Die perfekte Software zur Ressourcenplanung – die Geheimwaffe erfolgreicher Start-ups?


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Hier findest du wertvolle Tipps zur Auswahl und Anpassung der richtigen Software zur effizienten Ressourcenplanung.

Die Gründung eines Unternehmens ist immer ein Wagnis. Die Märkte sind dynamischer denn je und der Erfolg ist kaum vorhersehbar. Eine detaillierte Planung, die klare Strategie und die Werkzeuge, um genau das bewerkstelligen zu können, werden immer wichtiger. Besonders bei der Ressourcenplanung dürfen sich junge Unternehmen keine Fehler erlauben. Eine maßgeschneiderte Software, die Gründern fehlerfrei unter die Arme greift, wird so schnell zu einem Katalysator für Wachstum und die maximale Effizienz.

Start-ups müssen bereits vor ihrer Gründung die einzigartigen Herausforderungen verstehen, die auf sie in der nahen Zukunft zukommen. Von Beginn an muss eine Software gewählt werden, die sämtliche Bedürfnisse erfüllt und zugleich möglichst viele Eigenschaften in sich vereint. Natürlich ist es in diesem Punkt zudem wichtig, eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen. Eine gute Software als Grundgerüst für die Ressourcenplanung muss skalierbar sein und genau das bieten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt wird. Die Softwarelösung muss also gemeinsam mit dem Unternehmen wachsen und gedeihen.

Die Auswahl und Anpassung der richtigen Software

Was braucht es überhaupt, um das eigene Ressourcenmanagement auf das nächste Level zu befördern? Nun, die Kernfunktionen sollten neben dem Projektmanagement auf jeden Fall die Zeitplanung und eine detaillierte Fortschrittsverfolgung umfassen. So ist es möglich, mittels einer spezifischen Software möglichst viele Vorteile zu vereinen. Nicht nur die Effizienz steigert sich, auch die Kommunikation innerhalb der Teams eines Start-ups verbessert sich deutlich.

Damit das ERP für Startup für gewünschten Veränderungen schnell herbeiführt, ist es wichtig, die Implementierung der neuen Software richtig anzugehen. Das bedeutet, dass sämtliche Mitarbeiter, die ein Tool nutzen, im Detail geschult werden. Nur, wenn der Wissensstand bezüglich der Anwendung in den Teams ähnlich ist, zeigen sich die gewünschten Veränderungen in kurzer Zeit. Es lohnt sich also für Start-ups, wenn sie sich von Beginn an nach Lösungen umsehen, die sowohl die Skalierung, die Implementierung und das Training umfassen. Der Einstieg in eine neue Software oder ein neues Tool muss so einfach und schnell wie möglich erfolgen, denn nur so ist es möglich, sich auf die wichtigen Kernkompetenzen in der Frühphase der eigenen Unternehmensgeschichte zu fokussieren.

Das volle Potenzial ausschöpfen

Zu Beginn der unternehmerischen Laufbahn muss das Potenzial vollends ausgeschöpft werden. Das geht nur, wenn möglichst verantwortungsvoll mit allen Ressourcen umgegangen wird. Das betrifft sowohl die Mitarbeiter und das Know-how als auch tatsächliche Ressourcen, die eine Grundlage darstellen, um sich auf dem Markt behaupten zu können.

Da die Zeit in der Frühphase ein wichtiger Faktor ist, lohnt es sich, wenn sich für die Zusammenarbeit mit einem Software-Unternehmen entschieden wird, das Lösungen aus einer Hand bietet. Die beste Software ist nur dann hilfreich, wenn sie im Detail auf das Start-up zugeschnitten ist. Die Software muss die Arbeit erleichtern und sie muss für den notwendigen Überblick sorgen. Ist das nicht möglich, so stellt sie womöglich sogar ein unnützes Hindernis dar.

Die effektive Software zur Ressourcenplanung ist, zusammengefasst gesagt, für Start-ups von unschätzbarem Wert. Mit ihr ist es möglich, die Verwaltung zu vereinfachen, die Produktivität zu steigern und alles das trägt von Anfang an dazu bei, erfolgreicher zu sein. Und der Erfolg, genau das ist es, woran sich Start-ups und neu gegründete Unternehmen letztlich messen lassen müssen.

Im Labor erdacht, am Markt erstickt? Die Wahrheit über Deutschlands akademische Start-ups

Ein Fünftel aller Gründungen in Deutschland stammt aus dem Hochschulumfeld. Der neue Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2025/26 feiert eine seltene Erfolgsgeschichte der Geschlechtergerechtigkeit. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein System, das stark am Tropf des Staates hängt und bei der Umsetzung stockt. Eine kritische Einordnung.

Die Zahlen klingen im ersten Moment wie Balsam auf die Seele des oft kritisierten Wirtschaftsstandorts Deutschland. Laut dem jüngst veröffentlichten Global Entrepreneurship Monitor (GEM) Länderbericht 2025/26 weist rund ein Fünftel aller Gründungen hierzulande einen akademischen Hintergrund auf. Hochschulen und Forschungseinrichtungen erweisen sich damit als essenzielle Keimzellen für Innovationen.

Ein seltener Sieg für die Diversität

Der wohl erfreulichste Befund der Studie: Der sonst so eklatante Gendergap der Start-up-Szene schmilzt im wissenschaftlichen Umfeld auf ein Minimum zusammen. Während in anderen Branchen Gründerinnen oft marginalisiert sind, ist das Verhältnis bei den akademischen Ausgründungen nahezu ausgeglichen: 2,9 Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen in der Gesamtbevölkerung waren in den vergangenen dreieinhalb Jahren in diesem Bereich aktiv. Ein Unterschied von marginalen 0,6 Prozentpunkten.

Mehr noch: Die akademischen Gründerinnen zeigen einen beeindruckenden Vorwärtsdrang. Drei Viertel von ihnen (75 Prozent) planen in den nächsten zwei Jahren Patentanmeldungen – deutlich mehr als ihre männlichen Pendants (60 Prozent). Sie nutzen Gründungsberatungen intensiver (93,5 Prozent gegenüber 66,7 Prozent bei Männern) und schöpfen staatliche Förderprogramme konsequenter aus (51,6 Prozent gegenüber 40 Prozent). Diese Professionalisierung auf weiblicher Seite ist ein starkes Signal und beweist, dass gezielte Unterstützung an den Lehrstühlen wirkt.

GEM 2025/26 in Zahlen:

  • 21 Prozent der Gründer und 23 Prozent der Gründerinnen haben einen akademischen Hintergrund.
  • 64,9 Prozent der akademischen Vorhaben stecken noch in der Vorbereitungsphase.
  • Mehr als 75 Prozent betrachten staatliche Förderprogramme als entscheidend für ihre Gründung.

Die Illusion der Vorbereitungsphase

Wer jedoch die Sektkorken über das enorme „Gründungspotenzial“ an Hochschulen knallen lässt, sollte die Methodik des GEM kritisch hinterfragen. Ein zentraler Schwachpunkt der gefeierten Statistik: Knapp zwei Drittel (64,9 Prozent) der erfassten akademischen „Gründungen“ befinden sich noch in der sogenannten Vorbereitungsphase. Lediglich gut ein Drittel (35 Prozent) hat den Sprung in die tatsächliche Unternehmensexistenz bereits vollzogen.

Hier zeigt sich die klassische Lücke zwischen akademischer Absichtserklärung und marktwirtschaftlicher Realität. Der GEM misst über Befragungen in erster Linie Gründungsintentionen. Wie viele dieser Vorhaben am Ende nicht über den Status eines interessanten Forschungsprojekts hinauskommen, weil Anschlussfinanzierungen fehlen oder das Geschäftsmodell dem Praxistest nicht standhält, bleibt unbeleuchtet. Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der tatsächlichen Skalierung weiterhin hinterher – oft blockiert die Angst vor dem Scheitern den letzten mutigen Schritt.

Am Tropf des Staates

Dies führt zum wohl kritischsten Befund der Studie: der massiven Abhängigkeit von staatlichen Geldern. Mehr als drei Viertel der befragten Ausgründerinnen und Ausgründer bezeichnen staatliche Förderprogramme – wie etwa das exist-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) – als „entscheidend“. Das spricht einerseits für die Qualität und Notwendigkeit solcher Initiativen. Andererseits offenbart es ein strukturelles Defizit des deutschen Risikokapitalmarktes.

Wenn über 75 Prozent der hochgradig innovativen, patentgetriebenen Start-ups ohne staatliches Geld nicht gründen würden, stellt sich die Frage: Warum greift privates Kapital im Early-Stage-Bereich nicht stärker? Die Gefahr einer Subventionsökonomie, in der Start-ups primär darauf optimiert werden, den nächsten Fördertopf zu knacken, anstatt auf echte Marktreife und Kundenakquise, darf bei diesen Zahlen nicht ausgeblendet werden.

Fazit: Vom Labor auf den Markt

Der GEM-Länderbericht Deutschland 2025/26 – erstellt vom RKW Kompetenzzentrum und dem Thünen-Institut – liefert eine überaus ermutigende Erkenntnis: Beim Abbau des Gendergaps funktioniert das universitäre Ökosystem hervorragend. Akademische Gründungen sind als tragende Säule des Innovationssystems nicht wegzudenken.

Doch die Studie ist zugleich ein Appell. Damit akademische Vorhaben nicht in endlosen Vorbereitungsphasen verharren, bedarf es dringend der geforderten Reduktion administrativer Hürden und schneller Transferprozesse. Für die Start-up-Szene bedeutet das: Das Inkubator-Umfeld Hochschule leistet glänzende Vorarbeit. Doch damit aus einer Uni-Idee ein marktfähiges Unternehmen wird, muss privates Kapital mutiger werden – und die Gründer*innen müssen lernen, sich vom rettenden Tropf des Staates rechtzeitig abzunabeln.

Zwischen Hype und Haltung: Kann Joony’s mit Caro Daur die Lücke im Getränkeregal schließen?

Ein neues Hamburger Start-up will mit Natural Soda den deutschen Getränkemarkt aufmischen. Prominente Unterstützung kommt von der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur. Doch reicht ein cleveres Buzzword und Influencer-Reichweite, um im hart umkämpften FMCG-Segment zu bestehen? Eine kritische Einordnung.

Das im Juni 2026 in Hamburg gegründete Start-up Joony’s tritt an, um den deutschen Getränkemarkt mit einer völlig neuen Kategorie namens Natural Soda zu erobern. Hinter der Marke stehen die beiden Gründer Josa Rödiger, ehemaliger Director of Sales DACH bei LemonAid & ChariTea sowie Ex-Vertriebsleiter bei Krombacher, und der Serial-Founder Bijan Mashagh, der zuvor unter anderem das Matratzen-Start-up Snooze Project verantwortete. Mit der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur, die nicht nur als Investorin, sondern auch als strategische Markenpartnerin einsteigt, hat sich das Duo zudem prominente Verstärkung an Bord geholt.

Ihr gemeinsames Produkt ist eine Kombination aus prickelndem Wasser und 15 bis 20 Prozent echtem Fruchtsaft, die mit maximal 2 Gramm zelleigenem Zucker pro 100 Milliliter und nur 9 Kilokalorien auskommt. Dabei verzichtet Joony's konsequent auf Zuckerzusätze und künstliche Süßstoffe. Diese Ausrichtung zeigt bereits früh erste Erfolge: Kurz nach dem Launch ist das Getränk an über 2.000 Point-of-Sale-Stellen, darunter EDEKA, Wolt-Market und in der Gastronomie, verfügbar.

Doch der deutsche Getränkemarkt bleibt ein Haifischbecken. Zwischen etablierten Konzernen und hippen Indie-Brands scheint kaum noch Platz für echte Innovationen. Dass Joony's dabei nicht leise auf den Markt schleicht, zeigt das aktuelle Investment. Caro Daur unterstützt das Team ab sofort aktiv beim Markenaufbau und im Vertrieb. Ein beachtlicher Start – doch hält das Geschäftsmodell einer tieferen Überprüfung stand?

Das Gründer-Gespann: Symbiose aus Vertrieb und E-Commerce

Dass Joony's keine lange Anlaufzeit benötigt, liegt nicht zuletzt an der Erfahrung der Gründer, was die schnelle Verfügbarkeit in der Fläche erklärt. Josa Rödiger bringt ein tiefgreifendes Netzwerk im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und der Gastronomie mit. Sein Mitgründer Bijan Mashagh steuert hingegen die heute unverzichtbare Expertise im E-Commerce bei.

Diese Kombination ist erfolgskritisch: Der Getränkemarkt erfordert in der Skalierungsphase eine massive Präsenz im stationären Handel, während der Markenaufbau maßgeblich über digitale Kanäle funktioniert. Mit Caro Daur haben sich Rödiger und Mashagh eine Partnerin gesichert, die eine enorme digitale Community mitbringt und den Anspruch der Brand unterstreicht. Die Ambition dahinter fasst Bijan Mashagh deutlich zusammen: „Caro investiert nicht in ein Getränk. Sie investiert in eine neue Kategorie. Natural Soda steht für eine Generation von Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst leben möchte, ohne ständig verzichten zu müssen.“

Die Marktthese: Zuckersteuer und bewusster Konsum

Die These des Start-ups ist inhaltlich absolut nachvollziehbar: Verbraucherinnen und Verbraucher fordern zunehmend Getränke, die weniger Zucker enthalten, aber keine künstlichen Zusatz- oder Süßstoffe aufweisen. Die aufkeimende politische Debatte um Maßnahmen zur Reduktion des Zuckerkonsums – bis hin zu einer möglichen Zuckersteuer – beschleunigt diesen Trend spürbar. Die Industrie sucht händeringend nach Alternativen zur klassischen Limonade und zu langweiligem Mineralwasser.

Genau auf diese Lücke im Alltag zielt das Produkt ab. Mitgründer Josa Rödiger ordnet diese Entwicklung so ein: „Natural Sodas treffen den Zeitgeist, weil sie den alltäglichen Konsum mit echtem Mehrwert verbinden. Menschen kaufen heute nicht mehr einfach Getränke – sie kaufen Routinen, Wohlbefinden und bewusstere Entscheidungen.“

Ein Bedürfnis, das auch Investorin Caro Daur aus persönlicher Erfahrung bestätigt und das ihren Einstieg motivierte: „Ich achte darauf, was ich konsumiere, möchte dabei aber auch nicht komplett den Spaß verlieren. Man möchte etwas Leckeres, Erfrischendes und Prickelndes, nur eben ohne direkt eine Zuckerbombe zu trinken oder auf künstliche Süßstoffe auszuweichen. Genau das schafft Joony's.“

Hier greift die Marke mit vier Sorten (Zitrone, Grapefruit, Maracuja, Pfirsich) an und bedient mit ihren Nährwerten den vom Unternehmen definierten "Natural Sweet Spot". Der strikte Verzicht auf künstliche Süßstoffe passt zudem perfekt in den Zeitgeist der stark nachgefragten "Clean Label"-Produkte.

Kritisch hinterfragt: Innovation oder Marketing-Spin?

Doch wie innovativ ist Natural Soda wirklich? Kritisch betrachtet handelt es sich rein physisch um eine hochwertige Fruchtsaftschorle mit relativ geringem Saftanteil oder ein intensiviertes Near Water. Der Begriff Natural Soda ist in erster Linie ein geschickter Marketing-Spin, der das Produkt internationaler und moderner klingen lässt, um sich eine eigene Nische zwischen Wasser und Limonade zu bauen.

Das Geschäftsmodell im Premium-Segment bringt zudem tiefgreifende Herausforderungen mit sich. Der Einsatz von echtem Fruchtsaft treibt die Produktionskosten unweigerlich in die Höhe. Um im Lebensmitteleinzelhandel wettbewerbsfähig zu bleiben, darf der Endkundenpreis jedoch nicht zu sehr ausreißen, was die Margen drückt. Hinzu kommen logistische Hürden: Der Transport von wasserbasierten Ready-to-Drink-Getränken in Dosen ist aufwendig. Im Gegensatz zu Systemen wie Air Up oder Waterdrop, die lediglich den Geschmack ohne das Wasser verschicken, muss Joony's klassische, ressourcenintensive Logistikketten bewältigen. Zudem bleibt der Kampf um die Regalfläche in den Supermärkten selbst nach einem starken Start ein brutales Geschäft.

Das Wettbewerbsumfeld

Wer eine neue Kategorie ausruft, muss sich zwangsläufig mit diversen Playern messen. Auf der einen Seite stehen die etablierten Konzerne wie Coca-Cola mit Vio, Krombacher mit seiner Fassbrause oder Danone mit Volvic Touch, die das Near-Water-Segment durch ihre immense Vertriebsmacht dominieren. Auf der anderen Seite besetzen Social-Brands wie Lemonaid oder Fritz-Kola erfolgreich die Nische für erwachsene, hochwertige Limonaden, weisen dabei im direkten Vergleich jedoch oft höhere Zuckeranteile auf.

Auch sogenannte Wasser-Disruptoren wie Waterdrop und Air Up greifen den aktuellen Trend zu Getränken ohne Zucker aktiv an, operieren allerdings mit völlig anderen Geschäftsmodellen abseits des klassischen Marktes für Fertiggetränke. Nicht zuletzt ist der Markt förmlich überschwemmt von Creator-Brands wie Dirtea, BraTee oder Vitavate. In diesem dichten Umfeld muss Joony's beweisen, dass es das Potenzial zur nachhaltig etablierten Marke besitzt und nicht als kurzlebiger Hype-Artikel endet.

Unsere Einordnung

Joony's macht vieles richtig: Ein exzellent aufgestelltes Gründerteam trifft punktgenau auf den Megatrend der Zuckerreduktion. Die Positionierung von Caro Daur als Investorin und strategische Partnerin statt als bloßes Testimonial ist dabei ein kluger Schachzug, um Seriosität und Langfristigkeit zu signalisieren.

Das Start-up hat zweifellos das Potenzial, sich im Premium-Segment des Getränkemarkts festzusetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe wird jedoch die Wiederkaufrate sein, wenn der erste Launch-Hype abflacht. Wenn die Konsument*innen den geschmacklichen Mittelweg zwischen klassischer Limo und Wasser tatsächlich dauerhaft in ihre Alltagsroutine integrieren, könnte die Wette auf die Kategorie Natural Soda aufgehen. Andernfalls droht Joony's das Schicksal vieler hipper Getränke: Ein kurzes Aufschäumen, bevor die Kohlensäure entweicht.

