tozero: Münchner Start-up meldet erste kommerzielle Lieferung von recyceltem Lithium


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tozero, der in München ansässige ClimateTech-Pionier im Recycling von Lithium-Ionen-Batterien, markiert einen bedeutenden Erfolg mit der ersten kommerziellen Lieferung von recyceltem Lithium, das aus Batterieabfällen mithilfe eines proprietären Hydrometallurgieverfahrens gewonnen wird.

tozero ist ein Münchner Start-up, das 2022 von Sarah Fleischer und Dr. Ksenija Milicevic Neumann gegründet wurde. Die Mission des Unternehmens besteht darin, Europas führende Recyclinganlage für Lithium-Ionen-Batterien zu errichten, die sich auf die nachhaltige Rückgewinnung kritischer Materialien wie Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit konzentriert. Durch die Wiederzuführung dieser Materialien in die Lieferkette möchte tozero die Entwicklung neuer Batterien unterstützen und gleichzeitig eine Kreislaufwirtschaft fördern.

Hochmoderner Hydrometallurgieprozess zur maximalen Rückgewinnung

Der hochmoderne Hydrometallurgieprozess von tozero maximiert die Rückgewinnung wertvoller Materialien wie Lithium und Graphit. Diese Materialien werden wieder in die Lieferkette eingeführt, wodurch der Bedarf an der Gewinnung und Verarbeitung neuer Materialien erheblich reduziert wird. Dadurch werden die CO2-Emissionen im Vergleich zu herkömmlichen Lithiumabbau- und -verarbeitungstechniken um bis zu 70 % reduziert. Die Technologie steht im Einklang mit den Zielen des europäischen Green Deals und erreicht die Ziele der EU-Batterierichtlinie einer Rückgewinnungsrate von über 80 % bis 2031 und damit früher als geplant.

Münchner Pilotanlage auf Erfolgskurs

Der im Juli 2023 gestartete Betrieb der Münchner Pilotanlage ermöglicht es seit März 2024 hochwertiges recycelts Lithium an europäische Kund*innen zu liefern. „Unser Lithium ist ein Beweis für die Reinheit und Wirksamkeit unseres Recyclingprozesses und macht ihn zu einem Spitzenprodukt und begehrtes kritisches Material für verschiedene Industriezweige in Europa“, kommentiert Sachin Samarakone, ein Teammitglied von tozero.

„Unsere Mission ist es, den Abfall von Lithium-Ionen-Batterien wirklich auf Null zu reduzieren, und jede Tonne recyceltes Lithium stellt einen bedeutenden Schritt zur Reduzierung unseres ökologischen Fußabdrucks und zur Erreichung einer Netto-Null-Zukunft dar“, erklärt Sarah Fleischer, Mitbegründerin und CEO von tozero.

Lithium wird als „weißes Gold“ bezeichnet und ist ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien. Es findet Anwendung in unterversorgten Märkten wie Keramik, Bauwesen, Schmiermitteln, Spezialgläsern und mehr und hat Auswirkungen auf verschiedene Branchen und das tägliche Leben. Mit der zunehmenden Elektrifizierung des Automobilsektors hat sich die Nachfrage nach Lithium intensiviert, was vor allem auf die Batterieherstellung zurückzuführen ist. Seit 2010 ist der Lithiumverbrauch für Batterieanwendungen von 20 % auf über 70 % des Gesamtbedarfs gestiegen.

Dem Lithium-Versorgungsdefizit entgegenwirken

Laut UBS-Prognose wird das weltweite Lithium-Versorgungsdefizit bereits im Jahr 2026 auftreten und bis 2030 auf 3 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent (LCE) anwachsen. Europa steht aufgrund der Konzentration des Bergbaus vor größeren Herausforderungen bei der Lithiumversorgung und Verarbeitungsaktivitäten in Ländern wie China, Chile und Australien. „97 % des Lithiums, das wir in der Europäischen Union verbrauchen, stammt aus China. Deshalb sind wir in diesem Fall völlig auf China angewiesen“, erklärte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, kürzlich in ihrer Rede beim Clean Tech Industry Dialogue in Brüssel. „Die begeisterte Resonanz unserer Kunden unterstreicht die Bereitschaft des Marktes für nachhaltige und urban abgebaute Sekundärmaterialien aus Europa“, fügt Dr. Ksenija Milicevic Neumann, Mitbegründerin und CTO, hinzu.

Der innovative Ansatz von tozero geht nicht nur auf Bedenken in der Lieferkette ein, sondern bietet auch eine nachhaltige Alternative zur Beschaffung von Neulithium. Angesichts der laufenden kommerziellen Lieferungen geht tozero davon aus, bis 2026 Hunderte Tonnen recyceltes Lithium zu produzieren. „Wir sind stolz darauf, eine Vorreiterrolle bei nachhaltigen Praktiken einzunehmen, die die Kreislaufwirtschaft stärken“, schließt Dr. Ksenija Milicevic Neumann.

Millionen-Seed für CoTrainer: Gelingt der Angriff auf den Amateurfußball-Markt?

Das Kölner Sport-Tech-Start-up CoTrainer hat eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von einer Million Euro abgeschlossen. Mit dem Olympia-Verlag-Ableger kicker ventures als Lead-Investor und prominenten Business Angels strebt das Unternehmen langfristig die Marktführerschaft in der Amateurfußballförderung an. Der Markt für Vereinsorganisation ist jedoch hart umkämpft – und die Monetarisierung des Ehrenamts bleibt eine strukturelle Herausforderung.

Das Closing der Runde erfolgte Ende des ersten Quartals 2026. Neben kicker ventures stiegen strategische Investoren aus dem Sport- und Digitalbusiness ein, darunter Markan Karajica (CEO 7NXT/Gymondo), Teamgeist Capital, Dr. Sebastian Weil (Co-Founder PadelCity), Timo Skrzypski (Ex-CEO Alemannia Aachen) sowie der VfL-Wolfsburg-Profi Maximilian Arnold, superangels und die Comvest Digital AG.

Mit dem frischen Kapital und dem neuen CTO Marco Giesen will das zehnköpfige Team die Produktentwicklung vorantreiben. Ein Relaunch der Plattform ist für den Sommer 2026 geplant. Das Beteiligungsunternehmen kicker ventures, das von Werner Wittmann und Ingo Schiller geführt wird, bringt neben Kapital auch Sportdaten-Expertise und die Reichweite der Marke kicker in die Partnerschaft ein.

Vom Athletik-Planer zum Vereins-Betriebssystem

Hinter CoTrainer steht die Fussballetics GmbH mit Sitz in Köln, die im Dezember 2022 von den Sportwissenschaftlern André Werres, Dyke Lambertz und Claudius Ludwig gegründet wurde. Ein Blick auf die Start-up-Historie zeigt eine strategische Weiterentwicklung: Das Trio startete bereits vor der offiziellen CoTrainer-Gründung mit einer Plattform, die Trainer im Amateurbereich vorstrukturierte Athletik-Trainingseinheiten lieferte. Nach einem Asset-Deal mit der Street Pro GmbH erweiterte das Team seinen Fokus zunächst auf die sportliche Entwicklung einzelner Spieler.

Mit CoTrainer folgt nun der Schritt vom inhaltlichen Anbieter zur ganzheitlichen Plattform für Vereine. „Im Amateurfußball steckt enorm viel Herzblut und enorm viel Verwaltungsaufwand, der an Ehrenamtlichen hängen bleibt“, erklärt CEO Claudius Ludwig, der das Problem aus eigener Erfahrung als Vereinsvorsitzender und Trainer kennt.

Geschäftsmodell und Markt

Der Bedarf an digitalen Lösungen im Amateurfußball ist vorhanden: Viele Vereine organisieren ihren Alltag laut CoTrainer häufig über eine Mischung aus Messenger-Gruppen, Tabellen und Zuruf. Das Start-up formuliert daher den Anspruch: „Weniger Abstimmung. Mehr Fußball“. Bislang nutzen nach Unternehmensangaben über 150 Vereine die Plattform.

Dennoch steht das Start-up vor erheblichen Markthürden:

  • Hohe Marktdurchdringung: Der Bereich Team-Management ist mit etablierten Anbietern wie SpielerPlus, SportMember oder Kadermanager bereits stark besetzt. Zudem drängen datengetriebene Start-ups wie Prematch in das Ökosystem des Amateurfußballs.
  • Komplexe Monetarisierung: Die Zielgruppe besteht aus ehrenamtlichen Trainern und Amateurvereinen. Bisherige Marktstandards setzen auf Freemium-Modelle oder Premium-Abos, deren Preisbereitschaft historisch begrenzt ist. B2C/B2B-Hybridmodelle in diesem Segment erfordern für Profitabilität eine hohe kritische Masse.
  • Differenzierung: CoTrainer positioniert sich durch die Bündelung von Vereinsorganisation, Trainingsplanung und Spielerentwicklung in einer Plattform. Der strategische Vorteil des Unternehmens könnte in seinen Wurzeln liegen: Gelingt es, fundiertes Wissen der Trainingslehre tiefgreifend mit Management-Funktionen zu verzahnen, entstünde ein Differenzierungsmerkmal gegenüber rein administrativen Kalender- und Kassen-Apps.

Um die Nutzerakquise zu beschleunigen, kündigt CoTrainer für die Saison 2026/27 eine Amateurfußball-Initiative an, deren Details zeitnah mit einem Ausrüstungspartner präsentiert werden sollen. Ob das neu aufgestellte Produkt nach dem Sommer-Relaunch stark genug ist, um Trainer von ihren etablierten Tools zu konvertieren, wird der entscheidende Härtetest für das Kölner Start-up.

Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus

Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?

Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.

Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen

Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.

Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.

Im Becken der Tech-Haie

Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.

Genialer Schachzug oder riskante Wette?

Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.

Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.

Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten

Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.

Gebäudedämmung als Infrastrukturaufgabe: VARM sichert sich 17,5 Millionen Euro in Series-A-Finanzierung

Das Berliner Start-up VARM hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor der Kapitalrunde ist der ABN AMRO Sustainable Impact Fund, flankiert vom GET Fund als Co-Lead. Zudem beteiligten sich Aurum Impact sowie die Bestandsinvestoren Emerge, Pale blue dot und noa. Das ausgegebene Ziel des jungen Unternehmens ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2035 sollen nach eigenen Angaben eine Million Gebäude in ganz Europa gedämmt werden.

VARM wurde im Jahr 2023 in Berlin von Christian Grüner und Sebastian Würz gegründet. Wie wir bei StartingUp bereits ausführlich in unserer Rubrik „Gründer*in der Woche“ berichtet haben, entspringt das Geschäftsmodell dem klaren Wunsch nach greifbarem Klima-Impact in der physischen Welt. Christian Grüner, studierter Mathematiker, betont, dass die Skalierung der Dämmung eine zwingende Infrastrukturaufgabe für die europäische Wärmewende sei.

Plattform trifft auf traditionelles Handwerk

Das Kernversprechen von VARM besteht darin, Einfamilienhäuser an nur einem Tag zu einem transparenten Festpreis zu dämmen. Ein typisches Projekt schlägt laut Unternehmensangaben mit rund 5.000 Euro zu Buche, wobei sich dieser Betrag durch staatliche BAFA-Förderungen auf einen Eigenanteil von unter 4.000 Euro reduzieren lassen soll. Da Bewohner im Anschluss bis zu 50 Prozent ihrer Heizkosten einsparen können sollen, amortisiert sich die Investition rechnerisch bereits nach wenigen Jahren.

Um diese Geschwindigkeit bei der Ausführung zu erreichen, setzt das Start-up auf ein dezentrales Partnerprogramm. Etablierte Handwerksbetriebe übernehmen die handwerkliche Umsetzung und stützen sich dabei auf eine von VARM bereitgestellte KI-Plattform, die entscheidende Schritte wie die Aufmaßerfassung und die Berechnung von Materialmengen automatisiert. Dem branchenweiten Personalmangel begegnet das Start-up proaktiv, indem es eigenständig Quereinsteiger aus angrenzenden Berufen qualifiziert und an die Betriebe vermittelt.

Markt, Wettbewerb und kritische Einordnung

Der deutsche Sanierungsmarkt scheitert laut Gaetano Giuffré vom ABN AMRO Sustainable Impact Fund nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an der fehlenden Ausführung. Der traditionelle Handwerkssektor gilt als stark fragmentiert und durch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel gelähmt. Klassische Vermittlungsportale im Energiebereich lösen dieses Problem nicht, da sie keine eigenen Handwerkskapazitäten aufbauen.

Während andere Player die Bereiche Wärmepumpen und Photovoltaik mit digitalen Vertriebsstrukturen bereits stark verändert haben, blieb der Markt für Gebäudedämmung lange analog. Dennoch muss das Geschäftsmodell von VARM kritisch beobachtet werden: Die Standardisierung physischer Bauprozesse ist weitaus komplexer als die Skalierung reiner Software. Auf der Baustelle treffen standardisierte KI-Prozesse auf unvorhersehbare, reale Gegebenheiten von Altbauten. Die größte Herausforderung für VARM wird es künftig sein, die versprochene handwerkliche Qualität bei einem rasanten, paneuropäischen Wachstum aufrechtzuerhalten – insbesondere, wenn ein Teil der Ausführung von angelernten Quereinsteigern erbracht wird.

Bislang scheint die Qualitätssicherung jedoch zu greifen: Bei tausenden abgeschlossenen Projekten hält das Unternehmen an seinen bundesweit sieben Standorten derzeit eine Google-Bewertung von 4,9 Sternen. Die frische Kapitalspritze soll nun vor allem in den Ausbau des Partnerprogramms fließen, um das traditionelle Handwerk tatsächlich in eine skalierbare Infrastruktur zu transformieren.

Berlin gründet, der Süden patentiert: Ein Ranking mit zwei Wahrheiten

Wer in Deutschland ein Start-up gründet, steht unweigerlich vor der Standortfrage. Ein neues Bundesländer-Ranking der BSBI School of Business and Innovation sieht Baden-Württemberg an der Spitze und straft Berlin ab. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Studie misst zum Teil Äpfel mit Birnen – und übersieht, wie moderne Digitalisierung funktioniert.

Dass Innovation nicht gleich Innovation ist, zeigt sich beim Blick auf die nackten Zahlen. Für das aktuelle Ranking wurden Start-up-Neugründungen und Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner (Stand Ende 2024) analysiert sowie eine KI-gestützte Schlagwortsuche in den Koalitionsverträgen der Landesregierungen durchgeführt. Das vermeintliche Ergebnis: Ein klares Süd-Nord-Gefälle mit Baden-Württemberg auf Platz 1 und Berlin abgeschlagen auf Platz 7.

Für Gründerinnen und Gründer greift diese Interpretation jedoch zu kurz.

Der Süden dominiert die Hardware – aus gutem Grund

Im Gesamtranking sichert sich Baden-Württemberg den Spitzenplatz, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Das „Ländle“ glänzt vor allem mit einem Spitzenwert von 135 Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner*innen. Auf dem Papier ist das der absolute Innovationssieg.

Und tatsächlich: Wer im Bereich DeepTech, Industrie 4.0, Medizintechnik oder Hardware gründet, findet im Süden (Baden-Württemberg auf Platz 1, Bayern auf Platz 5 mit 95 Patenten) das perfekte Ökosystem. Hier trifft Gründungsgeist auf den industriellen Mittelstand und die entsprechende Forschungslandschaft.

Das Berlin-Paradoxon: Warum die Patent-Kritik ins Leere läuft

Die eigentliche Überraschung der Studie: Berlin verteidigt zwar mit knapp 17 Start-ups je 100.000 Einwohner*innen einsam die Spitze bei der Gründungsdynamik, stürzt im Gesamtranking aber auf Platz 7 ab. Die Studienautor*innen bemängeln die niedrige Patentquote (Platz 12) der Hauptstadt.

StartingUp-Einordnung: Hier beißt sich die Methodik der Studie mit der Realität der Digitalwirtschaft. In Deutschland und Europa sind Software, Algorithmen und rein digitale Geschäftsmodelle rechtlich kaum patentierbar. Da Berlin das Epizentrum für SaaS-, FinTech- und Plattform-Start-ups ist, kann die Stadt in dieser Statistik nicht glänzen. Ein Mangel an Innovation ist das jedoch nicht – es ist schlicht die Natur digitaler Produkte, die sich über Schnelligkeit und Netzwerkeffekte schützen, nicht über Patentämter.

Buzzword-Bingo in der Landespolitik

Ein weiterer Minuspunkt für Berlin im Ranking: In den politischen Dokumenten der Hauptstadt tauchen Begriffe wie „Innovation“ oder „Digitalisierung“ seltener auf als in den Verträgen der südlichen Flächenländer (Platz 15 für Berlin).

Auch hier sollten Gründer*innen gelassen bleiben. Ob ein Ökosystem funktioniert, entscheidet sich nicht an der Anzahl der Buzzwords in einem Koalitionsvertrag, sondern an der gelebten Praxis: Wie schnell arbeiten die Behörden? Wie steht es um die Vergabe von Fördermitteln (z. B. IBB oder Landes-Stipendien)? In der Realität zeigen sich die Stadtstaaten hier oft agiler als bürokratische Flächenländer, selbst wenn dort „Digitalisierung“ auf jeder Seite des Parteiprogramms steht.

Bittere Realität im Nordosten

Abseits der Methodik-Kritik zeigt die Studie jedoch einen schmerzhaften und realen Trend: Das Abdriften des Nordostens. Mecklenburg-Vorpommern bildet das Schlusslicht des Rankings (Platz 16), gefolgt von Brandenburg (Platz 15) und Sachsen-Anhalt (Platz 14). Mit statistisch nur einer Start-up-Gründung und sieben Patenten je 100.000 Einwohner*innen in MV herrscht hier nach wie vor strukturelle Flaute. Für Gründer*innen fehlen in diesen Regionen oft die kritische Masse an Talenten, Investoren und relevanten Netzwerken.

Unser Fazit für die Praxis: Augen auf bei der Standortwahl

Das Ranking der BSBI liefert wertvolle Daten, muss aber je nach Geschäftsmodell völlig anders gelesen werden:

  • Du gründest Software, B2C oder Plattformen? Lass dich vom Ranking nicht täuschen. Berlin, Hamburg (Platz 3) und die Metropolregionen bleiben aufgrund des Talentpools und der VC-Dichte deine erste Wahl.
  • Du gründest im Bereich Hardware, Robotics oder DeepTech? Hier hat die Studie recht: In Baden-Württemberg und Bayern sitzt das industrielle Rückgrat, das du für Pilotprojekte, Patente und B2B-Kooperationen brauchst.

Die 3,7-Billionen-Dollar-Wette: Warum die geplanten Mega-Börsengänge von SpaceX, OpenAI und Co. das globale Finanzgefüge belasten können

SpaceX hat es vorgemacht, OpenAI und Anthropic steht es bevor: der Börsengang. Die kombinierte Bewertung dieser drei Tech-Giganten stellt die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung an der Börse in den Schatten. Während die Start-up- und VC-Szene das Ende der jahrelangen IPO-Flaute feiert, schlagen Vermögensverwalter*innen Alarm: Die Flut an Mega-IPOs könnte vor allem für vermeintlich sicher geglaubte ETF-Anleger*innen zum unkalkulierbaren Risiko werden.

