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air up - Gründer-der-Woche-Update 2020
Vor gut einem Jahr haben wir air up als "Gründer der Woche" präsentiert. Air up ist das weltweit erste Trinksystem, das Wasser nur durch Duft aromatisiert. Genutzt wird hierfür das sog. retronasale Riechen: Gerüche werden über den Rachenraum zum Riechzentrum in der Nase transportiert und dann vom Gehirn als Geschmack wahrgenommen. Auf das Trinksystem bezogen bedeutet dies: Man setzt einen der Duft-Pods, zum Beispiel Orange-Maracuja oder Kola, auf die mit Leitungswasser gefüllte air up Flasche und los geht's.
Heute – ein Jahr später – wollen wir von Co-Gründerin und Produktdesignerin Lena Jüngst wissen, was inzwischen alles geschehen ist bzw. wohin die unternehmerische Reise von air up geht:
Wie sieht der Erfolg von air up heute in Zahlen aus?
Unser Team besteht inzwischen aus über 60 Mitarbeitern und wir haben bisher mehr als 300.000 air up Trinksysteme verkauft. Wenn man das umrechnet, dann wurden dadurch mehr als 310 Tonnen Zucker und über 10 Millionen 1 Liter PET-Flaschen eingespart. Denn während einer unserer air up Duft-Pods ausreicht, um mindestens fünf Liter Wasser zu aromatisieren, müsste man für die gleiche Menge an Softdrinks drei bis zehn Plastikflaschen kaufen. Da die Themen Gesundheit und Nachhaltigkeit bei uns von Anfang an im Fokus standen, sind diese enormen Zahlen, dieser positive Effekt, den unser Produkt hat, besonders beeindruckend.
Hattest du mit diesem Erfolg gerechnet, als die Produktidee während deines Produktdesign-Studiums als Bachelor-Arbeit entstanden ist?
Ich hätte niemals mit so einem Erfolg gerechnet. Das liegt aber auch daran, dass der Prototyp von air up, also die gemeinsame Abschlussarbeit von meinem ehemaligen Kommilitonen und jetzigen Mitgründer Tim Jäger und mir, als Uniprojekt entwickelt wurde. Aber spätestens, als uns immer mehr Menschen aus unserem Umfeld darauf aufmerksam machten, welche Marktlücke wir hier entdeckt haben und was für ein enormes Potenzial in dem Produkt steckt, haben wir angefangen, die Flasche ernsthaft weiterzuentwickeln. Und als wir dann Ende 2017 unser erstes Gründerstipendium erhalten haben, dann schon gemeinsam mit unseren drei Mitgründern, wusste ich, dass es jetzt ernst wird. Wir haben unsere bisherigen Karrierewege unterbrochen, sichere Jobangebote ausgeschlagen – bei mir beispielsweise eine Anstellung bei Philips in Shanghai – und haben unsere ganze Energie in air up gesteckt.
Du bist von dem Ansatz eines "Life-Centered Designs" überzeugt. Was verbirgt sich dahinter und welchen Stellenwert hat dies bei air up?
Unter Life-Centered Design versteht man den Ansatz, dass Produkte nicht mehr nur den Ansprüchen der Menschen gerecht werden sollen, sondern auch alle anderen betroffenen Bereiche in Betracht ziehen müssen, wie die Themen Nachhaltigkeit oder Gesundheit. Wir sind fest davon überzeugt, dass nur solche Produkte eine Zukunft haben – und haben sollten. air up funktioniert nach diesem Prinzip: Es erfüllt das menschliche Bedürfnis nach Geschmack und Convenience, ist aber gleichzeitig nachhaltiger und gesünder als bestehende Getränke mit Geschmack. Wir wollen unsere Kunden nicht zu einem bestimmten Lebenswandel überreden oder zwingen sondern wollen sie zu einem gesunden und nachhaltigen Lebensstil inspirieren.
Wie hast du dich seit der Gründung verändert – in der Denke, als Unternehmerin, Co-Gründerin, Vorgesetzte?
In den letzten Jahren musste ich definitiv über mich hinauswachsen. Ich bin anfangs relativ naiv und unbedarft an die ganze Gründung herangegangen und musste vieles erst lernen – Learning by doing sozusagen. Ich habe ja einen küstlerischen und kreativen Hintergrund und musste mir viel Wissen, zum Beispiel wie man ein Unternehmen gründet und führt, erst aneignen. Am Anfang haben mein Team und ich zum Beispiel immer sehr kurzfristig geplant und der Fokus lag darauf, unser Produkt zur Marktreife zu entwickeln und Investoren und Hersteller für unsere Duft-Pods zu finden. Jetzt geht es darum, langfristig zu planen, unser Unternehmen und unsere Marke zu festigen und zukunftsfähig zu machen. Ein Meilenstein auf diesem Weg war zum Beispiel unser umfassendes Rebranding, das wir Mitte August abgeschlossen haben. Meine Rolle hat sich in der Zeit ebenfalls verändert – inzwischen bin ich nicht mehr so viel im operativen Geschäft tätig, sondern konzentriere mich als „Chief Evangelist“ auf die innovative und kreative Entwicklung, die Trendforschung und die Mitgestaltung bei Design und Marketing.
Was sind neben Corona die aktuell größten Herausforderungen, denen ihr euch als junges Start-up zu stellen habt?
Wir sind als Firma überraschend gut durch die Corona-Krise gekommen. Unser Produkt hat sich weiterhin sehr gut verkauft und die Remote-Arbeit, die bei uns vorher schon möglich war, bedeutete keine grundlegende Umstellung für unser Team. Eine große Herausforderung in den letzten Wochen und Monaten war aber, dass unsere Umsätze und Verkaufszahlen sogar deutlich höher ausgefallen sind, als in unseren optimistischsten Planungen. Deswegen hatten wir in den letzten Wochen leider manchmal Lieferschwierigkeiten für einzelne Geschmacksrichtungen, die aber sehr bald behoben sein werden.
Bisher ist es keinem Getränke-Riesen oder Lebensmittelproduzenten gelungen, etwas Ähnliches zu entwickeln. Welche weiteren Möglichkeiten siehst du für air up?
Ja – interessant. dass noch niemand davor darauf gekommen ist, oder? Für mich ein Zeugnis davon, dass leider noch nicht viele große Firmen genug Freiraum für kreative und disruptive Innovationen geschaffen haben. Ich bin sehr froh und stolz, dass wir bei air up diesen Freiraum bieten können.
Was die Entwicklung betrifft, so arbeiten wir zum einen natürlich stetig daran, unser Produkt zu verbessern, auf Kundenwünsche einzugehen und neue Geschmackssorten auf den Markt zu bringen, etwa vor wenigen Wochen Kola. Aber das Prinzip des retronasalen Riechens und die Technologie hinter air up bieten viele spannende Ansätze, nicht nur in der Getränkeproduktion. So könnte man eigentlich unschmeckbare Dinge wie etwa Fliegenpilz oder Sommerregen schmeckbar zu machen.
Und Kindern könnte man Medizin oder Brokkoli durch reine Beduftung schmackhafter machen. Außerdem können Allergiker endlich in den Genuss von etwa Früchten oder Nüssen kommen, denn der Duft alleine kann keine allergische Reaktion hervorrufen. Den Möglichkeiten sind also fast keine Grenzen gesetzt.
Frank Thelen und Ralf Dümmel waren von Anfang an als Investoren mit an Bord - wie hat sich deren Engagement entwickelt?
Klar hat sich deren Rolle mit der Zeit verändert. Am Anfang haben sie uns sehr stark bei operativen Aufgaben unter die Arme gegriffen, zum Beispiel bei den Themen Produktion und Unternehmensaufbau. Einfach weil es uns an Erfahrung und Ressourcen gefehlt hat. Mittlerweile haben wir uns aber in diese Bereiche extrem tief eingearbeitet und unsere Ressourcen haben sich verzwölffacht. Heute stimmen wir uns nur noch bei größeren und strategischeren Fragen mit unseren Investoren ab.
Was sind eure Plane für die kommenden 12 Monate?
Neben der Entwicklung neuer Geschmacksrichtungen und der Weiterentwicklung unserer Produkte werden wir auch in andere europäische Märkte expandieren. Außerdem ist ein ganz klares Ziel, noch nachhaltiger zu werden. Wir haben es bereits geschafft, innerhalb weniger Monate die Verpackungen unseres Startersets und der Duft-Pods noch kleiner und ressourcenschonender zu gestalten, um noch mehr Karton und Kunststoff einzusparen. Und wir verlagern bis nächstes Jahr unsere komplette Produktion nach Europa.
Und was willst du anderen Gründerinnen und Gründern aus eigener Erfahrung mit auf den Weg geben?
Zunächst einmal bin ich fest davon überzeugt, dass mehr Kreative und mehr Frauen in Führungspositionen gehören. Vor allem diesen beiden Gruppen, aber natürlich auch allen anderen Gründerinnen und Gründern möchte ich sagen, dass es sich definitiv lohnt, an sich und seine Idee zu glauben, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und nicht zu kritisch mit sich zu sein. Man muss aber auf jeden Fall bereit sein, neue Dinge zu lernen – wie in meinem Fall etwa über BWL und Finanzen – und es hilft enorm, sich Partnerinnen und Partner zu suchen, die die eigenen Fähigkeiten ergänzen. Und man sollte keine Angst davor haben, sich Beratung und Hilfe zu holen. Mein Motto lautet: „Lebe lieber ein Leben mit extremen Höhen und Tiefen, als eines in der langweiligen Mitte.“
Danke für das Update und weiterhin viel unternehmerischen Erfolg und Spaß!
Das Interview führte Hans Luthardt
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Wer sind die Investor*innen?
Die Finanzierung dieser Transformation ruht auf vier stabilen Säulen, wobei sich die Landschaft der Kapitalgeber massiv professionalisiert hat. Spezialisierte VCs wie Amathaon Capital oder der Green Generation Fund bringen das nötige Branchenwissen mit, während institutionelle Schwergewichte wie Point Nine, HV Capital oder Lakestar die technologische Skalierung finanzieren. Hinzu kommen Corporate VCs von Konzernen wie der BayWa oder KWS Saat, die den Start-ups den direkten Marktzugang zur Landwirtschaft ermöglichen.
Hinter den großen Fondskonstruktionen bewegen sich zudem die Business Angels als unverzichtbares Schmiermittel der frühen Phasen. Hier treffen Impact-Pionierinnen wie Christian Vollmann oder Verena Pausder auf eine neue Generation von „Founder-Angels“, die ihr Kapital nun in die planetare Gesundheit reinvestieren. Besonders spannend ist 2026 das Aufkommen von „Agri-Insider-Syndikaten“: Zusammenschlüsse erfahrener Landwirtinnen und mittelständischer Zulieferer, die über Netzwerke wie die Business Angels Region Stuttgart (BARS) oder Plattformen wie Companisto agieren.
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Die AgrarTech-Landschaft 2026 ist dynamischer denn je. Für unseren Report haben wir über 50 aktive deutsche Start-ups analysiert. Die Auswahl erfolgte nach einer gewichteten Matrix aus Marktrelevanz, technologischem Reifegrad, Sektor-Diversität und dem Vertrauen namhafter Investor*innen. Die folgende Liste bildet einen Mix aus etablierten „Leuchtturm-Projekten“ und hochspannenden Newcomern ab.
Klim (Berlin) – Die Pioniere des Carbon Farming
Gegründet im Jahr 2020 von Dr. Robert Gerlach, Nina Mannheimer und Adiv Maimon, hat sich Klim zum führenden Insetting-Marktplatz entwickelt. Das Geschäftsmodell basiert auf einer B2B-Plattform, über die Lebensmittelkonzerne für die Dekarbonisierung ihrer Lieferketten bezahlen. Klim nutzt diese Gelder als Prämie für Landwirte und macht regenerative Landwirtschaft so zertifizierbar. Mit einer kürzlich abgeschlossenen, gewaltigen Series-A-Finanzierung von 22 Millionen US-Dollar – angeführt von BNP Paribas – gilt das Team als absoluter Vorreiter für grüne Lieferketten in Europa.
