Wie Österreich im globalen Wettbewerb um Talente gewinnen kann

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Die Austrian Business Agency (ABA) unterstützt mit ihrem Geschäftsbereich WORK in AUSTRIA Unternehmen dabei, internationale Fachkräfte zu gewinnen. Wie das in der Praxis funktioniert und wie Unternehmen davon profitieren, erzählen Magdalena Hauser und Wolfgang Lechner, CEOs des Innsbrucker Quanten-Startups ParityQC, und Margit Kreuzhuber von der ABA im Interview. 

Die beiden CEOs von ParityQC: Wolfgang Lechner und Magdalena Hauser. | © Günther Egger

Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte ist längst ein globales Rennen. Während viele Unternehmen in Österreich händeringend nach Spezialist:innen suchen, zeigen Beispiele aus der Praxis: Wer sich international öffnet, hat deutlich bessere Karten. Gerade in technologiegetriebenen Bereichen ist ausländisches Know-how oft der entscheidende Baustein. 

ParityQC: Internationaler Player aus Innsbruck

Das Innsbrucker DeepTech-Unternehmen ParityQC ist dafür ein exemplarisches Beispiel. Der Bedarf an Expert:innen im Quantenbereich sei weltweit hoch, der Pool dagegen klein, erklärt CEO Wolfgang Lechner. Das Unternehmen, das er gemeinsam mit Magdalena Hauser vor fünf Jahren gegründet hat, entstand als Spin-off der Universität Innsbruck und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Seither hat sich ParityQC in bemerkenswert kurzer Zeit als internationaler Player im Quantencomputing etabliert. Das Startup lizenziert Baupläne für Quantenprozessoren und vertreibt mit ParityOS ein eigenes Betriebssystem. Nach eigenen Angaben ist es seit 2023 profitabel – eine Seltenheit in einer Branche, die üblicherweise lange Forschungszyklen kennt. 

Im April 2024 stieg außerdem B&C Innovation Investments (BCII) ein. Zur genauen Höhe des Investments äußerten sich die Beteiligten nicht, doch in einer Aussendung hieß es damals, ParityQC „ziehe mit seiner Bewertung mit US-börsennotierten Quantenunternehmen gleich“. Vieles spricht daher für eine neunstellige Bewertung zum Zeitpunkt des Einstiegs. Ein entscheidender Faktor, der ParityQC seine Wettbewerbsfähigkeit auf globaler Ebene sichert, sind die Talente, die tagtäglich daran arbeiten, das Unternehmen voranzubringen.

Internationaler Wettbewerb um Talente 

Denn motivierte, gut ausgebildete Mitarbeiter:innen sind ein zentraler Erfolgsfaktor in jeder Branche. Dennoch stoßen viele Betriebe in Österreich irgendwann an Grenzen, wenn sie ausschließlich im Inland rekrutieren. Spezialisierte Kompetenzen sind am lokalen Arbeitsmarkt nicht immer verfügbar, und in einigen technischen Bereichen ist der globale Wettbewerb besonders intensiv. 

Für Talente aus diesem Bereich zählen neben der Forschungsqualität auch Standortfaktoren. Der exzellente Ruf der Innsbrucker Quantenphysik und die Präsenz von Unternehmen wie AQT oder ParityQC wirken stark. „Internationale Fachkräfte erleben Österreich als stabiles, gut organisiertes und kulturell attraktives Umfeld – ein klarer Vorteil im globalen Wettbewerb“, so Wolfgang. 

WORK in AUSTRIA: Orientierung im internationalen Recruiting

Für viele Unternehmen ist internationale Personalsuche Neuland oder schlichtweg zu zeitintensiv. Hier setzt WORK in AUSTRIA , ein Geschäftsbereich der ABA, an. Die Nachfrage zeigt, dass der Bedarf wächst: „Unternehmen in Österreich wie internationale Fachkräfte nehmen unsere Unterstützung tatsächlich immer stärker in Anspruch. Mit fast 16.000 Beratungen von Fachkräften zum Thema Leben und Arbeiten bis Ende November 2025 sind das bereits jetzt mehr als im gesamten Jahr davor“, sagt Margit Kreuzhuber, Leiterin von WORK in AUSTRIA.

WORK in AUSTRIA kombiniert persönliche Beratung mit digitalen Formaten. Besonders geschätzt wird das Netzwerk, das Unternehmen mit internationalen Talenten verbindet. Ein Baustein ist der „Talent Hub“ – eine digitale Matching-Plattform, auf der Unternehmen Stellen inserieren und passende Kandidat:innen vorgeschlagen bekommen. 

Internationale Fachkräfte unterstützt WORK in AUSTRIA mit einer individuellen Beratung während des gesamten Zuwanderungsverfahrens. Ob es um die Rot-Weiß-Rot-Karte oder andere arbeitsmarktrelevante Aufenthaltstitel geht – WORK in AUSTRIA bietet kostenfreie Informationen zu aufenthaltsrechtlichen Fragen sowie zum Leben und Arbeiten in Österreich.

Der Blick über Österreich hinaus

Um den Talentpool zu erweitern, wirbt die ABA weltweit für den Arbeitsstandort. „Wir bewerben den Arbeitsstandort Österreich in ausgewählten Ländern Europas, Lateinamerikas und Asiens, auf Karriereevents, durch Kooperationen mit Hochschulen und durch die direkte Ansprache der Fachkräfte und Studierenden durch Kampagnen auf Social Media“, erklärt Margit. 

Die persönliche Begegnung spielt dabei weiterhin eine große Rolle. „Auf Karriereevents und Hochschulmessen treten wir in persönlichen Kontakt mit internationalen Fachkräften sowie Studierenden und informieren sie über die vielfältigen Karrieremöglichkeiten in Österreich“, so Margit. 

Neben europäischen Ländern rückt die ABA inzwischen verstärkt Wachstumsmärkte ins Zentrum: „Wir sprechen auch dringend gebrauchte Fachkräfte in Brasilien, Indonesien und auf den Philippinen an – diese drei Länder zeichnen sich durch eine gut ausgebildete, junge und mobilitätsbereite Bevölkerung aus.“ 

Auch für ParityQC hat diese internationale Sichtbarkeit einen Effekt: „Die internationalen Bewerber:innen bekommen einen guten ersten Überblick über Arbeitsmarkt, Regularien und Lebensbedingungen in Österreich. Das stärkt die gesamte Wahrnehmung des österreichischen Ökosystems“, sagt Co-CEO Magdalena.  

Sie ergänzt: „Es braucht internationale Leuchttürme, die Spitzentalente überzeugen können, ihren Lebensmittelpunkt nach Österreich zu verlegen. Mit ParityQC möchten wir dies im Quantencomputing-Bereich ermöglichen. Die Unterstützung der ABA bei der Promotion von Spitzenforschung und österreichischen DeepTech Unternehmen im Ausland unterstützt bei der internationalen Sichtbarkeit.“

Zuwanderungsverfahren: Unterstützung bei Komplexität und Detail

Ein zentrales Thema bleibt der Weg vom Jobangebot zum tatsächlichen Arbeitsantritt. WORK in AUSTRIA begleitet Unternehmen, internationale Fachkräfte und deren Familien etwa bei der „Rot-Weiß-Rot“-Karte oder anderen Aufenthaltstiteln – ein Bereich, der oft als komplex erlebt wird. 

Mit Tools wie dem „Immigration Guide“ stehen digitale Orientierungshilfen bereit, gleichzeitig unterstützt die ABA mit ihren Expert:innen auch individuell im Rot-Weiß-Rot – Karten-Verfahren. Für Unternehmen wie ParityQC bringt das spürbare Erleichterung. „Für ein international ausgerichtetes DeepTech-Unternehmen wie Parity Quantum Computing ist die Unterstützung bei Visaprozessen sowie bei RWR- und RWR+-Anträgen besonders wertvoll. Die administrativen Anforderungen sind oft komplex; hier braucht es verlässliche Partner:innen wie das Team der ABA, die den Prozess präzise und effizient begleiten“, so Magdalena. 

Die Wirkung zeigt sich im Alltag: „Die Unterstützung bei Visa- und Aufenthaltsverfahren ermöglicht es uns, internationale Expert:innen rasch in unsere Arbeitsumgebung zu integrieren. Damit trägt Work in Austria wesentlich dazu bei, aus vorhandenem Potenzial echte Wirkung zu erzielen“, ergänzt die ParityQC-CEO. 

Der globale Talentmarkt

Österreich hat also starke Talente und zugleich einen steigenden Bedarf nach internationalen Fachkräften, besonders in hochspezialisierten Bereichen wie Quantenforschung, IT oder Engineering. Unternehmen wie ParityQC zeigen, wie Standortqualität und globales Recruiting zusammenspielen können.

WORK in AUSTRIA nimmt dabei eine Rolle ein, die vor allem für mittelständische Betriebe und DeepTech-Unternehmen relevant ist: Orientierung, Matching und Unterstützung bei Verfahren, die ohne Expert:innenwissen schwer zu durchdringen wären. Der Talentmarkt bleibt global und Österreich beweist, dass man darauf reagieren kann, indem man heimische Stärken mit internationaler Offenheit verbindet.

Mehr Informationen über WORK IN AUSTRIA: https://www.workinaustria.com/!

Der Beitrag ist zunächst bei unserem Schwesterverlag Brutkasten erschienen.

GS1-Investmentarm butterfly & elephant beteiligt sich an Herforder PropTech-Start-up Lichtwart

Das Herforder PropTech Lichtwart erhält strategischen Rückenwind: Mit butterfly & elephant, dem Accelerator und Investmentarm von GS1 Germany, steigt ein gewichtiger Branchenakteur bei dem ostwestfälischen Start-up ein. Ziel der Beteiligung ist es, das aus dem Smart-Home-Bereich bekannte Prinzip der dezentralen Steuerung auf Gewerbeimmobilien zu übertragen und mit etablierten GS1-Standards zu verknüpfen. Dadurch sollen technische Assets und Standorte in Filial- und Standortnetzen erstmals systemübergreifend eindeutig identifiziert und vernetzt werden.

