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Anbietercheck: Projektmanagement-Tools
Du bist auf der Suche nach einer passenden Projektmanagement-Software für dein Team? Wir haben die beliebtesten PM-Tools für KMU unter die Lupe genommen und zeigen, was sie leisten und für wen sie am besten geeignet sind.
Egal ob das Team stetig gewachsen ist, immer mehr Aufträge hereinkommen oder du einfach keine Lust mehr hast, deine Aufgaben und Projekte mit Excel zu managen – irgendwann kommt für jedes projektbasierte Team der richtige Zeitpunkt, sich ein professionelles PM-Tool anzuschaffen.
PM-Software hilft dir, deine Arbeit zu strukturieren, Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Team zu verteilen, Deadlines im Auge zu behalten und Erfolge auszuwerten. Das klappt aber nur, wenn deine Software auch zu deinem Team passt. Es gleicht einer Herkulesaufgabe, unter den hunderten auf dem Markt befindlichen Tools das richtige für dein Team herauszufinden. Denn jedes davon setzt einen leicht anderen Fokus und bietet unterschiedliche Funktionen. Manche PM-Tools sind nur für Teams geeignet, die eine bestimmte Arbeitsweise bevorzugen, und so weiter und so fort.
Unser Kooperationspartner, das deutsche Vergleichsportal trusted.de, hat sich die beliebtesten PM-Systeme auf dem Markt genauer angeschaut und zeigt, welche Schwerpunkte sie haben, welche Funktionen sie mitbringen, für wen sie am besten geeignet sind und womit preislich zu rechnen ist.
Monday
Monday ist eine Art PM-Baukasten. Alles spielt sich in Boards ab, die du individuell konfigurieren kannst. Du wählst dafür aus Ansichten wie Kanban-Board, Gantt-Chart, Tabelle, Kalender oder Formular aus – oder entscheidest dich für eine beliebige Kombination. Benutzer*innendefinierte Felder ermöglichen genaues Tracking der Daten, die du für dein Projekt brauchst. Ergänzt wird das durch viele individuelle Gestaltungsoptionen.
Beispiele gefällig? Sagen wir, du brauchst eine To-do-Liste für dein Team, mit Aufgaben, Deadlines und Status der Tasks. Kein Problem. Ein Kanban-Board für Scrum-Teams samt User Storys als angehängtes Dokument? Geht auch. Arbeitszeiten, Urlaube und Abwesenheiten tracken? Aktiviere einfach das Time Tracking und verknüpfe ein Formular für Abwesenheiten mit einem Kalender. Fertig. Mit ein bisschen Basteln integrierst du auch das Workload Management oder baust smarte Automations nach dem Wenn-Dann-Prinzip.
Kurzum: Fast jedes Projekt lässt sich mit monday umsetzen, wenn du Zeit ins Individualisieren deiner Boards steckst. Denn das Tool bietet zwar Vorlagen für Projekte; diese sind aber sehr oberflächlich. Wer bastelfreudig ist, kommt auf seine Kosten, wer eine schlüsselfertige Lösung sucht, eher nicht.
Für bis zu zwei User*innen ist monday kostenlos. Wer professionell durchstarten will, zahlt mindestens 8 Euro pro Monat/User*in; mehr Features gibt es dann ab 10 Euro im Standard-Paket bzw. ab 16 Euro im Pro-Paket.
Fazit: Monday ist zu empfehlen, wenn dein bisheriges PM-Tool dich zu sehr einschränkt und du viele unterschiedliche Projekte flexibel in einem Tool managen willst.
awork
Awork überzeugt mit seiner einfachen, übersichtlichen Oberfläche und einem schnellen Onboarding. Das Tool ist fokussierter und weniger anpassbar als monday, dafür aber schneller einsatzbereit. Trotzdem bleibt es flexibel: Du kannst Projekte in verschiedenen Ansichten planen und klassische sowie agile Methoden mischen – und das bei einer modernen, eingängigen Bedienung.
Im Fokus des Anbieters stehen das Aufgaben- und Ressourcenmanagement – quasi das Daily Business. Geplante Aufgaben aller Projekte landen in einer To-do-Liste, die du beliebig sortieren kannst; eine Zeiterfassung ist integriert.
Ein Highlight: die KI-gestützte Aufgabenliste. Skizziere dein Projekt grob in natürlicher Sprache, und das Tool generiert eine fertige Liste mit Aufgaben, die du dann nur noch verteilen und priorisieren musst – eine echte Zeitersparnis.
Kreative Agenturen, die Workload und parallele Projekte im Blick behalten wollen, sind hier richtig. Los geht’s ab 8 Euro pro Monat/User*in; mehr Konfigurationsoptionen gibt’s ab 12 Euro.
Fazit: Awork ist zu empfehlen, wenn dein bisheriges PM-Tool dir zu wenig Übersicht über tägliche Aufgaben und die Zeit deines Teams liefert.
ClickUp
ClickUp hat den Anspruch, eine eierlegende Wollmilchsau für die gesamte Projekt- und Teamverwaltung zu sein. Ähnlich wie in monday baust du dir hier abgetrennte Projekträume, die sich individuell gestalten lassen. Dazu bietet ClickUp verschiedene Projektansichten und Vorlagen für Dashboards und Workspaces. Der größte Unterschied zu monday: ClickUp setzt stärker auf die Teamkommunikation. Ein integrierter Messenger, Filesharing sowie Sprach- und Videonachrichten erleichtern den Austausch – ideal für Remote-Teams. Ein Dokumentenmanagement für projektbezogene Dateien ist inkludiert.
Preislich rangiert das Tool auf einem ähnlichen Level wie monday und startet ab 7 US-Dollar pro User*in/Monat. Für mehr Automatisierungen, Auswertungen und granulares Time Tracking solltest du allerdings zur Business-Version ab 12 US-Dollar greifen. Für persönliche Projekte oder Kleinstteams gibt es eine kostenlose Version mit eingeschränktem Speicher, die bereits die wichtigsten Features bietet.
Fazit: ClickUp ist zu empfehlen, wenn dir in monday die Team-Kommunikation zu kurz kommt.
Asana
Asana ist strukturierter als monday oder CLickUp und konzentriert sich auf die Verfolgung von Zielen und Aufgaben. Projekte und Tasks lassen sich in verschiedenen Ansichten planen; im Tagesgeschäft helfen dir übersichtliche Timelines und Farbcodes dabei, Prioritäten und Fortschritte im Blick zu behalten.
Die Projektübersicht informiert dich über erledigte, ausstehende und überfällige Aufgaben. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Zieldefinition. Hier setzt du konkrete Ziele für Teams oder das Unternehmen und kannst den Fortschritt direkt messen.
Das Tool fokussiert somit stark auf das „Day to Day“ – und ist damit die vielleicht aufwendigste (und zugleich hübscheste) To-do-Liste der Welt. Mitarbeitende strukturieren ihre tägliche Arbeit, Projektverantwortliche behalten den Überblick.
Allerdings ist Asana weniger anpassbar und bisweilen auch teurer als andere Tools. Es gibt zwar eine kostenlose Personal-Version für bis zu zehn Teammitglieder, in der du unbegrenzt viele Projekte und Aufgaben anlegen kannst. Willst du aber mehr als einfache To-do-Listen, bezahlst du mindestens 10,99 US-Dollar pro Monat und User*in; willst du mehrere Abteilungen verwalten, fallen sogar Kosten ab 25 US-Dollar an.
Fazit: Asana ist zu empfehlen, wenn du deine Projekte managen, aber gleichzeitig deine übergeordneten Unternehmensziele oder OKR nicht aus den Augen verlieren willst – oder wenn dein bisheriges PM-Tool einfach zu viel Schnickschnack bietet.
MeisterTask
MeisterTask ist vor allem kompakt. Statt zig verschiedener Ansichten und Optionen setzt das Tool auf schicke, übersichtliche Kanban-Boards. Perfekt für agile Teams, die ohne viel Planung direkt loslegen wollen. Tiefgreifende Reports, Ressourcen- oder Budgetplanung gibt es kaum.
Das Tool ist besonders gut geeignet für kleine, dynamische Teams. Im Gegensatz zu Tools wie monday, awork, ClickUp oder Asana fehlt es hier allerdings an Flexibilität in der Projektplanung. So kommen beispielsweise Unteraufgaben erst in der zweitgrößten Version (Business) dazu, davor gibt es nur eine einzige Aufgabenebene.
Wer also eine einfache, optisch ansprechende Kanban-Lösung sucht, ist hier richtig. Der Preis startet bei 13,50 Euro pro User*in/Monat und liegt damit höher als bei monday oder awork. Dafür gibt es eine kostenlose Version für unbegrenzt viele Teammitglieder mit bis zu drei Projekten.
Fazit: MeisterTask ist zu empfehlen, wenn du agile Teams mit einem einfachen Kanban-Board ausstatten willst.
factro
Factro ist ein deutsches PM-Tool für komplexe, langwierige Projekte mit vielen Beteiligten und Abhängigkeiten. Während andere Tools dafür oft konfiguriert werden oder mit Workarounds ausgestattet werden müssen, bietet factro einen nahtlosen, benutzer*innenfreundlichen Übergang von der Einfachheit hin zur Komplexität.
Neben Kanban, Gantt und Tabelle liefert das Tool einen Projektstrukturplan als zentrales Element. Projekte werden in Aufgabenpakete, Aufgaben und Unteraufgaben gegliedert, wobei die Planung von oben nach unten immer feinporiger wird. Das macht das Tool vielseitig einsetzbar, beispielsweise für Agenturen, Consulting, Architektur, Ingenieurbüros oder Logistik.
Factro ist bestens geeignet für mittelgroße Unternehmen auf der Suche nach einer flexiblen Cloud-Lösung oder für skalierende KMU, die aus einfacheren Tools herausgewachsen sind und mehr Planungstiefe benötigen. Für Teams bis zehn Personen ist die Basic Cloud gratis, erweiterte Funktionen gibt es ab 7,99 Euro pro Monat/User*in in der Team Cloud. Mehr Konfigurationsmöglichkeiten und Projektberichte bietet die Business Cloud ab 19,99 Euro.
Fazit: Factro ist zu empfehlen, wenn dein bisheriges PM-Tool die Anzahl oder Größe deiner Projekte nicht mehr handeln kann.
Stackfield
Stackfield rangiert irgendwo zwischen einer Managementplattform und einem Social Intranet und fokussiert vor allem auf digitale Zusammenarbeit. Projekte bekommen hier ihre eigenen Räume, in denen dein Team Aufgaben, Boards, Kalender, Dokumente und Dashboards zentral und projektbezogen sammeln kann.
Highlights sind die Diskussionsräume, der integrierte Team-Chat und die Konferenzfunktion für Meetings. Dein Team bleibt in Stackfield permanent im Austausch, durch die abgetrennten Projekträume gleichzeitig aber auch unter sich.
E-Mails lassen sich an Stackfield weiterleiten und in der sicheren Projektumgebung ablegen. Kurzum: Die Kommunikation bleibt da, wo sie hingehört – am Projekt. Um das zu stemmen, ist natürlich ein wenig Disziplin bei der Verwaltung der Projekträume vonnöten.
Ein weiteres Plus: Das Tool setzt als deutsche Lösung stark auf die Themen Sicherheit, Datenschutz und Compliance – ideal für Unternehmen mit hohen Anforderungen in diesem Bereich.
Preislich startet das Tool ab fünf User*innen für 11 Euro pro Monat/User*in. Die Kollaborations-Features gibt es im Premium-Tarif ab 16 Euro; Enterprises mit mehreren Unterorganisationen greifen zum Enterprise-Paket ab 24 Euro.
Fazit: Stackfield ist zu empfehlen, wenn du auf Datenschutz/Compliance angewiesen bist und vor allem Projektkommunikation und Collaboration fokussieren willst.
Wrike
Wrike ist ein umfassendes PM-Tool für mittelgroße bis große Unternehmen, mit Features für Projektplanung, Ressourcenmanagement und Reporting. Durch die sehr feinporige Planung ist Wrike auch und vor allem für komplexe Projekte mit mehreren Projektphasen gut geeignet.
Wirklich stark ist das Tool im Controlling und Reporting. Es liefert automatische Auswertungen zu den wichtigsten Kennzahlen in anpassbaren Dashboards. Diese lassen sich erweitern, beliebig filtern und mit einer Vielzahl von Ansichten visualisieren, beispielsweise als Balkendiagramm, Kreisdiagramm oder sogar als Treemap.
Der Funktionsumfang ist riesig und kann daher insbesondere kleinere Teams rasch überfordern. Um dem entgegenzuwirken, verteilt der Anbieter die große Menge an Funktionen auf insgesamt fünf Preispakete, sodass kleine Teams bedarfsgerecht in die Software hineinwachsen können. Los geht es mit dem Free-Tarif, der die Basisfunktionen vorstellt; für zwei bis 15 Personen gibt es das Paket Team ab 10 US-Dollar pro User*in/Monat, für bis zu 200 User*innen wird Business ab rund 25 US-Dollar angeboten. Zwei weitere Pakete (Enterprise und Pinnacle) stehen zudem für große Unternehmen und komplexeste Anforderungen zur Verfügung.
Fazit: Wrike ist zu empfehlen, wenn du mehr Kennzahlen auswerten und komplexere Projekte planen willst, als es in deinem bisherigen PM-Tool möglich ist.
Trello
Trello ist das Gegenteil von Wrike und stellt eine einfache PM-Einstiegslösung dar. Statt auf großen Funktionsumfang setzt das Tool auf schicke, visuell anpassbare Kanban-Boards mit eigenen Hintergründen und Themen; die Boards machen wirklich etwas her und sind der Hingucker.
Das ist eine schöne Sache; für größere und professionelle Teams aber nicht viel mehr als eine Spielerei. Trello ist – wie bereits erwähnt – eine Einstiegslösung und hat seinen Platz vor allem in kleinen, agilen und kreativen Teams, kleinen Agenturen sowie bei Freelancer*innen.
Zwar lässt sich das schicke Tool modular um eine Reihe von PowerUps erweitern, die mehr Funktionen bieten. Diese stammen aber zumeist von Drittanbieter*innen und müssen konfiguriert, eingebaut und gewartet werden.
Dafür ist Wrike im Vergleich zu den übrigen PM-Tools aus unserem Anbietercheck ziemlich günstig. Die kostenlose Version ist bereits recht umfangreich; das größere Standard-Paket gibt’s ab 5 US-Dollar, das Premium-Paket ab 10 US-Dollar pro Monat.
Fazit: Trello ist zu empfehlen, wenn dein agiles Team (gegebenenfalls zum ersten Mal) mit einer einfachen und visuell ansprechenden PM- oder Kanban-Software arbeiten will.
Der Autor Max Reichlin ist Leiter der Online-Redaktion von trusted.de. Das Vergleichsportal für Business-Tools ist eines der führenden Informationsmedien zu B2B-Softwarevergleichen im deutschsprachigen Raum. Den vollständigen Erfahrungsbericht zum Thema Projektmanagement-Software findest du hier
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KI gegen Buchhaltungsriesen: Wie Bonster den Spesen-Markt aufmischen will
Pay-per-Use statt Abo-Falle: Das Oldenburger Start-up fast2work attackiert mit seiner App bonster komplexe Software-Giganten. Doch reicht das Versprechen maximaler Einfachheit im Haifischbecken der FinTechs? Wir haben nachgehakt.