Constellr (Freiburg) – Der Fiebermesser der Erde
Dieses Spin-off des Fraunhofer EMI wurde 2020 von Dr. Max Gulde, Marius Bierdel und Christian Mittermaier ins Leben gerufen. Constellr bietet „Data-as-a-Service“ an: Agrarkonzerne und Versicherer abonnieren hochpräzise Daten thermaler Infrarot-Mikrosatelliten. Der USP liegt in der weltweit einzigartigen Temperaturmessung der Erdoberfläche, die Trockenstress bei Pflanzen identifiziert, bevor er sichtbar wird. Dank einer massiven Series-A-Runde im Februar 2026 beläuft sich die Gesamtfinanzierung des Teams mittlerweile auf rund 75 Millionen Euro. Mit dem frischen Kapital von Lead-Investoren wie Lakestar und Alpine Space Ventures (sowie frühen Unterstützern wie Amathaon Capital) skaliert das Start-up seine Satellitendaten nun neben der Landwirtschaft auch hochprofitabel in den europäischen Verteidigungs- und Sicherheitssektor.
feld.energy (München) – Agri-PV neu gedacht
Das von Dr. Adrian Renner und Lukas Zels im Jahr 2022 gestartete Start-up feld.energy fungiert als Full-Service-Projektentwickler für Agri-Photovoltaik. Das Geschäftsmodell kombiniert für Landwirte eine risikofreie Flächen-Doppelnutzung mit einem lukrativen Pachtmodell: feld.energy plant, baut und betreibt die Anlagen, während die Höfe garantierte Pachteinnahmen erzielen. Landwirt*innen erhalten so einen unkomplizierten Zugang zu Systemen, die Strom und Ernte auf derselben Fläche ermöglichen. Im September 2025 sicherte sich das Team eine Seed-Runde von über 10 Mio. Euro unter der Führung von HV Capital, um den Rollout dieses Modells in Deutschland massiv zu beschleunigen.
Nature Robots (Osnabrück) – Autonomie ohne GPS
Dr. Sebastian Pütz, Sven Lake und Gerrit Woeckner gründeten Nature Robots 2022 als Spin-off des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), um die Feldrobotik zu revolutionieren. Ihr Modell setzt auf Softwarelizenzierung: Die smarte KI-Navigation wird an Landmaschinenherstellerinnen lizenziert oder als Abo-Modell für Endkund*innen angeboten. Der technologische Durchbruch liegt in der 3D-Navigation für komplexe Umgebungen wie den Weinbau oder Agroforstsysteme, die komplett ohne GPS-Signal funktioniert. 2025 erhielt das Start-up eine gewaltige Förderung in Höhe von 6,5 Millionen Euro durch den EU EIC Accelerator.
Twogee Biotech (München/Martinsried) – Zirkuläre Biomasse
Als einer der jüngsten Player in der Liste starteten Frank Wallrapp und Helge Jochens 2024 Twogee Biotech. Ihr B2B-Modell umfasst die Produktion und Lizenzierung maßgeschneiderter Enzymlösungen zur Aufbereitung agrarischer Reststoffe. Sie industrialisieren zirkuläre Systeme, um aus Abfällen nachhaltige 2G-Rohstoffe (insbesondere Zucker) für die chemische Industrie zu generieren. Im Januar 2026 schloss das Team eine Seed-Finanzierung über 2,16 Mio. Euro ab, an der unter anderem der HTGF und Bayern Kapital beteiligt sind.
VetVise (Hannover) – KI für das Tierwohl
Das von Johannes Schmidt-Mosig, Jakob Wendt und Norman Caspari im Jahr 2020 gegründete Start-up nutzt Deep Learning zur Stall-Überwachung. Über ein „Hardware-enabled SaaS“-Modell zahlen Betriebe eine monatliche Abo-Gebühr für die KI-Auswertung installierter Kameras. VetVise erkennt Krankheiten und Stress bei Schweinen und Geflügel rund um die Uhr, oft mehrere Tage bevor Symptome für den Menschen sichtbar sind. Das Start-up wird strategisch durch ein Millionen-Investment von LV digital (Landwirtschaftsverlag) unterstützt, um die internationale Skalierung voranzutreiben.
hexafarms (Berlin) – KI für Gewächshäuser
Gegründet 2021 von David Ahmed und Ilias Attici, optimiert hexafarms die Indoor-Produktion. Über ein B2B-SaaS-Modell abonnieren Gewächshausbetreiber*innen eine Software, die das Pflanzenwachstum exakt vorhersagt. Der USP liegt in der drastischen Reduktion von Ernteverlusten und einer Ertragssteigerung von bis zu 30 % durch präzise Algorithmen. Das Team konnte nach einer ersten Pre-Seed-Runde Ende 2025 eine signifikante Seed-Finanzierung über 6 Mio. Euro einsammeln, angeführt von Speedinvest, um die KI-gestützte Ernteprognose global zu skalieren.
Root Global (Berlin) – Das Betriebssystem für grüne Lieferketten
Eric Oancea und Maurice Hensl entwickelten 2022 das „RootOS“, ein B2B-SaaS-Modell für die Lebensmittelindustrie. Die Software berechnet den Product Carbon Footprint (PCF) vollautomatisiert und in Echtzeit – ein entscheidender Faktor, um die komplexen Scope-3-Emissionen vom Bauernhof bis zum Verkaufsregal transparent zu machen. Mit einer Seed-Runde von 8 Mio. Euro durch Point Nine Capital im August 2024 gilt Root Global heute als technisches Rückgrat für die ESG-Compliance großer Molkereien und Lebensmittelkonzerne.
vGreens (Essen) – Vertical Farming 2.0
Das Team um Dr. Maximilian Hartmann, Claas Ahrens, Dr. Stefan Hey und Dr. Caspar Krampe beweist seit 2022, dass Indoor-Farming technologisch und wirtschaftlich profitabel ist. Ursprünglich als Premium-Produzent gestartet, basiert das heutige B2B-Modell auf der Lizenzierung ihrer „vGreensLab“-Software und dem Verkauf automatisierter Industriemodule. Dank hocheffizienter KI-Klimamodelle und Hyperspektralkameras identifiziert das System den Bedarf jeder einzelnen Pflanze in Echtzeit. vGreens ist mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem NEXT GEN UNICORN Award, und skaliert seine Technologie aktuell über eine Tochtergesellschaft in Singapur auf den asiatischen Markt.
Hula Earth (München) – Biodiversität messbar machen
Florian Geiser und David Schmider starteten 2023 mit dem Ziel, Artenvielfalt quantifizierbar zu machen. Als „Data-as-a-Service“ bieten sie Unternehmen rechtssichere Biodiversitäts-Daten für das ESG-Reporting an. Ihr USP ist die Kombination aus eigenen „BioT“-IoT-Sensoren, Bioakustik zur Tierstimmen-Erkennung und Satellitendaten, um verifizierbare Biodiversitäts-Zertifikate zu ermöglichen. Ende 2024 sammelte Hula Earth eine Pre-Seed-Runde von 1,6 Mio. Euro unter der Führung von Point Nine Capital ein, um die weltweit erste Echtzeit-Plattform für Natur-Investments zu skalieren.
Der Blick über den Tellerrand
Abschließend zeigt der Blick ins Ausland, was uns morgen erwartet. In Israel und Kalifornien wird WaterTech durch KI-gesteuerte Smart-Irrigation zur Präzisionsdisziplin erhoben, während in den USA die Genschere CRISPR nach der neuen EU-NGT-Regulierung nun auch in Europa für einen Milliardenmarkt bei klimaresilientem Saatgut sorgt. In Indien boomen Smart-Contract-basierte parametrische Versicherungen, die bei Dürre-Ereignissen automatisiert via Satellitendaten auszahlen, und Singapur treibt die Precision Fermentation voran, um hochwertige Proteine und Fette ressourcenschonend in Bioreaktoren zu brauen.
Fazit: AgTech ist erwachsen geworden
Der Agrar-Sektor ist 2026 das Epizentrum der Climate-Tech-Bewegung. Die Gewinner*innen sind jene, die robuste Hardware mit intelligenter Software und tiefer Biotechnologie kreuzen. Die „Grüne Agrartechnologie“ ist kein bloßes Versprechen mehr – sie ist die hocheffiziente, datengetriebene Realität unserer Ernährungssicherung.
KI-Müdigkeit im Team? Warum Friction-Maxxing jetzt die Antwort ist
Nach all der Euphorie über KI-Tools macht sich bei immer mehr Menschen eine gewisse KI-Müdigkeit breit. Die Technologie hat die Arbeitswelt im Sturm erobert – doch in Unternehmen wachsen die Zweifel: Macht KI wirklich alles einfacher oder trägt sie sogar zu sinkendem Engagement bei? Dr. Arne Sjöström von Culture Amp erklärt, warum Unternehmen jetzt auf Friction-Maxxing setzen sollten.
Friction-Maxxing ist ein Trend aus dem Lifestyle-Bereich, der jedoch auch großes Potenzial für die Arbeitswelt und den strategischen Einsatz von KI in Unternehmen hat. Gemeint ist damit ein Verhalten, bei dem man bewusst mehr kleine Hindernisse und Hürden in Arbeitsprozessen akzeptiert.
Der große Vorteil: Durch eine bewusste Verzögerung wird das Urteilsvermögen geschärft, das Engagement vertieft und die mentale Resilienz der Mitarbeitenden gestärkt.
Friction-Maxxing als Gegengewicht zur KI-Dominanz
Insbesondere für Führungskräfte und das mittlere Management bietet Friction-Maxxing die Möglichkeit, produktive Reibung in Entscheidungsprozesse zurückzubringen. Durch die Rückkehr zu mehr persönlichen Begegnungen und analogen Arbeitsabläufen entstehen Dinge, die in digitalen Formaten schlicht verloren gehen:
- Konzentrierte Aufmerksamkeit.
- Psychologische Sicherheit.
- Wichtige nonverbale Signale.
Persönliche Begegnungen ermöglichen einen konstruktiven Austausch und helfen Teams dabei, ein gemeinsames Verständnis von Qualität zu entwickeln. Am Ende geht es nicht darum, unnötige Hürden aufzubauen, sondern das richtige Maß an „Reibung“ zu gestalten: Analoges für einen besseren Umgang mit Ambiguität, Kreativität und richtungsweisenden Entscheidungen – Digitales für die Umsetzung.
Fokus und Sinnhaftigkeit zurückerobern
Positive Reibung kann als dringend benötigtes Gegengewicht zur KI-getriebenen Beschleunigung in der Arbeitswelt fungieren und den Fokus wiederherstellen. Sei es durch das gründliche, manuelle Überdenken eines Briefings oder den bewussten Wunsch nach persönlichem Austausch anstelle eines asynchronen Chats. Wer sich Zeit zum Denken, Begegnen und Gestalten zurückerobert, ermöglicht es Teams, sich wieder mit ihrem eigentlichen Auftrag und ihren Ansprüchen zu verbinden – Qualitäten, die KI-Automatisierung allein niemals erreichen kann.
Dieses geänderte Verhalten führt zu mehr Präsenz, weniger Angst und einem gestärkten Gefühl der Kontrolle. Der bewusst gewählte, nur scheinbar umständlichere Weg kann somit zu mehr Autonomie und tieferer Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen.
Ein Plädoyer für intentionale Reibung
Die Aufgabe moderner Führungskräfte ist es daher, bei menschenzentrierten Tätigkeiten ganz bewusst sogenannte intentionale Reibung herbeizuführen und KI parallel dazu zu nutzen, den täglichen administrativen Arbeitsaufwand zu minimieren.
Unternehmen müssen klar benennen, wo KI ihre Stärken hat und eingesetzt werden soll – und wo menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Urteilsvermögen und kritisches Denken absolut unersetzlich sind. So gibt man Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, die wirklich zählt und echten Mehrwert schafft.
Friction-Maxxing ist somit weniger ein Plädoyer gegen die Technologie, sondern vielmehr ein Aufruf zur Intentionalität: Dem bewussten Abwägen darüber, wann Prozesse automatisiert werden sollten und wann gerade der Widerstand den entscheidenden Unterschied machen kann.
Der Autor Dr. Arne Sjöström ist Regional Director, People Science EMEA bei Culture Amp. Sein Schwerpunkt liegt in der Organisationspsychologie und der angewandten Forschung.
Mio.-Funding und leergekaufte Lager: Die Entwicklung des BioTech-Start-ups PerioTrap
Ein selektiver Wirkstoff gegen Parodontitis, ausverkaufte Zahnpasta-Bestände und frisch eingesammelte 2,9 Mio. Euro: Das BioTech-Start-up PerioTrap verzeichnet derzeit ein starkes Momentum. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell? Eine Analyse zwischen wissenschaftlicher Innovation, Crowdinvesting-Strategie und zahnmedizinischer Realität.
