Gründer*in der Woche: Cellbricks - menschliches Gewebe per 3D-Druck

KW 28/2025


44 likes

Das Berliner BioTech Cellbricks der Gründer Alexander Leutner, Dr. Tobias Lam und Alexander Thomas meldet den Durchbruch bei der Entwicklung und Produktion implantierbaren Gewebes für den klinischen Einsatz mittels 3D-Bioprinter.

Cellbricks Therapeutics, ein Unternehmen für regenerative Medizin, das skalierbare Lösungen für den Ersatz von menschlichem Gewebe und Organen mittels 3D- Bioprinting entwickelt, hat einen entscheidenden Meilenstein erreicht: In aktuellen Tierversuchen zeigte das biogedruckte Fettgewebe-Implantat sieben Wochen nach der Implantation vollständige Integration ins Wirtsgewebe, keine Fibrose und rasche Gefäßneubildung – ein Durchbruch, der künftig Millionen von Patient*innen helfen könnte.

Das 2016 gegründete Unternehmen entwickelt mitten im Berliner Stadtteil Wedding mithilfe seiner patentierten 3D-Bioprinting-Technologie implantierbares, funktionelles menschliches Gewebe. Die Vision: Organe und Gewebe nicht mehr transplantieren, sondern nachdrucken – passgenau, immunverträglich, skalierbar. „Wir haben schnelle Gefäßbildung, keine Fibrose und eine vollständige Gewebeintegration in unseren Fettgewebe-Implantaten beobachtet – ein bedeutender Meilenstein in der Validierung unserer Plattform und der Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze, die neue Hoffnung für Patienten bringen", sagt Dr. Kattayoun Kordy, Chief Medical Officer bei Cellbricks. „Das Potenzial, lebendiges, funktionales Gewebe mit dem 3D-Bioprinter herzustellen, wird zunehmend Realität."

Zwei Therapieprogramme, zwei milliardenschwere Märkte

Cellbricks verfolgt einen klar strukturierten Weg in Richtung klinischer Anwendung. Das am weitesten fortgeschrittene Programm konzentriert sich auf die Behandlung von tiefen Wunden – ein Bereich mit klar definierten Indikationen und etablierten regulatorischen Anforderungen. Im Fokus steht dabei biogedrucktes Fettgewebe, das aus patient*inneneigenen Zellen hergestellt wird. Ziel ist es, tiefe Wunden funktional zu verschließen, die Heilung zu beschleunigen und gleichzeitig die natürliche Gewebestruktur wiederherzustellen. Das Implantat integriert sich nahtlos in das umliegende Gewebe, fördert die Gefäßneubildung und eröffnet damit neue therapeutische Perspektiven in einem globalen Wundversorgungsmarkt von rund 38,4 Milliarden US-Dollar. Präklinische Studien an Mäusen belegen eine hohe Zell-Viabilität, schnelle vaskuläre Integration und eine stabile Einheilung – ohne Fibrose.

Parallel dazu entwickelt Cellbricks implantierbares, metabolisch aktives Lebergewebe, das ohne Immunsuppression auskommen soll. Das Gewebe soll die Leberfunktion bei Patient*innen mit chronischen Erkrankungen unterstützen und kann mittelfristig als Brücke zur Transplantation dienen. Langfristig verfolgt Cellbricks das Ziel, voll funktionsfähige Leberimplantate als Alternative zu Spenderorganen zur Verfügung zu stellen. Erste In-vitro-Ergebnisse zeigen eine stabile Stoffwechselaktivität über mehrere Wochen. Ein nächster Schritt ist die in vivo Weiterentwicklung des Gewebes. Der adressierte Markt für chronische Lebererkrankungen beträgt weltweit rund 38,6 Milliarden US-Dollar.

Der Weg zur FDA-Zulassung, Mission und künftiges Wachstum

Die Einreichung des Antrags bei der FDA für den Beginn der ersten klinischen Studie ist für 2027 geplant. Um die Weiterentwicklung seiner Gewebeplattform voranzutreiben und strategische Partnerschaften mit führenden Pharmaunternehmen einzugehen, plant Cellbricks für das Jahr 2025 eine weitere Finanzierungsrunde. Das Ziel: Die eigenen Therapieprogramme möglichst zügig in die klinische Anwendung zu bringen.

Seriengründer und Geschäftsführer Alexander Leutner kennt den Schmerz des Organmangels aus eigener Erfahrung. Nachdem er seinem Bruder im Jahr 2022 eine Niere gespendet hatte, entschied er sich, seine Karriere auf die regenerative Medizin auszurichten. „Unsere Vision ist klar: eine Zukunft, in der Gewebe- und Organversagen dank unbegrenzter Verfügbarkeit 3D-biogedruckter Gewebe- und Organimplantate, die keine immunsuppressiven Medikamente benötigen, keinen lebensbedrohlichen Zustand mehr darstellt. Mit unseren vielversprechenden in vivo Ergebnissen sind wir diesem Ziel einen Schritt nähergekommen“, erklärt Alexander Leutner. „Ich kenne die Herausforderungen, die Transplantationen mit sich bringen, sehr genau. Unsere Technologie hat das Potenzial, nicht irgendwann, sondern in absehbarer Zeit echte Lösungen zu bieten.“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Gründer*in der Woche: InCycling – DeepTech meets Circular Economy

Jährlich werden in der Chemie- und Pharmabranche Millionen Tonnen intakter Rohstoffe vernichtet, weil Haltbarkeit abläuft, Produkte aus der Spezifikation rutschen oder sich ganz einfach Produktionsstandorte, Marktbedarfe und Produktportfolios geändert haben. Das Berliner KI-Start-up InCycling, gegründet von den Ex-Bayer-Managern Dr. Karym El Sayed und Sascha Karhöfer, setzt neue Maßstäbe, was mit den so entstehenden Überschüssen möglich ist. Ihre SaaS-Plattform identifiziert ungenutzte Bestände direkt im ERP-System von Unternehmen und führt sie dann über ein multimodales Agentensystem zurück in den Wertschöpfungskreislauf. Ein Interview über den B2B-Handel der Zukunft, messbare ESG-Erfolge und den Sprung vom Konzern in die Selbständigkeit.

StartingUp: Hallo Karym, hallo Sascha! Pitcht InCycling doch mal in einem Satz – was genau macht euer Start-up?

Karym El Sayed: InCycling ermöglicht Pharma- und Chemieunternehmen, hochwertige Rohstoffe, die intern nicht mehr benötigt werden, frühzeitig zu erkennen, regulatorisch zu prüfen und wirtschaftlich sinnvoll wieder in den Markt zu bringen.

StartingUp: Ihr bringt beide geballte Konzern-Erfahrung mit: Karym, du warst unter anderem Head of eHealth & Medical Software Solutions bei Bayer; Sascha, du hast dort den globalen Einkauf der Medizinprodukte verantwortet. Wie kam es zu dem Entschluss, die sicheren Spitzenpositionen im Corporate-Umfeld aufzugeben und Mitte 2025 in Berlin InCycling zu gründen?

Sascha Karhöfer: Wenn man so will, dann war der Auslöser ein Projekt rund um pharmazeutische Primärverpackung, konkret Gummistopfen für ein Medikament. Für ein Entwicklungsprojekt musste aufgrund großer Chargengrößen eine große Mindestmenge Rohmaterial bestellt werden, obwohl absehbar war, dass nur ein Bruchteil tatsächlich gebraucht würde. Während das Projekt erfolgreich abgeschlossen und die Entwicklung weitergeführt wurde, blieb eine riesige Menge Material übrig, für das weder intern noch extern eine weitere Verwendung gefunden werden konnte. Es lagerte unter kontrollierten pharmazeutischen Bedingungen, konnte aber im Konzern praktisch nicht mehr sinnvoll weitergegeben oder verkauft werden. Und der Hersteller schloss eine Rücknahme kategorisch aus. Am Ende blieb uns nur die Entsorgung.

Karym El Sayed: Entscheidend war auch die Erkenntnis aus weit über 150 Stunden Interviews mit verschiedenen Marktteilnehmenden und der Beobachtung, dass das keine Herausforderung einzelner Firmen oder Projekte war, sondern ein systemisches Problem, mit dem fast alle Firmen im hoch regulierten Umfeld konfrontiert sind. Überschüsse entstehen durch Mindestabnahmemengen, lange Lieferketten, Projektänderungen, Forecasting-Unsicherheiten, regulatorische Vorgaben oder strategische Entscheidungen wie Portfoliobereinigungen und Produktionsverlagerungen. In der Pharma- und Chemieindustrie ist das Alltag. Wir hatten beide erfüllende Positionen, aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem wir gesagt haben: Wenn wir dieses Problem wirklich lösen wollen, müssen wir es außerhalb klassischer Konzernstrukturen angehen. Mit InCycling sind wir nun in der Lage viele Firmen anzubinden und eine marktweite Lösung zu bauen, die an den Systemen und Prozessen großer Unternehmen ansetzt und gleichzeitig den bestehenden Handel mit Tradern, Brokern und Distributoren nutzt und alle Parteien besser vernetzt.

StartingUp: Die Dimensionen in eurer Branche sind gewaltig: Millionen Tonnen an chemischen und pharmazeutischen Produkten werden Jahr für Jahr vernichtet, weil niemand rechtzeitig an einen Weiterverkauf denkt. Warum tun sich Industrieunternehmen intern bisher so schwer mit dem sogenannten Surplus-Management?

Karym El Sayed: Weil Surplus-Management in regulierten Industrien deutlich komplexer ist, als es von außen aussieht. Es wird bereits viel versucht, das zu vermeiden. Allerdings reicht es meist nicht, ein Material im Lager zu finden und zu sagen: Das verkaufen wir jetzt. Unternehmen müssen klären, ob das Material noch als regulatorisch konformes Produkt geführt werden kann, welche Spezifikationen gelten, welche Dokumente vorliegen, wie es gelagert wurde, wie es transportiert werden muss, ob es für bestimmte Märkte freigegeben werden darf und welche Anforderungen die kaufenden Firmen erfüllen müssen. Dafür braucht es Ressourcen, Expertise in dem Bereich und fachübergreifende Prozesse. Hinzu kommt, dass die relevanten Informationen selten an einem einzigen Ort liegen. Ein Teil ist im ERP-System dokumentiert, ein Teil in Qualitätsdokumenten, ein Teil in globalen Datenbanken und manchmal auch lokalen Sharepoints verschiedener Abteilungen wie z.B. Procurement oder Supply Chain. Wenn diese Informationen manuell zusammengesucht werden müssen, lohnt sich der Aufwand oft nur bei signifikanten Mengen oder sehr hohen Werten.

Sascha Karhöfer: Mindestens genauso wichtig sind die internen Verantwortlichkeiten. Wer entscheidet, dass ein Material freigegeben werden darf? Wessen Kostenstelle gehört das Produkt? Wer bewertet Compliance und Qualität? Wer ist Ansprechperson, wenn es verkauft wurde und nun zu dem Käufer transportiert werden muss? Welche Abteilungen müssen zustimmen: Product Supply, Einkauf, Finance, Sustainability, Operations, Legal, Qualität? In vielen Unternehmen passt der Weiterverkauf von Überschüssen schlicht nicht sauber in bestehende Prozesse. Einkaufsware muss plötzlich wie Verkaufsware behandelt und im System auch so umgewertet werden. Das ist ungewohnt, sensibel und aufwändig. Dazu kommt: Niemand spricht besonders gern über Überschüsse, weil es schnell nach Fehlplanung klingt. Dabei entstehen sie in komplexen Lieferketten ganz normal und alltäglich. Unser Ansatz ist, abgebende Firmen in diesem Prozess zu begleiten, Handlungssicherheit zu schaffen und die oft noch hohen Werte von Surplus-Rohstoffen sichtbar zu machen, bevor wir diese über einen professionellen und transparenten Prozess incyclen.

StartingUp: Eure Lösung setzt direkt an der digitalen Wurzel an und integriert sich via APIs nahtlos in ERP-Systeme wie SAP S/4HANA. Wie genau läuft dieser automatisierte Prozess ab, von der Entdeckung eines drohenden Überschusses bis hin zum erfolgreichen B2B-Handel?

Sascha Karhöfer: Der erste Schritt ist Sichtbarkeit. Unsere Plattform dockt über Schnittstellen an bestehende Systeme an, in Zukunft zu allererst an SAP S/4HANA, und analysiert, welche Materialien vorhanden sind, welche Mengen verfügbar sind, welche Haltbarkeiten hinterlegt sind und ob es Hinweise gibt, dass ein Material intern nicht mehr benötigt wird. Dann geht es um die Datenbasis. InCycling sammelt und strukturiert relevante Informationen: Sicherheitsdatenblätter, Produktspezifikationen, Qualitätsdokumentation, Haltbarkeit, Testergebnisse, Lagerhistorie, Verpackungs- und Transportspezifikationen. Genau hier hilft KI, weil viele dieser Daten verteilt, unstrukturiert oder schwer vergleichbar sind.

Karym El Sayed: Darauf folgt die fachliche Einordnung. Wir nutzen Chemical-Informatics, um das Material chemisch zu verstehen und zu prüfen, in welchen Industrien, Anwendungen oder Endprodukten es noch eingesetzt werden könnte. Das können komplett andere Märkte und Produkte sein, da viele Chemikalien ein breites Einsatzspektrum haben. Oft auch in Bereichen, die nicht direkt sichtbar sind. Danach erfolgt eine regulatorische Bewertung: In welchen Ländern oder Regionen darf der Rohstoff angeboten werden? Welche Sicherheitsvorgaben gelten? Welche Transportanforderungen gibt es? Gibt es Dual-Use-Themen, Embargos oder besondere Lizenzanforderungen auf Käuferseite? Auch hier helfen zukünftig KI-Modelle unseren Kunden, rechtssicher zu handeln. Im letzten Schritt führt ein Matchmaking-Modul diese Informationen zusammen. Es identifiziert passende Geschäftspartner, oft Trader, Broker oder Distributoren, und gibt konkrete Empfehlungen für den Weiterverkauf. Ziel ist nicht, bestehende Marktakteure zu ersetzen, sondern ihnen bessere, validierte Informationspakete und mehr handelbare Materialien zugänglich zu machen, die den Zweitmarkt bisher nicht einmal erreichen würden.