B2B-EdTech-Start-up-Report

Der biologische Imperativ des Lernens: Wie NeuroTech und B2B-EdTech die Wissensökonomie verschmelzen und welche Start-ups hierzulande tonangebend sind.

Die Ära der passiven Web-Seminare ist endgültig vorbei. Die moderne Wissensökonomie hat eine harte Lektion gelernt: Man kann keine erschöpfte Belegschaft upskillen. Schlafmangel und kognitive Überlastung kosten die globale Wirtschaft jährlich hunderte Milliarden Euro an verlorener Produktivität und Innovationskraft. Genau an dieser Schnittstelle von Biologie und Weiterbildung entfaltet sich ein spannender High-Tech-Wachstumsmarkt unserer Zeit. Lifelong Learning im B2B-Sektor ist nicht mehr nur eine Frage von Content-Management-Systemen, sondern von kognitiver Leistungsfähigkeit. Smarte Textilien, Neuro-Tracker und digitale Schlaf-Coaches transformieren ein biologisches Grundbedürfnis in die Basis erfolgreicher Unternehmensweiterbildung. Für Gründer*innen bedeutet dies eine historische Chance: Wer heute EdTech baut, entwickelt keine reinen Lernplattformen mehr, sondern holistische Systeme für Human Performance. Dieser Report beleuchtet, wie der deutsche Markt diese Fusion aus Neuro-Enhancement und B2B-Learning meistert.

Die Marktlage

Der europäische EdTech-Markt hat die Post-Pandemie-Katerstimmung hinter sich gelassen und präsentiert sich 2026 stark konsolidiert und hochprofitabel. Laut aktuellen Bitkom-Erhebungen fließen mittlerweile rund 40 Prozent der dedizierten HR-Software-Budgets im Mittelstand in datengetriebene Weiterbildungs- und Performance-Tools. Haupttreiber dieser Entwicklung ist die generative künstliche Intelligenz, die nicht nur Lerninhalte in Echtzeit hyperpersonalisiert, sondern sich nahtlos mit biometrischen Daten synchronisiert. Relevante Erhebungen, wie das KfW-Mittelstandspanel, bestätigen die schiere Marktgröße und beziffern die jährlichen Weiterbildungsinvestitionen allein im deutschen Mittelstand auf einen starken zweistelligen Milliardenbetrag. Die Investitionssummen spiegeln diese Reife wider: Während Seed-Runden im Schnitt bei konservativen zwei bis drei Millionen Euro liegen, sehen wir in Series-A- und Series-B-Finanzierungen für skalierbare B2B-SaaS-Modelle wieder realistische, aber gesunde Tickets zwischen 15 und 30 Millionen Euro – weit entfernt von den überhitzten Bewertungen der frühen Zwanzigerjahre, aber getragen von soliden Umsätzen.

Die neuen Treiber

Wer den Markt heute dominieren will, muss über das Offensichtliche hinausblicken. Drei spezifische Sub-Sektoren treiben das Wachstum rasant voran. An erster Stelle steht das sogenannte Neuro-Adaptive Learning. Hierbei wird die Erholungsökonomie direkt in den Lernprozess integriert. Ermüdungserscheinungen werden durch Wearables gemessen, woraufhin die KI-gestützte Lernplattform automatisch das Tempo drosselt oder Mikrolern-Einheiten anbietet. Vorreiter wie die etablierten Corporate-Coaching-Plattformen integrieren längst digitale Schlaf-Coaches in ihre Suiten, da die Neurowissenschaft beweist, dass Tiefschlafphasen für die Gedächtniskonsolidierung essenziell sind.

Der zweite Treiber ist Immersive Skill-Routing via Spatial Computing. AR- und VR-Headsets werden für hochkomplexe Maschinenschulungen und Hochrisiko-Trainings (wie Medizintechnik oder Flugzeugwartung) genutzt. In den Acceleratoren der TUM und des Cyber Valleys entstehen derzeit erste Stealth-Spin-offs, die Spatial Computing direkt mit Echtzeit-EEG-Wearables koppeln, um kognitive Überlastung im Training live zu messen und zu korrigieren.

Der dritte Sektor umfasst Verified Credentialing mittels Blockchain-Technologie, wodurch lebenslange Lernfortschritte fälschungssicher an Personalabteilungen übermittelt werden. Pioniere wie CoachHub haben den Weg geebnet, doch die neuen Treiber gehen tief in die biometrische und technologische Infrastruktur der Unternehmen über.

Reality Check: Gescheiterte Hoffnungen & Lektionen

Doch der Weg in diese profitable Gegenwart war gepflastert mit schmerzhaften Marktkorrekturen. Ein prominentes Beispiel für gescheiterte Hoffnungen war die Insolvenz des Berliner B2B-Coaching-Start-ups Sharpist im Frühjahr 2024, bevor es in Teilen gerettet werden konnte. Trotz massiver Finanzierungsrunden in der Pandemie brach das Modell unter seiner eigenen Kostenstruktur zusammen. Dieser Crash liefert heutigen EdTech-Gründer*innen vier fatale Fallstricke, die es zwingend zu vermeiden gilt.

  • Der erste Fallstrick ist die chronische Abhängigkeit von VC-Kapital bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Unit Economics; unprofitables Wachstum wird 2026 vom Markt brutal abgestraft.
  • Zweitens unterschätzen Gründer*innen noch immer die B2B-Sales-Zyklen. Enterprise-Kunden brauchen oft sechs bis zwölf Monate bis zur Vertragsunterschrift, was eine immense Kapitaldecke erfordert.
  • Der dritte Fallstrick ist die mangelnde Beweisführung des ROI. Eine Plattform, die HR-Abteilungen nicht messbar nachweisen kann, dass die Mitarbeitenden durch das Tool produktiver werden oder Kosten sparen, wird in Krisenzeiten sofort gekündigt.
  • Viertens scheitern viele an der Regulatorik: Wer heute Gesundheitsdaten (wie Schlaf-Tracking) mit Personalentwicklung kreuzt, rennt ohne lückenlose DSGVO-Compliance und Betriebsrats-Zustimmung ungebremst gegen eine juristische Wand.

Das deutsche Netzwerk (Hotspots)

Die deutsche EdTech- und Neuro-Tech-Landschaft hat sich auf wenige, dafür aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. München führt das Feld unangefochten an, gestützt durch die Technische Universität München (TUM) und die UnternehmerTUM, die europaweit führend in den Bereichen B2B-SaaS und DeepTech ist; hier entsteht die Hardware für Wearables und komplexe KI-Architekturen. Berlin bleibt das kommerzielle Epizentrum für Skalierung und Sales. Die Dichte an internationalen VCs und die Präsenz der ESMT Berlin befeuern hier vor allem Plattform-Modelle. Ein oft unterschätzter, aber hochrelevanter Hub ist das Cluster Stuttgart/Tübingen. Durch das hier ansässige Cyber Valley – Europas größtes KI-Forschungskonsortium – und exzellente Institute für Kognitionswissenschaften kommen von hier die tiefgreifendsten Algorithmen zur Lernanalyse. Schließlich hat sich die Region Köln/Bonn als unverzichtbarer Knotenpunkt für Corporate Learning etabliert, was nicht zuletzt an der historischen Präsenz großer Telekommunikations- und Medienkonzerne liegt, die als Early Adopter und Co-Innovatoren für Start-ups fungieren.

Investor*innen-Radar

Das Kapitalökosystem für Lifelong Learning hat sich stark professionalisiert und agiert in vier klaren Clustern. Bei den spezialisierten VCs geben europäische Fonds wie Emerge Education und Brighteye Ventures den Ton an; sie verstehen die pädagogischen Nuancen und regulatorischen Hürden wie kein anderer. Im Bereich der Top-Tier Generalisten sind es Schwergewichte wie HV Capital, Cherry Ventures und Point Nine Capital, die vor allem dann investieren, wenn das EdTech-Modell astreine B2B-SaaS-Metriken aufweist und Skalierbarkeit verspricht. Corporate VCs aus der Industrie, allen voran Bertelsmann Next und Holtzbrinck Digital, sichern sich durch strategische Investments frühzeitig die Technologien, die ihr eigenes Verlags- und Bildungsgeschäft digitalisieren. Der wahre Motor der Innovation liegt jedoch in der Frühphase bei erfahrenen Business Angels. Prominente Köpfe wie Verena Pausder treiben die Branche seit Jahren voran, flankiert von starken Angel-Syndikaten wie encourageventures, die gezielt diverses Gründen im Bildungsbereich fördern und Start-ups den entscheidenden ersten Runway sichern.

Die Top Start-ups (Must-Watch)

Die Auswahl der folgenden Top Start-ups erfolgte durch unsere Redaktion auf Basis eines strengen Kriterienkatalogs. Wir bewerteten die aktuelle Marktrelevanz, den technologischen Reifegrad des Produkts, die nachgewiesene Traktion bei B2B-Kunden sowie das Vertrauen namhafter Investoren. Um die Innovationskraft der jüngsten Generation in den Fokus zu rücken, berücksichtigt diese Liste ausschließlich Start-ups mit Hauptsitz in Deutschland und einem Gründungsjahr ab 2020 (bzw. dem unmittelbaren Aufbruch der aktuellen Welle Ende 2019). Die Auswahl reicht von etablierten Kategorie-Führer*innen bis hin zu aufstrebenden Newcomer*innen, die die Grenzen des klassischen E-Learnings sprengen und DeepTech, HR-Tech sowie kognitive Optimierung miteinander vereinen.

Tomorrow University of Applied Sciences

Im Jahr 2020 von Christian Rebernik und Dr. Thomas Funke gegründet, hat sich dieses Start-up zur führenden B2B- und B2C-Plattform für akademisches Upskilling entwickelt. Das Geschäftsmodell ist eine vollwertige, remote-first Universität (SaaS- und Studiengebühren-Modell), deren USP in der challenge-basierten Lernmethodik und einer hochentwickelten App-Architektur liegt, die starre Vorlesungen obsolet macht. Zu den Lead-Investoren der letzten Runden zählen Emerge Education und EduCapital.

DeepSkill

Miriam Mertens und Peter Goeke gründeten DeepSkill im Jahr 2020, um die Soft-Skill-Lücke in Unternehmen zu schließen. Das B2B-SaaS-Modell fungiert als digitale Plattform für ganzheitliche und emotionale Mitarbeiterentwicklung, die datengetriebenes Coaching mit klassischen Lernpfaden verbindet. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und diverse Business Angels unterstützen diese Mission, die Menschlichkeit durch Technologie skalierbar zu machen.

Aivy

Ebenfalls 2020 von Florian Dyballa und seinem Team ins Leben gerufen, transformiert Aivy die Art und Weise, wie Potenziale erkannt werden. Das B2B-Geschäftsmodell basiert auf game-basierten Assessments, die psychometrische Daten auswerten, um Mitarbeitern präzise, bias-freie Lern- und Karrierepfade aufzuzeigen. Zu den frühen Geldgebern gehören renommierte HR-Experten und Business Angels wie Matthias Helfrich und Andreas Schmitz (ehem. Personalvorstand Roche), die die tiefe wissenschaftliche Fundierung des USPs schätzen.

Zavvy

Mehmet Yilmaz und Joshua Cornelius (die zuvor bereits Freeletics aufbauten) gründeten Zavvy 2021 als ganzheitliche B2B-SaaS-Lösung für Employee Enablement. Der USP liegt in der nahtlosen Integration von Onboarding, Micro-Learning und Performance-Tracking direkt in Kommunikations-Tools wie Slack und Teams, wodurch Lernen in den täglichen Workflow integriert wird. Der europäische Top-VC La Famiglia führte die Seed-Runde an, begleitet von Picus Capital und Emerge Education, bevor das Start-up Anfang 2024 in einem aufsehenerregenden Exit vom HR-Giganten Deel übernommen wurde.

Edurino

Auch wenn der Fokus zunächst auf der Vorschulbildung liegt, baut das 2021 von Irene Klemm und Franziska Meyer gegründete Start-up die fundamentale Infrastruktur für digitales Lifelong Learning. Ihr Geschäftsmodell kombiniert haptische Spielfiguren mit einer adaptiven Lern-App (B2C & B2B/Kindergärten). Der USP der physisch-digitalen Interaktion wird in Zukunft auch für haptische B2B-Trainings adaptiert. b2venture und DN Capital haben zweistellige Millionenbeträge in diese Vision investiert.

Knowunity

Benedict Kurz, Gregor Weber, Lucas Hild und Yannik Prigl gründeten Knowunity 2020 noch während ihrer eigenen Schulzeit. Ursprünglich als B2C-Marktplatz für Schüler-Zusammenfassungen gestartet, hat sich die Plattform technologisch zu einem globalen, KI-gestützten Lernbegleiter (AI Tutor) entwickelt. Der hochskalierbare USP der Peer-to-Peer-Architektur und das tiefe Gen-Z-Verständnis wecken massiv das Interesse von Konzernen: Im B2B-Bereich nutzen Unternehmen wie Porsche oder Vodafone die Plattform als hochprofitablen Kanal für Employer Branding und extrem frühes Recruiting. Nach Redalpine und Project A in den frühen Phasen hat zuletzt der europäische Top-VC XAnge die 27 Millionen Euro schwere Series-B-Finanzierungsrunde angeführt.

Edyoucated

Von Marius Bicher, Jan Rellermeyer, Marius Karwat und David do O' gegründet, gehört edyoucated zu den führenden deutschen B2B-SaaS-Plattformen für KI-gestütztes Skill-Management. Das Geschäftsmodell basiert auf einer Lern-Engine, die vorhandene Kompetenzen in Unternehmen analysiert und automatisiert maßgeschneiderte, hochindividuelle Lernpfade zusammensetzt. Der USP liegt in der drastischen Reduzierung von Schulungszeiten bei gleichzeitig höherer Wissensretention. Der europäische Top-VC Earlybird Venture Capital führt das Investorenkonsortium des Unternehmens an.

Internationaler Ausblick & Fazit

Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt, dass die Fusion von EdTech und Human Performance gerade erst begonnen hat. Aus den USA schwappt der Trend der völlig autarken „AI-Tutors“ herüber – hochkomplexe KI-Agenten, die sich als persönliche Mentor*innen tief in die ERP-Systeme der Unternehmen einnisten und Lernbedarfe erkennen, bevor der/die Mitarbeitende überhaupt weiß, dass er/sie eine Wissenslücke hat. Asien treibt derweil die Hyper-Gamification und mobile-first Micro-Credentials auf die Spitze, wo Lernen fast ausschließlich in hochfrequenten, sekundenkurzen Interaktionen stattfindet. Aus dem israelischen Ökosystem wiederum drängen Start-ups in den zivilen Markt, die militärisch erprobte Neuro-Feedback-Technologien nutzen, um Stressresistenz und kognitive Fokus-Raten von Führungskräften zu tracken und zu trainieren.

Für Gründer*innen und Investor*innen in Deutschland und Europa lautet das Fazit für 2026 unmissverständlich: EdTech isoliert betrachtet ist tot. In der nächsten Dekade werden jene Unternehmen gewinnen, die Weiterbildung als biologischen und datengetriebenen Performance-Kreislauf begreift. Wer die technologische Brillanz von B2B-SaaS mit dem ethischen und sicheren Umgang von Neuro- und Gesundheitsdaten vereint, baut nicht nur die Arbeitswelt der Zukunft, sondern erschafft die nächste Generation von europäischen Unicorns.

Gründer*in der Woche: SchoolUP – Vom Klassenzimmer in den App Store

ChatGPT löst zwar Hausaufgaben, hilft aber selten beim echten Verstehen. Die 17-jährigen Abiturienten Elias Eßer und Sean Hübner aus NRW wollen das mit ihrer Bootstrapping-App SchoolUP ändern. Das Tool verknüpft sich direkt mit den schulinternen Lernplattformen und arbeitet ausschließlich mit echten Lehrmaterialien. Ein smarter, datenschutzkonformer Ansatz – doch das Geschäftsmodell birgt in der trägen deutschen Bildungslandschaft seine Tücken.

Die Idee zu SchoolUP entstand nicht etwa in einem hippen Berliner Start-up-Inkubator, sondern in einem Jugendzimmer. Elias Eßer und Sean Hübner, beide 17 Jahre alt und Schüler an der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Anrath (Willich), gaben selbst Nachhilfe. Dabei erkannten sie eine Lücke, die durch die Corona-Pandemie noch weiter aufgerissen wurde: Millionen Schüler*innen fehlt der Zugang zu echter, persönlicher Förderung.

Seit zwei Jahren ließ sie das Thema nicht los, vor rund einem Jahr begannen sie mit der konkreten Umsetzung. Und das komplett ohne externe Investor*innen, nur mit rund 1.000 Euro Erspartem für Strato-Server, Domain und KI-Schnittstellen. Sean, der künftig Informatik studieren möchte, und Elias, der ein Wirtschaftsstudium anstrebt, bilden dabei ein klassisches Hacker-Hustler-Gespann.

Die erste große Bewährungsprobe ließ jedoch nicht lange auf sich warten. „Die größte bürokratische Hürde war zunächst die rechtliche Abklärung, ob unser Produkt im Hinblick auf die DSGVO überhaupt zulässig ist“, räumt Elias ein. Schließlich scanne die App im Grunde das private geistige Eigentum der Lehrkräfte. Um das Vertrauen der Schule zu gewinnen, holten sich die beiden früh professionelle anwaltliche Hilfe an Bord. Finanziell ein Kraftakt für zwei Schüler, aber für Sean „eine der wichtigsten Investitionen überhaupt“.

Fast gescheitert wäre das Projekt jedoch an etwas anderem: der eigenen Belanglosigkeit. Zu Beginn hatten die beiden eine recht simple, handelsübliche KI-Nachhilfe-App programmiert. „Uns wurde klar, dass unser Produkt so nichts Besonderes war, und das hat uns ziemlich zu schaffen gemacht“, erinnert sich Elias an den einzigen Moment, in dem sie kurz davor waren, alles hinzuschmeißen. Die Rettung war ein Zufallsfund. Die beiden entdeckten die offene API-Schnittstelle des Schul-Systems Moodle. „Erst als wir auf die Idee kamen, SchoolUP direkt mit Moodle zu verbinden und ausschließlich mit den Materialien der jeweiligen Schule arbeiten zu lassen, hatten wir unseren entscheidenden Durchbruch“, ergänzt Sean. Inzwischen ist die App live und verzeichnet ein starkes organisches Wachstum auf Social Media.

