vechta. Co-Founder Maurice Brumund und sein Team begannen bereits 2022 im Umfeld einer eigenen Digitalmarketing-Agentur, intensiv mit KI-Tools zu experimentieren.

Aus dem internen Pain Point – der Frage, wie Mitarbeitende rechtssicher und datenschutzkonform mit großen Sprachmodellen (LLMs) arbeiten können – entstand Ende 2024 die Plattform innoGPT. Bisher lag der Fokus des Startups strikt auf dem B2B-Segment: Mit rein europäischem Hosting, DSGVO-Konformität und einer Zero-Retention-Policy (keine Nutzung der API-Daten für das Modell-Training) positionierte sich innoGPT als Lösung gegen die „Schatten-IT“ in Unternehmen. Laut Unternehmensangaben nutzen bereits über 2.500 Privat- und Geschäftskund*innen den Service. Nun folgt die Ausweitung des Geschäftsmodells auf den B2C-Markt.

Das Produkt: Ein "Safe Space" für die Familie

Mit dem neuen „Family Package“ erhalten bis zu fünf Familienmitglieder für 34,90 Euro im Monat individuelle Logins zu einer zentralen Plattform. Über diese können sie gebündelt auf verschiedene führende KI-Modelle von OpenAI, Anthropic, Google, Meta, Mistral und Black Forest Labs zugreifen. Ein zusätzlich buchbares Add-on filtert persönliche Daten (Named Entity Recognition) wie Namen oder E-Mail-Adressen und ersetzt diese vor der Übermittlung an die Rechenzentren automatisch durch Platzhalter.

Das Geschäftsmodell und der Markt

Aus Start-up-Sicht ist der Vorstoß von B2B-SaaS in ein Family-Abo-Modell gleichermaßen spannend wie riskant. Eine kritische Analyse offenbart dabei mehrere Marktherausforderungen:

  • Der technologische Burggraben (Moat): Das Geschäftsmodell von innoGPT ist im Kern ein Aggregator- oder Wrapper-Modell. Das Start-up entwickelt keine eigenen Foundation-Modelle, sondern baut eine sichere, europäische Middleware-Schicht über die Schnittstellen (APIs) der Tech-Giganten. Der technologische Burggraben ist folglich eher niedrig. Der primäre Unternehmenswert liegt in der User Experience, der reibungslosen Modellanbindung und dem abstrakten Vertrauensfaktor „Datenschutz“.
  • Zahlungsbereitschaft: 34,90 Euro im Monat (knapp 420 Euro im Jahr) sind für ein klassisches Familienbudget eine erhebliche Summe. Der Preis entspricht fast den Kosten von anderthalb ChatGPT-Plus-Lizenzen. Die zentrale Herausforderung für das Marketing wird sein: Sind Eltern bereit, für den Schutz der Daten ihrer Kinder diesen Premium-Aufschlag zu zahlen, während der Nachwuchs die Basis-Tools de facto kostenlos und mit einem Klick auf dem Smartphone nutzen kann?
  • Token-Ökonomie in der Praxis: Das Modell sieht einen geteilten Token-Pool für die fünf Accounts vor. In der Praxis könnte dies zu Reibereien führen, wenn beispielsweise ein Familienmitglied rechenintensive Bildgenerierungen (etwa über Black Forest Labs) durchführt und das Kontingent für die Text-Prompts der restlichen Familie vorzeitig aufbraucht.
  • Wettbewerbslandschaft: InnoGPT bewegt sich in einem Sandwich-Markt. Von oben drohen die direkten B2C-Angebote der Tech-Riesen (es ist absehbar, dass OpenAI oder Google eigene „Family Plans“ ausrollen). Von der Seite drücken EdTech-Start-ups in den Markt, die KI DSGVO-konform direkt in die Lernplattformen der Schulen integrieren – was eine private Familienlizenz obsolet machen könnte.

Ein mutiger Testballon

Für das Start-up-Ökosystem ist die Inno KI GmbH dennoch ein Paradebeispiel für „bootstrapped“ Innovationskraft. Anstatt ein Produkt am Reißbrett zu entwerfen, hat das Team ein valides Angebot aus einem eigenen betrieblichen Schmerz heraus entwickelt.

Der Vorstoß in den B2C-Markt wirkt wie ein smarter, PR-wirksamer Testballon. Das Start-up greift eine hochaktuelle, emotionale gesellschaftliche Debatte auf (Jugendschutz bei KI) und besetzt rhetorisch geschickt die Rolle des Problemlösers. Ob sich das Family-Modell finanziell trägt, hängt letztlich davon ab, ob innoGPT den trockenen Begriff der „DSGVO-Konformität“ für Eltern emotional so aufladen kann, dass er als unverzichtbare Sicherheitsmaßnahme wahrgenommen wird. Gelingt dies nicht, ist das Risiko überschaubar: Das Start-up kann sich nahtlos wieder auf sein wachsendes B2B-Kerngeschäft konzentrieren.

StartingUp-DeepTech-Watchlist 2026

Von „German Engineering“ zu „German DeepTech“: Diese jungen Start-ups und Scale-ups zünden 2026 die nächste Stufe – und sollten zwingend auf dem Radar von Investor*innen und Entscheider*innen stehen.

„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieser Ausspruch unterstreicht die Herausforderung, die Dynamik unseres Start-up-Ökosystems vorherzusagen. Doch wer 2025 aufmerksam verfolgt hat, der spürt: Es hat sich etwas gedreht. Der Investor*innenfokus hat sich verschoben – weg von reinen E-Commerce-Modellen, hin zu substanzieller Technologie, die echte physikalische Probleme löst.

Die folgende Auswahl an Start-ups und Scale-ups, mit denen 2026 gerechnet werden sollte, ist mehr als eine Watchlist. Sie basiert auf einer Analyse der signifikanten Finanzierungsrunden 2025, der technologischen Reife und der Resonanz bei bedeutenden Preisen. Diese Unternehmen stehen beispielhaft für eine Gründer*innengeneration, die Wissenschaft und Skalierung vereint. Natürlich bleibt ein Restrisiko. Unwägbarkeiten – von geopolitischen Instabilitäten über regulatorische Verschärfungen wie dem EU AI Act bis hin zu volatilen Zinsmärkten – können die nahe Zukunft beeinflussen. Doch die Resilienz dieser Unternehmen stimmt optimistisch.