Der Technologie- und KI-Hype erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt. Den Auftakt macht das Raumfahrtunternehmen SpaceX mit einer schwindelerregenden Bewertung von rund 1,8 Billionen US-Dollar (Stand 15.06.26) nach erfolgfreichem Börsenstart. Auch das ChatGPT-Mutterunternehmen OpenAI (rund 1,0 Billionen US-Dollar) und der KI-Rivale Anthropic (0,9 Billionen US-Dollar) haben ihre Börsenplatzierungen bereits in Stellung gebracht.

Für das Ökosystem der Venture-Capital-Geber*innen und Gründer*innen ist das ein massives Signal: Nach Jahren der Zurückhaltung ist der IPO-Markt zurück, und er ist größer als je zuvor. Zusammen bringen es die drei Unternehmen auf eine Marktkapitalisierung von rund 3,7 Billionen US-Dollar – fast doppelt so viel wie alle DAX-Konzerne zusammen.

Doch abseits der Feierstimmung im Silicon Valley drängt sich eine weitaus unbequemere Frage auf, die das Multi Family Office FINVIA in einem aktuellen Beitrag thematisiert: Sind diese Börsengänge wirklich der Beginn eines neuen technologischen Superzyklus – oder das finale Symptom einer extremen Überhitzung?

Der Fluch des Höhepunkts

Die Finanzgeschichte liefert ein klares, warnendes Muster: Wenn unangefochtene Marktführer an die Börse gehen, wählen sie meist den Zeitpunkt der maximalen Euphorie. Das war beim IPO von Goldman Sachs 1999 (mitten in der Dotcom-Blase) so, bei Blackstone 2007 (am Vorabend der Finanzkrise) und bei Glencore 2011 (am Ende des Rohstoff-Booms). Häufig markierten genau diese Mega-IPOs den Zenit des Marktes, woraufhin Anleger*innen jahrelange Durststrecken in Kauf nehmen mussten.

Die Skepsis ist angebracht. Denn während die gigantischen Bewertungen für SpaceX und OpenAI Zukunftsvisionen von AGI (Artificial General Intelligence) und der Mars-Kolonialisierung einpreisen, sieht die fundamentale Realität oft komplexer aus: Branchenmedien berichteten für SpaceX in den vergangenen Expansionsjahren wiederholt von Nettoverlusten im Milliardenbereich, und auch bei OpenAI zweifeln Kritiker*innen daran, wie schnell sich die gewaltigen Ausgaben für die KI-Infrastruktur jemals nachhaltig refinanzieren lassen.

Die Illusion der passiven Streuung: ETFs als unfreiwillige Käufer

Das eigentliche Problem, auf das die FINVIA-Analyse hinweist, liegt jedoch in der Mechanik der modernen Finanzmärkte, genauer gesagt bei passiven Indexfonds (ETFs). Der „MSCI World“ gilt unter Anleger*innen – vom Privatinvestierenden bis zum Start-up-Gründenden nach dem ersten Exit – als Inbegriff der Risikostreuung. Doch diese globale Diversifikation läuft Gefahr, in eine erhebliche Schieflage zu geraten.

Sobald SpaceX und Co. gelistet werden, saugen die großen Indizes sie automatisch auf. Der Index-Anbieter MSCI verfügt über einen „Fast-Track-Mechanismus“, durch den Giganten wie SpaceX schon nach wenigen Handelstagen in den MSCI World gespült werden können. Das Besondere daran: Sollte SpaceX, wie in Marktpreisen angedeutet, anfangs nur einen geringen Teil seiner Aktien als Streubesitz (Free Float) in den freien Handel bringen, prallt die automatische, gigantische Nachfrage der ETF-Anbieter*innen auf ein stark verknapptes Angebot. Das kann die Kurse kurzfristig künstlich in die Höhe treiben.

ETF-Anleger*innen kaufen diese neu gelisteten, maximal teuren Aktien am Ende blind mit ein. Zwar machen sie anfangs wegen des geringen Streubesitzes nur Bruchteile eines Prozents im Index aus, doch Expert*innen warnen, dass dieses Gewicht bei vollständiger Platzierung mittelfristig massiv anwachsen könnte. Der MSCI World, der heute ohnehin schon zu über 70 Prozent aus US-Aktien (und hier primär Big Tech) besteht, mutiert damit immer weiter zur konzentrierten Branchenwette.

Kritische Einordnung: Zwischen Substanz und Geschäftsmodell

Wie belastbar sind die Warnungen? Eine journalistische Überprüfung der aktuellen Marktdynamik zeigt: Die Risiken der Index-Integration sind hochaktuell und absolut real. Das beweist unter anderem der Umgang des Index-Betreibers S&P Dow Jones. Während der MSCI World Neulinge unter bestimmten Bedingungen sehr schnell integriert, sieht das Regelwerk des S&P 500 – des wichtigsten Index der Welt – strenge, historische Rentabilitätskriterien vor. Solange Tech-Giganten in ihren Wachstumsphasen keine anhaltende Netto-Profitabilität nachweisen können, bleibt ihnen dieser Markt verschlossen. Der weltweite MSCI World hingegen gewichtet primär nach Marktkapitalisierung und schluckt die Risiken ungefiltert.

Gleichzeitig gilt es, die Perspektive des Absenders FINVIA kritisch zu hinterfragen. Als Family Office hat das Unternehmen ein naturgemäßes Interesse daran, die Vorzüge einer aktiv gemanagten, strategisch strukturierten Vermögensverwaltung gegenüber rein passiven, billigen ETF-Produkten zu betonen. Der Rat, „nicht alles in einen MSCI World zu stecken“, sondern Portfolios aktiv über alternative Anlageklassen und Regionen zu streuen, ist ein klassisches Kernargument dieser Branche. Falsch wird die strukturelle Analyse des Index-Risikos dadurch jedoch nicht.

Die Dimensionen der anstehenden IPOs sprengen bisherige Denkmuster. Sollten erhebliche Anteile dieser Emissionen direkt an Kleinanleger*innen und über die Index-Zwangskäufe der ETFs in den Markt gedrückt werden, droht eine massive Risikoverlagerung: Während Gründer*innen, Insider*innen und frühe VC-Investor*innen historische Multiples realisieren und Liquidität generieren, wird das langfristige Profitabilitätsrisiko der Tech-Visionen direkt in die Depots der passiven Welt-Anleger*innen weitergereicht.

Fazit für die StartingUp-Community

Für die Start-up-Szene sind die Mega-Börsengänge ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite beweisen sie eindrucksvoll, dass echte „DeepTech“-Visionen vom Kapitalmarkt mit astronomischen Summen honoriert werden. Das verschiebt die Bewertungsmaßstäbe für die gesamte Venture-Capital-Landschaft nach oben.

Auf der anderen Seite offenbaren sie die wachsende Fragilität unhinterfragter, passiver Geldanlage. Wer heute blind auf einen Welt-ETF setzt, geht de facto die Wette ein, dass die teuersten Privatunternehmen der Wirtschaftsgeschichte ihre enormen Versprechen auf Jahrzehnte hinaus fehlerfrei einlösen werden. Für Gründer*innen und Unternehmer*innen, die durch das eigene Unternehmen ohnehin ein massives Klumpenrisiko im Tech-Sektor tragen, lautet die harte Lektion für das Privatvermögen: Echte Diversifikation erfordert wieder aktives Nachdenken – der simple Dauerauftrag auf den „MSCI World“ greift in Zeiten dieser neuen Mega-IPOs zu kurz.

Disclaimer (Rechtlicher Hinweis): Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung, Handlungsempfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Jedes Investment an den Finanzmärkten ist mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Redaktion und Verlag übernehmen keine Haftung für Entscheidungen, die auf Basis dieser Berichterstattung getroffen werden.

ShopAgentic: 1,9 Mio. Euro für die Wette auf maschinelle Konsument*innen

Das 2025 gegründete ShopAgentic baut eine E-Commerce-Infrastruktur, die nicht für Menschen, sondern für autonome KI-Agenten gedacht ist.

Das Hannoveraner Start-up ShopAgentic hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,9 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von den Venture-Capital-Gesellschaften May Ventures und Greenfield Capital. Zudem beteiligt sich eine Riege namhafter internationaler Business Angels und E-Commerce-Experten an dem jungen Unternehmen. Das erst im Dezember 2025 gegründete Start-up mit derzeit vier Mitarbeitern entwickelt eine spezialisierte Technologieplattform für den sogenannten Agentic Commerce. Die zentrale These der Gründer lautet, dass künftig nicht mehr nur Menschen im Netz einkaufen, sondern zunehmend autonome KI-Agenten, die Produktsuche, Preisvergleich und Transaktionen im Auftrag der Konsument*innen eigenständig übernehmen.

Seriengründer mit Riecher für den nächsten Hype

Hinter ShopAgentic stehen Alexander Ringsdorff (CEO) und Kai-Thomas Krause, zwei Seriengründer mit nachgewiesenem Gespür für technologische Trends im Handel. Die beiden Unternehmer haben in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen, dass sie Paradigmenwechsel im E-Commerce frühzeitig besetzen können: Im Jahr 2011 gründeten sie mit CouchCommerce einen frühen Anbieter von Mobile-Commerce-Lösungen, später gehörten sie zum Gründerteam der Omnichannel-Plattform NewStore, die heute von internationalen Marken genutzt wird. Mit ShopAgentic widmen sie sich nun der nächsten Evolutionsstufe, nämlich der vollständigen Vorbereitung von Handelssystemen auf autonome KI-Systeme entlang der Customer Journey.