Das Timing war für PerioTrap günstig. Als die Fraunhofer-Gesellschaft Anfang 2026 eine Mitteilung über den neuartigen Wirkstoff des Start-ups gegen Parodontitis veröffentlichte, war das Medienecho groß. Die Folge: Die neu gelaunchte Mikrobiom-Zahnpasta des Unternehmens war innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft. Auf diesen kommerziellen Soft-Launch folgte nun der finanzielle Nachschlag. Laut den offiziellen Angaben der Crowdinvesting-Plattform Companisto flossen in der aktuellen Finanzierungsrunde insgesamt 2,9 Millionen Euro in die Kassen, getragen vom Business-Angel-Netzwerk Companisto sowie einem Co-Investment der bmp Ventures (IBG-Fonds). Doch was macht PerioTrap für Anleger so interessant?
Von der Petrischale zum Produkt
Die Wurzeln von PerioTrap reichen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals begann die Erforschung des Parodontitis-Erregers Porphyromonas gingivalis im Rahmen des internationalen, EU-geförderten Forschungskonsortiums TRIGGER. Treibende Kraft war der Pharmazeut Dr. Mirko Buchholz, der mit über 25 Jahren Erfahrung in der Wirkstoffentwicklung den Kern der heutigen Technologie erfand. 2019 folgte gemeinsam mit dem Wirtschaftsexperten Pierre Tangermann (heute CEO) die offizielle Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Weinberg Campus in Halle (Saale).
Die Arbeitsteilung der Gründer ist klassisch: Buchholz fungiert als wissenschaftlicher Kopf (CSO), Tangermann übersetzt die Forschung als CEO in eine für Investor*innen verständliche „Equity Story“. Spätestens mit dem Gesamtsieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland im Jahr 2020 erlangte das Duo überregionale Sichtbarkeit, die konsequent für die Kapitalsuche genutzt wurde.
Modulation statt Breitbandwirkung
Der Markt, auf den PerioTrap zielt, ist groß. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung; laut der repräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) leidet mehr als die Hälfte der Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren an einer moderaten oder schweren Form. Die bisherigen Branchenstandards setzen meist auf Breitbandantibiotika oder Antiseptika wie Chlorhexidin. Das Problem dieser Lösungen: Sie greifen das gesamte orale Mikrobiom an und reduzieren auch die nützlichen Bakterien. Bei der Regeneration sind die aggressiven Parodontitis-Erreger oft schneller als die gesunden Bakterien – ein medizinischer Teufelskreis.
PerioTrap setzt stattdessen auf Selektivität. Nach Unternehmensangaben hemmt der patentierte Wirkstoff gezielt ein Enzym (die bakterielle Glutaminylcyclase) des Leitkeims P. gingivalis. Die krankmachenden Eigenschaften des Erregers sollen so blockiert werden, ohne das restliche Mikrobiom anzugreifen. Neben der frei verkäuflichen Zahnpasta für Endkund*innen positioniert das Start-up auch ein professionelles Pflege-Gel für die zahnärztliche Praxis. Zukünftig sollen Haustiere als weiterer Markt erschlossen werden.
Innovation oder ergänzendes Präparat?
Bei aller positiven Resonanz im Crowdinvesting darf das Geschäftsmodell kritisch eingeordnet werden:
- Die Grenzen der Biologie: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) lobte in einem aktuellen Statement vom Februar 2026 zwar den innovativen Ansatz aus den Laboren. Die Fachgesellschaft warnt jedoch davor, Parodontitis auf ein spezifisches Bakterium zu reduzieren. Es handele sich um eine polymikrobielle Infektion aus einem Zusammenspiel Hunderter Bakterienarten. Der PerioTrap-Wirkstoff attackiert den „Leitwolf“, kann die komplexe Krankheit als alleiniges Mittel jedoch nicht besiegen.
- Keine „Abkürzung“ für Patient*innen: Für den/die Endkund*innen birgt die Zahnpasta im Premium-Preissegment die Gefahr einer trügerischen Sicherheit. Gemäß den zahnmedizinischen Leitlinien der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Fachgesellschaften kann ein kosmetisches Zahnpflegeprodukt eine professionelle Diagnostik, mechanische Taschenreinigung und Therapieplanung beim Zahnarzt bzw. bei der Zahnärztin nicht ersetzen. Klinische Langzeitstudien am Menschen müssen erst noch beweisen, ob die Zahnpasta im Patient*innenalltag signifikante Effekte auf klinische Parameter wie Sondierungstiefen und Zahnfleischbluten hat.
- Crowdfunding als strategisches Instrument: Tangermann nutzt Plattformen wie Companisto sehr bewusst. Das bringt nicht nur Kapital, sondern auch sofortige Kund*innenkreise. Gleichzeitig räumt das Management ein, dass durch den Zuwachs an hunderten Kleininvestor*innen der administrative Abstimmungsprozess deutlich komplexer wird.
Klarer Fokus auf den Trade-Sale
Für die Start-up-Szene ist PerioTrap ein Beispiel dafür, wie komplexe „DeepTech“-Forschung in ein Consumer-Product übersetzt wird. Der Vertriebs-Soft-Launch als B2C-Zahnpasta generiert erste Umsätze, erzeugt mediale Aufmerksamkeit und senkt das wahrgenommene Risiko für institutionelle Investoren.
Doch das Endkunden-Geschäft mit Zahnpasta ist höchstwahrscheinlich nicht das finale Ziel der Gründer. Die Unternehmensstrategie deutet auf einen klassischen Trade-Sale hin: Man positioniert sich im stark wachsenden Segment der „Microbiome Oral Care“, baut Marktpräsenz und einen „Proof of Concept“ auf und macht sich als Übernahmeziel attraktiv. Große Akteure wie Colgate, GC Dental oder Haleon suchen kontinuierlich nach Innovationen in diesem Bereich.
PerioTrap hat mit dem jüngsten Funding und dem Verkaufsstart bewiesen, dass eine Nachfrage besteht. Nun folgt die anspruchsvollere Phase: Die Skalierung der Produktion und der wissenschaftliche Beweis, dass das große Interesse an der Mikrobiom-Zahnpasta dauerhaft gerechtfertigt ist und sich als fester Bestandteil der zahnmedizinischen Prävention etablieren kann.
Better Sol: Zweites Leben für die Solarwende
Wie das 2023 von Mirko Laube und Luisa Schulze gegründete Start-up Better Sol den PV-Gebrauchtmarkt aufmischen will.
Das Braunschweiger Start-up Better Sol erhält rund 125.000 Euro Förderung aus dem „Green Startup“-Programm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), um gebrauchte Solarpaneele in großem Stil zurück in den Markt zu bringen.
Hinter dem Start-up stehen Luisa Schulze und Mirko Laube. Better Sol entstand ursprünglich im Sommer 2022 als Ausgründung des Magdeburger Recycling-Unternehmens Solar Materials und agiert seit 2023 als eigenständige GmbH am Standort Braunschweig. Während sich die ehemalige Muttergesellschaft auf das komplexe werkstoffliche Recycling von Modulen konzentriert, widmet sich Better Sol voll und ganz dem „Second Life“ – also der direkten Wiederverwendung der noch intakten Platten.
KI-gestützte Prüfung statt Schredder
Die Beschaffungsseite von Better Sol zielt primär auf große Solarparks ab. Die Betreiber tauschen dort häufig größere Mengen an Solarmodulen recht früh in ihrem Lebenszyklus durch neuere, leistungsstärkere Modelle aus. Um diese Module vor dem Müll zu bewahren, hat das Better-Sol-Team mittels DBU-Förderung ein in Teilen automatisiertes Testsystem mit eigener Software auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt.
Der Prüfprozess beginnt mit einer mehrstufigen optischen Untersuchung, bei der sowohl grobe Beschädigungen als auch jede Solarzelle einzeln begutachtet werden. Im Anschluss folgen eine eingehende Prüfung der elektrischen Sicherheit sowie eine Leistungsüberprüfung, die misst, wie viel Watt das Produkt im Vergleich zur ursprünglichen Leistung noch liefert. Die Software führt all diese Daten automatisiert zu einer detaillierten Leistungsprognose zusammen. Jedes funktionstüchtige Modul erhält ein Label mit den Testdaten, einer zugewiesenen Leistungsklasse und einem umfangreichen Prüfprotokoll. Nur der endgültige Rest wird zum Recycling aussortiert. Der Vertrieb erfolgt direkt über die Internetseite von Better Sol. Zielgruppe sind oft Privathaushalte oder die Dächer größerer Fabrikhallen.
Der Markt und die Technologie im Wettbewerbsvergleich
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verbucht die Photovoltaik mittlerweile einen Anteil von etwa 24 Prozent und ist damit der zweitwichtigste Energieträger der inländischen Stromerzeugung. Das Reservoir an ausgemusterten, aber noch funktionierenden Modulen wächst rasant. Laut Schulze ist im Schnitt jedes zweite gebrauchte Solarmodul noch für eine erneute Nutzung geeignet. Doch der Gebrauchtmarkt professionalisiert sich zusehends.
Better Sol setzt aktuell auf eine pragmatische, KI-gestützte Teilautomatisierung und plant als nächsten logischen Entwicklungsschritt eine mobile Testanlage, um die Solarmodule direkt dort zu testen, wo sie ausgemustert werden. Genau in diesem logistisch entscheidenden Bereich der Vor-Ort-Prüfung operiert bereits der etablierte Wettbewerber 2ndlifesolar, eine Marke der großen Buhck Gruppe. 2ndlifesolar greift auf ein deutschlandweites Logistiknetzwerk zurück und kombiniert stationäre Erstbehandlungsanlagen mit mobilen Prüflaboren. Technologisch geht das Unternehmen tief in die industrielle Qualitätssicherung und führt standardmäßig Elektrolumineszenz-Prüfungen durch, um unsichtbare Mikrorisse im Vorfeld zu detektieren.
Einen völlig anderen, stark hochskalierten Weg bestreitet das österreichische CleanTech-Start-up 2nd Cycle. Das Unternehmen betreibt eine vollautomatische Inspektions- und Upcycling-Anlage im industriellen Hochdurchsatz und nutzt neben klassischer Robotik auch patentierte hyperspektrale Analysen aus der Raumfahrt, um Zellalterungen frühzeitig zu erkennen.
Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg
Das Vorhaben von Better Sol leistet einen fundamentalen Beitrag, um noch leistungsfähige Materialien durch geschickte Kreislaufwirtschaft für eine Weiternutzung zu erhalten, damit die Bemühungen für mehr erneuerbare Energien nicht ins Stocken geraten. Dennoch muss sich das Geschäftsmodell in einem harten Wettbewerb beweisen.
Die Handwerkerkosten für den Aufbau einer PV-Anlage auf einem Eigenheim sind hoch und fallen völlig unabhängig davon an, ob man neue oder gebrauchte Paneele installiert. Gleichzeitig steht der Markt unter enormem Preisdruck durch historisch günstige asiatische Neuware. Wenn fabrikneue Module extrem billiger werden, schwindet das Argument der finanziellen Ersparnis bei Gebrauchtmodulen mit kürzerer Restlebensdauer. Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von Better Sol liegt daher in der rigorosen Minimierung der eigenen Logistik- und Prozesskosten. Die geplante mobile Testanlage und die zusätzliche Automatisierung des Testsystems sind für das Start-up essenziell, um künftig auch größere Ausmusterungen von Solarparks wirtschaftlich bewältigen zu können.
Die Müsli-Macher und die Kälte: Das neue Millionen-Projekt von Kraiss & Mahler
Dass sie Märkte revolutionieren können, haben die Freda-Gründer bereits bewiesen – nun steht die Tiefkühlkette auf dem Prüfstand. Mit einem mutigen Modul-Konzept fordern Philipp Kraiss und Christian Mahler die Industrie-Riesen im Supermarktregal heraus.
