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Trend: iGamingbranche
Wir zeigen, was die die iGamingbranche an Trendpotenzial zu bieten hat.
Die iGamingbranche ist ein heiß umkämpfter Markt. Jährlich drängen neue Spielentwicklungen für die verschiedenen Plattformen auf den Markt und kämpfen um die Gunst und das möglichst langfristige Interesse der Spieler. Neben den klassischen Shootern, Strategie- und Aufbauspielen, MMORPGs und Jump-and-Run-Adventures drängen auch Slotgames und andere Spiele aus dem Bereich der Online-Casinos immer stärker auf den Markt und versuchen, sich einen Platz unter den beliebtesten iGames zu sichern. Newcomer zeigen, dass mit Online-Casinos künftig zu rechnen ist.
Die Gamingbranche boomt. Die Entwicklung und Vermarktung von Spielen für Computer und Konsole haben sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Standbein der deutschen Wirtschaft entwickelt. Der Digitalagentur Story&Story zufolge hatte der Bundestag 2019 beschlossen, insgesamt 50 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung zu stellen, um die Entwicklung von Computerspielen gezielt zu fördern. Was vor allem die iGamingbranche wirtschaftlich so interessant macht, ist nicht allein der Marktanteil, den Computerspiele im Unterhaltungssegment erzielen. Die Entwicklung von Games ist ein wertvoller Motor für die Entwicklung neuer Technologien.
Höher, schneller, weiter. Computerspiele sollen immer realistischer, immer intensiver und immer faszinierender werden. Echte Gamer möchten mit allen Sinnen in das Geschehen eintauchen können und legen neben inhaltlichen Aspekten großen Wert auf perfekte Sound- und Grafikqualität. Visualisierung und Echtzeit-Simulation gehören zu den wichtigsten Entwicklungsparametern in modernen iGames. Damit nehmen Spieleentwickler eine echte Vorreiterrolle im globalen Rennen um Hightech-Technologien ein. Sogar als Testplattform für die Entwicklung hoch komplexer KI-Projekte ist der Spielesektor von enormer Bedeutung.
Kooperationen zwischen den Kreativwerkstätten der Spielentwickler und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen zeigen: Wir haben Großes von der iGamingbranche zu erwarten. Noch nie war es für Start-ups im Bereich der Spieleentwicklung so leicht, an Fördergelder und Zuschüsse zu kommen. Eine lange Zeit eher belächelte und vielfach sogar heftig kritisierte Branche entwickelt sich zu einem Global Player im Bereich Innovation und technologischer Fortschritt, der als Wirtschaftsfaktor in Zukunft ganz vorne mitmischen wird.
Big Time Gaming – Durchbruch mit Casinospielen
Wer an die großen Player der iGamingbranche denkt, hat wahrscheinlich nicht viele Namen aus dem Bereich Casinospiele auf dem Zettel. Das könnte sich künftig durchaus ändern, denn dem einen oder anderen Softwareentwickler, der sich auf Casinospiele konzentriert hat, ist mit den richtigen Ideen der Durchbruch geglückt. Ein Name, der in diesem Zusammenhang häufiger zu lesen ist, ist Big Time Gaming. Das Unternehmen zählt zu den jüngeren Akteuren der Branche, und doch ist ihm etwas geglückt, was nur wenige Softwareentwickler schaffen: der Durchbruch mit Casinospielen.
Die Attraktivität der Big Time Gaming Casinos geht von einer ganzen Reihe von absoluten Top-Spielen aus, die der Spieleentwickler selbst herausgebracht hat und nun in seinen eigenen handverlesenen und offiziell lizensierten Online-Casinos präsentiert. Diese Kombination aus einem exklusiven Spielenagebot und einer seriösen Geschäftspolitik hat dafür gesorgt, dass sich Big Time Gaming Casinos schon nach kurzer Zeit erfolgreich am Markt positionieren konnten.
Der Spieleentwickler, der hinter dem erfolgreichen Unternehmen steht, hat sich schon früh auf den Bereich der Slotgames konzentriert. Die virtuellen Spielautomaten mit dem beliebten Walzensystem erfreuen sich im Bereich Online-Glücksspiel wachsender Beliebtheit und sind heute ein äußerst dynamischer Markt. Die Spieleentwickler haben das Potenzial dieses Spielesegmentes schon früh erkannt und seit der Unternehmensgründung eine kleine Auswahl handverlesener und äußerst innovativer Slotgamevarianten entwickelt, die bei Spielern gut ankommen. Im Vergleich zu Mitbewerbern mag das Portfolio des jungen, aber erfolgreichen Unternehmens eher bescheiden wirken. Weniger als 30 verschiedenen Slotgames hat das Start-up bislang auf den Markt gebracht. Die Produkte aus der Feder der Softwareentwickler können sich allerdings sehen lassen und sind jedes für sich nahezu ein Garant für wirtschaftlichen Erfolg.
Die besten Pferde im Stall von Big Time Gaming sind die Slotgames „Bonanza“ und „Queen of Riches“, die durch ihre hoch entwickelten Sound- und Grafikfeatures sogar bei eingefleischten iGaming-Fans punkten können. Aber auch im Hinblick auf die Spielvarianten haben die Entwickler ein Händchen für angesagte Trends und langfristige Beliebtheit bewiesen. Die Slotkreationen überzeugen durch Megaways und eine große Vielfalt an Spielvarianten, die das alt bewährte Walzensystem immer wieder neu zu erfinden scheinen und damit auch routinierten Spielern zusätzliche Anreize bieten.
Um eine möglichst breite Zielgruppe erreichen zu können, setzt Big Time Gaming mit seinen Slotgames auch attraktive Bonussysteme. Außerdem sind viele Spielvarianten kostenlos verfügbar und auch beliebte Spielmodi können ohne den Einsatz von Echtgeld genutzt werden. Damit schlagen die Big Time Gaming Casinos die Brücke zwischen Online-Casinos und der iGaming-Branche und könnte so als eines der ersten Unternehmen auch langfristig auf einem breiter angelegten Feld der Unterhaltungsbranche Fuß fassen.
Geplante Änderung des Glücksspielstaatsvertrages bringt der Branche spürbaren Aufschwung
Insgesamt erlebt der Bereich der Online-Casinos derzeit einen Aufschwung, der überraschen mag. Aufgrund der unsicheren Rechtslage in Deutschland und des grundsätzlichen Verbotes von Online-Glücksspielen im gesamten Bundesgebiet, mit Ausnahme von Schleswig-Holstein, gehörten Online-Casinos bis vor wenigen Monaten nicht zu den stark wachsenden Wirtschaftszweigen. Die geplante Änderung des Glücksspielstaatsvertrages hat die Karten allerdings neu gemischt und bringt der Branche einen spürbaren Aufschwung.
Der aktuell gültige Glücksspielstaatsvertrag, der seit 2012 in Kraft ist, beinhaltet keine Möglichkeit, um in Deutschland legal in Online-Casinos zu spielen. 2021 verliert die derzeitige Rechtslage allerdings ihre Gültigkeit und eine neue Version des Glücksspielstaatsvertrages wird an ihre Stelle treten. Bereits im Januar konnten die Bundesländer sich auf eine gemeinsame Fassung einigen, die nun noch durch verschiedene Instanzen, unter anderem durch die EU-Kommission, ratifiziert werden muss. Zum 1. Juli 2021 wird der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft treten und die gesamte Branche wahrscheinlich grundlegend verändern.
Den wohl gravierendsten Einschnitt stellt die Legalisierung von Online-Casinos in Deutschland dar. Mit der neuen Gesetzeslage sollen Spieler auch auf deutschem Bundesgebiet in der Lage sein, bei zertifizierten Anbietern online ihr Glück zu versuchen. Die Legalisierung von Online-Casinos geht Hand in Hand mit umfangreichen Maßnahmen zum Spielerschutz.
Neben einer festgesetzten Höchstgrenze für monatliche Geldeinsätze soll eine so genannte Zockerdatei ins Leben gerufen werden. In diesem überregional gültigen Verzeichnis sollen Spielsüchtige und suchtgefährdete Spieler registriert werden. Eine Eintragung ist auf freiwilliger Basis möglich. Für Spieler, denen eine Spielsucht diagnostiziert wurde und die sich in ärztlicher Behandlung befinden, wird automatisch eine Fremdsperre vorgenommen. Die überregionale Sperrdatei soll von einer deutschlandweit befugten Aufsichtsbehörde geführt und zentral gesteuert werden. Spieleanbieter sind mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag dazu verpflichtet, alle bei ihnen hinterlegten Spielerdaten für die Aufsichtsbehörde zugänglich zu halten, um einen umfangreichen Spielerschutz zu gewährleisten.
Auch wenn der neue Glücksspielstaatsvertrag erst in über einem Jahr in Kraft tritt, werfen die zu erwartenden Änderungen bereits ihre Schatten voraus. Die bevorstehende Legalisierung der Online-Casinos verleiht der Branche bereits jetzt einen Aufschwung, der wirtschaftlich deutlich spürbar ist. Spieleentwickler und Online-Anbieter versuchen bereits jetzt, sich sicher am Markt zu positionieren und ihr volles Potenzial auszuschöpfen, um mit der Änderung der Gesetzeslage auch die Vielzahl zu erwartender Neuspieler ins Boot zu holen. Die Konkurrenz am Markt wächst und auch in den Ideenschmieden der Spielentwickler laufen die Prozesse auf Hochtouren. Damit dürfte der neue Glücksspielstaatsvertrag sich auch auf die globale Entwicklung neuer Technologien durchaus positiv auswirken.
Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau
Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.
Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.
Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.
Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.
Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.
Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de
Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert
Wenn das Team mehr verdient als der Chef
Im Interview mit MCANISM-Gründer und -CEO Gunnar Militz haken wir kritisch nach: Ist das niedrige Gründergehalt clevere PR, schlichte Notwendigkeit oder ein echtes Führungs-Tool? Und wie behauptet sich ein Nischen-Player technologisch gegen die bequemen Standard-Tools der großen Tech-Giganten?
Das Klischee vom gut verdienenden Geschäftsführer hält sich hartnäckig. Doch in der Praxis wachsender mittelständischer Unternehmen zeigt sich oft ein anderes Bild. Gunnar Militz, Gründer und Geschäftsführer der 2018 in Hamburg gegründeten MCANISM Technology GmbH, positioniert sich hierbei bewusst als Gegenentwurf: Nach Angaben des Unternehmens zahlt er sich ein Fixgehalt von unter 100.000 Euro aus, womit Teile seines Teams mehr verdienen als er selbst. Im Gründungsjahr verzichtete er demnach sogar komplett auf ein Einkommen.
Dieses Prinzip der finanziellen Risikobereitschaft soll sich auch im Geschäftsmodell spiegeln: Das Performance-Marketing-Netzwerk setzt auf eine proprietäre Tracking-Technologie ohne Drittanbieter und fokussiert sich auf Nischen wie die Lebensmittel- und Reisebranche.
In diesem Interview haken wir kritisch nach: Ist das niedrige Gründergehalt clevere PR, schlichte Notwendigkeit oder ein echtes Führungs-Tool? Und wie behauptet sich ein Nischen-Player technologisch gegen die bequemen Standard-Tools der großen Tech-Giganten?
Das Interview
StartingUp: Herr Militz, laut eigener Angaben verdienen Sie bewusst deutlich unter 100.000 Euro im Jahr, während Teile Ihres Teams mehr nach Hause bringen. Kritisch gefragt: Wie viel davon ist clevere Employer-Branding-PR und wie viel schlichte finanzielle Notwendigkeit für das Wachstum von MCANISM? Bitte nennen Sie uns den konkreten strategischen Hebel, den diese Gehaltsstruktur für Ihr Unternehmen hat.
Gunnar Militz: Es ist weder reine PR noch blanke Not aus der Kasse. Der strategische Hebel ist die Kapitaleffizienz. Als Unternehmer muss man verstehen: Jeder Euro, den ich mir privat auszahle, ist nach Steuern und Sozialabgaben nur noch die Hälfte (oder sogar weniger) wert. Wenn dieser Euro aber in der Firma bleibt, ist er „brutto“ und arbeitet für das Wachstum. Die Rendite, die ich erziele, wenn ich das Kapital in unsere eigene Technologie oder in den Marktausbau stecke, ist faktisch immer höher als das, was ich privat am Kapitalmarkt damit erreichen könnte. Wir lassen das Cash im Unternehmen, damit es dort mit Hebel arbeiten kann. Das ist kein Verzicht, sondern Reinvestition in den eigenen Erfolg.
StartingUp: Im Gründungsjahr 2018 gab es für Sie gar kein Gehalt, nur die Krankenversicherung war abgedeckt. Solche Phasen werden von Gründer*innen im Nachhinein gern als heldenhafte „Hustle“-Phase romantisiert. Wie sah die Realität aus – gab es einen konkreten Moment, in dem Sie diese Entscheidung bereut haben, und wie hat diese Zeit die Fehlerkultur in Ihrem Unternehmen geprägt?
Gunnar Militz: Bereut habe ich es nie, aber es lehrt einen Demut gegenüber der Cashflow-Planung. Man lernt, den "Lifestyle-Fokus" komplett gegen den "Impact-Fokus" zu tauschen. Ich hatte keine Zeit zum Geldausgeben! Was viele unterschätzen: Ein niedriges Fixgehalt bedeutet ja nicht, dass man am Hungertuch nagt, wenn man die steuerlichen Spielräume nutzt. Wer clever ist, nutzt Werkzeuge wie die 0,25%-Regelung für E-Autos oder rechnet Geschäftsreisen korrekt ab. Das reduziert die privaten Lebenshaltungskosten legal und effizient.
Diese Zeit hat unsere Fehlerkultur massiv geprägt: Wenn es dein eigenes Geld ist, das du verbrennst, entwickelst du einen sechsten Sinn für Effizienz. Wir probieren viel aus, aber wir stoppen Dinge radikal, die keinen ROI bringen. Diese „Skin in the Game“-Mentalität verlange ich heute auch von der Struktur, nicht nur von mir selbst. Aber Vorsicht: Man muss dabei extrem sauber arbeiten. Gerade wenn man mehr als 25% der Anteile hält, schaut das Finanzamt beim Fremdvergleich ganz genau hin. Die Bezüge müssen angemessen sein – weder darf man sich künstlich arm rechnen, um Steuern zu sparen, noch darf man die Firma als Selbstbedienungsladen nutzen. Diese steuerliche Disziplin ist das Fundament für unsere Unabhängigkeit.
StartingUp: Wenn Angestellte am Monatsende mehr verdienen als der Chef, kann das klassische Hierarchien ins Wanken bringen. Wie wirkt sich diese Struktur in der täglichen Praxis tatsächlich auf Ihre natürliche Autorität aus? Bitte geben Sie uns ein konkretes Beispiel, wie Sie mit Gehaltsverhandlungen von Top-Talenten umgehen, deren Forderungen Ihr eigenes Gehalt sprengen.
Gunnar Militz: In der Praxis merke ich davon weniger als man denkt. Autorität kommt nicht davon, dass man das höchste Gehalt im Raum hat. Das war vielleicht mal so, aber in unserem Umfeld zählt eher wer klar entscheidet und wer Verantwortung übernimmt. Wenn ich als Geschäftsführer sichtbar nicht das Maximum für mich raushole, schafft das eher Glaubwürdigkeit als Schwäche. Bei konkreten Gehaltsverhandlungen ist mein eigenes Gehalt schlicht kein Referenzpunkt. Wenn jemand für eine kritische Rolle gebraucht wird, vergüten wir marktgerecht oder drüber. Was die Rolle kostet, hängt vom Impact ab und nicht davon, was ich verdiene. Dafür muss ich mich dann auch nicht rechtfertigen.
