Interview: Jetzt alle Fördermaßnahmen nutzen


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Experten-Interview: Welche Hilfen und Fördermaßnahmen junge Unternehmen dringend in Anspruch nehmen sollten, um die aktuelle Krise besser zu meistern.

Dr. Bernd Fischl ist Partner der BFMT Gruppe (www.bfmt.net) und u.a. als zertifizierter Fördermittelberater in den Bereichen Gründung, Wachstum und Krisenmanagement tätig. Er verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Beratungsbereich und hat mehrere hundert Unternehmer und Unternehmen in ganz Deutschland begleitet.

Herr Dr. Fischl, wie schätzen Sie die aktuelle Krise ein? Welche wesentlichen Unterschiede sehen Sie zur Dotcom-Blase 2000 bzw. zur Finanzkrise 2008?

Da gibt es sicherlich einige Unterschiede, aber auch Überschneidungen. Die Dotcom-Blase 2000 war wohl eher verursacht durch die zur damaligen Zeit noch zu hohen Erwartungen an das Internet und die daraus folgenden Enttäuschungen, weil viele Start-ups die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen konnten. In der Krise 2008 war insbesondere die Finanzwirtschaft Auslöser und auch am meisten vom anschließenden Niedergang betroffen. Die aktuelle Krise geht aufgrund des extremen Herunterfahrens vieler geschäft­licher Aktivitäten und der Lahm­legung des öffentlichen Lebens direkt von der Realwirtschaft aus. Experten sprechen hier von einem Nachfrageschock. Die Auswirkungen der ­Corona-Krise sind vermutlich um einiges größer als die Folgen aus der Dotcom-­Blase oder der Finanzkrise 2008.

Ein Problem junger Unternehmen ist es, dass sie weder Rücklagen noch Krisenpläne haben und nun von den äußeren Umständen ge­trieben werden. Was müssen sie jetzt tun, um Schäden abzufedern?

In der aktuellen Situation muss vorab geprüft werden, wie und in welcher Form der Betrieb (soweit zugelassen) fortgeführt werden kann, und wo möglicherweise die Kosten kurzfristig an die rückläufigen oder gar komplett ausbleibenden Umsätze angepasst werden können. Gleichzeitig sollte eine Finanzplanung ggf. mit verschiedenen Szenarien erstellt (bzw. die vorliegende aktualisiert werden), in der u.a. verschiedene Annahmen – wie etwa die Dauer der Krise sowie eventuelle Zusatzkosten – abgebildet sind. Anschließend müssen eine kurz-, eine mittel- und eine langfristige Lösung für die durch die Krise ggf. entstandene Finanzierungslücke erarbeitet werden. Hierzu sind alle Möglichkeiten von Fördermitteln zu prüfen und entsprechend zeitnah zu beantragen. Gleichzeitig ist auch das Gespräch mit der Hausbank zu suchen, um weitere Möglichkeiten der Liquiditätssicherung (z.B. Beantragung von Förderdarlehen, Erweiterung der Kontokorrentlinie, Aussetzung von Tilgungsleistungen etc.) zu prüfen. Bei einer sehr stark reduzierten Eigenkapitalquote oder nicht ausreichend verfüg­baren Fördermitteln und Fremdkapital kann ggf. auch die Aufnahme von Eigenkapital oder Mezzanine-Kapital sinnvoll sein, um damit das Unternehmen mittel- und langfristig stabil aufzustellen.

Welche Erfahrungen haben Sie von Beraterseite mit den staatlichen Nothilfen gesammelt? Funktioniert die Hilfe und kommt das Geld zeitnah an?

Weitestgehend ja. Man muss den zuständigen Stellen sehr zugutehalten, dass in den Regelfällen schnell und unkompliziert geholfen wurde. Das stimmt insbesondere, wenn man das mit den bisherigen Antragsverfahren vergleicht. Meist hat das sehr gut bzw. schnell funktioniert. Trotzdem gibt es auch einzelne Fälle, bei denen sich die Auszahlung über Wochen hinzieht, was für die Unternehmen in einer akuten Liquiditäts­situation sehr bedrohlich sein kann. Abzuwarten bleibt, wie die weitere Abwicklung und ggf. nachgelagerte Prüfungen nach Zuteilung der Förderungen und Soforthilfen erfolgen. Bei einzelnen Hilfsprogrammen gibt es von Bund und Land stetig Anpassungen, teilweise aber auch noch offene Punkte, die zu klären sind.

Welche wichtigen Programme gibt es neben den Soforthilfen?

