TechQuartier: Hier schlägt das (Fin-)Tech-Herz

Autor: Bärbel Strothmann
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Wie der Start-up-Accelerator TechQuartier als Innovationszentrum am Finanzplatz Frankfurt/Main eine dynamische Verbindung zwischen Start-ups und etablierten Akteur*innen schafft.

Wer das TechQuartier in Frankfurt am Main betritt, bekommt sofort einen Eindruck von der bunten Vielfalt und Professionalität der Angebote des 2016 gegründeten Hubs. Im Pollux-Tower zwischen Hauptbahnhof und Messe tummeln sich auf einer Fläche von mehr als 3200 Quadratmetern Unternehmer*innen an 245 modernen Schreibtischen, diskutieren in Kleingruppen auf bequemen Sitzmöbeln, erarbeiten Ideen und Konzepte versunken in Ledercouchen, hin- und herschwingend auf Schaukeln oder angelehnt an Barhocker und Tresen. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt; die Atmosphäre unterstützt den Austausch und die Kollaboration auf bestmögliche Weise.

Die Arbeitsbedingungen sind so vielfältig wie die Menschen, die hier zusammenkommen, vom Großraumbüro über private Büros bis hin zu Meetingräumen verschiedenster Größe. Im Coworking Space finden die unterschiedlichsten Gruppen zusammen, von Gründer*innen und Investor*innen bis hin zu Mitarbeiter*innen etablierter Firmen, die im TechQuartier eine flexible Bürolösung finden, um ihren Angestellten Arbeitsplätze an alternativen Standorten zu bieten. Zusätzlich sind Eventflächen für bis zu 120 Personen verfügbar, die sich ideal für Networking-Events eignen und bei Bedarf angemietet werden können.

Die Schmiede für Zukunftstechnologien

Im Herzen des Finanzzentrums Europas definiert sich das TechQuartier als eine branchenübergreifende Innovationsplattform, die Start-ups, Scale-ups, Unternehmen und Talente zusammenbringt, um an neuen Technologien und digitalen Geschäftsmodellen zu arbeiten. Gesellschafter sind die Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Stadt Frankfurt am Main, die Technische Universität Darmstadt und die Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WIBank). Hier trifft man sich, um Ideen gemeinsam voranzubringen, umzusetzen und bestenfalls in ein florierendes Geschäft zu überführen. Zur Community gehören mehr als 600 Start-ups, 50 akademische und unternehmerische Partner*innen und hunderte potenzielle Gründer*innen. Das „Tech“ im Firmennamen ist Programm: FinTechs machen mit 32 Prozent den größten Teil der Community aus. Weitere Schwerpunkte sind GreenTechs, IT & Software sowie Start-ups aus den Bereichen KI, Big Data und Analytics.

„Unsere Mission ist es, Start-ups eine Plattform zu bieten, auf der sie wachsen und gedeihen können“, erklärt Alice Rettig, die zum 1. September die Geschäftsführung des TechQuartiers übernommen hat. „Wir schaffen hier eine Atmosphäre der Innovation und Kollaboration in einem internationalen Umfeld und bieten ein dynamisches Netzwerk, in dem Entrepreneurship, insbesondere im Tech- und FinTech-Sektor, aktiv gelebt und weiterentwickelt wird. Durch unsere Programme fördern wir die Zusammenarbeit zwischen Corporate Partnern und Start-ups. Dieser einzigartige Ansatz hat sich bereits bewährt und trägt wesentlich zu unserem Erfolg bei.“

Wie das TechQuartier Start-ups zum Erfolg führt

Die Anzahl der durchgeführten Innovationsprogramme und -formate hat sich seit 2021 mehr als verdoppelt. Bei den Bildungs- und Gründungsprogrammen nahmen 2023 insgesamt 164 Teilnehmende bzw. 52 Gründungsteams teil. Seit Januar 2024 hat das TechQuartier fünf wiederkehrende Programme erfolgreich durchgeführt – und die nächsten stehen bereits in den Startlöchern. Schon gibt es weitere Themen auf der Agenda, so zum Beispiel das Fundraising Readiness Program, das Start-ups auf die Kapitalbeschaffung vorbereitet und bereits Bewerbungen entgegennimmt. Die Growth Alliance, eine gemeinsame Initiative von TechQuartier und der Landwirtschaftlichen Rentenbank, steht kurz vor ihrem „Idea Camp“, einem Event zur Ideenfindung für Gründungsinteressierte und dem „Growth Alliance Accelerator“, einem Angebot für AgriFood-Start-ups in der Wachstumsphase.

Die „Impact Challenge“ und der „TQ Accelerator: Green Transformation“ nehmen seit dem 22. Juli Bewerbungen entgegen. Ziel ist es hier, nachhaltige Innovationen zu fördern. Auch für das kommende Jahr gibt es bereits Planungen: 2025 wird der in diesem Jahr sehr erfolgreiche „TQ Accelerator: Digital Finance“ erneut angeboten, um FinTech-Innovationen zu unterstützen.

Das Angebot des TechQuartiers hat zahlreichen Start-ups geholfen, ihre Geschäftsideen erfolgreich umzusetzen. Die Programme sind für Gründer*innen in allen Phasen der Unternehmensgründung konzipiert – mit einem Fokus auf Start-ups in der Growth Stage – und unterstützen von der Ideenfindung bis zur großflächigen Implementierung. Ein besonderer Vorteil ist die Vernetzung mit etablierten Unternehmen, die auf der Suche nach innovativen, digital basierten Lösungen sind.

Im Folgenden stellen wir fünf Start-ups vor, die auch mithilfe des TechQuartiers den Sprung in die Geschäftswelt erfolgreich gemeistert haben.

constellr

Constellr ist ein deutsches DeepTech, das sich auf die satellitengestützte Überwachung von Wasserstress und Temperatur auf landwirtschaftlichen Nutzflächen spezialisiert hat. Durch den Einsatz von Mikrosatelliten liefert das Freiburger Start-up präzise und hochauflösende Daten, mit denen Wasserbedarf und -verfügbarkeit weltweit genau bestimmt werden können. Damit fördert es nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken und hilft, die Effizienz der Wassernutzung zu verbessern und den globalen Nahrungsmittelbedarf zu sichern.

„Wasser ist der wichtigste Faktor für die Welternährung“, erklärt Dr. Max Gulde, Gründer und CEO von constellr. „Die Landwirtschaft nutzt derzeit etwa 70 Prozent der weltweit verfügbaren Wasserressourcen, 60 Prozent davon werden aber verschwendet. Wenn es uns gelingt, diesen Verlust auszugleichen, wird es allen Menschen auf der Welt besser gehen, und wir können eine bessere Zukunft für zukünftige Generationen sichern.“

Mit seinem Ansatz „More drop per crop“ (mehr Ertrag pro Wassertropfen) ist das Unternehmen weltweit aktiv. Einen großen Erfolg konnte das Start-up bereits feiern: Constellr wurde als Gewinner des renommierten Impact/100 Awards auf der ikonischen Plakatwand am Times Square präsentiert. Außerdem gewann das Unternehmen den New­comer Award der Digital Hub Initiative des TechQuartiers und durfte kürzlich an einem Round Table mit US-Finanzministerin Janet Yellen teilnehmen. „Das TechQuartier hat uns bei der Umsetzung unserer Vision entscheidend geholfen“, freute sich Dr. Gulde anlässlich der Verleihung des Awards.

spotixx

Das 2019 gegründete Start-up spotixx unterstützt Banken bei der Bekämpfung von Finanzkriminalität im Bereich der Betrugs- und Geldwäscheprävention. Mit Standorten in Frankfurt/Main und Wilhelmshaven befindet sich spotixx nach dem Erreichen der Gewinnschwelle weiter erfolgreich auf Wachstumskurs. Das Ziel ist kein geringeres, als die Aufdeckung von Finanzkriminalität durch transformative Technologien wie KI und Graphanalysen auf vernetzten Daten zu revolutionieren. „Wir sind stolz darauf, vollautomatisierte und individualisierte Erkennungsmodelle anzubieten, die stets auf dem neuesten Stand sind“, sagt Patrick Tomo Töniges, Mitgründer und Geschäftsführer von spotixx. „Durch die sichere Verarbeitung pseudonymisierter Transaktionsdaten ermög­lichen wir es Banken, neuen Bedrohungen immer einen Schritt voraus zu sein.“

Seit 2020 ist spotixx Mitglied im TechQuartier. „Die Netzwerke und Ressourcen des TechQuartiers bereichern unsere Arbeit und ermöglichen die Entwicklung innovativer Lösungen wie etwa safeAML“, sagt Töniges. „Gerade jetzt, wo wir auf Wachstumskurs sind, schätzen wir die hochwertigen Kontakte, die uns dieses Umfeld bietet.“

Cashlink

„Wir knacken gerne harte Nüsse“, so lautet das Credo des Frankfurter FinTechs Cashlink. Das Start-up bietet die europaweit führende Infrastruktur für die Tokenisierung von Assets an. Als Marktführer ermöglicht Cashlink die Emission von digitalen Wertpapieren nach dem elektronischen Wert­papiergesetz in Form von Inhaberschuldverschreibungen, Fonds, Anleihen, Aktien oder Zertifikaten. Dass die Gründer hinter ihrem Credo zum Nüsse knacken stehen, bewiesen sie erst kürzlich: Cashlink erhielt als erstes Unternehmen in Deutschland die Lizenz zur Führung eines Krypto-Wertpapierregisters. Damit deckt es die gesamte Wertschöpfungskette der Tokenisierung von elektronischen Wertpapieren ab.

„Meilensteine wie die Anleiheemission der KfW oder auch die Tokenisierung und Emission des ersten Kryptofondsanteils in Zusammenarbeit mit der Bankhaus Metzler AG zeigen, dass die Tokenisierung am Finanzplatz Deutschland längst kein Fremdwort mehr ist“, sagt Michael Duttlinger, CEO und Mitgründer, und verweist auf die Erfolge von Cashlink. Das Start-up ist mehrfacher Gewinner des FinTech Germany Awards sowie eng mit der Helaba in Frankfurt und namhaften Venture-Capital-Investor*innen wie TX Ventures aus der Schweiz verbunden.

Der Einsatz von Blockchain-Technologie und Tokenisierung im Kapitalmarkt-Backend nimmt stark an Fahrt auf. So finden beispielsweise aktuell Experimente der EZB und Bundesbank mit dem digitalen Euro statt. Die Ergebnisse können sich bereits sehen lassen. Bei der Wertpapierabwicklung können die Abwicklungszeiten von zwei Tagen auf den gleichen Tag verkürzt werden. Auch hier nimmt Cashlink mit namhaften Finanzinstituten teil. „Als Frankfurter FinTech-Unternehmen ist die Nähe zu Finanzinstituten für Cashlinks Geschäftsmodell höchst relevant“, sagt Duttlinger. Weiter ergänzt er: „Die starke Community des TechQuartiers sowie Networking-Veranstaltungen und Accelerator-Programme sind wertvolle Gelegenheiten für Start-ups, um in den Kontakt mit ihrer Zielgruppe zu kommen und mehr über die Anforderungen dieser zu erfahren. Die Unterstützung durch Mentoren und Workshops können hierbei entscheidend für den Erfolg von Start-ups sein.“

become1

Mit einem bei Mitarbeiter*innen äußerst beliebten Thema beschäftigt sich become1, ein Start-up aus Heidelberg: Benefits. Das junge Unternehmen, das mit seiner aktuellen Lösung seit 2022 am Markt ist, hat eine Software für Unternehmen entwickelt, die ihren Beschäftigten einen bunten Strauß an Benefits anbieten möchten. Die Mitarbeiter*innen können dabei selbst entscheiden, welche Benefits am besten für sie passen. Das Angebot reicht von Mitgliedschaften in Fitnessstudios über Sachgutscheine sowie monatliche Erstattungen für private Kosten wie Essen, Mobilität, Internet, Kinderbetreuung, Gesundheit und Erholung bis hin zu regionalen Geldkarten. Dabei profitieren beide Seiten: Arbeitgebende von Steuerersparnissen, minimalem Verwaltungsaufwand und zufriedenen Mitarbeitenden, Arbeitnehmende von einem flexiblen, auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittenen Angebot.

Become1 startete als HR-Tech und ist seit 2021 Mitglied im TechQuartier. Die Gründer sind Friedrich Villhauer und David Wambsganss, beide mit langjähriger Erfahrung in den Bereichen Steuern und SaaS-Technologie. „Die Zusammenarbeit mit dem TechQuartier war und ist für uns unglaublich wertvoll. Mit den dort vorhandenen Ressourcen und dem umfangreichen Know-how, das uns die Community zur Verfügung stellt, konnten wir viele Hürden überwinden. Ohne diese Hilfe hätten wir diese Herausforderungen nicht meistern können“, lobt Friedrich Villhauer.

