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dripoff: Vom Klobürsten-Smalltalk zur Gründung
Wie zwei Fitness-Kolleg*innen aus Düren dripoff, ein Start-up für WC-Hygiene, gründeten.
Dieses Start-up bricht Tabus, aber vor allem die oft unangenehm auszusprechende Thematik des täglichen Toilettengangs. Ob dripoff aus Düren das große (oder kleine) Geschäft wird?
Das Problem: Klobürsten
Im Fitnessstudio kamen Agnes Bings und Jan Dülken im Smalltalk zu der Erkenntnis, dass sich Klobürstenhalterungen sehr schlecht reinigen ließen. Nicht nur müsse man Halterungen der WC-Bürste frühzeitig entsorgen und ersetzen, sie sind bei mangelnder Pflege auch Herd von Bakterien und schlechten Gerüchen.
Die Lösung: Anti-Nässe-Pads
Bings und Dülken wollen dies ändern – und zwar mit einem Anti-Nässe-Pad, das sich in der Innenseite von Klobürstenhalterungen platzieren lässt. Ihre Innovation soll das Tropfwasser der WC-Bürste zuverlässig aufnehmen und einschließen. Unansehnliche und unhygienische Pfützenbildung im Bürstenhalter wird damit vermieden – und leichter zu reinigen sei er auch.
Frische bis zu einer Woche
Erhältlich ist die Innovation aus Düren in Nordrhein-Westfalen in 10er-, 30er- oder 50er-Sets. Bis zu sieben Tage lang soll das Pad im WC-Accessoire Frische garantieren, bis es gewechselt werden muss. Bei praller Füllung schon davor, heißt es auf der Unternehmenswebsite. Mindestens soll das dripoff-Pad aber drei bis fünf Tage Frische und Trockenheit im Bürstenhalter garantieren.
Dripoff sammelt nicht nur Wasser, sondern gibt auch einen dezenten Zitrus-Duft ab, erklären die Gründer*innen. Entsorgt wird die Innovation am besten im Restmüll. Etwaiges Runterspülen in der Toilette würde zu Rohrverstopfungen führen, so die Gründer*innen.
Erhältlich ist die Pad-Innovation im unternehmenseigenen Online-Shop – auch als B2B-Lösung für besonders saubere und tabufreie Offices. In Der Höhle der Löwen suchen die beiden Gründer*innen jetzt nach Investor*innen.
Mehr zu dripoff gibt es kommenden Montag in Der Höhle der Löwen um 20.15 Uhr auf VOX. Außerdem mit dabei sind Bello Eis, Millis Zaubertücher, FreeMOM und Klangio.
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„Keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen“
Im Interview: Alberto Zamora, Mitgründer von osapiens. Seine Tipps und Erfahrungen für Gründer*innen. Das 2018 gegründete Mannheinmer Tech-Unternehmen hat zum Jahresbeginn Unicorn-Status erreicht.
Sie haben kürzlich im Rahmen einer Series C-Finanzierung 100 Mio. USD eingesammelt und damit Unicorn-Status erlangt. Welche Pläne und Ziele haben Sie sich mit dem frischen Kapital gesetzt?
Zamora: In erster Linie war unser Ziel, den neuen Investor Decarbonization Partners, das Joint Venture zwischen BlackRock und Temasek, als strategischen Partner zu gewinnen. Zusammen verfügen die beiden Investmentgesellschaften über ein riesiges Netzwerk, von dem wir in der nächsten Stufe unseres Wachstums stark profitieren können. Der Einstieg von Decarbonization Partners ergänzt die bestehenden Investoren Goldman Sachs Alternatives und Armira Growth hervorragend und ist nicht nur eine Anerkennung unserer bisherigen Erfolge, sondern vor allem ein Vertrauensbeweis in unseren Weg, Nachhaltigkeit und Effizienz zusammen zu denken. Das Investment selbst dient uns als Kapitalrücklage und hilft uns, die bestehende Wachstumsstrategie zu stärken. Unser Ziel ist es, weiter international zu expandieren, insbesondere in den nordischen Ländern und in den USA, und unsere Cloudplattform osapiens Hub als weltweit führende Lösung für nachhaltiges Wachstum zu etablieren. Die neu geschlossene Partnerschaft stärkt langfristig diese Strategie und hilft uns, noch flexibler zu agieren.
Als Sustainability-Software-Start-up bündelt osapiens mehr als 25 Tools und erreicht damit über 2.500 Kunden. Mit welchem Alleinstellungsmerkmal können Sie die Kunden am meisten überzeugen?
Zamora: Unser USP im Vergleich zur Konkurrenz ist unser ganzheitlicher Plattformansatz. Statt Einzellösungen anzubieten, etwa für bestimmte Regulierungen, integriert unser osapiens Hub Lösungen für zahlreiche Anforderungen: Wir vereinen Transparenz-, Compliance- und Effizienzlösungen in einem System, das unseren Kunden klare operative Mehrwerte bietet. Der osapiens Hub funktioniert automatisiert, KI-gestützt und datenbasiert. Dabei bietet er Echtzeitanalysen, strategische Steuerung und Prozessoptimierung. Zudem garantieren unsere Softwarelösungen Rechtssicherheit und können nahtlos in bestehende Systemlandschaften integriert werden. Der große Vorteil unserer Plattform ist also, dass sie regulatorische Anforderungen und operative Prozesse ganzheitlich auf einer zentralen Datenbasis adressiert.
Sie beschäftigen mehr als 550 Mitarbeitende. Welche Herausforderungen kamen auf, als das Team immer größer wurde, und wie haben Sie diese gemeistert?
Zamora: Tatsächlich ist unser Team in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Mittlerweile beschäftigen wir an neun Standorten in Europa und den USA Mitarbeitende mit über 40 Nationalitäten. Die größte Herausforderung war bisher, unserer hohen Wachstumsgeschwindigkeit entsprechend die richtigen Mitarbeitenden zu finden. Gemeistert haben wir das, indem wir von Anfang an klare Werte etabliert haben, die unser tägliches Arbeiten prägen: Speed, Commitment und Team. Das bedeutet im Kern: schnelle Entscheidungen und Umsetzung, hohe Eigenverantwortung und eine enge, standortübergreifende Zusammenarbeit. Diese Werte geben Orientierung und helfen uns, auch bei zunehmender Größe effizient und fokussiert zu bleiben. Unsere Entwicklerteams sind in Mannheim und Madrid konzentriert, was eine enge Zusammenarbeit und Schnelligkeit stark begünstigt.
Welche Rolle spielte künstliche Intelligenz bei der aktuellen Finanzierungsrunde, wie wichtig war Ihren Investoren dieses Thema?
Zamora: Als bedeutendste Zukunftstechnologie war Künstliche Intelligenz sowohl unserem neuen Investor Decarbonization Partners als auch unseren bisherigen Investoren sehr wichtig. Bei uns ist KI wesentlicher Bestandteil unseres Kernprodukts. Selbstlernende Systeme sind eine zentrale Komponente unserer Plattform. Im osapiens Hub bildet KI-gestützte Automatisierung die Grundlage für die Datenverarbeitung, weshalb alle unsere Softwarelösungen auf KI-gesteuerten Prozessen basieren. KI ist also eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Einsatz unserer Lösungen und garantiert effizientes Operieren.
Was ist Ihnen bei der Auswahl Ihrer Finanzierungspartner besonders wichtig?
Zamora: Wir achten vor allem darauf, dass unsere Investoren über ein großes Netzwerk verfügen, das uns bei unserem internationalen Wachstum unterstützt. Mit Decarbonization Partners sowie Goldman Sachs und Armira Growth als Investoren sind wir dafür optimal aufgestellt. Alle unsere Investoren sind dafür bekannt, mit schnell wachsenden jungen Unternehmen zusammenzuarbeiten und diese auf ihrem Weg an die Spitze zu unterstützen.
Sie sind mehr als sieben Jahre am Markt. Was war in der Gründungszeit Ihre größte Lesson Learned?
Zamora: Aus vorherigen Gründungen haben wir vor allem eines mitgenommen: keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen. Natürlich spart man zu Beginn Geld und Ressourcen, wenn man seine Software auf externen Hyperscalern aufbaut. Langfristig begibt man sich aber nicht nur in eine gewisse Abhängigkeit, sondern wird aufgrund des eingeschlagenen Entwicklungspfads auch unflexibel. Diese Beschränkung wollten wir bei osapiens unbedingt vermeiden. Deshalb haben wir drei Jahre in den konsequenten Aufbau einer eigenen Plattform gesteckt. Das hat zunächst viele Ressourcen gebunden, gibt uns jetzt aber die Möglichkeit, maximal flexibel auf Veränderungen zu reagieren, und sichert langfristig unsere Unabhängigkeit.
Welchen Rat geben Sie Gründern und Grtünderinnen, die ein B2B-Produkt auf den Markt bringen wollen?
Zamora: Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, um euer Produkt vollständig zu entwickeln. Im Nachhinein fragt keiner mehr danach, ob ihr nach einem oder nach vier Jahren an den Markt gegangen seid. Euer Produkt sollte stets an erster Stelle stehen, und nur dessen Qualität sichert euch langfristigen Erfolg. Vergesst dabei aber nicht, vertrauensvolle Partner zu gewinnen und schon früh den Rat erfahrener Verbündeter einzuholen. Diese strategischen Partnerschaften sichern euch gerade im späteren Stadium die Möglichkeit, erfolgreich zu expandieren. Früh geschlossene Kontakte zahlen sich später aus. Und ganz wichtig: Bleibt optimistisch! Die Rahmenbedingungen können sich in kürzester Zeit ändern, aber wenn ihr an euer Produkt glaubt und flexibel agiert, wird es immer Wege geben, euer Produkt erfolgreich zu vermarkten und dadurch mit eurem Unternehmen zu wachsen.
Alberto Zamora, vielen Dank für das Gespräch
Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen!
KI-Müdigkeit im Team? Warum Friction-Maxxing jetzt die Antwort ist
Nach all der Euphorie über KI-Tools macht sich bei immer mehr Menschen eine gewisse KI-Müdigkeit breit. Die Technologie hat die Arbeitswelt im Sturm erobert – doch in Unternehmen wachsen die Zweifel: Macht KI wirklich alles einfacher oder trägt sie sogar zu sinkendem Engagement bei? Dr. Arne Sjöström von Culture Amp erklärt, warum Unternehmen jetzt auf Friction-Maxxing setzen sollten.
Friction-Maxxing ist ein Trend aus dem Lifestyle-Bereich, der jedoch auch großes Potenzial für die Arbeitswelt und den strategischen Einsatz von KI in Unternehmen hat. Gemeint ist damit ein Verhalten, bei dem man bewusst mehr kleine Hindernisse und Hürden in Arbeitsprozessen akzeptiert.
Der große Vorteil: Durch eine bewusste Verzögerung wird das Urteilsvermögen geschärft, das Engagement vertieft und die mentale Resilienz der Mitarbeitenden gestärkt.
Friction-Maxxing als Gegengewicht zur KI-Dominanz
Insbesondere für Führungskräfte und das mittlere Management bietet Friction-Maxxing die Möglichkeit, produktive Reibung in Entscheidungsprozesse zurückzubringen. Durch die Rückkehr zu mehr persönlichen Begegnungen und analogen Arbeitsabläufen entstehen Dinge, die in digitalen Formaten schlicht verloren gehen:
- Konzentrierte Aufmerksamkeit.
- Psychologische Sicherheit.