Neben den aktuell sehr umfangreich beantragten Soforthilfen Corona, die für viele Unternehmen nicht ausreichen, um die entstehenden Lücken zu decken, gibt es noch Kreditprogramme in Form von Sofortkrediten der Förderbanken auf Bundes- und Landesebene, die bei Bedarf zusätzlich beantragt werden können. Unterstützung, um sich bzgl. der Förderungen und Finanzierungen zurecht zu finden oder auch eine belastbare Finanzplanung zu erstellen, erhalten Selbständige und Unternehmen bei zugelassenen BAFA-Beratern. Hier kann von der Corona-Krise betroffenen Unternehmen über die Beratungsförderung bis zu 4000 Euro Beratungsleistung zu 100 Prozent bezuschusst werden (https://­bit.ly/34R0lfx).

Haben Sie Empfehlungen zur bestmöglichen Vorgehensweise, um an weitere Hilfen zu gelangen?

Wichtig ist vorab die Ist-Analyse der eigenen Situation, um sich insgesamt einen Überblick zu verschaffen. Da die meisten Unternehmer nicht zwingend Experten in allen Finanzierungs- und Förderfragen sind, sollte man sich einen kompetenten Berater seines Vertrauens suchen, der bei der Strukturierung der Fördermöglichkeiten unterstützt. Auf diese Art und Weise kann sich der Unternehmer in höherem Ausmaß den strategischen und operativen ­Herausforderungen der Krise stellen. Kein Unternehmen sollte auf diese kostenfreie Unterstützung verzichten.

Welche Maßnahmen zur Unterstützung sind aus Ihrer Sicht darüber hinaus kurz- bzw. mittelfristig noch notwendig?

Von staatlicher Seite wurde im Rahmen der Corona-Krise relativ schnell reagiert, was die Fördermöglichkeiten angeht. Es gibt allerdings einige Fälle, die bei der aktuellen Gestaltung der Förderung durch den Raster fallen. Dies betrifft nicht nur Unternehmen, die in den letzten Jahren eine Restrukturierung bzw. Sanierung erfolgreich abgeschlossen haben und nun durchstarten könnten, sondern auch junge Unternehmen, die sich noch im Wachstum befinden, und deshalb bisher noch keine Gewinne ausweisen. Um volkswirtschaftlichen Schaden zu vermeiden, bleibt zu hoffen, dass für Unternehmen mit positiver Prognose die Lücken in der Förderung noch geschlossen werden. Für Unternehmer bleibt derzeit nur die Möglichkeit, sich umfänglich zu informieren bzw. informieren zu lassen, und zu versuchen, das eigene Geschäftsmodell effektiv und effizient für die Zukunft aufzustellen. Da weder die Dauer noch der Verlauf der Krise genau vorausgesagt werden können, ist es wichtig, nicht in Schockstarre zu verfallen. Es sollten alle bereits genannten Möglichkeiten genutzt werden, um die aktuellen Herausforderungen aktiv anzugehen. Für Unternehmen, die das entsprechend umsetzen, ergibt sich sogar die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Die Corona-Krise birgt somit auch Chancen für junge Unternehmen und für Neugründer?

Krisen wie die Corona-Krise haben sicherlich trotz aller Schwierigkeiten und Probleme auch positive Effekte. Im Allgemeinen führen Krisen dazu, dass Unternehmen gezwungen sind, sich weiterzuentwickeln, sich zu verbessern und sich produktiver aufzustellen. In der Krise können auch neue Vertriebswege auf­gebaut, Arbeitsweisen und Ressourceneinsatz überdacht sowie neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden.Damit kann insgesamt effektiver, effizienter und zukunftsorientierter und somit auch erfolg­reicher gewirtschaftet werden. Die Effekte kommen dann wiederum in Form eines umfangreicheren, besseren oder günstigeren Angebots allen Kunden zugute. Gleichzeitig ergeben sich für neu gegründete Unternehmen Chancen, neue Bedürfnisse und Kundenwünsche zu bedienen und in der anschließenden Erholung zu wachsen. In Krisen steigt zumeist die Arbeits­losigkeit, was wiederum zu einer größeren Zahl an Neugründungen führt. Existenzgründungen sind die Basis für unser wirtschaft­liches Wachstum. Neue Ideen, Dienstleistungen, Produkte und auch Geschäftsmodelle erneuern und modernisieren nicht nur die Struktur unserer Wirtschaft, sondern schaffen auch neue und zukunftsorientierte Arbeitsplätze mit einem größeren Wohlstand für die ganze Gesellschaft. Schon Schumpeter hat schließlich vom Prozess der kreativen Zerstörung gesprochen.

Das Interview führte Hans Luthardt

Zum Weiterlesen: In unserer Online-Rubrik „Corona“ lest ihr – stets aktuell gehalten: Welche Auswirkungen hat die Krise auf unsere Wirtschaft sowie die Start-up- und Innovationsszene? Wie könnt ihr als Gründer und Selbständige bestmöglich darauf reagieren? Wir informieren euch über die Hilfsprogramme, geben Rat, Tipps und spenden Mut. Denn: Zusammen sind wir stärker!

 

 

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