In der Start-up-Welt ist der Begriff Seriengründer*in oft ein zweischneidiges Schwert: Das Vertrauen der Investor*innen ist hoch, doch die Fallhöhe nach einem Erfolg wie mymuesli ebenso. Philipp Kraiss und Christian Mahler haben sich mit ihrem 2023 gegründeten Food-Start-up Freda bewusst gegen ein „Me-too-Produkt“ und für eine operative Wette auf die Zukunft der Tiefkühlkette entschieden. Mit einem mutigen Modul-Konzept fordern sie die etablierten Industrie-Riesen im Supermarktregal heraus. Die Prämisse: Der Markt für Tiefkühlkost (TK) wächst – auf über 22,6 Milliarden Euro im Jahr 2024 –, ist aber durch extremen Preisdruck und eine veraltete Produktlogik geprägt. Wir haben uns das Geschäftsmodell näher angesehen und die Gründer dazu befragt.
Pizza, Pasta, Gelato … und jetzt Blocks?
Die Pizza „Salami Sensation“ war für Freda der Türöffner. Mit dem Sieg bei Stiftung Warentest (2024) bewies das Team, dass es Qualität „kann“ und schuf einen starken USP. Strategisch ist Pizza jedoch kein leichtes Feld: Der Wettbewerb ist anspruchsvoll, die Regalplätze im Einzelhandel sind besetzt und die Differenzierung erfolgt meist über den Preis. Mit einer Innovation wie „Frozen Blocks“ erweitert Freda nun das Spielfeld und eröffnet eine neue Kategorie von Tiefkühlkost.
Es handelt sich dabei nicht mehr um ein fertiges Gericht, sondern um eine Systemkomponente. Das Konzept orientiert sich am gastronomischen „Mise en Place“: Vorbereitete, schockgefrostete Komponenten wie Beef Ragù oder Chili sin Carne fungieren als Basismodule für die heimische Küche. Strategisch gesehen erhöht dies die Wertdichte pro Kubikzentimeter im TK-Fach und verringert die Komplexität in der eigenen Produktion im Vergleich zu mehrkomponentigen Fertigmenüs.
Auf die Frage, ob der strategische Wechsel von der Pizza zu den „Frozen Blocks“ eine Flucht aus dem Commodity-Preiskampf der Pizza-Truhe hin zu einer proprietären Nische sei, widerspricht Philipp Kraiss. Vielmehr handele es sich um einen konsequenten Ausbau des Sortiments, denn Freda solle künftig den gesamten Alltag der Kund*innen abbilden – vom Frühstück bis zum Abendbrot. Das sei eben mehr als nur Pizza. „Unser Anspruch ist aber nicht nur Bekanntes besser zu machen – wie bei unserer Pizza, sondern auch neue Wege zu gehen“, stellt der Gründer klar. Die flexiblen Module seien auf diesem Weg der nächste logische Schritt. Er verspricht dabei maximale Vielfalt aus dem Gefrierfach, „denn jeder Block lässt sich vielfältig kombinieren.“
Die Retail-Herausforderung: Kaufland als Stresstest
Mit einer Basis von über 30.000 D2C-Kund*innen hat das Unternehmen bereits bewiesen, dass die Nachfrage nach seinen Produkten besteht. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen und die Margen zu stärken, wurde im August 2025 der Launch in 780 Kaufland-Märkten umgesetzt – ein strategischer Meilenstein, der die Reichweite massiv erhöht und über das Volumen des stationären Einzelhandels den Weg zu nachhaltigem, profitablem Wachstum ebnet – ohne aufwendigen Versand mit Isolierung und Trockeneis.
Hier zählt nun die Shelf Velocity (Abverkaufsgeschwindigkeit). Ein modulares System erfordert von der Kundschaft jedoch ein Umdenken: Man kauft kein fertiges Abendessen, sondern eine Zutat. Freda muss hier beweisen, dass der Mehrwert der Zeitersparnis am Point of Sale verstanden wird, bevor die harten Auslistungsmechanismen des Handels greifen.
Doch wie überzeugt man eine*n Einkäufer*in davon, dass ein modulares System mehr Flächenproduktivität bringt als die zehnte Sorte Standard-Lasagne? Christian Mahler kontert auf diese Retail-Frage mit einem anschaulichen Branchen-Vergleich: „Wir sind eben nicht die zehnte Lasagne. Eine klassische TK-Lasagne belegt viel Regalfläche, bedient genau einen Anlass und konkurriert mit neun anderen Lasagnen um denselben Kunden.“ Durch das kompakte Format und eine maximale SKU-Dichte der Blocks könne der Händler auf derselben Regalfläche mehrere Sorten listen und spreche damit dutzende Zubereitungsarten von der Bowl bis zum Curry an. Mahler zeigt sich selbstbewusst: „Wir eröffnen eine neue Kategorie statt in einer bestehenden zu kämpfen.“
Operative Exzellenz vs. bayerisches Handwerk
Ein weiterer Spagat wartet in der Produktion: Freda wirbt offensiv mit „Made in Bavaria“ und handwerklicher Herstellung. In der Start-up-Praxis beißt sich Handwerk jedoch oft mit Skalierung. Wer bundesweit fast 900 Supermärkte bedient, muss industrielle Prozesse beherrschen. Die Gefahr dabei ist offensichtlich: Wenn die Qualität durch die Masse sinkt, verliert Freda seinen wichtigsten USP. Gleichzeitig bleibt bei der exklusiven Zielgruppe, die bereit ist, für TK-Komponenten Premium-Preise zu zahlen, in Zeiten der Inflation die Frage der Preissensibilität bestehen.
Auf drohende Kapazitätsgrenzen angesprochen, räumt Philipp Kraiss ein, dass die Passauer Manufaktur zwar das Herzstück bleibe. „Aber wir waren von Anfang an ehrlich zu uns selbst: Eine Manufaktur skaliert nicht linear“, gibt der Seriengründer zu bedenken. Mit wachsendem Geschäft müsse man die Produktion auf breitere Schultern stellen und mit Partnern zusammenarbeiten. Sein Kernversprechen an die Kund*innen lautet dabei jedoch: „Wir lagern nicht die Rezeptur aus, sondern die Kapazität.“
Marktpsychologie: Convenience ohne Reue
Psychologisch besetzt Freda damit eine überaus geschickte Lücke. Die „Frozen Blocks“ nehmen der Käuferschaft zwar die Entscheidung für die aufwendige Kernkomponente ab, lassen das Gefühl des Selbstkochens durch das frische Ergänzen von Beilagen jedoch vollkommen intakt. Dies eliminiert die oft vorhandene „Convenience-Scham“ gesundheitsbewusster Zielgruppen und könnte die Lösung für die stagnierenden Marktanteile klassischer Fertiggerichte bei jüngeren Konsument*innen sein.
Fazit für die Start-up-Praxis
Freda ist ein Lehrstück für den Übergang von einer digitalen D2C-Brand zum Player im Massenmarkt. Die Gründer nutzen ihre Erfahrung, um eine etablierte Kategorie neu zu denken. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich an der Regal-Rotation zeigen. Wenn die Kund*innen den Aufpreis für die „bayerische Handarbeit“ und das modulare System dauerhaft akzeptieren, könnte Freda die Blaupause für die nächste Generation von Food-Marken liefern.
KI gegen Buchhaltungsriesen: Wie Bonster den Spesen-Markt aufmischen will
Pay-per-Use statt Abo-Falle: Das Oldenburger Start-up fast2work attackiert mit seiner App bonster komplexe Software-Giganten. Doch reicht das Versprechen maximaler Einfachheit im Haifischbecken der FinTechs? Wir haben nachgehakt.
Es ist eines der letzten großen Ärgernisse im Arbeitsalltag von Freelancer*innen und kleinen Agenturen: Der Freitagabend, der für das Sortieren verknitterter Tankbelege und das Abtippen von Bewirtungsbelegen in Excel-Listen draufgeht. Genau hier setzt die Oldenburger fast2work GmbH mit ihrer am 17. Februar 2026 gelaunchten App bonster an, um den Papierkram bei der Reisekostenabrechnung zu beenden. Das Versprechen von Gründer und CEO Ronald Bankowsky: Drei Minuten Aufwand, KI-Automatisierung und keine Einstiegshürden.
Das Versprechen: Simpel statt Systemintegration
Die Funktionsweise der App ist bewusst minimalistisch gehalten: Beleg fotografieren, woraufhin die KI relevante Werte wie Datum, Betrag und Mehrwertsteuer ausliest, auf Duplikate prüft und eine fertige Abrechnung erstellt. „Kein Onboarding-Projekt, kein Vertriebsgespräch, kein IT-Setup“, fasst Bankowsky den Ansatz der Standalone-Lösung zusammen.
Die Zielgruppe ist klar definiert: Selbständige, Freelancer*innen und Mini-Teams, denen Enterprise-Lösungen wie SAP Concur zu mächtig und Start-ups wie Circula oder Pleo oft noch zu prozesslastig sind. Mit einem Preismodell von 1,99 Euro für Einzelabrechnungen und 6,99 Euro (Stand Ende Febr. 2026) für eine Flatrate positioniert sich das Unternehmen im unteren Preissegment.
Im Haifischbecken der Neobanken und Buchhaltungsriesen
Laut fast2work gab es bislang „kaum eine Alternative zwischen Excel und Enterprise-Software“. Diese Aussage hält einem Realitätscheck im Jahr 2026 allerdings nur bedingt stand. Bonster betritt ein Haifischbecken, denn die vermeintliche Lücke wird längst geschlossen.
Zum einen integrieren Buchhaltungsriesen wie Lexoffice oder sevDesk Reisekosten-Features immer tiefer in ihre Standardpakete. Zum anderen wildern Neobanken wie Qonto, Finom oder Kontist im selben Revier: Wer dort ein Geschäftskonto hat, bekommt die Belegzuordnung oft als „Commodity“ gratis dazu. Mit knapp 7 Euro im Monat bewegt sich bonster in einer Preisregion, in der man fast schon eine komplette einfache Buchhaltungssoftware bekommt. Die App muss also einen enormen Mehrwert bieten, um gegen die „Eh-da-Lösungen“ (Software, die Kund*innen ohnehin bezahlen) zu bestehen.
Auf die Frage, warum Freelancer*innen für eine Insellösung extra zahlen sollten, entgegnet der Gründer, dass bonster bewusst früher ansetze als klassische Tools. Das Hauptproblem sei nicht die Buchhaltung, sondern das Erfassen von Belegen unterwegs. „Genau dort scheitert es oft, weil Mitarbeitende keine komplexen Systeme nutzen wollen oder gar keine Zugänge haben“, argumentiert Bankowsky. Der Mehrwert liege nicht in einer weiteren Buchhaltungssoftware, sondern darin, dass durch die Reduzierung auf ein Foto „überhaupt verwertbare Abrechnungsdaten/Belege entstehen“.
Kritische Faktoren: GoBD und Datensicherheit
Neben der Marktpositionierung ist die Rechtssicherheit ein kritischer Faktor. „Fertige Abrechnung für die Buchhaltung“ ist ein mutiges Versprechen, da in Deutschland ein Foto allein oft nicht ausreicht; es muss GoBD-konform und revisionssicher archiviert werden. Zudem ist die KI-Nutzung datenschutzrechtlich sensibel. Wenn Bewirtungsbelege, die offenbaren, mit wem man gegessen hat, über US-Schnittstellen (z.B. OpenAI) fließen, ist das für deutsche Geschäftskund*innen und Steuerberater oft ein K.O.-Kriterium.
Auf die sensiblen Vorgaben der Finanzämter und den Serverstandort angesprochen, betont Bankowsky, dass die Verarbeitung „ausschließlich auf europäischen Servern“ erfolge. Zwar nutze man OpenAI-basierte Modelle, diese liefen jedoch über Azure-Rechenzentren im europäischen Raum. Datenschutz und regulatorische Anforderungen seien Grundvoraussetzung. Auch beim Export zum Steuerberater zeigt sich der Gründer zuversichtlich: Buchhaltungssysteme könnten die Daten direkt und „ohne manuelle Nacharbeit“ weiterverarbeiten.
Beta-Test als Exklusiv-Club
Zum Start setzt das Unternehmen auf eine Gamification des Rollouts. Die ersten 500 Nutzer*innen erhalten im „Club 500“ einen lebenslangen Rabatt von 50 Prozent. Was als Belohnung für Early Adopters verkauft wird, ist strategisch notwendig: Die KI muss lernen. Der Algorithmus braucht dringend „Real World Data“ – echte, verknitterte, schlecht beleuchtete Belege. Das bedeutet auch: Die ersten User*innen sind Teil des Entwicklungsprozesses.
