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Step-by-Step zum eigenen Podcast
Von der Planung bis zum Publishing deines Unternehmens-Podcasts: Wir zeigen die wichtigsten Erfolgsfaktoren und größten Fallstricke.
Podcasts haben sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Kommunikationsmedium entwickelt und gewinnen auch als Marketinginstrument im Unternehmenskontext immer mehr an Bedeutung. Sie bieten die Möglichkeit, Wissen und Expertise zu teilen, die Markenbekanntheit zu steigern und nicht zuletzt auch eine tiefere Verbindung zur Zielgruppe sowie zu potenziellen Mitarbeitenden aufzubauen.
Anders als viele Unternehmen glauben, eignen sie sich gerade nicht nur für Endkund*innenthemen, sondern sind gerade auch im B2B-Umfeld und in Branchen mit komplexen, nicht so leicht zu erklärenden Produkten und Dienstleistungen ein gutes Mittel der Kund*innenkommunikation. Nicht zuletzt eröffnet ein Unternehmens-Podcast (im Folgenden kurz Podcast) auch Potenzial beim Employer Branding und kann dazu beitragen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Doch was genau muss vor dem Start der Produktion eines Podcasts bedacht werden? Wie startet man ein solches Format? Und noch viel wichtiger: Wie hält man die Produktion langfristig durch und sorgt mit einer stringenten Vermarktung für organisches Wachstum bei den Hörer*innenzahlen?
Dieser Beitrag gibt einen umfassenden Überblick über die Schritte von der Planung bis zum Publishing und erläutert die Erfolgsfaktoren und Fallstricke.
Konzept und Zielsetzung: Passende Zielgruppenansprache ist entscheidend
Der erste Schritt bei der Erstellung eines Podcasts ist die Konzeptentwicklung und Zielsetzung. Unternehmen müssen in Kooperation mit Marketingleitung und Geschäftsführung festlegen, was sie damit konkret erreichen möchten – sei es die Stärkung der Markenbekanntheit, die Generierung von Leads oder Kund*innenbindung. Und sie sollten, am besten mithilfe entsprechender Personas, definieren, für wen sie das passende Format entwickeln. Eine präzise Zielgruppenanalyse ist hierfür ebenso unerlässlich wie das Verständnis dafür, dass Themen unterschiedlich in Formatwahl, Länge, Tonalität und Zielgruppenansprache angegangen werden können.
Bei der Formatwahl kann eine Mischung aus beispielsweise Interview, Solofolgen und Paneldiskussionen gewählt werden; wichtig ist die jeweils passende Herangehensweise an ein Thema, die das Unternehmen und seine Produkte vorteilhaft und kompetent erscheinen lässt. Nicht zuletzt ist ein einprägsamer und beschreibender Name für den Podcast wichtig, der Einzigartigkeit und Relevanz transportiert und die Marke optimal repräsentiert. Dieser sollte im besten Fall SEO-seitig gut zu bespielen sein.
Gründliche Planung und Vorbereitung sind entscheidend für den Erfolg eines Podcasts, ein Kick-off-Workshop und regelmäßige Themen-Meetings sind hierfür unerlässlich.
Der oder die Verantwortliche sollte eine Aufgabenteilung anstreben, die im Vorfeld Daten für Gästeansprache, Aufnahme, Postproduktion und Marketing sowie Publikation vorsieht – und mit Blick auf Urlaube und andere Abwesenheiten sollte für jedes Gewerk auch ein(e) Vertreter*in benannt sein, der oder die mit den grundlegenden Workflows vertraut ist.
Zunächst sollte eine Themenplanung vorgenommen werden, die mindestens die ersten sechs Monate umfasst, die dann jeweils für drei weitere Monate im Voraus plant und agil angepasst werden kann. Sinnvoll ist es dabei, Unternehmensereignisse wie anstehende Messen und Konferenzen sowie Produktlaunches und Saisonalitäten zu berücksichtigen. Für den Erfolg entscheidend ist aber auch, den Podcast nicht als Zweitverwertung oder Recyclingplattform zu verstehen, sondern „unique“ und exklusive Inhalte primär dafür zu produzieren. Bewährt hat sich in vielen Unternehmen auch die Herangehensweise, ein Thema erst inhaltlich zu entwickeln und in einem zweiten Schritt zu entscheiden, ob es Podcast-tauglich aufbereitet werden kann.