- Wichtige nonverbale Signale.
Persönliche Begegnungen ermöglichen einen konstruktiven Austausch und helfen Teams dabei, ein gemeinsames Verständnis von Qualität zu entwickeln. Am Ende geht es nicht darum, unnötige Hürden aufzubauen, sondern das richtige Maß an „Reibung“ zu gestalten: Analoges für einen besseren Umgang mit Ambiguität, Kreativität und richtungsweisenden Entscheidungen – Digitales für die Umsetzung.
Fokus und Sinnhaftigkeit zurückerobern
Positive Reibung kann als dringend benötigtes Gegengewicht zur KI-getriebenen Beschleunigung in der Arbeitswelt fungieren und den Fokus wiederherstellen. Sei es durch das gründliche, manuelle Überdenken eines Briefings oder den bewussten Wunsch nach persönlichem Austausch anstelle eines asynchronen Chats. Wer sich Zeit zum Denken, Begegnen und Gestalten zurückerobert, ermöglicht es Teams, sich wieder mit ihrem eigentlichen Auftrag und ihren Ansprüchen zu verbinden – Qualitäten, die KI-Automatisierung allein niemals erreichen kann.
Dieses geänderte Verhalten führt zu mehr Präsenz, weniger Angst und einem gestärkten Gefühl der Kontrolle. Der bewusst gewählte, nur scheinbar umständlichere Weg kann somit zu mehr Autonomie und tieferer Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen.
Ein Plädoyer für intentionale Reibung
Die Aufgabe moderner Führungskräfte ist es daher, bei menschenzentrierten Tätigkeiten ganz bewusst sogenannte intentionale Reibung herbeizuführen und KI parallel dazu zu nutzen, den täglichen administrativen Arbeitsaufwand zu minimieren.
Unternehmen müssen klar benennen, wo KI ihre Stärken hat und eingesetzt werden soll – und wo menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Urteilsvermögen und kritisches Denken absolut unersetzlich sind. So gibt man Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, die wirklich zählt und echten Mehrwert schafft.
Friction-Maxxing ist somit weniger ein Plädoyer gegen die Technologie, sondern vielmehr ein Aufruf zur Intentionalität: Dem bewussten Abwägen darüber, wann Prozesse automatisiert werden sollten und wann gerade der Widerstand den entscheidenden Unterschied machen kann.
Der Autor Dr. Arne Sjöström ist Regional Director, People Science EMEA bei Culture Amp. Sein Schwerpunkt liegt in der Organisationspsychologie und der angewandten Forschung.
Amba: Der Schlüssel zum Digital Detox
Drei Stunden und 19 Minuten – so lange hängen junge Erwachsene täglich auf Social Media, oft völlig unbewusst. Das Kölner Start-up Amba will diesen Scroll-Automatismus nun mit einem simplen haptischen Trick durchbrechen: Ein NFC-Schlüsselanhänger erzwingt eine physische Hürde. Doch kann das Konzept im Alltag wirklich bestehen?
Das 2025 von Yves Maurice Clever und Bastian Fischer gegründete Kölner Start-up Amba positioniert sich mutig im umkämpften Digital-Wellbeing-Markt. Statt auf strenge App-Verbote zu setzen, wollen die beiden 27-Jährigen das unbewusste Dauer-Scrollen auf Social Media mit einem physischen Schlüsselanhänger stoppen. Angesichts einer durchschnittlichen Social-Media-Nutzungsdauer von drei Stunden und 19 Minuten bei jungen Erwachsenen – wovon viel Zeit für rein gewohnheitsmäßiges Scrollen draufgeht – zielt Amba darauf ab, dieses Muster durch eine haptische Hürde zu durchbrechen.
Yves, der in Neuss Marketing studierte, beschäftigt sich schon lange mit digitaler Achtsamkeit, während Bastian als Informatiker das technische Know-how aus der Softwareentwicklung mitbringt. Angetrieben aus dem eigenen Frust über gängige Software-Lösungen, die sich mit wenigen Klicks umgehen ließen, begannen sie im Sommer vergangenen Jahres mit der Produktentwicklung, bevor im Oktober 2025 die offizielle Gründung in Köln folgte.
Haptik schlägt Habit
Doch wie verhindert man, dass der Griff zum NFC-Chip nicht bald zur nächsten unbewussten Gewohnheit wird? „Unbewusstes Scrollen funktioniert so gut, weil alles in derselben Bewegung passiert: Man nimmt das Handy in die Hand und ist sofort in der App“, analysiert Mitgründer Bastian. Ein physisches Element unterbreche genau diesen Automatismus.
Der entscheidende Vorteil gegenüber klassischer Software liege im Timing, so Bastian weiter: „Bildschirmzeit-Limits erscheinen meist erst im Scroll-Moment, wenn viele schon im Autopilot sind und sie reflexartig wegklicken. Bei Amba fällt die Entscheidung vorher.“ Nach dem haptischen Entsperren legen die Nutzer*innen fest, wie viel Zeit sie in der App verbringen möchten. Bastian betont: „Dieser kleine mentale Rahmen macht Social Media wieder zu einer bewussten Entscheidung statt zu einer Gewohnheit.“ Erste Tests scheinen den Gründern recht zu geben: Eigenen Angaben zufolge sei die Social-Media-Nutzung der Tester auf durchschnittlich 49 Minuten pro Tag gesunken.
Das Hardware-Paradoxon und die Konkurrenz
Der Ansatz der „Intentional Friction“ ist clever, doch der Markt verzeiht keine Fehler. Mit dem niederländischen Start-up Unpluq existiert bereits ein etablierter Konkurrent mit einem fast identischen NFC-Konzept. Yves sieht den Unterschied seines Produkts vor allem in der Systematik. „Viele bestehende Lösungen [...] funktionieren nach dem Prinzip: Man hält den Tag ans Smartphone, um Apps zu sperren, und deaktiviert die Sperre später wieder. Wir haben die Logik umgedreht“, kontert Yves. Bei Amba seien die Apps standardmäßig gesperrt und würden erst durch den Schlüssel freigeschaltet.
Zudem wolle man sich über eine extrem niedrige Einstiegshürde abheben: „Deshalb kostet der physische Tag bei uns nur einen symbolischen Euro und Nutzer können Amba zwei Wochen lang testen“, erklärt Yves den aggressiven Markteinstieg.
Der Kampf gegen die Abo-Müdigkeit
Dennoch muss sich Amba langfristig beweisen, insbesondere da laut einer ExpressVPN-Umfrage 38 Prozent der Konsument*innen explizit unter „Abo-Müdigkeit“ leiden. Ob die Nutzerschaft dauerhaft bereit ist, knapp 20 Euro im Jahr für einen softwarebasierten Verzicht zu zahlen, bleibt abzuwarten.
Bastian räumt offen ein: „Mit den physischen Tags verdienen wir tatsächlich kein Geld, sie decken lediglich die Produktionskosten.“ Er ist jedoch überzeugt, dass die Abo-Investition für die Nutzer*innen unverzichtbar bleibt, da das Suchtpotenzial der Apps nicht verschwinde. „Social-Media-Plattformen sind bewusst so gestaltet, dass sie möglichst lange Aufmerksamkeit binden. Viele Nutzer berichten uns, dass sie nach kurzer Zeit wieder in alte Muster zurückfallen, sobald sie die Unterstützung entfernen“, warnt Bastian. Das Ziel sei daher keine einmalige „Detox“-Kur, sondern ein Rahmen, um die Nutzung „langfristig kontrollierter zu gestalten“.
Technischer Flaschenhals zum Start
Erschwerend kommt aktuell ein stark restriktives System hinzu: Durch die Begrenzung auf das Betriebssystem iOS 18 bleiben der gesamte Android-Markt sowie Besitzer*innen älterer Apple-Geräte vorerst kategorisch ausgeschlossen. „Die aktuelle Einschränkung auf neuere iOS-Versionen hat vor allem technische Gründe“, verteidigt Yves diesen harten Schnitt. Einige NFC-Funktionen liefen auf älteren Systemen schlichtweg noch nicht stabil genug. Eine Android-Version sei geplant, befinde sich aber noch nicht in der Entwicklung.
Und was passiert, wenn man den rettenden Chip zu Hause vergisst und komplett blockiert ist? Yves beschwichtigt: Für solche Fälle gebe es eine Notfallfunktion in der App, die eine temporäre Entsperrung erlaube. Er verspricht: „Amba soll eine bewusste Hürde schaffen, aber keine Situation, in der Nutzer komplett von ihrem Smartphone abgeschnitten sind.“
Letztlich wandert das Kölner Start-up auf dem schmalen Grat zwischen Achtsamkeit und Deinstallation. Der Erfolg steht und fällt mit dem Hardware-Paradoxon: Nur wenn die Community den Schlüsselanhänger langfristig als befreiendes Werkzeug und nicht als frustrierende Barriere wahrnimmt, wird sich das subventionierte Abo-Modell gegen die Platzhirsche rentieren.
Better Sol: Zweites Leben für die Solarwende
Wie das 2023 von Mirko Laube und Luisa Schulze gegründete Start-up Better Sol den PV-Gebrauchtmarkt aufmischen will.
Das Braunschweiger Start-up Better Sol erhält rund 125.000 Euro Förderung aus dem „Green Startup“-Programm der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), um gebrauchte Solarpaneele in großem Stil zurück in den Markt zu bringen.
Hinter dem Start-up stehen Luisa Schulze und Mirko Laube. Better Sol entstand ursprünglich im Sommer 2022 als Ausgründung des Magdeburger Recycling-Unternehmens Solar Materials und agiert seit 2023 als eigenständige GmbH am Standort Braunschweig. Während sich die ehemalige Muttergesellschaft auf das komplexe werkstoffliche Recycling von Modulen konzentriert, widmet sich Better Sol voll und ganz dem „Second Life“ – also der direkten Wiederverwendung der noch intakten Platten.
KI-gestützte Prüfung statt Schredder
Die Beschaffungsseite von Better Sol zielt primär auf große Solarparks ab. Die Betreiber tauschen dort häufig größere Mengen an Solarmodulen recht früh in ihrem Lebenszyklus durch neuere, leistungsstärkere Modelle aus. Um diese Module vor dem Müll zu bewahren, hat das Better-Sol-Team mittels DBU-Förderung ein in Teilen automatisiertes Testsystem mit eigener Software auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt.
Der Prüfprozess beginnt mit einer mehrstufigen optischen Untersuchung, bei der sowohl grobe Beschädigungen als auch jede Solarzelle einzeln begutachtet werden. Im Anschluss folgen eine eingehende Prüfung der elektrischen Sicherheit sowie eine Leistungsüberprüfung, die misst, wie viel Watt das Produkt im Vergleich zur ursprünglichen Leistung noch liefert. Die Software führt all diese Daten automatisiert zu einer detaillierten Leistungsprognose zusammen. Jedes funktionstüchtige Modul erhält ein Label mit den Testdaten, einer zugewiesenen Leistungsklasse und einem umfangreichen Prüfprotokoll. Nur der endgültige Rest wird zum Recycling aussortiert. Der Vertrieb erfolgt direkt über die Internetseite von Better Sol. Zielgruppe sind oft Privathaushalte oder die Dächer größerer Fabrikhallen.