Mambu

„Viele Leute finden Finanzdienstleistungen frustrierend, umständlich und nicht auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten“, sagt Markus Lühe, ein eingeschworener „Mambuvian“, wie sich die Mitarbeiter*innen von Mambu, einem FinTech für Cloud-Banking-Services, mit einem gewissen Stolz nennen. Mambu wollte das ändern. Das Unternehmen wurde 2011 gegründet und wuchs schnell mit der ehrgeizigen Vision, Bank- und Finanztechnologie in die digitale Welt zu bringen und für alle zugänglich zu machen. Am Anfang standen Dienstleistungen für Mikrofinanzinstitutionen und FinTech-Start-ups. Innerhalb von zwei Jahren nutzten bereits 100 Mikrofinanzorganisationen in 26 Ländern weltweit Mambus Cloud-Bankingplattform. Heute bietet sie eine breite Palette von Produkten und Dienstleistungen an. Die Kund*innenliste ist beeindruckend: Sie umfasst FinTech-Start-ups, Telekommunikationsunternehmen und top Banken auf sechs Kontinenten und unterstützt mehr als 260 Kund*innen mit über 114 Millionen Endnutzer*innen.

„Mambu ist mehr als nur eine Plattform – es ist ein Katalysator für Veränderung und Innovation im Finanzsektor. Unsere Technologie ermöglicht es Finanzdienstleistern weltweit, ihre Kunden besser zu bedienen und gleichzeitig agil und wettbewerbsfähig zu bleiben. Das TechQuartier bietet uns das perfekte Umfeld, um Ideen zu sammeln, kreativ zu sein und nachhaltige Innovationen voranzutreiben“, so Markus Lühe. „Ohne das TechQuartier wären wir heute nicht da, wo wir jetzt sind.“

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ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren

Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.

Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.

Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.

Ein Marktsegment mit Potenzial

Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:

Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand

Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“

Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.

Darum lohnt es sich mitzumachen

Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.

Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.

Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.

Weitere Informationen und Bewerbung finden sich hier.

Gründer*in der Woche: GNU Energy – Komplexität raus, Wärmepumpe rein

Die Wärmewende gerät bei gewerblichen und kommunalen Bestandsgebäuden oft ins Stocken. Angesichts steigender fossiler Energiekosten und technischer Unsicherheiten positioniert sich das Hamburger Start-up GNU Energy als spezialisierter Problemlöser. Doch kann eine Nischenstrategie in einem von etablierten Planungsbüros dominierten Markt bestehen?

Das Hamburger Planungsbüro GNU Energy UG wurde im Jahr 2026 von Hilko Pastoor und Kamil Beehuspoteea ins Leben gerufen. Dass sich die beiden Gründer für die Rechtsform der haftungsbeschränkten UG entschieden haben, mag bei der oft sicherheitsbedürftigen Zielgruppe aus Kommunen und Kirchen zunächst verwundern. Auf Bedenken bezüglich möglicher vertrieblicher Hürden entgegnet der kaufmännische Leiter Hilko Pastoor jedoch, man habe im Vorfeld gezielt Rücksprache mit einem Vergaberechtsanwalt gehalten. Es gebe bei Vergabeprozessen keine Benachteiligung durch die Unternehmensform. „Am Ende entscheiden Referenzen und eine positive Kundenerfahrung mehr über die Wahrnehmung, als eine Unternehmensform“, gibt sich Pastoor überzeugt.

Auch in Sachen Finanzierung wählt das Duo einen eigenwilligen Weg und verzichtet auf fremdes Kapital. „Wir bootstrappen bewusst, weil wir in Phase 1 nicht sehr kapitalintensiv sind“, erklärt Pastoor. Die Zeit, die man sonst in die Suche nach Investoren stecken müsste, fließe stattdessen direkt in den Ausbau der Kundenprojekte. Dass dieser Ansatz in der Praxis funktionieren soll, untermauert das Start-up mit ersten Referenzprojekten wie dem Europahaus in Aurich, das man bereits von den eigenen Leistungen überzeugen konnte.

Klare Nische statt Generalistentum

Das junge Unternehmen setzt auf eine Kombination aus kaufmännischer Expertise und technischem Know-how. Während Pastoor die kaufmännische Leitung, den Vertrieb und das Business Development verantwortet, übernimmt sein Co-Gründer Kamil Beehuspoteea die technische Planung sowie die Projektleitung.

Anstatt sich als Generalist in der Gebäudetechnik zu versuchen, hat sich GNU Energy für eine klare Nische entschieden: Die Hamburger fokussieren sich ausschließlich auf die Wärmepumpenplanung für Nichtwohngebäude (NWG) im Bestand. Zu den anvisierten Zielkundinnen zählen neben Kommunen mit ihren Liegenschaften – wie etwa Schulen, Verwaltungen oder Sporthallen – vor allem gewerbliche Bestandshalterinnen sowie Kirchen und soziale Träger*innen. Das Start-up deckt dabei den gesamten Leistungsumfang vor dem eigentlichen Einbau ab. Die Arbeit reicht von der Grundlagenermittlung und der Heizlastberechnung nach DIN EN 12831 über die Wirtschaftlichkeitsberechnung bis hin zur Erstellung des Leistungsverzeichnisses und der Mitwirkung bei der Vergabe.

Doch klassische Planungsdienstleistungen sind meist extrem personalintensiv. Wie kann das mittelfristig skalieren, ohne zum schwerfälligen Großbüro anzuwachsen? „Durch die Fokussierung auf eine Anlagengruppe und auf eine Technologie können wir Projekte deutlich effizienter und kostengünstiger planen“, verspricht der technische Leiter Kamil Beehuspoteea. Anstelle reiner Handarbeit vertraue das Team auf digitale Prozesse: „Wir haben einen softwaregestützen Planungsprozess entworfen, welcher es uns ermöglicht, seriell zu planen.“ Zudem nutze man eine hauseigene Herstellerdatenbank, um für jedes Projekt die bestmögliche Lösung zu filtern. Ob sich die versprochene serielle Planung bei den oft höchst individuellen und komplexen Altbauten der Kommunen in der Breite tatsächlich reibungslos standardisieren lässt, wird das Start-up in der Praxis allerdings erst noch beweisen müssen.

Ein greifbares Argument für die Kundenakquise ist hingegen die umfassende Förderberatung der Hamburger. Durch die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) können Kund*innen bis zu 30 Prozent der Investitionskosten erstattet bekommen. In Hamburg ist über die Landesförderung sogar ein zusätzlicher Bonus von 20 Prozent möglich.

Marktumfeld: Der wachsende Druck auf den Bestand

Das spezialisierte Service-Angebot trifft auf einen Markt, der durch politische Vorgaben unter Zugzwang steht. GNU Energy verweist auf Entwicklungen wie den Beginn des EU-Emissionshandels ETS II sowie die ab 2029 greifende Grüngas-Beimischpflicht von 10 Prozent. Beides könne zu einer Verdopplung der Gaspreise bis zum Jahr 2035 führen. Demgegenüber stehe die Wärmepumpe, die auf Basis von Fraunhofer-ISE-Felddaten bei einer durchschnittlichen Jahresarbeitszahl von 3,4 eine Kilowattstunde Wärme für rund 6 Cent erzeugen könne und sich damit oft schon heute günstiger rechne als Gas.

Das Potenzial für den Umstieg ist enorm: Laut dena-Gebäudereport werden derzeit noch 80 Prozent der Nichtwohngebäude im Bestand fossil beheizt. Gleichzeitig seien laut Umweltbundesamt rund 80 Prozent aller Bestandsgebäude technisch für den Wärmepumpeneinsatz geeignet, da sie mit Vorlauftemperaturen von unter 55 Grad Celsius betrieben werden könnten. Das Nadelöhr der Wärmewende bleibe jedoch die komplexe Planung im Bestand.

Auf die bisherige Resonanz der Zielgruppe angesprochen, zeigt sich Hilko Pastoor optimistisch: „Viele melden zurück, dass es dieses Angebot braucht und wir uns zur genau richtigen Zeit melden.“ Ein Treiber sei die in vielen Kommunen mittlerweile abgeschlossene Wärmeplanung. „Dadurch haben die Gebäudebetreiber Klarheit, ob Fernwärme überhaupt jemals eine Option sein wird“, so Pastoor. Seine Prognose: „Für ca. 70 Prozent aller Gebäude wird es eine dezentrale Lösung sein. Hier ist die Wärmepumpe dann die wirtschaftlichste Technologie.“

Wettbewerb und clevere Handwerks-Synergien

Die größte Konkurrenz für GNU Energy sind nicht zwingend andere Start-ups, sondern die Trägheit des Marktes sowie etablierte Ingenieurbüros, die sich laut den Gründern jedoch häufig auf Neubauten fokussieren und etablierte Kundenbeziehungen pflegen. Ein weiteres massives Markthindernis ist die Lücke zwischen theoretischer Planung und der handwerklichen Realität vor Ort – insbesondere durch den akuten Fachkräftemangel im ausführenden Handwerk.

Statt sich davon ausbremsen zu lassen, sucht Kamil Beehuspoteea hier den Schulterschluss: „Genau hier entlasten wir Handwerksbetriebe akut.“ Es sei ineffizient, wenn Meisterbetriebe wertvolle Zeit auf der Straße verbringen. „Unser Angebot für Anlagenbauer ist daher, die Heizlastberechnung und Angebotserstellung zu übernehmen, damit sich das Handwerk auf den Flaschenhals, nämlich die Installation, fokussieren kann“, erklärt er den strategischen Ansatz. Mittelfristig rechnet Beehuspoteea zudem mit technischen Innovationen auf der Baustelle. Man beobachte vermehrt Container- und Prefab-Lösungen im Markt, die die Installationszeit drastisch von zwei Wochen auf einen Tag reduzieren könnten. Zwar räumt er ein, dass diese preislich noch attraktiver werden müssten, die Entwicklung sei aber absehbar.

Doch wie bricht ein frisch gegründetes, eigenfinanziertes Start-up die oft jahrzehntealten Seilschaften von risikoscheuen Kommunen auf? Hilko Pastoor verweist auf die Branchenerfahrung des Teams. „Wir sind seit 2020 in der Branche aktiv und haben ein gutes Netzwerk aufgebaut“, kontert er mögliche Zweifel an der Unerfahrenheit des Duos. Als ehemaliges Management-Mitglied beim Aufbau eines Branchenführers wisse er um die Bedürfnisse der Zielgruppe. Hinzu komme, dass vielen etablierten Planern schlicht die tiefgreifende Fachkenntnis in puncto Dekarbonisierung fehle. „Wir wissen, wie viel die Personen um die Ohren haben und entlasten daher gezielt mit einem sorgenfreien, effizienten Projektablauf“, verspricht Pastoor. Fachlich werde dies durch Beehuspoteeas Expertise als Planer nach VDI 4645 gestützt.

Fazit und Ausblick

Das Geschäftsmodell von GNU Energy greift einen unbestrittenen Engpass der Energiewende auf: die Sanierung gewerblicher und kommunaler Bestände. Mit dem konsequenten Verzicht auf den Neubau und fossile Technologien grenzt sich das Start-up scharf von traditionellen Marktteilnehmern ab.

Auf den Hamburger Heimatmarkt wollen sich die Gründer dabei in Zukunft nicht beschränken. „Grundsätzlich arbeiten wir deutschlandweit“, gibt Beehuspoteea die Marschroute vor. Der nächste logische Schritt sei der eigentliche Anlagenbetrieb über eine eigene Softwarelösung, da viele Heizungen nach der Installation nicht effizient betrieben würden und so Sparpotenziale ungenutzt blieben. Für klamme Kommunen und Träger plant GNU Energy künftig deshalb sogar eigene Finanzierungslösungen.

Der Kurs des Start-ups ist damit ehrgeizig gesetzt. Die größte Hürde wird jedoch der oft zähe Vertrieb bleiben. Ob es den Gründern tatsächlich gelingt, die jahrelangen Vergabezyklen und die empfundene Komplexität bei Kommunen, sozialen Trägern und Kirchen durch ihre Software-Ansätze maßgeblich abzukürzen, wird sich in der harten Bau-Realität der kommenden Monate erst noch zeigen müssen. Der Handlungsdruck im Heizungskeller ist angesichts steigender Fossil-Preise jedenfalls unbestritten.

