Die perfekte Software zur Ressourcenplanung – die Geheimwaffe erfolgreicher Start-ups?


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Hier findest du wertvolle Tipps zur Auswahl und Anpassung der richtigen Software zur effizienten Ressourcenplanung.

Die Gründung eines Unternehmens ist immer ein Wagnis. Die Märkte sind dynamischer denn je und der Erfolg ist kaum vorhersehbar. Eine detaillierte Planung, die klare Strategie und die Werkzeuge, um genau das bewerkstelligen zu können, werden immer wichtiger. Besonders bei der Ressourcenplanung dürfen sich junge Unternehmen keine Fehler erlauben. Eine maßgeschneiderte Software, die Gründern fehlerfrei unter die Arme greift, wird so schnell zu einem Katalysator für Wachstum und die maximale Effizienz.

Start-ups müssen bereits vor ihrer Gründung die einzigartigen Herausforderungen verstehen, die auf sie in der nahen Zukunft zukommen. Von Beginn an muss eine Software gewählt werden, die sämtliche Bedürfnisse erfüllt und zugleich möglichst viele Eigenschaften in sich vereint. Natürlich ist es in diesem Punkt zudem wichtig, eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Eine gute Software als Grundgerüst für die Ressourcenplanung muss skalierbar sein und genau das bieten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt wird. Die Softwarelösung muss also gemeinsam mit dem Unternehmen wachsen und gedeihen.

Die Auswahl und Anpassung der richtigen Software

Was braucht es überhaupt, um das eigene Ressourcenmanagement auf das nächste Level zu befördern? Nun, die Kernfunktionen sollten neben dem Projektmanagement auf jeden Fall die Zeitplanung und eine detaillierte Fortschrittsverfolgung umfassen. So ist es möglich, mittels einer spezifischen Software möglichst viele Vorteile zu vereinen. Nicht nur die Effizienz steigert sich, auch die Kommunikation innerhalb der Teams eines Start-ups verbessert sich deutlich.

Damit das ERP für Startup für gewünschten Veränderungen schnell herbeiführt, ist es wichtig, die Implementierung der neuen Software richtig anzugehen. Das bedeutet, dass sämtliche Mitarbeiter, die ein Tool nutzen, im Detail geschult werden. Nur, wenn der Wissensstand bezüglich der Anwendung in den Teams ähnlich ist, zeigen sich die gewünschten Veränderungen in kurzer Zeit. Es lohnt sich also für Start-ups, wenn sie sich von Beginn an nach Lösungen umsehen, die sowohl die Skalierung, die Implementierung und das Training umfassen. Der Einstieg in eine neue Software oder ein neues Tool muss so einfach und schnell wie möglich erfolgen, denn nur so ist es möglich, sich auf die wichtigen Kernkompetenzen in der Frühphase der eigenen Unternehmensgeschichte zu fokussieren.

Das volle Potenzial ausschöpfen

Zu Beginn der unternehmerischen Laufbahn muss das Potenzial vollends ausgeschöpft werden. Das geht nur, wenn möglichst verantwortungsvoll mit allen Ressourcen umgegangen wird. Das betrifft sowohl die Mitarbeiter und das Know-how als auch tatsächliche Ressourcen, die eine Grundlage darstellen, um sich auf dem Markt behaupten zu können.

Da die Zeit in der Frühphase ein wichtiger Faktor ist, lohnt es sich, wenn sich für die Zusammenarbeit mit einem Software-Unternehmen entschieden wird, das Lösungen aus einer Hand bietet. Die beste Software ist nur dann hilfreich, wenn sie im Detail auf das Start-up zugeschnitten ist. Die Software muss die Arbeit erleichtern und sie muss für den notwendigen Überblick sorgen. Ist das nicht möglich, so stellt sie womöglich sogar ein unnützes Hindernis dar.

Die effektive Software zur Ressourcenplanung ist, zusammengefasst gesagt, für Start-ups von unschätzbarem Wert. Mit ihr ist es möglich, die Verwaltung zu vereinfachen, die Produktivität zu steigern und alles das trägt von Anfang an dazu bei, erfolgreicher zu sein. Und der Erfolg, genau das ist es, woran sich Start-ups und neu gegründete Unternehmen letztlich messen lassen müssen.

Stichtag 2. August: Der EU AI Act zwingt Start-ups zur KI-Kennzeichnung – Das müsst ihr jetzt tun

Der Countdown läuft: Am 2. August 2026 endet die Übergangsfrist für Artikel 50 des EU AI Acts. Was das für Start-ups bedeutet, die generative KI im Content-Marketing, E-Commerce oder Kund*innenservice einsetzen, liest du hier.

Egal ob Produktbeschreibungen im Online-Shop, Social-Media-Posts, Werbevideos oder der Support-Chatbot: Generative KI ist aus den Prozessen der meisten Start-ups nicht mehr wegzudenken. Sie spart Zeit und Geld. Doch die Ära der stillschweigenden Automatisierung endet in knapp drei Wochen. Dann gilt: KI-Inhalte müssen klar gekennzeichnet werden. Wer das ignoriert, riskiert teure Abmahnungen und im schlimmsten Fall hohe Behördenstrafen. Hier ist euer Last-Minute-Briefing.

Mit dem scharfen Start der Transparenzpflichten nach Artikel 50 der europäischen KI-Verordnung verlangt Brüssel Klarheit: Nutzer*innen haben das Recht zu wissen, wann sie es mit einer Maschine zu tun haben.

Was genau fordert Artikel 50 von euch?

Die neuen Regeln betreffen fast jeden digitalen Berührungspunkt. Konkret müsst ihr folgende Bereiche ab dem 2. August kennzeichnen:

  • Chatbots und KI-Interaktionen: Wenn Kund*innen auf eurer Website mit einem KI-Support-Bot chatten, muss das eindeutig erkennbar sein. Ausnahme: Es ist aus den Umständen ohnehin offensichtlich.
  • Bilder, Videos und Audios (Deepfakes): KI-generierte visuelle oder auditive Inhalte, die echten Personen, Orten oder Ereignissen ähneln, müssen als synthetisch markiert werden. Die Markierung muss dabei so erfolgen, dass sie auch maschinenlesbar ist (etwa durch Wasserzeichen oder Metadaten).
  • Texte für die Öffentlichkeit: Werden Artikel zu gesellschaftlich, wirtschaftlich oder politisch relevanten Themen per KI generiert und für die Allgemeinheit veröffentlicht (etwa auf eurem Corporate Blog), greift ebenfalls eine Kennzeichnungspflicht.

Der Ausweg für euer Content-Marketing: "Human in the Loop"

Müsst ihr jetzt unter jeden LinkedIn-Post schreiben "Erstellt mit ChatGPT"? Nicht zwingend. Bei Texten gibt es eine entscheidende Ausnahme: Die Kennzeichnungspflicht entfällt, wenn ein Mensch (zum Beispiel euer Content-Manager) den KI-Entwurf vor der Veröffentlichung prüft und die redaktionelle Verantwortung dafür übernimmt.

Auch reine Assistenzleistungen – wie die Rechtschreibprüfung durch DeepL Write oder Grammatik-Korrekturen – müssen nicht deklariert werden. Wer die KI als Copiloten und nicht als Autopiloten nutzt, hat deutlich weniger regulatorischen Stress.

Warum ihr das Thema nicht ignorieren dürft

Wer meint, als kleines Start-up unter dem Radar zu fliegen, unterschätzt das Risiko massiv. Zwar wird die Aufsichtsbehörde bei einem kleinen Shop nicht sofort das theoretisch mögliche Maximalbußgeld von bis zu 15 Millionen Euro (oder 3 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes) verhängen. Die viel akutere und teurere Gefahr lauert im Wettbewerbsrecht: Abmahnwellen durch Mitbewerber*innen. Fehlende KI-Kennzeichnungen gelten als Marktverhaltensverstoß und können schnell von Konkurrenten oder Verbänden abgemahnt werden.

Last-Minute-Checkliste: Was heute zu tun ist

Da der 2. August unmittelbar vor der Tür steht, solltet ihr folgende Punkte sofort abhaken:

  • Schnell-Audit durchführen: Wo genau nutzt ihr KI zur Content-Erstellung? (Shopify-Beschreibungen, Meta Ads, Blog, Newsletter, Support).
  • Freigabeprozesse anpassen: Etabliert feste Workflows für Textinhalte. Sorgt dafür, dass nachweislich ein Mensch den finalen Content prüft ("Human in the Loop"), um die strenge Kennzeichnungspflicht bei Texten zu umgehen.
  • Technik für Medieninhalte klären: Generieren eure KI-Tools (wie Midjourney) bereits maschinenlesbare Metadaten? Stellt sicher, dass die visuelle Kennzeichnung für User*innen im Frontend gut sichtbar ist.
  • Chatbots transparent machen: Ergänzt das Interface eures Customer-Support-Bots sofort um einen klaren Disclaimer ("Du sprichst mit unserem KI-Assistenten").

Fazit: Der KI-Wildwest-Markt wird endgültig reguliert. Die neuen Pflichten bedeuten im ersten Moment Reibungsverluste bei automatisierten Workflows. Wer seine Prozesse jetzt aber rechtssicher aufstellt, schützt die eigene Liquidität und punktet bei Kunden mit Transparenz.

Rechtssichere Formulierungsvorschläge für euren Chatbot-Disclaimer

Hier sind drei nutzer*innenfreundliche und rechtssichere Formulierungsvorschläge für euren Chatbot-Disclaimer, die den Transparenzanforderungen des Artikels 50 im EU AI Act entsprechen. Die Formulierungen sind so gewählt, dass sie die gesetzliche Pflicht erfüllen, ohne den Nutzer bzw. die Nutzerin abzuschrecken – im Gegenteil: Sie managen die Erwartungshaltung und schaffen Vertrauen.

Option 1: Modern & Lässig (Perfekt für E-Commerce & junge B2C-Startups)

Diese Variante ist direkt, sympathisch und integriert den gesetzlichen Hinweis nahtlos in die Begrüßung.

„Hi! Ich bin der digitale KI-Assistent von [Name des Startups]. Ich antworte blitzschnell auf deine Fragen. Gut zu wissen: Ich bin eine Künstliche Intelligenz. Falls ich mal nicht weiterweiß, leite ich dich direkt an einen Menschen aus unserem Team weiter. Wie kann ich dir heute helfen?“

Option 2: Professionell & Seriös (Ideal für B2B, SaaS oder FinTech)

Wenn die Zielgruppe formeller ist (Sie-Form), sollte der Disclaimer sehr klar und funktional gehalten sein. Hier steht die Transparenz im Vordergrund.

„Willkommen im Support-Chat von [Name des Startups]. Bitte beachten Sie: Um Ihnen möglichst ohne Wartezeit zu helfen, kommunizieren Sie hier zunächst mit unserem KI-basierten Assistenten. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, im Verlauf des Chats eine echte Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter anzufordern. Was ist Ihr Anliegen?“

Option 3: Minimalistisch & Kurz (Für kleine Chat-Widgets auf dem Smartphone)

Wenn der Platz auf mobilen Bildschirmen begrenzt ist, muss der Hinweis extrem komprimiert, aber dennoch eindeutig sein.

„KI-Support: Hallo! Ich bin ein virtueller Assistent und helfe dir sofort weiter. (Hinweis: Generiert durch Künstliche Intelligenz). Stell mir deine Frage!“

Pro-Tipps für die rechtssichere Einbindung

Damit der Disclaimer vor Abmahnungen schützt, müsst ihr bei der Implementierung im Frontend folgende Dinge beachten:

  • Sichtbarkeit: Der Hinweis darf nicht in den AGB oder im Impressum versteckt werden. Er muss direkt zu Beginn der Interaktion sichtbar sein (z. B. als automatische erste Begrüßungsnachricht im Chat-Fenster).
  • Klarheit: Nutzt eindeutige Begriffe wie „künstliche Intelligenz“, „KI-Assistent“ oder „virtueller Bot“. Vermeidet es, dem Bot einfach nur einen menschlichen Namen (z. B. „Kundenberaterin Sarah“) zu geben, ohne den KI-Hinweis deutlich zu ergänzen.
  • Optisches Signal: Ein kleines Roboter-Icon oder ein Badge wie „AI-Support“ am Avatar des Chatbots hilft zusätzlich, die Nutzer*innenerwartung direkt auf einen Blick rechtssicher zu steuern.

Gründer*in der Woche: DishDrop – den Bewertungsmarkt im Visier

Wie ein 22-jähriger Solo-Gründer dank KI mit seiner App „DishDrop“ Google angreifen will – und zwar Gericht für Gericht.

Der Markt für Gastro-Bewertungen ist heiß umkämpft und wird von Giganten wie Google Maps und TripAdvisor dominiert. Dennoch wagen Gründer*innen immer wieder den Vorstoß in Nischen. Der neueste Akteur: Die App DishDrop, entwickelt vom 22-jährigen Bertin Kabanda. Sein Versprechen: Nicht das Restaurant als Ganzes wird bewertet, sondern das einzelne Gericht auf dem Teller. Eine spannende Idee, die vor allem durch ihre Entstehungsgeschichte aufhorchen lässt – denn DishDrop ist ein Kind der fortschreitenden KI-Demokratisierung.

Bootstrapping im KI-Zeitalter

Bertin Kabanda hat die App, die seit Sommer 2026 im Apple App Store verfügbar ist, weitgehend im Alleingang hochgezogen. Möglich wurde dies laut Gründerangaben durch den intensiven Einsatz moderner KI-Tools, die das Fehlen eines Entwickler- und Designteams kompensierten. Von der Code-Generierung über das UI-Design bis hin zur Fehlersuche fungierte die künstliche Intelligenz als digitaler Co-Founder. Das senkt die Einstiegshürden für Tech-Start-ups massiv und macht DishDrop zu einem Paradebeispiel für den Trend des „AI-assisted Solopreneurship“.

