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Physical AI und Agentic Systems: Eine neue Start-up-Generation trifft sich in Las Vegas
08.12.2025
Autor: Arne BauerAuf der diesjährigen AWS re:Invent in Las Vegas (1. bis 5. Dez. 2025) hat sich gezeigt: KI-Systeme verlassen die digitale Welt und greifen zunehmend in physische Prozesse ein. Doch die Technologie muss Hürden überwinden.
Auf der jährlichen Hausmesse der Amazon Tochter AWS sind neben Produkt-Ankündigungen, Partner*innen und Kund*innen auch zahlreiche Start-ups anwesend. AWS nutzt die Förderung von Start-ups zur Identifizierung neuer Trends. In zahlreichen Gesprächen mit Expert*innen und jungen Unternehmen zeichnete sich in diesem Jahr ab: Die nächste Welle der Innovation verschmilzt künstliche Intelligenz (KI) mit der physischen Welt und schafft autonome Systeme, die nicht nur Daten verarbeiten, sondern real handeln. Zwei Trends stechen dabei besonders hervor.
Physical AI: Wenn KI in die physische Welt eingreift
Physical AI beschreibt die Verschmelzung von KI mit der physischen Realität. Das Spektrum reicht von humanoider Robotik über autonome Fahrzeuge bis hin zu intelligenten Industrieanlagen. Gemeinsam ist diesen Systemen, dass sie in Echtzeit flexibel auf ihre Umgebung reagieren und dabei komplexe Informationen wie Tiefe, Krafteinwirkung und räumliche Daten verarbeiten müssen.
Wie weit manche Start-ups bereits sind, zeigt BrainBox AI aus Montreal im Gebäudetechnikbereich. Das Unternehmen steuert Heizungs- und Kühlsysteme anhand von Prognosen zu Wetter, Energiepreisen und Strommix und greift so direkt in den Energieverbrauch von Gebäuden ein. Ein integriertes Assistenzsystem unterstützt zusätzlich Wartungs- und Betriebsprozesse. So beeindruckend die Technologie ist, zeigt sie zugleich die Herausforderungen physischer KI-Systeme. Jede Fehleinschätzung kann reale Kosten und Schäden verursachen.
In der Robotik macht das Schweizer Start-up Mimic Robotics deutlich, wie anspruchsvoll es ist, menschliche Bewegungen für Maschinen nutzbar zu machen. Die Gründer setzen auf eine eigene Datenerfassungsmethode mit sensorgestützten Handschuhen und hochflexiblen Roboterhänden. Ziel ist, dass Maschinen das Greifen durch Imitation des Menschen erlernen und sich dadurch in Logistik und Fertigung schneller an neue Aufgaben anpassen können.
Physical AI erobert auch Branchen, die bislang wenig digitalisiert sind. Das Start-up Bedrock Robotics etwa arbeitet daran, schwere Baumaschinen autonom zu steuern. Es ist ein Beispiel dafür, wie diese Technologie in traditionelle Industrien vordringt
Agentic AI: Autonome Systeme im Unternehmensalltag
Parallel dazu entstehen Start-ups, die KI nicht als Tool, sondern als handelnde Einheit begreifen. Agentic AI bezeichnet Modelle, die Aufgaben planen, Entscheidungen vorbereiten oder eigenständig Prozesse ausführen. Diese Systeme sollen nicht einfach automatisieren, sondern sich an neue Situationen anpassen.
In der Praxis ist das anspruchsvoll. Unternehmen müssen definieren, welche Entscheidungen KI treffen darf und wo menschliche Kontrolle notwendig bleibt. Gleichzeitig wächst der Druck, komplexe Dokumente, Datenbestände oder Kund*inneninteraktionen effizienter zu verarbeiten.
Ein Beispiel aus München macht diese Entwicklung greifbarer. Das Start-up Vidlab7 entwickelt KI-basierte Avatare, die auf Webseiten Produkte erklären, Demos durchführen und Anfragen qualifizieren. Damit entsteht eine neue Form der digitalen Kund*inneninteraktion, die deutlicher als bisher an reale Verkaufsprozesse anknüpft und für kleinere Unternehmen zugänglich wird.
Noch weiter geht Brainbase Labs aus der Bay Area. Das Start-up verfolgt einen experimentellen Ansatz und entwickelt Umgebungen, in denen Software-Agenten über Gedächtnis- und Planungsfunktionen komplexe Aufgaben autonom übernehmen können. So entsteht ein komplett digitaler Arbeitskollege.
Eine Entwicklung mit langen Zyklen
Die Entwicklung von Physical AI und agentenbasierte Systeme erfordert deutlich mehr Aufwand als klassische Softwareprodukte. Sie benötigen lange Entwicklungszyklen, interdisziplinäre Expertise und oft höhere Anfangsinvestitionen. Gleichzeitig adressieren sie Themen, die für viele Unternehmen immer dringlicher werden, etwa Energieeffizienz, Prozessautomatisierung oder der Umgang mit wachsenden Datenmengen.
Ob aus den heutigen Pilotprojekten tragfähige Geschäftsmodelle entstehen, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die Kombination aus physischer und digitaler Autonomie die kommenden Jahre prägen wird. KI verlässt ihre isolierte Rolle und wird zu einem Bestandteil realer Abläufe und Entscheidungen. Damit beginnt eine Phase, in der ihr unmittelbarer Einfluss spürbarer wird als je zuvor.
Der Autor Arne Bauer ist Consultant bei der Söldner Consult GmbH. Das von den Brüdern Prof. Dr. Jens-Henrik Söldner, Dr. Guido Söldner und Dr. Constantin Söldner gegründete und geleitete Unternehmen unterstützt auf regionaler, deutschlandweiter sowie internationaler Ebene bei der Planung und Implementierung von komplexen IT-Umgebungen.
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Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau
Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.
Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.
Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.
Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.
Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.
Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de
Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert
Krypto im Mittelstand: Das Augsburger Start-up terahash im strategischen Kreuzfeuer
Eine neue Allianz mit dem FinTech 21bitcoin rückt das Augsburger Start-up terahash in den Fokus. Entstanden als Spin-off eines etablierten Industrieunternehmens, versucht terahash, das energieintensive Bitcoin-Mining für den deutschen Mittelstand zu erschließen. Ein regulatorisch und ökonomisch ambitioniertes Vorhaben im europäischen Hochstrompreisland.
In der deutschen Web3-Landschaft zieht derzeit ein Akteur außerhalb der typischen Metropolen Aufmerksamkeit auf sich. Die Ende 2022 gegründete terahash.energy GmbH ist kein klassisches universitäres Tech-Spin-off, sondern ging aus der Kläger Group hervor – einem seit über 75 Jahren bestehenden, familiengeführten Industrieunternehmen aus dem Großraum Augsburg, das im Kerngeschäft auf Kunststofftechnik und Aerosol-Abfüllung setzt.
Der Vorstoß in die Krypto-Infrastruktur geht auf Kristian Kläger, CEO der Kläger Group, zurück. Neben dem industriellen Hintergrund setzte das Start-up bei der Gründung auf eine gezielte Personalstrategie: Mit Roman Reher, dem Betreiber der reichweitenstarken deutschen Bitcoin-Plattform „Blocktrainer“, und dessen Geschäftspartner Bastian Bleker wurden zwei in der Community verankerte Akteure als Co-Founder integriert. Diese Konstellation kombiniert die Kapitalbasis eines Industriebetriebs mit der organischen Reichweite einer bestehenden Krypto-Community – eine Struktur, die dem Start-up den Markteintritt sichtlich erleichterte.
Kooperation als Vertriebskanal: Die Allianz mit 21bitcoin
Wie komplex und erklärungsbedürftig das Thema Bitcoin in der B2B-Sphäre nach wie vor ist, verdeutlicht die aktuelle Meldung des Unternehmens. terahash geht eine strategische Allianz mit der in Salzburg und München ansässigen Wealth-Plattform 21bitcoin ein.
Während das MiCAR-lizenzierte Fintech 21bitcoin mit rund 120.000 Nutzer*innen die regulierte Handels- und Verwahrinfrastruktur stellt, besetzt terahash die energietechnische Beratungskomponente. Das deklarierte Ziel der Kooperation – die Bündelung von „Bitcoin-Bildung“ – ist dabei auch aus vertrieblicher Sicht strategisch motiviert: Um Dienstleistungen rund um die Blockchain an Unternehmen zu verkaufen, muss im ersten Schritt das informationelle Fundament bei den Entscheidern gelegt werden. Der offizielle Start der Kooperation erfolgt über eine Podcast-Aufzeichnung auf der Branchenmesse BTC Prague 2026.
Die Strompreis-Problematik
Ein Geschäftsmodell, das Bitcoin-Mining im DACH-Raum verorten will, stößt unweigerlich auf erhebliche ökonomische Skepsis. Aufgrund der im globalen Vergleich extrem hohen Strompreise in Deutschland ist ein profitables Mining unter Normalbedingungen kaum darstellbar.
Das Konzept von terahash ruht daher auf zwei Säulen, die diese Standortnachteile umgehen sollen:
Auslands-Mining (Managed Mining): Das Start-up vermittelt Rechenleistung und Hardware-Kapazitäten an Standorte mit günstigeren, oft überschüssigen erneuerbaren Energien (u. a. in Skandinavien und den USA). Die operative Abwicklung verbleibt im Ausland, während terahash als Asset-Manager für Family Offices und institutionelle Kund*innen fungiert.
Infrastruktur-Integration im Heimatmarkt: Für den DACH-Raum agiert terahash als Projektierer. Da Bitcoin-Miner den eingesetzten Strom fast vollständig in Abwärme umwandeln, sollen die Rechencluster in bestehende Energiesysteme von Industrie- und Gewerbebetrieben integriert werden – etwa als Kopplung mit Photovoltaik-Überschussanlagen, Großspeichern und Wärmepumpen.
Markt, Wettbewerb & Risiken
Dieser Ansatz der energetischen Sektorenkopplung ist theoretisch schlüssig, im B2B-Markt jedoch mit hohen Hürden verbunden. Terahash bewegt sich in einem engen Nischensegment. Während Wettbewerber*innen wie das österreichische Start-up 21energy mit dezentralen Bitcoin-Heizlüftern eher standardisierte Consumer- und Kleingewerbe-Lösungen anstreben, zielt terahash auf maßgeschneiderte Großprojekte im Mittelstand.
Hier liegen die kritischen Variablen:
Hohe Investitionskosten (CapEx): Die Integration von ASIC-Servern und Wärmetauschern in bestehende Fabrikarchitekturen erfordert signifikante Vorabinvestitionen der Kund*innen.
Volatilität der Amortisation: Da die Erträge in Bitcoin generiert werden, hängen die Amortisationszyklen direkt vom hochvolatilen Kryptomarkt ab. Fällt der Bitcoin-Kurs über längere Zeit, drohen kalkulierte Effizienzgewinne der Industrieanlagen durch den Wertverlust des geschürften Assets aufgefressen zu werden.
Regulatorische Unsicherheit: Die politische Debatte um den Energieverbrauch von Proof-of-Work-Protokollen in Europa birgt latente regulatorische Risiken für Unternehmen, die diese Technologie in ihre Bilanz oder Infrastruktur aufnehmen.
Einordnung & Learnings
Trotz der inhärenten Marktrisiken bietet das Konstrukt hinter terahash für die Start-up-Szene relevante Erfahrungswerte:
- Das Spin-off-Modell als Innovationshebel: Der Case zeigt, wie traditionelle Familienunternehmen über eigenständige Ausgründungen in hochspekulativen Tech-Märkten agieren können, ohne das operative Kerngeschäft des Mutterkonzerns den Risiken des Web3-Marktes auszusetzen.