Die Geschichte von Lichtwart verbindet tradierte Handwerkstradition mit moderner IoT-Technologie. Das Start-up wurde im Jahr 2020 von Gregor Giataganas und Johannes Mailänder gegründet und hat seine Wurzeln im ostwestfälischen Mittelstand. Mailänders Urgroßvater Ernst Bertelmann reparierte bereits vor sieben Jahrzehnten Glühbirnen und legte damit den Grundstein für den Familienbetrieb Bertelmann im Bereich der Licht- und Außenwerbung. Aus dieser jahrzehntelangen Praxis heraus erkannten die Gründer die klaffende Digitalisierungslücke in kleineren und mittleren Gewerbeimmobilien. Anfang 2024 komplettierte der erfahrene IoT-Unternehmer und relayr-Mitgründer Jackson Bond das Gründerteam als Co-Founder und Investor.

Während Großimmobilien und Rechenzentren oft über Millionenbudget-schwere Gebäudeleittechnik verfügen, betreiben Unternehmen mit dezentralen Filialnetzen – etwa Supermärkte, Tankstellen oder Systemgastronomie – ihre Standorte häufig ohne automatisierte Steuerung. Störungen bleiben mangels digitaler Überwachung oft tagelang unbemerkt, während Servicetechniker ohne Vorabinformationen anreisen müssen. Lichtwart entwickelte daraufhin ein kompaktes Hardware-Modul samt Cloud-Plattform, das Transparenz über Betriebs- und Energieverbräuche in Echtzeit schafft und Ausfallzeiten minimiert.

Dass das Konzept im Markt greift, bewies das Unternehmen bereits vor dem aktuellen GS1-Deal. Neben einer strategischen Vertriebspartnerschaft mit der Deutschen Telekom zählen namhafte Akteure wie VARTA, Schüco, HanseMerkur, Orlen und die Autobahn GmbH zu den Anwendern. Zudem sicherte sich Lichtwart den Hauptpreis sowie die Kategorie „Smarte Gebäudeeffizienz“ beim PropTech Germany Award 2025.

Die Technologie: Plug-and-Play trifft auf internationale Datenstandards

Der Kern der Lichtwart-Lösung ist ein IoT-Controller, der sich nach Unternehmensangaben innerhalb weniger Minuten installieren lässt und ohne zeitintensive Vor-Ort-Programmierung auskommt. Die Hardware verbindet technische Anlagen an den Standorten mit einer zentralen, cloudbasierten Serviceplattform.

Neu an der Kooperation mit butterfly & elephant ist die konsequente Standardisierung der erfassten Daten. Über den Global Individual Asset Identifier (GIAI) erhält jedes technische Gerät – wie etwa eine Kühl- oder Klimaanlage – eine weltweit eindeutige Kennung. Ergänzend wird jeder Standort über die Global Location Number (GLN) präzise referenziert. Für den eigentlichen Datenfluss sorgen die Electronic Product Code Information Services (EPCIS), die eine gemeinsame Datenstruktur bilden, über die Betriebs-, Sensor- und Wartungsdaten nahtlos zwischen unterschiedlichen Systemen ausgetauscht werden können. Wie Benjamin Birker, Managing Director bei butterfly & elephant, betont, soll diese gemeinsame Sprache verhindern, dass Daten an Unternehmens- oder Systemgrenzen enden und sich Servicetechniker wie Betreiber stets auf exakt dasselbe Asset beziehen.

Geschäftsmodell, Markt und Wettbewerb

Der Markt und das Potenzial

Der Markt für PropTech-Lösungen im Gewerbebereich steht unter hohem Druck. Einerseits zwingen gestiegene Energiekosten und strenge ESG-Berichtspflichten Unternehmen zum Handeln. Andererseits scheuten viele Filialisten bislang die immensen Investitionskosten klassischer Gebäudeautomationssysteme, da diese für dezentrale Strukturen wirtschaftlich meist nicht darstellbar sind. Lichtwart adressiert exakt diesen unerschlossenen Mittelbau zwischen Consumer-Smart-Home und High-End-Gebäudeleittechnik.

Die Entwicklung der Investor*innenlandschaft

Die Beteiligung von butterfly & elephant markiert die nächste Evolutionsstufe in der Skalierung des Herforder Start-ups. Bereits im September 2024 sammelte Lichtwart in einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde eine siebenstellige Summe ein. Als Geldgeber traten damals der Lead-Investor BitStone Capital, der Co-Lead-Investor Vireo Ventures sowie das Angel-Netzwerk better ventures auf. Mit butterfly & elephant kommt nun kein rein finanzieller VC an Bord, sondern der Corporate-Venture-Capital-Arm von GS1 Germany. Während genaue Finanzkennzahlen wie Bewertung und Summe vertraulich bleiben, liegt der eigentliche Mehrwert im unmittelbaren Zugang zum weltweiten GS1-Netzwerk und dessen Etablierung im Gebäudesektor.

Die Hürden im Geschäftsmodell

Das Modell kombiniert den Vertrieb von Edge-Hardware mit wiederkehrenden Software-Gebühren für die Plattform. Die größte Herausforderung liegt in der Skalierung im Bestandsbau. In der Praxis treffen B2B-Start-ups auf ein Sammelsurium an alten Geräten mit unterschiedlichsten analogen und digitalen Schnittstellen. Der versprochene schnelle Rollout setzt voraus, dass die Anbindung vor Ort absolut reibungslos verläuft. Zudem erfordert die Bereitstellung von Hardware im Vergleich zu reinen SaaS-Modellen zusätzliches Kapital für Lagerhaltung, Logistik sowie den Austausch defekter Komponenten.

Wettbewerbsumfeld

Lichtwart agiert in einem dicht besetzten Umfeld. Etablierte Automationskonzerne wie Siemens, Schneider Electric oder Honeywell bieten mächtige Leittechnik-Systeme an, die primär auf komplexe Großobjekte ausgelegt und für kleinere Filialnetze oft wirtschaftlich überdimensioniert sind. Parallel dazu besetzen spezialisierte PropTechs wie aedifion, MeteoViva oder Vilisto verwandte Felder in der Heizungs- und Betriebsoptimierung. Der entscheidende Vorteil für Lichtwart liegt in der GS1-Integration: Statt auf ein proprietäres Ökosystem zu setzen, setzt das ostwestfälische Unternehmen auf branchenweite Open-Standard-Kompatibilität, was für Kund*innen das Risiko eines Vendor-Lock-ins nachhaltig verringert.

Unsere Einordnung

Für Gründer*innen im B2B- und PropTech-Sektor liefert der Lichtwart-Deal drei wesentliche Lektionen:

  • Smartes Corporate Venture Capital nutzen: Der Schritt zeigt exemplarisch, wie Finanzinvestor*innen und strategische CVCs ineinandergreifen. Während klassische VCs Kapital für das Produktwachstum bereitstellen, sichern strategische Partner*innen wie butterfly & elephant den Zugang zu Industriestandards und beschleunigen die Marktpenetration.
  • Standardisierung schlägt Inseldenken: Wer in fragmentierten B2B-Märkten frühzeitig auf etablierte, branchenweite Standards setzt, senkt die Integrationshürden bei der Kundschaft erheblich und erhöht die Akzeptanz bei Corporate-Entscheider*innen massiv.
  • Handfeste Probleme im Bestand lösen: Der Markterfolg von Lichtwart basiert nicht auf theoretischen Spielereien, sondern auf pragmatischen Antworten für drängende Alltagsfragen von Betreiber*innen: Fachkräftemangel, verordnete Energieeinsparung und unkomplizierte Nachrüstung ohne Anlagenaustausch.

Warum Mymuesli-Gründer Max Wittrock wieder das Ruder übernimmt – und was das für die D2C-Szene bedeutet

Nach über sechs Jahren fernab des operativen Tagesgeschäfts kehrt Max Wittrock auf den CEO-Sessel von Mymuesli zurück. Er löst damit Tom Mayer ab, der erst im Frühjahr 2026 angetreten war, um das Unternehmen mit Fokus auf KI und digitale Exzellenz zu führen. Der plötzliche Führungswechsel ist mehr als nur eine Personalie – er ist das Symptom einer Identitätssuche, die viele reife Start-ups durchleben. Eine Analyse.

Es klang nach dem modernen Lehrbuch-Playbook: Im Frühjahr 2026 übernahm Tom Mayer als CEO bei Mymuesli, um den Passauer Müsli-Pionier durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und datengetriebener Personalisierung auf das nächste Level zu heben. Doch ein knappes halbes Jahr später ist dieses Kapitel bereits wieder beendet. Laut offizieller Unternehmensmitteilung vom 27. Juli 2026 übernimmt Mitgründer Max Wittrock, der sich Ende 2019 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, ab sofort wieder den Vorstandsvorsitz.

Die neue Strategie: Zurück zu den Wurzeln

Die Personalentscheidung liest sich wie eine bewusste Kurskorrektur: Weg vom technokratischen Tech-Fokus, hin zur alten Gründer-DNA. Die Marke soll wieder ein unternehmerisches Gesicht erhalten. So begründet Aufsichtsratsvorsitzender Tobias Bachmüller den Schritt: „Max Wittrock steht als Mitgründer für die Idee und die Werte von mymuesli. Mit seiner Rückkehr geben wir der Marke wieder das unternehmerische Gesicht, das unsere Kundinnen und Kunden und unser Team gleichermaßen verbindet.“

Wittrock selbst gibt die Parole aus, an den ursprünglichen Pioniergeist anknüpfen zu wollen – ohne jedoch die technologischen Errungenschaften der letzten Jahre komplett über Bord zu werfen: „Die Besonderheit von mymuesli liegt darin, dass wir nah an unseren Kundinnen und Kunden sind und den Mut haben, eigene und unkonventionelle Ideen umzusetzen. Genau daran werden wir weiter anknüpfen. Gleichzeitig wollen wir gemeinsam daran arbeiten und das weiter ausbauen, was mymuesli ausmacht: Personalisierung, eine starke Markenkommunikation und digitale Exzellenz. Und vor allem wieder ins Wachstum kommen!“

Zudem kündigt der Rückkehrer an, künftig offener über die anstehenden Hürden sprechen zu wollen: „Wir haben einige spannende Herausforderungen zu bewältigen. Darüber wollen wir auf meinen und auf unseren eigenen Kanälen sprechen, ebenso wie im Dialog mit unserer Community. Denn Offenheit und Ehrlichkeit gehören seit der Gründung zur mymuesli-DNA.“

Die Historie: Der Prototyp des deutschen D2C-Erfolgs

Um die aktuelle Situation und Wittrocks Aussagen einzuordnen, lohnt ein Blick zurück. Als Max Wittrock, Hubertus Bessau und Philipp Kraiss das Unternehmen 2007 gründeten, leisteten sie echte Pionierarbeit. Die Idee der massentauglichen Individualisierung („Mass Customization“) war im europäischen Food-Sektor völlig neu. Die markanten, zylinderförmigen Dosen wurden zum Statussymbol in deutschen Büroküchen. Mymuesli bewies als einer der Ersten, dass das Direct-to-Consumer-Modell (D2C) in Deutschland im großen Stil funktionieren kann. Heute ist die Marke in sieben europäischen Ländern aktiv und zählt nach eigenen Angaben mehr als eine Million aktive Kundinnen und Kunden.