DefenseTech: Die neue Realität der Sicherheit

Lange war Verteidigungstechnologie in Deutschland ein Tabuthema für Risikokapitalgeber. Das hat sich grundlegend geändert. Ganz oben auf der Watchlist steht neben dem Münchner Start-up Helsing nun das 2024 gegründete Black Forest Labs. Das Geschäftsmodell ist faszinierend, weil es die Grenzen zwischen kreativer Zerstörung und Sicherheitstechnologie verwischt. Es basiert auf der Entwicklung proprietärer State-of-the-Art-Modelle für generative Videoerzeugung. Nach einer spektakulären 300-Mio.-USD-Runde im Dezember 2025 katapultierte sich die Bewertung auf satte 3,25 Milliarden USD. Das Start-up ist damit Deutschlands wertvollste KI-Firma und beweist, dass Europa bei Generative AI den Anschluss nicht verloren hat. Der globale Siegeszug deutet sich 2026 unter anderem in einem mehrjährigen Vertrag mit Meta sowie in Kooperationen mit US-Plattformen wie X und Hollywood-Studios an, die Produktionskosten senken wollen. Mitgründer Robin Rombach prognostizierte im Sifted-Podcast: „2026 wird generative Video-KI zum industriellen Standard in der Medienproduktion.“ Doch auch bei der Simulation für Sicherheitsszenarien spielt die Technologie eine wachsende Rolle.

Ein weiterer Schlüsselakteur ist Stark Defence. Das 2024 gegründete Münchner Start-up adressiert eine Lücke der modernen Kriegsführung: asymmetrische Bedrohungen. Stark Defence fokussiert sich auf softwaredefinierte, autonome Drohnensysteme, die „on the edge“ entscheiden und nicht auf ständige Funkverbindung angewiesen sind. Dass das Start-up durch seine KI-Schwarmtechnologie massiv an Bedeutung gewinnen wird, hat sich Ende Februar 2026 eindrucksvoll bestätigt: Der Haushaltsausschuss des Bundestages gab einen Auftrag über 540 Millionen Euro für Kampfdrohnen frei, den sich Stark Defence (Modell „Virtus“) und das nach einer Mega-Runde im Sommer 2025 mittlerweile mit 12 Milliarden Euro bewertete Münchner Unicorn Helsing (Modell „HX-2“) teilen. Um diese rasante Skalierung zu stemmen, hat Stark Defence kürzlich das Berliner Software-Start-up Pleno übernommen und eine neue Serienfertigung im britischen Swindon eröffnet. Mitgründer Florian Seibel dazu: „Unser Ziel für 2026 ist die erste vollautonome Verteidigungslinie für Europa.“

Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping

Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.

Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.

Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine

Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.

Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.

Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg

Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.

Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.

2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.

Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt

Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.

Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.

Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?

Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.

Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.

Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.

Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.

Die Müsli-Macher und die Kälte: Das neue Millionen-Projekt von Kraiss & Mahler

Dass sie Märkte revolutionieren können, haben die Freda-Gründer bereits bewiesen – nun steht die Tiefkühlkette auf dem Prüfstand. Mit einem mutigen Modul-Konzept fordern Philipp Kraiss und Christian Mahler die Industrie-Riesen im Supermarktregal heraus.

In der Start-up-Welt ist der Begriff Seriengründer*in oft ein zweischneidiges Schwert: Das Vertrauen der Investor*innen ist hoch, doch die Fallhöhe nach einem Erfolg wie mymuesli ebenso. Philipp Kraiss und Christian Mahler haben sich mit ihrem 2023 gegründeten Food-Start-up Freda bewusst gegen ein „Me-too-Produkt“ und für eine operative Wette auf die Zukunft der Tiefkühlkette entschieden. Mit einem mutigen Modul-Konzept fordern sie die etablierten Industrie-Riesen im Supermarktregal heraus. Die Prämisse: Der Markt für Tiefkühlkost (TK) wächst – auf über 22,6 Milliarden Euro im Jahr 2024 –, ist aber durch extremen Preisdruck und eine veraltete Produktlogik geprägt. Wir haben uns das Geschäftsmodell näher angesehen und die Gründer dazu befragt.

Pizza, Pasta, Gelato … und jetzt Blocks?

Die Pizza „Salami Sensation“ war für Freda der Türöffner. Mit dem Sieg bei Stiftung Warentest (2024) bewies das Team, dass es Qualität „kann“ und schuf einen starken USP. Strategisch ist Pizza jedoch kein leichtes Feld: Der Wettbewerb ist anspruchsvoll, die Regalplätze im Einzelhandel sind besetzt und die Differenzierung erfolgt meist über den Preis. Mit einer Innovation wie „Frozen Blocks“ erweitert Freda nun das Spielfeld und eröffnet eine neue Kategorie von Tiefkühlkost.

Es handelt sich dabei nicht mehr um ein fertiges Gericht, sondern um eine Systemkomponente. Das Konzept orientiert sich am gastronomischen „Mise en Place“: Vorbereitete, schockgefrostete Komponenten wie Beef Ragù oder Chili sin Carne fungieren als Basismodule für die heimische Küche. Strategisch gesehen erhöht dies die Wertdichte pro Kubikzentimeter im TK-Fach und verringert die Komplexität in der eigenen Produktion im Vergleich zu mehrkomponentigen Fertigmenüs.

Auf die Frage, ob der strategische Wechsel von der Pizza zu den „Frozen Blocks“ eine Flucht aus dem Commodity-Preiskampf der Pizza-Truhe hin zu einer proprietären Nische sei, widerspricht Philipp Kraiss. Vielmehr handele es sich um einen konsequenten Ausbau des Sortiments, denn Freda solle künftig den gesamten Alltag der Kund*innen abbilden – vom Frühstück bis zum Abendbrot. Das sei eben mehr als nur Pizza. „Unser Anspruch ist aber nicht nur Bekanntes besser zu machen – wie bei unserer Pizza, sondern auch neue Wege zu gehen“, stellt der Gründer klar. Die flexiblen Module seien auf diesem Weg der nächste logische Schritt. Er verspricht dabei maximale Vielfalt aus dem Gefrierfach, „denn jeder Block lässt sich vielfältig kombinieren.“

Die Retail-Herausforderung: Kaufland als Stresstest

Mit einer Basis von über 30.000 D2C-Kund*innen hat das Unternehmen bereits bewiesen, dass die Nachfrage nach seinen Produkten besteht. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen und die Margen zu stärken, wurde im August 2025 der Launch in 780 Kaufland-Märkten umgesetzt – ein strategischer Meilenstein, der die Reichweite massiv erhöht und über das Volumen des stationären Einzelhandels den Weg zu nachhaltigem, profitablem Wachstum ebnet – ohne aufwendigen Versand mit Isolierung und Trockeneis.

Hier zählt nun die Shelf Velocity (Abverkaufsgeschwindigkeit). Ein modulares System erfordert von der Kundschaft jedoch ein Umdenken: Man kauft kein fertiges Abendessen, sondern eine Zutat. Freda muss hier beweisen, dass der Mehrwert der Zeitersparnis am Point of Sale verstanden wird, bevor die harten Auslistungsmechanismen des Handels greifen.