StartingUp: Ihre eigene Vergütung ist stark an Tantiemen gekoppelt, Sie gehen also voll ins persönliche Risiko. MCANISM setzt parallel auf eine proprietäre Softwarelösung ohne Drittanbieter. Wie hängt diese „Skin in the Game“-Mentalität mit der Entscheidung zusammen, sich technologisch unabhängig zu machen, anstatt kostensparend auf bestehende Standard-Tools zurückzugreifen?
Gunnar Militz: Das hängt direkt zusammen. Wer variabel vergütet ist, denkt automatisch in längeren Zeiträumen. nicht nur beim Umsatz, sondern auch bei Abhängigkeiten. Standard-Tools sind bequemer und kurzfristig günstiger, aber wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Das bedeutet mehr Aufwand und mehr Risiko, doch dafür kontrollieren wir unsere Daten, unsere Logik und letztlich unser Geschäftsmodell. Das ist wie auch beim Gehalt dieselbe Grundhaltung: lieber mehr Risiko tragen, aber nicht abhängig sein.
StartingUp: Eine eigene Tracking-Technologie zu betreiben, ist teuer. Viele Kund*innen sind zudem an die Dashboards von Google oder Meta gewöhnt. Mit welchen handfesten Argumenten – abseits des oft bemühten Themas Datenschutz – bringen Sie Marketingabteilungen dazu, ihre Gewohnheiten aufzugeben und auf Ihre unabhängige Lösung zu wechseln?
Gunnar Militz: Das entscheidende Argument ist nicht das Tool, sondern die Frage, wer hier eigentlich für wen optimiert. Google und Meta bauen ihre Dashboards nach ihren Interessen und weniger nach denen ihrer Kunden. Wir argumentieren konkret: Attribution, Provisionsmodelle, Kampagnenlogiken – das alles lässt sich mit uns deutlich individueller steuern. Für Unternehmen, die ihre Kanäle wirklich verstehen wollen und nur auf Plattform-KPIs schauen, macht das einen messbaren Unterschied. Der Wechsel ist kein Selbstläufer, weil Gewohnheiten sitzen, das ist klar. Aber sobald jemand einmal sieht, wie eine unabhängige Sicht auf Performance aussieht, ist die Bereitschaft deutlich höher.
StartingUp: Mit den Netzwerken Chefs Campaign und Hotel Campaign fokussieren Sie sich auffällig spitz auf die Lebensmittel- und Reisebranche. Andere Affiliate-Netzwerke agieren deutlich breiter. Verstecken Sie sich in der Nische vor dem großen Wettbewerb oder worin genau liegt der messbare Leistungs- und ROI-Vorteil für Partner wie HelloFresh oder NH Hotels? Bitte nennen Sie uns hierfür einen konkreten Faktor, den Generalisten nicht abdecken können.
Gunnar Militz: Wir verstecken uns nicht, wir entscheiden uns. Food und Travel haben sehr spezifische Anforderungen: andere Customer Journeys, andere Buchungslogiken, andere Conversion-Mechaniken. Ein Generalist bildet das irgendwie ab. Wir bilden es genau ab. Der konkrete Unterschied liegt darin, wie wir Provisionsmodelle und Conversion-Prozesse modellieren. Näher am tatsächlichen Geschäftsmodell unserer Partner, nicht an einem generischen Template. Für HelloFresh oder NH Hotels bedeutet das weniger Streuverlust und bessere Steuerbarkeit. Das ist messbar.
StartingUp: Lassen Sie uns einen „Realitätscheck“ in Sachen Wahrnehmung von Gründer*innen-Gehältern machen. Welchen ungeschönten, praxisnahen Rat geben Sie einem jungen Gründungs-Team, das heute seinen ersten Businessplan schreibt und entscheiden muss, wie hoch das eigene Fixgehalt ausfallen darf, ohne das Unternehmen oder sich selbst zu ruinieren?
Gunnar Militz: Das eigene Gehalt ist kein Belohnungssystem. Das ist der Kern. Zu hoch, und das Unternehmen hat ein Problem. Zu niedrig, und man selbst hat irgendwann ein Problem – und zwar eines, das sich in Entscheidungen niederschlägt, ob man will oder nicht. Ich rate dazu, sich zwei ehrliche Fragen zu stellen: Was brauche ich wirklich, um vernünftig arbeiten zu können? Und was kann die Firma in dieser Phase tragen? Dazu früh über variable Modelle nachdenken. Und war nicht als Sparmaßnahme, sondern weil es die eigenen Interessen mit dem Unternehmenserfolg verbindet. Und dann noch etwas, das unterschätzt wird: Was am Anfang richtig ist, muss in zwei Jahren nicht mehr stimmen. Die eigene Rolle verändert sich. Das sollte man nicht erst merken, wenn es zu spät ist.
Gunnar Militz, Danke für die spannenden Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Vom Textil-Müll zum Industrie-Rohstoff: Der Masterplan des Kölner Start-ups CRCL
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Hinter CRCL stehen die Gründer Lars Conzendorf, Lauritz Schmidt und Timur Oruz. Letzterer ist ehemaliger deutscher Hockey-Nationalspieler, der 2023 Weltmeister wurde und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro Bronze gewann. Die drei Gründer kennen sich bereits seit ihrer Jugend aus dem Sport.
Auf den ersten Blick wirkt der Pivot vom Hockeyplatz in die technologisch hochkomplexe Recyclingwirtschaft hart. Doch Oruz sieht darin klare Parallelen: „Aus dem Leistungssport lässt sich unfassbar viel ins Unternehmertum transferieren.“ Gerade eine konservative Branche setze zunächst auf etablierte und bestehende Prozesse, räumt er ein. Das Kölner Team bringt jedoch entscheidende Netzwerkvorteile über den Hockeysport und Lars Conzendorfs familiäre Verbindung zum Entsorgungsriesen Remondis mit. Der Respekt der Industrie-Veteranen ist dennoch kein Selbstläufer. „Am Ende des Tages kämpfen wir täglich für einen Mindset-Shift zu mehr Innovations- und Risikobereitschaft – anstelle von Derisking und Stagnation“, fasst Oruz zusammen.
Tatsächlich ist der direkte Zugang zu Branchen-Know-how für DeepTech- und Recycling-Start-ups essenziell. Hier kann das Team punkten: Thomas Conzendorf, der seit 20 Jahren im Remondis-Vorstand sitzt, begleitet das junge Unternehmen aufgrund der familiären Verbindung von Beginn an als Mentor. Ergänzt wird die Expertise durch Business Angel Thomas Kyriakis, ein ehemaliger PreZero-CEO mit über 20 Jahren Erfahrung in der Schwarz Gruppe, sowie durch Dr. Dirk Kilian, einem technischen Experten mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Kunststoffindustrie.
Zweimal kassieren: Das hybride Geschäftsmodell
Die zentrale technologische Innovation von CRCL ist ein Verfahren, mit dem bislang nicht verwertbare Alttextilien – insbesondere Mischfasern – gemeinsam mit Kunststoffströmen zu dem kreislauffähigen Werkstoff Apatura verarbeitet werden. Das betriebswirtschaftliche Potenzial liegt im Ansatz der Monetarisierung: Das Unternehmen verbindet den Entsorgungs- und Absatzmarkt in einem Modell. Einerseits entsteht für Entsorger und Modemarken durch nicht recycelbare Mischtextilien ein wachsender Kostendruck, bei dem CRCL als Problemlöser auftritt. Andererseits erschließt das Start-up durch das entstehende Granulat einen skalierbaren Absatzmarkt für industrielle Anwendungen im Möbel-, Interior- und Bausektor.
Auf dem Papier klingt dieses Vorhaben lukrativ. Doch wie viel davon ist schon messbares Seriengeschäft abseits der Pilotprojekt-Phase? Oruz gibt sich selbstbewusst und verweist auf die Fortschritte seit dem Einstieg von Thomas Kyriakis: Man habe „den Schritt vom Labscale zum Industrialscale erfolgreich gemeistert“. Dabei konnte das Team auf technologische Unterstützung aus der Industrie zurückgreifen. Der Fokus liege nun darauf, ein leistungsfähiges Netzwerk strategischer Partner aufzubauen, um Produktion und Skalierung effizient umzusetzen. Bei der Frage nach dem angestrebten Beteiligungsmodell bleibt der Gründer pragmatisch: Man sei als Start-up zum jetzigen Zeitpunkt flexibel. Dass die Struktur belastbar ist, untermauert das Unternehmen mit der FEDDEM GmbH & Co. KG als Partner im Bereich Extrusion sowie ersten Pilotprojekten und Absichtserklärungen (LoI) von Firmen wie VITRA oder Hanit.
Gesetzgeber*in als Treiber
Dass die Kölner gerade jetzt auf den Markt drängen, scheint passend getimt. Jedes Jahr entstehen weltweit rund 120 Millionen Tonnen Textilabfälle, von denen der Großteil noch immer verbrannt, deponiert oder in den globalen Süden exportiert wird. Der regulatorische Rahmen zwingt den Markt nun jedoch zum Umdenken. Seit 2025 müssen Textilien in der EU getrennt erfasst werden, zudem wurden die Regeln zur erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) verschärft. Ab Juli 2026 gilt für große Unternehmen außerdem ein striktes Verbot, unverkaufte Kleidung und Schuhe zu vernichten.
CRCL profitiert vom anstehenden Druck. Was aber, wenn die EU der Industrie nachgibt und Fristen verschiebt? Für Oruz ist das globale Problem schlicht zu groß, um es weiter zu ignorieren. Sollte Europa einknicken, greift ein Plan B: „Es ist gut möglich, dass andere Länder bzw. Kontinente eher den Handlungsdruck erhöhen, und dann ist unsere Produktion modular einsetzbar“, kontert der Gründer. Bei Gesprächen außerhalb der EU erfahre das Team bereits einen wesentlich größeren Transformationswillen. Er spielt den Ball daher an die Politik zurück: „Es stellt sich aus unserer Sicht vielmehr die Frage, ob Deutschland und die EU es schaffen, starke Innovationen zu halten oder durch Trägheit und Reformstau zu verlieren.“ Denn Regulierung allein schafft zwar noch keine Kreislaufwirtschaft, aber sie erzeugt den nötigen Druck, um neue Lösungen in den Markt zu bringen und konkrete Nachfrage zu generieren.
Pragmatismus statt Heiliger Gral
Betrachtet man den Wettbewerb im generellen Textilrecycling, zeichnet sich ein extrem hartes Marktumfeld ab. Zahlreiche Start-ups haben versucht, das Faser-zu-Faser-Recycling zu skalieren, scheitern jedoch oft am hohen Kapitalbedarf, den Energiekosten und den enormen Reinheitsanforderungen der Modeindustrie.
Genau hier setzt CRCL an. Indem das Team die Alttextilien in Sektoren wie Möbel, Interior oder Bau anwendet, umgehen sie diese Hürden und schaffen einen Baustein für neue Materialstrategien. Da die Textilien de facto aus ihrem eigentlichen Kreislauf herausgenommen werden, steht beim Thema Nachhaltigkeit allerdings schnell der Vorwurf des klassischen Downcyclings im Raum.
Angesprochen auf die fehlende „lupenreine“ Circular Economy, geht der Gründer in die Offensive: „Wie sieht denn der aktuelle Kreislauf für Textilien überhaupt aus? Überproduktion – Altkleidercontainer – globaler Süden/Verbrennung – CO2 Emissionen. Wenn das lupenreine Circular-Economy bedeutet, dann sollten wir alle diese dringend überdenken.“ Für ihn ist diese Kritik das Sinnbild für eine transformationsscheue Gesellschaft, die sich durch ein Verharren im Ist-Zustand in Sicherheit wiegt. Das Start-up habe einen industriell funktionierenden, verifizierten Prozess entwickelt, der aus einem linearen System ein zirkuläres mache. „Altkleider werden zu Granulat, Granulat wird zu Produkt, Endprodukt wird recycelt. Ein funktionierender Kreislauf“, stellt Oruz klar. Er wünscht sich für solche Ansätze ein „wertschätzenderes Wording, um auch in Deutschland nachhaltig weiterzukommen“.
Zur Einordnung: Beim Downcycling verliert ein Material in der Regel an Wert und landet in weniger anspruchsvollen Anwendungen. Der CRCL-Ansatz versteht sich als Upcycling. Das Start-up schafft eine ressourcenschonende Alternative zur Kunststoffneuware und führt Materialien wieder in den industriellen Kreislauf zurück. Aus akademischer Sicht handelt es sich dabei eher um eine Form des Cross-Cyclings, bei dem die Fasern den textilen Kreislauf verlassen. Für die Abnehmerindustrien stellt das Granulat jedoch eine Alternative zu fossilen Kunststoffen dar. Dies ist besonders für jene Unternehmen relevant, die künftig stärker nachweisen müssen, wie sie Ressourcen schonen und ihre Recyclinganteile erhöhen.
Fazit: Starker Case mit Hardware-Risiko
CRCL bedient einen akuten, regulatorisch erzeugten Schmerzpunkt und hat es verstanden, sich frühzeitig mit Top-Entscheidern aus der Abfallwirtschaft abzusichern. Das doppelte Marktpotenzial löst ein Kostenproblem für Modefirmen und erschließt zugleich neue Sekundärmärkte.
Dennoch bleibt ein klassisches Hardware-Risiko bestehen. Die Verarbeitung im Spritzguss ist zwar nachgewiesen, doch der Aufbau eigener, großskaliger Extrusionsanlagen ist extrem kapitalintensiv. Auf das berüchtigte „Tal des Todes“ bei Hardware-Start-ups angesprochen, setzt das Team in seiner Finanzierungsstrategie auf Kooperation. Man sei in Gesprächen mit strategischen Partnern, „um vorhandenes Know-how zu nutzen, zu teilen und Anschaffungskosten zu reduzieren“, erklärt Oruz. Er gibt sich siegessicher: Man sei fest davon überzeugt, mit dem starken Team und Netzwerk in Zukunft eine industrielle Produktion zu sehen.
Gleichzeitig sendet er eine dezente Warnung an den heimischen Standort: Zwar würde man das Team gerne in Deutschland und der EU verstärken, man sei aber „ebenfalls bereit, unsere ausgereifte Technologie für mehr Ressourceneffizienz auf unserem Planeten außerhalb der EU zu verfolgen“. Zudem muss sich der Werkstoff preislich langfristig gegen schwankende Weltmarktpreise für Neu-Kunststoffe behaupten. Gelingt die Skalierung, hat das Start-up jedoch das Potenzial, lineare Geschäftsmodelle in der Industrie durch wirtschaftlich tragfähige Zirkularität zu ersetzen.
Stallgrün: Mit Hightech-Kräutern gegen den Agrar-Strukturwandel
Leere Ställe als Chance: das 2023 von Judith Ryll und Thorsten Lansmann-Niehaus gegründete Stallgrün nutzt Bestandsbau für Indoor Farming. Wir checken das Modell hinter der aktuellen 125.000-€-DBU-Förderung.