Das Geschäftsmodell im Stresstest: Die Skalierungs-Falle

Doch der Weg vom hippen Start-up zum etablierten Mittelständler war steinig. Das Geschäftsmodell stand und steht unter permanentem Druck:

  • Die Logistik- und Margen-Bremse: Individuell gemischte Müslis erfordern eine hochkomplexe, fehleranfällige Logistik. Der Einzelversand an Endkunden frisst im Vergleich zur klassischen Food-Branche massive Margen auf.
  • Der teure Filial-Traum: In der Expansionsphase betrieb das Unternehmen zeitweise 50 eigene stationäre Stores in Top-Lagen. Die hohen Mieten und Fixkosten erwiesen sich jedoch oft als zu große Belastung. Im Zuge von Restrukturierungen und der Corona-Krise musste das Filialnetz drastisch eingedampft werden.
  • Der Spagat im Supermarkt: Um weiter wachsen zu können, ging der Weg in den klassischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Dort konkurrieren die vorgefertigten Standard-Mischungen nun direkt mit etablierten FMCG-Riesen und agilen Start-ups (wie 3Bears), wodurch der ursprüngliche Wettbewerbsvorteil der reinen Individualisierung verwässert wird.

Was Gründer*innen daraus lernen können

Für die Start-up-Szene liefert das Stühlerücken in Passau drei wesentliche Lektionen:

Technologie ersetzt keine Seele: Der Versuch, ein stagnierendes Konsumgütergeschäft allein durch den Stempel von KI-Prozessen zu transformieren, greift oft zu kurz. D2C-Marken leben von Storytelling, Haltung und nahbarer Kommunikation.

Der „Boomerang-CEO“ als zweischneidiges Signal: Wenn Gründer zurückkehren, schafft das kurzfristig enormes Vertrauen bei Team, Partnern und Investor*innen. Es bleibt jedoch die operative Herausforderung, die Nostalgie der Anfangsjahre mit den harten wirtschaftlichen Realitäten der Gegenwart zu verknüpfen.

Die Omnichannel-Sackgasse: Der Übergang vom reinen Online-Nischenplayer zum Massenmarkt-Anbieter im Supermarkt ist ein Drahtseilakt, bei dem die Markendifferenzierung schnell verloren gehen kann. Wittrocks Fokus auf Community-Nähe und ehrliche Kommunikation ist der Versuch, genau dieses Ruder rechtzeitig herumzureißen.

WERK1: 30-Mio.-Spritze für Münchens Start-up-Leuchtturm

München festigt seinen Anspruch als führender Start-up-Standort in Deutschland: Das Gründungszentrum WERK1 erhält für die Jahre 2027 bis 2032 eine millionenschwere Anschlussförderung des Freistaats Bayern.

Mit rund 30 Millionen Euro soll das Zentrum am Münchner Ostbahnhof zu einem internationalen Start-up- und Scale-up-Campus ausgebaut werden. Doch während der Freistaat kräftig in Infrastruktur investiert, bleibt die Frage, ob Raumkonzepte allein die strukturellen Hürden des europäischen Tech-Ökosystems überwinden können.

Die Faktenlage: Ausbau statt Stagnation

Wie das Bayerische Wirtschaftsministerium unlängst bekanntgab, fließen die Mittel in den konsequenten Ausbau des Standorts im Münchner Werksviertel. Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Tobias Gotthardt betonte bei der Übergabe des Förderbescheids an WERK1-Geschäftsführer Dr. Robert R. Richter die Rolle des Zentrums als „Möglichmacher“ und „zentralen Hub“.

Die blanken Zahlen untermauern das bayerische Selbstbewusstsein: Mit 626 Neugründungen im ersten Halbjahr 2026 – ein Zuwachs von 48 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 – führt Bayern das bundesweite Ranking der Gründungsdynamik an. München hat, gemessen an der Einwohnerzahl, Metropolen wie Berlin und Düsseldorf als Gründungshochburgen abgehängt. Dr. Richter sieht in der Finanzspritze einen „klaren Auftrag“, das WERK1 zu einem vollumfänglichen Campus weiterzuentwickeln, auf dem Start-ups, Scale-ups, Investoren und Wissenschaft noch enger verzahnt werden.

Hintergrund: Vom Pfanni-Werk zum Coliving-Vorreiter

Die Historie des WERK1 spiegelt die Transformation des Münchner Ostens wider. Wo einst der Verwaltungssitz des Kartoffelherstellers Pfanni residierte, entstand vor über einem Jahrzehnt das erste WERK1. Einen Meilenstein markierte 2023 die Eröffnung des Erweiterungsbaus „WERK1.4“, der neben einer Flächenverdopplung auf rund 10.000 Quadratmeter auch 63 vollausgestattete Coliving-Apartments umfasste. Ein Novum in der Szene, das gezielt auf einen der größten Flaschenhälse für Start-ups in München reagierte: den immens teuren Wohnungsmarkt. Durch De-minimis-geförderte, all-inclusive Mieten schuf Bayern hier eine begehrte „Softlanding“-Plattform für internationale Talente und Gründer*innen.

Subventionierte Blase oder essenzieller Nukleus?

Für das Ökosystem ist die Förderung ein Paukenschlag. Doch eine rein lobpreisende Betrachtung greift zu kurz. Ein differenzierter Blick auf die 30-Millionen-Euro-Investition offenbart starke Hebel, aber auch strukturelle blinde Flecken:

  • Die Standort-Rendite: Ohne Zweifel ist das WERK1 ein Erfolgsmodell. Es fungiert als Gravitationszentrum der bayerischen Gründerszene und hat landesweit Vorbildcharakter – inzwischen existieren 19 digitale Gründerzentren an 30 Standorten im Freistaat. Der Netzwerkeffekt zwischen Tech-Talenten, Corporates und Kapitalgebern an einem zentralen Ort ist immens.
  • Die Gefahr der „Wohlfühloase“: Staatlich stark subventionierte Räumlichkeiten und geförderte Coaching-Programme bergen stets das latente Risiko, dass junge Unternehmen sich in einer geschützten Blase einrichten. Dem WERK1 gelingt es bislang, dieses Risiko durch strikte Aufnahmekriterien, Evaluationen und eine maximale Verweildauer (meist bis zu 5 Jahre) abzufedern. Dennoch steigen bei einem Ausbau zum „Scale-up Campus“ die Anforderungen an echte Markthärte und KPI-getriebenen Erfolg.
  • Der blinde Fleck – Late-Stage-Funding: Raum, Netzwerk-Events und günstige Apartments sind essenziell für die Seed- und Early-Stage-Phase. Das fundamentale Problem der deutschen Start-up-Landschaft ist jedoch nicht der Mangel an Schreibtischen, sondern der chronische Mangel an Wachstumskapital (Growth Capital) in späteren Skalierungsphasen. Benötigen bayerische Tech-Hoffnungen zweistellige Millionenbeträge, richtet sich der Blick meist mangels regionaler Alternativen nach Übersee. Eine physische Campus-Erweiterung allein adressiert diese tiefersitzende Finanzierungslücke bei Scale-ups nicht unmittelbar.

Fazit & Würdigung

Dass die bayerische Staatsregierung in wirtschaftlich volatilen Zeiten, geprägt von geopolitischen Unsicherheiten, KI-Machtkämpfen und anhaltendem Konsolidierungsdruck im VC-Markt, antizyklisch und massiv in ihr Start-up-Ökosystem investiert, ist ein starkes und lobenswertes Signal der Standortsicherung. Das WERK1 hat sich längst von einem klassischen Coworking-Space zu einer Institution gemausert, deren Strahlkraft dem bayerischen Ökosystem und darüber hinaus enorme Sichtbarkeit verleiht.

Die zentrale Herausforderung für das WERK1-Team um Dr. Richter wird für die neue Förderperiode bis 2032 darin bestehen, den Hub nicht nur als attraktive Herberge, sondern als verlässliche Brücke zu internationalem Big-Ticket-Kapital zu positionieren. Gelingt dieser Brückenschlag, sind die 30 Millionen Euro zweifelsohne exzellent investiertes Steuergeld für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Landes.

KI-PropTech reltix sichert sich 3 Mio. Euro Pre-Seed

Ein Jahr nach der Gründung meldet das Düsseldorfer PropTech reltix der Gründer Léon Alexander Bamesreiter und Jan Oliver Horstmann eine abgeschlossene Pre-Seed-Finanzierungsrunde über drei Millionen Euro. Mit einem Annual Recurring Revenue (ARR) von über einer Million Euro und mehr als 4.000 verwalteten Wohn- und Gewerbeeinheiten legt das Start-up ein beeindruckendes Tempo vor. Doch der Anspruch reicht weit über die bloße Hausverwaltung hinaus: Die eigens entwickelte technologische Infrastruktur „centrix“ soll langfristig zum Betriebssystem der gesamten Immobilienbranche aufsteigen. Ein ambitioniertes Ziel in einem historisch trägen und fragmentierten Markt.