„Als ich mit DishDrop angefangen habe, konnte ich überhaupt nicht programmieren“, blickt der 22-Jährige auf die dreimonatige, oft bis tief in die Nacht reichende Entwicklungsphase zurück. Statt auf menschliche Hilfe verließ er sich auf ChatGPT und Claude. „KI war für mich kein Ersatz für einen Entwickler, sondern mein täglicher Lernpartner“, so Bertin.

Doch trotz des digitalen Co-Piloten war das Projekt kein Selbstläufer. „Am schwierigsten war für mich nicht ein einzelner Fehler, sondern das Zusammenspiel der verschiedenen Technologien“, räumt der Gründer ein. Schon kleine Patzer ließen etwa die Registrierung scheitern, weil die Daten zwischen der auf Next.js basierenden App und dem Backend nicht richtig kommunizierten. Auch bei der Kartenfunktion musste er kapitulieren und von Google Maps auf das simplere OpenStreetMap wechseln. Eine heilsame Lektion für den Solopreneur: „KI kann einem viele Wege zeigen, aber sie nimmt einem nicht die Verantwortung ab, technische Entscheidungen zu treffen und aus Fehlern zu lernen.“

Der Fokus aufs Detail

Die fundamentale These von DishDrop lautet: Eine Restaurant-Gesamtbewertung greift zu kurz. Ein erstklassiger Italiener kann eine unterdurchschnittliche Carbonara servieren; eine unscheinbare Pizzeria dagegen die beste Lasagne der Stadt. Nutzer*innen können auf der Plattform gezielt einzelne Speisen bewerten, Fotos hochladen und so eine feingranulare kulinarische Landkarte erstellen.

Doch jede neue Plattform kämpft mit dem klassischen „Henne-Ei-Problem“: Ohne Content keine Nutzer*in, ohne Nutzer*in kein Content. Bertin geht dieses Problem mit brutaler Ehrlichkeit an und verweist auf die noch winzigen Kennzahlen seines Start-ups: Aktuell verzeichnet DishDrop gerade einmal 41 registrierte Nutzer*innen, 44 Downloads und 57 bewertete Gerichte.

„Netzwerkeffekte entstehen Schritt für Schritt“, gibt sich der App-Macher gelassen. Anstatt künstlich Reichweite aufzublasen, setzt er auf analoges Guerilla-Marketing: Er spricht persönlich mit Food-Creatorn und verteilt Visiten- sowie Tischkarten direkt in den Restaurants. Langfristig sollen Gamification-Elemente wie Badges, Rankings und Streaks die Community bei Laune halten. Bertins Vision ist klar: „Wenn jemand die beste Carbonara oder das beste Curry einer Stadt sucht, interessiert ihn in erster Linie genau dieses Gericht. Genau auf dieses Suchverhalten möchte ich DishDrop langfristig ausrichten.“

Qualitätssicherung in der Nische: Zwischen Anspruch und Realität

Wenn der Fokus derart auf einzelnen Speisen liegt, steigt die Anforderung an die Qualität der hochgeladenen Inhalte massiv. DishDrop lebt von echten Fotos und verlässlichen Einschätzungen. Doch je relevanter die Plattform wird, desto größer ist das Risiko von gezielten Manipulationen durch Gastronom*innen, die ihre eigenen Gerichte ins Rampenlicht rücken wollen.

Auf die Frage, wie er seine App vor systematischen Fake-Bewertungen schützen will, bleibt der Gründer noch vage und verweist auf künftig geplante Standard-Maßnahmen wie eine Meldefunktion und die automatische Erkennung ungewöhnlicher Bewertungsmuster. Gleichzeitig bemüht er sich um eine realistische Einordnung: „Keine Plattform kann garantieren, dass es niemals Fake-Bewertungen geben wird – selbst die größten Anbieter stehen vor dieser Herausforderung.“

Seine Hoffnung ruht vielmehr auf dem Konzept selbst. Da die User*innen nicht nur Sterne vergeben, sondern konkrete Fotos der Gerichte hochladen müssen, sei die Hürde für Fälschungen ohnehin höher. „Dadurch entstehen nachvollziehbarere Inhalte als bei einer reinen Gesamtbewertung“, argumentiert Bertin.

Gegen die Übermacht von Google und Co.

DishDrop ist mit dem Fokus auf Einzelgerichte nicht gänzlich allein auf dem Markt. In der Vergangenheit haben sich bereits verschiedene Start-ups an ähnlichen Konzepten versucht, scheiterten jedoch oft an der langfristigen Monetarisierung und der schieren Marktmacht von Google Maps. Der Suchriese integriert längst KI-gestützte Fotoanalysen, die Speisekarten auslesen und populäre Gerichte hervorheben. Zudem ist DishDrop derzeit nur für das iPhone verfügbar, was den Markt stark limitiert.

Wie also will Bertin Kabanda einen langfristigen Burggraben (Moat) gegen diese Datenübermacht aufbauen? Dass Google seine Funktionen technisch leicht kopieren könnte, bestreitet der Gründer gar nicht erst. „Der eigentliche Burggraben entsteht deshalb nicht allein durch die Technologie, sondern durch die Community“, betont er stattdessen. „Technologie lässt sich kopieren – eine aktive Community mit echten Erfahrungen, Fotos und Bewertungen zu einzelnen Gerichten nicht.“

Ein großes Fragezeichen bleibt jedoch die Monetarisierung. Aktuell wirft die App kein Geld ab. Bertin schließt B2B-Datenverkäufe oder Premium-Features für Gastronom*innen zunächst aus und fasst stattdessen vage kostenpflichtige Zusatzfunktionen für die Endnutzer*innen ins Auge. „Mir ist wichtig, dass sich die Monetarisierung an den Interessen der Nutzer orientiert und nicht den eigentlichen Zweck der Plattform verändert“, verspricht der Solo-Gründer.

Fazit und Ausblick

DishDrop ist ein faszinierendes Experiment an der Schnittstelle von FoodTech und Solopreneurship. Es zeigt eindrucksvoll, wie weit ein einzelner Gründer im Jahr 2026 dank künstlicher Intelligenz kommen kann. Ob das Produkt jedoch den Sprung von der technischen Machbarkeit zu einem nachhaltigen Plattform-Unternehmen schafft, hängt primär davon ab, ob die Nutzer*innen den Fokus auf das „Gericht“ gegenüber der etablierten Bequemlichkeit von Google-Rezensionen vorzieht.

Gründer*in der Woche: Neona Living – Lichtblicke im D2C-Markt

Das 2020 von Lea Wecken, René Schröder und Gabriel Wittschier gegründete Start-up Neona Living agiert in einem angespannten Marktumfeld. Im D2C-E-Commerce diktieren zunehmend asiatische Marktplätze wie Temu die Preise. Dennoch meldet das Leverkusener Unternehmen laut eigenen Angaben ein starkes Umsatzwachstum. Ein Blick auf die Strategie und die Herausforderungen eines gebootstrappten E-Commerce-Projekts.

Inmitten des harten Verdrängungswettbewerbs im D2C-E-Commerce des Home-&-Living-Segments agiert das 2020 gegründete Start-up Neona Living. Die Gründer*innen Lea Wecken, René Schröder und Gabriel Wittschier beweisen, dass sich der Leuchtenmarkt auch ohne eigene Produktion und stattdessen mit kuratiertem Design erfolgreich aufmischen lässt.

Die aktuellen Zahlen des Leverkusener Unternehmens unterstreichen diesen Kurs gegen den allgemeinen Plattform-Trend. Laut eigenen Angaben bedient Neona heute über 75.000 Kund*innen, der Umsatz habe sich 2025 auf einen knapp achtstelligen Betrag verdoppelt, und im ersten Quartal 2026 verzeichnete das Unternehmen ein starkes Wachstum um das 2,7-Fache im Vergleich zum Vorjahr. Für das Gesamtjahr 2026 visiert das gebootstrappte Start-up nun einen mittleren achtstelligen Umsatz an – ambitionierte Ziele, die sich im weiteren Jahresverlauf jedoch erst noch in testierten Bilanzen niederschlagen müssen.

Das Konstrukt Gründungs-Paar: Belastungsprobe im Wachstum?

Eine derart rasante Skalierung bringt unweigerlich operative Schmerzen mit sich und stellt das Führungsteam auf eine harte Probe. Bei Neona Living kommt in dieser ohnehin intensiven Phase eine besondere Dynamik hinzu: Die Gründerin Lea Wecken und ihr Mitgründer Gabriel Wittschier sind privat ein Paar. Es ist ein Detail, das bei Investor*innen oft kritisch gesehen wird, welches das Unternehmen jedoch ganz offen kommuniziert.

CEO Lea Wecken bezeichnet den Aufbau der Unternehmenskultur als „People Game“. Zur Illustration dient ein interner Slack-Channel, in dem Mitarbeitende wöchentliche private Highlights teilen. Doch trägt so ein Modell auch bei sinkenden Margen und wirtschaftlichem Druck?

„Die eigentliche Bewährungsprobe einer Unternehmenskultur kommt nicht im ruhigen Alltag, sondern immer dann, wenn Druck entsteht“, erklärt Wecken. Eine strikte Trennung von Beruf und Privatleben sei bei einem Gründungspaar ohnehin unrealistisch. In kritischen Momenten gelte bei strategischen Differenzen ein pragmatisches Prinzip: „Am Ende trifft die Person, die in ihrem Bereich den Hut aufhat, auch die finale Entscheidung.“ Wichtig sei, dass Sachthemen nicht persönlich genommen werden.

Kuratiertes Sortiment und der fehlende technologische Burggraben

Laut globalgrowthinsights soll der deutsche Markt für Lampen und Leuchten bis 2029 auf rund 8,36 Milliarden Euro anwachsen. Während der Gesamtmarkt eher moderat performt, verzeichnet das Segment der dekorativen Beleuchtung ein jährliches Wachstum von etwa 2,8 Prozent.

Statt wie Plattformen à la Lampenwelt auf maximale Sortimentstiefe zu setzen, fokussiert sich Neona auf ein kuratiertes Portfolio mit minimalistisch-skandinavischer Ästhetik. Das Unternehmen verzichtet auf eine eigene Produktion. Die Leuchten werden bei Partnern in Fernost gefertigt. Das hält die Fixkosten und Auslastungsrisiken gering, birgt jedoch branchenüblich das Risiko einer niedrigen technologischen Eintrittsbarriere.

Ohne exklusive Hochtechnologie-Patente liegt der sogenannte Burggraben (Moat) fast ausschließlich im Brand-Building und in der Content-Produktion. Lea Wecken räumt ein, dass sie nicht jedes eigene Design automatisch als bahnbrechende Innovation bezeichnen würde. Innovation zeige sich bei Neona vielmehr in Technik, die sich in den Alltag einfügt – etwa durch austauschbare Trafos oder flexibel steuerbare Lichttemperaturen. Dennoch bleibt das margenstarke Premium-Versprechen in diesem Modell anfällig für Nachahmer*innen, da Wettbewerber*innen ähnliche Designs zügig adaptieren können.

Customer-Acquisition-Kosten und das Nachhaltigkeits-Dilemma

Wie fast alle D2C-Player ist Neona von Performance-Marketing bei Plattformen wie Meta und Google abhängig. Um den steigenden Customer Acquisition Costs (CAC) zu begegnen, setze man laut Wecken strategisch verstärkt auf organische Reichweite und Kund*innenbindung. „Wiederkehrende Kundinnen und Kunden sind langfristig deutlich wertvoller als kurzfristig eingekaufte Aufmerksamkeit“, so die Gründerin.

Ein struktureller Spagat zeigt sich beim Thema Umweltbewusstsein: Auf der Website wird Nachhaltigkeit beworben, während das D2C-Geschäftsmodell auf globalen Lieferketten und Einzelversand basiert. Die Gründerin benennt diesen Widerspruch pragmatisch: „Wir würden niemals behaupten, dass ein physisches Produkt, das produziert und verschickt wird, vollkommen nachhaltig ist.“ Man versuche dies durch langlebige Designs und den Einsatz energieeffizienter LEDs zu kompensieren. Verbraucherschützer merken bei derartigen D2C-Modellen jedoch regelmäßig an, dass der CO2-Fußabdruck durch die Logistik aus Asien und den Einzelversand an den Endkund*innen schwer wiegt.

Operative Herausforderungen in der Skalierung

Das angestrebte Wachstum bringt operative Hürden mit sich. „Einer unserer größten Lernmomente war die Erkenntnis, dass Wachstum viele Probleme zunächst kaschiert“, gibt Lea Wecken zu. Eine Unterschätzung der Nachfrage führte in der Vergangenheit zu frustrierenden Lieferengpässen und verpassten Umsätzen. Ab einer gewissen Größe werde operative Exzellenz wichtiger als reines Marketing. Ihr Appell an andere Start-ups: „Baut eure Strukturen immer ein Stück früher auf, als ihr glaubt, sie zu brauchen.“

Fazit

Das Beispiel Neona zeigt exemplarisch, wie moderner D2C-Handel abseits der großen Plattformen funktionieren kann. Ohne eigene Produktionsstätten setzt das Unternehmen fast vollständig auf Brand-Building und eine kuratierte Ästhetik. Das wirtschaftliche Fundament basiert auf der Wette, dass Konsument*innen bereit sind, für dieses kuratierte Lebensgefühl einen deutlichen Aufpreis zu zahlen. Ob sich diese Strategie angesichts steigender Werbekosten und der aggressiven Konkurrenz dauerhaft trägt oder ob am Ende doch der Exit an einen Aggregator steht, werden die kommenden Geschäftsjahre zeigen müssen.

Quantensprung in der Chip-Inspektion: Wie QuantumDiamonds den globalen Halbleitermarkt aufmischen will

Mit 91 Millionen Euro frischem Kapital – darunter massive EU-Fördermittel – baut das Münchner DeepTech-Start-up QuantumDiamonds eine eigene Fabrik. Die Technologie verspricht, die fehleranfällige Chip-Produktion zu revolutionieren. Doch der Weg vom vielversprechenden Uni-Spin-off zum globalen Hardware-Lieferanten in einer hochkonservativen Industrie birgt gewaltige Hürden. Eine Analyse.