- Co-Founder-Matching statt klassischem Marketing: Durch die Beteiligung von etablierten Branchen-Influencer*innen (Blocktrainer*innen) sichert sich das Start-up Vertrauen und Reichweite in einer spitzen Zielgruppe, was die Kund*innenakquisitionskosten (CAC) im B2B-Bereich senkt.
- Content-driven B2B-Sales: Wenn das Produkt so komplex ist, dass der Markt es noch nicht vollumfänglich versteht, wird Content- und Bildungsarbeit (wie die Allianz mit 21bitcoin) zum primären Vertriebswerkzeug.
Terahash ist eine unternehmerische Wette darauf, dass sich Krypto-Infrastruktur als Werkzeug für das lokale Energiemanagement im Mittelstand etablieren lässt. Ob das Konzept aufgeht, wird sich daran messen lassen, wie viele deutsche Fabrikant*innen bereit sind, die Volatilität des Kryptomarktes in ihre physische Betriebsinfrastruktur zu integrieren.
Vom Forschungscampus auf das digitale Gefechtsfeld: Wie das Münchner DeepTech-Start-up SE3 Labs den Verteidigungsmarkt aufmischt
Über ein rasant wachsendes Münchner Start-up, das mit räumlicher KI die militärische Entscheidungsfindung revolutionieren will – und sich dafür heute einen der mächtigsten Partner der europäischen Rüstungsindustrie geholt hat.
Es ist der operative Ritterschlag für ein junges DeepTech-Unternehmen: am 09.06.2026 gaben der börsennotierte Münchner Rüstungs- und Sensorkonzern HENSOLDT (Umsatz 2025: 2,46 Milliarden Euro) und das Münchner Start-up SE3 Labs auf der Luftfahrtmesse ILA Berlin den Abschluss einer strategischen Partnerschaft bekannt. Per Memorandum of Understanding (MoU) soll die künstliche Intelligenz der Jungunternehmer direkt in HENSOLDTs softwarebasiertes militärisches Nervenzentrum „MDOcore“ integriert werden.
Für SE3 Labs ist das ein enormer Hebel, um die traditionell langwierigen Beschaffungsprozesse im Regierungsgeschäft (B2G) abzukürzen. Doch hinter der strategischen Allianz verbergen sich für das junge Unternehmen auch handfeste Abhängigkeiten, ethische Gratwanderungen und ein intensiver Wettbewerb um die Vorherrschaft auf dem digitalen Schlachtfeld.
Silicon-Valley-Expertise trifft akademische Spitzenforschung
Die Gründungsgeschichte von SE3 Labs liest sich wie das Lehrbuchbeispiel eines hocherfolgreichen Universitäts-Spinoffs. Das Fundament des im Gründerzentrum gate Garching herangewachsenen Tech-Unternehmens wurde am renommierten Lehrstuhl für Bildverarbeitung und Künstliche Intelligenz der Technischen Universität München (TUM) gelegt. Hier forschten die Co-Gründer Simon Klenk (heute CTO) und Lukas Köstler (CEO) im Rahmen ihrer Promotionen. Köstler bringt zudem tiefe Industrie-Expertise mit: Er entwickelte zuvor Algorithmen im Autopilot-Team von Tesla in den USA sowie bei Nvidia Research.
Komplettiert wird das Führungstrio durch Prof. Dr. Daniel Cremers (Chief Science Officer), den Leiter des TUM-Lehrstuhls, Leibniz-Preisträger und erfahrenen Seriengründer – sein früheres Start-up Artisense wurde erfolgreich von der Schweizer Kudelski-Gruppe übernommen. Diese geballte technologische Exzellenz sprach sich in der bayerischen Tech-Szene schnell herum: Bereits in der Frühphase konnte das Deep-Tech-Startup namhafte Investoren wie die Risikokapitalgesellschaft Lakestar und UnternehmerTUM Funding for Innovators überzeugen.
Die Technologie: Raum-Verständnis für die physische Welt
Während klassische Large Language Models (LLMs) primär textbasierte Daten strukturieren, hat sich SE3 Labs der weitaus komplexeren Aufgabe verschrieben, die physische, dreidimensionale Welt für Maschinen in Echtzeit interpretierbar zu machen. Das Team entwickelt eine umfassende Plattform für sogenannte Spatial AI (Räumliche KI).
Die Software verarbeitet unstrukturierte Videodaten und Sensorströme – beispielsweise von Drohnen (UAVs) oder autonomen Bodenrobotern – und fusioniert sie im Millisekundentakt zu einem kontinuierlich aktualisierten 3D-Lagebild. Die Kernfunktionen im Überblick:
- Plattformübergreifende Synchronisation: Mehrere Einheiten im Verbund teilen sich dasselbe räumliche Verständnis, selbst in umkämpften Gebieten ohne verlässliches GPS-Signal.
- Agentic AI: Integrierte KI-Agenten analysieren das Geschehen eigenständig, erkennen taktische Zusammenhänge und leiten konkrete Handlungsoptionen ab.
- Sprachsteuerung: Menschliche Operatoren können den gesamten Systemverbund per natürlicher Sprache befehligen. Die Absicht des Operators wird von der KI räumlich interpretiert und in koordiniertes Verhalten der Maschinen übersetzt.
Genau diese Fähigkeit integriert HENSOLDT nun. Durch die Implementierung in die hauseigene Middleware-Suite MDOcore sollen militärische Führer in vernetzten Einsätzen (Multi-Domain Operations) entlastet werden. Dass das MoU bereits konkrete Beschaffungsprogramme und laufende Ausschreibungen einschließt, unterstreicht die unmittelbare wirtschaftliche Relevanz der Allianz.
Wer beherrscht das digitale Gefechtsfeld?
Spätestens seit den geopolitischen Verschiebungen der letzten Jahre erlebt der Markt für Verteidigungstechnologie (DefenseTech) in Europa eine beispiellose Sonderkonjunktur. Software-Defined Defence (SDD) gilt als der entscheidende technologische Hebel moderner Landes- und Bündnisverteidigung.
SE3 Labs bewegt sich in einem hochkompetitiven Marktumfeld gegen etablierte Riesen und stark finanzierte Player:
Vergleichskriterium | SE3 Labs (Der Herausforderer) | Helsing (Das europäische Vorzeigemodell) | Palantir (Der globale Platzhirsch) |
Sitz & Fokus | Garching bei München (DE); Fokus auf 3D-Computer-Vision & Spatial AI. | München / Berlin (DE) / London (UK); Fokus auf KI-Infrastruktur & Informationsüberlegenheit. | Denver, Colorado (USA); Fokus auf Big Data, Enterprise AI & Analytics. |
Technischer Ansatz | Echtzeit-3D-Lagebilder und Steuerung verteilter autonomer Systeme per Sprachbefehl. | Softwareplattformen zur Echtzeit-Auswertung für Kampfsysteme (z.B. Eurofighter-KI). | Ganzheitliche Datenintegrationsplattformen (Gotham, Foundry, AIP) für Behörden. |
Finanzierung | Frühphase (Seed): VC-Kapital u.a. durch Lakestar. | Growth / Unicorn-Status: Über 500 Mio. Euro u.a. durch Daniel Ek und General Catalyst. | Börsennotiert (NYSE: PLTR): Globale Marktkapitalisierung im hohen zweistelligen Milliardenbereich. |
Go-to-Market-Strategie | „Piggybacking“: Integration als Technologie-Zulieferer in Plattformen etablierter Systemhäuser. | Direkt- & Konsortialgeschäft: Tritt bei Großausschreibungen oft in Allianz mit Rüstungsgiganten auf. | Prime Contractor: Agiert meist als direkter Hauptauftragnehmer für Regierungen und Geheimdienste. |
Größtes Risiko | Abhängigkeit: Hohe Bindung an das strategische Wohlwollen großer Partnerkonzerne. | Erwartungsdruck: Extrem hohe Bewertung erfordert kontinuierlich liquide Staatsaufträge. | Image & Regulierung: Steht wegen Datenschutzthemen und Geheimdienstnähe permanent in der Kritik. |
Neben diesen drei Akteuren drängen zudem spezialisierte Angreifer wie das junge Start-up ALYN AI in den Markt, das sich auf agile, ergebnisbasierte Agentic AI-Entscheidungssysteme im Aerospace- und Defence-Sektor fokussiert hat.
Die unternehmerischen Risiken
Trotz des prestigeträchtigen HENSOLDT-Deals steht das Geschäftsmodell von SE3 Labs vor strategischen Herausforderungen, die für DeepTech-Gründer*innen in diesem Segment typisch sind:
Die Abhängigkeit vom Großpartner: Für ein junges Unternehmen birgt die enge Bindung an einen Branchenriesen das Risiko eines technologischen Lock-in-Effekts. SE3 Labs gewinnt zwar sofortigen Marktzugang, begibt sich jedoch in eine vertriebliche Abhängigkeit. Sollte der Konzern seine Software-Strategie ändern oder Kompetenzen langfristig intern selbst aufbauen, verliert das Start-up seinen primären Skalierungshebel.
- Das B2G-Dilemma: Der Vertrieb an Verteidigungsministerien und Behörden leidet traditionell unter extrem langen, bürokratischen und politisch volatilen Beschaffungszyklen. Start-ups in frühen Finanzierungsphasen müssen über erhebliche Kapitalreserven verfügen, um die Durststrecken bis zur finalen Auftragsvergabe bankrottsicher zu überbrücken.
- Der Dual-Use-Spagat: Ursprünglich war die 3D-Computer-Vision-Technologie von SE3 Labs breit aufgestellt – anwendbar auch für zivile Branchen wie Smart Cities, autonome Baustellen oder die Steuerung humanoider Roboter. Der jetzige, stark öffentlichkeitswirksame Fokus auf den militärischen Sektor könnte zu einer kommerziellen Monokultur führen. Viele klassische, ESG-konforme Tech-Investoren und zivile Großkund*innen meiden die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die primär als Rüstungslieferanten wahrgenommen werden oder strengen Kriegswaffenkontrollen und Exportrestriktionen (BAFA) unterliegen.
- Die ethische Dimension von „Agentic AI“: SE3 Labs betont, dass stets der Mensch das System befehligt (Human in the Loop). Dennoch ist die Grenze zwischen rein defensiver Entscheidungsunterstützung und teilautonomen Systemen in der öffentlichen Wahrnehmung fließend. Dies bedingt einen permanenten moralischen Rechtfertigungsdruck, strenge Kontrollen durch den EU AI Act und potenzielle Hürden beim Employer Branding im Kampf um internationale Spitzen-Entwickler*innen.
Unser Fazit: Was Gründer*innen von SE3 Labs lernen können
Für die Start-up-Szene liefert SE3 Labs ein hervorragendes Lehrstück in Sachen Ökosystem-Hebel. Anstatt zu versuchen, als kleiner Akteur die dicken Mauern der staatlichen Beschaffungsämter im Alleingang einzureißen, nutzt das Gründerteam die Strategie des sogenannten Piggybackings (Huckepack-Verfahren). Sie docken ihre hochinnovative Nischen-Technologie als Subunternehmer an ein etabliertes Systemhaus an, das ohnehin als Generalunternehmer für den Staat agiert.
Zudem zeigt das Start-up, wie entscheidend die komplementäre Aufstellung im Gründer-Trio ist: Lukas Köstler bringt die Umsetzungsgeschwindigkeit und Validierung aus dem Silicon Valley, Simon Klenk die tiefe Engineering-Kompetenz und Prof. Daniel Cremers die wissenschaftliche Reputation sowie den Track-Record für Investor*innen. SE3 Labs hat strategisch alle Trümpfe in der Hand – ob sie ihre Unabhängigkeit langfristig wahren und den zivilen Markt als Option offenhalten können, wird sich in den nächsten zwei Jahren zeigen.