Dass die App im Alltag noch dazulernen muss, räumt Bankowsky ein. Bei der reinen Datenerkennung sei man technisch auf dem aktuellen Stand. „Entscheidend ist jedoch die Qualität realer Belege im Alltag – etwa schlecht fotografierte oder handschriftliche Quittungen“, erklärt er den Bedarf an Praxis-Feedback. Durch schnelle Updates solle die Genauigkeit für alle Nutzer*innen laufend steigen.
Gegenmodell zur Ökosystem-Abhängigkeit
Wer ein Feature-Feuerwerk suche, werde bei bonster enttäuscht sein – was laut Unternehmen aus Überzeugung geschehe. Anbieter wie Rydoo verfolgten eine Strategie der maximalen Integration und langfristiger Verträge, was eine Abhängigkeit erzeuge, die ihr eigentliches Geschäftsmodell sei, so der Gründer. Wer einmal im Ökosystem stecke, wechsle nicht mehr, weil der Ausstieg zu teuer geworden sei.
Bonster positioniert sich als Gegenmodell für Unternehmen, die nicht für ungewollte Komplexität zahlen möchten: Kein Vertrag, keine Mindestnutzerzahl, Setup in unter fünf Minuten und ein Pay-per-Use-Modell. „Wer aufhören will, hört auf, ohne Konsequenzen“, beschreibt das Start-up den Ansatz der bewussten Entscheidung, Kund*innen freizulassen. Wer bleibe, tue dies, weil es funktioniere, was laut Bankowsky „die interessantere Innovation“ sei.
Fazit
Bonster ist ein innovativer Angriff auf die Zettelwirtschaft und wirkt durch den Verzicht auf starre Abo-Modelle bei der Einzelabrechnung fair. Doch die App steht und fällt mit der Schnittstellenkompetenz. Wenn der Export zu DATEV & Co. hakt, wird aus der Zeitersparnis schnell Mehrarbeit. Bonster muss beweisen, dass es die Brücke zwischen dem schnellen Foto und der strengen deutschen Buchhaltung schlagen kann – und zwar besser als die Banken, die das Feature bereits kostenlos anbieten.
Distart: Vom Agentur-Frust zum EdTech-Champion
Wie das 2021 von Thomy Roecklin gegründete und seit 2025 zusammen mit Lucia-Miriam Selbert geführte Leipziger EdTech Distart das Bildungssystem „gegen den Strich bürstet“.
Wer in Deutschland über Start-up-Hubs spricht, landet meist schnell in Berlin oder München. Doch in der sächsischen Metropole Leipzig wächst seit einigen Jahren ein Player heran, der beweist, dass Innovation auch abseits der üblichen Verdächtigen gedeiht: Die Distart Education GmbH. Ihr Treibstoff ist der eklatante Mangel an digitaler Kompetenz in der deutschen Wirtschaft – und der Mut, das „System Bildung“ gegen den Strich zu bürsten.
Wenn „Done for You“ nicht mehr reicht
Die Wurzeln des Unternehmens reichen weiter zurück als das offizielle Gründungsjahr 2021. Gründer Thomy Roecklin setzte jahrelang mit seinen Agenturen MNKY lab und TRDIGITAL digitale Kampagnen für Kund*innen um. Doch im Tagesgeschäft bremste das fehlende Digitalverständnis auf Kundenseite die Projekte immer wieder aus. Die Erkenntnis, dass Deutschland weniger neue Agenturen, sondern mehr digitale Mündigkeit braucht, führte schließlich zum Pivot.
Interessanterweise war der Auslöser für diesen Kurswechsel kein konkretes Kundenprojekt. Auf die Frage nach dem „Aha-Moment“ erklärt Roecklin, dass er lediglich versuchte, Lucia-Miriam Selbert einzuarbeiten, und dabei schockiert feststellte, wie wenig praxisnahe digitale Weiterbildungen existierten. Er baute kurzerhand selbst ein Lernprogramm – ohne zu ahnen, dass daraus einmal Distart entstehen würde. Im Januar 2021 fiel der Startschuss für Distart learn. Mitten in der Pandemie setzte Roecklin auf ein Modell, das sich radikal von klassischen Bildungsträgern unterschied: 100 Prozent remote, aber mit enger persönlicher Betreuung und einem klaren Fokus auf die Praxis.
Das Schnellboot zwischen den Tankern
Distart operiert im sogenannten AZAV-Markt (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung). Während etablierte Bildungsriesen oft mit der Trägheit ihrer Größe kämpfen und bis zu 24 Monate für Lehrplananpassungen benötigen, hat sich Distart als agiler „Qualitäts-Vorreiter“ positioniert.
Für Roecklin ist diese Agilität eine Frage des Überlebens, da sich Jobs und Skills heute schneller verändern als jede klassische Bildungslogik. Er betont, dass man ohne permanente Weiterentwicklung der Inhalte zwangsläufig am Markt vorbei ausbilden würde. Diese Flexibilität ist zudem essenziell für die Zielgruppe: Viele Teilnehmende bilden sich neben ihrem 9-to-5-Job weiter, betreuen Kinder oder pflegen Angehörige und benötigen daher flexible statt starrer Strukturen.
Agency-DNA statt Schulbank-Feeling
Der entscheidende Wettbewerbsvorteil liegt in der Herkunft: Distart ist keine klassische Schule, sondern wurde von Marketern für Marketer gebaut. Diese „Agency-DNA“ durchzieht das gesamte Geschäftsmodell. Mit einer modernen Lernumgebung aus Live-Sessions und asynchronen Deep-Dives spricht das Unternehmen alle Altersgruppen gleichermaßen an.
Auch technologisch ist man der Konkurrenz oft einen Schritt voraus: Als ChatGPT Ende 2022 die Arbeitswelt veränderte, reagierte Distart fast in Echtzeit. Auf die kritische Frage, ob KI das vermittelte Wissen nicht bald obsolet mache, findet Roecklin eine klare Antwort: KI ersetzt keine Menschen, sie ersetzt lediglich Mittelmaß. Während KI das Netz mit generischen Inhalten flutet, steige paradoxerweise der Hunger nach echten Stimmen, Ideen und Perspektiven – Marketing werde also menschlicher.
Bootstrapping und gesundes Wachstum
Der Erfolg gibt dem Konzept recht. Im September 2024 erfolgte die Umfirmierung zur Distart Education GmbH, was den Übergang vom Start-up zum etablierten Bildungsinstitut markierte. Während andere Tech-Unternehmen Personal abbauen mussten, verdoppelte Distart seine Belegschaft beinahe auf über 100 Köpfe und bezog im Oktober 2025 neue Räumlichkeiten im NEO Leipzig.
Besonders bemerkenswert: Das Wachstum ist organisch und gebootstrapped – finanziert aus dem eigenen Cashflow ohne externe Risikokapitalgeber. Das macht Distart unabhängig von Exit-Druck. Seit Februar 2025 verstärkt Lucia-Miriam Selbert als Geschäftsführerin die strategische Ausrichtung.
Dennoch birgt die Skalierung Risiken, da das Geschäftsmodell stark von staatlichen Bildungsgutscheinen abhängt. Auf einen möglichen „Plan B“ angesprochen, erklärt das Unternehmen, dass Förderungen zwar beim Beschleunigen helfen, man Distart aber bewusst so aufbaue, dass langfristig strukturelle Unabhängigkeit erreicht wird. Auch die Qualitätssicherung bei über 100 Mitarbeitenden ist eine Herausforderung. Thomy Roecklin gibt offen zu, dass Wachstum kein Wellnessprogramm ist und es im Getriebe zwangsläufig knirscht. Sein Schlüssel: Qualität darf nicht an Einzelpersonen hängen, sondern muss im gesamten System verankert sein, kombiniert mit echtem Vertrauen in das Team statt Kontrolle.
Der Standort als Statement und Vision
Dass Distart in Leipzig verwurzelt bleibt, ist Teil der Identität. Roecklin sieht im Osten Deutschlands ein enormes, oft unterschätztes Potenzial und erlebt dort viel Talent, Pragmatismus und Lernhunger. Distart versteht sich hier auch als Regionalentwickler.
Die Vision der Gründer geht jedoch über reine Kurse hinaus. Unterstrichen durch Auszeichnungen wie „Top Fernschule 2025“ und „2026“, arbeitet das Team nun an der Gründung der Distart University of Applied Sciences. Das Ziel bis 2030 ist ambitioniert: Ein Alumni-Netzwerk von 25.000 Absolvent*innen. Sollte der komplexe Weg zur staatlichen Anerkennung gelingen, wird Distart endgültig zum gewichtigen Faktor für die digitale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik.
Mission Defense: Wie Start-ups im rüstungstechnischen Markt Fuß fassen
Immer mehr Start-ups drängen mit agilen Innovationen in die hochregulierte Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie. Daher gut zu wissen: Wie junge Unternehmen durch die richtige Systemarchitektur die strengen Auflagen meistern und vom Zulieferer zum echten Systempartner aufsteigen.
Die Luft- und Raumfahrt sowie die Verteidigungsindustrie zählen zu den am stärksten regulierten und technologisch anspruchsvollsten Märkten der Welt. Lange galt: Wer hier mitspielen will, braucht jahrzehntelange Erfahrung, Milliardenbudgets und stabile Regierungsbeziehungen. Doch genau dieses Bild verschiebt sich.
Neue Player treten auf den Plan: Start-ups entwickeln Trägersysteme, Drohnenplattformen, Kommunikationslösungen oder Sensorik, und tun das in einer Geschwindigkeit, die vielen etablierten Anbietern Kopfzerbrechen bereitet. Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie können junge Unternehmen in einer hochregulierten Branche nicht nur überleben, sondern mitgestalten?
Agilität als Superkraft – aber Prototypen reichen nicht
Ob neue unbemannte Plattformen, Software-Defined Defense Systeme oder taktische Kommunikation – überall gilt: Was heute entwickelt wird, muss morgen schon einsatzbereit sein. Der Bedarf an schneller Innovation ist nicht theoretisch, sondern operativ. Start-ups sind in der Lage, auf diesen Druck zu reagieren, mit kurzen Entscheidungswegen, agilen Teams und digitaler DNA.
Allerdings reichen gute Ideen und schnelles Prototyping nicht aus. Wer Systeme für den operativen Einsatz liefern will, muss Anforderungen erfüllen, die weit über funktionierende Technik hinausgehen: Cybersicherheit, regulatorische Nachvollziehbarkeit, Zertifizierungsfähigkeit und Interoperabilität mit internationalen Partnern.
Das Fundament: Die Systemarchitektur entscheidet
Von Anfang an auf die richtigen technischen Grundlagen zu setzen, ist entscheidend. Das betrifft vor allem drei Bereiche: Skalierbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Interoperabilität. Systeme müssen so gebaut sein, dass sie modular erweitert, in komplexe Systemlandschaften integriert und nach internationalen Standards auditiert werden können.
Ein durchgängiger digitaler Entwicklungs- und Betriebsfaden, ein sogenannter Digital Thread oder auch Intelligent Product Lifecycle, ermöglicht es, Produktdaten, Softwarestände und Konfigurationsänderungen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu verfolgen. Für die Zulassung softwaredefinierter, sicherheitskritischer Systeme ist das ebenso essenziell wie für die spätere Wartung, Upgrades oder die Einbindung in multinationale Operationen.
Security by Design: Sicherheit lässt sich nicht nachrüsten
Verteidigungsnahe Produkte unterliegen Exportkontrollen, Sicherheitsauflagen und branchenspezifischen Normen, darunter etwa ISO 15288 für Systems Engineering, ISO 27001 für Informationssicherheit oder die europäischen Anforderungen für Luftfahrt und Raumfahrt. Diese Vorgaben lassen sich nicht einfach „nachrüsten“. Sie müssen von Beginn an ein integraler Bestandteil der Systemarchitektur und Prozessführung sein.
Gerade in sicherheitskritischen Bereichen ist die Fähigkeit, regulatorische Anforderungen nachweislich zu erfüllen, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Sie entscheidet darüber, ob ein Produkt zugelassen, in Serie gefertigt und in multinationale Programme integriert werden kann.