Der Markt und die Technologie im Wettbewerbsvergleich
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verbucht die Photovoltaik mittlerweile einen Anteil von etwa 24 Prozent und ist damit der zweitwichtigste Energieträger der inländischen Stromerzeugung. Das Reservoir an ausgemusterten, aber noch funktionierenden Modulen wächst rasant. Laut Schulze ist im Schnitt jedes zweite gebrauchte Solarmodul noch für eine erneute Nutzung geeignet. Doch der Gebrauchtmarkt professionalisiert sich zusehends.
Better Sol setzt aktuell auf eine pragmatische, KI-gestützte Teilautomatisierung und plant als nächsten logischen Entwicklungsschritt eine mobile Testanlage, um die Solarmodule direkt dort zu testen, wo sie ausgemustert werden. Genau in diesem logistisch entscheidenden Bereich der Vor-Ort-Prüfung operiert bereits der etablierte Wettbewerber 2ndlifesolar, eine Marke der großen Buhck Gruppe. 2ndlifesolar greift auf ein deutschlandweites Logistiknetzwerk zurück und kombiniert stationäre Erstbehandlungsanlagen mit mobilen Prüflaboren. Technologisch geht das Unternehmen tief in die industrielle Qualitätssicherung und führt standardmäßig Elektrolumineszenz-Prüfungen durch, um unsichtbare Mikrorisse im Vorfeld zu detektieren.
Einen völlig anderen, stark hochskalierten Weg bestreitet das österreichische CleanTech-Start-up 2nd Cycle. Das Unternehmen betreibt eine vollautomatische Inspektions- und Upcycling-Anlage im industriellen Hochdurchsatz und nutzt neben klassischer Robotik auch patentierte hyperspektrale Analysen aus der Raumfahrt, um Zellalterungen frühzeitig zu erkennen.
Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg
Das Vorhaben von Better Sol leistet einen fundamentalen Beitrag, um noch leistungsfähige Materialien durch geschickte Kreislaufwirtschaft für eine Weiternutzung zu erhalten, damit die Bemühungen für mehr erneuerbare Energien nicht ins Stocken geraten. Dennoch muss sich das Geschäftsmodell in einem harten Wettbewerb beweisen.
Die Handwerkerkosten für den Aufbau einer PV-Anlage auf einem Eigenheim sind hoch und fallen völlig unabhängig davon an, ob man neue oder gebrauchte Paneele installiert. Gleichzeitig steht der Markt unter enormem Preisdruck durch historisch günstige asiatische Neuware. Wenn fabrikneue Module extrem billiger werden, schwindet das Argument der finanziellen Ersparnis bei Gebrauchtmodulen mit kürzerer Restlebensdauer. Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg von Better Sol liegt daher in der rigorosen Minimierung der eigenen Logistik- und Prozesskosten. Die geplante mobile Testanlage und die zusätzliche Automatisierung des Testsystems sind für das Start-up essenziell, um künftig auch größere Ausmusterungen von Solarparks wirtschaftlich bewältigen zu können.
Die Müsli-Macher und die Kälte: Das neue Millionen-Projekt von Kraiss & Mahler
Dass sie Märkte revolutionieren können, haben die Freda-Gründer bereits bewiesen – nun steht die Tiefkühlkette auf dem Prüfstand. Mit einem mutigen Modul-Konzept fordern Philipp Kraiss und Christian Mahler die Industrie-Riesen im Supermarktregal heraus.
In der Start-up-Welt ist der Begriff Seriengründer*in oft ein zweischneidiges Schwert: Das Vertrauen der Investor*innen ist hoch, doch die Fallhöhe nach einem Erfolg wie mymuesli ebenso. Philipp Kraiss und Christian Mahler haben sich mit ihrem 2023 gegründeten Food-Start-up Freda bewusst gegen ein „Me-too-Produkt“ und für eine operative Wette auf die Zukunft der Tiefkühlkette entschieden. Mit einem mutigen Modul-Konzept fordern sie die etablierten Industrie-Riesen im Supermarktregal heraus. Die Prämisse: Der Markt für Tiefkühlkost (TK) wächst – auf über 22,6 Milliarden Euro im Jahr 2024 –, ist aber durch extremen Preisdruck und eine veraltete Produktlogik geprägt. Wir haben uns das Geschäftsmodell näher angesehen und die Gründer dazu befragt.
Pizza, Pasta, Gelato … und jetzt Blocks?
Die Pizza „Salami Sensation“ war für Freda der Türöffner. Mit dem Sieg bei Stiftung Warentest (2024) bewies das Team, dass es Qualität „kann“ und schuf einen starken USP. Strategisch ist Pizza jedoch kein leichtes Feld: Der Wettbewerb ist anspruchsvoll, die Regalplätze im Einzelhandel sind besetzt und die Differenzierung erfolgt meist über den Preis. Mit einer Innovation wie „Frozen Blocks“ erweitert Freda nun das Spielfeld und eröffnet eine neue Kategorie von Tiefkühlkost.
Es handelt sich dabei nicht mehr um ein fertiges Gericht, sondern um eine Systemkomponente. Das Konzept orientiert sich am gastronomischen „Mise en Place“: Vorbereitete, schockgefrostete Komponenten wie Beef Ragù oder Chili sin Carne fungieren als Basismodule für die heimische Küche. Strategisch gesehen erhöht dies die Wertdichte pro Kubikzentimeter im TK-Fach und verringert die Komplexität in der eigenen Produktion im Vergleich zu mehrkomponentigen Fertigmenüs.
Auf die Frage, ob der strategische Wechsel von der Pizza zu den „Frozen Blocks“ eine Flucht aus dem Commodity-Preiskampf der Pizza-Truhe hin zu einer proprietären Nische sei, widerspricht Philipp Kraiss. Vielmehr handele es sich um einen konsequenten Ausbau des Sortiments, denn Freda solle künftig den gesamten Alltag der Kund*innen abbilden – vom Frühstück bis zum Abendbrot. Das sei eben mehr als nur Pizza. „Unser Anspruch ist aber nicht nur Bekanntes besser zu machen – wie bei unserer Pizza, sondern auch neue Wege zu gehen“, stellt der Gründer klar. Die flexiblen Module seien auf diesem Weg der nächste logische Schritt. Er verspricht dabei maximale Vielfalt aus dem Gefrierfach, „denn jeder Block lässt sich vielfältig kombinieren.“
Die Retail-Herausforderung: Kaufland als Stresstest
Mit einer Basis von über 30.000 D2C-Kund*innen hat das Unternehmen bereits bewiesen, dass die Nachfrage nach seinen Produkten besteht. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen und die Margen zu stärken, wurde im August 2025 der Launch in 780 Kaufland-Märkten umgesetzt – ein strategischer Meilenstein, der die Reichweite massiv erhöht und über das Volumen des stationären Einzelhandels den Weg zu nachhaltigem, profitablem Wachstum ebnet – ohne aufwendigen Versand mit Isolierung und Trockeneis.
Hier zählt nun die Shelf Velocity (Abverkaufsgeschwindigkeit). Ein modulares System erfordert von der Kundschaft jedoch ein Umdenken: Man kauft kein fertiges Abendessen, sondern eine Zutat. Freda muss hier beweisen, dass der Mehrwert der Zeitersparnis am Point of Sale verstanden wird, bevor die harten Auslistungsmechanismen des Handels greifen.
Doch wie überzeugt man eine*n Einkäufer*in davon, dass ein modulares System mehr Flächenproduktivität bringt als die zehnte Sorte Standard-Lasagne? Christian Mahler kontert auf diese Retail-Frage mit einem anschaulichen Branchen-Vergleich: „Wir sind eben nicht die zehnte Lasagne. Eine klassische TK-Lasagne belegt viel Regalfläche, bedient genau einen Anlass und konkurriert mit neun anderen Lasagnen um denselben Kunden.“ Durch das kompakte Format und eine maximale SKU-Dichte der Blocks könne der Händler auf derselben Regalfläche mehrere Sorten listen und spreche damit dutzende Zubereitungsarten von der Bowl bis zum Curry an. Mahler zeigt sich selbstbewusst: „Wir eröffnen eine neue Kategorie statt in einer bestehenden zu kämpfen.“
Operative Exzellenz vs. bayerisches Handwerk
Ein weiterer Spagat wartet in der Produktion: Freda wirbt offensiv mit „Made in Bavaria“ und handwerklicher Herstellung. In der Start-up-Praxis beißt sich Handwerk jedoch oft mit Skalierung. Wer bundesweit fast 900 Supermärkte bedient, muss industrielle Prozesse beherrschen. Die Gefahr dabei ist offensichtlich: Wenn die Qualität durch die Masse sinkt, verliert Freda seinen wichtigsten USP. Gleichzeitig bleibt bei der exklusiven Zielgruppe, die bereit ist, für TK-Komponenten Premium-Preise zu zahlen, in Zeiten der Inflation die Frage der Preissensibilität bestehen.
Auf drohende Kapazitätsgrenzen angesprochen, räumt Philipp Kraiss ein, dass die Passauer Manufaktur zwar das Herzstück bleibe. „Aber wir waren von Anfang an ehrlich zu uns selbst: Eine Manufaktur skaliert nicht linear“, gibt der Seriengründer zu bedenken. Mit wachsendem Geschäft müsse man die Produktion auf breitere Schultern stellen und mit Partnern zusammenarbeiten. Sein Kernversprechen an die Kund*innen lautet dabei jedoch: „Wir lagern nicht die Rezeptur aus, sondern die Kapazität.“
Marktpsychologie: Convenience ohne Reue
Psychologisch besetzt Freda damit eine überaus geschickte Lücke. Die „Frozen Blocks“ nehmen der Käuferschaft zwar die Entscheidung für die aufwendige Kernkomponente ab, lassen das Gefühl des Selbstkochens durch das frische Ergänzen von Beilagen jedoch vollkommen intakt. Dies eliminiert die oft vorhandene „Convenience-Scham“ gesundheitsbewusster Zielgruppen und könnte die Lösung für die stagnierenden Marktanteile klassischer Fertiggerichte bei jüngeren Konsument*innen sein.
Fazit für die Start-up-Praxis
Freda ist ein Lehrstück für den Übergang von einer digitalen D2C-Brand zum Player im Massenmarkt. Die Gründer nutzen ihre Erfahrung, um eine etablierte Kategorie neu zu denken. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich an der Regal-Rotation zeigen. Wenn die Kund*innen den Aufpreis für die „bayerische Handarbeit“ und das modulare System dauerhaft akzeptieren, könnte Freda die Blaupause für die nächste Generation von Food-Marken liefern.
eeden: Die Alchemie der Altkleider
Das Münsteraner Unternehmen eeden verwandelt Textilmüll in hochwertige Rohstoffe. Mit Millioneninvestments baut das Team um Steffen Gerlach und Tobias Börnhorst nun die erste Demonstrationsanlage auf.
Steffen Gerlach saß entspannt mit seinem Schulfreund Reiner Mantsch auf einer Couch in einer Kölner Wohngemeinschaft. Mantsch hatte zuvor an der Universität in Mönchengladbach Textiltechnik studiert. Er berichtete leidenschaftlich von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen zur Kreislaufwirtschaft. Dieses Gespräch veränderte Gerlachs gesamte berufliche Planung radikal. Mantsch suchte jemanden für die Marktseite seiner technischen Vision. Gerlach war sofort fasziniert von dem ökonomischen Potenzial. Er wollte wissen, ob man daraus ein echtes Unternehmen formen kann. „Das war der eigentliche Startpunkt für eeden. Wir entschieden uns für einen vollen Fokus auf das Projekt. Und wir wollten das Recyclingproblem der Branche grundlegend lösen“, erinnert sich Gerlach.
