Die perfekte Software zur Ressourcenplanung – die Geheimwaffe erfolgreicher Start-ups?


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Hier findest du wertvolle Tipps zur Auswahl und Anpassung der richtigen Software zur effizienten Ressourcenplanung.

Die Gründung eines Unternehmens ist immer ein Wagnis. Die Märkte sind dynamischer denn je und der Erfolg ist kaum vorhersehbar. Eine detaillierte Planung, die klare Strategie und die Werkzeuge, um genau das bewerkstelligen zu können, werden immer wichtiger. Besonders bei der Ressourcenplanung dürfen sich junge Unternehmen keine Fehler erlauben. Eine maßgeschneiderte Software, die Gründern fehlerfrei unter die Arme greift, wird so schnell zu einem Katalysator für Wachstum und die maximale Effizienz.

Start-ups müssen bereits vor ihrer Gründung die einzigartigen Herausforderungen verstehen, die auf sie in der nahen Zukunft zukommen. Von Beginn an muss eine Software gewählt werden, die sämtliche Bedürfnisse erfüllt und zugleich möglichst viele Eigenschaften in sich vereint. Natürlich ist es in diesem Punkt zudem wichtig, eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Eine gute Software als Grundgerüst für die Ressourcenplanung muss skalierbar sein und genau das bieten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt wird. Die Softwarelösung muss also gemeinsam mit dem Unternehmen wachsen und gedeihen.

Die Auswahl und Anpassung der richtigen Software

Was braucht es überhaupt, um das eigene Ressourcenmanagement auf das nächste Level zu befördern? Nun, die Kernfunktionen sollten neben dem Projektmanagement auf jeden Fall die Zeitplanung und eine detaillierte Fortschrittsverfolgung umfassen. So ist es möglich, mittels einer spezifischen Software möglichst viele Vorteile zu vereinen. Nicht nur die Effizienz steigert sich, auch die Kommunikation innerhalb der Teams eines Start-ups verbessert sich deutlich.

Damit das ERP für Startup für gewünschten Veränderungen schnell herbeiführt, ist es wichtig, die Implementierung der neuen Software richtig anzugehen. Das bedeutet, dass sämtliche Mitarbeiter, die ein Tool nutzen, im Detail geschult werden. Nur, wenn der Wissensstand bezüglich der Anwendung in den Teams ähnlich ist, zeigen sich die gewünschten Veränderungen in kurzer Zeit. Es lohnt sich also für Start-ups, wenn sie sich von Beginn an nach Lösungen umsehen, die sowohl die Skalierung, die Implementierung und das Training umfassen. Der Einstieg in eine neue Software oder ein neues Tool muss so einfach und schnell wie möglich erfolgen, denn nur so ist es möglich, sich auf die wichtigen Kernkompetenzen in der Frühphase der eigenen Unternehmensgeschichte zu fokussieren.

Das volle Potenzial ausschöpfen

Zu Beginn der unternehmerischen Laufbahn muss das Potenzial vollends ausgeschöpft werden. Das geht nur, wenn möglichst verantwortungsvoll mit allen Ressourcen umgegangen wird. Das betrifft sowohl die Mitarbeiter und das Know-how als auch tatsächliche Ressourcen, die eine Grundlage darstellen, um sich auf dem Markt behaupten zu können.

Da die Zeit in der Frühphase ein wichtiger Faktor ist, lohnt es sich, wenn sich für die Zusammenarbeit mit einem Software-Unternehmen entschieden wird, das Lösungen aus einer Hand bietet. Die beste Software ist nur dann hilfreich, wenn sie im Detail auf das Start-up zugeschnitten ist. Die Software muss die Arbeit erleichtern und sie muss für den notwendigen Überblick sorgen. Ist das nicht möglich, so stellt sie womöglich sogar ein unnützes Hindernis dar.

Die effektive Software zur Ressourcenplanung ist, zusammengefasst gesagt, für Start-ups von unschätzbarem Wert. Mit ihr ist es möglich, die Verwaltung zu vereinfachen, die Produktivität zu steigern und alles das trägt von Anfang an dazu bei, erfolgreicher zu sein. Und der Erfolg, genau das ist es, woran sich Start-ups und neu gegründete Unternehmen letztlich messen lassen müssen.

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Gründer*in der Woche: Thamani – Jede Tasse eine Zukunftsperspektive

Thamani finanziert mit dem Verkauf von Keramik die Schulbildung in Kenia und Kambodscha. Im Interview: Gründer Gordon Weuste über harte Margen, Impact und den Weg vom Strategieberater zum Social Entrepreneur.

Anstatt nach der nächsten skalierbaren Tech-Idee zu suchen, begann die Reise von Gordon Weuste anders: Auf einem Kenia-Aufenthalt traf er auf Kinder, denen es an grundlegender Bildung und Zukunftsperspektiven fehlte. Seine Antwort darauf ist jedoch kein klassischer gemeinnütziger Verein, sondern das Social Start-up Thamani (Suaheli für „kostbar“ oder „wertvoll“).

Das Konzept ist so simpel wie logistisch herausfordernd: Lokale Töpferbetriebe in Kenia und Kambodscha fertigen Keramik, die von benachteiligten Kindern in freiwilligen Kunstkursen bemalt wird. Mit dem Verkauf jeder Tasse wird das Schulgeld samt Material des jeweiligen Kindes für einen Monat finanziert. Die bisherige Bilanz: über 2.500 unterstützte Kinder und rund 90.000 Euro, die an die Schulen zurückflossen.

Doch wie baut man um ein manuell gefertigtes Produkt ein tragfähiges E-Commerce-Business auf? Wie managt man eine globale Supply Chain für fragile Ware aus Entwicklungsländern? Und wie funktioniert ein Modell, bei dem der Impact vor der Profitmarge steht? Für unsere Reihe „Gründer*in der Woche“ haben wir bei Gordon Weuste genau nachgefragt.

StartingUp: Gordon, als du in Kenia die fehlende Perspektive der Kinder bemerkt hast, hättest du auch einfach einen klassischen Verein gründen können. Warum hast du dich mit Thamani stattdessen ganz bewusst für die Rechtsform einer UG und damit für das Unternehmertum entschieden?

Gordon Weuste: Ein klassischer gemeinnütziger Verein ist meist auf Sponsoring angewiesen und kann zu starken Abhängigkeiten führen. Diesen Weg wollte ich nicht einschlagen, da für mich Social Entrepreneurship die beste Form der Entwicklungshilfe darstellt, ein Ansatz mit mehr Gegenseitigkeit auf Augenhöhe. Denn ich bin ein entschiedener Befürworter der Stärkung und Befähigung von Menschen – ihnen also genau das an die Hand zu geben, was sie benötigen, um ihre Talente und Fähigkeiten zu nutzen und ihre eigene Zukunft zu gestalten.

Aus unternehmerischer Sicht bietet das Modell einer UG oder GmbH den Vorteil schlankerer Prozesse und eines geringeren Verwaltungsaufwands. Zudem ermöglicht es schnellere Entscheidungen und eine zügigere Umsetzung – ein enormer Pluspunkt für eine komplexe, über mehrere Kontinente reichende Vision wie die von Thamani. So können wir uns stärker auf die Wirkung vor Ort, die operative Umsetzung und den Ausbau unserer Vision konzentrieren.

StartingUp: Du kommst aus einer völlig anderen Welt: Leistungssportler, Berater bei Deloitte, 60-Stunden-Wochen. Dann zwang dich ein gesundheitlicher Zusammenbruch zum radikalen Umdenken. Inwiefern hat diese Zäsur dein Verständnis von „Leistung“ und „Erfolg“ verändert – und wie fließt dieses neue Mindset heute in die Führung von Thamani ein?

Gordon Weuste: Mein Antrieb und meine Motivation entsprangen stets einem sozialen Gewissen und der persönlichen Überzeugung von dem christlichen Gebot der Nächstenliebe. Doch damals konnte kein Ziel für mich groß genug sein, empfand Pausen als Zeitverschwendung auf meiner Mission, die ganze Welt von heute auf morgen retten zu wollen. Schließlich brach ich unter der Last dieses Ehrgeizes zusammen, weil ich Raubbau an meinem Körper betrieb. Es ging nicht nur darum, einen Gang zurückzuschalten. Ich musste hart daran arbeiten, meine ungesunde, an meine Leistung gekoppelte Identität abzulegen. Meine Regeneration dauert nach vielen Jahren immer an und ich musste lernen zu akzeptieren, dass ich bedingungslos geliebt werde – ganz unabhängig von meiner Leistung. Das klingt simpel, ist aber eine tiefgreifende Erkenntnis. Im Laufe der Jahre hat mich dieser Prozess innerlich zu einem anderen Menschen gemacht. Er hat mir geholfen, eine geduldige Führungskraft zu werden. Es ist für mich nicht vorstellbar, dass ich Thamani mit meinem damaligen Mindset hätte aufbauen können. Heute bedeutet Erfolg für mich nicht Perfektionismus, sondern vielmehr, meine Mitarbeiter zu fördern und darin zu bestärken, dass sie fähig, geschätzt und geliebt sind.

StartingUp: Eure Keramik kostet im Shop rund 34 bis 40 Euro. Davon finanziert ihr Schulgelder, faire Löhne vor Ort und eine globale Logistikkette für fragile Ware. Hand aufs Herz: Wie sehen die Margen bei diesem komplexen Wertschöpfungsprozess aus und ist ein solches Modell jemals hochprofitabel zu betreiben?

Gordon Weuste: Die Margen können stark variieren, da zahlreiche Faktoren die Ergebnisse beeinflussen – vom Herkunftsland, Verkaufs-Channel über Transport-, Versand- und Lieferkosten bis hin zu Wechselkursen und Umsatzsteuern. Bevor ich ins Unternehmertum startete, war ich mental eher auf der Konsumentenseite und dabei waren mir manche großen Kostenblöcke nicht so präsent, die man als Unternehmen kaum reduzieren kann. Beispiel: Bei unserem aktuellen Verkaufspreis von 34 EUR für die Kenia-Tassen sind ca. 40 % bereits die Summe aus 19 % Mehrwertsteuer, Zahlungsmittelgebühren (z. B. PayPal und Kreditkarte) und aktuell kostenlosem DHL-Versand. Und trotzdem ist es unser Bestreben, vom Rest mehr als 50 % in das Herkunftsland zurückzuführen, um überdurchschnittliche Löhne, die aufwendige Produktion und – was am wichtigsten ist – Schulgebühren (vor allem für Lehrmaterialien) zu decken. Zudem können wir uns glücklich schätzen, auf unserem Weg von Freiwilligen unterstützt zu werden. Derzeit steht für uns nicht eine hohe Rentabilität im Vordergrund, sondern die erzielte Wirkung – vor Ort in den Ländern, aber auch bei den Menschen, die unsere Produkte kaufen und von den Botschaften in den Briefen und der Kunst emotional berührt werden. Manche Kunden-Feedbacks sind für uns überwältigend. Dank der sozialen Medien konnten wir neue Kundengruppen erschließen: Junge Content-Creator, die unsere Vision teilen, haben unser Produkt organisch weiterempfohlen. Dies sorgte für virale Momente, kaum Marketingkosten und kurbelte die Verkaufszahlen unserer Produkte an.

StartingUp: Der gesamte Prozess von der Fertigung in Kenia bis zum Versand nach Europa ist extrem dezentral. Wie kontrolliert ihr diese fragile Lieferkette und wie geht ihr operativ mit Qualitätsabweichungen oder Bruchschäden um, ohne dass es den Impact vor Ort schmälert?

Gordon Weuste: Das ist tatsächlich eine signifikante Herausforderung. Da wir den Ton meist selbst aus der Erde Kenias herstellen (um dort auch noch mehr Arbeitsplätze zu schaffen), ist die Qualität des Tons nicht so konstant, eben durch saisonale Effekte. Dies kann dazu führen, dass die Glasur ungleichmäßig haftet und sich die Stücke bei hohen Temperaturen im Ofen bisweilen verziehen. Wir haben jetzt 2,5 Jahre gebraucht, um bei der Qualität einigermaßen auf einem konstanten Niveau zu sein. Aber regelmäßige Stromausfälle, Regenschäden oder Unruhen im Lande erschweren es zusätzlich. Auch wenn wir teure dicke Kartons und Puffermaterial nehmen, kommt es beim Transport nach Deutschland zu Bruchschäden, aber die sind zum Glück wirklich überschaubar, schätzungsweise weniger als 1 %. Ganz vermeiden kann man es nicht bei Keramik, jeder Bruch tut uns jedenfalls in der Seele weh.

StartingUp: Bislang habt ihr über 2.500 Kinder unterstützt. Euer Konzept „Ein Kind, eine Tasse, eine Biografie“ ist jedoch hochgradig manuell. Lässt sich ein solches Modell überhaupt auf 100.000 Kinder skalieren, oder zwingt euch die Individualität des Produkts an natürliche Wachstumsgrenzen?

Gordon Weuste: Ja, du hast recht. Es ist ein sehr persönlicher und arbeitsintensiver Prozess. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen streben wir kein schnelles Wachstum an. Auch wenn der Gedanke wunderbar ist, dass noch viel mehr Kinder davon profitieren und in Entwicklungsländern Arbeitsplätze entstehen, würde dies dem Kern unseres Projekts widersprechen – einem Aspekt, den wir um jeden Preis bewahren wollen. Wir sind ein Unternehmen, das sehr praxisnah arbeitet und eng mit den Partnerschulen sowie deren geschultem Personal kooperiert, um das passende Umfeld für die Kinder zu schaffen – von denen viele noch nie zuvor einen Pinsel in der Hand gehalten haben. Wir begleiten den gesamten Prozess: von der Etablierung der Abläufe über die Organisation der Workshops und die Bereitstellung der benötigten Materialien bis hin zur Zusammenarbeit mit lokalen Töpfern, um sicherzustellen, dass alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ablauf gegeben sind. In Nairobi muss unser Team z. B. mehrere Stunden in extrem arme Viertel fahren, um dort einen Workshop mit einer Partnerschule durchzuführen. Dabei müssen Keramik, Pinsel und Farben mitgenommen und nach dem Workshop die Fotos mit den Kindern einzeln gemacht und anschließend alles aufgeräumt und gesäubert werden. Das veranschaulicht den enormen Aufwand, der hinter dem Projekt in diesen Ländern steht, was einen weiteren Aspekt zeigt, warum eine schnelle Skalierung auch aus operativer Sicht für uns nicht vorstellbar ist.

StartingUp: Jeder Tasse liegt eine Kurzbiografie des Kindes bei, was enorme Kund*innenbindung schafft. Wie verhindert ihr in der Kommunikation, dass diese emotionale Nähe in den oft kritisierten „Poverty Porn“ abrutscht? Wo verläuft für euch die ethische rote Linie?

Gordon Weuste: Grundsätzlich veröffentlichen wir natürlich nur Bilder von Kindern, für die uns eine entsprechende Erlaubnis vorliegt. Mit Thamani wollen wir für Positivität, Optimismus und neue Chancen stehen – sei es in der Bildung oder in der persönlichen Entwicklung – und genau danach richten wir unsere Inhalte aus. Ich glaube, dass sich die Menschen gerade in der heutigen Zeit nach Sinn, Liebe und Verbundenheit sehnen, in einer Welt, die oft sehr negativ wahrgenommen wird. Unsere Inhalte sind authentisch und mit viel Herz erstellt; sie wirken nicht wie Hochglanz-Marketing. Kunden bezeichnen uns in ihren Nachrichten bisweilen als „Menschen mit großem Herzen“. Ich halte das für ein unglaublich wertvolles Feedback und einen der Gründe, warum so viele Menschen bei uns kaufen und uns ihr Vertrauen schenken. Genau dieses Maß an Authentizität wollen wir uns bewahren; deshalb achten wir auch darauf, uns nicht in eine negative Schublade stecken zu lassen.

StartingUp: Ein Produkt mit eurer Story schreit geradezu nach Corporate Gifting. Wie hart sind im B2B-Markt die Verhandlungen mit Einkäufern, wenn ihr aufgrund eurer sozialen Verpflichtungen beim Preis kaum Spielraum nach unten habt?