Sokratischer Ansatz statt Antwortautomat

Der Markt für KI-Anwendungen im Bildungsbereich ist seit dem Boom von Sprachmodellen unübersichtlich geworden. SchoolUP wählt jedoch bewusst einen anderen Weg als gängige Chatbots: Die App zieht ihre Antworten nicht aus dem freien Internet, sondern dockt an bestehende Schul-Infrastrukturen wie Moodle oder das in NRW weit verbreitete LOGINEO an. Die KI greift ausschließlich auf die von den Lehrkräften hochgeladenen Dokumente zu und belegt jede Antwort präzise mit der jeweiligen Quelle.

Bemerkenswert ist dabei der sokratische Ansatz der Gründer. SchoolUP liefert bewusst keine fertigen Hausaufgabenlösungen, sondern stellt Rückfragen, führt Schritt für Schritt zum eigenen Denken und erstellt auf Wunsch individuelle Tests. Aber nutzen bequeme Schülerinnen und Schüler das Tool überhaupt freiwillig, wenn ChatGPT die perfekte Lösung in drei Sekunden ausspuckt?

Elias hat darauf eine klare Antwort: „Viele merken spätestens in der Oberstufe, dass man mit ChatGPT vielleicht durch die Hausaufgaben kommt, aber nicht durch die Klausur.“ Wer Aufgaben einfach nur kopiere, verstehe den Stoff am Ende schlichtweg nicht. „Sobald Schülerinnen und Schüler merken, dass sie dadurch bessere Ergebnisse erzielen, nehmen viele den etwas anstrengenderen Weg auch freiwillig in Kauf“, ist der 17-Jährige überzeugt.

Damit das Tool überhaupt an den Schulen genutzt werden darf, müssen die beiden jedoch zunächst an strengen Schulleitungen und Datenschutzbeauftragten vorbei – Personen, die zwei 17-jährigen Gründern oft mit Skepsis begegnen. Die Strategie der Jungunternehmer: tiefgreifendes Fachwissen und juristische Rückendeckung. „Wir können genau erklären, welche Daten verarbeitet werden, wo sie gespeichert werden und warum unser System DSGVO-konform arbeitet“, betont Sean selbstbewusst. Ein zentraler Baustein sei zudem der klare Fokus auf europäische Partner. „Besonders wichtig ist uns dabei, dass keine eingegebenen Daten oder Inhalte für das Training von KI-Modellen genutzt werden“, versichert Elias. Dieses Zusammenspiel aus Transparenz und anwaltlicher Begleitung breche letztlich das Eis bei den Schulen.

Zwischen Giganten und Start-ups

Dennoch drängt sich die Frage auf: Was schützt die beiden vor millionenschweren Nachhilfe-Riesen wie Sofatutor oder Open-Source-Giganten wie Moodle selbst? Angst vor der Übermacht scheinen die beiden nicht zu haben. „Wir sehen Moodle weniger als Gegner und mehr als potenziellen Partner“, kontert Elias gelassen. Während etablierte Anbieter meist den/die Einzelnutzende(n) im Visier hätten, setze SchoolUP direkt im B2B-Bereich bei den Schulen an. Das tiefe Verständnis für den deutschen Schulalltag und die strengen hiesigen Datenschutzanforderungen sei ihr wahrer Burggraben. Sean sieht zudem in der Größe des eigenen Teams einen entscheidenden Vorteil: „Wir können als kleines Team deutlich schneller auf Wünsche von Lehrkräften reagieren.“ Das primäre Ziel sei es nicht, größer als alle anderen zu sein, sondern die passgenaueste Lösung anzubieten.

Nachgefragt: Die Sache mit dem Geld

Die anfängliche Traktion der beiden ist beachtlich: Nach den Sommerferien wird das Tool bereits an der eigenen Schule sowie in Brühl aktiv im Unterricht getestet. Doch hier offenbart sich die Tücke des B2B-Geschäftsmodells: Deutsche Schulen sind notorisch unterfinanziert, öffentliche Vergabeprozesse ziehen sich oft über Jahre hin. Der Vertrieb an Schulen gilt in der Branche nicht umsonst als „Friedhof der EdTech-Start-ups“.

Wie also finanzieren die Schüler die rasant steigenden Server- und API-Kosten? Bislang schießen sie das Geld aus eigener Tasche vor. „Aktuell finanzieren wir SchoolUP komplett selbst“, räumt Elias ein, betont aber, dass man die laufenden Ausgaben streng im Blick habe. Zunächst wolle man ohnehin beweisen, dass das Produkt einen echten Mehrwert biete. Auf die Frage nach frischem Kapital zeigt sich der Gründer pragmatisch: „Externe Unterstützung wäre eine große Chance, um SchoolUP möglichst vielen Schulen zugänglich zu machen, ohne unsere Mission aus den Augen zu verlieren.“ Man sei offen für Förderprogramme, Sponsor*innen oder Investor*innen, sofern diese die Vision des Unternehmens teilen.

Fazit: Doppelspiel zwischen Start-up und Hörsaal

Elias Eßer und Sean Hübner liefern mit SchoolUP ein typisches, hochauthentisches Beispiel für „Generation Z“-Unternehmertum: Problem erkannt, Code geschrieben, Lösung gelauncht. Die technologische Umsetzung mit nahtloser System-Integration und kompromisslosem Fokus auf den europäischen Datenschutz umschifft clever das Vertrauensproblem, das viele Schulen gegenüber US-amerikanischer KI haben.

Die wahre Reifeprüfung für SchoolUP wird in künftigen Budgetverhandlungen mit den Schulträger*innen stattfinden. Zuvor steht für die beiden Gründer jedoch noch eine ganz andere Reifeprüfung an: das Abitur. Wer nun glaubt, das Start-up müsse der Schule weichen, irrt gewaltig. „Die Schule fällt uns beiden ziemlich leicht, deshalb bleibt uns bis zum Abitur genügend Zeit, SchoolUP konsequent voranzutreiben“, gibt sich Elias selbstbewusst.

Auch danach ist kein Cut geplant. Sean will Informatik studieren, Elias strebt ein duales Wirtschaftsstudium an. Ein klassischer Plan B? Keineswegs. „SchoolUP bleibt dabei klar im Vordergrund“, verspricht Elias. Das Studium betrachten die beiden als strategischen Schritt, um das eigene Netzwerk auszubauen und sich fachlich für die Unternehmensführung zu wappnen. Sollte das Start-up eines Tages die volle Aufmerksamkeit verlangen, sei man bereit, diese Entscheidung zu treffen. Bis dahin spielen die 17-Jährigen ihr beeindruckendes Doppelspiel zwischen Klassenzimmer und Chefetage souverän weiter.

Kausale KI statt Dauer-Retraining: Der 12-Millionen-Hype um kausable unter der Lupe

Mit einer Seed-Finanzierung von 12 Millionen Euro sorgt das Heidelberger KI-Start-up kausable für Aufsehen im europäischen DeepTech-Sektor. Das Versprechen der drei Gründer: Eine „reasoning-first“-KI, die echte Kausalzusammenhänge versteht und zeitaufwendiges, teures Modell-Retraining überflüssig machen soll. Doch wie tragfähig ist das Konzept im Industriealltag, wo liegen die Fallstricke bei der Kommerzialisierung – und was können andere Gründerinnen und Gründer aus diesem Fall lernen? Eine Einordnung.

Hinter kausable stehen drei Physiker mit wissenschaftlichen Wurzeln an der Universität Heidelberg: Johannes Haux (CEO), Dr. Benjamin Herdeanu (CTO) und Gregor Ramien (COO). Neben ihrer akademischen Basis bringt das Trio praktische Erfahrung aus Start-ups sowie aus stark regulierten Branchen wie der Cybersicherheit und dem Bankenwesen mit.

Die bisherige Unternehmenshistorie verdeutlicht ein hohes Entwicklungstempo:

  • 2025: Gründung des Unternehmens und erfolgreicher Abschluss einer Pre-Seed-Finanzierung über 1,5 Millionen Euro.
  • Technologischer Meilenstein: Das Team entwickelte TipPFN, ein zero-shot-fähiges Prognosemodell zur Erkennung seltener, aber folgenschwerer Systemumbrüche („Black Swans“) in komplexen dynamischen Systemen. Die wissenschaftliche Fundierung untermauerte das Startup durch eine Forschungsarbeit in Kooperation mit Wissenschaftler:innen der Columbia University.
  • Juli 2026: Abschluss einer Seed-Finanzierungsrunde über 12 Millionen Euro. Geführt wird die Runde von UVC Partners (Deutschland) und Entourage (Belgien) unter Beteiligung des High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Mätch VC.

Auffällig ist die Prominenz im Investorenkreis: Neben VCs unterstützen Business Angels aus dem Umfeld internationaler KI-Schwergewichte wie Black Forest Labs (BFL), OpenAI, Google DeepMind, Noxtua sowie dem ELLIS-Netzwerk das Start-up. Die enge Verknüpfung mit dem europäischen Ökosystem rund um BFL und die Universität Heidelberg verschafft dem Start-up nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch strategisches Gewicht.

Der technologische Ansatz: Kausalität statt bloßer Korrelation

Klassische Large Language Models (LLMs) und Deep-Learning-Systeme basieren primär auf statistischen Korrelationen: Sie verarbeiten gigantische Datenmengen der Vergangenheit. Ändern sich die Rahmenbedingungen in der Realität abrupt („Distribution Shift“), versagen viele dieser Modelle oder verhalten sich fehlerhaft. Die Konsequenz im Firmenalltag ist kontinuierliches, kostenintensives Retraining.

Kausable setzt an dieser Schwachstelle an:

Kausales Weltmodell: Anstelle fortwährenden Neu-Trainings soll ein universelles Kausalmodell der KI ein Grundverständnis von Ursache-Wirkungs-Beziehungen verleihen.

In-Context-Anpassung: Die KI soll sich – ähnlich dem menschlichen Denken – mit minimalen neuen Informationen („Zero-Shot“ bzw. In-Context Learning) eigenständig an veränderte Umgebungen anpassen.

Synthetische Trainingsdaten: Um nicht auf Massen an sensiblen Realdaten angewiesen zu sein, setzt kausable unter anderem auf synthetisch generierte kausale Daten, um das System auf komplexe Systemdynamiken vorzubereiten.

Die Herausforderungen der Praxis

So beeindruckend die wissenschaftlichen Vorschusslorbeeren sind, so nüchtern muss das Geschäftsmodell im Industriealltag hinterfragt werden.

1. Vertriebshürden im B2B-Enterprise-Segment

kausable peilt hochdynamische Branchen wie die Energiewirtschaft, Robotik und den Finanzsektor an. Fast jedes Industrieunternehmen stützt sich auf komplexe Steuerungssysteme. Doch genau hier liegt die größte Hürde:

Lange Vertriebszyklen: Industrie- und Finanzkonzerne agieren extrem risikoavers. Der Austausch oder die Ergänzung bestehender Steuerungs- und Vorhersageinfrastrukturen durch eine neuartige KI erfordert langwierige Validierungs- und Pilotphasen.

Erklärbarkeit und Verlässlichkeit: In kritischen Infrastrukturen (z. B. Stromnetze oder automatisierte Fertigung) reicht ein plausibel erscheinendes KI-Reasoning nicht aus. kausable muss harten Nachweis erbringen, dass die Kausalmodelle frei von Fehlinterpretationen agieren.

2. Wettbewerbsumfeld und Big-Tech-Druck

Das Feld der "Causal AI" ist kein unbestellter Acker:

Spezialisierte Player: Unternehmen wie causaLens, Causaly oder Xplain Data arbeiten seit Jahren an kausaler KI für Business- und Forschungsanwendungen.

Forschungslabs der Tech-Giganten: Auch Big-Tech-Konzerne wie Google DeepMind, Microsoft Research und Meta investieren massiv in Kausalitätsforschung und Weltmodelle. Wenn etablierte Frontier-Modelle künftig ähnliche Kausalfähigkeiten nativ integrieren, steigt der Anpassungsdruck auf spezialisierte Start-ups.

3. Kapitalintensität von Frontier-AI

Mit 12 Millionen Euro lässt sich im europäischen Rahmen ein schlagkräftiges Deep-Tech-Team ausbauen. Im globalen Vergleich zum Wettrüsten um Frontier-Modelle sind 12 Millionen Euro jedoch ein überschaubares Budget, wenn hohe Rechenkapazitäten (Compute) und Spitzengehälter für KI-Forscher fällig werden. kausable muss zeitnah beweisen, dass ihr synthetischer Trainingsansatz dauerhaft kapitaleffizient bleibt.

Key Takeaways für Gründer*innen

Für Gründer*innen im DeepTech- und B2B-Bereich liefert die Entwicklung von kausable wertvolle Impulse:

1. Das Narrativ der „Digitalen Souveränität“ nutzen kausable positioniert sich bewusst im europäischen Kontext für digitale Souveränität. In einem von US- und China-Dominanz geprägten Markt stoßen europäische KI-Lösungen, die Unabhängigkeit und Datenschutz betonen, aktuell auf hohe Bereitschaft bei europäischen VCs und Förderern.

2. Strategisches Angel-Networking aufbauen Der Cap Table von kausable zeigt den Wert zielgerichteter Angels: Statt reinem Kapital holte sich das Team Expert:innen aus Spitzenforschung und Top-Unternehmen (OpenAI, DeepMind, BFL, ELLIS) an Bord. Das sichert Branchen-Reputation, Domain-Know-how und den Zugang zu Talenten.

3. Wissenschaftliche Validierung als Vertrauensanker Veröffentlichungen in Kooperation mit angesehenen akademischen Institutionen (wie der Columbia University) dienen als wirksamer Qualitätsnachweis. Vor allem im DeepTech-Bereich schafft die wissenschaftliche Peer-Review-Sichtbarkeit die notwendige Basis für das Vertrauen von Investoren und Erstkunden.

4. Die Gefahr der Über-Generalisierung meiden Ein Weltmodell für Robotik, Energie und Finanzen gleichzeitig zu entwickeln, ist ambitioniert. Frühphasen-Startups sollten trotz großer Vision aufpassen, sich nicht in zu vielen Märkten zu verzetteln, sondern zügig ein klares „Hero-Vertical“ für den Markteintritt zu etablieren.

Gründen aus der Arbeitslosigkeit – AVGS und Einstiegsgeld richtig nutzen

Eine Anmeldung zum falschen Zeitpunkt kann die komplette Förderung kosten. Wer aus der Arbeitslosigkeit gründet, wird vom Staat unterstützt: mit Coaching über den AVGS, beim Lebensunterhalt über Einstiegsgeld oder Gründungszuschuss, vorausgesetzt, die Reihenfolge stimmt. Ein Überblick über Voraussetzungen, Antragsweg und typische Fehler, inklusive der neuen Regeln seit Juli 2026.

Vor einigen Monaten saß ein Gründer bei mir im Erstgespräch. Er plante einen Reinigungsservice, ein schlüssiges Konzept lag vor, die ersten Auftraggeber waren in Aussicht. Sein Gewerbe wollte er direkt am nächsten Tag anmelden, doch glücklicherweise hat er vorher nachgefragt. Denn das Einstiegsgeld, das für ihn infrage kam, muss vor der Gründung beantragt werden. Eine zu frühe Anmeldung hätte ihn mehrere tausend Euro Förderung gekostet.

Der Fall zeigt, worauf es ankommt. Die Förderlandschaft für Gründungen aus der Arbeitslosigkeit ist gut sortiert. Es gibt Leistungen, die den Lebensunterhalt in der Startphase sichern, und Coaching, das aus einer Idee ein tragfähiges Konzept macht. Wer weiß, welche Leistung wofür gedacht ist und in welcher Reihenfolge sie beantragt wird, nutzt diese Unterstützung in vollem Umfang.

Erst die Statusfrage – ALG I oder Grundsicherungsgeld?

Am Anfang steht die Frage, ob Arbeitslosengeld I oder Grundsicherungsgeld bezogen wird. Davon hängt ab, welche der beiden Geldleistungen greift:

  • Wer Arbeitslosengeld I (SGB III) bezieht, kommt für den Gründungszuschuss (§ 93 SGB III) infrage.
  • Wer Grundsicherungsgeld (SGB II) bezieht, beantragt stattdessen das Einstiegsgeld (§ 16b SGB II). Grundsicherungsgeld ist seit dem 1. Juli 2026 der neue Name des Bürgergelds.

Es gibt immer nur eine der beiden Leistungen, je nach Status. Der AVGS (§ 45 SGB III) steht dagegen beiden Gruppen offen, er ist keine Geldleistung, sondern finanziert Beratung. Diese Unterscheidung klingt banal, wird in der Praxis aber erstaunlich oft durcheinandergebracht.

Der AVGS – Gründungscoaching, voll finanziert

Vielen Gründerinnen und Gründern ist der Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS) schlicht unbekannt. Dabei steckt dahinter ein professionelles Gründungscoaching, das am freien Markt einen vier-, oft sogar fünfstelligen Betrag kostet. Die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter übernimmt die Kosten vollständig. Eingelöst wird der Gutschein nach § 45 SGB III bei einem zugelassenen Träger. Für Gründerinnen und Gründer relevant ist die Variante nach § 45 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 SGB III, die „Heranführung an eine selbständige Tätigkeit“. Dahinter steht in der Regel ein Einzelcoaching, das heißt: Prüfung der Geschäftsidee, Aufbau des Businessplans und des Zahlenteils sowie die Vorbereitung der Unterlagen für Agentur, Jobcenter oder Bank. Dazu kommen die Themen, die Gründerinnen und Gründer erfahrungsgemäß am stärksten beschäftigen: Rechtsformwahl, Steuern, Buchhaltung und Marketing.

Der eigentliche Wert liegt dabei nicht im fertigen Dokument. Ein gutes Coaching stellt die Annahmen infrage, bevor der Markt es tut. Sind die Preise realistisch kalkuliert? Trägt der Umsatz den Lebensunterhalt? Was passiert, wenn die ersten Aufträge später kommen als geplant? Gründerinnen und Gründer, die diese Fragen vor dem Start durchgearbeitet haben, geraten nach meiner Erfahrung im ersten Jahr deutlich seltener in Schieflage. Genau dafür ist der Gutschein gedacht. Am Ende soll nicht nur der Antrag bewilligt, sondern die Gründung tragfähig sein.

