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ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren
sponsored / 07.07.2026
Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.
Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.
Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.
Ein Marktsegment mit Potenzial
Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:
Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand
Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“
Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.
Darum lohnt es sich mitzumachen
Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.
Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.
Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.
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ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren
Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.
Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.
Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.
Ein Marktsegment mit Potenzial
Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:
Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand
Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“
Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.
Darum lohnt es sich mitzumachen
Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.
Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.
Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.
Regulierung als Wachstumstreiber: Wie das EU-Vernichtungsverbot für Textilien einen Milliardenmarkt für Start-ups schafft
In wenigen Tagen, am 19. Juli 2026, tritt die strengste Phase der neuen EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft: Große Händler*innen dürfen unverkaufte Kleidung und Retouren nicht mehr vernichten. Was die klassische Textilindustrie unter massiven Anpassungsdruck setzt, ist für Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft der Startschuss für einen hochprofitablen B2B-Markt. Eine Markteinordnung.
Die Zahlen der Fashion-Industrie waren lange ein ökologischer Offenbarungseid: Bei Retourenquoten von teils über 40 Prozent im Onlinehandel landeten europaweit jährlich Millionen Tonnen neuwertiger Textilien im Schredder oder in der Verbrennungsanlage. Die Sichtung und Aufbereitung von Retouren oder Saisonware war für viele Marken schlichtweg teurer als die Entsorgung.
Doch damit ist ab dem 19. Juli 2026 Schluss. Mit dem Greifen der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) gilt für große Unternehmen ein striktes Vernichtungsverbot für Bekleidung, Accessoires und Schuhe. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling etablieren und diese lückenlos dokumentieren. Wer dennoch entsorgt, muss Menge und Gründe künftig öffentlich machen – ein enormes Reputationsrisiko. Für mittelständische Unternehmen folgt das Verbot 2030, Kleinstunternehmen bleiben vorerst ausgenommen.
„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, ordnet Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung, die politische Weichenstellung ein.
Der Markt: Compliance erzwingt Innovation
Damit wandelt sich die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in der Textilbranche schlagartig von einem CSR-Thema („nice to have“) zu harter Compliance. Marken suchen händeringend nach externen Dienstleister*innen, um ihre Prozesse gesetzeskonform und kosteneffizient umzubauen.
Fast Fashion und der Post-Consumer-Abfall
Das neue Vernichtungsverbot ist ein regulatorischer Meilenstein, doch es adressiert vor allem die Spitze des Eisbergs: unverkaufte Neuware und Retouren (Pre-Consumer-Waste). Die weitaus größere Herausforderung bleibt das dahinterliegende Geschäftsmodell der Fast Fashion. Durch extrem kurze Nutzungsdauern, mindere Materialqualitäten und geringe Wiederverwendungsquoten entsteht der Großteil des globalen Textilmüllbergs erst nach dem Kauf bei dem /der Endverbraucher*in.
„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, mahnt Dr. Carsten Gerhardt. Für Start-ups bedeutet das: Wer nicht nur unverkaufte Neuware rettet, sondern skalierbare Lösungen für den gewaltigen Post-Consumer-Abfall der Fast-Fashion-Industrie findet, bedient einen Markt mit gigantischem Volumen.
Das deutsche Start-up-Ökosystem: Wer den Kreislauf schließt
In genau diese Lücken stoßen derzeit deutsche Start-ups. Sie bauen die technologische und logistische Infrastruktur für eine Industrie, die bisher primär auf den linearen Vertrieb optimiert war. Das Ökosystem fächert sich dabei in hochspezialisierte Segmente entlang des gesamten Produktlebenszyklus auf:
Produktdesign & digitale Infrastruktur (Pre-Life)
Um Textilien am Ende ihrer Lebensdauer verwerten zu können, müssen Materialzusammensetzungen exakt bekannt sein.
- circular.fashion (Berlin): Das Start-up von Gründerin Ina Budde zählt zu den deutschen Pionieren für den von der EU geforderten Digitalen Produktpass (DPP). Mit der circularity.ID erhält jedes Kleidungsstück einen digitalen "Reisepass" (via QR-Code oder NFC), der alle Infos zu Materialien speichert. Zudem bietet das Unternehmen eine Software an, die Designern schon beim Entwurf zeigt, ob ein Produkt später mechanisch oder chemisch recycelbar ist.
Recommerce-as-a-Service & Reverse Logistics (Mid-Life)
Unverkaufte Ware und Retouren müssen vorrangig wieder in den Markt gebracht werden.
- reverse.supply (Berlin): Einer der führenden Akteure für B2B-Recommerce. Das Start-up baut für Marken wie Armedangels oder hessnatur White-Label-Second-Hand-Shops auf und übernimmt die komplette „Reverse Logistics“ im Hintergrund: Annahme, Qualitätsprüfung (Grading), Aufbereitung und Fotografie. Für Marken, die ab sofort nicht mehr vernichten dürfen, ist dieser Service ein direkter Rettungsanker.
- Recash (München): Ein plattformgetriebener Ansatz, der Marken hilft, Recommerce unkompliziert an den primären E-Commerce anzudocken. Das Start-up fungiert als Schnittstelle zwischen Kunden, Marken und Second-Hand-Verwertern.
- TextilTiger: Der Spezialist für die „First Mile“ der Alttextilien. Das in Hamburg gegründete Start-up holt Altkleider mit E-Lastenrädern direkt an der Haustür ab – ein Service, den das Unternehmen aktuell fokussiert in München anbietet. Das verhindert die in klassischen Sammelcontainern übliche Verschmutzung und garantiert die hohe Materialqualität, die für ein anschließendes Recycling zwingend nötig ist.
DeepTech, Recycling & Materialrückgewinnung (End-of-Life)
Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen recycelt werden. Hier liegt die höchste technologische Einstiegshürde.
- eeden (Münster): Das Start-up löst das Problem von Mischgeweben (z.B. Baumwoll-Polyester-Mix). Mit einem patentierten chemischen Recyclingverfahren gewinnen sie Zellulose aus Alttextilien zurück, die zu neuen, hochwertigen Fasern gesponnen wird. Wie stark dieser Markt wächst, zeigt eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung von eeden über 18 Millionen Euro.
- TURNS (Erlangen): Fokussiert sich auf das physische Faser-zu-Faser-Recycling. Das exist-geförderte Start-up sortiert Alttextilien und verarbeitet sie zu hochwertigem Recycling-Garn für neue Kollektionen.
- Kleiderly (Berlin): Für Textilien, die nicht mehr zu Garn werden können, hat das preisgekrönte Start-up ein Verfahren entwickelt, das Textilmüll in eine Alternative zu erdölbasiertem Plastik umwandelt – etwa für die Produktion von Kleiderbügeln für die Modeindustrie.
B2B-Nischen & Corporate Workwear
Auch abseits der klassischen Modeindustrie entsteht durch die Regulierung enormer Innovationsdruck.
- Circularity: Das Alumni-Start-up (Batch 1) des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung zeigt, wie branchenspezifische Lösungen aussehen. Das Team entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe speziell für Berufsbekleidung. Ein enormer Hebel, da Workwear aufgrund von Firmenlogos und Sicherheitsnormen bisher fast ausnahmslos der Verbrennung zugeführt wurde.
Wo die Chancen für Gründer*innen liegen
Das Wettbewerbsumfeld formiert sich gerade neu. Für Gründer*innen und VCs ergeben sich vor dem Hintergrund der neuen EU-Regulierung drei zentrale Kernmärkte mit enormem Skalierungspotenzial:
- Software & Reporting: Werkzeuge für Materialdokumentation, Traceability (DPP) und rechtskonformes Reporting treffen aktuell auf Kunden mit extrem hoher Zahlungsbereitschaft, da die Fristen für die großen Akteur*innen ablaufen.
- Infrastructure-as-a-Service: Modekonzerne sind auf den Hinweg zur Kundschaft optimiert. Start-ups, die die extrem kleinteilige Logistik für Grading, Refurbishment und Recommerce als White-Label-Lösung abnehmen, skalieren stark.
- Climate-Tech & Materialinnovation: Verfahren, die das Textilrecycling vom Labor in den industriellen Maßstab bringen, lösen den größten Flaschenhals der gesamten Branche und stehen im Fokus großer Kapitalgebenden.
Fazit
Das Vernichtungsverbot markiert das regulatorisch erzwungene Ende des linearen „Take-Make-Dispose“-Modells in der Textilbranche. Der Gesetzgeber agiert ab sofort als mächtigster Vertriebsmitarbeiter für Circular-Economy-Start-ups. Wer jetzt die B2B-Schnittstellen baut, um großen Marken die Kreislaufwirtschaft als Service anzubieten, positioniert sich rechtzeitig in einem wichtigen europäischen Wachstumsmarkt.
Gründungsrekord 2026: Echter Start-up-Boom oder nur die Flucht nach vorn?
Rekordjahr 2026: 3.053 neue Start-ups blenden. Unser Reality-Check zeigt, warum der KI-Boom eine Falle ist und Verena Pausder radikale Reformen fordert.
Das deutsche Start-up-Ökosystem meldet sich im ersten Halbjahr 2026 mit einem Paukenschlag zurück: Rekordzahlen bei den Neugründungen und ein massiver KI-Hype suggerieren den großen Aufbruch. Doch ein tieferer Blick in den neuen „Next Generation“-Report offenbart: Hinter den glänzenden Zahlen verbergen sich strukturelle Risse und eine beträchtliche Ost-West-Schere. Zeit für eine kritische Analyse – und klare Forderungen.
Die Sektkorken dürften beim Startup-Verband geknallt haben. Der aktuelle „Next Generation“-Report, herausgegeben gemeinsam mit startupdetector, liefert auf den ersten Blick genau die Erfolgsmeldungen, die der Standort Deutschland nach mageren Jahren dringend gebraucht hat. Doch wer als Gründer*in oder Investor*in heute kluge Entscheidungen treffen will, darf sich von Balkendiagrammen allein nicht blenden lassen.
Die nackten Zahlen: Ein Ökosystem im Rausch
Es lässt sich nicht leugnen, die nackten Zahlen des ersten Halbjahres sind beeindruckend:
- Historisches Hoch: Mit satten 3.053 Neugründungen ist das erste Halbjahr 2026 das stärkste seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2019. Das entspricht einem gewaltigen Wachstum von 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025.
- KI als Turbo: Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur ein Trend, sie ist der Motor. Jedes dritte neue Start-up (34 %) weist mittlerweile einen klaren KI-Bezug auf (nach 27 % im Jahr 2025).
- Die Fläche holt auf: Berlin bleibt zwar mit 429 Neugründungen in absoluten Zahlen der unangefochtene Spitzenreiter. Doch die Hauptstadt wächst mit einem Plus von 21 % deutlich langsamer als der Bundesschnitt. Die wahre Musik spielt woanders: Ökosysteme wie Hamburg (+83 %) und Hessen (+82 %) verzeichnen eine enorme Dynamik.