Middleware für Maschinen statt für Menschen

Da die bestehende E-Commerce-Infrastruktur – von der Produktseite bis zum Checkout – historisch für menschliche Nutzer*innen optimiert wurde, will ShopAgentic als technische Middleware fungieren. KI-Agenten benötigen strukturierte Informationen und standardisierte Schnittstellen, um fehlerfrei agieren zu können. Das Modell setzt auf eine niedrige Einstiegshürde: Die Software soll sich flexibel in bestehende Handelsplattformen und proprietäre Systeme integrieren lassen, ohne dass langjährige Transformationsprojekte oder ein vollständiges, kostenintensives Replatforming nötig werden. Spezialisierte KI-Agenten übernehmen dabei arbeitsteilig operative Funktionen wie das Produktdatenmanagement, die Preisgestaltung, den Kund*innenservice oder das Fulfillment, während die strategische Kontrolle und die Hoheit über Geschäftsergebnisse vollständig beim Händler bzw. bei der Händlerin verbleiben. Wie genau die Monetarisierung der Plattform erfolgen soll, lässt das Start-up bislang allerdings offen; Details zum kommerziellen Geschäftsmodell sollen erst zum anstehenden Marktstart kommuniziert werden. Das frische Kapital fließt derweil primär in die Produktentwicklung, den Ausbau von Systemintegrationen und den weiteren Teamaufbau.

Riskantes Rennen gegen die Branchen-Giganten

Obwohl die Vision innovativ ist, wirft das Konzept bei kritischer Betrachtung fundamentale Fragen bezüglich Markt, Wettbewerb und Timing auf. Das Start-up stützt sich als Kernargument auf eine Prognose von Deloitte, wonach bis zum Jahr 2030 rund 25 Prozent aller weltweiten E-Commerce-Umsätze durch KI-Agenten initiiert oder unterstützt werden. Ob die Konsument*innenakzeptanz für vollständig delegierte Kaufentscheidungen jedoch innerhalb von nur vier Jahren derart rasant und marktübergreifend wachsen wird, bleibt eine mutige Wette auf die Zukunft.

Zudem positioniert sich ShopAgentic explizit nicht als Konkurrent zu Branchenriesen wie Shopify oder Salesforce, sondern als konzeptionelle Ergänzung. Hier liegt jedoch ein erhebliches strategisches Risiko: Sollte der Agentic Commerce tatsächlich den prognostizierten Stellenwert erreichen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass große E-Commerce-Plattformen eigene native KI-Schnittstellen entwickeln werden. Der First-Mover-Vorteil von ShopAgentic müsste demnach extrem schnell in einen unaufholbaren technologischen Vorsprung übersetzt werden, um nicht durch einfache Standard-Updates der etablierten Branchen-Monopolisten obsolet zu werden.

Krypto-Zahlungen als regulatorisches Minenfeld

Ein besonders ambitionierter, aber regulatorisch komplexer Baustein der Vision sind die von Investor Greenfield Capital hervorgehobenen „Agent-to-Agent-Payments“. Die Investoren prognostizieren, dass Maschinen künftig über Stablecoins direkt miteinander verhandeln und bezahlen werden, da traditionelle Zahlungsnetzwerke für den menschlichen Gebrauch konzipiert seien. Dies eröffnet in der Theorie zwar enorme Effizienzpotenziale, blendet in der aktuellen Projektion jedoch die massiven regulatorischen, rechtlichen und haftungsrelevanten Hürden im Umgang mit Krypto-Assets und vollautomatisierten Finanztransaktionen im Endkund*innengeschäft aus.

Viel „Smart Money“ für den digitalen Goldrausch

Für die Start-up- und E-Commerce-Szene ist ShopAgentic dennoch ein hochspannendes Projekt. Die lange Liste der beteiligten Business Angels ist dabei ein massiver Vertrauensbeweis. Mit Investoren wie Jochen Krisch (Exciting Commerce), Boris Lokschin (Spryker), Thomas Gottheil (Frontastic), Sven Rittau (K5) und Stefan Wenzel (Autor des Buches „AGENTIC COMMERCE“) liest sich das Cap-Table wie ein Who-is-Who des deutschen Digitalhandels. Dieses stark vernetzte „Smart Money“ validiert das generelle Problembewusstsein im Markt und sichert dem jungen Unternehmen von Tag eins an den direkten Zugang zu entscheidenden Branchennetzwerken.

ShopAgentic ist ein klassischer Infrastruktur-Play in einem Markt, der gerade erst entsteht. Geht die Wette auf den maschinellen Kaufenden auf, baut das Team aus Hannover aktuell die Schaufeln für den nächsten digitalen Goldrausch. Scheitert jedoch die breite Konsument*innenadoption von Kauf-Agenten, könnte sich das Zeitfenster für diese spezialisierte Middleware-Lösung ebenso rasch wieder schließen.

Vom Forschungscampus auf das digitale Gefechtsfeld: Wie das Münchner DeepTech-Start-up SE3 Labs den Verteidigungsmarkt aufmischt

Über ein rasant wachsendes Münchner Start-up, das mit räumlicher KI die militärische Entscheidungsfindung revolutionieren will – und sich dafür heute einen der mächtigsten Partner der europäischen Rüstungsindustrie geholt hat.

Es ist der operative Ritterschlag für ein junges DeepTech-Unternehmen: am 09.06.2026 gaben der börsennotierte Münchner Rüstungs- und Sensorkonzern HENSOLDT (Umsatz 2025: 2,46 Milliarden Euro) und das Münchner Start-up SE3 Labs auf der Luftfahrtmesse ILA Berlin den Abschluss einer strategischen Partnerschaft bekannt. Per Memorandum of Understanding (MoU) soll die künstliche Intelligenz der Jungunternehmer direkt in HENSOLDTs softwarebasiertes militärisches Nervenzentrum „MDOcore“ integriert werden.

Für SE3 Labs ist das ein enormer Hebel, um die traditionell langwierigen Beschaffungsprozesse im Regierungsgeschäft (B2G) abzukürzen. Doch hinter der strategischen Allianz verbergen sich für das junge Unternehmen auch handfeste Abhängigkeiten, ethische Gratwanderungen und ein intensiver Wettbewerb um die Vorherrschaft auf dem digitalen Schlachtfeld.

Silicon-Valley-Expertise trifft akademische Spitzenforschung

Die Gründungsgeschichte von SE3 Labs liest sich wie das Lehrbuchbeispiel eines hocherfolgreichen Universitäts-Spinoffs. Das Fundament des im Gründerzentrum gate Garching herangewachsenen Tech-Unternehmens wurde am renommierten Lehrstuhl für Bildverarbeitung und Künstliche Intelligenz der Technischen Universität München (TUM) gelegt. Hier forschten die Co-Gründer Simon Klenk (heute CTO) und Lukas Köstler (CEO) im Rahmen ihrer Promotionen. Köstler bringt zudem tiefe Industrie-Expertise mit: Er entwickelte zuvor Algorithmen im Autopilot-Team von Tesla in den USA sowie bei Nvidia Research.

Komplettiert wird das Führungstrio durch Prof. Dr. Daniel Cremers (Chief Science Officer), den Leiter des TUM-Lehrstuhls, Leibniz-Preisträger und erfahrenen Seriengründer – sein früheres Start-up Artisense wurde erfolgreich von der Schweizer Kudelski-Gruppe übernommen. Diese geballte technologische Exzellenz sprach sich in der bayerischen Tech-Szene schnell herum: Bereits in der Frühphase konnte das Deep-Tech-Startup namhafte Investoren wie die Risikokapitalgesellschaft Lakestar und UnternehmerTUM Funding for Innovators überzeugen.

Die Technologie: Raum-Verständnis für die physische Welt

Während klassische Large Language Models (LLMs) primär textbasierte Daten strukturieren, hat sich SE3 Labs der weitaus komplexeren Aufgabe verschrieben, die physische, dreidimensionale Welt für Maschinen in Echtzeit interpretierbar zu machen. Das Team entwickelt eine umfassende Plattform für sogenannte Spatial AI (Räumliche KI).

Die Software verarbeitet unstrukturierte Videodaten und Sensorströme – beispielsweise von Drohnen (UAVs) oder autonomen Bodenrobotern – und fusioniert sie im Millisekundentakt zu einem kontinuierlich aktualisierten 3D-Lagebild. Die Kernfunktionen im Überblick:

  • Plattformübergreifende Synchronisation: Mehrere Einheiten im Verbund teilen sich dasselbe räumliche Verständnis, selbst in umkämpften Gebieten ohne verlässliches GPS-Signal.
  • Agentic AI: Integrierte KI-Agenten analysieren das Geschehen eigenständig, erkennen taktische Zusammenhänge und leiten konkrete Handlungsoptionen ab.
  • Sprachsteuerung: Menschliche Operatoren können den gesamten Systemverbund per natürlicher Sprache befehligen. Die Absicht des Operators wird von der KI räumlich interpretiert und in koordiniertes Verhalten der Maschinen übersetzt.

Genau diese Fähigkeit integriert HENSOLDT nun. Durch die Implementierung in die hauseigene Middleware-Suite MDOcore sollen militärische Führer in vernetzten Einsätzen (Multi-Domain Operations) entlastet werden. Dass das MoU bereits konkrete Beschaffungsprogramme und laufende Ausschreibungen einschließt, unterstreicht die unmittelbare wirtschaftliche Relevanz der Allianz.