Isar Aerospace: 270 Mio. EUR für Europas Raketen-Hoffnung
Das Münchner NewSpace-Unternehmen Isar Aerospace hat eine massive Series-D-Finanzierungsrunde in Höhe von 270 Mio. Euro abgeschlossen.
Angeführt von neuen Geldgebern wie Island Green Capital und Molten Ventures sowie namhaften Bestandsinvestoren wie UVC Partners, HV Capital und Lakestar, unterstreicht diese Runde den Status des Unternehmens als Europas am besten finanziertes Raumfahrt-Start-up. Doch während die Kassen für den anstehenden Qualifikationsflug der Trägerrakete „Spectrum“ gefüllt sind, bewegt sich das Unternehmen in einem hochriskanten Marktumfeld, das von geopolitischen Dynamiken und einem gnadenlosen globalen Wettbewerb geprägt ist.
Vom studentischen Pioniergeist zum industriellen Großprojekt
Die Historie von Isar Aerospace gilt als eines der Paradebeispiele im deutschen DeepTech-Ökosystem. Gegründet im Jahr 2018 unter anderem von Daniel Metzler und Josef Fleischmann, ging das Unternehmen aus der studentischen Arbeitsgruppe WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) der Technischen Universität München (TUM) hervor. Was mit Triebwerkstests auf dem Universitätsgelände begann, hat sich zu einem industriellen Großprojekt entwickelt: In Parsdorf bei München hat Isar Aerospace eine der modernsten integrierten Fabriken für Trägerraketen in Europa errichtet. Diese ist auf eine Produktionskapazität von bis zu 40 „Spectrum“-Raketen pro Jahr ausgelegt. Durch eine außergewöhnlich hohe vertikale Integration – das heißt, Design, Fertigung und Tests finden nahezu vollständig im eigenen Haus statt – versucht das Unternehmen, sich von globalen Lieferketten unabhängig zu machen.
Bemerkenswert ist jedoch der strategische Wandel in der Positionierung. Traten die Münchner in den Anfangsjahren primär als Dienstleister für zivile und kommerzielle Kleinsatelliten-Betreiber auf, rückt nun die strategische Bedeutung für die öffentliche Hand und den Verteidigungssektor ins Zentrum. CEO Daniel Metzler betont unmissverständlich: „Der Weltraum ist keine Grenze mehr; er ist die Infrastruktur nationaler Macht.“
Diese Neuausrichtung reflektiert die veränderte geopolitische Realität. Nach dem Wegfall russischer Sojus-Sicherheiten und den massiven Verzögerungen bei klassischen europäischen Trägersystemen geriet der Kontinent in eine handfeste Souveränitätskrise im All. Im Jahr 2025 verzeichnete Europa weniger als zehn orbitale Starts – ein Bruchteil der Frequenz der USA. Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Agenda der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ist der „autonome Zugang zum Weltraum“ zu einer Priorität in Berlin und Brüssel geworden. Isar Aerospace positioniert sich hier geschickt als europäischer Champion, um von den budgetstarken und konjunkturunabhängigen Regierungs- und Verteidigungsaufträgen zu profitieren.
„Premium-Taxi“ gegen den Massenbus
Trotz der beeindruckenden Kapitalspritze muss sich das Geschäftsmodell der Münchner an den harten Gesetzen der Marktökonomie messen lassen. Die „Spectrum“ ist als sogenannter Microlauncher (Kleinträgerrakete) konzipiert, der Nutzlasten von bis zu einer Tonne in den niedrigen Erdorbit (LEO) transportieren kann.
Branchenanalysten weisen jedoch seit Jahren auf ein inhärentes Problem dieses Segments hin: Die Betriebswirtschaft der Raumfahrt wird von enormen Skaleneffekten beherrscht. Die Transportkosten pro Kilogramm Nutzlast sind bei kleinen Raketen konstruktionsbedingt meist um ein Vielfaches höher als bei schweren Trägersystemen. Der US-Gigant SpaceX drückt mit seinen „Rideshare“-Programmen (Sammeltransporten) auf der Falcon 9 die Preise pro Kilogramm in Regionen, die für kleinere Anbieter kaum profitabel zu unterbieten sind.
Isar Aerospace muss folglich ein „Premium-Taxi“ verkaufen: Der Mehrwert für Kund*innen liegt nicht im günstigsten Preis, sondern in der Flexibilität – der punktgenauen Platzierung im Wunsch-Orbit und der Unabhängigkeit von den Zeitplänen großer Sammelflüge. Ob der rein kommerzielle Markt dauerhaft bereit ist, diesen Aufpreis in großem Stil zu zahlen, bleibt in der Branche umstritten. Der verstärkte Fokus auf staatliche Akteur*innen und Verteidigungsprojekte erscheint daher als logischer strategischer Schritt, da in diesem Segment Versorgungssicherheit und geopolitische Unabhängigkeit schwerer wiegen als der reine Ticketpreis.
Gedränge an den Startrampen
Isar Aerospace ist auf diesem Markt keineswegs allein. International hat das US-neuseeländische Unternehmen Rocket Lab mit seiner „Electron“-Rakete seit Jahren den kommerziellen Betrieb für Kleinträger etabliert und demonstriert, dass das Modell operativ funktionieren kann.
Auch im europäischen Raum ist die Konkurrenz aktiv: Die Rocket Factory Augsburg (RFA) verfolgt mit der „RFA One“ ein ähnliches Nutzlastsegment, setzt dabei jedoch auf einen konsequenten Low-Cost-Ansatz durch die Verwendung von modifizierten Industriekomponenten. Daneben positioniert sich das baden-württembergische Unternehmen HyImpulse mit innovativen Hybridantrieben. Unter Branchenkennern gilt es als unwahrscheinlich, dass der europäische Markt langfristig Raum für mehrere Microlauncher-Anbieter*innen bietet. Eine Konsolidierung des Marktes in den kommenden Jahren gilt als wahrscheinlich.
Einordnung für das Start-up-Ökosystem
Für das europäische DeepTech-Segment ist diese 270-Millionen-Euro-Runde ein historisches und wichtiges Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und internationale Konsortien bereit sind, kapitalintensive Hardware-Innovationen über lange Zyklen hinweg zu tragen – eine Disziplin, die traditionell stark von US-amerikanischem Risikokapital dominiert wird.
Gleichzeitig verdeutlicht der Case Isar Aerospace, dass die Skalierung im High-Tech-Bereich zunehmend eine politische und strategische Dimension besitzt. Das frische Kapital sichert dem Unternehmen die nötige Runway, um die Serienfertigung hochzufahren und das System final zu etablieren.
Der entscheidende Meilenstein steht jedoch unmittelbar bevor: Zwischen dem 15. und 21. Juni 2026 öffnet sich das Startfenster für den Qualifikationsflug „Onward and Upward“ am norwegischen Weltraumbahnhof Andøya Space. Dieser Flug wird wohl die Stunde der Wahrheit: Hier muss die „Spectrum“ beweisen, dass sie den Schritt von einer herausragenden deutschen Ingenieursleistung und einem perfekt finanzierten Businessplan in die Erdumlaufbahn erfolgreich vollziehen kann.
Paukenschlag im Rewarded Gaming: Was der 202-Mio.-USD-Exit von JustPlay bedeutet
Der südkoreanische Gaming-Gigant NCSOFT übernimmt für 202 Millionen US-Dollar 70 Prozent der Anteile an der Berliner JustPlay GmbH. Damit bewertet der Deal das Start-up mit knapp 290 Millionen US-Dollar. Doch was steckt hinter der Plattform, die es geschafft hat, das oft kritisch beäugte Segment der belohnten Nutzer*innen-Interaktion in ein hochprofitables Geschäftsmodell zu verwandeln?
Die Übernahme markiert einen Meilenstein für das 2020 in Berlin gegründete Unternehmen. JustPlay steuert im Jahr 2026 auf einen Umsatz von über 300 Millionen US-Dollar zu und hat seit seiner Gründung bereits mehr als 200 Millionen US-Dollar an seine Spieler*innen ausgeschüttet. Um diesen steilen Aufstieg zu verstehen, muss man sich die Mechanik der Plattform und das Gründerteam genauer ansehen.
Gründungshistorie & Die Köpfe dahinter
Hinter JustPlay steht ein Gründer-Trio, das die Schwächen herkömmlicher Ad-Tech- und Gaming-Plattformen aus erster Hand kannte: Carl Livie (Co-CEO), Gil Mincberg (Co-CEO & Chief Strategy Officer) und Mirko Aquaro (CPO). Sie gründeten JustPlay in Berlin mit einem klaren Ziel: das strukturelle Problem der mangelnden Nutzerbindung im Bereich Rewarded Gaming zu lösen.
Laut Mitbegründer und CEO Carl Livie spielten herkömmliche Belohnungssysteme in der Vergangenheit oft nur die Rolle von „Marketing-Gags“. Sie trieben zwar kurzfristig die Downloadzahlen in die Höhe, waren jedoch nicht darauf ausgelegt, für Spieler*innen und Entwickler*innen einen langfristigen Wert zu bieten. Das Team erkannte, dass die Abhängigkeit von externen Werbebudgets unweigerlich zu schwankenden Auszahlungen führte – was das Vertrauen der Nutzer*innen nachhaltig zerstörte.
Das Geschäftsmodell kritisch hinterfragt: Alles aus einer Hand
Der entscheidende Unterschied zwischen JustPlay und klassischen Anbieter*innen liegt in der vertikalen Integration: Das Start-up besitzt und betreibt sowohl das eigene Rewarding-Ökosystem als auch die Spiele, für die die Nutzer*innen belohnt werden.
- Die Monetarisierungs-Schleife: Da JustPlay Eigentümer der Inhalte ist, kontrolliert das Unternehmen die gesamten Einnahmen. Anstatt Belohnungen aus flüchtigen, externen Kampagnenbudgets zu finanzieren, speisen sich die Auszahlungen direkt aus dem Wert, der innerhalb der Plattform selbst generiert wird.
- Vertrauen durch Instant-Payouts: JustPlay integriert die Auszahlungsinfrastruktur direkt in das Produkterlebnis. Belohnungen erfolgen transparent und sofort. Das minimiert die Abwanderungsquote, die entsteht, wenn Belohnungen versiegen oder künstlich verzögert werden.
Kritische Einordnung
Das Modell besticht durch seine Unabhängigkeit, birgt jedoch ein Klumpenrisiko: Die Strategie erfordert eine kontinuierliche Produktion oder Akquise von erfolgreichen In-House-Spielen. Verliert JustPlay an Innovationskraft oder sinkt die Qualität der eigenen Titel, gerät die gesamte Wertschöpfungskette unter Druck. Bislang geht die Rechnung jedoch auf: Mit über 50 Millionen Downloads hat das Start-up bewiesen, dass es eine kritische Masse langfristig binden kann.
Marktumfeld & Wettbewerb
Der Markt für "Play-to-Earn" und Belohnungs-Apps ist extrem kompetitiv, aber stark fragmentiert. JustPlay konkurriert hier mit verschiedenen Playern, die teils andere Schwerpunkte setzen:
- Mistplay: Der größte direkte Konkurrent (fokussiert auf Android) setzt auf eine breite, externe Spielebibliothek. Die Auszahlungen erfolgen meist in Form von Geschenkkarten und weisen oft eine Bearbeitungszeit auf.
- Swagbucks / KashKick: Diese Plattformen sind breiter aufgestellt und belohnen Nutzer nicht nur für das Spielen, sondern primär für Umfragen oder das Ansehen von Videos.