Der Strukturwandel in der deutschen Landwirtschaft ist unaufhaltsam: Allein zwischen 2013 und 2023 ging die Zahl der hiesigen Betriebe mit Schweinehaltung um 44 Prozent zurück, wie Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) belegen. Jedes Jahr geben Landwirt*innen auf. Zurück bleiben leere Ställe – und Landwirtschaftsbetriebe auf der Suche nach neuen finanziellen Perspektiven.
Das 2023 in Münster gegründete Start-up Stallgrün will aus diesen „Stranded Assets“ einen lukrativen Zukunftsmarkt formen: Indoor Farming im ehemaligen Schweinestall. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt das Projekt aktuell mit 125.000 Euro im Rahmen ihrer Green Startup-Förderung. Wir wollten wissen: Wie tragfähig ist das Modell jenseits der Fördergelder wirklich?
Die Köpfe hinter der Idee & die Historie
Hinter Stallgrün stehen die Gründer Judith Ryll und Thorsten Lansmann-Niehaus. Ryll bringt als Biowissenschaftlerin tiefe Expertise in der Pflanzenbiologie mit, während Lansmann-Niehaus – der bezeichnenderweise selbst auf einem Schweinemastbetrieb aufwuchs – die kaufmännische Führung übernimmt. Gefördert durch regionale Inkubatoren wie das Seedhouse, hat das Duo den technologischen Machbarkeitsnachweis bereits erbracht: In den vergangenen zwei Jahren wurde das Konzept auf einer Pilotfarm erfolgreich entwickelt.
Das Geschäftsmodell: Mehr als nur Hardware
Die Grundprämisse ist so simpel wie pragmatisch: Ehemalige Schweineställe sind in der Regel massiv gebaut sowie gut isoliert und bieten damit architektonisch ideale Bedingungen für den ganzjährigen Anbau von regionalen Kräutern und Gemüse. Stallgrün positioniert sich als B2B-Technologie- und Service-Provider für Höfe im Wandel und will deutschlandweit agieren. Das System fußt auf drei wesentlichen Säulen:
- Automatisierte Anlagentechnik: Als Kernprodukt hat das Start-up während der DBU-Förderung eine Anlage entwickelt, welche die Bewässerung, Düngung, Belichtung und Klimatisierung automatisiert steuert.
- Datengetriebene Agrar-Software: Ergänzend liefert das Team spezifische Anbauprotokolle für die teilnehmenden Betriebe. Für geeignete Kulturen wurde der optimale Einsatz von Parametern wie Saatgut, Erde, Dünger, Licht und Bewässerungszyklen definiert.
- B2B-Ökosystem: Um die Einstiegshürde zu minimieren, hat Stallgrün einen Materialhandel für passendes Anbaumaterial aus einer Hand aufgebaut und bietet rechtliche Hilfen bei der Verwaltung an. Zudem unterstützt das Start-up beim Aufbau der Vermarktung.
Stallgrün versteht sich dabei nicht als Feind der traditionellen Landwirtschaft. Laut Lansmann-Niehaus ist Indoor Farming kein Ersatz für den etablierten Freiland- oder Gewächshausanbau, sondern eine wetter- und klimaunabhängige Ergänzung.
Die Vision: Produkte sollen ganzjährig regional verfügbar gemacht werden. Die vermehrte Nutzung regionaler Lebensmittel anstelle von Importen reduziere zudem den Transportaufwand und die daraus entstehenden Emissionen.
Kritische Markteinordnung
Der Markt für Vertical- und Indoor-Farming ist ein hartes Pflaster. Prominente Branchenvorreiter wie das ehemals hochgelobte Berliner Start-up Infarm haben in der Vergangenheit massiv Risikokapital verbrannt, weil die schiere Skalierung von energieintensiven Hightech-Farmen in urbanen Ballungsräumen betriebswirtschaftlich oft zum Scheitern verurteilt war.
Hier liegt der geniale, aber auch kritische Hebel von Stallgrün: Anstatt teure Gewerbeimmobilien anzumieten, nutzt das Team bestehende, ländliche Infrastruktur. Das verhindert eine zusätzliche Versiegelung von Flächen, was auch DBU-Generalsekretär Alexander Bonde als zentralen ökologischen Faktor hervorhebt. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil: Viele Höfe verfügen bereits über großflächige Photovoltaikanlagen auf ihren Stalldächern. Damit lässt sich der enorme Strombedarf für die Belichtung und Klimatisierung teilweise direkt durch eigenen, günstigen Sonnenstrom abdecken.
Dennoch bleiben aus unserer Sicht drei gravierende Hürden für das Geschäftsmodell:
- CAPEX-Intensität: Die Umrüstung eines leeren Stalls in eine funktionsfähige Hightech-Anlage ist extrem kapitalintensiv. Es bleibt fraglich, wie Landwirte, die gerade aus der unprofitablen Schweinehaltung ausgestiegen sind, das nötige Investitionskapital für diesen Hardware-Neustart bei ihren Banken abrufen können.
- Radikaler Kulturwandel: Einen traditionellen Schweinemäster in einen agilen, datengetriebenen Indoor-Kräuterproduzenten zu transformieren, erfordert enormen Beratungs- und Change-Management-Aufwand seitens Stallgrün.
- Wettbewerb & Margendruck: Die teilnehmenden Bauern und Bäuerinnen kämpfen letztlich gegen die extrem knappen Margen des Lebensmitteleinzelhandels.
Unser Fazit
Stallgrün liefert einen erfrischend bodenständigen „Hardware-meets-Agrar“-Ansatz in einem Tech-Segment, das lange Zeit von utopischen, rein urbanen Vertical-Farming-Träumereien dominiert wurde. Durch die kluge Umnutzung von Infrastruktur-Altlasten und die clevere Kombination aus Hardware, Software-Protokollen und einem integrierten B2B-Serviceangebot hat das Duo ein System aufgebaut, das ein hohes Skalierungspotenzial besitzt.
Die DBU-Förderung von 125.000 Euro ist ein sauberes Validierungssignal für den positiven ökologischen Impact der Gründer*innen. Die wahre Reifeprüfung wird nun jedoch in den Bilanzen der kooperierenden Landwirte stattfinden: Nur wenn die Höfe durch den automatisierten Anbau zügig ihre hohen Anfangsinvestitionen amortisieren können, wird aus dem Münsteraner Pilotprojekt ein neuer bundesweiter Agrar-Standard. Ein mutiger Pivot für die heimische Landwirtschaft – und ein Start-up, das man als Investor*in und Beobachter*in der Agrar-Wende unbedingt auf dem Zettel haben sollte.
SynBio-Start-up-Report 2026
Biologie ist der neue Code: Wie Synthetische Biologie (SynBio) die Industrie neu programmiert und welche Start-ups dabei hierzulande federführend sind.
Die Vision einer post-fossilen Wirtschaft ist im Jahr 2026 keine bloße Utopie mehr, sondern eine präzise Ingenieursleistung. Wir erleben den Moment, in dem die Natur von einer Ressource, die wir ausbeuten, zu einer Technologie wird, die wir programmieren. In den Laboren der Republik entstehen heute Lösungen für die größten Versorgungskrisen unserer Zeit. Der Aufstieg der Synthetischen Biologie (SynBio) markiert den Übergang vom Zeitalter der Petrochemie in das Zeitalter der Biomanufaktur – eine Transformation, die so tiefgreifend ist wie die industrielle Revolution, jedoch mit der Geschwindigkeit der digitalen Transformation erfolgt.
Wenn Bits auf Atome treffen
Der SynBio-Markt ist 2026 in eine Phase der industriellen Skalierung eingetreten. Aktuelle Analysen der KfW sowie Branchenberichte von BCG beziffern das globale Marktpotenzial für bio-basierte Produkte bis Ende des Jahrzehnts auf über 300 Milliarden Euro. Allein in Deutschland ist das Investitionsvolumen in DeepTech-BioTech-Start-ups im vergangenen Geschäftsjahr laut Bitkom-Daten auf einen Rekordwert von 1,4 Milliarden Euro gestiegen. Der entscheidende technologische Katalysator ist die Verschmelzung von Generativer KI und Biologie. Dank Modellen, die Proteinfaltungen präziser vorhersagen können, als es je ein menschlicher Forscher vermochte, wurde die Entwicklungszeit für neue Enzyme um den Faktor zehn verkürzt. Die Biologie wird damit endgültig zum „Software-Stack“, bei dem Design-Build-Test-Learn-Zyklen in digitalisierten Bio-Gießereien automatisiert ablaufen.
Jenseits der Petrischale: Die Treiber der Bio-Ökonomie
Drei spezifische Sub-Sektoren dominieren in diesem Jahr die Agenda der Investor*innen. An erster Stelle steht die zellfreie Biosynthese, bei der komplexe Moleküle ohne den Einsatz lebender Zellen produziert werden, was die Skalierbarkeit massiv erhöht. Pioniere wie das US-Unternehmen Solugen haben hier den Weg geebnet, doch deutsche Akteure ziehen in der Effizienz der Bioreaktor-Steuerung nach. Ein zweiter massiver Treiber ist das Microbial Carbon Upcycling: Mikroben werden so programmiert, dass sie industrielles CO2 direkt in hochwertige Proteine oder Kunststoffe umwandeln. Hier verschmelzen Klimaschutz und Produktion zu einer Einheit. Drittens sehen wir den Siegeszug der Biomanufaktur bei Alternativmaterialien – sei es durch Biomasse-Fermentation für Lederersatz aus Myzel oder durch echte Präzisionsfermentation, bei der etablierte Akteure wie die bayrische AMSilk zeigen, dass programmierte Spinnenseide-Proteine bereits in Serie gehen können. Die Lieferkette der Mode- und Automobilindustrie wird durch diese Biopolymere radikal dekarbonisiert.
Die harten Lektionen der Skalierung
Der Weg zum Erfolg war jedoch von schmerzhaften Rückschlägen gepflastert. Der prominente Crash des einstigen Branchenlieblings Amyris im Jahr 2023 wirkt bis heute als warnendes Beispiel nach. Das Unternehmen scheiterte trotz Milliardenbewertung an der Komplexität der vertikalen Integration und dem Versuch, gleichzeitig Technologieplattform und B2C-Marke zu sein. Für heutige Gründer*innen haben sich daraus vier fatale Fallstricke herauskristallisiert, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Erstens: Die Ignoranz gegenüber den Unit Economics. Ein Produkt, das im 5-Liter-Maßstab funktioniert, muss im 50.000-Liter-Kessel nicht zwangsläufig profitabel sein. Zweitens: Das „Regulatorik-Vakuum“. Wer die EU-Novel-Food-Verordnungen oder GVO-Richtlinien nicht von Tag eins an in die Produktentwicklung einplant, riskiert Jahre des Stillstands. Drittens: Die Fokussierung auf den Endkonsument*innen statt auf B2B-Integration. Der wahre Hebel liegt in der Lizenzierung von Prozessen an die Industrie. Viertens: Die Unterschätzung der Hardware-Komponente. SynBio ist kein reines Software-Business; ohne Zugang zu physischer Infrastruktur bleibt jede Innovation im Labor gefangen.
Deutschlands Bio-Cluster
Deutschland hat sich im internationalen Vergleich als einer der stärksten Hubs für SynBio etabliert, getrieben durch eine einzigartige Verzahnung von Spitzenforschung und industrieller Basis. In München und dem angeschlossenen IZB Martinsried konzentriert sich die größte Dichte an Venture Capital und Talenten, eng flankiert durch die Exzellenz-Cluster der TU München. Berlin hat sich durch spezialisierte Inkubatoren wie den ProVeg Incubator, Atlantic Food Labs (FoodLabs) und den Science Park Berlin-Buch zum absoluten Zentrum für FoodTech und zelluläre Landwirtschaft entwickelt. Ein weiterer Hotspot ist das Rhein-Neckar-Delta rund um Heidelberg, wo das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) und der BioRN-Cluster eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und Marktreife schlagen. Aachen punktet mit der RWTH und einer starken Fokussierung auf Bio-Verfahrenstechnik, während der Raum Darmstadt/Frankfurt durch die Nähe zu Giganten wie Merck und die TU Darmstadt als Kraftzentrum für die industrielle Bioproduktion gilt.
Investor*innen-Radar
Die Finanzierungslandschaft hat sich spezialisiert. Wir unterscheiden im Jahr 2026 vier Ebenen der Kapitalgeber*innen. Die spezialisierten VCs wie Forbion, BlueYard Capital oder Sofinnova Partners bringen das notwendige tiefe Domänenwissen mit. Auf der zweiten Ebene stehen Top-Tier Generalisten wie HV Capital und Earlybird, die SynBio zunehmend als Teil ihrer Dekarbonisierungs-Strategie begreifen. Besonders kritisch für die Skalierung sind die Corporate VCs der Industrie, allen voran BASF Venture Capital und Evonik Venture Capital, die nicht nur Geld, sondern auch Abnahmegarantien und technisches Know-how bieten. In der Frühphase bewegen zudem spezialisierte Mikro-Fonds wie Nucleus Capital oder erfahrene ClimateTech-Angels den Markt, oft organisiert in Syndikaten, die das „Valley of Death“ zwischen Labor und Prototyp überbrücken
Die Top-Start-ups: Unsere Must-Watch-Liste 2026
Für die folgende Auswahl der Start-ups haben wir Unternehmen analysiert, die nach 2019 in Deutschland gegründet wurden. Die Auswahlkriterien basieren auf der technologischen Tiefe (IP-Portfolio), dem Reifegrad der Pilotierung, der Validierung durch renommierte Investoren sowie dem Potenzial, bestehende industrielle Lieferketten systemisch zu verändern. Diversität in Gründungsteams und die Skalierbarkeit der zugrunde liegenden Bio-Plattform waren weitere entscheidende Faktoren.
- Cambrium (Berlin, gegründet 2020): Das Team um Dr. Mitchell Duffy nutzt eine KI-gestützte Designplattform, um neuartige Proteine mit molekularen Funktionen zu entwickeln, die in der Natur so nicht vorkommen. Ihr Fokus liegt auf der Kosmetik- und Textilindustrie, wo sie petrochemische Inhaltsstoffe durch bio-designte Alternativen ersetzen. Mit massiven Finanzierungsrunden, angeführt von Tech-Schwergewichten wie Essential Capital und dem Google-KI-Fonds Gradient Ventures, gilt Cambrium als Leuchtturm für eine neue Generation von Biomaterial-Zulieferern, die aus digitalem Code physische Hochleistungsprodukte erschaffen.
- Bluu Seafood (Berlin, gegründet 2020): Gegründet von Dr. Sebastian Rakers und Simon Fabich, ist Bluu einer der führenden europäischen Akteure im Bereich kultivierter Fisch. Durch die Kultivierung echter Fischzellen im Bioreaktor adressieren sie die Überfischung der Meere. Nach signifikanten Investments durch Lead-Investor Sparkfood sowie LBBW VC und Delivery Hero Ventures steht das Unternehmen kurz vor der ersten Marktzulassung in Singapur und den USA.
- Colipi (Hamburg, gegründet 2022): Das Spin-off der TU Hamburg, geführt von Maximilian Webers, nutzt eine patentierte Gasfermentationstechnologie, um CO2 in nachhaltige Öle und Lipide umzuwandeln. Der USP von Colipi ist die Nutzung von industriellen Abgasströmen als Rohstoff, was die Produktion extrem kosteneffizient macht. Sie konnten sich frühzeitig die Unterstützung von Top-Investoren wie dem High-Tech Gründerfonds (HTGF) und dem Innovationsstarter Fonds Hamburg sichern.