- Scheitern wird seltener (scheinbar): Die Zahl der offiziellen Start-up-Insolvenzen ist seit dem Krisenhöhepunkt im Jahr 2024 kontinuierlich gesunken. Gleichzeitig klettert die Zahl der deutschen „Unicorns“ auf insgesamt 36.
Die Verbands-Chefin im TV-Verhör: Wenn Euphorie auf knallharte Forderungen trifft
Wie extrem die Diskrepanz zwischen den feierlichen Gründungszahlen und der harten Realität im Maschinenraum der Start-ups wirklich ist, offenbarte Verena Pausder, die Vorsitzende des Startup-Verbands, in einem bemerkenswert offenen TV-Interview im ARD-Morgenmagazin.
Während der eigene Report die reine Anzahl der Neugründungen feiert, zeichnete Pausder vor einem Millionenpublikum ein Bild, das unsere kritische Analyse in allen Punkten bestätigt. Drei ihrer Forderungen stechen besonders hervor – und manche grenzen an einen Tabubruch:
1. Bürokratie-Kollaps statt „Startup in a day“
- Der O-Ton: Pausder kritisiert die Hürden scharf: „Wir laden gerade auf diese Gründungsphase so viel Bürokratie drauf wie auf die großen DAX-Konzerne.“ Sie fordert ein „Startup in a day“ (Gründung in 24 bis 48 Stunden), statt wie bisher „sechs Wochen auf eine Handelsregisternummer“ zu warten.
- Der Reality-Check: Das demaskiert die Rekordzahlen der Studie. Wenn der Weg ins Handelsregister ein sechswöchiger Hürdenlauf ist, zeigt dies, dass der aktuelle Anstieg der Neugründungen trotz und nicht wegen der Standortbedingungen passiert. Der digitale Staat ist für Gründende im Jahr 2026 noch immer eine Fata Morgana.
2. Der Tabubruch: Kündigungsschutz und die „Cost of Failure“
- Der O-Ton: Um Start-ups agiler zu machen, attackiert Pausder ein deutsches Heiligtum: den Kündigungsschutz. Ein Unternehmen müsse am Anfang „atmen“, man wisse noch nicht, wie viele Leute man brauche. Durch hohe Gehälter in der Tech-Branche sei das klassische Schutzbedürfnis ohnehin geringer. Die sogenannte Cost of Failure – also die Kosten und Konsequenzen, wenn eine Idee scheitert – sei in Deutschland schlichtweg zu hoch.
- Der Reality-Check: Hier trifft die Verbandschefin den wunden Punkt der deutschen „Fail Fast“-Kultur. Wer schnell wachsen will, muss auch schnell korrigieren dürfen. Diese Forderung dürfte die Gewerkschaften auf die Barrikaden rufen, ist aber aus Gründerperspektive eine bittere Notwendigkeit im internationalen Wettbewerb. Es zeigt zudem: Die sinkenden Insolvenzzahlen im Report sind kein reines Erfolgszeichen, sondern oft auch das Resultat von Unternehmen, die sich aus Angst vor den Kosten des formellen Scheiterns als „Zombies“ am Leben halten.
3. Das Eingeständnis der massiven Kapital-Lücke
- Der O-Ton: Pausder liefert die Zahlen, die der „Next Generation“-Report verschweigt: Während in den USA pro Kopf 510 Euro in Venture Capital (Risikokapital) fließen, sind es in Deutschland gerade einmal 90 Euro. „Damit die Unternehmen, die wir hier gründen, auch groß werden können, müssen wir mehr Kapital allokieren“, so Pausder. Es fehle massiv an privatem und institutionellem Geld.
- Der Reality-Check: Dies ist der entscheidende Sargnagel für blinde Euphorie. Was nützen uns 3.053 neue GmbHs im ersten Halbjahr, wenn das Geld für die Skalierung fehlt? Wir bauen aktuell einen riesigen Trichter an Frühphasen-Startups, dessen Ausgang verstopft ist. Die Abwanderung der besten KI- und DeepTech-Firmen in die USA (wo das 5,6-fache an Kapital wartet) ist so vorprogrammiert.
Was die Statistik gern umschifft
Wer sich durch die Tiefen der Methodik und die feingranularen Daten wühlt, stößt auf weitere Aspekte, die das reine Jubel-Narrativ trüben:
- Die Ost-West-Schere: Der Report spricht von steigenden Gründungszahlen in allen Bundesländern. Doch die Pro-Kopf-Werte offenbaren ein hartes Gefälle: Während Bayern mit 4,7 Gründungen pro 100.000 Einwohner glänzt, herrscht in Thüringen und Sachsen-Anhalt (je 0,9) digitale Flaute. Der Boom ist nicht flächendeckend – der Osten (ohne Berlin) droht abgehängt zu werden.
- Das Sterben der Berliner Einhörner: Die Zahl der Unicorns ist zwar bundesweit auf 36 gestiegen, doch ein Blick auf die Zeitachse zeigt: Berlin hat seit dem Jahr 2023 massiv Federn gelassen und rutschte von 22 auf 16 Einhörner ab. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der Unicorns in Städten abseits der Hotspots von 5 auf 10. Das Zeitalter des billigen Geldes für reine Berliner B2C-Hype-Modelle ist vorbei – milliardenschwere Substanz entsteht jetzt dezentraler in der Fläche.
- Die Methodik-Falle: Wie definiert man 2026 eigentlich ein Start-up? Laut Report werden aus den Handelsregistereinträgen rund 20 % händisch nach Kriterien wie „innovatives Produkt“ oder „Wachstumspotenzial“ selektiert. Diese manuelle Filterung durch Analysten öffnet Bewertungsspielräumen Tür und Tor – wer heute das Trendwort „KI“ in den Unternehmenszweck schreibt, wird statistisch schlichtweg schneller als Startup erfasst.
- Die Branchen-Illusion: Der Report feiert die Industrie als Sektor mit dem stärksten Wachstum (+125 %). Absolut betrachtet sind das aber gerade einmal 128 Start-ups. Der Software-Sektor dominiert weiterhin erdrückend mit 844 Neugründungen. Hardwarenahe und kapitalintensive Innovationen fristen im Land der Ingenieure weiterhin ein Nischendasein.
Raus aus der Hype-Falle: Fünf Hebel für das Ökosystem
Wenn wir wollen, dass aus dem Rekord-Jahrgang 2026 in einigen Jahren global relevante Marktführer*innen werden, muss das Ökosystem strukturell gestärkt werden. Hier sind die Hebel, die Politik und Wirtschaft jetzt umlegen müssen:
- Fokus auf Wachstumsfinanzierung (Scale-up-Kapital): Deutschland hat kein reines Gründungsproblem mehr, sondern ein Skalierungsproblem. Wir brauchen drastische Anreize, damit institutionelle Gelder (wie von Pensionskassen oder Versicherungen) endlich unkompliziert in den VC-Markt fließen können.
- Qualität statt Quantität (DeepTech priorisieren): Die staatliche Förderung und der Transfer aus Universitäten müssen gezielt auf kapitalintensive, hardwarenahe Deep- und ClimateTech-Ideen gelenkt werden. Reine Software-SaaS-Klone reguliert der Markt ohnehin von selbst.
- Die „Fail Fast“-Kultur entbürokratisieren: Das stille Beerdigen und Liquidieren einer gescheiterten GmbH ist in Deutschland absurd teuer und langwierig. Wer schnell gründen darf, muss auch unbürokratisch scheitern dürfen, um wertvolle Tech-Talente zügig wieder dem Markt zur Verfügung zu stellen.
- Mitarbeiterbeteiligungen (ESOP) wettbewerbsfähig machen: Im globalen Talent-Wettbewerb gewinnt, wer die besten Köpfe hält. Die deutsche Gesetzgebung rund um ESOPs muss dringend weiter an internationale Standards angepasst werden, um die steuerliche Belastung von virtuellen Anteilen zu minimieren.
- Regionale Ökosysteme vernetzen: Da klassische Metropolen an Wachstumsdynamik einbüßen, während Regionen wie Hessen oder Hamburg stark zulegen, müssen dezentrale Universitätsstandorte systematisch gefördert werden, um den Innovations-Transfer flächendeckend zu sichern.
Fazit
Der Report liefert eine hervorragende Nachricht – der Gründungsgeist in Deutschland ist intakt. Doch aus der schieren Masse an neuen Einträgen im Handelsregister müssen nun echte Tech-Champions geschmiedet werden. Machen wir uns an die Arbeit!
Energie-Souveränität oder Milliardengrab? Proxima Fusion erreicht Milliardenbewertung
In einer historischen Series-A2-Finanzierungsrunde sammelt das Münchner Start-up Proxima Fusion 411 Millionen Euro (468 Millionen US-Dollar) an neuem Kapital ein. Mit der daraus resultierenden Bewertung von über 2,4 Milliarden Euro (2,7 Milliarden US-Dollar) avanciert das DeepTech-Unternehmen zum bestfinanzierten und am höchsten bewerteten Fusions-Start-up Europas. Doch während Investorengiganten wie Google und RWE dreistellige Millionenbeträge in die Stellarator-Technologie pumpen, stellt sich für den Markt die drängende Frage: Kann das ehrgeizige Versprechen eines ans Netz gehenden Fusionskraftwerks in den 2030er-Jahren der physikalischen und ökonomischen Realität standhalten?
Das Konsortium, das diese 411-Millionen-Euro-Runde stemmt, wird von XTX Ventures und East X Ventures angeführt. Als strategische Investoren steigen der deutsche Energiekonzern RWE und der US-Technologiegigant Google ein. Letzterer markiert damit sein massives Interesse an grundlastfähiger, sauberer Energie – eine Grundvoraussetzung für den exponentiell steigenden Strombedarf von KI-Rechenzentren.
Im Cap Table findet sich zudem ein breites Bündnis aus staatlichen Förderern und internationalen VCs: KfW Capital, SPRIND, Burda Principal Investments sowie Bestandsinvestoren wie Plural, UVC Partners und Cherry Ventures sind beteiligt.
Besonders bemerkenswert ist die Hebelwirkung dieser privaten Kapitalaufnahme: Erst im Februar 2026 hatten der Freistaat Bayern, RWE und Proxima Fusion ein Memorandum of Understanding (MoU) verabschiedet. Darin stellte Bayern 400 Millionen Euro an öffentlichen Geldern in Aussicht – geknüpft an die Bedingung, dass Proxima privates Kapital in gleicher Höhe beibringt. Diese Hürde wurde vom Start-up in der Rekordzeit von nur drei Monaten zwischen MoU und Termsheet genommen. In weniger als drei Jahren seit der Gründung hat Proxima somit über 650 Millionen Euro (740 Millionen US-Dollar) gesichert, wovon 95 Millionen Euro aus öffentlichen Fördermitteln stammen.