- Pocket7Games: Fokussiert sich auf kompetitives Skill-Gaming (z.B. E-Sports für Casual Games), bei dem Nutzer*innen mit Geldeinsatz direkt gegeneinander antreten.
JustPlay positioniert sich in diesem Feld als die transparente, schlanke Alternative. Anstatt Spieler*innen mit unübersichtlichen Punktesystemen auf Drittanbieter*innen-Spiele umzuleiten, bietet die Berliner Plattform ein geschlossenes Ökosystem mit Fokus auf schnelle Liquidität für die Nutzer*innen.
Die JustPlay-Perspektive: Warum dieser Exit der logische nächste Schritt ist
Aus der Sicht von JustPlay kommt der Einstieg von NCSOFT zum perfekten Zeitpunkt. Gaming-Unternehmen suchen weltweit nach Wegen, um die langfristige Kund*innenbindung und Monetarisierung in integrierten Ökosystemen zu vereinen.
Für das Berliner Start-up bietet die Übernahme drei entscheidende strategische Vorteile:
- Globale Expansion: Mit der Finanzkraft des asiatischen Gaming-Riesen im Rücken kann JustPlay die weltweite Expansion beschleunigen.
- Skalierung der Plattform: Die Investition fließt unmittelbar in den technologischen Ausbau der Plattform für belohnte Nutzer*innen-Interaktion.
- Cross-Synergien: NCSOFT bringt ein massives Casual-Gaming-Portfolio mit, darunter Tochtergesellschaften wie Lihuhu und Springcomes. Dies bietet JustPlay eine gewaltige Pipeline an neuen Inhalten, die in das eigene System integriert werden können, ohne die Kontrolle über die Umsätze abzugeben.
Fazit
Der Exit ist kein Endpunkt, sondern das Fundament für die nächste Skalierungsstufe. JustPlay definiert Belohnungen nicht als externen Anreiz, sondern als fundamentalen Bestandteil des Kernnutzens eines Produkts. Gelingt es, dieses Prinzip auf das weltweite Portfolio von NCSOFT zu übertragen, könnte aus dem Berliner Start-up sogar der globale Standard für Rewarded Engagement im Mobile Gaming werden.
Infobox: JustPlay – Key-Facts zur Übernahme
- Gründung: 2020 in Berlin.
- Management (u. a.): Carl Livie (Mitbegründer und CEO).
- Downloads: Mehr als 50 Millionen.
- Auszahlungen an Nutzer*innen: Bisher über 200 Millionen US-Dollar.
- Umsatzprognose (2026): Auf Kurs für über 300 Millionen US-Dollar.
- Übernahmedetails: Der südkoreanische Konzern NCSOFT investiert 202 Millionen US-Dollar.
- Erworbene Anteile: 70 % durch NCSOFT.
- Strategisches Ziel: Erschließung neuer Märkte, Ausbau der Plattform sowie Nutzung von Synergien mit NCSOFT-Töchtern wie Lihuhu und Springcomes.
ESA-Förderung für Kölner Logistik-Start-up: Kann Aparkado das europäische Lkw-Parkplatz-Chaos lösen?
Jeden Abend spielen Europas Lkw-Fahrer*innen „Reise nach Jerusalem“ – mit tonnenschweren Fahrzeugen und enormem Zeitdruck im Nacken. Allein in Deutschland fehlen täglich bis zu 30.000 Lkw-Stellplätze. Das Kölner Start-up Aparkado, Macher der LKW.APP, will dieses strukturelle Problem mit prädiktiven Daten lindern. Nun fördert die Europäische Weltraumorganisation (ESA) die Rheinländer. Zeit für einen intensiven Blick auf das Start-up, das die Logistik digitalisieren will, dabei aber an physische Grenzen stößt.
Es ist ein alltägliches Bild auf europäischen Autobahnen: Ab dem späten Nachmittag stauen sich Lastkraftwagen in den Ein- und Ausfahrten von Raststätten, parken auf Standstreifen oder in angrenzenden Gewerbegebieten. Fahrer*innen, die ihre gesetzlich vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten strikt einhalten müssen, finden oft keinen sicheren Schlafplatz. Genau an diesem neuralgischen Punkt der Lieferkette setzt die Aparkado UG an.
Nun hat das Unternehmen im Rahmen des Programms „Business Applications and Space Solutions“ (BASS) der ESA den Zuschlag für das Projekt „Truck Parking Guidance System“ (TruPaG) erhalten. Das Ziel: Die bestehende LKW.APP soll von einer reinen Suchmaschine für Stellplätze zu einem intelligenten, vorausschauenden Parkleitsystem ausgebaut werden. Es soll historische Bewegungsdaten mit Echtzeitinformationen verknüpfen, um Parkplatzkapazitäten europaweit präzise zu prognostizieren.
Doch wie verlässlich sind solche Daten auf heillos überlasteten Asphaltpisten in der Praxis? „Wir zeigen Fahrern nicht nur, welche Parkplätze grundsätzlich verfügbar sind, sondern auch, welcher Lkw dort realistisch stehen kann, welche Services vor Ort vorhanden sind und wie hoch die aktuelle beziehungsweise erwartete Auslastung ist“, betont Aparkado-Geschäftsführer Roland Moussavi. Die Trefferquote der App kann sich dabei sehen lassen: Nach Rückmeldungen von Partnern treffen Fahrer auf den stark frequentierten europäischen Hauptrouten in rund neun von zehn Fällen genau die Situation an, die das System zuvor prophezeit hat. Moussavi räumt allerdings ein, dass die Vorhersagen in ländlichen Regionen wegen der naturgemäß dünneren Datenlage schwieriger seien. Eine theoretische hundertprozentige Genauigkeit will der Geschäftsführer ohnehin nicht versprechen. Vielmehr stehe der präventive Nutzen im Fokus: „Der eigentliche Mehrwert entsteht dabei nicht nur durch die Vorhersage selbst, sondern dadurch, dass Fahrer frühzeitig bessere Entscheidungen treffen können – bevor Zeitdruck oder Parkplatzmangel kritisch werden.“
Von der Gründung zum Branchen-Player
Die Historie von Aparkado ist bezeichnend für ein zielstrebiges Nischen-Start-up. Gegründet wurde die UG Anfang Februar 2020 von Philipp Henn und Roland Moussavi in Köln. Nachdem Henn sich Anfang 2025 beruflich neu orientiert hat, leitet Moussavi die Geschäfte heute allein. Die Prämisse der Gründer war so simpel wie ambitioniert: Die Arbeitsbedingungen von Berufskraftfahrer*innen durch konsequente Digitalisierung nachhaltig zu verbessern.
Der Start unmittelbar vor Beginn der Corona-Pandemie glich jedoch einem Kaltstart ins Ungewisse. Ohne Nutzer keine Daten, ohne Daten keine Nutzer – das klassische Plattform-Dilemma. Um den Fahrer*innen trotzdem von Tag eins an einen ersten Mehrwert zu bieten, behalf sich das Duo anfangs mit zugekauften historischen Daten. Den eigentlichen Durchbruch lieferte jedoch die Preisgestaltung. „Ein entscheidender Faktor war sicher auch, dass die App von Anfang an kostenlos nutzbar war“, blickt Moussavi zurück. Dadurch habe man organisch eine aktive Community aufgebaut und die Einstiegshürden niedrig gehalten. „Viele Fahrer sind geblieben, haben uns aktiv Feedback gegeben und uns dadurch geholfen, die App kontinuierlich weiterzuentwickeln“, so der Geschäftsführer. Ein wertvoller Daten-Schatz, der durch die neuen ESA-Informationen nun weiter optimiert wird.
Das Wachstum der vergangenen Jahre gibt dem Team recht. Mittlerweile verzeichnet die in 19 Sprachen verfügbare LKW.APP mehr als 400.000 Downloads und wird in 44 europäischen Ländern genutzt. Nach der Auszeichnung als überregionaler „Startup-Champ“ im Jahr 2022 (Bereich Mobilität) folgte Anfang 2025 der strategische Ritterschlag: Das etablierte FreightTech-Unternehmen Timocom stieg als Investor ein. Die App integriert mittlerweile zudem Echtzeitdaten der Autobahn GmbH und von Toll Collect sowie direkte Buchungsmöglichkeiten über Partner wie „Happy Trucker“ und „Travis“.
Angesichts der sechsjährigen Historie, immenser Downloadzahlen und potenter Geldgeber verwundert es, dass Aparkado noch immer als haftungsbeschränkte UG und nicht als GmbH firmiert. Auf die Frage, ob das im B2B-Vertrieb kein Vertrauenshindernis sei, flüchtet sich Moussavi in die Rolle des Pragmatikers: Für Partner sei die Rechtsform nie entscheidend gewesen, sondern das funktionierende Produkt. Nachteile im Geschäftskundenbereich bestünden nicht. Immerhin beteuert er: „Natürlich prüfen wir im Zuge des Wachstums auch, welche Unternehmensstruktur langfristig am besten zu unserer weiteren Entwicklung passt. Aber bisher war es für uns wichtiger, Substanz aufzubauen, als nur eine formale Außenwirkung zu verändern.“
B2C-Traction für die B2B-Monetarisierung
Wirtschaftlich betrachtet fährt Aparkado eine so klassische wie intelligente Plattform-Strategie. Die App richtet sich primär an die Fahrerinnen selbst. Diese nutzen die Grundfunktionen zumeist kostenlos – ein essenzieller Faktor, da die Zahlungsbereitschaft bei den oft prekär beschäftigten Fahrerinnen gegen null geht. Gleichzeitig generieren diese hunderttausenden Nutzer*innen durch ihre Smartphones wertvolle Bewegungs- und Community-Daten (Crowdsourcing).
Die Monetarisierung erfolgt konsequent im B2B-Bereich. Transportunternehmen zahlen für Abonnementmodelle, um die Routenplanung ihrer Flotten zu optimieren. Die Rechnung ist simpel: Ein(e) Fahrer*in, der/die nicht 30 Kilometer Umweg auf der Suche nach einem Parkplatz fahren muss, spart Kraftstoff, Arbeitszeit und mindert das Risiko saftiger Bußgelder wegen Lenkzeitüberschreitungen. Eine weitere, hochskalierbare Einnahmequelle ist die Bereitstellung dieser gebündelten Parkintelligenz via API für Transport-Management-Systeme (TMS) und digitale Logistikplattformen.
Die physischen Grenzen der Software
Trotz der technologischen Meilensteine muss das Geschäftsmodell kritisch hinterfragt werden. Der Markt für das Lkw-Parken ist hart umkämpft und strukturell stark limitiert:
- Die physische Grenze: Software kann Beton nicht ersetzen. Aparkado optimiert die Verteilung auf bestehende Parkplätze. Wenn jedoch entlang einer Hauptverkehrsachse ab 18 Uhr schlichtweg 110 Prozent Auslastung herrschen, kann auch die beste KI-Prognose keinen freien Platz mehr herbeizaubern.
- Der Wettbewerb: Schwergewichte wie Bosch Secure Truck Parking oder Kravag Truck Parking (R+V Versicherung) gehen das Problem teilweise an, indem sie brachliegende Flächen von Speditionen oder Messegeländen nachts als sichere Parkplätze umrüsten und buchbar machen – sie schaffen also aktiv neuen Raum. Aparkado begegnet dem zwar durch geschickte Integrationen, begibt sich damit aber in eine erhebliche Abhängigkeit von Drittanbietern und deren Datenqualität.