- Kynda (Jelmstorf, gegründet 2019): Ursprünglich als Keen 4 Greens von Daniel MacGowan-von Holstein und Franziskus Schnabel gegründet, bietet Kynda Plug-and-Play-Fermentationssysteme für die Lebensmittelindustrie an. Als B2B-Technologiepartner stellen sie modulare Bioreaktoren und Pilzkulturen bereit, mit denen Hersteller ihre eigenen Produktionsabfälle direkt vor Ort kostengünstig in Mykoproteine umwandeln können. Eine kürzliche 3-Millionen-Euro-Seed-Finanzierung – angeführt vom VC EnjoyVenture und massiv flankiert durch ein strategisches Investment des Geflügel-Giganten PHW-Gruppe – unterstreicht das enorme Skalierungspotenzial dieses Kreislauf-Modells.
- Nosh.bio (Berlin, gegründet 2022): Das Team um Tim Fronzek nutzt Pilzbiomasse als funktionalen Inhaltsstoff für die Lebensmittelindustrie, um Clean-Label-Produkte ohne Zusatzstoffe zu ermöglichen. Der technologische Vorsprung von Nosh.bio liegt in der Geschwindigkeit des Fermentationsprozesses. Frühphasen-Finanzierungen durch Earlybird unterstreichen das hohe Vertrauen in das Skalierungspotenzial.
- Ucaneo (Berlin, gegründet 2022): Das Team um Florian Tiller und Carla Glassl beweist, dass Synthetische Biologie auch beim Direct Air Capture (DAC) den Unterschied macht. Statt energieintensiver chemischer Filter nutzt Ucaneo eine biomimetische Technologie: Sie setzen das Enzym Carboanhydrase ein – eines der schnellsten Enzyme der Natur –, um CO2 bei Raumtemperatur direkt aus der Umgebungsluft zu binden. Mit starken Frühphasen-Finanzierungen durch DeepTech-Fonds wie Nucleus Capital und der US-amerikanischen Grantham Foundation baut Ucaneo derzeit in Berlin-Marienfelde ihre erste industrielle Testanlage auf.
- Insempra (München, gegründet 2021): Das Team um Gründer Jens Klein hat sich zum Ziel gesetzt, die massive Abhängigkeit der globalen Lieferketten von der Petrochemie zu beenden. Über ihre B2B-Technologieplattform nutzen sie Präzisionsfermentation, um maßgeschneiderte Inhaltsstoffe für die Kosmetik-, Lebensmittel- und Textilbranche quasi zu programmieren – von bio-basierten Lipiden und Aromen bis hin zu neuartigen Proteinfasern. Eine hochkarätige Finanzierungsrunde, angeführt von europäischen DeepTech-Schwergewichten wie EQT Ventures und BlueYard Capital, unterstreicht den Anspruch von Insempra, ein globaler industrieller Zulieferer der nächsten Generation zu werden.
Ausblick & Fazit: Der globale Wettlauf
Der Blick über den Tellerrand zeigt: Wir stehen in einem globalen Systemwettbewerb. In den USA treibt die per Executive Order erlassene „National Biotechnology and Biomanufacturing Initiative“ Milliardeninvestitionen in die heimische Infrastruktur, flankiert von Pionieren, die dort und in Frankreich (wie Biomemory) bereits an der Verschmelzung von SynBio und DNA-Datenspeicherung arbeiten. In Asien, insbesondere in China und Singapur, werden derweil regulatorische Hürden in Rekordzeit abgebaut, um die Marktführerschaft bei der Biomanufaktur zu übernehmen. Flankiert wird dies von Hubs wie Israel, die mit massivem VC-Kapital den globalen Markt für kultivierte Proteine dominieren wollen.
Das Fazit für das Jahr 2026: Biologie ist die Infrastruktur der Zukunft. Für Gründer*innen bedeutet dies, dass die Zeit der reinen Plattform-Versprechen vorbei ist; gefragt sind konkrete Produkte und belastbare Unit Economics. Für Investor*innen bietet SynBio die seltene Chance, echte „Impact-Rendite“ zu erzielen, indem sie Industrien transformieren, die über Jahrzehnte festgefahren waren. Wer heute den Code der Natur versteht und skalieren kann, wird die Welt von morgen nicht nur verstehen, sondern neu bauen.
Bootstrapping im LegalTech: Wie cleverklagen den Arbeitsrechtsmarkt aufmischt – und wo die Grenzen des Modells liegen.
LegalTech-Start-ups versprechen den niederschwelligen Zugang zum Recht. Das 2020 von Fabian Beulke und Lucas Rößler gegründete cleverklagen fokussiert sich dabei auf das Arbeitsrecht und will Arbeitnehmer*innen bei Kündigungen sowie Abfindungen unterstützen. Die Besonderheit: Das Gründer-Duo wächst im Gegensatz zu vielen Wettbewerber*innen profitabel und das gänzlich ohne Investor*innen. Doch in einem hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie nachhaltig das provisionsbasierte Geschäftsmodell und der technologische Vorsprung wirklich sind.
Der Markt für verbraucherorientiertes LegalTech (B2C) hat in den vergangenen Jahren in Deutschland stark an Fahrt aufgenommen. Im Zentrum stehen oft standardisierbare Massenverfahren – von Fluggastrechten über Mietminderungen bis hin zum Arbeitsrecht. In letzterem Segment positioniert sich cleverklagen.
Bootstrapping in einem teuren Markt
Gegründet wurde die Plattform im Jahr 2020 von den beiden Rechtsanwälten Fabian Beulke und Lucas Rößler. Die Idee entstand in ihrer gemeinsamen Zeit bei der renommierten Kanzlei Hausfeld LLP, wo sie maßgeblich in die Betreuung großer Sammelklagen involviert waren. Diese Erfahrung inspirierte das Duo zu einem Ansatz, den sie selbst als eine Art „Robin Hood Litigation“ beschreiben: Sie wollen die strukturellen Nachteile von Arbeitnehmer*innen gegenüber ressourcenstarken Unternehmen ausgleichen. Dabei positioniert sich das Start-up bewusst als moderne Alternative zur klassischen Kanzlei.
Bemerkenswert für die Start-up-Szene: cleverklagen wächst seit der Gründung profitabel und verzichtet dabei vollständig auf externes Kapital. Das ist mutig. Denn im B2C-Arbeitsrecht haben Kund*innen einen extrem niedrigen Lifetime Value – man wird idealerweise nur einmal gekündigt –, während die Akquisekosten via Google Ads enorm sind. Wie stemmt man das gegen VC-finanzierte Konkurrenz?
„Wir haben bewusst klein angefangen“, blickt Lucas Rößler zurück. „Gerade beim Bootstrapping kommt es darauf an, extrem effizient und genau zu arbeiten. Denn wenn das Geld knapp ist, kann man sich nur wenige Fehler leisten“, erinnert er sich an die harte Anfangsphase, in der das Duo nahezu alles selbst übernehmen musste. Fehlerverzeihlich ist das B2C-Arbeitsrecht bis heute nicht: Wer im Google-Ads-Wettbewerb gegen VC-finanzierte Player antritt, braucht Nerven aus Stahl – und, wie Rößler anmerkt, „einen starken Sales-Funnel, von der Anzeige bis zur Conversion“. Neben dieser technischen Präzision brauche es laut dem Gründer aber auch „sehr viel Liebe fürs Detail und ein gutes Verständnis, was die Kund*innen von einem erwarten“. Ob sich ein(e) einzelne(r) Mandant*in rechne, müsse man in der Summe betrachten. Dank erfahrener Anwält*innen sei man meist erfolgreich, was dem Unternehmen heute eine finanzielle Stabilität gebe, die in der Anfangsphase gefehlt habe.
Prozesskostenfinanzierung statt Stundenlohn
Die Geschäftsidee verknüpft digitale Prozessabläufe mit der Betreuung durch echte Jurist*innen. Eine eigens entwickelte Software soll Arbeitsabläufe vereinfachen und dem Team mehr Raum für die Mandant*innenbetreuung geben. Das Kernstück ist jedoch das finanzielle Modell, das einer klassischen Prozesskostenfinanzierung entspricht: Es gibt kein Vorkostenrisiko und im Falle einer Niederlage entstehen den Arbeitnehmer*innen keine Kosten. Verfügen die Kund*innen über keine Rechtsschutzversicherung, finanziert cleverklagen den Prozess vor. Im Gegenzug wird eine Provision fällig, die als Teil der zusätzlich ausgehandelten Abfindung beschrieben wird.
Doch wie hoch ist diese Erfolgsprovision genau? „Unsere Erfolgsprovision ist bewusst nicht einheitlich festgelegt, sondern hängt immer vom jeweiligen Fall ab“, erklärt Fabian Beulke. Man berücksichtige das Verlustrisiko, die übernommenen Anwaltskosten und die realistische Abfindungshöhe. „Durchschnittlich kann man sagen, dass unser Erfolgshonorar bei knappen 30 Prozent liegt“, präzisiert Beulke. Stehe eine sehr hohe Abfindung im Raum, könne die Provision auch deutlich darunter fallen – bei hohem Risiko aber auch entsprechend steigen.
Während sich das Duo bei der Erfolgsquote auskunftsfreudig zeigt – derzeit schließe man über 90 Prozent der Fälle erfolgreich ab und wachse jährlich um rund 50 Prozent –, mauern die beiden bei der Frage nach den genauen Finanzen. „Zu konkreten Umsatzzielen äußern wir uns allerdings nicht“, wiegelt Beulke ab.
Das „Rosinenpickerei“-Dilemma
Das Modell der Prozessfinanzierung ist lukrativ, steht bei Kritikerinnen aber oft unter dem Verdacht des sogenannten Cherry-Pickings. Der Vorwurf lautet, Anbieter*innen würden durch Algorithmen rigoros vorfiltern und nur die fast risikolosen Fälle annehmen, während komplexe oder wirtschaftlich kleinere Schicksale durchs Raster fallen.
Lucas Rößler wehrt sich vehement gegen diese Darstellung: „Diese Kritik können wir so nicht bestätigen. Unsere Ablehnungsquote ist sehr niedrig, denn wir wollen so vielen Menschen wie möglich helfen.“ Zwar bleibt Rößler eine exakte Prozentzahl bei der Ablehnungsquote schuldig, verspricht aber: „Uns ist es ganz egal, ob unser(e) Mandant*in Mini-Jobber*in oder eine hochbezahlte Führungskraft ist. Auch komplexere oder risikoreichere Fälle schließen wir nicht aus.“ Abgelehnt werde laut Rößler nur bei Anfragen, die den eigenen moralischen Werten widersprechen – oder „wenn kein Anspruch oder Verhandlungshebel gegen den bzw. die Arbeitgeberin vorliegt“. Robin Hood agiert im LegalTech-Markt eben auch mit wirtschaftlichem Kalkül.
Proprietäre Software vs. Standard-KI
Cleverklagen betont medial gern den Einsatz eigener Tech- und KI-Lösungen. Doch in Zeiten, in denen sich standardisierte juristische Branchen-KIs rasant entwickeln, wird eine eigene Fallbearbeitungs-Software zunehmend zum reinen Hygienefaktor und verliert als unüberwindbarer Wettbewerbsvorteil an Strahlkraft.
Wo genau zieht das Start-up also die technische Grenze zwischen Automatisierung und anwaltlichem Handwerk? „Künstliche Intelligenz soll unsere Anwält*innen in erster Linie bei repetitiven und administrativen Aufgaben unterstützen“, ordnet Fabian Beulke ein. Es gehe vor allem um Fristen- und Aufgabenmanagement, Terminplanung oder die Dokumentenverwaltung. Dabei setze man auf hohe Datenschutzstandards: Die hauseigene KI laufe ausschließlich auf eigenen Servern, gänzlich ohne externe Datenverbindungen. Zudem durchkämme die KI laufend die Akten für Konsistenz-Checks. Ein pragmatischer statt revolutionärer Ansatz, wie Beulke unumwunden zugibt: „Das ist wichtig, damit bei der Vielzahl laufender Fälle nichts daneben geht.“
Bei der juristischen Kernarbeit zieht Beulke jedoch eine klare rote Linie: „Uns ist wichtig, dass eine Entscheidung nie von der KI getroffen wird. Diese Verantwortung liegt ausschließlich bei unseren Anwält*innen.“ Gerade das Arbeitsrecht sei viel Verhandlungssache, die oft mündlich in persönlichen Gesprächen oder vor Gericht geklärt werde. „Es braucht ein starkes Verhandlungsgeschick, Erfahrung und das richtige Timing“, so der Mitgründer. „Das kann KI aus unserer Sicht nicht ersetzen.“
Fazit & Ausblick
Cleverklagen zeigt eindrücklich, dass gesundes Wachstum ohne Investorinnen auch im anwaltlichen Dienstleistungssektor funktionieren kann. Die eigentliche Herausforderung für das Duo dürfte künftig jedoch weniger in der hauseigenen Softwareentwicklung liegen, sondern in der profitablen und skalierbaren Kund*innenakquise.
Wo sieht sich das Unternehmen in zwei Jahren? Lucas Rößler hat klare finanzielle Ambitionen: „Wenn weiterhin alles gut läuft, haben wir unseren Umsatz und Gewinn in zwei Jahren idealerweise mehr als verdoppelt.“ Ob man die vertikale Marktführerschaft im Arbeitsrecht erzwingen könne, werde sich zeigen.
Interessant ist jedoch die strategische Ausrichtung für die Zukunft: Cleverklagen plant die Expansion in weitere Rechtsgebiete. Dabei wolle man sich explizit nicht auf standardisierte Massenverfahren fokussieren, verrät Rößler: „Wir wollen Rechtshilfe in Bereichen bieten, in denen Menschen echte und oft existenzielle Unterstützung benötigen. Zum Beispiel bei Streitigkeiten mit Versicherungen oder bei familien- oder erbrechtlichen Fragen.“
Schluss mit Swipen: Wie vibe deep aus Dating-Frust ein Relationship-Business machen will
Dating-Apps frustrieren, die Einsamkeit wächst. Das Hamburger Start-up vibe deep setzt daher auf „Deep Talk“ statt Swiping. Eine Analyse des neuen Geschäftsmodells, das beweisen will, dass sich mit emotionaler Tiefe ein skalierbares Tech-Unternehmen aufbauen lässt.
Die makroökonomischen und gesellschaftlichen Vorzeichen für eine Neuausrichtung digitaler sozialer Dienste sind eindeutig. Weltweit gilt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mittlerweile jede sechste Person als einsam. Allein in Deutschland geben über 42 Prozent der Bevölkerung an, in regelmäßigen Abständen Einsamkeit zu verspüren. Gleichzeitig zeigen klassische, auf raschen Konsum ausgelegte Dating-Apps massive Ermüdungserscheinungen. Die aktiven Nutzer*innenzahlen von Branchengrößen wie Tinder, Bumble und Hinge fielen im vierten Quartal 2024 global um sechs Prozent. Rund 69 Prozent aller heruntergeladenen Dating-Apps werden bereits innerhalb eines Monats wieder gelöscht.
Vor allem die junge Zielgruppe zieht Konsequenzen: Im Jahr 2024 planten 63 Prozent der Generation Z einen bewussten „Social-Media-Detox“ – mehr als jede andere Generation. Der Markt verlangt ganz offensichtlich nach echter Verbindung statt nach oberflächlichem, medialem Dopamin, welches das Fehlen realer Nähe oftmals nur vernebelt.