StartingUp: In der Chemie- und Pharmabranche gelten extrem strenge regulatorische Vorgaben. Wie stellt ihr mithilfe eurer KI – die ja auch auf NLP und OCR zur Dokumentenanalyse setzt – sicher, dass die gehandelten Rohstoffe absolut rechtssicher validiert und für die Käufer*innen compliance-konform sind?

Karym El Sayed: Zunächst ist wichtig: KI bereitet Daten auf und schlägt ein weiteres Vorgehen für eine Substanz vor. Sie unterstützt dabei, Informationen zu finden, zu strukturieren, zu vergleichen und für Expert:innen nutzbar zu machen. In regulierten Industrien braucht es nachvollziehbare Prozesse, klare Dokumentation und menschliche Verantwortung. Genau so bauen wir InCycling auf. An kritischen Wegpunkten immer mit einem „Human in the loop“, um Entscheidungen zu treffen und Prozesse zu kontrollieren. Ein einfaches Beispiel: NLP und OCR helfen uns, Dokumente wie Sicherheitsdatenblätter, Analysezertifikate, Spezifikationen oder Qualitätsunterlagen maschinenlesbar zu machen. Daraus entsteht ein strukturierter Quality- und Compliance-Kontext. Dieser kann dann über hoch spezialisierte KI-Agenten geprüft und ausgewertet werden: Passt das Material zur angegebenen Spezifikation? Welche Haltbarkeit ist relevant? Welche Lagerbedingungen sind dokumentiert? Welche regulatorischen Einschränkungen gibt es?

Sascha Karhöfer: Für kaufende Firmen ist Vertrauen entscheidend. Langfristig stellen wir uns vor, dass „InCycled“-Ware so selbstverständlich und verlässlich wird wie Refurbished-Produkte im Elektronikbereich. Eigentlich ist der Vergleich sogar etwas zu schwach, weil die Rohstoffe quasi nie genutzt wurden. Sie wurden produziert, qualitätsgesichert und dann nur bei einem anderen Unternehmen gelagert. Daher die Wortkreation „InCycling“, denn Recycling und Upcycling treffen nicht zu. Die Rohstoffe, auf die wir uns fokussieren, sind lediglich nach dem Kauf zwischengelagert, aber noch nicht einmal geöffnet, verändert oder gar eingesetzt worden. Damit dieser Markt funktioniert, müssen Kaufende nachhalten können, dass die Ware ihren Anforderungen entspricht. Daher sind wir bestrebt, dass Unternehmen beim Einkauf einer Surplus-Chemikalie auch alle relevanten Produkt- und Qualitätsdaten einsehen können, bevor ein Produkt gehandelt wird.

StartingUp: Ihr vertreibt InCycling als klassisches Software-as-a-Service-Modell (SaaS) mit einer Provisionskomponente. Wie sieht euer konkretes Monetarisierungsmodell aus und wie hoch sind die Hürden, wenn man eine traditionell eher konservative Industrie von einer neuen digitalen Plattform überzeugen will?

Sascha Karhöfer: Wir kombinieren eine SaaS-Lizenz für die ERP-Integration mit einer erfolgsabhängigen Provision auf abgewickelte Trades. Die SAP-Anbindung schafft laufende Sichtbarkeit auf Überschussbestände, substanziell verdient wird aber erst, wenn tatsächlich ein Trade zustande kommt. Das koppelt unseren Erfolg direkt an den wirtschaftlichen Nutzen, den wir für die Kunden schaffen, statt an reine Lizenzgebühren. Die Plattform muss sich nicht über ein abstraktes Digitalisierungsversprechen rechtfertigen, sondern über messbare Effekte im Bestand, in den Kosten und in der Ressourcennutzung: Wenn ein Unternehmen Abschreibungen vermeidet, Entsorgungskosten reduziert und gleichzeitig zusätzlichen Wert aus bestehenden Beständen schafft, ist der wirtschaftliche Hebel sehr konkret und messbar.

Karym El Sayed: Die Hürden liegen auch viel weniger darin, ob Unternehmen das Problem verstehen. Viele kennen es sehr genau. Wie schon gesagt, niemand spricht besonders gern über Überschüsse, weil es eben schnell nach Fehlplanung klingt. Die meisten Unternehmen sind in dem Bereich vorsichtig im externen aber auch internen Austausch. Neue Lösungen müssen in bestehende Systeme und bekannte Prozesse passen, regulatorisch belastbar sein und interne Entscheidungswege berücksichtigen. Deshalb verkaufen wir InCycling nicht als isolierte Verkaufsplattform. Wir erarbeiten mit den Unternehmen auch die effizientesten Prozesse für den Umgang mit Surplus: Wer muss eingebunden werden? Welche Freigabeschritte sind nötig? Welche Dokumente werden gebraucht? Wie wird aus einem potenziellen Überschuss ein sicher handelbares Material? Wenn diese Fragen sauber beantwortet sind, sinkt die Hürde nochmal deutlich.

StartingUp: Nachhaltigkeit und ESG-Kriterien sind heute fester Bestandteil von Geschäftsberichten. Welches Argument zieht in euren Verkaufsgesprächen mit den Konzernen derzeit besser: Die Reduktion des CO-Fußabdrucks durch echte Kreislaufwirtschaft oder die knallharte finanzielle Optimierung der Bilanz?

Karym El Sayed: Beides ist relevant, aber in unterschiedlichen Gesprächssituationen. Nachhaltigkeit und ESG öffnen oft die Tür, weil Unternehmen zunehmend berichten müssen, wie sie Ressourcen nutzen, Abfall vermeiden und Emissionen reduzieren. Gerade in der Chemie- und Pharmaindustrie ist das ein großes Thema und Unternehmen suchen nach immer neuen Ansätzen, hier noch besser zu werden. Die Entscheidung wird am Ende aber meist dort getroffen, wo operative und finanzielle Verantwortung liegt. Wenn Werksleiter*innen, Finance-Teams oder Operations-Verantwortliche sehen, dass weniger abgeschrieben, kürzer gelagert, weniger entsorgt und vorhandenes Material besser genutzt werden kann, wird der Case sehr konkret und die vermiedenen Kosten und generierten Revenues können produktiv investiert werden.

Sascha Karhöfer: Für uns ist die Stärke von InCycling genau diese Verbindung und dass wir den Prozess zu großen Teilen automatisieren können. Wenn hochwertiges Material vernichtet wird, verliert das Unternehmen Wert, zahlt teilweise zusätzlich für Lagerung, Transport und Entsorgung und verursacht unnötige Umweltbelastung. Wenn dasselbe Material weiterverwendet wird, entsteht ein Vorteil auf mehreren Ebenen.

StartingUp: Ihr seid nun seit gut einem Jahr am Markt. Wo steht InCycling heute und was sind die wichtigsten Meilensteine, die ihr in den kommenden Monaten auf eurer Roadmap habt?

Sascha Karhöfer: Wir sind in einer Phase, in der wir die Plattform im Markt weiter validieren, erste industrielle Testphasen und Pilot-Anbindungen mit Konzernen und dem Mittelstand ausbauen und mehr Materialvolumen sichtbar machen. In den vergangenen Monaten haben wir auch dank des Accelerator-Programms von AI NATION, in dem KI-Start-ups wie wir gefördert werden, große Schritte nach vorn gemacht. Jetzt machen wir uns nach einer erfolgreichen Angel-Runde bereit für eine erste größere Finanzierungsrunde, die wir für Ende 2026 anstreben.

Karym El Sayed: Die nächsten Meilensteine liegen für uns in drei Bereichen: Erstens wollen wir die technische Integration und die KI-Module weiter ausbauen, insbesondere Dokumentenanalyse, regulatorische Bewertung und Matchmaking. Zweitens geht es um den Aufbau eines starken internationalen und industrieübergreifenden Netzwerks aus abgebenden Unternehmen, Tradern, Brokern und Distributoren. Drittens wollen wir zeigen, dass InCycling skalierbar ist: zunächst in einer klaren Nische, aber mit einem sehr großen internationalen Markt dahinter. Und klar, langfristig wollen wir erreichen, dass überschüssige chemische und pharmazeutische Rohstoffe nicht mehr automatisch als Abfall gedacht werden, sondern als wertvolle Ressource, die verlässlich verkauft, eingekauft und eingesetzt werden kann.

StartingUp: Zum Abschluss ein Rat an unsere Community: Was empfiehlt ihr Gründer*innen, die mit DeepTech- und KI-Lösungen eine stark regulierte und etablierte Industrie umkrempeln wollen?

Sascha Karhöfer: Fangt beim echten Problem an, nicht bei der Technologie. In regulierten Industrien reicht es nicht, eine technisch spannende Lösung zu bauen. Man muss verstehen, wo der Schmerz im Alltag liegt, welche Daten wirklich verfügbar sind, welche Abteilungen betroffen sind und warum bestimmte Prozesse heute so laufen, wie sie laufen und auch wer die neuen Prozesse nutzen wird. KI ist dann stark, wenn sie ein konkretes industrielles Problem lösbar macht. Bei uns geht es nicht um KI als Selbstzweck, sondern darum, verteilte Informationen nutzbar zu machen, manuelle Aufwände zu senken, Entscheidungen besser vorzubereiten und dass InCycling gewinnbringend für alle Seiten wird. Wenn das gelingt, kann Technologie sehr viel bewegen.

StartingUp: Karym, Sascha – danke für eure spannenden Insights.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Gründer*in der Woche: LingMorph – EdTech ohne Millionen-Budget

Ein Germanistik- und Geschichtsstudent aus Hannover zeigt der EdTech-Branche, wie schlanke Produktentwicklung im Jahr 2026 aussieht. Ohne Millionen-Budget, dafür mit messerscharfem Fokus auf UX und Datenschutz, revolutioniert Abdu Alawal Ibrahim mit LingMorph die digitale Satzanalyse. Ein Gespräch über Disruption im Klassenzimmer, Open-Source-Strategien und die Brücke zwischen Code und Linguistik.

StartingUp: Hallo Abdu, starten wir direkt mit dem harten Reality-Check: Was ist dein Elevator Pitch für LingMorph?

Abdu Alawal Ibrahim: Hallo Hans! LingMorph ist eine anmeldefreie, werbefreie und kostenfreie Web-Applikation, die komplexe deutsche Sätze in Sekundenschnelle visuell unter anderem in Wortarten, Satzglieder, Kasus und das topologische Feldermodell untergliedert. LingMorph bietet Lehrkräften und Lernenden im regulären Deutsch- und DaZ-Unterricht ein datenschutzkonformes Werkzeug, das auf jedem Endgerät sofort einsatzbereit ist. Damit lösen Lehrkräfte das Problem einer oft als trocken und unverständlich wahrgenommenen Grammatik durch ein interaktives und visuelles Interface.

StartingUp: Große Bildungsverlage investieren Millionen in digitale Lernplattformen, kämpfen aber oft mit behäbigen Strukturen. Du hast LingMorph im Alleingang hochgezogen. Wie ist es dir gelungen, die etablierten Player in Sachen Ladegeschwindigkeit und Barrierefreiheit zu überholen?

Abdu Alawal Ibrahim: Ich denke, dass die erwähnten Aspekte, wie die Werbe- und Anmeldefreiheit und generell der Verzicht auf kommerziellen Gewinn hier eine große Rolle spielen. Durch meine jahrelange Erfahrung in der Frontend- und App-Entwicklung habe ich LingMorph auf der Basis von Bootstrap 5.3 ohne schwere Benutzerverwaltung oder Tracking-Skripte entwickelt. Die Satzanalyse läuft dabei getrennt von der eigentlichen Visualisierung: Während serverseitig die LingMorph-Engine die Struktur analysiert, wird sie clientseitig, also direkt auf dem Endgerät der Nutzenden, visualisiert. Dieser Ansatz ist extrem ressourcenschonend. Tests zeigen eine Ladezeit von gerade einmal 0,4 Sekunden und laut Lighthouse-Audit einen Performance-Score von 94/100 sowie die volle Punktzahl von 100 im Bereich SEO.

StartingUp: Die Kombination aus Geisteswissenschaft und Tech ist extrem spannend. Du nutzt für die automatisierte Analyse den STTS-Standard (Stuttgarter-Tübinger-Tagset). Vor welchen technischen Herausforderungen steht man, wenn man komplexe, oft unlogische natürliche Sprache in einen sauberen Algorithmus gießen muss?

Abdu Alawal Ibrahim: Dass man hier vor großen Herausforderungen steht, ist definitiv der Fall. Natürliche Sprache ist voller Unregelmäßigkeiten und Mehrdeutigkeiten (sogenannten Ambiguitäten). Hier ist zum Beispiel der Kasussynkretismus zu nennen: Die Wortgruppe „die Frauen“ kann Nominativ oder Akkusativ sein, „der Frau“ wiederum Genitiv oder Dativ. Ferner stellt besonders das Deutsche mit seinen verstreuten Prädikatsteilen, wie es beim Perfekt vorkommt („Sie hat [...] abgeholt“) sowie trennbaren Verbzusätzen („Ich gebe [...] ab“) für Algorithmen eine große Herausforderung dar. Und je komplexer Sätze werden und je mehr untypische Strukturen auftauchen, desto schneller stößt die automatisierte Analyse auf Basis des Stuttgarter-Tübinger-Tagsets an ihre Grenzen.