Droht Aparkado zur bloßen Visualisierung des reinen Parkplatzmangels zu verkommen? Moussavi kontert selbstbewusst: „Es stimmt: Software allein baut keinen neuen Parkplatz. Der Ausbau zusätzlicher Stellflächen ist dringend notwendig.“ Doch das Problem sei in der Realität komplexer als reine Kapazitätsengpässe. Häufig gebe es abseits der überfüllten Hotspots noch freie Lücken. „Das Problem ist dann weniger die physische Verfügbarkeit, sondern die fehlende Sichtbarkeit“, argumentiert der Gründer. Kein Fahrer könne sich europaweit hinter jeder Ausfahrt auskennen. Wenn die vorhandenen Alternativen aber digital sichtbar gemacht würden, steige die Nutzbarkeit enorm an. Sein Produkt sieht Moussavi folglich nicht als Konkurrenz zu den Betreibern neuer Flächen, sondern als unverzichtbare Ergänzung: „Zusätzliche Parkkapazitäten und digitale Steuerung müssen zusammengedacht werden. Unser Beitrag ist es, die vorhandene Infrastruktur sichtbarer, planbarer und effizienter nutzbar zu machen.“
Einordnung für StartingUp
Für Gründer*innen und Investor*innen ist Aparkado ein Lehrstück in Sachen „Problem-Solution-Fit“. Henn und Moussavi haben verstanden, dass man den extrem fragmentierten Logistikmarkt von unten – über die Endnutzerinnen (die Fahrerinnen) – aufrollen muss, um für die großen Player (Speditionen, TMS-Anbietende) relevant zu werden.
Die aus unserer Sicht größte Herausforderung bleibt in den kommenden Jahren, den Beweis anzutreten, dass die prädiktiven Daten den Transportunternehmen messbare Kosteneinsparungen (ROI) garantieren. Gelingt dies, hat das Kölner Start-up das Potenzial, vom reinen Helfer in der Not zum unverzichtbaren Standardwerkzeug in der europäischen Logistikinfrastruktur zu werden.
Auf die Frage nach dem zeitlichen Erreichen der Gewinnschwelle bleibt Moussavi allerdings auffallend vage und verweist lieber auf die Skalierbarkeit: „Wir wollen kein kurzfristiges Wachstum um jeden Preis, sondern ein belastbares Modell in einem Markt aufbauen, in dem Verlässlichkeit entscheidend ist“.
Konkreter wird er bei den strategischen Expansionsplänen für die kommenden 24 Monate:
- Europäische Transitmärkte: Neben Deutschland rücken vor allem Frankreich, die Benelux-Staaten, Polen und Italien mit ihrem extrem hohen Güterverkehrsaufkommen in den Fokus.
- B2B-Integrationen: Aparkado sieht großes Potenzial bei TMS-Anbietern und digitalen Plattformen, die diese Parkintelligenz direkt implementieren wollen.
- B2C-Premium-Version: Ab dem dritten Quartal soll eine kostenpflichtige Variante für die Fahrer-Community starten, um sie mit erweiterten Planungsfunktionen zu versorgen (die Basis-App bleibt gratis).
Genau in dieser Zweigleisigkeit soll laut Moussavi der Schlüssel zum langfristigen Erfolg liegen: „Gerade die Kombination aus einer starken Fahrer-Community auf der einen Seite und skalierbaren B2B-Lösungen auf der anderen Seite sehen wir langfristig als einen wichtigen strategischen Vorteil von Aparkado.“
Rekord-Finanzierung für Focused Energy: 240 Mio. USD für den Traum von der Kernfusion
Das Darmstädter DeepTech-Start-up Focused Energy hat in einer Series-A-Runde 240 Millionen US-Dollar eingesammelt – ein Meilenstein für die europäische Fusionsbranche. Am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis soll nun das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Doch während Investoren wie RWE und SPRIND den potenziellen „Energie-Giganten“ feiern, lohnt ein genauerer Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell steht vor massiven technologischen, regulatorischen und strategischen Hürden.
Es ist eine Nachricht, die in der europäischen Start-up-Szene aufhorchen lässt. Der Geldregen für das erst 2021 gegründete Start-up ist laut Unternehmensangaben die bislang größte vollständig gesicherte Series-A-Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Unterstützt wird die Runde von Schwergewichten wie dem Energiekonzern RWE, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sowie dem EIC Fund der EU. Das ambitionierte Ziel der Macher: die kommerzielle Nutzbarmachung der Kernfusion und der Aufbau einer industriellen Pilotanlage im südhessischen Biblis.
Die Köpfe hinter dem Projekt: Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft
Hinter Focused Energy steht ein klassisches, vielversprechendes Gründer-Duo. Prof. Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer, forscht seit über 25 Jahren auf dem Gebiet der Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und ist weltweit vernetzt. An seiner Seite agiert CEO Thomas Forner, ein Serial Entrepreneur mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau von Technologieunternehmen.
Gegründet wurde Focused Energy als Spin-off der TU Darmstadt, beflügelt durch einen historischen Durchbruch im Dezember 2022: Am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) in den USA gelang es Forschern erstmals, durch Laserfusion mehr Energie zu erzeugen, als die Laser verbrauchten. Forner und Roth nutzten das Momentum und holten maßgebliche Köpfe dieses US-Forschungsteams ins eigene Unternehmen, um das Know-how auf beiden Seiten des Atlantiks zu bündeln.
Das Geschäftsmodell: Energie der Zukunft oder lukrative Nischen?
Der Ansatz von Focused Energy basiert auf der Trägheits- bzw. Laserfusion. Winzige Brennstoffkapseln mit Wasserstoffisotopen werden durch extrem starke Laser beschossen, um die Bedingungen im Inneren der Sonne zu simulieren. Der Plan sieht vor, bis Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Kraftwerk ans Netz zu bringen. Die aktuellen Millionen sollen vor allem in die Technologie, industrielle Lieferketten und die Infrastruktur in Biblis fließen.
Kritiker hinterfragen diese Timeline jedoch scharf. Das renommierte DIW Berlin warnt davor, dass die Kernfusion auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur akuten Energiewende leisten wird. Forscher weisen darauf hin, dass Startups der Fusionsbranche ihr Geschäftsmodell mittelfristig anpassen könnten – weg vom Kraftwerk, hin zu Nischenprodukten wie hochpräzisen Materialprüfverfahren oder Speziallasern. Nur so ließen sich Einnahmen generieren, bevor das (noch längst nicht garantierte) Kernprodukt fertig ist.
Markt und Wettbewerb: Das Rennen der DeepTech-Milliarden
Weltweit fließen Milliarden in Start-ups, die das Energieproblem der Menschheit lösen wollen. Zu den größten europäischen Wettbewerbern zählen Marvel Fusion (ebenfalls laserbasiert), Proxima Fusion (Magneteinschluss) und Gauss Fusion.
Auch die Konkurrenz steht unter wissenschaftlicher Beobachtung: So äußerten sich Forscher des Max-Planck-Instituts zuletzt äußerst skeptisch über den Ansatz von Marvel Fusion, da dessen wissenschaftliche Details mangels Transparenz kaum überprüfbar seien. Focused Energy hat hier durch den Bezug zu den validierten LLNL-Ergebnissen einen klaren Argumentationsvorteil. Dennoch bleibt die Ingenieursaufgabe gigantisch: Aus einem singulären wissenschaftlichen Experiment muss ein dauerhaft laufendes Kraftwerk werden.
Hinter den Kulissen: Was die Erfolgsmeldungen verschweigen
Meldungen über Rekordsummen blenden die knallharten Realitäten des DeepTech-Marktes oft aus. Drei Aspekte sind für die Zukunft von Focused Energy besonders kritisch:
- Cap Table und das Verwässerungsrisiko: Eine derart massive Series A ist in Europa ein Novum, birgt für die Gründer aber strategische Gefahren. Da ein marktreifes Kraftwerk erst in über zehn Jahren realisierbar ist, werden noch mehrere kapitalintensive Runden nötig sein. Branchenkenner gehen von stark getranchten Meilenstein-Zahlungen (Milestone-Funding) aus. Liefern Forner und Roth nicht punktgenau, droht eine massive Verwässerung (Dilution) ihrer Anteile.
- Biblis gegen Silicon Valley: Technologie ist kopierbar, ein Spitzen-Team nicht. Focused Energy muss die weltweit extrem raren Experten für Plasmaphysik rekrutieren. Während US-Wettbewerber wie Commonwealth Fusion Systems mit Valley-Gehältern locken, muss das Start-up diese Talente ins beschauliche Südhessen lotsen. Ein erheblicher Teil des Kapitals dürfte direkt in Personalkosten und attraktive Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) fließen.
- Das Exit-Dilemma und die regulatorische Blackbox: Klassische VC-Fonds haben Laufzeiten von zehn bis zwölf Jahren – ein Zeitraum, in dem Focused Energy voraussichtlich noch keinen kommerziellen Strom verkauft. Die Exit-Strategie läuft somit unweigerlich auf einen gigantischen künftigen Börsengang (IPO) hinaus. Zudem bleibt das regulatorische Umfeld in Deutschland unberechenbar: Zwar birgt die Kernfusion nicht die Gefahren der Kernspaltung, doch der Bau einer solchen Anlage wird extrem komplexe Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Die Partnerschaft mit RWE ist daher wohl primär ein strategischer Schutzschild für die kommende Lobbyarbeit.
Fazit für das Start-up-Ökosystem
Die Runde ist ein massives Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und staatliche Akteure mittlerweile bereit sind, bei extrem kapitalintensiven „Moonshot“-Projekten mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt Focused Energy ein Paradebeispiel für ein High-Risk-Investment. Ob Biblis tatsächlich zur Keimzelle einer neuen Hochtechnologie-Industrie wird oder ob sich die alte sarkastische Physiker-Weisheit bewahrheitet, dass die Kernfusion „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“, werden die kommenden Jahre zeigen.
Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau
Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.
Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.
Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.
Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.
Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.
Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de
Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert
Marvelous Scito Fund: Neuer Impuls gegen das „Tal des Todes“
Ein neuer 20-Millionen-Euro-Fonds soll die schwierige Brücke vom Labor zur industriellen Fabrik schlagen. Doch reicht diese Summe für kapitalintensive Hardware überhaupt aus? Warum die Kooperation für Gründer*innen dennoch ein wichtiges Signal ist – und wo die strukturellen Haken liegen. Eine kritische Einordnung für die Start-up-Community.
Deutschland forscht unbestritten auf Weltklasseniveau. Wenn es jedoch darum geht, wissenschaftliche Durchbrüche in marktreife, skalierbare Industrieunternehmen zu verwandeln, verdorren viele Innovationen im sogenannten „Tal des Todes“. Oft scheitern DeepTech-Technologien nicht an ihrer Qualität, sondern am mangelnden Zugang zu passendem Wagniskapital. Klassische Venture-Capital-Fonds (VC) meiden die extreme Frühphase, da die technologischen, marktbezogenen und operativen Risiken kaum in herkömmliche Risiko-Rendite-Profile passen.
Genau in dieses Wespennest stechen nun die Berliner Investmentplattform Marvelous und die Hamburger Joachim Herz Stiftung (JHS). Mit dem neu aufgelegten Marvelous Scito Fund bringen sie ein Volumen von 20 Millionen Euro an den Start – mit der Stiftung als alleinigem Ankerinvestor.
Von der Theorie zur Praxis: Die hauseigene JHS-Studie
Dass die Joachim Herz Stiftung diesen Schritt geht, ist kein Zufall, sondern die konsequente Exekution eigener Erkenntnisse. Erst im Dezember 2025 veröffentlichte die Stiftung gemeinsam mit der UnternehmerTUM eine viel beachtete Studie zum Thema „Wachstumskapital für Deep-Tech Scaleups“. Das Kernergebnis dieser Untersuchung deckt sich präzise mit dem Ansatz des neuen Fonds: Bis 2030 droht im deutschen DeepTech-Segment eine jährliche Wachstumskapitallücke von rund zehn Milliarden Euro.