Die Zahlen lassen aufhorchen, selbst im oft von Superlativen geprägten Tech-Ökosystem: Insgesamt 91 Millionen Euro fließen in das 2022 gegründete Münchner Start-up QuantumDiamonds. Davon stammen 15 Millionen Euro aus einer Series-A-Runde, angeführt vom World Fund und unter Beteiligung von Bayern Kapital, IQ Capital, Earlybird und weiteren namhaften VCs. Den wahren Hebel liefert jedoch die öffentliche Hand: 76 Millionen Euro fließen als nicht verwässernde Direktförderung im Rahmen des European Chips Acts, bereitgestellt vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Freistaat Bayern. Das ambitionierte Ziel: Noch im Jahr 2026 soll in München der erste Bauabschnitt einer 152 Millionen Euro teuren Produktionsstätte für quantenbasierte Halbleiterprüftechnik in Betrieb gehen.

Die Historie: Vom TUM-Labor in die globalen Fabs

Hinter QuantumDiamonds stehen Kevin Berghoff (CEO) und Dr. Fleming Bruckmaier (CTO), die das Unternehmen als Spin-off der Technischen Universität München (TUM) und gefördert durch die TUM Venture Labs gründeten. Berghoff, der Management studierte und zuvor als Berater bei McKinsey Tech-Konzerne zu Wachstumsstrategien beriet, liefert das kommerzielle Rüstzeug. Bruckmaier, promovierter Quantenphysiker der TUM mit Masterabschluss der ETH Zürich, bringt die technologische Tiefe mit.

Die Entwicklungsgeschwindigkeit des Teams ist enorm: Nach ersten Prototyping-Grants sicherte sich das Start-up Ende 2023 eine Seed-Finanzierung in Höhe von 7 Millionen Euro. Nur rund zweieinhalb Jahre später expandierte QuantumDiamonds im Frühjahr 2026 nach Taiwan und ins kalifornische Silicon Valley, um strategisch nah an den asiatischen und US-amerikanischen Halbleiter-Clustern zu operieren.

Das Problem und die technologische Lösung

Der größte Engpass der modernen Chipindustrie liegt im Qualitätsmanagement. Halbleiter werden nicht mehr nur flach (2D), sondern zunehmend in komplexen, mehrlagigen 3D-Architekturen (Advanced Packaging) verbaut – eine Grundvoraussetzung für leistungsstarke KI-Anwendungen. Traditionelle Prüfverfahren erfordern oft das physische Zerschneiden von Chip-Proben. Das dauert teils Wochen und zerstört das wertvolle Produkt.

Hier setzt QuantumDiamonds an: Das Unternehmen nutzt sogenannte Stickstoff-Vakanzzentren (NV-Zentren) in synthetischen Diamanten als Quantensensoren. Diese Sensoren messen Magnetfelder, die durch fließende elektrische Ströme in den Chips entstehen, optisch und auf den Nanometer genau. Der entscheidende Vorteil: Das Verfahren arbeitet zerstörungsfrei und reduziert den Prozess der Fehlererkennung von Wochen auf wenige Minuten.

Geschäftsmodell, Markt und Wettbewerb

So brillant die Technologie im Labor glänzt, so steinig ist der vor QuantumDiamonds liegende Weg in den globalen Markt. Ein kritischer Blick auf die strategischen Hürden:

  • Das „Valley of Death“ der Hardware-Skalierung (Capex-Risiko): Ein 152-Millionen-Euro-Produktionsstandort ist für ein junges Unternehmen ein gigantisches finanzielles Wagnis. Hardware-Start-ups scheitern besonders in Europa oft an der extremen Kapitalintensität (Capital Expenditure, Capex). Ohne die massiven Subventionen aus dem European Chips Act hätten traditionelle Venture-Capital-Geber ein solches Vorhaben kaum allein geschultert. Das Geschäftsmodell ist somit stark von politischen, industriestrategischen Konjunkturen abhängig.
  • Der harte Kampf um den „Inline“-Betrieb: Bislang werden die Werkzeuge von QuantumDiamonds vor allem für stichprobenartige Analysen in Laboren eingesetzt. Das erklärte Ziel ist es jedoch, hochskalierte Inspektionssysteme für die 100-prozentige Qualitätskontrolle direkt am Fließband (Inline-Inspektion) zu etablieren. In den Reinräumen der Chip-Giganten zählt jede Sekunde. Die Anlagen müssen im 24/7-Betrieb absolut ausfallsicher laufen. Die Halbleiterbranche gilt als extrem konservativ, wenn es darum geht, völlig neue physikalische Messmethoden in laufende, hochempfindliche Prozesse zu integrieren.
  • Klumpenrisiko im Oligopol: Laut eigenen Angaben arbeitet das Start-up bereits mit neun der zehn weltweit führenden Chip-Hersteller zusammen. Der Markt ist jedoch ein extremes Oligopol (bestehend aus wenigen Playern wie TSMC, Intel oder Samsung). Das bedeutet: Einige wenige Großkunden diktieren die Bedingungen, und die Verkaufszyklen für Multimillionen-Dollar-Maschinen sind enorm lang. Um planbar zu wachsen, muss es QuantumDiamonds gelingen, neben dem Hardware-Verkauf wiederkehrende Umsätze über Software- und Wartungsabonnements (Software-as-a-Service zur Datenanalyse) zu etablieren.
  • Die Konkurrenz der Branchenriesen: Im spezifischen Bereich der Quanten-Metrologie für Halbleiter besitzt QuantumDiamonds derzeit einen technologischen Vorsprung. Der eigentliche Wettbewerb droht jedoch durch die Verdrängung etablierter, klassischer Inspektionsverfahren von Markt-Goliaths wie der KLA Corporation oder Applied Materials. Diese US-Konzerne verfügen über milliardenschwere F&E-Budgets und jahrzehntelange, tief verzweigte Lieferbeziehungen zu den Chip-Fabriken.

Einordnung für die Start-up-Szene

Der Case QuantumDiamonds ist für die europäische Gründungsszene ein wichtiges Signal und ein Paradebeispiel für eine kluge Finanzierungsstrategie. Das Gründerteam beweist, wie sich das aktuelle geopolitische Momentum – der Wille der EU und des Bundes, technologische Souveränität in der Halbleiter-Lieferkette aufzubauen – als massiver Hebel für das eigene Wachstum nutzen lässt.

Während sich ein Großteil der Investor*innen derzeit im weniger kapitalintensiven B2B-SaaS- und KI-Softwaremarkt tummelt, zeigt QuantumDiamonds: DeepTech-Hardware Made in Germany ist finanzierbar, wenn VC-Geld intelligent mit hochvolumigen staatlichen Fördertöpfen kombiniert wird. Meistert das Team nun den Übergang von der universitären Ausgründung zum verlässlichen Serienproduzenten für die anspruchsvollsten Fabs der Welt, könnte in München ein neuer europäischer Hardware-Champion nach dem Vorbild des niederländischen Tech-Riesen ASML heranwachsen.

Gründungsrekord 2026: Echter Start-up-Boom oder nur die Flucht nach vorn?

Rekordjahr 2026: 3.053 neue Start-ups blenden. Unser Reality-Check zeigt, warum der KI-Boom eine Falle ist und Verena Pausder radikale Reformen fordert.

Das deutsche Start-up-Ökosystem meldet sich im ersten Halbjahr 2026 mit einem Paukenschlag zurück: Rekordzahlen bei den Neugründungen und ein massiver KI-Hype suggerieren den großen Aufbruch. Doch ein tieferer Blick in den neuen „Next Generation“-Report offenbart: Hinter den glänzenden Zahlen verbergen sich strukturelle Risse und eine beträchtliche Ost-West-Schere. Zeit für eine kritische Analyse – und klare Forderungen.

Die Sektkorken dürften beim Startup-Verband geknallt haben. Der aktuelle „Next Generation“-Report, herausgegeben gemeinsam mit startupdetector, liefert auf den ersten Blick genau die Erfolgsmeldungen, die der Standort Deutschland nach mageren Jahren dringend gebraucht hat. Doch wer als Gründer*in oder Investor*in heute kluge Entscheidungen treffen will, darf sich von Balkendiagrammen allein nicht blenden lassen.

Die nackten Zahlen: Ein Ökosystem im Rausch

Es lässt sich nicht leugnen, die nackten Zahlen des ersten Halbjahres sind beeindruckend:

  • Historisches Hoch: Mit satten 3.053 Neugründungen ist das erste Halbjahr 2026 das stärkste seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2019. Das entspricht einem gewaltigen Wachstum von 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025.
  • KI als Turbo: Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur ein Trend, sie ist der Motor. Jedes dritte neue Start-up (34 %) weist mittlerweile einen klaren KI-Bezug auf (nach 27 % im Jahr 2025).
  • Die Fläche holt auf: Berlin bleibt zwar mit 429 Neugründungen in absoluten Zahlen der unangefochtene Spitzenreiter. Doch die Hauptstadt wächst mit einem Plus von 21 % deutlich langsamer als der Bundesschnitt. Die wahre Musik spielt woanders: Ökosysteme wie Hamburg (+83 %) und Hessen (+82 %) verzeichnen eine enorme Dynamik.
  • Scheitern wird seltener (scheinbar): Die Zahl der offiziellen Start-up-Insolvenzen ist seit dem Krisenhöhepunkt im Jahr 2024 kontinuierlich gesunken. Gleichzeitig klettert die Zahl der deutschen „Unicorns“ auf insgesamt 36.

Die Verbands-Chefin im TV-Verhör: Wenn Euphorie auf knallharte Forderungen trifft

Wie extrem die Diskrepanz zwischen den feierlichen Gründungszahlen und der harten Realität im Maschinenraum der Start-ups wirklich ist, offenbarte Verena Pausder, die Vorsitzende des Startup-Verbands, in einem bemerkenswert offenen TV-Interview im ARD-Morgenmagazin.

Während der eigene Report die reine Anzahl der Neugründungen feiert, zeichnete Pausder vor einem Millionenpublikum ein Bild, das unsere kritische Analyse in allen Punkten bestätigt. Drei ihrer Forderungen stechen besonders hervor – und manche grenzen an einen Tabubruch:

1. Bürokratie-Kollaps statt „Startup in a day“

  • Der O-Ton: Pausder kritisiert die Hürden scharf: „Wir laden gerade auf diese Gründungsphase so viel Bürokratie drauf wie auf die großen DAX-Konzerne.“ Sie fordert ein „Startup in a day“ (Gründung in 24 bis 48 Stunden), statt wie bisher „sechs Wochen auf eine Handelsregisternummer“ zu warten.
  • Der Reality-Check: Das demaskiert die Rekordzahlen der Studie. Wenn der Weg ins Handelsregister ein sechswöchiger Hürdenlauf ist, zeigt dies, dass der aktuelle Anstieg der Neugründungen trotz und nicht wegen der Standortbedingungen passiert. Der digitale Staat ist für Gründende im Jahr 2026 noch immer eine Fata Morgana.

2. Der Tabubruch: Kündigungsschutz und die „Cost of Failure“

  • Der O-Ton: Um Start-ups agiler zu machen, attackiert Pausder ein deutsches Heiligtum: den Kündigungsschutz. Ein Unternehmen müsse am Anfang „atmen“, man wisse noch nicht, wie viele Leute man brauche. Durch hohe Gehälter in der Tech-Branche sei das klassische Schutzbedürfnis ohnehin geringer. Die sogenannte Cost of Failure – also die Kosten und Konsequenzen, wenn eine Idee scheitert – sei in Deutschland schlichtweg zu hoch.
  • Der Reality-Check: Hier trifft die Verbandschefin den wunden Punkt der deutschen „Fail Fast“-Kultur. Wer schnell wachsen will, muss auch schnell korrigieren dürfen. Diese Forderung dürfte die Gewerkschaften auf die Barrikaden rufen, ist aber aus Gründerperspektive eine bittere Notwendigkeit im internationalen Wettbewerb. Es zeigt zudem: Die sinkenden Insolvenzzahlen im Report sind kein reines Erfolgszeichen, sondern oft auch das Resultat von Unternehmen, die sich aus Angst vor den Kosten des formellen Scheiterns als „Zombies“ am Leben halten.

3. Das Eingeständnis der massiven Kapital-Lücke

  • Der O-Ton: Pausder liefert die Zahlen, die der „Next Generation“-Report verschweigt: Während in den USA pro Kopf 510 Euro in Venture Capital (Risikokapital) fließen, sind es in Deutschland gerade einmal 90 Euro. „Damit die Unternehmen, die wir hier gründen, auch groß werden können, müssen wir mehr Kapital allokieren“, so Pausder. Es fehle massiv an privatem und institutionellem Geld.
  • Der Reality-Check: Dies ist der entscheidende Sargnagel für blinde Euphorie. Was nützen uns 3.053 neue GmbHs im ersten Halbjahr, wenn das Geld für die Skalierung fehlt? Wir bauen aktuell einen riesigen Trichter an Frühphasen-Startups, dessen Ausgang verstopft ist. Die Abwanderung der besten KI- und DeepTech-Firmen in die USA (wo das 5,6-fache an Kapital wartet) ist so vorprogrammiert.