Es ist eines der letzten großen Ärgernisse im Arbeitsalltag von Freelancer*innen und kleinen Agenturen: Der Freitagabend, der für das Sortieren verknitterter Tankbelege und das Abtippen von Bewirtungsbelegen in Excel-Listen draufgeht. Genau hier setzt die Oldenburger fast2work GmbH mit ihrer am 17. Februar 2026 gelaunchten App bonster an, um den Papierkram bei der Reisekostenabrechnung zu beenden. Das Versprechen von Gründer und CEO Ronald Bankowsky: Drei Minuten Aufwand, KI-Automatisierung und keine Einstiegshürden.
Das Versprechen: Simpel statt Systemintegration
Die Funktionsweise der App ist bewusst minimalistisch gehalten: Beleg fotografieren, woraufhin die KI relevante Werte wie Datum, Betrag und Mehrwertsteuer ausliest, auf Duplikate prüft und eine fertige Abrechnung erstellt. „Kein Onboarding-Projekt, kein Vertriebsgespräch, kein IT-Setup“, fasst Bankowsky den Ansatz der Standalone-Lösung zusammen.
Die Zielgruppe ist klar definiert: Selbständige, Freelancer*innen und Mini-Teams, denen Enterprise-Lösungen wie SAP Concur zu mächtig und Start-ups wie Circula oder Pleo oft noch zu prozesslastig sind. Mit einem Preismodell von 1,99 Euro für Einzelabrechnungen und 6,99 Euro (Stand Ende Febr. 2026) für eine Flatrate positioniert sich das Unternehmen im unteren Preissegment.
Im Haifischbecken der Neobanken und Buchhaltungsriesen
Laut fast2work gab es bislang „kaum eine Alternative zwischen Excel und Enterprise-Software“. Diese Aussage hält einem Realitätscheck im Jahr 2026 allerdings nur bedingt stand. Bonster betritt ein Haifischbecken, denn die vermeintliche Lücke wird längst geschlossen.
Zum einen integrieren Buchhaltungsriesen wie Lexoffice oder sevDesk Reisekosten-Features immer tiefer in ihre Standardpakete. Zum anderen wildern Neobanken wie Qonto, Finom oder Kontist im selben Revier: Wer dort ein Geschäftskonto hat, bekommt die Belegzuordnung oft als „Commodity“ gratis dazu. Mit knapp 7 Euro im Monat bewegt sich bonster in einer Preisregion, in der man fast schon eine komplette einfache Buchhaltungssoftware bekommt. Die App muss also einen enormen Mehrwert bieten, um gegen die „Eh-da-Lösungen“ (Software, die Kund*innen ohnehin bezahlen) zu bestehen.
Auf die Frage, warum Freelancer*innen für eine Insellösung extra zahlen sollten, entgegnet der Gründer, dass bonster bewusst früher ansetze als klassische Tools. Das Hauptproblem sei nicht die Buchhaltung, sondern das Erfassen von Belegen unterwegs. „Genau dort scheitert es oft, weil Mitarbeitende keine komplexen Systeme nutzen wollen oder gar keine Zugänge haben“, argumentiert Bankowsky. Der Mehrwert liege nicht in einer weiteren Buchhaltungssoftware, sondern darin, dass durch die Reduzierung auf ein Foto „überhaupt verwertbare Abrechnungsdaten/Belege entstehen“.
Kritische Faktoren: GoBD und Datensicherheit
Neben der Marktpositionierung ist die Rechtssicherheit ein kritischer Faktor. „Fertige Abrechnung für die Buchhaltung“ ist ein mutiges Versprechen, da in Deutschland ein Foto allein oft nicht ausreicht; es muss GoBD-konform und revisionssicher archiviert werden. Zudem ist die KI-Nutzung datenschutzrechtlich sensibel. Wenn Bewirtungsbelege, die offenbaren, mit wem man gegessen hat, über US-Schnittstellen (z.B. OpenAI) fließen, ist das für deutsche Geschäftskund*innen und Steuerberater oft ein K.O.-Kriterium.
Auf die sensiblen Vorgaben der Finanzämter und den Serverstandort angesprochen, betont Bankowsky, dass die Verarbeitung „ausschließlich auf europäischen Servern“ erfolge. Zwar nutze man OpenAI-basierte Modelle, diese liefen jedoch über Azure-Rechenzentren im europäischen Raum. Datenschutz und regulatorische Anforderungen seien Grundvoraussetzung. Auch beim Export zum Steuerberater zeigt sich der Gründer zuversichtlich: Buchhaltungssysteme könnten die Daten direkt und „ohne manuelle Nacharbeit“ weiterverarbeiten.
Beta-Test als Exklusiv-Club
Zum Start setzt das Unternehmen auf eine Gamification des Rollouts. Die ersten 500 Nutzer*innen erhalten im „Club 500“ einen lebenslangen Rabatt von 50 Prozent. Was als Belohnung für Early Adopters verkauft wird, ist strategisch notwendig: Die KI muss lernen. Der Algorithmus braucht dringend „Real World Data“ – echte, verknitterte, schlecht beleuchtete Belege. Das bedeutet auch: Die ersten User*innen sind Teil des Entwicklungsprozesses.
Dass die App im Alltag noch dazulernen muss, räumt Bankowsky ein. Bei der reinen Datenerkennung sei man technisch auf dem aktuellen Stand. „Entscheidend ist jedoch die Qualität realer Belege im Alltag – etwa schlecht fotografierte oder handschriftliche Quittungen“, erklärt er den Bedarf an Praxis-Feedback. Durch schnelle Updates solle die Genauigkeit für alle Nutzer*innen laufend steigen.
Gegenmodell zur Ökosystem-Abhängigkeit
Wer ein Feature-Feuerwerk suche, werde bei bonster enttäuscht sein – was laut Unternehmen aus Überzeugung geschehe. Anbieter wie Rydoo verfolgten eine Strategie der maximalen Integration und langfristiger Verträge, was eine Abhängigkeit erzeuge, die ihr eigentliches Geschäftsmodell sei, so der Gründer. Wer einmal im Ökosystem stecke, wechsle nicht mehr, weil der Ausstieg zu teuer geworden sei.
Bonster positioniert sich als Gegenmodell für Unternehmen, die nicht für ungewollte Komplexität zahlen möchten: Kein Vertrag, keine Mindestnutzerzahl, Setup in unter fünf Minuten und ein Pay-per-Use-Modell. „Wer aufhören will, hört auf, ohne Konsequenzen“, beschreibt das Start-up den Ansatz der bewussten Entscheidung, Kund*innen freizulassen. Wer bleibe, tue dies, weil es funktioniere, was laut Bankowsky „die interessantere Innovation“ sei.
Fazit
Bonster ist ein innovativer Angriff auf die Zettelwirtschaft und wirkt durch den Verzicht auf starre Abo-Modelle bei der Einzelabrechnung fair. Doch die App steht und fällt mit der Schnittstellenkompetenz. Wenn der Export zu DATEV & Co. hakt, wird aus der Zeitersparnis schnell Mehrarbeit. Bonster muss beweisen, dass es die Brücke zwischen dem schnellen Foto und der strengen deutschen Buchhaltung schlagen kann – und zwar besser als die Banken, die das Feature bereits kostenlos anbieten.
Better Sol: Zweites Leben für die Solarwende
Wie das 2023 von Mirko Laube und Luisa Schulze gegründete Start-up Better Sol den PV-Gebrauchtmarkt aufmischen will.
Das Braunschweiger Start-up Better Sol erhält rund 125.000 Euro Förderung aus dem „Green Startup“-Programm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), um gebrauchte Solarpaneele in großem Stil zurück in den Markt zu bringen.
Hinter dem Start-up stehen Luisa Schulze und Mirko Laube. Better Sol entstand ursprünglich im Sommer 2022 als Ausgründung des Magdeburger Recycling-Unternehmens Solar Materials und agiert seit 2023 als eigenständige GmbH am Standort Braunschweig. Während sich die ehemalige Muttergesellschaft auf das komplexe werkstoffliche Recycling von Modulen konzentriert, widmet sich Better Sol voll und ganz dem „Second Life“ – also der direkten Wiederverwendung der noch intakten Platten.
KI-gestützte Prüfung statt Schredder
Die Beschaffungsseite von Better Sol zielt primär auf große Solarparks ab. Die Betreiber tauschen dort häufig größere Mengen an Solarmodulen recht früh in ihrem Lebenszyklus durch neuere, leistungsstärkere Modelle aus. Um diese Module vor dem Müll zu bewahren, hat das Better-Sol-Team mittels DBU-Förderung ein in Teilen automatisiertes Testsystem mit eigener Software auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt.
Der Prüfprozess beginnt mit einer mehrstufigen optischen Untersuchung, bei der sowohl grobe Beschädigungen als auch jede Solarzelle einzeln begutachtet werden. Im Anschluss folgen eine eingehende Prüfung der elektrischen Sicherheit sowie eine Leistungsüberprüfung, die misst, wie viel Watt das Produkt im Vergleich zur ursprünglichen Leistung noch liefert. Die Software führt all diese Daten automatisiert zu einer detaillierten Leistungsprognose zusammen. Jedes funktionstüchtige Modul erhält ein Label mit den Testdaten, einer zugewiesenen Leistungsklasse und einem umfangreichen Prüfprotokoll. Nur der endgültige Rest wird zum Recycling aussortiert. Der Vertrieb erfolgt direkt über die Internetseite von Better Sol. Zielgruppe sind oft Privathaushalte oder die Dächer größerer Fabrikhallen.
Der Markt und die Technologie im Wettbewerbsvergleich
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verbucht die Photovoltaik mittlerweile einen Anteil von etwa 24 Prozent und ist damit der zweitwichtigste Energieträger der inländischen Stromerzeugung. Das Reservoir an ausgemusterten, aber noch funktionierenden Modulen wächst rasant. Laut Schulze ist im Schnitt jedes zweite gebrauchte Solarmodul noch für eine erneute Nutzung geeignet. Doch der Gebrauchtmarkt professionalisiert sich zusehends.
Better Sol setzt aktuell auf eine pragmatische, KI-gestützte Teilautomatisierung und plant als nächsten logischen Entwicklungsschritt eine mobile Testanlage, um die Solarmodule direkt dort zu testen, wo sie ausgemustert werden. Genau in diesem logistisch entscheidenden Bereich der Vor-Ort-Prüfung operiert bereits der etablierte Wettbewerber 2ndlifesolar, eine Marke der großen Buhck Gruppe. 2ndlifesolar greift auf ein deutschlandweites Logistiknetzwerk zurück und kombiniert stationäre Erstbehandlungsanlagen mit mobilen Prüflaboren. Technologisch geht das Unternehmen tief in die industrielle Qualitätssicherung und führt standardmäßig Elektrolumineszenz-Prüfungen durch, um unsichtbare Mikrorisse im Vorfeld zu detektieren.
Einen völlig anderen, stark hochskalierten Weg bestreitet das österreichische CleanTech-Start-up 2nd Cycle. Das Unternehmen betreibt eine vollautomatische Inspektions- und Upcycling-Anlage im industriellen Hochdurchsatz und nutzt neben klassischer Robotik auch patentierte hyperspektrale Analysen aus der Raumfahrt, um Zellalterungen frühzeitig zu erkennen.
Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg
Das Vorhaben von Better Sol leistet einen fundamentalen Beitrag, um noch leistungsfähige Materialien durch geschickte Kreislaufwirtschaft für eine Weiternutzung zu erhalten, damit die Bemühungen für mehr erneuerbare Energien nicht ins Stocken geraten. Dennoch muss sich das Geschäftsmodell in einem harten Wettbewerb beweisen.
Die Handwerkerkosten für den Aufbau einer PV-Anlage auf einem Eigenheim sind hoch und fallen völlig unabhängig davon an, ob man neue oder gebrauchte Paneele installiert. Gleichzeitig steht der Markt unter enormem Preisdruck durch historisch günstige asiatische Neuware. Wenn fabrikneue Module extrem billiger werden, schwindet das Argument der finanziellen Ersparnis bei Gebrauchtmodulen mit kürzerer Restlebensdauer. Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von Better Sol liegt daher in der rigorosen Minimierung der eigenen Logistik- und Prozesskosten. Die geplante mobile Testanlage und die zusätzliche Automatisierung des Testsystems sind für das Start-up essenziell, um künftig auch größere Ausmusterungen von Solarparks wirtschaftlich bewältigen zu können.
Zwischen Hausaufgaben und Datenschutz: Der mutige B2C-Vorstoß von innoGPT
Die Inno KI GmbH aus Vechta öffnet ihre bisher auf Geschäftskunden ausgerichtete KI-Plattform nun für Familien. Mit einem neuen "Family Package" wollen die Gründer Mike Koene und Maurice Brumund das Problem des Datenschutzes bei der KI-Nutzung von Jugendlichen lösen. Ein cleverer Schachzug in eine unbesetzte Nische – oder ein schwieriges B2C-Geschäftsmodell mit hoher Preishürde?
Die Zahlen der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) sprechen eine deutliche Sprache: 70 Prozent der Jugendlichen nutzen Künstliche Intelligenz zur Informationssuche, 74 Prozent lassen sich bei den Hausaufgaben helfen. Die Kehrseite dieser rasanten Adaption: Die Nutzung erfolgt zumeist über die kostenlosen Web-Versionen von US-Giganten wie OpenAI oder Google. Sensible Daten – von persönlichen Fragen bis zu hochgeladenen Schuldokumenten – fließen oft ungefiltert in die globalen Trainingsdatenbanken der Anbieter, sofern nicht manuell widersprochen wird.
Während die Politik über Social-Media-Verbote für Minderjährige debattiert, bleibt der regulatorische blinde Fleck bei KI-Tools im Kinderzimmer bislang bestehen. Genau in diese Lücke stößt nun das niedersächsische Start-up Inno KI GmbH mit seiner Plattform innoGPT.
Von der Agentur zum KI-Aggregator
Hinter innoGPT steht kein klassisches, VC-finanziertes Silicon-Valley-Konstrukt, sondern mittelständischer Pragmatismus aus Vechta. Co-Founder Maurice Brumund und sein Team begannen bereits 2022 im Umfeld einer eigenen Digitalmarketing-Agentur, intensiv mit KI-Tools zu experimentieren.
Aus dem internen Pain Point – der Frage, wie Mitarbeitende rechtssicher und datenschutzkonform mit großen Sprachmodellen (LLMs) arbeiten können – entstand Ende 2024 die Plattform innoGPT. Bisher lag der Fokus des Startups strikt auf dem B2B-Segment: Mit rein europäischem Hosting, DSGVO-Konformität und einer Zero-Retention-Policy (keine Nutzung der API-Daten für das Modell-Training) positionierte sich innoGPT als Lösung gegen die „Schatten-IT“ in Unternehmen. Laut Unternehmensangaben nutzen bereits über 2.500 Privat- und Geschäftskund*innen den Service. Nun folgt die Ausweitung des Geschäftsmodells auf den B2C-Markt.