Doch wie überzeugt man eine*n Einkäufer*in davon, dass ein modulares System mehr Flächenproduktivität bringt als die zehnte Sorte Standard-Lasagne? Christian Mahler kontert auf diese Retail-Frage mit einem anschaulichen Branchen-Vergleich: „Wir sind eben nicht die zehnte Lasagne. Eine klassische TK-Lasagne belegt viel Regalfläche, bedient genau einen Anlass und konkurriert mit neun anderen Lasagnen um denselben Kunden.“ Durch das kompakte Format und eine maximale SKU-Dichte der Blocks könne der Händler auf derselben Regalfläche mehrere Sorten listen und spreche damit dutzende Zubereitungsarten von der Bowl bis zum Curry an. Mahler zeigt sich selbstbewusst: „Wir eröffnen eine neue Kategorie statt in einer bestehenden zu kämpfen.“

Operative Exzellenz vs. bayerisches Handwerk

Ein weiterer Spagat wartet in der Produktion: Freda wirbt offensiv mit „Made in Bavaria“ und handwerklicher Herstellung. In der Start-up-Praxis beißt sich Handwerk jedoch oft mit Skalierung. Wer bundesweit fast 900 Supermärkte bedient, muss industrielle Prozesse beherrschen. Die Gefahr dabei ist offensichtlich: Wenn die Qualität durch die Masse sinkt, verliert Freda seinen wichtigsten USP. Gleichzeitig bleibt bei der exklusiven Zielgruppe, die bereit ist, für TK-Komponenten Premium-Preise zu zahlen, in Zeiten der Inflation die Frage der Preissensibilität bestehen.

Auf drohende Kapazitätsgrenzen angesprochen, räumt Philipp Kraiss ein, dass die Passauer Manufaktur zwar das Herzstück bleibe. „Aber wir waren von Anfang an ehrlich zu uns selbst: Eine Manufaktur skaliert nicht linear“, gibt der Seriengründer zu bedenken. Mit wachsendem Geschäft müsse man die Produktion auf breitere Schultern stellen und mit Partnern zusammenarbeiten. Sein Kernversprechen an die Kund*innen lautet dabei jedoch: „Wir lagern nicht die Rezeptur aus, sondern die Kapazität.“

Marktpsychologie: Convenience ohne Reue

Psychologisch besetzt Freda damit eine überaus geschickte Lücke. Die „Frozen Blocks“ nehmen der Käuferschaft zwar die Entscheidung für die aufwendige Kernkomponente ab, lassen das Gefühl des Selbstkochens durch das frische Ergänzen von Beilagen jedoch vollkommen intakt. Dies eliminiert die oft vorhandene „Convenience-Scham“ gesundheitsbewusster Zielgruppen und könnte die Lösung für die stagnierenden Marktanteile klassischer Fertiggerichte bei jüngeren Konsument*innen sein.

Fazit für die Start-up-Praxis

Freda ist ein Lehrstück für den Übergang von einer digitalen D2C-Brand zum Player im Massenmarkt. Die Gründer nutzen ihre Erfahrung, um eine etablierte Kategorie neu zu denken. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich an der Regal-Rotation zeigen. Wenn die Kund*innen den Aufpreis für die „bayerische Handarbeit“ und das modulare System dauerhaft akzeptieren, könnte Freda die Blaupause für die nächste Generation von Food-Marken liefern.

Primogene: Muttermilch als Vorbild

Primogene ist ein 2023 gegründetes BioTech-Start-up mit Sitz in Leipzig, das sich auf die Entwicklung biotechnologischer Herstellungsverfahren für bioidentische Inhaltsstoffe spezialisiert hat. Ein Schwerpunkt liegt auf Verbindungen, die der Muttermilch nachempfunden sind und die Gesundheit in allen Lebensphasen fördern können.

Auch wenn das Produkt als weißes Pulver eher unscheinbar aussieht, markiert seine Existenz einen wissenschaftlichen Meilenstein. „Wir haben eine spezielle Technologie entwickelt, dank der wir komplexe bioidentische humane Milchzucker skalierbar herstellen können“, erzählt Linda Karger, einst Managementstudentin an der Technischen Universität in München, heute COO der 2023 in Leipzig gegründeten Primogene GmbH. Die chemischen Verbindungen entsprechen also den im menschlichen Körper vorkommenden Molekülen bis ins kleinste biochemische Detail. Und sie übernehmen – obwohl industriell hergestellt – die gleichen Funktionen, die bisher nur Muttermilch garantierte.

Zum Verständnis: Die komplexen Zuckerstrukturen sind nach Fett und Laktose der drittgrößte feste Bestandteil menschlicher Milch. Sie bieten einzigartige gesundheitliche Vorteile, unterstützen beispielsweise das Immunsystem sowie die kognitive Entwicklung wie kein anderer Stoff. „Nach zahllosen Gesprächen mit Ärzten und Kliniken begann unsere Geschichte mit der Idee, nährstoffreiche Inhaltsstoffe als Zusatz für die Ernährung von Frühgeborenen herzustellen. Weitergedacht können bioaktive Bestandteile der Muttermilch ebenso zur Krankheitsprävention bei Erwachsenen sinnvoll eingesetzt werden“, erklärt Karger. „Um das Wirkungspotenzial unserer Human Milk Oligosaccharides (HMO) weiter zu erforschen, testen wir diese aktuell in enger Zusammenarbeit mit dem Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie.“

Produktsortiment in der Breite offen

Gleichzeitig wird die von Dr.-Ing. Reza Mahour (CEO, Experte für Bioverfahrenstechnologie) und Valerian Grote (CTO, Molekularbiologe/Experte für Analytische Biochemie) entwickelte enzymatische Technologie genutzt, um bioidentische Moleküle für andere Märkte zu erzeugen, beispielsweise Inhaltsstoffe für Produkte der Körperpflege oder Rohmaterialien für die Pharmaindustrie. „Wir produzieren selbst. Dabei lässt sich jedes unserer Produkte auf die spezielle Technologie zurückführen. Unseren Kunden bieten wir Komplettlösungen – das reicht von der Suche nach der richtigen Produktionsplattform bis hin zu Entwicklung und Produktion“, bestätigt Karger. Erste Umsätze wurden nach ihren Angaben bereits früh erzielt. Inhaltsstoffe für den Kosmetikbereich sollen noch in diesem Jahr mithilfe bestehender Partnerschaften am Markt eingeführt werden. Im Pharmabereich wird ebenfalls mit ersten Kunden zusammengearbeitet.