Für jede Podcast-Folge sollte eine klare Struktur und ein zumindest grober Ablauf festgelegt werden, um Konsistenz zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang wird sich übrigens schnell herausstellen, ob die angedachte Frequenz sinnvoll und machbar oder zu ambitioniert ist. Klug ist es, mehrere Episoden im Voraus aufzunehmen, um eine kontinuierliche Veröffentlichung sicherzustellen und auf möglichst verlässliche Veröffentlichungstermine (etwa jeden ersten Freitag im Monat) zu setzen. Ein verbindlicher Veröffentlichungsplan ist wichtig, um regelmäßig neuen Content zu liefern – und weil die Hörer*innen im besten Fall schon auf die neue Folge warten.
Produktion und Technik: Einfache Handhabung und gute Qualität überzeugen
Eine hochwertige Ausrüstung, also gute Mikrofone und Kopfhörer, sowie eine geeignete Aufnahmesoftware und gegebenenfalls ein Mehrspurrecorder sind essenziell für eine hohe Audioqualität. Und die ist vor allem deswegen entscheidend, weil Podcasts meist nah am Ohr gehört werden. Professionelles Equipment ist gar nicht so teuer und komplex in der Handhabung. Bei der Auswahl bieten sich große Musikhändler*innen an, die meist über das nötige Know-how und die Beratungskompetenz rund um Aufnahmetechnik verfügen.
Als Software eignet sich unter anderem das seit Jahren bewährte Freeware-Tool Audacity (für Windows) oder die bei Apple kostenfrei erhältliche Garage Band (für Mac). Diese Tools sind intuitiv in der Handhabung und gerade für den Anfang gut geeignet, weil sie alle fürs Podcasting relevanten Features besitzen. Aufwendigere und teure Schnittprogramme wie Adobe Audition und Reaper sind im Hinblick auf den Funktionsumfang und die Filter einen Blick wert; die Programme Ultraschall und Hindenburg Pro sind speziell auf die Bedürfnisse von Pocaster*innen zugeschnitten.
Wer Remote aufzeichnet, also die Gesprächspartner*innen an unterschiedlichen Orten sitzen hat, sollte im Hinblick auf die Tonqualität nicht auf eine Konferenzsoftware wie Zoom oder Teams setzen – auch weil dann lediglich eine Spur produziert wird, was die Postproduktion erschwert. Dienste wie Zencastr, Riverside.fm, Waveroom oder Studio-Link zeichnen hingegen lokal einzelne Spuren auf und führen diese erst im Nachgang in einer Cloud zusammen. Das erleichtert einerseits die Angleichung der Lautstärke zwischen den einzelnen Sprecher*innen und hilft andererseits bei der Qualitätsoptimierung in der Postproduktion.
Doch Professionalität ist nicht nur bei der Tonqualität, sondern auch bei den Sprecher*innen wichtig. Auch wenn man als Host für einen Podcast keine Sprecher*innenausbildung benötigt und (leichte) Dialektfärbung oder Akzent überhaupt nicht schadet, sollten Moderator*innen und Sprecher*innen auf Atemtechnik, Tempo (nicht zu schnell und nicht ablesen) sowie Aussprache und Satzmelodie achten. Sprechen im aufrechten Stehen schafft mehr stimmliches Volumen und wirkt selbst beim Hören souveräner.
Die Aufnahmeumgebung sollte ruhig und frei von Hintergrundgeräuschen sein, also möglichst wenig ablenkende Rauminformationen haben. Hier sollte auf unauffällige Raumakustik geachtet werden, die sich mithilfe von Akustikabsorbern und Noppenschaumstoffelementen optimieren lässt. Die Produktion eines Podcasts sollte im besten Fall „live on tape“ durchgeführt werden, sodass im Nachgang möglichst wenig geschnitten werden muss und die Dialoge dennoch lebendig wirken. Vorab durchgeführte Tests helfen, die optimale Audioqualität sicherzustellen. In der Bearbeitung sollten Füllwörter und Pausen herausgeschnitten sowie gegebenenfalls Musik und Jingles hinzugefügt werden. Ein einheitliches In- und Outro, das die Marke widerspiegelt, begrüßt und verabschiedet die Zuhörer*innen und sorgt für einen professionellen Rahmen für jede Episode.