Der langsame Weg zum technologischen Durchbruch
Es gab keinen plötzlichen Heureka-Moment in einem winzigen und improvisierten Labor. Die Entwicklung war eher eine gezielte Suche nach einer Problemlösung. Mantsch war früher Leistungssportler und brachte den nötigen Fokus mit. Er sah den Frust seiner Kommilitonen nach Praktika in der Industrie. Die Branche wirkte starr und wenig dynamisch für junge Talente. Das Duo suchte stattdessen nach den Megatrends der Zukunft. „Die Kreislaufwirtschaft kristallisierte sich schnell als das zentrale Thema heraus. Ich habe die Marktseite intensiv analysiert und viele Gespräche geführt“, so Gerlach. Er erkannte die Verknüpfungen zwischen technischer Machbarkeit und ökonomischen Anforderungen. Die Suche nach dem technologischen Sweetspot dauerte Monate. Am Anfang stand lediglich die reine Faszination für das Recycling. Es war ein schleichender Prozess mit vielen Etappenentscheidungen.
Die wachsende Last der globalen Fast Fashion
Das Umweltproblem der globalen Textilindustrie ist mittlerweile gewaltig. Die Branche verdoppelt ihren Durchsatz alle 20 bis 30 Jahre. Jährlich werden mittlerweile mehr als 120 Mio. Tonnen Textilien produziert. Nach Angaben der Ellen MacArthur Foundation werden weltweit ungefähr zwei Drittel dieser Mengen praktisch direkt nach der Nutzung entsorgt; sie landen auf riesigen Deponien oder werden ungenutzt verbrannt. In Deutschland steht das klassische Rücknahmesystem laut Experten vor dem Kollaps. Es gibt nach seiner Aussage derzeit eine gestiegene Anzahl an Insolvenzen bei Sammel- und Sortierbetrieben. Die Qualität der Kleidung sinkt durch den Trend zur Fast Fashion massiv. Der Wiederverkauf der gebrauchten Ware lohnt sich oft nicht mehr. Neuware aus Asien ist meistens günstiger als Second Hand-Stücke aus Europa. In Deutschland verursacht die Entsorgung einer Tonne Altkleider zudem Kosten – das Material wird somit zur finanziellen Belastung für die Sammel- und Sortierbetriebe.
Chemische Trennung als industrieller Schlüssel
Das Unternehmen aus Münster setzt genau an diesem Punkt an. Die Technologie ermöglicht die Trennung von Baumwolle und Polyester und macht beide Materialien wieder nutzbar. Das ist entscheidend für den Erfolg der Kreislaufwirtschaft. Die meisten Textilien bestehen heute aus komplexen Mischgeweben. Gerlach erklärt, dass das Unternehmen aus dem Abfall eine hochwertige Cellulose und chemische Bausteine für neues Polyester gewinnt. Die Cellulose dient als sauberes Vorprodukt für die neue Faserherstellung. Das Polyester wird in seine Grundbausteine zerlegt, die für die Herstellung von neuem Polyester verwendet werden können. „Wir stellen aus Baumwolle eine hochwertige Cellulose her und gewinnen aus dem Polyester die chemischen Bausteine zurück“, sagt Gerlach. Beide Materialströme können direkt wieder in der Textilproduktion eingesetzt werden. Damit wird der Kreislauf zwischen Abfall und Kleidung geschlossen. Seit Anfang 2025 hilft zudem eine neue gesetzliche Regelung. Die EU-weite Getrenntsammlungspflicht für Textilabfälle ist in Kraft getreten: Unternehmen dürfen Textilien nun nicht mehr über den Restmüll entsorgen. Das sichert den Zugang zu großen Mengen an Rohstoffen.
Harte Verhandlungen in der Welt des Wagniskapitals
Der Weg von der ersten Idee zur fertig gebauten Industrieanlage ist lang. Deeptech-Unternehmen brauchen oft viel Geduld und Zeit für die Entwicklung. Das erfordert Investoren mit einem sehr langen Atem. In einer frühen Phase kam der High-Tech Gründerfonds an Bord. Auch die NRW.Bank und der TechVision Fonds unterstützen das Vorhaben. Später stiegen Forbion und der Chemiekonzern Henkel als Investor ein. Gerlach erinnert sich im Gespräch an einen intensiven Lernprozess bei den ersten Finanzierungsrunden. Man müsse technische Begeisterung mit harten Umsatzprognosen anreichern. Auch D11Z.Ventures, das Family Office von Dieter Schwarz (Lidl/Kaufland), investierte in das Unternehmen. Die Investoren verstehen laut Gerlach die Entwicklungszyklen und Skalierung von Deeptech-Unternehmen. Mittlerweile flossen über 20 Mio. EUR an Kapital in die Firma. Dieses Geld ermöglicht nun den nächsten großen Schritt.
Ein neues Team für die industrielle Skalierung
Das Start-up ist mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen. In Münster entsteht derzeit eine industrielle Demonstrationsanlage. Gerlach erinnert sich an den Moment der Schlüsselübergabe: Zuerst wirkte die leere Halle riesig auf das Team. Inzwischen planen die Ingenieure bereits jeden Zentimeter der Fläche. Das Team ist auf über 25 Köpfe gewachsen. Es ist eine Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Kräften. Viele Mitarbeitende wechselten von großen Konzernen wie BASF nach Münster. Gerlach beobachtet eine große Lust auf die Arbeit an innovativen Prozessen. Die flachen Hierarchien im Unternehmen ziehen Experten an. Er schätzt das Know-how dieser Fachkräfte für den Anlagenbau. Erfahrene Chemiker bringen eine neue Qualität in die Prozesse. Die Zusammenarbeit zwischen Alt und Jung funktioniert hervorragend.
Führung zwischen Agilität und unternehmerischer Verantwortung
Die Unternehmenskultur hat sich mit der Größe weiterentwickelt. Gerlach betont, dass viele Impulse direkt aus der Belegschaft kommen. So wurde die Regelung für die Präsenz im Büro gemeinsam erarbeitet. Die Mitarbeitenden wünschten sich feste Tage für den Austausch. „Die schönsten Tage sind jene mit viel Begegnung“, berichtet Gerlach. Die bürokratischen Pflichten eines Geschäftsführers gehören einfach dazu. Trotzdem bleibt die Mission der Firma der wichtigste Treiber. Die Motivation im gesamten Team sei extrem hoch. Jeder packt an und treibt das Unternehmen voran. Der Spagat zwischen Entwicklung und Business ist fordernd. Gerlach jedoch genießt diese tägliche Herausforderung sehr.
Der Standort Deutschland als Zentrum für Innovation
Viele Fachleute kritisieren die Bedingungen für die Chemieindustrie. Hohe Energiekosten belasten die traditionsreichen Unternehmen stark. Gerlach sieht das differenzierter aus der Perspektive von innovativen Start-ups: „Für die Entwicklung neuer Technologien ist der Standort Deutschland weiter exzellent. Und die Qualifikation der Technologen ist hervorragend. Die aktuelle Krise führt bei uns auch zu Bewerbungen von erfahrenen Talenten aus der chemischen Industrie – die hätte es vor einigen Jahren in der Menge nicht gegeben.“ Die vorhandene Infrastruktur sei ein klarer Vorteil. Auch Konzerne beobachten solche Innovationen genau. Die Nähe zum Mittelstand fördert zudem die Skalierung. Für die beiden Gründer ist die aktuelle Produktionsanlage nur ein Anfang. Langfristig soll die Technologie weltweit lizenziert werden; überall auf der Welt fällt schließlich Textilmüll an. Die Kombination aus Ingenieurskunst und Skalierung ist das Ziel. Auch die aktuellen Investoren von eeden sehen dieses globale Potenzial. Das Unternehmen will beweisen, dass sich Kreislaufwirtschaft lohnt. Deutschland bleibt dafür ein wichtiger Ankerpunkt.
Das Thermoskannen-Prinzip: Kann V21 die Logistik-Welt revolutionieren?
Das Team des Hamburger DeepTech-Start-up V21 – Roland Wiedenroth, Dr.-Ing. Tom Marr, Kristina Rübenkamp, Dr. Jens Struckmeier und Nicolas Röhrs – entwickelt extrem dünne und robuste Dämmplatten aus Edelstahl, die nach dem Prinzip einer flachen Thermoskanne funktionieren und Container oder Gebäude hocheffizient sowie platzsparend isolieren. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert das Projekt mit 125.000 Euro.
Ob Impfstoffe, Südfrüchte oder modulare Klassenzimmer: Container sind das Rückgrat der globalen Wirtschaft. Doch sie sind energetische Sorgenkinder. Um Innentemperaturen stabil zu halten, fressen Kühlaggregate (Reefer) enorme Mengen Strom, während herkömmliche Dämmstoffe wie Styropor oder Mineralwolle wertvollen Laderaum rauben. Hier setzt die 2019 gegründete V21 GmbH (kurz V21) an. Die Vision: Eine Dämmung, die so dünn wie effizient ist.
An der Spitze des Unternehmens steht ein Team, das tief in der Industrie verwurzelt ist. CEO Roland Wiedenroth, ein erfahrener Logistik- und Industrieexperte, leitet die Strategie und den Markteintritt. Er weiß um die Schmerzpunkte der Branche und treibt die Vision voran, die „Thermoskanne flach zu machen“. Mitbegründer und CIO Dr. Jens Struckmeier bringt die nötige wissenschaftliche Tiefe ein: Der promovierte Physiker und Mathematiker gilt als Clean-Tech-Pionier und hat bereits mit dem Start-up Cloud&Heat bewiesen, wie man physikalische Prinzipien in nachhaltige Geschäftsmodelle übersetzt. Über die Kerninnovation sagt er: „Wir haben die Thermoskanne flach gemacht und bringen sie an die Wand. Grundlage dafür war ein Patent, in dessen Kern der Verbund vieler kleiner Thermoskannen stand.“
DeepTech gegen das Vakuum-Dilemma
Dass V21 als klassisches DeepTech-Unternehmen gilt, liegt an der Überwindung einer massiven ingenieurtechnischen Hürde. Vakuum ist physikalisch der beste Isolator, doch bisherige Vakuumisolationspaneele (VIP) waren empfindlich wie rohe Eier. Das Produkt „ZeroCoreVac“ von V21 schlägt hier einen technologisch radikalen Weg ein, der sich fundamental von etablierten Lösungen unterscheidet. Während Marktführer wie va-Q-tec oder Panasonic primär auf Paneele setzen, die aus einem silikabasierten Kern bestehen, der von einer metallisierten Kunststoffverbundfolie umschlossen wird, verzichtet V21 komplett auf diese fragile Außenhaut.
Anstelle der Folie nutzt das Start-up eine robuste Kapselung aus hauchdünnem Edelstahl. Verantwortlich für diese Materialinnovation ist CTO Dr.-Ing. Tom Marr. Als Werkstoffingenieur mit einem Fokus auf Automatisierung und Fertigung treibt er die Serienreife der Technologie voran. Wo herkömmliche VIPs einen Stützkern aus Pulver benötigen, ermöglicht die von Marr und Struckmeier entwickelte, patentierte Struktur ein System, das ohne klassische Füllmaterialien auskommt. Diese Konstruktion macht das Paneel nicht nur mechanisch extrem belastbar, sondern löst auch das Thema Brandschutz, da keinerlei brennbare Kunststoffe verbaut sind. Ein weiterer Vorteil ist die vollständige Kreislauffähigkeit: Das Paneel kann am Ende seiner Lebenszeit – die V21 auf über 50 Jahre schätzt – als wertvoller Edelstahlschrott recycelt werden.