Voraussetzung für die Kostenübernahme: Der Anbieter braucht eine AZAV-Trägerzulassung und die Antragstellerin oder der Antragsteller muss bei Agentur oder Jobcenter gemeldet sein sowie eine konkrete Gründungsidee mitbringen. Den Anstoß gibt meist das Gespräch mit der zuständigen Vermittlungsfachkraft. Aus der Beratungspraxis empfehle ich, den Antrag zusätzlich schriftlich zu stellen. So ist dokumentiert, was wann beantragt wurde, und bei einer Ablehnung ergeht ein Bescheid, gegen den Widerspruch möglich ist. Auch die Reihenfolge muss stimmen. Erst der Gutschein, dann der Start des Coachings. Da der AVGS eine Ermessensleistung ist, lohnt es sich, das Vorhaben überzeugend zu begründen, im Gespräch wie im Antrag. Ob der Gutschein im Einzelfall möglich ist, lässt sich unverbindlich vorab klären, etwa in einem kostenfreien Erstgespräch bei einer spezialisierten Gründungsberatung.

Einstiegsgeld – Gründen aus der Grundsicherung

Das Einstiegsgeld nach § 16b SGB II richtet sich an Menschen, die Grundsicherungsgeld beziehen und sich hauptberuflich selbständig machen wollen. Hauptberuflich heißt mindestens 15 Stunden pro Woche. Ein Nebengewerbe wird nicht gefördert.

Gezahlt wird ein Zuschuss zusätzlich zum Grundsicherungsgeld. Die Höhe ist gesetzlich nicht festgelegt. Üblich ist ein Grundbetrag von etwa der Hälfte des Regelbedarfs, für Alleinstehende (563 Euro, Stand 2026) also rund 280 Euro im Monat. Je nach Dauer der Arbeitslosigkeit und Größe der Bedarfsgemeinschaft kann der Betrag höher ausfallen. Gefördert wird für höchstens 24 Monate, die Einzelheiten veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit. Über die volle Laufzeit kommen so mehr als 6.500 Euro zusammen.

Zwei Punkte sind entscheidend. Das Einstiegsgeld ist eine Ermessensleistung. Das Jobcenter entscheidet im Einzelfall nach den Erfolgsaussichten des Vorhabens. Und der Antrag muss gestellt sein, bevor die Selbständigkeit aufgenommen wird. Die Gewerbeanmeldung ist der Stichtag: Liegt sie vor dem Antrag, scheidet die Förderung in aller Regel aus. Bei Freiberuflerinnen und Freiberuflern zählt entsprechend die Aufnahme der Tätigkeit, in der Regel die Anmeldung beim Finanzamt.

§ 16c – die oft verwechselte Sachmittel-Förderung

Von dieser Förderung haben viele Gründerinnen und Gründer schon gehört, häufig wird sie aber mit dem Gründungszuschuss verwechselt. Der Gründungszuschuss sichert den Lebensunterhalt und kommt von der Agentur für Arbeit. Die Förderung nach § 16c SGB II kommt dagegen vom Jobcenter und finanziert Sachmittel für die Gründung wie Laptop, Büroausstattung, Werkzeug und wenn nötig auch ein Fahrzeug. Die Anschaffung muss für die Ausübung der Tätigkeit zwingend erforderlich sein. Möglich sind ein Zuschuss bis 5.000 Euro, ein zinsloses Darlehen oder eine Kombination aus beidem. Das Darlehen kann auch höhere Beträge abdecken, muss aber zurückgezahlt werden. Die Weisungen der Bundesagentur für Arbeit sehen das Darlehen als Regelfall vor. In der Praxis erlebe ich allerdings häufig, dass Jobcenter eher den Zuschuss bewilligen. Beim Darlehen beginnt die Tilgung üblicherweise erst, wenn sich die Selbständigkeit stabilisiert hat. Kurzum, das Einstiegsgeld ist für den Lebensunterhalt und § 16c für die Ausstattung. Es handelt sich um zwei getrennte Anträge und zwei Leistungen, die sich sinnvoll ergänzen.

Gründungszuschuss – der Weg aus dem ALG I

Der Gründungszuschuss nach § 93 SGB III richtet sich an ALG-I-Beziehende, die bei der Gründung noch mindestens 150 Tage Restanspruch haben und hauptberuflich starten, ebenfalls mit mindestens 15 Wochenstunden. Erforderlich ist eine Tragfähigkeitsbescheinigung einer fachkundigen Stelle, etwa IHK, Handwerkskammer, Steuerberatung oder einer anerkannten Gründungsberatung. Die Förderung läuft in zwei Phasen, sechs Monate ein Zuschuss in Höhe des bisherigen ALG I plus 300 Euro, danach auf Antrag weitere neun Monate 300 Euro. Ausgezahlt wird monatlich, nicht als Einmalbetrag, auch das wird oft missverstanden. Zur Größenordnung: Bei 1.200 Euro ALG I summiert sich das über die vollen 15 Monate auf 11.700 Euro. Entsprechend genau prüft die Agentur den Antrag. Auch hier gilt Ermessen, ein Rechtsanspruch besteht nicht.

Was sich seit Juli 2026 geändert hat

Seit dem 1. Juli 2026 ist aus dem Bürgergeld die Neue Grundsicherung geworden, die Geldleistung heißt jetzt Grundsicherungsgeld. An den Gründungsinstrumenten hat sich dadurch nichts geändert, Einstiegsgeld, § 16c und AVGS bestehen fort. Verändert hat sich das Umfeld, die Vermittlung in Arbeit hat wieder Vorrang, Mitwirkungspflichten und Sanktionen wurden verschärft, das Schonvermögen ist gesunken. In der Beratungspraxis zeigt sich das bereits. Jobcenter fragen kritischer als früher, warum es ausgerechnet die Selbständigkeit sein soll. Diese Frage beantwortet ein sauber aufgesetzter Businessplan.

Der richtige Antragsweg

Die Logik ist bei allen Leistungen gleich, erst der Antrag, dann der Start.

  • Status klären: ALG I oder Grundsicherungsgeld? Daraus ergibt sich Gründungszuschuss oder Einstiegsgeld.
  • AVGS früh ansprechen: Das Coaching hilft, den Businessplan förderfähig aufzustellen. Daher erst das Coaching, dann der Zuschussantrag.
  • Unterlagen vorbereiten: Dazu gehören der Businessplan inklusive Rentabilitäts- und Liquiditätsplanung, ein aktueller Lebenslauf sowie die Tragfähigkeitsbescheinigung einer fachkundigen Stelle. Beim Gründungszuschuss ist sie gesetzlich gefordert, beim Einstiegsgeld und bei § 16c verlangen die Jobcenter sie in der Praxis meist ebenfalls.
  • Antrag vor der Aufnahme stellen: Termin bei der zuständigen Vermittlungsfachkraft vereinbaren, Antrag schriftlich einreichen.
  • Gewerbeanmeldung richtig terminieren: Beim Einstiegsgeld möglichst erst nach der Bewilligung anmelden. Beim Gründungszuschuss wird die Anmeldung häufig erst nach der Antragstellung als Nachweis eingereicht. Den genauen Zeitpunkt am besten mit der Vermittlungsfachkraft oder einer Gründungsberatung klären.

Fünf typische Fehler aus der Beratungspraxis

  • Zuerst gründen, dann beantragen: Der teuerste Fehler von allen. Ist das Gewerbe angemeldet, sind Gründungszuschuss und Einstiegsgeld praktisch immer verloren, selbst wenn der Antrag nur zwei Tage zu spät kommt. Nachträglich lässt sich das so gut wie nie korrigieren.
  • Darauf warten, dass die Förderung angeboten wird: In der Praxis kommt der Hinweis auf AVGS oder Einstiegsgeld selten von allein. Wer die Instrumente nicht selbst anspricht, lässt Geld und Unterstützung liegen.
  • Den Restanspruch verspielen: Beim Gründungszuschuss müssen bei Aufnahme der Tätigkeit noch mindestens 150 Tage ALG I übrig sein. Mancher glaubt, bis dahin müsse nur der Antrag gestellt sein. Das ist ein Irrtum. Es zählt der tatsächliche Start der hauptberuflichen Tätigkeit, nicht das Antragsdatum.
  • Die Tragfähigkeitsbescheinigung unterschätzen: Sie ist keine Formsache. Wenn der Zahlenteil nicht trägt, gibt es die Bescheinigung nicht. Ohne sie keine Förderung.
  • Auf einen Rechtsanspruch vertrauen: Alle hier beschriebenen Leistungen, vom AVGS bis zum Darlehen nach § 16c, sind Ermessensleistungen. Bewilligt wird, was schlüssig und belastbar gerechnet ist.

Fazit – erst klären, dann anmelden

Wer aus der Arbeitslosigkeit gründet, muss die Startphase nicht allein stemmen. Der AVGS finanziert das Coaching, Einstiegsgeld oder Gründungszuschuss sichern den Lebensunterhalt, § 16c die Ausstattung. Entscheidend sind die richtige Reihenfolge und ein Plan, der einer kritischen Prüfung standhält. Der wichtigste Rat aus der Beratungspraxis: die Förderfrage klären, bevor irgendetwas angemeldet wird, ob beim Gewerbeamt oder beim Finanzamt.

Der Autor Pavel Deuble ist Inhaber von Unternehmenswerk und Geschäftsführer der UW Unternehmensweg GmbH, eines AZAV-zertifizierten Bildungsträgers. Mit seinem Team begleitet er Gründerinnen und Gründer bei Businessplan, Finanzplanung und Fördermitteln, von der AVGS-Gründungsberatung bis zum Antrag auf Gründungszuschuss oder Einstiegsgeld.

Vom Trading-Floor zum Flagship-Store: Spiritorys ungewöhnlicher Schritt in den Einzelhandel

Das Münchner Start-up Spiritory vollzieht einen strategisch bemerkenswerten Pivot: Die 2022 gegründete Plattform, die sich laut eigenen Angaben als Europas führender Marktplatz für seltene Whiskys und Premiumspirituosen positioniert, wagt den Sprung in den stationären Einzelhandel.

Am 24. Juli 2026 eröffnet das Unternehmen im denkmalgeschützten Münchner Stemmerhof sein erstes physisches Ladengeschäft. Für ein originär digitales FinTech- und Marktplatz-Modell ist dies eine riskante und zugleich spannende Entwicklung, die das D2C-Segment aufhorchen lässt.

Die Gründungshistorie und das Kernmodell

Die Gründer Janis Wilczura und Clemens Bennier starteten Spiritory Anfang 2022 mit der Vision, den oftmals intransparenten Markt für Sammlerspirituosen zu demokratisieren. Das Kernprodukt des Start-ups ist ein digitales Ökosystem, das klassische Börsenmechaniken auf alternative Anlagegüter wie Whisky anwendet. Käufer*innen und Verkäufer*innen in ganz Europa handeln hier zu transparenten und tagesaktuellen Marktpreisen.

Nutzer*innen können zudem ihre Portfolios digital verwalten und Marktdaten abrufen. Mit einer klaren Gebührenstruktur (üblicherweise 6 % für Verkäufer*in und 3 % für Käufer*in) greift das junge Unternehmen die Margen traditioneller Wettbewerber an. Auch prominente Investor*innen glauben an das Modell: So zählt unter anderem der für seine Whisky-Leidenschaft bekannte Comedian Michael Mittermeier zum Gesellschafterkreis.

Markt und Wettbewerb: Ein hart umkämpftes Segment

Der Markt für seltene Spirituosen verzeichnete zuletzt ein enormes Wachstum. In diesem Umfeld muss sich Spiritory gegen etablierte, kapitalstarke Player wie Whisky Auctioneer oder Catawiki behaupten, die oftmals auf klassische Auktionen mit hohen Provisionen setzen. Spiritory differenziert sich nicht nur durch den Live-Trading-Ansatz, sondern auch als B2B-Partner: Das Start-up bietet Händler*innen und Destillerien eine einfache Lösung zur Digitalisierung ihres Vertriebs.

Warum ein physischer Laden?

Dass Spiritory nun mit einer Eröffnungsauswahl von über 100 limitierten Abfüllungen und seltenen Single Malts in München-Sendling offline geht, ist aus klassischer VC-Perspektive unkonventionell. Marktplätze leben von Skalierbarkeit und geringen Grenzkosten; ein Ladengeschäft bringt Fixkosten und lokale Begrenzungen mit sich. Für diesen Omnichannel-Ansatz sprechen jedoch drei Faktoren:

  • Trust & Brand Building: In einem Premium-Markt, in dem Authentifizierung entscheidend ist, schafft physische Präsenz Vertrauen. Laut Pressemitteilung sollen im Shop „Storytelling und Markenbindung im Vordergrund“ stehen.
  • Hybride Erlebnisse: CEO Janis Wilczura formuliert den Anspruch, ein Entdecker-Erlebnis fernab von reiner „Regalware“ zu schaffen. Der Shop, der bewusst mit Gegensätzen wie „Klostertisch auf ein asymmetrisches Regal“ spielt, fungiert als greifbarer Showroom.
  • Kund*innenakquise & Beratung: Die persönliche Beratung vor Ort ist fester Konzeptbestandteil. Dies senkt Einstiegshürden für Neulinge und bindet Kenner*innen emotional an die Marke.

Fazit für die Start-up-Szene

Spiritory demonstriert, dass im absoluten Premiumsegment eine rein digitale Präsenz oft nicht ausreicht, um nachhaltige Kund*innenbeziehungen aufzubauen. Ob der neue Store im Stemmerhof die Plattform durch Cross-Selling messbar befeuert oder sich als reines Marketing-Tool entpuppt, wird sich zeigen. Klar ist: Spiritory monetarisiert durch den Shop-Ausbau gezielt die emotionale Komponente des Marktes, denn hinter jeder Flasche steht – wie das Unternehmen treffend betont – eine Geschichte.

Vom Sanierungsstau zum Start-up-Erfolg? 10 Mio. Euro für die Deutsche Sanierungsberatung (dsb)

Das Berliner ClimateTech-Start-up Deutsche Sanierungsberatung (dsb) meldet mitten in einer von KI dominierten Investitionsphase eine beachtliche Series-A-Runde in Höhe von 10 Millionen Euro. Das 2024 gegründete Unternehmen wächst rasant und will den fragmentierten Sanierungsmarkt digitalisieren. Doch wie tragfähig ist das Modell, wenn der Ex-Arbeitgeber der Gründer bereits als übermächtiger Konkurrent im Markt agiert?

Die Zahlen lesen sich wie aus dem Bilderbuch für Blitzskalierer: Seit der Gründung im Jahr 2024 konnte die Deutsche Sanierungsberatung (dsb) ihre Kund*innenzahl nach eigenen Angaben zuletzt verdreifachen und bereits über 10.000 Privatkund*innen beraten. Für das laufende Jahr 2026 prognostiziert das Unternehmen einen Umsatz von über 15 Millionen Euro. Das frische Kapital der aktuellen Runde, angeführt von Simon Capital und dem Corporate-VC VERBUND X Ventures, soll für den Eintritt in das B2B-Geschäft, den weiteren Plattformausbau sowie den Launch eines eigenen Stromtarifs genutzt werden. Altinvestoren wie IBB Ventures, Vireo Ventures und Atlantic Food Labs ziehen ebenfalls wieder mit.

Dass GreenTech-Start-ups abseits des allgegenwärtigen KI-Hypes derzeit überhaupt solche Summen einsammeln, unterstreicht die Relevanz des Themas. Dennoch lohnt sich für Gründer*innen und Investor*innen ein genauerer Blick hinter die Fassade dieses vermeintlichen Sanierungswunders.

Vom Enpal-Intrapreneur zum direkten Konkurrenten

Hinter der dsb stehen Sebastian Schmidt (CEO), Niclas Kern (CFO) und Adam Khenissi (CCO). Was in der Branche kein Geheimnis ist: Das Trio bringt tiefgreifende Erfahrung aus dem direkten Wettbewerbsumfeld mit. Die drei Gründer waren zuvor beim Berliner Energie-Einhorn Enpal tätig, wo sie die Sparte „Dragon“ – das Wärmepumpen-Geschäft – maßgeblich mit aufgebaut haben.

Mit dieser profunden Branchenexpertise verließen sie Enpal, um mit der dsb ein eigenes, etwas anders gelagertes Konzept an den Start zu bringen. Während Enpal vorrangig als direkt ausführender Installateur auftritt, positioniert sich die dsb als ganzheitlicher Berater und Vermittler. CEO Sebastian Schmidt betont diesen Unterschied vehement: Im Gegensatz zu Mitbewerber*innen, die primär eine spezifische PV-Anlage oder Wärmepumpe verkaufen möchten, verfolge die dsb den Ansatz der absoluten technologischen Neutralität, um Hausbesitzern die wirklich rentabelsten Maßnahmen aufzuzeigen.

Bereits im Frühjahr 2025 konnten sie mit dieser Vision eine Seed-Runde über 3,6 Millionen Euro abschließen. Der eher konservative Name „Deutsche Sanierungsberatung“ ist dabei bewusst gewählt: Er soll in einem von Unsicherheit geprägten Markt – in dem es oft um Investitionen im mittleren fünfstelligen Bereich geht – sofort Vertrauen wecken.

Pragmatismus aus einer Hand – mit staatlicher Abhängigkeit

Der Gebäudesektor ist für rund 30 Prozent der deutschen CO-Emissionen (etwa 112 Millionen Tonnen jährlich) verantwortlich. Das Marktpotenzial ist gewaltig: Laut Unternehmensangaben sind rund 80 Prozent der 15 Millionen deutschen Einfamilienhäuser noch unsaniert.

So funktioniert die dsb:

  • Datenerfassung und Planung: Zertifizierte Berater*innen erfassen die Gebäudedaten vor Ort und erstellen einen digitalen Zwilling.
  • Sanierungsfahrplan: Daraus wird ein individueller Sanierungsfahrplan (iSFP) abgeleitet, der Maßnahmen priorisiert. Dabei setzt die dsb auch auf pragmatische und kosteneffiziente Lösungen: Statt Kund*innen sofort ein klassisches Wärmedämmverbundsystem für 30.000 bis 50.000 Euro zu verkaufen, identifiziert die Beratung oft hochwirksame Alternativen wie eine Einblasdämmung, die bereits für rund 5.000 Euro realisierbar ist.
  • Fördermittelmanagement: Das Start-up übernimmt die komplette Prüfung und Beantragung von KfW- und BAFA-Fördermitteln.
  • Umsetzung: Die Koordination erfolgt über ein Netzwerk aus aktuell rund 300 lokalen, geprüften Handwerksbetrieben.