Der Umgang mit diesen Herausforderungen ist Teil der aktiven Weiterentwicklung des Tools: Falls der Algorithmus an linguistische Grenzen stößt, berechnet LingMorph direkt innerhalb der Engine die Konfidenz-Scores und macht potenzielle Unsicherheiten transparent über UI-Warnungen für die Nutzenden sichtbar. Ferner können die Nutzenden stets fehlerhafte Ausgaben melden, denn LingMorph ergänzt die statistischen Sprachmodelle aktiv mit weiteren hauseigenen Erkennungssystemen, um die Lücken der statistischen Sprachmodelle zu schließen.

StartingUp: Aus Produkt-Sicht (UX/UI) ist das interaktive Verschieben von Satzgliedern per Drag-and-Drop im topologischen Feldermodell ein echtes Highlight. Wie wichtig ist exzellentes User-Interface-Design, um ein von Natur aus „trockenes“ Thema wie Grammatik in ein digitales Produkterlebnis zu verwandeln?

Abdu Alawal Ibrahim: Das ist natürlich sehr wichtig und stellt als Highlight, wie du es benennst, besonders auch einen didaktischen Mehrwert dar. Denn Grammatik scheitert im Unterricht oft auch daran, dass sie als abstrakt interpretiert und vielleicht manchmal im Unterricht auch einfach zu theoretisch vermittelt wird. Mit Hilfe von Tools wie LingMorph kann der Grammatikunterricht praktischer gestaltet werden: Durch das interaktive Verschieben von Elementen direkt im Feldermodell, können grammatikalische Regeln für Lernende besser verortet und sichtbar gemacht werden. Wenn Lernende ein Satzglied per Drag-and-Drop bewegen können und die strukturelle Veränderung sofort visuell zurückgespiegelt bekommen, verwandelt sich dieses schultypische Auswendiglernen in eine Art des Experimentierens und Entdeckens.

StartingUp: LingMorph verzichtet komplett auf Registrierung, Werbung und Datentracking. In der Start-up-Welt gilt das Datensammeln oft als das neue Gold. Warum ist dieser radikale Datenschutz-Ansatz für dich kein Wachstumshemmer, sondern vielleicht sogar dein wichtigster Growth-Hacker?

Abdu Alawal Ibrahim: Weil im stark regulierten Bildungssektor der Datenschutz die größte bürokratische Hürde überhaupt darstellt. Wer an Schulen ein digitales Tool einführen will, scheitert meist monatelang an den Freigaben, durch die DSGVO-Hürden und ist auch rechtlich daran gebunden, Einverständniserklärungen der Erziehungsberechtigten einzufordern. Dadurch, dass LingMorph keinerlei personenbezogene Daten für kommerzielle Zwecke erhebt, kein Tracking nutzt und keine Registrierung erfordert, fällt diese Barriere komplett weg. Lehrkräfte können den Link ohne Absprache direkt an die digitale Tafel werfen und den Lernenden zur Nutzung auf ihren Endgeräten vorstellen. Das Ziel von LingMorph ist es primär, den Deutschunterricht zu unterstützen und Lernenden zu helfen. Kommerziell orientierte Tools schrecken vor diesem radikal datenschutzfreundlichen Weg verständlicherweise oft zurück.

StartingUp: Du positionierst LingMorph als Open Educational Resource (OER). Das klingt edel, wirft im Start-up-Kontext aber die Frage auf: Wie sieht die langfristige Core-Strategie aus? Wie finanzierst du Serverkosten und Weiterentwicklung, wenn die Nutzer*innenbasis explodiert?

Abdu Alawal Ibrahim: Aktuell ist das Wachstum LingMorphs mit über 130.000 Analysen pro Monat bereits massiv, aber die technische Infrastruktur fängt das sehr kosteneffizient ab. Ein großer Teil der Kernfunktionen soll für Lehrkräfte und Lernende somit immer kostenfrei und barrierefrei bleiben. Wie genau öffentliche Fördergelder für digitale Bildungsinfrastruktur oder Premium-Lizenzen für Institutionen die Weiterentwicklung in Zukunft mittragen können, ist aufgrund des jungen Alters der Applikation im Detail noch offen.

StartingUp: Die renommierte Fachwelt, wie das Symposion Deutschdidaktik e.V., unterstützt dich bereits. Im Start-up-Sprech hast du dir damit eine extrem starke „Corporate Credibility“ gesichert. Wie hast du diese Schwergewichte der Wissenschaft von deiner studentischen Innovation überzeugt?

Abdu Alawal Ibrahim: Diese Unterstützung nehme ich stets sehr dankend an und freue mich gerade über das hohe Interesse aus der Sprachdidaktik und aus vielen Hunderten Schulen und Deutsch- sowie DaZ/DaF-Lehrkräften, die sich regelmäßig bei mir melden. Das motiviert mich bei der Weiterentwicklung enorm.

Ich denke, dass neben der einfach zu bedienenden Benutzeroberfläche und der mit LingMorph gebotenen Unterstützung für Lehrkräfte, auch die fachliche Validität von Relevanz ist, denn gerade die Erläuterungen zu den einzelnen Analyseschritten stützen sich auch auf etablierte germanistische Standardwerke. Und dass die Entwicklung von LingMorph auch stets auf das Feedback der Didaktiker*innen aufbaut und ich der Didaktik und Linguistik bei der Weiterentwicklung stets offen gegenüberstehe, hilft auch enorm.

StartingUp: Zum Schluss: Was ist das nächste große Feature auf deiner Produkt-Roadmap und wo siehst du LingMorph im EdTech-Markt der Zukunft?

Abdu Alawal Ibrahim: Auf der Produkt-Roadmap stehen neben der Optimierung des Erkennungssystems und noch besserer und interaktiverer Visualisierung, auch die Etablierung von Aufgaben für Lernende, die wahlweise durch die Lehrkräfte in Form von selbst vorgegebenen Sätzen erfolgen soll. Damit sollen mehr Möglichkeiten für das gemeinsame Experimentieren im Deutschunterricht geboten werden.

Ferner steht auch die Etablierung von Künstlicher Intelligenz (KI) auf der Produkt-Roadmap. Besonders die Integration von Large Language Models (LLM) bietet die Möglichkeit den Lernenden die Erkennungsergebnisse zu erläutern und Teile des Erkennungssystems an die KI zu delegieren (z. B. die Autokorrektur von Eingabefehlern, die erneute Prüfung bei geringer Konfidenz des gegenwärtigen Erkennungssystems u. v. m.).

Hinsichtlich des Datenschutzes gibt es reichlich Möglichkeiten der datenschutzkonformen KI-Integration: Möglich wäre hier das Hosten des LLM über den Browser des Nutzenden (auch „client-side AI“ genannt) sowie die Möglichkeit des Hostens des Modells auf dem Server von LingMorph (auch „self-hosted AI“ genannt). Besonders sogenannte Transformer-Modelle bieten hier eine enorm hohe Erkennungsgenauigkeit und können mit den eben benannten Herausforderungen deutlich besser umgehen.

Ferner sind nach enger Absprache mit Fachreferenten von verschiedenen Landesämtern für Schule und Bildung sprachliche und strukturelle Anpassungen des Tools geplant. Alles in allem berücksichtige ich stets neue Möglichkeiten zur Verbesserung von LingMorph und freue mich jederzeit auf neue Impulse.

StartingUp: Danke, Abdu Alawal Ibrahim, für das Gespräch.

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Zeitenwende im Start-up-Ökosystem: Deutschland bringt 2026 jeden Monat ein neues Unicorn hervor

Lange galt die deutsche Start-up-Szene als solide, aber unaufgeregt. Doch der brandneue Hurun Germany Unicorn Index 2026 zeigt eine radikale Transformation: Mit einem Gesamtwert von 118,9 Milliarden Euro (129 Mrd. US$) und zwölf Neuzugängen allein in diesem Jahr deklassiert Deutschland den restlichen Kontinent. Im globalen Ranking klettert die Bundesrepublik damit auf Platz 5 – getrieben von einer historischen Welle an DeepTech-, KI- und Defense-Start-ups.

Es ist eine Zäsur für den Technologie-Standort Deutschland: 38 Einhörner (Unicorns) – also nicht börsennotierte Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar – beheimatet die Bundesrepublik mittlerweile. Das entspricht einem Zuwachs von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr und bedeutet die größte Kohorte an Neuzugängen in der deutschen Geschichte. In Kontinentaleuropa liegt Deutschland damit unangefochten auf Rang 1 – weit vor den Niederlanden (11), der Schweiz (8) und Schweden (5).

Helsing erstmals auf Platz 1: Das neue Flaggschiff der deutschen Szene

An der Spitze des Index gab es einen spektakulären Machtwechsel: Das 2021 gegründete KI-Verteidigungsunternehmen Helsing führt das Ranking mit einer Bewertung von 16,6 Milliarden Euro als wertvollstes Einhorn Deutschlands an. Ein Zuwachs von 11,6 Milliarden Euro innerhalb eines einzigen Jahres unterstreicht das immense Potenzial junger deutscher DeepTech-Unternehmen und setzt ein weltweites Signal für europäische KI-Infrastruktur.

Deep-Tech, Rüstung & Fusionsenergie erreichen historischen Höhepunkt

Der Aufstieg des Standorts beruht auf einem strukturellen Wandel. Während B2B-SaaS weiterhin ein starkes Fundament bildet, erreicht die DeepTech-Welle 2026 ihren vorläufigen Höhepunkt. Befeuert durch die politische „Zeitenwende“ haben sich Verteidigungs- und Raumfahrt-Start-ups wie Helsing, STARK Defence (direkt bei Gründung mit über 1 Mrd. US-Dollar bewertet), der Drohnenpionier Quantum Systems und der Raketenbauer Isar Aerospace zu Schlüsselsektoren entwickelt. Parallel dazu beweisen Black Forest Labs (Generative KI) aus Freiburg und Proxima Fusion (Fusionsenergie) aus München, dass Deutschland bei den globalen Zukunftstechnologien in der ersten Liga mitspielt.

Berlin und München beheimaten 68 % aller deutschen Einhörner

Der Index zeigt eine bemerkenswerte räumliche Verdichtung: 18 der 38 Einhörner stammen aus Berlin, 8 aus München. Zusammen vereinen diese beiden Standorte 68 Prozent aller deutschen Milliarden-Start-ups auf sich. Während Berlin besonders im FinTech-, KI- und SaaS-Bereich dominiert, hat sich München als europäisches Powerhouse für DeepTech, Fusionsenergie und B2B-Software etabliert.

Die DNA der deutschen Unicorn-Gründer*innen

Eine Analyse der rund 95 deutschen Unicorn-Gründer*innen räumt zudem mit gängigen Silicon-Valley-Klischees auf:

Erfahrung vor jugendlichem Leichtsinn: Der 19-jährige Studienabbrecher bleibt in Deutschland ein Mythos. Im Schnitt sind deutsche Gründer*innen beim Start 34 Jahre alt, verfügen oft über eine Promotion und jahrelange Branchenerfahrung. Der Fokus liegt auf langfristig gebauten technischen Burggräben.

Die TUM als Kaderschmiede: Die Technische Universität München (TUM) ist die unangefochtene Gründungsfabrik. Allein aus ihren Reihen gingen Einhörner im Wert von 17 Milliarden Euro hervor (u. a. Personio, Celonis). Dicht dahinter folgen die TU Berlin und die LMU München.

Internationale Strahlkraft: Rund 40 Prozent der deutschen Einhörner haben mindestens eine(n) nicht-deutsche(n) Gründer*in. Deutschland fungiert zunehmend als Magnet für internationales Top-Talent.

Der Flywheel-Effekt: Das Ökosystem trägt sich zunehmend selbst durch serielle Gründer*innen. Das prominenteste Beispiel: Florian Seibel, der mit Quantum Systems und STARK Defence zeitgleich zwei Rüstungs-Einhörner erschaffen hat.

Die blinde Flanke: Weniger als 5 Prozent der Unicorn-Gründer*innen sind weiblich. Der Bericht listet derzeit nur eine einzige bestätigte Mitgründerin (Sofia Nunes, Mambu). Ein ungelöstes Problem, durch das Deutschland immenses wirtschaftliches Potenzial verschenkt.