Branding und Marketing: Konsistentes Konzept mit Wiedererkennungswert
Ein konsistentes audio-visuelles Konzept ist wichtig für den Wiedererkennungswert des Podcasts. Logos und Designelemente sollten ebenso wie Jingles und Musikelemente auf allen Plattformen einheitlich verwendet werden. Dabei macht es im Hinblick auf Kosten und im Interesse der Professionalität oftmals Sinn, solche dedizierten Teilgewerke an einen professionellen Dienstleister auszulagern, der solche SounddesignElemente regelmäßig erstellt und ein gutes Ergebnis in einem Bruchteil der Zeit hinbekommen wird.
Eine durchdachte Marketingstrategie hilft dabei, den Podcast bekannt zu machen und eine Audience aufzubauen. Für das Marketing eignen sich die bestehenden Social-Media-Präsenzen und Newsletter, aber natürlich auch die Unternehmenswebsite und andere Kanäle. Partnerschaften oder Sponsoring können die Reichweite des Podcasts ebenso erhöhen wie gut vernetzte Mitarbeitende des Unternehmens, die zu Markenbotschafter*innen via LinkedIn und Co. werden. Unternehmen sollten zudem prüfen, ob Kooperationen sinnvoll sind und wie sie am besten umgesetzt werden können.
Distribution und Monitoring: Auf die Community kommt es an
Ein Podcast wird entweder auf jeder Distributionsplattform einzeln hochgeladen oder mithilfe einer Podcast-Hosting-Plattform wie Podigee, Podbean, Letscast.fm oder Spotify for Podcasters bereitgestellt. In diesem Fall fungiert die Hosting-Plattform als Basis und die Podcast-Episoden werden über einen RSS-Feed verteilt, der auf verschiedenen Plattformen wie Spotify oder Apple Podcasts mit einer Feed-Adresse registriert wird.
Unternehmen sollten auf die dort mögliche Community-Pflege achten, also entsprechendes Feedback der Hörer*innen berücksichtigen. Denn Zuhörer*innenfeedback ist wertvoll. Unternehmen sollten aktiv um Rückmeldungen bitten und basierend auf diesem Feedback Anpassungen vornehmen. Analyse-Tools der Podcast-Plattformen helfen, Zuhörer*innenzahlen, Downloads und Engagement zu messen. Links sollten mit Link-Shortening-Anbieter*innen verkürzt und mit UTM-Parametern versehen werden, um den Erfolg besser messen zu können.
Basierend auf den gesammelten Daten und dem Feedback sollten Inhalte, Strategie und Veröffentlichungsplan kontinuierlich angepasst werden, um den Erfolg des Podcasts langfristig zu sichern. Auch wenn Podcasts vor allem von Stammhörer*innen gehört werden, kann die Optimierung der Beschreibungen mit relevanten Keywords die Auffindbarkeit verbessern. Auch die Nutzung von Hashtags kann dabei helfen, eine größere Zielgruppe zu erreichen.
Dennoch sind bei einem Podcast die Hörer*innenzahlen nicht ansatzweise mit denen eines populären Comedy-Formats oder „Laber-Podcasts“ vergleichbar – und die Zahlen im deutschsprachigen Raum aufgrund der Sprachbegrenzung auch nicht mit denen anderer Länder. Achte also darauf, dass du nicht Äpfel mit Birnen vergleichst. Umgekehrt heißt das aber, dass man durchaus auf Best Practice Cases aus vergleichbaren Branchen- und Markenumfeldern schauen kann, um sich beim Handwerkszeug einiges abzuschauen – etwa im Hinblick auf Kooperationen oder Brand Influencer*innen. Im Rahmen des Monitorings zeigt sich auch, welche aktuellen saisonalen Inhalte und Branchenthemen gut funktionieren.
Das Potenzial des Unternehmens-Podcasts nutzen und ausbauen
Podcasts bieten Unternehmen eine wertvolle Möglichkeit, ihre Marke nachhaltig mit Content zu stärken, Wissen zu teilen und eine tiefere Verbindung zur Zielgruppe aufzubauen. Mit einer sorgfältigen Planung, qualitativ hochwertiger Produktion und gezieltem Marketing kann ein Podcast zu einem erfolgreichen Kommunikationsinstrument werden. Doch all das erfordert gerade angesichts der wachsenden Konkurrenz einen langen Atem. Durch kontinuierliches Monitoring und Optimierung lässt sich der Erfolg langfristig sichern und ausbauen, wobei ein(e) externe(r) Berater*in wertvolle Insights bringen kann. Ein gut gemachter Podcast ist somit nicht nur ein Trend, sondern ein nachhaltiges Werkzeug in der modernen Unternehmenskommunikation.