Vom Labor auf das Kraftwerksgelände: Die Historie
Proxima Fusion wurde Anfang 2023 als erstes offizielles Spin-out des renommierten Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in München gegründet. Das Gründerteam um CEO Dr. Francesco Sciortino kombiniert dabei jahrelange Forschungsexpertise am IPP mit Know-how aus der Industrie.
Technologisch baut das Unternehmen auf den jahrelangen Durchbrüchen des Wendelstein-7-X-Programms auf. Im Fokus steht die Entwicklung von sogenannten QI-HTS-Stellaratoren. Das frisch eingesammelte Kapital soll nun direkt in den Bau von „Alpha“ fließen. Dieser Nettoenergie-Demonstrator soll Anfang der 2030er-Jahre auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks in Gundremmingen (Bayern) entstehen und zentrale technologische Systeme validieren. RWE stellt für das Vorhaben nicht nur das Gelände zur Verfügung, sondern bringt sich auch strategisch ein. Darauf aufbauend soll noch im selben Jahrzehnt mit „Stellaris“ das weltweit erste kommerzielle Stellarator-Fusionskraftwerk realisiert werden.
Kritische Einordnung: Markt, Modell und Machbarkeit
Das Geschäftsmodell von Proxima Fusion ist hochriskant und extrem kapitalintensiv. Der Weg von der rein wissenschaftlichen Machbarkeit des Plasmaeinschlusses hin zur industriellen Skalierung erfordert nicht nur weitere Milliarden, sondern auch den Aufbau komplett neuer, robuster Lieferketten. Proxima muss Hochtemperatur-Supraleiter (HTS), neuartige Magnete und Kryotechnik in einem bisher nicht gekannten Maßstab fertigen.
Der Markt ist geprägt von einem globalen Subventions- und Innovationsrennen, das maßgeblich von den USA, China und Großbritannien dominiert wird:
Start-up / Unternehmen | Hauptsitz | Technologie-Ansatz | Bisheriges Funding (geschätzt) |
Proxima Fusion | München, GER | Magneteinschluss (Stellarator) | > 650 Mio. EUR |
Commonwealth Fusion Systems | Massachusetts, USA | Magneteinschluss (Tokamak) | > 2,8 Mrd. USD |
Tokamak Energy | Oxford, UK | Magneteinschluss (Sphärischer Tokamak) | > 250 Mio. USD |
Marvel Fusion | München, GER | Trägheitseinschluss (Laser) | > 150 Mio. EUR |
Die technologische Wette: Die Kernfusions-Branche leidet traditionell unter dem Vorwurf, dass der kommerzielle Durchbruch „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“. Der ambitionierte Zeitplan von Proxima lässt kaum Spielraum für Verzögerungen beim Bau der Demonstratoren. Sollten Materialermüdungen bei extremer Hitze oder Skalierungsprobleme der Magnettechnologien auftreten, verschiebt sich die Rendite für die Investoren schnell in die 2040er-Jahre oder später.
StartingUp Fazit: Ein europäisches Wirtschaftswunder in der Mache?
Für die europäische Start-up- und VC-Landschaft ist der Erfolg von Proxima ein wegweisendes Signal. „Diese Finanzierung zeigt, dass Deutschland und Europa in der Lage sind, internationales Kapital für strategische Zukunftstechnologien zu mobilisieren“, betont Proxima-CEO Francesco Sciortino. Es geht um Tech-Souveränität und den Aufbau einer potenziellen Schlüsselindustrie, die – so die Vision des Gründers – als Wachstumstreiber, Jobmotor und Exportpfeiler der deutschen Wirtschaft fungieren kann.
Für die frühen deutschen Geldgeber zahlt sich das Risiko zumindest in der Bewertung bereits aus. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) begleitet Proxima seit der Pre-Seed-Phase, der DeepTech & Climate Fonds (DTCF) ist seit der Seed-Phase an Bord. Romy Schnelle, Geschäftsführerin von DTCF und HTGF, bringt die rasante Entwicklung auf den Punkt: „Als wir Proxima in der Pre-Seed-Phase finanzierten, war Fusion für die meisten noch eine wissenschaftliche Ambition. Nur drei Jahre später ist sie, mit 411 Millionen Euro und Investoren wie RWE und Google, eine industrielle Realität.“ Johannes Weber (Partner beim HTGF) ergänzt: „Proxima hat die reelle Chance, eine völlig neue Industrie und Lieferkette zu schaffen, mit volkswirtschaftlicher Tragweite.“
Proxima Fusion hat mit dem frischen Kapital und der Perspektive für das Kraftwerksgelände in Gundremmingen nun alle Trümpfe in der Hand, um globale Geschichte zu schreiben. Die immense Beweislast liegt jetzt beim mittlerweile rund 200-köpfigen Team: Aus herausragender theoretischer Physik muss nun funktionierendes, fehlertolerantes und wirtschaftlich tragfähiges Engineering werden.
Code statt Excel: Auxilius sichert sich 1,3 Mio. Euro für KI-gestützte Compliance
Das Münchner GRC-Start-up Auxilius will mit seiner KI-nativen Plattform die interne Revision von Großkonzernen automatisieren. Dafür gab es nun frisches Pre-Seed-Kapital. Doch der Markt für kontinuierliches Kontroll-Monitoring ist hart umkämpft. Kann der deterministische Ansatz gegen hochfinanzierte US-Einhörner bestehen? Eine Analyse.
Die Auxilius.ai GmbH hat erfolgreich eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird diese Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), zudem beteiligten sich das Accelerator-Netzwerk Techstars sowie mehrere industrieerfahrene Business Angels. Das frische Kapital soll in den Ausbau des Engineering- und Domain-Teams fließen.
Im Zentrum der technologischen Weiterentwicklung steht ein sogenannter Control-Intelligence-Knowledge-Graph, der den organisatorischen Zusammenhang von Kontrollen abbilden und Risiken direkt mit den jeweiligen Unternehmenszielen verknüpfen soll. Erste zahlende Enterprise-Kunden, darunter europäische Banken und Mischkonzerne, nutzen die Plattform laut Unternehmensangaben bereits in Pilotprojekten und verzeichnen dabei einen geringeren manuellen Aufwand.
GRC-Expertise trifft auf Cloud-Architektur
Gegründet wurde das Unternehmen Ende 2025 mit offiziellem Sitz in Unterföhring bei München. Hinter dem Start-up stehen zwei erfahrene B2B-Gründer. Christian Hoppe fungiert als CEO und bringt 15 Jahre Erfahrung aus den Bereichen Governance, Risk & Compliance (GRC) sowie SaaS mit, nachdem er zuvor als Equity-Partner bei der Wirtschaftsprüfung EY tätig war. James Barnes bekleidet die Rolle des CTO. Er war in der Vergangenheit als Softwarearchitekt bei Sopra Steria CSS angestellt und verfügt über umfassende Expertise in den Feldern Enterprise AI, Cloud-Architektur und ERP-Integration. Aktuell wird das Führungsduo von einem vierköpfigen Team aus Software- und AI-Ingenieuren unterstützt.
Policy-as-Code als Beweismittel
Das Problem, das Auxilius lösen will, ist in Großkonzernen allgegenwärtig. Aktuell werden rund 80 Prozent der Unternehmenskontrollen nach wie vor händisch durchgeführt. Auditorinnen und Auditoren prüfen manuelle Stichproben, während Teams oftmals Monate später noch immer Excel-Listen oder Screenshots als Nachweise zusammentragen. Als Konsequenz daraus übersteigen die Kosten von Compliance-Verstößen weiterhin die eigentlichen GRC-Ausgaben. Der Lösungsansatz von Auxilius ist ein automatisierter Control Execution Layer. Das Start-up wandelt Unternehmensrichtlinien, Risiko-Kontroll-Matrizen und regulatorische Anforderungen in deterministischen, ausführbaren Code um. Dieser Code führt Kontrollen nicht nur stichprobenartig, sondern kontinuierlich auf der gesamten Datenbasis aus. Ändern sich externe Regeln oder interne Prozesse, passt sich der Code automatisch an. Der entscheidende Clou dabei ist, dass der ausführbare Code selbst den Prüfern künftig als belastbare Evidenz dienen soll.
Marktumfeld & Wettbewerb
Die Automatisierung von Compliance und Risikomanagement gehört aktuell zu den umkämpftesten B2B-Softwaresektoren. Auxilius betritt hier keinen leeren Raum, sondern muss sich gegen massive, teils global dominierende Konkurrenz behaupten. Internationale Schwergewichte wie Vanta, Drata und Secureframe dominieren derzeit den Markt für Compliance-Automatisierung mit hunderten vorgefertigten Integrationen. Der US-Konkurrent Drata ist massiv kapitalisiert und wächst zudem stark anorganisch durch Zukäufe. Plattformen wie Sprinto positionieren sich mit hohem technologischem Anspruch explizit im Bereich des autonomen und kontinuierlichen Monitorings. Im reinen Enterprise-Segment konkurriert Auxilius zudem mit etablierten Software-Giganten wie MetricStream oder AuditBoard, die bereits tiefe Wurzeln in den Konzernstrukturen geschlagen haben.
Potenzial & kritische Hürden
Der Ansatz von Auxilius, Compliance tief in die Prozesse zu integrieren und auditierbare Evidenz als reibungsloses Nebenprodukt bestehender Prozessschritte abfallen zu lassen, ist strategisch hochrelevant. Dennoch gibt es signifikante Hürden, die das Modell auf dem Weg zur Skalierung überwinden muss. Die erste große Herausforderung ist die Integrationstiefe als Flaschenhals. Um Kontrollen über komplette Datenbasen automatisiert laufen zu lassen, muss sich die Plattform tief in die oftmals veralteten und fragmentierten IT-Landschaften von Großkonzernen einklinken. Das junge Team muss beweisen, dass es mit dem Pre-Seed-Budget die enormen Entwicklungskosten für die zahlreichen notwendigen Schnittstellen stemmen kann, um mit den hochfinanzierten US-Konkurrenten Schritt zu halten.
Die zweite Hürde betrifft die kulturelle Akzeptanz der Prüfer*innen. Der Code von Auxilius soll künftig als harte Evidenz dienen. In der streng regulierten Welt europäischer Banken müssen traditionelle Wirtschaftsprüfer*innen diesen deterministischen Ansatz jedoch rechtlich und prozessual als vollwertigen Audit-Nachweis akzeptieren. Dieser Kulturwandel in der klassischen Prüfungspraxis ist erfahrungsgemäß zäh und erfordert viel Überzeugungsarbeit.
Zuletzt zielt das Start-up ganz bewusst auf große Unternehmen, Banken und Mischkonzerne ab. Die Verkaufs- und Implementierungszyklen in diesen Segmenten sind notorisch lang und verschlingen oft immense personelle sowie finanzielle Ressourcen, was für ein frisch gegründetes Startup im Seed-Stadium eine erhebliche Belastungsprobe darstellt.