Die 12 Neuzugänge der Rekord-Kohorte 2026 im Überblick

Die zwölf neuen Einhörner des Jahres 2026 bringen zusammen 31,8 Milliarden Euro auf die Waage:

NEURA Robotics (€6,4 Mrd., Metzingen)
Baut kognitive Humanoide-Roboter für die Industrie und gilt als deutsche Antwort auf Tesla Optimus.
Gegründet: 2019 | Zeit bis Einhorn-Status: 7 Jahre
Wichtigste Investoren: Tether, Qualcomm, Amazon, NVIDIA, Bosch, EIB

n8n (€4,8 Mrd., Berlin)
Open-Source-Plattform für Workflow-Automatisierung.
Gegründet: 2019 | Zeit bis Einhorn-Status: 6 Jahre
Wichtigste Investoren: OpenAI, Microsoft, NVIDIA, Bezos Expeditions, Intel Capital

STARK Defence (€3,4 Mrd., Berlin)
Autonome Verteidigungssysteme.
Gegründet: 2024 | Zeit bis Einhorn-Status: 0 Jahre (als Unicorn gestartet)
Wichtigste Investoren: Sequoia, Founders Fund, NATO Innovation Fund

Quantum Systems (€3,2 Mrd., Gilching)
Hochentwickelte eVTOL-Überwachungsdrohnen.
Gegründet: 2015 | Zeit bis Einhorn-Status: 11 Jahre
Wichtigste Investoren: Accel, Founders Fund, Kleiner Perkins

Black Forest Labs (€3,0 Mrd., Freiburg im Breisgau)
Generative Video-KI vom "Stable Diffusion"-Forschungsteam.
Gegründet: 2024 | Zeit bis Einhorn-Status: 2 Jahre
Wichtigste Investoren: a16z, General Catalyst, Lightspeed, M12

Parloa (€2,8 Mrd., Berlin)
Konversations-KI für die Automatisierung von Kundenservice.
Gegründet: 2020 | Zeit bis Einhorn-Status: 5 Jahre
Wichtigste Investoren: B Capital Group

Proxima Fusion (€2,4 Mrd., München)
Fusionsenergie-Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik.
Gegründet: 2023 | Zeit bis Einhorn-Status: 3 Jahre
Wichtigste Investoren: XTX Ventures, East X Ventures, Google, RWE, Plural, Balderton, Cherry, Lightspeed

Isar Aerospace (€1,9 Mrd., Ottobrunn)
Trägerraketen für kleine Satelliten.
Gegründet: 2018 | Zeit bis Einhorn-Status: 8 Jahre
Wichtigste Investoren: Earlybird, HV Capital

Osapiens (€1,0 Mrd., Mannheim)
Software für Lieferketten-Compliance.
Gegründet: 2018 | Zeit bis Einhorn-Status: 8 Jahre
Wichtigste Investoren: Decarbonization Partners, Goldman Sachs

FINN (€1,0 Mrd., München)
Auto-Abo-Plattform.
Gegründet: 2019 | Zeit bis Einhorn-Status: 7 Jahre
Wichtigste Investoren: Portage, UVC Partners, BC Partners Credit

CMBlu Energy (€1,0 Mrd., Alzenau)
Organische "SolidFlow"-Batterien für die Großspeicherung.
Gegründet: 2014 | Zeit bis Einhorn-Status: 12 Jahre
Wichtigste Investoren: Samsung Ventures, STRABAG

Dash0 (€0,9 Mrd. / $1 Mrd., Solingen)
KI-Observability (schnellstes deutsches Software-Einhorn).
Gegründet: 2023 | Zeit bis Einhorn-Status: 3 Jahre
Wichtigste Investoren: Balderton Capital, Accel, Cherry Ventures, DTCP

Fazit: Deutschland baut eigene Champions

Deutschland muss das Silicon Valley nicht kopieren. Der aktuelle Erfolg zeigt, dass die Verbindung von ingenieurwissenschaftlicher Exzellenz, industrieller Verankerung und Risikokapital tragfähige Weltklasse-Champions hervorbringt.

Damit das Wachstum nachhaltig bleibt, muss jedoch die eklatante Lücke beim heimischen Late-Stage-Kapital geschlossen werden. Bislang liegt der Anteil deutscher Investoren in späten Finanzierungsphasen bei unter 15 Prozent. Die Mobilisierung von inländischem Kapital – etwa über Pensionskassen und Versorgungswerke – wird die entscheidende Weichenstellung für die nächste Dekade sein.

Goliath im Gewand eines Start-ups: thyssenkrupp-Spin-off pacemaker.ai wagt den Sprung in die USA

Der Softwareanbieter pacemaker.ai expandiert Anfang August mit einem lokalen Team in die USA. Im Gepäck: KI-Lösungen für einen volldigitalisierten Sales-and-Operations-Planning-Prozess (S&OP). Doch wie viel echtes Start-up steckt in dem Spin-off, das sich anschickt, die globalen Lieferketten umzukrempeln, und wie stehen die Chancen im hart umkämpften US-Markt? Eine Einordnung.

Hinter pacemaker.ai steht kein klassisches Garagen-Start-up, sondern geballte Konzernpower: Das Unternehmen, dessen Wurzeln auf ein 2021 in Lissabon gestartetes Projekt zurückgehen, wurde 2022 offiziell als Tochterunternehmen der tk accelis Supply Chain Solutions ausgegründet. Damit gehört es zum Imperium von thyssenkrupp. Geleitet wird das im westfälischen Münster beheimatete Unternehmen von einem vierköpfigen Management-Team: CEO Christian Jabs, CFO Christian Pixberg, CCO Robert Kokott und CTO Andreas Höppener.

Das Geschäftsmodell basiert auf cloudbasierten Software-as-a-Service-Produkten (SaaS), die Machine Learning und tiefes Branchenwissen vereinen. Zum Produktportfolio gehören schlüsselfertige Softwareprodukte für präzise Nachfrage- und Rohstoffpreisprognosen (Demand Forecast) sowie die Automatisierung von Bestell- und Nachschubprozessen (Replenishment Decision Intelligence).

Einen entscheidenden strategischen Wachstumshebel legte das Unternehmen bereits durch Zukäufe um: Nach der Übernahme des Westphalia DataLabs im Jahr 2022 übernahm pacemaker.ai Anfang 2025 das luxemburgische Start-up WAVES, mitsamt dessen Gründer Armin Neises. Damit erweiterte das Spin-off sein Angebot massiv um eine TÜV-zertifizierte Sustainability Management Platform (SMP) für präzise Emissionsberechnungen und ESG-Reporting gemäß aktueller EU-Regularien wie der CSRD.

Der Markteintritt in den USA: Das Momentum nutzen

Der jetzige Schritt nach Nordamerika markiert die nächste Phase der Wachstumsstrategie und folgt auf erste erfolgreich abgeschlossene Pilotprojekte in den USA. Die Argumentation von CEO Christian Jabs für die Expansion stützt sich auf aktuelle Marktdynamiken:

  • Die US-Wirtschaft wächst, nicht zuletzt durch massive Investitionen in künstliche Intelligenz, derzeit schneller als der Euroraum.
  • Gleichzeitig forciert eine volatile Zoll- und Handelspolitik den Bedarf amerikanischer Unternehmen an hochgradig resilienten, datengesteuerten Lieferketten.
  • Hinzu kommen steigende regulatorische Anforderungen an Rückverfolgbarkeit und Qualität in Branchen wie Pharma, Food und Healthcare.

Einordnung für StartingUp: Stärken, Schwächen und harte Konkurrenz

  • Das Corporate-Start-up-Modell in der Praxis: Das Konstrukt als Ausgründung unter dem Dach eines globalen Konzerns bringt gewaltige Startvorteile mit sich. pacemaker.ai musste nicht mühsam um den ersten großen Ankerkunden kämpfen – thyssenkrupp fungierte von Beginn an als massiver Hebel und globales Testlabor. Auch Zukäufe wie WAVES lassen sich mit entsprechender Rückendeckung weitaus leichter stemmen. Die Kehrseite der Medaille: pacemaker.ai muss in den USA nun vor unabhängigen B2B-Kund*innen beweisen, dass die Lösung flexibel genug für den freien Markt ist und nicht nur als Inhouselösung des Mutterkonzerns funktioniert.
  • Dichtes Marktumfeld und Wettbewerb: Der Markt für „Supply Chain AI“ ist kein Blue Ocean. pacemaker.ai betritt in Nordamerika eine Arena, in der sich etablierte SaaS-Anbieter drängen. Konkurrent*innen wie Anaplan, Netstock oder Slim4 bieten teils seit Jahren hochspezialisierte Softwarelösungen für Bestandsoptimierung und Supply Chain Analytics an.
  • Fazit zum Geschäftsmodell: pacemaker.ai hebt sich jedoch durch einen klugen strategischen Ansatz ab: die Bündelung von operativer Effizienzsteigerung (KI-Prognosen) mit der Lösung drängender Compliance-Pflichten (TÜV-geprüftes Nachhaltigkeitsmanagement). Da Themen wie CSRD-Konformität und Scope-3-Emissionen aktuell auf den C-Level-Agenden massiv an Bedeutung gewinnen, trifft das Startup einen wunden Punkt der globalen Industrie. Gelingt es dem Führungsteam, sich in den USA gegen etablierte Software-Konkurrent*innen als agiler und neutraler Partner zu positionieren, hat der digitale Herzschrittmacher aus Münster beste Chancen, im amerikanischen S&OP-Markt signifikante Marktanteile zu gewinnen.

Wie das MedTech-Start-up Eversion den Orthopädie-Markt aufmischen will

Mit einer frischen Finanzierung von 2,3 Millionen Euro im Rücken greift Eversion Technologies den verstaubten Markt für orthopädische Einlagen an. Die datenbasierte „0°-Sohle“ verspricht Abhilfe bei Volkskrankheiten wie Rücken- und Knieschmerzen. Doch wie tragfähig ist das B2C-Geschäftsmodell der Konstanzer, das einst als B2B-Produkt für Spitzensportler*innen startete? Ein tiefgehender Blick hinter die Kulissen.

Muskel-Skelett-Erkrankungen sind ein massiver Wirtschaftsfaktor: Sie verursachen rund jeden vierten Krankheitstag in Deutschland. Oft wird an den Symptomen laboriert, während die Ursache schlichtweg im falschen Schuhwerk liegt, das den Fuß und damit die gesamte Körperstatik in eine Fehlbelastung zwingt. Das 2023 gegründete Start-up EVERSION Technologies hat genau dieses Problem als Business Case identifiziert und konnte in seiner Seed-II-Runde nun 2,3 Millionen Euro von einem breiten Investoren-Syndikat einsammeln.

Das Investor*innen-Setup im Detail: Angeführt wird die Runde vom neu hinzugekommenen Family Office Kammerer Holding und dem Chancenkapitalfonds der Kreissparkasse Biberach, der bereits in der Seed-I-Runde (Januar 2025) als Lead-Investor agierte. Darüber hinaus unterstützen der von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft gemanagte Start-up BW Seed Fonds, die S-Kap Unternehmensbeteiligungsgesellschaft, Meerkat (die Kapitalbeteiligungsgesellschaft der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen) sowie Turtle das Startup. Komplettiert wird das Konsortium durch Business Angels aus den Netzwerken Heimatboost, BACB und hivn.

Vom „Ärztemarathon“ zum DeepTech-Start-up

Die Entstehungsgeschichte von Eversion liest sich wie das klassische Playbook eines Start-ups, das aus einem eigenen „Pain Point“ heraus geboren wurde. CEO Julia Zimmermann litt selbst unter chronischen Hüftschmerzen und durchlief einen wahren Ärztemarathon – ohne Befund. Die Lösung fand sie erst bei Wolfgang Triebstein, einem erfahrenen Orthopädie-Schuhtechnik-Meister mit eigenem Ganglabor in Eisenach. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie Hüftschmerzen den Alltag bestimmen können. Umso mehr freut es mich, dass wir mit unserer Lösung so vielen Menschen helfen können“, so Julia Zimmermann.

Aus dieser persönlichen Erfahrung entstand die Idee, die aufwendige und teure Labordiagnostik von Triebstein zu digitalisieren und in den Alltag der Patient*innen zu bringen. Bereits 2022 machte das Team beim start2grow Gründungswettbewerb auf sich aufmerksam. Ende August 2023 folgte die offizielle GmbH-Gründung.

Heute vereint das Team tiefes handwerkliches Wissen mit moderner Technologie: Julia Zimmermann, die als CEO fungiert, bildet gemeinsam mit Timon Sutter eine Doppelspitze mit Fokus auf Strategie und Operations. Der Mathematiker und CTO Lucas Heitele ist für die komplexen Algorithmen verantwortlich, während der Sportwissenschaftler Maximilian Starkmann die biomechanische Validierung übernimmt. Komplettiert wird das Gründerteam durch den Erfinder Wolfgang Triebstein, der jahrzehntelange Praxis-Erfahrung und Laborerprobung aus der Orthopädieschuhtechnik mitbringt.

Das Produkt: Wirkkettenalgorithmen statt Gipsabdruck

Klassische orthopädische Einlagen stützen den Fuß primär passiv ab. Eversion bricht mit diesem Paradigma und setzt auf eine aktive Mobilisierung durch die sogenannte „0°-Sohle“.

Der Prozess ist stark datengetrieben:

  1. Diagnostik im Alltag: Kund*innen tragen für zwei Wochen spezielle Sensorsohlen in ihren eigenen Schuhen.
  2. Datenanalyse: Eine App wertet das Bewegungsverhalten aus. Sogenannte Wirkkettenalgorithmen übersetzen die Sensordaten in ein biomechanisches 3D-Anatomiemodell.
  3. Die 0°-Sohle: Das Endprodukt ist auf der Unterseite gefräst, um die spezifische Fehlbelastung auszugleichen und eine neutrale 0°-Stellung zu erzwingen. Die Oberseite ist komplett flach, was den Fuß zwingt, aktiv zu arbeiten.

Kritisch hinterfragt: Geschäftsmodell und Erstattung

Heute, nach erfolgreicher CE-Zertifizierung als Medizinprodukt, agiert das Start-up primär im Direct-to-Consumer (D2C) Bereich. Das Endkund*innenprodukt kostet rund 249 Euro. Bis heute konnten über 1.500 Kund*innen gewonnen werden.

Der ZPP-Weg zur Erstattung

Besonders clever, aber auch risikobehaftet, ist die Erstattungsstrategie. Anstatt den bürokratischen Weg über das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu gehen, rechnet Eversion über Präventionskurse ab. Die Kosten werden von allen gesetzlichen Kassen nach den Richtlinien der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) bezuschusst oder komplett getragen. Privatversicherte nutzen ein klassisches Rezept.

Die kritische Frage: Dieser Erstattungsweg ist brillant für einen schnellen Markteintritt. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Krankenkassen dieses Modell auf Dauer tolerieren, wenn die Nutzer*innenzahlen in die Zehntausende skalieren.

Markt und Wettbewerb: Start-ups vs. Handwerks-Goliaths

Der Markt für smarte Ganganalyse ist stark umkämpft.

Wettbewerbs-Segment

Charakteristik

Herausforderung für Eversion

B2B-Sensorsysteme (z.B. Moticon, stappone)

Hochpräzise Forschungs- und Klinikgeräte

Eversion muss beweisen, dass ihr D2C-Consumer-Sensor klinisch mithalten kann.

Digitale 3D-Einlagen-Start-ups (z.B. Numo)

3D-Druck basierend auf Smartphone-Scans

Eversion muss den Mehrwert der teureren, dynamischen 2-Wochen-Messung kommunizieren.

Klassische Sanitätshäuser

Flächendeckend, billig (meist unter 20 € Zuzahlung)

Eversion muss die Gewohnheit der Patient*innen brechen, die an weiche Bettungen gewöhnt sind.