Karger ergänzt: „Wir haben früh auf Partnerschaften und Vorbestellungen gesetzt, um den Markt besser zu verstehen.“ Um die bereits verabredeten hochwertigen Roh- und Inhaltsstoffe bald in größeren Mengen liefern zu können, ist das aktuell elfköpfige Team von Primogene gerade innerhalb Leipzigs umgezogen. Für die anstehende Skalierung war der Wechsel auf eine Betriebsstätte mit mehr Laborfläche und größerem Produktionsbereich wichtig. Große Mitspieler auf dem Feld der HMOs wie die niederländische DSM-Firmenich oder der dänische Konzern Chr. Hansen schrecken Karger nicht: „Bekannt sind mehr als 200 verschiedene HMOs, davon sind bisher sieben strukturell einfacher industriell herstellbar und auf dem Markt. Sie werden mit einer Fermentationstechnologie produziert. Unser enzymatisches Verfahren kann deutlich mehr und komplexere Zuckerstrukturen hervorbringen. Außerdem reicht unsere Produktpalette weit über HMOs hinaus.“

Sichtbarkeit durch Innovationsplattform futureSax erleichtert Investorensuche

Das bisher benötigte Kapital stammt unter anderem von Business Angels aus dem Bereich der Biotechnologie, darunter auch Climate Founders, bei deren Accelerator-Programm Mahour Grote und Karger einst zusammenfanden. Für Primogene als forschungs- und deshalb kapitalintensives Biotech-Unternehmen sind daneben die Mittel aus Förderprogrammen des Landes Sachsen und der Stadt Leipzig von wesentlicher Bedeutung. Darüber hinaus profitiert das Start-up noch heute von der Sichtbarkeit, die es durch den Gewinn des dritten Platzes beim Sächsischen Gründerpreis 2024 erhielt. Zunächst sorgten der professionelle Nominiertenfilm und die begleitende Öffentlichkeitsarbeit von futureSax für Aufmerksamkeit sowohl in den Medien als auch innerhalb des Netzwerks.

Dann bot die Preisübergabe auf der Sächsischen Innovationskonferenz vor über 1.000 Gästen Primogene eine wichtige Gelegenheit zur Präsentation. „Sachsen ist ein Innovationsstandort mit besonderer Dichte: Exzellente Forschung, starke Industrie- und Mittelstandsstrukturen und eine wachsende Start-up-Szene greifen ineinander. Hier entstehen Lösungen, die international wettbewerbsfähig sind. Entscheidend ist der Schulterschluss im Ökosystem – von Hochschulen über Unternehmen bis zu Kapitalgebern. futureSax schafft dafür die Bühne und die Verbindungen, damit aus Ideen schneller Produkte, Partnerschaften und Gründungen werden“, erklärt Susanne Stump, Geschäftsführerin der Innovationsplattform des Freistaats Sachsen. Das Interesse großer Investoren bestätigt, dass Primogene auf dem richtigen Weg ist. Im Jahr 2025 schloss das innovative Start-up eine Seed-Finanzierungsrunde mit namhaften Investoren wie HTGF, TGFS, der Sächsischen Beteiligungsgesellschaft und better ventures ab. Das geplante Personalwachstum sowie die Produktionsaktivitäten der nächsten zwei Jahre sind damit gesichert.

Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen: https://t1p.de/p8gop

Battle-Tested & German Engineered: Das neue Power-JV der Drohnenwelt

Mit QFI startet die erste vollautomatisierte Produktionslinie für ukrainische Drohnen in Europa. Ein Gamechanger für die „Build with Ukraine“-Initiative und ein Weckruf für das deutsche Tech-Ökosystem. Agilität schlägt Trägheit: Unsere Analyse über die Architekten der neuen europäischen Resilienz und die Rolle von Start-ups.

Während die klassische Rüstungsindustrie oft mit jahrzehntelangen Entwicklungszyklen ringt, zeigt ein deutsch-ukrainisches Joint Venture, wie das „New Defense“-Zeitalter in Lichtgeschwindigkeit skaliert. Nur zwei Monate nach der offiziellen Ankündigung ist das Joint Venture Quantum Frontline Industries (QFI) operative Realität. Ein symbolträchtiger Moment markierte am 13. Februar den Startschuss: Auf seinem Weg zur Münchner Sicherheitskonferenz nahm der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Werk bei München die erste in Deutschland gefertigte Linza 3.0 entgegen – ein Meilenstein, der unter der Schirmherrschaft von Verteidigungsminister Boris Pistorius als neues „Leuchtturmprojekt“ der europäischen Souveränität gefeiert wird.

Das „German Model“: Wenn Software-Agilität auf automatisierte Masse trifft

QFI ist mehr als eine Fabrik; es ist der Prototyp des sogenannten German Model. Hier verschmilzt die operative Erfahrung von Frontline Robotics aus dem aktivsten Drohnenkrieg der Geschichte mit der industriellen Exzellenz der Münchner Quantum Systems GmbH. Das Ziel ist ambitioniert: Allein 2026 sollen 10.000 Einheiten der Modelle Linza und Zoom vom Band laufen. Diese Systeme sind hochgradig gegen elektronische Kampfführung (EW) gehärtet und finden dank KI-gestützter visueller Navigation auch ohne GPS-Signal ihr Ziel.

Dieser Erfolg strahlt auf das gesamte deutsche Ökosystem aus. Wir erleben derzeit, wie eine neue Generation von Gründern die Grenzen zwischen digitaler und physischer Souveränität neu zieht.

Ein vernetztes Ökosystem: Die Architekten der Resilienz

Hinter dem Erfolg von QFI steht ein Geflecht aus spezialisierten DeepTech-Akteuren, die Deutschland zum führenden Defense-Hub Europas gemacht haben. Während Quantum Systems mit seinem Status als „Triple Unicorn“ (Bewertung > 3 Mrd. €) die industrielle Skalierung im Luftraum beherrscht, liefert das Münchner Decacorn Helsing (bewertet mit 12 Mrd. €) das digitale Rückgrat. Helsing fungiert als der softwareseitige Integrator, dessen KI-Plattformen heute die Koordination zwischen autonomen Schwärmen und bemannten Einheiten übernehmen.

Am Boden setzt ARX Robotics Maßstäbe. Das Start-up hat seine Series-A im Sommer 2025 auf 42 Millionen Euro aufgestockt und Partnerschaften mit Schwergewichten wie Daimler Truck und Renk geschlossen. Ihr Betriebssystem Arx Mithra OS ermöglicht es, bestehende Fahrzeugflotten zu digitalisieren und in autonome „Mensch-Maschine-Teams“ zu verwandeln. Diese physische Präsenz am Boden wird durch die Orbit-Kapazitäten von Reflex Aerospace vervollständigt. Die Berliner liefern jene ISR-Daten (Intelligence, Surveillance, Reconnaissance), die für die Präzision moderner Drohnensysteme unverzichtbar sind.

Um die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu brechen, schließt das bayerische Start-up Donaustahl die Lücke in der Basis-Hardware. Mit einer neuen Fertigung in Hutthurm produziert Donaustahl nicht nur die bewährte „Maus“-Drohne, sondern skaliert die Produktion von Drohnenmotoren und Gefechtsköpfen wie dem „Shahed-Killer“. Ziel ist eine vollkommen souveräne Wertschöpfungskette „Made in Bavaria“, die auch bei globalen Handelskrisen handlungsfähig bleibt.