Auxilius sendet mit der erfolgreichen Finanzierungsrunde dennoch ein starkes Lebenszeichen aus München. Wenn es dem Team gelingt, seinen Control-Intelligence-Knowledge-Graph so skalierbar zu bauen, dass sich die sonst langwierigen Implementierungszeiten bei Konzernen radikal verkürzen, hat das Start-up durchaus das technologische Potenzial, den internationalen Playern im lukrativen europäischen Enterprise-Markt langfristig gefährlich zu werden.
Milliarden-Meilenstein im Mobility-Sektor: FINN wird zum Unicorn – doch wie nachhaltig ist das Abo-Modell?
Der Münchner Auto-Abo-Anbieter FINN hat seine Series-D-Finanzierungsrunde über knapp 100 Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen und steigt damit offiziell in die Riege der deutschen Einhörner auf. Doch hinter der glänzenden Milliardenbewertung verbirgt sich ein äußerst kapitalintensives Geschäft in einem derzeit gnadenlosen Marktumfeld, das Mobility-Start-ups vor enorme Herausforderungen stellt.
Die Series-D-Runde im Detail: Ein Mix aus Equity, Debt und Media
Die neue Finanzierungsrunde sichert FINN insgesamt 140 Millionen Euro. Dieser Betrag setzt sich aus verschiedenen strategischen Bausteinen zusammen, die bezeichnend für skalierende B2C-Geschäftsmodelle mit hohem Asset-Bedarf sind:
- Eigenkapital: Knapp 100 Millionen Euro frisches Eigenkapital fließen in das Start-up, was die Unternehmensbewertung auf über eine Milliarde Euro hebt. Angeführt wird die Runde vom Fintech- und Mobility-Investor Portage.
- Fremdkapital: Zur Refinanzierung der kostspieligen Fahrzeugflotte stellen BC Partners Credit und Runway Growth Capital mehr als 40 Millionen Euro zur Verfügung.
- Media-for-Equity: Ein entscheidender Hebel für die B2C-Kundenakquise ist der Einstieg des ProSiebenSat.1-Investmentarms SevenVentures, der FINN Zugang zum reichweitenstarken Werbeinventar des Medienkonzerns verschafft.
- Bestandsinvestoren: Auch UVC Partners, Planet First Partners, Korelya Capital, White Star Capital, HV Capital und Picus Capital bestätigen ihr Vertrauen und ziehen bei der Runde mit.
Mit einem jährlich wiederkehrenden Umsatz (ARR) von über 300 Millionen Euro und mehr als 50.000 aktiven Abos gehört FINN zweifellos zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas.
Gründungshistorie: Steiler Aufstieg mit tiefer Führungskrise
Gegründet wurde FINN im Jahr 2019 in München. Das Team trat an, um den klassischen Autokauf durch ein vollständig digitales, flexibles Rundum-Sorglos-Paket zu ersetzen.
Der Weg zum Unicorn war intern jedoch nicht ohne massive Turbulenzen: Im Frühjahr 2023 geriet FINN in die Schlagzeilen, als Mitgründer und damaliger CEO Max-Josef Meier nach Recherchen von Wirtschaftsmedien aufgrund von Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegenüber Mitarbeiterinnen von seinem Posten zurücktreten musste. Es war ein Lackmustest für die Corporate Governance des Unternehmens. Maximilian Wühr, ebenfalls Co-Founder, übernahm daraufhin das Ruder als CEO. Dass FINN diese gravierende C-Level-Krise überstanden hat und das Vertrauen der Investoren halten konnte, ist aus unternehmerischer Sicht bemerkenswert.
Das Geschäftsmodell in der kritischen Analyse
Kund*innen abonnieren bei FINN Fahrzeuge von über 25 Marken – darunter BMW, Mercedes-Benz, aber auch aufstrebende chinesische Hersteller wie MG und BYD – vollständig online. Im monatlichen Fixpreis sind Versicherung, Steuern, Zulassung und Wartung bereits enthalten.
Trotz der starken Flottenzahlen muss das Modell wirtschaftlich kritisch betrachtet werden:
- Enormer Kapitalbedarf: Autos sind teure Assets. Das Unternehmen muss diese vorfinanzieren, was eine extrem hohe Liquidität und Fremdkapitalquoten erfordert. Die 40 Millionen Euro Fremdkapital aus der aktuellen Runde illustrieren diesen ständigen Hunger nach Liquidität zur Flottenfinanzierung.
- Margendruck und Wertverlust: Die Rentabilität hängt massiv von den Restwerten der Fahrzeuge ab. Der Wertverfall, insbesondere im Bereich der Elektromobilität, setzt Anbieter derzeit branchenweit unter Druck.
- Friktionen bei der Rückgabe: Wie Recherchen in gängigen Verbraucherportalen zeigen, ist das Modell in der Praxis nicht immer gänzlich reibungslos. Ein häufiger Kritikpunkt von Auto-Abo-Nutzer*innen branchenweit sind unerwartete Nachzahlungen bei der Fahrzeugrückgabe. Um die schmalen Margen zu verteidigen, müssen die Anbieter*innen den Fahrzeugzustand penibel abrechnen – was in der Branche oft zu Lasten der Kund*innenzufriedenheit geht.
Der Markt und die Wettbewerber
Der Markt für Auto-Abos wächst rasant und bedient den Trend hin zu flexibler Mobilität. Doch das Spielfeld konsolidiert sich hart:
- Klassische Autovermieter: Mit jahrzehntelanger Erfahrung im Flottenmanagement, eigener Logistik und gewaltiger Einkaufsmacht bei den Herstellern sind Vermieter wie Sixt (mit Sixt+) extrem gefährliche Konkurrenten.
- Asset-Light-Plattformen: Anbieter wie Faaren treten oft als reine Vermittler auf und nutzen ungenutzte Bestandsfahrzeuge lokaler Autohändler, wodurch sie im Gegensatz zu FINN kein eigenes, teures Flottenrisiko tragen.
- Gescheiterte Pioniere: Dass bloßes Wachstum nicht schützt, zeigte Anfang 2026 die Insolvenz der Fleetpool-Gruppe (bekannt durch like2drive) – und das trotz zuvor starker Nutzerzahlen und der Eingliederung in den ALD-Konzern. Auch Wettbewerber wie ViveLaCar machten in jüngster Vergangenheit vor allem durch rechtliche Streitigkeiten und Eigentümerwechsel auf sich aufmerksam. Dies unterstreicht eindrucksvoll, wie volatil die Margen im Abo-Geschäft tatsächlich sind.
Einordnung: Was Gründer*innen lernen können
Für die Start-up-Szene liefert der Fall FINN wertvolle Lektionen. Das Unternehmen demonstriert, dass kapitalintensive Hardware-Geschäftsmodelle nicht allein durch teures Venture Capital skaliert werden sollten. Die Kombination aus VC-Geld, Venture Debt zur Asset-Finanzierung und einem Media-for-Equity-Deal für effizientes Marketing ist ein Lehrbuchbeispiel für intelligentes Kapitalmanagement.
Zudem zeigt FINN Resilienz: Ein Führungsskandal hätte das Aus bedeuten können, doch schnelles Handeln bewahrte das Start-up vor dem Kollaps. CEO Maximilian Wühr betont heute den "konsequenten Fokus auf profitables Wachstum". In Zeiten teurer Kredite reicht reines Flottenwachstum nicht mehr aus. Das Unicorn-Label ist ein starkes PR-Signal, aber die wahre Bewährungsprobe wird nun darin bestehen, in einem historisch margenschwachen Markt nachhaltig schwarze Zahlen zu schreiben.
Gründer*in der Woche: XFlowAssist – Digitalisierung ohne Cloud-Zwang
Während der Markt zunehmend auf Cloud-Lösungen setzt, wählt ein junges Kölner Start-up bewusst einen anderen Weg: Shahab Alaei entwickelt mit XFlowAssist ein ERP-System für Handwerker*innen und Dienstleister*innen, das ausschließlich lokal läuft. In unserem „Gründer*in der Woche“-Interview sprechen wir über lokale Datensouveränität, die Risiken von On-Premise-Lösungen und die Hürden des Marktstarts.
Sensible Kund*innen- und Finanzdaten auf Servern von Drittanbieter*innen? Für viele Handwerksbetriebe und kleine Dienstleistende ist das ein rotes Tuch. An diesem Punkt setzt Shahab Alaei mit seinem Kölner Start-up an. Seine im Frühjahr 2026 gelaunchte All-in-One-Software XFlowAssist bündelt administrative Kernprozesse – von der Kund*innenverwaltung über die Einsatzplanung bis hin zur gesetzeskonformen E-Rechnung (ZUGFeRD) und Buchhaltung.
Der technische Ansatz: Die Plattform wird direkt im firmeneigenen Windows-Netzwerk betrieben. Die Datenhoheit bleibt somit physisch im Unternehmen. Mit diesem Gegenentwurf zum aktuellen Cloud-Trend will der Kölner Gründer punkten. Doch der Verzicht auf die Cloud bringt für Nutzer*innen auch eigene Herausforderungen in puncto Flexibilität und IT-Sicherheit mit sich.
In unserem „Gründer*in der Woche“-Interview sprechen wir über lokale Datensouveränität, die Risiken von On-Premise-Lösungen und die Hürden des Marktstarts.
StartingUp: Shahab, die meisten neuen Softwarelösungen sind heute reine Cloud-Anwendungen. Wie kam es zu der Idee für XFlowAssist und warum hast du dich so bewusst für den Weg der lokalen Datenhaltung entschieden?
Shahab Alaei: Lokale Datenhaltung bedeutet Datensouveränität. Es geht mir darum, KMU eine Möglichkeit zu geben, dass ihre Daten auch wirklich ihre bleiben. Das Thema Datenschutz und Sicherheit ist nicht erst seit gestern ein dringendes Thema – sowohl für Privat- als auch für Business-Anwender. Für KMU bedeutet das oft Mehraufwand, Kosten und eine damit verbundene Unsicherheit bei der Umsetzung. Erklärungen verfassen, die Compliance einrichten – je weniger Aufwand für den Datenschutz und die Dokumentation anfällt, desto mehr Fokus kann man auf andere wichtige Arbeitsbereiche richten.
Man kann entweder auf strenge Regeln und Gesetze setzen, die den Alltag und die Umsetzung erschweren, aber den Datenschutz trotzdem nicht voll garantieren, oder man lässt die Daten gar nicht erst aus den eigenen Systemen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Damit ist das Problem gelöst. Die Daten werden nur zwischen denen verarbeitet, die es wirklich etwas angeht. Es geht mir um die volle Hoheit über die eigenen Daten. Ich dachte dabei ein bisschen an den Satz: „Back to the Roots“.
StartingUp: Du setzt zu 100 Prozent auf ein lokales Windows-Netzwerk. In Zeiten, in denen Handwerker*innen von der Baustelle aus per Tablet auf Kund*innendaten zugreifen wollen oder die Buchhaltung im Homeoffice gemacht wird, wirkt eine rein lokale Lösung wie ein Rückschritt. Verbaust du deinen Kund*innen damit nicht die Flexibilität des modernen Arbeitens?