Gründer*in der Woche: SchoolUP – Vom Klassenzimmer in den App Store

ChatGPT löst zwar Hausaufgaben, hilft aber selten beim echten Verstehen. Die 17-jährigen Abiturienten Elias Eßer und Sean Hübner aus NRW wollen das mit ihrer Bootstrapping-App SchoolUP ändern. Das Tool verknüpft sich direkt mit den schulinternen Lernplattformen und arbeitet ausschließlich mit echten Lehrmaterialien. Ein smarter, datenschutzkonformer Ansatz – doch das Geschäftsmodell birgt in der trägen deutschen Bildungslandschaft seine Tücken.

Die Idee zu SchoolUP entstand nicht etwa in einem hippen Berliner Start-up-Inkubator, sondern in einem Jugendzimmer. Elias Eßer und Sean Hübner, beide 17 Jahre alt und Schüler an der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Anrath (Willich), gaben selbst Nachhilfe. Dabei erkannten sie eine Lücke, die durch die Corona-Pandemie noch weiter aufgerissen wurde: Millionen Schüler*innen fehlt der Zugang zu echter, persönlicher Förderung.

Seit zwei Jahren ließ sie das Thema nicht los, vor rund einem Jahr begannen sie mit der konkreten Umsetzung. Und das komplett ohne externe Investor*innen, nur mit rund 1.000 Euro Erspartem für Strato-Server, Domain und KI-Schnittstellen. Sean, der künftig Informatik studieren möchte, und Elias, der ein Wirtschaftsstudium anstrebt, bilden dabei ein klassisches Hacker-Hustler-Gespann.

Die erste große Bewährungsprobe ließ jedoch nicht lange auf sich warten. „Die größte bürokratische Hürde war zunächst die rechtliche Abklärung, ob unser Produkt im Hinblick auf die DSGVO überhaupt zulässig ist“, räumt Elias ein. Schließlich scanne die App im Grunde das private geistige Eigentum der Lehrkräfte. Um das Vertrauen der Schule zu gewinnen, holten sich die beiden früh professionelle anwaltliche Hilfe an Bord. Finanziell ein Kraftakt für zwei Schüler, aber für Sean „eine der wichtigsten Investitionen überhaupt“.

Fast gescheitert wäre das Projekt jedoch an etwas anderem: der eigenen Belanglosigkeit. Zu Beginn hatten die beiden eine recht simple, handelsübliche KI-Nachhilfe-App programmiert. „Uns wurde klar, dass unser Produkt so nichts Besonderes war, und das hat uns ziemlich zu schaffen gemacht“, erinnert sich Elias an den einzigen Moment, in dem sie kurz davor waren, alles hinzuschmeißen. Die Rettung war ein Zufallsfund. Die beiden entdeckten die offene API-Schnittstelle des Schul-Systems Moodle. „Erst als wir auf die Idee kamen, SchoolUP direkt mit Moodle zu verbinden und ausschließlich mit den Materialien der jeweiligen Schule arbeiten zu lassen, hatten wir unseren entscheidenden Durchbruch“, ergänzt Sean. Inzwischen ist die App live und verzeichnet ein starkes organisches Wachstum auf Social Media.

Sokratischer Ansatz statt Antwortautomat

Der Markt für KI-Anwendungen im Bildungsbereich ist seit dem Boom von Sprachmodellen unübersichtlich geworden. SchoolUP wählt jedoch bewusst einen anderen Weg als gängige Chatbots: Die App zieht ihre Antworten nicht aus dem freien Internet, sondern dockt an bestehende Schul-Infrastrukturen wie Moodle oder das in NRW weit verbreitete LOGINEO an. Die KI greift ausschließlich auf die von den Lehrkräften hochgeladenen Dokumente zu und belegt jede Antwort präzise mit der jeweiligen Quelle.

Bemerkenswert ist dabei der sokratische Ansatz der Gründer. SchoolUP liefert bewusst keine fertigen Hausaufgabenlösungen, sondern stellt Rückfragen, führt Schritt für Schritt zum eigenen Denken und erstellt auf Wunsch individuelle Tests. Aber nutzen bequeme Schülerinnen und Schüler das Tool überhaupt freiwillig, wenn ChatGPT die perfekte Lösung in drei Sekunden ausspuckt?

Elias hat darauf eine klare Antwort: „Viele merken spätestens in der Oberstufe, dass man mit ChatGPT vielleicht durch die Hausaufgaben kommt, aber nicht durch die Klausur.“ Wer Aufgaben einfach nur kopiere, verstehe den Stoff am Ende schlichtweg nicht. „Sobald Schülerinnen und Schüler merken, dass sie dadurch bessere Ergebnisse erzielen, nehmen viele den etwas anstrengenderen Weg auch freiwillig in Kauf“, ist der 17-Jährige überzeugt.

Damit das Tool überhaupt an den Schulen genutzt werden darf, müssen die beiden jedoch zunächst an strengen Schulleitungen und Datenschutzbeauftragten vorbei – Personen, die zwei 17-jährigen Gründern oft mit Skepsis begegnen. Die Strategie der Jungunternehmer: tiefgreifendes Fachwissen und juristische Rückendeckung. „Wir können genau erklären, welche Daten verarbeitet werden, wo sie gespeichert werden und warum unser System DSGVO-konform arbeitet“, betont Sean selbstbewusst. Ein zentraler Baustein sei zudem der klare Fokus auf europäische Partner. „Besonders wichtig ist uns dabei, dass keine eingegebenen Daten oder Inhalte für das Training von KI-Modellen genutzt werden“, versichert Elias. Dieses Zusammenspiel aus Transparenz und anwaltlicher Begleitung breche letztlich das Eis bei den Schulen.

Zwischen Giganten und Start-ups

Dennoch drängt sich die Frage auf: Was schützt die beiden vor millionenschweren Nachhilfe-Riesen wie Sofatutor oder Open-Source-Giganten wie Moodle selbst? Angst vor der Übermacht scheinen die beiden nicht zu haben. „Wir sehen Moodle weniger als Gegner und mehr als potenziellen Partner“, kontert Elias gelassen. Während etablierte Anbieter meist den/die Einzelnutzende(n) im Visier hätten, setze SchoolUP direkt im B2B-Bereich bei den Schulen an. Das tiefe Verständnis für den deutschen Schulalltag und die strengen hiesigen Datenschutzanforderungen sei ihr wahrer Burggraben. Sean sieht zudem in der Größe des eigenen Teams einen entscheidenden Vorteil: „Wir können als kleines Team deutlich schneller auf Wünsche von Lehrkräften reagieren.“ Das primäre Ziel sei es nicht, größer als alle anderen zu sein, sondern die passgenaueste Lösung anzubieten.

Nachgefragt: Die Sache mit dem Geld

Die anfängliche Traktion der beiden ist beachtlich: Nach den Sommerferien wird das Tool bereits an der eigenen Schule sowie in Brühl aktiv im Unterricht getestet. Doch hier offenbart sich die Tücke des B2B-Geschäftsmodells: Deutsche Schulen sind notorisch unterfinanziert, öffentliche Vergabeprozesse ziehen sich oft über Jahre hin. Der Vertrieb an Schulen gilt in der Branche nicht umsonst als „Friedhof der EdTech-Start-ups“.

Wie also finanzieren die Schüler die rasant steigenden Server- und API-Kosten? Bislang schießen sie das Geld aus eigener Tasche vor. „Aktuell finanzieren wir SchoolUP komplett selbst“, räumt Elias ein, betont aber, dass man die laufenden Ausgaben streng im Blick habe. Zunächst wolle man ohnehin beweisen, dass das Produkt einen echten Mehrwert biete. Auf die Frage nach frischem Kapital zeigt sich der Gründer pragmatisch: „Externe Unterstützung wäre eine große Chance, um SchoolUP möglichst vielen Schulen zugänglich zu machen, ohne unsere Mission aus den Augen zu verlieren.“ Man sei offen für Förderprogramme, Sponsor*innen oder Investor*innen, sofern diese die Vision des Unternehmens teilen.

Fazit: Doppelspiel zwischen Start-up und Hörsaal

Elias Eßer und Sean Hübner liefern mit SchoolUP ein typisches, hochauthentisches Beispiel für „Generation Z“-Unternehmertum: Problem erkannt, Code geschrieben, Lösung gelauncht. Die technologische Umsetzung mit nahtloser System-Integration und kompromisslosem Fokus auf den europäischen Datenschutz umschifft clever das Vertrauensproblem, das viele Schulen gegenüber US-amerikanischer KI haben.

Die wahre Reifeprüfung für SchoolUP wird in künftigen Budgetverhandlungen mit den Schulträger*innen stattfinden. Zuvor steht für die beiden Gründer jedoch noch eine ganz andere Reifeprüfung an: das Abitur. Wer nun glaubt, das Start-up müsse der Schule weichen, irrt gewaltig. „Die Schule fällt uns beiden ziemlich leicht, deshalb bleibt uns bis zum Abitur genügend Zeit, SchoolUP konsequent voranzutreiben“, gibt sich Elias selbstbewusst.

Auch danach ist kein Cut geplant. Sean will Informatik studieren, Elias strebt ein duales Wirtschaftsstudium an. Ein klassischer Plan B? Keineswegs. „SchoolUP bleibt dabei klar im Vordergrund“, verspricht Elias. Das Studium betrachten die beiden als strategischen Schritt, um das eigene Netzwerk auszubauen und sich fachlich für die Unternehmensführung zu wappnen. Sollte das Start-up eines Tages die volle Aufmerksamkeit verlangen, sei man bereit, diese Entscheidung zu treffen. Bis dahin spielen die 17-Jährigen ihr beeindruckendes Doppelspiel zwischen Klassenzimmer und Chefetage souverän weiter.

Von München in den Orbit: DeepTech-Start-up deltaVision sichert sich 10,2 Mio. Euro für die Industrialisierung der Raumfahrt

Das Münchner Raumfahrt-Start-up deltaVision vermeldet eine erfolgreiche Finanzierungsrunde über 10,2 Millionen Euro. Obwohl das Unternehmen komplexe Hardware für Raketen und Satelliten baut, wirtschaftet es in einem extrem kapitalintensiven Umfeld von Beginn an profitabel. Doch der nun anstehende Schritt von der Kleinserie zur Massenfertigung birgt in einem von Monopolisten dominierten Markt erhebliche Herausforderungen.

Das frische Kapital stammt von privaten Industrie-Family-Offices sowie Wagniskapitalgeber*innen wie KT Ventures, Valemount Capital und Futury Capital. Hinter den Summen und der Vision einer nachhaltigen Weltraumwirtschaft verbirgt sich jedoch ein knallhartes Hardware-Geschäft, das einen genauen Blick auf die Köpfe, das Geschäftsmodell und die echten Herausforderungen in diesem komplexen Markt erfordert.

Vom Pain Point zur Profitabilität

Gegründet wurde das Unternehmen 2022 von Alex Plebuch, der heute als CEO agiert, sowie Dr. Denis Kiefel und Matthias Günther. Das Gründerteam bringt tiefgreifende Expertise aus der traditionellen europäischen Raumfahrt mit. Plebuch war vor der Gründung unter anderem als Technical Leader für die Fluidsysteme der europäischen Trägerrakete Ariane 6 verantwortlich und als Trainee bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) tätig. Die Idee zur Gründung entsprang einem massiven Pain Point aus der Praxis: Bei der Entwicklung spezieller Konzepte für große Raumfahrtprogramme stellte man fest, dass es der Branche systematisch an skalierbaren Lösungen für das Fluidmanagement mangelt.

Erstaunlich in der oftmals extrem kapitalintensiven DeepTech-Szene ist der Umstand, dass deltaVision laut eigenen Angaben von Beginn an profitabel agiert. Obwohl das Unternehmen komplexe, hochphysische Hardware produziert und heute bereits 125 Mitarbeitende beschäftigt, konnte es diesen Status offenbar halten.

Das Herz-Kreislauf-System für den Kosmos

Das Kerngeschäft besteht in der Entwicklung und Produktion von Fluidsystemen wie Ventilen, Pumpen und Druckreglern, die das „Herz-Kreislauf-System“ in Raumfahrzeugen, Satelliten und Trägerraketen bilden. Das Modell stützt sich dabei auf zwei wesentliche Säulen.

Kurzfristig beseitigt das Start-up existierende Engpässe in der Lieferkette. Während traditionelle Hersteller aufgrund des aktuellen New-Space-Booms extrem überlastet sind und die Branche weltweit unter jahrelangen Verzögerungen leidet, verspricht deltaVision hochzuverlässige Produkte mit Lieferzeiten von nur wenigen Wochen. Mehr als 60 Kunden auf vier Kontinenten greifen bereits auf diese Komponenten zurück. Ein aktuelles Prestigeprojekt ist der europäische Mondlander „Argonaut“, für den die Europäische Weltraumorganisation (ESA) der Endkunde ist. Für jede dieser Argonaut-Missionen liefert das Münchner Start-up rund 50 Einzelprodukte, unter anderem zur präzisen Druckregelung.