Der Finanz-Turbo: ESG als Enabler

Dass dieses Ökosystem so rasant wächst, liegt an einem fundamentalen Shift in der Finanzwelt. Seit die EU Verteidigungsinvestitionen offiziell als nachhaltigen Beitrag zur Sicherheit eingestuft hat, ist das Stigma verflogen. Investoren wie DTCP mit ihrem 500-Millionen-Euro-Fonds „Project Liberty“ oder die KfW über den „Ukraine Recovery Fund“ treiben die Skalierung voran. DefenseTech ist damit endgültig in den Portfolios institutioneller Anleger angekommen.

Strategie-Checkliste: Der Masterplan für Dual-Use-Gründer*innen

Für Gründer*innen, die in diesen Markt drängen, hat sich das Spielfeld professionalisiert. Wer 2026 erfolgreich sein will, muss diese fünf Punkte erfüllen:

  1. Dual-Use-DNA: Plane Technologie, die zivil (z.B. Katastrophenschutz) und militärisch nutzbar ist, um den Zugang zu ESG-konformen Kapitalspritzen zu maximieren.
  2. Compliance-Automatisierung: Nutze die neuen BAFA-Genehmigungen (AGG 45/46) für beschleunigte Exporte innerhalb der NATO und an strategische Partner.
  3. BSI-Kriterien erfüllen: Militärische Kund*innen akzeptieren nur Hardware, die höchsten Sicherheitsstandards (C5-Kriterien) entspricht.
  4. Operational Feedback-Loops: Suche Kooperationen für „Battle-Testing“. Echte Einsatzdaten sind 2026 die wichtigste Währung für technologische Überlegenheit.
  5. Mission-Driven Recruiting: Nutze den „Schutz der Demokratie“ als USP, um Top-KI-Talente von zivilen BigTech-Konzernen abzuwerben.

Fazit: Agilität schlägt Trägheit

Die Gründung von QFI ist der Beweis, dass Europa seine industrielle Trägheit ablegen kann. Durch die Verbindung von Start-up-Mentalität, staatlicher Rückendeckung und automatisierter Fertigung entsteht eine neue Form der technologischen Souveränität. Für das deutsche Ökosystem bedeutet das: Wir bauen nicht mehr nur Apps – wir bauen die Sicherheit der Zukunft.

Vom Check-in zur Patient*innenakte: Wie Travel-Pionier Salim Sahi mit HoloLogix.AI die Health-IT aufmischt

Vom Reisebuchungssystem zur Sicherheits-Uhr für Senior*innen: Serial Entrepreneur Salim Sahi greift mit HoloLogix.AI greift gleich zwei Milliardenmärkte an: Gesundheitswesen und Hotellerie. Doch wie viel Substanz steckt hinter der Vision?

Gründungslegenden klingen oft zu glatt für die Realität – wie Sahis Skateboard-Unfall, der in einer Notaufnahme zur Idee für sein neuestes Venture führte. Wer den Mann kennt, der in den 90ern mit „Traffics“ die Reisebranche digitalisierte, weiß jedoch: Er macht keine halben Sachen. Jetzt, im Februar 2026, steht er mit einer europäischen Aktiengesellschaft (SE) und einem enorm breiten Versprechen wieder auf dem Platz.

Wie Touristik-Know-how in die Klinik kommt

Der Sprung von der Touristik zur Service-Automatisierung im Gesundheitswesen wirkt wie ein harter Bruch. Doch unter der Haube geht es in beiden Welten um hochvolumige Transaktionen, Termin-Slots und Datenabgleich in Echtzeit. Wer Millionen Pauschalreisen fehlerfrei abwickelt, so die Wette von HoloLogix.AI, beherrscht auch das Termin-Management von Kliniken, Hotels und Restaurants.

Für CEO und Gründer Salim Sahi ist das Projekt dennoch ein „kompletter unternehmerischer Neuanfang“. Gegenüber StartingUp räumt er ein, von 25 Jahren Travel-Tech-Erfahrung zu profitieren, doch seine wahre Passion gelte der künstlichen Intelligenz. Das Herzstück bilde dabei die MIA Service KI: „Wir haben eine holistische KI-Plattform geschaffen, also ein Tool, das ganzheitlich agiert und eingesetzt werden kann.“ MIA verstehe Gespräche, erledige parallel Aufgaben und verbinde Systeme – „rund um die Uhr und branchenübergreifend“. Auch wenn der Fokus aktuell auf Gesundheitswesen und Hospitality liege, sei das System laut Sahi letztlich „nahezu überall einsetzbar, wo Kunden- oder Patientenkontakt herrscht.“

Der Angriff auf die Platzhirsche

Der Markt für Conversational AI ist 2026 kein blauer Ozean mehr. Etablierte Player wie Aaron.ai haben sich tief in die Health-Landschaft eingegraben, flankiert von Plattform-Giganten wie Doctolib. HoloLogix.AI reagiert mit aggressiven Preisen ab 99 Euro im Monat und einer massiven technologischen Breite.

Aber warum sollten Klinikverantwortliche das Risiko eines Wechsels eingehen? Salim Sahi sieht den „Killer-USP“ in der Architektur der Interaktion: „Unser Ansatz ist ein anderer: Statt starrer Skripte bieten wir echte Gesprächsintelligenz durch Conversational AI an.“ Das System sei eine KI, die im laufenden Gespräch aktiv Aufgaben erledige, was eine beispiellose Integrationstiefe erfordere. „Hier gehen wir ganz tief rein und verarbeiten Daten in Echtzeit“, so der CEO. Da Aufgaben direkt ausgeführt werden, optimiere sich das Zeitmanagement drastisch – konzipiert als Omnichannel-Ansatz über Telefon, Website, E-Mail, Wearables oder bald sogar über Robotik.

Die schmale Gratwanderung am Handgelenk

HoloLogix.AI belässt es nicht bei Software, sondern bringt mit der MIA Watch eigene Hardware ins Spiel. Die Smartwatch für Senior*innen soll Stürze erkennen und sofort einen aktiven Sprachdialog führen. Eine Gratwanderung: Reines Assistenz-System oder medizinisches Gerät mit komplexer Zertifizierungspflicht (MDR)?

Prof. Dr. Thomas Fuchs, Co-Founder und Aufsichtsrat für den Bereich Health Care, ordnet das rechtlich eindeutig ein: „MIA Protect ist ein Teil der holistischen KI-Plattform, die mit verschiedenen Health Watches wie z.B. auch der Apple Watch kompatibel ist. Sie ist ein Assistenz- und Companion-System.“ Die Hardware erkenne Stürze, ersetze aber „keine ärztliche Untersuchung oder medizinische Entscheidung“. Um Geschwindigkeit und Nutzer*innenfreundlichkeit zu wahren, bewege man sich „bewusst außerhalb der Medizinprodukt-Zertifizierung (MDR), ohne den Sicherheitsrahmen zu verlassen“.