Gordon Weuste: Als ich Thamani gründete, ging ich zunächst davon aus, dass der Schwerpunkt auf dem B2B-Geschäft liegen würde, da ich dort ein enormes Potenzial sah. Wie du weißt, sind Firmengeschenke oft recht einfallslos, weshalb ich in meiner Naivität glaubte, hier leichtes Spiel zu haben. Doch Großunternehmen sind komplexe Gebilde mit zahlreichen Entscheidungsträgern, Richtlinien und Budgetbeschränkungen. Hinzu kommt, dass Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – etwa bei Entlassungswellen – eher dazu neigen, bei Firmengeschenken zu sparen. Ehrlich gesagt hatte ich das B2C-Geschäft nie wirklich in Betracht gezogen, bis 2024 ein TikTok-Video viral ging und unsere Produkte komplett ausverkauft waren. Inzwischen stammen 80 bis 90 % unserer Kunden aus dem B2C-Bereich, bei einer Zufriedenheitsquote von nahezu 100 %.

StartingUp: Das Wohl der Kinder steht für dich vor dem Profit. Gleichzeitig bist du Geschäftsführer eines Unternehmens, das wirtschaftlich arbeiten muss. Gab es Momente, in denen die harten betriebswirtschaftlichen Realitäten diese soziale Mission ernsthaft bedroht haben?

Gordon Weuste: Ja, es gab viele Momente voller Zweifel – etwa als ich einen größeren Kredit aufnehmen musste, als Ausrüstung kaputtging, die Umsätze stagnierten oder mein Umfeld pessimistisch war und wollte, dass ich aufgebe. Es erforderte viel Mut und Zuversicht, weiterzumachen und das Wichtigste – die Kinder – nicht aus den Augen zu verlieren. Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, dass es um eine größere Sache geht; das wird mir jedes Mal bewusst, wenn ich Bestellungen verpacke und ihre Bilder und Briefe sehe. Das motiviert mich, dranzubleiben und niemals aufzuhören zu glauben oder zu träumen. Auch gute Mentoren, die mir in dieser schwierigen Zeit mit Rat und Tat zur Seite standen, haben mir sehr geholfen.

StartingUp: Das Modell von Thamani ist theoretisch auf andere Entwicklungsländer übertragbar. Was sind die nächsten konkreten Meilensteine für euch, um den Impact in den kommenden zwei Jahren strategisch und strukturell zu vervielfachen?

Gordon Weuste: Ehrlich gesagt habe ich die meisten wichtigen Entscheidungen eher aus dem Bauch heraus als auf der Grundlage eines Strategiepapiers getroffen. Für einen Gründer und CEO mag das zunächst widersprüchlich klingen, doch ich behalte dabei stets das große Ganze im Blick: Wo können wir die Bedürfnisse unserer Kunden erfüllen und gleichzeitig etwas bewirken? Wir planen, noch in diesem Jahr in Südamerika an den Start zu gehen, da wir festgestellt haben, dass Kunden gerne Tassen aus verschiedenen Teilen der Welt bestellen – wohl weil die Designs einzigartig sind und den jeweiligen Landesstil widerspiegeln. Zudem arbeiten wir an einigen neuen Designs, mit denen wir hoffentlich neue Kunden ansprechen, die sich für abstrakte Gestaltung begeistern. Ich gehe davon aus, dass mir die Ergebnisse dieser neuen Markt- und Produkteinführungen dabei helfen werden, eine Roadmap für das Jahr 2027 zu erstellen.

StartingUp: Zum Abschluss unserer Interviews fragen wir unsere „Gründer*innen der Woche“ stets nach ihren persönlichen Learnings. Welche drei wichtigsten Ratschläge würdest du angehenden Entrepreneuren mit auf den Weg geben – insbesondere jenen, die den Mut haben, ein eigenes Social Business zu starten?

Gordon Weuste: Wenn angehende Unternehmer sich in einem Sozialunternehmen engagieren wollen, ist es wichtig, dass sie das Herz am rechten Fleck haben. Die Motivation sollte nicht darin liegen, das große Geld zu verdienen, sondern in der Sache selbst. Zweitens: Brennt für eure Idee oder Vision – seid tatsächlich (im positiven Sinne) davon eingenommen. Aber vergesst auch wichtige Pausen und innerlichen Abstand nicht, um auch wieder einen neuen, nicht zu sehr verkrampften Blick darauf zu gewinnen. Thamani hätte nicht funktioniert, wenn ich nicht zu 100 % an den Erfolg geglaubt hätte, ich wäre sonst bei den teils ausweglosen Problemen eingeknickt. Schließlich solltet ihr eine flexible Denkweise mitbringen. Es ist wichtig, anpassungsfähig und geduldig zu sein sowie Nachsicht zu üben, wenn die Dinge nicht wie geplant laufen – besonders bei der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Man muss deren Kommunikations- und Arbeitsweisen verstehen und respektieren. Bei meinen vielen Reisen in ca. 50 Länder und der täglichen Zusammenarbeit bei Thamani mit den vielen verschiedenen Kulturen habe ich viele vorgefasste Meinungen abgelegt und neue wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit.

StartingUp: Danke, Gordon Weuste, für die spannenden Insights.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Joe Gebbia und die Airbnb-Story

Wie der Designer Joe Gebbia mit seinen beiden Co-Gründern Airbnb aus dem Nichts und mit Nichts aufbaute – und damit die Sharing Economy begründete. Eine unglaubliche Gründerstory – und eine Top-Lektion für jeden Entrepreneur.

Du musst die Welt mit den Augen von Kindern sehen. Nach dem Motto: Alles ist möglich.“ Gleich zu Anfang ist das einer der besten Tipps von Joe für alle angehenden Entrepreneure. Inspiriert dazu haben ihn die Ansichten des Möbeldesigner-Ehepaars Charles und Ray Eames. Ihnen verdankt Joe die Einsicht, dass eine weltverändernde Vision eine tiefe Einfachheit voraussetzt.

„Wie schaffe ich es, meinen Nutzern einen mühelosen, intuitiv verständlichen Service auf allen Plattformen – Mobil, Tablet und Computer – anzubieten?“ Diese scheinbar simple Frage bewegt Joe seit Jahren. Sie bewegt ihn morgens unter der Dusche, abends vor dem Einschlafen. Und sie ist der rote Faden für alles, was dazwischen geschieht – während des Arbeitstages von Joe. Kurz: Diese Frage bestimmt sein Leben.

Wer ist Joe? – Beginnen wir mit den einfachen Fakten: Chief Product Officer bei Airbnb lautet sein offizieller Job-Titel. Joe Gebbia ist 34 Jahre alt und einer der drei Gründer von Airbnb, dem weltweit größten Community-Marktplatz zur Buchung und Vermietung von Unterkünften – vom Matratzenlager aufwärts bis zur Luxusvilla. Laut aktueller Forbes-Liste steht Joe Gebbia an Platz 7 der reichsten Unternehmer Amerikas unter 40 Jahren. Sein privates Vermögen wird auf 3,3 Milliarden Dollar geschätzt.

Welche Ausbildung würde man vermuten bei einem Entrepreneur, der nur wenige Plätze hinter Marc Zuckerberg liegt? Bestimmt irgendwas mit Business Administration, bestimmt auch ein Gewächs von Harvard oder Stanford? – Falsch geraten. Joe hat an der Rhode Island School of Design (RISD) Grafik- und Industriedesign studiert, brotlose Kunst, wie viele sagen würden. Übrigens genauso wie sein Co-Gründer Brian Chesky. Die beiden haben sich auf der RISD kennengelernt, und bevor sie Airbnb gründeten, arbeitete Joe als Grafiker beim Buchverlag Chronicle Books – auch das klingt nicht gerade nach globalem Big Business.

Die Suche nach der perfekten User Experience

Wenn Joe gefragt wird, wie man eine perfekte User Experience entwickelt, kommt er auf seine Vorbilder zu sprechen: „Charles und Ray Eames haben mich immer bei diesem Prozess angeleitet. Ihr Hauptanliegen bestand darin, möglichst vielen Menschen das beste Design zu einem möglichst günstigen Preis zugänglich zu machen. Das war es, was mich bei meiner Vision von Airbnb inspiriert hat, ebenso wie ihre außergewöhnliche Handwerkskunst und ihre Hinwendung auch für die scheinbar unbedeutendsten Details.“ Begeistert hat ihn auch die Fähigkeit des Ehepaar Eames, ein Leben lang zu lernen, zu forschen und zu experimentieren. Den hochgradig iterativen Prozess der beiden beim Umgang mit verschiedensten Materialien wie Schichtholz und Fiberglas hat sich Joe als Vorbild genommen, vor allem wenn es darum geht, neue Produkte für Airbnb zu entwickeln.

Ein Beispiel nennt Joe im Interview mit dem Inc. Magazine (8-2015): „Als wir verstanden, dass unsere Gastgeber nicht nur ihre vier Wände anbieten konnten, sondern Koch- oder Internetkurse oder geführte Wandertouren oder Städteführungen, dachten wir lange darüber nach, wie man derartige Services leichter entdecken und buchen kann. Dazu unterhielten wir uns mit vielen unserer Gastgeber in San Francisco. Das Ergebnis war dann ein Experience Marketplace auf der Airbnb-Plattform. Das Angebot hier ist zwar noch klein, aber ein wichtiger Versuch.“

Und auch das gilt dem großen Ziel einer perfekten User Experience, die sich nach der Meinung von Joe in einfachster Bedienung für den Anwender ausdrückt. Er schwärmt: „Ich fühle mich fantastisch, wenn ich erlebe, dass meine Mutter Airbnb ohne uns technikaffine Kinder benutzen kann.“ Zukunft zu schaffen heißt für ihn, eine globale Vision zu haben und sich extrem darauf zu fokussieren, das neu Geschaffene für alle leicht zugänglich zu machen.

Design bedeutet für Joe nicht, coole, schicke oder hippe Gadgets zu erfinden, vielmehr versteht er unter Design das entscheidende Werkzeug dazu, globale Visionen für ein weltweites Publikum erreichbar zu machen. Unter seiner Ägide gilt Airbnb heute als Wegbereiter der neuen Disziplin „Serviceorientiertes Design“, das die Qualität aller Handlungen zwischen einem Anbieter und seinen Kunden nachhaltig verbessert. Im Fall von Airbnb geht es darum, die User Experience vom ersten Online-Kontakt bis zum Schluss, dem physischen Aufenthalt z.B. in einer Airbnb-Wohnung, zu optimieren.

Dies ist ein Auszug aus einem aktuellen Artikel unseres Print-Objekts StartingUp:
Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen StartingUp - Heft 01/16 - ab dem 18. Februar 2016 im Handel oder jederzeit online bestellbar  - auch als epaper - in unserem Bestellservice-Bereich

Es kann nur einen geben!

Er ist ein bekennender „Einzeltäter“, und das mit sehr großem Erfolg: Lars Hinrichs hat bereits mehrere Unternehmen gegründet. Mit Firma Nummer drei, dem sozialen Netzwerk XING, wurde er zum reichen Internet-Star. Für den Entrepreneur aus Leidenschaft sind dies nur angenehme Nebeneffekte.

Was als erstes auffällt, wenn man mit ihm spricht: Dass er langsam redet, manchmal längere Pausen zwischen den Sätzen macht, dass er die Worte sorgfältig wählt, erst einmal überlegt, bevor er etwas sagt. Warum man das so nicht erwartet hat? Weil Lars Hinrichs als Internet-Unternehmer in einer schnellen Branche zu Hause ist und bereits mehrere Unternehmen gegründet hat. Wer in so kurzer Zeit ein solches Pensum bewältigt, der muss doch rasant durchs Leben gehen.

Falsch gedacht. Lars Hinrichs rennt nicht, zumindest rennt er nicht mehr. „Ich lerne gerade mit einer völlig neuen Eigenschaft fertig zu werden“, sagt er, „mit dem Faktor Zeit.“ Die braucht er in seiner neuen Funktion als Venture-Capital-Geber und Chef seines aktuellen Unternehmens HackFwd, mit dem er im Sommer 2010 an den Start gegangen ist. HackFwd unterstützt Computerfreaks, in der Szene nennt man sie Geeks, mit Geld und Know-how dabei, aus einer guten Idee ein tragfähiges Unternehmen zu machen. Das klappt aber nicht über Nacht und manchmal klappt es gar nicht. Nur „wenn es gut läuft, bekommt man als Geldgeber etwas zurück“, sagt Hinrichs. Rund ein Dutzend Firmen hat der Hamburger bislang finanziert, „ein paar liegen über den Erwartungen, sind sehr erfolgreich, ein paar haben es nicht geschafft“, sagt Hinrichs. Verkauft hat er noch keine der Firmen. Zurückgekommen ist also noch nichts.

Geld ist nichts für die Bank

Lars Hinrichs kann sich Geduld leisten. Er kann es sich leisten, eine Zeit lang der Geldgeber zu sein. Hinrichs ist schließlich kein armer Mann. Als er 2009 das Internetportal XING an die Burda Digital GmbH, eine Tochter der Burda Media, verkaufte, sind 48 Millionen Euro auf sein Konto geflossen. „Wohin soll ich denn mit dem Geld?“, fragt Hinrichs. „Auf die Bank etwa?“ Lieber steckt er sein Kapital in Computer-Nerds. Für ihn ist das die beste Investition in die Zukunft. Um das, was man mit Geld machen kann, geht es Hinrichs, nicht darum, Geld zu verdienen. Das sei nur ein angenehmer Nebeneffekt, sagt der Vater zweier Söhne. Wer etwas nur des Geldes wegen mache, sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Hinrichs packt die Dinge aus Leidenschaft an. „Man sollte etwas machen, was einem wirklich liegt“, sagt er.

Daniel Ek und die Spotify-Story

Wie der Schwede Daniel Ek Spotify aufbaute und die Angriffe von Apple und der Musikindustrie kontert. 

„Eigentlich habe ich mich nie als Entrepreneur gesehen, sondern als jemand, der viele interessante Probleme in der Welt erkennt, und fortwährend davon genervt ist, dass es hierfür noch keine Lösung gibt. Und dann habe ich festgestellt, dass es noch mehr Leute gibt, die diese Defizite als störend empfunden haben. Ok, habe ich gesagt, was machen wir also? Und nachdem sonst niemand diese Dinge angepackt hat, dachte ich: Dann muss ich das eben selbst angehen.“ So äußerte sich Daniel Ek in einem Gespräch mit KPCB-Venture-Capitalist Chi-Hua Chien an der Stanford University im Mai 2012.

Im Jahr 1997, Daniel war 14 Jahre, und hatte gerade seine erste Firma in Ragsved, einem Stockholmer Arbeitervorort, gestartet, verlangten Beratungsfirmen in Europa bis zu 50.000 Dollar, um eine Webseite zu programmieren. Daniel dachte sich: Das ist nun wirklich nicht so schwer, und begann Webseiten für seine ersten Kunden zu bauen. Seinen Mitschülern, die gut in Mathe waren, brachte er HTML bei und jenen, die gut zeichnen konnten, Photoshop. Am Ende war fast die ganze Klasse nach Unterrichtsschluss damit beschäftigt, Webseiten für Daniels Kunden zu entwickeln. „Ich habe das gar nicht so sehr als Firma betrachtet, ich wollte nur gute Ergebnisse erzielen“, sagt Daniel heute. Gleichzeitig hatte er das erste Mal in seinem Unternehmerleben das gute alte Tom-Sawyer-Prinzip angewandt: Das Anstreichen von Gartenzäunen nicht mehr als Arbeit darzustellen, sondern als Privileg. Man könnte auch sagen: Daniel hat auf höchstem Niveau delegiert.