Langfristig zielt die Vision jedoch auf einen wesentlich größeren Markt ab: Das Unternehmen entwickelt einen modularen Technologie-Baukasten für das orbitale Betanken. Standardisierte fluidische Kupplungen und integrierte Betankungsmodule sollen es künftig ermöglichen, Satelliten im All mit Treibstoff zu versorgen – ein Paradigmenwechsel, der milliardenschwere Einweg-Missionen beenden würde.

Skalierungsrisiken und der Kampf um Branchenstandards

So vielversprechend die aktuellen Auftragsbücher klingen, ist der Weg zum global dominanten Weltraum-Zulieferer mit enormen Skalierungsrisiken behaftet. Mit dem frischen Kapital will deltaVision derzeit die Produktion in einem ehemaligen Siemens-Werk in der Münchner Innenstadt auf 5.000 Einheiten pro Jahr ausbauen. Gleichzeitig expandiert das Unternehmen international: In der französischen Region Nouvelle-Aquitaine wird über die Tochtergesellschaft deltaVision SASU ein Forschungsstandort für intelligente Fluidsysteme aufgebaut, parallel ist eine eigene Ventil-Produktion in den USA geplant. Der Sprung von der ingenieurgetriebenen Manufaktur – deren Prototypen sich laut den Gründern oftmals „absolut am Rande der Physik“ bewegen – hin zur industriellen Massenfertigung ist in der Raumfahrt notorisch heikel. Bereits kleinste Verunreinigungen oder Toleranzabweichungen können den Verlust einer Mission bedeuten.

Auch der Kampf um die Vorherrschaft bei Industrie-Standards birgt Hürden. Beim Thema In-Orbit-Betankung setzt CEO Alex Plebuch bewusst auf ein offenes und interoperables Ökosystem und stellt sich explizit gegen proprietäre Modelle, bei denen am Ende ein einziger Anbieter den Markt beherrscht. Die Realität im heutigen Raumfahrtmarkt ist jedoch, dass Mega-Player wie SpaceX historisch gesehen wenig Interesse an offenen Branchenstandards haben und lieber geschlossene Architekturen durchsetzen. Zudem schlafen auch etablierte, irdische Industriezulieferer wie beispielsweise Stöhr Armaturen nicht und verfügen über eigene komplexe Ventile für Kryogenanwendungen. DeltaVision muss folglich dauerhaft beweisen, dass der schnell skalierbare New-Space-Ansatz einen echten Wettbewerbsvorteil gegenüber der Marktmacht der traditionellen Industrie bietet.

Learnings

Für die Leserschaft von StartingUp und ambitionierte DeepTech-Gründer*innen liefert der Fall deltaVision entscheidende Lektionen über den erfolgreichen Aufbau von Hardware-Unternehmen:

  • Profitabilität im Hardware-Sektor ist möglich: Das Münchner Start-up beweist, dass auch im Bereich DeepTech ab dem ersten Tag profitabel gearbeitet werden kann, sofern man reale, extrem schmerzhafte Engpassprobleme der Industrie löst und lukrative Entwicklungsaufträge an Land zieht.
  • Domain-Expertise schlägt den reinen Technologie-Hype: Die Gründer haben ihren Markt nicht abstrakt am Whiteboard analysiert, sondern litten als Ingenieure über 15 Jahre lang selbst unter den ineffizienten Strukturen der europäischen Raumfahrt.
  • Smart Money bei der industriellen Skalierung: Um von der ersten erprobten Flugerfahrung („Space Heritage“) zur Massenfertigung zu gelangen, hat deltaVision gezielt private Investor*innen und Wagniskapitalgeber*innen mit ausgeprägtem kommerziellem und industriellem Hintergrund wie KT Ventures ausgewählt. Im industriellen Sektor ist das tiefgreifende Fertigungsnetzwerk der Investor*innen oftmals weitaus überlebenswichtiger als die reine Bewertungssumme beim Pitch.

Zusammenschluss im Rhein-Main-Gebiet: Futury integriert ryon und formt neues Deep- & GreenTech-Zentrum

Das Rhein-Main-Gebiet baut seine Strukturen für technologieorientierte Gründungen weiter aus. Mit der Integration des Accelerators ryon in die Start-up-Schmiede Futury bündeln sich regionale Stärken sowie Kapital- und Forschungsressourcen. Für Start-ups bedeutet das konkret: zentralisierte Infrastruktur, direktere Wege von der Forschung in den Markt und gebündelte Fördermittel.

Seit dem 16. Juli 2026 ist es offiziell: Der in Gernsheim ansässige Green- und DeepTech-Accelerator ryon wird in die Frankfurter Startup-Plattform Futury integriert. Dieser Schritt ist eine direkte Reaktion auf die oftmals zersplitterte deutsche Förderlandschaft.

Melissa Ott, Managing Director von Futury, formuliert den Anspruch an die neue Struktur unmissverständlich: „Unsere Aufgabe ist klar: Weniger Fragmentierung, mehr Wirksamkeit“. Durch die Bündelung unter einem Dach sollen neue Perspektiven entstehen: „Indem wir Programme, Infrastrukturen und Beratung unter einem Dach vereinen, schaffen wir ein Ökosystem, das Start-ups nicht nur begleitet, sondern ihnen echte Wachstums- und Marktperspektiven eröffnet“, so Ott weiter.

Ein Blick in die Strukturen der beteiligten Organisationen zeigt, wie sich die Innovationslandschaft in der Region durch den Zusammenschluss verändert.

Deep Dive: Die Organisationen hinter dem Zusammenschluss

Die Zusammenführung der beiden Organisationen bündelt bestehende Netzwerke aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

Futury: Vom Frankfurter Ökosystem zur „Startup Factory“

Futury ist ein industriegetriebenes Start-up-Ökosystem mit Sitz in Frankfurt am Main.

  • Nationale Förderung: Mitte 2025 wurde Futury zu einer von bundesweit zehn exist „Startup Factories“ ernannt.
  • Das Kapital: Futury wird in diesem Rahmen mit bis zu 10 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt gefördert.
  • Netzwerk: Getragen wird das Ökosystem von einer Allianz aus 33 Partnern aus Unternehmen und Stiftungen sowie vier Hochschulen (darunter die TU Darmstadt, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Frankfurt School of Finance & Management und die Goethe-Universität Frankfurt).
  • Das Ziel: Bis 2030 sollen in dem Ökosystem rund 1.000 neue Start-ups entstehen.

Charlie Müller, Founder & Managing Director von Futury, ordnet die überregionale Tragweite des Deals ein: „Mit der Integration von ryon bündeln wir die Schlagkraft der wichtigsten regionalen Initiativen“. Für ihn ist der Zusammenschluss auch ein relevantes Signal für den Standort: „Deutschland braucht starke Innovationsknoten, die in der Lage sind, DeepTech konsequent von der Forschung über die Validierung bis zur Skalierung zu begleiten“. Genau diese Struktur entstehe jetzt im Herzen der Rhein-Main-Region.

ryon: Der GreenTech-Accelerator in Gernsheim

Der 2022 gegründete GreenTech Accelerator ryon bringt spezifische Hardware- und Labor-Infrastruktur in die Zusammenarbeit ein.

  • Die Infrastruktur: ryon operiert am Standort Gernsheim im Umfeld des Industrieparks FLUXUM. Dort steht Start-ups Labor- und Technikumsinfrastruktur zur Verfügung, um nachhaltige Technologien zu skalieren.
  • Gesellschafter: Zu den Akteuren hinter ryon gehören die Goethe-Universität Frankfurt, die TU Darmstadt, das Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck, Hessen Trade & Invest sowie die WIBank.

Jörg von Hagen, Geschäftsführer von ryon, erklärt zur Integration: „Ryon hat die regionale GreenTech-Landschaft mit aufgebaut. Der nächste logische Schritt ist, diese Dynamik in eine größere Struktur zu überführen und unsere Arbeit dadurch nachhaltig zu stärken.“ Die Zusammenführung strukturiere die bisherige Arbeit neu: „Mit Futury entsteht eine Plattform, die unsere Erfahrungen nicht nur aufnimmt, sondern mit neuer Kraft weiterentwickelt und unsere Region als DeepTech-Hotspot positioniert.“

Was der Deal konkret für Gründer*innen bedeutet

Für Deep- und GreenTech-Entrepreneur*innen soll dieser Zusammenschluss Innovationspfade verkürzen. Futury hat fünf strategische Cluster definiert, die sich an den Stärken der Region orientieren. Eines davon ist „Deep & GreenTech“, das fortan den strukturellen Rahmen für die ryon-Aktivitäten bildet.

Zentrale Formate von ryon werden durch Futury übernommen und weiterentwickelt:

  • Talentförderung: Die fünftägige Summer School, die wissenschaftliche Talente für das Unternehmertum aktiviert, bleibt Bestandteil des Programms.
  • Gründungsberatung: Die spezialisierte DeepTech-Gründungsberatung wird in die neue Struktur integriert.

Fazit

Die Zusammenführung sendet das wirtschaftliche und politische Signal, die Region stärker für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu positionieren. Wissenschaftliche Exzellenz, unternehmerische Validierung und Skalierung sollen hier zu einem durchgängigen Innovationspfad zusammenwachsen. Für hardware- und forschungslastige Start-ups bündelt das Rhein-Main-Gebiet damit relevante Ressourcen an einem Ort.

All About Accuracy: Potsdamer DeepTech-Start-up sichert sich siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde

Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Start-up All About Accuracy entwickelt hochpräzise Sensor-Chips für die nächste Generation der Physical AI.

Während der mediale Hype um künstliche Intelligenz oftmals von Software und Sprachmodellen dominiert wird, rückt die physische Schnittstelle zur realen Welt zunehmend in den Fokus von Investoren. Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Unternehmen All About Accuracy GmbH hat in diesem Segment nun eine siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Die neuartige Sensortechnologie soll industriellen Robotern und autonomen Maschinen Millimeterpräzision in der Bewegungserfassung verleihen und damit rein optische Systeme ausgleichen. Doch der Weg vom Forschungslabor in die Massenproduktion von Hardware ist traditionell steinig.

Gründer und Herkunft aus der Spitzenforschung

All About Accuracy ist ein klassisches akademisches Spin-off. Das Unternehmen entstand als Ausgründung des renommierten Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP) und baut technologisch auf mehr als 15 Jahren wissenschaftlicher Halbleiterforschung auf.

Die operative Führungsspitze bilden Dr. Yori Fournier als Co-Founder und CEO sowie Olivier Astraud als COO und CFO. Das Start-up, welches im Innovationszentrum GO:IN im Potsdam Science Park ansässig ist, konnte ein namhaftes Investorenkonsortium gewinnen. Die aktuelle Finanzierungsrunde wurde von Campus Capital by STS Ventures (dem Frühphasen-Fonds von Serienunternehmer Stephan Schubert), der Brandenburg Kapital (Venture-Capital-Arm der Investitionsbank des Landes Brandenburg ILB) sowie ZOHO.VC angeführt. Zudem beteiligten sich spezialisierte Business Angels mit tiefer Expertise im Bereich der Ultra-Wideband-Technologie (UWB) über Gigahertz Venture und Superangels.

Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

All About Accuracy will eine neue Klasse von hochpräzisen, robusten und skalierbaren Bewegungssensorik-Chips etablieren. Das Unternehmen adressiert die Schnittstelle von industriellen Anwendungen, Robotik und Physical AI – mit einem besonderen Fokus auf die humanoide Robotik.

Das technologische Versprechen der Potsdamer:

  • Unabhängigkeit von Optik: Im Gegensatz zu Kamerasystemen funktioniert die funkbasierte Technologie auch bei Verdeckung, Staub, Reflexionen oder schwierigen Lichtverhältnissen zuverlässig.
  • Kompakte Integration: Die Sensorik wird direkt in kleine Elektronikmodule integriert und lässt sich über Wearables, Roboter, Werkzeuge und Maschinen skalieren.
  • Präzise Datenbasis: Für das Training von Physical AI liefert das System kontinuierliche und hochpräzise Referenzdaten (sogenannte Ground-Truth-Daten).

Kritische Würdigung: Obwohl das Marktpotenzial enorm ist, birgt das Geschäftsmodell die typischen Risiken von Deep-Tech-Hardware. Halbleiter-Startups sind in der frühen Phase extrem kapitalintensiv. Die jetzige siebenstellige Pre-Seed-Runde ist ein starkes Signal, doch bis zur fehlerfreien Serienreife und globalen Skalierung werden erfahrungsgemäß rasch zweistellige Millionenbeträge benötigt.