 

Unser Fazit

Eversion Technologies ist ein Paradebeispiel dafür, wie man analoge Handwerkskunst (Orthopädieschuhtechnik) erfolgreich mit Hard- und Software in ein skalierbares Geschäftsmodell überführt. Das Gründungsteam ist interdisziplinär exzellent aufgestellt und hat mit dem neuen Millionenkapital den nötigen Runway, um den Vertrieb in die Breite zu bringen.

Der Knackpunkt für den langfristigen Erfolg wird sein, ob es dem Start-up gelingt, die B2B2C-Partnernetzwerke aus Ärzt*innen, Therapeut*innen und Sanitätshäusern wie geplant auszubauen und die Kund*innen langfristig von der passiven Bequemlichkeit klassischer Einlagen hin zur aktiven 0°-Sohle zu erziehen. Gelingt dies, könnte Eversion den Markt für orthopädische Hilfsmittel nachhaltig disruptieren.

Warum Mymuesli-Gründer Max Wittrock wieder das Ruder übernimmt – und was das für die D2C-Szene bedeutet

Nach über sechs Jahren fernab des operativen Tagesgeschäfts kehrt Max Wittrock auf den CEO-Sessel von Mymuesli zurück. Er löst damit Tom Mayer ab, der erst im Frühjahr 2026 angetreten war, um das Unternehmen mit Fokus auf KI und digitale Exzellenz zu führen. Der plötzliche Führungswechsel ist mehr als nur eine Personalie – er ist das Symptom einer Identitätssuche, die viele reife Start-ups durchleben. Eine Analyse.

Es klang nach dem modernen Lehrbuch-Playbook: Im Frühjahr 2026 übernahm Tom Mayer als CEO bei Mymuesli, um den Passauer Müsli-Pionier durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und datengetriebener Personalisierung auf das nächste Level zu heben. Doch ein knappes halbes Jahr später ist dieses Kapitel bereits wieder beendet. Laut offizieller Unternehmensmitteilung vom 27. Juli 2026 übernimmt Mitgründer Max Wittrock, der sich Ende 2019 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, ab sofort wieder den Vorstandsvorsitz.

Die neue Strategie: Zurück zu den Wurzeln

Die Personalentscheidung liest sich wie eine bewusste Kurskorrektur: Weg vom technokratischen Tech-Fokus, hin zur alten Gründer-DNA. Die Marke soll wieder ein unternehmerisches Gesicht erhalten. So begründet Aufsichtsratsvorsitzender Tobias Bachmüller den Schritt: „Max Wittrock steht als Mitgründer für die Idee und die Werte von mymuesli. Mit seiner Rückkehr geben wir der Marke wieder das unternehmerische Gesicht, das unsere Kundinnen und Kunden und unser Team gleichermaßen verbindet.“

Wittrock selbst gibt die Parole aus, an den ursprünglichen Pioniergeist anknüpfen zu wollen – ohne jedoch die technologischen Errungenschaften der letzten Jahre komplett über Bord zu werfen: „Die Besonderheit von mymuesli liegt darin, dass wir nah an unseren Kundinnen und Kunden sind und den Mut haben, eigene und unkonventionelle Ideen umzusetzen. Genau daran werden wir weiter anknüpfen. Gleichzeitig wollen wir gemeinsam daran arbeiten und das weiter ausbauen, was mymuesli ausmacht: Personalisierung, eine starke Markenkommunikation und digitale Exzellenz. Und vor allem wieder ins Wachstum kommen!“

Zudem kündigt der Rückkehrer an, künftig offener über die anstehenden Hürden sprechen zu wollen: „Wir haben einige spannende Herausforderungen zu bewältigen. Darüber wollen wir auf meinen und auf unseren eigenen Kanälen sprechen, ebenso wie im Dialog mit unserer Community. Denn Offenheit und Ehrlichkeit gehören seit der Gründung zur mymuesli-DNA.“

Die Historie: Der Prototyp des deutschen D2C-Erfolgs

Um die aktuelle Situation und Wittrocks Aussagen einzuordnen, lohnt ein Blick zurück. Als Max Wittrock, Hubertus Bessau und Philipp Kraiss das Unternehmen 2007 gründeten, leisteten sie echte Pionierarbeit. Die Idee der massentauglichen Individualisierung („Mass Customization“) war im europäischen Food-Sektor völlig neu. Die markanten, zylinderförmigen Dosen wurden zum Statussymbol in deutschen Büroküchen. Mymuesli bewies als einer der Ersten, dass das Direct-to-Consumer-Modell (D2C) in Deutschland im großen Stil funktionieren kann. Heute ist die Marke in sieben europäischen Ländern aktiv und zählt nach eigenen Angaben mehr als eine Million aktive Kundinnen und Kunden.

Das Geschäftsmodell im Stresstest: Die Skalierungs-Falle

Doch der Weg vom hippen Start-up zum etablierten Mittelständler war steinig. Das Geschäftsmodell stand und steht unter permanentem Druck:

  • Die Logistik- und Margen-Bremse: Individuell gemischte Müslis erfordern eine hochkomplexe, fehleranfällige Logistik. Der Einzelversand an Endkunden frisst im Vergleich zur klassischen Food-Branche massive Margen auf.
  • Der teure Filial-Traum: In der Expansionsphase betrieb das Unternehmen zeitweise 50 eigene stationäre Stores in Top-Lagen. Die hohen Mieten und Fixkosten erwiesen sich jedoch oft als zu große Belastung. Im Zuge von Restrukturierungen und der Corona-Krise musste das Filialnetz drastisch eingedampft werden.
  • Der Spagat im Supermarkt: Um weiter wachsen zu können, ging der Weg in den klassischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Dort konkurrieren die vorgefertigten Standard-Mischungen nun direkt mit etablierten FMCG-Riesen und agilen Start-ups (wie 3Bears), wodurch der ursprüngliche Wettbewerbsvorteil der reinen Individualisierung verwässert wird.

Was Gründer*innen daraus lernen können

Für die Start-up-Szene liefert das Stühlerücken in Passau drei wesentliche Lektionen:

Technologie ersetzt keine Seele: Der Versuch, ein stagnierendes Konsumgütergeschäft allein durch den Stempel von KI-Prozessen zu transformieren, greift oft zu kurz. D2C-Marken leben von Storytelling, Haltung und nahbarer Kommunikation.

Der „Boomerang-CEO“ als zweischneidiges Signal: Wenn Gründer zurückkehren, schafft das kurzfristig enormes Vertrauen bei Team, Partnern und Investor*innen. Es bleibt jedoch die operative Herausforderung, die Nostalgie der Anfangsjahre mit den harten wirtschaftlichen Realitäten der Gegenwart zu verknüpfen.

Die Omnichannel-Sackgasse: Der Übergang vom reinen Online-Nischenplayer zum Massenmarkt-Anbieter im Supermarkt ist ein Drahtseilakt, bei dem die Markendifferenzierung schnell verloren gehen kann. Wittrocks Fokus auf Community-Nähe und ehrliche Kommunikation ist der Versuch, genau dieses Ruder rechtzeitig herumzureißen.

Aampere unter Strom: 4,2 Mio. Euro für den Kampf um den E-Auto-Gebrauchtmarkt

„Wir ermöglichen einer Million Menschen den Umstieg auf Elektromobilität.“ Mit dieser ambitionierten Mission tritt das Münchner Start-up Aampere an, um den analogen Flickenteppich des europäischen E-Auto-Gebrauchtmarktes zu digitalisieren. Nun sicherte sich die Plattform 4,2 Millionen Euro an frischem Kapital. Doch während Investor*innen das rasante Wachstum loben, stellt sich die Frage: Kann das junge Team langfristig gegen etablierte Branchenriesen bestehen?

Mit dem frischen Kapital will Aampere den Ausbau seiner volldigitalen Handelsplattform europaweit voranzutreiben. Bemerkenswert ist dabei das hohe Tempo: Nach einer Pre-Seed-Runde von 350.000 Euro im Sommer 2023 und einer Seed-Runde über 1,6 Millionen Euro im Oktober 2025 schiebt das Start-up nun direkt die nächste Millionensumme hinterher. Angeführt wird die aktuelle Runde erneut vom estnischen VC Trind Ventures – ein starkes Signal an den Markt. Zudem holte sich das Unternehmen strategisches Gewicht aus dem skandinavischen Raum an Bord: Die Vend Marketplaces ASA – die Gruppe hinter nordischen Plattform-Riesen wie FINN.no und Blocket – steigt als Minderheitsinvestor ein. Komplettiert wird die Runde durch den Consumer-Investor G-FUND, Bestandsinvestoren wie GIMIC sowie weitere Business Angels aus der Autoindustrie.

Reichlich PS im Gründer-Trio

Hinter Aampere steht das Trio Florian Reister (CEO), Niko Schmidt (CGO) und Maximilian Rost (CPO). Gegründet im Jahr 2022 in München, trat das Team an, um die Komplexität beim Wiederverkauf von Elektroautos aufzubrechen. Inzwischen bündelt das auf über 25 Mitarbeitende angewachsene Team handfeste Erfahrung aus der Corporate- und Start-up-Welt: Auf den Lebensläufen finden sich Stationen bei Porsche, Mercedes und KPMG, aber auch bei Limehome und dem direkten Konkurrenten Cardino. Dieser Mix zahlt sich offenbar aus: Laut Firmenangaben verzeichnete Aampere im vergangenen Jahr ein vierfaches Umsatzwachstum und verkauft inzwischen mehrere Tausend Elektrofahrzeuge pro Jahr.

Doch der Anfang in einem stark analogen Marktumfeld war kein Selbstläufer. Wie gewinnt man das Vertrauen der Händler*innen? „Der Schlüssel liegt immer im ersten Kauf“, erklärt CEO Florian Reister. Um diesen Einstieg zu erleichtern, griff das Team in die Trickkiste und ließ Händler das erste Fahrzeug erst nach der tatsächlichen Lieferung bezahlen. „Sobald wir bewiesen haben, dass unsere Versprechen – transparente Zustandsinfos, zeitsparende Transaktion und schnelle Lieferung – wirklich funktionieren, werden neue Kunden zu langfristigen Partnern“, betont Reister.

„Smartphones on Wheels“: Der digitale C2B-Verkauf

Aampere fungiert als Vermittler zwischen privaten oder gewerblichen Verkäufer*innen und einem europaweiten Händler*innennetzwerk. Der Ablauf ist konsequent digitalisiert: Eine Software ermittelt den Wert, gefolgt von einem digitalen Zustands- und Historiencheck, bevor das Auto europaweit versteigert wird. Doch wie sichert sich die Plattform gegen unentdeckte Mängel am kritischen Bauteil Batterie ab, wenn niemand das Auto vor Ort inspiziert?

Reister gibt sich hier selbstbewusst: „Elektroautos sind Smartphones on Wheels.“ Anders als beim Verbrenner, wo Laufgeräusche oder Geruch physisch gecheckt werden müssten, sei bei E-Autos allein die Datenlage entscheidend. Aampere wertet Fahrzeughistorien sowie Herstellerdaten aus und prüft markenspezifisch, ob die Batteriegarantie noch greift. Reister verspricht: „Mit jedem Monat und damit weiteren Daten erlernt der Wertalgorithmus immer präziser die Wertindikation zu berechnen.“

Geld verdient das Münchner Start-up über Arbitrage – also die Differenz zwischen dem Höchstgebot der Händler*innen und dem Auszahlungsbetrag an den/die Verkäufer*in. Nimmt der/die Verkäufer*in an, überweist Aampere das Geld noch vor der Abholung und löst sogar bestehende Kredite direkt bei der Bank ab. Ein Modell, das enorm viel Kapital bindet? Reister verneint und verweist auf das geschickte Timing der Zahlungsströme: „Wir haben keine gebundene Liquidität. Wir kaufen Fahrzeuge für eine juristische Sekunde an und verkaufen sie direkt an den höchstbietenden Händler weiter.“ Da der Händler zuerst an Aampere zahle und das Start-up erst danach den Verkäufer auszahle, trage man während der Haltezeit kein Preisrisiko.

Kritische Markteinordnung und Volatilität

Trotz einer hohen Kund*innenzufriedenheit von 4,9 Sternen auf Google bewegt sich Aampere auf einem schmalen Grat. Volatile Förderpolitik und massive Rabatte bei Neuwagen setzen die Gebrauchtwagenpreise spürbar unter Druck. Darauf angesprochen, kontert Reister gelassen: „Volatilität ist für uns keine Bedrohung, sondern eine Chance, Marktanteile auszubauen.“ Weil Aampere Fahrzeuge nur für jene besagte „juristische Sekunde“ auf der Bilanz habe, entfalle das Restwertrisiko klassischer, asset-lastiger Plattformen. Zudem helfe die geografische Streuung: Durch das europaweite Händlernetz auf Käuferseite würden Preisausschläge abgedämpft – ein Puffer, den nationale Player nicht bieten können.

Wettbewerb: Kampf der Giganten

Das makroökonomische Umfeld bietet reichlich Rückenwind: Die Besitzumschreibungen von gebrauchten Elektroautos in Deutschland stiegen laut Kraftfahrt-Bundesamt in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich rund 60 Prozent jährlich. Dennoch bleibt das Wettbewerbsumfeld hart. Reichweitenriesen wie Mobile.de und AutoScout24 dominieren den Markt, während C2B-Schwergewichte wie die Auto1 Group über perfektionierte Logistiknetzwerke verfügen.

Was also ist der technologische Burggraben der Münchner, sollten diese Giganten voll auf E-Autos umschwenken? „Aampere hat einen unfairen Wettbewerbsvorteil: 100 Prozent Fokus auf E-Autos“, gibt sich Reister kämpferisch. Der rein digitale Prozess komme gänzlich ohne teure Ankaufsstellen aus. Während E-Autos für Branchengrößen wie Auto1 gerade einmal ein Prozent des Volumens ausmachten, widme sich Aampere jeden Tag ausschließlich dieser spezifischen Zielgruppe.