Die Geschichte von reltix entspringt einem klassischen Gründer*in-Schmerzpunkt. Co-Founder Léon Alexander Bamesreiter kaufte bereits als 20-Jähriger, während seines dualen Studiums bei der Commerzbank, seine erste Wohnung. Was er im Kontakt mit klassischen Hausverwaltungen erlebte – dicke Aktenordner, schleppende Kommunikation, mangelnde Transparenz –, brachte ihn zu der frustrierenden Erkenntnis, letztlich selbst den Job des Hausverwalters machen zu müssen. Gemeinsam mit seinem WHU-Kommilitonen Jan Oliver Horstmann sowie dem dritten Mitgründer Andreas Franz Plakinger startete er eine Umfrage unter 120 Eigentümern: 87 Prozent äußerten Unzufriedenheit mit ihrer bisherigen Verwaltung.

Ausgestattet mit einem Gründungsstipendium wurde im Mai 2025 die relia GmbH ins Handelsregister eingetragen, bevor das Unternehmen im Juli 2025 in die heutige reltix GmbH umfirmierte. Im Juli 2026 beschäftigt das im Düsseldorfer Medienhafen beheimatete Start-up bereits über 30 Mitarbeitende an den Standorten Düsseldorf und Essen. Im Sommer 2026 folgte zudem die strategische Expansion nach Frankfurt am Main, wo erste Mandate gewonnen wurden.

Der Verwalter als Trojanisches Pferd

Reltix ist keine reine Software-as-a-Service-Bude (SaaS), sondern kombiniert die operative Hausverwaltung mit einer eigenen Tech-Plattform. Das Startup agiert selbst als Hausverwalter und speist das dadurch gewonnene Prozess- und Datenwissen direkt in die eigene Infrastruktur „centrix“ ein.

Der konkrete Mehrwert laut Unternehmensangaben:

  • Selbst komplexeste Logiken, wie beispielsweise eine Jahresabrechnung, werden in simple Systemabfragen verwandelt.
  • Anfragen werden nicht einfach weitergereicht, sondern direkt gelöst – entweder durch den Verwalter in der Software oder durch den KI-Assistenten am Telefon und im Kund*innenportal.
  • Durch die technologische Infrastruktur werden Kund*innenanfragen erheblich schneller abgewickelt und die Abläufe im operativen Management deutlich effizienter.

Der langfristige Plan dahinter ist radikal: reltix positioniert sich an der zentralen Schnittstelle zwischen dem/der Eigentümer*in und sämtlichen Dienstleistungen rund um die Immobilie – vom Banking über Energie (Strom und Wärme) bis hin zu großen Sanierungsarbeiten. Aus dieser Machtposition heraus soll „centrix“ zur „Kontextmaschine“ werden, an die sämtliche externe Dienstleister andocken.

Genau diesen Anspruch unterstreicht Co-Founder Léon Alex Bamesreiter: „Wir sehen Immobilienverwaltung nicht als klassischen Verwaltungsservice, sondern als grundlegende Infrastruktur einer ganzen Branche.“ Die frischen Mittel sollen nun direkt in diese Vision fließen. „Die Finanzierung ermöglicht uns, centrix schneller weiterzuentwickeln, unser Team auszubauen und unsere Plattform in weitere Märkte zu bringen. Langfristig wollen wir die technologische Grundlage schaffen, die aus einer fragmentierten Branche ein funktionierendes Ökosystem macht“, so Bamesreiter.

Unterstützt wird dieser stark technologische Ansatz nicht nur durch Lead-Investoren wie den Züricher Fintech-Inkubator Tenity, sondern auch durch staatliche Gelder. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gewährt reltix eine Forschungszulage in Höhe von 1,3 Millionen Euro. Die Förderung bestätigt den technologischen Anspruch von centrix und beschleunigt dessen Weiterentwicklung in den kommenden Jahren.

Die Skalierungsfalle

Zu den Kund*innen von reltix zählen neben klassischen Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) und privaten Eigentümer*innen auch zunehmend Asset Manage*innen, Family Offices, Entwickler*innen sowie institutionelle Bestandshalter*innen. Die Nachfrage im Markt ist zweifellos vorhanden. Doch das hybride Geschäftsmodell birgt immense Herausforderungen.

Die Immobilienverwaltung ist hyperlokal, extrem operativ und rechtlich komplex. Der Markt wird bisher von unzähligen lokalen Kleinbetrieben sowie einigen wenigen Platzhirschen dominiert. Wettbewerber wie Matera (Fokus auf Beiräte/WEGs) oder reine Softwareanbieter wie Casavi und immocloud greifen den Markt aus unterschiedlichen Richtungen an. Die große Gefahr für reltix: Das operative Geschäft der Hausverwaltung frisst Kapital und bindet Personal. Während reine Software schnell und grenzenlos skaliert, benötigt das „Tech-enabled Service“-Modell in jeder neuen Region physische Präsenz, lokale Handwerker*innen-Netzwerke und personelle Kapazitäten für Vor-Ort-Begehungen.

Es bleibt kritisch zu hinterfragen, ob die von Co-Founder Bamesreiter anvisierte Transformation zu einer funktionierenden technologischen Infrastruktur einer ganzen Branche aus der ressourcenintensiven Position eines operativen Verwalters heraus profitabel gelingen kann. Die Margen im Standardverwaltungsgeschäft sind traditionell niedrig; der Erfolg von reltix hängt somit maßgeblich davon ab, wie viel manuelle Arbeit tatsächlich durch die KI-Assistenz ersetzt werden kann.

Fazit und Einordnung

Für SaaS-Gründer*innen gilt der Sprung auf die erste Million Euro ARR oft als der Startschuss, an dem sich zeigt, ob das Geschäftsmodell exponentiell wachsen (compounding) und den berühmten „T2D3“-Pfad (Triple, Triple, Double, Double, Double) meistern kann. Ein Funding von drei Millionen Euro plus 1,3 Millionen Euro Forschungszulage ist in der aktuellen Marktphase für eine Pre-Seed-Runde äußerst beachtlich und spricht für das starke Storytelling des WHU-Gründerteams.

Der Weg vom operativen Verwalter zum Ökosystem erfordert jedoch mehr als nur einen exzellenten Tech-Stack. Reltix muss beweisen, dass die „Unit Economics“ bei der Erschließung neuer Städte stabil bleiben. Gelingt es dem Team, aus einer zersplitterten Branche ein funktionierendes Ökosystem zu formen, hat reltix das Potenzial, den PropTech-Markt nachhaltig zu dominieren. Bis dahin ist es jedoch ein hartes Stück (Immobilien-)Arbeit.

1,8 Mrd. Dollar für Helsing

Das KI-Verteidigungs-Start-up Helsing hat eine historische Series-E-Finanzierung in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Die Runde war massiv überzeichnet – ein beeindruckender Meilenstein für ein Unternehmen, das erst 2021 gegründet wurde.

Die nackten Zahlen markieren einen historischen Meilenstein für das europäische Tech-Ökosystem: Das Münchner DefenseTech-Start-up Helsing hat eine Series-E-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar abgeschlossen und wird nun mit astronomischen 18 Milliarden US-Dollar bewertet.

Die Investorennachfrage überstieg das verfügbare Volumen deutlich. Das Konsortium liest sich wie das Who-is-Who des globalen Kapitals: Unter anderem sind Dragoneer, Lightspeed Venture Partners, Goldman Sachs, JPMorganChase, General Catalyst und Plural an Bord. Trotz der massiven US-Beteiligung bleibt Helsing mehrheitlich in europäischem Besitz. Dem Verwaltungsrat sitzen weiterhin Spotify-Gründer Daniel Ek sowie der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders vor.

Doch was steckt hinter dem rasanten Aufstieg des Unternehmens, wer sind die Köpfe dahinter und wie tragfähig ist das Modell, die Verteidigung der Zukunft primär durch Software zu definieren?

Die Gründer: Vom Gaming und Ministerium zum Rüstungs-Unicorn

Helsing wurde im März 2021 gegründet. Hinter dem Unternehmen steht ein ungewöhnliches, interdisziplinäres Gründer-Trio, das bewusst aus völlig unterschiedlichen Welten zusammenkam:

  • Torsten Reil (Co-CEO): Studierter Biologe und KI-Experte aus der Gaming-Industrie. Er gründete zuvor NaturalMotion (ein Spin-off der Universität Oxford), dessen Animationssoftware in Blockbuster-Spielen wie GTA genutzt und später für über 520 Millionen Dollar an Zynga verkauft wurde.
  • Dr. Gundbert Scherf (Co-CEO): Bringt die strategisch-politische Tiefe. Er war zuvor Beauftragter im Bundesverteidigungsministerium und kennt die starren, oft langwierigen Beschaffungsprozesse des Militärs aus eigener Erfahrung.
  • Niklas Köhler (President & CPO): Spezialist für Deep Learning, der die technologische Expertise für die Software-Architektur beisteuert.

Die Gründungsidee basierte auf der Erkenntnis, dass gigantische Mengen an Sensordaten des Militärs ungenutzt bleiben und moderne Kriegsführung maßgeblich durch Software entschieden wird. Spotify-Gründer Daniel Ek glaubte früh an diese Vision und finanzierte das Vorhaben im November 2021 über sein Investmentvehikel Prima Materia mit einer für europäische Verhältnisse beispiellosen Seed-Runde von 100 Millionen Euro.

Das Geschäftsmodell: Silicon Valley statt „Cost-Plus“

Traditionelle Rüstungskonzerne arbeiten vornehmlich nach dem sogenannten „Cost-Plus“-Modell: Der Staat beauftragt und finanziert die jahrelange Entwicklung von militärischer Hardware. Helsing dreht diesen Prozess als softwaregetriebener Disrupter um: Das Unternehmen entwickelt primär mit privatem Risikokapital, um marktreife Softwarelösungen schnell und flexibel an das Militär verkaufen zu können.