Hinzu kommen die bekannten Nadelöhre der europäischen Hardware-Branche: Abhängigkeiten von globalen Chip-Foundries und Halbleiter-Lieferketten. Zudem sind die Sales- und Integrationszyklen bei B2B-Kund*innen in der Industrie und Robotik notorisch lang. Ein etabliertes System durch eine neue, proprietäre Funktechnologie zu ersetzen, erfordert von den Industriepartner*innn ein hohes Maß an Vertrauen in die langfristige Lieferfähigkeit des Start-ups.

Markt und Wettbewerb

Der Markt für Physical AI steht vor einem ungelösten Problem: Optische Systeme (Kameras und Lidar) erfassen Daten zwar großflächig, stoßen aber bei der robusten Millimeterpräzision in rauen Industrieumgebungen an physikalische Grenzen. Professionelle Motion-Capture-Systeme wiederum sind für den flexiblen Außeneinsatz meist zu teuer und komplex. All About Accuracy besetzt genau diese infrastrukturelle Nische.

Die Konkurrenz schläft jedoch nicht:

  1. Etablierte Sensor-Giganten: Große Player im Bereich Lidar und optische 3D-Erfassung dominieren den Markt und verfügen über tief integrierte Kundenbeziehungen.
  2. UWB-Massenmarkt: Globale Halbleiterkonzerne wie NXP oder Qorvo treiben Standard-UWB-Chips voran. All About Accuracy muss im harten Praxiseinsatz demonstrieren, dass ihre spezialisierte Chip-Architektur einen so deutlichen Performance-Vorsprung bietet, dass sich der Wechsel für Systemintegratoren lohnt.

Einordnung für StartingUp

Für die europäische Start-up-Szene ist All About Accuracy ein hochspannender Case. Statt der nächsten B2B-Software-Anwendung stellt sich das Team der komplexen Aufgabe, echte Hardware-Infrastruktur für die KI-Welt von morgen zu bauen.

Gelingt es den Potsdamern, ihre Sensoren als Standard-Referenzschicht für humanoide Roboter und moderne Industrieanlagen zu etablieren, könnte hier ein global relevanter Player entstehen. Es bleibt eine klassische DeepTech-Wette: Hohes technologisches Risiko gepaart mit hoher Kapitalintensität – aber gestützt auf 15 Jahre fundierte Spitzenforschung und ein erfahrenes Investoren-Netzwerk.

Regulierung als Wachstumstreiber: Wie das EU-Vernichtungsverbot für Textilien einen Milliardenmarkt für Start-ups schafft

In wenigen Tagen, am 19. Juli 2026, tritt die strengste Phase der neuen EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft: Große Händler*innen dürfen unverkaufte Kleidung und Retouren nicht mehr vernichten. Was die klassische Textilindustrie unter massiven Anpassungsdruck setzt, ist für Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft der Startschuss für einen hochprofitablen B2B-Markt. Eine Markteinordnung.

Die Zahlen der Fashion-Industrie waren lange ein ökologischer Offenbarungseid: Bei Retourenquoten von teils über 40 Prozent im Onlinehandel landeten europaweit jährlich Millionen Tonnen neuwertiger Textilien im Schredder oder in der Verbrennungsanlage. Die Sichtung und Aufbereitung von Retouren oder Saisonware war für viele Marken schlichtweg teurer als die Entsorgung.

Doch damit ist ab dem 19. Juli 2026 Schluss. Mit dem Greifen der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) gilt für große Unternehmen ein striktes Vernichtungsverbot für Bekleidung, Accessoires und Schuhe. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling etablieren und diese lückenlos dokumentieren. Wer dennoch entsorgt, muss Menge und Gründe künftig öffentlich machen – ein enormes Reputationsrisiko. Für mittelständische Unternehmen folgt das Verbot 2030, Kleinstunternehmen bleiben vorerst ausgenommen.

„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, ordnet Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung, die politische Weichenstellung ein.

Der Markt: Compliance erzwingt Innovation

Damit wandelt sich die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in der Textilbranche schlagartig von einem CSR-Thema („nice to have“) zu harter Compliance. Marken suchen händeringend nach externen Dienstleister*innen, um ihre Prozesse gesetzeskonform und kosteneffizient umzubauen.

Fast Fashion und der Post-Consumer-Abfall

Das neue Vernichtungsverbot ist ein regulatorischer Meilenstein, doch es adressiert vor allem die Spitze des Eisbergs: unverkaufte Neuware und Retouren (Pre-Consumer-Waste). Die weitaus größere Herausforderung bleibt das dahinterliegende Geschäftsmodell der Fast Fashion. Durch extrem kurze Nutzungsdauern, mindere Materialqualitäten und geringe Wiederverwendungsquoten entsteht der Großteil des globalen Textilmüllbergs erst nach dem Kauf bei dem /der Endverbraucher*in.

„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, mahnt Dr. Carsten Gerhardt. Für Start-ups bedeutet das: Wer nicht nur unverkaufte Neuware rettet, sondern skalierbare Lösungen für den gewaltigen Post-Consumer-Abfall der Fast-Fashion-Industrie findet, bedient einen Markt mit gigantischem Volumen.

Das deutsche Start-up-Ökosystem: Wer den Kreislauf schließt

In genau diese Lücken stoßen derzeit deutsche Start-ups. Sie bauen die technologische und logistische Infrastruktur für eine Industrie, die bisher primär auf den linearen Vertrieb optimiert war. Das Ökosystem fächert sich dabei in hochspezialisierte Segmente entlang des gesamten Produktlebenszyklus auf:

Produktdesign & digitale Infrastruktur (Pre-Life)

Um Textilien am Ende ihrer Lebensdauer verwerten zu können, müssen Materialzusammensetzungen exakt bekannt sein.

  • circular.fashion (Berlin): Das Start-up von Gründerin Ina Budde zählt zu den deutschen Pionieren für den von der EU geforderten Digitalen Produktpass (DPP). Mit der circularity.ID erhält jedes Kleidungsstück einen digitalen "Reisepass" (via QR-Code oder NFC), der alle Infos zu Materialien speichert. Zudem bietet das Unternehmen eine Software an, die Designern schon beim Entwurf zeigt, ob ein Produkt später mechanisch oder chemisch recycelbar ist.

Recommerce-as-a-Service & Reverse Logistics (Mid-Life)

Unverkaufte Ware und Retouren müssen vorrangig wieder in den Markt gebracht werden.

  • reverse.supply (Berlin): Einer der führenden Akteure für B2B-Recommerce. Das Start-up baut für Marken wie Armedangels oder hessnatur White-Label-Second-Hand-Shops auf und übernimmt die komplette „Reverse Logistics“ im Hintergrund: Annahme, Qualitätsprüfung (Grading), Aufbereitung und Fotografie. Für Marken, die ab sofort nicht mehr vernichten dürfen, ist dieser Service ein direkter Rettungsanker.
  • Recash (München): Ein plattformgetriebener Ansatz, der Marken hilft, Recommerce unkompliziert an den primären E-Commerce anzudocken. Das Start-up fungiert als Schnittstelle zwischen Kunden, Marken und Second-Hand-Verwertern.
  • TextilTiger: Der Spezialist für die „First Mile“ der Alttextilien. Das in Hamburg gegründete Start-up holt Altkleider mit E-Lastenrädern direkt an der Haustür ab – ein Service, den das Unternehmen aktuell fokussiert in München anbietet. Das verhindert die in klassischen Sammelcontainern übliche Verschmutzung und garantiert die hohe Materialqualität, die für ein anschließendes Recycling zwingend nötig ist.

DeepTech, Recycling & Materialrückgewinnung (End-of-Life)

Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen recycelt werden. Hier liegt die höchste technologische Einstiegshürde.

  • eeden (Münster): Das Start-up löst das Problem von Mischgeweben (z.B. Baumwoll-Polyester-Mix). Mit einem patentierten chemischen Recyclingverfahren gewinnen sie Zellulose aus Alttextilien zurück, die zu neuen, hochwertigen Fasern gesponnen wird. Wie stark dieser Markt wächst, zeigt eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung von eeden über 18 Millionen Euro.
  • TURNS (Erlangen): Fokussiert sich auf das physische Faser-zu-Faser-Recycling. Das exist-geförderte Start-up sortiert Alttextilien und verarbeitet sie zu hochwertigem Recycling-Garn für neue Kollektionen.
  • Kleiderly (Berlin): Für Textilien, die nicht mehr zu Garn werden können, hat das preisgekrönte Start-up ein Verfahren entwickelt, das Textilmüll in eine Alternative zu erdölbasiertem Plastik umwandelt – etwa für die Produktion von Kleiderbügeln für die Modeindustrie.

B2B-Nischen & Corporate Workwear

Auch abseits der klassischen Modeindustrie entsteht durch die Regulierung enormer Innovationsdruck.

  • Circularity: Das Alumni-Start-up (Batch 1) des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung zeigt, wie branchenspezifische Lösungen aussehen. Das Team entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe speziell für Berufsbekleidung. Ein enormer Hebel, da Workwear aufgrund von Firmenlogos und Sicherheitsnormen bisher fast ausnahmslos der Verbrennung zugeführt wurde.

Wo die Chancen für Gründer*innen liegen

Das Wettbewerbsumfeld formiert sich gerade neu. Für Gründer*innen und VCs ergeben sich vor dem Hintergrund der neuen EU-Regulierung drei zentrale Kernmärkte mit enormem Skalierungspotenzial:

  1. Software & Reporting: Werkzeuge für Materialdokumentation, Traceability (DPP) und rechtskonformes Reporting treffen aktuell auf Kunden mit extrem hoher Zahlungsbereitschaft, da die Fristen für die großen Akteur*innen ablaufen.
  2. Infrastructure-as-a-Service: Modekonzerne sind auf den Hinweg zur Kundschaft optimiert. Start-ups, die die extrem kleinteilige Logistik für Grading, Refurbishment und Recommerce als White-Label-Lösung abnehmen, skalieren stark.
  3. Climate-Tech & Materialinnovation: Verfahren, die das Textilrecycling vom Labor in den industriellen Maßstab bringen, lösen den größten Flaschenhals der gesamten Branche und stehen im Fokus großer Kapitalgebenden.

Fazit

Das Vernichtungsverbot markiert das regulatorisch erzwungene Ende des linearen „Take-Make-Dispose“-Modells in der Textilbranche. Der Gesetzgeber agiert ab sofort als mächtigster Vertriebsmitarbeiter für Circular-Economy-Start-ups. Wer jetzt die B2B-Schnittstellen baut, um großen Marken die Kreislaufwirtschaft als Service anzubieten, positioniert sich rechtzeitig in einem wichtigen europäischen Wachstumsmarkt.

KI gegen den Kleiderberg: Berliner Spin-off reverse.fashion sichert sich Millionen-Investment – doch die Herausforderungen im Markt bleiben riesig

Das 2024 gegründete Berliner Start-up reverse.fashion hat frisches Kapital vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) eingesammelt. Mit intelligenter Sortiertechnologie will das Spin-off aus der Technischen Universität Berlin das globale Problem des Textilmülls angehen. Doch der Markt ist extrem umkämpft, und das Geschäftsmodell muss sich in einer traditionell margenschwachen Industrie erst noch beweisen.

Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche stockt oft an einer ganz entscheidenden Stelle: der hochgradig effizienten Sortierung. Genau hier setzt das Berliner KI-Start-up reverse.fashion an und hat nun eine siebenstellige Erweiterung seiner Pre-Seed-Finanzierungsrunde durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) abgeschlossen. Das frische Kapital soll genutzt werden, um bestehende Pilotprojekte auszuweiten und den kommerziellen Markteintritt der industriellen Sortierlösung „line.sort“ voranzutreiben.

Die Technologie: Von der Handarbeit zur Automatisierung

Bisherige manuelle Sortierprozesse stoßen an wirtschaftliche und kapazitäre Grenzen. reverse.fashion nutzt für seine Anlagen künstliche Intelligenz, um Kleidungsstücke präzise nach Zustand, Stil, Marke, Größe sowie Materialzusammensetzung zu kategorisieren und zu digitalisieren. So sollen die Textilien exakt für den Wiederverkauf oder das hochwertige Recycling getrennt werden. Laut Mitgründer Dr. Karsten Pufahl steigern Kund*innen durch die Anlagen ihre Produktivität um 40 Prozent und erzielen gleichzeitig eine Erlössteigerung von etwa 20 Prozent. Neben der Hardware-Gesamtlösung „line.sort“ bietet das Start-up auch das Softwareprodukt „co.sort“ an, mit dem die erfolgreichen Pilotprojekte in den kommenden Monaten fortgeführt werden.