Was die Statistik gern umschifft

Wer sich durch die Tiefen der Methodik und die feingranularen Daten wühlt, stößt auf weitere Aspekte, die das reine Jubel-Narrativ trüben:

  • Die Ost-West-Schere: Der Report spricht von steigenden Gründungszahlen in allen Bundesländern. Doch die Pro-Kopf-Werte offenbaren ein hartes Gefälle: Während Bayern mit 4,7 Gründungen pro 100.000 Einwohner glänzt, herrscht in Thüringen und Sachsen-Anhalt (je 0,9) digitale Flaute. Der Boom ist nicht flächendeckend – der Osten (ohne Berlin) droht abgehängt zu werden.
  • Das Sterben der Berliner Einhörner: Die Zahl der Unicorns ist zwar bundesweit auf 36 gestiegen, doch ein Blick auf die Zeitachse zeigt: Berlin hat seit dem Jahr 2023 massiv Federn gelassen und rutschte von 22 auf 16 Einhörner ab. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der Unicorns in Städten abseits der Hotspots von 5 auf 10. Das Zeitalter des billigen Geldes für reine Berliner B2C-Hype-Modelle ist vorbei – milliardenschwere Substanz entsteht jetzt dezentraler in der Fläche.
  • Die Methodik-Falle: Wie definiert man 2026 eigentlich ein Start-up? Laut Report werden aus den Handelsregistereinträgen rund 20 % händisch nach Kriterien wie „innovatives Produkt“ oder „Wachstumspotenzial“ selektiert. Diese manuelle Filterung durch Analysten öffnet Bewertungsspielräumen Tür und Tor – wer heute das Trendwort „KI“ in den Unternehmenszweck schreibt, wird statistisch schlichtweg schneller als Startup erfasst.
  • Die Branchen-Illusion: Der Report feiert die Industrie als Sektor mit dem stärksten Wachstum (+125 %). Absolut betrachtet sind das aber gerade einmal 128 Start-ups. Der Software-Sektor dominiert weiterhin erdrückend mit 844 Neugründungen. Hardwarenahe und kapitalintensive Innovationen fristen im Land der Ingenieure weiterhin ein Nischendasein.

Raus aus der Hype-Falle: Fünf Hebel für das Ökosystem

Wenn wir wollen, dass aus dem Rekord-Jahrgang 2026 in einigen Jahren global relevante Marktführer*innen werden, muss das Ökosystem strukturell gestärkt werden. Hier sind die Hebel, die Politik und Wirtschaft jetzt umlegen müssen:

  1. Fokus auf Wachstumsfinanzierung (Scale-up-Kapital): Deutschland hat kein reines Gründungsproblem mehr, sondern ein Skalierungsproblem. Wir brauchen drastische Anreize, damit institutionelle Gelder (wie von Pensionskassen oder Versicherungen) endlich unkompliziert in den VC-Markt fließen können.
  2. Qualität statt Quantität (DeepTech priorisieren): Die staatliche Förderung und der Transfer aus Universitäten müssen gezielt auf kapitalintensive, hardwarenahe Deep- und ClimateTech-Ideen gelenkt werden. Reine Software-SaaS-Klone reguliert der Markt ohnehin von selbst.
  3. Die „Fail Fast“-Kultur entbürokratisieren: Das stille Beerdigen und Liquidieren einer gescheiterten GmbH ist in Deutschland absurd teuer und langwierig. Wer schnell gründen darf, muss auch unbürokratisch scheitern dürfen, um wertvolle Tech-Talente zügig wieder dem Markt zur Verfügung zu stellen.
  4. Mitarbeiterbeteiligungen (ESOP) wettbewerbsfähig machen: Im globalen Talent-Wettbewerb gewinnt, wer die besten Köpfe hält. Die deutsche Gesetzgebung rund um ESOPs muss dringend weiter an internationale Standards angepasst werden, um die steuerliche Belastung von virtuellen Anteilen zu minimieren.
  5. Regionale Ökosysteme vernetzen: Da klassische Metropolen an Wachstumsdynamik einbüßen, während Regionen wie Hessen oder Hamburg stark zulegen, müssen dezentrale Universitätsstandorte systematisch gefördert werden, um den Innovations-Transfer flächendeckend zu sichern.

Fazit

Der Report liefert eine hervorragende Nachricht – der Gründungsgeist in Deutschland ist intakt. Doch aus der schieren Masse an neuen Einträgen im Handelsregister müssen nun echte Tech-Champions geschmiedet werden. Machen wir uns an die Arbeit!

ARC Intelligence: 4 Mio. Euro für den KI-Angriff auf das Excel-Chaos deutscher CFOs

Das Berliner Start-up ARC Intelligence hat sich eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4 Millionen Euro gesichert. Mit einer KI-gestützten Finanzplattform wollen die Gründer den Mittelstand aus der Excel-Falle befreien und bestehende Unternehmenssysteme intelligent vernetzen. Doch der Weg in die Finanzabteilungen komplexer mittelständischer Unternehmensgruppen ist gespickt mit technologischen und kompetitiven Hürden.

Hinter ARC Intelligence stehen CEO Clemens Wessendorff und CTO Simon Zimmermann. Das Duo gründete das Softwareunternehmen 2024 in Berlin. Nach einer ersten Pre-Seed-Finanzierung vor rund einem Jahr (getragen unter anderem durch 468 Capital und IBB Ventures) hat das Start-up nun kräftig nachgelegt.

In der aktuellen Seed-Runde über 4 Millionen Euro übernimmt der Fonds 42CAP den Lead, während auch die bestehenden Investoren erneut mitgehen. Besonders bemerkenswert: Mit 42CAP-Partner Moritz Zimmermann steigt einer der profiliertesten europäischen Enterprise-Software-Investoren ein. Zimmermann hatte einst Hybris mitgegründet und das Unternehmen 2013 für rund 1,5 Milliarden US-Dollar an SAP verkauft. Die operative Entwicklung gibt dem jungen Team offenbar Rückenwind, denn seit der Pre-Seed-Phase konnte ARC seinen Umsatz laut eigenen Angaben verzehnfachen.

Das Geschäftsmodell: „AI-native Finance OS“

Das Geschäftsmodell von ARC setzt an einem altbekannten Schmerzpunkt an. Unternehmen haben in der Vergangenheit Milliarden in komplexe ERP-Systeme investiert. Dennoch basieren kritische Finanzentscheidungen – gerade in Gruppen mit mehreren Gesellschaften und internationalen Standorten – noch immer auf fragmentierten Daten, Excel-Tabellen und manuellen Reports.

ARC baut hierfür eine KI-gestützte Steuerungsebene (ein AI-native Finance OSs), die sich über bestehende ERP- und CRM-Systeme legt. Statt auf den Monatsabschluss zu warten, erhalten CFOs in Echtzeit einen Überblick über finanzielle und operative Treiber. Die bisherige Traction kann sich sehen lassen: Innerhalb von sechs Monaten konnten laut Unternehmen über 100.000 Stunden manueller Arbeit eingespart werden. Zu den frühen Nutzern gehören Vorzeige-Mittelständler wie Burmester, Pfanner Schutzbekleidung und Robert Bürkle. Zudem kooperiert ARC mit Private-Equity-Häusern wie Auctus Capital und GENUI, um in deren Portfoliounternehmen Finanzprozesse zu digitalisieren.

Markt, Wettbewerb und Risiken

Der eklatante Fachkräftemangel im Controlling und die anstehende Pensionierungswelle im Mittelstands-Management zwingen Firmen zunehmend zur Digitalisierung. ARC adressiert diese Lücke punktgenau und fokussiert sich bewusst auf die Steuerung komplexer, ERP-intensiver Organisationen. Der Markt für derartige Softwarelösungen gleicht jedoch einem Haifischbecken. Etablierte deutsche Platzhirsche wie Lucanet beherrschen die Konsolidierung seit Jahren, während hochkapitalisierte Scale-ups wie Pigment massiv in die Finanzabteilungen drängen. Zudem rüsten die ERP-Giganten selbst – allen voran SAP und Microsoft – ihre Systeme massiv mit eigenen KI-Modellen und Copilots auf.

Auch die technologische Umsetzung birgt Hürden: Das Versprechen von ARC, bestehende ERP-Systeme nicht ersetzen zu wollen, sondern als systemübergreifende Steuerungsebene zu agieren, ist in der Theorie extrem elegant. In der Praxis führt die Anbindung historisch gewachsener On-Premise-Datenbanken und fragmentierter Insellösungen jedoch oft zu enormem manuellen Onboarding-Aufwand, was die schnelle Skalierbarkeit eines Start-ups bremsen kann. Darüber hinaus sind CFOs traditionell restriktiv, was das Einspeisen hochsensibler Finanzdaten in neue Plattformen betrifft. ARC muss hier höchste Standards bei Datensicherheit und Compliance nicht nur zusagen, sondern in den komplexen mittelständischen Unternehmensgruppen technisch reibungslos beweisen.

Fazit

ARC Intelligence wählt einen klugen, sehr pragmatischen B2B-Ansatz. Dass ein Industrie-Schwergewicht wie Moritz Zimmermann an die Vision und die Umsetzungsstärke des Teams glaubt, ist ein echtes Ausrufezeichen im aktuellen VC-Markt. Das frühe Anpeilen von Private-Equity-Firmen als Multiplikatoren ist zudem ein exzellenter Go-to-Market-Schachzug. Gelingt es ARC, die berüchtigten Integrationshürden im fragmentierten deutschen ERP-Markt technologisch schlank zu lösen, hat das Start-up das Potenzial, sich vom KI-Tool für das CFO-Office langfristig zum zentralen Betriebssystem für ERP-intensive Unternehmen zu entwickeln.

Code statt Excel: Auxilius sichert sich 1,3 Mio. Euro für KI-gestützte Compliance

Das Münchner GRC-Start-up Auxilius will mit seiner KI-nativen Plattform die interne Revision von Großkonzernen automatisieren. Dafür gab es nun frisches Pre-Seed-Kapital. Doch der Markt für kontinuierliches Kontroll-Monitoring ist hart umkämpft. Kann der deterministische Ansatz gegen hochfinanzierte US-Einhörner bestehen? Eine Analyse.

Die Auxilius.ai GmbH hat erfolgreich eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird diese Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), zudem beteiligten sich das Accelerator-Netzwerk Techstars sowie mehrere industrieerfahrene Business Angels. Das frische Kapital soll in den Ausbau des Engineering- und Domain-Teams fließen.

Im Zentrum der technologischen Weiterentwicklung steht ein sogenannter Control-Intelligence-Knowledge-Graph, der den organisatorischen Zusammenhang von Kontrollen abbilden und Risiken direkt mit den jeweiligen Unternehmenszielen verknüpfen soll. Erste zahlende Enterprise-Kunden, darunter europäische Banken und Mischkonzerne, nutzen die Plattform laut Unternehmensangaben bereits in Pilotprojekten und verzeichnen dabei einen geringeren manuellen Aufwand.

GRC-Expertise trifft auf Cloud-Architektur

Gegründet wurde das Unternehmen Ende 2025 mit offiziellem Sitz in Unterföhring bei München. Hinter dem Start-up stehen zwei erfahrene B2B-Gründer. Christian Hoppe fungiert als CEO und bringt 15 Jahre Erfahrung aus den Bereichen Governance, Risk & Compliance (GRC) sowie SaaS mit, nachdem er zuvor als Equity-Partner bei der Wirtschaftsprüfung EY tätig war. James Barnes bekleidet die Rolle des CTO. Er war in der Vergangenheit als Softwarearchitekt bei Sopra Steria CSS angestellt und verfügt über umfassende Expertise in den Feldern Enterprise AI, Cloud-Architektur und ERP-Integration. Aktuell wird das Führungsduo von einem vierköpfigen Team aus Software- und AI-Ingenieuren unterstützt.

Policy-as-Code als Beweismittel

Das Problem, das Auxilius lösen will, ist in Großkonzernen allgegenwärtig. Aktuell werden rund 80 Prozent der Unternehmenskontrollen nach wie vor händisch durchgeführt. Auditorinnen und Auditoren prüfen manuelle Stichproben, während Teams oftmals Monate später noch immer Excel-Listen oder Screenshots als Nachweise zusammentragen. Als Konsequenz daraus übersteigen die Kosten von Compliance-Verstößen weiterhin die eigentlichen GRC-Ausgaben. Der Lösungsansatz von Auxilius ist ein automatisierter Control Execution Layer. Das Start-up wandelt Unternehmensrichtlinien, Risiko-Kontroll-Matrizen und regulatorische Anforderungen in deterministischen, ausführbaren Code um. Dieser Code führt Kontrollen nicht nur stichprobenartig, sondern kontinuierlich auf der gesamten Datenbasis aus. Ändern sich externe Regeln oder interne Prozesse, passt sich der Code automatisch an. Der entscheidende Clou dabei ist, dass der ausführbare Code selbst den Prüfern künftig als belastbare Evidenz dienen soll.

Marktumfeld & Wettbewerb

Die Automatisierung von Compliance und Risikomanagement gehört aktuell zu den umkämpftesten B2B-Softwaresektoren. Auxilius betritt hier keinen leeren Raum, sondern muss sich gegen massive, teils global dominierende Konkurrenz behaupten. Internationale Schwergewichte wie Vanta, Drata und Secureframe dominieren derzeit den Markt für Compliance-Automatisierung mit hunderten vorgefertigten Integrationen. Der US-Konkurrent Drata ist massiv kapitalisiert und wächst zudem stark anorganisch durch Zukäufe. Plattformen wie Sprinto positionieren sich mit hohem technologischem Anspruch explizit im Bereich des autonomen und kontinuierlichen Monitorings. Im reinen Enterprise-Segment konkurriert Auxilius zudem mit etablierten Software-Giganten wie MetricStream oder AuditBoard, die bereits tiefe Wurzeln in den Konzernstrukturen geschlagen haben.

Potenzial & kritische Hürden

Der Ansatz von Auxilius, Compliance tief in die Prozesse zu integrieren und auditierbare Evidenz als reibungsloses Nebenprodukt bestehender Prozessschritte abfallen zu lassen, ist strategisch hochrelevant. Dennoch gibt es signifikante Hürden, die das Modell auf dem Weg zur Skalierung überwinden muss. Die erste große Herausforderung ist die Integrationstiefe als Flaschenhals. Um Kontrollen über komplette Datenbasen automatisiert laufen zu lassen, muss sich die Plattform tief in die oftmals veralteten und fragmentierten IT-Landschaften von Großkonzernen einklinken. Das junge Team muss beweisen, dass es mit dem Pre-Seed-Budget die enormen Entwicklungskosten für die zahlreichen notwendigen Schnittstellen stemmen kann, um mit den hochfinanzierten US-Konkurrenten Schritt zu halten.