Das Produkt: Ein "Safe Space" für die Familie
Mit dem neuen „Family Package“ erhalten bis zu fünf Familienmitglieder für 34,90 Euro im Monat individuelle Logins zu einer zentralen Plattform. Über diese können sie gebündelt auf verschiedene führende KI-Modelle von OpenAI, Anthropic, Google, Meta, Mistral und Black Forest Labs zugreifen. Ein zusätzlich buchbares Add-on filtert persönliche Daten (Named Entity Recognition) wie Namen oder E-Mail-Adressen und ersetzt diese vor der Übermittlung an die Rechenzentren automatisch durch Platzhalter.
Das Geschäftsmodell und der Markt
Aus Start-up-Sicht ist der Vorstoß von B2B-SaaS in ein Family-Abo-Modell gleichermaßen spannend wie riskant. Eine kritische Analyse offenbart dabei mehrere Marktherausforderungen:
- Der technologische Burggraben (Moat): Das Geschäftsmodell von innoGPT ist im Kern ein Aggregator- oder Wrapper-Modell. Das Start-up entwickelt keine eigenen Foundation-Modelle, sondern baut eine sichere, europäische Middleware-Schicht über die Schnittstellen (APIs) der Tech-Giganten. Der technologische Burggraben ist folglich eher niedrig. Der primäre Unternehmenswert liegt in der User Experience, der reibungslosen Modellanbindung und dem abstrakten Vertrauensfaktor „Datenschutz“.
- Zahlungsbereitschaft: 34,90 Euro im Monat (knapp 420 Euro im Jahr) sind für ein klassisches Familienbudget eine erhebliche Summe. Der Preis entspricht fast den Kosten von anderthalb ChatGPT-Plus-Lizenzen. Die zentrale Herausforderung für das Marketing wird sein: Sind Eltern bereit, für den Schutz der Daten ihrer Kinder diesen Premium-Aufschlag zu zahlen, während der Nachwuchs die Basis-Tools de facto kostenlos und mit einem Klick auf dem Smartphone nutzen kann?
- Token-Ökonomie in der Praxis: Das Modell sieht einen geteilten Token-Pool für die fünf Accounts vor. In der Praxis könnte dies zu Reibereien führen, wenn beispielsweise ein Familienmitglied rechenintensive Bildgenerierungen (etwa über Black Forest Labs) durchführt und das Kontingent für die Text-Prompts der restlichen Familie vorzeitig aufbraucht.
- Wettbewerbslandschaft: InnoGPT bewegt sich in einem Sandwich-Markt. Von oben drohen die direkten B2C-Angebote der Tech-Riesen (es ist absehbar, dass OpenAI oder Google eigene „Family Plans“ ausrollen). Von der Seite drücken EdTech-Start-ups in den Markt, die KI DSGVO-konform direkt in die Lernplattformen der Schulen integrieren – was eine private Familienlizenz obsolet machen könnte.
Ein mutiger Testballon
Für das Start-up-Ökosystem ist die Inno KI GmbH dennoch ein Paradebeispiel für „bootstrapped“ Innovationskraft. Anstatt ein Produkt am Reißbrett zu entwerfen, hat das Team ein valides Angebot aus einem eigenen betrieblichen Schmerz heraus entwickelt.
Der Vorstoß in den B2C-Markt wirkt wie ein smarter, PR-wirksamer Testballon. Das Start-up greift eine hochaktuelle, emotionale gesellschaftliche Debatte auf (Jugendschutz bei KI) und besetzt rhetorisch geschickt die Rolle des Problemlösers. Ob sich das Family-Modell finanziell trägt, hängt letztlich davon ab, ob innoGPT den trockenen Begriff der „DSGVO-Konformität“ für Eltern emotional so aufladen kann, dass er als unverzichtbare Sicherheitsmaßnahme wahrgenommen wird. Gelingt dies nicht, ist das Risiko überschaubar: Das Start-up kann sich nahtlos wieder auf sein wachsendes B2B-Kerngeschäft konzentrieren.
Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein
Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.
Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.
Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.
Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger
Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.
+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++
Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“
KI-Tempo vs. Konzernstrukturen
Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.
Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“
Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“
Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz
Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.
Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.
Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.
Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.
Zwischen Convenience und Notariat
Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“
Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.
Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.
Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.
Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“
Der Lackmustest
Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.
Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“
Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.
Sizeless: Schluss mit „Da wächst du noch rein!“
Zu kleine Schuhe schaden Kinderfüßen, ständiger Neukauf belastet den Geldbeutel und die Umwelt. Das Kölner Start-up Sizeless präsentiert nun die Lösung: Einen Premium-Sneaker, der mechanisch um eine ganze Größe mitwächst. Wir sprachen mit den Gründern über den steinigen Weg vom ersten Prototyp bis zur ersten Funding-Kampagne.
Kinderfüße wachsen in rasantem Tempo – oft so schnell, dass die teuren neuen Schuhe schon nach wenigen Monaten wieder drücken. Im Schnitt benötigt ein Kind alle vier Monate neue Schuhe. Das geht nicht nur ins Geld, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt dar. Viele Eltern greifen auf eine pragmatische, aus orthopädischer Sicht jedoch problematische Lösung zurück und kaufen Schuhe schlichtweg zu groß, nach dem Motto: Da wächst du noch rein.
Die Folge sind nicht selten schlecht sitzende Schuhe, die das Gangbild beeinträchtigen und langfristig zu Fußfehlstellungen führen können. Drei Kölner Gründer wollen diesem Kreislauf aus ständigem Neukauf und Ressourcenverschwendung nun ein Ende setzen. Mit Sizeless hat das Start-up einen Kinderschuh entwickelt, der mechanisch mitwächst und das Problem an der Wurzel packen soll.
Vom Pitch zum Prototyp
Die Idee zu Sizeless entstand aus einer tiefen Kenntnis der Schuhindustrie. Die drei Gründer Alexander Schemel (CEO), Leander Peters (COO) und Louis Smith (CTO & Head Designer) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Sportartikelgiganten Adidas. Der Startschuss fiel im Frühjahr 2023 bei einer Open Innovation Challenge der Marke On-Running in Zürich, bei der Alexander und Leander ihr Konzept präsentierten und gewannen. Dieser Erfolg war der nötige Funke, um aus der Idee ein Unternehmen zu formen.
Die anschließende Hardware-Entwicklung erwies sich jedoch als massiver Härtetest. „Wir kamen aus Gesprächen mit Fabriken in Portugal zurück, denen das Projekt zu technisch, zu frühphasig und zu risikobehaftet war“, erinnert sich Leander an die anfängliche Frustration. Man konnte zwar die Idee validieren und Eltern dafür begeistern, den Schuh aber schlichtweg noch nicht physisch bauen.
Den entscheidenden Befreiungsschlag brachte schließlich das exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Für das Team war diese Zusage „absolut wegweisend“ – ein essenzieller Anschub, den das Trio aus eigener Kraft niemals hätte stemmen können, räumt der Gründer ein. Das staatliche Programm sicherte den Kölnern nicht nur zwölf Monate rettendes Vollzeit-Commitment, sondern deckte auch die Entwicklungs-, Gründungs- und Patentkosten weitestgehend ab. Vor allem aber lieferte es die nötigen finanziellen Ressourcen, um das fehlende Puzzleteil ins Team zu holen: den studierten Produktdesigner und Ingenieur Louis Smith. Das Stipendium finanzierte seinen Umzug von Glasgow nach Köln sowie seine laufenden Kosten. „In der Essenz: Ohne exist kein Louis, ohne Louis kein Schuh“, bringt es Leander pointiert auf den Punkt.
Doch auch die beste staatliche Förderung hat ihre strukturellen Grenzen. Wie Leander erklärt, enden die Möglichkeiten von exist exakt am kritischen Übergang von der Prototypen-Entwicklung zum Launch und der anschließenden Skalierungsphase. Um in Produktion zu gehen und die Marke aufzubauen, sei frisches Kapital zwingend notwendig. Während man sich für die Pre-Seed-Runde bereits mit starken Business Angels gut aufgestellt sieht, richtet sich der Blick der Gründer nun auf eine größere Seed-Runde gegen Ende 2026, um groß angelegte Launches vorzubereiten.
Gepaart wird diese finanzielle Herausforderung mit einem Kampf gegen die Mühlen der Behörden. Bürokratische Hürden seien bei Sizeless quasi das „inoffizielle vierte Teammitglied“. Durch den Brexit gilt Louis als Nicht-EU-Bürger; sein befristetes Arbeitsvisum lief bereits im September 2025 ab. Obwohl das Team zeitnah eine Verlängerung und einen Aufenthaltstitel beantragte, reagieren die zuständigen Sachbearbeiter kaum auf E-Mails oder Anrufe. Louis hangelt sich seither mit befristeten Fiktionsbescheinigungen von Monat zu Monat und darf das Land nach deren Ablauf vorerst nicht mehr verlassen. „Diese Absurditäten lähmen enorm“, kritisiert Leander das überlastete System, durch das jeden Tag reeller wirtschaftlicher Schaden entstehe – auch in ganz anderen Dimensionen als bei ihrem Start-up.
Der Härtetest im Kindergarten
Doch wie wächst ein Schuh mit, ohne an Stabilität einzubüßen? Sizeless geht einen technischen Weg, für den bereits eine Patentanmeldung läuft. Über zwei Laschen an der Außenseite lässt sich die Passform verstellen: Sie ziehen eine flexible Sohle nach oben oder geben sie nach unten frei, wodurch die Zehenbox gezielt vergrößert oder verkleinert wird. So lässt sich der Schuh stufenlos um acht Millimeter in der Länge anpassen – was etwas mehr als einer kompletten Schuhgröße (ca. 6,6 mm) entspricht.
Auf die Frage, ob eine solche Mechanik dem erbarmungslosen Kinder-Alltag standhält, räumt Leander ein, dass das Team hier massiv dazulernen musste. Nachdem CEO Alexander tagelang als „Praktikant“ das Bewegungsverhalten in Kindergärten analysiert und den Schuh einem „Tobetest“ unterzogen hatte, wurde das Design grundlegend überarbeitet. Der Schuh musste „kindergarten-approved“ werden. Das Resultat: eine abriebfeste Sohle mit ordentlichem Profil, ein für Bobbycar-Rennen geschützter Vorderfußbereich sowie wasserabweisende und waschmaschinentaugliche Materialien. „Auch den Sizeless-Schuh wird man kaputt bekommen, wenn man es darauf anlegt“, gibt Leander unumwunden zu. Es gelte künftig stets die Kunst zu beherrschen, Minimalismus und Flexibilität mit der nötigen Robustheit auszubalancieren.
Passform und orthopädische Grenzen
Da Kinderfüße bekanntermaßen nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen, kombiniert Sizeless die Mechanik mit einer von Natur aus breiten Zehenbox und einem flexiblen Obermaterial. Ein zusätzlicher Klettverschluss am Spann sorgt für Anpassungsfähigkeit bei hohen oder niedrigen Risten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Jan-Peter Goldmann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln, der sicherstellen soll, dass die Verstellmechanik die natürliche Fußentwicklung optimal fördert.
Trotz der Anpassungsfähigkeit zieht das Start-up eine klare Grenze. „Ganz wichtig: Wir sind kein Medizinprodukt!“, betont Leander. Der Leisten orientiere sich am durchschnittlichen Kinderfuß. Absolut außergewöhnliche Maße oder komplexe orthopädische Besonderheiten wolle man mit dem Launchmodell bewusst noch nicht abdecken.
Premium-Preise und ein neues Konsumverhalten
Mit dem Konzept greifen die Kölner das traditionelle Geschäftsmodell von branchenweiten Platzhirschen wie Superfit, Ricosta oder Elefanten an, das auf den ständigen Neukauf angewiesen ist. Sizeless hingegen macht dieses schnelle Wachstum zum Feature. Preislich positioniert sich der in Europa gefertigte Schuh mit einer UVP von rund 99 Euro klar im Premium-Barfuß-Segment. In diesem dominieren aktuell Marken wie Wildling Shoes oder Affenzahn.
Wird gesunde Fußentwicklung damit zum Luxusgut? Leander kontert diese Befürchtung vehement: Kinderfüße bräuchten vor allem Raum zur freien Entfaltung, ganz nach dem Prinzip „Beschützen statt beschränken“. Der Preis richte sich an eine Kernzielgruppe, die gezielt nach funktionalen, hochwertigen Schuhen sucht, und amortisiere sich ohnehin durch die deutlich längere Nutzungsdauer.
Gleichzeitig fordert der Ansatz ein Umdenken der Eltern, die traditionell auf das Ausmessen im stationären Fachhandel vertrauen. Leander sieht darin keinen Zwang, sondern eine Befreiung: Eltern „mussten“ bisher ins Geschäft, weil die Schuhe drückten. Mit Sizeless „können“ sie den Schuh bequem selbst anpassen. Den unter Personalmangel leidenden Fachhandel sehe man langfristig nicht als Konkurrenten, sondern als wichtigen Hebel – auch wenn der limitierte Launch bewusst der eigenen Community vorbehalten bleibt. Langfristig wolle man durch ein innovatives Konzept wieder Menschen in die Läden bewegen.
Marktreife und Skalierung: Eine neue Ära?
Nach monatelanger Entwicklung hat das Team einen verlässlichen Produktionspartner in Portugal gefunden, der europäische Qualitätsstandards garantiert. Aktuell geht Sizeless den nächsten Schritt: Am 16. März 2026 launchte eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um die erste Serienproduktion zu finanzieren. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten Schuhe im Sommer 2026 ausgeliefert werden.
Bleibt die große wirtschaftliche Frage: Kannibalisiert sich ein Geschäftsmodell nicht selbst, wenn Kund*innen seltener Schuhe kaufen müssen? „Kannibalisiert wird am Ende nur das, was sich dem neuen Standard nicht anpasst“, gibt sich Leander selbstbewusst. Die Skalierung soll einerseits über die Erweiterung des Sortiments um Modelle wie den ersten Winterschuh für 2026, Hausschuhe, Sandalen oder Gummistiefel erfolgen. Der eigentliche Hebel sei jedoch das Patent. Sobald dieses final erteilt ist, will das Start-up Lizenzen an andere Marken vergeben. Die Vision der Kölner ist grenzenlos: Jeder Schuh soll künftig ein Sizeless-Schuh werden können – völlig unabhängig davon, welches Logo am Ende auf dem Karton steht.
HofFloh: Von der analogen Nische zur digitalen Plattform
Flohmärkte im eigenen Hinterhof boomen. Das 2025 in Köln gegründete Start-up HofFloh will diesen analogen Trend bündeln und digitalisieren. Doch lässt sich ein hyperlokales Event skalieren, wenn das Geschäftsmodell auf Micro-Payments von 2,50 Euro basiert? Ein kritischer Blick auf eine Geschäftsidee zwischen Veedels-Romantik und Plattform-Ökonomie.
In zunehmend anonymisierten Großstädten wächst die Sehnsucht nach lokaler Vernetzung. Genau hier setzt HofFloh an. Das mittlerweile vierköpfige Team hat eine App- und Web-Plattform entwickelt, über die Privatpersonen Hofflohmärkte im eigenen Viertel organisieren können. Die klassische, oft chaotische Zettelwirtschaft an Straßenlaternen wird dabei durch eine interaktive, digitale Live-Karte ersetzt. Darauf können Nutzer*innen ihre Stände eintragen und Besucher*innen sich ihre Routen zusammenstellen.