Gründungshistorie und Team: Tiefes Branchen-Know-how

Gegründet wurde reverse.fashion 2024 als Spin-off aus der Technischen Universität Berlin (Fachgebiet Mikro- und Feingerätetechnik). Die Technologie basiert auf geistigem Eigentum (IP), das in gemeinsamen Forschungsprojekten der TU Berlin, der Freien Universität Berlin und der circular.fashion GmbH entwickelt wurde.

Das derzeit zwölfköpfige Team wird von drei Gründern geführt:

  • Dr. Karsten Pufahl (Managing Director / CTO): Der Physiker bringt profunde Expertise in KI, Optik und Hardware-Engineering mit und leitete zuvor eine Arbeitsgruppe an der TU Berlin, die sich intensiv mit Textilsortierung befasste.
  • Paul Doertenbach (Managing Director Strategie & Vertrieb): Er steuert über 16 Jahre Erfahrung im Altkleider-Sektor bei. Er baute unter anderem I:Collect, das weltweit erste Rücknahmesystem für Alttextilien, als Managing Director auf.
  • Mario Osterwalder (Managing Director Operations, Finanzen & Business Development): Er war zuvor sieben Jahre bei ABB tätig und sammelte anschließend als Co-Founder von circular.fashion sieben Jahre lang Branchenerfahrung. Zudem ist er aktiv in die Entwicklung des EU Digital Product Passports eingebunden.

Marktumfeld und Wettbewerb

Treibende Kräfte für das Geschäftsmodell sind steigende regulatorische Anforderungen, insbesondere die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) und striktere EU-Vorgaben. Doch der Weg zum Branchenstandard ist steinig. Der Markt für KI-basierte Textilsortierung wird global kompetitiver. Wettbewerber wie Refiberd (USA) oder NewRetex aus Dänemark drängen in denselben Space. Auch etablierte Player wie der Recycling-Pionier SOEX nutzen bereits Nahinfrarot-Technologien.

Ein großes technologisches Problem der Branche bleibt die komplexe Zusammensetzung moderner Kleidung. Mischgewebe machen ein sortenreines Recycling zur Herkulesaufgabe. Hinzu kommt der Trend zu „Ultra-Fast-Fashion“, durch den die Qualität des eingespeisten Materials in den Sortieranlagen massiv sinkt.

Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

Für reverse.fashion liegt die größte betriebswirtschaftliche Hürde in der Skalierung der Hardware. Das Altkleider- und Sortiergeschäft ist traditionell eine absolute „Low-Margin“-Industrie. Die Investitionskosten für hochentwickelte Anlagen wie „line.sort“ müssen sich sehr schnell amortisieren. Erzielen die durch die KI erzeugten sortenreinen Materialströme am Markt keine signifikanten Preisprämien, rechnet sich die Anschaffung der Technologie für die Sortierer nicht.

Unsere Einordnung

Für die Start-up-Szene ist reverse.fashion ein exzellentes Fallbeispiel dafür, wie tiefe wissenschaftliche Forschung mit harter Industrie-Erfahrung gekreuzt wird. Das Gründer-Team gehört durch die jahrelange Erfahrung in der Sortierindustrie vom Track-Record her zum Besten, was die europäische Circular-Economy-Szene zu bieten hat. Dennoch handelt es sich um ein kapitalintensives B2B-Hardware-Business. Der langfristige Erfolg wird nicht allein davon abhängen, ob die Algorithmen den Unterschied zwischen Baumwolle und Viskose erkennen, sondern ob es gelingt, die Entsorgungsbranche von den Vorabinvestitionen zu überzeugen.

ARC Intelligence: 4 Mio. Euro für den KI-Angriff auf das Excel-Chaos deutscher CFOs

Das Berliner Start-up ARC Intelligence hat sich eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4 Millionen Euro gesichert. Mit einer KI-gestützten Finanzplattform wollen die Gründer den Mittelstand aus der Excel-Falle befreien und bestehende Unternehmenssysteme intelligent vernetzen. Doch der Weg in die Finanzabteilungen komplexer mittelständischer Unternehmensgruppen ist gespickt mit technologischen und kompetitiven Hürden.

Hinter ARC Intelligence stehen CEO Clemens Wessendorff und CTO Simon Zimmermann. Das Duo gründete das Softwareunternehmen 2024 in Berlin. Nach einer ersten Pre-Seed-Finanzierung vor rund einem Jahr (getragen unter anderem durch 468 Capital und IBB Ventures) hat das Start-up nun kräftig nachgelegt.

In der aktuellen Seed-Runde über 4 Millionen Euro übernimmt der Fonds 42CAP den Lead, während auch die bestehenden Investoren erneut mitgehen. Besonders bemerkenswert: Mit 42CAP-Partner Moritz Zimmermann steigt einer der profiliertesten europäischen Enterprise-Software-Investoren ein. Zimmermann hatte einst Hybris mitgegründet und das Unternehmen 2013 für rund 1,5 Milliarden US-Dollar an SAP verkauft. Die operative Entwicklung gibt dem jungen Team offenbar Rückenwind, denn seit der Pre-Seed-Phase konnte ARC seinen Umsatz laut eigenen Angaben verzehnfachen.

Das Geschäftsmodell: „AI-native Finance OS“

Das Geschäftsmodell von ARC setzt an einem altbekannten Schmerzpunkt an. Unternehmen haben in der Vergangenheit Milliarden in komplexe ERP-Systeme investiert. Dennoch basieren kritische Finanzentscheidungen – gerade in Gruppen mit mehreren Gesellschaften und internationalen Standorten – noch immer auf fragmentierten Daten, Excel-Tabellen und manuellen Reports.

ARC baut hierfür eine KI-gestützte Steuerungsebene (ein AI-native Finance OSs), die sich über bestehende ERP- und CRM-Systeme legt. Statt auf den Monatsabschluss zu warten, erhalten CFOs in Echtzeit einen Überblick über finanzielle und operative Treiber. Die bisherige Traction kann sich sehen lassen: Innerhalb von sechs Monaten konnten laut Unternehmen über 100.000 Stunden manueller Arbeit eingespart werden. Zu den frühen Nutzern gehören Vorzeige-Mittelständler wie Burmester, Pfanner Schutzbekleidung und Robert Bürkle. Zudem kooperiert ARC mit Private-Equity-Häusern wie Auctus Capital und GENUI, um in deren Portfoliounternehmen Finanzprozesse zu digitalisieren.

Markt, Wettbewerb und Risiken

Der eklatante Fachkräftemangel im Controlling und die anstehende Pensionierungswelle im Mittelstands-Management zwingen Firmen zunehmend zur Digitalisierung. ARC adressiert diese Lücke punktgenau und fokussiert sich bewusst auf die Steuerung komplexer, ERP-intensiver Organisationen. Der Markt für derartige Softwarelösungen gleicht jedoch einem Haifischbecken. Etablierte deutsche Platzhirsche wie Lucanet beherrschen die Konsolidierung seit Jahren, während hochkapitalisierte Scale-ups wie Pigment massiv in die Finanzabteilungen drängen. Zudem rüsten die ERP-Giganten selbst – allen voran SAP und Microsoft – ihre Systeme massiv mit eigenen KI-Modellen und Copilots auf.

Auch die technologische Umsetzung birgt Hürden: Das Versprechen von ARC, bestehende ERP-Systeme nicht ersetzen zu wollen, sondern als systemübergreifende Steuerungsebene zu agieren, ist in der Theorie extrem elegant. In der Praxis führt die Anbindung historisch gewachsener On-Premise-Datenbanken und fragmentierter Insellösungen jedoch oft zu enormem manuellen Onboarding-Aufwand, was die schnelle Skalierbarkeit eines Start-ups bremsen kann. Darüber hinaus sind CFOs traditionell restriktiv, was das Einspeisen hochsensibler Finanzdaten in neue Plattformen betrifft. ARC muss hier höchste Standards bei Datensicherheit und Compliance nicht nur zusagen, sondern in den komplexen mittelständischen Unternehmensgruppen technisch reibungslos beweisen.

Fazit

ARC Intelligence wählt einen klugen, sehr pragmatischen B2B-Ansatz. Dass ein Industrie-Schwergewicht wie Moritz Zimmermann an die Vision und die Umsetzungsstärke des Teams glaubt, ist ein echtes Ausrufezeichen im aktuellen VC-Markt. Das frühe Anpeilen von Private-Equity-Firmen als Multiplikatoren ist zudem ein exzellenter Go-to-Market-Schachzug. Gelingt es ARC, die berüchtigten Integrationshürden im fragmentierten deutschen ERP-Markt technologisch schlank zu lösen, hat das Start-up das Potenzial, sich vom KI-Tool für das CFO-Office langfristig zum zentralen Betriebssystem für ERP-intensive Unternehmen zu entwickeln.

Code statt Excel: Auxilius sichert sich 1,3 Mio. Euro für KI-gestützte Compliance

Das Münchner GRC-Start-up Auxilius will mit seiner KI-nativen Plattform die interne Revision von Großkonzernen automatisieren. Dafür gab es nun frisches Pre-Seed-Kapital. Doch der Markt für kontinuierliches Kontroll-Monitoring ist hart umkämpft. Kann der deterministische Ansatz gegen hochfinanzierte US-Einhörner bestehen? Eine Analyse.

Die Auxilius.ai GmbH hat erfolgreich eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird diese Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), zudem beteiligten sich das Accelerator-Netzwerk Techstars sowie mehrere industrieerfahrene Business Angels. Das frische Kapital soll in den Ausbau des Engineering- und Domain-Teams fließen.

Im Zentrum der technologischen Weiterentwicklung steht ein sogenannter Control-Intelligence-Knowledge-Graph, der den organisatorischen Zusammenhang von Kontrollen abbilden und Risiken direkt mit den jeweiligen Unternehmenszielen verknüpfen soll. Erste zahlende Enterprise-Kunden, darunter europäische Banken und Mischkonzerne, nutzen die Plattform laut Unternehmensangaben bereits in Pilotprojekten und verzeichnen dabei einen geringeren manuellen Aufwand.

GRC-Expertise trifft auf Cloud-Architektur

Gegründet wurde das Unternehmen Ende 2025 mit offiziellem Sitz in Unterföhring bei München. Hinter dem Start-up stehen zwei erfahrene B2B-Gründer. Christian Hoppe fungiert als CEO und bringt 15 Jahre Erfahrung aus den Bereichen Governance, Risk & Compliance (GRC) sowie SaaS mit, nachdem er zuvor als Equity-Partner bei der Wirtschaftsprüfung EY tätig war. James Barnes bekleidet die Rolle des CTO. Er war in der Vergangenheit als Softwarearchitekt bei Sopra Steria CSS angestellt und verfügt über umfassende Expertise in den Feldern Enterprise AI, Cloud-Architektur und ERP-Integration. Aktuell wird das Führungsduo von einem vierköpfigen Team aus Software- und AI-Ingenieuren unterstützt.

Policy-as-Code als Beweismittel

Das Problem, das Auxilius lösen will, ist in Großkonzernen allgegenwärtig. Aktuell werden rund 80 Prozent der Unternehmenskontrollen nach wie vor händisch durchgeführt. Auditorinnen und Auditoren prüfen manuelle Stichproben, während Teams oftmals Monate später noch immer Excel-Listen oder Screenshots als Nachweise zusammentragen. Als Konsequenz daraus übersteigen die Kosten von Compliance-Verstößen weiterhin die eigentlichen GRC-Ausgaben. Der Lösungsansatz von Auxilius ist ein automatisierter Control Execution Layer. Das Start-up wandelt Unternehmensrichtlinien, Risiko-Kontroll-Matrizen und regulatorische Anforderungen in deterministischen, ausführbaren Code um. Dieser Code führt Kontrollen nicht nur stichprobenartig, sondern kontinuierlich auf der gesamten Datenbasis aus. Ändern sich externe Regeln oder interne Prozesse, passt sich der Code automatisch an. Der entscheidende Clou dabei ist, dass der ausführbare Code selbst den Prüfern künftig als belastbare Evidenz dienen soll.