Mit dem Scito Fund geht die JHS nun von der theoretischen Analyse in die praktische Umsetzung über. Für die Stiftung schließt sich damit eine strategische Lücke in der hauseigenen Förderlandschaft: Während sie in der ganz frühen Phase bereits mit Initiativen wie dem „innovate! fund“ interdisziplinäre Forschungsteams mit bis zu einer Million Euro unterstützt, soll der neue Fonds nun dabei helfen, die kritischen Übergänge vom Labor zum Prototyp („Lab to Pilot“) und weiter zur industriellen Skalierung („Pilot to Scale“) abzusichern.
Die europäische Dimension: Ein Tropfen auf den heißen Stein?
Betrachtet man den breiteren Kontext, wird jedoch schnell die geldpolitische Krux des DeepTech-Standorts sichtbar. Das deutsche Wagniskapitalvolumen ist von 24,7 Milliarden US-Dollar (2021) auf magere 9,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 eingebrochen und dürfte sich Daten der JHS-Studie zufolge für 2025 auf nur noch rund 6,1 Milliarden US-Dollar einpendeln. Europaweit hat sich seit 2015 zudem ein „Later Stage Gap“ von astronomischen 375 Milliarden US-Dollar aufgestaut.
Vor diesem Hintergrund sind 20 Millionen Euro nüchtern betrachtet kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer DeepTech-Hardware im Bereich neuer Materialien oder Robotik skaliert, weiß, dass der Bau einer einzigen Pilotanlage oder Fabrik oft schon dreistellige Millionenbeträge verschlingt.
Der wahre Wert des Fonds liegt daher nicht in seiner absoluten Größe, sondern in seiner Funktion als Katalysator und Validierungsstempel. Wenn eine renommierte, langfristig orientierte Stiftung als Ankerinvestor vorangeht, signalisiert dies dem Markt Stabilität. Das Ziel muss es sein, über dieses Vehikel dringend benötigtes privates Co-Investment anzuziehen.
Das Netzwerk: Mehr als nur warmes Geld
Für Gründerinnen und Gründer ist bei der Auswahl eines VCs das Netzwerk oft entscheidender als die reine Summe auf dem Konto. Die Struktur der Investmentplattform unterscheidet sich vom klassischen, rein monetär getriebenen VC-Ansatz durch eine strikte Zweiteilung:
- Marvelous Capital: Verantwortet das reine Fondsmanagement und investiert über den Scito Fund sowie den hauseigenen Frühphasenfonds Marvelous Ventures.
- Marvelous Catalyst: Agiert als dezidierte operative Einheit. Sie soll die Start-ups praxisnah dabei begleiten, die Brücke zur Industrie zu schlagen – von der Marktvalidierung über die Pilotierung bis hin zu echten Abnahmeverträgen (Offtake-Agreements).
Der Realitätscheck für Gründer*innen: Sektoren und Ticketgrößen
Wer sollte den Fonds auf dem Schirm haben? Der Fokus liegt scharf eingegrenzt auf drei kapitalintensiven Feldern mit hoher gesellschaftlicher und ökologischer Relevanz:
- Advanced Materials (Fortschrittliche Materialien)
- Waste Valorization (Wertschöpfung aus Abfallströmen / Kreislaufwirtschaft)
- Robotics und Automatisierung
Da Marvelous in der Praxis typischerweise Investment-Tickets zwischen 250.000 Euro und 3 Millionen Euro anpeilt, wird der Scito Fund primär in der Pre-Seed-, Seed- und frühen Series-A-Phase agieren. Gründer*innen dürfen also nicht erwarten, dass Marvelous die gesamte Wachstumsreise bis zum Einhorn im Alleingang finanziert. Stattdessen holt man sich ein industriell vernetztes Team an Bord, das als Türöffner für nachfolgende, größere internationale Finanzierungsrunden dienen kann.
Fazit: Ein wichtiges Vorbild mit begrenzter Reichweite
Der Marvelous Scito Fund ist ein hochgradig spannendes Vorzeigeprojekt für das deutsche Innovationsökosystem. Er zeigt exemplarisch, wie gemeinnütziges Stiftungskapital, das von Natur aus einen langen Anlagehorizont besitzt, als moderner Innovationsmotor fungieren kann. Ulrich Müller, Finanzvorstand der JHS, stellt klar, dass man hierbei durchaus marktgerechte Renditen anstrebt, diese aber konsequent mit einer wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsstrategie verbindet.
Für DeepTech-Start-ups in den genannten Fokussektoren ist die Nachricht ein echter Lichtblick. Dennoch bleibt die fundamentale Wahrheit bestehen: Für den finalen, globalen Roll-out großer Hardware-Innovationen werden Gründer*innen auch in Zukunft zwingend ein komplexes Finanzierungsmosaik aus staatlichen Geldern, strategischen Industriepartnern und internationalen Großfonds zusammensetzen müssen. Der Scito Fund ist dafür ein exzellentes Fundament – das teure Fabrikgebäude müssen die Gründer*innen aber nach wie vor selbst hochziehen.
Millionenmarkt Frauengesundheit: Bonner MedTech Femi-ON sichert sich Seed-Finanzierung
Das 2025 von Meike Kreutel, Alexej Domnich und Marion Schink gegründete Start-up Femi-ON hat erfolgreich eine Seed-Finanzierungsrunde abgeschlossen. Zu den Geldgeber*innen gehören unter anderem die NRW.BANK und die Digitaler Hub Region Bonn AG. Femi-ON entwickelt ein Medizinprodukt, das Menstruationsbeschwerden künftig durch Vibration statt durch Medikamente lindern soll. Ein Blick auf das Geschäftsmodell und die Hürden der Marktzulassung.
Das in Bonn ansässige FemTech-Start-up Femi-ON hat den Abschluss seiner Seed-Finanzierungsrunde – über die genaue Summe wurde Stillschweigen vereinbart – bekannt gegeben. Neben der NRW.BANK und Der Digitaler Hub Region Bonn AG beteiligen sich mehrere Business Angels an dem Unternehmen. Das Kapital soll in die weitere Produktentwicklung, den Start von Pilotprojekten sowie in die Vorbereitung der Medizinproduktezulassung fließen.
Der Ansatz: Niederfrequente Vibration statt Medikamente
Hinter Femi-ON steht das interdisziplinäre Gründungsteam um Meike Kreutel, Alexej Domnich und Marion Schink. Das Start-up adressiert ein weitverbreitetes medizinisches Problem: Millionen Frauen leiden unter starken Menstruationsbeschwerden (Dysmenorrhoe) oder Endometriose. Bisherige Therapieansätze stützen sich häufig auf hormonelle Präparate oder Schmerzmittel.
Femi-ON entwickelt mit den Konzepten „Tamp-ON“ und „Ring-ON“ hardwarebasierte Medizinprodukte, die im Körper getragen werden sollen.
- Geplante Wirkungsweise: Die Schmerzlinderung soll durch niederfrequente Vibrationsenergie erfolgen, die gezielt an der Schmerzquelle ansetzt und die Weiterleitung der Schmerzsignale über die Nerven modulieren soll.
- Materialien: Die wiederverwendbaren Devices sollen aus biokompatiblen Materialien gefertigt werden.
- Digitale Anbindung: Die Hardware wird via Bluetooth über eine eigene App gesteuert, die den Nutzerinnen ein individuelles Tracking ihrer Symptome ermöglichen soll.
Die Entwicklung des Unternehmens wurde in der Frühphase bereits durch verschiedene Institutionen gestützt. Femi-ON durchlief den Inkubator der Impact Factory in Duisburg, erhielt das Gründungsstipendium NRW und war Teil des Investment SHEroes Accelerator-Programms des Digital Hub Bonn, der nun auch als Investor auftritt.
Marktumfeld: Chancen und regulatorische Hürden
Der FemTech-Sektor verzeichnet international ein starkes Wachstum. Doch der hardwarebasierte MedTech-Bereich, in dem Femi-ON agiert, ist mit spezifischen Herausforderungen verbunden. Ein kritischer Blick auf das Geschäftsmodell zeigt die zentralen Meilensteine, die das Start-up noch nehmen muss.
Technologie- und Marktabgrenzung
Kriterium | Ansatz Femi-ON | Etablierte TENS-Wearables | Konventionelle Medizin |
Wirkansatz | Interne Vibration (geplant) | Externe transkutane Nervenstimulation | Systemische Wirkstoffe |
Anwendung | Intern | Extern (Klebepads auf der Haut) | Oral (Tabletten) / Hormonell |
Zulassungshürde | Hoch (internes Medizinprodukt nach MDR) | Mittel (externes Medizinprodukt) | Hoch (Pharma) |
Kritische Einordnung des Markteintritts
- Zulassung als Bottleneck: Die Zertifizierung als Medizinprodukt nach der strengen europäischen Medical Device Regulation (MDR) für ein Device, das in den Körper eingeführt wird, ist kosten- und zeitintensiv. Diese Phase entscheidet maßgeblich über die Überlebensfähigkeit von MedTech-Start-ups.
- Nutzer*innenakzeptanz: Zwar wächst der Markt für Gesundheits-Wearables stetig, doch die Hürde, ein smartes Device vaginal einzuführen und per App zu steuern, erfordert Aufklärungsarbeit. Der Vorteil gegenüber externen Schmerzgeräten, die oft sichtbare Kabel oder Klebepads erfordern, liegt in der Diskrete der Anwendung im Alltag.
- Kund*innenakquise (CAC): Das Marketing für Produkte der Frauengesundheit unterliegt auf großen Werbenetzwerken häufig strengen und teils inkonsistenten Restriktionen. Start-ups in diesem Segment sind stark auf organisches Community-Building und B2B2C-Strategien (etwa Kooperationen mit Krankenkassen) angewiesen.
Fazit
Mit dem Abschluss der Seed-Runde sichert sich Femi-ON den finanziellen Spielraum für die kostenintensive Zertifizierungsphase. Gelingt die komplexe MDR-Zulassung, positioniert sich das Bonner Start-up in einem wachstumsstarken Markt für nicht-medikamentöse Schmerztherapien.
Kühlen ohne Kompressor: Fraunhofer-Spin-off Qurie sichert sich 2,2 Mio. Euro Seed-Kapital
Die Kühlindustrie steht unter enormem regulatorischem Druck. Das 2026 ausgründete Freiburger DeepTech-Spin-off Qurie will mit einer neuartigen elektrokalorischen Technologie den Markt aufmischen – und verspricht das Ende des klassischen Kompressors.
Das Prinzip der meisten heutigen Kühlsysteme entstammt dem 19. Jahrhundert: Kompression und Verdampfung von Kältemitteln. Angesichts der EU-F-Gase-Verordnung, die den Einsatz klassischer, klimaschädlicher Kältemittel massiv einschränkt, tickt für diese Technologie jedoch die regulatorische Uhr. Die 2026 als Spin-off des Fraunhofer-Instituts für Physikalische Messtechnik (IPM) gegründete Qurie GmbH präsentiert nun eine marktreife Alternative: elektrokalorische Kühlsysteme, die vollständig ohne Kompressoren, ohne Druckaufbau und ohne konventionelle Kältemittel auskommen.
Für diese Mission konnte das Freiburger Unternehmen im April 2026 namhafte Investor*innen gewinnen: Der High-Tech Gründerfonds (HTGF), der Technologie-Transfer-Fonds TT49 und die Aepikur GmbH investieren gemeinsam 2,2 Millionen Euro Seed-Kapital in das Start-up.