Genau in diese Lücke der wachsenden Dating-Ermüdung stößt die App vibe deep, mit der das Hamburger Start-up von Lui und Saskia Michalski den Fokus konsequent auf Deep Talk statt Swiping verschiebt.
Vom Content zum Tech-Produkt
Dabei war der Weg zum Tech-Unternehmen für die Gründer*innen, die zunächst als Content-Creator*innen im Bereich nicht-monogamer Lebensweisen erfolgreich wurden, keine klassische Laufbahn. Doch der Schritt in die Tech-Branche war eine logische Konsequenz aus dem wachsenden Frust ihrer Community. „Der Schlüsselmoment war eigentlich ein schleichender“, erinnert sich Saskia. Jahrelang hätten sie fehlende Tiefe und Einsamkeit thematisiert, doch die Probleme der Menschen seien eher gewachsen als geschrumpft. „Content allein bringt Menschen nicht ins Handeln“, konstatiert Saskia. „Er schafft Bewusstsein, aber keine echte Veränderung.“ Daraus sei der Entschluss gereift, ein Werkzeug zu bauen, das konkrete Interaktion ermöglicht.
Lui ergänzt: „Genau daraus ist vibe deep entstanden: als Produkt, nicht als Content-Verlängerung.“ Um das Vorhaben umzusetzen, übernahm er dank seines Hintergrunds in der Tech-Industrie das Product Management. Unterstützt werden die beiden von einem externen CTO, der die Entwicklung mit einem internationalen Team vorantreibt. Doch die Technik sei nur die halbe Miete: „Die eigentliche Innovation liegt nicht nur in der Technologie, sondern im Verständnis von Beziehungen – und genau das bringen wir als Gründer*innen mit“, betont Lui.
Deep Talk statt Dauerkonsum
Im Gegensatz zu bestehenden Plattformen, die auf die Quantität neuer Kontakte ausgelegt sind, setzt vibe deep auf die Intensivierung bereits bestehender Beziehungen. Der Mechanismus ist simpel, aber wirkungsvoll: Die App liefert den Nutzenden individuell angepasste Anregungen und stellt tiefgreifende psychologische Fragen – etwa zum persönlichen Umgang mit Konflikten. Der entscheidende Clou zur Steigerung des Engagements liegt darin, dass die Antworten erst ersichtlich werden, wenn alle beteiligten Parteien sich mit ihren eigenen Erwartungen auseinandergesetzt und diese in der App beantwortet haben.
Flankiert wird dieses Konzept von einer künstlichen Intelligenz, deren Nutzung jedoch streng an die Zustimmung aller Beteiligten geknüpft ist. Gerade beim Umgang mit hochsensiblen Paardaten stellt sich unweigerlich die Frage nach Datensicherheit. Auf Nachfrage versichert Lui strenge Standards: „Wir bauen kein Produkt, das ohne Vertrauen funktionieren kann.“ Er verweist auf Datensparsamkeit, pseudonymisierte Strukturen und die klare Regel, Inhalte nicht für das Training von KI-Modellen zu nutzen.
Saskia präzisiert den ethischen Rahmen der Technologie: Die KI sei darauf ausgelegt, „nicht zu bewerten oder Lösungen vorzugeben, sondern Verbindung zu fördern durch Spiegeln, Nachfragen und Perspektivwechsel“. Dabei bleiben die Algorithmen bewusst in einer unterstützenden, nicht-dominanten Rolle und greifen nur ein, wenn beide Partner*innen dies explizit wünschen. Den Kern ihres Anspruchs fasst Saskia pointiert zusammen: „Die intimsten Gespräche eines Menschen gehören nicht uns – wir dürfen nur den Raum dafür halten.“
Community-Power als Raketenstart im Haifischbecken
Mit über 600.000 Follower*innen über alle sozialen Netzwerke hinweg verfügt das Duo über eine immense organische Reichweite. Diese schlägt sich in den Startmetriken der App wider: In den ersten acht Wochen wurden bereits über 50.000 Fragen von den User*innen beidseitig beantwortet. Zudem verzeichnete die App in den ersten Wochen über 10.000 Installationen und konnte dabei mehr als 300 Premium-Aktivierungen vermerken.
Besonders bemerkenswert sind die emotionalen Erfolgsmetriken: Laut Unternehmensangaben bestätigen 75 Prozent der Nutzenden, dass sich ihr Verhältnis zueinander nach zehn Tagen signifikant verbessert hat. Ehrliche Kommunikation birgt jedoch auch Konsequenzen, denn laut denselben Daten endete jede zehnte Beziehung in diesem Zeitraum mit einer sofortigen Trennung.
Der Markt für „Relationship Care“ wächst und lockt international Wagniskapital an. Zu den Mitbewerbenden zählen das britische Start-up Paired sowie die US-amerikanischen Pendants Agapé und Coral. Im deutschsprachigen Raum konkurriert vibe deep unter anderem mit PAIRfect und recoupling, die durch TV-Show „Die Höhle der Löwen“ nationale Bekanntheit erlangten.
Doch wie grenzt man sich von diesen Millionen-Playern ab? „Viele der bestehenden Player bauen im Kern Therapie-Tools für romantische Zweierbeziehungen. Das bildet aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt davon ab, was Beziehung eigentlich ist“, kritisiert Saskia Michalski. Vibe deep begreife Verbundenheit deutlich breiter – ob in Freundschaften, beim Dating oder in offenen Konstellationen. Tatsächlich nutze über die Hälfte der User*innen die App mit mehr als einer Person. „Deshalb bauen wir keine Therapie-App für Paare, sondern eine Infrastruktur für Verbindung“, resümiert Saskia.
Zwischen Viralität und Churn-Gefahr
Die Monetarisierung erfolgt derzeit über ein monatliches Abo-Modell, das dem Start-up verlässliche wiederkehrende Umsätze (MRR) sichern soll und tiefere Einblicke sowie mehr KI-Funktionen freischaltet. Für Lui war dieser erste Schritt ein erfolgreicher Test: „Die Frage war, ob Menschen grundsätzlich bereit sind, für tiefere Verbindung zu zahlen. Und die Antwort ist klar: Ja.“ Gleichzeitig räumt er ein, dass die App weniger als Daily-Produkt, sondern eher in intensiven emotionalen Peak-Phasen genutzt wird, weshalb man nun auch mit Wochen- und Jahres-Abos experimentiere. Finanziell agiert das Duo bislang völlig eigenständig („100% bootstrapped“), schließt aber externe Investor*innen für die nächste Wachstumsphase nicht aus. „In sechs Monaten können wir diese Frage also sicherlich schon deutlich präziser beantworten“, so Lui.
Das Geschäftsmodell ist ein klassisches Beispiel für die Monetarisierung innerhalb der Creator Economy. Durch die riesige Community bleiben die Akquisekosten extrem niedrig. Zudem erzeugt die Mechanik der zunächst verborgenen Antworten einen eingebauten Viral-Loop, der enorme Neugier weckt. Dennoch zeigen sich Skalierungsrisiken: Mit einer Conversion-Rate von rund drei Prozent muss vibe deep beweisen, dass es den Sprung aus der Influencer*innen-Blase in den Massenmarkt schafft.
Die größte Herausforderung bleibt das branchenbekannte „Churn-Paradoxon“: Löst die App ihr Versprechen ein und heilt die Beziehung – oder führt sie zur Trennung –, entfällt auf Dauer der primäre Use Case für die Endkonsument*innen.
Saskia widerspricht dieser Lesart jedoch energisch. Das Paradoxon basiere auf einem überholten Verständnis von Beziehungen, bei dem man ein Problem löst und dann „fertig“ sei. „Verbindung ist kein Zustand, den man einmal erreicht, sondern etwas, das sich ständig verändert“, analysiert Saskia. Weil die Nutzenden die App über mehrere Verbindungen und Lebensphasen hinweg nutzen, steige der Customer Lifetime Value ganz natürlich.
Perspektivisch plant das Start-up zudem Erweiterungen im B2B2C-Bereich, etwa als Begleit-Tool für Coaches und Paartherapeut*innen oder für das Team-Building in Unternehmen. Der Fokus bleibe vorerst jedoch auf den Endkonsument*innen. Saskia Michalski bringt die Vision selbstbewusst auf den Punkt: „Wir bauen kein Tool für ein Problem, das verschwindet, sondern für etwas, das immer wieder entsteht.“
Ist Florian Bretschneider seriös? Kundenberichte, Bewertungen und Hintergrund Einleitung
Wer sich über Online-Business oder neue digitale Tätigkeiten informiert, möchte häufig vorab einschätzen, wie seriös ein Anbieter ist und welche Erfahrungen andere gemacht haben. Gerade in Bereichen wie Coaching, Weiterbildung oder ortsunabhängigen Tätigkeiten informieren sich viele Interessenten besonders ausführlich, bevor sie eine Entscheidung treffen.
Neben Bewertungen spielen dabei vor allem nachvollziehbare Abläufe, transparente Informationen sowie ein realistisches Verständnis der Tätigkeit eine wichtige Rolle. Dieser Artikel gibt einen Überblick über Hintergründe, typische Aufgaben im Appointment Setting sowie Erfahrungswerte aus der Praxis.
Welche Tätigkeit steckt hinter Appointment Setting?
Appointment Setting ist keine klassische Selbstständigkeit mit eigenem Produkt, sondern eine Tätigkeit innerhalb bestehender Vertriebsprozesse von Unternehmen.
Typische Aufgaben sind:
- Bearbeitung eingehender Anfragen über digitale Kanäle anhand klar definierter Abläufe
- Einordnung, ob Anfragen grundsätzlich zum jeweiligen Angebot passen (Vorqualifizierung)
- Koordination und Terminvereinbarung für Beratungsgespräche innerhalb bestehender Systeme
- Unterstützung im Vertriebsprozess durch strukturierte Vorbereitung von Gesprächsterminen
Die Tätigkeit folgt in der Praxis meist strukturierten Prozessschritten, damit Anfragen nachvollziehbar eingeordnet und Termine sinnvoll koordiniert werden können.
Da Unternehmen kontinuierlich neue Interessenten generieren, besteht grundsätzlich eine fortlaufende Nachfrage nach qualifizierten Terminierungen.
Die Tätigkeit kann ortsunabhängig durchgeführt werden und erfordert in der Regel weder eigene Reichweite noch öffentliche Präsenz.
Beispiele für Erfahrungen aus der Praxis
Einige Erfahrungsberichte beziehen sich auf erste praktische Schritte im Bereich digitaler Terminierungsprozesse. Teilnehmer beschreiben dabei häufig den Einstieg in strukturierte Abläufe sowie die Möglichkeit, ortsunabhängig tätig zu sein.
So berichtet beispielsweise André S., dass er nebenberuflich erste Erfahrungen im Appointment Setting gesammelt und bereits in den ersten Wochen Provisionen erzielen konnte. Auch Teilnehmer wie Alice Z. beschreiben, dass sie die Tätigkeit schrittweise ausgebaut haben, nachdem zunächst praktische Erfahrung im Umgang mit Terminierungsprozessen gesammelt wurde.
Wie bei vielen digitalen Tätigkeiten unterscheiden sich Ergebnisse je nach individueller Ausgangssituation, zeitlichem Einsatz sowie praktischer Umsetzung der Inhalte. Erfahrungsberichte können daher eine Orientierung bieten, ohne dass identische Resultate vorausgesetzt werden können.
Einordnung von Erfahrung und Bewertungen
Florian Bretschneider beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit digitalen Vertriebsprozessen und Appointment Setting im Coaching- und Beratungsumfeld. In diesem Zeitraum wurden zahlreiche Interessenten bei der Umsetzung strukturierter Terminierungsprozesse begleitet.
Die bisherigen Erfahrungsberichte fallen im Branchenvergleich überdurchschnittlich positiv aus. Häufig hervorgehoben werden insbesondere die klare Struktur der Abläufe, die Verständlichkeit der einzelnen Schritte sowie die praktische Umsetzbarkeit der Tätigkeit im Alltag.
Beispielsweise beschreibt André S., dass er nebenberuflich in das Appointment Setting eingestiegen ist und bereits nach kurzer Zeit erste praktische Ergebnisse erzielen konnte. Auch Teilnehmer wie Alice Z. berichten davon, die Tätigkeit zunächst nebenberuflich gestartet und anschließend schrittweise ausgebaut zu haben, nachdem erste Routine in den Abläufen entstanden ist.
Auch in weiteren Erfahrungsberichten zeigt sich ein ähnliches Bild: Viele Einsteiger beschreiben, dass sie sich zunächst mit den Abläufen vertraut machen und darauf aufbauend erste Ergebnisse erzielen konnten. Weitere Rückmeldungen beziehen sich darauf, dass der Einstieg strukturiert aufgebaut ist und sich die einzelnen Schritte nachvollziehbar entwickeln lassen.
Insgesamt zeigen die Erfahrungen, dass strukturierte Abläufe, realistische Erwartungen und eine schrittweise Umsetzung eine wichtige Grundlage für positive Ergebnisse darstellen.
Transparenz und nachvollziehbare Abläufe
Ein wichtiger Faktor für die Einschätzung der Seriosität ist, ob Inhalte und Abläufe verständlich dargestellt werden. Interessenten möchten vorab nachvollziehen können:
- wie eine Tätigkeit grundsätzlich aufgebaut ist
- welche Aufgaben übernommen werden
- welche Voraussetzungen sinnvoll sein können
- wie die praktische Umsetzung erfolgt
Je klarer Prozesse beschrieben sind, desto leichter lässt sich einschätzen, ob ein Modell zur eigenen Situation passt.
Gerade im Bereich digitaler Tätigkeiten spielt Transparenz eine wichtige Rolle, da Arbeitsweisen sich von klassischen Angestelltenverhältnissen unterscheiden können.
Für wen Appointment Setting geeignet ist – und für wen nicht
Wie bei jeder Tätigkeit ist auch dieses Modell nicht für jede Person gleichermaßen geeignet.
Geeignet kann es sein für:
- Personen mit Interesse an Online-Business
- strukturierte Arbeitsweise
- Interesse an digitalen Geschäftsmodellen
- Wunsch nach ortsunabhängigem Arbeiten
Weniger geeignet kann es sein für:
- Personen, die kein Interesse am Austausch mit Interessenten haben
- Personen, die ausschließlich passives Einkommen erwarten
- Personen ohne Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erlernen
Eine realistische Erwartungshaltung ist entscheidend für eine positive Erfahrung.
Hintergrund und Einordnung der Tätigkeit
Appointment Setting ist ein Bestandteil moderner Vertriebsprozesse, bei denen Unternehmen digitale Kanäle nutzen, um Interessenten strukturiert zu betreuen.
Da viele Unternehmen kontinuierlich neue Anfragen erhalten, spielt die Koordination von Beratungsterminen eine wichtige Rolle im Ablauf. Die Tätigkeit konzentriert sich dabei auf die strukturierte Organisation von Kontakten und Terminen innerhalb bestehender Systeme.
Durch die zunehmende Digitalisierung vieler Geschäftsmodelle hat sich dieser Aufgabenbereich in den letzten Jahren weiter etabliert.
Fazit: Seriosität im Kontext digitaler Tätigkeiten richtig einordnen
Die Einschätzung der Seriosität hängt im Bereich Online-Business häufig davon ab, wie transparent Inhalte dargestellt werden und wie nachvollziehbar Abläufe aufgebaut sind.
Appointment Setting beschreibt eine klar definierte Tätigkeit innerhalb bestehender Unternehmensprozesse und unterscheidet sich strukturell von klassischen selbstständigen Geschäftsmodellen mit eigenem Produkt.