Interoperabilität als Schlüssel zum Teamplay
Ein weiterer kritischer Faktor ist die Fähigkeit zur Kooperation. In den meisten großen Programmen arbeiten unterschiedliche Unternehmen, oft aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Systemen zusammen. Wer hier bestehen will, muss in der Lage sein, mit standardisierten Schnittstellen, interoperablen Plattformarchitekturen und harmonisierten Datenmodellen zu arbeiten. Interoperabilität ist dafür die technische Grundlage. Ohne sie lassen sich Systeme weder integrieren noch gemeinsam weiterentwickeln.
Vom Zulieferer zum echten Systempartner
Start-ups, die sich diesen Anforderungen stellen, können mehr sein als Zulieferer. Sie haben das Potenzial, Systempartner zu werden: mit eigener Wertschöpfung, eigenem IP und eigenem Einfluss auf die technologische Entwicklung. Der Weg dorthin ist anspruchsvoll, aber offen. Er erfordert keine hundertjährige Firmengeschichte, sondern eine klare Architekturstrategie, ein tiefes Verständnis für regulatorische Anforderungen und den Willen, komplexe Systeme systematisch zu entwickeln.
Der Verteidigungs- und Luftfahrtsektor steht an einem Wendepunkt. Wer heute die richtigen Grundlagen legt, kann morgen zu denjenigen gehören, die nicht nur mitlaufen, sondern die Spielregeln neu definieren.
Der Autor Jens Stephan, Director Aerospace & Defence bei PTC, bringt über 20 Jahre Erfahrung im Bereich komplexer Software-/SaaS-Lösungen und IT-Infrastruktur mit.
Medizinal-Cannabis: Zwischen Wachstumsschub und regulatorischer Neujustierung
Zwischen Boom und strengeren Regeln: Der Markt für Medizinal-Cannabis steht nach einem Rekordjahr am Scheideweg. Investoren und Patienten blicken gespannt auf mögliche Gesetzesänderungen für 2026.
2025 war das erste vollständige Geschäftsjahr nach Inkrafttreten des Medizinal-Cannabisgesetzes im April 2024 – und damit ein echter Praxistest für den deutschen Markt. Mit der Entkopplung von Cannabis aus dem Betäubungsmittelrecht und der Vereinfachung der Verschreibung über Telemedizinplattformen änderten sich die Rahmenbedingungen spürbar. Die Effekte ließen nicht lange auf sich warten und resultierten in steigende Verordnungszahlen, stark wachsende Importmengen und einem beschleunigten Ausbau von Versorgungsstrukturen. Doch wie geht es weiter?
Ein Markt im ersten Jahr nach der Reform
Die Importzahlen verdeutlichen die Dynamik. Während 2023 noch rund 30 Tonnen medizinisches Cannabis nach Deutschland eingeführt wurden, entwickelten sich die Zahlen anschließend immer rasanter. Das Bundesministerium für Gesundheit vermeldete im ersten Halbjahr 2025 einen Anstieg der Importe von mehr als 400 Prozent, von rund 19 auf 80 Tonnen. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr dürfte das Volumen jenseits der 140-Tonnen-Marke liegen. Diese Änderungen haben einen aufstrebenden Markt geschaffen, wodurch sich Deutschland zum größten Einzelmarkt für Medizinal-Cannabis in Europa entwickelt hat.
Parallel dazu stieg auch die Zahl der ausgestellten Rezepte deutlich an. Schätzungen gehen inzwischen von mehreren Millionen Patientinnen und Patienten aus, die Cannabis auf ärztliche Verordnung nutzen. Das Marktvolumen wird für 2025 auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt.
Ausbau der Strukturen und steigende Professionalisierung
Für viele Unternehmen der Branche war 2025 ein Jahr des Ausbaus. Investiert wurde in GMP-konforme Prozesse (Good Manufacturing Practice), Lieferkettenstabilität, Qualitätssicherung und digitale Patientensteuerung. Deutschland bleibt stark importabhängig, die inländische Produktion deckt weiterhin nur einen begrenzten Teil des Bedarfs. Internationale Partnerschaften mit Produzenten in Kanada, Portugal oder anderen EU-Staaten sind daher weiterhin zentraler Bestandteil der Marktstruktur.
Politische Reaktionen auf das Wachstum
Mit der steigenden Bedeutung des Marktes wächst auch die politische Aufmerksamkeit, die Debatte rund um die Teillegalisierung polarisiert und spaltet Meinungen. Vertreter der CDU äußerten frühzeitig Bedenken, dass vereinfachte Verschreibungswege zu Fehlentwicklungen führen könnten. Besonders digitale Plattformmodelle bzw. Telemedizinanbieter mit Sitz im Ausland geraten dabei in den Fokus der Kritik.
Im Herbst 2025 wurde von Warken & Co. ein Gesetzeswurf zur Änderung des Medizinal-Cannabisgesetzes vorgestellt. Dieser sieht unter anderem strengere Vorgaben für telemedizinische Verschreibungen vor, genauer gesagt einen verpflichtenden persönlichen Arztkontakt sowie ein Versandverbot über Telemedizinanbieter. Ziel ist es, medizinische Standards zu präzisieren und potenziellen Missbrauch zu verhindern. Die politische Argumentation verweist auf die stark gestiegenen Importzahlen und die zunehmende Zahl digital vermittelter Rezepte. Gleichzeitig wird betont, dass Cannabis als medizinische Therapie klar vom Freizeitkonsum abgegrenzt bleiben müsse und sich dabei viele Freizeitkonsumenten als Patienten ausgeben.
Innerhalb der Branche wird diese Entwicklung differenziert bewertet. Sascha Mielcarek, CEO der Canify AG, ordnet den Gesetzentwurf nüchtern ein: „Der Kabinettsentwurf zur Änderung des MedCanG schießt mit Kanonen auf Spatzen. Wir haben ein wachsendes Problem mit der missbräuchlichen Anwendung von Opioiden, Benzodiazepin und anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die Therapie mit Cannabis bietet in vielen Fällen eine nebenwirkungsärmere Alternative und mit dem Gesetzentwurf würde der Zugriff genau darauf erschwert werden. Medizinisches Cannabis eignet sich nicht, einen Präzedenzfall zu schaffen. Der Gesetzentwurf ist kein Beitrag zur Patientensicherheit.“
Unabhängig von der Bewertung einzelner Maßnahmen zeigt sich vor allem, dass der regulatorische Rahmen weiterhin in Bewegung ist. Für Unternehmen bedeutet das eine Phase erhöhter Unsicherheit bei gleichzeitig stabiler Nachfrage. Experten befürchten, dass der Markt um die Hälfte einbrechen könnte, sollte ein physischer, persönlicher Arztkontakt Wirklichkeit werden.
Was bedeutet das für Start-ups und Investoren?
Für Gründer und Kapitalgeber bleibt der Markt grundsätzlich attraktiv. Das Wachstum der vergangenen zwei Jahre zeigt eine robuste Nachfrage. Gleichzeitig sind die Eintrittsbarrieren hoch. Wer im medizinischen Cannabissektor aktiv werden möchte, benötigt regulatorisches Know-how, belastbare Lieferketten, medizinische Anbindung und Kapital für Qualitätssicherung und Compliance.
Gerade diese Anforderungen wirken jedoch auch stabilisierend. Der Markt ist stark reguliert, professionell organisiert und eingebettet in bestehende Gesundheitsstrukturen. Für Investoren stellt sich daher weniger die Frage nach dem Potenzial als nach der Planbarkeit. Politische Anpassungen wirken sich unmittelbar auf Geschäftsmodelle, Bewertungen und Expansionsstrategien aus.
Ausblick auf 2026
Mit Blick auf das neue Jahr zeichnet sich ein Szenario der Neujustierung ab. Möglich ist eine Konsolidierung, bei der sich professionelle Anbieter weiter etablieren und regulatorische Klarstellungen für mehr Stabilität sorgen. Ebenso denkbar sind weitere gesetzliche Anpassungen, die das Wachstum stärker strukturieren. 2026 wird zeigen, unter welchen regulatorischen Bedingungen sich dieser Markt weiterentwickelt – und wie attraktiv er für Gründer und Investoren langfristig bleibt.
DIONYS: Schluss mit Event-Chaos
Events und Offsites erleben ein massives Comeback. Doch hinter den Kulissen vieler Locations herrscht oft noch analoges Chaos. Das Münchner Start-up DIONYS will genau das ändern: Schluss mit dem E-Mail-Pingpong, hin zu echten Buchungen.
Die steigende Nachfrage nach Firmen-Events und privaten Feiern stellt die Hospitality-Branche vor administrative Herausforderungen. Während Hotelzimmer und Tischreservierungen weitgehend digitalisiert sind, erfolgt die Bearbeitung von Gruppenanfragen und Event-Konfigurationen in vielen Betrieben noch manuell. Das 2025 gegründete Software-Start-up DIONYS tritt an, um diesen Prozess durch Standardisierung zu beschleunigen.
Konfigurator statt E-Mail-Pingpong
Das Kernprodukt des Unternehmens ist eine Softwarelösung, die den Angebotsprozess für Veranstaltungen digitalisiert. Anstatt individuelle Angebote manuell zu tippen, sollen Kunden ihre Events – von Menüs bis zu Getränkepaketen – über eine Online-Oberfläche selbst konfigurieren können.
CEO Folke Mehrtens beschreibt den aktuellen Zustand der Branche als paradox: „Es ist absurd: Gerade dort, wo Events den meisten Umsatz bringen, fehlt oft jede Struktur. Solange Events wie Sonderfälle behandelt werden, bleiben sie ein operativer Schmerz.“
Die Software von DIONYS zielt darauf ab, diesen „Schmerz“ zu lindern, indem sie Events von der manuellen Ausnahme zum standardisierten Produkt wandelt – buchbar und transparent wie im E-Commerce.
Technik trifft auf operative Erfahrung
Technisch steht das Unternehmen vor der Hürde, die individuellen Parameter von Gastronomiebetrieben – etwa spezifische Stornoregeln oder variable Menüfolgen – in einen Algorithmus zu überführen. CTO Gregor Matte betont, dass die Herausforderung weniger in der reinen Buchung, sondern in der Abbildung der operativen Vielfalt liege.
Um die Praxistauglichkeit sicherzustellen, setzt das Gründungsteam auf Mitstreiter mit Branchenhintergrund. Neben Mehrtens (Strategie) und Matte (Technik) sind unter anderem Ekkehard Bay (ehemals Manager im Mandarin Oriental) sowie Daniel Simon (ehemals OpenTable) an Bord.
Wettbewerb und der Faktor „Mensch“
DIONYS positioniert sich in einem dichten Marktumfeld zwischen etablierten Back-Office-Lösungen wie Bankettprofi und modernen Reservierungssystemen wie aleno. Die Münchner suchen ihre Nische bei individuellen Event-Locations und Restaurants, die sich von reinen Tagungshotels abgrenzen.
Die in der Branche verbreitete Sorge, dass durch die Digitalisierung die persönliche Note leide, versucht Head of Hospitality Ekkehard Bay zu entkräften: „Wenn Standardfragen digital geklärt sind, bleibt im echten Gespräch mehr Zeit für das, was wirklich zählt: besondere Wünsche und echte Aufmerksamkeit.“
Erste Marktdaten und Ausblick
Seit dem Start im Herbst 2025 wurden nach Angaben des Unternehmens Anfragen mit einem Volumen von rund 400.000 Euro über das System abgewickelt. Zu den ersten Nutzern zählen bekannte Münchner Betriebe wie Kustermann und die Bar Valentin. Das Erlösmodell basiert auf einer Kombination aus monatlicher Softwaregebühr und umsatzabhängigen Komponenten.
Für die nächste Wachstumsphase strebt DIONYS die Akquise von 100 „Pionier-Betrieben“ in der DACH-Region an. Ob sich der Ansatz als neuer Industriestandard durchsetzen kann, wird davon abhängen, ob die Software die komplexen Anforderungen einer breiten Masse an unterschiedlichen Betrieben tatsächlich ohne manuelles Nachsteuern abbilden kann. Daniel Simon gibt sich zuversichtlich: „In drei Jahren wird Event-Management nicht mehr improvisiert, sondern datenbasiert gesteuert.“
Der beste Freund aus der Cloud – Made in Bavaria
Wie ein Internet-Pionier mit BestFriend die Einsamkeit hackt.