Aus der Entwicklerstube in den Hinterhof
Die Gründungshistorie des Start-ups ist stark produktgetrieben: Die Gründer*innen Sebastian Schmitz (CEO), Martin Müller (CEO & CTO) und Andrea Schmitz (CMO) bündelten ihre technische und kommunikative Expertise. Die Idee entstand pragmatisch, als das Team selbst einen Hofflohmarkt ausrichten wollte und an der mangelnden digitalen Infrastruktur scheiterte.
„2025 haben wir in Köln zu dritt HofFloh gegründet“, blickt Andrea Schmitz zurück. Dabei habe man sich bewusst auf ein Thema gestürzt, das viele unterschätzen würden: lokale Geschäftsmodelle. Finanziert wird das Vorhaben bislang konsequent durch Bootstrapping – ganz ohne klassisches Venture Capital.
Auf die Frage, ob der Verzicht auf das große Geld angesichts drohender Copycats nicht irgendwann zur Wachstumsbremse wird, kontert die Gründerin selbstbewusst: „Unser bewusster Verzicht auf externes Kapital ist aktuell ein strategischer Vorteil, weil wir uns voll auf Produkt und Nutzer*innen konzentrieren können, statt auf schnelles, oft künstliches Wachstum.“ Bei einem hyperlokalen Ansatz ließen sich viele Dinge nicht am Reißbrett skalieren, sondern müssten vor Ort entstehen. Erst wenn funktionierende Strukturen und wiederholbare Mechaniken stehen, wolle man in die Breite gehen.
Vor finanzstarken Nachahmern scheint das Team keine Angst zu haben. Schmitz räumt zwar ein, dass sich ein Copycat mit viel Kapital schnell Sichtbarkeit einkaufen könne. Sie betont jedoch die eigene Verteidigungslinie: „Was sich aber nicht kurzfristig kopieren lässt, sind funktionierende lokale Communities.“ Genau darin sehe HofFloh seinen langfristigen Vorteil.
Sympathisch, aber langfristig tragfähig?
Die Plattform verzichtet komplett auf In-App-Werbung und den Verkauf von Nutzer*innendaten. Wer einen Stand auf der Karte eintragen will, zahlt faire 2,50 Euro als Frühbucher*in oder 5,00 Euro bei kurzfristigen Anmeldungen. Angesichts der laufenden Kosten für Server, Support und regionales Marketing drängt sich jedoch zwangsläufig die Frage der Profitabilität auf. Wie viele Stände müssen gebucht werden, um nicht ins Minus zu rutschen?
Schmitz verweist auf die schlanken Strukturen des Start-ups: „Wir haben keine hohen Fixkostenstrukturen und achten sehr genau darauf, dass unsere Kosten mit dem Wachstum skalieren.“ Die niedrigen Einstiegspreise seien aktuell ein bewusstes Werkzeug, um Nutzung und Akzeptanz für das noch recht neue Konzept aufzubauen. Das Modell lebe von der Bündelung, so die CMO weiter. An einem einzigen Wochenende könnten in einer Stadt mehrere hundert Stände zusammenkommen. „Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Transaktion, sondern die Wiederholung“, erklärt sie. Da viele Viertel regelmäßig Hofflohmärkte organisieren, denke HofFloh nicht in einzelnen Buchungen, sondern in aktiven Städten und wiederkehrenden Events.
Dennoch bleibt die Nutzer*innenakquise (CAC) bei Margen im Cent-Bereich eine Herausforderung. Teure Performance-Marketing-Kampagnen auf Meta oder Google sind bei diesen Summen schlicht nicht rentabel. Das Kölner Start-up setzt daher auf Growth-Hacks und Mundpropaganda. Das Wachstum sei bisher fast vollständig organisch verlaufen, berichtet die Mitgründerin. Jeder eingetragene Stand fungiere als Touchpoint im Viertel. „Menschen sehen die Stände, sprechen darüber und tragen die Idee weiter“, so Schmitz.
Um die Abhängigkeit von reinen Algorithmen zu durchbrechen, baue man zudem gezielt einen eigenen Newsletter sowie Community-Strukturen auf. Das Start-up unterstützt die lokale Verbreitung mit automatisch generierten Postern, Flyern sowie Vorlagen für WhatsApp und Social Media. Neuerdings setzt HofFloh auch auf kleine Upsells: „Teilnehmende können ergänzend Flyer-Briefe für die Verteilung im Viertel sowie HofFloh-Starterpakete kaufen, um die lokale Sichtbarkeit weiter zu erhöhen“, berichtet Schmitz. Diese Mischung aus Produktmechanik und Community-Aufbau habe geholfen, eine erste kritische Masse ohne riesige Marketingbudgets zu erreichen.
Die harte Hürde der Hyperlokalität
Der Wettbewerb ist indes nicht zu unterschätzen. Auf der Makro-Ebene kämpft HofFloh mit milliardenschweren Tech-Giganten wie Vinted oder Kleinanzeigen um all jene, die ihr „ausrangiertes Zeug“ loswerden wollen. Auf der Mikro-Ebene wildern kostenlose Facebook- und WhatsApp-Gruppen im Revier. Der USP von HofFloh ist daher die radikal einfache Sichtbarkeit und Planbarkeit.
Die Krux bleibt jedoch die Skalierbarkeit. Im Gegensatz zu reinen Software-as-a-Service-Produkten muss HofFloh für jeden neuen Markt den mühsamen Aufbau lokaler Netzwerkeffekte von vorn beginnen. Ein Event zündet nur, wenn eine kritische Masse an Haushalten im exakt selben Viertel zur exakt selben Zeit mitmacht.
Erschwerend kommt die absolute Wetterabhängigkeit hinzu, die den Kernumsatz auf die wenigen Frühlings- und Sommermonate limitiert. Wie also den Winter überstehen, wenn das Kerngeschäft de facto im Winterschlaf liegt? Auf diese essenzielle Frage reagiert Schmitz zunächst mit dem typischen Gründer*innen-Optimismus und verweist auf die technische Weiterentwicklung: „Die Wintermonate sind für uns keine reine Pause, sondern eine gezielte Entwicklungsphase, in der wir unsere Plattform weiter schärfen.“ Das habe man bereits im vergangenen Winter sehr intensiv getan. Was das drohende Umsatzloch betrifft, bleibt sie vage und flüchtet sich etwas ins Prinzipielle: Man beobachte, dass das Bedürfnis nach lokaler Vernetzung nicht saisonal sei. Konkrete Produkte nennt sie nicht, deutet aber an: „Wir denken aktuell in verschiedene Richtungen, wie sich die Plattform perspektivisch auch unabhängig von der Jahreszeit weiterentwickeln kann, ohne den Kern des Produkts zu verlieren.“
Einordnung & Fazit
HofFloh ist ein Paradebeispiel für den Trend der „Zebra“-Start-ups: Nicht das exponentielle Unicorn-Wachstum um jeden Preis steht im Fokus, sondern ein nutzengetriebenes, gemeinschaftsorientiertes Wirtschaften. Als Fallstudie beweist das junge Kölner Unternehmen, dass sich durch die smarte Digitalisierung eines analogen Alltagsproblems organische Traktion generieren lässt. Gleichzeitig zeigt das Modell ungeschönt die harten Skalierungsgrenzen von B2C-Plattformen auf, die stark auf Hyperlokalität angewiesen sind.
Ob HofFloh am Ende den Sprung in die überregionale Profitabilität schafft oder lediglich als idealistisches Veedels-Projekt eine Nische besetzt, wird davon abhängen, ob das Team in Zukunft neue Einnahmequellen erschließen kann.
Wie steht es etwa um B2B-Kooperationen? Hier tritt Schmitz merklich auf die Bremse. In der aktuellen Phase gehe es vor allem darum, Nutzung aufzubauen und die Preisstruktur zu verstehen. Potenzial für Kooperationen – etwa mit Städten oder lokalen Initiativen – sehe sie zwar. Doch sie zieht eine klare rote Linie: „Wichtig ist uns dabei, dass solche Ansätze immer einen echten Mehrwert für die Nachbarschaften bieten und die Nutzung nicht komplizierter machen.“ Der Anspruch bleibe es, wirtschaftlich tragfähig zu wachsen, ohne die Einfachheit und den Charakter der Plattform zu verwässern. Welche Bausteine dafür langfristig sinnvoll seien, werde man Schritt für Schritt aus der Nutzung heraus entwickeln.
tozero: Vom Pilotprojekt zur Industrieanlage in Rekordzeit
Das Münchner ClimateTech-Start-up tozero hat Europas erste industrielle Demonstrationsanlage für das Batterierecycling eröffnet. Es ist der nächste ehrgeizige Schritt im Kampf um die europäische Rohstoffsouveränität.
Hinter tozero stehen Sarah Fleischer, Serienunternehmerin und Maschinenbauingenieurin, sowie die renommierte Metallurgie-Expertin Dr. Ksenija Milicevic Neumann. Die Gründung im Jahr 2022 traf den exakten Nerv der Zeit: Geopolitische Spannungen und der anstehende EU-Regulierungsdruck schufen ein ideales Umfeld für strategische Investitionen in die Kreislaufwirtschaft.
Das Tempo, das tozero seither vorlegt, ist in der eher trägen Hardware-Welt bemerkenswert: Bereits im Juli 2023 startete der Betrieb der ersten Pilotanlage in München. Nur neun Monate später, im April 2024, lieferte tozero als erstes europäisches Start-up recyceltes Lithium an kommerzielle Kund*innen aus. Zuletzt konnte das Unternehmen im Februar 2025 zudem als Erster in Europa 100 % recycelten Graphit für die industrielle Produktion von Lithium-Ionen-Batteriezellen qualifizieren.
Die neue Anlage: Was die Technologie verspricht
Die nun im Chemical Park Gendorf bei München eröffnete Demonstrationsanlage wurde in lediglich sechs Monaten errichtet. Sie ist darauf ausgelegt, jährlich 1.500 Tonnen Batterieabfälle zu verarbeiten und daraus unter anderem hochreines Lithiumcarbonat sowie Graphit und eine Nickel-Kobalt-Mischung zurückzugewinnen. Das entspricht dem nötigen Batteriematerial für rund 6.000 Elektrofahrzeuge.
Das technologische Herzstück ist ein proprietäres, säurefreies hydrometallurgisches Verfahren, das die Rückgewinnung in einem einzigen Kreislauf ermöglicht. Anders als beim etablierten Hochtemperatur-Schmelzen (Pyrometallurgie) kommt dieser Ansatz mit einem deutlich geringeren CO₂-Fußabdruck und sorgt für einen „grünen Preisvorteil“. Die Materialien sind dabei so rein, dass sie direkt wieder in die Produktion eingespeist werden können. Für das Jahr 2030 ist bereits eine großskalige Anlage geplant, die die ersten tausend Tonnen Batterieabfälle pro Jahr verarbeiten soll.
Gigantisches Potenzial trifft auf reale Engpässe
Der regulatorische und marktgetriebene Rückenwind für tozero ist enorm. Seit 2010 ist der globale Lithiumverbrauch für Batterieanwendungen von 20 Prozent auf über 70 Prozent des Gesamtbedarfs gestiegen. Bis 2030 wird sich die weltweite Nachfrage nach Lithium voraussichtlich nochmals vervierfachen. Laut Prognosen der Großbank UBS droht der Weltmarkt bereits ab 2026 in ein Lithium-Versorgungsdefizit zu rutschen, das ab 2035 zu einer weltweiten Versorgungslücke von mehr als 33 Prozent führen könnte.
Gleichzeitig stammt laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen derzeit 97 Prozent des in Europa verbrauchten Lithiums aus China – tozeros Pressemitteilung spricht von einer 99-prozentigen Auslandsabhängigkeit beim Lithium. Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe fordert daher zwingend, dass künftig 25 Prozent der Versorgung aus Recyclingquellen gedeckt werden. Tozero übertrifft dabei mit einer beständigen Lithiumrückgewinnungsrate von über 80 Prozent in Pilotprojekten (unter anderem mit BMW und MAN) bereits heute das von der EU für 2031 gesteckte Ziel.
Doch das aktuelle Marktumfeld ist paradox: Obwohl die Zukunft nach Recycling ruft, warnen Experten derzeit davor, dass das Batterierecycling in Europa kurzfristig oft unprofitabel ist. Das Kernproblem ist der Input. Es gibt aktuell schlichtweg zu wenig Batterie-Rückläufer (End-of-Life-EV-Batterien), was dazu führt, dass viele europäische Anlagen weit unter ihrer Kapazitätsgrenze laufen. Erschwerend kommt hinzu, dass begehrte "Black Mass" (geschredderter Batterieschrott) von europäischen Vorverarbeiter*innen teils lukrativer an asiatische Giganten verkauft wird.
Starker Wettbewerb: Wer schließt den Kreislauf?
Tozero ist in diesem hart umkämpften Markt keineswegs allein. So punktet etwa das Aachener Start-up und RWTH-Spin-off Cylib mit einem Ende-zu-Ende-Recyclingansatz für alle Batterieelemente sowie einem starken finanziellen Rückhalt. Auch das niedersächsische Unternehmen Duesenfeld mischt in der Branche kräftig mit und setzt auf ein etabliertes mechanisch-chemisches, emissionsarmes Verfahren, das ganz ohne Einschmelzen auskommt.
Neben den agilen Start-ups drängen zunehmend auch Großkonzerne in das Feld: Traditionelle Metallurgie-Riesen wie Umicore oder große Batteriehersteller wie Northvolt investieren massiv in geschlossene Kreisläufe. Ein Blick über den Atlantik zeigt zudem die Dominanz globaler Player. In den USA hat Redwood Materials – geführt von Tesla-Mitgründer JB Straubel – mithilfe von Milliarden-Fundings und exklusiven OEM-Partnerschaften bereits gewaltige Marktanteile erobert.
Kritisch eingeordnet
Trotz der technologischen Exzellenz muss das Geschäftsmodell für den langfristigen kommerziellen Erfolg noch einige Hürden nehmen:
- Feedstock-Sicherung: Die größte Herausforderung ist nicht die Chemie, sondern das Sourcing. Auch wenn die Branche Altbatterien gern als "oberirdische Minen" bezeichnet, muss sich tozero in der Realität langfristige Lieferverträge mit Automobilhersteller*innen sichern, um die Auslastung der Anlagen zu garantieren.
- Gewaltiger CapEx-Bedarf: Der geplante Schritt von der aktuellen 1.500-Tonnen-Demonstrationsanlage hin zur geplanten kommerziellen Anlage im Vollmaßstab im Jahr 2030 erfordert immensen Kapitalaufwand. Industrielles Recycling frisst im Scale-up-Prozess oft dreistellige Millionenbeträge, was extrem anteilsverwässernde Finanzierungsrunden oder massive Fremdkapitalaufnahmen erfordert.
- Preisvolatilität: Tozero betont zwar, mit seinem effizienten Verfahren einen echten "grünen Preisvorteil" zu erzielen. Dennoch bleibt das Modell anfällig für die starken Preisschwankungen am Weltmarkt. Brechen die Lithium- oder Nickelpreise für Primärrohstoffe ein, geraten auch die Margen von Recyclern unmittelbar unter Druck.
Fazit
Der Case tozero zeigt eindrucksvoll den Wandel im europäischen Venture Capital: Weg von reinen Software-Lösungen, hin zu hochkomplexem ClimateTech, das strategische und geopolitische Probleme löst. In unter vier Jahren vom Labor zur laufenden Industrieanlage zu kommen, ist ein starker Vertrauensbeweis für Investoren. Tozero hat verstanden, Regulierungen als Katalysator zu nutzen und frühzeitig mit Branchengrößen zu validieren. Auf dem Weg zum kommerziellen Großanlagen-Betrieb 2030 werden nun vor allem clevere Lieferkettenverträge, strategische Partnerschaften und fundierte Fundraising-Skills über den finalen Markterfolg entscheiden.