Daniels Gründermarathon

Eks Eckdaten genügen für eine lebenslange Unternehmer-Biographie, aber das erste große Kapitel spielt sich in weniger als zehn Jahren ab: Nach seiner ersten Firmengründung mit 14 Jahren, verkaufte er seine Webagentur mit 19 und stieg – bereits Millionär – mit 21 als CTO bei Stardoll ein, einem heute noch verbreiteten Dress-Up-Game für Teenies, die hier ihre virtuellen Puppen ankleiden. Im Alter von 22 wurde Daniel CEO von uTorrent, einer Filesharing- und Streaming-Technologie, die auch von Piratenportalen genutzt wurde. Dazwischen fielen noch die Gründung und der Verkauf von Advertigo, einer Online-Marketing-Firma. Für rund 1,2 Millionen Dollar ging das Unternehmen an Tradedoubler, dessen CEO Martin Lorentzon später Daniels Co-Founder bei Spotify wurde. Nicht zu vergessen, da gab es noch Tradera, eine Auktionsplattform, die später von Ebay übernommen wurde.

Tech-Veteran mit 23 Jahren

Als Daniel sich mit 23 Jahren, das war 2006, an Spotify machte, war er bereits Multimillionär – und quasi ein Tech-Veteran mit knapp zehn Berufsjahren auf dem Buckel. Dem US-Musikmagazin Billboard erzählte er: „Ich war eigentlich noch ein Kind, ließ den Champagner fließen, fuhr schnelle Sportwagen und machte einen Haufen unanständige Dinge. Eines Morgens wachte ich auf, neben mir eine Frau – ich wusste nicht, wer sie war – und ich hatte nicht die geringste Erinnerung an die letzten drei Tage. Ich fühlte mich völlig leer.“

Daniel musste wieder runterkommen, fokussieren und zog in ein kleines Haus in der Nähe seiner Mutter, die ihn allein erzogen hatte, spielte Gitarre und plante seinen nächsten Schachzug. Seine Gedanken drehten sich um Napster, das er ja selbst nutzte, um Metallica-Tracks zu suchen und seinen ersten Led-Zeppelin-Song zu hören, „Kashmir“. Napster hatte ihn schon mit 14 Jahren fasziniert. Auf der einen Seite erkannte er, wie sich der Musikkonsum immer mehr in Richtung Piraterie verschob, und dass bereits eine halbe Milliarde Menschen weltweit illegal Musik hörten. Gleichzeitig sah er, dass die Musiker ums Überleben kämpften, und nicht mehr von ihrer Musik leben konnten. Apple verkaufte damals im iTunes-Store kopiergeschützte Musikfiles mit einer Qualität von 160 kBit/sek, während man zu PirateBay oder Kazaa gehen konnte, und hier die gleiche Datei fast ebenso schnell ohne Qualitätseinschränkung und ohne Kopierschutz herunterladen konnte. Also war klar, dass erstmalig ein Piratenprodukt dem legalen Produkt überlegen war. Kein Wunder, dass die Leute Piratenseiten nutzten.

Der Weg zu Spotify

Daniels Idee: Einen Musik-Service zu entwickeln, der mindestens so groß und bedienungsfreundlich wie Napster sein sollte, der aber legal betrieben werden sollte und der für die Übertragung der Rechte Geld an die Musik­industrie bezahlt. „Mein Ziel war es, mit Spotify einen Service zu bieten, der besser war als all die Piratenprodukte. Es sollte einfacher sein, Musik zu entdecken und zu teilen. Ich erkannte, dass wir mit einem derartigen Service die Chance hatten, rund 500 Millionen Menschen zu erreichen. Und zwar alle die, die Musik illegal konsumierten. Gleichzeitig war es das Ziel, wieder Wachstum in die Musikindustrie zu bringen und den Künstlern damit die Chance zu geben, weiter ihre Musik zu machen, die uns allen Freude macht. Ich wollte mit der Musikindustrie arbeiten, nicht gegen sie.“

Das aber erwies sich als extrem schwer. Daniels Freemium-Geschäftsmodell, das vorsah, sämtliche Musik dieser Welt legal und kostenlos zur Verfügung zu stellen, löste größte Bedenken bei den Managern der großen Plattenlabels wie Universal Music Group, Warner oder Sony aus. Vergeblich versprach Daniel Einnahmen über Werbefinanzierung zu generieren und kostenpflichtige Premium-Accounts zu verkaufen. Vergeblich versprach er vor allem, die angeschlagene Musikindustrie mit diesem Konzept wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Das Trauma des Niedergangs und der Umsatzhalbierung der gesamten Sparte zwischen 1997 und 2005 in Folge der digitalen Veränderung war längst noch nicht verarbeitet, und Daniels Karriere bei uTorrent, dem Anbieter für illegale Streaming-Software, natürlich bekannt. Es musste so kommen: Daniel erhielt bei den großen Labels in New York zunächst eine Absage nach der anderen. „Ich war 25 und fühlte mich, als wäre mein Leben zu Ende“, erzählte er in einem Radio-Interview des schwedischen Rundfunks.

Dass er es doch schaffte, kann Daniel auch seiner Herkunft verdanken: Der Start in Schweden, einem vergleichsweise kleinen Musikmarkt, erwies sich als Vorteil für Spotify. Die schwedische Musikindustrie hatte nicht viel zu verlieren, war quasi am Boden durch die Piraterie, und so konnte Daniel seinen Proof of Concept in diesem kleinen Testmarkt erbringen, bevor er zunächst das übrige Europa und den US-Markt ins Visier nahm, Märkte in denen es für Spotify allerdings viel zu verlieren gab. Tatsächlich konnte der schwedische Musikmarkt, der infolge der Musikpiraterie praktisch tot war, ab ca. 2010 wieder zulegen, und sogar an die goldenen Zeiten vor 2001 anknüpfen. „Mehr und mehr andere Märkte wollten uns jetzt“ so Daniel.

Glücksfall Schweden – es gab noch weitere Gründe, die Daniel einen Standortvorteil einbrachten: Zum einen die starke Engineering-Tradition des Landes, zum anderen war der frühe Breitband-Ausbau der Netzinfrastruktur in Schweden ein wichtiger Faktor. Schon 2001 stand Daniel eine 100-Mbit-Download-Leitung zur Verfügung, also eine selbst nach heutigen Maßstäben hervorragende Infrastruktur. Dies inspirierte Daniel, er fragte sich: Wofür können wir dies nutzen? „Das Laden einer Webseite dauerte zwei Sekunden, also fingen wir an, größere Sachen zu laden, wie Videos und Musik, und das war neu.“

Eks Rezept: 95 Prozent Ausführung – 5 Prozent Idee

Was ist das Geheimnis, wenn man in komplexen „alten“ Branchen wie der Musikszene mit einem neuen Geschäftsmodell erfolgreich sein will? „Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, gebe ich nie auf“, sagt Daniel. Ganz viel Geduld ist nötig, vor allem in Branchen, die von traditionellen Platzhirschen dominiert sind. Auch dass er all dies in so jungen Jahren gestartet hat, betrachtet Daniel heute als wesentlich für den Erfolg. „Ich war naiv, als ich Spotify startete. Zum Beispiel wusste ich am Anfang nicht, dass man zum Streamen Lizenzen von den Plattenfirmen brauchte, das habe ich erst später verstanden. Also sah ich nur die Lösungen, nicht die Schwierigkeiten auf dem Weg dahin, und dachte: Hey, das kann ja nicht so schwer sein. Leute mit entsprechender Erfahrung sagen über viele innovative Geschäftsideen, das funktioniert nicht, und zwar aus den Gründen XYZ. Tatsächlich aber stellt sich dann oft heraus, dass die meisten Sachen doch irgendwie möglich sind.“

Als Visionär oder Genie sieht sich Daniel dennoch nicht. „Immer wieder kommen Leute zu mir und fragen mich nach neuen Geschäftsideen, die sie umsetzen könnten, und ich sage: Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, was funktionieren wird und was nicht, ich bin nicht der Prophet, der voraussagt, was der nächste große Erfolg sein wird.“ Zum Beispiel hatte Daniel um 2004 die Chance, sich bei Skype zu engagieren, doch er dachte, das wird nie was und lehnte ab. Überzeugt ist er allerdings, dass die Ausführung alles ist, die Ideen hingegen fast nichts. 95 Prozent Ausführung gegenüber fünf Prozent Idee, so beschreibt Daniel die Verhältnisse.

Rasantes Streaming-Wachstum

Was macht ein Software-Produkt gut, nach welchen Grundsätzen werden Anwendungen bei Spotify entwickelt? „Ich habe zwar als Techniker gestartet, aber bin wohl heute eher ein lausiger Programmierer. Aber ich denke lösungsorientiert“, sagt Daniel. „Das half mir.“ Daniel äußert sich, wie er Interfaces beurteilt: „Ich frage mich: Wozu ist es da? Was ist der Zweck des Interfaces? Und ich denke viel darüber nach, welches der kürzeste Weg von Punkt A nach Punkt B ist.“ Das zwingt zu Iterationen, zu Wiederholungsschleifen im Design und zu Tests. Bei Spotify sind es oft drei bis vier Versionen, die den Usern vorgelegt werden, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Welches Problem will ich hier lösen, da muss man viel drüber nachdenken“, sagt Daniel.

Viele aktuelle Zahlen belegen, dass die meisten Überlegungen richtig waren. Der Wert von Spotify wird heute auf rund 8 Milliarden Dollar geschätzt. An den Standorten in neun Städten, u.a. London, New York und Stockholm, arbeiten knapp 1400 Leute und vor allem: Rund 75 Millionen Menschen in 58 Ländern nutzen den Streaming-Dienst, gut ein Viertel davon per kostenpflichtigem Abo zum Preis von 9,99 Dollar pro Monat. Von diesen Einnahmen sowie den Werbeerlösen aus den freien Accounts hat Spotify nach eigenen Angaben bislang mehr als drei Milliarden Dollar an die Musikindustrie ausbezahlt. Allein im ersten Jahresviertel 2015 betrugen demnach die Ausschüttungen für die Labels 300 Millionen Dollar.

Und so werden die Streaming-Umsätze für die Musikunternehmen immer wichtiger: Machten sie 2010 nur drei Prozent der globalen Gesamteinnahmen aus, stieg dieser Wert bis 2014 auf 15 Prozent. Gleichzeitig sank der Umsatz aus CD-Verkäufen von 54 Prozent auf 36 Prozent. Auch der Umsatz aus Downloads sinkt, wie eine Studie des Bundesverbands der Musikwirtschaft aus dem Jahr 2014 belegt. Hier heißt es: „Die Mutter des Digitalgeschäfts, der Downloadbereich, entwickelt sich tendenziell rückläufig.“ Streaming hingegen wächst rasant: In den letzten Wochen des Jahres 2014 wurden fast doppelt so viele Streams gezählt wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Derzeit nutzen rund 11 Millionen Menschen in Deutschland Streamingdienste für ihren Musikkonsum, bis 2018 sollen es nach einer GfK-Studie 22 Millionen sein.

Schwarze Zahlen – Fehlanzeige!

Trotz glänzender Aussichten: Schwarze Zahlen hat Spotify noch nie geschrieben: Bei Einnahmen von rund 1,25 Milliarden Euro im Jahr 2014 verbuchte das Unternehmen 165 Millionen Euro Verlust. Und auch bei den Künstlern bleibt wenig Zählbares hängen: Pro Stream erhält ein Musiker im besten Fall nur 0,164 Cent ausbezahlt – dies rechnete der Hessische Rundfunk 2013 aus. Für ein gesamtes gestreamtes Album sind es zwei Cent, während die Erlöse für ein klassisch verkauftes Album durchaus drei Euro erreichen können. Das bedeutet: Das Album eines Künstlers muss etwa 150 Mal gestreamt werden, bis es Erlöse in der Höhe eines Verkaufs einspielt.

Manche Künstler spielen da nicht mehr mit. Prominentestes Beispiel ist die US-Sängerin Taylor Swift, Darling des amerikanischen Publikums, die ihr Portfolio Ende 2014 bei Spotify entfernen ließ: „Spotify feels to me like a grand experiment. I’m not willing to contribute my life’s work to an experiment that I don’t feel fairly compensates the writers, producers, artists and creators of this music.“ Das hat natürlich geschadet, mancher fragt sich: was bringt mir ein Streaming-Abo, wenn die aktuellen Hits nicht zu hören sind?

Ganz klar, Daniel Ek steht unter Druck. Der Typ, der immer in der Vorwärtsbewegung war, der die Musikbranche wie kein anderer zur Disruption zwang, der Offensivspieler im Strafraum dieser Industrie, er muss plötzlich Defensivaufgaben vor dem eigenen Tor übernehmen. Denn da wären noch mehr Fronten: Nicht nur die Künstler, auch die Musikindustrie macht Druck. Das Freemium-Modell ist vielen großen Playern ein Dorn im Auge. Und schließlich ist da seit Sommer 2015 ein noch mächtigerer Gegner, der mächtigste und reichste unserer Zeit: Apple mit seinem neuen Streaming-Dienst Apple Music.

Die mächtigen Spotify-Gegner

Keine Frage: Der Entrepreneur Daniel Ek muss sich neu beweisen. Nicht mehr Disruption, ganz andere Fähigkeiten sind gefragt. Wie macht er das, wird er das schaffen, und wenn ja, wie? Beginnen wir mit dem Problem Taylor Swift: Was schreibt Daniel Ek in seinem Blog? „Taylor Swift hat Recht. Musik ist Kunst, Kunst hat hohen Wert, und Künstler verdienen es, bezahlt zu werden. Wir starteten Spotify, weil wir Musik lieben und weil die Piraterie die Musik killte. Der Vorwurf, Spotify würde auf dem Rücken der Künstler Geld machen, regt mich auf.“ Und weiter, adressiert an alle Künstler: „Unser ganzes Business ist darauf ausgerichtet, den Wert Ihrer Musik zu maximieren.“ Dass Taylor Swifts Titel nach Löschung aus Spotify ganz oben in den Rankings von PirateBay und YouTube standen, war natürlich Daniels Killer-Argument zum Schluss dieser Apologie.

Nächstes Thema – die großen Player der Musikindustrie. Sony, Warner, UMG – sie alle halten mittlerweile ihre Anteile an Spotify, dank ihrer Verhandlungsposition als Rechteinhaber, kein Wunder. Doch das hindert sie nicht daran, Spotify offen in Frage zu stellen: Auf der Code/Media Konferenz im Frühjahr 2015 musste Spotify zwei vernichtende Urteile seiner wichtigsten Rechtelieferanten einstecken: Lucian Grainge, UMG-Chairman, sagte, auf lange Sicht sei das kostenlose, werbefinanzierte on-demand-Streaming nicht nachhaltig, und Sonys Music Entertainment CEO Doug Morris meinte gar: „In general, free is death.“

Freemium-Debatte und Börsengeflüster

Spotifys Umsätze aus Werbung sind nach wie vor gering, entsprechend auch die Tantiemen daraus für Labels und Künstler. Folglich drängen die großen Anbieter auf eine Beschneidung des Gratis-Services, etwa durch Drosselung von Qualität oder Nutzungszeit. Doch Spotify verteidigt das Freemium-Modell, in der Hoffnung Free-User noch zu Bezahl-Usern zu konvertieren. Daniels Entgegnung auf diesen Punkt: Die Freemium-Debatte gab es „von Anfang an. Glauben Sie, dass es künftig auch kein kostenloses Radio mehr gibt?“ Und dann kommt natürlich – gebetsmühlenartig – der Hinweis auf die Piraten, Daniels stärkste Waffe. Aber er hat noch ein anderes Ass im Ärmel: Den möglichen Börsengang von Spotify, über den immer wieder spekuliert wird. Vor allem seit Barry McCarthy im Sommer 2015 neuer Finanzvorstand von Spotify wurde, ein Spezialist für IPOs, der auch schon Netflix an die Börse gebracht hatte. Daniel weiß: Beim Börsengang wollen die großen Labels auch Kohle machen, ganz hart werden sie ihn vorher nicht fallen lassen.