Marktumfeld & Wettbewerb

Die Automatisierung von Compliance und Risikomanagement gehört aktuell zu den umkämpftesten B2B-Softwaresektoren. Auxilius betritt hier keinen leeren Raum, sondern muss sich gegen massive, teils global dominierende Konkurrenz behaupten. Internationale Schwergewichte wie Vanta, Drata und Secureframe dominieren derzeit den Markt für Compliance-Automatisierung mit hunderten vorgefertigten Integrationen. Der US-Konkurrent Drata ist massiv kapitalisiert und wächst zudem stark anorganisch durch Zukäufe. Plattformen wie Sprinto positionieren sich mit hohem technologischem Anspruch explizit im Bereich des autonomen und kontinuierlichen Monitorings. Im reinen Enterprise-Segment konkurriert Auxilius zudem mit etablierten Software-Giganten wie MetricStream oder AuditBoard, die bereits tiefe Wurzeln in den Konzernstrukturen geschlagen haben.

Potenzial & kritische Hürden

Der Ansatz von Auxilius, Compliance tief in die Prozesse zu integrieren und auditierbare Evidenz als reibungsloses Nebenprodukt bestehender Prozessschritte abfallen zu lassen, ist strategisch hochrelevant. Dennoch gibt es signifikante Hürden, die das Modell auf dem Weg zur Skalierung überwinden muss. Die erste große Herausforderung ist die Integrationstiefe als Flaschenhals. Um Kontrollen über komplette Datenbasen automatisiert laufen zu lassen, muss sich die Plattform tief in die oftmals veralteten und fragmentierten IT-Landschaften von Großkonzernen einklinken. Das junge Team muss beweisen, dass es mit dem Pre-Seed-Budget die enormen Entwicklungskosten für die zahlreichen notwendigen Schnittstellen stemmen kann, um mit den hochfinanzierten US-Konkurrenten Schritt zu halten.

Die zweite Hürde betrifft die kulturelle Akzeptanz der Prüfer*innen. Der Code von Auxilius soll künftig als harte Evidenz dienen. In der streng regulierten Welt europäischer Banken müssen traditionelle Wirtschaftsprüfer*innen diesen deterministischen Ansatz jedoch rechtlich und prozessual als vollwertigen Audit-Nachweis akzeptieren. Dieser Kulturwandel in der klassischen Prüfungspraxis ist erfahrungsgemäß zäh und erfordert viel Überzeugungsarbeit.

Zuletzt zielt das Start-up ganz bewusst auf große Unternehmen, Banken und Mischkonzerne ab. Die Verkaufs- und Implementierungszyklen in diesen Segmenten sind notorisch lang und verschlingen oft immense personelle sowie finanzielle Ressourcen, was für ein frisch gegründetes Startup im Seed-Stadium eine erhebliche Belastungsprobe darstellt.

Auxilius sendet mit der erfolgreichen Finanzierungsrunde dennoch ein starkes Lebenszeichen aus München. Wenn es dem Team gelingt, seinen Control-Intelligence-Knowledge-Graph so skalierbar zu bauen, dass sich die sonst langwierigen Implementierungszeiten bei Konzernen radikal verkürzen, hat das Start-up durchaus das technologische Potenzial, den internationalen Playern im lukrativen europäischen Enterprise-Markt langfristig gefährlich zu werden.

Deutschlands Scale-up-Moment

Eine neue Generation von Gründer*innen adressiert die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen mithilfe von KI, Quantentechnologien, Nachhaltigkeitslösungen und moderner digitaler Infrastruktur. Wir stellen stellvertretend vier deutsche Scale-ups vor.

Deutschland steht seit langem für Ingenieurskunst, industrielle Innovation und erstklassige Forschung. Eine neue Generation von Gründerinnen und Gründern baut nun auf diesem Erbe auf, um die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen: mit KI, Quantentechnologien, Nachhaltigkeitslösungen und moderner digitaler Infrastruktur. Europa strebt nach mehr technologischer Souveränität, und damit hat sich auch die Herausforderung verschoben: weg vom Aufbau von Innovation, hin zu deren Skalierung. Deutschlands wachsendes Scale-up-Ökosystem verwandelt Forschungs- und Ingenieurskompetenz in global wettbewerbsfähige Unternehmen in den Bereichen Cybersicherheit, industrielle Automatisierung, Klimaresilienz und Arbeitswelt der Zukunft. Auf der North Star Europe, der Start-up-Plattform der GITEX AI EUROPE 2026 vom 30. Juni bis 1. Juli in Berlin, trafen diese Unternehmen auf Investorinnen und Investoren, Partner und Ökosystem-Vertreter*innen. Mit einem Ausstelleranteil von rund 40 Prozent spiegelte die Veranstaltung den wachsenden Einfluss Deutschlands in Europas Innovationswirtschaft wider.

Vier deutsche Scale-ups, auf die es sich zu achten lohnt

Quantum Optics Jena: 8,5 Mio. Euro Series A; Quantenverschlüsselung im Live-Einsatz auf Glasfasernetzen

Das 2020 gegründete, in Jena ansässige Unternehmen  Quantum Optics Jena vermarktet Quantum Key Distribution (QKD): Verschlüsselung auf Basis der Quantenphysik. Unter der Leitung von CEO Dr. Kevin Füchsel und CTO Dr. Oliver de Vries hat das Scale-up laborreife Technologie zu einsatzbereiter Infrastruktur miniaturisiert. Sie läuft über bestehende Glasfasernetze, ohne dass eine vollständig neue Kommunikationsarchitektur nötig wäre. Die Photonenpaarquelle des Unternehmens wurde vom italienischen Nationalinstitut für metrologische Forschung zertifiziert – ein Meilenstein, der Netzbetreibern und Regierungen die nötige Sicherheit gibt, quantensichere Systeme im großen Maßstab einzusetzen. Eine Series-A-Finanzierung über 8,5 Millionen Euro unter Führung von Join Capital finanziert nun diese Expansion. „Quanten sind längst keine reine Laborangelegenheit mehr. Sie werden zu einer praktischen Schicht digitaler Infrastruktur, die Organisationen dabei hilft, KI-Systeme aufzubauen, die sicher, resilient und vertrauenswürdig sind“, meint Füchsel.

HydroGeoTwin: ESA-gefördert, satelliten- und KI-gestützte Grundwasserprognosen

Wasserknappheit zeichnet sich als eines der prägenden Risiken der kommenden Jahrzehnte ab. Das in Tübingen ansässige Unternehmen HydroGeoTwin macht eine der weltweit am wenigsten sichtbaren Ressourcen messbar und steuerbar. Gegründet von Dr. Fernando Mazo D’Affonseca und unterstützt vom Business Incubation Centre der European Space Agency, kombiniert das Unternehmen Satellitendaten, IoT-Sensoren und Klimamodelle zu KI-gestützten Grundwasserprognosen und Entscheidungsgrundlagen. „HydroGeoTwin hilft Organisationen, komplexe Grundwasserdaten in klarere, schnellere und nachhaltigere Entscheidungen zu übersetzen“, erklärt D’Affonseca. Aus öffentlich geförderter Forschung ist mittlerweile ein umsatzgenerierendes Unternehmen geworden. Heute verkauft HydroGeoTwin Prognose-Dashboards und Risikotools, die Nachhaltigkeitsberichterstattung, Compliance und Ressourcenplanung unterstützen.

Plastic Fischer: mehr als zwei Mio. Kilogramm Flussplastik seit 2021 in sechs Städten abgefangen

Dass Nachhaltigkeitsunternehmen auch ohne komplexe Technologie skalieren können, zeigt Plastic Fischer aus Berlin. Das 2019 gegründete Scale-up fängt Plastikmüll in Flüssen ab, bevor er das Meer erreicht – mit dem TrashBoom, einer kostengünstigen Barriere aus lokal beschafften Materialien. Statt auf umfangreiches Venture Capital zu setzen, hat Plastic Fischer ein kommerziell tragfähiges Modell rund um das Konzept „Impact as a Service“ aufgebaut: Unternehmenspartner finanzieren Sammelprogramme und erhalten im Gegenzug verifizierte Daten zur Umweltwirkung. Amazon, Allianz und Siemens vertrauen bereits auf Plastic Fischer. Seit 2021 hat das Unternehmen mehr als zwei Millionen Kilogramm Plastik davor bewahrt, in die Ozeane zu gelangen. Das Scale-up ist in sechs Städten in Indien und Indonesien aktiv und beschäftigt mehr als 65 Mitarbeitende in Vollzeit.

retavi: softwarebasierte Fabriksteuerung statt proprietärer SPS

Das Fraunhofer-Spin-off retavi wurde 2025 in Stuttgart gegründet. Es stellt eine der hartnäckigsten Herausforderungen der Fertigungsindustrie infrage: die Abhängigkeit von proprietärer Automatisierungshardware. Die KI-native Plattform des Unternehmens trennt die Automatisierungslogik von klassischen speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS). Dadurch können industrielle Steuerungssysteme auf Standardservern und Industrie-PCs laufen statt auf Spezialhardware. Das löst den Hersteller-Lock-in auf und ermöglicht es Fabriken, sich anzupassen, zu skalieren und zentral verwaltet zu werden. Das Scale-up sicherte sich rund 180.000 Euro an öffentlicher Anschubfinanzierung, bevor es zu einem kommerziellen Modell aus Software-Lizenzierung und Entwicklertools überging. Privates Investment hilft nun dabei, die Markterschließung zu beschleunigen.

Fazit: Deutschlands Scale-up-Moment

Jedes dieser deutschen Scale-ups hat den Schritt von Forschung und Proof of Concept vollzogen und adressiert heute reale kommerzielle Herausforderungen mit skalierbaren Geschäftsmodellen. Auf der GITEX AI EUROPE 2026 trafen sie auf weitere deutsche Innovationstreiber wie Nextcloud, Workist und Kauz.ai. Das unterstreicht, wie Deutschland technisches Know-how zunehmend in global wettbewerbsfähige Unternehmen überführt. In ihrer zweiten Ausgabe vereinte die GITEX AI EUROPE mehr als 950 Unternehmensaussteller und Start-ups, von denen 32 Prozent bereits die Series-A-Finanzierungsstufe erreicht haben oder darüber liegen und sich damit im Scale-up-Bereich befinden. Ob es diesen Unternehmen gelingt, Kapital, Partnerschaften und internationale Kund*innen zu gewinnen, wird mit darüber entscheiden, ob Europa in der nächsten Welle des technologischen Wandels wettbewerbsfähig bleibt.

Der Autor Bilal Al-Rais ist VP – Portfolio Growth Tech & Digital, GITEX

Gründer*in der Woche: XFlowAssist – Digitalisierung ohne Cloud-Zwang

Während der Markt zunehmend auf Cloud-Lösungen setzt, wählt ein junges Kölner Start-up bewusst einen anderen Weg: Shahab Alaei entwickelt mit XFlowAssist ein ERP-System für Handwerker*innen und Dienstleister*innen, das ausschließlich lokal läuft. In unserem „Gründer*in der Woche“-Interview sprechen wir über lokale Datensouveränität, die Risiken von On-Premise-Lösungen und die Hürden des Marktstarts.

Sensible Kund*innen- und Finanzdaten auf Servern von Drittanbieter*innen? Für viele Handwerksbetriebe und kleine Dienstleistende ist das ein rotes Tuch. An diesem Punkt setzt Shahab Alaei mit seinem Kölner Start-up an. Seine im Frühjahr 2026 gelaunchte All-in-One-Software XFlowAssist bündelt administrative Kernprozesse – von der Kund*innenverwaltung über die Einsatzplanung bis hin zur gesetzeskonformen E-Rechnung (ZUGFeRD) und Buchhaltung.

Der technische Ansatz: Die Plattform wird direkt im firmeneigenen Windows-Netzwerk betrieben. Die Datenhoheit bleibt somit physisch im Unternehmen. Mit diesem Gegenentwurf zum aktuellen Cloud-Trend will der Kölner Gründer punkten. Doch der Verzicht auf die Cloud bringt für Nutzer*innen auch eigene Herausforderungen in puncto Flexibilität und IT-Sicherheit mit sich.

In unserem „Gründer*in der Woche“-Interview sprechen wir über lokale Datensouveränität, die Risiken von On-Premise-Lösungen und die Hürden des Marktstarts.
 

StartingUp: Shahab, die meisten neuen Softwarelösungen sind heute reine Cloud-Anwendungen. Wie kam es zu der Idee für XFlowAssist und warum hast du dich so bewusst für den Weg der lokalen Datenhaltung entschieden?

Shahab Alaei: Lokale Datenhaltung bedeutet Datensouveränität. Es geht mir darum, KMU eine Möglichkeit zu geben, dass ihre Daten auch wirklich ihre bleiben. Das Thema Datenschutz und Sicherheit ist nicht erst seit gestern ein dringendes Thema – sowohl für Privat- als auch für Business-Anwender. Für KMU bedeutet das oft Mehraufwand, Kosten und eine damit verbundene Unsicherheit bei der Umsetzung. Erklärungen verfassen, die Compliance einrichten – je weniger Aufwand für den Datenschutz und die Dokumentation anfällt, desto mehr Fokus kann man auf andere wichtige Arbeitsbereiche richten.