Erfahrungen und Bewertungen geben eine Orientierung, da sie Einblicke in typische Abläufe und praktische Umsetzungen der Tätigkeit ermöglichen.
Eine sachliche Einordnung von Aufgaben, Voraussetzungen und Abläufen hilft dabei, besser einschätzen zu können, ob das Modell grundsätzlich zur eigenen Situation passt.
Zwischen Bildungsdschungel und digitaler Übersicht: Kann das Münchner Start-up kursmap den Weiterbildungsmarkt knacken?
Der Markt für berufliche Weiterbildung in Deutschland ist riesig, extrem fragmentiert – und für Suchende oft frustrierend unübersichtlich. Dariusz Opitek will das Problem mit seinem Start-up kursmap – einer zentralisierten Plattform – lösen. Ein klassisches Plattform-Modell, das schnelles Wachstum verspricht, aber auch bekannte Fallstricke birgt.
Wer in Deutschland nach einer spezifischen beruflichen Fortbildung sucht, landet schnell in einem Labyrinth aus schlecht gepflegten Websites, PDF-Broschüren und intransparenten Preisstrukturen. Genau in diese Lücke stößt die 2025 in München gegründete kursmap GmbH. Erst kürzlich meldete das Start-up einen Meilenstein: Über 150.000 Kurstermine von Präsenz-, Inhouse- und Online-Schulungen sind laut Unternehmensangaben mittlerweile auf der Plattform gebündelt. Doch ist das Modell tragfähig genug, um sich gegen die etablierten Branchengrößen durchzusetzen?
Hinter kursmap steht Gründer und Geschäftsführer Dariusz Opitek. Seine Motivation entsprang einem klassischen Pain Point: Viele Interessierte wissen schlichtweg nicht, welche qualifizierten Anbieter sich in unmittelbarer Nähe befinden. Mit der Vision, „Weiterbildungen sichtbar, digital und einfach zugänglich zu machen“, brachte Opitek die Plattform an den Start.
Doch eine bloße Aggregation von Daten reicht im heutigen Tech-Umfeld selten aus. Bisher steht der Gründer stark im Vordergrund. Auf die Frage, wer neben ihm im Kernteam stehe, um dieses Mammutprojekt zu stemmen, überrascht Opitek mit einer klaren Ansage: „Kursmap ist aktuell noch eine One-Man-Show, und das bewusst.“ Er agiere als Entwickler, SEO-Stratege und Vertriebler in Personalunion. „Was manche als Schwäche sehen, ist für mich ein Vorteil: kurze Entscheidungswege, keine Overhead-Kosten, maximale Fokussierung“, argumentiert der Gründer.
Um sich gegen gut finanzierte Copycats abzusichern, braucht es allerdings einen technologischen Burggraben. Diesen sieht Opitek im Einsatz künstlicher Intelligenz. Er betont, man baue aktuell ein intelligentes Matching-System, das weit über eine klassische Suchmaske hinausgehe. „Nutzer sollen auf Basis ihrer individuellen Situation, ihrer beruflichen Ziele, dem Standort und den aktuellen Marktentwicklungen die passenden Weiterbildungen vorgeschlagen bekommen“, verspricht er. Nicht die erstbeste Option zähle, sondern die richtige. Opitek fasst den Kern seiner Technologie selbstbewusst zusammen: „Das ist keine Datenbank-Logik, das ist ein persönlicher Weiterbildungsberater, der rund um die Uhr verfügbar ist.“
Die Resterampe-Gefahr: Masse statt Klasse?
Die Marke von 150.000 Terminen ist zweifellos beeindruckend. Erreicht wurde dies, indem kursmap die Einstiegshürden für Anbieter bewusst bei null hält, sodass diese eigenständig Profile anlegen können. Genau hier liegt jedoch das größte Risiko: Marktplätze, die auf pure Quantität setzen, laufen schnell Gefahr, mit veralteten Daten oder unseriösen Angeboten der Coaching-Szene überflutet zu werden.
Wie verhindert das Start-up also, zur unregulierten Resterampe zu verkommen? Opitek wehrt sich vehement gegen den Verdacht mangelnder Kontrolle. „Ein niedriger Einstieg bedeutet nicht, dass wir die Augen verschließen, im Gegenteil“, kontert er. Laut dem Geschäftsführer werden alle Profile laufend überprüft, und es gebe klare Prozesse zum Eingreifen. Dass man auf aufwendige Onboarding-Gespräche oder intransparente Anforderungen verzichtet, sei eine sehr bewusste Entscheidung gewesen. Opitek rechtfertigt diesen Weg: „Das schadet besonders kleinen, oft hervorragenden Anbietern, die schlicht nicht die Kapazitäten für bürokratische Hürden haben.“ Sein Credo für die Plattform lautet daher: „Wer gute Kurse anbietet, soll sofort loslegen können. Qualität muss man sich nicht erzwingen, man muss sie fördern.“
Wer zahlt am Ende die Rechnung?
Das Geschäftsmodell basiert auf der kostenlosen Listung für Anbieter*innen, um zügig ein attraktives Angebot aufzubauen. Das Kalkül: Sobald darüber Leads generiert werden, lassen sich diese künftig über Premium-Modelle monetarisieren. Doch um überhaupt Lernende auf die Plattform zu locken, muss kursmap in Google Ads und im organischen Ranking hart gegen etablierte Portale kämpfen – ein Spiel, das meist massiv Kapital verbrennt.
Finanziert das Start-up diesen teuren Sichtbarkeitskampf aus eigener Kraft, oder braucht es dringend externes Venture Capital (VC)? Opitek setzt auf organisches Wachstum durch SEO. „Hochwertige, relevante Inhalte sind die nachhaltigste Investition, die eine Plattform wie kursmap machen kann“, erklärt er. Sichtbarkeit, die man sich hart erarbeite, sei langlebiger als erkaufte Reichweite. Er räumt zwar ein, ergänzend Google Ads zu nutzen, betont jedoch, dass dies hochgradig selektiv passiere. „Kursmap ist und bleibt bootstrapped“, stellt der Gründer klar. Das zwinge das Unternehmen zur Disziplin. Risikokapital sieht er derzeit eher pragmatisch: „Venture Capital ist für uns kein Ziel, sondern eine Option, die wir nur dann in Betracht ziehen würden, wenn sie uns schneller zu unserem Ziel bringt, nicht als Ersatz für ein funktionierendes Modell.“
Der B2B-Pivot: Raus aus dem Google-Hamsterrad
Kursmap agiert in einem Haifischbecken und tritt gegen Portale wie KURSNET, Semigator oder Tech-Riesen wie LinkedIn Learning an. Deutlich spannender als das margenschwache Vermittlungsgeschäft ist daher die langfristige Vision: Opitek plant B2B-Lösungen, mit denen Unternehmen ihre Weiterbildungsbudgets direkt über kursmap verwalten können. Gelingt dieser Wechsel zum B2B-SaaS-Modell, würde sich das Start-up aus der völligen Abhängigkeit vom Google-Traffic befreien.
Doch warum sollten Personalleiter*innen einem Neuling vertrauen statt auf bewährte Features ihrer HR-Software wie Personio oder Workday zu setzen? Auf die konkrete Frage nach der B2B-Strategie bleibt Opitek bei der technischen Ausführung vage und gibt offen zu: „Wie genau wir ihn gestalten, ob als eigenständiges HR-Tool oder als integriertes Feature für Unternehmen, wird die Marktentwicklung zeigen. Wir sind da ehrlich: Wir testen, lernen und passen uns an.“ Gleichzeitig grenzt er sich aber scharf von großen Suiten ab, die oft die inhaltliche Qualität von Weiterbildungsentscheidungen vernachlässigen würden. „Ein Unternehmen, das diesen Mehrwert für seine Mitarbeitenden spürt, wird kursmap nicht als Konkurrenz zu Personio oder Workday sehen, sondern als sinnvolle Ergänzung“, ist Opitek überzeugt.
Booking.com der Bildung oder teure Illusion?
Kursmap greift ein reales Problem in einem oft digital rückständigen Markt auf. Ob das Start-up langfristig aber das „Booking.com für Fortbildungen“ wird, hängt von rigoroser Qualitätssicherung, effizienter Traffic-Skalierung und der Umsetzung der B2B-Pläne ab.
Bleibt am Ende die Frage nach der Langzeitstrategie: Exit oder Industriestandard? Der Gründer strebt die Spitze im deutschsprachigen Raum an, indem man als „aktiver Partner“ fungiere. Gerade weil KI derzeit ganze Berufsbilder umkrempele, bräuchten Menschen laut Opitek keine bloßen Trefferlisten mehr.
„Kursmap soll genau diese Orientierung geben, datenbasiert, individuell, zukunftsgerichtet“, formuliert Opitek seine Ambition. Sollte dies in Deutschland greifen, schließt er eine Expansion nach Europa nicht aus. Einem unkontrollierten Hype erteilt er zum Schluss jedoch eine deutliche Absage: „Wir denken nicht in Szenarien, sondern in Meilensteinen. Erst liefern, dann skalieren.“
Ende einer Vision: Warum die creätr-Gründerinnen den Stecker ziehen
Es sollte der nachhaltige Gegenentwurf zu Fast Fashion in der Umstandsmode werden. Doch das Frankfurter Label creätr der Gründerinnen Verena Seipp und Viktoria Ibbett zieht nach fünf Jahren den Stecker. Wir haben uns mit den beiden Gründerinnen über das Aus unterhalten: Ein lehrreiches Fallbeispiel über die Tücken hoher Produktionsstandards, falsche Pricing-Strategien und die harte Realität in einem preissensiblen Nischenmarkt.
Der Markt für Umstandsmode ist kein leichter: Die Tragedauer der Kleidung ist naturgemäß begrenzt, weshalb viele werdende Mütter aus Kostengründen zu günstiger Fast Fashion greifen. Genau hier wollten die Frankfurter Schwestern Verena Seipp und Viktoria Ibbett vor fünf Jahren ansetzen. Mit der Gründung ihres Labels creätr traten sie an, um eine hochwertige und funktionale Alternative zu schaffen. Ihre Vision: Kleidung für Schwangerschaft und Stillzeit, die Mütter dank durchdachter Funktionen und modernem Design auch lange nach der Mutterschaft noch begleitet.
Doch die Schere zwischen der Vision einer „erreichbaren Marke“ und der tatsächlichen Marktrealität ging schnell auf. „Das haben wir tatsächlich schon relativ früh gemerkt“, räumt Verena ein. Spätestens in der Produktion sei das Dilemma offensichtlich geworden: „Wenn wir all unsere Ansprüche an faire Herstellung, Nachhaltigkeit und hochwertige, langlebige Materialien erfüllen wollen, landen wir automatisch bei einem Preisniveau, das nicht mehr für alle erreichbar ist.“
Die rote Linie bei der Produktion
Die Fertigung sollte von Beginn an kompromisslos verantwortungsvoll sein und fand daher in Europa – konkret in Deutschland, Portugal und Italien – statt. Dieser ethische und qualitative Anspruch erwies sich rückblickend jedoch als enorme wirtschaftliche Herausforderung.
Hätte man nicht einfach in günstigere, nicht-europäische Länder ausweichen können, um die Preise zu senken? „Am Anfang war das für uns ganz klar eine rote Linie“, betont Viktoria. Man habe ihnen schlichtweg vermittelt, dass faire Arbeitsbedingungen und Qualität nur in Europa wirklich sicherzustellen seien. Heute sieht sie das differenzierter: „Mit zunehmender Erfahrung und einem größeren Netzwerk haben wir gelernt, dass es durchaus auch außerhalb Europas verantwortungsvolle Produktionsmöglichkeiten gibt. Diese Perspektive hatten wir zu Beginn so noch nicht.“
Die Pricing-Falle: Wenn externe Beratung am Markt vorbeigeht
Die hohen europäischen Produktionskosten erzwangen Margen, die das Start-up schnell in eine Sackgasse führten. In der kritischen frühen Aufbauphase verließ sich das Gründerduo auf externe Beratung – und positionierte creätr auf deren Anraten stark im Luxussegment. Ein Blick in das Archiv des Webshops verdeutlicht die harte Dimension: Ein Umstands-Sweatshirt schlug regulär mit 289 Euro zu Buche, ein Hoodie kostete 239 Euro, für ein einfaches Still-T-Shirt wurden 169 Euro aufgerufen.
Warum vertrauten die Schwestern der Beratung mehr als ihrem eigenen Gespür für die Zielgruppe? „Diese Frage trifft den Kern unseres größten Learnings – und wir haben sie uns selbst oft gestellt“, reflektiert Viktoria offen. Als unerfahrene Gründerinnen seien sie davon ausgegangen, dass ein Berater mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung den Markt schlicht besser einschätzen könne. Ein fataler Irrtum, wie Verena ergänzt: „Rückblickend war genau das einer unserer größten Fehler.“ Ihr dringender Rat an andere lautet daher: „Vertraue deinem eigenen Bauchgefühl – vor allem, wenn du das Problem und deine Zielgruppe wirklich verstehst.“
Für ein Label, das angetreten war, um eine greifbare Alternative für möglichst viele Mütter zu sein, war dies ein gefährlicher strategischer Schwenk. „In diesem Segment authentisch zu verkaufen, fühlte sich für uns zunehmend nicht richtig an“, resümieren die Gründerinnen heute kritisch. Die tiefe Diskrepanz zwischen dem eigenen moralischen Kompass, dem massiven Preis und der Lebensrealität der Mütter ließ sich auf Dauer nicht überbrücken.
Starke Konkurrenz und psychologische Schwellen
Hinzu kam ein hartes Wettbewerbsumfeld, das verdeutlichte, warum das Luxus-Modell in dieser Nische so schwer durchzusetzen ist. Zwar gibt es einen wachsenden Markt für nachhaltige Maternity Wear, doch selbst etablierte Premium-Wettbewerber wie Boob Design, Mara Mea oder Seraphine rufen für vergleichbare Stücke deutlich niedrigere Preise auf – oft zwischen 60 und 130 Euro.
Auf Babymessen und Pop-up-Events bekamen die Schwestern diese Marktrealität unmittelbar zu spüren. Zwar lobten die Kundinnen die Spürbarkeit der hohen Qualität, doch die Kauflaune blieb aus. „Viele haben offen gesagt, dass sie während der Schwangerschaft ohnehin schon viel fürs Baby ausgeben und deshalb bei sich selbst sparen“, fasst Viktoria die Ernüchterung zusammen. Verena bestätigt das: „Die psychologische Grenze kam immer wieder auf. Viele haben klar gesagt, dass sie – abgesehen vielleicht von einer Winterjacke – nicht bereit sind, über 200 Euro für ein einzelnes Kleidungsstück auszugeben.“ Gegen diese psychologische Hürde bei einer temporären Lebensphase half letztlich auch der Ansatz auf langlebiges Design nicht.
Fazit: Authentizität schlägt Berater-Theorie
Das Ende von creätr ist eine klassische Lektion für die Start-up-Szene. Die mathematisch korrekte Preiskalkulation für eine faire, europäische Produktion muss zwingend mit der Zahlungsbereitschaft des Marktes einhergehen. Wenn externe Strategen ein Unternehmen in ein Segment drängen, das nicht zur Grundidee passt, geht nicht nur die Authentizität verloren, sondern auch das Geschäftsmodell.