Apple Music contra Spotify

Tja, und dann Apple. Apple Music, gelauncht Anfang Juli 2015, ist die Antwort auf sinkende Download-Zahlen in iTunes und auf den wachsenden Streaming-Markt. Es ist eine mächtige Replik. Denn auch Apples Streaming-Dienst bietet von Anfang an 30 Millionen Songs, ebenfalls zum Preis von 9,99 Dollar bzw. Euro pro Monat und für Familien sogar für nur 14,99 Dollar bzw. Euro. Die ersten drei Monate kann man kostenlos testen, ein Angebot, das nach einem Bericht der New York Post ca. 15 Millionen User weltweit angenommen haben und das für viele im Herbst 2015 ausläuft. Jetzt entscheidet es sich: Zwei bezahlte Streaming-Dienste parallel ergeben keinen Sinn, daher stellt sich die Frage: Gibt es eine Kündigungswelle für Spotify?

Letztlich stimmen die User ab, welche Plattform ihnen sympathischer ist. Apple kann eine Menge Argumente ins Feld führen: Spannend ist vor allem die kuratierte Musikauswahl, die sich genau an den Geschmack und die Hörgewohnheiten des Users anpasst. Außerdem: Die App ist auf Apple-Geräten vorhanden, man muss sie nicht mehr installieren, im Gegensatz zu Spotify. Doch Spotify besitzt einen ansehnlichen Vorsprung, und Jeff Levick, Chief Revenue Officer von Spotify, äußerte sich Anfang Oktober positiv, das gesteckte Ziel, nämlich 100 Millionen User, bis Ende 2015 zu erreichen.

Das ist auch die Haltung von Ek: Skandinavisch cool federt er den Angriff ab. Bereits legendär ist seine Reaktion auf Twitter zu Apple Music: „Oh, ok.“ Und auf der IAB MIXX Konferenz Anfang Oktober 2015 ergänzte er: „Für uns ist es wirklich großartig, dass Leute in diesen Bereich investieren, um die Musik nach vorn zu bringen, und dass wir nicht die einzigen sind, die sagen: Streaming ist die Zukunft.“ Und er fügte hinzu, dass es genug „Platz am Tisch gibt, weil das Streaming von Musik ganz am Anfang“ stehe. Außerdem, so Daniel in einem Videointerview mit Jason Calacanis: „Der einzige Weg in dieser sich schnell drehenden Welt zu gewinnen – und sie bewegt sich jeden Tag schneller, es gibt soviel Innovation weltweit – besteht darin, super-fokussiert auf ein bestimmtes Problem zu sein und das besser und schneller zu lösen als alle anderen.“ Allerdings: Dieses Statement steht in gewissem Widerspruch zu Daniels Aussage, am Tisch sei genug Platz für mehrere Anbieter ...

Spotify in allen Lebenslagen?

Zum Schluss der Ausblick, nur einige Details: Spotify setzt auf die Kombi Musik und Shows und bindet zunehmend Videos ein, dazu gehören auch Nachrichten, Unterhaltungsclips und Podcasts. Anwendungen wie Spotify Running wollen ein noch individuelleres Nutzererlebnis ermöglichen und machen Musikvorschläge, die sich genau dem Lauftempo des Users anpassen. Auch das Auto spielt bei Spotifys Plänen eine große Rolle. In Apple CarPlay und Android Auto ist Spotify bereits integriert. Nun kommt eine Kooperation mit Uber hinzu. Als Fahrgast hörte man bislang die Musik, die der Fahrer hörte. In Uber-Autos soll der Fahrgast mit Spotify-Account seinen eigenen Sound auflegen. Überhaupt, das ist Daniels Vision: Spotify soll für uns alle zum Bestandteil des täglichen Lebens werden. Wir werden mit Spannung verfolgen, ob Daniels Plan aufgeht und ob tatsächlich genug Platz am Tisch für alle ist.

Alarmstufe Rot für Start-ups: Wie „Shadow-KI“ zur unkalkulierbaren Bedrohung wird

Die schnelle Zusammenfassung eines Meetings, rasch generierter Code oder ein übersetztes Dokument: KI macht den Arbeitsalltag effizienter. Doch wenn Mitarbeitende auf eigene Faust Tools nutzen, entsteht eine gefährliche Schatten-IT. Ein aktueller Sicherheitsvorfall zeigt die Risiken – und was Gründer*innen jetzt tun müssen.

Anfang August 2026 schreckte ein massives Datenleck die Tech-Community auf. Beim beliebten KI-Meeting-Assistenten tl;dv wurde eine kritische Sicherheitslücke bekannt. Der Sicherheitsforscher, der unter dem Pseudonym BobDaHacker auftritt, konnte auf 181.874 Meeting-Datensätze zugreifen, die mehr als 84.000 Nutzern zugeordnet waren. Zudem gelang es ihm laut eigenen Angaben, sich in zwei laufende Live-Besprechungen einzuklinken. Auch wenn tl;dv die Lücke rasch schloss und betonte, dass über diese Schwachstelle keine privaten Gesprächsprotokolle oder Aufzeichnungen abrufbar gewesen seien, bleibt ein brisanter Weckruf für Unternehmen.

Für Christoph Knöll, Geschäftsführer der KI-Beratung Neurawork, offenbart dieser Fall ein viel weitreichenderes, oft unterschätztes Problem in der Unternehmenswelt: „Das größte Risiko liegt in der unkontrollierten Nutzung von KI-Tools.“ Oft seien es die Mitarbeitenden selbst, die derartige Anwendungen ohne das Wissen der IT-Abteilung einrichten.

Die unsichtbare Gefahr: Was ist Shadow-KI?

Genau dieses Phänomen bezeichnen Experten als „Shadow-KI“ (Schatten-KI). Es ist die logische, aber heikle Evolution der klassischen Schatten-IT. Während herkömmliche nicht-genehmigte Software oft isolierte Aufgaben erfüllte, werden KI-Tools kontinuierlich mit tiefgreifenden Unternehmensdaten gefüttert – von sensiblen Kundengesprächen über proprietären Code bis hin zu Finanzdaten.

Aktuelle Erhebungen aus dem Jahr 2026 unterstreichen die Brisanz: Gartner schätzt, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Wissensarbeiter*innen KI-Anwendungen ohne ausdrückliche Freigabe für berufliche Zwecke einsetzt. Auch der aktuelle IBM Cost of a Data Breach Report warnt vor den finanziellen Folgen: Datenschutzverletzungen, bei denen Shadow-KI im Spiel ist, erhöhen die ohnehin immensen Kosten eines Breaches im Durchschnitt um rund 670.000 US-Dollar. Gerade für Start-ups, bei denen schnelle Prozesse essenziell sind, kann ein solches Datenleck oder ein Verstoß gegen den strengen EU AI Act existenzbedrohend sein.

Warum ein pauschales Verbot scheitert

Christoph Knöll sieht in der Entstehung von Shadow-KI nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern primär ein Warnsignal. Es sei ein klares Indiz dafür, dass konkrete Probleme der Belegschaft im Unternehmen nicht ausreichend gelöst würden. Daher seien pauschale Verbote der völlig falsche Ansatz. Sie führen in der Praxis lediglich zum sogenannten Wasserbetteffekt: Die Nutzung weicht auf private Geräte oder schwerer kontrollierbare Kanäle aus, was die Risiken weiter verschärft.

Ohne einen strukturierten Umgang mit künstlicher Intelligenz, so Knöll, suchen sich die Mitarbeitenden unweigerlich ihre eigenen Lösungen – was dazu führt, dass aus vereinzelten Tools schnell ein unkontrollierter Wildwuchs entsteht. Statt zuerst die Frage nach dem passenden Tool zu stellen, sollten Firmen gemeinsam mit ihrem Team analysieren: Wo haken unsere Prozesse, wo geht wertvolle Zeit verloren und an welchen Stellen kann KI eine sinnvolle Hilfestellung bieten?

Drei klassische Fehler begünstigen den Wildwuchs

Nach Erfahrungen der Expert*innen liegen der unkontrollierten KI-Nutzung meist drei grundlegende Management-Fehler zugrunde:

  • Die Technologie wird vor das Geschäftsproblem gestellt: Unternehmen führen KI ein, ohne vorab klar zu definieren, welche konkreten Probleme für Kund*innen oder Mitarbeitende damit eigentlich gelöst werden sollen. Erfolgreiche Integration startet jedoch immer bei der Herausforderung, nicht bei der Tool-Auswahl.
  • Das Team wird nicht mitgenommen: Selbst die raffinierteste KI-Lösung verpufft, wenn sie im Alltag nicht genutzt wird. Mitarbeitende müssen den Nutzen verstehen und wissen, wie sich ihre Arbeitsweise dadurch positiv verändert.
  • Mangelnde Alltagstauglichkeit: Was im Labor oder Pilotprojekt glänzt, läuft in der Praxis oft instabil. KI-Lösungen müssen sicher in die bestehenden Unternehmenssysteme eingebunden, mit hochwertigen Daten gespeist und vor allem dauerhaft zuverlässig betrieben werden.

To-Dos für Gründer*innen: So gelingt der strukturierte Rollout

Ein strukturierter KI-Rollout, der Shadow-KI vorbeugt, basiert auf den drei Säulen Strategie, Architektur und Change-Management. Fehlt auch nur eine dieser Säulen, bleibt der erhoffte wirtschaftliche Nutzen aus. Gründer*innen sollten folgende Schritte sofort einleiten:

  • Den echten Bedarf evaluieren (Strategie): Sprich mit deinen Teams. Frage offen: Welche Probleme sollen gelöst werden? Verstehe den Bedarf, bevor du Vorgaben machst oder teure Lizenzen einkaufst.
  • Sichere Alternativen bereitstellen (Architektur): Verbiete nicht einfach unsichere Tools, sondern biete nahtlose, sichere Alternativen an. Die KI-Architektur muss gewährleisten, dass Systeme sicher und zuverlässig funktionieren. Implementiere Enterprise-Gateways, die den Abfluss von Unternehmensdaten zu Trainingszwecken verhindern.
  • Schulung und Befähigung (Change-Management): Verankere KI-Kompetenz in deiner Unternehmenskultur. Kläre dein Team über die Risiken unautorisierter Datenfreigabe auf und etabliere klare Leitlinien (Governance), damit die neuen Tools auch produktiv und sicher im Alltag genutzt werden.

Fazit

Shadow-KI ist längst in den Büros und Homeoffices der Start-up-Welt angekommen. Der Vorfall um den Meeting-Assistenten tl;dv ist ein unmissverständlicher Weckruf. Gründer*innnen, die KI lediglich als randläufiges IT-Projekt begreifen, greifen zu kurz. Es geht vielmehr um eine strategische Transformation, bei der Sicherheit, Compliance und Produktivität im Einklang stehen müssen.

Gründer*in der Woche: InCycling – DeepTech meets Circular Economy

Jährlich werden in der Chemie- und Pharmabranche Millionen Tonnen intakter Rohstoffe vernichtet, weil Haltbarkeit abläuft, Produkte aus der Spezifikation rutschen oder sich ganz einfach Produktionsstandorte, Marktbedarfe und Produktportfolios geändert haben. Das Berliner KI-Start-up InCycling, gegründet von den Ex-Bayer-Managern Dr. Karym El Sayed und Sascha Karhöfer, setzt neue Maßstäbe, was mit den so entstehenden Überschüssen möglich ist. Ihre SaaS-Plattform identifiziert ungenutzte Bestände direkt im ERP-System von Unternehmen und führt sie dann über ein multimodales Agentensystem zurück in den Wertschöpfungskreislauf. Ein Interview über den B2B-Handel der Zukunft, messbare ESG-Erfolge und den Sprung vom Konzern in die Selbständigkeit.

StartingUp: Hallo Karym, hallo Sascha! Pitcht InCycling doch mal in einem Satz – was genau macht euer Start-up?

Karym El Sayed: InCycling ermöglicht Pharma- und Chemieunternehmen, hochwertige Rohstoffe, die intern nicht mehr benötigt werden, frühzeitig zu erkennen, regulatorisch zu prüfen und wirtschaftlich sinnvoll wieder in den Markt zu bringen.

StartingUp: Ihr bringt beide geballte Konzern-Erfahrung mit: Karym, du warst unter anderem Head of eHealth & Medical Software Solutions bei Bayer; Sascha, du hast dort den globalen Einkauf der Medizinprodukte verantwortet. Wie kam es zu dem Entschluss, die sicheren Spitzenpositionen im Corporate-Umfeld aufzugeben und Mitte 2025 in Berlin InCycling zu gründen?

Sascha Karhöfer: Wenn man so will, dann war der Auslöser ein Projekt rund um pharmazeutische Primärverpackung, konkret Gummistopfen für ein Medikament. Für ein Entwicklungsprojekt musste aufgrund großer Chargengrößen eine große Mindestmenge Rohmaterial bestellt werden, obwohl absehbar war, dass nur ein Bruchteil tatsächlich gebraucht würde. Während das Projekt erfolgreich abgeschlossen und die Entwicklung weitergeführt wurde, blieb eine riesige Menge Material übrig, für das weder intern noch extern eine weitere Verwendung gefunden werden konnte. Es lagerte unter kontrollierten pharmazeutischen Bedingungen, konnte aber im Konzern praktisch nicht mehr sinnvoll weitergegeben oder verkauft werden. Und der Hersteller schloss eine Rücknahme kategorisch aus. Am Ende blieb uns nur die Entsorgung.

Karym El Sayed: Entscheidend war auch die Erkenntnis aus weit über 150 Stunden Interviews mit verschiedenen Marktteilnehmenden und der Beobachtung, dass das keine Herausforderung einzelner Firmen oder Projekte war, sondern ein systemisches Problem, mit dem fast alle Firmen im hoch regulierten Umfeld konfrontiert sind. Überschüsse entstehen durch Mindestabnahmemengen, lange Lieferketten, Projektänderungen, Forecasting-Unsicherheiten, regulatorische Vorgaben oder strategische Entscheidungen wie Portfoliobereinigungen und Produktionsverlagerungen. In der Pharma- und Chemieindustrie ist das Alltag. Wir hatten beide erfüllende Positionen, aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem wir gesagt haben: Wenn wir dieses Problem wirklich lösen wollen, müssen wir es außerhalb klassischer Konzernstrukturen angehen. Mit InCycling sind wir nun in der Lage viele Firmen anzubinden und eine marktweite Lösung zu bauen, die an den Systemen und Prozessen großer Unternehmen ansetzt und gleichzeitig den bestehenden Handel mit Tradern, Brokern und Distributoren nutzt und alle Parteien besser vernetzt.

StartingUp: Die Dimensionen in eurer Branche sind gewaltig: Millionen Tonnen an chemischen und pharmazeutischen Produkten werden Jahr für Jahr vernichtet, weil niemand rechtzeitig an einen Weiterverkauf denkt. Warum tun sich Industrieunternehmen intern bisher so schwer mit dem sogenannten Surplus-Management?

Karym El Sayed: Weil Surplus-Management in regulierten Industrien deutlich komplexer ist, als es von außen aussieht. Es wird bereits viel versucht, das zu vermeiden. Allerdings reicht es meist nicht, ein Material im Lager zu finden und zu sagen: Das verkaufen wir jetzt. Unternehmen müssen klären, ob das Material noch als regulatorisch konformes Produkt geführt werden kann, welche Spezifikationen gelten, welche Dokumente vorliegen, wie es gelagert wurde, wie es transportiert werden muss, ob es für bestimmte Märkte freigegeben werden darf und welche Anforderungen die kaufenden Firmen erfüllen müssen. Dafür braucht es Ressourcen, Expertise in dem Bereich und fachübergreifende Prozesse. Hinzu kommt, dass die relevanten Informationen selten an einem einzigen Ort liegen. Ein Teil ist im ERP-System dokumentiert, ein Teil in Qualitätsdokumenten, ein Teil in globalen Datenbanken und manchmal auch lokalen Sharepoints verschiedener Abteilungen wie z.B. Procurement oder Supply Chain. Wenn diese Informationen manuell zusammengesucht werden müssen, lohnt sich der Aufwand oft nur bei signifikanten Mengen oder sehr hohen Werten.