Shahab Alaei: XFlowAssist setzt nicht auf „lokal statt flexibel“, sondern auf „Datenhoheit ohne Cloud-Zwang“. Die Daten können lokal im eigenen Netzwerk liegen, aber ebenso an einem vom Kunden gewählten Speicherort – zum Beispiel in einem synchronisierten OneDrive-Verzeichnis, auf einem NAS oder über eine eigene Remote-Zugriffslösung.
Der entscheidende Unterschied ist: Der Kunde entscheidet selbst. Bei vielen Cloud-ERP-Lösungen ist fest vorgegeben, dass die Daten beim Anbieter oder dessen Infrastrukturpartnern liegen. XFlowAssist lässt diese Entscheidung bewusst offen. Wer eine einfache Lösung möchte, kann einen Cloud-Speicher nutzen. Wer mehr Kontrolle will, setzt ein eigenes Netzwerk, ein NAS oder ein VPN ein. Damit ist modernes Arbeiten weiterhin möglich, auch im Homeoffice oder von der Baustelle aus. Es geht nicht darum, Flexibilität zu verhindern, sondern darum, sie nicht an einen Cloud-Zwang zu koppeln.
StartingUp: Lokale Datenhoheit klingt zunächst gut. Aber große Cloud-Anbieter*innen haben meist professionelle IT-Sicherheitsabteilungen. Ein durchschnittlicher Handwerksbetrieb hat das nicht. Wälzt du mit XFlowAssist nicht das immense Risiko von Datenverlusten, defekten Servern oder Ransomware-Angriffen einfach auf deine Kund*innen ab?
Shahab Alaei: Solche Risiken bestehen vom kleinsten Einzelanwender bis zum großen Player über alle Branchen hinweg. Wie gesagt: Es besteht weiterhin die Möglichkeit, die Daten auch auf externen Lösungen zu speichern, die Sicherheitsfeatures wie automatische Backups bieten. Viele KMU nutzen keine eigenen Server, sondern kleine Netzwerke innerhalb ihrer Geschäftsräume.
Für Betriebe ohne eigene IT-Sicherheitsabteilung sind die wichtigsten Sofortmaßnahmen meist nicht teuer: Multi-Faktor-Authentifizierung überall, regelmäßige Updates, gute Backups mit Wiederherstellungstests, Mitarbeiterschulungen gegen Phishing, ein Passwortmanager, minimale Adminrechte und ein einfacher Notfallplan. Den Aspekt der sicheren Kommunikation von XFlowAssist bezüglich verschlüsselter Passwörter halte ich stets aktuell und habe ihn immer im Blick.
Wenn man seine Daten lokal hält und einige Grundregeln wie regelmäßige Backups beachtet, ist der Kompromiss, seine Daten nicht auf fremden Servern zu speichern, ein sehr guter. Vor Angriffen ist niemand absolut sicher, ein Restrisiko besteht immer und für jeden. Aber um Herr über die eigenen Daten wie Umsatzzahlen, Kundendaten und Geschäftsabläufe zu bleiben, ist es die Mühe wert, seine Daten an mindestens zwei Stellen zu sichern – sprich: Backups anzulegen.
StartingUp: Ein ERP-System ist das Herzstück einer jeden Firma. Wie nimmst du potenziellen Kund*innen die berechtigte Angst, dass ihre zentrale Unternehmenssoftware nicht mehr mit Updates versorgt wird, falls du als Einzelgründer unerwartet ausfallen solltest?
Shahab Alaei: Das wäre dann wohl Schicksal … Aber die Sorge ist absolut berechtigt, gerade weil ein ERP-System eine so zentrale Rolle einnimmt. Bei XFlowAssist liegt ein wichtiger Vorteil jedoch genau im Konzept: Die Unternehmensdaten werden lokal und zentral beim Kunden gebündelt. Sie liegen also nicht verstreut in verschiedenen Tools oder ausschließlich in einer externen Cloud-Struktur, sondern bleiben an einer kontrollierbaren Stelle verfügbar. Auch technisch ist XFlowAssist nicht als Blackbox aufgebaut.
Die Übergabefähigkeit ist von Anfang an berücksichtigt: Struktur, Datenhaltung und zentrale Abläufe sind so angelegt, dass eine fachkundige Person das System problemlos nachvollziehen und weiterführen kann. Zudem sind Backup- und Exportfunktionen integriert. Rechnungen können beispielsweise als XML ausgelesen und dadurch von anderen Systemen weiterverarbeitet werden. Kund*innen behalten damit den vollen Zugriff auf ihre Daten und sind nicht vollständig von einer einzelnen Person oder einem geschlossenen System abhängig.
Für den Fall, dass ich als Gründer unerwartet ausfallen sollte, ist der Zugriff und die Entscheidungsfähigkeit notariell geregelt. Bis ein geeignetes Unternehmen oder mehrere technische Partner offiziell benannt sind, liegen die entsprechenden Entscheidungsbefugnisse bei vertrauenswürdigen Privatpersonen aus meinem Umfeld. Der nächste Schritt ist, hierfür zusätzlich ein oder mehrere Unternehmen zu definieren, die im Ernstfall Betrieb, Wartung oder Weiterentwicklung übernehmen können. Mir ist extrem wichtig, dass es im Fall der Fälle nahtlos weitergeht und meine Kunden keinen Schiffbruch erleiden.
StartingUp: Du bist im Frühjahr 2026 offiziell gestartet. Eine so komplexe Software von Grund auf zu entwickeln, kostet viel Zeit und Geld. Wie hast du das Unternehmen bisher finanziert und was waren für dich die prägendsten Meilensteine bis zum heutigen Tag?
Shahab Alaei: Finanziert wurde XFlowAssist bisher komplett aus meinen privaten Mitteln. Ein prägender Meilenstein war für mich der Moment, als ich das erste Mal erfolgreich per Mausklick ein Angebot in einen Vertrag und diesen mit einem weiteren Klick in eine Rechnung konvertieren konnte. Das war ursprünglich mein eigentliches Ziel: eine kleine Hilfe, um ZUGFeRD-Rechnungen zu erstellen. Kleine Betriebe sollten unkompliziert Kunden anlegen und für diese E-Rechnungen im ZUGFeRD-Format generieren können.
Entstanden ist die Idee, nachdem ich für den Betrieb meines Bruders auf der Suche nach einer passenden Lösung war und nichts finden konnte, was nicht mit schwer vorhersehbaren Gebühren, komplizierten Strukturen oder schlechter Dokumentation verbunden gewesen wäre. Gerade zu Beginn waren seine finanziellen Mittel begrenzt, sodass eine einfache, transparente und bezahlbare Lösung wichtig war.
Für einen Einzelentwickler bedeutet ein solches Projekt natürlich einen immensen Zeitaufwand. Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich nach der grundsätzlichen Entscheidung mit der Planung begonnen. Wichtig ist: Es gab nicht den einen großen Meilenstein, sondern viele kleine. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein solches System normalerweise von Teams mit oft 20 oder mehr Personen entwickelt wird. Ich konnte auf diesem Weg Einblicke und Erfahrungen sammeln, die man als Entwickler in einem klassischen Team so wahrscheinlich gar nicht in dieser Breite macht. Ich bin zwar seit Jahrzehnten in der IT tätig, offiziell aber erst seit vier Jahren anerkannter Anwendungsentwickler. Normalerweise werden die Aufgaben in einem Softwareprojekt klar aufgeteilt: Eine Person schreibt die Datenbankmodelle, eine andere kümmert sich um Planung und Beschreibung, wieder andere erstellen Dokumentationen oder Programmablaufpläne (PAPs).
Zu Beginn habe ich selbstverständlich auch KI zur Unterstützung genutzt, zum Beispiel bei bestimmten Modellierungen, Konzepten oder Strukturierungen. Das Potenzial dieser Technologien ist enorm. Ohne KI-Unterstützung hätte ich XFlowAssist in dieser Form niemals allein innerhalb von knapp zwei Jahren so weit entwickeln können. Wobei „fertigstellen“ eigentlich der falsche Begriff ist, denn Software ist im Grunde nie wirklich fertig. Sie entwickelt sich stetig weiter. Für mich sind deshalb vor allem die kontinuierlich gewonnenen Erkenntnisse die echten Meilensteine.
StartingUp: Der offizielle Marktstart ist nun erfolgt. Wenn du auf die Roadmap für die nächsten 12 bis 18 Monate schaust: Welche konkreten Funktionen oder neuen Zielgruppen stehen als Nächstes auf dem Plan?
Shahab Alaei: Geplant sind Funktionen wie das digitale Signieren von Dokumenten und Arbeitsscheinen auf mobilen Geräten, wenn Mitarbeiter beispielsweise direkt beim Kunden vor Ort unterschreiben lassen wollen. Eine mobile Version soll zudem die Einsatzplanung und Koordination verbessern – sprich eine App für Angestellte, um mit der Zentrale zu kommunizieren. Dabei geht es um Arbeitszeiterfassung, das Dokumentieren von Tätigkeiten, das Hochladen von Baustellenfotos oder das Einsehen von Tages-, Wochen- und Monatsplänen.
Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl solcher Lösungen bereits auf dem Markt, jedoch meist gekoppelt an externe Dienstleister, die über APIs eingebunden werden. Diese Anbieter lesen die Dokumente oder schleusen sie durch ihre eigenen Server. Das könnte ich ebenfalls integrieren, es kollidiert jedoch fundamental mit unserer Kernidee, die Daten souverän zu halten. Das Dokument müsste wieder durch externe Systeme wandern, und diese Wege liefern erneut Angriffsflächen sowie das Risiko, dass Dritte die Daten für sich nutzen – sei es legal oder in Grauzonen.
Mein Ziel ist eine bestmögliche Lösung, die komplett ohne Dritte auskommt, auch wenn das eventuell kleine Kompromisse bei der Funktionalität bedeutet. Die Herausforderung besteht für mich darin, Lösungen mit der maximalen Kontrolle über die eigenen Daten bereitzustellen. Ich strebe an, immer den kürzesten und direktesten Weg zu nehmen, um Daten von A nach B zu bringen.
StartingUp: Zum Abschluss unser Klassiker: Welche konkreten Tipps oder Lektionen aus deiner eigenen Start-up-Erfahrung möchtest du anderen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben?
Shahab Alaei: Mein wichtigster Tipp ist: Setzt euch am Anfang einen klaren Rahmen und schreibt ihn verbindlich auf. Haltet fest, was eure Idee ist, welches Ziel ihr erreichen wollt und was erst einmal nicht dazugehört. Gerade in der Anfangsphase kommen ständig neue Ideen dazu. Das ist normal und oft auch gut. Aber nicht jede gute Idee muss sofort umgesetzt werden. Sonst verliert man schnell den Fokus, verzettelt sich und macht sich das eigene Projekt unnötig schwer.