Vom Tabu zum Tech-Boom: Wie DeathTech den letzten Weg neu codiert
Der Tod war lange Zeit der blinde Fleck der Digitalisierung. Während Start-ups in den vergangenen zwei Jahrzehnten unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lieben mit Algorithmen und Wagniskapital optimierten, blieb das Lebensende fest in den Händen analoger Traditionen. Heute blicken wir auf eine Branche, die ihre morbide Nischenexistenz endgültig abgestreift hat.
DeathTech und GriefTech sind systemrelevant geworden. Getrieben von der massiven Vermögensübertragung der Babyboomer-Generation – laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden in Deutschland aktuell jährlich bis zu 400 Milliarden Euro vererbt – und einem fundamentalen Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler End-of-Life-Lösungen, transformieren Gründer*innen heute einen historisch fragmentierten Markt aus rund 4.000 oft sehr traditionellen Kleinbetrieben.
Es geht längst nicht mehr nur um Preisvergleiche für Särge, sondern um die nahtlose Orchestrierung des Unvermeidlichen – von KI-gestützter Trauerbewältigung bis hin zum automatisierten Management des digitalen Nachlasses.
Wenn Demografie auf DeepTech trifft
Der Markt für Bestattungen und Nachlassverwaltung hat im Jahr 2026 eine neue, datengetriebene Reifestufe erreicht. Allein in Deutschland sprechen wir laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) von einem jährlichen Branchenumsatz im klassischen Bestattungswesen, der sich stabil der Marke von drei Milliarden Euro nähert. Flankiert wird dies von einem rasant wachsenden, digitalen Vorsorgemarkt. Der makroökonomische Hebel dahinter ist historisch einmalig: Ein immer größerer Teil der gewaltigen Erbmasse liegt dabei nicht mehr in Aktenordnern, sondern existiert ausschließlich virtuell, von Krypto-Wallets bis zu SaaS-Unternehmensanteilen.
Der Digitalverband Bitkom untermauerte diese Dringlichkeit bereits in seinen Erhebungen zum digitalen Nachlass, die zeigen, dass knapp ein Drittel der Internetnutzer*innen das Thema aktiv regeln möchte, die praktische Umsetzung aber oft an fehlenden Tools scheitert. Diese gewaltige Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot lockt institutionelles Geld an. Wir sehen keine utopischen Krypto-Bewertungen mehr, sondern sehr gesunde Series-A- und Series-B-Tickets für Unternehmen, die bewiesene Unit Economics aufweisen.
Jenseits von Sarg und Urne
Wer heute im DeathTech reüssieren will, muss über das Offensichtliche hinausdenken. Möglich ist das aktuelle Marktwachstum jedoch nur durch die Vorarbeit der Wegbereiter*innen der ersten Stunde, die den Markt überhaupt erst für institutionelles Kapital geöffnet haben. Unternehmen wie Mymoria sind dem Start-up-Status längst entwachsen; angetrieben von einer 15-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde im Jahr 2021 durch namhafte VCs wie b2venture, agiert das Unternehmen heute als etablierter Omnichannel-Gigant mit bundesweiten Boutiquen.
Auch das Scale-up November hat mit einer zweistelligen Millionenrunde durch HV Capital die Bestattungsvorsorge digitalisiert. Im lukrativen Markt der rechtlichen Vorsorge dominiert Afilio, das bereits 2022 eine 13-Millionen-Dollar-Series-A unter Führung von Cherry Ventures abschloss. Im B2B-Hintergrund hat sich Columba als unsichtbares technisches Rückgrat in den Legacy-Systemen der Bestattungsbranche verankert und übernimmt vollautomatisiert die Vertragsabmeldungen. Auf der Infrastruktur dieser Pionier*innen baut nun eine neue Generation von Gründer*innen auf, die psychologische Tiefe und radikale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt.
Die Friedhofs-Illusion und ihre Lektionen
Trotz der Goldgräberstimmung ist der Pfad der Branche mit den Überresten gescheiterter Hypes gepflastert. Ein prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit war der Versuch, reine B2C-Vergleichsportale für Bestattungen nach dem Vorbild von Check24 aufzubauen. Frühe Aggregatoren-Modelle verbrannten Millionen in der Annahme, Kund*innen würden den Tod wie eine Kfz-Versicherung vergleichen. Die Realität war ein harter Crash der Profitabilität, da die Customer Acquisition Costs (CAC) via Suchmaschinenmarketing in diesem emotionalen Ausnahmezustand astronomisch hoch waren.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich harte Lektionen ableiten. Der erste Fehler ist die Ignoranz gegenüber den Unit Economics: Da der Customer Lifetime Value (LTV) beim Tod naturgemäß auf eine Transaktion beschränkt ist, müssen Geschäftsmodelle zwingend auf margenstarken B2B2C-Vertrieb oder Lebzeiten-Vorsorge-Abos ausweichen. Ein zweites Risiko lauert in der Unterschätzung der B2B-Gatekeeper; wer die traditionellen Bestatter*innen als Feinde statt als Vertriebspartner*innen betrachtet, verliert den Kund*innenzugang. Drittens bricht vielen Gründer*innen die regulatorische Tiefe das Genick, denn wer sensible Nachlassdaten verarbeitet, operiert im Hochrisikobereich der DSGVO. Der subtilste Fehler ist ein Mangel an Branding-Sensibilität; wer mit aggressiver Growth-Hacking-Mentalität an trauernde Angehörige herantritt, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Wo die DeathTech-Exzellenz in Deutschland liegt
Die geografische Verteilung der DeathTech-Exzellenz in Deutschland hat sich auf wenige, aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. Berlin bleibt der unangefochtene Motor für Plattformen und Venture Capital, profitierend von einem dichten Ökosystem rund um Hubs wie den Inkubator Mitte von Science & Startups der Berliner Universitäten. München und der bayerische Raum haben sich hingegen als das Epizentrum für DeepTech, InsurTech-Schnittstellen und anspruchsvolle KI-Modelle etabliert. Die physische Nähe zu Rückversicherungs-Giganten wie Munich Re sowie exzellente Fakultäten der LMU machen München zum Nährboden für versicherungsgekoppelte Vorsorgemodelle. Leipzig hat sich dank Ausgründungen im Umfeld der Handelshochschule (HHL) zu einem Hub für LegalTech und rechtssicheres Datenmanagement entwickelt. Die Metropolregion Rhein-Ruhr und das Rheinland fungieren als essenzieller Testmarkt für psychologisch fundierte Ansätze – stark getrieben durch das Exzellenz Start-up Center Köln (Gateway), das gezielt hochschulnahe Gründungen im HealthTech- und GriefTech-Bereich fördert.
Investor*innen-Radar
Das Kapital, das in diese Branche fließt, ist klüger, geduldiger und diverser geworden. Spezialisierte VCs für den Tod gibt es in Europa zwar noch nicht in Reinform, aber wir beobachten eine klare strategische Erweiterung von HealthTech-Spezialisten wie Heal Capital, die Trauerbewältigung zunehmend als Teilaspekt der mentalen Gesundheit begreifen und kapitalisieren. Die richtig großen Schecks schreiben die Top-Tier Generalisten: Player wie b2venture, HV Capital und Cherry Ventures haben die massiven TAM-Zahlen (Total Addressable Market) längst in ihren Investmentthesen verankert.
Auf der anderen Seite positionieren sich Corporate VCs, allen voran der Berliner Wagniskapitalgeber IBB Ventures, der strategisch früh in Plattformen wie Emmora investierte. Den entscheidenden Treibstoff für Frühphasen-Start-ups liefern jedoch Business Angels und geförderte Exzellenz-Programme wie die exist-Gründerstipendien, die den Teams den nötigen Runway geben, um hochsensible Produkte in der Seed-Phase ohne sofortigen Profitdruck zu iterieren.
Unsere DeathTech- und GriefTech-Start-up-Watch List 2026
Für unsere finale Selektion im Jahr 2026 haben wir bewusst eine strenge Definition des Start-up-Begriffs angelegt. Die durch große Series-A- oder Series-B-Runden bereits skalierten Pionier*innen wurden als Wegbereiter*innen klassifiziert und aus der engeren Auswahl exkludiert. Die resultierende Watchlist besteht aus acht agilen Unternehmen. Kohorte eins umfasst reifere Start-ups der Gründungsjahre ab 2019, die bereits solides Investor*innen-Vertrauen und validierte Umsätze aufweisen. Kohorte zwei integriert junge Early-Stage-Start-ups aus dem Jahr 2024, die als hochspannende universitäre Spin-offs die nächste disruptive Innovationswelle abbilden.
Meine Erde
Im Jahr 2021 von Pablo Metz und Max Hüsch ins Leben gerufen, innoviert Meine Erde den Green-Death-Markt in Deutschland massiv. Das Unternehmen bringt die Reerdigung als natürliche Kompostierung in 40 Tagen aus der regulatorischen Grauzone in den legalen Markt. Der USP ist ein patentiertes Verfahren im Kokon, das pro Bestattung laut Unternehmensangaben rund eine Tonne CO2 im Vergleich zur Feuerbestattung einspart und traditionellen Methoden ökologisch messbar überlegen ist. Dieses Impact-Potenzial überzeugte namhafte VCs: Project A Ventures führte bereits 2022 eine 5,8-Millionen-Euro-Seed-Runde an, flankiert von Vorwerk Ventures.
Emmora
Victoria Dietrich und Evgeniya Polo gründeten Emmora 2019 mit dem Ziel, Bestattungsplanung und Trauerbegleitung weiblicher und empathischer zu gestalten. Das B2C-Plattform-Modell begleitet Angehörige von der Organisation der Beisetzung bis hin zur psychologischen Unterstützung. Der klare USP liegt in der kuratierten Auswahl von Dienstleistern und einem Marktauftritt, der sich wohltuend von der drückenden Schwere traditioneller Bestatter abhebt. Das Modell überzeugte früh den Accelerator APX und führte 2021 zu einer siebenstelligen Seed-Runde unter Führung von IBB Ventures.
Memoresa
Das 2019 von Jörg Schädlich und Steffen Stundzig gegründete Leipziger Start-up hat sich der Ordnung des digitalen Chaos verschrieben. Ihr hybrides B2B2C-Modell bietet eine Plattform zur Verwaltung des digitalen Nachlasses. Der USP von Memoresa ist die tiefe API-Anbindung, wodurch im Todesfall Verträge vollautomatisiert gekündigt oder umgeschrieben werden können – ein Service, der für Banken und Versicherungen wie die Signal Iduna extrem wertvoll ist. Finanziert wurde das Start-up unter anderem durch Business-Angel-Netzwerke und den Inkubator cetup.INNOLAB der TU Dortmund.
TrostHelden
Das von Hendrik Lind und der ausgebildeten Sterbe-Amme Jennifer Lind 2019 ins Leben gerufene Start-up adressiert die isolierende Einsamkeit, die dem Tod folgt. Das B2C-Subscription-Modell basiert auf einem Smart-Matching-Algorithmus, der Trauernde mit exakt passenden Schicksalsschlägen und der gleichen Trauersprache verbindet. Der USP ist diese hochpräzise Logik, die echte, kuratierte Begegnungen schafft. TrostHelden wächst primär gebootstrappt, getragen von Impact-fokussierten Netzwerken, und wurde vom BMWK als herausragendes Social-Entrepreneurship-Modell ausgezeichnet.
Grievy
Dr. Nele Stadtbäumer, Daniel Bachmann und Aenis Chebil brachten 2021 eine technologisch skalierbare, psychologische Perspektive in den Markt. Grievy ist eine auf kognitiver Verhaltenstherapie fundierte App, die Nutzern therapeutische Impulse ausspielt. Der USP liegt in der klinischen Fundierung und der Skalierbarkeit der Trauerbegleitung. Das Team durchlief erfolgreich die Inkubation am Gateway Exzellenz Start-up Center Köln, sicherte sich das exist-Gründerstipendium und belegte 2022 den dritten Platz als Digitales Start-up des Jahres des Bundeswirtschaftsministeriums.
anfang.
Dieses reinrassige GriefTech-Start-up entstand im Wintersemester 2023/24 und wurde 2024 von den Studierenden Luisa Otto, Janek Voss und Pia Mauermann auf den Weg gebracht. Das B2C-Modell dreht sich um eine App als holistischen, digitalen Trauerbegleiter. Der USP ist die Kombination aus Reflexionsmodulen und einer geschützten Community. Eng begleitet wird das Team durch HIKE, den Hochschulinkubator für Entrepreneurship der Hochschule Nordhausen, wo aktuell die Strukturierung der Skalierungsphase im geschützten universitären Umfeld vorangetrieben wird.
Kreis & Raum
Im Jahr 2024 von der Architektin Eva Hartmann und der Projektmanagerin Miriam Becker in Berlin gegründet, schlägt dieses Start-up die Brücke zwischen physischer Bestattung und moderner Trauerbegleitung. Das hybride B2C-Modell bricht mit der starren Trennung von Beerdigungsinstitut und psychologischer Betreuung. Der USP ist ein radikal individueller Ansatz, der den Trauerprozess architektonisch neu designt. Begleitet von Science & Startups im Inkubator Mitte der Humboldt-Universität zu Berlin, validiert Kreis & Raum dieses hoch-emotionale Modell aktuell im städtischen Raum.
Lebewohl App
Als Ausgründung aus dem Umfeld der Lokalpioniere in Ostwestfalen-Lippe im Jahr 2024 attackiert dieses Team die überbordende Nachlass-Bürokratie. Die App fungiert als digitaler Assistent, der Hinterbliebene mit strukturierten Checklisten durch den Behörden-Dschungel manövriert. Der USP liegt in der enormen Kosteneffizienz für den Endnutzer, da automatisierte Dokumentenbeschaffung teure Rechtsberatungen flankiert oder ersetzt. Mit starkem organischen Wachstum im OWL-Netzwerk beweist Lebewohl App zugleich, dass Innovation im DeathTech nicht zwingend aus den Metropolen kommen muss
Internationaler Ausblick & Fazit
Blicken wir über den deutschen Tellerrand, zeigen sich globale Makro-Trends, die den europäischen Markt unweigerlich erfassen werden. Aus den USA schwappt die Welle der hyperpersonalisierten Generativen KI zu uns herüber; Start-ups trainieren dort bereits Large Language Models mit den digitalen Fußabdrücken von Verstorbenen, um interaktive Legacy-Avatare zu erschaffen. Asien, insbesondere Südkorea und Japan, forciert derweil die Verschmelzung von Trauer und dem Metaverse, wo physischer Platzmangel auf Friedhöfen durch immersive, digitale Gedenkstätten kompensiert wird. Israel wiederum bringt massive Impulse im Bereich der Cybersecurity in den DeathTech-Sektor ein, um posthumen Identitätsdiebstahl zu bekämpfen.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit: Der Tod ist kein Nischenthema mehr, sondern die ultimative Customer Journey. Wer in diesem drei Milliarden Euro schweren Markt bestehen will, benötigt nicht nur brillantes Tech-Know-how und wasserdichte Unit Economics, sondern vor allem eines: tiefgreifende, authentische Empathie, die im Code ebenso verankert ist wie in der Unternehmenskultur.