Das Geschäftsmodell: Skalierung durch Lizenzen?
V21 verfolgt eine zweistufige Strategie: Zunächst adressiert man B2B-Nischen wie den Modulbau, bevor der globale Container-Markt angegriffen wird. Dabei setzt das Start-up auf ein Lizenzmodell. Unterstützt wird dieser Skalierungskurs durch den Mitbegründer und Chairman Nicolas Röhrs, einen erfahrenen Technologieunternehmer, der auf den Aufbau strategischer Industriepartnerschaften spezialisiert ist. Finanziell wird das Wachstum von CFO Kristina Rübenkamp gesteuert, die ihre Expertise in Planung und Investorenkommunikation einbringt, um die nötige Transparenz für großangelegte Rollouts zu schaffen.
Ein solcher Lizenzansatz verspricht zwar schnelle Skalierung ohne massiven Kapitalaufwand für den eigenen Maschinenpark, doch Vakuumtechnik verzeiht keine Fehler. Die Herausforderung wird sein, sicherzustellen, dass Lizenzpartner weltweit die nötige Präzision beim Verschweißen der Edelstahlhüllen einhalten. Zudem bleibt der Margendruck in der Logistikbranche brutal. Die Rechnung geht für Reedereien nur auf, wenn die versprochene Energieeinsparung von bis zu 50 % und der Raumgewinn (ca. 10 bis 20 % mehr Nutzlast) die Initialkosten zügig amortisieren.
Die Belastungsprobe: Zwischen Theorie und Hochsee-Realität
Trotz technologischer Brillanz muss sich V21 in der Praxis beweisen. In der maritimen Logistik herrschen gnadenlose Bedingungen: Halten die präzisen Schweißnähte den permanenten Vibrationen und der aggressiven Salzwasserbelastung auf einem Containerschiff über Jahrzehnte stand? Ohne diese belastbaren Langzeitnachweise unter Realbedingungen bleibt das Risiko eines schleichenden Vakuumverlusts ein Argument, das gerade konservative Reedereien zögern lässt.
Parallel dazu steht die ökonomische Hürde im Raum. Solange CO₂-Zertifikate noch verhältnismäßig günstig bepreist sind, bleibt die High-End-Dämmung ein erklärungsbedürftiges Investment mit hohem „Green Premium“. Damit die Technologie den Sprung aus der Nische schafft, müssen die Produktionskosten durch konsequente Automatisierung massiv sinken. Erst wenn der ökologische Vorsprung auch betriebswirtschaftlich zum sofortigen Selbstläufer wird, dürfte das Hamburger Start-up die Branche nachhaltig umkrempeln.
Fazit
V21 hat ein technologisch exzellentes Produkt, das ein reales Problem der Dekarbonisierung löst. Die eigentliche unternehmerische Leistung wird nun darin bestehen, die Skalierung so effizient zu gestalten, dass der Preis für den Massenmarkt akzeptabel wird. Wenn die Hamburger den Beweis der Langlebigkeit unter Realbedingungen antreten, könnten sie zum neuen Standard für temperaturgeführte Logistik aufsteigen. Bis dahin bleibt es ein mutiger Ritt gegen etablierte Chemie-Riesen und die billige Dominanz von Styropor.
Vom Check-in zur Patient*innenakte: Wie Travel-Pionier Salim Sahi mit HoloLogix.AI die Health-IT aufmischt
Vom Reisebuchungssystem zur Sicherheits-Uhr für Senior*innen: Serial Entrepreneur Salim Sahi greift mit HoloLogix.AI greift gleich zwei Milliardenmärkte an: Gesundheitswesen und Hotellerie. Doch wie viel Substanz steckt hinter der Vision?
Gründungslegenden klingen oft zu glatt für die Realität – wie Sahis Skateboard-Unfall, der in einer Notaufnahme zur Idee für sein neuestes Venture führte. Wer den Mann kennt, der in den 90ern mit „Traffics“ die Reisebranche digitalisierte, weiß jedoch: Er macht keine halben Sachen. Jetzt, im Februar 2026, steht er mit einer europäischen Aktiengesellschaft (SE) und einem enorm breiten Versprechen wieder auf dem Platz.
Wie Touristik-Know-how in die Klinik kommt
Der Sprung von der Touristik zur Service-Automatisierung im Gesundheitswesen wirkt wie ein harter Bruch. Doch unter der Haube geht es in beiden Welten um hochvolumige Transaktionen, Termin-Slots und Datenabgleich in Echtzeit. Wer Millionen Pauschalreisen fehlerfrei abwickelt, so die Wette von HoloLogix.AI, beherrscht auch das Termin-Management von Kliniken, Hotels und Restaurants.
Für CEO und Gründer Salim Sahi ist das Projekt dennoch ein „kompletter unternehmerischer Neuanfang“. Gegenüber StartingUp räumt er ein, von 25 Jahren Travel-Tech-Erfahrung zu profitieren, doch seine wahre Passion gelte der künstlichen Intelligenz. Das Herzstück bilde dabei die MIA Service KI: „Wir haben eine holistische KI-Plattform geschaffen, also ein Tool, das ganzheitlich agiert und eingesetzt werden kann.“ MIA verstehe Gespräche, erledige parallel Aufgaben und verbinde Systeme – „rund um die Uhr und branchenübergreifend“. Auch wenn der Fokus aktuell auf Gesundheitswesen und Hospitality liege, sei das System laut Sahi letztlich „nahezu überall einsetzbar, wo Kunden- oder Patientenkontakt herrscht.“
Der Angriff auf die Platzhirsche
Der Markt für Conversational AI ist 2026 kein blauer Ozean mehr. Etablierte Player wie Aaron.ai haben sich tief in die Health-Landschaft eingegraben, flankiert von Plattform-Giganten wie Doctolib. HoloLogix.AI reagiert mit aggressiven Preisen ab 99 Euro im Monat und einer massiven technologischen Breite.
Aber warum sollten Klinikverantwortliche das Risiko eines Wechsels eingehen? Salim Sahi sieht den „Killer-USP“ in der Architektur der Interaktion: „Unser Ansatz ist ein anderer: Statt starrer Skripte bieten wir echte Gesprächsintelligenz durch Conversational AI an.“ Das System sei eine KI, die im laufenden Gespräch aktiv Aufgaben erledige, was eine beispiellose Integrationstiefe erfordere. „Hier gehen wir ganz tief rein und verarbeiten Daten in Echtzeit“, so der CEO. Da Aufgaben direkt ausgeführt werden, optimiere sich das Zeitmanagement drastisch – konzipiert als Omnichannel-Ansatz über Telefon, Website, E-Mail, Wearables oder bald sogar über Robotik.
Die schmale Gratwanderung am Handgelenk
HoloLogix.AI belässt es nicht bei Software, sondern bringt mit der MIA Watch eigene Hardware ins Spiel. Die Smartwatch für Senior*innen soll Stürze erkennen und sofort einen aktiven Sprachdialog führen. Eine Gratwanderung: Reines Assistenz-System oder medizinisches Gerät mit komplexer Zertifizierungspflicht (MDR)?
Prof. Dr. Thomas Fuchs, Co-Founder und Aufsichtsrat für den Bereich Health Care, ordnet das rechtlich eindeutig ein: „MIA Protect ist ein Teil der holistischen KI-Plattform, die mit verschiedenen Health Watches wie z.B. auch der Apple Watch kompatibel ist. Sie ist ein Assistenz- und Companion-System.“ Die Hardware erkenne Stürze, ersetze aber „keine ärztliche Untersuchung oder medizinische Entscheidung“. Um Geschwindigkeit und Nutzer*innenfreundlichkeit zu wahren, bewege man sich „bewusst außerhalb der Medizinprodukt-Zertifizierung (MDR), ohne den Sicherheitsrahmen zu verlassen“.
Ein mehrstufiges Sicherheitsnetz aus Sensorik, KI-Algorithmen und menschlichem Service-Team federt Fehlinterpretationen ab. Haftungsfragen sind laut Fuchs über klare Nutzungsbedingungen geregelt. Für den Mediziner steht ohnehin der „Companion Aspekt“ im Vordergrund: Nach einem Sturz, wenn Patient*innen hilflos am Boden liegen, alarmiere MIA in einer Kaskade Notfallkontakte und beruhige das Unfallopfer, bis Hilfe eintrifft. „MIA Protect soll an diesem Punkt Sicherheit und damit Lebensqualität geben, vielleicht sogar die Möglichkeit schaffen für Senioren, länger selbstbestimmt in ihrem Zuhause zu leben“, resümiert Fuchs.
Pflegeheim und Luxushotel: (K)ein operativer Widerspruch?
Das vielleicht Spannendste an HoloLogix.AI ist das Personal: Salim Sahi hat sich politische und ethische Schwergewichte in den Aufsichtsrat geholt. Darunter Dr. Marcel Klinge, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter und Tourismus-Experte. Er muss Investor*innen den Spagat erklären, warum ein Start-up gleichzeitig Pflegeheime und Luxushotels digitalisieren will – was oft als Warnsignal für operative Verzettelung gilt.
Dr. Marcel Klinge sieht darin jedoch keinen Widerspruch, sondern die Stärke der technischen Basis: „Der gemeinsame Nenner liegt im Kern: Unsere holistische KI-Infrastruktur kann über das Telefon Gespräche führen, kann aber auch über die Website, Health Watches und Devices und direkt im Gespräch Aufgaben ausführen.“ Das Backend orchestriere lediglich Termin-Slots, Daten und Anfragen in Hochgeschwindigkeit. Dabei spiele es schlichtweg keine Rolle, „ob der Kunde Patient in einem Pflegeheim oder Gast in einem Luxushotel ist.“
Wenn die KI-Vision auf den deutschen Fax-Alltag trifft
Ein Blick auf die Website verrät große Visionen, doch diese müssen sich im harten Alltag deutscher IT-Infrastrukturen und oft veralteter Praxis-Server beweisen. Zudem ist die Frage des Datenschutzes elementar: Nutzt das Unternehmen US-amerikanische Sprachmodelle via API, oder hostet man eigene „Sovereign AI“ in Europa?
Für Prof. Dr. Thomas Fuchs sind Datenschutz und Systemintegration absolute Kernpunkte. Um digitale Souveränität zu wahren, setzt das Unternehmen auf einen hybriden Weg: „Wir orchestrieren auf die gängigen sowie auf eigene Modelle auf deutschen Servern, die in Europa bereits genutzt werden.“ Laut Fuchs verlässt man sich dabei nicht nur auf das Versprechen von Sicherheit, sondern arbeitet seit der ersten Stunde eng mit dem renommierten Fraunhofer-Institut zusammen und lässt die eigene Infrastruktur „regelmäßig durch deren Experten prüfen“. Das bloße Versprechen von Sicherheit reicht HoloLogix.AI dabei nicht.
Mehr als nur ein GPT-Wrapper?
HoloLogix.AI ist eine der vielleicht ambitioniertesten Gründungen des Jahres. Technologisch muss es beweisen, dass es mehr ist als ein „GPT-Wrapper“ mit Smartwatch. Aber die Kombination aus Sahis Exekutiv-Erfahrung, Klinges Netzwerk und Fuchs‘ ethischem Korrektiv macht es zu einem spannenden Herausforderer. Wenn die Uhr im Alltag für Sicherheit sorgt – und die KI den deutschen Datenschutz überlebt – könnte aus Berlin der nächste europäische Champion kommen.