Die zweite Hürde betrifft die kulturelle Akzeptanz der Prüfer*innen. Der Code von Auxilius soll künftig als harte Evidenz dienen. In der streng regulierten Welt europäischer Banken müssen traditionelle Wirtschaftsprüfer*innen diesen deterministischen Ansatz jedoch rechtlich und prozessual als vollwertigen Audit-Nachweis akzeptieren. Dieser Kulturwandel in der klassischen Prüfungspraxis ist erfahrungsgemäß zäh und erfordert viel Überzeugungsarbeit.

Zuletzt zielt das Start-up ganz bewusst auf große Unternehmen, Banken und Mischkonzerne ab. Die Verkaufs- und Implementierungszyklen in diesen Segmenten sind notorisch lang und verschlingen oft immense personelle sowie finanzielle Ressourcen, was für ein frisch gegründetes Startup im Seed-Stadium eine erhebliche Belastungsprobe darstellt.

Auxilius sendet mit der erfolgreichen Finanzierungsrunde dennoch ein starkes Lebenszeichen aus München. Wenn es dem Team gelingt, seinen Control-Intelligence-Knowledge-Graph so skalierbar zu bauen, dass sich die sonst langwierigen Implementierungszeiten bei Konzernen radikal verkürzen, hat das Start-up durchaus das technologische Potenzial, den internationalen Playern im lukrativen europäischen Enterprise-Markt langfristig gefährlich zu werden.

Deutschlands Scale-up-Moment

Eine neue Generation von Gründer*innen adressiert die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen mithilfe von KI, Quantentechnologien, Nachhaltigkeitslösungen und moderner digitaler Infrastruktur. Wir stellen stellvertretend vier deutsche Scale-ups vor.

Deutschland steht seit langem für Ingenieurskunst, industrielle Innovation und erstklassige Forschung. Eine neue Generation von Gründerinnen und Gründern baut nun auf diesem Erbe auf, um die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen: mit KI, Quantentechnologien, Nachhaltigkeitslösungen und moderner digitaler Infrastruktur. Europa strebt nach mehr technologischer Souveränität, und damit hat sich auch die Herausforderung verschoben: weg vom Aufbau von Innovation, hin zu deren Skalierung. Deutschlands wachsendes Scale-up-Ökosystem verwandelt Forschungs- und Ingenieurskompetenz in global wettbewerbsfähige Unternehmen in den Bereichen Cybersicherheit, industrielle Automatisierung, Klimaresilienz und Arbeitswelt der Zukunft. Auf der North Star Europe, der Start-up-Plattform der GITEX AI EUROPE 2026 vom 30. Juni bis 1. Juli in Berlin, trafen diese Unternehmen auf Investorinnen und Investoren, Partner und Ökosystem-Vertreter*innen. Mit einem Ausstelleranteil von rund 40 Prozent spiegelte die Veranstaltung den wachsenden Einfluss Deutschlands in Europas Innovationswirtschaft wider.

Vier deutsche Scale-ups, auf die es sich zu achten lohnt

Quantum Optics Jena: 8,5 Mio. Euro Series A; Quantenverschlüsselung im Live-Einsatz auf Glasfasernetzen

Das 2020 gegründete, in Jena ansässige Unternehmen  Quantum Optics Jena vermarktet Quantum Key Distribution (QKD): Verschlüsselung auf Basis der Quantenphysik. Unter der Leitung von CEO Dr. Kevin Füchsel und CTO Dr. Oliver de Vries hat das Scale-up laborreife Technologie zu einsatzbereiter Infrastruktur miniaturisiert. Sie läuft über bestehende Glasfasernetze, ohne dass eine vollständig neue Kommunikationsarchitektur nötig wäre. Die Photonenpaarquelle des Unternehmens wurde vom italienischen Nationalinstitut für metrologische Forschung zertifiziert – ein Meilenstein, der Netzbetreibern und Regierungen die nötige Sicherheit gibt, quantensichere Systeme im großen Maßstab einzusetzen. Eine Series-A-Finanzierung über 8,5 Millionen Euro unter Führung von Join Capital finanziert nun diese Expansion. „Quanten sind längst keine reine Laborangelegenheit mehr. Sie werden zu einer praktischen Schicht digitaler Infrastruktur, die Organisationen dabei hilft, KI-Systeme aufzubauen, die sicher, resilient und vertrauenswürdig sind“, meint Füchsel.

HydroGeoTwin: ESA-gefördert, satelliten- und KI-gestützte Grundwasserprognosen

Wasserknappheit zeichnet sich als eines der prägenden Risiken der kommenden Jahrzehnte ab. Das in Tübingen ansässige Unternehmen HydroGeoTwin macht eine der weltweit am wenigsten sichtbaren Ressourcen messbar und steuerbar. Gegründet von Dr. Fernando Mazo D’Affonseca und unterstützt vom Business Incubation Centre der European Space Agency, kombiniert das Unternehmen Satellitendaten, IoT-Sensoren und Klimamodelle zu KI-gestützten Grundwasserprognosen und Entscheidungsgrundlagen. „HydroGeoTwin hilft Organisationen, komplexe Grundwasserdaten in klarere, schnellere und nachhaltigere Entscheidungen zu übersetzen“, erklärt D’Affonseca. Aus öffentlich geförderter Forschung ist mittlerweile ein umsatzgenerierendes Unternehmen geworden. Heute verkauft HydroGeoTwin Prognose-Dashboards und Risikotools, die Nachhaltigkeitsberichterstattung, Compliance und Ressourcenplanung unterstützen.

Plastic Fischer: mehr als zwei Mio. Kilogramm Flussplastik seit 2021 in sechs Städten abgefangen

Dass Nachhaltigkeitsunternehmen auch ohne komplexe Technologie skalieren können, zeigt Plastic Fischer aus Berlin. Das 2019 gegründete Scale-up fängt Plastikmüll in Flüssen ab, bevor er das Meer erreicht – mit dem TrashBoom, einer kostengünstigen Barriere aus lokal beschafften Materialien. Statt auf umfangreiches Venture Capital zu setzen, hat Plastic Fischer ein kommerziell tragfähiges Modell rund um das Konzept „Impact as a Service“ aufgebaut: Unternehmenspartner finanzieren Sammelprogramme und erhalten im Gegenzug verifizierte Daten zur Umweltwirkung. Amazon, Allianz und Siemens vertrauen bereits auf Plastic Fischer. Seit 2021 hat das Unternehmen mehr als zwei Millionen Kilogramm Plastik davor bewahrt, in die Ozeane zu gelangen. Das Scale-up ist in sechs Städten in Indien und Indonesien aktiv und beschäftigt mehr als 65 Mitarbeitende in Vollzeit.

retavi: softwarebasierte Fabriksteuerung statt proprietärer SPS

Das Fraunhofer-Spin-off retavi wurde 2025 in Stuttgart gegründet. Es stellt eine der hartnäckigsten Herausforderungen der Fertigungsindustrie infrage: die Abhängigkeit von proprietärer Automatisierungshardware. Die KI-native Plattform des Unternehmens trennt die Automatisierungslogik von klassischen speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS). Dadurch können industrielle Steuerungssysteme auf Standardservern und Industrie-PCs laufen statt auf Spezialhardware. Das löst den Hersteller-Lock-in auf und ermöglicht es Fabriken, sich anzupassen, zu skalieren und zentral verwaltet zu werden. Das Scale-up sicherte sich rund 180.000 Euro an öffentlicher Anschubfinanzierung, bevor es zu einem kommerziellen Modell aus Software-Lizenzierung und Entwicklertools überging. Privates Investment hilft nun dabei, die Markterschließung zu beschleunigen.

Fazit: Deutschlands Scale-up-Moment

Jedes dieser deutschen Scale-ups hat den Schritt von Forschung und Proof of Concept vollzogen und adressiert heute reale kommerzielle Herausforderungen mit skalierbaren Geschäftsmodellen. Auf der GITEX AI EUROPE 2026 trafen sie auf weitere deutsche Innovationstreiber wie Nextcloud, Workist und Kauz.ai. Das unterstreicht, wie Deutschland technisches Know-how zunehmend in global wettbewerbsfähige Unternehmen überführt. In ihrer zweiten Ausgabe vereinte die GITEX AI EUROPE mehr als 950 Unternehmensaussteller und Start-ups, von denen 32 Prozent bereits die Series-A-Finanzierungsstufe erreicht haben oder darüber liegen und sich damit im Scale-up-Bereich befinden. Ob es diesen Unternehmen gelingt, Kapital, Partnerschaften und internationale Kund*innen zu gewinnen, wird mit darüber entscheiden, ob Europa in der nächsten Welle des technologischen Wandels wettbewerbsfähig bleibt.

Der Autor Bilal Al-Rais ist VP – Portfolio Growth Tech & Digital, GITEX

Milliarden-Meilenstein im Mobility-Sektor: FINN wird zum Unicorn – doch wie nachhaltig ist das Abo-Modell?

Der Münchner Auto-Abo-Anbieter FINN hat seine Series-D-Finanzierungsrunde über knapp 100 Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen und steigt damit offiziell in die Riege der deutschen Einhörner auf. Doch hinter der glänzenden Milliardenbewertung verbirgt sich ein äußerst kapitalintensives Geschäft in einem derzeit gnadenlosen Marktumfeld, das Mobility-Start-ups vor enorme Herausforderungen stellt.

Die Series-D-Runde im Detail: Ein Mix aus Equity, Debt und Media

Die neue Finanzierungsrunde sichert FINN insgesamt 140 Millionen Euro. Dieser Betrag setzt sich aus verschiedenen strategischen Bausteinen zusammen, die bezeichnend für skalierende B2C-Geschäftsmodelle mit hohem Asset-Bedarf sind:

  • Eigenkapital: Knapp 100 Millionen Euro frisches Eigenkapital fließen in das Start-up, was die Unternehmensbewertung auf über eine Milliarde Euro hebt. Angeführt wird die Runde vom Fintech- und Mobility-Investor Portage.
  • Fremdkapital: Zur Refinanzierung der kostspieligen Fahrzeugflotte stellen BC Partners Credit und Runway Growth Capital mehr als 40 Millionen Euro zur Verfügung.
  • Media-for-Equity: Ein entscheidender Hebel für die B2C-Kundenakquise ist der Einstieg des ProSiebenSat.1-Investmentarms SevenVentures, der FINN Zugang zum reichweitenstarken Werbeinventar des Medienkonzerns verschafft.
  • Bestandsinvestoren: Auch UVC Partners, Planet First Partners, Korelya Capital, White Star Capital, HV Capital und Picus Capital bestätigen ihr Vertrauen und ziehen bei der Runde mit.

Mit einem jährlich wiederkehrenden Umsatz (ARR) von über 300 Millionen Euro und mehr als 50.000 aktiven Abos gehört FINN zweifellos zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas.

Gründungshistorie: Steiler Aufstieg mit tiefer Führungskrise

Gegründet wurde FINN im Jahr 2019 in München. Das Team trat an, um den klassischen Autokauf durch ein vollständig digitales, flexibles Rundum-Sorglos-Paket zu ersetzen.

Der Weg zum Unicorn war intern jedoch nicht ohne massive Turbulenzen: Im Frühjahr 2023 geriet FINN in die Schlagzeilen, als Mitgründer und damaliger CEO Max-Josef Meier nach Recherchen von Wirtschaftsmedien aufgrund von Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegenüber Mitarbeiterinnen von seinem Posten zurücktreten musste. Es war ein Lackmustest für die Corporate Governance des Unternehmens. Maximilian Wühr, ebenfalls Co-Founder, übernahm daraufhin das Ruder als CEO. Dass FINN diese gravierende C-Level-Krise überstanden hat und das Vertrauen der Investoren halten konnte, ist aus unternehmerischer Sicht bemerkenswert.

Das Geschäftsmodell in der kritischen Analyse

Kund*innen abonnieren bei FINN Fahrzeuge von über 25 Marken – darunter BMW, Mercedes-Benz, aber auch aufstrebende chinesische Hersteller wie MG und BYD – vollständig online. Im monatlichen Fixpreis sind Versicherung, Steuern, Zulassung und Wartung bereits enthalten.

Trotz der starken Flottenzahlen muss das Modell wirtschaftlich kritisch betrachtet werden:

  • Enormer Kapitalbedarf: Autos sind teure Assets. Das Unternehmen muss diese vorfinanzieren, was eine extrem hohe Liquidität und Fremdkapitalquoten erfordert. Die 40 Millionen Euro Fremdkapital aus der aktuellen Runde illustrieren diesen ständigen Hunger nach Liquidität zur Flottenfinanzierung.
  • Margendruck und Wertverlust: Die Rentabilität hängt massiv von den Restwerten der Fahrzeuge ab. Der Wertverfall, insbesondere im Bereich der Elektromobilität, setzt Anbieter derzeit branchenweit unter Druck.
  • Friktionen bei der Rückgabe: Wie Recherchen in gängigen Verbraucherportalen zeigen, ist das Modell in der Praxis nicht immer gänzlich reibungslos. Ein häufiger Kritikpunkt von Auto-Abo-Nutzer*innen branchenweit sind unerwartete Nachzahlungen bei der Fahrzeugrückgabe. Um die schmalen Margen zu verteidigen, müssen die Anbieter*innen den Fahrzeugzustand penibel abrechnen – was in der Branche oft zu Lasten der Kund*innenzufriedenheit geht.