Das Ende der gläsernen Gesellschaft: Top 10 Social Cooling Start-ups 2026
Angst vor Überwachung erstickt den Datenfluss. Diese zehn Start-ups machen aus digitaler Souveränität den vielleicht lukrativsten B2B-Gegentrend des Jahrzehnts.
Das Phänomen des Social Cooling, also das Gefühl der massenhaften, algorithmischen Überwachung durch omnipräsente KI-Systeme führte in den frühen 2020er Jahren zu einer spürbaren Verhaltensstarre bei Konsument*innen und Unternehmen. Man wollte nicht mehr frei interagieren, Daten teilen oder unbeschwert kommunizieren, aus Angst vor Reputationsverlust, Scoring-Abstrafungen oder Cyber-Gefahren.
Inzwischen hat dieser Vertrauensverlust eine neue, hochprofitable Industrie hervorgebracht. Was einst als reine PrivacyTech belächelt wurde, ist nun systemrelevant. Die Start-ups der Social-Cooling-Abwehrarchitektur bauen die digitalen Schutzräume von morgen, entkoppeln Identität von Überwachung und verwandeln den grassierenden Kontrollverlust in digitale Souveränität – ein starker, lukrativer Gegentrend des Jahrzehnts.
Die Marktlage: Vom Compliance-Zwang zum Innovationsmotor
Der Markt für Privacy Enhancing Technologies und Data Sovereignty hat seine Pubertät endgültig hinter sich gelassen. Galt es vor wenigen Jahren noch, lediglich lästige DSGVO-Vorgaben abzuhaken, ist der proaktive Schutz vor Social Cooling heute ein zentraler Wettbewerbsvorteil. Laut einer aktuellen Bitkom-Prognose für das laufende Jahr durchbricht der europäische Markt für digitale Vertrauenstechnologien erstmals die Marke von 8,5 Milliarden Euro – ein massives, nachhaltiges Wachstum im Vergleich zu 2023. Der technologische Haupttreiber ist die Symbiose aus generativer künstlicher Intelligenz und Zero-Knowledge-Proofs. KI wird nicht mehr nur als Überwachungstool gefürchtet, sondern ironischerweise von einer neuen Start-up-Generation als skalierbare Waffe gegen das Tracking eingesetzt. Gleichzeitig meldet das Research-Institut der KfW, dass deutsche DeepTech-Fonds allein in den letzten zwölf Monaten über 950 Millionen Euro in Gründungsteams gepumpt haben, die sich der algorithmischen Fairness, Datenobfuskation (Datenverschleierung) und der automatisierten Compliance widmen. Der Markt ist spürbar reif, die Budgets der Enterprise-Kund*innen sind freigegeben.
Die neuen Treiber: Beobachtbarkeit, Automatisierung und Cloud-Tresore
Wer 2026 auf dem Radar der großen VC-Fonds landen will, muss weit über den klassischen Cookie-Blocker hinausdenken. Drei spezifische Sub-Sektoren dominieren aktuell die Investitionsströme. Der erste große Treiber ist die Observability und Governance von Large Language Models (LLMs). Unternehmen wollen KI nutzen, müssen aber jede Eingabe auf Datenschutzkonformität überwachen, ohne die Systemleistung zu drosseln. Der zweite Wachstumsmarkt ist die tiefgreifende Automatisierung von Compliance-Workflows. Etablierte Pioniere wie das Münchner Unternehmen DataGuard haben hier bereits vor Jahren den Weg für Privacy-as-a-Service geebnet. Heute geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter: Statt manuelle Audits durchzuführen, vernetzen moderne B2B-SaaS-Tools die gesamte Firmen-Infrastruktur und prüfen den Datenfluss in Echtzeit auf rechtliche Verstöße. Der dritte, hochaktuelle Sub-Sektor ist das Confidential Computing in der Cloud. Hierbei geht es um Architekturen, die Daten selbst während der Verarbeitung im Prozessor hardwareseitig verschlüsseln. Während ältere DeepTech-Pioniere wie Apheris dieses vertrauensvolle Rechnen auf kooperatives KI-Training fokussierten, machen neue Start-ups diese sogenannten Cloud-Tresore nun als Plug-and-Play-Lösung für den breiten B2B-Mittelstand zugänglich, sodass weder Provider noch staatliche Akteur*innen mitlesen können.
Reality Check: Gescheiterte Krypto-Hoffnungen und teure Lektionen
Doch der Weg in das boomende Jahr 2026 war auch mit prominenten Ruinen gepflastert. Die Branche erinnert sich nur allzu gut an den Hype um dezentrale, rein konsumentenorientierte Daten-Marktplätze und "Pay-for-your-Data"-Plattformen der vergangenen Jahre. Hochfinanzierte Start-ups wie das Schweizer ICO-Projekt Datum oder das US-Pendant Wibson versprachen Nutzer*innen Krypto-Token, wenn sie ihre Daten souverän selbst vermarkteten – und erlitten reihenweise Bruchlandungen. Die Token-Ökonomie kollabierte, die zahlenden B2B-Käufer*innen blieben aus. Aus diesen teuren Fehlern lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste und tödlichste Irrtum ist die Fixierung auf den B2C-Markt. Konsument*innen beklagen zwar in Umfragen lautstark den Verlust ihrer Privatsphäre, sind aber in der Praxis fast nie bereit, für den Schutz zu bezahlen oder komplexe Krypto-Wallets zu bedienen.
Der zweite Fallstrick betrifft die Unit Economics. Wer heute komplexe kryptografische Verschlüsselungen – etwa Zero-Knowledge-Proofs – anbietet, sieht sich mit gigantischen Rechenkosten konfrontiert. Diese pulverisieren die Margen, wenn das Pricing nicht von Tag eins auf Premium-B2B-Kund*innen ausgerichtet ist.
Die dritte Lektion ist die Gefahr der regulatorischen Abhängigkeit. Wer sein Geschäftsmodell lediglich als temporären Patch für eine aktuelle Schwachstelle in der EU-Gesetzgebung baut, verschwindet vom Markt, sobald die Regulierung angepasst wird. Technologie muss einen intrinsischen Wert bieten.
Der vierte und oft unterschätzte Fallstrick ist die User Experience. Auch das kryptografisch stärkste Tool stirbt, wenn es im Arbeitsalltag Reibung erzeugt. Cybersecurity und Privacy müssen im Jahr 2026 absolut unsichtbar im Hintergrund operieren, statt den Nutzer mit Warnhinweisen zu gängeln.
Das deutsche Netzwerk: Die Schmieden der Abwehrarchitektur
Deutschland hat sich in diesem Sektor eine strukturelle Vorreiterrolle in Europa hart erarbeitet, die sich auf fünf hochspezialisierte Hotspots verteilt. München fungiert dabei als die Deep-Tech-Hauptstadt der Bewegung. Die enge Verzahnung der TU München und ihres Inkubators UnternehmerTUM mit dem Fraunhofer AIsec sowie den zahlungskräftigen B2B-Kunden aus der lokalen Automobil- und Versicherungsbranche schafft ein extrem fruchtbares Ökosystem für skalierende Start-ups. Weiter nordwestlich bilden Karlsruhe und Darmstadt gemeinsam den wehrhaften Zwillings-Hub für angewandte Kryptografie. Befeuert durch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das ATHENE-Forschungszentrum entstehen hier die mathematischen Grundlagen für vertrauenswürdige KI und Zero-Knowledge-Protokolle. Berlin hingegen ist der unangefochtene Hub für die schnelle Kommerzialisierung und B2B-SaaS-Skalierung. Nirgendwo sonst in der Republik ist die Dichte an internationalen Tech-Talent*innen und Wagniskapital höher, flankiert von einer kritischen Zivilgesellschaft, die das Thema Social Cooling politisch überhaupt erst auf die Agenda gesetzt hat. Bochum komplettiert das Netzwerk als heimliche Hauptstadt der IT-Sicherheit. Das renommierte Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit (HGI) und der lokale Inkubator Cube 5 liefern hier kontinuierlich das intellektuelle Rüstzeug und die essenziellen Spin-offs für die nächste Generation der Daten-Souveränität.
Der Investor*innen-Radar
Das Ökosystem der Geldgeber*innen ist im Jahr 2026 hochgradig professionalisiert und lässt sich in vier klar abgrenzbare strategische Kohorten unterteilen. Zunächst sind da die hochspezialisierten VCs, die den DeepTech-Charakter der Branche nicht nur finanzieren, sondern technologisch durchdringen. Namen wie eCAPITAL aus Münster oder UVC Partners haben das strukturelle Potenzial frühzeitig erkannt und orchestrieren heute die komplexen Runden.
Auf der zweiten Ebene agieren die Top-Tier Generalisten. Fonds wie Cherry Ventures, Earlybird und Point Nine Capital allozieren mittlerweile signifikante Volumina in Privacy-as-a-Service-Modelle, da sie realisieren, dass jedes Enterprise-Software-Budget der Zukunft zwingend einen substanziellen Posten für digitale Souveränität enthalten wird.
Die dritte, extrem kaufkräftige Gruppe sind die Corporate VCs der Industrie. Porsche Ventures und Bosch Ventures sichern sich durch ihre strategischen Investments frühzeitig den exklusiven Zugang zu Datenraum-Technologien, die für das autonome Fahren und das industrielle IoT schlicht essenziell sind.
An der Basis dieses Pyramiden-Radars wirken schließlich die Frühphasen-Motoren und Angel-Syndikate. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) fungiert hier weiterhin als zentraler Katalysator für universitäre Spin-offs, während Founder-Angels aus dem direkten Umfeld etablierter Unicorns wie Celonis gezielt in jene B2B-Modelle investieren, die sie in ihren eigenen Wachstumsphasen schmerzlich vermisst haben.
Diese Social-Cooling-Start-ups sollten wir 2026 auf dem Radar haben
Die Kuration der folgenden zehn Must-Watch-Start-ups basiert auf einem transparenten, mehrstufigen Analyseverfahren. Im Fokus der Redaktion standen vier Kernkriterien: die akute Marktrelevanz im Kampf gegen Social Cooling, der technologische Reifegrad echter B2B-Anwendungen, die Diversität der Lösungsansätze sowie das messbare Investor*innen-Vertrauen durch signifikante Finanzierungsrunden innerhalb der vergangenen 18 Monate.
Eine unverrückbare rote Linie für diese Liste ist zudem das Gründungsjahr: Wir betrachten ausschließlich die "New Wave" der Tech-Szene ab dem Jahr 2020. Der analytische Grund dafür ist pragmatisch. Diese junge Generation von Unternehmen ist durchweg AI-native herangewachsen. Sie schleppt keine veralteten Legacy-Architekturen oder reinen DSGVO-Compliance-Feigenblätter aus dem vergangenen Jahrzehnt mit sich herum. Stattdessen haben diese Gründungsteams ihre Produkte von Tag eins an auf eine Welt maximaler Vernetzung bei gleichzeitigem algorithmischem Kontrollverlust ausgerichtet.
NENNA.AI
Dieses 2023 in Berlin gegründete Start-up NENNA.AI liefert die technologische Antwort auf die wachsende Angst vor Datenabfluss beim unternehmensweiten Einsatz von Sprachmodellen. Das Team um Co-Founder Ulrich Meier hat eine B2B-Plattform für "AI Privacy" entwickelt. Ihr Geschäftsmodell ermöglicht es Unternehmen, sensible interne Daten vor der Verarbeitung durch externe KIs gezielt zu maskieren und anschließend im eigenen System wieder zu demaskieren. Der USP ist die strikte Datensouveränität, wodurch die volle Leistung globaler KI-Modelle absolut datenschutzkonform und ohne Performance-Verlust genutzt werden kann. Zuletzt flossen signifikante Millionenbeträge in einer von IBB Ventures und dfv Venture geführten Finanzierungsrunde.
Kertos
Das Ende 2021 von Dr. Kilian Schmidt, Johannes Hussak und Alexander Prams in München gegründete Start-up Kertos revolutioniert die Art und Weise, wie Firmen mit regulatorischem Druck umgehen. Ihr B2B-SaaS-Modell vernetzt die gesamte IT-Infrastruktur eines Unternehmens und automatisiert Privacy- und Compliance-Workflows in Echtzeit. Der USP liegt im Einsatz spezialisierter KI-Agenten, die über eine "No-Code"-Integration komplexe Löschkonzepte, DSGVO-Auskunftsanfragen und die Vorbereitung auf ISO-Audits fehlerfrei und ohne manuelle Heerscharen abwickeln. Der globale Investor Portage führte hier zuletzt als Lead-Investor eine stark beachtete Series-A-Finanzierungsrunde an, flankiert von Pi Labs und 10x Founders.
Langfuse
Im Jahr 2022 von Marc Klingen, Max Deichmann und Clemens Rawert in Berlin gegründet, liefert dieses Open-Source-Start-up die Antwort auf das Blackbox-Problem von Sprachmodellen. Ihr B2B-Modell bietet "LLM Observability". Das Tool ermöglicht es Entwicklerteams, in Echtzeit und absolut transparent nachzuvollziehen, welche sensiblen Daten in Prompts fließen, wie die KI-Modelle antworten und wo Kosten oder Latenzen explodieren – ein essenzieller Baustein für den Schutz vor Datenabfluss und Halluzinationen. Der USP von Langfuse ist die transparente Open-Source-Architektur, die sich auch in strikt abgeriegelten On-Premise-Umgebungen hosten lässt. Lightspeed Venture Partners und La Famiglia führten hier die frühen Runden an, zudem durchlief das Team den renommierten US-Accelerator Y Combinator.
Trail
Das 2023 von Anna Spitznagel, Nikolaus Pinger und Sven Hölzel aus dem Umfeld der TU München (CDTM) heraus gegründete Start-up Trail fokussiert sich auf die Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und regulatorischem Vertrauen. Ihr B2B-SaaS-Produkt agiert als intelligenter Copilot für AI-Governance. Das Tool richtet sich primär an Entwickler-Teams und ermöglicht es ihnen, KI-Modelle konform mit dem europäischen AI Act sowie der ISO 42001 zu skalieren, ohne in manueller Dokumentation zu ersticken. Der USP liegt in der nahtlosen Integration in bestehende Entwickler-Workflows, wodurch Governance automatisiert und revisionssicher wird. Der Early-Stage-Fonds CapitalT führte hier die jüngsten Finanzierungsrunden an, strategisch flankiert von NP-Hard Ventures und Mozilla Ventures.
Kodex AI
Thomas Kaiser und Claus Lang starteten im Jahr 2022 in Berlin, um den hochregulierten Finanzsektor mit sicherer, künstlicher Intelligenz auszustatten. Ihr Geschäftsmodell ist ein B2B-SaaS-Copilot, der speziell für Banken entwickelt wurde, um interne Dokumente und komplexe Regularien durch sogenannte AI Agents zu analysieren, ohne dass sensible Kund*innendaten jemals die sichere Umgebung verlassen. Der USP liegt in der branchenspezifischen Feinabstimmung der Modelle auf strikte Financial-Compliance. Nach frühen Investments durch Signals VC und die Deutsche Bank bewies das Start-up die enorme Lukrativität dieses Markts: Ende 2025 wurde Kodex AI in einem hochkarätigen Exit vom globalen Compliance-Riesen CUBE übernommen und fungiert nun als dessen europäischer KI-Motor.