VESTIO: Wenn ein Solar-Entrepreneur auf einen Stil-Rebellen trifft
Die Geschichte der jungen FashionTech-App VESTIO ist zugleich die zweier Gründer, die sich in einem gemeinsamen Ziel treffen: Die Demokratisierung von gutem Stil durch algorithmische Logik.
Hinter der FashionTech-App VESTIO steht die im Jahr 2024 von Bastian Arend und Justus Hansen gegründete Opus Stilberater GmbH, die den Anspruch erhebt, professionelle Stilberatung erstmals digital, logisch und kostenlos zugänglich zu machen.
Der „Solar-Entrepreneur“ trifft den Stil-Rebell
Die persönlichen Hintergründe der Gründer bieten spannende Kontraste, die weit über ein übliches Business-Profil hinausgehen. Bastian Arend, Co-Founder und CEO, kam über die Energiewende zur Mode. Als Seriengründer baute er den Online-Solar-Anbieter Klarsolar auf und verkaufte ihn im Dezember 2023 erfolgreich an den Energiekonzern E.ON. Die Übernahme erfolgte in einer für die Solarbranche schwierigen Marktphase, was Bastian Arend als Krisen-erprobten Strategen auszeichnet.
VESTIO entwickelte er 2024 jedoch aus einem ganz persönlichen „Pain Point“ heraus: Während er internationale Millionen-Finanzierungsrunden leitete, bestand sein eigener Stil mangels Zeit lediglich aus Hoodie, Jeans und Sneakern. „Ich wollte nur jemanden, der für mich einkauft“, erinnert er sich an diese Phase. Seine Abneigung gegen zeitraubendes Shopping führte ihn schließlich zu Justus Hansen.
Justus Hansen, Co-Founder und Chief Styling Officer, bringt eine Biografie ein, in der Mode schon immer eine zentrale Rolle spielte. Sein Gespür für klassische Mode ist tief verwurzelt: Justus Hansen trug bereits im Kindergarten eine Fliege und provozierte später Lehrer, indem er im Sakko zum Unterricht erschien. Bevor er mit über 1,6 Millionen Follower*innen zu einem der bekanntesten Männerstilberater Deutschlands aufstieg, studierte er Jura und absolvierte Praktika im Bankensektor, unter anderem bei der Dresdner Bank.
Diese Erfahrungen schärften seinen Blick für die Anforderungen moderner „Business-Garderoben“. Als Arend ihn fragte, ob er für ihn einkaufen könne, antwortete Justus Hansen bestimmt: „Einfach irgendwas kaufen? Nein. Ich muss verstehen, wer du bist.“ Bastian Arend begriff Hansens modulare Styling-Methode sofort als logisches System und schlug vor: „Wir sollten deine Methode digitalisieren und kostenlos für jeden Mann zugänglich machen.“ Für Justus Hansen wurde damit ein „Lebenstraum“ wahr.
Das Konzept: „Weniger Teile, mehr Outfits“
Das Herzstück der App bildet ein algorithmisches Styling-System, das strikt dem Leitsatz „Weniger Teile. Mehr Outfits“ folgt. In nur drei Minuten erstellt ein Stilfinder-Fragebogen eine persönliche Grundgarderobe. Der digitale Kleiderschrank funktioniert dabei bewusst ohne das mühsame Hochladen von Fotos; das System kennt die wichtigsten Basics, erkennt Lücken und empfiehlt gezielt Ergänzungen. Justus Hansen betont dabei die Wichtigkeit der Basis: „Die wenigsten Männer besitzen eine echte Basisgarderobe. Und das ist die Grundlage, aus der ihre besten Outfits entstehen.“
Ziel ist es, automatisch kombinierbare Outfits für alle Anlässe zu generieren. Dabei verfolgen die Gründer eine klare ästhetische Linie: „Outfits müssen nicht kompliziert sein, um zu wirken. Sie brauchen lediglich eine klar erkennbare Linie“, so Hansen. Bastian Arend ergänzt: „Die besten Outfits für Männer sind nicht kompliziert, sondern harmonisch und durchdacht.“
Das Affiliate-Dilemma: Geschäftsmodell im kritischen Check
Wirtschaftlich operiert VESTIO über ein Affiliate-Modell. Die App ist für Nutzer kostenlos, während das Unternehmen Provisionen von Partner-Anbietern bei einem erfolgreichen Kauf erhält. Hier liegt für den kritischen Betrachter ein interessanter systemischer Interessenkonflikt: Das erklärte Ziel „Weniger Konsum – bessere Entscheidungen“ steht ökonomisch potenziell im Widerspruch zu einem Modell, das von Transaktionen lebt. Zudem stellt sich die Frage der langfristigen Nutzerbindung: Sobald ein Mann seine „perfekte Garderobe“ aufgebaut hat, sinkt der Bedarf für weitere Anschaffungen. Dass das Unternehmen dennoch auf Wachstum setzt, zeigt die Erhöhung des Stammkapitals auf knapp 30.000 Euro im September 2025. Langfristig plant VESTIO die Integration eines Marktplatzes, der Partnerprodukte und eigene Kollektionen vereint, um basierend auf Daten den größten Mehrwert zu liefern.
Marktpositionierung und technologischer Vorsprung
Im Vergleich zum Wettbewerb besetzt VESTIO eine spezifische Nische. Während Curated-Shopping-Anbieter (z.B. Outfittery) auf den Versand physischer Boxen setzen, bleibt VESTIO ein rein digitaler Guide, der dem Nutzer die volle Freiheit bei der Wahl des Händlers überlässt. Andere Styling-Apps verlangen oft zeitintensive Foto-Inventuren, während VESTIO auf logische Kombinationen setzt.
Das Risiko bleibt jedoch die Abhängigkeit von der Personal Brand Justus Hansens. Letztlich ist VESTIO der Versuch, Mode so effizient wie eine Prozessoptimierung zu gestalten – oder wie Bastian Arend es formuliert: „Viele Männer haben mehr Kleidung als Stil. Vestio ändert das.“ Mit dem Aufbau der App wolle man Männern „genau diese Arbeit abnehmen“, damit sie sich ultimativ „besser fühlen“ können.
Rouge: Vom Tabu zum Geschäftsmodell
Die Menstruation ist ein Milliardenmarkt – und dennoch oft unsichtbar. Das von Tina Frey und Patrick Gsell gegründete Start-up Rouge bricht mit diesem Muster. Was Ende 2022 als Vision in der Schweiz begann, hat sich durch geschickte Positionierung und Expansion nach Deutschland zu einem ernstzunehmenden Player im FemTech-Bereich entwickelt.
Die Grundidee von Rouge ist so simpel wie strategisch klug: Statt die Menstruation zu verstecken, wird sie zum sichtbaren Lifestyle-Element. „Mich hat fasziniert, wie sehr die Menstruation unseren Alltag beeinflusst und wie konsequent wir trotzdem darüber schweigen“, erklärt Mitgründerin Tina Frey. „Bald wurde mir klar: Das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Dass dieser Ansatz einen Nerv trifft, zeigt der rasche Aufstieg des Unternehmens. Durch gezielte Medienarbeit gelang es dem Team, das Thema aus der Nische in den Mainstream zu heben – Tina Frey positioniert sich dabei konsequent nicht nur als Unternehmerin, sondern als Expertin für Frauengesundheit.
Differenzierung im "Red Ocean"
Im Zentrum der Marke steht der Rouge-Drink, ein Pulver-Supplement mit Eisen, Vitamin B12 und Granatapfel. Doch der eigentliche USP liegt nicht in den Inhaltsstoffen, sondern in der Inszenierung. Die transparente Flasche mit der roten Flüssigkeit fungiert als bewusstes „Statement-Piece“.
Hier gelingt dem Start-up ein entscheidender Schachzug im wachsenden Markt für Zyklusgesundheit: Während Wettbewerber wie FEMNA oder MYLILY auf funktionale Nahrungsergänzung in diskreter Kapselform setzen, inszeniert Rouge die Einnahme als genussvollen Wellness-Moment. Gleichzeitig emanzipiert sich das Duo von den „lauten“ Tabubrechern der Branche wie The Female Company: Rouge setzt weniger auf Provokation durch Hygieneartikel, sondern transformiert die Linderung von Regelbeschwerden von einer medizinischen Notwendigkeit in eine „ästhetische Selbstverständlichkeit“.
„Sichtbarkeit verändert Verhalten“, so Tina Frey. „Die Flasche macht den Zyklus im Alltag sichtbar und löst Gespräche aus. Noch wichtiger: Viele Frauen erleben dadurch eine neue Selbstverständlichkeit und mehr Selbstbewusstsein.“ Dieser Social-Impact-Gedanke ist fest im Geschäftsmodell verankert: Ein Teil der Erlöse fließt in Aufklärungsprojekte. „Sozialer Impact ist kein Marketing-Trick, sondern eine Notwendigkeit“, ergänzt Co-Founder Patrick Gsell. „Gleichzeitig braucht es wirtschaftliche Stabilität, um langfristig bestehen zu können.“
Diverse Kompetenzen als Wachstumstreiber
Hinter der Marke steht ein komplementäres Gründungs-Duo. Tina Frey bringt als Marketing-Expertin das kommunikative Rüstzeug mit, während Patrick Gsell – seit über 20 Jahren Geschäftsführer eines Softwareunternehmens – die strategische Struktur und Skalierungserfahrung liefert. Patrick Gsell, der 2022 den Bund-Essay-Preis gewann, liefert zudem den intellektuellen Unterbau. „Die Hälfte der Menschheit erlebt die Menstruation. Trotzdem betrifft sie die ganze Gesellschaft und nicht zuletzt das Verständnis zwischen Mann und Frau. Genau deshalb finde ich es so spannend, mit Rouge am Anfang eines gesellschaftlichen Wandels zu stehen“, so Patrick Gsell.
Expansion mit lokaler Strategie
Nach der Etablierung auf dem Schweizer Heimatmarkt erreichte Rouge im Herbst 2025 den nächsten Meilenstein: den Markteintritt in Deutschland. Anders als bei reinen Export-Modellen setzt das Start-up hierbei auf lokale Strukturen und Partner vor Ort. „Der deutsche Markt bietet großes Potenzial, aber jede Gesellschaft tickt anders“, begründet Tina Frey den Schritt. Das Ziel bleibt grenzüberschreitend gleich: Die Menstruation soll kein Nischenthema bleiben, sondern als normaler Teil der weiblichen Gesundheit akzeptiert werden – sichtbar gemacht durch eine rote Flasche, die den Dialog eröffnet.
Comeback in der Energiebranche: Ex-Yello-Chef Peter Vest fordert mit neuem Modell den Strommarkt heraus
Mit STARQstrom ist zum Jahresanfang ein neuer Player in den Energiemarkt eingetreten. Das Hamburger Start-up setzt auf ein prominentes Gründer-Duo und ein Modell, das den klassischen Börsenhandel umgehen will. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf dem Preis, sondern auf den wachsenden ESG-Nachweispflichten des Mittelstands.
In der deutschen Energielandschaft meldet sich ein bekanntes Gesicht zurück: Dr. Peter Vest, der ehemalige Geschäftsführer von Yello Strom, hat gemeinsam mit Fabio Griemens zum 1. Januar 2026 den neuen Energieversorger STARQstrom gelauncht. Während Vest die Branchenerfahrung aus der Konzernwelt mitbringt, kommt Co-Gründer Griemens aus der Tech- und Skalierungsecke, mit Stationen im Management von LinkedIn und FREENOW.