Fazit und Ausblick

Für das Start-up-Ökosystem beweist Aampere, dass sich spezialisierte Marktplätze auch in unsicheren Zeiten behaupten können. Die größte Aufgabe für das Gründer-Trio liegt nun darin, die Marktanteile so schnell auszubauen, dass ein Frontalangriff großer Konkurrent*innen unwirtschaftlich wird.

Auf die Frage nach dem konkreten Einsatz der frischen 4,2 Millionen bedient Reister zwar zunächst die typischen Tech-Buzzwords – künftig sollen Telematikdaten für tiefere Fahrzeug-Insights und KI-Features für eine bessere Conversion Rate sorgen –, wird bei den operativen Skalierungshürden aber erfrischend ehrlich. Der CEO räumt ein, dass die Europa-Expansion kein Selbstläufer ist: „Wir haben gelernt, dass jedes Land spezifische Anforderungen mit sich bringt.“ Aampere werde in Zukunft deshalb keine „One-Size-Fits-It-All“-Lösung sein, sondern gezielt auf länderspezifische Eigenheiten eingehen. Gelingt es Aampere, mit diesem Ansatz die Hürden der europäischen Skalierung zu meistern, rückt die große Mission tatsächlich in greifbare Nähe.

Von München in den Orbit: DeepTech-Start-up deltaVision sichert sich 10,2 Mio. Euro für die Industrialisierung der Raumfahrt

Das Münchner Raumfahrt-Start-up deltaVision vermeldet eine erfolgreiche Finanzierungsrunde über 10,2 Millionen Euro. Obwohl das Unternehmen komplexe Hardware für Raketen und Satelliten baut, wirtschaftet es in einem extrem kapitalintensiven Umfeld von Beginn an profitabel. Doch der nun anstehende Schritt von der Kleinserie zur Massenfertigung birgt in einem von Monopolisten dominierten Markt erhebliche Herausforderungen.

Das frische Kapital stammt von privaten Industrie-Family-Offices sowie Wagniskapitalgeber*innen wie KT Ventures, Valemount Capital und Futury Capital. Hinter den Summen und der Vision einer nachhaltigen Weltraumwirtschaft verbirgt sich jedoch ein knallhartes Hardware-Geschäft, das einen genauen Blick auf die Köpfe, das Geschäftsmodell und die echten Herausforderungen in diesem komplexen Markt erfordert.

Vom Pain Point zur Profitabilität

Gegründet wurde das Unternehmen 2022 von Alex Plebuch, der heute als CEO agiert, sowie Dr. Denis Kiefel und Matthias Günther. Das Gründerteam bringt tiefgreifende Expertise aus der traditionellen europäischen Raumfahrt mit. Plebuch war vor der Gründung unter anderem als Technical Leader für die Fluidsysteme der europäischen Trägerrakete Ariane 6 verantwortlich und als Trainee bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) tätig. Die Idee zur Gründung entsprang einem massiven Pain Point aus der Praxis: Bei der Entwicklung spezieller Konzepte für große Raumfahrtprogramme stellte man fest, dass es der Branche systematisch an skalierbaren Lösungen für das Fluidmanagement mangelt.

Erstaunlich in der oftmals extrem kapitalintensiven DeepTech-Szene ist der Umstand, dass deltaVision laut eigenen Angaben von Beginn an profitabel agiert. Obwohl das Unternehmen komplexe, hochphysische Hardware produziert und heute bereits 125 Mitarbeitende beschäftigt, konnte es diesen Status offenbar halten.

Das Herz-Kreislauf-System für den Kosmos

Das Kerngeschäft besteht in der Entwicklung und Produktion von Fluidsystemen wie Ventilen, Pumpen und Druckreglern, die das „Herz-Kreislauf-System“ in Raumfahrzeugen, Satelliten und Trägerraketen bilden. Das Modell stützt sich dabei auf zwei wesentliche Säulen.

Kurzfristig beseitigt das Start-up existierende Engpässe in der Lieferkette. Während traditionelle Hersteller aufgrund des aktuellen New-Space-Booms extrem überlastet sind und die Branche weltweit unter jahrelangen Verzögerungen leidet, verspricht deltaVision hochzuverlässige Produkte mit Lieferzeiten von nur wenigen Wochen. Mehr als 60 Kunden auf vier Kontinenten greifen bereits auf diese Komponenten zurück. Ein aktuelles Prestigeprojekt ist der europäische Mondlander „Argonaut“, für den die Europäische Weltraumorganisation (ESA) der Endkunde ist. Für jede dieser Argonaut-Missionen liefert das Münchner Start-up rund 50 Einzelprodukte, unter anderem zur präzisen Druckregelung.

Langfristig zielt die Vision jedoch auf einen wesentlich größeren Markt ab: Das Unternehmen entwickelt einen modularen Technologie-Baukasten für das orbitale Betanken. Standardisierte fluidische Kupplungen und integrierte Betankungsmodule sollen es künftig ermöglichen, Satelliten im All mit Treibstoff zu versorgen – ein Paradigmenwechsel, der milliardenschwere Einweg-Missionen beenden würde.

Skalierungsrisiken und der Kampf um Branchenstandards

So vielversprechend die aktuellen Auftragsbücher klingen, ist der Weg zum global dominanten Weltraum-Zulieferer mit enormen Skalierungsrisiken behaftet. Mit dem frischen Kapital will deltaVision derzeit die Produktion in einem ehemaligen Siemens-Werk in der Münchner Innenstadt auf 5.000 Einheiten pro Jahr ausbauen. Gleichzeitig expandiert das Unternehmen international: In der französischen Region Nouvelle-Aquitaine wird über die Tochtergesellschaft deltaVision SASU ein Forschungsstandort für intelligente Fluidsysteme aufgebaut, parallel ist eine eigene Ventil-Produktion in den USA geplant. Der Sprung von der ingenieurgetriebenen Manufaktur – deren Prototypen sich laut den Gründern oftmals „absolut am Rande der Physik“ bewegen – hin zur industriellen Massenfertigung ist in der Raumfahrt notorisch heikel. Bereits kleinste Verunreinigungen oder Toleranzabweichungen können den Verlust einer Mission bedeuten.

Auch der Kampf um die Vorherrschaft bei Industrie-Standards birgt Hürden. Beim Thema In-Orbit-Betankung setzt CEO Alex Plebuch bewusst auf ein offenes und interoperables Ökosystem und stellt sich explizit gegen proprietäre Modelle, bei denen am Ende ein einziger Anbieter den Markt beherrscht. Die Realität im heutigen Raumfahrtmarkt ist jedoch, dass Mega-Player wie SpaceX historisch gesehen wenig Interesse an offenen Branchenstandards haben und lieber geschlossene Architekturen durchsetzen. Zudem schlafen auch etablierte, irdische Industriezulieferer wie beispielsweise Stöhr Armaturen nicht und verfügen über eigene komplexe Ventile für Kryogenanwendungen. DeltaVision muss folglich dauerhaft beweisen, dass der schnell skalierbare New-Space-Ansatz einen echten Wettbewerbsvorteil gegenüber der Marktmacht der traditionellen Industrie bietet.

Learnings

Für die Leserschaft von StartingUp und ambitionierte DeepTech-Gründer*innen liefert der Fall deltaVision entscheidende Lektionen über den erfolgreichen Aufbau von Hardware-Unternehmen:

  • Profitabilität im Hardware-Sektor ist möglich: Das Münchner Start-up beweist, dass auch im Bereich DeepTech ab dem ersten Tag profitabel gearbeitet werden kann, sofern man reale, extrem schmerzhafte Engpassprobleme der Industrie löst und lukrative Entwicklungsaufträge an Land zieht.
  • Domain-Expertise schlägt den reinen Technologie-Hype: Die Gründer haben ihren Markt nicht abstrakt am Whiteboard analysiert, sondern litten als Ingenieure über 15 Jahre lang selbst unter den ineffizienten Strukturen der europäischen Raumfahrt.
  • Smart Money bei der industriellen Skalierung: Um von der ersten erprobten Flugerfahrung („Space Heritage“) zur Massenfertigung zu gelangen, hat deltaVision gezielt private Investor*innen und Wagniskapitalgeber*innen mit ausgeprägtem kommerziellem und industriellem Hintergrund wie KT Ventures ausgewählt. Im industriellen Sektor ist das tiefgreifende Fertigungsnetzwerk der Investor*innen oftmals weitaus überlebenswichtiger als die reine Bewertungssumme beim Pitch.

All About Accuracy: Potsdamer DeepTech-Start-up sichert sich siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde

Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Start-up All About Accuracy entwickelt hochpräzise Sensor-Chips für die nächste Generation der Physical AI.

Während der mediale Hype um künstliche Intelligenz oftmals von Software und Sprachmodellen dominiert wird, rückt die physische Schnittstelle zur realen Welt zunehmend in den Fokus von Investoren. Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Unternehmen All About Accuracy GmbH hat in diesem Segment nun eine siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Die neuartige Sensortechnologie soll industriellen Robotern und autonomen Maschinen Millimeterpräzision in der Bewegungserfassung verleihen und damit rein optische Systeme ausgleichen. Doch der Weg vom Forschungslabor in die Massenproduktion von Hardware ist traditionell steinig.

Gründer und Herkunft aus der Spitzenforschung

All About Accuracy ist ein klassisches akademisches Spin-off. Das Unternehmen entstand als Ausgründung des renommierten Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP) und baut technologisch auf mehr als 15 Jahren wissenschaftlicher Halbleiterforschung auf.

Die operative Führungsspitze bilden Dr. Yori Fournier als Co-Founder und CEO sowie Olivier Astraud als COO und CFO. Das Start-up, welches im Innovationszentrum GO:IN im Potsdam Science Park ansässig ist, konnte ein namhaftes Investorenkonsortium gewinnen. Die aktuelle Finanzierungsrunde wurde von Campus Capital by STS Ventures (dem Frühphasen-Fonds von Serienunternehmer Stephan Schubert), der Brandenburg Kapital (Venture-Capital-Arm der Investitionsbank des Landes Brandenburg ILB) sowie ZOHO.VC angeführt. Zudem beteiligten sich spezialisierte Business Angels mit tiefer Expertise im Bereich der Ultra-Wideband-Technologie (UWB) über Gigahertz Venture und Superangels.

Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

All About Accuracy will eine neue Klasse von hochpräzisen, robusten und skalierbaren Bewegungssensorik-Chips etablieren. Das Unternehmen adressiert die Schnittstelle von industriellen Anwendungen, Robotik und Physical AI – mit einem besonderen Fokus auf die humanoide Robotik.

Das technologische Versprechen der Potsdamer:

  • Unabhängigkeit von Optik: Im Gegensatz zu Kamerasystemen funktioniert die funkbasierte Technologie auch bei Verdeckung, Staub, Reflexionen oder schwierigen Lichtverhältnissen zuverlässig.
  • Kompakte Integration: Die Sensorik wird direkt in kleine Elektronikmodule integriert und lässt sich über Wearables, Roboter, Werkzeuge und Maschinen skalieren.
  • Präzise Datenbasis: Für das Training von Physical AI liefert das System kontinuierliche und hochpräzise Referenzdaten (sogenannte Ground-Truth-Daten).

Kritische Würdigung: Obwohl das Marktpotenzial enorm ist, birgt das Geschäftsmodell die typischen Risiken von Deep-Tech-Hardware. Halbleiter-Startups sind in der frühen Phase extrem kapitalintensiv. Die jetzige siebenstellige Pre-Seed-Runde ist ein starkes Signal, doch bis zur fehlerfreien Serienreife und globalen Skalierung werden erfahrungsgemäß rasch zweistellige Millionenbeträge benötigt.

Hinzu kommen die bekannten Nadelöhre der europäischen Hardware-Branche: Abhängigkeiten von globalen Chip-Foundries und Halbleiter-Lieferketten. Zudem sind die Sales- und Integrationszyklen bei B2B-Kund*innen in der Industrie und Robotik notorisch lang. Ein etabliertes System durch eine neue, proprietäre Funktechnologie zu ersetzen, erfordert von den Industriepartner*innn ein hohes Maß an Vertrauen in die langfristige Lieferfähigkeit des Start-ups.

Markt und Wettbewerb

Der Markt für Physical AI steht vor einem ungelösten Problem: Optische Systeme (Kameras und Lidar) erfassen Daten zwar großflächig, stoßen aber bei der robusten Millimeterpräzision in rauen Industrieumgebungen an physikalische Grenzen. Professionelle Motion-Capture-Systeme wiederum sind für den flexiblen Außeneinsatz meist zu teuer und komplex. All About Accuracy besetzt genau diese infrastrukturelle Nische.

Die Konkurrenz schläft jedoch nicht:

  1. Etablierte Sensor-Giganten: Große Player im Bereich Lidar und optische 3D-Erfassung dominieren den Markt und verfügen über tief integrierte Kundenbeziehungen.
  2. UWB-Massenmarkt: Globale Halbleiterkonzerne wie NXP oder Qorvo treiben Standard-UWB-Chips voran. All About Accuracy muss im harten Praxiseinsatz demonstrieren, dass ihre spezialisierte Chip-Architektur einen so deutlichen Performance-Vorsprung bietet, dass sich der Wechsel für Systemintegratoren lohnt.

Einordnung für StartingUp

Für die europäische Start-up-Szene ist All About Accuracy ein hochspannender Case. Statt der nächsten B2B-Software-Anwendung stellt sich das Team der komplexen Aufgabe, echte Hardware-Infrastruktur für die KI-Welt von morgen zu bauen.

Gelingt es den Potsdamern, ihre Sensoren als Standard-Referenzschicht für humanoide Roboter und moderne Industrieanlagen zu etablieren, könnte hier ein global relevanter Player entstehen. Es bleibt eine klassische DeepTech-Wette: Hohes technologisches Risiko gepaart mit hoher Kapitalintensität – aber gestützt auf 15 Jahre fundierte Spitzenforschung und ein erfahrenes Investoren-Netzwerk.