Ich habe gelernt: Erst den ursprünglichen Plan mit Geduld zu Ende bringen, dann schauen, was als Nächstes sinnvoll ist. Gründen bedeutet nicht, jede Möglichkeit sofort zu ergreifen, sondern die richtigen Schritte zur richtigen Zeit zu gehen.
StartingUp: Vielen Dank, Shahab Alaei, für das Gespräch.
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung
Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.
VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.
Plattform trifft auf traditionelles Handwerk
Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.
Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.
Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung
Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.
Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.
Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.
Bielefelder Shortcut: Unternehmensstart in 24 Stunden
Wie das neue Modell „Bielefelder Shortcut“ die Start-up-Bürokratie in Deutschland umgehen will.
Bielefeld wagt einen Vorstoß gegen die oft lähmende Gründerbürokratie in Deutschland: Mit dem sogenannten Bielefelder Shortcut sollen Start-ups künftig innerhalb von nur 24 Stunden voll operativ handlungsfähig sein. Das Modell wurde am heutigen 18. Juni 2026 auf der Tech-Konferenz "Hinterland of Things" vorgestellt und soll den Wirtschaftsstandort stärken, indem es den administrativen Aufwand für junge Unternehmen drastisch senkt.
Vom bürokratischen Hürdenlauf zum Sprint
Wer in Deutschland ein Unternehmen startet, kennt das Problem: Zwischen Notartermin, Handelsregistereintragung und der oft langwierigen Eröffnung eines Geschäftskontos vergehen häufig mehrere Tage oder gar Monate. Hier setzt der Bielefelder Shortcut an, indem er die zentralen Schritte bündelt und die Prozesse massiv verkürzt.
Das Versprechen der Initiatoren: Gründer*innen sollen innerhalb eines einzigen Arbeitstages eine einsatzbereite Unternehmensstruktur erhalten. Der Ablauf umfasst konkret folgende Punkte:
- Die Bereitstellung einer operativen, geförderten Vorratsgesellschaft in Form einer UG oder GmbH (was de facto einem rechtlichen Mantelkauf entspricht und so die Wartezeit beim Handelsregister umgeht).
- Ein bereits eingerichtetes, kostenloses Geschäftskonto.
- Das Aufsetzen einer kompletten Holdingstruktur innerhalb nur eines einzigen Notartermins.
- Standardisierte, investorenfähige Gesellschaftsverträge, die von Beginn an auf künftige Finanzierungsrunden ausgelegt sind.
- Eine taggleiche Zusage für langfristige Fördergelder.
Durch diesen komprimierten Ablauf soll sich der bürokratische Aufwand von den sonst üblichen mehr als 30 aktiven Arbeitsstunden auf nur noch wenige Stunden reduzieren.
Fünf Partner, ein Ökosystem
Möglich wird diese Beschleunigung nicht durch eine Gesetzesänderung, sondern durch die orchestrierte Zusammenarbeit von fünf regionalen Akteuren. Die Volksbank in Ostwestfalen eG stellt die operative Gesellschaft und das Geschäftskonto zur Verfügung. Die Bank beginnt laut Sebastian Vielstädte, Unternehmensentwickler der Volksbank, nicht erst bei der Kundenanfrage, sondern bereitet wichtige Schritte im Vorfeld sauber vor.
Die Founders Foundation begleitet die standardisierten Abläufe der Start-ups. Für die konzeptionelle Gestaltung und die Investorentauglichkeit der Struktur zeichnet der Teuto Seed Club verantwortlich. Die finanzielle Komponente steuert die WEGE mbH über das "Bielefelder Startup Paket" bei: Start-ups im Shortcut-Programm erhalten einen Zuschuss zu Kauf- und Mietkosten von bis zu 64.000 Euro, der perspektivisch auf die nächsten vier Jahre gestreckt wird. Für die nötige Sichtbarkeit der Initiative sorgt die Kommunikationsagentur The Trailblazers.
Einordnung für die Gründer*innenszene
Für uns ist an diesem Modell insbesondere die professionelle Strukturierung von Tag eins an relevant. Marek Lehmann, Vorstand des Teuto Seed Clubs, betont, dass eine standardisierte Grundlage Reibungsverluste in frühen Phasen minimiert und den Weg zu späteren Finanzierungen ebnet. Dass das Fundament direkt als Holdingstruktur aufgesetzt wird, ist ein entscheidender Vorteil, der Gründer*innen später oft teure und komplexe Umstrukturierungen erspart, wenn Venture Capital an Bord kommt.
Gleichzeitig untermauert das Projekt die wachsenden Ambitionen der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL). Aktuelle Daten des "OWL Startup Monitors 2025" – einer von der Founders Foundation und dem Startup Verband erhobenen Eigenstudie – belegen, dass sich die Zahl der Neugründungen in der Region in der vergangenen Dekade mehr als verdoppelt hat. Zudem bewerten 69 Prozent der dortigen Gründer*innen das lokale Ökosystem positiv, während der Bundesschnitt lediglich bei 57 Prozent liegt. Laut Dominik Gross, CEO der Founders Foundation, ist das Projekt das Ergebnis eines zehnjährigen, konsequenten Ökosystem-Aufbaus.
Ausblick
Das Programm, dessen erste Unternehmensstarts bereits ab Juli 2026 anlaufen sollen, demonstriert, dass praxisnaher Bürokratieabbau auf lokaler Ebene realisierbar ist, wenn Banken, Wirtschaftsförderung und Start-up-Netzwerke ihre Prozesse synchronisieren. Es bleibt abzuwarten, ob das "Bielefelder Modell" in der Praxis – etwa unter dem Einfluss strenger bankenrechtlicher Geldwäscheprüfungen (KYC) – diese Geschwindigkeit vollumfänglich halten kann und genügend Strahlkraft entwickelt, um auch andere deutsche Startup-Hubs zu ähnlichen prozessualen Innovationen zu bewegen. Interessierte Teams können sich ab sofort unter www.bielefelder-shortcut.de informieren.
DeepTech-Achse Paris-Berlin: southwestX startet Exzellenzprogramm „Startup Leaders“
Der deutsch-französische DeepTech-Innovationshub southwestX startet Exzellenzprogramm „Startup Leaders“ zur Stärkung der europäischen Tech-Souveränität.
Die technologische Souveränität Europas steht zunehmend im Zentrum wirtschaftspolitischer Strategien. Während Europa über exzellente Forschung und starke Industrieunternehmen verfügt, scheitert der Übergang zu internationalen Unternehmenserfolgen oft an strukturellen Hürden wie fragmentierten Märkten, begrenztem Wachstumskapital und langen Wegen in die industrielle Anwendung. Um genau diese Lücke zu schließen, hat der deutsch-französische DeepTech-Innovationshub southwestX auf der Technologie-Messe VivaTech in Paris eine neue grenzüberschreitende Initiative gestartet und parallel dazu ein neues Büro in der französischen Hauptstadt eröffnet.
Schulterschluss für die digitale Souveränität
Das neue Exzellenzprogramm „Startup Leaders“ wurde am 18. Juni 2026 von prominenten politischen und wirtschaftlichen Vertreter*innen beider Länder auf der VivaTech offiziell präsentiert. Neben Pascal Cagni, dem Präsidenten von Business France und französischem Botschafter für internationale Investitionen, sowie der Direktorin von La French Tech, Julie Huguet, betonte auch Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, die strategische Relevanz des Programms. „Unsere digitale Souveränität stärken wir am besten, indem wir eigene, globale Champions aufbauen“, unterstrich Wildberger die Zielsetzung und verwies auf das Potenzial der deutsch-französischen Zusammenarbeit für die europäische Wettbewerbsfähigkeit.
Parallel zum Launch festigt southwestX – eine von bundesweit zehn durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) ausgezeichneten und geförderten exist Startup Factories – seine physische Präsenz in Europa. Mit dem neuen Pariser Büro sollen Gründerinnen und Gründer, Investoren, Unternehmen und Forschungseinrichtungen enger vernetzt und die deutsch-französische Innovationsachse gezielt ausgebaut werden. Für Geschäftsführer Matthias Schmitz ist dieser Schritt zwingend notwendig: „Wenn wir Europas technologische Souveränität stärken wollen, müssen wir auch bei der Zusammenarbeit innerhalb Europas deutlich ambitionierter werden“.
Fokus auf die Wachstumsphase von Series-A-Scale-ups
„Startup Leaders“ hebt sich von klassischen Gründungsinitiativen ab, indem es sich explizit an reifere Deep-Tech-Scale-ups richtet. Die kuratierte Kohorte umfasst bis zu 20 Unternehmerinnen und Unternehmer aus Deutschland und Frankreich, deren Firmen bereits eine Series-A-Finanzierung oder eine vergleichbare Wachstumsphase erreicht haben. Über einen Zeitraum von zwölf bis fünfzehn Monaten erhalten die Teilnehmenden Zugang zu exklusivem Mentoring, internationalen Netzwerken sowie einem engen Austausch mit Wirtschaftsentscheidern und institutionellen Partner*innen, unterstützt unter anderem durch die Baden-Badener Unternehmer Gespräche (BBUG).
Die erste Kohorte fokussiert sich auf strategische Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, Kernfusion, Carbon Removal, Raumfahrt, Advanced Materials und Quantentechnologien. Zu den teilnehmenden Scale-ups gehören:
- Aus Deutschland: Focused Energy, eleQtron, LidroTec, Greenlyte Carbon, Quantum Optics Jena, Kraftblock, Workpath, Phlair, Ucaneo und Surfunction.
- Aus Frankreich: Quobly, Renaissance Fusion, Wise Integration, GitGuardian, CryptoNext Security, HyLight, EcoTree, Skynopy und SampAi.
Einordnung: Mehr als ein regionales Förderprogramm
Die Initiative zeigt einen grundlegenden Wandel in der europäischen Innovationsförderung. Anstatt rein nationale Strukturen aufzubauen, zielt southwestX auf eine übergeordnete Vernetzung ab. Getragen wird das Konstrukt von einem breiten Gesellschafter-Konsortium aus Wissenschaft und Forschung – darunter die Universität des Saarlandes, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), die WHU – Otto Beisheim School of Management, die Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU), die htw saar, die Hochschule Trier mit dem Umwelt-Campus Birkenfeld, mehrere Max-Planck-Institute und das Collège des Ingénieurs (CDI). Der Hub operiert dabei im gesamten grenzüberschreitenden Innovationsraum Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Frankreich.
Mit diesem Ansatz adressiert southwestX das zentrale „Valley of Death“ der Deep-Tech-Branche: die kostenintensive und langwierige Skalierung von komplexen Hardware- und Hochtechnologielösungen. Durch die Bündelung von Spitzenforschung, Kapital und industrieller Praxis entlang der beiden größten Volkswirtschaften der EU entsteht eine Blaupause dafür, wie Europa künftig seine technologischen Durchbrüche sichern und im globalen Wettbewerb als souveräner Technologiestandort auftreten kann.