Kritische Hinterfragung: Das Modell bündelt verschiedene stark fragmentierte Prozessschritte und verspricht Kunden eine Zeitersparnis von bis zu 80 Prozent. Die größte Schwachstelle des Modells ist jedoch die enorme Abhängigkeit von staatlichen Subventionen. Die dsb räumt selbst ein, dass sich die Bedingungen für Förderungen fortlaufend und intransparent ändern. Dies offenbart sich bereits beim Einstiegsprodukt: Die Energieberatung kostet Privatkunden bei der dsb einen Eigenanteil von 650 Euro – die übrigen, erheblichen Kosten trägt der Staat. Fällt die BAFA-Förderung für diese initiale Beratung oder für teure Umsetzungsschritte wie die Wärmepumpe drastisch geringer aus, bricht der stärkste Akquise-Hebel des Startups weg.

Zudem ist die Skalierung eines zweiseitigen Marktplatzes notorisch schwer: Das Handwerk ist chronisch überlastet. Die dsb muss kontinuierlich die Qualität der 300 Partner*innenbetriebe sichern. Wenn ein regionaler Handwerker*innen mangelhaft arbeitet, fällt dies direkt auf die Marke dsb zurück.

Markt & Wettbewerb: Ein Haifischbecken

Die dsb operiert nicht im luftleeren Raum, denn der Kampf um die deutschen Dächer und Heizungskeller ist intensiv und wird von kapitalstarken Akteur*innen dominiert. Ein besonders massiver Konkurrent ist dabei Enpal, der ehemalige Arbeitgeber der dsb-Gründer. Durch den stark vertikalisierten Ansatz mit eigenen Installateur-Teams profitiert das Energie-Einhorn von höheren Margen, direkterer Qualitätskontrolle und einer enormen Finanzkraft. Einen ähnlich kompromisslosen Weg geht das Hamburger GreenTech 1KOMMA5°. Statt handwerkliche Kapazitäten nur zu vermitteln, kauft das Unternehmen lokale Betriebe gezielt auf, bindet sie exklusiv an sich und fokussiert sich dabei strategisch auf sein vernetztes Energiemanagement-System.

Geht es an die konkrete Umsetzung lukrativer Wärmepumpen-Projekte, trifft die dsb außerdem auf Thermondo. Als stark digitalisierter Heizungsbauer, der die Installation mit fest angestellten Teams durchführt, ist das Unternehmen ein direkter Rivale um die Budgets der Eigenheimbesitzer. Deutlich weniger Risiko geht hingegen von den klassischen, lokalen Energieberater*innen aus. Diese traditionellen Ingenieurbüros sind zwar oft regional tief verwurzelt, können aber mangels digitaler Prozesse und ohne ein ganzheitliches Full-Service-Angebot aus einer Hand nicht mit der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit des Plattform-Ansatzes der dsb mithalten.

Unsere Einordnung & Fazit

Die Series-A-Runde der Deutschen Sanierungsberatung ist ein starkes Signal für den ClimateTech-Standort Deutschland. In einer Phase, in der VCs ihr Kapital primär in Künstliche Intelligenz umschichten, beweist das Gründerteam, dass echtes Umsatzwachstum – die dsb erwartet 15 Millionen Euro in diesem Jahr – und die Lösung eines fundamentalen, wenig glamourösen Problems (Handwerker*innen-Koordination) weiterhin massiv gefördert werden.

Die dsb hat ein beeindruckendes Momentum aufgebaut. Der Ansatz, einen technologisch standardisierten Prozess in einen ineffizienten Markt zu bringen, ergibt betriebswirtschaftlich absolut Sinn. Für einen langfristigen Aufstieg zum „Unicorn“ muss das Unternehmen jedoch beweisen, dass es nicht nur als hochdigitalisierte Lead-Agentur für das lokale Handwerk fungiert, sondern die Wertschöpfung tiefgreifend kontrollieren kann. Der geplante eigene Stromtarif und der Sprung ins B2B-Geschäft sind hierbei die richtigen strategischen Manöver, um wiederkehrende Umsätze (MRR) aufzubauen und sich aus der Abhängigkeit der reinen Sanierungs-Einmalgeschäfte und staatlichen Fördertöpfe zu befreien.

Asset-Infrastruktur für Start-ups: Warum sie mitwachsen muss

KI verspricht Start-ups Tempo: mehr Output, weniger Handarbeit, schnellere Umsetzung. Doch was passiert, wenn dein Start-up, dein Team und deine Kanäle wachsen, aber deine Asset-Infrastruktur nicht?

Am Anfang funktioniert alles erstaunlich gut: Das Produktfoto liegt in der Dropbox, das Logo in Canva, die aktuelle Sales-Präsentation auf dem Laptop eines Gründers. Entscheidungen sind kurz, Zuständigkeiten informell, Dateien schnell weitergeleitet. Doch genau diese „kurzen Dienstwege“ werden im Wachstum zum Problem: Vertrieb, Marketing, Produktteams, externe Agenturen und Tools arbeiten parallel mit denselben Inhalten.

Aus improvisierten Workflows entstehen Suchaufwand, Dubletten, veraltete Unterlagen, unklare Freigaben und rechtliche Risiken.

Warum KI saubere Strukturen braucht

KI arbeitet immer mit dem Material, das vorhanden ist. Fehlen aktuelle Assets, klare Freigaben oder eindeutige Zuständigkeiten, werden diese Schwächen nicht gelöst, sondern schneller in Kampagnen, Präsentationen oder Social Posts weitergetragen.

Für wachsende Start-ups heißt das: Wenn die zugrunde liegende Asset-Struktur nicht mitwächst, skaliert KI nicht nur den Output, sondern auch Fehler, Abstimmungsaufwand und rechtliche Risiken.

Wie Asset-Chaos im Wachstum zum Risiko wird

1. Zeitverlust durch Suche und Abstimmung

Wenn Dateien über verschiedene Systeme verteilt sind, verbringen Teams immer mehr Zeit mit Suchen, Nachfragen und Zusammenstellen. Besonders aufwendig wird es, wenn Medienpakete für Marketing, Vertrieb, Presse, Investoren oder externe Partner und Dienstleister immer wieder manuell neu zusammengestellt werden müssen.

2. Veraltete Unterlagen durch Dubletten

Um Inhalte wiederzufinden, speichern Teams Dateien lokal oder legen Dubletten an. Dadurch wird unklar, welche Version aktuell, freigegeben oder veraltet ist. KI verschärft das, wenn alte Sales-Unterlagen, Logos oder Claims als Grundlage für neue Inhalte dienen.

3. Markenverwässerung durch uneinheitliche Assets

Gerade junge Unternehmen müssen Vertrauen erst aufbauen. Einheitliche Gestaltung und konsistente Aussagen helfen dabei. Wenn aber mehrere Logo-Versionen, alte Claims oder uneinheitliche Pitch-Decks im Umlauf sind, wirkt die Marke schnell unprofessionell. Je mehr Personen Content erstellen – intern, extern oder KI-gestützt –, desto wichtiger wird eine gemeinsame Brand-Sprache über alle Kanäle hinweg.

4. Rechtliche Risiken durch unklare Lizenzen

Bilder, Videos oder Musik werden oft für bestimmte Kanäle, Märkte oder Zeiträume eingekauft. Liegen Lizenzbedingungen getrennt von den Dateien in E-Mails oder Ordnern, steigt das Risiko, dass Inhalte falsch, zu lange oder im falschen Kontext verwendet werden.

Deshalb sollten Nutzungsrechte direkt am Asset nachvollziehbar dokumentiert sein: etwa Kanal, Markt, Zeitraum, Urheber, Lizenztyp oder Einschränkungen.

5. Fehlende Nachvollziehbarkeit bei KI-Medien

Ab dem 2. August 2026 greifen mit dem EU AI Act zusätzliche Transparenzpflichten für KI-generierte und KI-bearbeitete Inhalte. Für Start-ups wird es damit wichtiger, nachvollziehen zu können, welche Medien mit KI erstellt, verändert oder freigegeben wurden. Da solche Inhalte im Alltag nicht immer eindeutig erkennbar sind, steigt das Risiko, dass sie falsch eingeordnet oder ungekennzeichnet genutzt werden.

Diese Liste zeigt: Asset-Chaos geht weit über ein Ablageproblem hinaus. Es beeinflusst, wie schnell ein Startup kommunizieren, verkaufen und KI verantwortungsvoll nutzen und skalieren kann. Wer früh klare Strukturen schafft, reduziert später Reibung und Zeitverlust.

Infobox: 9 Anzeichen, dass deine Asset-Struktur an ihre Grenzen kommt

Wenn mehrere dieser Punkte auf dein Team zutreffen, braucht ihr nicht automatisch sofort ein neues Tool. Es ist aber ein klares Signal, dass eure Asset-Struktur mit eurem Wachstum nicht mehr mithält.

  • [ ] Niemand weiß sicher, welche Datei die finale Version ist.
  • [ ] Sales fragt regelmäßig nach aktuellen Präsentationen oder baut eigene Versionen.
  • [ ] Marketing produziert Assets neu, obwohl sie schon existieren.
  • [ ] Agenturen, Freelancer oder Partner bekommen Dateien per Slack, WeTransfer oder E-Mail.
  • [ ] Freigaben passieren informell in Chats.
  • [ ] Bildrechte, Lizenzen oder Nutzungszeiträume sind nicht direkt am Asset dokumentiert.
  • [ ] Neue Mitarbeitende brauchen lange, um sich in der Struktur zurechtzufinden.
  • [ ] KI-Tools greifen auf Materialien zu, deren Freigabe, Herkunft oder Kennzeichnung unklar ist.
  • [ ] KI-generierte Assets werden nicht klar gekennzeichnet und können bei der Weiterverarbeitung nicht klar zugeordnet werden.

Welche Strukturen gegen Asset-Chaos helfen

Start-ups brauchen dafür keine Enterprise-Prozesse. Sie brauchen aber früh klare Mindestregeln, damit ihre Asset-Struktur mit dem Unternehmen wachsen kann.

1. Eine zentrale Quelle für freigegebene Assets

Der erste Schritt ist ein klar definierter Ort für freigegebene Medien-Assets. Dort liegen nicht alle Entwürfe, Zwischenstände oder persönlichen Arbeitsdateien, sondern die Materialien, mit denen das Team offiziell arbeiten soll: Logos, Produktbilder, Präsentationen, Templates, Kampagnenmaterialien, Pressedateien, Social Assets und Partnerunterlagen.

Dieser Ort muss aktiv gepflegt werden. Eine zentrale Quelle hilft nur, wenn veraltete Inhalte archiviert und neue Materialien konsequent dort abgelegt werden.

2. Klare Regeln für Versionen und Dateinamen

Start-ups sollten früh festlegen, wie Dateien benannt und versioniert werden: einheitliche Dateinamen, klare Versionsnummern, Datumsangaben und Statusinformationen wie „Entwurf“, „freigegeben“ oder „archiviert“ reichen zu Beginn oft aus.

Entscheidend ist, dass alle dieselbe Logik nutzen. Wenn mehrere Teams, Märkte oder externe Partner beteiligt sind, kann der Blick auf spezialisierte Digital-Asset-Management-Lösungen sinnvoll werden.

3. Rechte und Lizenzen direkt am Asset dokumentieren

Bei Bildern, Videos und anderen Medien sollte direkt am Asset erkennbar sein, wofür eine Datei verwendet werden darf: Kanal, Markt, Zeitraum, Urheber, Lizenztyp oder Einschränkungen. Das spart Abstimmungsaufwand und reduziert das Risiko, Inhalte falsch oder zu lange einzusetzen.

4. Metadaten für bessere Wiederverwendung

Metadaten beschreiben Inhalte so, dass Teams sie später leichter wiederfinden. Dazu gehören zum Beispiel Produkt, Kampagne, Zielgruppe, Format, Sprache, Markt, Nutzungsrecht, Freigabestatus oder Erstellungsdatum. Für wachsende Teams ist das zentral: Ein gutes Asset muss nicht neu produziert werden, wenn es bereits existiert und schnell auffindbar ist.

5. Verantwortlichkeiten definieren

Ohne Zuständigkeiten bleibt Datenpflege eine Aufgabe, die alle wichtig finden und niemand übernimmt. Deshalb sollte klar sein, wer Inhalte freigibt, veraltete Assets archiviert, Lizenzen pflegt und neue Mitarbeitende in die Struktur einführt. Diese Verantwortung muss keine eigene Rolle sein. In frühen Teams reicht oft eine klare Zuständigkeit im Marketing oder Brand Management.

Warum eine saubere Asset-Basis das Wachstum erleichtert

Eine gute Asset-Struktur hilft nicht nur beim Wiederfinden von Dateien. Sie schafft die Grundlage für Prozesse, die später skalieren sollen.

Für Automatisierung bedeutet das: Workflows funktionieren nur zuverlässig, wenn sie auf aktuelle, freigegebene und eindeutig gekennzeichnete Inhalte zugreifen. Automatisierte Kampagnen, dynamische Landingpages oder KI-gestützte Content-Prozesse werden sonst fehleranfällig.

Für Internationalisierung bedeutet es: Teams müssen wissen, welche Assets für welchen Markt, welche Sprache und welchen Nutzungskontext freigegeben sind. Sonst entstehen uneinheitliche Botschaften, falsche Übersetzungen oder lokalisierte Inhalte, die nicht mehr zur aktuellen Positionierung passen.

Auch KI-Suche und KI-gestützte Content-Prozesse profitieren von dieser Grundlage. Wenn Inhalte klar strukturiert, beschrieben und freigegeben sind, lassen sie sich besser durchsuchen, wiederverwenden und in Workflows integrieren. KI wird dann nicht nur zum Generator für mehr Output, sondern arbeitet auf verlässlichen Informationen.

Fazit: Saubere Assets machen Wachstum skalierbarer

KI kann Start-ups schneller machen. Sie ersetzt aber keine saubere Grundlage. Wenn Dateien verstreut, Versionen unklar und Freigaben informell sind, skaliert KI nicht nur Output, sondern auch Fehler und rechtliche Risiken.

Ein sauberes Asset-Setup sorgt dafür, dass Teams schneller arbeiten, Inhalte häufiger wiederverwenden, konsistenter kommunizieren und KI-Tools auf bessere Grundlagen zugreifen. Gerade für Start-ups kann hierin ein Wettbewerbsvorteil liegen: Während etablierte Unternehmen oft über Jahre gewachsene Asset-Strukturen mühsam bereinigen müssen, können junge Teams die richtigen Grundlagen früh und vergleichsweise schlank aufsetzen.

Die Autorin Sabrina Haselbach ist Senior Inbound Marketing Managerin bei pixx.io. Ihr Fokus liegt auf digitalen Marketingprozessen wie Digital Asset Management, Content-Strategie und der Frage, wie sich Marketing in Zeiten von KI zukunftsorientiert aufstellt.

Münchner Robotik-Start-up microagi sammelt 55 Mio. USD ein

Das 2025 gegründete Start-up microagi hat eine Seed-Finanzierung in Höhe von 55 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um die größte Seed-Runde in der Geschichte deutscher Start-ups.

Angeführt wird die Finanzierung vom VC-Fonds Hummingbird, mit Beteiligung von Northzone, LocalGlobe, Village Global und redalpine. Das Unternehmen, das operativ aus München gesteuert wird und rechtlich in Aachen registriert ist, entwickelt die Daten- und Deployment-Plattform "Atlas". Diese soll Industrieunternehmen dabei unterstützen, Roboter schneller, sicherer und präziser in Fabriken zu integrieren.

Aus der Formel 1 in die Fabrikhalle

Gegründet wurde microagi vor rund zehn Monaten im Jahr 2025. Hinter dem Start-up stehen unter anderem ehemalige Formel-1-Ingenieure von Red Bull Racing und Mercedes-AMG Petronas. Der Motorsport prägt dabei die Firmenphilosophie, da es dort primär darum geht, komplexe Maschinen unter Druck verlässlich arbeiten zu lassen.

  • Das Management: Bercan Kilic (CEO) arbeitete zuvor als Aerodynamik-Ingenieur bei Red Bull Racing. Nico Nussbaum fungiert als CTO und leitet die technische Integration bei den Kunden vor Ort.
  • Das Team: Die Belegschaft rekrutiert sich neben Abgängern der ETH Zürich und der TU München aus Mathematik-Olympiasiegern, Raketeningenieuren sowie ehemaligen Mitarbeitern von DeepMind und Apple.
  • Standorte: Neben dem Münchner Hauptsitz betreibt microagi einen globalen Forschungs-Hub in Zürich sowie Büros in London und New York.

Geschäftsmodell und kritische Einordnung

microagi baut weder eigene Roboter noch trainiert das Team eigene Basis-KI-Modelle von Grund auf. Das Start-up positioniert sich bewusst als "Middleware" – eine neutrale Schicht zwischen der Kundeninfrastruktur und fortschrittlichen KI-Modellen.

  • Der Ansatz: Die Plattform Atlas erfasst spezifische Betriebsdaten direkt aus der laufenden Produktion der Kunden. Diese Daten werden in Simulationen vervielfältigt, um KI-Modelle für konkrete Aufgaben feinzujustieren. Anschließend bringen Vor-Ort-Ingenieure von microagi die Roboter zusammen mit Hardware-Partnern wie NVIDIA oder Unitree in die Werkshallen.
  • Die Kontroverse um "Shift": Um an dringend benötigte Trainingsdaten zu gelangen, ging microagi in der Vergangenheit unkonventionelle und teils umstrittene Wege. Über die virale App "Shift" bot das Unternehmen (zunächst in den USA) kostenlose Wohnungsreinigungen an. Der Haken: Die Reinigungskräfte trugen Helmkameras und filmten die Handgriffe aus der Ich-Perspektive. Nutzer tauschten hierbei ihre innerste Privatsphäre gegen eine Dienstleistung – ein datenschutzrechtlicher Drahtseilakt, der verdeutlicht, wie extrem der Hunger der KI-Branche nach realen Bewegungsdaten ist.
  • Skalierbarkeitsrisiko: Die Strategie, sich auf Deployment und Feintuning zu konzentrieren, erspart Industriekunden zwar die Abhängigkeit von einem einzigen Hardware-Anbieter (Vendor Lock-in). Das Risiko liegt jedoch in der Skalierung: Da Ingenieure von microagi physisch bei jedem Kunden vor Ort arbeiten müssen, ähnelt das Modell einem beratungsintensiven Agenturgeschäft. Dies könnte die in der Software-Branche sonst üblichen hohen Margen belasten.