Sascha Karhöfer: Mindestens genauso wichtig sind die internen Verantwortlichkeiten. Wer entscheidet, dass ein Material freigegeben werden darf? Wessen Kostenstelle gehört das Produkt? Wer bewertet Compliance und Qualität? Wer ist Ansprechperson, wenn es verkauft wurde und nun zu dem Käufer transportiert werden muss? Welche Abteilungen müssen zustimmen: Product Supply, Einkauf, Finance, Sustainability, Operations, Legal, Qualität? In vielen Unternehmen passt der Weiterverkauf von Überschüssen schlicht nicht sauber in bestehende Prozesse. Einkaufsware muss plötzlich wie Verkaufsware behandelt und im System auch so umgewertet werden. Das ist ungewohnt, sensibel und aufwändig. Dazu kommt: Niemand spricht besonders gern über Überschüsse, weil es schnell nach Fehlplanung klingt. Dabei entstehen sie in komplexen Lieferketten ganz normal und alltäglich. Unser Ansatz ist, abgebende Firmen in diesem Prozess zu begleiten, Handlungssicherheit zu schaffen und die oft noch hohen Werte von Surplus-Rohstoffen sichtbar zu machen, bevor wir diese über einen professionellen und transparenten Prozess incyclen.

StartingUp: Eure Lösung setzt direkt an der digitalen Wurzel an und integriert sich via APIs nahtlos in ERP-Systeme wie SAP S/4HANA. Wie genau läuft dieser automatisierte Prozess ab, von der Entdeckung eines drohenden Überschusses bis hin zum erfolgreichen B2B-Handel?

Sascha Karhöfer: Der erste Schritt ist Sichtbarkeit. Unsere Plattform dockt über Schnittstellen an bestehende Systeme an, in Zukunft zu allererst an SAP S/4HANA, und analysiert, welche Materialien vorhanden sind, welche Mengen verfügbar sind, welche Haltbarkeiten hinterlegt sind und ob es Hinweise gibt, dass ein Material intern nicht mehr benötigt wird. Dann geht es um die Datenbasis. InCycling sammelt und strukturiert relevante Informationen: Sicherheitsdatenblätter, Produktspezifikationen, Qualitätsdokumentation, Haltbarkeit, Testergebnisse, Lagerhistorie, Verpackungs- und Transportspezifikationen. Genau hier hilft KI, weil viele dieser Daten verteilt, unstrukturiert oder schwer vergleichbar sind.

Karym El Sayed: Darauf folgt die fachliche Einordnung. Wir nutzen Chemical-Informatics, um das Material chemisch zu verstehen und zu prüfen, in welchen Industrien, Anwendungen oder Endprodukten es noch eingesetzt werden könnte. Das können komplett andere Märkte und Produkte sein, da viele Chemikalien ein breites Einsatzspektrum haben. Oft auch in Bereichen, die nicht direkt sichtbar sind. Danach erfolgt eine regulatorische Bewertung: In welchen Ländern oder Regionen darf der Rohstoff angeboten werden? Welche Sicherheitsvorgaben gelten? Welche Transportanforderungen gibt es? Gibt es Dual-Use-Themen, Embargos oder besondere Lizenzanforderungen auf Käuferseite? Auch hier helfen zukünftig KI-Modelle unseren Kunden, rechtssicher zu handeln. Im letzten Schritt führt ein Matchmaking-Modul diese Informationen zusammen. Es identifiziert passende Geschäftspartner, oft Trader, Broker oder Distributoren, und gibt konkrete Empfehlungen für den Weiterverkauf. Ziel ist nicht, bestehende Marktakteure zu ersetzen, sondern ihnen bessere, validierte Informationspakete und mehr handelbare Materialien zugänglich zu machen, die den Zweitmarkt bisher nicht einmal erreichen würden.

StartingUp: In der Chemie- und Pharmabranche gelten extrem strenge regulatorische Vorgaben. Wie stellt ihr mithilfe eurer KI – die ja auch auf NLP und OCR zur Dokumentenanalyse setzt – sicher, dass die gehandelten Rohstoffe absolut rechtssicher validiert und für die Käufer*innen compliance-konform sind?

Karym El Sayed: Zunächst ist wichtig: KI bereitet Daten auf und schlägt ein weiteres Vorgehen für eine Substanz vor. Sie unterstützt dabei, Informationen zu finden, zu strukturieren, zu vergleichen und für Expert:innen nutzbar zu machen. In regulierten Industrien braucht es nachvollziehbare Prozesse, klare Dokumentation und menschliche Verantwortung. Genau so bauen wir InCycling auf. An kritischen Wegpunkten immer mit einem „Human in the loop“, um Entscheidungen zu treffen und Prozesse zu kontrollieren. Ein einfaches Beispiel: NLP und OCR helfen uns, Dokumente wie Sicherheitsdatenblätter, Analysezertifikate, Spezifikationen oder Qualitätsunterlagen maschinenlesbar zu machen. Daraus entsteht ein strukturierter Quality- und Compliance-Kontext. Dieser kann dann über hoch spezialisierte KI-Agenten geprüft und ausgewertet werden: Passt das Material zur angegebenen Spezifikation? Welche Haltbarkeit ist relevant? Welche Lagerbedingungen sind dokumentiert? Welche regulatorischen Einschränkungen gibt es?

Sascha Karhöfer: Für kaufende Firmen ist Vertrauen entscheidend. Langfristig stellen wir uns vor, dass „InCycled“-Ware so selbstverständlich und verlässlich wird wie Refurbished-Produkte im Elektronikbereich. Eigentlich ist der Vergleich sogar etwas zu schwach, weil die Rohstoffe quasi nie genutzt wurden. Sie wurden produziert, qualitätsgesichert und dann nur bei einem anderen Unternehmen gelagert. Daher die Wortkreation „InCycling“, denn Recycling und Upcycling treffen nicht zu. Die Rohstoffe, auf die wir uns fokussieren, sind lediglich nach dem Kauf zwischengelagert, aber noch nicht einmal geöffnet, verändert oder gar eingesetzt worden. Damit dieser Markt funktioniert, müssen Kaufende nachhalten können, dass die Ware ihren Anforderungen entspricht. Daher sind wir bestrebt, dass Unternehmen beim Einkauf einer Surplus-Chemikalie auch alle relevanten Produkt- und Qualitätsdaten einsehen können, bevor ein Produkt gehandelt wird.

StartingUp: Ihr vertreibt InCycling als klassisches Software-as-a-Service-Modell (SaaS) mit einer Provisionskomponente. Wie sieht euer konkretes Monetarisierungsmodell aus und wie hoch sind die Hürden, wenn man eine traditionell eher konservative Industrie von einer neuen digitalen Plattform überzeugen will?

Sascha Karhöfer: Wir kombinieren eine SaaS-Lizenz für die ERP-Integration mit einer erfolgsabhängigen Provision auf abgewickelte Trades. Die SAP-Anbindung schafft laufende Sichtbarkeit auf Überschussbestände, substanziell verdient wird aber erst, wenn tatsächlich ein Trade zustande kommt. Das koppelt unseren Erfolg direkt an den wirtschaftlichen Nutzen, den wir für die Kunden schaffen, statt an reine Lizenzgebühren. Die Plattform muss sich nicht über ein abstraktes Digitalisierungsversprechen rechtfertigen, sondern über messbare Effekte im Bestand, in den Kosten und in der Ressourcennutzung: Wenn ein Unternehmen Abschreibungen vermeidet, Entsorgungskosten reduziert und gleichzeitig zusätzlichen Wert aus bestehenden Beständen schafft, ist der wirtschaftliche Hebel sehr konkret und messbar.

Karym El Sayed: Die Hürden liegen auch viel weniger darin, ob Unternehmen das Problem verstehen. Viele kennen es sehr genau. Wie schon gesagt, niemand spricht besonders gern über Überschüsse, weil es eben schnell nach Fehlplanung klingt. Die meisten Unternehmen sind in dem Bereich vorsichtig im externen aber auch internen Austausch. Neue Lösungen müssen in bestehende Systeme und bekannte Prozesse passen, regulatorisch belastbar sein und interne Entscheidungswege berücksichtigen. Deshalb verkaufen wir InCycling nicht als isolierte Verkaufsplattform. Wir erarbeiten mit den Unternehmen auch die effizientesten Prozesse für den Umgang mit Surplus: Wer muss eingebunden werden? Welche Freigabeschritte sind nötig? Welche Dokumente werden gebraucht? Wie wird aus einem potenziellen Überschuss ein sicher handelbares Material? Wenn diese Fragen sauber beantwortet sind, sinkt die Hürde nochmal deutlich.

StartingUp: Nachhaltigkeit und ESG-Kriterien sind heute fester Bestandteil von Geschäftsberichten. Welches Argument zieht in euren Verkaufsgesprächen mit den Konzernen derzeit besser: Die Reduktion des CO-Fußabdrucks durch echte Kreislaufwirtschaft oder die knallharte finanzielle Optimierung der Bilanz?

Karym El Sayed: Beides ist relevant, aber in unterschiedlichen Gesprächssituationen. Nachhaltigkeit und ESG öffnen oft die Tür, weil Unternehmen zunehmend berichten müssen, wie sie Ressourcen nutzen, Abfall vermeiden und Emissionen reduzieren. Gerade in der Chemie- und Pharmaindustrie ist das ein großes Thema und Unternehmen suchen nach immer neuen Ansätzen, hier noch besser zu werden. Die Entscheidung wird am Ende aber meist dort getroffen, wo operative und finanzielle Verantwortung liegt. Wenn Werksleiter*innen, Finance-Teams oder Operations-Verantwortliche sehen, dass weniger abgeschrieben, kürzer gelagert, weniger entsorgt und vorhandenes Material besser genutzt werden kann, wird der Case sehr konkret und die vermiedenen Kosten und generierten Revenues können produktiv investiert werden.

Sascha Karhöfer: Für uns ist die Stärke von InCycling genau diese Verbindung und dass wir den Prozess zu großen Teilen automatisieren können. Wenn hochwertiges Material vernichtet wird, verliert das Unternehmen Wert, zahlt teilweise zusätzlich für Lagerung, Transport und Entsorgung und verursacht unnötige Umweltbelastung. Wenn dasselbe Material weiterverwendet wird, entsteht ein Vorteil auf mehreren Ebenen.

StartingUp: Ihr seid nun seit gut einem Jahr am Markt. Wo steht InCycling heute und was sind die wichtigsten Meilensteine, die ihr in den kommenden Monaten auf eurer Roadmap habt?

Sascha Karhöfer: Wir sind in einer Phase, in der wir die Plattform im Markt weiter validieren, erste industrielle Testphasen und Pilot-Anbindungen mit Konzernen und dem Mittelstand ausbauen und mehr Materialvolumen sichtbar machen. In den vergangenen Monaten haben wir auch dank des Accelerator-Programms von AI NATION, in dem KI-Start-ups wie wir gefördert werden, große Schritte nach vorn gemacht. Jetzt machen wir uns nach einer erfolgreichen Angel-Runde bereit für eine erste größere Finanzierungsrunde, die wir für Ende 2026 anstreben.

Karym El Sayed: Die nächsten Meilensteine liegen für uns in drei Bereichen: Erstens wollen wir die technische Integration und die KI-Module weiter ausbauen, insbesondere Dokumentenanalyse, regulatorische Bewertung und Matchmaking. Zweitens geht es um den Aufbau eines starken internationalen und industrieübergreifenden Netzwerks aus abgebenden Unternehmen, Tradern, Brokern und Distributoren. Drittens wollen wir zeigen, dass InCycling skalierbar ist: zunächst in einer klaren Nische, aber mit einem sehr großen internationalen Markt dahinter. Und klar, langfristig wollen wir erreichen, dass überschüssige chemische und pharmazeutische Rohstoffe nicht mehr automatisch als Abfall gedacht werden, sondern als wertvolle Ressource, die verlässlich verkauft, eingekauft und eingesetzt werden kann.

StartingUp: Zum Abschluss ein Rat an unsere Community: Was empfiehlt ihr Gründer*innen, die mit DeepTech- und KI-Lösungen eine stark regulierte und etablierte Industrie umkrempeln wollen?

Sascha Karhöfer: Fangt beim echten Problem an, nicht bei der Technologie. In regulierten Industrien reicht es nicht, eine technisch spannende Lösung zu bauen. Man muss verstehen, wo der Schmerz im Alltag liegt, welche Daten wirklich verfügbar sind, welche Abteilungen betroffen sind und warum bestimmte Prozesse heute so laufen, wie sie laufen und auch wer die neuen Prozesse nutzen wird. KI ist dann stark, wenn sie ein konkretes industrielles Problem lösbar macht. Bei uns geht es nicht um KI als Selbstzweck, sondern darum, verteilte Informationen nutzbar zu machen, manuelle Aufwände zu senken, Entscheidungen besser vorzubereiten und dass InCycling gewinnbringend für alle Seiten wird. Wenn das gelingt, kann Technologie sehr viel bewegen.

StartingUp: Karym, Sascha – danke für eure spannenden Insights.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Software statt Kellner? Wie Order Right mit KI und Automatisierung gegen das Gastro-Sterben ankämpft

Die Gastronomie leidet unter Personalmangel, steigenden Kosten und einem Chaos an digitalen Insellösungen. Das Griesheimer Start-up Order Right will alle digitalen Prozesse in einem einzigen System bündeln – und trifft damit offenbar den Nerv der Zeit. Nach eigenen Angaben gewann das Team in nur zwölf Monaten über 500 Kund*innen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Muhammed Ali Yildiz über B2B-Vertrieb, Product-Market-Fit und KI am Bestelltelefon.

StartingUp: Was war der konkrete Auslöser für dich, Order Right gegen den digitalen Flickenteppich in der Gastronomie zu gründen?

Muhammed Ali Yildiz: Der Auslöser war die enorm herausfordernde Situation der Branche. Viele Gastronomen kämpfen mit komplexen Abläufen, langen Vertragslaufzeiten und einer Vielzahl an isolierten Einzellösungen, die nicht miteinander kommunizieren. Genau hier setzen wir an: Wir wollen eine zentrale Infrastruktur bieten, die den Alltag vereinfacht, damit sich Betreiber wieder auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren können.

StartingUp: Warum ist euer All-in-One-Ansatz für Gastronom*innen besser als schlanke Nischenlösungen („Best-of-Breed“)?

Muhammed Ali Yildiz: In der Gastronomie fehlt schlicht die Zeit für IT-Pflege. Zwischen einzelnen Nischensystemen brechen die Abläufe auf, was zu Reibungsverlusten und Mehrfachkosten führt. Wenn alles aus einer Hand kommt, entfallen diese Probleme – es gibt nur einen Ansprechpartner und eine zentrale Datenpflege. All-in-One ist für uns deshalb kein reines Feature, sondern die eigentliche Leistung.

StartingUp: Wie habt ihr es geschafft, die im Tagesgeschäft stark eingespannten Gastronom*innen für den Erstkontakt zu erreichen?

Muhammed Ali Yildiz: Die eigentliche Hürde ist tatsächlich der Erstkontakt während des laufenden Betriebs. Aber sobald wir im persönlichen Gespräch waren, konnten wir die meisten Betriebe für uns gewinnen. Unser stärkster Kanal ist dabei die Mundpropaganda, da die Branche stark vernetzt ist und sich Qualität schnell herumspricht.

StartingUp: Welcher Vertriebskanal war euer stärkster Hebel für das schnelle Wachstum von über 500 Kund*innen in zwölf Monaten?

Muhammed Ali Yildiz: Ganz klar Empfehlungen. Eine Kassenumstellung ist Vertrauenssache, da hört man lieber auf Kollegen als auf Werbung. Kaltakquise diente anfangs als Türöffner, und Partnerschaften werden jetzt relevanter, um neue Regionen zu erschließen. Der eigentliche Wachstumsmotor bleibt aber die Qualität der Arbeit beim bestehenden Kunden.

StartingUp: Wie entgegnest du im Verkaufsgespräch dem Einwand, dass eine Systemumstellung zu viel Zeit und Kosten verursacht?

Muhammed Ali Yildiz: Ich frage nach den aktuellen Kosten. Zählt man Kasse, Lieferdienste, Webshop und die manuellen Arbeitsstunden für die Buchhaltung zusammen, sind mehrere Einzellösungen oft deutlich teurer. Zudem ist unser System bewusst so einfach gehalten, dass Aushilfen in zehn Minuten eingearbeitet sind. Wir übernehmen die Einrichtung und sorgen dafür, dass die Umstellung nicht im stressigen Wochenendgeschäft passiert.