Wer beherrscht das digitale Gefechtsfeld?

Spätestens seit den geopolitischen Verschiebungen der letzten Jahre erlebt der Markt für Verteidigungstechnologie (DefenseTech) in Europa eine beispiellose Sonderkonjunktur. Software-Defined Defence (SDD) gilt als der entscheidende technologische Hebel moderner Landes- und Bündnisverteidigung.

SE3 Labs bewegt sich in einem hochkompetitiven Marktumfeld gegen etablierte Riesen und stark finanzierte Player:

Vergleichskriterium

SE3 Labs (Der Herausforderer)

Helsing (Das europäische Vorzeigemodell)

Palantir (Der globale Platzhirsch)

Sitz & Fokus

Garching bei München (DE); Fokus auf 3D-Computer-Vision & Spatial AI.

München / Berlin (DE) / London (UK); Fokus auf KI-Infrastruktur & Informationsüberlegenheit.

Denver, Colorado (USA); Fokus auf Big Data, Enterprise AI & Analytics.

Technischer Ansatz

Echtzeit-3D-Lagebilder und Steuerung verteilter autonomer Systeme per Sprachbefehl.

Softwareplattformen zur Echtzeit-Auswertung für Kampfsysteme (z.B. Eurofighter-KI).

Ganzheitliche Datenintegrationsplattformen (Gotham, Foundry, AIP) für Behörden.

Finanzierung

Frühphase (Seed): VC-Kapital u.a. durch Lakestar.

Growth / Unicorn-Status: Über 500 Mio. Euro u.a. durch Daniel Ek und General Catalyst.

Börsennotiert (NYSE: PLTR): Globale Marktkapitalisierung im hohen zweistelligen Milliardenbereich.

Go-to-Market-Strategie

„Piggybacking“: Integration als Technologie-Zulieferer in Plattformen etablierter Systemhäuser.

Direkt- & Konsortialgeschäft: Tritt bei Großausschreibungen oft in Allianz mit Rüstungsgiganten auf.

Prime Contractor: Agiert meist als direkter Hauptauftragnehmer für Regierungen und Geheimdienste.

Größtes Risiko

Abhängigkeit: Hohe Bindung an das strategische Wohlwollen großer Partnerkonzerne.

Erwartungsdruck: Extrem hohe Bewertung erfordert kontinuierlich liquide Staatsaufträge.

Image & Regulierung: Steht wegen Datenschutzthemen und Geheimdienstnähe permanent in der Kritik.

 

Neben diesen drei Akteuren drängen zudem spezialisierte Angreifer wie das junge Start-up ALYN AI in den Markt, das sich auf agile, ergebnisbasierte Agentic AI-Entscheidungssysteme im Aerospace- und Defence-Sektor fokussiert hat.

Die unternehmerischen Risiken

Trotz des prestigeträchtigen HENSOLDT-Deals steht das Geschäftsmodell von SE3 Labs vor strategischen Herausforderungen, die für DeepTech-Gründer*innen in diesem Segment typisch sind:

Die Abhängigkeit vom Großpartner: Für ein junges Unternehmen birgt die enge Bindung an einen Branchenriesen das Risiko eines technologischen Lock-in-Effekts. SE3 Labs gewinnt zwar sofortigen Marktzugang, begibt sich jedoch in eine vertriebliche Abhängigkeit. Sollte der Konzern seine Software-Strategie ändern oder Kompetenzen langfristig intern selbst aufbauen, verliert das Start-up seinen primären Skalierungshebel.

  • Das B2G-Dilemma: Der Vertrieb an Verteidigungsministerien und Behörden leidet traditionell unter extrem langen, bürokratischen und politisch volatilen Beschaffungszyklen. Start-ups in frühen Finanzierungsphasen müssen über erhebliche Kapitalreserven verfügen, um die Durststrecken bis zur finalen Auftragsvergabe bankrottsicher zu überbrücken.
  • Der Dual-Use-Spagat: Ursprünglich war die 3D-Computer-Vision-Technologie von SE3 Labs breit aufgestellt – anwendbar auch für zivile Branchen wie Smart Cities, autonome Baustellen oder die Steuerung humanoider Roboter. Der jetzige, stark öffentlichkeitswirksame Fokus auf den militärischen Sektor könnte zu einer kommerziellen Monokultur führen. Viele klassische, ESG-konforme Tech-Investoren und zivile Großkund*innen meiden die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die primär als Rüstungslieferanten wahrgenommen werden oder strengen Kriegswaffenkontrollen und Exportrestriktionen (BAFA) unterliegen.
  • Die ethische Dimension von „Agentic AI“: SE3 Labs betont, dass stets der Mensch das System befehligt (Human in the Loop). Dennoch ist die Grenze zwischen rein defensiver Entscheidungsunterstützung und teilautonomen Systemen in der öffentlichen Wahrnehmung fließend. Dies bedingt einen permanenten moralischen Rechtfertigungsdruck, strenge Kontrollen durch den EU AI Act und potenzielle Hürden beim Employer Branding im Kampf um internationale Spitzen-Entwickler*innen.

Unser Fazit: Was Gründer*innen von SE3 Labs lernen können

Für die Start-up-Szene liefert SE3 Labs ein hervorragendes Lehrstück in Sachen Ökosystem-Hebel. Anstatt zu versuchen, als kleiner Akteur die dicken Mauern der staatlichen Beschaffungsämter im Alleingang einzureißen, nutzt das Gründerteam die Strategie des sogenannten Piggybackings (Huckepack-Verfahren). Sie docken ihre hochinnovative Nischen-Technologie als Subunternehmer an ein etabliertes Systemhaus an, das ohnehin als Generalunternehmer für den Staat agiert.

Zudem zeigt das Start-up, wie entscheidend die komplementäre Aufstellung im Gründer-Trio ist: Lukas Köstler bringt die Umsetzungsgeschwindigkeit und Validierung aus dem Silicon Valley, Simon Klenk die tiefe Engineering-Kompetenz und Prof. Daniel Cremers die wissenschaftliche Reputation sowie den Track-Record für Investor*innen. SE3 Labs hat strategisch alle Trümpfe in der Hand – ob sie ihre Unabhängigkeit langfristig wahren und den zivilen Markt als Option offenhalten können, wird sich in den nächsten zwei Jahren zeigen.

Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?

Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.

Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?

Die Köpfe hinter der Chat-Innovation

Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.

„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“

Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.

All-in-one zum Kampfpreis

Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.

Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.

Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.

Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"

So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.

Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.

Grenzen der Chat-Bedienung

Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.

Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.

Fazit und Ausblick

Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.

Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“

Befreiungsschlag oder teure PR-Show? Europas Tech-Szene probt den Aufstand

Jahrelang galt das europäische Tech-Ökosystem als ewiges Talent, das den Durchbruch verpasst. Built in Europeeine massive neue Kampagne des Londoner VCs Balderton Capital und über 100 Top-CEOs – will dieses Narrativ nun beenden. Doch reicht ein neues Selbstbewusstsein aus, um die strukturellen Defizite des Kontinents zu kaschieren?

Wer in diesen Tagen durch Berlin, München, London oder Paris läuft, dürfte über großflächige Plakate stolpern, die weniger an Start-up-Werbung als an ein politisches Manifest erinnern. „Not waiting for permission. Not looking somewhere else for the blueprint. Just building“, heißt es darauf.

Die Sätze sind das Herzstück der am 1. Juni gestarteten Kampagne Built in Europe. Orchestriert vom renommierten Risikokapitalgeber Balderton Capital, haben sich über 100 europäische Gründer*innen und CEOs zusammengeschlossen, um eine unmissverständliche Botschaft an Politik, Investor*innen und vor allem an die globale Tech-Elite zu senden: Europa ist kein reiner Binnenmarkt für US-Technologien mehr. Europa baut die Zukunft selbst.

Die Zahlen geben dem neuen Ego recht

Der Zeitpunkt für diesen medialen Paukenschlag ist klug gewählt, denn die nackten Zahlen stützen die These der Kampagne. Laut Atomico macht der Tech-Sektor mittlerweile rund 15 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts aus. Im Jahr 2015 lag dieser Wert noch bei bescheidenen 4 Prozent.

Noch viel entscheidender als das reine Volumen ist jedoch die inhaltliche Verschiebung. Europas Tech-Szene hat die Ära der reinen E-Commerce-Copycats hinter sich gelassen. Das zeigt ein Blick auf das Epizentrum der deutschen Beteiligung an der Kampagne. Aus dem Großraum München stammen drei Unternehmen, die in ihren jeweiligen Sektoren technologische Paradigmenwechsel vorantreiben:

  • Quantum Systems: Das Unternehmen hat sich auf KI-gestützte Aufklärungsdrohnen spezialisiert und nach massiven Finanzierungsrunden im Jahr 2025 den Einhorn-Status erreicht. Die strategische Relevanz zeigt sich besonders im Verteidigungssektor: Im Mai 2026 vertiefte das Start-up eine Partnerschaft mit Rohde & Schwarz, um elektronische Kampfführung direkt in seine Drohnen zu integrieren.
  • The Exploration Company: Die bayerisch-französische Firma entwickelt mit Nyx eine wiederverwendbare Raumkapsel, die trägerunabhängig konzipiert ist und auf Schwerlastraketen weltweit fliegen kann. Unterstützt durch weitreichende Verträge positioniert sich das Start-up als Europas ernsthafteste Antwort auf die Dominanz von SpaceX in der orbitalen Logistik.
  • Proxima Fusion: Als Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik arbeitet das Team an der Kommerzialisierung der Kernfusion. Im Februar 2026 unterzeichnete Proxima Fusion eine weitreichende Vereinbarung mit dem Freistaat Bayern und RWE, um in den frühen 2030er-Jahren einen Nettoenergie-Demonstrator („Alpha“) zu errichten, auf den das erste kommerzielle Fusionskraftwerk (Stellaris) in Gundremmingen folgen soll.