Helsings Kernprodukt ist eine KI-Plattform, die riesige Mengen an Sensordaten auf dem Schlachtfeld in Echtzeit auswertet, fusioniert und vernetzt. Mittlerweile integriert das Startup seine Technologie sowohl in bestehende Großplattformen – wie beim Upgrade der elektronischen Kampfführung des Eurofighters – als auch in neue, softwaregesteuerte Systeme. Dazu zählt die Ausstattung autonomer Drohnenschwärme („Loitering Munition“) ebenso wie KI-Software für die Unterwasser-Überwachung.

Markt und Wettbewerber: Das Betriebssystem des Krieges

Der Markt für „Defense Tech“ erlebt durch die veränderte geopolitische Weltlage und weltweit drastisch steigende Verteidigungsbudgets einen massiven Boom. Helsing positioniert sich hier als die souveräne, europäische Antwort auf die US-Dominanz.

Die Hauptkonkurrenz stammt direkt aus dem Silicon Valley:

  • Anduril Industries: Das vom Oculus-Gründer Palmer Luckey initiierte Unternehmen verfolgt einen ähnlichen Ansatz (Lattice OS), skaliert massiv die Produktion autonomer Systeme und wird im Peak bereits im hohen zweistelligen Milliardenbereich taxiert.
  • Palantir: Der US-Datenriese ist der Pionier bei der Datenfusion für Geheimdienste und Militär, weshalb Helsing in der Branche oft als das „europäische Palantir“ bezeichnet wird.

Kritische Würdigung: Die Belastungsprobe des Hypes

Trotz des gewaltigen Aufschwungs erfordert das Modell Helsing eine nüchterne, kritische Betrachtung:

  1. Bewertungsblase vs. staatliche Trägheit: Eine Bewertung von 18 Milliarden Dollar preist ein extremes, fast fehlerfreies Zukunftswachstum ein. Obwohl Helsing prestigeträchtige Regierungsaufträge sichern konnte, bleiben europäische Beschaffungsprozesse bürokratisch. Ob die realen Umsätze die Erwartungen des Venture Capitals dauerhaft rechtfertigen, muss sich erst noch zeigen.
  2. Die Ethik der Autonomie: Helsing verweist stets auf restriktive ethische Standards und die Prämisse, ausschließlich mit Demokratien zusammenzuarbeiten. Dennoch berührt der Einsatz von KI-Systemen, die innerhalb von Millisekunden Ziele erkennen und priorisieren, ethische rote Linien. Die lückenlose Kontrolle durch den Menschen (Human-in-the-loop) bleibt in der Hochgeschwindigkeits-Kriegsführung ein rechtliches und moralisches Spannungsfeld.

Was das Start-up-Ökosystem von Helsing lernen kann

Für Gründerinnen und Gründer jenseits der Rüstungsindustrie liefert der Case Helsing drei fundamentale Learnings:

  • Radikale Talent-Dichte: Die Gründer betonen unermüdlich, dass Recruiting absolute Chefsache ist. Um traditionelle Branchen zu überholen, bedarf es einer kompromisslosen Konzentration auf die besten Tech-Talente des Marktes.
  • Vom Problem her gründen: Das Team spürte eine geopolitische Dringlichkeit und baute das Unternehmen mitten in einer globalen Zeitenwende auf, statt in vermeintlich sicheren, rein zivilen Nischen zu verharren.
  • Ein starkes, klares Narrativ: Um hochqualifizierte Software-Entwickler aus der zivilen Tech-Welt für das ethisch sensible Defense-Segment zu gewinnen, braucht es Sinnstiftung. Helsing löst dies durch das klare, übergeordnete Versprechen, die technologische Souveränität westlicher Demokratien zu schützen.

Helsing hat bewiesen, dass man in Europa aus dem Stand ein hochkapitalisiertes Deep-Tech-Unicorn formen kann. Der finale Lackmustest wird nun sein, ob die Software die extremen Erwartungen der Investoren und die raue, sicherheitspolitische Realität langfristig ausgleicht.

Regulierung als Wachstumstreiber: Wie das EU-Vernichtungsverbot für Textilien einen Milliardenmarkt für Start-ups schafft

In wenigen Tagen, am 19. Juli 2026, tritt die strengste Phase der neuen EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft: Große Händler*innen dürfen unverkaufte Kleidung und Retouren nicht mehr vernichten. Was die klassische Textilindustrie unter massiven Anpassungsdruck setzt, ist für Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft der Startschuss für einen hochprofitablen B2B-Markt. Eine Markteinordnung.

Die Zahlen der Fashion-Industrie waren lange ein ökologischer Offenbarungseid: Bei Retourenquoten von teils über 40 Prozent im Onlinehandel landeten europaweit jährlich Millionen Tonnen neuwertiger Textilien im Schredder oder in der Verbrennungsanlage. Die Sichtung und Aufbereitung von Retouren oder Saisonware war für viele Marken schlichtweg teurer als die Entsorgung.

Doch damit ist ab dem 19. Juli 2026 Schluss. Mit dem Greifen der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) gilt für große Unternehmen ein striktes Vernichtungsverbot für Bekleidung, Accessoires und Schuhe. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling etablieren und diese lückenlos dokumentieren. Wer dennoch entsorgt, muss Menge und Gründe künftig öffentlich machen – ein enormes Reputationsrisiko. Für mittelständische Unternehmen folgt das Verbot 2030, Kleinstunternehmen bleiben vorerst ausgenommen.

„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, ordnet Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung, die politische Weichenstellung ein.

Der Markt: Compliance erzwingt Innovation

Damit wandelt sich die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in der Textilbranche schlagartig von einem CSR-Thema („nice to have“) zu harter Compliance. Marken suchen händeringend nach externen Dienstleister*innen, um ihre Prozesse gesetzeskonform und kosteneffizient umzubauen.

Fast Fashion und der Post-Consumer-Abfall

Das neue Vernichtungsverbot ist ein regulatorischer Meilenstein, doch es adressiert vor allem die Spitze des Eisbergs: unverkaufte Neuware und Retouren (Pre-Consumer-Waste). Die weitaus größere Herausforderung bleibt das dahinterliegende Geschäftsmodell der Fast Fashion. Durch extrem kurze Nutzungsdauern, mindere Materialqualitäten und geringe Wiederverwendungsquoten entsteht der Großteil des globalen Textilmüllbergs erst nach dem Kauf bei dem /der Endverbraucher*in.

„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, mahnt Dr. Carsten Gerhardt. Für Start-ups bedeutet das: Wer nicht nur unverkaufte Neuware rettet, sondern skalierbare Lösungen für den gewaltigen Post-Consumer-Abfall der Fast-Fashion-Industrie findet, bedient einen Markt mit gigantischem Volumen.

Das deutsche Start-up-Ökosystem: Wer den Kreislauf schließt

In genau diese Lücken stoßen derzeit deutsche Start-ups. Sie bauen die technologische und logistische Infrastruktur für eine Industrie, die bisher primär auf den linearen Vertrieb optimiert war. Das Ökosystem fächert sich dabei in hochspezialisierte Segmente entlang des gesamten Produktlebenszyklus auf:

Produktdesign & digitale Infrastruktur (Pre-Life)

Um Textilien am Ende ihrer Lebensdauer verwerten zu können, müssen Materialzusammensetzungen exakt bekannt sein.

  • circular.fashion (Berlin): Das Start-up von Gründerin Ina Budde zählt zu den deutschen Pionieren für den von der EU geforderten Digitalen Produktpass (DPP). Mit der circularity.ID erhält jedes Kleidungsstück einen digitalen "Reisepass" (via QR-Code oder NFC), der alle Infos zu Materialien speichert. Zudem bietet das Unternehmen eine Software an, die Designern schon beim Entwurf zeigt, ob ein Produkt später mechanisch oder chemisch recycelbar ist.

Recommerce-as-a-Service & Reverse Logistics (Mid-Life)

Unverkaufte Ware und Retouren müssen vorrangig wieder in den Markt gebracht werden.

  • reverse.supply (Berlin): Einer der führenden Akteure für B2B-Recommerce. Das Start-up baut für Marken wie Armedangels oder hessnatur White-Label-Second-Hand-Shops auf und übernimmt die komplette „Reverse Logistics“ im Hintergrund: Annahme, Qualitätsprüfung (Grading), Aufbereitung und Fotografie. Für Marken, die ab sofort nicht mehr vernichten dürfen, ist dieser Service ein direkter Rettungsanker.
  • Recash (München): Ein plattformgetriebener Ansatz, der Marken hilft, Recommerce unkompliziert an den primären E-Commerce anzudocken. Das Start-up fungiert als Schnittstelle zwischen Kunden, Marken und Second-Hand-Verwertern.
  • TextilTiger: Der Spezialist für die „First Mile“ der Alttextilien. Das in Hamburg gegründete Start-up holt Altkleider mit E-Lastenrädern direkt an der Haustür ab – ein Service, den das Unternehmen aktuell fokussiert in München anbietet. Das verhindert die in klassischen Sammelcontainern übliche Verschmutzung und garantiert die hohe Materialqualität, die für ein anschließendes Recycling zwingend nötig ist.

DeepTech, Recycling & Materialrückgewinnung (End-of-Life)

Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen recycelt werden. Hier liegt die höchste technologische Einstiegshürde.

  • eeden (Münster): Das Start-up löst das Problem von Mischgeweben (z.B. Baumwoll-Polyester-Mix). Mit einem patentierten chemischen Recyclingverfahren gewinnen sie Zellulose aus Alttextilien zurück, die zu neuen, hochwertigen Fasern gesponnen wird. Wie stark dieser Markt wächst, zeigt eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung von eeden über 18 Millionen Euro.
  • TURNS (Erlangen): Fokussiert sich auf das physische Faser-zu-Faser-Recycling. Das exist-geförderte Start-up sortiert Alttextilien und verarbeitet sie zu hochwertigem Recycling-Garn für neue Kollektionen.
  • Kleiderly (Berlin): Für Textilien, die nicht mehr zu Garn werden können, hat das preisgekrönte Start-up ein Verfahren entwickelt, das Textilmüll in eine Alternative zu erdölbasiertem Plastik umwandelt – etwa für die Produktion von Kleiderbügeln für die Modeindustrie.

B2B-Nischen & Corporate Workwear

Auch abseits der klassischen Modeindustrie entsteht durch die Regulierung enormer Innovationsdruck.