Markteinordnung: Die Wette auf die Reindustrialisierung

Europa droht bei der Automatisierung den Anschluss zu verlieren: Während Europa im Jahr 2024 lediglich 85.000 Fabrikroboter (16 Prozent des globalen Anteils) installierte, verzeichnete China im selben Jahr 295.000 Installationen (54 Prozent). Gleichzeitig stehen europäische Fabriken vor einem massiven demografischen Wandel, da in diesem Jahrzehnt ein Großteil der erfahrenen Belegschaft in Rente geht.

Dass namhafte VCs nun eine solche Summe in ein europäisches Deployment-Unternehmen stecken, ist ein starkes Signal für den Standort. Microagi muss nun beweisen, dass der manuelle Integrationsaufwand in den Fabriken nicht zum Flaschenhals wird. Gelingt dies, könnte das Start-up zu einer der wichtigsten Datenschnittstellen der europäischen Industrie-Robotik werden.

TradeAnyMachine: Bagger, Bieten, B2B

Wie ein WHU-Alumnus den Markt für gebrauchte Baumaschinen digitalisiert.

Das Düsseldorfer Start-up TradeAnyMachine will den Verkauf gebrauchter Baumaschinen für Bauunternehmen lukrativer und sicherer machen. Anstatt Maschinen über lokale Händler*innen an internationale Käufer*innen weiterzureichen und dabei Marge einzubüßen, vernetzt das Unternehmen beide Seiten direkt. Gründer Nils Jacoby verbindet dabei digitales Know-how mit einem engen Draht in die Branche.

Vom Sneaker-Reseller zum B2B-Plattformgründer

Hinter TradeAnyMachine steht ein Gründer, der das Unternehmertum früh für sich entdeckte: Schon mit 14 Jahren baute Nils Jacoby erfolgreich ein Sneaker-Reselling-Geschäft auf. Neben seinem Studium an der WHU gründete er eine Social-Media-Agentur und setzte Kampagnen für Autohäuser von Marken wie Ferrari und Porsche um. Der Impuls zu TradeAnyMachine entstand schließlich aus einem Kundenprojekt im Bau- und Immobilienumfeld. Jacoby erkannte schnell, wie viel Geld Bauunternehmen beim klassischen Verkauf über Zwischenhändler auf der Straße liegen lassen.

Doch der Einstieg des Performance-Marketing-Experten in den traditionsgeprägten Baumaschinensektor war nicht ohne Reibung. „Die Branche hat mir früh klargemacht, dass ein Bauunternehmer nicht auf eine Plattform wechselt, weil sie gut aussieht, sondern weil sie ihm nachweislich einen besseren Preis und einen verlässlichen Prozess bietet“, erinnert sich Jacoby. Man müsse verstehen, wie die Branche tickt – ein intensiver Lernprozess, der für den Gründer im Nachhinein „das Beste war, was passieren konnte“.

Die kapitalintensive erste Entwicklungsphase stemmte er aus eigenen Mitteln und mit Unterstützung des Gründerstipendiums NRW. Der größte Hebel dabei: Jacoby programmierte die Plattform kurzerhand selbst. „Gerade heute, mit KI als Werkzeug, kann ein einzelner Entwickler umsetzen, wofür man vor wenigen Jahren ein ganzes Team gebraucht hätte“, betont der Gründer. Das spare nicht nur Geld, sondern mache das Start-up extrem agil: „Wenn ein Kunde ein Problem meldet, kann die Lösung morgen live sein.“

Die Plattform-Ökonomie im B2B-Check

TradeAnyMachine adressiert den wirtschaftlichen Druck, unter dem viele deutsche Bauunternehmen heute stehen. Die digitale Lösung verkürzt den Zwischenhandel und wird über zwei Säulen abgewickelt:

  • Inserat: Über SellAnyMachine.com können Bauunternehmen ihre gebrauchten Maschinen in wenigen Minuten kostenlos einstellen.
  • Wettbewerb & Netzwerk: Auf BuyAnyMachine.com gehen die Maschinen in ein Auktionsverfahren, bei dem aktuell mehr als 750 vorab geprüfte internationale Händler*innen mitbieten.

Obwohl die Baubranche als wenig digitalaffin gilt, zählen bereits Branchengrößen wie Eiffage-Infra Bau und Bobcat zu den Partnern des Start-ups. Jacoby räumt ein, dass die meisten Konzerne zunächst stutzig reagieren, wenn ein junges Tech-Unternehmen ihre Prozesse übernehmen will. Hochglanz-Präsentationen helfen da wenig. „Überzeugt hat am Ende kein Pitch, sondern das Ergebnis: direkter Verkauf ohne Zwischenhandel, nachweislich bessere Preise und eine komplette Abwicklung durch uns“, stellt Jacoby nüchtern fest. Seine Erkenntnis aus dem B2B-Vertrieb: „Vertrauen gewinnt man bei einem Konzern durch die erste Maschine, die sauber verkauft wird.“

Transaktionsrisiko? Übernimmt das Start-up

Der zentrale USP liegt jedoch im Juristischen: Gegenüber den verkaufenden Bauunternehmen tritt TradeAnyMachine als deutscher Vertragspartner auf. Laut Angaben der Gründer lassen sich durch den direkten internationalen Wettbewerb bis zu 15 Prozent höhere Erlöse erzielen – doch internationale Deals bergen für die Verkäufer oft erhebliche Ausfallrisiken.

„Genau dieses Risiko wollen Bauunternehmen nicht tragen, und deshalb übernehmen wir es“, erklärt Jacoby selbstbewusst. Er schränkt jedoch ein, dass dies keineswegs blind, sondern streng kontrolliert passiere. Die Regel gegen Zahlungsausfälle ist denkbar simpel: „Die Maschine wird erst übergeben, wenn das Geld vollständig bei uns eingegangen ist.“

Auch bei der Haftung für verdeckte Mängel baut das Unternehmen vor. Da gebrauchte Baumaschinen im B2B-Geschäft grundsätzlich unter Ausschluss der Gewährleistung verkauft werden, steht und fällt alles mit der Vorab-Prüfung. Jede Maschine wird vor dem Verkauf akribisch dokumentiert. „Der Verkäufer arbeitet mit uns aus dem Grund, dass er sich um nichts kümmern muss, also müssen unsere Prozesse so sauber sein, dass wir das auch halten können“, resümiert der Unternehmer das eigene Risikomanagement.

Angriff auf die Platzhirsche

Aktuell wird der Markt von großen, etablierten Portalen dominiert. Während klassische Anzeigenportale zwar Reichweite bieten, lassen sie die Verkäufer*innen bei der Abwicklung oft allein. Online-Auktionshäusern mangelt es wiederum oft an Geschwindigkeit und direkter Planbarkeit. Genau in diese Lücke stößt TradeAnyMachine.

Doch ein Plattform-Modell steht und fällt mit der Liquidität auf beiden Seiten – und der Akquise von Nutzer*innen, die oft Unsummen verschlingt. Auf die Frage, wie das Start-up internationale Händler*innen ohne verbranntes Millionenbudget anlockt, hält sich Jacoby bedeckt und deklariert die genaue Strategie als Wettbewerbsvorteil. Er lässt jedoch durchblicken, dass sein Hintergrund im Performance-Marketing hier entscheidend sei: „Wir gewinnen Käufer heute zu einem Bruchteil der Kosten, die im klassischen Marketing dafür üblich wären.“

Das Monetarisierungsmodell ist derweil äußerst transparent aufgesetzt. Für die Verkäufer*innenseite bleibt die Plattform komplett kostenlos, während der/die Käufer*in im Erfolgsfall eine Gebühr von vier Prozent des Kaufpreises zahlt. Jacoby argumentiert pragmatisch: „Der Verkäufer hat keinen Grund, nicht bei uns zu listen, und der Käufer zahlt nur, wenn er tatsächlich eine Maschine erhält.“

Unser Fazit

Für die Start-up-Szene ist TradeAnyMachine ein exzellentes Beispiel dafür, wie sich klassische B2B-Branchen durch zielgerichtete Plattform-Ökonomie modernisieren lassen. Anstatt einen Markt vom Reißbrett neu zu erfinden, digitalisiert der Gründer einen etablierten Wertschöpfungsprozess und löst ein echtes Problem: Margenverlust und Transaktionsrisiko. Diese Marktexpertise, gepaart mit den digitalen Fähigkeiten des Gründers, bildet ein solides Fundament, um das klassische Handels-Dilemma im B2B-Segment aufzubrechen.

Vom Silicon-Valley-Exit zum Solarpark

Thomas Haberl verkaufte sein Start-up für Millionen ins Silicon Valley. Statt Ruhestand wählte er den Neustart als Gründer und Business Angel. Ein Gespräch über Steuern, Exits und Macher-DNA.

Der Traum vieler Start-up-Gründer*innen endet oft mit einem Wort: Exit. Doch was passiert, wenn dieser Traum Realität wird? Thomas Haberl hat genau das erlebt. Er baute den Cloud-Dienst DRACOON auf, gewann Schwergewichte wie die Deutsche Bundesbank sowie Porsche als Kunden und verkaufte das Unternehmen schließlich für einen fast dreistelligen Millionenbetrag ins amerikanische Silicon Valley.

Anstatt es danach dauerhaft locker anzugehen, wählte Haberl die maximale Herausforderung in einer Doppelrolle: Mit seiner beclever Holding GmbH agiert er heute als Business Angel, um gezielt Start-ups in Deutschland beim Wachsen zu unterstützen. Parallel gründete er OHANA Invest, ein Unternehmen, über das Privatinvestor*innen innerhalb von nur zwei Jahren bereits mehr als 100 Mio. € in knapp 120 Megawatt erneuerbare Energie investiert haben. Ein bemerkenswerter Weg – vor allem, wenn man bedenkt, dass Haberl einst sowohl das Gymnasium als auch sein Studium abgebrochen hat.

Im Interview spricht er darüber, wie man nach dem Millionen-Geldregen nicht den Verstand verliert, warum Steuern plötzlich zur wichtigsten CEO-Aufgabe werden und nach welchen harten Kriterien er heute selbst investiert.

Der ungerade Lebenslauf & harte B2B-Sales-Alltag

StartingUp: Herr Haberl, Sie haben das Gymnasium und danach das Studium abgebrochen – am Ende stand der Mega-Exit in die USA. Was hat Ihnen dieser „Mangel“ an klassischer akademischer Prägung im echten Gründeralltag gebracht, was man an keiner Business School lernt?

Thomas Haberl: Richtig, ich habe das Gymnasium wegen Latein abgebrochen und dann über den Umweg Realschule und Fachoberschule das Fachabitur im technischen Bereich gemacht. Im Nachgang eine wichtige und richtige Entscheidung, weil Schule mit etwas mehr Praxis Spaß gemacht hat. Mein Studium der Mikrosystemtechnik war für mich insofern wichtig, um zu sehen, was ich mein ganzes Leben lang nicht machen will.

Durch diese „Umwege“ bin ich pragmatisch geworden und habe früh gelernt, Dinge auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen, statt auf den perfekten Plan zu warten. Vertrieb, Verhandeln, Kundenverständnis – das habe ich mir alles mit Ferienjobs (z. B. im Sportschuhverkauf) und später in Ausbildung und Job im IT-Systemhaus selbst beigebracht; nicht im Seminar gelernt.

Und ich war schon immer stark an der Frage interessiert, warum Firmen und Geschäftsmodelle funktionieren. Meine ersten Aktien habe ich beispielsweise mit 15 Jahren zusammen mit meinem Vater gekauft – ich habe Investorenpräsentationen gelesen und versucht, sie zu verstehen: „Warum, verdammt noch mal, sind manche Firmen so erfolgreich oder [noch] erfolgreicher als andere?“.

Diese Neugier, plus die Bereitschaft, einfach loszulegen, ersetzt im Gründeralltag mehr Theorie, als man denkt. Dazu ein einfacher Vergleich: Will ich ein guter Fußballer werden, bringen mir Bücher, Lehrmaterial und Schulungen wenig, wenn ich nicht selbst spiele und den Drang habe, mich zu verbessern. Dazu gehört auch Hinfallen, Verlieren oder Scheitern, um danach aufzustehen und es besser zu machen.

StartingUp: Vor DRACOON hatten Sie auch Ideen, die trotz Auszeichnungen – wie beim Tchibo-Wettbewerb – mangels Serienfertigung im Sande verliefen. Wann wird aus gesundem Optimismus gefährliche Sturheit, und woran merkt man, dass es Zeit ist, ein geliebtes Produkt sterben zu lassen?

Thomas Haberl: Gefährlich wird Optimismus dann, wenn man sich mehr in die eigene Idee verliebt als in den tatsächlichen Markt, die Kunden und die Zahlen. Als Gründer braucht man natürlich Ausdauer, sonst kommt man nicht weit. Aber man muss regelmäßig ehrlich prüfen: Ist das aktuell wirklich noch die attraktivste Option? Gibt es echten Kundennutzen, wiederholbare Umsätze und einen belastbaren Business Case?

Wichtig ist auch, sich nicht mit zu vielen Themen parallel zu verzetteln. Fokus ist manchmal schmerzhaft, aber heilig. Bei DRACOON haben wir das Geschäftsmodell mehrfach hinterfragt, geändert und neu ausgerichtet. Wir haben sogar einen großen Teilbereich verkauft und uns danach konsequent auf den Filecloud-Service konzentriert. Das waren keine einfachen Entscheidungen, auch nicht mit den Investoren. Aber genau diese Klarheit war am Ende entscheidend.

Ein Produkt muss man sterben lassen, wenn die Fakten dauerhaft gegen die eigene Hoffnung sprechen. Wenn Markt, Zahlen und Skalierbarkeit nicht zusammenpassen, dann ist Loslassen keine Niederlage, sondern eine unternehmerische Stärke. Um es am Beispiel „Toiletten-Produkt“ (wir nannten es übrigens WC-Finish) klar zu benennen: WC-Finish war eine extrem spannende Option, nur war DRACOON zu dem Zeitpunkt auch schon gestartet und wir hatten bereits erste konkrete Erfolge auf der Kundenseite. Plus: Ein Cloudservice lässt sich schöner und schneller skalieren als ein Produkt, welches mit hohem Kapitaleinsatz gefertigt werden muss. Auch stand das Gründerteam bei DRACOON fest und war extrem stark, ebenfalls einer der wichtigsten Punkte. Deshalb war die Entscheidung richtig und zum Glück nun auch rückblickend richtig!

StartingUp: Mit DRACOON haben Sie Großkonzerne wie die Bundesbank oder Porsche gewonnen. Welchen konkreten Hebel nutzen Sie, um als anfangs kleines Start-up extreme Compliance-Hürden zu knacken und das Vertrauen solcher Giganten zu gewinnen?

Thomas Haberl: Der wichtigste Hebel war aus meiner Sicht persönlicher Einsatz und echte Verbindlichkeit. Gerade als kleines, noch unbekanntes Unternehmen muss man Großkunden Sicherheit geben. Bei uns hieß das: Der Gründer ist persönlich vor Ort, erreichbar und steht mit seinem Namen dafür ein, dass das Projekt erfolgreich wird. Nicht nur bis zur Unterschrift, sondern gerade auch danach bei Einführung, Rollout und Nutzung.

Wir haben Kunden deshalb sehr eng begleitet, oft mit den besten Leuten direkt vor Ort in Deutschland. Unser Ziel war nicht, einfach Software zu verkaufen, sondern am Ende eine Lösung zu schaffen, mit der die Nutzer wirklich gerne arbeiten. Wenn man das bei den ersten großen Kunden mit 120 Prozent Einsatz schafft, wird es später deutlich leichter, weil genau diese Kunden zu starken Referenzen werden.

Ein weiterer pragmatischer Hebel war unser Land-and-Expand-Ansatz. Wir sind oft mit einem klaren, einfachen und vergleichsweise kostengünstigen Einstieg gestartet und haben dann gemeinsam mit dem Kunden weitere Use Cases aufgebaut. Parallel haben wir sehr konsequent gefragt: Welche Zertifizierungen, SLAs, Datenschutz- und Sicherheitsstandards müssen wir aus Deutschland heraus liefern, damit Großkunden, Banken oder die öffentliche Hand möglichst keine Sonderkonstruktionen mehr brauchen?

Am Ende braucht es eine klare Mission, die dem Kunden echten Mehrwert liefert und Vertrauen schafft. Dass dieser Ansatz funktioniert hat, zeigen für mich zwei Kennzahlen besonders gut: eine extrem niedrige Churn-Rate von unter zwei bis drei Prozent pro Jahr und eine Net Retention von über 120 Prozent. Das heißt: Kunden sind geblieben und haben im Bestand sogar deutlich ausgebaut.

Später haben wir dann in den passenden Branchen weiter skaliert, etwa 650 Volks- und Raiffeisenbanken, mehr als 500 Städte und Landkreise und mehr als 500 Kliniken als Beispiel.

Das Haifischbecken & das Loch nach dem Millionen-Deal

StartingUp: Ein zentrales Learning von Ihnen lautet: „Investoren sind oft deine Gegenspieler, nicht deine Freunde.“ Warum wird jungen Start-ups dann oft immer noch suggeriert, das Einsammeln von Risikokapital sei der ultimative Ritterschlag?

Thomas Haberl: Ich würde den Satz bewusst etwas zuspitzen, aber nicht falsch verstanden wissen: Investoren sind nicht automatisch schlechte Partner. Aber Gründer und Investoren haben oft strukturell unterschiedliche Interessen. Gründer denken meist in Produkt, Kunden, Team, Kultur und langfristigem Unternehmensaufbau. Investoren denken zwangsläufig auch in Fondslogik, Rendite, Exit-Fenstern und Portfolio-Mechanik. Das kann zusammenpassen, muss es aber nicht.