Gründer der Woche: DYNO – für mehr Rentenansprüche
Altersarmut steigt, die betriebliche Altersvorsorge schwächelt. DYNO will das System umkrempeln – komplett digital und provisionsfrei. Wir haben bei Co-Founder Marc Karkossa nachgehakt.
In Deutschland haben mehr als 34 Millionen Menschen Anspruch auf eine betriebliche Altersvorsorge (bAV). Doch nur rund 18 Millionen zahlen tatsächlich ein – oft, ohne zu wissen, was am Ende für sie herausspringt. Die Gründe dafür sind tief in der Branche verwurzelt: Hohe Kosten, versteckte Provisionen und Intransparenz sind seit Jahrzehnten Standard. Das Offenburger Start-up DYNO tritt an, um genau dieses Problem zu lösen.
Mit einem 2,5-Millionen-Euro-Investment im Rücken und namhaften B2B-Kund*innen wie Freeletics, Schöffel und Quantum Systems verspricht das Unternehmen ein komplett digitales und provisionsfreies Modell. Der Anspruch: Arbeitnehmer*innen sollen durch den Zinseszinseffekt bis zu 150.000 Euro mehr Rentenansprüche aufbauen können. Doch wie skaliert man mit solch einem Versprechen in einem hochregulierten Markt gegen die etablierten Platzhirsche? Wir haben mit Mitgründer Marc Karkossa über das Aufbrechen alter Strukturen, ehrgeizige Ziele und die Zukunft der Rente gesprochen.
Das Interview
Wo steht der deutsche bAV-Markt heute wirklich und warum hat es erst externe Gründer gebraucht, um die Digitalisierung und Transparenz in dieser Branche ernsthaft anzustoßen?
Marc Karkossa: Der Markt ist zweigeteilt. Es gibt bAV-Modelle in Großkonzernen, die aufgrund vorhandener Ressourcen und Kompetenzen ordentliche Teilnahmequoten in der Belegschaft erzielen. Häufig gibt es hier auch arbeitgeberfinanzierte Modelle. Der Teil, der nicht erreicht wird – und wenn, dann häufig mit schlechten bAV‑Produkten –, sind kleine und mittelständische Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeitenden. Hier muss sich etwas ändern. Ich würde uns jedoch nicht als externe Gründer bezeichnen. Ich habe meine Ausbildung bei der AXA gemacht und war dann sechs Jahre lang in der familieneigenen Vermittlungsagentur tätig, zuletzt als Prokurist. Nur jemand, der das System von innen kennt, kann es grundlegend verändern.
Ich habe erlebt, wie Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einen vom Staat geförderten und vom Arbeitgeber unterstützten bAV‑Vertrag gespart haben, am Ende weniger Geld zur Verfügung hatten, als sie eingezahlt haben. Das System habe ich als zutiefst unfair empfunden: Provisionen, undurchsichtige Verwaltungskosten, starre Anlagemöglichkeiten mit zu hoher Garantie, Nullrendite. Das sind alles keine Einzelfälle, sondern die Regel. Dass man das anders machen kann, habe ich schnell verstanden. Es geht um einen kleinen, aber wichtigen Perspektivwechsel: Wir arbeiten für die Sparer*innen, nicht für Provisionen oder die Incentive-Reisen nach Dubai für die besten Verkäufer.
Ihr werft dieses System aus Intransparenz und Maklerprovisionen über den Haufen. Wie schwer war dieser Bruch für dich persönlich und wie stark ist der Gegenwind aus der etablierten Versicherungsbranche?
Marc Karkossa: Der Bruch war nie das Schwere. Im Gegenteil: Schwer war, das Problem zu sehen und nichts zu tun. Menschen zahlen jahrelang ein und am Ende ist weniger Geld da, als eingezahlt wurde – und das bei 2,37 Prozent Durchschnittsrendite. Das ist kein Pech, das ist ein Konstruktionsfehler. Ab da fühlt sich der Schritt nicht wie Rebellion an, sondern wie das Naheliegende.
Und ich korrigiere das Bild: Wir werfen nicht die Branche über den Haufen, sondern ein Geschäftsmodell. Wir arbeiten auch mit Versicherern zusammen und sind Teil der Infrastruktur, kein Gegner. Gegenwind gibt es, aber selten offen. Der Widerstand ist Trägheit – und er kommt von dort, wo sich Menschen bedroht fühlen. Viele in der Branche sehen es im Stillen genauso. Und die Regulierung bewegt sich ohnehin in diese Richtung. Wir sind nicht gegen das System. Wir stehen nur schon da, wo der Markt in fünf Jahren stehen wird.
Eines eurer stärksten Verkaufsargumente ist der Rentenvorteil für die Nutzer*innen: Durch eingesparte Provisionen, Honorare und Betreuungskosten sollen laut euren Berechnungen bis zu 150.000 Euro mehr Rente für die Arbeitnehmer*innen herausspringen. Da bohrt der Redakteur natürlich nach: Wenn ihr komplett auf Abschluss- und Maklerprovisionen verzichtet, wie genau refinanziert sich DYNO dann? Wo liegt euer B2B-Monetarisierungshebel?
Marc Karkossa: Die Antwort ist eigentlich banal: Wir sind eine B2B-Tech-Plattform. Unternehmen zahlen uns eine monatliche Lizenzgebühr für die Nutzung von DYNO – für die HR-Automatisierung, das Echtzeit-Dashboard, die digitale Verwaltung aller bAV-Verträge. Was das für Arbeitnehmer*innen bedeutet: Das eingezahlte Kapital arbeitet vom ersten Euro an für sie. Genau darin steckt der 150.000-Euro-Unterschied über eine durchschnittliche Erwerbsbiografie. Natürlich können es auch weniger als 150.000 Euro oder auch mehr sein. Das Provisionssystem hat über Jahrzehnte funktioniert, weil Intransparenz das Geschäftsmodell war. Unseres funktioniert, weil Transparenz das Geschäftsmodell ist.
Bisher konntet ihr über 600 Unternehmen als Kund*innen gewinnen. Für HR-Abteilungen ist die Verwaltung der bAV oft ein administrativer Albtraum. Wie überzeugt ihr klassische, teils mittelständische Unternehmen davon, ihre bewährten – wenn auch oft analogen – Prozesse an ein junges Start-up auszulagern?
Marc Karkossa: Die Frage ist berechtigt. Ein junges Unternehmen, das ein System anfasst, das seit 30 Jahren so funktioniert? Aber das Argument dreht sich eigentlich um: Wir erleichtern HR die Arbeit, wir machen sie nicht abhängig von uns. Unser Fokus liegt auf kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie schnell wachsenden Organisationen, die moderne HR-Strukturen skalierbar, rechtssicher und einfach zu administrieren aufbauen wollen. Was uns das Vertrauen bringt: Wir verdienen kein Geld über Produktprovisionen, sondern ausschließlich über die Software. Unsere Interessen sind damit mit denen des Unternehmens und der Belegschaft aligned, nicht mit denen eines Vermittlers oder Versicherers. Wenn Entscheider sehen, was ihre HR-Abteilung heute für bAV-Verwaltung aufwendet und was danach übrig bleibt, ist die Frage meistens beantwortet. Bei DYNO läuft alles digital: Vertragsänderungen, Onboarding neuer Mitarbeitender, Reporting, alles zentral und ohne Papierkram.
Die Altersvorsorge ist ein hochsensibler und streng regulierter Bereich. Wenn ihr den klassischen Versicherungsmakler ausschaltet und die Prozesse vollständig digitalisiert: Wie löst ihr das Thema Haftung und BaFin-Regulierung? Wenn Arbeitnehmer*innen am Ende falsch entscheiden oder sich schlecht beraten fühlen – wer trägt bei eurem Ansatz das rechtliche Risiko?
Marc Karkossa: Unsere komplette User-Journey auf Arbeitnehmerseite ist so gebaut, dass sie alle rechtlichen Anforderungen erfüllt – dokumentiert, nachvollziehbar. Und genau das ist auch eine Stärke der Digitalisierung: Ein digitaler Prozess senkt den Standard nicht, er hebt ihn. Und: DYNO hält eine eigene Maklerlizenz; ohne die lässt sich bAV mit Versicherungsunternehmen gar nicht managen.
Die Zahlen, die ihr kommuniziert, sind ambitioniert: 2025 wurden über die Plattform 100 Millionen Euro vertraglich vereinbarte Beiträge aktiviert. Bis Mitte 2026 wollt ihr bereits rund 400 Millionen Euro an Rentenansprüchen aufgebaut haben. Welche konkreten vertrieblichen oder technologischen Hebel nutzt ihr, um diese Vervierfachung in einem so kurzen Zeitraum zu realisieren?
Marc Karkossa: Wir bauen konsequent das, was der Mittelstand braucht, bleiben unserer provisionsfreien, digitalen DNA treu und haben eine Technologie, die von Grund auf skaliert – so könnten wir bereits jetzt täglich hunderte Unternehmen onboarden.
Spätestens seit dem Beschluss der Betriebsrentenreform (BRSG II) gewinnt die bAV politisch und gesellschaftlich wieder massiv an Relevanz – auch, weil die gesetzliche Rente oft nicht mehr reicht. Wird die rein digitale, Do-it-yourself-Vorsorge in fünf Jahren der absolute Standard sein, oder glaubst du, dass die klassische persönliche Beratung bei Finanzthemen weiterhin eine Daseinsberechtigung hat?
Marc Karkossa: Es ist kein Entweder-oder – es kommt auf das individuelle Bedürfnis an. Manche wollen es selbst managen, schnell und online. Andere wollen einen Menschen, gerade wenn die Märkte mal wackeln. Beide sollten dasselbe bekommen: ein renditestarkes Top-Produkt – egal ob vollständig digital oder im Videocall. Der Standard in fünf Jahren ist deshalb nicht zwangsläufig ‚Do it yourself‘, sondern eine digitale Infrastruktur, die beides kann – ohne Renditeunterschied. Aus diesem Grund bieten wir bei Rückfragen auch eine Beratung per Videocall an.
Marc, du hast den Seitenwechsel vom Branchen-Insider zum disruptiven Start-up-Gründer in einem hochregulierten Markt vollzogen. Welche konkreten Learnings möchtest du anderen Gründer*innen für ihren eigenen Weg mitgeben – insbesondere jenen, die sich mit ihren Ideen ebenfalls an dicke Bretter und festgefahrene Industrien wagen?
Marc Karkossa: Jeder Markt hat seine Vor- und Nachteile – und die Dicke eines Bretts hat meistens einen Grund. Mein wichtigstes Learning: dranbleiben. Dicke Bretter bohrt man nicht in einem Quartal. Und genauso wichtig: konsequent in den Markt reinhören, welche Lösung er gerade braucht – und nicht, welche man selbst gern bauen würde.