Ein mehrstufiges Sicherheitsnetz aus Sensorik, KI-Algorithmen und menschlichem Service-Team federt Fehlinterpretationen ab. Haftungsfragen sind laut Fuchs über klare Nutzungsbedingungen geregelt. Für den Mediziner steht ohnehin der „Companion Aspekt“ im Vordergrund: Nach einem Sturz, wenn Patient*innen hilflos am Boden liegen, alarmiere MIA in einer Kaskade Notfallkontakte und beruhige das Unfallopfer, bis Hilfe eintrifft. „MIA Protect soll an diesem Punkt Sicherheit und damit Lebensqualität geben, vielleicht sogar die Möglichkeit schaffen für Senioren, länger selbstbestimmt in ihrem Zuhause zu leben“, resümiert Fuchs.

Pflegeheim und Luxushotel: (K)ein operativer Widerspruch?

Das vielleicht Spannendste an HoloLogix.AI ist das Personal: Salim Sahi hat sich politische und ethische Schwergewichte in den Aufsichtsrat geholt. Darunter Dr. Marcel Klinge, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter und Tourismus-Experte. Er muss Investor*innen den Spagat erklären, warum ein Start-up gleichzeitig Pflegeheime und Luxushotels digitalisieren will – was oft als Warnsignal für operative Verzettelung gilt.

Dr. Marcel Klinge sieht darin jedoch keinen Widerspruch, sondern die Stärke der technischen Basis: „Der gemeinsame Nenner liegt im Kern: Unsere holistische KI-Infrastruktur kann über das Telefon Gespräche führen, kann aber auch über die Website, Health Watches und Devices und direkt im Gespräch Aufgaben ausführen.“ Das Backend orchestriere lediglich Termin-Slots, Daten und Anfragen in Hochgeschwindigkeit. Dabei spiele es schlichtweg keine Rolle, „ob der Kunde Patient in einem Pflegeheim oder Gast in einem Luxushotel ist.“

Wenn die KI-Vision auf den deutschen Fax-Alltag trifft

Ein Blick auf die Website verrät große Visionen, doch diese müssen sich im harten Alltag deutscher IT-Infrastrukturen und oft veralteter Praxis-Server beweisen. Zudem ist die Frage des Datenschutzes elementar: Nutzt das Unternehmen US-amerikanische Sprachmodelle via API, oder hostet man eigene „Sovereign AI“ in Europa?

Für Prof. Dr. Thomas Fuchs sind Datenschutz und Systemintegration absolute Kernpunkte. Um digitale Souveränität zu wahren, setzt das Unternehmen auf einen hybriden Weg: „Wir orchestrieren auf die gängigen sowie auf eigene Modelle auf deutschen Servern, die in Europa bereits genutzt werden.“ Laut Fuchs verlässt man sich dabei nicht nur auf das Versprechen von Sicherheit, sondern arbeitet seit der ersten Stunde eng mit dem renommierten Fraunhofer-Institut zusammen und lässt die eigene Infrastruktur „regelmäßig durch deren Experten prüfen“. Das bloße Versprechen von Sicherheit reicht HoloLogix.AI dabei nicht.

Mehr als nur ein GPT-Wrapper?

HoloLogix.AI ist eine der vielleicht ambitioniertesten Gründungen des Jahres. Technologisch muss es beweisen, dass es mehr ist als ein „GPT-Wrapper“ mit Smartwatch. Aber die Kombination aus Sahis Exekutiv-Erfahrung, Klinges Netzwerk und Fuchs‘ ethischem Korrektiv macht es zu einem spannenden Herausforderer. Wenn die Uhr im Alltag für Sicherheit sorgt – und die KI den deutschen Datenschutz überlebt – könnte aus Berlin der nächste europäische Champion kommen.

Automatisierung vor Hiring, sonst wird Komplexität skaliert

Wer Wachstum vor allem mit Hiring beantwortet, verzichtet damit oft unbewusst auf einen der wichtigsten Hebel moderner Organisationen: Klarheit durch Prozesse und Automatisierung. Tipps und To-Dos.

Wachstum wird in Start-ups oft sehr eindimensional gedacht: mehr Nachfrage gleich mehr Menschen. Sobald Anfragen steigen, Deals reinkommen oder neue Märkte locken, folgt fast automatisch der nächste Hiring-Plan. Dabei wird häufig die Ursache mit Wirkung verwechselt. Nicht fehlende Kapazität bremst junge Unternehmen, sondern fehlende Struktur. Prozesse entstehen improvisiert, Verantwortung wird situativ verteilt, operative Arbeit frisst Fokus. Und irgendwann fühlt sich Wachstum nicht mehr nach Fortschritt, sondern nach Dauerstress an.

Gerade in der Start-up-Branche wird Wachstum zudem stark über sichtbare Kennzahlen bewertet. In Gesprächen mit Investor*innen lautet eine der ersten Fragen häufig nicht Gewinn oder EBITA, sondern: Wie viele Mitarbeitende seid ihr und wie viel Umsatz macht ihr? Die Anzahl der Mitarbeitenden wird damit fast zu einem Statussymbol. Hiring wird nicht nur zur operativen, sondern auch zur psychologischen Größe und ein Zeichen von Fortschritt. Diese Logik verstärkt den Reflex, früh zu skalieren, auch wenn die strukturellen Voraussetzungen dafür noch fehlen. Wer Wachstum vor allem mit Hiring beantwortet, verzichtet damit oft unbewusst auf einen der wichtigsten Hebel moderner Organisationen: Klarheit durch Prozesse und Automatisierung.

Warum Hiring allein selten skaliert

Mehr Menschen im Team wirken wie eine schnelle Lösung. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig ein ähnliches Muster: Neue Kolleg*innen übernehmen Aufgaben, die eigentlich nur deshalb existieren, weil Abläufe unklar oder manuell gewachsen sind. Statt nachhaltiger Entlastung entsteht zusätzliche Koordination.

Typische Symptome sind:

  • operative Aufgaben blockieren strategische Arbeit,
  • Wissen verteilt sich auf einzelne Köpfe,
  • Entscheidungen hängen an Personen statt an klaren Abläufen,
  • Abstimmungen nehmen zu, ohne dass die Wertschöpfung im gleichen Maß wächst.

Das Problem ist nicht Hiring an sich, sondern die Reihenfolge. In vielen Fällen wird Hiring eingesetzt, um kurzfristig Druck rauszunehmen, obwohl das eigentliche Nadelöhr fehlende Klarheit ist. Wer einstellt, bevor Abläufe stabil sind, schafft zwar mehr Kapazität, skaliert aber auch Komplexität.

Prozesse als Voraussetzung für wirksames Wachstum

Prozesse werden in Start-ups häufig mit Bürokratie verwechselt. Tatsächlich sind sie das Gegenteil: Sie reduzieren Reibung. Gute Prozesse verlagern Entscheidungen vom Einzelfall ins System. Sie beantworten zwei zentrale Fragen zuverlässig: Was passiert als Nächstes – und wer ist verantwortlich?