Die Gründer und die Historie
Hinter Qurie stehen zwei Köpfe, die Wissenschaft und Marktexpertise vereinen: Dr. Kilian Bartholomé (CTO) und Dr. Christian Vogel (CEO). Die Technologie fußt auf mehr als zehn Jahren intensiver Vorlaufforschung am Fraunhofer IPM. Das nun ausgegründete Team von über zehn Expertinnen und Experten aus Materialwissenschaft, Thermodynamik und Ingenieurwesen arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Die Entwicklungsarbeit wird zudem bis Ende 2026 von einem BMWE-geförderten Forschungsprogramm flankiert.
Technologie: Materialintelligenz statt Mechanik
Qurie löst ein zentrales Problem alternativer Kühltechniken. Andere Ansätze wie die Magneto- oder Elastokalorik scheiterten bisher oft an zu hohen Systemkosten. Quries Ansatz basiert hingegen auf der Elektrokalorik: Bestimmte Keramiken und Polymere verändern ihre Temperatur, wenn ein elektrisches Feld angelegt oder entfernt wird.
Das Alleinstellungsmerkmal und Herzstück von Qurie ist dabei die weltweit patentierte „aktive elektrokalorische Heatpipe“ (AEH). Diese präzise gestapelte Materialstruktur ermöglicht es, Wärme sehr effizient abzuführen. Laut CTO Bartholomé erlaubt dieser Ansatz deutlich höhere Pumpfrequenzen beim Wärmetransport als bisherige Flüssigkeitssysteme. Die Eckdaten, die das Start-up kommuniziert, sind beachtlich:
- Theoretische Effizienz: Über 80 Prozent (im Vergleich zu maximal 50 Prozent bei klassischen Kompressoren).
- Energieeinsparung: Potenzial von rund 40 Prozent.
- Formfaktor: Eine miniaturisierbare Festkörper-Architektur, die völlig neue Designs von der Chip-Kühlung bis zur Gebäudetechnik zulässt.
Markt, Wettbewerb & kritische Einordnung
Der erste Zielmarkt von Qurie ist die Schaltschrankklimatisierung – ein Segment, das hohe Präzision erfordert und in dem laut Start-up bislang vollständig zufriedenstellende Lösungen fehlen. Von diesem Sprungbrett aus visiert Qurie die gewerbliche Kühlung, die Medizintechnik sowie die Elektronik- und Automobilbranche an.
Dass institutionelle Investor*innen wie der HTGF ein solches DeepTech-Hardware-Investment tätigen, unterstreicht die Solidität der Patente und die hohe Marktrelevanz der Technologie. Der starke regulatorische Rückenwind durch die EU-F-Gase-Verordnung spielt Qurie als Markttreiber enorm in die Karten.
Dennoch bleibt das Vorhaben ambitioniert. Hardware-Start-ups stehen vor der klassischen Skalierungsfalle: Die Überführung von Laborprototypen hin zu massenfertigungstauglichen, ausfallsicheren Produkten ist komplex. Gerade präzise gestapelte Materialstrukturen können in der industriellen Fertigung Tücken bergen. Zudem schläft die Konkurrenz nicht: Etablierte Industriegiganten sowie andere Start-ups (wie beispielsweise die auf Magnetokalorik spezialisierte Magnotherm) drängen mit viel Kapital in den Markt für alternative Kühlung.
Fazit
Qurie bringt eine der vielversprechendsten Hardware-Innovationen der letzten Jahre aus dem Fraunhofer-Ökosystem auf den Markt. Kann das Team beweisen, dass die neue Technologie nicht nur im Labor funktioniert, sondern auch in der Wirtschaftlichkeitsrechnung der Industriekund*innen besteht, steht dem Start-up ein globaler Milliardenmarkt offen.
Durchatmen in der KI-Ära: HR-Tech-Start-up Regulate sammelt 1,4 Mio. Euro ein
Ein neues B2B-Tool will die mentale Fitness in Unternehmen messbar machen. Hinter dem 2024 von Peter van Woerkum und Paul Laechelin gegründeten Münchner Breathwork-Start-up Regulate stehen prominente Szene-Köpfe. Doch kann eine App das grundlegende Problem struktureller Überlastung lösen?
Die Arbeitswelt verdichtet sich zusehends. Inmitten geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten wird künstliche Intelligenz (KI) in alle Lebensbereiche integriert, was das Arbeitstempo spürbar beschleunigt. In diesem Spannungsfeld positioniert sich das Münchner Start-up Regulate. Das Unternehmen hat nun eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,4 Millionen Euro abgeschlossen.
Angeführt wird die Runde vom Impact-Investor 4impact.vc. Zu den Business Angels zählen zudem bekannte Namen der deutschen Startup-Szene, darunter Hanno Renner (Co-Founder & CEO, Personio), Mike Wax (Co-Founder, Forto), Marlena Hien (Co-Founder, Bears with Benefits) und Felix Haas (10x Group, Bits & Pretzels, IDnow).
Die Köpfe und die Historie
Hinter Regulate stehen CEO Peter van Woerkum und Paul Laechelin, die das Unternehmen im Jahr 2024 gründeten.
- Peter van Woerkum: Der Gründer ist ein zertifizierter Breathwork- und Executive-Coach, der auf über zehn Jahre Erfahrung in der C-Level-Beratung zurückblickt.
- Paul Laechelin: Als ehemaliger Product Lead für die BMW App bringt er die notwendige technische Expertise mit, um das Produkt für den Enterprise-Einsatz zu skalieren.
- Wissenschaftliches Fundament: Die inhaltliche Entwicklung der App erfolgte in Partnerschaft mit Prof. Dr. Hottenrott von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Die angebotenen Methoden basieren zudem auf Forschungen der Harvard Medical School und Stanford Medicine.
Das Geschäftsmodell: Präzision statt Gießkanne
Regulate grenzt sich bewusst von herkömmlichen Wellness-Apps ab. Anstatt allgemeine Meditationsübungen bereitzustellen, die in firmeninternen Benefit-Portalen oft ungenutzt bleiben, zielt die Plattform darauf ab, im passenden Moment die richtige Intervention anzubieten.
- Contextual Intelligence: Die App verknüpft sich mit Wearables und den digitalen Arbeitssystemen der Nutzer.
- On-Demand-Tool: Durch das Auslesen physiologischer Signale und die Analyse der Arbeitsstruktur werden personalisierte Atemübungen (Dauer: 90 Sekunden bis 60 Minuten) vorgeschlagen. Dies kann ein Fokus-Protokoll vor einem wichtigen Meeting oder eine Übung zur Beruhigung nach einer intensiven Diskussion sein.
- HR-Dashboard: Arbeitgeber erhalten aggregierte Dashboards, die HR- und Führungsteams Einblicke in Nutzungsmuster und Team-Resilienz geben, ohne die Privatsphäre des Einzelnen zu kompromittieren.
Das Geschäftsmodell stößt auf Resonanz: Innerhalb von weniger als zwölf Monaten wurden über 50.000 Sessions in der App absolviert. Die Enterprise-Pipeline umfasst ein potenzielles Volumen von über 9 Millionen Euro Annual Recurring Revenue (ARR). Zu den Kunden gehören unter anderem die Raiffeisen Bank International, Personio und Vattenfall. Mit dem neuen Kapital will Regulate das Wachstum beschleunigen, die Produktfunktionen vertiefen, Live-Formate ausbauen und europaweit expandieren.
Der Markt: Wachstumsdruck trifft auf Regulatorik
Regulate agiert in einem enormen Markt. Der globale Bereich für Stressmanagement am Arbeitsplatz wurde im Jahr 2023 auf 10,6 Milliarden US-Dollar geschätzt und wächst jährlich um 7,7 Prozent.
- Laut dem „State of the Global Workplace“ Report 2026 von Gallup gibt weltweit nur jede(r) dritte Arbeitnehmer*in an, am Arbeitsplatz zu „florieren“.
- Diese mangelnde Mitarbeiter*innenbindung kostet die Weltwirtschaft schätzungsweise 10 Billionen US-Dollar an ungenutzter Produktivität pro Jahr.
- Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezifferte in einer Analyse von 2024 die zusätzlichen Kosten durch arbeitsplatzbedingte Angstzustände und Depressionen auf jährlich 1 Billion US-Dollar durch Produktionsausfälle.
Während in den USA vor allem direkte Gesundheitskosten die Arbeitgeberprogramme antreiben, wird der europäische Markt maßgeblich durch rechtliche Verpflichtungen geprägt. Die EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) – seit Januar 2024 in Kraft – und die EU-Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zwingen Unternehmen zu mehr Transparenz und Berichterstattung beim Wohlbefinden der Belegschaft.
Unsere Einordnung: Heilsbringer oder Symptombekämpfung?
Aus Gründer*innen- und Investor*innensicht ist die Positionierung von Regulate strategisch klug. Der B2C-Markt für Achtsamkeit ist hochkompetitiv. Durch den strikten Fokus auf den B2B-Enterprise-Bereich und die nahtlose Integration in den Arbeitsalltag schafft Regulate eine starke Differenzierung. Besonders clever ist die Nutzung der europäischen CSRD-Richtlinie als Vertriebshebel: Unternehmen müssen Wohlbefinden reporten, Regulate liefert das passende aggregierte Dashboard direkt mit.
Trotzdem muss sich das Modell kritischen Fragen stellen:
- Symptombehandlung vs. Ursachenbekämpfung: Eine App kann strukturelle Überlastung durch Personalmangel, fehlendes Management oder toxische Unternehmenskulturen nicht lösen. Es besteht die Gefahr des „Wellbeing-Washings“, bei dem Unternehmen die Verantwortung für Stressbewältigung auf das Individuum abwälzen. CEO Peter van Woerkum betont zwar, dass die Plattform „keine weitere Stressquelle“ hinzufügen soll, doch in stark verdichteten Arbeitsumgebungen kann selbst ein technischer Push-Reminder zur Atemübung als belastend wahrgenommen werden.
- Datenschutz und Vertrauen: Die Koppelung physiologischer Wearable-Daten an ein vom Arbeitgeber finanziertes Dashboard betritt eine sensible Linie. Auch wenn Regulate betont, die Daten streng zu aggregieren, ist die Auswertung von Stressparametern am Arbeitsplatz – gerade in DACH-Unternehmen mit starken Betriebsräten – ein Terrain, das maximales Vertrauen der Belegschaft erfordert.
Fazit
Regulate hat erkannt, dass Corporate Health in Zukunft messbar und direkt in den Arbeitsalltag integriert sein muss. Kann das Start-up beweisen, dass seine Dashboards den Unternehmen helfen, Arbeitsbedingungen datenbasiert und strukturell zu verbessern, steht dem europaweiten Rollout kaum etwas im Wege.
DeepTech trifft Food-Safety: 2,6 Mio. Euro für NanoStruct
Food-Safety-Revolution? NanoStruct weist Bakterien in Stunden statt Tagen nach & holt 2,6 Mio. € Seed-Kapital. Wir machen den DeepTech-Check.
Frische Lebensmittel sind ein Wettlauf gegen die Zeit. Bislang dauert der Nachweis von gefährlichen Erregern wie Salmonellen oder Listerien oft mehrere Tage – ein erhebliches Risiko für verderbliche Waren. Das Würzburger Uni-Spin-off NanoStruct will diesen Engpass mit einer neuen Analyseplattform beheben und hat dafür nun eine Seed-Finanzierung in Höhe von 2,6 Millionen Euro eingesammelt. Doch wie tragfähig ist das DeepTech-Modell in der konservativen Lebensmittelindustrie wirklich?
Das Würzburger Startup NanoStruct tritt an, um die mikrobiologische Lebensmittelanalyse von Grund auf zu beschleunigen. Durch die Kombination von optischer Messtechnik, Nanotechnologie, Biotechnologie und maschineller Datenauswertung soll der Nachweis pathogener Bakterien von mehreren Tagen auf wenige Stunden schrumpfen.