Danke, Marc Karkossa, für die spannenden Insights
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
PropTech-Markt in Bewegung: Mietz und Regionalimmobilien24 schmieden neues Immobilien-Ökosystem
Der hart umkämpfte und oftmals träge Immobilienmarkt erhält einen neuen digitalen Impuls. Wie am 10. Juni 2026 bekannt wurde, bündeln das Immobilienportal Regionalimmobilien24 und das Berliner Start-up Mietz ihre Kräfte in einer strategischen Partnerschaft. Die Kombination beider Ansätze – deutschlandweite Reichweite auf der einen, volldigitalisierte Vermietungsprozesse auf der anderen Seite – zeigt deutlich, wohin die Reise im PropTech-Sektor geht: weg von Insellösungen, hin zu integrierten Plattformen, die den gesamten Prozess abbilden.
Die Idee zu Mietz entstand aus einem klassischen „Pain Point“, den zahllose Wohnungssuchende in Metropolen kennen. Co-Gründerin und Geschäftsführerin Lena Tuckermann verbrachte 2021 auf der Suche nach einer Wohnung in Hamburg hochgerechnet über 50 Stunden damit, Vermieter*innen erfolglos per E-Mail anzuschreiben. Gemeinsam mit Mitgründer Johann Kim rief sie daraufhin Mietz ins Leben. Das erklärte Ziel: den Bewerbungs- und Vermietungsprozess radikal zu digitalisieren und drastisch zu verkürzen.
Das Geschäftsmodell: Swipe-Prinzip für die Wohnungssuche
Das Kernstück der Mietz-App adaptiert das bewährte Swipe-Prinzip bekannter Dating-Apps für den Immobilienmarkt. Wohnungssuchende legen ein detailliertes Profil samt verifizierter Dokumente an und „swipen“ sich durch passende Angebote. Gibt es von Seiten des Vermieters – der vorab Kriterien definiert – ein „Match“, können beide Parteien interagieren.
Während die App für Suchende kostenlos ist, monetarisiert sich Mietz über professionelle Vermieter, Makler und Wohnungsunternehmen. Diese zahlen für ein volldigitales Bewerbermanagement, das unübersichtliche E-Mail-Fluten verhindert und sämtliche Schritte bis zur Dokumentenprüfung und dem Vertragsabschluss bündelt. Dass dieses Konzept Potenzial hat, sahen auch prominente Angel-Investor*innen: So stiegen in der Vergangenheit unter anderem Shutterstock-Gründer Jon Oringer, Fußballprofi Mario Götze und Investorin Christine Kiefer bei dem PropTech ein.
Bereits heute verzeichnet Mietz über 150.000 wohnungssuchende Nutzer*innen und verwaltet Vermietungsprozesse für rund 30.000 Wohneinheiten.
Der strategische Deal: Synergien statt Alleingang
Durch die nun geschlossene Kooperation werden die über 37.000 Immobilienangebote von Regionalimmobilien24 künftig über Mietz zugänglich gemacht. Im Gegenzug erhalten Anbieter, die über Mietz vermarkten, zusätzliche Sichtbarkeit im Netzwerk von Regionalimmobilien24.
Lars Rupprecht, Geschäftsführer von Regionalimmobilien24, verdeutlicht den strategischen Wandel: „Wir verstehen Regionalimmobilien24 nicht als klassisches Immobilienportal, sondern als digitales Ökosystem rund um Wohnen und Finanzieren.“ Lena Tuckermann ergänzt: „Der Wohnungsmarkt braucht nicht nur mehr Reichweite, sondern vor allem intelligent vernetzte Prozesse.“
Unsere Einordnung für den Markt: Zwischen Effizienz und Realität
Für StartingUp-Leser*innen lohnt sich ein nüchterner Blick auf das Marktumfeld:
- Der Flaschenhals bleibt das Angebot: Mietz optimiert die Prozesse entlang der gesamten Vermarktungsstrecke enorm, löst aber nicht das drängendste Problem – den massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Ballungszentren. Eine effizientere Verwaltung schafft keine neuen Wohnungen.
- Datenschutz und Diskriminierungsgefahr: Das Profil-gestützte Swipe-Modell birgt latent die Gefahr, dass Vermieter vorschnell nach oberflächlichen Kriterien oder Fotos aussortieren. Zwar steuert Mietz mit standardisierten Datenpaketen gegen, doch das System erfordert ein hohes Maß an datenschutzrechtlicher und ethischer Sensibilität.
- Wettbewerb mit den Platzhirschen: Der Markt wird von Giganten wie ImmoScout24 und Immowelt dominiert. Die größte Herausforderung für das junge Bündnis bleibt es, die breite Masse an traditionellen Vermieter*innen zu akquirieren, für die die etablierten Portale oft noch der gewohnte Standard sind.
Fazit
Regionalimmobilien24 bringt die dringend benötigte Reichweite in das Bündnis ein, während Mietz die technologische Infrastruktur für digitale Vermietungsprozesse beisteuert. Gelingt die nahtlose Einbindung der Immobilienangebote auf beiden Seiten, entsteht ein vernetztes Ökosystem, das die Immobilienvergabe spürbar modernisiert – und den etablierten Player*innen perspektivisch Marktanteile abnehmen könnte.
Tokura sichert sich Millionen-Seed-Runde: Ein Scale-up-Ansatz für den Milliardenmarkt der Ambulantisierung
Das Berliner HealthTech-Start-up Tokura hat eine erste Finanzierungsrunde in mittlerer siebenstelliger Höhe abgeschlossen. Mit dem frischen Kapital wollen die Gründer Dr. Daniel Kreter und David Rizor eine eigene Technologieplattform aufbauen und spezialisierte ambulante OP-Zentren etablieren. Das ambitionierte Ziel: Eine Million Operationen pro Jahr in den ambulanten Sektor verlagern. Doch der Markt ist hochkomplex, streng reguliert und lockt zunehmend finanzkräftige Player an.
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer historisch tiefgreifenden Transformation. Durch die schrittweise Einführung sogenannter Hybrid-DRGs (sektorenunabhängige Fallpauschalen) sollen Behandlungen, die bisher klassischerweise stationär im Krankenhaus stattfanden, konsequent in den ambulanten Sektor verlagert werden. Das ökonomische und medizinische Potenzial ist gigantisch: Laut Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) weisen rund 60 Prozent aller stationären Fälle – das entspricht etwa 8 Millionen Eingriffen jährlich – ein klares Ambulantisierungspotenzial auf.
Die Realität hinkt dem politischen Willen jedoch hinterher. Es fehlt flächendeckend an der spezialisierten, hochmodernen Infrastruktur, um ein solches OP-Volumen sicher, digitalisiert und vor allem skalierbar aufzufangen. Eine erfolgreiche Ambulantisierung erfordert massive Investitionen in hocheffiziente Räumlichkeiten sowie nahtlose digitale Prozesse.
Das Geschäftsmodell: „Space-as-a-Service“ für Mediziner*innen
Hier setzt das Konzept von Tokura an. Das Start-up positioniert sich als operativer Infrastruktur- und Technologiepartner für medizinische Leistungserbringer.
- Flexibles Kooperationsmodell: Niedergelassene Operateur*innen sowie Krankenhäuser können sich in den Tokura-Zentren einmieten, um dort auf spezialisierte Räumlichkeiten, eingespielte OP-Teams und verlässliche Prozesse zurückzugreifen.
- Joint Ventures: Zudem bietet das Unternehmen an, neue ambulante OP-Zentren gemeinschaftlich mit medizinischen Partnern aufzubauen und zu betreiben.
- Technologie-Hebel: Herzstück soll eine proprietäre Plattform sein, die den gesamten operativen Alltag digital steuert und damit die Wirtschaftlichkeit drastisch erhöht.
Die Macher: Scale-up-DNA ersetzt das Stethoskop
Hinter Tokura stehen keine Brancheninsider aus dem klassischen Klinikbetrieb, sondern erfahrene Köpfe aus der Tech- und Skalierungswelt. Dr. Daniel Kreter bringt über 15 Jahre Start-up-Erfahrung mit, unter anderem von Schwergewichten wie Zalando und Taxfix. Co-Gründer David Rizor verantwortete bei Taxfix die Unternehmensstrategie und koordinierte dort Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von über 300 Millionen Euro.
Dass diese Tech- und Fundraising-Expertise bei Investor*innen verfängt, zeigt das prominente Cap-Table: Die Seed-Runde wird von den namhaften VCs Heal Capital und Redalpine angeführt. Zudem beteiligen sich Business Angels der Investor*innen-Allianz better ventures. Um die fehlende medizinische Vita auszugleichen, setzt Tokura auf einen hochkarätigen medizinischen Beirat, unter anderem besetzt mit PD Dr. med. Clemens Gwinner (Leitender Oberarzt an der Charité Berlin) und erfahrenen Praxisbetreiber*innen.
Zwischen Skalierungstraum und Investitionsrealität
Das Vorhaben von Tokura ist so logisch wie ambitioniert, birgt für ein klassisches Venture-Capital-Case jedoch spezifische Risiken:
- Enormer Investitionsbedarf (CapEx): Der Aufbau physischer OP-Zentren ist extrem kapitalintensiv. Ein mittlerer siebenstelliger Betrag ist ein solider Start für den ersten Standort – für das Ziel von einer Million Operationen wird Tokura jedoch in rascher Folge dreistellige Millionenbeträge einsammeln müssen.
- Finanzstarke Konkurrenz: Der Markt für ambulante Operationsstrukturen konsolidiert sich bereits im Rekordtempo. Private-Equity-getriebene MVZ-Ketten wie das Orthopädie-Netzwerk Ortivity bewegen sich in völlig anderen Finanzierungsdimensionen. Gleichzeitig drängen etablierte Medizintechnik-Riesen wie B. Braun mit maßgeschneiderten Prozesslösungen für ambulante Zentren in den Markt.
- Das Schnittstellen-Risiko: Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gelten in Digitalisierungsfragen als notorisch träge und veränderungsresistent. Ob sich die „Zalando- und Taxfix-DNA“ der Gründer reibungslos auf den stark regulierten und von Standespolitik geprägten Medizinbetrieb übertragen lässt, muss sich im operativen Alltag erst noch beweisen.
Fazit
Tokura besetzt zur richtigen Zeit eine der größten strukturellen Bruchstellen des deutschen Gesundheitssystems. Gelingt es dem Team, die Effizienz digitaler Plattformen mit der komplexen Realität physischer Medizin-Infrastruktur zu verknüpfen, hat das Start-up das Potenzial zum Gamechanger. Wenn nicht, droht das junge Unternehmen zwischen den hohen Fixkosten eigener Standorte und der Marktmacht finanzstarker MVZ-Konzerne zerrieben zu werden.
Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?
Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.
Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?
Die Köpfe hinter der Chat-Innovation
Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.
„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“
Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.
All-in-one zum Kampfpreis
Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.
Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.
Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.
Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"
So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.
Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.
Grenzen der Chat-Bedienung
Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.
Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.
Fazit und Ausblick
Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.
Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“
