Podcasts – ein Hidden Champion

Autor: Nicolaus Berlin
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Aktuell gibt es rund 17.000 deutschsprachige Podcasts. Die Beliebtheit dieses Mediums steigt stetig – das verheißt gute Chancen für Podcaster. Doch die Monetarisierung hinkt dem Boom leider noch hinterher.

Immer mehr Menschen hören Podcasts und immer mehr Podcaster schaffen neue Inhalte. Das Problem: Nur wenige Podcaster können bislang von ihren Inhalten leben. Umso wichtiger ist es, ein Podcast-Ökosystem zu schaffen. Wir geben einen Überblick über den Markt, seine aktuelle Dynamik und die Chancen für Gründer.

2020 ist das Jahr, in dem der Podcast-Markt in Bewegung gerät: Laut dem Online-Audio-Monitor (OAM) nutzten 2019 fast zwei Drittel der Deutschen Online-Audioangebote. Dies sind drei Millionen mehr Nutzer als noch im Vorjahr. Im Bereich „Podcasts und Radiosendungen auf Abruf“ lag der Zuwachs sogar bei 3,4 Prozent. Die unter 50-Jährigen nutzen die Angebote überdurchschnittlich häufig. Unter den 14- bis 29-Jährigen sind fast alle aktive Nutzer. Die Online-­Audio-nutzung wächst vor allem bei Männern und in der Altersgruppe der über 50-Jährigen. Insbesondere Audio-on-­Demand-Inhalte werden deutlich überdurchschnittlich von jungen Nutzern und Personen mit formal hoher Bildung gehört. Die regelmäßige Nutzung steigt bei allen Online-­Audio-angeboten deutlich an – relativ betrachtet am stärksten bei Podcasts und Hörbüchern. Es ist zu erwarten, dass der Markt in diesem Jahr weiterwächst, nicht zuletzt auch wegen den mit dem Thema Corona einhergehenden Veränderungen im Nutzerverhalten.

Nachdem das Spielfeld der Podcast-Plattformen für lange Zeit ­Apple überlassen wurde, haben sich in den letzten Monaten einige neue Anbieter in Position gebracht, um Marktanteile zu gewinnen. Podcasts sind definitiv in Deutschland angekommen: Beretis jeder Vierte Deutsche hört laut der Bitkom-Studie 2019 die Audioformate. In den Zeiten mit Ausgangsbeschränkungen und Lockdowns ist das Interesse weiter angestiegen. Podcasts sind in gewisser Hinsicht eine Gegenreak­tion auf den „information overload“, der in Form von Social-­Media-Posts, Gifs oder Push-Benachrichtigungen auf Nutzer niederprasselt. Sie ermöglichen das konzentrierte, engagierte Hören eines Inhalts, der jenseits der Ablenkung einen Mehrwert wie Information oder Unterhaltung verfolgt. Zugleich knüpft diese Ausdrucksform auch an die Ära der audiovisuellen Massenmedien an, die mit dem Radio begann. Es gilt: Podcasts stehen für Nähe und Direktheit zu den Schaffenden.

Challenge: Monetarisierung

Was in anderen Industrien inzwischen gang und gäbe ist, muss für die Podcast-Landschaft erst geschaffen werden: eine Entlohnung der Produzenten für ihre Inhalte. Besonders in den letzten Jahren ist das Podcast-Angebot stark gewachsen, während der Aufbau der finanziellen Infrastruktur noch vorangetrieben werden muss. Warum ist ein Ökosystem notwendig und wie können Podcaster ihre Inhalte monetarisieren? Werbung ist aus zwei Gründen schwierig: Zum einen haben Podcast-Schaffende oft eine persönliche, virtuelle Beziehung zu ihrer Hörerschaft und genießen deren Vertrauen. Die meisten von ihnen achten bei der Vermarktung sehr genau darauf, welche Art von Werbung in und im Umfeld ihrer Inhalte geschaltet wird. Zum anderen ist eine Werbefinanzierung nur dann sinnvoll, wenn die Podcaster bereits über eine entsprechend hohe Reichweite verfügen.

Lösung: Abo-Modell?

Abos und Subscription-Modelle erleben in der letzten Zeit einen Aufschwung. Kann dies auch im Bereich der Podcast-Monetarisierung funktionieren? Ein Blick auf den Audio­buchmarkt in Deutschland gibt die Antwort: Der Hörbuchmarkt ist gerade prädestiniert für ein Abo-Modell, da es sich um Inhalte handelt, die man nur auf der Plattform finden kann. Zudem sind es viele gewohnt, für Bücher zu zahlen. In Deutschland haben wir eine sehr große Hörbuch-Historie. Ähnlich wie bei Podcasts, widmet sich die Hörerschaft konzentriert einem Inhalt. Unter diesem Gesichtspunkt wurde im Hörbuchmarkt bereits der Audio- und Mone- tarisierungs­aspekt erschlossen, der auch auf Podcasts übertragen werden kann.
 
Challenge: Content-Entdeckung

Inzwischen gibt es rund 17.000 deutschsprachige Podcasts. Auf der Suche nach neuen Inhalten findet man in vielen Podcast-Apps nur eine konglomerierte Top-100-Liste, die wiederum nur die üblichen, reichweitenstarken Formate abbildet. Die Herausforderung besteht darin, neue Inhalte zu ent­decken. Vor allem im Bereich Audio ist dies mit viel Zeitaufwand verbunden. Erste Eyecatcher sind Titel, das Podcast-Cover und eine kurze Beschreibung. Dann muss hineingehört werden, und das alles dauert seine Zeit. Stellt man dann fest, dass man den Podcast doch nicht so toll findet, muss man wieder von vorne anfangen.