Gerade kleine Teams profitieren davon besonders. Prozesse schaffen keine Starrheit, sondern Handlungsspielraum. Sie machen Arbeit vorhersehbar, Übergaben sauber und Entscheidungen reproduzierbar. Erst auf dieser Grundlage kann ein wachsendes Team seine Stärke wirklich entfalten.

Automatisierung im KI-Zeitalter: neue Möglichkeiten, neue Verantwortung

Mit KI hat sich die Eintrittshürde für Automatisierung massiv gesenkt. Viele Aufgaben, die früher manuell oder individuell erledigt wurden, lassen sich heute zuverlässig unterstützen oder teilweise abnehmen, vorausgesetzt, der zugrunde liegende Ablauf ist klar definiert. Entscheidend ist dabei nicht die Tool-Auswahl, sondern die Frage, was automatisiert wird. Automatisierung verstärkt bestehende Strukturen, gute wie schlechte. Wer unklare Abläufe automatisiert, skaliert keine Effizienz, sondern Chaos. Gleichzeitig gibt es zentrale Bereiche, die sich bewusst nicht oder nur sehr begrenzt automatisieren lassen und auch nicht sollten. Recruiting ist einer davon. Der Aufbau eines funktionierenden Teams lebt von persönlicher Einschätzung, Teamdynamik und kulturellem Fit. Ähnliches gilt für Sales: Vertrauensaufbau, Verhandlung und das persönliche Gespräch bleiben essenziell. Automatisierung ist hier unterstützend, aber kein Ersatz. Besonders geeignet sind Tätigkeiten, die häufig auftreten, wenig kreativen Spielraum haben und auf wiederkehrenden Informationen basieren.

Bereiche, die sich heute besonders gut automatisieren lassen

Lead- und Anfragequalifizierung
Unstrukturierte Anfragen lassen sich mithilfe von KI zusammenfassen, bewerten und priorisieren. Statt jede Anfrage manuell zu prüfen, entstehen klare Kriterien, die relevante von irrelevanten Leads trennen und Follow-ups vorbereiten.

Angebots- und Abrechnungsprozesse
Angebote, Verträge und Rechnungen folgen in vielen Startups ähnlichen Mustern. Automatisierte Vorlagen, angebundene Datenquellen und definierte Freigaben sparen Zeit, reduzieren Fehler und schaffen Transparenz.

Onboarding von Kund:innen und Mitarbeitenden
Onboarding ist kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrender Prozess. Checklisten, automatische Aufgaben und zentrale Informationspunkte sorgen für Verlässlichkeit. KI kann helfen, Informationen zu strukturieren und kontextbezogen bereitzustellen.

Support und interne Anfragen

Ein Großteil von Fragen wiederholt sich. Wissensbasen in Kombination mit KI-gestützter Suche und Antwortvorschlägen entlasten Teams und machen sichtbar, wo Standards fehlen.

Projektmanagement und Übergaben
Klare Projekt-Templates, automatisierte Status-Updates und definierte Trigger reduzieren Abstimmungsaufwand. KI kann dabei unterstützen, Risiken früh zu erkennen oder nächste Schritte vorzuschlagen.

Was Start-ups daraus lernen können

Automatisierung ersetzt keine Entscheidungen, sie macht sie skalierbar. Voraussetzung dafür ist Klarheit über Abläufe, Verantwortlichkeiten und Prioritäten. Wer versucht, Chaos zu automatisieren, verstärkt es lediglich.

Hilfreiche Leitfragen sind:

  • Welche Aufgaben wiederholen sich regelmäßig?
  • Wo entstehen manuelle Engpässe?
  • Welche Tätigkeiten binden qualifizierte Menschen ohne echten Mehrwert?

Die Antworten darauf liefern meist schnell die größten Hebel.

Der KI-Wendepunkt: Systeme und Personal

Nachhaltiges Wachstum entsteht dort, wo Start-ups Systeme aufbauen und diese bewusst mit ihrem Team verzahnen. Nicht, weil Systeme Menschen ersetzen, sondern weil sie Menschen von struktureller Überforderung entlasten. Automatisierung schafft dabei nicht nur Effizienz, sondern Entscheidungsqualität: Wenn Daten sauber fließen, Übergaben klar sind und Standards greifen, werden Prioritäten weniger Bauchgefühl und stärker reproduzierbar.

Der gezielte Einsatz von KI-Tools verschiebt diesen Wendepunkt zusätzlich. Sie können Routinearbeiten abfangen, Informationen aus unstrukturierten Inputs verdichten und Entscheidungen vorbereiten – etwa durch Lead-Vorqualifizierung, Support-Clustering oder zusammengefasste Status-Updates. KI wirkt dabei nicht als Ersatz für Klarheit, sondern als Verstärker funktionierender Prozesse.

Hiring bleibt auch weiterhin essentiell. Seine Wirkung entfaltet es jedoch erst dann vollständig, wenn Prozesse klar sind und Automatisierung sowie KI gezielt unterstützen. So entsteht Wachstum, das nicht nur schneller, sondern auch gesünder ist.

Der Autor Markus Hetzenegger ist Gründer & CEO von NYBA Media. 2018 gegründet, zählt NYBA heute zu den führenden Marketing-Unternehmen im Live-Entertainment.

Rouge: Vom Tabu zum Geschäftsmodell

Die Menstruation ist ein Milliardenmarkt – und dennoch oft unsichtbar. Das von Tina Frey und Patrick Gsell gegründete Start-up Rouge bricht mit diesem Muster. Was Ende 2022 als Vision in der Schweiz begann, hat sich durch geschickte Positionierung und Expansion nach Deutschland zu einem ernstzunehmenden Player im FemTech-Bereich entwickelt.

Die Grundidee von Rouge ist so simpel wie strategisch klug: Statt die Menstruation zu verstecken, wird sie zum sichtbaren Lifestyle-Element. „Mich hat fasziniert, wie sehr die Menstruation unseren Alltag beeinflusst und wie konsequent wir trotzdem darüber schweigen“, erklärt Mitgründerin Tina Frey. „Bald wurde mir klar: Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Dass dieser Ansatz einen Nerv trifft, zeigt der rasche Aufstieg des Unternehmens. Durch gezielte Medienarbeit gelang es dem Team, das Thema aus der Nische in den Mainstream zu heben – Tina Frey positioniert sich dabei konsequent nicht nur als Unternehmerin, sondern als Expertin für Frauengesundheit.

Differenzierung im "Red Ocean"

Im Zentrum der Marke steht der Rouge-Drink, ein Pulver-Supplement mit Eisen, Vitamin B12 und Granatapfel. Doch der eigentliche USP liegt nicht in den Inhaltsstoffen, sondern in der Inszenierung. Die transparente Flasche mit der roten Flüssigkeit fungiert als bewusstes „Statement-Piece“.