StartingUp: Überwiegt bei traditionellen Betrieben die Skepsis gegenüber KI und Automatisierung oder die Erleichterung beim Personal?

Muhammed Ali Yildiz: Anfängliche Skepsis schwindet sehr schnell durch die einfache Bedienung und unseren ständigen Support. Der KI-Telefonassistent nimmt beispielsweise verpasste Anrufe an und sichert so Umsatz, der sonst verloren ginge. Letztlich überwiegt beim Personal ganz klar die Erleichterung, weil lästige Routineaufgaben wegfallen und mehr Zeit für den Gast bleibt.

StartingUp: Welche manuellen Prozesse wird es in Restaurants in drei Jahren definitiv nicht mehr geben?

Muhammed Ali Yildiz: Erstens die handschriftliche Telefonbestellung, zweitens die doppelte Datenpflege auf verschiedenen Plattformen und drittens die Zettelwirtschaft am Monatsende für den Steuerberater. Alles, was keinen Umsatz bringt und niemandem Freude macht, wird automatisiert. Der Rest – das Kochen, Beraten und der menschliche Kontakt – bleibt beim Menschen.

StartingUp: Muhammed Ali Yildiz, danke für die Insights!

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Key Takeaways für Gründer*innen

  • All-in-One schlägt Insellösungen: In Branchen mit hohem operativen Druck gewinnt das System, das Schnittstellenprobleme eliminiert.
  • Schmerzpunkt statt Feature-Schlacht: Schnelles B2B-Wachstum gelingt, wenn das Produkt direkte Antworten auf drängende Branchenprobleme (wie Personalmangel und Kostensteigerungen) liefert.
  • Technologie als Entlastung: KI und Automatisierung dienen im B2B-Bereich vor allem dazu, dem Personal Routineaufgaben abzunehmen und Freiräume zu schaffen.

KI-Paradoxon im Start-up-Ökosystem: Effizienz-Booster oder Innovations-Bremse?

Die aktuelle Bitkom-Studie zeichnet ein ambivalentes Bild: Während künstliche Intelligenz (KI) in Tech-Start-ups zum Standard-Tool avanciert, hinterlässt sie tiefe Spuren in der Personalstrategie. Jedes vierte Start-up (27 %) hat in den vergangenen zwölf Monaten auf Neueinstellungen verzichtet, weil KI Aufgaben übernommen hat.

Die Zahlen im Überblick

Die Befragung von 102 Tech-Start-ups durch Bitkom Research – die als aussagekräftiges Stimmungsbild, jedoch nicht als repräsentativ einzustufen ist – verdeutlicht eine verschobene Dynamik im Ökosystem:

  • Der KI-Dämpfer: 27 % der Start-ups stoppten Neueinstellungen, 7 % bauten sogar Stellen ab.
  • Der KI-Motor: Gleichzeitig stellten 16 % aufgrund von KI-Effizienzgewinnen zusätzliches Personal ein.
  • Der Trend: Die durchschnittliche Mitarbeiterzahl sank von 15 (2024) über 13 (2025) auf aktuell 12 Beschäftigte.
  • Der Ausblick: 62 % der Befragten rechnen für das laufende Jahr wieder mit steigenden Beschäftigtenzahlen.

Kritische Einordnung: Fluch oder Segen?

Die Schlagzeile „Jedes vierte Start-up verzichtet auf Neueinstellungen“ klingt nach einer Gefahr für den Arbeitsmarkt. Aus Sicht des Managements ist die Realität jedoch eine andere:

1. Die „Lean Start-up“-Renaissance

Start-ups stehen unter enormem Druck: Kapital ist teuer, Burn-Rates müssen minimiert werden. KI ist hier nicht nur ein technisches Feature, sondern ein ökonomischer Rettungsanker. Wenn ein Tool für Content-Erstellung oder Code-Assistenz die Arbeit von zwei Junior-Entwicklern übernimmt, ist das kein Arbeitsplatzverlust aus Mutwilligkeit, sondern Notwendigkeit, um kapitalschonend die nächste Funding-Runde zu erreichen.

2. Transformation statt reiner Abbau

Der Verzicht auf Neueinstellungen betrifft primär repetitive Aufgaben. Die 16 %, die trotz KI aufbauen, zeigen das wahre Potenzial: KI-Integration erfordert Spezialisten – Prompt Engineers, KI-Architekten oder Datenexperten. Die „einfachen“ Stellen fallen weg, die komplexen Stellen kommen dazu. Der moderne Entwickler wandelt sich vom reinen Coder zum technischen Dirigenten.

3. Das schrumpfende Team als neues Normal

Die gesunkene durchschnittliche Teamgröße ist Ausdruck einer höheren operativen Disziplin. Gründer sind heute gezwungen, kapitaleffizienter zu skalieren. KI ist das Werkzeug, das dieses Ziel – mehr Output mit weniger Köpfen – erst technisch ermöglicht.

Kompakte Handlungsempfehlungen für das Management

Wenn Start-ups den „Headcount“ reduzieren und stattdessen auf KI-Tools setzen, verändert das die interne Statik. Um zu verhindern, dass die gewonnene Effizienz in technischem Chaos endet, müssen Gründer und CTOs drei Hebel umlegen:

  • Das „Junior-Dilemma“ durch Mentoring lösen: Wenn KI die klassischen Einsteigeraufgaben (Boilerplate-Code, einfache Bugfixes) übernimmt, fehlt dem Nachwuchs die Lernkurve. Start-ups müssen Apprenticeship-Modelle etablieren: Pairen Sie Juniors direkt mit Seniors und trainieren Sie sie intensiv im Code-Review sowie in der KI-Orchestrierung.
  • Unternehmenskultur auf Outcome trimmen: Belohnen Sie die Qualität der Problemlösung, nicht den Weg dorthin. Wenn KI die handwerkliche Umsetzung automatisiert, rückt das „Was“ und „Warum“ in den Fokus. Fördern Sie kreative Freiräume (z. B. durch interne KI-Hackathons), um die gewonnene Zeit für echte Innovationen zu nutzen, statt nur das Backlog schneller abzuarbeiten.
  • Erfolgsmetriken (KPIs) radikal anpassen: Wer Entwickler heute noch nach „Lines of Code“ oder „Story Points“ misst, provoziert unwartbaren KI-Spaghetti-Code. Messen Sie stattdessen Flow- und Qualitätsmetriken: Die Pull Request Cycle Time zeigt, ob sich Code im Review staut, weil die Seniors überlastet sind. Die Change Failure Rate (CFR) sichert ab, ob die KI-generierten Features in der Produktion stabil bleiben.

Fazit

Das Narrativ von der „KI als Job-Killer“ greift zu kurz. Wir erleben eine Professionalisierung des Wachstums. KI ist in der Start-up-Welt angekommen – nicht als stumpfer Ersatz für Arbeit, sondern als Katalysator für ein Modell, das operative Exzellenz über pure Manpower stellt.

Die Messbarkeits-Illusion: Warum sich die Natur nicht in Start-up-Kennzahlen pressen lässt

Nach dem CO2-Markt suchen Investor*innen und Gründer*innen das nächste Milliarden-Asset: Biodiversität. Doch beim Versuch, die Natur in einen handelbaren Index zu pressen, kollidiert Hightech mit den unumstößlichen Gesetzen der Biologie.

Ein neues Rechenzentrum vor den Toren Berlins. Die Bagger rollen an, dafür muss ein lokales Feuchtgebiet weichen. Früher hätte das Unternehmen als Ausgleich einfach ein paar Setzlinge am Waldrand gepflanzt. Heute, im Zeitalter der strengen EU-Nachhaltigkeitsrichtlinien, reicht das nicht mehr. Der Konzern will – und muss – auf dem Papier „Nature Positive“ sein.

Die Lösung aus der Tech-Welt scheint elegant: „Mit einem Klick kauft das Unternehmen sogenannte Biodiversity Credits bei einem der gehypten neuen Nature-Tech-Start-ups. Die Investition fließt in den Schutz eines ausgetrockneten Pinienwaldes in Andalusien, der mit Sensoren überwacht wird. Das Gewissen der Investor*innen ist rein, die Excel-Tabelle der Nachhaltigkeitsabteilung leuchtet grün.

Doch genau in dieser grünen Zelle der Tabelle offenbart sich der fundamentale Denkfehler eines aufstrebenden Marktes. Beim klassischen Klimaschutz funktioniert diese Ausgleichslogik. Eine Tonne CO2, die in Brandenburg ausgestoßen wird, ist physikalisch identisch mit einer Tonne CO2, die in Spanien aus der Luft gesaugt wird. Dem Klima ist die Geografie egal, die Währung ist universell austauschbar.

Die Natur lässt sich aber nicht in ein globales Hauptbuch pressen. Man kann den Lebensraum der brandenburgischen Rotbauchunke nicht durch eine iberische Eidechse ausgleichen. Wer Jaguare mit Regenwürmern vergleicht, verliert. Dennoch arbeiten Dutzende europäische NatureTech-Start-ups aktuell genau daran: Sie nutzen Drohnen, Umwelt-DNA und Bioakustik-KIs, um die unendliche Komplexität eines Ökosystems in eine einzige, handelbare Finanzkennzahl zu übersetzen.

Es ist der ambitionierte Versuch der Tech-Branche, das Unmessbare messbar zu machen – und er droht zu einer gigantischen Illusion zu werden.

Die „God-Mode“-Technologien: Der Wald wird ausgelesen

An Daten mangelt es dabei nicht. Im Gegenteil: Die technologische Entwicklung der letzten Jahre ermöglicht uns einen völlig neuen, fast gottgleichen Blick auf Ökosysteme.

Nehmen wir das Münchner Start-up Hula Earth. Das Team bringt das Internet of Things in den Wald. Solarbetriebene Sensoren und Mikrofone lauschen rund um die Uhr. Eine künstliche Intelligenz filtert das Rauschen, identifiziert das spezifische Zirpen einer bestimmten Grillenart und verknüpft diese akustischen Daten mit Satellitenbildern. Ähnlich radikal ist der Ansatz des Start-ups IdentMe aus Halle an der Saale. Statt Tiere mühsam zu fangen oder zu zählen, setzt das Team auf eDNA (Umwelt-DNA). Ein winziger Tropfen Wasser aus einem See oder eine Bodenprobe reichen aus, um genetisch exakt nachzuweisen, welche Tier- und Pflanzenarten in den vergangenen Tagen hier verkehrten.

Der blinde Fleck der Biologie verschwindet. Wir wissen heute besser denn je, was im Wald passiert. Das Problem der Start-ups ist nicht die Datenerhebung. Das Problem beginnt beim nächsten Schritt: der Monetarisierung.

Der Index-Fehler: Mathematik vs. Biologie

Um einen Biodiversitäts-Credit an ein Unternehmen verkaufen zu können, müssen Start-ups Millionen von Datenpunkten – Vogelstimmen, DNA-Spuren, Lidar-Scans von Baumkronen – aggregieren. Sie müssen all das in eine einzige Zahl pressen. Einen Index. Einen Score.

Und hier schlagen Ökolog*innen und Biolog*innen Alarm. Die Natur ist kein Dashboard. Wenn ein Start-up-Algorithmus Biodiversität vor allem nach der bloßen Anzahl der gefundenen Arten bewertet (weil sich das mathematisch leicht berechnen lässt), droht eine gefährliche Gamification. Nach dieser Logik wäre ein künstlich angelegter Stadtzoo mit exotischen Tieren wertvoller als ein natürliches, hochspezialisiertes – aber naturgemäß artenarmes – Hochmoor. Die Reduktion von Ökosystemen auf eine handelbare Metrik öffnet Tür und Tor für Fehlsteuerungen.

Das Trauma der Carbon-Märkte

Die europäische Start-up-Szene agiert hier in einem extrem angespannten Umfeld. Der Vorgänger-Markt – die freiwilligen CO2-Zertifikate – liegt nach massiven Greenwashing-Skandalen um wertlose „Phantom-Wälder“ in Trümmern. Investor*innen sind nervös, das Misstrauen gegenüber reinen Tech-Versprechen ist groß.

Gleichzeitig baut sich ein immenser regulatorischer Druck auf. Durch die europäische Berichtspflicht (CSRD) geraten Konzerne in Panik. Start-ups wie das Berliner Unternehmen Kuyua bauen deshalb Plattformen, die Unternehmen helfen, ihre extrem komplexen Natur- und Klimarisiken in den globalen Lieferketten überhaupt erst einmal zu erfassen. Konzerne müssen plötzlich handeln, Metriken vorweisen und Natur-Bilanzen erstellen, obwohl die wissenschaftlichen Standards für diese Bilanzen noch gar nicht ausgereift sind. Es entsteht ein gefährlicher Blindflug, bei dem Milliardenbudgets in unfertige Systeme fließen könnten, nur um Compliance-Häkchen zu setzen.

Fazit: Von Offsetting zu Insetting

Bedeutet das, dass die europäischen NatureTech-Start-ups auf dem Holzweg sind? Keineswegs. Die Technologien von eDNA bis Bioakustik sind bahnbrechend. Der Fehler liegt nicht in der Hard- oder Software, sondern im Geschäftsmodell des Ablasshandels.

Biodiversität lässt sich schlichtweg nicht „offsetten“. Zerstörung an Ort A kann nicht durch Schutz an Ort B ungeschehen gemacht werden. Der wahre und zukunftsfähige Wert der NatureTech-Szene liegt im sogenannten Insetting.

Anstatt Zertifikate aus dem Amazonas an deutsche Autobauer zu verkaufen, müssen diese Technologien eingesetzt werden, um die Natur innerhalb der eigenen Lieferketten zu reparieren. Die KI von Hula Earth oder die eDNA-Analysen von IdentMe entfalten ihr volles Potenzial, wenn sie messen, wie sich die Pestizidreduktion auf den Feldern der direkten Zulieferer auswirkt.

Die Natur lässt sich nicht als globale Währung handeln. Aber mit der richtigen Technologie lässt sie sich vor der eigenen Haustür endlich verstehen – und im besten Fall retten.

Selbständig mit Ü50: Flucht vor dem Algorithmus oder Neustart in die Freiheit?

Mit über 50 Jahren noch einmal gründen oder in die Freiberuflichkeit starten? Für immer mehr erfahrene Fachkräfte ist dies weniger eine romantische Karriereentscheidung als vielmehr eine Reaktion auf einen verschlossenen Arbeitsmarkt. Eine neue Erhebung sowie aktuelle Marktdaten zeigen: Altersdiskriminierung und automatisierte HR-Prozesse drängen viele Senior-Experten in die Selbständigkeit. Doch überraschenderweise bereuen die wenigsten diesen Schritt.

Der Fachkräftemangel ist das Dauerthema der deutschen Wirtschaft. Doch wer jenseits der 50 auf Jobsuche geht, erlebt oft eine paradoxe Realität: Trotz jahrzehntelanger Erfahrung bleiben die Türen vieler Personalabteilungen verschlossen. Die offiziellen Arbeitsmarktdaten stützen dieses Gefühl: Laut Strukturdaten der Bundesagentur für Arbeit sind Menschen ab 55 Jahren in der Statistik der Langzeitarbeitslosen massiv überrepräsentiert und haben bei der Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt mit den höchsten strukturellen Hürden zu kämpfen.

Eine aktuelle Auswertung der Plattform freelancermap unter 164 Personen, die sich erst im Alter von 50 Jahren oder später selbständig gemacht haben, wirft ein bezeichnendes Licht auf die aktuellen Rekrutierungsprozesse – und auf die wachsende Gruppe der Ü50-Freelancer*innen.

Wenn die Festanstellung zur Sackgasse wird

Rund ein Drittel der Befragten (32 Prozent) gibt unumwunden an, schlicht „keine passende Festanstellung mehr gefunden“ zu haben. Die Selbständigkeit war demnach der nächste logische Schritt. Die Erfahrungsberichte der Teilnehmenden zeichnen ein frustrierendes Bild: Ein Teilnehmer berichtet von über 200 Projekt- und Jobbewerbungen in wenigen Monaten, von denen über 80 Prozent völlig unbeantwortet blieben ("Ghosting").