HeyData
Mit der Gründung im Jahr 2020 in Berlin durch Miloš Djurdjević, Daniel Deutsch und Martin Bastius hat sich dieses Start-up massiv weiterentwickelt. Was einst als ausgelagerter digitaler Datenschutzbeauftragter begann, ist heute eine holistische B2B-SaaS-Plattform für umfassende Compliance und IT-Sicherheit. Das Geschäftsmodell übersetzt hochkomplexe europäische Regularien – von der DSGVO über NIS2 bis hin zum AI Act – in eine modulare Softwarelösung. Der USP ist die tiefe Automatisierung von Risikoanalysen und Audits, die sich nahtlos in die bestehenden Arbeitsabläufe des Mittelstands integriert und teure manuelle Beratung obsolet macht. Das enorme Potenzial dieses Ansatzes bewies HeyData erst Anfang 2026: Aufgrund des rasanten Wachstums zog das Team eine Series-A-Finanzierung vor und sammelte auf einen Schlag 16,5 Millionen US-Dollar ein, angeführt vom US-Investor Riverside Acceleration Capital.
Certivity
Dieses 2021 in München von Nico Waegerle, Bogdan Bereczki, Jörg Ulmer und Sami Vaaraniemi gegründete Certivity löst einen der größten Schmerzpunkte der modernen Produktentwicklung: die Brücke zwischen Regulierung und Engineering. Ihr B2B-SaaS-Modell integriert komplexe rechtliche Compliance-Anforderungen – etwa den Cyber Resilience Act – direkt in die Software-Entwicklungsprozesse von Hardware-Herstellern. Der USP ist die nahtlose Übersetzung von maschinenlesbaren, juristischen Texten in die technische Implementierung, was vor allem im hochregulierten Automotive-Sektor die Entwicklungszyklen massiv beschleunigt. Der spezialisierte Mobility-Fonds Vektor Partners führte hier die letzten substanziellen Finanzierungsrunden an, stark flankiert vom High-Tech Gründerfonds, Point Nine und dem Münchner Inkubator UnternehmerTUM.
Mitigant
Nils Karn, Kennedy Torkura, Dr. Thomas Fricke und Muhammad Ihsan Sukmana brachten dieses hochspezialisierte Cloud-Security-Start-up 2021 als Spin-off des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) in Potsdam an den Start. Mit ihrem B2B-SaaS-Ansatz verfolgen sie das Konzept der "Security Resilience" durch automatisierte Cloud-Angriffssimulationen. Das Geschäftsmodell von Mitigant ermöglicht es Unternehmen, kontinuierlich zu überprüfen, ob ihre sensiblen Daten in großen Public Clouds wirklich sicher vor heimlichem Abfluss und unautorisierter Überwachung sind. Der USP liegt in der innovativen Übertragung von Chaos-Engineering-Prinzipien auf die Cybersecurity: Die Cloud-Infrastruktur wird vom System proaktiv und kontrolliert angegriffen, um Schwachstellen aufzudecken, noch bevor es echte Hacker*innen tun. Der HTGF agierte hier gemeinsam mit Brandenburg Kapital und Saber als essenzieller Frühphasen-Investor.
Identeco
Matthias Wübbeling, Christian Dietrich, Johannes E. M. Müller und Nils Vossebein gründeten 2020 aus der Universität Bonn heraus dieses hochspezialisierte Cybersecurity-Start-up. Ihr B2B-SaaS-Modell schützt die Accounts von Firmen- und Endkunden vor verheerenden Takeovers, die durch die schiere Masse an KI-generierten Phishing-Angriffen massiv zugenommen haben. Das System identifiziert gestohlene Zugangsdaten im Darknet und warnt Unternehmen in Echtzeit. Der USP ist das sogenannte Privacy-Preserving Credential Screening: Ein kryptografisches Abgleichverfahren stellt sicher, dass Identeco selbst die Passwörter der Kund*innen zu keinem Zeitpunkt im Klartext kennen oder speichern muss – ein Glanzstück der Datensouveränität. Der HTGF steht hier gemeinsam mit der NRW.BANK und spezialisierten Cybersecurity-Angels als verlässlicher Investor hinter der starken technologischen Basis.
Enclaive
Prof. Dr. Sebastian Gajek, Florian Forster und Patrick Plagwitz haben im Jahr 2021 in Berlin dieses Deep-Tech-Unternehmen gegründet, das Confidential Computing endlich für den breiten B2B-Mittelstand zugänglich macht. Das Modell ermöglicht es Unternehmen, containerisierte Anwendungen über einen automatisierten Lift-and-Shift-Ansatz in Public Clouds zu migrieren. Der entscheidende USP von Enclaive: Die Daten bleiben durch sogenannte Enklaven selbst während der aktiven Verarbeitung im Prozessor (Data-in-Use) hardwareseitig verschlüsselt. Weder der Cloud-Provider noch staatliche Akteur*innen oder Hacker*innen können mitlesen. Der TechVision Fonds (TVF) finanzierte als Lead-Investor gemeinsam mit einem Konsortium aus europäischen Cybersecurity-Angels dieses extrem kritische Infrastruktur-Tool.
Internationaler Ausblick, Trends & Fazit
Wer den deutschen Markt für Social-Cooling-Abwehr verstehen will, muss den Blick zwingend über den Tellerrand richten, denn drei globale Makro-Trends diktieren die europäischen Spielregeln bis zum Ende dieses Jahrzehnts. Aus den USA schwappt aktuell eine massive Regulierungswelle zur verpflichtenden kryptografischen Wasserzeichen-Markierung von KI-Inhalten herüber, begleitet von strategischen Kapitalflüssen in dezentrale physische Infrastrukturnetzwerke (DePIN), die eine zensurresistente Alternative zu den großen Hyperscalern aufbauen.
In Asien wiederum treibt die staatlich orchestrierte Totalüberwachung eine beispiellose Untergrund-Innovation im Bereich radikaler Obfuskations-Technologien und Dark-Net-Routing voran, deren Codebasen zunehmend in europäische Open-Source-Projekte einfließen. Aus Israel sehen wir derweil den beschleunigten Transfer von militärischer Kryptografie – wie etwa der homomorphen Verschlüsselung – direkt in zivile europäische B2B-SaaS-Produkte.
Social Cooling ist längst kein weiches soziologisches Phänomen mehr, sondern eine reale Bedrohung für datengetriebene Geschäftsmodelle – denn eine Tech-Ökonomie, deren Algorithmen auf unzensierten menschlichen Signalen basieren, erstickt unweigerlich, sobald ihre Nutzer aus Angst vor Überwachung in digitale Schockstarre verfallen. Die neue Generation von Start-ups ab dem Jahr 2020 baut exakt jene Werkzeuge, um dieses Vertrauen auf struktureller Ebene zurückzugewinnen. Sie sind die Architekt*innen einer neuen, resilienten Datenökonomie.
Griff nach den Sternen: Lieferando- und Tier-Mitgründer sammelt 5 Mio. Euro für Solarenergie aus dem All
Das europäische Start-up TerraSpark will sauberen Strom per Funk aus dem Orbit zur Erde schicken. Mit dabei: der Deutsche Matthias Laug, Mitgründer von Lieferando und Tier Mobility, sowie deutsche Investoren. Wir wollten wissen: Wie realistisch ist das ehrgeizige Vorhaben der Tech- und Raumfahrt-Veteranen? Eine Einordnung.
Europas Energieinfrastruktur stößt zunehmend an ihre Grenzen. Während die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass sich der Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird, zeigten großflächige Stromausfälle in Spanien und Portugal zuletzt die Schwächen der heutigen Energiesysteme auf.
Eine radikale Lösung für dieses drängende Problem verspricht nun das 2025 in Luxemburg gegründete Start-up TerraSpark. Das junge Unternehmen hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von über fünf Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen. Zu den Geldgebern zählen neben der Pariser Gesellschaft Daphni und dem Tech-Investor Sake Bosch auch die Angel-Investoren-Allianz better ventures und die Hans(wo)men Group. Ihr gemeinsames Ziel: Weltraumgestützte Solarenergie kommerziell nutzbar zu machen.
Prominente deutsche Wurzeln in einem hochkomplexen Hardware-Projekt
Dass dieses Vorhaben für die hiesige Gründerszene von besonderem Interesse ist, liegt maßgeblich an der personellen Aufstellung. Hinter TerraSpark steht ein Gründertrio, das eine seltene Kombination aus europäischer Raumfahrtexpertise und massiver Skalierungserfahrung vereint. Aus deutscher Sicht sticht hierbei besonders Chief Operating Officer Matthias Laug hervor. Als Mitgründer von Lieferando und Tier Mobility bringt er tiefe Erfahrung im Aufbau und in der Skalierung großer europäischer Plattformunternehmen in das komplexe Projekt ein.
Geführt wird das Team von CEO Jasper Deprez, einem Seriengründer, der zuvor die globale HR-Tech-Plattform Tradler aufbaute. Die zwingend notwendige Raumfahrt-Expertise liefert Chief Technology Officer Dr. Sanjay Vijendran: Er verantwortete bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) bereits das Solaris-Programm zur weltraumgestützten Solarenergie und war an der Mars Sample Return Mission beteiligt. Auch auf Investor*innenseite ist das deutsche Vertrauen in das Team groß. Tina Dreimann, Gründerin und Geschäftsführerin von better ventures, lobt genau diese Mischung aus europäischer Raumfahrtkompetenz und der Erfahrung, Technologie wirklich zu skalieren.
Erst die Erde, dann das All
Die Vision des Trios ist gewaltig: Solarenergie soll im Weltraum eingefangen und per Funkfrequenz sicher zur Erde übertragen werden. Das Konzept ist in der Theorie bereits seit den 1970er Jahren bekannt, doch erst heute machen sinkende Startkosten sowie technologische Fortschritte in der Satellitenfertigung und Orbitrobotik die Umsetzung wirtschaftlich tragfähig.
Anstatt jedoch das immense Risiko einzugehen und sofort mit gigantischen Systemen im All zu beginnen, wählt TerraSpark bewusst einen schrittweisen Kommerzialisierungs-Ansatz. Das Startup startet auf der Erde mit der Kommerzialisierung funkfrequenzbasierter drahtloser Energieübertragung für industrielle Anwendungsfälle. Mit diesem pragmatischen Schritt sollen Sicherheit, Effizienz und regulatorische Kompatibilität im kleinen Maßstab demonstriert werden, bevor das System in den Orbit skaliert wird. Ein hochrelevanter Markt für diese erste Phase sind netzferne Regionen, die bislang auf Dieselgeneratoren angewiesen sind. Dort liegen die Stromkosten häufig bei etwa 0,70 bis 1,50 Euro pro Kilowattstunde – ein starkes Preissignal, das technologische Alternativen rasch wirtschaftlich attraktiv machen kann.
Um diesen Markt zu erschließen, bereitet das Unternehmen in den kommenden Monaten erste Pilotanwendungen vor, darunter die drahtlose Energieversorgung eines Live-Events. Auch die Roadmap für den Weg ins All steht: Ein erster orbitaler Technologie-Demonstrator ist für das Jahr 2027 geplant, die erste echte Weltraum-zu-Erde-Energieübertragung wird für 2028 anvisiert.
Markt, Wettbewerb & Machbarkeit
Obwohl die Physik hinter der funkfrequenzbasierten Energieübertragung laut CTO Sanjay Vijendran seit Jahrzehnten validiert ist, bleibt die weltraumgestützte Solarenergie ein extrem komplexes Unterfangen. TerraSpark ist auf diesem kapitalintensiven Spielfeld nicht allein. Neben Start-ups wie Virtus Solis aus den USA oder dem neuseeländisch-deutschen Unternehmen Emrod haben auch etablierte Luft- und Raumfahrtgiganten wie Airbus das enorme wirtschaftliche Potenzial längst erkannt und treiben eigene Forschungsprogramme voran.
Kritisch zu hinterfragen bleibt bei all diesen Vorhaben die technische Effizienz der Energieübertragung über gewaltige Distanzen bis hinunter zur Erde. Die Errichtung großflächiger Solarpaneele im Weltall erfordert trotz signifikant sinkender Frachtpreise weiterhin immense Vorabinvestitionen und unzählige Raketenstarts. Zudem muss der internationale regulatorische Rahmen für das Richten von hochkonzentrierten Funkwellen aus dem All auf irdische Empfangsstationen erst noch global abgestimmt werden.
Fazit
Der „Earth-first“-Ansatz von TerraSpark ist ein äußerst kluger, unternehmerischer Schachzug. Er mildert das finanzielle Risiko für die Seed-Investoren ab, demonstriert Technologie greifbar im Kleinen und könnte frühe B2B-Umsätze generieren, lange bevor die erste Hardware ins All fliegt. Dennoch bleibt der Meilenstein-Plan enorm ambitioniert. Matthias Laug und seine Mitstreiter*innen haben in der Vergangenheit zwar eindrucksvoll bewiesen, dass sie digitale und urbane Geschäftsmodelle massiv skalieren können. Der Schritt vom E-Scooter-Verleih zur interplanetaren Energie-Infrastruktur erfordert in den kommenden Jahren jedoch eine völlig neue Dimension der Exekution – und noch deutlich tiefere Taschen der Investor*innen.
Von der Medienmarke zur Infrastruktur: Was Gründende von MILC über Web3 lernen können, ohne in den Hype zu tappen
Viele Start-ups scheitern nicht an Ideen, sondern an der falschen Flughöhe. Sie bauen Produkte für einen Markt, den es in dieser Form noch gar nicht gibt, oder sie verwechseln Aufmerksamkeit mit Substanz. Gerade im Web3-Umfeld war das in den vergangenen Jahren oft zu beobachten. Viel Kapital floss in Narrative, deutlich weniger in tragfähige Modelle.
Der Fall MILC (Media Industry Licensing Content) ist deshalb interessant, weil er einen anderen Weg zeigt. Hinter dem Projekt steht mit Hendrik Hey kein Krypto-Promoter, sondern ein Medienunternehmer mit jahrzehntelanger Markterfahrung. Der Ausgangspunkt war nicht die Frage, wie man einen Token in den Markt drückt, sondern welches reale Problem so groß ist, dass sich dafür eine neue Infrastruktur lohnt.
Nicht vom Hype her denken, sondern vom Marktproblem
Ein häufiger Fehler von Gründenden besteht darin, sich zuerst in eine Technologie zu verlieben und erst danach nach ihrem Zweck zu suchen. Bei MILC scheint die Reihenfolge umgekehrt zu sein. Das Kernproblem ist schnell beschrieben: Medien lassen sich heute global verbreiten, aber Rechte, Beteiligungen und Erlöse sind weiterhin in langsamen, teuren und oft schwer nachvollziehbaren Strukturen organisiert.
Genau dort setzt das Modell an. Nicht als weiteres Medienportal, sondern als Infrastruktur für Lizenzierung, Rechteverwaltung und Erlöslogik. Für Gründende ist das die erste wichtige Lektion: Märkte mit hoher Reibung sind oft interessanter als Märkte mit hoher Lautstärke.
Je komplexer ein Markt in der Abwicklung ist, desto größer ist der Hebel für ein gutes Infrastrukturprodukt. Wer es schafft, einen Prozess nicht nur digitaler, sondern verlässlicher und klarer zu machen, baut näher am echten Wert als jemand, der bloß eine weitere Oberfläche produziert.