Der Autor Eric Hinzpeter ist Content-Marketing-Experte bei Smarketer. Das Unternehmen ist im Bereich Performance Marketing in der DACH-Region tätig und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung professioneller Strategien für Google Ads und Microsoft Advertising Services.
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Start-up trifft Industrie-Giganten: Wie planqc mit BMW und Infineon die Logistik der Zukunft berechnet
Wenn ein junges Technologie-Unternehmen mit Branchenriesen und der Spitzenforschung an einem Tisch sitzt, lohnt sich ein genauerer Blick. Das Garchinger Start-up planqc zeigt im neuen Forschungsprojekt „QIAPO“, wie der Brückenschlag zwischen hochkomplexer Quantenphysik und handfesten Industrie-Herausforderungen gelingen soll.
Für Gründer*innen im DeepTech-Segment ist es oft die größte Hürde: Wie übersetzt man Grundlagenforschung in ein Produkt, das für die Industrie greifbare Probleme löst? Das Münchner Start-up planqc liefert darauf aktuell eine spannende Antwort. Gemeinsam mit der Universität des Saarlandes sowie den Konzernen BMW und Infineon arbeitet das Team an einer Lösung für eines der hartnäckigsten Probleme der Wirtschaft: die Routen- und Prozessoptimierung bei unzähligen Variablen. Dass planqc hier als Quanten-Spezialist auftritt, ist das Ergebnis eines rasanten Aufstiegs in der europäischen Tech-Szene.
planqc: Aus der Forschung in die Wirtschaft
Gegründet 2022 von den Quantenphysikern Dr. Alexander Glätzle (CEO), Dr. Sebastian Blatt (CTO) und Dr. Johannes Zeiher, ist planqc das erste Spin-off des renommierten Max-Planck-Instituts für Quantenoptik. Das Team bringt nicht nur geballtes Know-how aus Garching mit, sondern verfolgt einen technologischen Ansatz, der sich bewusst von einigen BigTech-Giganten unterscheidet.
Während viele globale Konzerne auf fehleranfällige und aufwendig auf den absoluten Nullpunkt gekühlte Systeme setzen, nutzt planqc neutrale Atome als Qubits, die durch Laserlicht in optischen Gittern festgehalten werden. Dieser Ansatz ermöglicht den Betrieb bei Raumtemperatur und verspricht eine leichtere Skalierbarkeit der Qubits. Anstatt im Labor auf den theoretisch perfekten Rechner der fernen Zukunft zu warten, wählt das junge Unternehmen einen stark anwendungsorientierten Weg.
Der schnelle Aufstieg: Millionen-Investments und Großaufträge
Wie sehr dieser pragmatische Ansatz im Markt verfängt, zeigt die jüngere Firmengeschichte. Bereits kurz nach der Gründung zog planqc staatliche Großaufträge an Land – darunter den Zuschlag für die Entwicklung eines Quantencomputers für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Der vorläufige Höhepunkt der wirtschaftlichen Skalierung folgte im Sommer 2024 mit einer Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Millionen Euro. Mittlerweile ist das Start-up auf rund 100 Mitarbeitende angewachsen und wurde im September 2025 mit dem renommierten Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „StartUp“ ausgezeichnet. Das aktuelle, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 2,3 Millionen Euro geförderte Projekt „QIAPO“ fügt sich nahtlos in diese strategische Ausrichtung ein.
Das Problem: Der limitierte klassische Computer
Ob bei der Produktion von Mikrochips (Infineon) oder in den weltweiten Lieferketten der Automobilindustrie (BMW) – überall lauern logistische Herausforderungen. Klassische Computer stoßen hier an ihre Grenzen. Sie lösen extreme Optimierungsprobleme oft nur noch mit Näherungswerten und extrem langen Rechenzeiten. Bisher galt in der Industrie daher oft die Devise: Man macht das Beste aus den vorhandenen Heuristiken.