Der wahre Grund der Kampagne: Der War for Talent

Doch VCs wie Balderton schalten keine teuren Out-of-Home-Kampagnen zur reinen Ego-Pflege. Hinter den plakativen Slogans verbirgt sich ein handfestes, geschäftskritisches Problem: der akute Mangel an Tech-Talenten.

Das Wachstum der Scale-ups wird längst nicht mehr nur durch fehlendes Kapital gebremst, sondern durch unbesetzte Entwickler- und Ingenieursstellen. Das Herzstück der Kampagne ist deshalb die Plattform BuiltInEurope.com – ein paneuropäischer Talent-Hub, der auf einen Schlag die offenen Positionen von 1.000 führenden Tech-Start-ups bündelt. Die Stoßrichtung ist klar: Fachkräfte aus dem Silicon Valley sollen zurückgeholt und Absolventen europäischer Elite-Unis davon abgehalten werden, direkt nach Übersee abzuwandern.

Ein Plakat ändert kein Steuerrecht

Genau an diesem Punkt muss sich die Kampagne den Realitätscheck gefallen lassen. Es ist ein starkes Signal, dass sich 100 CEOs vom FinTech-Giganten Revolut bis zum Mobilitäts-Player Voi vereinen. Doch eine Jobbörse und gute PR allein lösen die strukturellen Nachteile des Standorts Europa nicht.

Drei fundamentale Probleme bleiben ungelöst:

  1. Die ESOP-Lücke: US-Tech-Konzerne zahlen nach wie vor signifikant höhere Basisgehälter. Um das auszugleichen, sind Start-ups auf Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) angewiesen. Das europäische Steuerrecht macht diese Beteiligungen jedoch oft bürokratisch komplex. Solange Talente bei einem Exit steuerlich benachteiligt werden, zieht das Argument der „besseren Lebensqualität“ nur bedingt.
  2. Das Tal des Todes beim Growth Capital: Wenn für den Bau eines Fusionsreaktors oder das Training eines KI-Basismodells plötzlich 200 Millionen Euro benötigt werden, fehlt in Europa schlichtweg die Dichte an Growth-Fonds für späte Phasen.
  3. Regulierungsangst: Das Manifest fordert selbstbewusst, nicht mehr auf „Erlaubnis“ zu warten. Doch in einem Kontinent, der mit dem AI Act massive Hürden aufbaut, müssen Gründer*innen deutlich mehr regulatorischen Aufwand betreiben als ihre Konkurrenz in Asien oder den USA.

Fazit

Built in Europe ist ein überfälliger Befreiungsschlag einer Industrie, die nicht länger das Stiefkind der klassischen Wirtschaft sein will. Die Kampagne zeigt eindrucksvoll, dass in Städten wie München, Paris und Warschau Unternehmen gebaut werden, die den Lauf der Welt verändern können.

Der neue Hub wird kurzfristig helfen, Talente auf offene Stellen aufmerksam zu machen. Langfristig reicht gutes Marketing jedoch nicht aus. Wenn aus dem „Potenzial“ endgültig Realität werden soll, müssen der PR-Offensive der Gründer*innen nun handfeste politische Reformen folgen. Andernfalls bauen Europas klügste Köpfe die Zukunft weiterhin woanders.

Rekord-Finanzierung für Focused Energy: 240 Mio. USD für den Traum von der Kernfusion

Das Darmstädter DeepTech-Start-up Focused Energy hat in einer Series-A-Runde 240 Millionen US-Dollar eingesammelt – ein Meilenstein für die europäische Fusionsbranche. Am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis soll nun das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Doch während Investoren wie RWE und SPRIND den potenziellen „Energie-Giganten“ feiern, lohnt ein genauerer Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell steht vor massiven technologischen, regulatorischen und strategischen Hürden.

Es ist eine Nachricht, die in der europäischen Start-up-Szene aufhorchen lässt. Der Geldregen für das erst 2021 gegründete Start-up ist laut Unternehmensangaben die bislang größte vollständig gesicherte Series-A-Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Unterstützt wird die Runde von Schwergewichten wie dem Energiekonzern RWE, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sowie dem EIC Fund der EU. Das ambitionierte Ziel der Macher: die kommerzielle Nutzbarmachung der Kernfusion und der Aufbau einer industriellen Pilotanlage im südhessischen Biblis.

Die Köpfe hinter dem Projekt: Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft

Hinter Focused Energy steht ein klassisches, vielversprechendes Gründer-Duo. Prof. Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer, forscht seit über 25 Jahren auf dem Gebiet der Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und ist weltweit vernetzt. An seiner Seite agiert CEO Thomas Forner, ein Serial Entrepreneur mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau von Technologieunternehmen.

Gegründet wurde Focused Energy als Spin-off der TU Darmstadt, beflügelt durch einen historischen Durchbruch im Dezember 2022: Am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) in den USA gelang es Forschern erstmals, durch Laserfusion mehr Energie zu erzeugen, als die Laser verbrauchten. Forner und Roth nutzten das Momentum und holten maßgebliche Köpfe dieses US-Forschungsteams ins eigene Unternehmen, um das Know-how auf beiden Seiten des Atlantiks zu bündeln.

Das Geschäftsmodell: Energie der Zukunft oder lukrative Nischen?

Der Ansatz von Focused Energy basiert auf der Trägheits- bzw. Laserfusion. Winzige Brennstoffkapseln mit Wasserstoffisotopen werden durch extrem starke Laser beschossen, um die Bedingungen im Inneren der Sonne zu simulieren. Der Plan sieht vor, bis Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Kraftwerk ans Netz zu bringen. Die aktuellen Millionen sollen vor allem in die Technologie, industrielle Lieferketten und die Infrastruktur in Biblis fließen.

Kritiker hinterfragen diese Timeline jedoch scharf. Das renommierte DIW Berlin warnt davor, dass die Kernfusion auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur akuten Energiewende leisten wird. Forscher weisen darauf hin, dass Startups der Fusionsbranche ihr Geschäftsmodell mittelfristig anpassen könnten – weg vom Kraftwerk, hin zu Nischenprodukten wie hochpräzisen Materialprüfverfahren oder Speziallasern. Nur so ließen sich Einnahmen generieren, bevor das (noch längst nicht garantierte) Kernprodukt fertig ist.

Markt und Wettbewerb: Das Rennen der DeepTech-Milliarden

Weltweit fließen Milliarden in Start-ups, die das Energieproblem der Menschheit lösen wollen. Zu den größten europäischen Wettbewerbern zählen Marvel Fusion (ebenfalls laserbasiert), Proxima Fusion (Magneteinschluss) und Gauss Fusion.

Auch die Konkurrenz steht unter wissenschaftlicher Beobachtung: So äußerten sich Forscher des Max-Planck-Instituts zuletzt äußerst skeptisch über den Ansatz von Marvel Fusion, da dessen wissenschaftliche Details mangels Transparenz kaum überprüfbar seien. Focused Energy hat hier durch den Bezug zu den validierten LLNL-Ergebnissen einen klaren Argumentationsvorteil. Dennoch bleibt die Ingenieursaufgabe gigantisch: Aus einem singulären wissenschaftlichen Experiment muss ein dauerhaft laufendes Kraftwerk werden.

Hinter den Kulissen: Was die Erfolgsmeldungen verschweigen

Meldungen über Rekordsummen blenden die knallharten Realitäten des DeepTech-Marktes oft aus. Drei Aspekte sind für die Zukunft von Focused Energy besonders kritisch:

  • Cap Table und das Verwässerungsrisiko: Eine derart massive Series A ist in Europa ein Novum, birgt für die Gründer aber strategische Gefahren. Da ein marktreifes Kraftwerk erst in über zehn Jahren realisierbar ist, werden noch mehrere kapitalintensive Runden nötig sein. Branchenkenner gehen von stark getranchten Meilenstein-Zahlungen (Milestone-Funding) aus. Liefern Forner und Roth nicht punktgenau, droht eine massive Verwässerung (Dilution) ihrer Anteile.
  • Biblis gegen Silicon Valley: Technologie ist kopierbar, ein Spitzen-Team nicht. Focused Energy muss die weltweit extrem raren Experten für Plasmaphysik rekrutieren. Während US-Wettbewerber wie Commonwealth Fusion Systems mit Valley-Gehältern locken, muss das Start-up diese Talente ins beschauliche Südhessen lotsen. Ein erheblicher Teil des Kapitals dürfte direkt in Personalkosten und attraktive Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) fließen.
  • Das Exit-Dilemma und die regulatorische Blackbox: Klassische VC-Fonds haben Laufzeiten von zehn bis zwölf Jahren – ein Zeitraum, in dem Focused Energy voraussichtlich noch keinen kommerziellen Strom verkauft. Die Exit-Strategie läuft somit unweigerlich auf einen gigantischen künftigen Börsengang (IPO) hinaus. Zudem bleibt das regulatorische Umfeld in Deutschland unberechenbar: Zwar birgt die Kernfusion nicht die Gefahren der Kernspaltung, doch der Bau einer solchen Anlage wird extrem komplexe Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Die Partnerschaft mit RWE ist daher wohl primär ein strategischer Schutzschild für die kommende Lobbyarbeit.