Der Markt und die Wettbewerber

Der Markt für Auto-Abos wächst rasant und bedient den Trend hin zu flexibler Mobilität. Doch das Spielfeld konsolidiert sich hart:

  1. Klassische Autovermieter: Mit jahrzehntelanger Erfahrung im Flottenmanagement, eigener Logistik und gewaltiger Einkaufsmacht bei den Herstellern sind Vermieter wie Sixt (mit Sixt+) extrem gefährliche Konkurrenten.
  2. Asset-Light-Plattformen: Anbieter wie Faaren treten oft als reine Vermittler auf und nutzen ungenutzte Bestandsfahrzeuge lokaler Autohändler, wodurch sie im Gegensatz zu FINN kein eigenes, teures Flottenrisiko tragen.
  3. Gescheiterte Pioniere: Dass bloßes Wachstum nicht schützt, zeigte Anfang 2026 die Insolvenz der Fleetpool-Gruppe (bekannt durch like2drive) – und das trotz zuvor starker Nutzerzahlen und der Eingliederung in den ALD-Konzern. Auch Wettbewerber wie ViveLaCar machten in jüngster Vergangenheit vor allem durch rechtliche Streitigkeiten und Eigentümerwechsel auf sich aufmerksam. Dies unterstreicht eindrucksvoll, wie volatil die Margen im Abo-Geschäft tatsächlich sind.

Einordnung: Was Gründer*innen lernen können

Für die Start-up-Szene liefert der Fall FINN wertvolle Lektionen. Das Unternehmen demonstriert, dass kapitalintensive Hardware-Geschäftsmodelle nicht allein durch teures Venture Capital skaliert werden sollten. Die Kombination aus VC-Geld, Venture Debt zur Asset-Finanzierung und einem Media-for-Equity-Deal für effizientes Marketing ist ein Lehrbuchbeispiel für intelligentes Kapitalmanagement.

Zudem zeigt FINN Resilienz: Ein Führungsskandal hätte das Aus bedeuten können, doch schnelles Handeln bewahrte das Start-up vor dem Kollaps. CEO Maximilian Wühr betont heute den "konsequenten Fokus auf profitables Wachstum". In Zeiten teurer Kredite reicht reines Flottenwachstum nicht mehr aus. Das Unicorn-Label ist ein starkes PR-Signal, aber die wahre Bewährungsprobe wird nun darin bestehen, in einem historisch margenschwachen Markt nachhaltig schwarze Zahlen zu schreiben.

Gründer*in der Woche: XFlowAssist – Digitalisierung ohne Cloud-Zwang

Während der Markt zunehmend auf Cloud-Lösungen setzt, wählt ein junges Kölner Start-up bewusst einen anderen Weg: Shahab Alaei entwickelt mit XFlowAssist ein ERP-System für Handwerker*innen und Dienstleister*innen, das ausschließlich lokal läuft. In unserem „Gründer*in der Woche“-Interview sprechen wir über lokale Datensouveränität, die Risiken von On-Premise-Lösungen und die Hürden des Marktstarts.

Sensible Kund*innen- und Finanzdaten auf Servern von Drittanbieter*innen? Für viele Handwerksbetriebe und kleine Dienstleistende ist das ein rotes Tuch. An diesem Punkt setzt Shahab Alaei mit seinem Kölner Start-up an. Seine im Frühjahr 2026 gelaunchte All-in-One-Software XFlowAssist bündelt administrative Kernprozesse – von der Kund*innenverwaltung über die Einsatzplanung bis hin zur gesetzeskonformen E-Rechnung (ZUGFeRD) und Buchhaltung.

Der technische Ansatz: Die Plattform wird direkt im firmeneigenen Windows-Netzwerk betrieben. Die Datenhoheit bleibt somit physisch im Unternehmen. Mit diesem Gegenentwurf zum aktuellen Cloud-Trend will der Kölner Gründer punkten. Doch der Verzicht auf die Cloud bringt für Nutzer*innen auch eigene Herausforderungen in puncto Flexibilität und IT-Sicherheit mit sich.

In unserem „Gründer*in der Woche“-Interview sprechen wir über lokale Datensouveränität, die Risiken von On-Premise-Lösungen und die Hürden des Marktstarts.
 

StartingUp: Shahab, die meisten neuen Softwarelösungen sind heute reine Cloud-Anwendungen. Wie kam es zu der Idee für XFlowAssist und warum hast du dich so bewusst für den Weg der lokalen Datenhaltung entschieden?

Shahab Alaei: Lokale Datenhaltung bedeutet Datensouveränität. Es geht mir darum, KMU eine Möglichkeit zu geben, dass ihre Daten auch wirklich ihre bleiben. Das Thema Datenschutz und Sicherheit ist nicht erst seit gestern ein dringendes Thema – sowohl für Privat- als auch für Business-Anwender. Für KMU bedeutet das oft Mehraufwand, Kosten und eine damit verbundene Unsicherheit bei der Umsetzung. Erklärungen verfassen, die Compliance einrichten – je weniger Aufwand für den Datenschutz und die Dokumentation anfällt, desto mehr Fokus kann man auf andere wichtige Arbeitsbereiche richten.

Man kann entweder auf strenge Regeln und Gesetze setzen, die den Alltag und die Umsetzung erschweren, aber den Datenschutz trotzdem nicht voll garantieren, oder man lässt die Daten gar nicht erst aus den eigenen Systemen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Damit ist das Problem gelöst. Die Daten werden nur zwischen denen verarbeitet, die es wirklich etwas angeht. Es geht mir um die volle Hoheit über die eigenen Daten. Ich dachte dabei ein bisschen an den Satz: „Back to the Roots“.

StartingUp: Du setzt zu 100 Prozent auf ein lokales Windows-Netzwerk. In Zeiten, in denen Handwerker*innen von der Baustelle aus per Tablet auf Kund*innendaten zugreifen wollen oder die Buchhaltung im Homeoffice gemacht wird, wirkt eine rein lokale Lösung wie ein Rückschritt. Verbaust du deinen Kund*innen damit nicht die Flexibilität des modernen Arbeitens?

Shahab Alaei: XFlowAssist setzt nicht auf „lokal statt flexibel“, sondern auf „Datenhoheit ohne Cloud-Zwang“. Die Daten können lokal im eigenen Netzwerk liegen, aber ebenso an einem vom Kunden gewählten Speicherort – zum Beispiel in einem synchronisierten OneDrive-Verzeichnis, auf einem NAS oder über eine eigene Remote-Zugriffslösung.

Der entscheidende Unterschied ist: Der Kunde entscheidet selbst. Bei vielen Cloud-ERP-Lösungen ist fest vorgegeben, dass die Daten beim Anbieter oder dessen Infrastrukturpartnern liegen. XFlowAssist lässt diese Entscheidung bewusst offen. Wer eine einfache Lösung möchte, kann einen Cloud-Speicher nutzen. Wer mehr Kontrolle will, setzt ein eigenes Netzwerk, ein NAS oder ein VPN ein. Damit ist modernes Arbeiten weiterhin möglich, auch im Homeoffice oder von der Baustelle aus. Es geht nicht darum, Flexibilität zu verhindern, sondern darum, sie nicht an einen Cloud-Zwang zu koppeln.

StartingUp: Lokale Datenhoheit klingt zunächst gut. Aber große Cloud-Anbieter*innen haben meist professionelle IT-Sicherheitsabteilungen. Ein durchschnittlicher Handwerksbetrieb hat das nicht. Wälzt du mit XFlowAssist nicht das immense Risiko von Datenverlusten, defekten Servern oder Ransomware-Angriffen einfach auf deine Kund*innen ab?

Shahab Alaei: Solche Risiken bestehen vom kleinsten Einzelanwender bis zum großen Player über alle Branchen hinweg. Wie gesagt: Es besteht weiterhin die Möglichkeit, die Daten auch auf externen Lösungen zu speichern, die Sicherheitsfeatures wie automatische Backups bieten. Viele KMU nutzen keine eigenen Server, sondern kleine Netzwerke innerhalb ihrer Geschäftsräume.

Für Betriebe ohne eigene IT-Sicherheitsabteilung sind die wichtigsten Sofortmaßnahmen meist nicht teuer: Multi-Faktor-Authentifizierung überall, regelmäßige Updates, gute Backups mit Wiederherstellungstests, Mitarbeiterschulungen gegen Phishing, ein Passwortmanager, minimale Adminrechte und ein einfacher Notfallplan. Den Aspekt der sicheren Kommunikation von XFlowAssist bezüglich verschlüsselter Passwörter halte ich stets aktuell und habe ihn immer im Blick.

Wenn man seine Daten lokal hält und einige Grundregeln wie regelmäßige Backups beachtet, ist der Kompromiss, seine Daten nicht auf fremden Servern zu speichern, ein sehr guter. Vor Angriffen ist niemand absolut sicher, ein Restrisiko besteht immer und für jeden. Aber um Herr über die eigenen Daten wie Umsatzzahlen, Kundendaten und Geschäftsabläufe zu bleiben, ist es die Mühe wert, seine Daten an mindestens zwei Stellen zu sichern – sprich: Backups anzulegen.

StartingUp: Ein ERP-System ist das Herzstück einer jeden Firma. Wie nimmst du potenziellen Kund*innen die berechtigte Angst, dass ihre zentrale Unternehmenssoftware nicht mehr mit Updates versorgt wird, falls du als Einzelgründer unerwartet ausfallen solltest?

Shahab Alaei: Das wäre dann wohl Schicksal … Aber die Sorge ist absolut berechtigt, gerade weil ein ERP-System eine so zentrale Rolle einnimmt. Bei XFlowAssist liegt ein wichtiger Vorteil jedoch genau im Konzept: Die Unternehmensdaten werden lokal und zentral beim Kunden gebündelt. Sie liegen also nicht verstreut in verschiedenen Tools oder ausschließlich in einer externen Cloud-Struktur, sondern bleiben an einer kontrollierbaren Stelle verfügbar. Auch technisch ist XFlowAssist nicht als Blackbox aufgebaut.

Die Übergabefähigkeit ist von Anfang an berücksichtigt: Struktur, Datenhaltung und zentrale Abläufe sind so angelegt, dass eine fachkundige Person das System problemlos nachvollziehen und weiterführen kann. Zudem sind Backup- und Exportfunktionen integriert. Rechnungen können beispielsweise als XML ausgelesen und dadurch von anderen Systemen weiterverarbeitet werden. Kund*innen behalten damit den vollen Zugriff auf ihre Daten und sind nicht vollständig von einer einzelnen Person oder einem geschlossenen System abhängig.

Für den Fall, dass ich als Gründer unerwartet ausfallen sollte, ist der Zugriff und die Entscheidungsfähigkeit notariell geregelt. Bis ein geeignetes Unternehmen oder mehrere technische Partner offiziell benannt sind, liegen die entsprechenden Entscheidungsbefugnisse bei vertrauenswürdigen Privatpersonen aus meinem Umfeld. Der nächste Schritt ist, hierfür zusätzlich ein oder mehrere Unternehmen zu definieren, die im Ernstfall Betrieb, Wartung oder Weiterentwicklung übernehmen können. Mir ist extrem wichtig, dass es im Fall der Fälle nahtlos weitergeht und meine Kunden keinen Schiffbruch erleiden.

StartingUp: Du bist im Frühjahr 2026 offiziell gestartet. Eine so komplexe Software von Grund auf zu entwickeln, kostet viel Zeit und Geld. Wie hast du das Unternehmen bisher finanziert und was waren für dich die prägendsten Meilensteine bis zum heutigen Tag?

Shahab Alaei: Finanziert wurde XFlowAssist bisher komplett aus meinen privaten Mitteln. Ein prägender Meilenstein war für mich der Moment, als ich das erste Mal erfolgreich per Mausklick ein Angebot in einen Vertrag und diesen mit einem weiteren Klick in eine Rechnung konvertieren konnte. Das war ursprünglich mein eigentliches Ziel: eine kleine Hilfe, um ZUGFeRD-Rechnungen zu erstellen. Kleine Betriebe sollten unkompliziert Kunden anlegen und für diese E-Rechnungen im ZUGFeRD-Format generieren können.

Entstanden ist die Idee, nachdem ich für den Betrieb meines Bruders auf der Suche nach einer passenden Lösung war und nichts finden konnte, was nicht mit schwer vorhersehbaren Gebühren, komplizierten Strukturen oder schlechter Dokumentation verbunden gewesen wäre. Gerade zu Beginn waren seine finanziellen Mittel begrenzt, sodass eine einfache, transparente und bezahlbare Lösung wichtig war.

Für einen Einzelentwickler bedeutet ein solches Projekt natürlich einen immensen Zeitaufwand. Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich nach der grundsätzlichen Entscheidung mit der Planung begonnen. Wichtig ist: Es gab nicht den einen großen Meilenstein, sondern viele kleine. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein solches System normalerweise von Teams mit oft 20 oder mehr Personen entwickelt wird. Ich konnte auf diesem Weg Einblicke und Erfahrungen sammeln, die man als Entwickler in einem klassischen Team so wahrscheinlich gar nicht in dieser Breite macht. Ich bin zwar seit Jahrzehnten in der IT tätig, offiziell aber erst seit vier Jahren anerkannter Anwendungsentwickler. Normalerweise werden die Aufgaben in einem Softwareprojekt klar aufgeteilt: Eine Person schreibt die Datenbankmodelle, eine andere kümmert sich um Planung und Beschreibung, wieder andere erstellen Dokumentationen oder Programmablaufpläne (PAPs).

Zu Beginn habe ich selbstverständlich auch KI zur Unterstützung genutzt, zum Beispiel bei bestimmten Modellierungen, Konzepten oder Strukturierungen. Das Potenzial dieser Technologien ist enorm. Ohne KI-Unterstützung hätte ich XFlowAssist in dieser Form niemals allein innerhalb von knapp zwei Jahren so weit entwickeln können. Wobei „fertigstellen“ eigentlich der falsche Begriff ist, denn Software ist im Grunde nie wirklich fertig. Sie entwickelt sich stetig weiter. Für mich sind deshalb vor allem die kontinuierlich gewonnenen Erkenntnisse die echten Meilensteine.

StartingUp: Der offizielle Marktstart ist nun erfolgt. Wenn du auf die Roadmap für die nächsten 12 bis 18 Monate schaust: Welche konkreten Funktionen oder neuen Zielgruppen stehen als Nächstes auf dem Plan?