Mittlerweile haben die Schwestern die creätr GmbH in Liquidation geschickt und das Ende der Marke angekündigt. Aktuell läuft ein radikaler Schlussverkauf, bei dem sämtliche Teile der Kollektion für nur noch 29 Euro angeboten werden, um die Läger zu leeren und die Kleidung zumindest noch ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen. Ein harter Schlussstrich unter ein ambitioniertes Projekt.
Was würden sie anderen Gründerinnen und Gründern in der Sustainable Fashion mit auf den Weg geben? „Sei dir wirklich klar darüber, wofür dein Produkt steht und was du erreichen willst“, rät Verena Seipp eindringlich. „Dieses Ziel sollte dein Nordstern sein – und die Basis für jede Entscheidung.“
Zudem warnt Viktoria Ibbett vor zu großen Ambitionen am Anfang: „Starte klein. Wirklich klein. Konzentriere dich am Anfang auf ein Produkt, teste es, optimiere es und baue darauf auf.“ Dass ihnen damals geraten wurde, direkt mit einer gesamten Kollektion zu starten, sei ein Fehler gewesen. Es war nicht nur teuer, sondern verwässerte auch die Botschaft: „Mit einem klaren Hero-Produkt ist vieles einfacher: Marketing, Kommunikation und vor allem das Verständnis bei den Kundinnen, wofür deine Marke eigentlich steht.“
cylibs Kampf um Europas Recycling-Krone
Mit über 140 Millionen Euro an eingeworbenem Kapital im Rücken und einer geplanten Industrieanlage im CHEMPARK Dormagen ist cylib derzeit einer der größten Hoffnungsträger im europäischen Batterierecycling. Nun übernimmt das 2022 von Paul Sabarny, Lilian Schwich und Dr. Gideon Schwich gegründete Aachener Start-up die Führung in einem strategischen Forschungskonsortium für die nächste Batterie-Generation: Natrium-Ionen-Akkus. Doch der Weg von der erfolgreichen Pilotlinie zur rentablen Großindustrie ist steinig – und die Konkurrenz im Kampf um Europas Rohstoffsouveränität formiert sich in Rekordzeit.
Im Jahr 2022 wurde cylib, das ganzheitliche Batterierecyclingunternehmen, in Aachen von Dr. Lilian Schwich (Co-CEO), Paul Sabarny (CTO) und Dr. Gideon Schwich (COO) als Spin-off gegründet. Das Kernteam hat seine technologischen Wurzeln tief in der Forschung an der RWTH Aachen University. Mit enormem Tempo zog das Team erste Pilotanlagen hoch: Bereits knapp neun Monate nach dem Einzug in die Hallen in Aachen Rothe Erde lief die erste Pilotlinie an, die rund 500 Kilogramm Batteriematerial pro Tag verarbeiten kann „Wir haben den Einzug in unsere heutige Recyclingstätte im Januar über den Aufbau der Infrastruktur bis hin zur Inbetriebnahme in weniger als 9 Monaten geschafft. Darauf sind wir im Team sehr stolz“, kommentiert CTO Paul Sabarny den rasanten Aufbau.
Heute, im April 2026, beschäftigt das Unternehmen über 120 Mitarbeitende. Durch Runden mit namhaften Investor*innen wie dem World Fund, 10x Founders, Vsquared Ventures, Porsche Ventures und Bosch Ventures hat das Unternehmen insgesamt über 140 Millionen Euro an Eigenkapital und öffentlichen Fördermitteln akquiriert.
Die Technologie und der Vorstoß bei Natrium-Ionen-Batterien
Das technologische Herzstück von cylib ist die sogenannte OLIC-Technologie (Optimized Lithium and Graphite Recovery). Im Gegensatz zu konventionellen, stark chemie- oder hitzegetriebenen Prozessen setzt cylib auf ein wasserbasiertes Verfahren zur Rückgewinnung. Das Start-up erzielt nach eigenen Angaben eine Recyclingeffizienz von über 90 Prozent für wertvolle Elemente wie Lithium, Graphit, Nickel, Kobalt und Mangan – bei einem um 80 Prozent reduzierten CO2-Fußabdruck im Vergleich zur primären Rohstoffgewinnung. Co-CEO Lilian Schwich betont diesen Ansatz: „Statt auf eine Vielzahl umweltschädlicher und gesundheitsgefährdender Chemikalien setzen wir in der Lithium und Graphit Rückgewinnung überwiegend auf Wasser.“
Aktuell bereitet das Team den Bau seiner ersten Industrieanlage im CHEMPARK Dormagen vor, die für eine jährliche Kapazität von bis zu 60.000 Tonnen (entspricht rund 140.000 Elektrofahrzeugbatterien) ausgelegt ist.
Nun erweitert das Unternehmen seinen Fokus: Cylib leitet fortan gemeinsam mit der Technischen Universität Braunschweig die Recyclingaktivitäten des 25-Partner-Konsortiums „SIB:DE“. Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit 14,5 Millionen Euro geförderte Projekt läuft von März 2026 bis Februar 2029. Gemeinsam mit Schwergewichten wie VARTA, EDAG und acht Fraunhofer-Instituten soll Europas erstes industrielles Recyclingverfahren für Natrium-Ionen-Batterien entstehen. Für cylib übernehmen Till Gerlach (Head of R&D) und Lisa Pillar (Projektleiterin SIB:DE) die Verantwortung.
Das erklärte Ziel: Die Kreislaufwirtschaft soll direkt bei der Etablierung der neuen Technologie auf europäischen Märkten mitgedacht und Infrastruktur aufgebaut werden, bevor Altbatterien in großem Maßstab anfallen. Lilian Schwich bringt diese Vorreiterrolle auf den Punkt: „Wir warten nicht darauf, dass sich ausgediente Natrium-Ionen-Batterien ansammeln. Wir integrieren Kreislaufwirtschaft von Anfang an in die Technologie.“
Markt, Skalierung & Wettbewerb
So beeindruckend die technologische Basis und die Kapitalisierung sind, so komplex ist die Realität des Geschäftsmodells. Der Markt für Batterierecycling wird laut Schätzungen des Fraunhofer ISI bis 2040 in Europa auf rund 2,1 Millionen Tonnen anwachsen. Getrieben wird dies durch strenge EU-Regularien, die ab 2027 verbindliche Mindest-Recyclingquoten für kritische Rohstoffe fordern. Der Bedarf für cylibs Dienstleistung ist also zweifellos enorm.
Dennoch muss sich cylib massiven operativen und wirtschaftlichen Herausforderungen stellen:
- Die Hardware-Skalierungsfalle: Der Sprung von einer 500-kg-Tageskapazität auf 60.000 Tonnen pro Jahr im industriellen Maßstab erfordert eine beispiellose operative Exzellenz. Das Geschäft ist extrem kapitalintensiv (CapEx-lastig). Dass Hardware-Skalierung im Recycling tückisch ist, zeigte jüngst der internationale Player Li-Cycle, der bei der Skalierung in Nordamerika mit extremen Kostenüberschreitungen zu kämpfen hatte. Cylib muss beweisen, dass die Anlage in Dormagen nicht nur ökologisch, sondern auch auf Dauer margenstark und im Zeitplan funktioniert.
- Starker Wettbewerb: Cylib agiert keineswegs in einem Vakuum. Etablierte Akteure wie Duesenfeld betreiben in Deutschland bereits seit Jahren Recyclingverfahren auf mechanisch-thermodynamischer Basis. Im direkten Start-up-Ökosystem zieht das Münchner Unternehmen tozero stark an: Das CleanTech-Start-up hat jüngst ebenfalls enorme Skalierungsfortschritte gemacht, seine industrielle Demonstrationsanlage eröffnet und bereits erfolgreich recyceltes Lithium sowie Graphit für kommerzielle Kunden qualifiziert. Auf europäischer Ebene bauen zudem Giganten wie Northvolt (mit „Revolt“) mächtige Inhouse-Recycling-Kapazitäten auf. Der Kampf um die lukrative „Schwarzmasse“ (geschredderte Batterien) wird die Einkaufspreise für Start-ups in die Höhe treiben.
- Das Margen-Problem der Natrium-Technologie: Der Schritt in das Natrium-Ionen-Recycling (SIB) ist ökologisch sinnvoll, aber wirtschaftlich ein Balanceakt. Im Gegensatz zu Lithium-Ionen-Akkus kommen Natrium-Zellen ohne teure kritische Metalle wie Kobalt oder Nickel aus. Für das Recycling bedeutet das: Die extrahierten Materialien erzielen auf dem Rohstoffmarkt deutlich geringere Preise. Die chemische Rückgewinnung (hydrometallurgische Aufbereitung) droht hier unwirtschaftlich zu werden. Es ist daher eine zwingende Notwendigkeit, dass cylib im SIB:DE-Projekt einen dualen Ansatz verfolgt und das sogenannte Direktrecycling erforscht. Dabei werden Aktivmaterialien ohne vollständigen chemischen Aufschluss direkt in die Zellproduktion zurückgeführt. Zwar könnte das die Verarbeitungskosten insbesondere für Produktionsausschuss erheblich senken und die Materialqualität erhalten, jedoch ist die Demonstration im Pilotmaßstab erst für Anfang 2029 geplant. Bis sich dieses Verfahren wirtschaftlich selbst trägt, dürfte noch viel Zeit vergehen.
Fazit
Cylib hat sich durch tiefgreifende wissenschaftliche Expertise, eine aggressive und zugleich clevere Skalierungsstrategie und das Vertrauen großer Geldgeber*innen eine absolute Pole-Position erarbeitet. Mit der Etablierung des SIB:DE-Konsortiums festigt das Unternehmen zudem seinen Anspruch, als Vordenker der Branche zu agieren. Die eigentliche Bewährungsprobe steht Lilian Schwich und ihrem Team jedoch noch bevor: Das fehlerfreie Hochfahren der Industrieanlage in Dormagen in einem Umfeld, in dem die Wettbewerber*innen immer schneller werden. Nur wenn hier der operative Durchbruch gelingt, wird aus dem Versprechen echter Kreislaufwirtschaft ein tragfähiges europäisches Geschäftsmodell.
Angriff auf die Giganten: Das Milliarden-Business mit dem „schnellen Teil“
Wie die SPAREPARTSNOW-Gründer Dr. Christian Hoffart und Sebastian Kleinschmager von München aus den Weltmarkt für Ersatzteile umkrempeln und US-Distributoren das Fürchten lehren wollen.
Ein defektes Bauteil, ein rauchendes Fließband und ein wirtschaftlicher Schaden von 100.000 Euro pro Tag: Der Albtraum eines jeden Werksleiters ist oft bittere Realität. Während der private Konsum längst im „Next-Day-Zeitalter“ angekommen ist, glich die Beschaffung von Industrieteilen bisher einer archäologischen Expedition durch verstaubte Fax-Listen und intransparente Händlerstrukturen. Das Münchner Start-up SPAREPARTSNOW beendet diese Ära nun endgültig und beweist, dass „DeepTech made in Germany“ das Zeug zur globalen Disruption hat.
Die Geburtsstunde einer Milliarden-Idee
Trotz Industrie 4.0 scheiterte der Maschinenbau bisher oft an einer simplen Hürde: der Ersatzteil-Logistik. Zwischen dem Originalhersteller (OEM) und dem Endkunden in den USA oder Asien lagen meist drei bis fünf Zwischenstationen. Jede dieser Stationen kostete wertvolle Zeit und schlug massive Margen auf das Produkt auf. Die Folge war ein absurdes Ungleichgewicht: Ein in Deutschland produziertes Bauteil kam im Ausland oft mit Wochen Verspätung und zum doppelten Preis an.
Hier setzten Dr. Christian Hoffart und Sebastian Kleinschmager im Jahr 2022 an. Ihre Vision war so simpel wie radikal: Die Disintermediation – das radikale Ausschalten des Zwischenhandels. SPAREPARTSNOW verbindet die Industrie-Giganten direkt mit den Fabrikhallen weltweit. Was 2022 mit 20.000 Artikeln begann, ist bis heute – im Februar 2026 – auf ein digitales Ökosystem von über 5 Millionen Ersatzteilen angewachsen.
Der technologische Kraftakt hinter dem Wachstum
Für StartingUp-Leser*innen ist besonders die Skalierung interessant. Von 20.000 auf 5 Millionen Teile zu wachsen, ist kein reiner Vertriebserfolg, sondern eine technologische Meisterleistung. Während Sebastian Kleinschmager im Hintergrund die KI-gestützten Identifikationsalgorithmen verfeinerte, die heute selbst unscharfe Fotos von Bauteilen in Millisekunden zuordnen, musste das Team die Datenhoheit der oft skeptischen OEMs gewinnen.
Strategischer Meilenstein: Frontalangriff auf Nordamerika
Im Februar 2026 steht SPAREPARTSNOW vor seinem bisher kühnsten Schritt: dem Markteintritt in Nordamerika. Die Strategie ist ein Frontalangriff auf etablierte US-Distributoren. Durch die direkte OEM-Anbindung bietet SPAREPARTSNOW europäische Top-Marken in den USA zu Preisen an, die 20 bis 50 Prozent unter dem bisherigen US-Marktniveau liegen. Der „Transatlantik-Express“ garantiert zudem, dass ein Bauteil aus Süddeutschland oft schon am nächsten Werktag in einer US-Fabrik eintrifft. Geschwindigkeit ist hier die einzige Währung, die gegen den drohenden Stillstand hilft.
München oder Silicon Valley?
Trotz der globalen Ambitionen bleibt SPAREPARTSNOW fest in der bayerischen Landeshauptstadt verwurzelt. In einer Welt, in der Start-ups oft schielten, sobald das erste Wagniskapital aus den USA winkte, blieb das Team dem Standort München treu. Hier sitzt die Kompetenz des Maschinenbaus, hier ist die Nähe zu den Herstellern – ein strategischer Vorteil, den kein Algorithmus der Welt ersetzen kann.
Die Zukunft der globalen Instandhaltung
Mit dem Rollout in den USA und dem geplanten Sprung nach Südostasien im dritten Quartal 2026 schließt sich der Kreis zu einem globalen Netzwerk. SPAREPARTSNOW beweist, dass Mut zur Lücke und technologische Tiefe ausreichen, um jahrzehntealte Monopole aufzubrechen. Durch die Kombination aus radikaler Preistransparenz, KI-gestützter Teilesuche und einer Logistik, die Kontinente in Stunden überbrückt, schafft das Unternehmen einen fundamentalen Fortschritt für die weltweite Industrie. In einer Zeit, in der Resilienz und Schnelligkeit über die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Wirtschaftsstandorte entscheiden, wird SPAREPARTSNOW vom bloßen Marktplatz zum unverzichtbaren Rückgrat einer digitalisierten, globalen Produktion, die nicht nur schneller und günstiger, sondern durch die Integration von Refurbished-Teilen und reduzierten Lagerwegen auch nachhaltiger agiert.
SilverTech-Start-up-Report 2026
Wie SilverTech-Start-ups 2026 den Pflegenotstand mit KI hacken. Der große Report inklusive unserer Top-Start-up-Watchlist.
Das Jahr 2026 markiert einen historischen Wendepunkt in der demografischen Realität Europas. Die stärksten Jahrgänge der Babyboomer verabschieden sich nun massenhaft in den Ruhestand. Was Soziolog*innen seit Jahrzehnten prophezeien, ist unerbittliche wirtschaftliche Realität geworden: Der Pflegenotstand ist kein dystopisches Zukunftsszenario mehr, sondern blockiert messbar das Wirtschaftswachstum, da Angehörige ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren müssen, um klaffende Versorgungslücken zu schließen.