Die aktuelle Seed-Runde über 2,6 Millionen Euro bringt namhafte Investoren an Bord: Angeführt wird die Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), Bayern Kapital und dem AUXXO Female Catalyst Fund. Ergänzt wird das Kapital durch drei Business Angels aus dem Netzwerk von BayStartUP.
Gold-Antennen statt Petrischalen
Im Kern basiert das Verfahren von NanoStruct auf der sogenannten Surface-enhanced Raman Spectroscopy (SERS). Die Sensoren nutzen dabei ultrapräzise Gold-Nanoantennen, um selbst geringste Mengen von Bakterien verlässlich zu identifizieren.
Interessant ist hierbei ein Blick auf die technologischen Versprechungen: Während das Startup in jüngsten Einreichungen für Branchenpreise (wie den AMA Innovationspreis 2025) noch explizit von einem "Drei-Minuten-Bakterientest" sprach, stapelt die aktuelle Pressemitteilung etwas tiefer und verspricht eine Verkürzung auf "wenige Stunden". Dies ist ein bekanntes Phänomen in der Bio-Sensorik: Während die reine optische Messung im Labor oft nur Minuten dauert, nimmt die komplexe Probenaufbereitung aus realen, unsauberen Lebensmittelmatrizen in der Praxis weiterhin Stunden in Anspruch. Dennoch: Ein Testergebnis noch am selben Tag ("Same-Day-Detection") bedeutet für Produzenten einen gewaltigen Fortschritt.
Aus dem Uni-Labor zum Millionen-Funding
Die Wurzeln des Unternehmens liegen in der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, aus der NanoStruct 2021 ausgegründet wurde. Das Gründerteam vereint dabei interdisziplinäre Kompetenzen:
Dr. Henriette Maaß (CEO) verantwortet die Unternehmensstrategie. Sie führte das Startup bereits erfolgreich durch das EU-Förderprogramm "Women TechEU", welches von Frauen geführte Hochtechnologie-Startups unterstützt.
Enno Schatz (CTO) bringt als Experte für Nano-Optik und Sensorik das tiefe technologische Know-how ein.
Kai Leibfried (CFO) steuert die Finanzierung, Geschäftsentwicklung und die kaufmännischen Prozesse.
Der Weg zur Seed-Runde wurde unter anderem durch BayStartUP geebnet: Bereits 2021 gewann das Team das Finale des Businessplan-Wettbewerbs Nordbayern. Aus diesen ersten Berührungspunkten entwickelte sich laut Carsten Rudolph, Geschäftsführer von BayStartUP, das heutige Investorenkonsortium.
Markt, Geschäftsmodell und Wettbewerb – Eine Einordnung
Mit dem frischen Kapital plant NanoStruct nun die Industrialisierung der Technologie, erste Pilotprojekte mit Kunden sowie den Ausbau des Vertriebs. Langfristig sehen die Investoren das Potenzial der Plattform-Technologie auch in weiteren kritischen Bereichen wie der Wasserversorgung, der Medizintechnik oder der Diagnostik.
StartingUp ordnet das Vorhaben wie folgt ein:
Der Markt (Pro): Das wirtschaftliche Potenzial ist enorm. Erreger-Tests am selben Tag reduzieren Lebensmittelverschwendung drastisch, da verderbliche Waren nicht mehr tagelang in Quarantäne-Lagern auf ihre Freigabe warten müssen. Zudem lassen sich millionenschwere, rufschädigende Rückrufaktionen frühzeitig abwenden.
Markteintrittsbarrieren (Contra): Die Lebensmittelindustrie ist hochgradig konservativ und streng reguliert. Ein neues Testverfahren muss nicht nur schneller, sondern zu 100 Prozent fehlerfrei arbeiten. "False-Positives" (falscher Alarm) kosten die Industrie Geld, "False-Negatives" gefährden Menschenleben. Das Vertrauen der Industrie in etablierte Standardverfahren ist historisch gewachsen und tief verankert.
Hardware-Skalierung: Im Gegensatz zu reinen Software-Geschäftsmodellen muss NanoStruct die SERS-Sensoren auf Nanotechnologie-Basis wirtschaftlich in Masse herstellbar machen. Die Skalierung von DeepTech-Hardware verschlingt erfahrungsgemäß viel Zeit und hohe Folgeinvestitionen.
Der Wettbewerb: NanoStruct tritt gegen milliardenschwere Diagnostik-Konzerne und etablierte Verfahren wie PCR-Tests an. Der entscheidende USP von NanoStruct wird es sein, zu beweisen, dass die Sensoren in der rauen industriellen Praxis tatsächlich so robust, günstig und verlässlich sind, dass sie die immensen Wechselkosten für Großkunden rechtfertigen.
Fazit
NanoStruct bringt technologisch exzellente Voraussetzungen mit und hat sich mit dem HTGF, Bayern Kapital und AUXXO sehr starke, gut vernetzte Partner gesichert. Gelingt es dem Team nun, die Technologie aus dem Würzburger Labor erfolgreich in die industrielle Realität der Lebensmittelproduktion zu übertragen, könnte das Startup tatsächlich einen neuen Goldstandard in der mikrobiologischen Qualitätskontrolle etablieren. Die wichtigste Phase – der Beweis am Kunden – beginnt jetzt.
Primogene: 4,1 Mio. Euro für den Muttermilch-Code – Deep-Tech-Innovation oder riskantes Unterfangen?
Das Leipziger BioTech-Start-up Primogene hat eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4,1 Mio. Euro eingesammelt, um komplexe bioaktive Moleküle im industriellen Maßstab auf den Markt zu bringen.
Während die Unternehmenskommunikation den Durchbruch einer neuen Plattformtechnologie feiert, zeigt ein genauerer Blick auf den globalen Markt für humane Milcholigosaccharide (HMOs) ein Haifischbecken voller multinationaler Konzerne. Eine kritische Analyse des Geschäftsmodells, der Gründer*innen und des Wettbewerbs.
DeepTech Made in Leipzig
Hinter Primogene stehen Dr.-Ing. Reza Mahour (CEO), Valerian Grote und Linda Karger (COO), die das Unternehmen 2023 in Leipzig gründeten. Die Zusammensetzung des Teams vereint technologische und wissenschaftliche Expertise, um die ehrgeizige Vision einer industriellen Enzym-Produktion umzusetzen. Die aktuelle, 4,1 Millionen Euro starke Seed-Runde wird vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) angeführt. Zum Investoren-Konsortium gehören außerdem der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS), better ventures, die Sächsische Beteiligungsgesellschaft (SBG), die Golzern Holding GmbH, die FS Life Science Investment GmbH sowie Dr. Marc Struhalla, Gründer und CEO der c-LEcta GmbH. Der Kapitaleinsatz ist klar definiert: Die neuen Mittel fließen in den Ausbau des IP-Portfolios, die Erweiterung der Produktionskapazitäten in Leipzig und in strategische Partnerschaften.
Das Modell im Stresstest: Die Kostenfalle der Enzyme
Primogene hat eine enzymatische Plattformtechnologie entwickelt, um Inhaltsstoffe zu produzieren, die identisch zu natürlichen Molekülen sind – nachhaltig und kosteneffizient. Im Zentrum stehen dabei komplexe humane Milcholigosaccharide (HMOs) wie Disialyllacto-N-Tetraose (DSLNT) und Difucosyllacto-N-Tetraose I (LNDFH I). Laut Primogene verursachen etablierte fermentative Herstellungsverfahren erhebliche Kosten und stoßen bei der Produktion derartiger hochkomplexer Moleküle an ihre Grenzen.
Der Lackmustest: Die Prämisse, dass enzymatische Verfahren in der Massenproduktion überlegen sind, birgt in der Praxis massive Hürden. Die Entwicklung und wirtschaftliche Produktion der benötigten Enzyme selbst ist extrem kapitalintensiv. Dass das Start-up den gesamten Prozess – von der Enzymentwicklung über die Produktion und Biotransformation bis zur Aufreinigung – komplett am eigenen Unternehmensstandort in Leipzig abbilden will, ist ein ambitionierter, aber riskanter Schritt. Der Aufbau eigener Produktionsanlagen für komplexe BioTech-Prozesse führt oft zu einer enorm hohen Kapitalverbrennungsrate (Burn Rate).
Erste kommerzielle Meilensteine dämpfen dieses Risiko jedoch: Erste Inhaltsstoffe für Kosmetikprodukte wurden mit Kooperationspartnern entwickelt und sind bereits kommerziell erhältlich. Auch pharmazeutische Rohstoffe befinden sich aktuell im Test bei Kund*innen. Zudem erforscht das Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig das Potenzial seiner Inhaltsstoffe zur Prävention von Infektionskrankheiten.
Im Haifischbecken: Auf Kollisionskurs mit den Lebensmittel-Riesen
Der Zielmarkt ist hochattraktiv: Der globale HMO-Markt wächst jährlich um etwa 18 bis 20 Prozent, und über 65 Prozent der im Jahr 2023 neu eingeführten Säuglingsnahrungsprodukte enthielten mindestens ein HMO. Neben der Säuglingsernährung bedient Primogene auch Märkte wie die Darmgesundheit bei Erwachsenen, die Gedächtnisverbesserung im Alter sowie funktionale Inhaltsstoffe für Körperpflege und pharmazeutische Rohstoffe.
Das Leipziger Team trifft in der Nahrungsmittelindustrie jedoch auf einen extrem konsolidierten Markt, der von Milliarden-Konzernen dominiert wird. Einer der größten B2B-Zulieferer für Säuglingsnahrung weltweit ist DSM-Firmenich (mit der übernommenen Sparte Glycom), der den Markt durch gigantische Größenvorteile (Economies of Scale) in der Fermentation beherrscht. Auch Chr. Hansen (Jennewein), ein Pionier in der mikrobiellen HMO-Synthese, stellt mit seiner extrem tiefen Integration bei Lebensmittelriesen einen massiven Konkurrenten dar. Auf der Abnehmerseite agieren Endkonsument*innen-Giganten und Branchenführer wie Nestlé und Abbott, bei denen für einen neuen Zulieferer von Inhaltsstoffen extrem hohe regulatorische und volumenbasierte Hürden bestehen.
Primogenes strategische Nische: Ein Preiskampf bei einfach strukturierten Standard-HMOs gegen die großen Fermentations-Player wäre für ein Start-up kaum zu gewinnen. Primogenes entscheidender Wettbewerbsvorteil liegt jedoch in der Komplexität. Die industrielle Produktion von Molekülen wie DSLNT – das laut klinischen Studien signifikante gesundheitliche Vorteile speziell für Frühgeborene bietet – war bislang schlicht nicht möglich. Wenn Primogene hier durch sein starkes Patentportfolio die technologische Lücke schließt, umgeht das Unternehmen den harten Konkurrenzkampf im Massenmarkt.
Unser Fazit: Hohes Risiko, riesiger Hebel
Primogene ist kein schlankes Software-Projekt, sondern waschechtes DeepTech. Das bedeutet: Hohe regulatorische Hürden, langer Atem in der Forschung und massive Kapitalanforderungen. Die Seed-Finanzierung in Höhe von 4,1 Millionen Euro ist ein starker Vertrauensbeweis erfahrener Investoren, wird für den Anlagenbau und die Skalierung der Leipziger Produktion auf Dauer jedoch kaum ausreichen. Primogene muss nun rasch beweisen, dass die enzymatische Synthese nicht nur technologisch überlegen, sondern auch unter realen industriellen Kostendrücken skalierbar ist. Gelingt dieser Proof of Concept, hält das Start-up den Schlüssel zu einer neuen Generation komplexer, bioaktiver Moleküle in der Hand.