  • Circularity: Das Alumni-Start-up (Batch 1) des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung zeigt, wie branchenspezifische Lösungen aussehen. Das Team entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe speziell für Berufsbekleidung. Ein enormer Hebel, da Workwear aufgrund von Firmenlogos und Sicherheitsnormen bisher fast ausnahmslos der Verbrennung zugeführt wurde.

Wo die Chancen für Gründer*innen liegen

Das Wettbewerbsumfeld formiert sich gerade neu. Für Gründer*innen und VCs ergeben sich vor dem Hintergrund der neuen EU-Regulierung drei zentrale Kernmärkte mit enormem Skalierungspotenzial:

  1. Software & Reporting: Werkzeuge für Materialdokumentation, Traceability (DPP) und rechtskonformes Reporting treffen aktuell auf Kunden mit extrem hoher Zahlungsbereitschaft, da die Fristen für die großen Akteur*innen ablaufen.
  2. Infrastructure-as-a-Service: Modekonzerne sind auf den Hinweg zur Kundschaft optimiert. Start-ups, die die extrem kleinteilige Logistik für Grading, Refurbishment und Recommerce als White-Label-Lösung abnehmen, skalieren stark.
  3. Climate-Tech & Materialinnovation: Verfahren, die das Textilrecycling vom Labor in den industriellen Maßstab bringen, lösen den größten Flaschenhals der gesamten Branche und stehen im Fokus großer Kapitalgebenden.

Fazit

Das Vernichtungsverbot markiert das regulatorisch erzwungene Ende des linearen „Take-Make-Dispose“-Modells in der Textilbranche. Der Gesetzgeber agiert ab sofort als mächtigster Vertriebsmitarbeiter für Circular-Economy-Start-ups. Wer jetzt die B2B-Schnittstellen baut, um großen Marken die Kreislaufwirtschaft als Service anzubieten, positioniert sich rechtzeitig in einem wichtigen europäischen Wachstumsmarkt.

Quantensprung in der Chip-Inspektion: Wie QuantumDiamonds den globalen Halbleitermarkt aufmischen will

Mit 91 Millionen Euro frischem Kapital – darunter massive EU-Fördermittel – baut das Münchner DeepTech-Start-up QuantumDiamonds eine eigene Fabrik. Die Technologie verspricht, die fehleranfällige Chip-Produktion zu revolutionieren. Doch der Weg vom vielversprechenden Uni-Spin-off zum globalen Hardware-Lieferanten in einer hochkonservativen Industrie birgt gewaltige Hürden. Eine Analyse.

Die Zahlen lassen aufhorchen, selbst im oft von Superlativen geprägten Tech-Ökosystem: Insgesamt 91 Millionen Euro fließen in das 2022 gegründete Münchner Start-up QuantumDiamonds. Davon stammen 15 Millionen Euro aus einer Series-A-Runde, angeführt vom World Fund und unter Beteiligung von Bayern Kapital, IQ Capital, Earlybird und weiteren namhaften VCs. Den wahren Hebel liefert jedoch die öffentliche Hand: 76 Millionen Euro fließen als nicht verwässernde Direktförderung im Rahmen des European Chips Acts, bereitgestellt vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Freistaat Bayern. Das ambitionierte Ziel: Noch im Jahr 2026 soll in München der erste Bauabschnitt einer 152 Millionen Euro teuren Produktionsstätte für quantenbasierte Halbleiterprüftechnik in Betrieb gehen.

Die Historie: Vom TUM-Labor in die globalen Fabs

Hinter QuantumDiamonds stehen Kevin Berghoff (CEO) und Dr. Fleming Bruckmaier (CTO), die das Unternehmen als Spin-off der Technischen Universität München (TUM) und gefördert durch die TUM Venture Labs gründeten. Berghoff, der Management studierte und zuvor als Berater bei McKinsey Tech-Konzerne zu Wachstumsstrategien beriet, liefert das kommerzielle Rüstzeug. Bruckmaier, promovierter Quantenphysiker der TUM mit Masterabschluss der ETH Zürich, bringt die technologische Tiefe mit.

Die Entwicklungsgeschwindigkeit des Teams ist enorm: Nach ersten Prototyping-Grants sicherte sich das Start-up Ende 2023 eine Seed-Finanzierung in Höhe von 7 Millionen Euro. Nur rund zweieinhalb Jahre später expandierte QuantumDiamonds im Frühjahr 2026 nach Taiwan und ins kalifornische Silicon Valley, um strategisch nah an den asiatischen und US-amerikanischen Halbleiter-Clustern zu operieren.

Das Problem und die technologische Lösung

Der größte Engpass der modernen Chipindustrie liegt im Qualitätsmanagement. Halbleiter werden nicht mehr nur flach (2D), sondern zunehmend in komplexen, mehrlagigen 3D-Architekturen (Advanced Packaging) verbaut – eine Grundvoraussetzung für leistungsstarke KI-Anwendungen. Traditionelle Prüfverfahren erfordern oft das physische Zerschneiden von Chip-Proben. Das dauert teils Wochen und zerstört das wertvolle Produkt.

Hier setzt QuantumDiamonds an: Das Unternehmen nutzt sogenannte Stickstoff-Vakanzzentren (NV-Zentren) in synthetischen Diamanten als Quantensensoren. Diese Sensoren messen Magnetfelder, die durch fließende elektrische Ströme in den Chips entstehen, optisch und auf den Nanometer genau. Der entscheidende Vorteil: Das Verfahren arbeitet zerstörungsfrei und reduziert den Prozess der Fehlererkennung von Wochen auf wenige Minuten.

Geschäftsmodell, Markt und Wettbewerb

So brillant die Technologie im Labor glänzt, so steinig ist der vor QuantumDiamonds liegende Weg in den globalen Markt. Ein kritischer Blick auf die strategischen Hürden:

  • Das „Valley of Death“ der Hardware-Skalierung (Capex-Risiko): Ein 152-Millionen-Euro-Produktionsstandort ist für ein junges Unternehmen ein gigantisches finanzielles Wagnis. Hardware-Start-ups scheitern besonders in Europa oft an der extremen Kapitalintensität (Capital Expenditure, Capex). Ohne die massiven Subventionen aus dem European Chips Act hätten traditionelle Venture-Capital-Geber ein solches Vorhaben kaum allein geschultert. Das Geschäftsmodell ist somit stark von politischen, industriestrategischen Konjunkturen abhängig.
  • Der harte Kampf um den „Inline“-Betrieb: Bislang werden die Werkzeuge von QuantumDiamonds vor allem für stichprobenartige Analysen in Laboren eingesetzt. Das erklärte Ziel ist es jedoch, hochskalierte Inspektionssysteme für die 100-prozentige Qualitätskontrolle direkt am Fließband (Inline-Inspektion) zu etablieren. In den Reinräumen der Chip-Giganten zählt jede Sekunde. Die Anlagen müssen im 24/7-Betrieb absolut ausfallsicher laufen. Die Halbleiterbranche gilt als extrem konservativ, wenn es darum geht, völlig neue physikalische Messmethoden in laufende, hochempfindliche Prozesse zu integrieren.
  • Klumpenrisiko im Oligopol: Laut eigenen Angaben arbeitet das Start-up bereits mit neun der zehn weltweit führenden Chip-Hersteller zusammen. Der Markt ist jedoch ein extremes Oligopol (bestehend aus wenigen Playern wie TSMC, Intel oder Samsung). Das bedeutet: Einige wenige Großkunden diktieren die Bedingungen, und die Verkaufszyklen für Multimillionen-Dollar-Maschinen sind enorm lang. Um planbar zu wachsen, muss es QuantumDiamonds gelingen, neben dem Hardware-Verkauf wiederkehrende Umsätze über Software- und Wartungsabonnements (Software-as-a-Service zur Datenanalyse) zu etablieren.
  • Die Konkurrenz der Branchenriesen: Im spezifischen Bereich der Quanten-Metrologie für Halbleiter besitzt QuantumDiamonds derzeit einen technologischen Vorsprung. Der eigentliche Wettbewerb droht jedoch durch die Verdrängung etablierter, klassischer Inspektionsverfahren von Markt-Goliaths wie der KLA Corporation oder Applied Materials. Diese US-Konzerne verfügen über milliardenschwere F&E-Budgets und jahrzehntelange, tief verzweigte Lieferbeziehungen zu den Chip-Fabriken.

Einordnung für die Start-up-Szene

Der Case QuantumDiamonds ist für die europäische Gründungsszene ein wichtiges Signal und ein Paradebeispiel für eine kluge Finanzierungsstrategie. Das Gründerteam beweist, wie sich das aktuelle geopolitische Momentum – der Wille der EU und des Bundes, technologische Souveränität in der Halbleiter-Lieferkette aufzubauen – als massiver Hebel für das eigene Wachstum nutzen lässt.

Während sich ein Großteil der Investor*innen derzeit im weniger kapitalintensiven B2B-SaaS- und KI-Softwaremarkt tummelt, zeigt QuantumDiamonds: DeepTech-Hardware Made in Germany ist finanzierbar, wenn VC-Geld intelligent mit hochvolumigen staatlichen Fördertöpfen kombiniert wird. Meistert das Team nun den Übergang von der universitären Ausgründung zum verlässlichen Serienproduzenten für die anspruchsvollsten Fabs der Welt, könnte in München ein neuer europäischer Hardware-Champion nach dem Vorbild des niederländischen Tech-Riesen ASML heranwachsen.

ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren

Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.

Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.

Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.

Ein Marktsegment mit Potenzial

Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:

Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand

Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“

Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.

Darum lohnt es sich mitzumachen

Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.

Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.

Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.

Weitere Informationen und Bewerbung finden sich hier.

Porelio sammelt 2,4 Mio. Euro ein

DeepTech-Hoffnung oder nur ein weiterer Filter im umkämpften PFAS-Markt?