Dabei stemmen sich diese sogenannten Seniorpreneure gegen den allgemeinen Trend: Laut dem aktuellsten KfW-Gründungsmonitor werden Gründer*innen in Deutschland im Schnitt immer jünger (aktuell 34,2 Jahre). Die Gruppe der Silver Entrepreneurs (50 bis 65 Jahre) ist hingegen auf mittlerweile rund 12 Prozent der Gründerszene geschrumpft.

KI-Recruiting: Der algorithmische Altersfilter

Ein wesentlicher Treiber für die verschlossenen Türen ist die zunehmende Automatisierung in den Personalabteilungen. Wo Algorithmen, KI und Keyword-Scanning regieren, haben Profile, die nicht dem klassischen Bild des "jungen, dynamischen" Mitarbeitenden entsprechen, oft das Nachsehen.

Thomas Maas, CEO von freelancermap, sieht hier ein klares Warnsignal: „Wenn Profile und Schlagwörter über Einladungen entscheiden und Feedback ausbleibt, lassen sich Absagen schwer einordnen. Für Betroffene kann das wie ein impliziter Altersfilter wirken.“

Dass dies mehr als nur ein subjektiver Eindruck ist, untermauern aktuelle Forschungsergebnisse. Das europäische Forschungsprojekt FINDHR, an dem unter anderem die NGO AlgorithmWatch beteiligt ist, belegt, dass KI-Systeme im Recruiting häufig bestehende Vorurteile erlernen und diskriminierende Muster reproduzieren. Oft reicht der KI schon das Auslesen langjähriger Berufserfahrung, um das Alter der Bewerbenden als Ausschlusskriterium zu werten. Kein Wunder also, dass in einer großen Studie der IU Internationalen Hochschule gut 64 Prozent der Befragten den Einsatz von KI im Recruiting kritisch sehen und ablehnen. In den offenen Antworten der freelancermap-Umfrage beklagen ebenfalls 23 Prozent explizit „Altersdiskriminierung und Vorurteile“ als Hürden.

Wer sind die späten Gründenden?

Der Schritt in die Unabhängigkeit erfolgt bei den meisten Befragten der freelancermap-Erhebung (68 Prozent) in der Altersspanne zwischen 50 und 54 Jahren. Bemerkenswert ist der berufliche Rucksack: 70 Prozent von ihnen waren vor ihrer Gründung zwischen 21 und über 30 Jahre in Festanstellung. Es handelt sich hierbei also um hochgradig krisenerprobte Fachkräfte.

Das überraschende Fazit: Ende gut, alles gut

Obwohl der Weg in die Selbständigkeit für viele aus einer Not heraus (fehlende Festanstellung) geboren wurde, ist das Resümee erstaunlich positiv. Rund 73 Prozent der Ü50-Freelancer*innen sind mit ihrer Entscheidung sehr oder eher zufrieden. Ganze 85 Prozent würden diesen Schritt heute auf jeden Fall oder eher wieder gehen.

Wer die Selbständigkeit aktiv als bewusste Karriereentscheidung für mehr Flexibilität gewählt hat, blickt positiver auf den Wechsel. Doch selbst wer aus Mangel an Alternativen in die Freiberuflichkeit flüchtete, bereut den Schritt heute äußerst selten.

Ein Weckruf für Corporates, eine Chance für Start-ups

Die Ergebnisse von freelancermap – flankiert von den harten Zahlen des Arbeitsmarktes – sind ein Armutszeugnis für viele etablierte Personalabteilungen. Während die Wirtschaft branchenübergreifend über fehlende Arbeitskräfte jammert, wird das immense Potenzial der Ü50-Generation durch starre Raster und unreflektiert trainierte HR-Algorithmen systematisch aussortiert. Wenn Software jahrzehntelange Lebenserfahrung als Bug und nicht als Feature wertet, verliert am Ende nur das Unternehmen selbst.

Für die Gründubngsszene und den Freelancer-Markt ist diese Entwicklung jedoch ein enormer Gewinn. Die Seniorpreneure bringen etwas in den freien Markt, das vielen jungen Start-ups oft fehlt: ein unbezahlbares Maß an Durchhaltevermögen, tief verwurzelte Branchennetzwerke und eine professionelle Gelassenheit, die man sich nicht anlesen kann.

Start-ups und agile Unternehmen sollten genau hier ansetzen: Wer smarte, erfahrene Köpfe für Projekte sucht, findet in der wachsenden Gruppe der Ü50-Freelancer*innen hochmotivierte Expert*innen, die der klassische Arbeitsmarkt gerade fahrlässig aussortiert. Ein "Brain-Gain", den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Reflip: Die europäische Social-Media-Hoffnung

Mit eingebautem Faktencheck und anpassbaren Algorithmen will ein Stuttgarter Uni-Projekt Giganten wie X und Meta herausfordern. Ein mutiger technologischer Ansatz gegen Desinformation – doch die langfristige Tragfähigkeit des Geschäftsmodells und gigantische Markteintrittsbarrieren bergen weiterhin Risiken, auch wenn die Macher bereits konkrete Lösungsansätze für die Zukunft präsentieren.

Soziale Netzwerke stehen massiv in der Kritik. Filterblasen, politische Desinformation und Algorithmen, die Wut und Polarisierung priorisieren, um die Verweildauer der User zu maximieren, prägen den Diskurs auf Plattformen wie X oder Facebook. Hier setzt Reflip an. Die App positioniert sich als „Next-Generation Social Media – Made in Europe“ und wirbt mit einem radikalen Gegenentwurf: Transparenz, Datenschutz und uneingeschränkte Nutzer*innenkontrolle.

Das Konzept: „Truth-based“ statt toxischer Empörungsspirale

Das technische Kernfeature der App ist der titelgebende „Flip“: Durch eine automatische Muster- und KI-Erkennung werden Posts im Hintergrund analysiert. Ist sich ein(e) User*in bei einer steilen These unsicher, kann er/sie den Post buchstäblich „umdrehen“ und bekommt unmittelbar Fakten und verifizierte Quellen angezeigt, die den Inhalt entweder stützen oder widerlegen.

Die automatische Erkennung von Desinformation in Echtzeit gilt in der Praxis jedoch als extrem fehleranfällig. Der Kopf hinter Reflip – Simon Grether – räumt dies ein: „Auch wenn eine automatisierte Erkennung nie fehlerfrei sein kann, bietet unser System schon jetzt einen enormen Mehrwert gegenüber dem unkommentierten Konsum von Inhalten.“ Um Transparenz zu wahren, seien alle maschinellen Evaluationen deutlich gekennzeichnet. Im Hintergrund nutzt das Uni-Projekt einen hybriden Ansatz aus automatischen Kontrollen – unter anderem durch eine Kooperation mit dem norwegischen Anbieter Factiverse – und händischer Überprüfung durch ein Moderationsteam, das von der Community gemeldete Inhalte checkt. Dass Algorithmen nie ganz neutral sind, weiß Grether: „Komplett frei von Bias ist kein System, aber wir minimieren ihn.“ Reflip wolle gar nicht erst als unfehlbare „Wahrheitsinstanz“ auftreten, betont er, „sondern verschiedene Perspektiven in Form von befürwortenden und widersprechenden Quellen zeigen.“ So sollen Nutzer*innen befähigt werden, sich eine eigene, informierte Meinung zu bilden.

Die Macher: Aus dem Hörsaal in die App-Stores

Hinter der professionell wirkenden Fassade der App verbirgt sich (noch) kein ausfinanziertes Tech-Unternehmen, sondern ein engagiertes Projekt, das Simon Grether angestoßen hat und heute mit einem mehrköpfigen Team für Bereiche wie Business Development und UX-Design vorantreibt.

Der Zündfunke für das Mammutprojekt war reine Frustration über den Status quo. „In den vergangenen Jahren war mit wachsender Sorge zu beobachten, wie Social Media zunehmend für Manipulation missbraucht wird“, konstatiert Grether. Was bei US-Wahlen begann, sei längst in europäischen Wahlkämpfen angekommen. „Irgendwann wollten wir nicht mehr tatenlos zusehen.“ Grether kritisiert dabei auch die träge Regulierung der EU gegenüber Meta und X. Bestehende europäische Alternativen seien oft „zu idealistisch“, um mit Big Tech konkurrieren zu können.

Aktuell läuft das Uni-Projekt noch unter dem rechtlichen Schutzschirm der der TTI Technologie-Transfer-Initiative GmbH der Universität Stuttgart, die administrative Aufgaben in der Frühphase abnimmt. Auf klassisches Venture Capital (VC) verzichten die Schwaben bislang ganz bewusst. „Aktuell priorisieren wir ein organisches, gesundes Wachstum, anstatt frühphasiges VC-Kapital rein für teures Marketing zu verbrennen“, stellt Grether klar. Zwar läuft derzeit eine Startnext-Crowdfunding-Kampagne, doch dies sei laut Grether nur ein Bonus für die Community. Die eigentliche Hauptfinanzierung ist durch Fördertöpfe der Bundesregierung und der EU gesichert, was dem Team Unabhängigkeit beim Infrastrukturaufbau verschaffe.

Markt & Wettbewerb: Der Kampf um die Creator

Der Markteintritt gilt als Königsdisziplin. Das unerbittliche Henne-Ei-Problem – ohne Nutzer*innen kein Content, ohne Content keine Nutzer*innen – hat schon viele Plattformen beerdigt. Simon Grether ist sich dieser Hürde bewusst: „Das ist der Punkt, an dem viele Alternativen scheitern.“

Die Stuttgarter wählen daher bewusst einen stark kommerziellen Ansatz, um eine kritische Masse zu erreichen. Sie grenzen sich damit spitz von rein spendenfinanzierten Netzwerken wie Mastodon oder VC-getriebenen Plattformen wie Bluesky ab, auf denen Influencer*innen aktuell kein Geld verdienen können. „Ein Non-Profit-Ansatz ist gesellschaftlich begrüßenswert, greift aber in der Realität der heutigen Creator Economy oft zu kurz“, argumentiert Grether. „Social Media ist für viele Creator ein Vollzeitjob; sie müssen auf einer Plattform Geld verdienen können.“ Reflip beteiligt Creator direkt an den Werbeeinnahmen – laut Grether der „zentrale Wachstumsmotor“, der bereits reichweitenstarke Influencer*innen mit über einer Million Followern auf die Plattform gelockt habe.

Kritisch nachgehakt: Serverkosten und Profitabilität

Der technologische Ansatz ist lobenswert, doch betriebswirtschaftlich bleibt das Projekt ein Hochseilakt. Automatisierte Faktenchecks in Echtzeit durch Large Language Models erfordern enorme Rechenleistung. Jede(r) aktive Nutzer*in verbrennt bares Geld. Auf die konkrete journalistische Nachfrage, wie hoch die Kosten pro Nutzer*in tatsächlich ausfallen, mauert Grether jedoch: „Ich bitte um Verständnis, dass wir zu laufenden Infrastrukturkosten, wie auch andere Unternehmen, keine Auskunft geben.“ Er versichert lediglich, dass das Modell von Beginn an auf Skalierbarkeit ausgelegt sei. „Unser Geschäftsmodell deckt durch Werbeeinnahmen nicht nur die laufenden Server- und API-Kosten, sondern auch unser Creator-Programm“, verspricht Grether und kündigt an, künftige Überschüsse an die Multiplikatoren weiterzugeben.

Bleibt die Frage der Monetarisierung: Reflip wirbt mit europäischem Datenschutz und schließt das lukrative, extrem datengetriebene Hyper-Targeting von Meta faktisch aus. Wie soll die Plattform dennoch Gewinne abwerfen? „Datenhungriges Hyper-Targeting ist nicht zwingend erforderlich, um profitabel zu betreiben“, kontert Grether. Man setze stattdessen auf dezente, nicht-personalisierte In-Feed-Anzeigen. Zusätzlich plant Reflip in etwa einem Jahr ein werbefreies Premium-Abo, schließt aber eine radikale Paywall aus: „Die Basisnutzung von Reflip wird dauerhaft kostenlos bleiben; alles andere wäre ein massiver Wachstumsblocker.“ Selbst ein B2B-Lizenzmodell für die eigene Faktencheck-Technologie halte man sich für die Zukunft offen.

Unser Fazit: Visionär und ambitioniert

Reflip ist ein starkes Beispiel für europäischen Erfindergeist und den Willen, gesellschaftliche Probleme durch Technologie zu lösen. Die technische Umsetzung als fertige App ist für ein universitäres Projekt und geplantes Spin-off äußerst beeindruckend.

Um zu einem skalierbaren Start-up heranzuwachsen, muss das Team nun zeitnah beweisen, dass das etablierte Monetarisierungsmodell die extrem hohen Infrastrukturkosten auch dann noch trägt, wenn die aktuellen staatlichen Fördermittel auslaufen. Bis dahin bleibt Reflip ein faszinierendes Tech-Experiment – und ein David, der hofft, dass den Goliaths des Marktes die Luft ausgeht.

Exit statt langfristiger Investitionen: Was Gründer wirklich absichern sollten

Warum sich schon beim Einstieg von Investoren entscheidet, wie leicht später ein Exit gelingt – und worauf es im Investment Agreement ankommt.

Wer nur auf Bewertung und Investmenthöhe schaut, den Exit-Mechanismus im Kleingedruckten aber links liegen lässt, riskiert ein böses Erwachen genau dann, wenn es wirtschaftlich am wichtigsten wird. Wir zeigen anhand typischer Praxisfälle, welche Regelungen Gründer kennen und aktiv mitgestalten sollten.

Shareholders' vs. Investment Agreement

Für die meisten Start-up-Gründer ist der Exit die eigentliche Ziellinie: Verkauf an einen Investor, Börsengang oder Übernahme durch einen Wettbewerber. Rechtlich kommt oft zu kurz, dass die Weichen dafür bereits Jahre vorher gestellt werden, nämlich beim Einstieg der ersten Investoren und bei der Unterzeichnung des Beteiligungsvertrags (Investment Agreement). Dieser regelt nicht nur den Anteilserwerb, sondern auch die langfristige Zusammenarbeit aller Gesellschafter. Als „Ehevertrag“ zwischen Gründern und Investoren geht er teils über die „klassische“ Gesellschaftervereinbarung (Shareholders' Agreement) hinaus.

Liquidationspräferenzen: Wer zuerst bezahlt wird

Ein zentraler, oft unterschätzter Baustein jedes Beteiligungsvertrags ist die Liquidationspräferenz. Sie bestimmt, wer bei einem Exit (Verkauf, Liquidation) zuerst und wie viel vom Erlös erhält, bevor der Rest anteilig nach Beteiligungsquoten (Cap Table) verteilt wird.

Beispiel: Ein Start-up nimmt in der Seed-Runde 1 Million Euro bei 5 Millionen Euro Post-Money-Bewertung auf (die Post-Money-Bewertung ist die Unternehmensbewertung nach Einzahlung der Investitionssumme, hier also 4 Millionen Euro Pre-Money plus 1 Million Euro Investment); der Investor erhält eine 1x-Liquidationspräferenz und 20% der Anteile. Bei einem Verkauf für 4 Millionen Euro erhält er zunächst seine 1 Million Euro zurück; nur die restlichen 3 Millionen werden quotal verteilt. Bei einer participating liquidation preference, bei der die Präferenz nicht auf die quotale Beteiligung angerechnet wird, kassiert er sogar doppelt: Präferenz plus anteiliger Rest. Bei nur 1,2 Millionen Euro Erlös zeigt sich die Kehrseite: Der Investor zieht seine volle Summe vorab ab, den Gründern bleibt von den restlichen 200.000 Euro nur ein Bruchteil.