Gründer*in der Woche: DishDrop – den Bewertungsmarkt im Visier

Wie ein 22-jähriger Solo-Gründer dank KI mit seiner App „DishDrop“ Google angreifen will – und zwar Gericht für Gericht.

Der Markt für Gastro-Bewertungen ist heiß umkämpft und wird von Giganten wie Google Maps und TripAdvisor dominiert. Dennoch wagen Gründer*innen immer wieder den Vorstoß in Nischen. Der neueste Akteur: Die App DishDrop, entwickelt vom 22-jährigen Bertin Kabanda. Sein Versprechen: Nicht das Restaurant als Ganzes wird bewertet, sondern das einzelne Gericht auf dem Teller. Eine spannende Idee, die vor allem durch ihre Entstehungsgeschichte aufhorchen lässt – denn DishDrop ist ein Kind der fortschreitenden KI-Demokratisierung.

Bootstrapping im KI-Zeitalter

Bertin Kabanda hat die App, die seit Sommer 2026 im Apple App Store verfügbar ist, weitgehend im Alleingang hochgezogen. Möglich wurde dies laut Gründerangaben durch den intensiven Einsatz moderner KI-Tools, die das Fehlen eines Entwickler- und Designteams kompensierten. Von der Code-Generierung über das UI-Design bis hin zur Fehlersuche fungierte die künstliche Intelligenz als digitaler Co-Founder. Das senkt die Einstiegshürden für Tech-Start-ups massiv und macht DishDrop zu einem Paradebeispiel für den Trend des „AI-assisted Solopreneurship“.

„Als ich mit DishDrop angefangen habe, konnte ich überhaupt nicht programmieren“, blickt der 22-Jährige auf die dreimonatige, oft bis tief in die Nacht reichende Entwicklungsphase zurück. Statt auf menschliche Hilfe verließ er sich auf ChatGPT und Claude. „KI war für mich kein Ersatz für einen Entwickler, sondern mein täglicher Lernpartner“, so Bertin.

Doch trotz des digitalen Co-Piloten war das Projekt kein Selbstläufer. „Am schwierigsten war für mich nicht ein einzelner Fehler, sondern das Zusammenspiel der verschiedenen Technologien“, räumt der Gründer ein. Schon kleine Patzer ließen etwa die Registrierung scheitern, weil die Daten zwischen der auf Next.js basierenden App und dem Backend nicht richtig kommunizierten. Auch bei der Kartenfunktion musste er kapitulieren und von Google Maps auf das simplere OpenStreetMap wechseln. Eine heilsame Lektion für den Solopreneur: „KI kann einem viele Wege zeigen, aber sie nimmt einem nicht die Verantwortung ab, technische Entscheidungen zu treffen und aus Fehlern zu lernen.“

Der Fokus aufs Detail

Die fundamentale These von DishDrop lautet: Eine Restaurant-Gesamtbewertung greift zu kurz. Ein erstklassiger Italiener kann eine unterdurchschnittliche Carbonara servieren; eine unscheinbare Pizzeria dagegen die beste Lasagne der Stadt. Nutzer*innen können auf der Plattform gezielt einzelne Speisen bewerten, Fotos hochladen und so eine feingranulare kulinarische Landkarte erstellen.

Doch jede neue Plattform kämpft mit dem klassischen „Henne-Ei-Problem“: Ohne Content keine Nutzer*in, ohne Nutzer*in kein Content. Bertin geht dieses Problem mit brutaler Ehrlichkeit an und verweist auf die noch winzigen Kennzahlen seines Start-ups: Aktuell verzeichnet DishDrop gerade einmal 41 registrierte Nutzer*innen, 44 Downloads und 57 bewertete Gerichte.

„Netzwerkeffekte entstehen Schritt für Schritt“, gibt sich der App-Macher gelassen. Anstatt künstlich Reichweite aufzublasen, setzt er auf analoges Guerilla-Marketing: Er spricht persönlich mit Food-Creatorn und verteilt Visiten- sowie Tischkarten direkt in den Restaurants. Langfristig sollen Gamification-Elemente wie Badges, Rankings und Streaks die Community bei Laune halten. Bertins Vision ist klar: „Wenn jemand die beste Carbonara oder das beste Curry einer Stadt sucht, interessiert ihn in erster Linie genau dieses Gericht. Genau auf dieses Suchverhalten möchte ich DishDrop langfristig ausrichten.“

Qualitätssicherung in der Nische: Zwischen Anspruch und Realität

Wenn der Fokus derart auf einzelnen Speisen liegt, steigt die Anforderung an die Qualität der hochgeladenen Inhalte massiv. DishDrop lebt von echten Fotos und verlässlichen Einschätzungen. Doch je relevanter die Plattform wird, desto größer ist das Risiko von gezielten Manipulationen durch Gastronom*innen, die ihre eigenen Gerichte ins Rampenlicht rücken wollen.

Auf die Frage, wie er seine App vor systematischen Fake-Bewertungen schützen will, bleibt der Gründer noch vage und verweist auf künftig geplante Standard-Maßnahmen wie eine Meldefunktion und die automatische Erkennung ungewöhnlicher Bewertungsmuster. Gleichzeitig bemüht er sich um eine realistische Einordnung: „Keine Plattform kann garantieren, dass es niemals Fake-Bewertungen geben wird – selbst die größten Anbieter stehen vor dieser Herausforderung.“

Seine Hoffnung ruht vielmehr auf dem Konzept selbst. Da die User*innen nicht nur Sterne vergeben, sondern konkrete Fotos der Gerichte hochladen müssen, sei die Hürde für Fälschungen ohnehin höher. „Dadurch entstehen nachvollziehbarere Inhalte als bei einer reinen Gesamtbewertung“, argumentiert Bertin.

Gegen die Übermacht von Google und Co.

DishDrop ist mit dem Fokus auf Einzelgerichte nicht gänzlich allein auf dem Markt. In der Vergangenheit haben sich bereits verschiedene Start-ups an ähnlichen Konzepten versucht, scheiterten jedoch oft an der langfristigen Monetarisierung und der schieren Marktmacht von Google Maps. Der Suchriese integriert längst KI-gestützte Fotoanalysen, die Speisekarten auslesen und populäre Gerichte hervorheben. Zudem ist DishDrop derzeit nur für das iPhone verfügbar, was den Markt stark limitiert.

Wie also will Bertin Kabanda einen langfristigen Burggraben (Moat) gegen diese Datenübermacht aufbauen? Dass Google seine Funktionen technisch leicht kopieren könnte, bestreitet der Gründer gar nicht erst. „Der eigentliche Burggraben entsteht deshalb nicht allein durch die Technologie, sondern durch die Community“, betont er stattdessen. „Technologie lässt sich kopieren – eine aktive Community mit echten Erfahrungen, Fotos und Bewertungen zu einzelnen Gerichten nicht.“

Ein großes Fragezeichen bleibt jedoch die Monetarisierung. Aktuell wirft die App kein Geld ab. Bertin schließt B2B-Datenverkäufe oder Premium-Features für Gastronom*innen zunächst aus und fasst stattdessen vage kostenpflichtige Zusatzfunktionen für die Endnutzer*innen ins Auge. „Mir ist wichtig, dass sich die Monetarisierung an den Interessen der Nutzer orientiert und nicht den eigentlichen Zweck der Plattform verändert“, verspricht der Solo-Gründer.

Fazit und Ausblick

DishDrop ist ein faszinierendes Experiment an der Schnittstelle von FoodTech und Solopreneurship. Es zeigt eindrucksvoll, wie weit ein einzelner Gründer im Jahr 2026 dank künstlicher Intelligenz kommen kann. Ob das Produkt jedoch den Sprung von der technischen Machbarkeit zu einem nachhaltigen Plattform-Unternehmen schafft, hängt primär davon ab, ob die Nutzer*innen den Fokus auf das „Gericht“ gegenüber der etablierten Bequemlichkeit von Google-Rezensionen vorzieht.

Quantensprung in der Chip-Inspektion: Wie QuantumDiamonds den globalen Halbleitermarkt aufmischen will

Mit 91 Millionen Euro frischem Kapital – darunter massive EU-Fördermittel – baut das Münchner DeepTech-Start-up QuantumDiamonds eine eigene Fabrik. Die Technologie verspricht, die fehleranfällige Chip-Produktion zu revolutionieren. Doch der Weg vom vielversprechenden Uni-Spin-off zum globalen Hardware-Lieferanten in einer hochkonservativen Industrie birgt gewaltige Hürden. Eine Analyse.

Die Zahlen lassen aufhorchen, selbst im oft von Superlativen geprägten Tech-Ökosystem: Insgesamt 91 Millionen Euro fließen in das 2022 gegründete Münchner Start-up QuantumDiamonds. Davon stammen 15 Millionen Euro aus einer Series-A-Runde, angeführt vom World Fund und unter Beteiligung von Bayern Kapital, IQ Capital, Earlybird und weiteren namhaften VCs. Den wahren Hebel liefert jedoch die öffentliche Hand: 76 Millionen Euro fließen als nicht verwässernde Direktförderung im Rahmen des European Chips Acts, bereitgestellt vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Freistaat Bayern. Das ambitionierte Ziel: Noch im Jahr 2026 soll in München der erste Bauabschnitt einer 152 Millionen Euro teuren Produktionsstätte für quantenbasierte Halbleiterprüftechnik in Betrieb gehen.

Die Historie: Vom TUM-Labor in die globalen Fabs

Hinter QuantumDiamonds stehen Kevin Berghoff (CEO) und Dr. Fleming Bruckmaier (CTO), die das Unternehmen als Spin-off der Technischen Universität München (TUM) und gefördert durch die TUM Venture Labs gründeten. Berghoff, der Management studierte und zuvor als Berater bei McKinsey Tech-Konzerne zu Wachstumsstrategien beriet, liefert das kommerzielle Rüstzeug. Bruckmaier, promovierter Quantenphysiker der TUM mit Masterabschluss der ETH Zürich, bringt die technologische Tiefe mit.

Die Entwicklungsgeschwindigkeit des Teams ist enorm: Nach ersten Prototyping-Grants sicherte sich das Start-up Ende 2023 eine Seed-Finanzierung in Höhe von 7 Millionen Euro. Nur rund zweieinhalb Jahre später expandierte QuantumDiamonds im Frühjahr 2026 nach Taiwan und ins kalifornische Silicon Valley, um strategisch nah an den asiatischen und US-amerikanischen Halbleiter-Clustern zu operieren.

Das Problem und die technologische Lösung

Der größte Engpass der modernen Chipindustrie liegt im Qualitätsmanagement. Halbleiter werden nicht mehr nur flach (2D), sondern zunehmend in komplexen, mehrlagigen 3D-Architekturen (Advanced Packaging) verbaut – eine Grundvoraussetzung für leistungsstarke KI-Anwendungen. Traditionelle Prüfverfahren erfordern oft das physische Zerschneiden von Chip-Proben. Das dauert teils Wochen und zerstört das wertvolle Produkt.

Hier setzt QuantumDiamonds an: Das Unternehmen nutzt sogenannte Stickstoff-Vakanzzentren (NV-Zentren) in synthetischen Diamanten als Quantensensoren. Diese Sensoren messen Magnetfelder, die durch fließende elektrische Ströme in den Chips entstehen, optisch und auf den Nanometer genau. Der entscheidende Vorteil: Das Verfahren arbeitet zerstörungsfrei und reduziert den Prozess der Fehlererkennung von Wochen auf wenige Minuten.

Geschäftsmodell, Markt und Wettbewerb

So brillant die Technologie im Labor glänzt, so steinig ist der vor QuantumDiamonds liegende Weg in den globalen Markt. Ein kritischer Blick auf die strategischen Hürden:

  • Das „Valley of Death“ der Hardware-Skalierung (Capex-Risiko): Ein 152-Millionen-Euro-Produktionsstandort ist für ein junges Unternehmen ein gigantisches finanzielles Wagnis. Hardware-Start-ups scheitern besonders in Europa oft an der extremen Kapitalintensität (Capital Expenditure, Capex). Ohne die massiven Subventionen aus dem European Chips Act hätten traditionelle Venture-Capital-Geber ein solches Vorhaben kaum allein geschultert. Das Geschäftsmodell ist somit stark von politischen, industriestrategischen Konjunkturen abhängig.
  • Der harte Kampf um den „Inline“-Betrieb: Bislang werden die Werkzeuge von QuantumDiamonds vor allem für stichprobenartige Analysen in Laboren eingesetzt. Das erklärte Ziel ist es jedoch, hochskalierte Inspektionssysteme für die 100-prozentige Qualitätskontrolle direkt am Fließband (Inline-Inspektion) zu etablieren. In den Reinräumen der Chip-Giganten zählt jede Sekunde. Die Anlagen müssen im 24/7-Betrieb absolut ausfallsicher laufen. Die Halbleiterbranche gilt als extrem konservativ, wenn es darum geht, völlig neue physikalische Messmethoden in laufende, hochempfindliche Prozesse zu integrieren.
  • Klumpenrisiko im Oligopol: Laut eigenen Angaben arbeitet das Start-up bereits mit neun der zehn weltweit führenden Chip-Hersteller zusammen. Der Markt ist jedoch ein extremes Oligopol (bestehend aus wenigen Playern wie TSMC, Intel oder Samsung). Das bedeutet: Einige wenige Großkunden diktieren die Bedingungen, und die Verkaufszyklen für Multimillionen-Dollar-Maschinen sind enorm lang. Um planbar zu wachsen, muss es QuantumDiamonds gelingen, neben dem Hardware-Verkauf wiederkehrende Umsätze über Software- und Wartungsabonnements (Software-as-a-Service zur Datenanalyse) zu etablieren.
  • Die Konkurrenz der Branchenriesen: Im spezifischen Bereich der Quanten-Metrologie für Halbleiter besitzt QuantumDiamonds derzeit einen technologischen Vorsprung. Der eigentliche Wettbewerb droht jedoch durch die Verdrängung etablierter, klassischer Inspektionsverfahren von Markt-Goliaths wie der KLA Corporation oder Applied Materials. Diese US-Konzerne verfügen über milliardenschwere F&E-Budgets und jahrzehntelange, tief verzweigte Lieferbeziehungen zu den Chip-Fabriken.