Shahab Alaei: Geplant sind Funktionen wie das digitale Signieren von Dokumenten und Arbeitsscheinen auf mobilen Geräten, wenn Mitarbeiter beispielsweise direkt beim Kunden vor Ort unterschreiben lassen wollen. Eine mobile Version soll zudem die Einsatzplanung und Koordination verbessern – sprich eine App für Angestellte, um mit der Zentrale zu kommunizieren. Dabei geht es um Arbeitszeiterfassung, das Dokumentieren von Tätigkeiten, das Hochladen von Baustellenfotos oder das Einsehen von Tages-, Wochen- und Monatsplänen.

Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl solcher Lösungen bereits auf dem Markt, jedoch meist gekoppelt an externe Dienstleister, die über APIs eingebunden werden. Diese Anbieter lesen die Dokumente oder schleusen sie durch ihre eigenen Server. Das könnte ich ebenfalls integrieren, es kollidiert jedoch fundamental mit unserer Kernidee, die Daten souverän zu halten. Das Dokument müsste wieder durch externe Systeme wandern, und diese Wege liefern erneut Angriffsflächen sowie das Risiko, dass Dritte die Daten für sich nutzen – sei es legal oder in Grauzonen.

Mein Ziel ist eine bestmögliche Lösung, die komplett ohne Dritte auskommt, auch wenn das eventuell kleine Kompromisse bei der Funktionalität bedeutet. Die Herausforderung besteht für mich darin, Lösungen mit der maximalen Kontrolle über die eigenen Daten bereitzustellen. Ich strebe an, immer den kürzesten und direktesten Weg zu nehmen, um Daten von A nach B zu bringen.

StartingUp: Zum Abschluss unser Klassiker: Welche konkreten Tipps oder Lektionen aus deiner eigenen Start-up-Erfahrung möchtest du anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?

Shahab Alaei: Mein wichtigster Tipp ist: Setzt euch am Anfang einen klaren Rahmen und schreibt ihn verbindlich auf. Haltet fest, was eure Idee ist, welches Ziel ihr erreichen wollt und was erst einmal nicht dazugehört. Gerade in der Anfangsphase kommen ständig neue Ideen dazu. Das ist normal und oft auch gut. Aber nicht jede gute Idee muss sofort umgesetzt werden. Sonst verliert man schnell den Fokus, verzettelt sich und macht sich das eigene Projekt unnötig schwer.

Ich habe gelernt: Erst den ursprünglichen Plan mit Geduld zu Ende bringen, dann schauen, was als Nächstes sinnvoll ist. Gründen bedeutet nicht, jede Möglichkeit sofort zu ergreifen, sondern die richtigen Schritte zur richtigen Zeit zu gehen.

StartingUp: Vielen Dank, Shahab Alaei, für das Gespräch.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

VERAXA: Nasdaq-Debüt für 1,3 Mrd. US-Dollar

Befreiungsschlag jenseits des großen Teichs: Was Gründer*innen vom Milliarden-Debüt der 2021 gegründeten VERAXA Biotech lernen können.

Am 11. Juni 2026 vollzog die VERAXA Biotech AG einen bemerkenswerten Schritt: Das Unternehmen startete den Handel an der US-Technologiebörse Nasdaq unter dem Tickersymbol VRXA. Mit einem Pre-Money Equity Value von 1,3 Milliarden US-Dollar in der Business Combination setzt das BioTech-Unternehmen ein starkes Ausrufezeichen in einer Zeit, in der der deutsche Kapitalmarkt unter einer IPO-Dürre und einem eklatanten Mangel an Scale-up-Kapital leidet. Für unsere Leser*innen bietet dieser Case weit mehr als nur eine reine Listing-Meldung. Er seziert die strukturellen Herausforderungen der europäischen Gründer*innenszene und zeigt, wie hochkomplexe Forschungs-Spin-offs skaliert und kapitalisiert werden können.

Angesichts der aktuellen Marktlage ist diese Bewertung ein massives Statement. Wie ließ sich diese Summe in den Verhandlungen mit US-Investoren rechtfertigen und warum hat man sich gerade jetzt für den Weg über ein SPAC entschieden, anstatt auf ein späteres, klassisches IPO zu warten? Oliver R. Baumann, CEO der Xlife Sciences AG und Chairman of the Board der VERAXA Biotech AG, betont die fundamentale Stärke des Unternehmens: „Die Bewertung stützt sich aus unserer Sicht auf die Breite und Skalierbarkeit der VERAXA-Plattform. VERAXA verfügt über eine Pipeline antikörperbasierter Krebstherapien der nächsten Generation, darunter bispezifische T-Zell-Engager und Antibody-Drug Conjugates, kurz ADCs, und adressiert damit zwei der dynamischsten Bereiche der Onkologie.“

Entscheidend sei, dass die hauseigene BiTAC-Plattform mehrere Programme parallel hervorbringen kann und das Unternehmen somit nicht auf einen einzelnen Wirkstoffkandidaten reduziert ist. Den gewählten Weg verteidigt Baumann offensiv: „Der gewählte Weg war für uns deshalb konsequent, weil er VERAXA den Zugang zum US-Kapitalmarkt eröffnet. In der aktuellen Phase geht es darum, Programme auf Basis der BiTAC-Plattform in Richtung klinischer Entwicklung sowie strategischer und industrieller Partnerschaften weiterzuentwickeln. Dafür braucht ein Unternehmen wie VERAXA internationale Sichtbarkeit, Kapitalmarktzugang und Investoren, die die Logik hochinnovativer Onkologieplattformen verstehen.“

Die Anatomie des Deals: Volles Risiko, kein Cash-Exit

Die Transaktionsstruktur der VERAXA sendet ein deutliches Signal an den Markt: Bestehende Aktionäre, darunter Xlife Sciences sowie das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) und dessen Technologietransfer-Arm EMBLEM, erhalten keinen Cash-Exit. Stattdessen rollen sie 100 Prozent ihrer Anteile in die börsennotierte Gesellschaft. Das zeugt von enormer Überzeugung der Altgesellschafter, bindet sie jedoch voll an das Post-IPO-Risiko.

Auf die konkrete Frage, ob dieser vollständige Verzicht eine zwingende Bedingung der SPAC-Sponsoren war und welche Lock-up-Fristen nun genau für das Management gelten, weicht Baumann den harten Details zu den Haltefristen zwar aus, stellt das strategische Signal aber umso klarer heraus: „Für uns war entscheidend, ein klares Signal an den Markt zu senden: Die bestehenden VERAXA-Aktionäre bleiben vollständig investiert. Im Rahmen der Transaktion erhalten sie keine Cash-Erlöse, sondern rollen 100 Prozent ihres Eigenkapitals in die kombinierte börsennotierte Gesellschaft.“ Dies unterstreiche, dass man nicht auf einen kurzfristigen Exit setze, sondern auf die weitere Wertentwicklung von VERAXA als öffentlichem Unternehmen.

Der Weg an die Börse erfolgte schließlich über eine Fusion mit der Special Purpose Acquisition Company (SPAC) Voyager Acquisition Corp. Dieses Vehikel erlaubt zwar einen zügigeren Börsengang, bringt jedoch oft eine erhöhte Volatilität in den ersten Handelsmonaten mit sich.

Vom Heidelberger Labor in die Welt

VERAXA veranschaulicht eindrucksvoll, wie europäische Grundlagenforschung in marktfähige BioTech-Plattformen übersetzt wird. Das Unternehmen, das in seiner heutigen Form 2021 durch die Fusion der beiden EMBL-Ausgründungen Velabs Therapeutics und Araxa Biosciences entstand, basiert auf wissenschaftlichen Durchbrüchen aus dem EMBL-Umfeld.

Christoph Antz, Ph.D., CEO und Co-Founder der VERAXA Biotech AG , erinnert sich an den Startschuss im Jahr 2021 und die technologischen Herausforderungen: „Beide Unternehmen, Velabs und Araxa, hatten einen klaren Fokus auf moderne Immuntherapien mit Hilfe von monoklonalen Antikörpern und den ADCs. Beide Firmen hatten überlappende und zum Teil synergistische Technologien entwickelt und beide hatten eine enge Verknüpfung zum EMBL, einem der renommiertesten Forschungsinstitute in Europa. Es war also in einiger Hinsicht ein ,no brainer‘, diese Einheiten zusammenzufügen, um kritische Masse zu erzeugen.“

Technologisch wie kulturell sei die Zusammenführung der Teams keine allzu große Herausforderung gewesen. Die medizinische Wissenschaft fungiere hier als hervorragender Ankerpunkt. „Unser Forschungsteam besteht aus Vollblutwissenschaftlern. Ich glaube, dass ist ein Grund, warum wir in unserem Team schon heute rund 15 verschiedene Nationalitäten erfolgreich vereinen. Man spricht dieselbe Sprache, sozusagen.“

Während das F&E-Herz weiterhin im deutschen Heidelberg schlägt, agiert das Unternehmen strukturell global. Den gesellschaftsrechtlichen Sitz in der Schweiz begründet Antz primär mit dem dortigen Netzwerk und Ökosystem: „Der Sitz der Holding in der Schweiz erlaubte uns, Investoren zu gewinnen, gerade innerhalb des Xlife-Sciences-Netzwerks. Die Schweiz hat ein sehr starkes Pharma- und Biotech-Ökosystem mit den Branchenriesen Roche und Novartis beispielsweise.“ Er schließt nicht aus, sich dort künftig noch stärker im Talentpool umzuschauen, und verweist zudem auf regulatorische Vorbilder: „Auch der Gang an die NASDAQ wurde vor uns schon von einigen erfolgreichen Schweizer Biotech-Unternehmen erfolgreich vollzogen. Es gibt also einige positive Aspekte, die für dieses Konstrukt sprachen.“ Die gesamten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten verbleiben dennoch in Heidelberg.

Technologie und Markt: Der Kampf gegen Krebszellen

Das Geschäftsmodell fokussiert sich auf die Entwicklung antikörperbasierter Krebstherapien der nächsten Generation, wobei bispezifische T-Zell-Engager (TCEs) und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) zu den Kernbereichen zählen. Im Zentrum steht die sogenannte BiTAC-Plattform, die Krebszellen anhand zweier Zielstrukturen präziser adressieren und gesundes Gewebe schonen soll. Doch wie will sich VERAXA gegen die Übermacht globaler Pharma-Riesen wie Roche oder AstraZeneca durchsetzen, die Milliarden in ähnliche onkologische Ansätze investieren?

Antz kontert selbstbewusst und benennt die Schwachstellen der aktuellen Medikamentengeneration: „Die derzeitige Generation moderner Krebsmedikamente insbesondere die Klasse der T-Zell-Engager und ADCs haben ein bekanntes Problem: Sie treffen zwar Tumorzellen haben aber auch in zu hohem Maße einen toxischen Effekt auf gesundes Gewebe.“ Die Folge seien schwere Nebenwirkungen, weshalb Ärzte die Medikamente nicht hoch genug dosieren können – ein Verlust an Sicherheit und Effektivität, in der Fachsprache ein enges therapeutisches Fenster genannt.

„Genau hier setzt BiTAC an. Unsere BiTAC Moleküle arbeiten mit einem dualen „AND gate“-Prinzip. Sie sind, stark vereinfacht gesagt, biologisch programmierbar. Ihre Krebszerstörende Wirkung wird nur ausgelöst, wenn zwei Zielstrukturen auf der gleichen Krebszelle erkannt werden.“ Zur Veranschaulichung zieht der Gründer einen griffigen Vergleich: „Ich vergleiche das gerne mit der 2-Faktor Authentifizierung, die nachweislich die Sicherheit von digitalen Systemen erhöht.“

Zudem funktioniere das System modular nach dem Lego-Prinzip: Aus wenigen Bausteinen können mehrere therapeutische Programme entstehen. „Diese Verbindung aus biologischer Selektivität, Skalierbarkeit und geschütztem Know-how macht den Kern unseres Wettbewerbsvorteils aus“, erklärt Antz.

Der Markt für Präzisionsonkologie ist heiß umkämpft

Etablierte Pharma-Riesen und US-Start-ups dominieren das Feld. Eine Bewertung von 1,3 Milliarden US-Dollar ist für ein Unternehmen, dessen Innovationen sich noch in sehr frühen Stadien befinden, äußerst ambitioniert. VERAXA steht nun in der Bringschuld, dem US-Markt zeitnah valide klinische Wirksamkeitsdaten zu liefern. Doch wie weit reicht der durch den Nasdaq-Deal gesicherte finanzielle Runway für diese absoluten Meilensteine?

Antz verspricht für die kommenden zwei bis drei Jahre eine klare Fokussierung, um möglichst viele Programme schnell in die klinische Entwicklung zu bringen und den Firmenwert zu steigern: „Damit rücken dann auch belastbare Sicherheitsdaten und erste klinische Wirksamkeitsnachweise in greifbare Nähe.“ Der SPAC-Merger und zwei begleitende Finanzierungen – eine erstrangig besicherte Finanzierung über 27,5 Millionen US-Dollar sowie eine Aktienkaufvereinbarung von bis zu 50 Millionen US-Dollar – stärken laut Antz die finanzielle Flexibilität deutlich. Auf die konkrete Nachfrage nach der exakten zeitlichen Reichweite des Geldes bleibt der CEO jedoch vage und vertröstet den Markt: „Konkreteren Ausblick auf unseren ,cash runway‘ werden wir dem Kapitalmarkt zentral mit unseren nächsten Finanzergebnissen kommunizieren.“

Drei Lektionen für Gründer*innen

Was bedeutet das für heimische Start-ups?