Man kann entweder auf strenge Regeln und Gesetze setzen, die den Alltag und die Umsetzung erschweren, aber den Datenschutz trotzdem nicht voll garantieren, oder man lässt die Daten gar nicht erst aus den eigenen Systemen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Damit ist das Problem gelöst. Die Daten werden nur zwischen denen verarbeitet, die es wirklich etwas angeht. Es geht mir um die volle Hoheit über die eigenen Daten. Ich dachte dabei ein bisschen an den Satz: „Back to the Roots“.

StartingUp: Du setzt zu 100 Prozent auf ein lokales Windows-Netzwerk. In Zeiten, in denen Handwerker*innen von der Baustelle aus per Tablet auf Kund*innendaten zugreifen wollen oder die Buchhaltung im Homeoffice gemacht wird, wirkt eine rein lokale Lösung wie ein Rückschritt. Verbaust du deinen Kund*innen damit nicht die Flexibilität des modernen Arbeitens?

Shahab Alaei: XFlowAssist setzt nicht auf „lokal statt flexibel“, sondern auf „Datenhoheit ohne Cloud-Zwang“. Die Daten können lokal im eigenen Netzwerk liegen, aber ebenso an einem vom Kunden gewählten Speicherort – zum Beispiel in einem synchronisierten OneDrive-Verzeichnis, auf einem NAS oder über eine eigene Remote-Zugriffslösung.

Der entscheidende Unterschied ist: Der Kunde entscheidet selbst. Bei vielen Cloud-ERP-Lösungen ist fest vorgegeben, dass die Daten beim Anbieter oder dessen Infrastrukturpartnern liegen. XFlowAssist lässt diese Entscheidung bewusst offen. Wer eine einfache Lösung möchte, kann einen Cloud-Speicher nutzen. Wer mehr Kontrolle will, setzt ein eigenes Netzwerk, ein NAS oder ein VPN ein. Damit ist modernes Arbeiten weiterhin möglich, auch im Homeoffice oder von der Baustelle aus. Es geht nicht darum, Flexibilität zu verhindern, sondern darum, sie nicht an einen Cloud-Zwang zu koppeln.

StartingUp: Lokale Datenhoheit klingt zunächst gut. Aber große Cloud-Anbieter*innen haben meist professionelle IT-Sicherheitsabteilungen. Ein durchschnittlicher Handwerksbetrieb hat das nicht. Wälzt du mit XFlowAssist nicht das immense Risiko von Datenverlusten, defekten Servern oder Ransomware-Angriffen einfach auf deine Kund*innen ab?

Shahab Alaei: Solche Risiken bestehen vom kleinsten Einzelanwender bis zum großen Player über alle Branchen hinweg. Wie gesagt: Es besteht weiterhin die Möglichkeit, die Daten auch auf externen Lösungen zu speichern, die Sicherheitsfeatures wie automatische Backups bieten. Viele KMU nutzen keine eigenen Server, sondern kleine Netzwerke innerhalb ihrer Geschäftsräume.

Für Betriebe ohne eigene IT-Sicherheitsabteilung sind die wichtigsten Sofortmaßnahmen meist nicht teuer: Multi-Faktor-Authentifizierung überall, regelmäßige Updates, gute Backups mit Wiederherstellungstests, Mitarbeiterschulungen gegen Phishing, ein Passwortmanager, minimale Adminrechte und ein einfacher Notfallplan. Den Aspekt der sicheren Kommunikation von XFlowAssist bezüglich verschlüsselter Passwörter halte ich stets aktuell und habe ihn immer im Blick.

Wenn man seine Daten lokal hält und einige Grundregeln wie regelmäßige Backups beachtet, ist der Kompromiss, seine Daten nicht auf fremden Servern zu speichern, ein sehr guter. Vor Angriffen ist niemand absolut sicher, ein Restrisiko besteht immer und für jeden. Aber um Herr über die eigenen Daten wie Umsatzzahlen, Kundendaten und Geschäftsabläufe zu bleiben, ist es die Mühe wert, seine Daten an mindestens zwei Stellen zu sichern – sprich: Backups anzulegen.

StartingUp: Ein ERP-System ist das Herzstück einer jeden Firma. Wie nimmst du potenziellen Kund*innen die berechtigte Angst, dass ihre zentrale Unternehmenssoftware nicht mehr mit Updates versorgt wird, falls du als Einzelgründer unerwartet ausfallen solltest?

Shahab Alaei: Das wäre dann wohl Schicksal … Aber die Sorge ist absolut berechtigt, gerade weil ein ERP-System eine so zentrale Rolle einnimmt. Bei XFlowAssist liegt ein wichtiger Vorteil jedoch genau im Konzept: Die Unternehmensdaten werden lokal und zentral beim Kunden gebündelt. Sie liegen also nicht verstreut in verschiedenen Tools oder ausschließlich in einer externen Cloud-Struktur, sondern bleiben an einer kontrollierbaren Stelle verfügbar. Auch technisch ist XFlowAssist nicht als Blackbox aufgebaut.

Die Übergabefähigkeit ist von Anfang an berücksichtigt: Struktur, Datenhaltung und zentrale Abläufe sind so angelegt, dass eine fachkundige Person das System problemlos nachvollziehen und weiterführen kann. Zudem sind Backup- und Exportfunktionen integriert. Rechnungen können beispielsweise als XML ausgelesen und dadurch von anderen Systemen weiterverarbeitet werden. Kund*innen behalten damit den vollen Zugriff auf ihre Daten und sind nicht vollständig von einer einzelnen Person oder einem geschlossenen System abhängig.

Für den Fall, dass ich als Gründer unerwartet ausfallen sollte, ist der Zugriff und die Entscheidungsfähigkeit notariell geregelt. Bis ein geeignetes Unternehmen oder mehrere technische Partner offiziell benannt sind, liegen die entsprechenden Entscheidungsbefugnisse bei vertrauenswürdigen Privatpersonen aus meinem Umfeld. Der nächste Schritt ist, hierfür zusätzlich ein oder mehrere Unternehmen zu definieren, die im Ernstfall Betrieb, Wartung oder Weiterentwicklung übernehmen können. Mir ist extrem wichtig, dass es im Fall der Fälle nahtlos weitergeht und meine Kunden keinen Schiffbruch erleiden.

StartingUp: Du bist im Frühjahr 2026 offiziell gestartet. Eine so komplexe Software von Grund auf zu entwickeln, kostet viel Zeit und Geld. Wie hast du das Unternehmen bisher finanziert und was waren für dich die prägendsten Meilensteine bis zum heutigen Tag?

Shahab Alaei: Finanziert wurde XFlowAssist bisher komplett aus meinen privaten Mitteln. Ein prägender Meilenstein war für mich der Moment, als ich das erste Mal erfolgreich per Mausklick ein Angebot in einen Vertrag und diesen mit einem weiteren Klick in eine Rechnung konvertieren konnte. Das war ursprünglich mein eigentliches Ziel: eine kleine Hilfe, um ZUGFeRD-Rechnungen zu erstellen. Kleine Betriebe sollten unkompliziert Kunden anlegen und für diese E-Rechnungen im ZUGFeRD-Format generieren können.

Entstanden ist die Idee, nachdem ich für den Betrieb meines Bruders auf der Suche nach einer passenden Lösung war und nichts finden konnte, was nicht mit schwer vorhersehbaren Gebühren, komplizierten Strukturen oder schlechter Dokumentation verbunden gewesen wäre. Gerade zu Beginn waren seine finanziellen Mittel begrenzt, sodass eine einfache, transparente und bezahlbare Lösung wichtig war.

Für einen Einzelentwickler bedeutet ein solches Projekt natürlich einen immensen Zeitaufwand. Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich nach der grundsätzlichen Entscheidung mit der Planung begonnen. Wichtig ist: Es gab nicht den einen großen Meilenstein, sondern viele kleine. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein solches System normalerweise von Teams mit oft 20 oder mehr Personen entwickelt wird. Ich konnte auf diesem Weg Einblicke und Erfahrungen sammeln, die man als Entwickler in einem klassischen Team so wahrscheinlich gar nicht in dieser Breite macht. Ich bin zwar seit Jahrzehnten in der IT tätig, offiziell aber erst seit vier Jahren anerkannter Anwendungsentwickler. Normalerweise werden die Aufgaben in einem Softwareprojekt klar aufgeteilt: Eine Person schreibt die Datenbankmodelle, eine andere kümmert sich um Planung und Beschreibung, wieder andere erstellen Dokumentationen oder Programmablaufpläne (PAPs).

Zu Beginn habe ich selbstverständlich auch KI zur Unterstützung genutzt, zum Beispiel bei bestimmten Modellierungen, Konzepten oder Strukturierungen. Das Potenzial dieser Technologien ist enorm. Ohne KI-Unterstützung hätte ich XFlowAssist in dieser Form niemals allein innerhalb von knapp zwei Jahren so weit entwickeln können. Wobei „fertigstellen“ eigentlich der falsche Begriff ist, denn Software ist im Grunde nie wirklich fertig. Sie entwickelt sich stetig weiter. Für mich sind deshalb vor allem die kontinuierlich gewonnenen Erkenntnisse die echten Meilensteine.

StartingUp: Der offizielle Marktstart ist nun erfolgt. Wenn du auf die Roadmap für die nächsten 12 bis 18 Monate schaust: Welche konkreten Funktionen oder neuen Zielgruppen stehen als Nächstes auf dem Plan?

Shahab Alaei: Geplant sind Funktionen wie das digitale Signieren von Dokumenten und Arbeitsscheinen auf mobilen Geräten, wenn Mitarbeiter beispielsweise direkt beim Kunden vor Ort unterschreiben lassen wollen. Eine mobile Version soll zudem die Einsatzplanung und Koordination verbessern – sprich eine App für Angestellte, um mit der Zentrale zu kommunizieren. Dabei geht es um Arbeitszeiterfassung, das Dokumentieren von Tätigkeiten, das Hochladen von Baustellenfotos oder das Einsehen von Tages-, Wochen- und Monatsplänen.

Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl solcher Lösungen bereits auf dem Markt, jedoch meist gekoppelt an externe Dienstleister, die über APIs eingebunden werden. Diese Anbieter lesen die Dokumente oder schleusen sie durch ihre eigenen Server. Das könnte ich ebenfalls integrieren, es kollidiert jedoch fundamental mit unserer Kernidee, die Daten souverän zu halten. Das Dokument müsste wieder durch externe Systeme wandern, und diese Wege liefern erneut Angriffsflächen sowie das Risiko, dass Dritte die Daten für sich nutzen – sei es legal oder in Grauzonen.

Mein Ziel ist eine bestmögliche Lösung, die komplett ohne Dritte auskommt, auch wenn das eventuell kleine Kompromisse bei der Funktionalität bedeutet. Die Herausforderung besteht für mich darin, Lösungen mit der maximalen Kontrolle über die eigenen Daten bereitzustellen. Ich strebe an, immer den kürzesten und direktesten Weg zu nehmen, um Daten von A nach B zu bringen.

StartingUp: Zum Abschluss unser Klassiker: Welche konkreten Tipps oder Lektionen aus deiner eigenen Start-up-Erfahrung möchtest du anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?

Shahab Alaei: Mein wichtigster Tipp ist: Setzt euch am Anfang einen klaren Rahmen und schreibt ihn verbindlich auf. Haltet fest, was eure Idee ist, welches Ziel ihr erreichen wollt und was erst einmal nicht dazugehört. Gerade in der Anfangsphase kommen ständig neue Ideen dazu. Das ist normal und oft auch gut. Aber nicht jede gute Idee muss sofort umgesetzt werden. Sonst verliert man schnell den Fokus, verzettelt sich und macht sich das eigene Projekt unnötig schwer.

Ich habe gelernt: Erst den ursprünglichen Plan mit Geduld zu Ende bringen, dann schauen, was als Nächstes sinnvoll ist. Gründen bedeutet nicht, jede Möglichkeit sofort zu ergreifen, sondern die richtigen Schritte zur richtigen Zeit zu gehen.

StartingUp: Vielen Dank, Shahab Alaei, für das Gespräch.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus

Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?

Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.

Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen

Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.

Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.

Im Becken der Tech-Haie

Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.

Genialer Schachzug oder riskante Wette?

Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.

Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.

Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten

Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.

Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung

Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.

VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.

Plattform trifft auf traditionelles Handwerk

Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.

Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.

Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung

Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.

Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.

Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.