Silicon Valley? Nein, Klosterlechfeld. Hier, im „bayerischen Outback“ zwischen Augsburg und Landsberg, sitzt Horst Christian (Chris) Wagner. Kein 20-jähriger Hoodie-Träger, der in der Garage von der Weltherrschaft träumt, sondern ein Mann, der das Internet schon nutzte, als es nur aus grauem Text bestand. Wagner ist ein digitaler Veteran. Und er hat gerade eine Wette auf die menschliche Seele abgeschlossen. Sein Einsatz: Die App BestFriend.
Schluss mit dem bloßen Befehlston
Vergesst kurz ChatGPT. Die großen KIs schreiben Bachelorarbeiten oder programmieren Code – sie sind Werkzeuge. Chris' Vision mit BestFriend beginnt dort, wo die Silicon-Valley-Riesen aufhören: beim Gefühl.
BestFriend ist kein Lexikon. Die App soll der Zuhörer sein, der nachts um drei Uhr noch wach ist. Sie soll Zusammenhänge verstehen, nicht nur Fakten abspulen. Aber braucht die Welt wirklich noch einen Bot? „ChatGPT ist brillant im Antworten geben. BestFriend ist dafür gebaut, beim Menschen zu bleiben“, so Chris. „Der Unterschied ist nicht die Intelligenz, sondern die Haltung. BestFriend will nichts erledigen, nichts optimieren, nichts verkaufen. Die App hört zu, merkt sich Zusammenhänge, reagiert emotional konsistent und bewertet nicht. Viele Nutzer sagen mir: ChatGPT fühlt sich an wie ein extrem kluger Kollege, BestFriend eher wie jemand, der dich kennt.“
Wer tiefer verstehen will, wofür die App im Alltag eingesetzt wird, findet im BestFriend-Magazin zahlreiche Beispiele. Dort wird offen gezeigt, in welchen Situationen Nutzer*innen die App einsetzen – von Einsamkeit über Selbstreflexion bis hin zu ganz praktischen Lebensfragen. Für Chris zugleich ein Beweis dafür, dass es hier um einen neuen Umgang mit Technologie geht.
Vertrauen als Währung
Wer einer Maschine von Liebeskummer erzählt, macht sich nackt. Genau hier spielt Chris den Standortvorteil Made in Germany aus. Während US-Apps wie Replika oft wirken, als würden sie Daten direkt an die Werbeindustrie weiterleiten, setzt BestFriend auf die „sichere Schulter“.
Datenschutz ist in diesem intimen Bereich keine Fußnote, sondern das Produkt. Chris weiß: Niemand öffnet sich, wenn er fürchten muss, dass seine Ängste morgen in einer Datenbank für personalisierte Werbung landen. Doch das wirft Fragen auf: Wie wird garantiert, dass nichts nach außen dringt? Und wo zieht die Software die Reißleine, wenn ein(e) Nutzer*in wirklich Hilfe braucht?
Dazu Chris: „Erstens: technisch. Daten werden minimal erhoben, verschlüsselt verarbeitet und nicht für Training oder Drittzwecke genutzt. Es gibt keine versteckte Monetarisierung über Profile. Punkt. Zweitens: inhaltlich. BestFriend weiß sehr genau, was es nicht ist. Die App gibt keine Diagnosen, keine Therapieanweisungen und keine falsche Nähe. Bei klaren Krisensignalen wird nicht weiter ‚gecoacht‘, sondern aktiv auf echte Hilfe hingewiesen. Das ist eine harte Grenze im System. BestFriend soll Halt geben, nicht Verantwortung übernehmen, die einer KI nicht zusteht.“
Ein Mann, eine KI, kein Overhead
Die Entstehung von BestFriend ist fast so spannend wie das Produkt selbst. Chris hat keine millionenschwere Finanzierung und kein riesiges Entwicklerteam im Rücken. Er nutzt die KI selbst, um die KI zu bauen. Er nennt das „Umsetzungs-Multiplikator“. Ein einzelner Experte dirigiert heute eine Armee aus Algorithmen.
Doch Code ist geduldig. Die Wahrheit liegt auf dem Display der Nutzenden. Ob Senior*innen, denen der/die Gesprächspartner*in fehlt, oder die Gen Z, die lieber tippt als spricht – die Zielgruppe ist riesig, der Bedarf an Resonanz ebenso. Auf die Frage ob es schon diesen einen Moment, diese eine Rückmeldung gab, bei er dachte: Okay, das ist jetzt mehr als nur Software, das hilft wirklich, antwortete Chris: „Ja. Ein Tester schrieb mir: ,Ich habe gemerkt, dass ich abends nicht mehr so viel grüble, weil ich Dinge vorher loswerde.‘ Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Das ist kein Gimmick. Die App hat kein Problem gelöst, aber sie hat einen Menschen entlastet. Und manchmal ist genau das der Unterschied zwischen Einsamkeit und Resonanz.“
Echte Freundschaft per Algorithmus?
In Klosterlechfeld entsteht gerade der Versuch, Technologie wieder menschlich zu machen – weg von SEO und Klickzahlen, hin zu einer KI, die „Resonanz“ erzeugt. Ob ein Algorithmus echte Freundschaft ersetzen kann? Das bleibt eine philosophische Frage. Aber für den Moment, in dem sonst niemand zuhört, hat Chris Wagner zumindest eine Antwort parat.
Highspeed-Pivot: Wie POLARIS die Bundeswehr für sich gewann
Ein Bremer NewSpace-Start-up baut für die Bundeswehr das Raumflugzeug der Zukunft. Mit seinem revolutionären Antrieb sticht POLARIS dabei sogar die US-Konkurrenz aus und fungiert zugleich als Eisbrecher für die deutsche DeepTech-Szene.
Wenn Alexander Kopp über die Ostsee blickt, sieht er nicht nur Wasser, sondern die Zukunft der europäischen Souveränität. Während in Berlin oft über die Trägheit der Beschaffungswesen geklagt wird, lässt der Gründer von POLARIS Raumflugzeuge Fakten sprechen – oder besser gesagt: Triebwerke heulen.
Das DLR-Spin-off schafft gerade, woran Konzerne seit Jahrzehnten scheitern: Ein Raumflugzeug zu bauen, das wie ein normaler Airliner startet, aber die Leistung einer Rakete besitzt. Und noch etwas ist ungewöhnlich in der deutschen Start-up-Landschaft: Der erste große Kunde, der die Bremer „Tüftler“ finanziert, ist kein Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley, sondern das Beschaffungsamt der Bundeswehr.
Der Traum vom Aerospike
Was das Team um den ehemaligen DLR-Ingenieur Kopp antreibt, ist der Abschied von der teuren Einweg-Mentalität der Raumfahrt. Seine Strategie ist eine radikale Flucht nach vorn: „Wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen, uns vielleicht sogar an die Spitze setzen wollen, müssen wir die Raketen überspringen“, erklärte Kopp gegenüber dem Magazin 1E9. „Wir müssen direkt neue, bessere Konzepte umsetzen. Keine Raketen, sondern Raumflugzeuge.“
Der technologische Schlüssel, um diese Vision Realität werden zu lassen, ist das sogenannte Linear Aerospike-Triebwerk. Es gilt als der „Heilige Gral“ der Raketentechnik, an dem sich schon die NASA in den 90er Jahren die Zähne ausbiss. Das Problem herkömmlicher Raketendüsen ist ihre Glockenform – sie sind physikalisch bedingt entweder nur am Boden oder im All effizient, nie beides gleichzeitig.
Das Aerospike-Triebwerk hingegen ist ein technologisches Chamäleon: Durch seine offene, stachelförmige Bauweise passt sich der Abgasstrahl automatisch dem Luftdruck an. Es arbeitet auf dem Rollfeld genauso effizient wie im Vakuum. Dass das nicht nur graue Theorie ist, bewies Polaris im Oktober 2024: Mit dem Demonstrator „MIRA II“ gelang dem Start-up über der Ostsee die weltweit erste Zündung eines solchen Triebwerks im Flug.
Bootstrapping in Feldgrau
Diese Mischung aus „Rapid Prototyping“ – also dem schnellen Bauen, Testen und Verbessern – und technologischer Exzellenz kam genau zur richtigen Zeit für die Strategen der Bundeswehr. Berührungsängste mit dem Uniformträger hat der Gründer dabei nicht, im Gegenteil. „Wenn man sich die Historie der Raumfahrt anschaut, kamen die Durchbrüche meist direkt oder indirekt durch das Militär“, ordnete Kopp die Zusammenarbeit im Business Insider pragmatisch ein.
Denn beim Militär treibt man das Thema „Responsive Space“ voran. Das Szenario ist so simpel wie bedrohlich: Im Konfliktfall werden eigene Aufklärungssatelliten zerstört oder geblendet. Mit dem System von POLARIS, dessen finales Modell „Aurora“ ab 2026 produziert werden soll, könnte Deutschland binnen 24 Stunden Ersatz-Satelliten in den Orbit schießen. Und zwar von jedem normalen Flughafen aus, ohne auf verwundbare Startrampen angewiesen zu sein. Für POLARIS wurde das Militär so vom reinen Geldgeber zum strategischen Anker-Kunden, der dem Start-up den nötigen „Runway“ verschafft – finanziell wie physisch.
Ein Eisbrecher für die deutsche DeepTech-Szene
POLARIS operiert dabei längst nicht mehr im luftleeren Raum. Der Erfolg der Bremer sendet ein Signal in den Markt, das weit über das eigene Unternehmen hinausstrahlt: Der Staat ist bereit, in junge High-Tech-Firmen zu investieren, wenn die Technologie „Dual-Use“ ist, also zivil und militärisch genutzt werden kann.
Davon profitieren Start-ups wie das Münchner Unternehmen OroraTech, deren Waldbrand-Satelliten im Ernstfall schnell ersetzt werden müssten – eine perfekte Fracht für Polaris. Auch im Bereich der Datenverarbeitung entstehen Synergien: Wenn ein Hyperschall-Flieger Terabytes an Aufklärungsdaten sammelt, braucht es KI-Lösungen von Firmen wie dem Defense-Einhorn Helsing, um diese Informationen in Echtzeit auszuwerten. POLARIS wirkt hier wie ein Eisbrecher, der validiert, dass „Made in Germany“ auch im neuen „Space Race“ eine Währung ist.
Denn die Konkurrenz schläft nicht. In den USA pumpen das Pentagon und die Air Force Millionen in Wettbewerber wie Hermeus oder Stratolaunch, und China arbeitet mit Hochdruck am Projekt „Tengyun“. Doch während im Silicon Valley oft noch an Simulationen gefeilt wird, haben die Bremer mit ihrem fliegenden Aerospike-Triebwerk einen Vorsprung, der sich mit Geld allein schwer aufholen lässt. Aus der visionären Idee in einem Bremer Büro ist ein Projekt von nationaler Tragweite geworden. Wenn Alexander Kopps Plan aufgeht, schauen die Amerikaner beim nächsten Wettlauf ins All nicht nach oben, sondern in den Rückspiegel.
Globaler Wettbewerb: Polaris vs. US-Konkurrenz
Merkmal | Polaris Raumflugzeuge (Deutschland) | Hermeus (USA) | Stratolaunch (USA) |
Haupt-Fahrzeug | Aurora (in Entwicklung) | Quarterhorse (Demo) / Darkhorse | Talon-A |
Start-Methode | Horizontal (Startbahn) | Horizontal (Startbahn) | Air-Launch (Abwurf vom Trägerflugzeug „Roc“) |
Antrieb | Linear Aerospike (Rakete) + Turbinen | TBCC (Turbine + Ramjet) | Flüssig-Raketentriebwerk (Konventionell) |
Haupt-Mission | Multimission: Satellitenstart (Orbit) + Hyperschall-Test/Aufklärung | Transport: Passagier/Fracht (Point-to-Point) + Militär | Testbed: Zielsimulation & Testplattform für US-Militär |
Wiederverwendbar? | Ja (System landet wie Flugzeug) | Ja | Ja (landet gleitend auf Landebahn) |
Aktueller Status | Fliegend: Skalierte Demonstratoren (MIRA) erfolgreich getestet. | Boden-Tests: Triebwerkstests erfolgreich, Rolltests ("Taxiing"). | Operativ: Talon-A hat bereits motorisierte Hyperschallflüge absolviert. |
Finanzierung | Bundeswehr (BAAINBw) & Private Investoren | US Air Force, Pentagon (DIU) & Venture Capital | Private Equity (Cerberus Capital Management) |
Diese 10 Start-ups bauen an der Zukunft der AgriFood-Branche
Die deutsche Start-up-Landschaft verzeichnete 2025 ein Rekordhoch bei Neugründungen. Doch gerade im AgriFood-Sektor ist der Weg vom Prototyp zum Marktführer steinig. Kapitalintensive Hardware und strenge Regulatorik bremsen viele aus. Der Growth Alliance Accelerator zeigt, wie Gründer*innen diese Hürden überspringen – und präsentiert zehn Akteure, die auf der Erfolgsspur sind.