Hier gelingt dem Start-up ein entscheidender Schachzug im wachsenden Markt für Zyklusgesundheit: Während Wettbewerber wie FEMNA oder MYLILY auf funktionale Nahrungsergänzung in diskreter Kapselform setzen, inszeniert Rouge die Einnahme als genussvollen Wellness-Moment. Gleichzeitig emanzipiert sich das Duo von den „lauten“ Tabubrechern der Branche wie The Female Company: Rouge setzt weniger auf Provokation durch Hygieneartikel, sondern transformiert die Linderung von Regelbeschwerden von einer medizinischen Notwendigkeit in eine „ästhetische Selbstverständlichkeit“.

„Sichtbarkeit verändert Verhalten“, so Tina Frey. „Die Flasche macht den Zyklus im Alltag sichtbar und löst Gespräche aus. Noch wichtiger: Viele Frauen erleben dadurch eine neue Selbstverständlichkeit und mehr Selbstbewusstsein.“ Dieser Social-Impact-Gedanke ist fest im Geschäftsmodell verankert: Ein Teil der Erlöse fließt in Aufklärungsprojekte. „Sozialer Impact ist kein Marketing-Trick, sondern eine Notwendigkeit“, ergänzt Co-Founder Patrick Gsell. „Gleichzeitig braucht es wirtschaftliche Stabilität, um langfristig bestehen zu können.“

Diverse Kompetenzen als Wachstumstreiber

Hinter der Marke steht ein komplementäres Gründungs-Duo. Tina Frey bringt als Marketing-Expertin das kommunikative Rüstzeug mit, während Patrick Gsell – seit über 20 Jahren Geschäftsführer eines Softwareunternehmens – die strategische Struktur und Skalierungserfahrung liefert. Patrick Gsell, der 2022 den Bund-Essay-Preis gewann, liefert zudem den intellektuellen Unterbau. „Die Hälfte der Menschheit erlebt die Menstruation. Trotzdem betrifft sie die ganze Gesellschaft und nicht zuletzt das Verständnis zwischen Mann und Frau. Genau deshalb finde ich es so spannend, mit Rouge am Anfang eines gesellschaftlichen Wandels zu stehen“, so Patrick Gsell.

Expansion mit lokaler Strategie

Nach der Etablierung auf dem Schweizer Heimatmarkt erreichte Rouge im Herbst 2025 den nächsten Meilenstein: den Markteintritt in Deutschland. Anders als bei reinen Export-Modellen setzt das Start-up hierbei auf lokale Strukturen und Partner vor Ort. „Der deutsche Markt bietet großes Potenzial, aber jede Gesellschaft tickt anders“, begründet Tina Frey den Schritt. Das Ziel bleibt grenzüberschreitend gleich: Die Menstruation soll kein Nischenthema bleiben, sondern als normaler Teil der weiblichen Gesundheit akzeptiert werden – sichtbar gemacht durch eine rote Flasche, die den Dialog eröffnet.

Comeback in der Energiebranche: Ex-Yello-Chef Peter Vest fordert mit neuem Modell den Strommarkt heraus

Mit STARQstrom ist zum Jahresanfang ein neuer Player in den Energiemarkt eingetreten. Das Hamburger Start-up setzt auf ein prominentes Gründer-Duo und ein Modell, das den klassischen Börsenhandel umgehen will. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf dem Preis, sondern auf den wachsenden ESG-Nachweispflichten des Mittelstands.

In der deutschen Energielandschaft meldet sich ein bekanntes Gesicht zurück: Dr. Peter Vest, der ehemalige Geschäftsführer von Yello Strom, hat gemeinsam mit Fabio Griemens zum 1. Januar 2026 den neuen Energieversorger STARQstrom gelauncht. Während Vest die Branchenerfahrung aus der Konzernwelt mitbringt, kommt Co-Gründer Griemens aus der Tech- und Skalierungsecke, mit Stationen im Management von LinkedIn und FREENOW.

Das Duo tritt an, um die Wertschöpfungskette der Stromversorgung zu straffen. Das Kernversprechen des neuen Anbieters liegt in der sogenannten „Direktvermarktung“. Anstatt den erzeugten Strom über die Strombörse zu handeln – wo er oft anonymisiert und wieder zurückgekauft wird –, setzt das Startup auf eine direkte Verzahnung von Erzeugung und Belieferung.

Umgehung der „Doppelschleife“

Das Geschäftsmodell zielt darauf ab, Handelsstufen zu eliminieren. Laut Peter Vest vermeidet das Unternehmen die übliche „Doppelschleife“ über die Börse, bei der Energie zunächst vermarktet und später für die Belieferung wieder beschafft wird. Stattdessen nutzt STARQstrom Energie aus eigenen PV- und Windparks sowie den direkten Einkauf, um sie ohne Umwege an die Endkunden zu bringen.

Diese Strategie soll vor allem Preistransparenz schaffen und die Volatilität abfedern. Im ersten Betriebsmonat nach dem Start im Januar 2026 konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits rund drei Millionen Kilowattstunden (kWh) Grünstrom absetzen.

ESG-Pflichten als Wachstumstreiber

Obwohl das Angebot auch Privatkunden offensteht, visiert das Startup strategisch vor allem den energieintensiven Mittelstand an. Hier identifizieren die Gründer ein drängendes Problem jenseits der reinen Kosten: die bürokratischen Anforderungen der Energiewende.

Unternehmen stehen zunehmend unter Druck, im Rahmen von ESG-Berichtspflichten (Environment, Social, Governance) und Audits die Herkunft ihrer Energie lückenlos nachzuweisen. „Wer heute Strom einkauft, schaut nicht nur auf den Preis, sondern genauso auf Herkunft und Nachweislogik“, erklärt Mitgründer Fabio Griemens die Marktlücke. Da der Strom aus definierten Anlagen in Deutschland stammt und nicht als Graustrom über die Börse fließt, können Herkunftsnachweise für jede Kilowattstunde direkt bereitgestellt werden, was die Compliance-Prozesse für Firmenkunden vereinfachen soll.

Ambitionierte Skalierungsziele

Die Ziele für die Anlaufphase sind sportlich gesteckt. Für das laufende Geschäftsjahr 2026 plant das Hamburger Unternehmen mit einem Volumen von rund 500 GWh im eigenen Bilanzkreis. Gedeckt wird dieser Bedarf durch einen Mix aus PV- und Onshore-Windanlagen, wobei bei Spitzenlasten ergänzend auf Börsenbeschaffung zurückgegriffen werden kann.

Mittelfristig zielt das Gründer-Duo auf den Massenmarkt: Bis Ende 2027 soll rechnerisch eine Menge an Erneuerbarer Energie bereitgestellt werden, die der Versorgung von einer Million Haushalte entspricht. Ob das Modell der direkten Vermarktung angesichts des volatilen Erzeugungsprofils erneuerbarer Energien auch bei dieser Skalierung die versprochene Planungssicherheit halten kann, wird die Marktentwicklung in den kommenden zwei Jahren zeigen.

Dr. Peter Vest und Fabio Griemens werden ihr Konzept dem Fachpublikum erstmals auf der E-World im Februar vorstellen.