Drei Wissenschaftler*innen wollen eine 30 Jahre alte Materialklasse erstmals industriell herstellbar machen. Mit einer überzeichneten Pre-Seed-Runde von 2,4 Millionen Euro wagt das 2025 gegründete deutsche Start-up Porelio nun den Sprung vom Labor in die Industrie. Das Versprechen der Gründenden: Wertvolle Edelmetalle aus Industrieströmen zurückgewinnen und parallel persistente PFAS-Schadstoffe aus Wasser filtern.

Team und Historie

Porelio ist ein Spin-off der TU Berlin, das 2025 gegründet wurde. Hinter dem Unternehmen steht ein tiefgreifend wissenschaftlich ausgebildetes Gründerteam:

  • Dr. Rhea Machado (CEO) bringt eine Promotion in Verfahrenstechnik von der Technischen Universität Berlin mit.
  • Javier Silva Mora (CTO) ist Doktorand in Chemie an der renommierten École polytechnique in Paris.
  • Nikol Michailidou (CPO) hält einen MSc in Chemieingenieurwesen von der Technischen Universität Berlin.

Die Technologie des Start-ups basiert auf sogenannten FOMS (Funktionalisierte Geordnete Mesoporöse Silicamaterialien). Diese Materialfamilie lag laut CEO Dr. Machado fast dreißig Jahre lang ungenutzt auf den Laborbänken, da sie niemand im entscheidenden industriellen Maßstab herstellen konnte. Vor der aktuellen, durch den VC Faber angeführten Pre-Seed-Runde, wurde die technologische Entwicklung bereits mit öffentlichen Fördermitteln in Höhe von 2,5 Millionen Euro unterstützt.

Geschäftsmodell: Ein Schwamm für zwei Milliardenmärkte

Die patentierte Innovation von Porelio ist ein neuartiges kontinuierliches Durchflussverfahren, mit dem sich FOMS erstmals im industriellen Maßstab produzieren lassen. Der Prozess soll unter nachhaltigeren Bedingungen ablaufen und 30-mal schneller sein als herkömmliche Methoden. Die so produzierten Materialien wirken wie ein molekularer Schwamm: Sie binden gezielt bestimmte molekulare Substanzen, während der Rest der Flüssigkeit frei durchfließt.

Das Start-up adressiert damit zwei sehr unterschiedliche Märkte, die laut Porelio ein gemeinsames Potenzial von rund 34 Milliarden Euro aufweisen:

  • Edelmetallrückgewinnung: Dieser Markt wird weltweit auf etwa 16 Milliarden Euro geschätzt. Die Technologie soll hierbei beispielsweise Palladium – das derzeit mit rund 40.000 Euro pro Kilogramm bewertet wird – etwa 6-mal schneller aufnehmen als eine Standard-Adsorptionsbehandlungstechnologie.
  • PFAS-Entfernung: Der Markt für die Entfernung von "Ewigkeitschemikalien" aus Wasser wird auf rund 18 Milliarden Euro beziffert. In Tests entfernte das Porelio-Material unter realen Bedingungen fast die Hälfte der enthaltenen Trifluoressigsäure (TFA). In nur fünf Minuten wurde fast 6-mal so viel aufgenommen wie mit kommerzieller Aktivkohle im gleichen Test.

Mit dem frischen Kapital soll die Produktion nun von einem Pilotmaßstab (Kilogramm pro Tag) auf einen industriellen Maßstab (Tonnen pro Jahr) skaliert werden.

Der harte Wettbewerb im PFAS-Markt

Das Start-up stützt sich beim Thema PFAS auf einen weltweit hochdynamischen Milliardenmarkt. Doch gerade hier ist die Realität stark fragmentiert und wird von einem harten technologischen Wettrüsten dominiert, das den Vorstoß von Porelio herausfordernd macht:

  • Das PFAS-Paradoxon (Filtern vs. Zerstören): Porelio fokussiert sich auf die Adsorption – also das reine Herausfiltern und Binden von Verbindungen wie TFA. Zwar betont das Start-up, dass die Materialien regenerierbar sind, doch das wirft unweigerlich die Branchen-Gretchenfrage auf: Was passiert mit dem hochkonzentrierten PFAS-Cocktail nach dem Auswaschen der Filter? Der globale Trend im Start-up-Sektor geht längst in Richtung Mineralisierung. Finanziell hochgerüstete Konkurrenten wie Claros Technologies oder Aquagga vernichten die perfluorierten Kohlenstoffketten komplett. Reine Trennverfahren geraten regulatorisch zunehmend unter Erklärungsnot, wenn die Schadstoffe letztendlich nur verlagert werden.
  • Das Haifischbecken der Adsorptions-Verfahren: Selbst innerhalb der reinen Adsorber-Technologien bewegt sich Porelio in einem Haifischbecken. Global Player wie Veolia oder Xylem rüsten ihre gewaltigen, bestehenden Infrastrukturen weltweit für PFAS-Filterungen auf. Zudem drängen andere DeepTechs auf den Markt, die in der Skalierung bereits weiter sind: Das britische Spin-off Puraffinity hat erst kürzlich knapp 17 Millionen Pfund eingesammelt, um eigene hochselektive PFAS-Materialien in die Massenproduktion zu überführen.
  • Das „Tal des Todes“ der Skalierung: Porelio plant den enormen Schritt von Kilogramm pro Tag auf Tonnen pro Jahr. In nur fünf Minuten fast 6-mal so viel TFA aufzunehmen wie kommerzielle Aktivkohle, ist ein hervorragender Laborwert. Doch im B2B-Chemiebereich verschlingt der Bau eigener industrieller CAPEX-Anlagen Unsummen. Die aktuellen 2,4 Millionen Euro sind ein respektables Pre-Seed-Polster, reichen für die finale Großproduktion gegen milliardenschwere Konkurrent*innen aber bei Weitem nicht aus.

Unser Fazit

Porelio ist ein Paradebeispiel für ambitioniertes europäisches DeepTech. Strategisch überlebenswichtig ist der zweigleisige Ansatz der Plattformtechnologie: Während das Start-up im hart umkämpften, hochregulierten PFAS-Markt massiver Konkurrenz ausgesetzt ist, könnte die Edelmetallrückgewinnung zum rettenden Anker werden. Sie verspricht Industriekunden einen schnellen und direkten Return on Investment, was dabei helfen dürfte, das junge Unternehmen organisch querzufinanzieren.

Der entscheidende Lackmustest steht allerdings noch aus: Nach erfolgreichen Proof-of-Concept-Projekten muss das Team nun beweisen, dass sich die versprochene „30-mal schnellere“ Skalierbarkeit in kommerziell rentable Industriepartnerschaften übersetzen lässt.

Deutschlands Scale-up-Moment

Eine neue Generation von Gründer*innen adressiert die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen mithilfe von KI, Quantentechnologien, Nachhaltigkeitslösungen und moderner digitaler Infrastruktur. Wir stellen stellvertretend vier deutsche Scale-ups vor.

Deutschland steht seit langem für Ingenieurskunst, industrielle Innovation und erstklassige Forschung. Eine neue Generation von Gründerinnen und Gründern baut nun auf diesem Erbe auf, um die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen: mit KI, Quantentechnologien, Nachhaltigkeitslösungen und moderner digitaler Infrastruktur. Europa strebt nach mehr technologischer Souveränität, und damit hat sich auch die Herausforderung verschoben: weg vom Aufbau von Innovation, hin zu deren Skalierung. Deutschlands wachsendes Scale-up-Ökosystem verwandelt Forschungs- und Ingenieurskompetenz in global wettbewerbsfähige Unternehmen in den Bereichen Cybersicherheit, industrielle Automatisierung, Klimaresilienz und Arbeitswelt der Zukunft. Auf der North Star Europe, der Start-up-Plattform der GITEX AI EUROPE 2026 vom 30. Juni bis 1. Juli in Berlin, trafen diese Unternehmen auf Investorinnen und Investoren, Partner und Ökosystem-Vertreter*innen. Mit einem Ausstelleranteil von rund 40 Prozent spiegelte die Veranstaltung den wachsenden Einfluss Deutschlands in Europas Innovationswirtschaft wider.

Vier deutsche Scale-ups, auf die es sich zu achten lohnt

Quantum Optics Jena: 8,5 Mio. Euro Series A; Quantenverschlüsselung im Live-Einsatz auf Glasfasernetzen

Das 2020 gegründete, in Jena ansässige Unternehmen  Quantum Optics Jena vermarktet Quantum Key Distribution (QKD): Verschlüsselung auf Basis der Quantenphysik. Unter der Leitung von CEO Dr. Kevin Füchsel und CTO Dr. Oliver de Vries hat das Scale-up laborreife Technologie zu einsatzbereiter Infrastruktur miniaturisiert. Sie läuft über bestehende Glasfasernetze, ohne dass eine vollständig neue Kommunikationsarchitektur nötig wäre. Die Photonenpaarquelle des Unternehmens wurde vom italienischen Nationalinstitut für metrologische Forschung zertifiziert – ein Meilenstein, der Netzbetreibern und Regierungen die nötige Sicherheit gibt, quantensichere Systeme im großen Maßstab einzusetzen. Eine Series-A-Finanzierung über 8,5 Millionen Euro unter Führung von Join Capital finanziert nun diese Expansion. „Quanten sind längst keine reine Laborangelegenheit mehr. Sie werden zu einer praktischen Schicht digitaler Infrastruktur, die Organisationen dabei hilft, KI-Systeme aufzubauen, die sicher, resilient und vertrauenswürdig sind“, meint Füchsel.

HydroGeoTwin: ESA-gefördert, satelliten- und KI-gestützte Grundwasserprognosen

Wasserknappheit zeichnet sich als eines der prägenden Risiken der kommenden Jahrzehnte ab. Das in Tübingen ansässige Unternehmen HydroGeoTwin macht eine der weltweit am wenigsten sichtbaren Ressourcen messbar und steuerbar. Gegründet von Dr. Fernando Mazo D’Affonseca und unterstützt vom Business Incubation Centre der European Space Agency, kombiniert das Unternehmen Satellitendaten, IoT-Sensoren und Klimamodelle zu KI-gestützten Grundwasserprognosen und Entscheidungsgrundlagen. „HydroGeoTwin hilft Organisationen, komplexe Grundwasserdaten in klarere, schnellere und nachhaltigere Entscheidungen zu übersetzen“, erklärt D’Affonseca. Aus öffentlich geförderter Forschung ist mittlerweile ein umsatzgenerierendes Unternehmen geworden. Heute verkauft HydroGeoTwin Prognose-Dashboards und Risikotools, die Nachhaltigkeitsberichterstattung, Compliance und Ressourcenplanung unterstützen.