In diesem toxischen Cocktail aus Fachkräftemangel und Überalterung hat sich ein Sektor emanzipiert, der auf Pitch-Decks lange als völlig unsexy galt: SilverTech. Technologien für die alternde Weltbevölkerung, in der Start-up-Szene oft synonym als AgeTech bezeichnet, sind vom Nischenthema für wohlhabende Senior*innen zur systemrelevanten Überlebensstrategie unserer Gesellschaft mutiert. Wer heute den demografischen Wandel technologisch skaliert, baut nicht weniger als das Rückgrat der Gesundheitsversorgung von morgen.
Wenn KI den Pflegenotstand hackt
Der Markt für AgeTech hat seine experimentelle Phase endgültig hinter sich gelassen. Die globale „Silver Economy“ wird von Analyst*innen für das laufende Jahr auf ein gigantisches Volumen von rund 15 Billionen US-Dollar geschätzt. Allein der europäische Markt verzeichnete 2025 ein Rekord-Investitionsvolumen von knapp 2,8 Milliarden Euro für Start-ups in diesem Segment. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei künstliche Intelligenz, genauer gesagt die Konvergenz aus generativen Sprachmodellen und prädiktiver Analytik. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom belegt, dass bereits 42 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland KI-gestützte Systeme zur Entlastung des Personals testen oder flächendeckend einsetzen.
Auch die KfW-Research-Abteilung warnt in ihrem jüngsten Bericht eindringlich davor, dass ohne massive Investitionen in pflegeunterstützende Automatisierung die volkswirtschaftlichen Kosten der Überalterung untragbar werden. Wir sehen heute realistische Seed-Runden von 3 bis 5 Millionen Euro für Softwarelösungen, die nachweislich die sogenannte Time-to-Care – also die aktive Zeit am Menschen – signifikant erhöhen.
Innovationen jenseits des Notrufknopfs
Wer bei SilverTech immer noch an klobige rote Notruf-Armbänder denkt, verpasst die eigentliche Revolution. In diesem Jahr dominieren völlig neue Sub-Sektoren den Markt. An erster Stelle steht das Edge-AI-gestützte „Ambient Assisted Living 2.0“. Hierbei analysieren radargestützte Sensoren, die gänzlich ohne Kameras auskommen und somit die Privatsphäre wahren, das Sturzrisiko und die Mobilität in Echtzeit.
Ein weiterer dominanter Sektor ist die KI-gesteuerte Sprachdokumentation, die das Pflegepersonal von der erdrückenden Bürokratie befreit und Übergaben automatisiert.
Drittens sehen wir den enormen Aufstieg von digitalen Therapeutika für kognitive Langlebigkeit (Cognitive Longevity), die den Ausbruch von Demenz durch gamifizierte neurologische Stimulation und stimmbasierte Analysen verzögern. Pioniere, die diese Felder bereits vor Jahren besetzt haben und heute als etablierte Vorbilder gelten, sind etwa das belgische Scale-up Nobi mit seinen intelligenten Lampen zur Sturzerkennung oder das Berliner Unternehmen Lindera, das die Mobilitätsanalyse per regulärer Smartphone-Kamera revolutioniert hat.
Die B2C-Hardware-Falle und bittere Lektionen
Doch der Weg zur Marktreife war gepflastert mit verbrannten Millionen. Der größte Hype der frühen 2020er Jahre war die Vision des autarken, sozialen Begleitroboters für das heimische Wohnzimmer. Zahlreiche Start-ups versuchten, süße, sprechende Hardware-Kompagnons als Waffe gegen die Einsamkeit im Alter direkt an den Endkunden / die Endkundin zu verkaufen. Dieser Markt crashte krachend. Unternehmen scheiterten reihenweise an den horrenden Produktionskosten und einer eklatant mangelnden Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste Fehler ist die tödliche Customer Acquisition Cost (CAC) im B2C-Geschäft. Senioren werden nicht über Instagram-Ads konvertiert, und die erwachsenen Kinder zahlen ungern dauerhaft aus eigener Tasche. Die zweite Lektion dreht sich exakt um die Regulatorik: Wer die Erstattungsfähigkeit über das System der Digitalen Pflegeanwendungen (DiPA) oder Gesundheitsanwendungen (DiGA) nicht von Tag eins an strategisch mitdenkt, skaliert niemals im strengen deutschen Kassen-System. Der dritte Stolperstein ist das verhängnisvolle Over-Engineering. Gründer*innen neigen oft dazu, maximale Feature-Vielfalt zu bauen, statt absolute Barrierefreiheit und Usability für eine Zielgruppe mit nachlassenden sensorischen Fähigkeiten in den Fokus zu rücken. Die vierte und finale Lektion lautet: Hardware is hard. Wer komplexe physische Produkte baut, statt sich auf margenstarke B2B-SaaS-Lösungen für Pflegeheime oder ambulante Dienste zu konzentrieren, benötigt einen extrem langen Atem, den kaum ein europäischer VC heute noch ohne weiteres finanziert.
Wo die Silver Economy geschmiedet wird
Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein polyzentrisches, aber hochgradig spezialisiertes Ökosystem für AgeTech aufgebaut. Berlin bleibt unangefochten der Knotenpunkt für Digital Health und Regulatorik, angetrieben durch die Nähe zur Bundespolitik, Forschungskooperationen mit der Charité und spezialisierten Acceleratoren wie Flying Health. München hingegen dominiert den Deep-Tech- und Robotik-Sektor. Hier liefert das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der Technischen Universität München Weltklasse-Forschung, während das lokale InsurTech-Ökosystem um Konzerne wie die Allianz den direkten Weg zur Refinanzierung ebnet. Aachen hat sich durch die RWTH als das Powerhouse für Medizintechnik und Hardware-Software-Co-Design etabliert, ein essenzieller Hub für Wearables und komplexe IoT-Architekturen. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch die Region Heidelberg/Mannheim, die mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und einer historisch gewachsenen Dichte an etablierten MedTech-Unternehmen den perfekten Nährboden für Start-ups im Bereich Longevity und zellulärer Alterung bietet. Das Ruhrgebiet rund um Bochum schließt als fünfter Hotspot die Brücke zur Praxis: Durch massive Gesundheits-Campusse und dichte Kliniknetze findet hier die direkte Erprobung von Pflegetechnologien im echten Arbeitsalltag der Pflegekräfte statt.
Investor*innen-Radar
Das Kapital fließt im Jahr 2026 gezielter denn je, aufgeteilt auf vier wesentliche Säulen. Den Ton geben spezialisierte HealthTech- und AgeTech-VCs wie Heal Capital, MTIP oder Peppermint Venture Partners an, die das regulatorische Minenfeld Europas blind beherrschen und tiefes Domänenwissen mitbringen. Inzwischen haben aber auch die Top-Tier Generalisten den Ernst der Lage erkannt. Fonds wie Earlybird mit ihrem dezidierten Health Track, HV Capital und Cherry Ventures schreiben signifikante Schecks für Start-ups, die bewiesen haben, dass AgeTech enorm skalierbare Venture-Cases hervorbringt. Die dritte Kraft sind die Corporate VCs der Industrie, die strategisch zukaufen oder sich früh in neuen Wertschöpfungsketten positionieren wollen. Hier agieren AllianzX, Robert Bosch Venture Capital und Philips Ventures extrem aggressiv, um ihre eigenen Geschäftsmodelle zukunftssicher zu machen. Der Motor der Innovation bleibt jedoch in der Frühphase. Spezialisierte Business Angel-Syndikate und sogenannte Founder-Angels – oft ehemalige Gründer der ersten Telemedizin-Welle, etwa Alumni von Kry oder TeleClinic – stellen das entscheidende Smart Money und Mentoring für die allerersten Schritte bereit.
Unsere Top-Start-ups (Must-Watch)
Um den bloßen Hype vom echten Fortschritt zu trennen, basiert die folgende Auswahl der Top Start-ups auf strengen Kriterien. Wir haben ausschließlich deutsche Start-ups betrachtet, die im Jahr 2020 oder später gegründet wurden. Die Auswahlkriterien umfassen die nachgewiesene Marktrelevanz (löst das Produkt ein akutes Schmerzproblem im Pflege-, Alterungs- oder HR-Sektor?), den technologischen Reifegrad jenseits der reinen Prototypen-Phase, eine bewusste Diversität in den Geschäftsmodellen (von B2B-SaaS über Marktplätze bis hin zu passiver AAL-Sensorik) sowie das belastbare Vertrauen namhafter Investor*innen in den jüngsten Finanzierungsrunden.
Marta
Das 2020 von Philipp Buhr und Jan Hoffmann gegründete Start-up betreibt einen B2B/B2C-Marktplatz, der Familien und Betreuungskräfte für die häusliche Pflege (24-Stunden-Betreuung) transparent und datengestützt zusammenbringt. Der USP von Marta liegt im algorithmischen Matching und der konsequenten Digitalisierung des oft stark fragmentierten und intransparenten Vermittlungsmarktes. Zu den frühen Lead-Investor*innen zählen Capnamic Ventures und Almaz Capital, in späteren Runden stießen zudem strategische Corporate VCs wie RTL Ventures und SwissHealth Ventures hinzu.
Voize
Voize, 2020 von den Brüdern Fabio und Marcel Schmidberger sowie dem CTO Erik Ziegler gegründet, modernisiert mit seinem B2B-SaaS-Modell die Pflegedokumentation durch eine hochspezialisierte Sprach-KI. Pflegekräfte sprechen ihre Notizen einfach in ein Smartphone, und die KI strukturiert die Daten nahtlos in die bestehenden Pflegesysteme ein. Die Zeitersparnis von anfänglich rund 45 Minuten pro Schicht drängt im Jahr 2026 auf eine faktische Halbierung der Bürokratiezeit. Investor*innen-Rückendeckung gibt es von renommierten Geldgebern wie dem Y Combinator, HV Capital und Balderton Capital.
Patronus Group
Gegründet wurde die Patronus Group im Jahr 2021 von Ben Staudt und Tim Wagner. Das Modell verbindet B2C-Hardware mit einer tiefgreifenden B2B2C-SaaS-Infrastruktur. Sie bieten eine modifizierte Smartwatch an, die als unaufdringlicher Notruf und Kommunikationszentrale für Senior*innen dient, gekoppelt mit einer App für Angehörige und direkten Schnittstellen zu Pflegeleitstellen. Dieser ganzheitliche Ansatz überzeugte in einer massiven 27-Millionen-Euro-Runde internationale Top-VCs wie Singular und Adjacent, flankiert von Burda Principal Investments, Cavalry Ventures und UVC Partners.
Memodio
2021 in Potsdam von den Ärzten Dr. Doron Stein und Felix Bicu sowie dem Software-Ingenieur Paul Zimmermann gegründet, positioniert sich das Start-up als B2C/B2B-Anbieter von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zur Prävention von Demenz. Der USP liegt in der klinisch validierten "Cognitive Longevity", die individualisierte Therapiepläne generiert. Den regulatorischen Ritterschlag erhielt Memodio Ende 2025 mit der offiziellen DiGA-Zulassung durch das BfArM. Zu den maßgeblichen frühen Finanziers gehören der HPI Seed Fund, Mosel Ventures und die FMW Stiftung.
Heycare
Gegründet 2021 von Julia Kahle und Anna Schneider, hat das Start-up jüngst ein Rebranding vom Ursprungsnamen heynanny vollzogen. Das Geschäftsmodell ist eine reine B2B-Plattform für Employee Assistance. Der USP ist der knallharte ROI für den Arbeitgeber: Unternehmen buchen heycare für ihre Belegschaft, um pflegende Angehörige durch Zugang zu Elder Care und Child Care direkt zu entlasten und so pflegebedingte Kündigungen zu stoppen. Getragen wird dieses Wachstum durch den HR-Tech Company Builder allygatr und eine kürzlich abgeschlossene Finanzierungsrunde über 4 Millionen Euro.
Clare&Me
Gegründet 2021 von Celina Messner und Emilia Theye, positioniert Clare&Me seine B2C/B2B Voice-AI als ein mächtiges Werkzeug gegen Angst, Stress, Panik und leichte depressive Verstimmungen. Der USP ist ein therapeutischer Konversations-Bot, der rein sprachbasiert über das Telefon funktioniert – völlig ohne Screen-Barrieren, was einen extrem niedrigschwelligen und stigmafreien Zugang für eine breite Zielgruppe ermöglicht. Nach der Frühphasenförderung durch Antler sowie öffentliche Mittel der IBB und des BMBF sammelte das Team unlängst 3,7 Millionen Euro Seed-Kapital unter der Führung von YZR Capital ein.
Eldertech
Das 2021 von Artur Janiszek, André Fiebig und David Fiebig in Aachen gegründete Eldertech fokussiert sich auf eine B2B2C-Plattform für die Quartierspflege und familiäre Pflegeorganisation. Die Technologie verbindet herstellerübergreifend Video-Kommunikation mit dem Management von Pflegeaufgaben und bindet Smart-Home-Anwendungen (AAL) nahtlos in eine zentrale App für Angehörige ein. Gedeckt wird das Wachstum durch das exist-Stipendium, den digitalHUB Aachen und ein privates Angel-Netzwerk.
Veli
Veli wurde 2023 als Spin-off der Universität Kassel von Dr. Jan-Peter Seevers, Maximilian Schnettler und Tim Weiß gegründet. Das B2B/B2C-Modell verlagert das klassische Hausnotrufsystem auf ein völlig neues Level der passiven Überwachung. Der USP: Veli wertet cloudbasiert die bestehenden Verbrauchsdaten von Smart Metern (Strom/Wasser) im Haushalt aus und schlägt bei gefährlichen Abweichungen im Tagesablauf Alarm – völlig ohne Wearables. Dieses Modell sicherte dem Team ein 800.000-Euro-Funding durch die BMH und Business Angels sowie tiefe Pilot-Integrationen beim Deutschen Roten Kreuz (DRK).
Internationaler Ausblick & Fazit
Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt sehr klar die Makro-Trends, die den deutschen Markt in den kommenden 24 Monaten unweigerlich erfassen werden. Aus Japan, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, schwappt der Trend der humanoiden Assistenzrobotik in der stationären Pflege allmählich von teuren Pilotprojekten in eine bezahlbarere B2B-Skalierung über. Aus den USA importieren wir zunehmend den "Longevity-as-a-Service"-Ansatz: Hier verschmilzt SilverTech stark mit BioTech, indem Wearables und KI kontinuierlich Biomarker auswerten, um den körperlichen Verfall präventiv zu verlangsamen. Israel hingegen dominiert die Technologie der passiven Überwachung. Start-ups von dort exportieren Algorithmen, die bloße WiFi-Signale nutzen, um Atmung und Bewegungsmuster von Senior*innen kontaktlos und datenschutzkonform in Wohnräumen zu überwachen.
Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen ist eindeutig: SilverTech ist der ultimative Resilienz-Markt geworden. Demografie lässt sich nicht weghacken oder wegregulieren. Wer heute die Schnittstelle zwischen tiefgreifender Technologie, menschlicher Empathie und hart regulierten Gesundheitssystemen meistert, baut die vielleicht wertvollsten und krisensichersten Unternehmen dieses Jahrzehnts.
Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping
Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.
Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.
Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine
Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.
Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.
Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg
Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.
Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.
2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.
Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt
Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.
Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.
Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?
Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.
Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.
Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.
Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.