Gleichzeitig wäre es falsch zu sagen, dass externes Kapital grundsätzlich schlecht ist. Viele Geschäftsmodelle lassen sich ohne Investorengeld gar nicht oder nicht schnell genug aufbauen. Entscheidend ist aber, dass Gründer sehr strategisch damit umgehen. Investorengeld ist kein Geschenk, sondern ein Deal. Man kauft sich Geschwindigkeit, gibt dafür aber fast immer auch Kontrolle, Flexibilität und manchmal Ruhe ab. Genau deshalb baue ich OHANA Invest heute bewusst anders auf: mit eigenem Kapital, ohne Fremdbestimmung, mit selbstbestimmtem Tempo und mit noch stärkerem Fokus auf Team, Sinnhaftigkeit und Spaß an dem, was wir tun.

Gerade junge Gründer sollten also ihren eigenen Wert kennen. Sie sollten regelmäßig im Gründerteam den Businessplan, die Liquidität und die nächsten Meilensteine prüfen. Lieber etwas mehr Liquidität einplanen, als sich später aus Druck in eine schlechte Verhandlungsposition bringen zu lassen. Besonders in Deutschland und Europa sind Bewertungen oft deutlich niedriger als in den USA. Umso wichtiger ist es, den Markt zu kennen, Benchmarks zu suchen und sich nicht unter Wert zu verkaufen, nur weil die absoluten Finanzierungsbeträge groß klingen.

Warum wird Fundraising trotzdem oft als Ritterschlag gefeiert? Weil es einfach und, wenn ich ehrlich bin, „schon auch geil“ zu kommunizieren ist. „Start-up sammelt fünf Millionen Euro ein“ ist eine gute Schlagzeile. Schwieriger zu feiern ist: „Start-up wächst sauber, arbeitet profitabel, hält Kunden glücklich und bleibt selbstbestimmt.“ Dabei wäre das unternehmerisch gesehen oft der größere Erfolg.

Mein Rat ist deshalb: Holt euch früh erfahrene Mentoren oder Business Angels an die Seite, die solche Situationen schon erlebt haben und euch bei Bewertung, Verhandlung und Strategie ehrlich spiegeln.

StartingUp: Der Exit wird in der Szene oft romantisiert, doch viele fallen danach in ein tiefes mentales Loch. Hand aufs Herz: Wie sah Ihr „Tag 1“ nach dem Millionen-Deal aus, als die alte Aufgabe plötzlich wegfiel?

Thomas Haberl: Ganz ehrlich: Man kann diesen Moment gar nicht richtig fassen, bis das Geld wirklich auf dem Konto ist. Vorher ist man noch komplett im Deal-Modus. Es kann theoretisch immer noch etwas schiefgehen, es gibt Verträge, Abstimmungen, letzte Fragen, Emotionen. Und dann ist es plötzlich passiert.

Worüber aus meiner Sicht zu wenig gesprochen wird: Zwischen einem großen Exit-Betrag in der Überschrift und dem Betrag, der nach vielen Jahren Schweiß, Stress, Investorenrunden und Mitarbeiterbeteiligungen tatsächlich beim Gründer ankommt, liegt oft eine große Differenz. Das ist nicht falsch, denn Investoren, Management und wertvolle Kolleginnen und Kollegen tragen natürlich auch zum Erfolg bei. Aber Gründer sollten sehr genau auf ihre Anteile, Bewertungen und Verwässerung achten. Nur weil absolute Summen groß klingen, heißt das nicht automatisch, dass man sich nicht unter Wert verkauft.

Bei mir war der Exit kurz vor den Weihnachtsferien. Das war im Nachhinein ein Glück, weil ich etwas Zeit hatte, das in Ruhe zu verarbeiten. Und ja, ich kann bestätigen, was viele Gründer berichten: Nach diesem extremen Stress fällt der Körper manchmal einfach runter. Ich lag danach auch erst einmal richtig flach.

Ich habe mir dann bewusst sechs Monate Auszeit genommen, unter anderem einen Segeltörn mit Freunden gemacht, und mir die Frage gestellt: Was mache ich jetzt eigentlich Schönes? Was motiviert mich wirklich? Und was ist die beste Option für die nächste Lebensphase? Angenehm war natürlich, dass ich diese Entscheidung nicht mehr primär aus finanziellem Druck treffen musste.

Entstanden ist daraus OHANA Invest. Ich bin Ende 40, habe Familie und zwei Kinder. Mir ist wichtig, dass wir die Energiewende in Deutschland zu einem guten Ende bringen und uns nicht weiter von fossilen Energien und unberechenbaren Ländern abhängig machen. Ich bin kein Typ, der nur jammert. Ich packe lieber an, investiere direkt in Deutschland, baue ein starkes Team auf und gebe wieder alles für unsere Kunden. Nur diesmal mit noch mehr Freiheit, Sinnhaftigkeit und Freude an dem, was wir tun.

StartingUp: Sie betonen, dass Gründer*innen nach dem Exit vor allem Steuern im Blick haben sollten. Wo liegt in der Praxis die größte steuerliche Falle, die meistens viel zu spät bedacht wird?

Thomas Haberl: Die größte Falle ist, dass die steuerlichen Weichen oft viel zu spät gestellt werden. Viele Gründer beschäftigen sich erst damit, wenn der Deal schon sehr konkret ist. Dann ist es aber häufig zu spät, weil die Beteiligungsstruktur eigentlich schon bei der Gründung oder zumindest Jahre vor einem Exit sauber geplant werden sollte.

Der Klassiker ist die Frage: Halte ich meine Anteile privat oder über eine Holding? Der Unterschied kann enorm sein. Eine Holding kann steuerlich sehr attraktiv sein, wenn das Geld dort bleibt und weiter investiert wird. Aber sie ist eben auch ein Wertspeicher für neue unternehmerische Aktivitäten und nicht automatisch privates Vermögen, das man einfach frei genießen kann. Deshalb sollte man sich früh ehrlich fragen: Wie viel Vermögen möchte ich langfristig in einer Holding halten, und wie viel möchte ich bewusst auch privat aufbauen?

Viele unterschätzen außerdem, wie wichtig Liquiditätsplanung nach dem Exit ist. Steuerlast, Earn-outs, Ratenzahlungen, Reinvestitionen und private Vermögensstruktur müssen zusammen gedacht werden. Ein wichtiger Rat wäre deshalb: Steuerliche Planung gehört vor den Deal, nicht danach. Und sie gehört in fachkundige Hände wie Steuerberater und Spezialisten mit dieser Expertise. Man sollte nicht nur auf den großen Kaufpreis schauen, sondern auf den Netto-Erlös, die eigene Lebensplanung und die Frage, wie man danach sinnvoll Vermögen aufbaut.

Für Gründer, die keine Holding haben, das Thema zu spät angegangen sind oder sich bewusst für eine Beteiligung auf privater Ebene entschieden haben, gibt es je nach Situation trotzdem Gestaltungsmöglichkeiten. Mit OHANA Invest unterstützen wir erfolgreiche Exit-Unternehmer genau bei dieser Frage – immer in Abstimmung mit ihren Steuerberatern und Spezialisten. Clevere Investitionen in erneuerbare Energien können unter bestimmten Voraussetzungen hohe Abschreibungen ermöglichen und sich dadurch steuerlich positiv auswirken. Aber auch das muss rechtzeitig geplant werden. Sonst gerät man erneut unter Zeitdruck und trifft möglicherweise Entscheidungen, die steuerlich oder wirtschaftlich nicht optimal sind.

Ich selbst habe meine Investitionen nach dem Exit bewusst breit gestreut: Immobilien, ein Bereich, in dem ich schon seit meinem 25. Lebensjahr aktiv bin, insbesondere Denkmalimmobilien mit attraktiven Abschreibungsmöglichkeiten; dazu der Aktienmarkt, ein langfristig ausgerichtetes Depot mit laufenden Auszahlungen, ein kleines Spaß-Depot – und natürlich Investitionen in erneuerbare Energien. Für mich ist genau diese Mischung wichtig: solides Vermögen aufbauen, Chancen nutzen, steuerliche Effekte sauber einordnen und trotzdem Freude daran haben, was mit dem eigenen Kapital entsteht.

Die Doppelrolle: Operativer Gründer vs. Business Angel

StartingUp: Anstatt sich auszuruhen, haben Sie direkt OHANA Invest und die beclever Holding als Business-Angel-Vehikel gestartet. Warum tun Sie sich den operativen Stress nochmal an, und wie entscheiden Sie morgens, welchen Hut Sie aufsetzen?

Thomas Haberl: Nach dem Exit wollte ich nicht nur Investor sein, sondern wieder Unternehmen bauen. OHANA Invest hat nach dem Start so viel Spaß gemacht, dass ich es ehrlich gesagt gar nicht wirklich als klassische Arbeit empfinde. In Deutschland ist „Arbeit“ oft negativ belegt. Bei mir ist es eher Passion. Ich mache das gern, und vielleicht funktioniert es gerade deshalb so gut.

Ausgangspunkt war meine eigene Frage: Wohin mit Kapital nach einem Exit? Für mich waren reale Sachwerte und erneuerbare Energien eine sehr naheliegende Antwort – wirtschaftlich sinnvoll, steuerlich spannend und gesellschaftlich relevant. Daraus ist gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Roland Kufner OHANA Invest entstanden. Der Reiz, wieder selbst etwas aufzubauen, ein starkes Team zu formen und die Richtung selbst zu bestimmen, war einfach größer als der Wunsch, mich entspannt zurückzulehnen.

Besonders schön ist, dass auch einige ehemalige Kolleginnen und Kollegen wieder zu mir gestoßen sind. Etwas augenzwinkernd sage ich manchmal: Der Papa hat gerufen und die Kinder sind gefolgt. Aber im Kern zeigt das natürlich, wie wertvoll und vertrauensvoll die frühere Zusammenarbeit war. Wenn Menschen, mit denen man schon einmal intensiv gebaut hat, wieder mitgehen, ist das ein sehr starkes Zeichen.

Der Track Record spricht bisher auch für sich: Im ersten Jahr haben wir rund 60 Millionen Euro in erneuerbare Energien vermittelt. Im zweiten Jahr liegen wir voll auf Kurs in Richtung 120 Millionen Euro. Gleichzeitig haben wir das Team in den letzten Monaten auf rund 15 Mitarbeitende ausgebaut. Das fühlt sich für mich schon wieder sehr nach Start-up an – nur diesmal mit mehr Erfahrung, mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung.

Die beclever Holding als Business-Angel-Vehikel kommt die letzten Monate im Alltag aktuell ehrlicherweise etwas zu kurz. Aber auch das ist eine bewusste Entscheidung. Ich habe mich im ersten Schritt auf das Wichtigste fokussiert: das eigene, extrem erfolgreiche Start-up OHANA Invest. Die Business-Angel-Aktivitäten werde ich ab 2027 wieder intensiver angehen. Morgens entscheide ich also nicht jeden Tag neu zwischen zehn Hüten, sondern frage mich sehr pragmatisch: Wo entsteht gerade der größte Wert? Und aktuell ist die Antwort ziemlich klar: OHANA Invest.

StartingUp: Mit OHANA Invest investieren Sie in erneuerbare Energien und nutzen offen den steuerlichen Investitionsabzugsbetrag (IAB). Hand aufs Herz: Ist das Investment in Solarparks für Ihre Anleger*innen grüner Idealismus oder schlicht die intelligenteste Methode zur Steueroptimierung?

Thomas Haberl: Für mich ist das kein Widerspruch, sondern genau der Punkt: Es ist beides. Natürlich ist der Investitionsabzugsbetrag ein steuerlicher Vorteil. Der deutsche Staat setzt damit bewusst einen Anreiz, damit Unternehmer und vermögende Investoren Kapital in produktive Investitionen im eigenen Land lenken. Genau dafür ist dieses Instrument da.

Man muss aber nüchtern sagen: Es ist am Ende vor allem eine Steuerverlagerung, keine Steuervermeidung. Der Investor reduziert heute seine Steuerlast, zahlt aber später auf die laufenden Gewinne des Solarparks wieder Steuern. Wenn das Projekt gut läuft, entstehen über die gesamte Laufzeit sogar erhebliche Steuereinnahmen – nur eben verbunden mit echter Wertschöpfung.

Und diese Wertschöpfung findet direkt in Deutschland statt: Ein Solarpark wird geplant, gebaut, finanziert, gewartet und betrieben. Es werden Materialien gekauft, Dienstleister beauftragt, Steuerberater, Gutachter, Banken und Projektentwickler eingebunden. Danach erzeugt die Anlage über Jahrzehnte Strom in Deutschland. Das ist für mich ein positiver Kreislauf: Ein steuerlicher Anreiz sorgt dafür, dass privates Kapital in reale Infrastruktur fließt, statt nur in abstrakte Finanzprodukte.

Persönlich sehe ich das auch sehr bewusst aus Dankbarkeit. Deutschland hat mir sehr viel ermöglicht. Ich zahle gerne Steuern, wenn ich erfolgreich bin. Gleichzeitig würde ich mir natürlich wünschen, dass die Politik mit Steuergeld oft noch effizienter und klüger umgeht. Wenn ich über Investitionen in erneuerbare Energien selbst steuern kann, dass Kapital in sinnvolle Projekte in Deutschland fließt, dann ist das aus meiner Sicht eine sehr gute Kombination.

Deshalb ist ein Solarpark-Investment für mich weder reiner grüner Idealismus noch reine Steueroptimierung. Es ist eher cleveres Investieren mit Wirkung: Der Anleger profitiert wirtschaftlich und steuerlich, Deutschland bekommt Investitionen, Wertschöpfung und saubere Energie. Und vielleicht sollten wir auch öfter einmal leise Danke sagen, dass es erfolgreiche Unternehmer gibt, die Deutschland nicht den Rücken kehren, sondern ihr Kapital hier wieder investieren.

Der Blick auf den Standort & Tipps für Gründer*innen

StartingUp: Nach Ihrem Exit ins Silicon Valley investieren Sie mit der beclever Holding bewusst in Start-ups, die in Deutschland wachsen sollen. Was entgegnen Sie dem Dauerkritik-Chor, der den Standort Deutschland wegen Bürokratie komplett abschreibt?

Thomas Haberl: Ich halte nichts davon, den Standort Deutschland pauschal abzuschreiben. Ja, wir haben Bürokratie, langsamere Prozesse und oft schlechtere Rahmenbedingungen als die USA. Aber wer nur jammert, übersieht auch, was sich in den letzten Jahren positiv entwickelt hat.

Start-ups funktionieren in Deutschland heute deutlich besser als noch vor 15 oder 20 Jahren. Als wir DRACOON gegründet haben, war das Ökosystem viel kleiner. Es gab weniger erfahrene Gründer, weniger Business Angels, weniger Netzwerke und weniger Menschen, die schon einmal ein Unternehmen skaliert, finanziert oder verkauft hatten. Genau das verändert sich gerade. Es entstehen immer mehr erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihre Erfahrung und ihr Kapital wieder einbringen. Und genau diese Erfahrungsdichte ist einer der Gründe, warum auch das Silicon Valley so stark geworden ist.

Natürlich müssen wir ehrlich sein: Bei sehr kapitalintensiven Themen können Deutschland und Europa aktuell oft nicht mit den USA mithalten. Dort gibt es einen viel tieferen Kapitalmarkt, mehr Risikobereitschaft und größere Finanzierungsrunden. In Europa sind wir da teilweise immer noch seltsam gehemmt. Nur weil der Neue Markt einmal schiefgegangen ist, darf Kapitalmarktfinanzierung für Wachstumsunternehmen nicht dauerhaft ein rotes Tuch bleiben. Wir brauchen aus meiner Sicht viel stärkere europäische Wachstumsmärkte, im besten Fall eine Art europäische Nasdaq. Und wir brauchen mehr langfristiges Kapital, etwa über Staatsfonds oder private Altersvorsorge-Modelle, die gezielt auch in deutsche und europäische Zukunftsunternehmen investieren.

Ein riesiger Hebel wäre außerdem die öffentliche Hand. Warum dauern Beschaffungsprozesse im Zeitalter von Internet, Cloud und KI oft viele Monate oder sogar Jahre? Gerade Start-ups könnten dem Staat bei Digitalisierung, Sicherheit, Energie, Bildung oder Verwaltung enorm helfen. Dafür bräuchte es aber schnellere, mutigere und Start-up-freundlichere Vergabeprozesse.

Und ja, etwas weniger Bürokratie, bessere Mitarbeiterbeteiligungen, einfachere Gründungsprozesse und ein Arbeitsrecht, das für junge Wachstumsunternehmen praktikabler ist, würden natürlich helfen. Aber trotz allem bleibe ich optimistisch. Deutschland hat starke Ingenieure, gute Ausbildung, verlässliche Strukturen, viel Kapital im privaten Bereich und immer mehr Gründer mit echter Erfahrung. Wir müssen nur aufhören, uns kleiner zu machen, als wir sind.

StartingUp: Wenn Sie heute einen Start-up-Pitch lesen: Bei welchen drei konkreten „Red Flags“ löschen Sie die E-Mail sofort?

Thomas Haberl: Ich lösche nicht sofort, nur weil ein Pitch noch nicht perfekt aussieht. Gerade bei frühen Start-ups darf viel unfertig sein. Aber es gibt drei Red Flags, bei denen ich sehr schnell skeptisch werde.

Die erste ist ein Gründerteam ohne echte Energie und Durchsetzungswillen. Am Ende investiert man bei frühen Teams vor allem in Menschen. Wenn ich nicht spüre, dass da Begeisterung, Geschwindigkeit, klare Rollen und der Wille zum Durchbeißen vorhanden sind, wird es schwierig. Eine gute Idee alleine gewinnt gar nichts. Ein starkes Team kann dagegen auch eine mittelgute Idee noch sehr weit bringen.

Die zweite Red Flag sind Geschäftsmodelle, bei denen Monetarisierung eher Hoffnung als Plan ist. Also viel Reichweite, viele Nutzer, schöne Vision, aber keine klare Antwort auf die Frage: Wer zahlt wofür, wie oft und warum dauerhaft? Ich mag Modelle mit wiederkehrenden Umsätzen, Stammkunden, Abos oder zumindest klarer Wiederkaufslogik. Wenn jeder Euro Umsatz jedes Mal neu und mühsam erkämpft werden muss, muss das Team schon sehr genau erklären können, warum daraus trotzdem ein gutes Unternehmen entstehen soll.