Gründer sollten daher klären: Non-participating- oder participating-Liquidationspräferenz (bei non-participating wählt der Investor beim Exit entweder die Präferenz oder die quotale Beteiligung, je nachdem, was höher ist – bei participating erhält er beides), Höhe des Multiplikators (1x ist Marktstandard, mehr sollte kritisch hinterfragt werden) und ob ein Cap für participating preferences vorgesehen ist, der die Gesamtausschüttung an den Investor begrenzt (z.B. auf das Zwei- oder Dreifache seiner Investition).

Mit jeder weiteren Finanzierungsrunde wird der „Liquidation Stack“ (sprich die Reihenfolge, in der Investoren beim Exit bedient werden) komplexer – eine klare, konsistente Struktur von Anfang an ist daher wichtig.

Drag-Along- und Tag-Along-Rechte: Wer den Exit erzwingen oder mitgehen kann

Ein Exit gelingt selten ohne Gleichlauf aller Gesellschafter. Hier setzen Drag-Along- und Tag-Along-Klauseln an, die in einem Shareholders' Agreement nicht fehlen sollten: Vereinfacht gesagt regelt die eine Klausel eine Pflicht zum Mitverkauf, die andere ein Recht dazu.

Die Drag-Along-Klausel (Mitverkaufspflicht, wörtlich „mitziehen“) erlaubt es einer vertraglich festgelegten Mehrheit der Gesellschafter, auch die Anteile nicht verkaufswilliger Mitgesellschafter zu denselben Konditionen mitzuverkaufen. Ohne sie kann ein einzelner Kleingesellschafter einen an sich gewollten Verkauf blockieren oder verzögern, indem er sein Einverständnis verweigert. Für Investoren ist die Klausel ein Muss, damit ein Exit überhaupt zustande kommt; für Gründer ist sie ebenso wichtig, um im entscheidenden Moment handlungsfähig zu bleiben und nicht an einem einzelnen Gesellschafter zu scheitern.

Umgekehrt schützt die Tag-Along-Klausel (Mitverkaufsrecht, wörtlich „mitanhängen“) Minderheitsgesellschafter: Verkauft ein Mehrheitsgesellschafter seine Anteile, können kleinere Gesellschafter verlangen, ihre eigenen Anteile zu denselben Konditionen (Preis, Zahlungsmodalitäten) mitzuverkaufen – sie müssen es aber nicht. Anders als beim Drag-Along handelt es sich also nicht um eine Pflicht, sondern um ein Wahlrecht der Minderheit.

Beispiel: Ein Business Angel hält 10% der Anteile an einem Start-up. Verkauft der Mehrheitsgesellschafter seine 90% an einen neuen, dem Business Angel unbekannten Erwerber, hätte dieser ohne Tag-Along-Recht keine Möglichkeit, ebenfalls auszusteigen – er bliebe als Minderheitsgesellschafter bei einem neuen Mehrheitseigner zurück, dessen Pläne er nicht kennt. Mit Tag-Along-Recht kann er hingegen verlangen, seine 10% zu denselben Konditionen mitzuverkaufen.

Gründer sollten insbesondere auf die Schwellenwerte achten, ab denen die Drag-Along-Pflicht ausgelöst wird – diese Schwelle ist frei verhandelbar und nicht gesetzlich vorgegeben; üblich sind etwa eine einfache Mehrheit (über 50%) der Stimmrechte oder eine qualifizierte Mehrheit (z.B. 75%), teils zusätzlich verknüpft mit der Zustimmung eines Mehrheitsinvestors. Zudem sollten Gründer darauf bestehen, dass Tag-Along-Rechte für alle Gesellschafter gleichermaßen gelten – nicht nur zugunsten der Investoren. Sinnvoll ist oft zusätzlich ein Mindestkaufpreis, ab dem beide Klauseln erst greifen, damit ein Notverkauf zu einem für alle Seiten unattraktiven Preis nicht erzwungen werden kann.

Exit-Fristen und Verwässerungsschutz: Wenn der Investment-Zyklus tickt

Viele Venture-Capital-Fonds sind zeitlich begrenzt: Ein Fonds mit zehnjähriger Laufzeit muss seine Beteiligungen irgendwann verkaufen, um Kapital samt Rendite zurückzuzahlen. Das führt in der Praxis zu Exit-Klauseln, die Investoren nach einer bestimmten Frist – etwa fünf bis sieben Jahre – ein Recht einräumen, einen Verkaufsprozess einzuleiten oder zu erzwingen.

Beispiel: Nach sieben Jahren ohne Exit darf der Lead-Investor laut Vereinbarung einen Verkaufsprozess initiieren und die Gründer zur Mitwirkung verpflichten. Wollen die Gründer das Unternehmen noch länger aufbauen, geraten sie unter erheblichen Zeitdruck – unabhängig vom Marktumfeld.

Ähnlich riskant sind unzureichend austarierte Verwässerungsschutzklauseln (Anti-Dilution Protection). Sie sichern Investoren bei einer „Down-Round“ (einer Finanzierungsrunde zu einer niedrigeren Bewertung als zuvor) zusätzliche Anteile zu Lasten der Gründer, um den wirtschaftlichen Wertverlust ihrer Beteiligung teilweise auszugleichen. Gründerfreundlich ist die „Weighted Average“-Methode, bei der der Ausgabepreis der Vorzugsanteile nur anteilig – gewichtet nach Umfang und Preis der Down-Round im Verhältnis zum bisherigen Kapital – nach unten angepasst wird, sodass der Verwässerungseffekt für die Gründer begrenzt bleibt. Wird aber stattdessen vereinbart, dass der ursprüngliche Ausgabepreis des Investors vollständig auf den (niedrigeren) Preis der Down-Round abgesenkt wird, unabhängig vom Volumen der neuen Runde („Full Ratchet“-Klausel), kann dies bei einer einzigen Down-Round dazu führen, dass die Gründer einen erheblichen Teil ihrer Anteile verlieren – mit Folgen für den späteren Exit-Erlös.

Vesting-Klauseln: Der Exit-Erfolg hängt auch am eigenen Anteil

Wer einen erfolgreichen Exit erzielen will, sollte auch die eigenen Anteile im Blick behalten – insbesondere über Vesting-Klauseln, die Investoren praktisch immer verlangen. „Vesting“ (wörtlich „Erdienen“) bedeutet, dass Anteile nicht sofort vollständig und unwiderruflich gehören, sondern erst über einen Zeitraum sukzessive unverfallbar werden; scheidet ein Gründer vorzeitig aus, verliert er die noch nicht erdienten Anteile. Üblich ist ein Vesting über vier Jahre mit einem „Cliff“ von zwölf Monaten: Der Cliff ist eine Wartezeit, vor deren Ablauf noch gar keine Anteile erdient werden. Scheidet ein Gründer im ersten Jahr aus, verfällt daher die gesamte Beteiligung. Danach erdienen sich Gründer ihre Anteile fortlaufend, meist monatlich, bis zu den vollen vier Jahren.

Scheidet ein Gründer nach anderthalb Jahren aus – nach dem Cliff, aber lange vor vier Jahren –, behält er nur die entsprechend seiner Vesting-Zeit erdienten Anteile (hier rund 37,5%); die übrigen fallen häufig unentgeltlich zurück. Diese Konstruktion wird als „Reverse Vesting“ oder Leaver-Mechanismus bezeichnet: Der Gründer hält rechtlich zunächst alle Anteile, muss sie bei vorzeitigem Ausscheiden aber anteilig wieder abgeben. Bei einem Ausscheiden nach acht Monaten – noch im Cliff – hätte er keine Anteile behalten.

Wichtig ist zudem die Unterscheidung zwischen „Good Leaver“ und „Bad Leaver“: Ein Good Leaver scheidet etwa aus gesundheitlichen Gründen, durch Tod oder ohne eigenes Verschulden aus und behält meist die volle erdiente Quote. Ein Bad Leaver kündigt dagegen eigenmächtig oder wird aus wichtigem Grund (z.B. wegen einer Pflichtverletzung) entlassen; Ausscheiden aus wichtigem Grund oder aufgrund eigener Kündigung führt oft zu schlechteren Konditionen, etwa dem Verlust auch bereits erdienter Anteile oder einer geringeren Abfindung.

Für den Exit-Fall gilt: Fehlt eine klare Vesting- und Leaver-Regelung, drohen bei einem Gründerwechsel langwierige Streitigkeiten über die Anteilsverteilung. Dies schreckt Käufer und deren Berater in der Due Diligence erfahrungsgemäß besonders ab.

Informations- und Zustimmungsrechte: Wer beim Exit mitreden darf

Ein häufig unterschätzter Punkt sind Zustimmungsvorbehalte (Veto-Rechte, auch „Reserved Matters“ genannt) – im Investment Agreement oder in der Satzung festgelegte Kataloge von Geschäften, die auch bei Mehrheitsbeschlüssen zusätzlich der Zustimmung der Investoren bedürfen. Dazu zählt meist auch der Unternehmensverkauf selbst. Selbst als Mehrheitsgesellschafter können Gründer einen Exit dann unter Umständen nicht ohne Zustimmung der Investoren durchführen.

Das kann in beide Richtungen unangenehm werden: Ein Investor kann per Vetorecht einen für Gründer attraktiven Exit blockieren, weil er selbst auf eine höhere Bewertung spekuliert – das Vetorecht wirkt rein abwehrend.

Umgekehrt kann derselbe Investor über Drag-Along- oder Exit-Fristen-Klauseln aktiv einen Verkauf durchsetzen, den die Gründer noch nicht wollen. Gründer sollten daher prüfen, welche Schwellenwerte für Zustimmungsrechte gelten, wie sich diese zu Drag-Along und Exit-Fristen verhalten und ob Ausnahmen für einen gemeinsam getragenen Exit bestehen.

Fazit

Ein erfolgreicher Exit ist selten Ergebnis einer kurzfristigen Verhandlung vor dem Verkauf. Er wird durch die vertraglichen Weichenstellungen im Investment Agreement der ersten Finanzierungsrunden vorbereitet oder verbaut. Liquidationspräferenzen, Drag-Along- und Tag-Along-Rechte, Exit-Fristen, Verwässerungsschutz und Vesting-Regelungen wirken wie juristisches Kleingedrucktes. Sie entscheiden in der Praxis aber maßgeblich darüber, wie viel vom Exit-Erlös bei den Gründern ankommt und wie handlungsfähig das Team im entscheidenden Moment ist.

Gründer sind daher gut beraten, sich nicht nur auf Bewertung und Investitionssumme zu konzentrieren, sondern von Anfang an auch die Exit-Mechanik im Beteiligungsvertrag kritisch zu prüfen und mitzugestalten. Wer diese Themen frühzeitig versteht und verhandelt, verschafft sich die Freiheit, den eigenen Exit zu gestalten, statt sich später von fremdbestimmten Klauseln überraschen zu lassen.

Der Autor Dr. Dominik Nast ist Rechtsanwalt bei der Kanzlei Menold Bezler in Stuttgart und berät u.a. in den Bereichen Gesellschaftsrecht, Venture Capital und M&A.

Rebranding für die Europa-Expansion: Fraunhofer-Spin-off Logistikbude firmiert künftig als Loopario

Das Dortmunder Tech-Start-up Logistikbude ändert seinen Namen in Loopario. Mit dem Rebranding zum 5. August 2026 bereitet das aus dem Fraunhofer IML hervorgegangene Unternehmen den nächsten Schritt seiner europäischen Wachstumsstrategie vor. Beflügelt durch eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung, soll die Software zur Ladungsträgerverwaltung nun international breiter ausgerollt werden.

In der Logistikbranche stelle das Management von Mehrwegladungsträgern wie Paletten, Behältern und Spezialgestellen oftmals einen blinden Fleck dar, da etablierte Transport- und Warehouse-Management-Systeme (TMS und WMS) diesen spezifischen Bereich nicht im Detail abbildeten, so das Unternehmen. Weltweit fielen laut Start-up-Schätzungen jährlich rund 150 Milliarden Ladungsträger-Übergänge an, die in der Praxis häufig noch händisch gebucht und über E-Mail-Verkehr abgestimmt würden.

Das Dortmunder Start-up Loopario (ehem. Logistikbude) setzt hier mit einem sogenannten Load Carrier Management System (LCMS) an. Diese Softwarelösung solle als zusätzlicher Datenlayer in bestehende IT-Infrastrukturen von Unternehmen integriert werden. Ziel des Produktes sei es, manuelle Buchungen sowie langwierige Abstimmungsprozesse auf digitalem Wege zu automatisieren.

Kern-Features

  • Das System ist nach Unternehmensangaben auf die digitale Verwaltung von Paletten und Behältern entlang internationaler Lieferketten ausgelegt.
  • Die Software automatisiere das Zusammenführen und Abstimmen von Tauschvorgängen zwischen verschiedenen Partnerunternehmen. Das Unternehmen nutzt dafür unter anderem KI-gestützte Ansätze, um externe Belege automatisiert in die Buchungssysteme zu überführen.
  • Die Plattform sei in zehn Sprachen umstellbar und werde derzeit über Weblinks in 66 Ländern genutzt.
  • Monatlich verwalte das System laut Loopario mehr als 50 Millionen Ladungsträger für aktuell 46 Anwender, darunter Großkunden wie DACHSER, die Nagel-Group und Georg Utz.

Gründer & Köpfe

Gegründet wurde das Start-up 2021 von Michael Koscharnyj, Patrik Elfert, Jan Möller und Dr. Philipp Hüning. Das Team formierte sich als Spin-off aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund.

Die jüngste Wachstumsphase wird durch eine im Frühjahr 2026 abgeschlossene Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von über fünf Millionen Euro untermauert, angeführt vom Risikokapitalgeber Capnamic. Infolge der Kapitalspritze sei das Team seit Jahresbeginn auf über 30 Mitarbeitende angewachsen.

Co-Founder Dr. Philipp Hüning begründet die Namensänderung damit, dass sich Ladungsträger grenzüberschreitend bewegten und der neue Markenname – ein Konstrukt aus „Loop“ (Kreislauf) und „Pario“ (Zusammenführen) – diese internationale Ausrichtung künftig besser widerspiegele. Der Name sei in einem mehrstufigen Prozess aus Vorschlägen der Belegschaft ausgewählt worden. Für Kund*innen ändere sich durch die Neufirmierung abseits des Namens nichts.

Redaktionelle Einordnung

Die Series-A-Runde und die Internationalisierungsstrategie verdeutlichen die starken Ambitionen des Dortmunder Start-ups. Die Fokussierung auf eine eigenständige Softwarekategorie (LCMS) adressiert einen reellen, in der Praxis oft unterschätzten Kostentreiber in der Logistik: den enormen Verwaltungsaufwand und Schwund im Palettenmanagement.

Allerdings agiert Loopario in einem traditionell behäbigen Marktumfeld. Die Herausforderung des Geschäftsmodells liegt im erforderlichen Netzwerkeffekt: Das System entwickelt seinen vollen Nutzen erst, wenn nicht nur große Verlader, sondern auch kleine, international verstreute Speditionen und Logistikpartner die Software adaptieren. Die Bereitschaft der Akteure, neben den Kernsystemen (ERP und TMS) noch eine weitere Software-Ebene zu implementieren, dürfte in der stark fragmentierten Branche eine zentrale Vertriebshürde darstellen.

Zudem muss sich das Start-up gegen bestehende Marktstrukturen behaupten. Es existieren bereits spezialisierte, wenn auch teils kleinere Lösungen für die Lademittelverwaltung. Weitaus größer ist jedoch das langfristige Risiko, dass etablierte Enterprise-Riesen wie SAP oder Oracle ihre Standard-Suites um eigene, tief integrierte Paletten-Module aufrüsten, was den Markt für Standalone-Lösungen spürbar einengen würde.

Fazit

Loopario packt mit der Digitalisierung von Ladungsträger-Workflows ein handfestes Branchenproblem an. Das Rebranding hin zu einem international griffigeren Namen und das frische Series-A-Kapital schaffen eine solide Basis für den geplanten europäischen Rollout. Die Skalierbarkeit des Modells wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das Start-up die Integrationshürden für neue Logistikpartner extrem niedrig halten kann und es schafft, sich rechtzeitig als Standard-Layer für Ladungsträger zu etablieren, bevor große IT-Konzerne den Nischenmarkt für sich entdecken.