Fazit für das Start-up-Ökosystem

Die Runde ist ein massives Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und staatliche Akteure mittlerweile bereit sind, bei extrem kapitalintensiven „Moonshot“-Projekten mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt Focused Energy ein Paradebeispiel für ein High-Risk-Investment. Ob Biblis tatsächlich zur Keimzelle einer neuen Hochtechnologie-Industrie wird oder ob sich die alte sarkastische Physiker-Weisheit bewahrheitet, dass die Kernfusion „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“, werden die kommenden Jahre zeigen.

Dealroom Index 2026: Europas DeepTech-Erwachen – Warum München jetzt bei Defense-Tech dominiert

London holt sich die Krone von Paris zurück, Europa führt bei der „Innovationsdichte“ – und Deutschland festigt seine Rolle im DeepTech- und Rüstungssektor. Der neue Global Tech Ecosystem Index 2026 von Dealroom zeigt einen Kontinent im Umbruch. Doch hinter den starken Pro-Kopf-Zahlen verbirgt sich weiterhin Europas ungelöstes Skalierungsproblem.

Europa ist Heimat der weltweit leistungsstärksten Tech-Ökosysteme – zumindest, wenn man die reine Anzahl an Hubs im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße betrachtet. Zu diesem Schluss kommt der neue Global Tech Ecosystem Index, den die Datenplattform Dealroom am Donnerstag vorstellt. Demnach stellt Europa 45 der Top-100-Städte im sogenannten Density-Ranking und verweist Nordamerika (40) auf Platz zwei. Der Bericht unterstreicht einen fundamentalen Wandel: Europa versucht, seine wirtschaftliche Stagnation durch einen forcierten Fokus auf DeepTech, künstliche Intelligenz und strategische Autonomie zu kompensieren.

London verdrängt Paris, kleinere Hubs rücken auf

Nachdem Paris im vergangenen Jahr die Spitzenposition im europäischen Maßstab innehatte, hat London den Thron 2026 zurückerobert. Befeuert durch ein Rekord-Investitionsvolumen von 7 Milliarden US-Dollar im KI-Sektor (ein sattes Plus gegenüber den 3,9 Milliarden US-Dollar aus 2024) und eine wachsende Liste von mittlerweile 138 Unicorns (darunter Wayve und ElevenLabs), festigt die britische Hauptstadt ihren Status als globaler Fixpunkt. Paris bleibt mit 5 Milliarden US-Dollar an eingeworbenem Venture Capital (VC) und Aushängeschildern wie Mistral AI der schärfste Kontrahent auf dem Festland. KI macht in Europa mittlerweile rund 30 Prozent der gesamten VC-Investitionen aus.

Spannend für die Start-up-Landschaft ist jedoch die Entwicklung abseits der Megametropolen. Europas Wettbewerbsfähigkeit wird zunehmend von spezialisierten, stark forschungsgetriebenen Clustern getragen.
 

Kategorie

Top 5 Hubs in Europa (Dealroom 2026)

Fokus / Ökosystem-Merkmal

Global Champions


 

(Absolute Skalierung)

1. London


 

2. Paris


 

3. Stockholm


 

4. Berlin


 

5. Lausanne

Fokus auf massives VC-Volumen, Mega-Rounds, Enterprise-Software und absolute Unicorn-Dichte.

Density Leaders


 

(Innovation pro Kopf)

1. Cambridge


 

2. London


 

3. Stockholm


 

4. Gent


 

5. München

Starke Universitätsnähe, hohe Patentdichte, Deep Tech und effiziente Start-up-Aktivität.



Deutschland: München boomt bei Rüstung, Berlin bleibt stabil

Der Blick auf die DACH-Region und insbesondere den deutschen Markt offenbart eine klare Rollenverteilung:

  • München (Platz 5 der europäischen Density-Hubs, Platz 24 global): Die bayerische Landeshauptstadt hat sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt für europäische Verteidigungs- und Industrietechnologie entwickelt. Getrieben durch das exzellente universitäre Umfeld (insbesondere die TU München) und den starken industriellen Mittelstand, sammelten allein die Vorzeige-Unternehmen Helsing und ARX Robotics im vergangenen Jahr rund 763 Millionen US-Dollar ein.
  • Berlin (Platz 4 der europäischen Global Champions, Platz 22 global): Die Hauptstadt bleibt das deutsche Aushängeschild für absolute Volumina und späte Finanzierungsrunden. Die historisch starken Sektoren Fintech und Enterprise-Software werden zunehmend durch starke KI-Investitionen flankiert, wodurch Berlin seinen Platz unter den führenden Tech-Metropolen behauptet.

Kritische Einordnung: Zwischen Autonomie und Realitätscheck

Die Dealroom-Zahlen lesen sich für europäische Ohren und politische Entscheidungsträger*innen wie Balsam. Dennoch bedürfen sie gerade aus Gründer*innen-Perspektive einer nüchternen Einordnung:

1. Der "Per-Capita-Trostpreis" vs. echtes Scaling

Dass Europa die Density Leaders dominiert, belegt die herausragende Qualität der universitären Forschung in Städten wie Cambridge, Gent oder München. Es verschleiert jedoch die Tatsache, dass in absoluten Zahlen – beim Wachstumkapital für Mega-Rounds (Series C+) und beim Aufbau von globalen Monopolisten – das Silicon Valley und andere US-Hubs in einer eigenen Liga spielen. Europa ist mittlerweile exzellent darin, Deep-Tech-Start-ups zu gründen; es hinkt aber weiterhin beim Skalieren hinterher, weil heimisches Spätphasen-Kapital fehlt.

2. "Strategic Autonomy" als neuer Investment-Case

Die Dealroom-Daten belegen einen massiven Paradigmenwechsel: Tech-Investitionen in Europa sind sicherheitspolitisch relevant geworden. Rüstungstechnologie (DefenseTech), lange Zeit von ESG-getriebenen europäischen Fonds gemieden, ist nun massentauglich. Der Schwenk hin zu "Dual Use"-Technologien und Resilienz spült dringend benötigtes Geld in Hardware- und B2B-Start-ups. Jan-Hendrik Boelens, CEO von Alpine Eagle, fasst diesen Zeitgeist treffend zusammen, wenn er auf die Notwendigkeit verweist, dass Europa „mehr eigene strategische Fähigkeiten aufbauen muss“.

3. Fragmentierung: Vielfalt oder Flickenteppich?

Die Studie feiert die dezentrale Struktur Europas mit vielen aufstrebenden Hubs (wie Kiew, Zagreb oder Tallinn, die das "Rising Stars"-Ranking anführen) als Vorteil. Für ambitionierte Gründer bedeutet diese Fragmentierung im operativen Alltag jedoch nach wie vor die Konfrontation mit einem Flickenteppich aus unterschiedlichen Regularien, Steuergesetzen und fragmentierten Kapitalmärkten. Diese Struktur ist die größte Hürde auf dem Weg zu einem homogenen europäischen Binnenmarkt für Tech-Unternehmen.

Fazit

Der Dealroom-Index 2026 zeigt klar, dass die DACH-Region die richtige Abzweigung genommen hat. Den akademischen Forschungsgeldern folgen nun handfeste Venture-Capital-Investments im DeepTech-Sektor. Damit aus den europäischen Density Leaders jedoch echte Global Champions auf Augenhöhe mit den USA oder China werden, muss Europa den Weg für grenzüberschreitende Wachstumsfinanzierungen massiv erleichtern.

Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau

Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.

Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.

Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.

Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.

Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.

Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de

Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert

Reichweite statt Risikokapital: Die neue YouTube-Show „The Green Deal“ im Check

Ein neues YouTube-Format verspricht grünen Start-ups den medialen Durchbruch. Doch anstelle von finanzkräftigen Investoren urteilt eine Jury aus bekannten Influencer*innen über die Geschäftsideen – und investiert statt Eigenkapital ihre Community. Ein cleverer Schachzug zur Senkung von Kundenakquisitionskosten oder nur modern inszeniertes Affiliate-Marketing?

Mit The Green Deal erscheint eine neue digitale Sendung auf YouTube, die an das Pitch-Konzept bekannter Gründer*innenshows erinnert, die Vorzeichen jedoch komplett umdreht. Entwickelt wurde das Format von der Berliner Produktionsfirma Quintus Studios. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt und fördert das Projekt mit rund 90.000 Euro.

Follower*innen-Power gegen Umsatzbeteiligung

Die erste Staffel umfasst laut Showrunner Philipp Lippert drei Folgen mit jeweils einer Länge von 45 bis 60 Minuten. Pro Folge stellen vier bis fünf Start-ups ihre Ideen einer rotierenden, dreiköpfigen Jury vor. Moderiert wird die Sendung von Magda Stefely, einer Österreicherin, die als Journalistin unter anderem für ARD und ZDF arbeitet.

Auf den Jury-Sesseln nehmen keine klassischen Venture-Capital-Geber (VCs) Platz, sondern populäre Gesichter der deutschsprachigen Social-Media-Landschaft. Dazu zählen unter anderem der Wissenschafts-Influencer Cedric Engels („Doktor Whatson“), die Standup-Komikerin Saskia Fröhlich, Schauspielerin und Podcasterin Marie Nasemann sowie der Politik-Influencer Alexander Prinz („Der dunkle Parabelritter“). Gemeinsam vereint die insgesamt achtköpfige Jury plattformübergreifend mehrere Millionen Zuschauer*innen.

Der entscheidende Unterschied zu traditionellen Pitch-Events liegt im Deal-Mechanismus: Die Influencer*innen unterstützen die jungen Firmen durch gemeinsame Veröffentlichungen in den sozialen Medien. Im Gegenzug erhalten sie eine prozentuale Beteiligung an dem durch diese Promotion ausgelösten Umsatz des Start-up-Produkts. Der Umfang dieser Partnerschaften – von wenigen Posts bis zu langfristigen Kooperationen – wird dabei frei verhandelt. Für Showrunner Lippert ist dieser Ansatz essenziell, da Reichweite in den sozialen Medien für Startups heutzutage ebenso wichtig sei wie finanzielle Investitionen.