Plastic Fischer: mehr als zwei Mio. Kilogramm Flussplastik seit 2021 in sechs Städten abgefangen

Dass Nachhaltigkeitsunternehmen auch ohne komplexe Technologie skalieren können, zeigt Plastic Fischer aus Berlin. Das 2019 gegründete Scale-up fängt Plastikmüll in Flüssen ab, bevor er das Meer erreicht – mit dem TrashBoom, einer kostengünstigen Barriere aus lokal beschafften Materialien. Statt auf umfangreiches Venture Capital zu setzen, hat Plastic Fischer ein kommerziell tragfähiges Modell rund um das Konzept „Impact as a Service“ aufgebaut: Unternehmenspartner finanzieren Sammelprogramme und erhalten im Gegenzug verifizierte Daten zur Umweltwirkung. Amazon, Allianz und Siemens vertrauen bereits auf Plastic Fischer. Seit 2021 hat das Unternehmen mehr als zwei Millionen Kilogramm Plastik davor bewahrt, in die Ozeane zu gelangen. Das Scale-up ist in sechs Städten in Indien und Indonesien aktiv und beschäftigt mehr als 65 Mitarbeitende in Vollzeit.

retavi: softwarebasierte Fabriksteuerung statt proprietärer SPS

Das Fraunhofer-Spin-off retavi wurde 2025 in Stuttgart gegründet. Es stellt eine der hartnäckigsten Herausforderungen der Fertigungsindustrie infrage: die Abhängigkeit von proprietärer Automatisierungshardware. Die KI-native Plattform des Unternehmens trennt die Automatisierungslogik von klassischen speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS). Dadurch können industrielle Steuerungssysteme auf Standardservern und Industrie-PCs laufen statt auf Spezialhardware. Das löst den Hersteller-Lock-in auf und ermöglicht es Fabriken, sich anzupassen, zu skalieren und zentral verwaltet zu werden. Das Scale-up sicherte sich rund 180.000 Euro an öffentlicher Anschubfinanzierung, bevor es zu einem kommerziellen Modell aus Software-Lizenzierung und Entwicklertools überging. Privates Investment hilft nun dabei, die Markterschließung zu beschleunigen.

Fazit: Deutschlands Scale-up-Moment

Jedes dieser deutschen Scale-ups hat den Schritt von Forschung und Proof of Concept vollzogen und adressiert heute reale kommerzielle Herausforderungen mit skalierbaren Geschäftsmodellen. Auf der GITEX AI EUROPE 2026 trafen sie auf weitere deutsche Innovationstreiber wie Nextcloud, Workist und Kauz.ai. Das unterstreicht, wie Deutschland technisches Know-how zunehmend in global wettbewerbsfähige Unternehmen überführt. In ihrer zweiten Ausgabe vereinte die GITEX AI EUROPE mehr als 950 Unternehmensaussteller und Start-ups, von denen 32 Prozent bereits die Series-A-Finanzierungsstufe erreicht haben oder darüber liegen und sich damit im Scale-up-Bereich befinden. Ob es diesen Unternehmen gelingt, Kapital, Partnerschaften und internationale Kund*innen zu gewinnen, wird mit darüber entscheiden, ob Europa in der nächsten Welle des technologischen Wandels wettbewerbsfähig bleibt.

Der Autor Bilal Al-Rais ist VP – Portfolio Growth Tech & Digital, GITEX

KI-Kameras gegen den Blindflug: Almetra sichert sich 16,3 Millionen Euro

Das 2022 aus dem Berliner Venture Studio Merantix hervorgegangene KI-Start-up Almetra, das in der Szene bislang unter dem Namen Deltia bekannt war, hat erfolgreich eine Series-A-Finanzierungsrunde über 16,3 Millionen Euro abgeschlossen. Unter der Führung des transatlantischen Investors blisce/ – und mit Beteiligung weiterer Geldgeber wie NAP, Merantix Capital, Robin Capital, Underline sowie Critical Ventures – plant das rund 40-köpfige Unternehmen nun die Expansion in die USA. Zu den bestehenden Kunden zählen laut Almetra bereits Schwergewichte wie Bosch, Siemens Energy und ABB.

Die Fertigungsindustrie steht massiv unter Druck: Steigende Kosten, Fachkräftemangel und zunehmende Konkurrenz aus Niedriglohnländern drücken die Margen auf jeder Ebene der Lieferkette. Gleichzeitig basieren Entscheidungen auf dem Shopfloor oft noch auf manuellen, fragmentierten Prozessen und lückenhaften Daten. Almetras Lösung setzt genau hier an, indem die Plattform KI-gestützte Kameras nutzt, um Produktionsabläufe zu erfassen und diese direkt vor Ort in Echtzeit in Kennzahlen wie Durchsatz und Auslastung zu übersetzen, ohne dass eine aufwendige IT-Integration nötig ist. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde vollzieht das Unternehmen einen strategischen Schwenk von einer reinen Lösung für visuelle Produktionsanalysen hin zu einer zentralen Daten- und Automatisierungsplattform. Zukünftig sollen Videodaten, Maschinendaten und bestehende IT-Systeme sowie das Wissen der Mitarbeitenden auf einer einheitlichen Basis gebündelt werden, was auch den Einsatz von Robotik in den Werken ermöglichen soll.

Die Köpfe hinter der Technologie

Gegründet wurde Almetra von Maximilian Fischer und Silviu Homoceanu. Das Duo vereint dabei tiefgreifende Industrieerfahrung mit akademischer KI-Forschung. Maximilian Fischer, CEO und Maschinenbauingenieur der ETH Zürich, analysierte und digitalisierte in seiner bisherigen Laufbahn weltweit bereits Dutzende Fabriken. Sein Co-Gründer Silviu Homoceanu hält einen Doktortitel in Machine Learning und verantwortete zuvor die Software-Einheit für autonomes Fahren bei Volkswagen. Die technologische Tiefe von Almetra wird zudem durch die Aufnahme in renommierte Programme wie den Robotics Accelerator von Google DeepMind sowie das Physical AI Fellowship von AWS, Nvidia und MassRobotics untermauert.

Datenschutz vs. Effizienz

Das Versprechen, die Produktivität bei namhaften Firmen durch die Abschaffung von „Blindflügen“ um bis zu 20 Prozent zu steigern, klingt für Produktionsleiter extrem verlockend. Laut Unternehmensangaben konnte die Produktionsleistung bei Kunden wie eBike Systems innerhalb weniger Wochen bereits um 19 Prozent gesteigert werden. Dennoch birgt das Geschäftsmodell der visuellen Erfassung durch Computer Vision inhärente regulatorische und soziale Risiken. Die Sorge vor einer potenziellen visuellen Dauerüberwachung am Fließband ruft unweigerlich Gewerkschaften und Betriebsräte auf den Plan. Almetra versucht diesem potenziellen „Big-Brother“-Image proaktiv durch striktes lokales Edge Computing zu begegnen: Sämtliche Aufnahmen werden von Beginn an anonymisiert und der Großteil der Daten verlässt die Fabrikhalle nie. Lediglich kurze, zufällig ausgewählte Sequenzen werden zur Ursachenanalyse gespeichert. Abseits der internen Firmenpolitik stellt der EU AI Act eine signifikante Hürde für den Sektor dar. Dauerhafte und lückenlose Compliance im Umgang mit sensiblen Mitarbeiterdaten wird für die Skalierung des Geschäftsmodells in Europa eine ständige Begleiterscheinung sein.

Ein hart umkämpfter Markt

Die Nische der Produktionsanalytik durch Künstliche Intelligenz ist lukrativ, aber dicht besiedelt. Globale Unternehmen wie Viso.ai, Roboflow oder Jidoka Tech bieten der Industrie bereits ausgereifte KI-Plattformen für Qualitätssicherung, Fehlererkennung und Echtzeit-Monitoring an. Gleichzeitig konkurriert Almetra mit bewährten Plattformen wie Shoplogix oder ValueStreamer, die seit Jahren darauf spezialisiert sind, Maschinen- und Produktionsdaten über MES- und ERP-Schnittstellen auszuwerten. Wenn Almetra nun den Anspruch erhebt, zur zentralen Daten- und Automatisierungsplattform der Fabriken zu werden, begibt sich das Startup unweigerlich auf Kollisionskurs mit den gigantischen, oft schwerfälligen, aber tief im industriellen Rückgrat verankerten Systemen etablierter IT-Konzerne.

Unser Fazit

Mit dem Rebranding und der Millionenspritze demonstriert Almetra eindrucksvoll, wie sich europäische DeepTech-Expertise in einen handfesten B2B-SaaS-Case übersetzen lässt. Das Gründerteam hat verstanden, dass reine visuelle Analysen für die Industrie auf Dauer nicht ausreichen – der Sprung zur ganzheitlichen Automatisierungsplattform ist der strategisch richtige nächste Schritt. Der Erfolg des Berliner Start-ups, besonders bei der nun anstehenden US-Expansion, wird am Ende von zwei kritischen Faktoren abhängen. Erstens muss es gelingen, in den Fabrikhallen den Spagat zwischen technischer Effizienzsteigerung und strengsten Datenschutzvorgaben in der Praxis dauerhaft zu meistern. Zweitens wird sich zeigen müssen, ob sich die Plattform gegen bereits stark integrierte IT-Giganten auf dem Shopfloor durchsetzen kann. Schafft Almetra beides, hat das Team eine reale Chance, den globalen Markt für Enterprise-Manufacturing-Software maßgeblich mitzugestalten.

Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus

Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?

Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.

Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen

Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.

Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.

Im Becken der Tech-Haie

Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.

Genialer Schachzug oder riskante Wette?

Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.

Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.

Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten

Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.

Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung

Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.

VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.

Plattform trifft auf traditionelles Handwerk

Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.

Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.

Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung

Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.

Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.

Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.