Es ist ein Paradoxon: Die Nachfrage nach nachhaltigen Lebensmitteln und effizienter Landwirtschaft ist so hoch wie nie, doch für Gründer*innen und junge Unternehmen in der AgriFood-Branche bleibt der Markteintritt ein Hürdenlauf. Während Software-Start-ups oft mit geringem Kapital skalieren, kämpfen Food- und AgTech-Pioniere mit der „Hardware-Falle“. Sie benötigen teure Produktionsanlagen, Labore und müssen langwierige Zulassungsverfahren (z.B. Novel-Food-Verordnung) durchlaufen.
Dennoch ist die Branche im Aufwind: Laut dem Deutschen Startup Monitor und aktuellen Zahlen des Startup-Verbands stiegen die Gründungszahlen 2025 um beachtliche 29 Prozent. Das Kapital ist da, doch es fließt selektiv. Investor*innen suchen heute keine reinen Ideen mehr, sondern validierte Geschäftsmodelle mit technologischem Tiefgang (DeepTech). Genau hier setzte das Finale des Growth Alliance Accelerator 2025 am 28. Januar 2026 in Frankfurt/Main an.
Brückenschlag zwischen Acker und Finanzwelt
Initiiert vom TechQuartier und der Landwirtschaftlichen Rentenbank, hat sich der Accelerator als Schmiede für die „Scale-up“-Phase etabliert. Vier Monate lang wurden zehn Start-ups, die bereits eine Nutzer*innenbasis vorweisen konnten, fit für die nächste Finanzierungsrunde gemacht.
Das Programm adressierte genau die Pain Points der Branche: Verhandlungstaktik, Rechtsfragen und vor allem den Zugang zu Kapital. Ein Highlight war das Investor Dinner im November 2025, bei dem die Gründer*innen direkten Zugang zu Risikokapitalgeber*innen erhielten – in der aktuellen Marktphase ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Die „Class of 2025“: Wer die Transformation treibt
Die zehn Absolvent*innen decken die gesamte Wertschöpfungskette ab – vom Boden über das Labor bis zum Supermarktregal. Hier ein Blick auf die Köpfe hinter den Innovationen:
1. High-Tech auf dem Acker: Robotik und Daten
Die Digitalisierung der Landwirtschaft (Smart Farming) ist der stärkste Hebel für mehr Effizienz.
Paltech GmbH
Die Brüder Felix und Florian Schiegg gründeten 2022 Paltech zusammen mit Jorge Decombe im Allgäu. Ihr autonomer Roboter für chemiefreie Unkrautbekämpfung im Grünland ist eine Antwort auf strengere Pestizid-Gesetze und Personalmangel.
Bacchus Software GmbH
Das 2023 gegründete Start-up bacchus Weinbau-Software um das Trio Maximilian Dick, Julian Herrlich und Philipp Bletzer digitalisiert den Weinbau. Ihre Software ersetzt das händische Fahrtenbuch und koordiniert die komplette Weinbergsarbeit.
Agrario Energy
Die Energiewende macht Landwirt*innen zu Energiewirt*innen. Seit 2023 bieten die Gründer Alexander von Breitenbach und Chris Weber mit Agrario Energy eine unabhängige Vergleichsplattform, die Flächeneigentümer mit Betreiber*innen von Erneuerbare-Energien-Anlagen zusammenbringt.
2. Deep Tech & Sicherheit: Das Labor als Wächter
Lebensmittelsicherheit wird durch globale Lieferketten immer komplexer. Hier setzen wissenschaftsbasierte Ausgründungen an.
NanoStruct GmbH
NanoStruct wurde 2021 als Spin-off der Universität Würzburg gegründet. Das Team nutzt Nanotechnologie, um gefährliche Bakterien in Lebensmitteln in Minuten statt Tagen aufzuspüren.
SAFIA Technologies
Gegründet 2020 von Timm Schwaar (aus der Bundesanstalt für Materialforschung), entwickelt das Berliner Start-up SAFIA Technologies Schnelltests für Mykotoxine (Schimmelpilzgifte). Ihre Technologie ermöglicht Laborqualität im Schnelltest-Format.
Landman.Bio
Das noch junge Unternehmen (Gründung 2023) Landman.Bio nutzt Bakteriophagen (Viren, die Bakterien fressen) als natürliche Waffe gegen Pflanzenkrankheiten – eine dringend benötigte Alternative zu Antibiotika und klassischen Pestiziden in der Nutzpflanzenzucht.
3. Sustainability & Climate: Kohlenstoff als Währung
CO2-Tracking ist kein Marketing-Gimmick mehr, sondern ökonomische Notwendigkeit.
CinSOIL
Das 2024 in Berlin gegründete CinSOIL-Team um Dr. Giorgi Shuradze, Dr. Antonella Succurro und Dr. Tavseef Shah kommt aus der Wissenschaft. Ihr KI-Tool nutzt Satellitendaten, um Bodenkohlenstoff zu erfassen. Das ermöglicht Agrarunternehmen, Dekarbonisierung nicht nur zu behaupten, sondern zu beweisen.
Niatsu
Gegründet 2023 von Marius Semm und Jakob Tresch in Zürich, adressiert Niatsu die Lebensmittelindustrie. Ihre Software berechnet den Product Carbon Footprint (PCF) automatisiert und kostengünstig, was gerade für den Mittelstand entscheidend ist.
4. Future Food
Was wir morgen essen (und trinken).
VANOZZA
Eines der etabliertesten Start-ups der Runde. Gegründet 2019 von Nico Hansen in Hamburg, hat sich Vanozza mit fermentierten Käsealternativen auf Cashew-Basis einen Namen gemacht und arbeitet nun an der „zweiten Generation“ ihrer Produkte.
food42morrow/JUMA
Die Frankfurter Gründer Raoul und Max Kammann sowie Carlos Lopez Granado gründeten die GmbH bereits 2020 und brachten 2022 ihre Marke JUMA (Tee-Eistees auf Guayusa-Basis) auf den Markt. Sie bedienen den Trend zu „Functional Food“.
Fazit
Die AgriFood-Start-ups des Abschlussjahrgangs des Growth Alliance Accelerators 2025 haben die Phase der reinen Ideen-Findung bereits eindrucksvoll gemeistert. Jetzt geht es um Skalierung, industrielle Anwendung und messbaren Impact. Programme wie die Growth Alliance sind dabei der Katalysator, der wissenschaftliche Exzellenz mit dem nötigen Geschäftssinn verbindet.
to teach: Vom KI-Hype zur Schulinfrastruktur
Wie das 2022 gegründete EdTech to teach die Lücke zwischen Chatbot und Klassenzimmer schließt.
Vor drei Jahren begann mit dem öffentlichen Zugang zu generativer künstlicher Intelligenz ein weltweiter Hype, der auch vor den Schultoren nicht haltmachte. Doch im Bildungsmarkt entscheidet sich derzeit, ob die Technologie tatsächlich Produktivität schafft oder in einer digitalen Sackgasse endet. Das Hamburger EdTech to teach liefert hierzu eine Blaupause: Was 2022 als Experiment begann, hat sich innerhalb von drei Jahren zu einer Arbeitsplattform für hunderttausende Lehrkräfte entwickelt.
Das Problem: US-Tools verstehen deutsche Schulen nicht
Als generative KI erstmals verfügbar wurde, wirkte ihr Einsatz im Bildungsbereich naheliegend. Doch der Blick auf die internationale Konkurrenz zeigt das Dilemma: Während US-Platzhirsche wie MagicSchool AI oder Diffit den Markt mit hunderten Mikro-Tools fluten und technisch beeindrucken, fehlt ihnen der kulturelle Fit. „Einfach nur Texte aus ChatGPT zu kopieren, löst kein einziges Problem von Lehrkräften“, erklärt Felix Weiß, Co-Founder und CEO von to teach.
Die Diskrepanz zwischen dem Versprechen der KI und dem tatsächlichen Schulalltag war groß. US-Lösungen scheitern oft an spezifischen deutschen Lehrplänen oder liefern reine Multiple-Choice-Formate, die hierzulande kaum Anwendung finden. Lehrkräfte benötigten keine unstrukturierten Textwüsten, sondern didaktisch saubere, lehrplankonforme und sofort einsetzbare Materialien. Genau hier setzte das 2022 von Felix Weiß und Marius Lindenmeier gegründete Unternehmen an.
Der Pivot: Datenschutz als Burggraben
Der entscheidende Wendepunkt kam 2023. Das Start-up vollzog einen Strategiewechsel (Pivot) weg von einer SaaS-Lösung für Verlage hin zu einer direkten Plattform für Lehrkräfte. Anstatt Nutzer*innen mit freien Eingabefeldern (Prompts) allein zu lassen, entwickelte das Team feste Arbeitsblattvorlagen. Dies wurde zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber internationalen Anbietern: Während diese oft an der strikten DSGVO scheitern, bietet to teach durch Serverstandorte in der EU und Rechtssicherheit eine Lösung, die Schulträger akzeptieren.
Dabei mussten technische Kinderkrankheiten überwunden werden: Frühe KI-Modelle „halluzinierten“ Fakten. To teach reagierte mit der systematischen Integration von Quellen und profitierte zugleich von der rasanten Evolution der Sprachmodelle.
Skalierung im Ökosystem gegen nationale Konkurrenz
Der Markt nahm die Lösung schnell an: Im Januar 2023 meldete sich der erste Nutzer an, bis Ende des Jahres waren es laut Unternehmen bereits knapp 16.000 Lehrkräfte. Das Jahr 2024 markierte dann den Übergang vom Start-up zur Plattform: Durch die Übernahme von fobizz (101skills GmbH) wurde to teach Teil eines größeren Bildungsökosystems. Die Gründer blieben als Geschäftsführer an Bord.
Dieser Schritt war strategisch überlebenswichtig in einem sich konsolidierenden Markt. Einerseits gegenüber agilen Herausforderern, da Konkurrenten wie schulKI, Teachino, KIULY oder Kuraplan zum Teil aggressiv um Landeslizenzen kämpfen bzw. auf dem Markt für KI-gestützte Unterrichtsplanung und Materialerstellung durchgestartet sind.
Andererseits war der Schritte in Hinblick auf etablierte Verlage notwendig. Denn Häuser wie Cornelsen ziehen inzwischen mit eigenen KI-Assistenten nach, sperren ihre Inhalte jedoch oft in geschlossene Systeme, d.h. binden sie oft an die eigenen Verlagswerke.
Durch die erfolgreiche Integration in fobizz ist to teach kein isoliertes Insel-Tool mehr, sondern profitiert von bestehenden Landesrahmenverträgen und einem riesigen Vertriebsnetz. Die Nutzer*innenzahlen explodierten förmlich auf über 140.000 Lehrkräfte bis Ende 2024, so die Angaben von to teach.
Status Quo 2025: KI als neue Infrastruktur
Heute, im dritten Jahr nach der Gründung, hat sich der Fokus erneut verschoben. To teach versteht sich inzwischen als Arbeitsinfrastruktur. Die Zahlen unterstreichen diesen Anspruch: Nach Angaben von to teach nutzen über 300.000 Lehrkräfte die Plattform, und mehr als 4.000 Schulen sind angebunden. Das bedeutet: Millionen von Inhalten wurden so bereits KI-gestützt vorbereitet.
Das Unternehmen treibt nun den systematischen Schulvertrieb voran. Damit beweisen EdTechs wie to teach, dass sich Qualität und Personalisierung im sonst oft als innovationsresistent geltenden Bildungsmarkt skalieren lassen.
Für CEO Felix Weiß ist die Diskussion über das „Ob“ längst beendet: „Die Frage ist nicht mehr, ob KI im Klassenzimmer ankommt, sondern, wie und auf welche Weise sie dort wirklich hilft.“