Die Start-ups: B2C-Lösungen für den Alltag

Hinter dem Format steht auch ein industriepolitischer Gedanke. Laut DBU-Generalsekretär Alexander Bonde tragen grüne Start-ups erheblich zur Wirtschaftskraft der Branchen mit grünen Technologien bei. Seit 2010 steigerte dieser Sektor laut dem Green-Tech-Atlas 2025 des Umweltbundesamts seine Bruttowertschöpfung jährlich um rund fünf Prozent und stellt mehr als acht Prozent der Exporte.

Um die wirtschaftliche sowie ökologische Substanz zu sichern, wurden die teilnehmenden Start-ups im Vorfeld durch die Ecosign-Akademie für nachhaltiges Design und das Impact Hub Berlin auf Nachhaltigkeitskriterien und Geschäftsmodelltauglichkeit geprüft. Das Aufgebot der DBU-geförderten Unternehmen in der Show zeigt eine klare Fokussierung auf alltagsnahe Produkte:

  • Das Start-up Phaeosynt aus Hannover präsentiert den ersten veganen Schwangerschaftstest. Dabei werden tierische Antikörper durch Alternativen auf Algenbasis ersetzt. Vertrieben wird dieses Produkt unter dem Namen „Hey Mela“.
  • Fainin stellt eine digitale Plattform zum abgesicherten Verleihen, Vermieten und Teilen von Alltagsgegenständen in der Nachbarschaft vor, wie etwa Werkzeuge, Technik oder Fahrräder. Dies soll übermäßigen Konsum und die Entsorgung einsatztauglicher Hilfsmittel reduzieren.
  • Ebenfalls vertreten ist das Berliner Unternehmen Moot, das massentaugliche Kleidung zu 100 Prozent aus entsorgten Textilien produziert.

Die zuständige DBU-Referentin Melanie Vogelpohl ordnet das Format als „Edutainment“ ein – eine Mischung aus Bildung und Unterhaltung. Mittels Influencer*innen und Format sollen neue Zielgruppen mit nachhaltigen Ideen begeistert und zum Umweltschutz motiviert werden.

Unsere Einordnung für das Start-up-Ökosystem

Aus Sicht von Gründer*innen wirft das Modell von „The Green Deal“ spannende strategische Fragen auf. Das Format als Investmentshow zu bezeichnen, ist aus klassischer Start-up-Perspektive mutig, denn betriebswirtschaftlich handelt es sich de facto um reichweitenstarke Performance-Marketing- bzw. Affiliate-Deals.

Margendruck statt Anteilsverwässerung: Der größte Vorteil für Gründer*innen ist der Schutz des eigenen Cap Tables. Es müssen keine Unternehmensanteile abgegeben werden. Allerdings tauschen die Start-ups diesen Vorteil gegen den direkten Verlust von Marge ein. Besonders im D2C-Hardware- und Textilbereich sind die Margen oft stark limitiert. Ein prozentualer Revenue-Share an prominente Creator kann die Stückkostenrechnung (Unit Economics) belasten.

Reichweite finanziert keine Maschinen: Das Konzept geht für Consumer-Brands (B2C) mit bestehenden Produkten hervorragend auf. Für tiefgreifendes, forschungsintensives DeepTech oder B2B-GreenTech greift es jedoch womöglich zu kurz. Wenn ein Start-up eine Pilotanlage bauen muss, hilft mediale Aufmerksamkeit allein nicht weiter. Hierfür wird klassisches Risikokapital benötigt.

Langfristiger Markenaufbau vs. Hype: Die Zusammenarbeit bindet die Start-up-Marke stark an die persönliche Reputation der jeweiligen Content Creator. Gleichzeitig bietet die enge Bindung die Chance, eine loyale, wertegetriebene Community aufzubauen – ein Asset, das für nachhaltige Geschäftsmodelle enorm wertvoll ist.

Fazit

„The Green Deal“ füllt eine wichtige Lücke im Marketing-Mix nachhaltiger Start-ups. Es ist ein intelligentes Matchmaking-Format für frühphasige B2C-Unternehmen. Gründer*innen sollten das Format jedoch als das betrachten, was es im Kern ist: Ein innovativer Vertriebs- und PR-Kanal – aber kein Ersatz für klassisches Risikokapital bei hohen Infrastruktur-Kosten.

Kühlen ohne Kompressor: Fraunhofer-Spin-off Qurie sichert sich 2,2 Mio. Euro Seed-Kapital

Die Kühlindustrie steht unter enormem regulatorischem Druck. Das 2026 ausgründete Freiburger DeepTech-Spin-off Qurie will mit einer neuartigen elektrokalorischen Technologie den Markt aufmischen – und verspricht das Ende des klassischen Kompressors.

Das Prinzip der meisten heutigen Kühlsysteme entstammt dem 19. Jahrhundert: Kompression und Verdampfung von Kältemitteln. Angesichts der EU-F-Gase-Verordnung, die den Einsatz klassischer, klimaschädlicher Kältemittel massiv einschränkt, tickt für diese Technologie jedoch die regulatorische Uhr. Die 2026 als Spin-off des Fraunhofer-Instituts für Physikalische Messtechnik (IPM) gegründete Qurie GmbH präsentiert nun eine marktreife Alternative: elektrokalorische Kühlsysteme, die vollständig ohne Kompressoren, ohne Druckaufbau und ohne konventionelle Kältemittel auskommen.

Für diese Mission konnte das Freiburger Unternehmen im April 2026 namhafte Investor*innen gewinnen: Der High-Tech Gründerfonds (HTGF), der Technologie-Transfer-Fonds TT49 und die Aepikur GmbH investieren gemeinsam 2,2 Millionen Euro Seed-Kapital in das Start-up.

Die Gründer und die Historie

Hinter Qurie stehen zwei Köpfe, die Wissenschaft und Marktexpertise vereinen: Dr. Kilian Bartholomé (CTO) und Dr. Christian Vogel (CEO). Die Technologie fußt auf mehr als zehn Jahren intensiver Vorlaufforschung am Fraunhofer IPM. Das nun ausgegründete Team von über zehn Expertinnen und Experten aus Materialwissenschaft, Thermodynamik und Ingenieurwesen arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Die Entwicklungsarbeit wird zudem bis Ende 2026 von einem BMWE-geförderten Forschungsprogramm flankiert.

Technologie: Materialintelligenz statt Mechanik

Qurie löst ein zentrales Problem alternativer Kühltechniken. Andere Ansätze wie die Magneto- oder Elastokalorik scheiterten bisher oft an zu hohen Systemkosten. Quries Ansatz basiert hingegen auf der Elektrokalorik: Bestimmte Keramiken und Polymere verändern ihre Temperatur, wenn ein elektrisches Feld angelegt oder entfernt wird.

Das Alleinstellungsmerkmal und Herzstück von Qurie ist dabei die weltweit patentierte „aktive elektrokalorische Heatpipe“ (AEH). Diese präzise gestapelte Materialstruktur ermöglicht es, Wärme sehr effizient abzuführen. Laut CTO Bartholomé erlaubt dieser Ansatz deutlich höhere Pumpfrequenzen beim Wärmetransport als bisherige Flüssigkeitssysteme. Die Eckdaten, die das Start-up kommuniziert, sind beachtlich:

  • Theoretische Effizienz: Über 80 Prozent (im Vergleich zu maximal 50 Prozent bei klassischen Kompressoren).
  • Energieeinsparung: Potenzial von rund 40 Prozent.
  • Formfaktor: Eine miniaturisierbare Festkörper-Architektur, die völlig neue Designs von der Chip-Kühlung bis zur Gebäudetechnik zulässt.

Markt, Wettbewerb & kritische Einordnung

Der erste Zielmarkt von Qurie ist die Schaltschrankklimatisierung – ein Segment, das hohe Präzision erfordert und in dem laut Start-up bislang vollständig zufriedenstellende Lösungen fehlen. Von diesem Sprungbrett aus visiert Qurie die gewerbliche Kühlung, die Medizintechnik sowie die Elektronik- und Automobilbranche an.

Dass institutionelle Investor*innen wie der HTGF ein solches DeepTech-Hardware-Investment tätigen, unterstreicht die Solidität der Patente und die hohe Marktrelevanz der Technologie. Der starke regulatorische Rückenwind durch die EU-F-Gase-Verordnung spielt Qurie als Markttreiber enorm in die Karten.

Dennoch bleibt das Vorhaben ambitioniert. Hardware-Start-ups stehen vor der klassischen Skalierungsfalle: Die Überführung von Laborprototypen hin zu massenfertigungstauglichen, ausfallsicheren Produkten ist komplex. Gerade präzise gestapelte Materialstrukturen können in der industriellen Fertigung Tücken bergen. Zudem schläft die Konkurrenz nicht: Etablierte Industriegiganten sowie andere Start-ups (wie beispielsweise die auf Magnetokalorik spezialisierte Magnotherm) drängen mit viel Kapital in den Markt für alternative Kühlung.

Fazit

Qurie bringt eine der vielversprechendsten Hardware-Innovationen der letzten Jahre aus dem Fraunhofer-Ökosystem auf den Markt. Kann das Team beweisen, dass die neue Technologie nicht nur im Labor funktioniert, sondern auch in der Wirtschaftlichkeitsrechnung der Industriekund*innen besteht, steht dem Start-up ein globaler Milliardenmarkt offen.