Das Duo tritt an, um die Wertschöpfungskette der Stromversorgung zu straffen. Das Kernversprechen des neuen Anbieters liegt in der sogenannten „Direktvermarktung“. Anstatt den erzeugten Strom über die Strombörse zu handeln – wo er oft anonymisiert und wieder zurückgekauft wird –, setzt das Startup auf eine direkte Verzahnung von Erzeugung und Belieferung.
Umgehung der „Doppelschleife“
Das Geschäftsmodell zielt darauf ab, Handelsstufen zu eliminieren. Laut Peter Vest vermeidet das Unternehmen die übliche „Doppelschleife“ über die Börse, bei der Energie zunächst vermarktet und später für die Belieferung wieder beschafft wird. Stattdessen nutzt STARQstrom Energie aus eigenen PV- und Windparks sowie den direkten Einkauf, um sie ohne Umwege an die Endkunden zu bringen.
Diese Strategie soll vor allem Preistransparenz schaffen und die Volatilität abfedern. Im ersten Betriebsmonat nach dem Start im Januar 2026 konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits rund drei Millionen Kilowattstunden (kWh) Grünstrom absetzen.
ESG-Pflichten als Wachstumstreiber
Obwohl das Angebot auch Privatkunden offensteht, visiert das Startup strategisch vor allem den energieintensiven Mittelstand an. Hier identifizieren die Gründer ein drängendes Problem jenseits der reinen Kosten: die bürokratischen Anforderungen der Energiewende.
Unternehmen stehen zunehmend unter Druck, im Rahmen von ESG-Berichtspflichten (Environment, Social, Governance) und Audits die Herkunft ihrer Energie lückenlos nachzuweisen. „Wer heute Strom einkauft, schaut nicht nur auf den Preis, sondern genauso auf Herkunft und Nachweislogik“, erklärt Mitgründer Fabio Griemens die Marktlücke. Da der Strom aus definierten Anlagen in Deutschland stammt und nicht als Graustrom über die Börse fließt, können Herkunftsnachweise für jede Kilowattstunde direkt bereitgestellt werden, was die Compliance-Prozesse für Firmenkunden vereinfachen soll.
Ambitionierte Skalierungsziele
Die Ziele für die Anlaufphase sind sportlich gesteckt. Für das laufende Geschäftsjahr 2026 plant das Hamburger Unternehmen mit einem Volumen von rund 500 GWh im eigenen Bilanzkreis. Gedeckt wird dieser Bedarf durch einen Mix aus PV- und Onshore-Windanlagen, wobei bei Spitzenlasten ergänzend auf Börsenbeschaffung zurückgegriffen werden kann.
Mittelfristig zielt das Gründer-Duo auf den Massenmarkt: Bis Ende 2027 soll rechnerisch eine Menge an Erneuerbarer Energie bereitgestellt werden, die der Versorgung von einer Million Haushalte entspricht. Ob das Modell der direkten Vermarktung angesichts des volatilen Erzeugungsprofils erneuerbarer Energien auch bei dieser Skalierung die versprochene Planungssicherheit halten kann, wird die Marktentwicklung in den kommenden zwei Jahren zeigen.
Dr. Peter Vest und Fabio Griemens werden ihr Konzept dem Fachpublikum erstmals auf der E-World im Februar vorstellen.
Europa kann KI!
Was wir von den besten EU-AI-Companies lernen können, erläutert KI-Experte Fabian Westerheide.
Europa muss sich bei KI nicht kleinreden. Wir sehen gerade sehr deutlich: Aus Europa heraus entstehen Unternehmen, die Kategorien besetzen – und dann auch das große Kapital anziehen. Beispiele gibt es genug: Mistral AI, DeepL, Black Forest Labs, Parloa, Helsing, Lovable oder n8n.
Ich schreibe das aus drei Blickwinkeln: als Investor (AI.FUND), als Konferenz-Initiator (Rise of AI Conference) und als Autor von „Die KI-Nation“. Was du hier bekommst, ist kein „Europa-hat-ein-Problem“-Essay – sondern eine Analyse plus ein Execution-Set an Empfehlungen, das du direkt auf dein Start-up übertragen kannst.
Die Realität: Seed geht oft – Scale ist das Spiel
Am Anfang brauchst du selten „zu viel“ Geld. MVP, erste Kunden, Iteration: Das klappt in Deutschland in vielen Fällen mit Seed. Die echte Trennlinie kommt später – wenn du aus einem starken Start-up einen Kategorie-Gewinner bauen willst.
Denn KI ist zunehmend Winner-takes-most. Und das gilt auch fürs Kapital: In vielen Fällen ist die Growth-Finanzierung in den USA grob 25-mal größer – bei den aktuellen Front-Runnern (Modelle, Infrastruktur, Distribution) wirkt es teilweise wie 100-mal, weil Kapital sich auf die vermuteten Sieger stapelt. (Nicht „fair“, aber Marktmechanik.)
Die gute Nachricht: Genau die EU-Vorbilder oben zeigen, dass du das nicht wegdiskutieren musst – du musst es exekutieren.
Was die EU-Winner gemeinsam haben: 6 Execution-Prinzipien
1. Starkes Gründerteam – aber vor allem: vollständig
Alle genannten Vorbilder hatten (oder bauten sehr schnell) ein Team, das drei Dinge gleichzeitig kann:
- Tech & Produkt (nicht nur „Model-IQ“, sondern Produktgeschmack)
- Go-to-Market (Vertrieb, Buyer-Verständnis, Pricing)
- Tempo (entscheiden, shippen, lernen)
Wenn eine Säule fehlt, zahlst du später mit Zeit. Und Zeit ist in KI eine Währung, die dir niemand schenkt.
Founder-Move: Benenne eine Person, die Umsatz genauso hart verantwortet wie Modellqualität. Wenn das „später“ ist, ist das sehr wahrscheinlich dein Bottleneck.
2. Global denken – aber spitz: KI-Nische statt Bauchladen
Die EU-Winner sind nicht „KI für alles“. Sie besetzen klare Nischen:
Language-AI (DeepL), Customer-Experience-Agents (Parloa), GenAI-Modelle (Black Forest Labs), Defence-Tech (Helsing), Builder/Vibe-Coding (Lovable), Orchestration & Automation (n8n), Foundation-Model-Ambition (Mistral).
Founder-Move: Formuliere deinen Claim so, dass er in einem Satz sagt, welche Kategorie du dominierst. Wenn du drei Absätze brauchst, bist du noch zu breit.
3. Umsatz ist keine Nebenwirkung – Umsatz ist Souveränität
Der schnellste Weg zu Growth-Capital ist nicht „noch ein Pilot“, sondern Revenue, der deine Kategorie glaubwürdig macht.
Parloa kommuniziert z.B. ARR > 50 Mio. USD und wächst international – genau die Art Signal, die große Runden freischaltet.
Founder-Move (gegen Pilotitis): Kein PoC ohne schriftlichen Pfad in einen Vertrag (Budget, KPI, Entscheidungstermin). Sonst finanzierst du mit deiner Runway den Lernprozess des Kunden.
4. Internationales Kapital früh anbahnen – bevor du es brauchst
Das Muster ist klar: Erst Kategorie-Story + Traktion, dann große Checks.
Mistral (Series C 1,7 Mrd. €) oder Lovable (330 Mio. USD bei 6,6 Mrd. Bewertung) sind kein „Glück“ – das ist Momentum + Positionierung + Timing.
Founder-Move (90-Tage-Plan):
- Baue eine Capital Map deiner Nische (wer zahlt Growth-Checks?)
- Definiere die drei Metriken, die diese Investor:innen sehen wollen
- Organisiere zehn Intros jetzt, nicht erst bei sechs Monaten Runway
5. Compute ist keine IT-Zeile – es ist ein Wachstumshebel
In KI ist Compute Teil deiner Wettbewerbsfähigkeit. Geschwindigkeit beim Trainieren, Testen und Deployen entscheidet, wie schnell du am Markt lernst.
Founder-Move: Plane Compute-Runway wie Cash-Runway. Verhandle früh Kontingente, bevor dein Verbrauch explodiert – sonst wird Wachstum plötzlich zur Margen-Frage.
6. Trust & Compliance als Verkaufsargument – nicht als Ausrede
Gerade in DACH gilt: Wer secure, audit-fähig, enterprise-ready wirklich liefern kann, gewinnt Deals.
DeepL betont genau diesen Business-Wert: verlässliche, sichere Lösungen statt Hype.
Founder-Move: Baue Trust-Artefakte früh – Dokumentation, Governance, Datenflüsse, Rollen, Audit-Spuren. Das beschleunigt Enterprise-Vertrieb, statt ihn zu bremsen.
Kurz-Checkliste: Wenn du in Europa KI gewinnen willst
- Kategorie in einem Satz (spitze Nische, globaler Anspruch)
- Klarer Revenue-Pfad (weniger Piloten, mehr Verträge)
- Capital Map (international früh andocken)
- Compute-Runway (wie Cash planen)
- Trust by Design (verkaufsfähig machen)
- Tempo als Kultur (shippen, messen, nachschärfen)
Europa kann KI. Die Frage ist nicht, ob hier Talent existiert – das ist bewiesen.
Die Frage ist, ob du Execution so aufsetzt, dass aus Talent Marktführerschaft wird.
Der Autor Fabian Westerheide gestaltet als KI-Vordenker, Investor, Ökosystem-Pionier und Keynote Speaker seit über einem Jahrzehnt die Debatte um KI, Macht und digitale Zukunft mit.
Diese 10 Start-ups bauen an der Zukunft der AgriFood-Branche
Die deutsche Start-up-Landschaft verzeichnete 2025 ein Rekordhoch bei Neugründungen. Doch gerade im AgriFood-Sektor ist der Weg vom Prototyp zum Marktführer steinig. Kapitalintensive Hardware und strenge Regulatorik bremsen viele aus. Der Growth Alliance Accelerator zeigt, wie Gründer*innen diese Hürden überspringen – und präsentiert zehn Akteure, die auf der Erfolgsspur sind.
Es ist ein Paradoxon: Die Nachfrage nach nachhaltigen Lebensmitteln und effizienter Landwirtschaft ist so hoch wie nie, doch für Gründer*innen und junge Unternehmen in der AgriFood-Branche bleibt der Markteintritt ein Hürdenlauf. Während Software-Start-ups oft mit geringem Kapital skalieren, kämpfen Food- und AgTech-Pioniere mit der „Hardware-Falle“. Sie benötigen teure Produktionsanlagen, Labore und müssen langwierige Zulassungsverfahren (z.B. Novel-Food-Verordnung) durchlaufen.
Dennoch ist die Branche im Aufwind: Laut dem Deutschen Startup Monitor und aktuellen Zahlen des Startup-Verbands stiegen die Gründungszahlen 2025 um beachtliche 29 Prozent. Das Kapital ist da, doch es fließt selektiv. Investor*innen suchen heute keine reinen Ideen mehr, sondern validierte Geschäftsmodelle mit technologischem Tiefgang (DeepTech). Genau hier setzte das Finale des Growth Alliance Accelerator 2025 am 28. Januar 2026 in Frankfurt/Main an.