Es ist also nötig, Hörer dabei zu helfen, die für sie besten Inhalte zu finden. Bei Podimo, einer App für Podcasts, funktioniert dies beispielsweise über Algorithmen und mit einem manuellen Kurationsteam, das daran arbeitet, den Hörern die relevantesten und besten Inhalte vorzuschlagen. Für viele Menschen sind diese Inhalte eine Möglichkeit, um dem Alltag entfliehen und eine Dosis Emotionen abgreifen zu können, die für sie im täglichen Medienkonsum ansonsten schwer zugänglich sind. Daraus entwickelt sich ein ganz neues Hörverhalten sowie das Potenzial für Podcasts, Hörer langfristig an die Inhalte und Persönlichkeiten zu binden sowie das neue, alltägliche Begleitmedium zu werden.

Challenge: Podcaster-Community

Die Podcast-Begründer haben das neue Ausdrucksmedium bereits Anfang der 2000er Jahre aus Überzeugung produziert, weil sie Spaß an der technischen Kreation und Produktion von Audioinhalten hatten. Dabei haben sie einen RSS-Feed erstellt und freie Audioinhalte technisch zugänglich gemacht. Inzwischen ist die Diversität unter den Podcastern groß und viele neue Stimmen mit unterschiedlichen Motiven sind dazugekommen – angefangen bei begeisterten Storytellern bis hin zu Influencern, die Podcasts gern als Erweiterung ihrer Social-Media-Kanäle nutzen.

Die Kommerzialisierung, die sich daraus ergibt, ist eine naheliegende Entwicklung, die allerdings auch für Reibung sorgen kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Beweggründe, einen Podcast zu produzieren, zu erschließen und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Community zu reagieren. Das Ziel eines zu schaffenden Ökosystems muss es somit sein, Podcaster dabei zu unterstützen, ihre Inhalte weiterzuentwickeln, sich innerhalb der Community auszutauschen und Kollaborationen voranzutreiben. Sie sollen sich in ihrem Schaffungsprozess stets motiviert und inspiriert fühlen. Der Ausbau einer nachhaltigen In­frastruktur soll dabei helfen, ihre Formate auf eine wirtschaft­liche Ebene zu bringen und sich darauf konzentrieren zu können, hochwertige Inhalte zu schaffen, die ihre Hörer bewegen.
 
Ausblick

Podcasts ermöglichen es uns, (wieder) in die Tiefe zu gehen und das bestehendes Verlangen nach Substanz zu stillen. Lange wurden hier andere Anreize gesetzt, indem die Beliebtheit von Medieninhalten nach Klicks und nicht nach der Verweildauer bewertet wurde. Da die technische Infrastruktur für Podcasts geschaffen ist, besteht die größte Herausforderung nun darin, Hörern zu vermitteln, dass es wichtig ist, für diese Inhalte auch zu zahlen, um die Kreativschaffenden bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Hier ist es entscheidend, dass die Community an einem Strang zieht und für die gerechte Vergütung ihrer qualitativ hochwertigen Inhalte einsteht. Der zu erschließende Markt wird viele neue Akteure in den Vordergrund rücken, so etwa Audioproduktions­firmen und Kreativkollektive, aber auch Verlage und Medienhäuser, die allesamt kollaborativ die bestehende Community bereichern werden.

Online-Audio-Monitor 2019 (Quelle: OAM)

Der Online-Audio-Monitor (OAM) untersucht bevölkerungsrepräsentativ die fortschreitende Nutzung von Online-­Audioangeboten, -diensten und -plattformen in Deutschland. Für das Jahr 2019 befragt wurden 6000 Personen in Privathaushalten. Die 6000 Interviews – einschließlich 500 Altersklassen-­Interviews – wurden proportional auf die Bundesländer verteilt. Wichtige Ergebnisse des OAM im Überblick:

  • Die Zahl der Online-Audionutzer stieg um mehr als 3 Mio. Mehr als jeder vierte Nutzer hört Podcasts.
  • Eine überdurchschnittliche Nutzung ist bei den unter 50-Jährigen und insbesondere bei jenen mit formal hoher Bildung festzustellen.
  • Der Anteil der regelmäßigen Podcast-Nutzer stieg im Jahr 2019 um ein Drittel.
  • Absolut stieg die Zahl der regelmäßigen Podcast-Hörer im Jahr 2019 auf rund 9 Mio. Personen.
  • Bei Podcasts stehen Infosendungen und Beiträge zu Wissen und Lernen an erster Stelle, noch vor Musik. Unter­haltung, Comedy und Nachrichten folgen auf den weiteren Plätzen.
  • Wissenschaft, Technik, Gesellschaft und Kultur stehen bei den Themen ganz oben. Erst an ­vierter Stelle folgen mit Freizeit, Hobby und Games leichtere Inhalte.
  • Podcasts werden vor allem nebenbei bei der (Haus-)Arbeit gehört.
  • Nahezu drei von vier regelmäßigen Podcast-Nutzern hören Podcasts auch außer Haus, vor allem im Auto, ­aber auch auf Bus- und Bahnreisen oder im Flugzeug.
  • Der Schwerpunkt der Podcast-Nutzung findet in den frühen bis späten Abendstunden statt.
  • Mehrheitlich werden Podcasts direkt gestreamt, etwas mehr als jeder Zweite macht auch von der Download­möglichkeit Gebrauch.
  • In absoluten Zahlen: 2019 gab es 1 Mio. Podcast-Abonnenten mehr als im Vorjahr. ­Vor allem Frauen und Jüngere nutzen die Abo Services vermehrt.


Der Autor
Nicolaus Berlin ist Head of Germany bei Podimo, einer App für Podcasts, und Gründer der Podcast-App BesserFM

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