Die dritte Red Flag ist fehlende Schärfe in Vertrieb und Positionierung. Viele Start-ups wollen am Anfang alles für alle sein. Das klingt groß, ist aber meistens gefährlich. Ich suche eher Teams, die eine klare Alleinstellung haben und diese mutig in den Markt tragen. Das muss kein Patent und keine bahnbrechende technische Innovation sein. Es kann auch ein Feature, ein Kundennutzen, ein Vertriebsansatz oder eine Zielgruppe sein, die der Wettbewerb unterschätzt. Entscheidend ist: Das Team muss wissen, wofür es steht, warum Kunden das wirklich wollen und wie es genau dort gewinnen will.

Kurz gesagt: Wenn Team, Monetarisierung und Vertriebsfokus nicht stimmen, wird aus einer schönen Pitch-Präsentation meistens kein starkes Unternehmen.

StartingUp: Zum Abschluss: Welchen ungemütlichen Rat möchten Sie der StartingUp-Community mitgeben, wenn es um die Entscheidung zwischen „Wachstum um jeden Preis“ und „organischer Stabilität“ geht?

Thomas Haberl: Mein ungemütlicher Rat wäre: Vergesst nie, dass am Ende ihr als Gründer oder Gründerteam entscheidet – und damit auch die Verantwortung tragt. Nicht die Investoren, nicht der Markt, nicht die Berater und auch nicht die nächste Finanzierungsrunde nehmen euch diese Verantwortung ab.

Deshalb müsst ihr euch regelmäßig ehrlich prüfen: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Trägt unser Geschäftsmodell wirklich? Machen wir die Kunden glücklich? Entsteht echter Unternehmenswert oder laufen wir nur einer schönen Wachstumsstory hinterher? Diese Fragen sind unbequem, aber genau sie entscheiden am Ende darüber, ob ein Unternehmen stabil und wertvoll wird.

Wachstum ist wichtig, aber Wachstum ohne Klarheit kann gefährlich werden. Manchmal besteht die wichtigste unternehmerische Leistung nicht darin, noch mehr Gas zu geben, sondern rechtzeitig zu fokussieren, etwas zu stoppen oder eine harte Entscheidung zu treffen.

Am Ende gewinnt nicht automatisch das lauteste, schnellste oder bestfinanzierteste Start-up. Am Ende gewinnt das starke und clevere Gründerteam, das Verantwortung übernimmt, die Realität akzeptiert und trotzdem mutig weiterbaut. Genau deshalb heißt meine Holding auch ganz bewusst „beclever“.

StartingUp: Danke, Thomas Haberl, für die spannenden Insights.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Hinweis der Redaktion: Dieses Interview stellt keine steuerliche Beratung oder Anlageempfehlung dar. Investitionen in Anlageprodukte bergen Risiken. Bitte konsultieren Sie vor finanziellen Entscheidungen stets einen qualifizierten Steuer- oder Finanzberater.

Die Teambuilding-Illusion

Warum die meisten Teambuilding-Spiele nichts verändern, und die drei Hebel, die wirklich wirken.

Du kennst die Listen. „Die 40 besten Teambuilding-Spiele.“ „Top 50 fürs Office.“ Immer dieselben Klassiker: zwei Wahrheiten, eine Lüge. Die Büro-Olympiade. Der virtuelle Escape Room.

Und trotzdem passiert immer wieder dasselbe: Das Team spielt brav mit, alle lachen an den richtigen Stellen, und am Montag danach ist alles wie vorher. Kein bisschen mehr Vertrauen. Nur eine Stunde, die weg ist.

Das liegt nicht an den Spielen. Es liegt daran, dass fast niemand versteht, warum ein Spiel überhaupt wirkt. Wer das versteht, wählt nie wieder ein Spiel nach dem Motto „klingt lustig“ aus, sondern gezielt nach dem, was das Team gerade braucht. Genau darum geht es hier: die drei psychologischen Hebel dahinter, jeweils mit dem Praxis-Transfer für den Alltag, auch für verteilte Teams.

Zuerst die unbequeme Zahl: die Fun-Falle

Bevor du ein einziges Spiel auswählst, solltest du eine Studie kennen, die kaum jemand zitiert. Leadership IQ hat 2025 rund 6.800 Führungskräfte und Mitarbeitende befragt. Fast die Hälfte gab an, dass klassische, verordnete Teambuilding-Aktivitäten sie eher unwohl fühlen lassen oder als aufgesetzt empfinden. Nicht „war ganz nett“, sondern aktiv unangenehm.

Der Grund dahinter hat einen Namen: psychologische Reaktanz. Der Psychologe Jack Brehm hat sie schon 1966 beschrieben. Sobald Menschen spüren, dass ihre Freiheit eingeschränkt wird, etwa durch verordneten Spaß, kippt die Motivation ins Gegenteil. Aus „ich mache mit“ wird innerer Widerstand, auch wenn nach außen alle mitlachen.

Die erste Lektion, noch vor jeder Spielauswahl:

  • Ein Teambuilding-Spiel kann nur dann Vertrauen aufbauen, wenn die Teilnahme sich freiwillig anfühlt.
  • Der Moment, in dem es zur Pflichtübung wird, arbeitet gegen dich.
  • Kündige den Rahmen an, nicht das Ergebnis. „Wir nehmen uns Zeit füreinander“ zieht, „heute wird zusammengeschweißt“ erzeugt Reaktanz.

Hebel 1: Die Vulnerabilitäts-Schleife

Die meisten Menschen glauben, Vertrauen funktioniere wie fester Boden: erst Vertrauen aufbauen, dann sich öffnen. Erst sicher, dann verletzlich.

Der Autor Daniel Coyle zeigt in „The Culture Code“, dass die Wissenschaft das Gegenteil belegt. Es läuft andersherum. Nicht Vertrauen führt zu Offenheit, sondern Offenheit führt zu Vertrauen. Coyle nennt das die Vulnerabilitäts-Schleife:

  • Person A zeigt eine kleine Verletzlichkeit („ehrlich gesagt weiß ich hier auch nicht weiter“).
  • Person B empfängt das Signal und antwortet mit einer eigenen Verletzlichkeit statt mit Überlegenheit.
  • Beide sind sich näher. Die Schleife hat sich geschlossen.

Interessant wird es im Kopf: Die Amygdala gilt als Angstzentrum, doch die neuere Forschung zeigt, dass sie auch soziale Zugehörigkeits-Signale verarbeitet. Ein ehrliches „ich auch nicht“ ist so ein Signal. Es senkt die Wachsamkeit und macht Kooperation überhaupt erst möglich. Deshalb zündet „zwei Wahrheiten, eine Lüge“ manchmal und manchmal nicht: Erzählt jemand drei belanglose Fakten, passiert nichts. Zeigt jemand etwas Echtes, entsteht in Sekunden mehr Nähe als in Wochen Meetings.

Und der wichtigste Punkt für dich als Gründerin oder Gründer: Die Wirkung ist am größten, wenn die Führung zuerst geht. Wir sind hierarchische Wesen. Wenn ausgerechnet die Chefin als Erste ein Signal von Fehlbarkeit sendet („den Teil habe ich damals komplett falsch eingeschätzt“), ist das eine der stärksten vertrauensbildenden Handlungen überhaupt. Das Team folgt dem Signal, nicht der Aufforderung.

Remote gedacht: Verteilte Teams haben kaum spontane Momente, in denen so etwas nebenbei entsteht. Also baue sie bewusst ein:

  • Starte Calls mit einer echten Zwei-Minuten-Frage, nicht mit dem Status. „Woran bist du diese Woche fast verzweifelt?“ schlägt „Wie ist der Stand?“.
  • Geh als Erste in die Kamera-Ehrlichkeit. Im Video wirkt ein zugegebener Fehler noch stärker, weil alle das Gesicht sehen.
  • Nutze auch schriftliche Kanäle. Ein ehrlicher Satz im Team-Chat traut sich mancher eher als vor 12 Kacheln.

Hebel 2: Psychologische Sicherheit, richtig verstanden

Der zweite Hebel ist der am besten belegte, und der am meisten missverstandene. Googles Project Aristotle untersuchte ab 2012 rund 180 Teams und fand die psychologische Sicherheit als stärksten Faktor. So weit, so bekannt.

Was fast alle weglassen: Woran erkennt man sie eigentlich? Hier kommt eine Studie ins Spiel, die selbst viele Profis nicht kennen. Anita Woolley und Kollegen wiesen 2010 in „Science“ einen messbaren Faktor kollektiver Intelligenz nach, den sogenannten c-Faktor. Das Überraschende: Er hängt kaum vom IQ der klugen Köpfe ab. Er hängt an zwei beobachtbaren Dingen:

  • Die Redeanteile sind ausgeglichen. In guten Teams reden über ein Gespräch hinweg alle etwa gleich viel, nicht ein oder zwei dominieren.
  • Die soziale Sensibilität ist hoch. Die Mitglieder lesen die Stimmung und Emotionen der anderen gut.

Das ist die praktische Übersetzung von psychologischer Sicherheit. Sie ist kein Gefühl, das man beschwört, sondern ein Verhalten, das man messen und fördern kann. Ein Teambuilding-Format wirkt genau dann, wenn es diese beiden Dinge trainiert.

Auch Amy Edmondson, auf deren Arbeit Google aufbaute, hat einen kontraintuitiven Ursprung. Als Doktorandin untersuchte sie 1999 Klinik-Teams und erwartete, dass die besseren Teams weniger Fehler machen. Sie fand das Gegenteil: Die besseren Teams meldeten mehr Fehler. Nicht weil sie schlechter arbeiteten, sondern weil sie sich sicher genug fühlten, Fehler offen anzusprechen. Genau das willst du herstellen.

Konkret förderst du das so:

  • Wähle Formate, in denen jeder dran ist, nicht nur die Lauten. Reihum-Runden schlagen offene Zurufe.
  • Belohne das Ansprechen von Problemen sichtbar, statt nur Erfolge zu feiern.
  • Achte auf die Stillen. Wer in drei Runden nichts gesagt hat, ist nicht einverstanden, sondern abgehängt.

Remote gedacht: Ungleiche Redeanteile explodieren im Videocall, weil das Wortergreifen schwerer ist und Stille unangenehmer.

  • Moderiere aktiv. Ruf Menschen namentlich und freundlich auf, statt auf Freiwillige zu warten.
  • Öffne einen zweiten Kanal parallel. Wer sich nicht laut meldet, schreibt oft im Chat mit. Das rettet genau die Redeanteile, die im Call verloren gehen.
  • Nutze anonyme Tools für heikle Themen. Ein anonymes Board holt ehrliche Signale, die im Plenum nie kämen.

Hebel 3: Das Debriefing, der übersprungene Schritt

Der dritte Hebel ist der billigste und wird trotzdem fast immer weggelassen. Ein Spiel wirkt nicht durch das Spiel, sondern durch die kurze Reflexion danach. Der Lernforscher David Kolb hat das vor Jahrzehnten gezeigt: Erfahrung allein lehrt wenig, erst das bewusste Nachdenken darüber macht sie zu Erkenntnis.

Ohne Debriefing bleibt der Escape Room ein netter Nachmittag. Mit Debriefing wird er zu einer Erkenntnis über die eigene Zusammenarbeit. Der Unterschied kostet zehn Minuten.

Drei Fragen genügen:

  • Was ist gerade passiert? Rein beschreibend, ohne Wertung.
  • Wo habt ihr euch dabei wiedererkannt? Die Brücke zum Arbeitsalltag.
  • Was nehmt ihr euch konkret für die nächste Woche vor?

Remote gedacht: Virtuell ist das Debriefing noch wichtiger, weil das gemeinsame Nachklingen an der Kaffeemaschine fehlt.

  • Plane die zehn Minuten fest ein, sonst klickt sich das Team direkt in den nächsten Termin.
  • Lass die Antworten erst schriftlich sammeln, dann sprechen. Das gibt den Nachdenklichen eine Stimme und verhindert, dass die Schnellsten den Ton setzen.
  • Halte ein sichtbares Ergebnis fest. Ein gemeinsames Dokument macht aus dem Gespräch eine Verabredung.

So wählst du in Zukunft richtig

Vergiss die nächste Bestenliste. Nutze stattdessen diese Checkliste, bevor du ein Format buchst:

  • Fühlt sich die Teilnahme freiwillig an? Wenn nicht, arbeitet die Reaktanz gegen dich.
  • Löst es echte, kleine Verletzlichkeit aus, oder bleibt es Smalltalk?
  • Bekommen alle etwa gleiche Redeanteile, oder dominieren zwei?
  • Ist ein Debriefing eingeplant? Ohne das ist der Rest verschenkt.

Teambuilding ist keine Frage des Budgets und nicht der Kreativität der Spielideen. Es ist eine Frage des Mechanismus. Wer den kennt, braucht keine teuren Events. Er braucht nur den Mut, als Erster ehrlich zu sein, und die Disziplin, hinterher zehn Minuten lang die richtigen Fragen zu stellen.

Der Autor Christoph Schulze ist Gründer von
Shirt Waiter und arbeitet täglich mit Personal- und Marketingteams an Teamkultur und nachhaltiger Mitarbeiterbindung.

Als Bestatter selbstständig machen – Gründungsrealität 2026

Als Bestatter selbstständig machen: Ohne Meisterbrief, aber mit viel Planung. Wir zeigen die echten Marktzahlen, Kosten und vier reale Gründungspfade auf.

Wer sich 2026 in Deutschland als Bestatter selbstständig machen will, braucht weder Meisterbrief noch zwingend eine abgeschlossene Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Das Bestattungsgewerbe ist nach § 18 HwO in Verbindung mit Anlage B ein zulassungsfreies Handwerk. Realistisch ist für die Gründung allerdings ein Kapitalbedarf von 50.000 bis 150.000 Euro.

Dieser Beitrag verzichtet auf Berufungsrhetorik und liefert stattdessen Marktzahlen, eine Aufwandsrechnung über fünf Jahre sowie einen Vergleich von vier realen Gründungspfaden. Das Ziel ist eine belastbare Entscheidungsgrundlage für angehende Gründerinnen und Gründer.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Eröffnung eines Bestattungsinstituts fällt nach HwO Anlage B unter die zulassungsfreien Handwerke.
  • Ein Meisterbrief ist für die Gründung nicht erforderlich.
  • Der realistische Kapitalbedarf für eine Neugründung im Jahr 2026 liegt zwischen 50.000 und 150.000 Euro.
  • Ein Nettoeinkommen in einer tragfähigen Größenordnung von 35.000 bis 60.000 Euro wird oft ab dem zweiten bis dritten Jahr sicher überschritten.
  • Es dominieren vier Gründungspfade: Solo-Land, Übernahme, Nischen-Spezialisierung und Hybrid-Online.

Marktlage 2026: Sterbefälle, Anbieterdichte, Umsatz

Das Statistische Bundesamt verzeichnete für 2025 vorläufig rund 1,006 Millionen Sterbefälle in Deutschland. Versorgt wird dieser Markt von etwa 6.500 Bestattungsunternehmen. Der durchschnittliche Umsatz pro Sterbefall variiert erheblich: Er liegt zwischen 3.500 Euro für eine einfache Feuerbestattung und 7.000 Euro für eine Erdbestattung mit Trauerfeier. Steigende Fallzahlen bedeuten jedoch nicht automatisch steigende Gewinne, da der demografische Rückenwind auf einen stagnierenden Markt mit klar verteilten Einzugsgebieten trifft.

Margendruck durch Preisportale und Filialisten

Trotz wachsender Nachfrage schrumpfen die Margen. Preisvergleichsplattformen wie mymoria drücken die Endkundenpreise, während gleichzeitig die Energie- und Personalkosten steigen. Die Marktkonzentration durch Filialisten erhöht den Wettbewerbsdruck auf Solo-Gründer spürbar. Vertrauenswürdigkeit und klare Qualitätsstandards werden somit zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.

Regionale Wettbewerbsdichte und etablierte Häuser

Die Anbieterdichte schwankt bundesweit erheblich. Entscheidend für Gründer ist jedoch weniger die reine Anzahl der Mitbewerber als vielmehr das Niveau der etablierten Häuser. Ein Anbieter wie der Bestatter Beer-Hiebeler in Mannheim deckt beispielsweise im Rhein-Neckar-Raum das gesamte Spektrum ab – von der Vorsorge über In- und Auslandsüberführungen bis hin zu Trauerdruck und Gedenkportalen. Gegen diesen umfassenden Leistungsumfang müssen Neugründer im urbanen Raum antreten.

Rechtsrahmen: HwO § 18, Anlage B und Evaluation

Der Beruf des Bestatters ist seit 2004 ein zulassungsfreies Handwerk. Die Handwerksordnung sieht keine Meisterpflicht vor, verlangt aber die Eintragung in die Handwerksrolle (Anlage B) und eine Pflichtmitgliedschaft in der Handwerkskammer. Neben dem Bundesrahmen gelten 16 verschiedene Landesbestattungsgesetze, welche die Sachkundenachweise, Hygienestandards und Genehmigungsverfahren im Detail regeln.

Keine Rückkehr zur Meisterpflicht

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz startete 2020 eine Evaluation der 4. HwO-Novelle, um für mehrere zulassungsfreie Handwerke eine Rückführung in die Anlage A zu prüfen. Das Ergebnis für das Bestatterhandwerk steht fest: Es wird keine Meisterpflicht wieder eingeführt.

Zentrale Voraussetzungen für die Gewerbeanmeldung

  • Anmeldung beim örtlichen Gewerbeamt.
  • Eintrag in die Handwerksrolle (Anlage B der Handwerksordnung).
  • Pflichtmitgliedschaft in der zuständigen Handwerkskammer (HWK).
  • Anmeldung bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW).
  • Erbringung des Sachkundenachweises nach jeweiligem Landesrecht (z. B. Bestattungsfachkraft, Bestattungsfachwirt).
  • Hygiene- und Kühlraumzulassung durch das Gesundheitsamt bei eigener Aufbewahrung von Verstorbenen.

Unterschiede in den Landesbestattungsgesetzen

Aspekte wie Friedhofszwang, Sargpflicht und Genehmigungsfristen unterscheiden sich je nach Bundesland erheblich. Während Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz das Verstreuen von Totenasche auf privatem Grund erlauben, Bayern hält an einem strikten Friedhofszwang fest. In liberalen Bundesländern lässt sich das Leistungsspektrum leichter um alternative Formen (wie nachhaltige Bestattungen) erweitern, wohingegen in restriktiven Ländern mit längeren Genehmigungsfristen zu rechnen ist.