Eine starke These ist noch kein Geschäftsmodell
Start-ups brauchen eine große Erzählung, aber sie dürfen sich nicht in ihr verlieren. Auch MILC arbeitet mit einer großen These: dass digitale Eigentums- und Beteiligungsmodelle im Medienbereich neu organisiert werden müssen. Entscheidend ist jedoch, ob diese These in ein funktionierendes Modell übersetzt werden kann.
Genau hier wird es für Gründende spannend. Ein Projekt wie MILC muss nicht nur technisch funktionieren. Es muss mehrere Gruppen gleichzeitig überzeugen: Rechteinhaber, Produzenten, Lizenznehmer, kreative Talente, mögliche Partner und später womöglich institutionelle Kapitalgeber. Das bedeutet: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Feature, sondern im Zusammenspiel aus Produkt, Recht, Vertrieb und Vertrauen.
Viele junge Unternehmen unterschätzen diese Mehrdimensionalität. Sie bauen zu stark aus Sicht des Entwicklers und zu wenig aus Sicht eines Marktes, der sich nur dann bewegt, wenn Risiko sinkt. Infrastruktur heißt deshalb immer auch: Komplexität für andere reduzieren.
Warum Timing wichtiger ist als Vision allein
Ein weiteres Learning aus Projekten wie MILC betrifft das Timing. Dieselbe Idee wäre vor einigen Jahren vermutlich schwerer vermittelbar gewesen. Heute treffen mehrere Trends aufeinander: KI senkt Produktionskosten, digitale Inhalte zirkulieren schneller denn je, Plattformabhängigkeiten werden sichtbarer, und die Diskussion über Eigentum an Daten, Inhalten und digitalen Assets ist deutlich reifer geworden.
Für Gründende heißt das: Eine starke Idee reicht nicht. Sie muss in einem Moment auftauchen, in dem der Markt ihren Nutzen erkennen kann. Timing ist kein Nebenaspekt, sondern oft der Unterschied zwischen zu früh und genau richtig.
Das gilt nicht nur für Web3. Es gilt für fast jede Infrastrukturidee. Wer Prozesse verbessern will, die bislang mit Excel, E-Mail und juristischen Einzelabsprachen laufen, braucht Geduld und einen Markt, der Veränderungsdruck spürt. Ohne diesen Druck bleibt selbst das bessere System nur eine gute Präsentation.
Regulierung ist nicht der Feind, sondern Teil des Produkts
Gerade Gründende aus digitalen Szenen betrachten Regulierung oft als lästige Pflicht. Das ist verständlich, aber zu kurz gedacht. In Bereichen, in denen Eigentum, Geldflüsse und grenzüberschreitende Nutzung eine Rolle spielen, ist Regulierung kein Add-on. Sie ist Teil des Produkts.
Das ist einer der interessantesten Punkte an der MILC-Strategie. Der Anspruch ist nicht, sich möglichst weit außerhalb institutioneller Logiken zu bewegen, sondern Brücken in genau diese Welt zu bauen. Für viele Start-ups liegt darin eine unbequeme, aber wichtige Einsicht: Wer in sensiblen Märkten wachsen will, muss nicht nur technologisch, sondern auch strukturell glaubwürdig sein.
Das betrifft Vertragslogiken, Auditierbarkeit, Verantwortlichkeiten und Kapitalfähigkeit. Gerade im europäischen Kontext kann das ein Vorteil sein. Vertrauen entsteht nicht nur durch gutes Design, sondern auch durch belastbare Regeln.
Gründende müssen das Problem größer denken als das Produkt
MILC wirkt deshalb weniger wie ein einzelnes Tool und eher wie der Versuch, eine ganze Wertschöpfungskette neu zu sortieren. Ob das gelingt, ist offen. Aber die Perspektive dahinter ist lehrreich. Gute Start-ups stellen nicht nur die Frage, was ihr Produkt kann. Sie fragen, welches Systemverhalten sich dadurch verändert.
Für Gründende bedeutet das: Der eigentliche Wert eines Produkts entsteht oft erst dann, wenn es Teil einer größeren Marktlogik wird. Wer nur ein Feature anbietet, bleibt austauschbar. Wer eine Kategorie neu schneidet, hat die Chance, Standards zu setzen. Das ist riskanter und langsamer, aber oft auch nachhaltiger. Vor allem in Märkten, in denen sich Macht aus intransparenten Prozessen speist, können neue Standards mehr bewirken als einzelne Innovationen.
Was man als Gründende aus MILC mitnehmen kann
Drei Punkte stechen besonders hervor:
Erstens: Starte nicht mit der Technologie, sondern mit einem Marktversagen. Wo Reibung groß ist, liegt Potenzial.
Zweitens: Infrastruktur verkauft sich nicht über Glamour, sondern über Verlässlichkeit. Wer Prozesse neu ordnet, braucht Vertrauen in Produkt, Struktur und Team.
Drittens: Große Visionen brauchen Anschlussfähigkeit. Ein Start-up wird nicht dadurch stark, dass es alles anders machen will, sondern dadurch, dass es das Neue mit den Anforderungen realer Märkte kompatibel macht.
Zwischen Hype und Handwerk
Web3 war in den vergangenen Jahren oft eine Bühne für überzogene Versprechen. Umso interessanter sind Projekte, die das Thema auf Handwerk zurückholen: auf Eigentum, Regeln, Prozesse, Beteiligung. Genau dort entscheidet sich am Ende, ob aus einer Idee ein Markt wird.
Für Gründende ist das die vielleicht wichtigste Botschaft. Es lohnt sich, auf die unspektakulären Probleme zu schauen. Denn oft liegt gerade dort das größere Unternehmen verborgen. Nicht in der lautesten Story, sondern in der stillen Fähigkeit, Ordnung in ein System zu bringen, das bislang von Unklarheit lebt.
MILC ist damit weniger ein Vorbild im Sinne einer Blaupause als ein nützlicher Prüfstein. Es zeigt, wie man eine Zukunftstechnologie nicht als Selbstzweck erzählt, sondern als Antwort auf ein reales Marktproblem. Für junge Unternehmen ist das oft die wertvollste Form von Innovation.
cuisyn schließt Finanzierungsrunde ab und startet Gastro-Roll-up im Rhein-Main-Gebiet
Das Frankfurter Start-up cuisyn hat sich frisches Kapital gesichert und übernimmt auf einen Schlag sieben Traditionsbetriebe. Nun soll das Modell auf die Individualgastronomie übertragen werden. Eine spannende Wette auf Skaleneffekte im Hintergrund – doch lässt sich der Charme eines Einzelrestaurants wirklich in ein Konzernkorsett pressen?
Das von der blueworld.group gegründete Gastronomie-Unternehmen cuisyn hat eine neue Finanzierungsrunde abgeschlossen. Als neuer strategischer Investor steigt die Beteiligungsgesellschaft Summiteer ein, die von Ex-Akasol-CEO Sven Schulz gegründet wurde und von Geschäftsführer Dominik Bär geleitet wird.
Mit dem frischen Kapital (über die Höhe wurden keine Angaben veröffentlicht) beschleunigt cuisyn seine Buy-and-Build-Strategie massiv und verkündet die Übernahme von sieben weiteren Betrieben im Rhein-Main-Gebiet. Konkret handelt es sich dabei um:
- das IZU Asian Bistro,
- das Hotel und Restaurant Paulaner am Dom,
- die Oberschweinstiege,
- die Zur Käsmühle,
- sowie die Lokale Paulaner und Little Italy im Gebäude THE SQUAIRE.
Durch diese gezielten Zukäufe verdreifacht die Gruppe ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr und plant bereits die nächste Expansionsphase in weitere deutsche Städte.
Team & Gründungshistorie
Hinter der im Jahr 2021 gegründeten Dachgesellschaft Mutti freut sich GmbH steht eine Mischung aus Serial Entrepreneuren und Gastro-Veteranen. Dr. Rigbert Fischer, der als Gründer und Geschäftsführer agiert, bringt die Blaupause für das Geschäftsmodell mit: Mit seiner blueworld.group formte er bereits das „Haus der Bäcker“ durch gezielte Nachfolgelösungen zu einer schlagkräftigen Gruppe.
Markus Langkamm steuert als weiterer Geschäftsführer die operative Branchenexpertise bei, nachdem er zuvor zahlreiche Konzepte für die renommierte Gekko Group entwickelte und führte. Ergänzt wird das Führungsteam unter anderem durch Matthias Kapaun (Process Development), ehemals Managing Director bei GO by Steffen Henssler, sowie durch die HR-Managerin Hannah Issing.
Die Front bleibt individuell, das Backend wird Systemgastro
Der Kernansatz von cuisyn ist es, erfolgreiche, individuelle Gastronomiebetriebe zu kaufen und deren Einzigartigkeit, Werte und Historie zu erhalten. Dem Gast soll im Restaurant nicht auffallen, dass er sich in einem stark systematisierten Filialbetrieb befindet.
Das Versprechen an die übernommenen Betriebe lautet, die Individualgastronomie zukunftsfähig zu machen, indem die Stärken der Systemgastronomie im Hintergrund genutzt werden. Während sich die Teams vor Ort auf die Kernkompetenzen Service und Küche fokussieren, zentralisiert und digitalisiert cuisyn die sekundären Prozesse. Dazu gehören:
- Digitale Systeme und IT,
- Finanzen und Controlling,
- Marketing und Employer Branding,
- Personalbeschaffung,
- Qualitätsmanagement und HACCP,
- Einkauf und Wareneinsatz.
Kritische Einordnung für das Start-up-Ökosystem
Das Vorhaben von cuisyn wirft aus operativer Sicht kritische Fragen auf, die über Erfolg oder Scheitern der Plattform entscheiden werden. Ein zentraler Punkt sind die Grenzen der Synergieeffekte: Anders als beim „Haus der Bäcker“, wo zentrale Großbäckereien standardisierte Teiglinge liefern können, sind die kulinarischen Konzepte bei cuisyn extrem heterogen. Ein asiatisches Bistro hat gänzlich andere Einkaufsbedürfnisse als ein gutbürgerliches Wirtshaus. Die versprochenen Synergien im Zentraleinkauf dürften daher bei den Rohwaren weitaus geringer ausfallen als in der klassischen Systemgastronomie. Skaleneffekte beschränken sich primär auf sekundäre Betriebsprozesse wie IT und Personalwesen.
Hinzu kommt der sogenannte „Wirt-Faktor“. Die Seele eines erfolgreichen Individualbetriebs ist oft der Gründer oder Inhaber. Ein Buy-and-Build-Modell muss beweisen, dass die emotionale Bindung der Stammgäste nicht abreißt, wenn der Fokus auf standardisierten Systemen im Hintergrund liegt. cuisyn steht vor der massiven Herausforderung, den Charakter der einzelnen Konzepte nicht zu verlieren, während nachhaltige Strukturen aufgebaut werden.
Fazit
Die Steuerung dieser Komplexität erfordert ein extrem agiles Management. Standardisierung ist der eigentliche Hebel eines Roll-ups – cuisyn muss den perfekten Balanceakt meistern, im Hintergrund effiziente Prozesse zu etablieren, ohne dass die „Front“ ihre Authentizität verliert. Gelingt es dem Team um Dr. Rigbert Fischer jedoch, diesen Beweis anzutreten, könnte cuisyn in den kommenden Jahren zu einer führenden Plattform in der deutschen Gastronomielandschaft heranwachsen.
Selbstständigen-Report 2026: Wachsender Frust in der Gründer*innen-Szene
Der neue Selbstständigen-Report 2026 zeichnet das Bild einer demoralisierten Leistungsträger*innenschicht: Immer mehr Selbständige schätzen ihre wirtschaftliche Lage als prekär ein und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Doch wer steckt hinter diesen alarmierenden Zahlen, und wie ist die Lage für Gründer*innen und Start-ups strategisch einzuordnen?
Herausgegeben wird der Report als Gemeinschaftsprojekt von WISO MeinBüro und dem Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. (VGSD). Die aktuelle Umfrage, an der sich zwischen Mitte Dezember 2025 und Mitte Februar 2026 insgesamt 2684 Personen beteiligten, zeigt die harte Realität der Solo-Selbständigen.
Nur noch knapp 46 Prozent schätzen die Lage ihres Unternehmens als gut bis hervorragend ein. Der Report zeigt einen deutlichen Abwärtstrend: 2024 waren es noch 55 Prozent, im Jahr 2018 waren es sogar 60 Prozent. Thüringen bildet 2026 mit nur rund 37 Prozent Zufriedenheit das Schlusslicht. Nur in Brandenburg scheint sich die Lage gebessert zu haben: Dort bewerteten rund 46 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens als gut.
Rund 90 Prozent der Befragten teilten mit, dass sie sich als Selbständige überhaupt nicht bis wenig von der Politik respektiert fühlen. Rund 38 Prozent der Befragten haben in den letzten zwei Jahren darüber nachgedacht, auszuwandern. Bürokratie ist dabei der potenzielle Auswanderungsgrund Nummer eins, genannt von 41,6 Prozent der Umfrageteilnehmenden.
Ein besonderer Dorn im Auge der Unternehmer*innen ist zudem das heikle Thema Scheinselbständigkeit, dessen Dringlichkeit bei vielen Befragten noch nicht vollends angekommen zu sein scheint. Im behördlichen Prüfverfahren wird immer nur ein Auftraggebender konkret angeschaut. Dieses Statusfeststellungsverfahren birgt enorme rechtliche und finanzielle Unsicherheiten bei den Selbständigen.
Ebenso sorgt neue Gesetzgebung für Unmut: Seit dem 1. Januar 2026 gilt die Aktivrente. Rentner*innen können bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei dazuverdienen, wenn sie in einem Angestellt*innenverhältnis sind. Selbständige Rentnerinnen und Rentner dagegen sind weiterhin voll steuerpflichtig. Rund 81 Prozent der Befragten finden diese Ungleichbehandlung ungerecht.
Fazit
Die Hauptmotivationen, selbständig zu sein, sind – wie auch bei den letzten beiden Befragungen – eigenbestimmtes Arbeiten und flexible Arbeitszeiten. Trotz aller Widrigkeiten würden sich mehr als 83,3 Prozent der Befragten wieder selbständig machen.
So zieht Dr. Andreas Lutz, VGSD e. V., das Fazit: „Die Ergebnisse zeigen eine Mischung aus dem für Selbstständige typischen Unternehmergeist, Resilienz und Durchhaltevermögen einerseits und einem hohen Maß an Frustration über die politischen Rahmenbedingungen andererseits. Viele Selbstständige blicken nicht optimistisch, aber sehr realistisch auf die Zukunft: Sie erkennen die Herausforderungen der Zeit, leiten Maßnahmen ab, treiben ihr Geschäft aktiv voran und tragen auch in schwierigen Zeiten Verantwortung. Dieses Potenzial für Wirtschaft und Gesellschaft muss die Politik erkennen und nutzen – und Bedingungen schaffen, die es ihnen nicht weiter unnötig schwer machen. Genau darin liegt die politische Botschaft dieses Reports.“
Der gesamte Report sowie weitere Informationen stehen hier zum kostenlosen Download bereit: https://www.meinbuero.de/selbststaendigen-report-2026/