Brückenschlag zwischen Acker und Finanzwelt
Initiiert vom TechQuartier und der Landwirtschaftlichen Rentenbank, hat sich der Accelerator als Schmiede für die „Scale-up“-Phase etabliert. Vier Monate lang wurden zehn Start-ups, die bereits eine Nutzer*innenbasis vorweisen konnten, fit für die nächste Finanzierungsrunde gemacht.
Das Programm adressierte genau die Pain Points der Branche: Verhandlungstaktik, Rechtsfragen und vor allem den Zugang zu Kapital. Ein Highlight war das Investor Dinner im November 2025, bei dem die Gründer*innen direkten Zugang zu Risikokapitalgeber*innen erhielten – in der aktuellen Marktphase ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Die „Class of 2025“: Wer die Transformation treibt
Die zehn Absolvent*innen decken die gesamte Wertschöpfungskette ab – vom Boden über das Labor bis zum Supermarktregal. Hier ein Blick auf die Köpfe hinter den Innovationen:
1. High-Tech auf dem Acker: Robotik und Daten
Die Digitalisierung der Landwirtschaft (Smart Farming) ist der stärkste Hebel für mehr Effizienz.
Paltech GmbH
Die Brüder Felix und Florian Schiegg gründeten 2022 Paltech zusammen mit Jorge Decombe im Allgäu. Ihr autonomer Roboter für chemiefreie Unkrautbekämpfung im Grünland ist eine Antwort auf strengere Pestizid-Gesetze und Personalmangel.
Bacchus Software GmbH
Das 2023 gegründete Start-up bacchus Weinbau-Software um das Trio Maximilian Dick, Julian Herrlich und Philipp Bletzer digitalisiert den Weinbau. Ihre Software ersetzt das händische Fahrtenbuch und koordiniert die komplette Weinbergsarbeit.
Agrario Energy
Die Energiewende macht Landwirt*innen zu Energiewirt*innen. Seit 2023 bieten die Gründer Alexander von Breitenbach und Chris Weber mit Agrario Energy eine unabhängige Vergleichsplattform, die Flächeneigentümer mit Betreiber*innen von Erneuerbare-Energien-Anlagen zusammenbringt.
2. Deep Tech & Sicherheit: Das Labor als Wächter
Lebensmittelsicherheit wird durch globale Lieferketten immer komplexer. Hier setzen wissenschaftsbasierte Ausgründungen an.
NanoStruct GmbH
NanoStruct wurde 2021 als Spin-off der Universität Würzburg gegründet. Das Team nutzt Nanotechnologie, um gefährliche Bakterien in Lebensmitteln in Minuten statt Tagen aufzuspüren.
SAFIA Technologies
Gegründet 2020 von Timm Schwaar (aus der Bundesanstalt für Materialforschung), entwickelt das Berliner Start-up SAFIA Technologies Schnelltests für Mykotoxine (Schimmelpilzgifte). Ihre Technologie ermöglicht Laborqualität im Schnelltest-Format.
Landman.Bio
Das noch junge Unternehmen (Gründung 2023) Landman.Bio nutzt Bakteriophagen (Viren, die Bakterien fressen) als natürliche Waffe gegen Pflanzenkrankheiten – eine dringend benötigte Alternative zu Antibiotika und klassischen Pestiziden in der Nutzpflanzenzucht.
3. Sustainability & Climate: Kohlenstoff als Währung
CO2-Tracking ist kein Marketing-Gimmick mehr, sondern ökonomische Notwendigkeit.
CinSOIL
Das 2024 in Berlin gegründete CinSOIL-Team um Dr. Giorgi Shuradze, Dr. Antonella Succurro und Dr. Tavseef Shah kommt aus der Wissenschaft. Ihr KI-Tool nutzt Satellitendaten, um Bodenkohlenstoff zu erfassen. Das ermöglicht Agrarunternehmen, Dekarbonisierung nicht nur zu behaupten, sondern zu beweisen.
Niatsu
Gegründet 2023 von Marius Semm und Jakob Tresch in Zürich, adressiert Niatsu die Lebensmittelindustrie. Ihre Software berechnet den Product Carbon Footprint (PCF) automatisiert und kostengünstig, was gerade für den Mittelstand entscheidend ist.
4. Future Food
Was wir morgen essen (und trinken).
VANOZZA
Eines der etabliertesten Start-ups der Runde. Gegründet 2019 von Nico Hansen in Hamburg, hat sich Vanozza mit fermentierten Käsealternativen auf Cashew-Basis einen Namen gemacht und arbeitet nun an der „zweiten Generation“ ihrer Produkte.
food42morrow/JUMA
Die Frankfurter Gründer Raoul und Max Kammann sowie Carlos Lopez Granado gründeten die GmbH bereits 2020 und brachten 2022 ihre Marke JUMA (Tee-Eistees auf Guayusa-Basis) auf den Markt. Sie bedienen den Trend zu „Functional Food“.
Fazit
Die AgriFood-Start-ups des Abschlussjahrgangs des Growth Alliance Accelerators 2025 haben die Phase der reinen Ideen-Findung bereits eindrucksvoll gemeistert. Jetzt geht es um Skalierung, industrielle Anwendung und messbaren Impact. Programme wie die Growth Alliance sind dabei der Katalysator, der wissenschaftliche Exzellenz mit dem nötigen Geschäftssinn verbindet.
KI als neuer Ort für Kaufentscheidungen
Das Start-up publuence.ai zeigt am Beispiel der Automobilbranche, wie Marken in generativen KI-Antworten sichtbar werden und warum das zum neuen Erfolgsfaktor wird.
2025 haben wir euch das Start-up publuence.ai von Cevahir Ejder als "Gründer*in der Woche" präsentiert. Publuence.ai ist eine SaaS-Lösung für AI Search Analytics für Marken, die täglich analysiert, wie sichtbar Marken in generativen KI-Antworten sind: bei welchen Fragen erscheinen sie, wie werden sie erwähnt und welche Inhalte sowie Quellen beeinflussen die Antworten. Da die KI-Sichtbarkeit zunehmend darüber entscheidet, ob eine Marke in der engeren Auswahl der Konsumenten stattfindet, sind die Ergebnisse für Unternehmen strategisch sehr relevant.
Beispiel Automobilbrache: KI wird zum Verkaufsberater, Chatfenster zum Showroom
Während Marketing- und Kommunikationsbudgets weiterhin nach klassischen Logiken verteilt werden, fällt ein entscheidender Teil der Markenbildung inzwischen außerhalb des Mediaplans: KI-Systeme beantworten Kauf- und Vergleichsfragen oft lange bevor Kampagnen greifen. Anhand der Automobilbranche etwa, in der Marken wie Volkswagen für eine ganze Industrie stehen, zeigt sich, dass sich Sichtbarkeit im KI-Dialog zum neuen Machtfaktor entwickelt. Sie entscheidet zunehmend darüber, welche Hersteller überhaupt in die engere Auswahl kommen.
Was früher im Autohaus oder auf Herstellerwebsites stattfand, spielt sich heute in KI-gestützten Beratungsgesprächen ab. Nutzer*innen stellen dort Fragen wie: „Welche E-Autos sind familienfreundlich?“ „Wie gut ist die Reichweite im Winter?“ „Welche Modelle laden am schnellsten?“
In der Initialanalyse erzielt beispielsweise VW im Themenbereich E-Autos – je nach Fragestellung bzw. Prompt – Sichtbarkeitswerte zwischen 20 und 88 Prozent. Damit prägen die Antworten frühzeitig das Bild, das Konsument*innen von der Marke haben. Wer dort nicht vorkommt beziehungsweise seine Mehrwerte nicht sichtbar macht, wird in der Entscheidungsfindung schlicht nicht berücksichtigt.
Tesla und Hyundai vorn, VW im Mittelfeld
Das aktuelle Wettbewerbsranking der führenden Automobilhersteller – basierend auf 30 relevanten KI-Prompts rund um das Thema Elektromobilität – zeigt, wie präsent die einzelnen Marken im neuen digitalen Beratungsraum sind. Mit knapp 64 Prozent Sichtbarkeit führt Tesla klar und profitiert von seiner technologischen Positionierung sowie einer starken Medienpräsenz. Überraschend landet Hyundai insbesondere im E-Auto-Segment mit mehr als 58 Prozent dahinter. Volkswagen erreicht solide, aber deutlich ausbaufähige 51 Prozent.
Doch es geht nicht nur um Quantität, die Analyse zeigt auch, wo das Bild der Marken ins Wanken gerät. Im Fall von VW sind es vor allem Themen wie Winterreichweite, Ladeinfrastruktur und Schnellladekosten, die negative Ausschläge erzeugen. Diese kritischen Inhalte sind es allerdings, die die Markenwahrnehmung und dementsprechend auch die konkreten Kaufentscheidungen beeinflussen.
Die stille Macht der Quellen: Medien, die prägen
Eine zentrale Erkenntnis der Analyse von publuence.ai ist, dass KI-Systeme nicht auf Basis eines objektiven Querschnitts des Internets antworten. Vielmehr orientieren sie sich an bestimmten Medienquellen, deren Inhalte überproportional stark einfließen und so die Darstellung von Marken maßgeblich mitformen. Umso wichtiger ist es für Marken zu verstehen, auf welche Fragen sie reagieren müssen – und über welche vertrauenswürdigen Medien sie in den Wissensraum der KI gelangen.
Dabei zeigen sich je nach Medium erhebliche Unterschiede in der Tonalität. Während focus.de sowie adac.de E-Mobilität eher wohlwollend behandelt, sind andere Portale kritischer. Für Unternehmen bedeutet das: Wer verstehen will, wie KI über die eigene Marke spricht, muss wissen, welche Inhalte sie beeinflussen.
Warum Marken nicht an KI-Monitoring vorbeikommen
Publuence.ai bietet Unternehmen ein strukturiertes, datenbasiertes Werkzeug, um ihre Sichtbarkeit in KI-Systemen wie ChatGPT, Google oder Perplexity zu analysieren und darauf aufbauend gezielt zu steuern. Die Plattform zeigt, welche Fragen zur Marke führen, wie die Antworten ausfallen, welche Medien zugrunde liegen und wo Wettbewerber besser abschneiden.
Besonders wichtig ist die Identifikation von Content- und Sentiment-Gaps. Sie erkennt Themenfelder, in denen eine Marke kaum oder gar nicht auftaucht, obwohl sie dort relevant sein sollte. Gleichzeitig analysiert sie, ob etwas positiv, negativ oder neutral erwähnt wird. Dies macht publuence.ai für Kommunikations-, Marketing- und Markenverantwortliche zum zentralen Steuerungsinstrument. Nur wer versteht, wie KI antwortet, kann Inhalte gezielt darauf anpassen, Medienarbeit datenbasiert ausrichten und so die eigene Markenpräsenz dort stärken, wo die Entscheidungen heute vorbereitet werden.
KI-Sichtbarkeit wird zur Basis für Markterfolg
Cevahir Ejder, Gründer und GF der publuence GmbH, fasst zusammen: „Kaufentscheidungen beginnen heute und auch in Zukunft im Dialog mit KI-Systemen. Marken, die dort nicht auftauchen, sind raus.“ Volkswagen steht dabei stellvertretend für viele Unternehmen, die ihren Fokus noch auf klassische Marketingkanäle legen und den digitalen Showroom der KI bislang kaum berücksichtigen. Ejder warnt: „Wer jetzt nicht handelt, riskiert, neben Reichweitenverlusten, einen tiefgreifenden Bedeutungsverlust im Moment der Entscheidung.“