Einordnung für die Start-up-Szene

Der Case QuantumDiamonds ist für die europäische Gründungsszene ein wichtiges Signal und ein Paradebeispiel für eine kluge Finanzierungsstrategie. Das Gründerteam beweist, wie sich das aktuelle geopolitische Momentum – der Wille der EU und des Bundes, technologische Souveränität in der Halbleiter-Lieferkette aufzubauen – als massiver Hebel für das eigene Wachstum nutzen lässt.

Während sich ein Großteil der Investor*innen derzeit im weniger kapitalintensiven B2B-SaaS- und KI-Softwaremarkt tummelt, zeigt QuantumDiamonds: DeepTech-Hardware Made in Germany ist finanzierbar, wenn VC-Geld intelligent mit hochvolumigen staatlichen Fördertöpfen kombiniert wird. Meistert das Team nun den Übergang von der universitären Ausgründung zum verlässlichen Serienproduzenten für die anspruchsvollsten Fabs der Welt, könnte in München ein neuer europäischer Hardware-Champion nach dem Vorbild des niederländischen Tech-Riesen ASML heranwachsen.

Energie-Souveränität oder Milliardengrab? Proxima Fusion erreicht Milliardenbewertung

In einer historischen Series-A2-Finanzierungsrunde sammelt das Münchner Start-up Proxima Fusion 411 Millionen Euro (468 Millionen US-Dollar) an neuem Kapital ein. Mit der daraus resultierenden Bewertung von über 2,4 Milliarden Euro (2,7 Milliarden US-Dollar) avanciert das DeepTech-Unternehmen zum bestfinanzierten und am höchsten bewerteten Fusions-Start-up Europas. Doch während Investorengiganten wie Google und RWE dreistellige Millionenbeträge in die Stellarator-Technologie pumpen, stellt sich für den Markt die drängende Frage: Kann das ehrgeizige Versprechen eines ans Netz gehenden Fusionskraftwerks in den 2030er-Jahren der physikalischen und ökonomischen Realität standhalten?

Das Konsortium, das diese 411-Millionen-Euro-Runde stemmt, wird von XTX Ventures und East X Ventures angeführt. Als strategische Investoren steigen der deutsche Energiekonzern RWE und der US-Technologiegigant Google ein. Letzterer markiert damit sein massives Interesse an grundlastfähiger, sauberer Energie – eine Grundvoraussetzung für den exponentiell steigenden Strombedarf von KI-Rechenzentren.

Im Cap Table findet sich zudem ein breites Bündnis aus staatlichen Förderern und internationalen VCs: KfW Capital, SPRIND, Burda Principal Investments sowie Bestandsinvestoren wie Plural, UVC Partners und Cherry Ventures sind beteiligt.

Besonders bemerkenswert ist die Hebelwirkung dieser privaten Kapitalaufnahme: Erst im Februar 2026 hatten der Freistaat Bayern, RWE und Proxima Fusion ein Memorandum of Understanding (MoU) verabschiedet. Darin stellte Bayern 400 Millionen Euro an öffentlichen Geldern in Aussicht – geknüpft an die Bedingung, dass Proxima privates Kapital in gleicher Höhe beibringt. Diese Hürde wurde vom Start-up in der Rekordzeit von nur drei Monaten zwischen MoU und Termsheet genommen. In weniger als drei Jahren seit der Gründung hat Proxima somit über 650 Millionen Euro (740 Millionen US-Dollar) gesichert, wovon 95 Millionen Euro aus öffentlichen Fördermitteln stammen.

Vom Labor auf das Kraftwerksgelände: Die Historie

Proxima Fusion wurde Anfang 2023 als erstes offizielles Spin-out des renommierten Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in München gegründet. Das Gründerteam um CEO Dr. Francesco Sciortino kombiniert dabei jahrelange Forschungsexpertise am IPP mit Know-how aus der Industrie.

Technologisch baut das Unternehmen auf den jahrelangen Durchbrüchen des Wendelstein-7-X-Programms auf. Im Fokus steht die Entwicklung von sogenannten QI-HTS-Stellaratoren. Das frisch eingesammelte Kapital soll nun direkt in den Bau von „Alpha“ fließen. Dieser Nettoenergie-Demonstrator soll Anfang der 2030er-Jahre auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks in Gundremmingen (Bayern) entstehen und zentrale technologische Systeme validieren. RWE stellt für das Vorhaben nicht nur das Gelände zur Verfügung, sondern bringt sich auch strategisch ein. Darauf aufbauend soll noch im selben Jahrzehnt mit „Stellaris“ das weltweit erste kommerzielle Stellarator-Fusionskraftwerk realisiert werden.

Kritische Einordnung: Markt, Modell und Machbarkeit

Das Geschäftsmodell von Proxima Fusion ist hochriskant und extrem kapitalintensiv. Der Weg von der rein wissenschaftlichen Machbarkeit des Plasmaeinschlusses hin zur industriellen Skalierung erfordert nicht nur weitere Milliarden, sondern auch den Aufbau komplett neuer, robuster Lieferketten. Proxima muss Hochtemperatur-Supraleiter (HTS), neuartige Magnete und Kryotechnik in einem bisher nicht gekannten Maßstab fertigen.

Der Markt ist geprägt von einem globalen Subventions- und Innovationsrennen, das maßgeblich von den USA, China und Großbritannien dominiert wird:

 

Start-up / Unternehmen

Hauptsitz

Technologie-Ansatz

Bisheriges Funding (geschätzt)

Proxima Fusion

München, GER

Magneteinschluss (Stellarator)

> 650 Mio. EUR

Commonwealth Fusion Systems

Massachusetts, USA

Magneteinschluss (Tokamak)

> 2,8 Mrd. USD

Tokamak Energy

Oxford, UK

Magneteinschluss (Sphärischer Tokamak)

> 250 Mio. USD

Marvel Fusion

München, GER

Trägheitseinschluss (Laser)

> 150 Mio. EUR

Die technologische Wette: Die Kernfusions-Branche leidet traditionell unter dem Vorwurf, dass der kommerzielle Durchbruch „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“. Der ambitionierte Zeitplan von Proxima lässt kaum Spielraum für Verzögerungen beim Bau der Demonstratoren. Sollten Materialermüdungen bei extremer Hitze oder Skalierungsprobleme der Magnettechnologien auftreten, verschiebt sich die Rendite für die Investoren schnell in die 2040er-Jahre oder später.

StartingUp Fazit: Ein europäisches Wirtschaftswunder in der Mache?

Für die europäische Start-up- und VC-Landschaft ist der Erfolg von Proxima ein wegweisendes Signal. „Diese Finanzierung zeigt, dass Deutschland und Europa in der Lage sind, internationales Kapital für strategische Zukunftstechnologien zu mobilisieren“, betont Proxima-CEO Francesco Sciortino. Es geht um Tech-Souveränität und den Aufbau einer potenziellen Schlüsselindustrie, die – so die Vision des Gründers – als Wachstumstreiber, Jobmotor und Exportpfeiler der deutschen Wirtschaft fungieren kann.

Für die frühen deutschen Geldgeber zahlt sich das Risiko zumindest in der Bewertung bereits aus. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) begleitet Proxima seit der Pre-Seed-Phase, der DeepTech & Climate Fonds (DTCF) ist seit der Seed-Phase an Bord. Romy Schnelle, Geschäftsführerin von DTCF und HTGF, bringt die rasante Entwicklung auf den Punkt: „Als wir Proxima in der Pre-Seed-Phase finanzierten, war Fusion für die meisten noch eine wissenschaftliche Ambition. Nur drei Jahre später ist sie, mit 411 Millionen Euro und Investoren wie RWE und Google, eine industrielle Realität.“ Johannes Weber (Partner beim HTGF) ergänzt: „Proxima hat die reelle Chance, eine völlig neue Industrie und Lieferkette zu schaffen, mit volkswirtschaftlicher Tragweite.“

Proxima Fusion hat mit dem frischen Kapital und der Perspektive für das Kraftwerksgelände in Gundremmingen nun alle Trümpfe in der Hand, um globale Geschichte zu schreiben. Die immense Beweislast liegt jetzt beim mittlerweile rund 200-köpfigen Team: Aus herausragender theoretischer Physik muss nun funktionierendes, fehlertolerantes und wirtschaftlich tragfähiges Engineering werden.

ARC Intelligence: 4 Mio. Euro für den KI-Angriff auf das Excel-Chaos deutscher CFOs

Das Berliner Start-up ARC Intelligence hat sich eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4 Millionen Euro gesichert. Mit einer KI-gestützten Finanzplattform wollen die Gründer den Mittelstand aus der Excel-Falle befreien und bestehende Unternehmenssysteme intelligent vernetzen. Doch der Weg in die Finanzabteilungen komplexer mittelständischer Unternehmensgruppen ist gespickt mit technologischen und kompetitiven Hürden.

Hinter ARC Intelligence stehen CEO Clemens Wessendorff und CTO Simon Zimmermann. Das Duo gründete das Softwareunternehmen 2024 in Berlin. Nach einer ersten Pre-Seed-Finanzierung vor rund einem Jahr (getragen unter anderem durch 468 Capital und IBB Ventures) hat das Start-up nun kräftig nachgelegt.

In der aktuellen Seed-Runde über 4 Millionen Euro übernimmt der Fonds 42CAP den Lead, während auch die bestehenden Investoren erneut mitgehen. Besonders bemerkenswert: Mit 42CAP-Partner Moritz Zimmermann steigt einer der profiliertesten europäischen Enterprise-Software-Investoren ein. Zimmermann hatte einst Hybris mitgegründet und das Unternehmen 2013 für rund 1,5 Milliarden US-Dollar an SAP verkauft. Die operative Entwicklung gibt dem jungen Team offenbar Rückenwind, denn seit der Pre-Seed-Phase konnte ARC seinen Umsatz laut eigenen Angaben verzehnfachen.

Das Geschäftsmodell: „AI-native Finance OS“

Das Geschäftsmodell von ARC setzt an einem altbekannten Schmerzpunkt an. Unternehmen haben in der Vergangenheit Milliarden in komplexe ERP-Systeme investiert. Dennoch basieren kritische Finanzentscheidungen – gerade in Gruppen mit mehreren Gesellschaften und internationalen Standorten – noch immer auf fragmentierten Daten, Excel-Tabellen und manuellen Reports.

ARC baut hierfür eine KI-gestützte Steuerungsebene (ein AI-native Finance OSs), die sich über bestehende ERP- und CRM-Systeme legt. Statt auf den Monatsabschluss zu warten, erhalten CFOs in Echtzeit einen Überblick über finanzielle und operative Treiber. Die bisherige Traction kann sich sehen lassen: Innerhalb von sechs Monaten konnten laut Unternehmen über 100.000 Stunden manueller Arbeit eingespart werden. Zu den frühen Nutzern gehören Vorzeige-Mittelständler wie Burmester, Pfanner Schutzbekleidung und Robert Bürkle. Zudem kooperiert ARC mit Private-Equity-Häusern wie Auctus Capital und GENUI, um in deren Portfoliounternehmen Finanzprozesse zu digitalisieren.

Markt, Wettbewerb und Risiken

Der eklatante Fachkräftemangel im Controlling und die anstehende Pensionierungswelle im Mittelstands-Management zwingen Firmen zunehmend zur Digitalisierung. ARC adressiert diese Lücke punktgenau und fokussiert sich bewusst auf die Steuerung komplexer, ERP-intensiver Organisationen. Der Markt für derartige Softwarelösungen gleicht jedoch einem Haifischbecken. Etablierte deutsche Platzhirsche wie Lucanet beherrschen die Konsolidierung seit Jahren, während hochkapitalisierte Scale-ups wie Pigment massiv in die Finanzabteilungen drängen. Zudem rüsten die ERP-Giganten selbst – allen voran SAP und Microsoft – ihre Systeme massiv mit eigenen KI-Modellen und Copilots auf.

Auch die technologische Umsetzung birgt Hürden: Das Versprechen von ARC, bestehende ERP-Systeme nicht ersetzen zu wollen, sondern als systemübergreifende Steuerungsebene zu agieren, ist in der Theorie extrem elegant. In der Praxis führt die Anbindung historisch gewachsener On-Premise-Datenbanken und fragmentierter Insellösungen jedoch oft zu enormem manuellen Onboarding-Aufwand, was die schnelle Skalierbarkeit eines Start-ups bremsen kann. Darüber hinaus sind CFOs traditionell restriktiv, was das Einspeisen hochsensibler Finanzdaten in neue Plattformen betrifft. ARC muss hier höchste Standards bei Datensicherheit und Compliance nicht nur zusagen, sondern in den komplexen mittelständischen Unternehmensgruppen technisch reibungslos beweisen.

Fazit

ARC Intelligence wählt einen klugen, sehr pragmatischen B2B-Ansatz. Dass ein Industrie-Schwergewicht wie Moritz Zimmermann an die Vision und die Umsetzungsstärke des Teams glaubt, ist ein echtes Ausrufezeichen im aktuellen VC-Markt. Das frühe Anpeilen von Private-Equity-Firmen als Multiplikatoren ist zudem ein exzellenter Go-to-Market-Schachzug. Gelingt es ARC, die berüchtigten Integrationshürden im fragmentierten deutschen ERP-Markt technologisch schlank zu lösen, hat das Start-up das Potenzial, sich vom KI-Tool für das CFO-Office langfristig zum zentralen Betriebssystem für ERP-intensive Unternehmen zu entwickeln.