  • US-Kapitalmarkt als logische Konsequenz: Wenn der Kapitalbedarf für die Skalierung (z. B. teure klinische Studien) die Möglichkeiten europäischer VCs übersteigt, bleibt der Weg über den Atlantik oft alternativlos.
  • Struktur-Arbitrage nutzen: Die Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz in Heidelberg und einem gesellschaftsrechtlichen Sitz in der Schweiz zeigt, dass Start-ups heute supranational agieren müssen, um optimale Rahmenbedingungen für internationale Geldgeber zu schaffen.
  • Technologietransfer professionalisieren: Der Brückenschlag vom EMBL in die freie Wirtschaft beweist, dass Institute zunehmend lernen, aus Ausgründungen handfeste wirtschaftliche Werte zu formen.

Mit dem US-Geld verschiebt sich der Fokus zwangsläufig in Richtung des US-Gesundheitsmarktes und der dortigen Zulassungsbehörde FDA. Beeinflusst das die Strategie für das Design kommender Studien im Vergleich zur europäischen EMA? Antz sieht das differenziert und bricht eine Lanze für den europäischen Standort: „Das sehen wir differenziert. Werden wir in Zukunft mehr mit der FDA interagieren, und generell mehr in den USA präsent sein, um Netzwerke und Kooperationen diverser Art aufzubauen? Absolut! Der US-Markt ist immer noch der größte Markt für innovative Pharmazeutika. Nutzen wir dennoch die anerkannten Stärken des Standort Europas und Deutschlands für unsere Entwicklungen. Ganz klar! Deutschland hat beispielsweise mit dem Paul-Ehrlich-Institut eine regulatorische Behörde für die Bewertung für biomedizinische Arzneimittel, das sehr versiert ist, insbesondere bei der Bewertung von Immuntherapien wie unseren.“

Zudem böten deutsche Kliniken einen sehr hohen Standard bei der medizinischen Forschung und klinischen Entwicklung – insbesondere die Onkologischen Spitzenzentren (Comprehensive Cancer Center, kurz CCCs), von denen eines in unmittelbarer Nachbarschaft zu VERAXA in Heidelberg sitzt. „Wissenschaft und biotechnologische Forschung bedeutet heutzutage gleichermaßen globale Kooperation wie Wettbewerb. Wir haben da früh ein sehr globales Mindset“, so Antz.

Fazit: Warnsignal für Europa

Am Ende bleibt das Fazit janusköpfig: VERAXA ist ein Triumph für die hiesige Wissenschaft, markiert aber gleichzeitig ein Warnsignal, da die Wertschöpfung einmal mehr im Ausland kapitalisiert wird. Für ambitionierte Scale-ups bleibt die Nasdaq auf absehbare Zeit das Maß der Dinge.

Auf die Frage, was sich strukturell und politisch in Europa ändern müsste, damit DeepTech-Scale-ups in Zukunft wieder in Frankfurt statt in New York an die Börse gehen, weicht Chairman Oliver R. Baumann aus und lenkt den Blick pragmatisch zurück auf die harten Marktgegebenheiten: „Für VERAXA war der Zugang zum US-Kapitalmarkt ein entscheidender Schritt, weil die weitere Entwicklung hochinnovativer Onkologieplattformen erhebliche Kapitalressourcen, internationale Sichtbarkeit und ein Kapitalmarktumfeld erfordert, das mit klinischer Entwicklung, Plattformunternehmen und strategischen Partnerschaften vertraut ist.“ Mit der Nasdaq-Notierung erhalte VERAXA nun genau diese notwendige internationale Plattform. Für die Muttergesellschaft Xlife Sciences bleibe der Deal dennoch ein wichtiger Beleg dafür, „dass europäische Spitzenforschung in investierbare, global skalierbare Unternehmen übersetzt werden kann“.

Nukoko-Exit: Warum Mega-Deals den Food-Markt jetzt neu ordnen

Vor Kurzem hat Oyster Bay VC den Exit von Nukoko – einem Pionier für nachhaltige, kakaofreie Schokoladenalternativen aus europäischen Ackerbohnen – an den globalen Ingredient-Hersteller Döhler verkündet. Investor Philip Stark erklärt im Interview, wie Konzerne jetzt einkaufen und was Start-ups für den Exit mitbringen müssen.

Die Food- und AgTech-Branche erlebt die größte Portfolio-Neuordnung seit Jahren. Während Lebensmittelriesen wie Mars oder PepsiCo derzeit Milliardenbeträge umverteilen, bleibt für viele Start-ups die Tür für eine Übernahme fest verschlossen. Dass es in diesem hochselektiven Markt dennoch herausragende Erfolge gibt, beweist der Food- & Beverage-Investor Oyster Bay VC: Das Portfolio-Start-up Nukoko – ein Pionier für nachhaltige, kakaofreie Schokoladenalternativen aus europäischen Ackerbohnen – wird an den globalen Ingredient-Hersteller Döhler verkauft.

Wir nehmen diesen aktuellen Exit zum Anlass, um mit Philip Stark, Principal bei Oyster Bay VC, in die Tiefe zu gehen. Wir sprechen über die neuen Spielregeln im M&A-Markt, harte Umsatzhürden und die Frage, was Start-ups operativ leisten müssen, um heute überhaupt noch als strategisches Übernahmeziel zu taugen.

StartingUp: Herr Stark, was genau hat Nukoko strategisch oder technologisch so unverzichtbar gemacht, dass Döhler zuschlagen musste? Und wie verlief der M&A-Prozess im aktuellen Marktumfeld von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Signing?

Philip Stark: Nukoko hat sich an einem Punkt positioniert, der gleich mehrere strukturelle Marktprobleme auf einmal löst. Die extreme Preisvolatilität bei Kakao, getrieben durch Ernteausfälle und fragile globale Lieferketten, hat den Bedarf nach alternativen Ingredienzien dramatisch beschleunigt. Was Nukoko dabei von anderen Ansätzen unterscheidet, ist die geschmackliche Qualität: Die Schokoladenalternative auf Basis europäisch kultivierter Ackerbohnen überzeugt nicht nur auf dem Papier, sondern im direkten Vergleich mit konventioneller Schokolade. Das macht sie zu einer ernsthaften, skalierbaren Lösung, nicht nur zu einem Nischenprodukt für einen kleinen Käuferkreis.

Was den Prozess angeht: M&A-Transaktionen dieser Art verlaufen in der Regel über mehrere Monate, wobei ein erheblicher Teil der Zeit in die technologische Due Diligence und die Prüfung der Skalierungsfähigkeit fließt. Entscheidend war im Fall von Nukoko und Döhler, dass beide Parteien sich bereits kannten: Döhler hatte 2024 eine strategische Partnerschaft mit Nukoko gestartet, die die operative und kulturelle Kompatibilität beider Unternehmen unter realen Bedingungen unter Beweis gestellt hat. Das schafft Vertrauen und verkürzt im Zweifel auch die kritischen Phasen im Prozess.

StartingUp: Nukoko ist ein B2B-Target. Was heißt dieser Exit im Umkehrschluss für Start-ups, die klassische B2C-Konsumgütermarken aufbauen? Ist der Zug für lukrative Exits hier abgefahren oder kaufen Konzerne weiterhin Lifestyle-Brands für das Supermarktregal?

Philip Stark: Auf jeden Fall. Der strategische Zukauf von Konsumgütermarken bleibt ein zentrales Element der M&A-Agenda großer Food Corporates, man muss nur auf die jüngsten Deals schauen: PepsiCo hat 2025 Poppi übernommen, Danone hat im März 2026 Huel akquiriert, und Unilever hat sich erst im April 2026 die Supplementmarke grüns gesichert. Was sich verändert hat, ist weniger das Interesse als die Selektivität. Großen strategischen Käufern geht es nicht mehr darum, Markenwachstum um jeden Preis einzukaufen. Sie wollen Kategorien besetzen, die strukturellen Rückenwind haben, und das sind gerade vor allem gesundheitsorientierte Ernährungsprodukte, funktionale Getränke und praktische, alltagsnahe Ernährungslösungen. Wer in diesen Segmenten mit echtem Differenzierungspotenzial unterwegs ist, ist für Strategen also nach wie vor hochattraktiv.

StartingUp: Brechen wir das aktuelle globale M&A-Volumen von rund 120 Milliarden US-Dollar auf den Alltag herunter: Ab welcher Umsatzgröße oder welchem Reifegrad wird ein deutsches Food-Start-up für Strategen heute überhaupt auf dem Radar sichtbar?

Philip Stark: Das lässt sich nicht auf eine einzige Zahl reduzieren, letztlich entscheidet immer die Kombination aus Käuferappetit und strategischer Relevanz der jeweiligen Kategorie. Frühe Exits sind im Food-Bereich durchaus ab einstelligen Millionen-Umsätzen möglich, wenn ein Start-up einen schwer zu replizierenden Zugang zu einem wachstumsstarken Vertriebskanal besitzt oder in einer Kategorie agiert, die ein Corporate nicht organisch aufbauen kann oder will. Als Faustregel gilt jedoch: Für globale Strategen wird ein deutsches Food-Start-up ab einem Jahresumsatz von 30 bis 50 Millionen Euro wirklich relevant. Typischerweise hat ein Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits eine Series B Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen und kann damit nachweisbare Marktvalidierung und Skalierungsfähigkeit vorweisen.

StartingUp: Lebensmittelkonzerne ordnen ihre Portfolios derzeit rigoros neu. Welche harten Metriken legen diese Big Player heute an ein Start-up an? Reicht ein exzellentes Produkt mit starkem Branding noch aus?

Philip Stark: Starke Marken und überzeugende Produkte bleiben eine Grundvoraussetzung, daran hat sich nichts geändert. Was sich aber verändert, ist die Erwartungshaltung dahinter: Strategische Käufer wollen heute neben der Markenqualität auch ein klar nachgewiesenes Wachstumspotenzial, messbare Velocity, also die Umschlaghäufigkeit der Produkte im Verkauf in den relevanten Kanälen, sowie gesunde Unit Economics sehen. Exzellentes Branding allein genügt nicht mehr als Argument. Bei frühen, technologiegetriebenen Targets wie Nukoko steht zusätzlich die Machbarkeit im Mittelpunkt: Kann das Unternehmen sein Produkt in hoher Qualität, effizient und zu wettbewerbsfähigen Kosten in relevanten Mengen produzieren? Diese operative Belastbarkeit ist heute ein eigenes Bewertungskriterium und wird in der Due Diligence entsprechend tief geprüft.

StartingUp: Auf den Punkt gebracht: Welche technologischen Nischen und Kategorien werden in den kommenden Jahren zu den Gewinner*innen der Lebensmittelindustrie zählen – und wovon sollten Gründer*innen besser die Finger lassen?

Philip Stark: Als Venture Capitalisten investieren wir dort, wo große Märkte auf echtes Skalierungspotenzial treffen. Besonders spannend finden wir derzeit den Alternative-Ingredients-Bereich, etwa Substitute für Kaffee oder Zucker, die sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich überzeugen. Ebenso interessant ist für uns die Robotik und Automatisierung entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette: von Ernterobotern im Gewächshaus bis hin zu vollautonomen Küchenrobotern für die Gastronomie. Und mit Blick auf die zunehmenden klimatischen Verwerfungen gewinnt auch das Thema klimaresiliente Kulturen und Anbaumethoden massiv an strategischer Bedeutung. Wer die Lebensmittelproduktion von morgen absichern will, kommt an diesem Thema nicht vorbei. Zurückhaltend sind wir dagegen bei Consumer-Produkten, die in einem dichten Wettbewerb um kleine Zielgruppen kämpfen und keine klaren Differenzierungsmerkmale vorweisen können.

StartingUp: Nach den Boom-Jahren bis 2021: Wie hat sich die Bewertungspraxis bei M&A-Deals mittlerweile normalisiert? Müssen Gründer*innen beim Exit heute deutlich schmerzhaftere Abstriche machen?

Philip Stark: Ja, die Normalisierung ist real, aber sie trifft nicht alle gleich. Die Multiples sind teilweise deutlich gesunken, und strategische Käufer schauen heute wesentlich genauer auf echte Profitabilität als auf reines Wachstum. Die Zeiten, in denen astronomische Umsatzmultiples durch reine Wachstumsfantasie gerechtfertigt wurden, sind vorbei. Das klingt hart, ist aber auch eine Chance. Wer sein Unternehmen diszipliniert und kapitaleffizient aufgebaut hat, trifft in einem Käufermarkt auf eine deutlich geringere Anzahl vergleichbar gut gebauter Assets. Gute Unternehmen sind nach diesem Maßstab seltener geworden als in den Boomjahren, und das spiegelt sich in den Konditionen wider. Wer hier starke substanz vorweist, kann auch heute noch einen Premiumaufschlag erzielen.

StartingUp: Was ist Ihr wichtigster Rat, um ein Food-Start-up konsequent „Exit-ready“ aufzustellen – und welchen strategischen Fehler gilt es zwingend zu vermeiden?

Philip Stark: Der wichtigste Rat ist gleichzeitig der einfachste: klarer Fokus. Auf Produkte, Märkte, und Prioritäten. Viele Gründer verlieren sich in der Breite, bevor sie in einer Kategorie wirklich gewonnen haben. Dazu kommt die Notwendigkeit eines gesunden Margenprofils. Denn wer langfristig attraktiv für strategische Käufer sein will, muss zeigen, dass sein Geschäftsmodell profitabel skaliert und nicht dauerhaft auf frisches Kapital angewiesen ist, um zu funktionieren. Und: Wer seine eigenen Kennzahlen nicht tief genug versteht, verliert in jedem ernsthaften M&A-Prozess an Glaubwürdigkeit. Ein oftmals beobachteter Fehler, von dem wir klar abraten würden, ist es, strategische Käufer zu früh als Investoren an Bord zu holen. Das mag kurzfristig attraktiv wirken, schreckt aber andere potenzielle Kaufinteressenten ab und verengt den Kreis möglicher Übernahmekandidaten genau dann, wenn man ihn so breit wie möglich halten sollte.

StartingUp: Danke, Philip Stark, für die spannenden Insights.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung

Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.

VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.

Plattform trifft auf traditionelles Handwerk

Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.

Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.

Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung

Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.

Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.

Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.