Die Lösung: Ein hybrides Teamwork der Systeme
Genau hier setzt QIAPO (Quanteninformierte approximative Optimierung auf NISQ und partiell fehlertoleranten Quantencomputern) an. Das Projektteam erprobt ein Zusammenspiel aus zwei Welten. Den Anfang macht das System von planqc: Der Quantencomputer soll mit seinen speziellen Eigenschaften den hochkomplexen „Dschungel“ des logistischen Problems massiv ausdünnen. Das Problem wird auf diese Weise quasi „kleiner gerechnet“. Sobald es entscheidend vereinfacht ist, übernehmen wieder herkömmliche Rechner und nutzen ihre in der Praxis erprobten Algorithmen, um das greifbarere Problem zu Ende zu rechnen.
„Wir demonstrieren damit bereits heute, wie sich hochkomplexe, industrierelevante Herausforderungen in Quantenalgorithmen übersetzen lassen – die schließlich auf Quantencomputern getestet werden können“, erklärt Dr. Martin Kiffner, Head of Algorithms bei planqc.
Der unternehmerische Pragmatismus: Warum 85 % ein Erfolg sind
Das Besondere an diesem Ansatz – und ein wichtiges Learning für B2B-Gründer*innen – ist der Fokus auf messbare industrielle Fortschritte statt auf Perfektion. Prof. Dr. Peter P. Orth von der Universität des Saarlandes, der das Projekt koordiniert, betont, dass es auch mit dieser hybriden Methode vorerst keine 100-prozentige Lösung geben wird.
Ein theoretisches Rechenbeispiel verdeutlicht jedoch das Potenzial: Wenn ein Lieferketten-Problem heute durch klassische Rechner mit 80-prozentiger Genauigkeit gelöst wird, könnte die Kombination mit Quanten-Hardware diese Genauigkeit auf 85 oder 95 Prozent anheben. Für Corporates wie BMW und Infineon bedeutet genau diese kleine Marge durch Ressourceneinsparungen bei extrem hohen Produktionsvolumina einen enormen wirtschaftlichen Hebel.
Fazit
Planqc beweist, dass Start-ups nicht zwangsläufig das allumfassende, finale Endprodukt vorweisen müssen, um für internationale Konzerne hochrelevant zu sein. Oft reicht es, mit der eigenen Spitzentechnologie präzise in eine Lücke zu stoßen, die bestehende Systeme hinterlassen – und sich über starke Industriepartnerschaften das Rüstzeug für die weitere Skalierung zu sichern.
boboola: Zwischen Bilderbuch und App
Schluss mit der Reizüberflutung: Das 2025 von Jürgen (Joe) Schmitt und Frank H. P. Dohrmann gegründete EdTech-Start-up boboola will seinen digitalen Premium-Edu Books die Lücke zwischen klassischem Bilderbuch und App schließen. Wir haben uns mit Co-Founder Joe Schmitt über das Geschäftsmodell und die möglichen Stolperfallen im hart umkämpften EdTech-Markt ausgetauscht.
Wie sieht digitale Bildung aus, die Konzentration fördert, statt durch ständige Reize abzulenken? Das 2025 gegründete Start-up boboola liefert mit seinen sogenannten Edu Books eine Antwort auf die aktuelle Marktsättigung durch fragmentierte Spiele-Apps. Das Ziel ist die Etablierung einer neuen Produktkategorie im EdTech-Sektor für Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren, die die narrative Tiefe eines klassischen Bilderbuchs mit den interaktiven Möglichkeiten moderner Multimedia-Technologie vereint.
Die Köpfe hinter boboola
Hinter dem Start-up stehen federführend zwei Gründer: CEO und Creative Director Jürgen (Joe) Schmitt bringt laut Unternehmensangaben ein Studium der Soziologie, Politik und Pädagogik sowie 30 Jahre Erfahrung als Etatdirektor, Designer und Projektmanager im Agenturgeschäft mit. Sein Mitgründer Frank H. P. Dohrmann verantwortet die Bereiche Controlling und Kooperationen. Der Diplom-Ökonom und Unternehmersohn verweist auf 25 Jahre kaufmännische Verantwortung in Familienunternehmen der Sektoren Logistik, Lebensmittelgroßhandel und Rohstoffe. Ein genauerer Blick in sein heutiges unternehmerisches Umfeld zeigt zudem, dass Dohrmann ein erfahrener Akteur im Immobilien-, Finanz- und Anlagebereich ist.
Fokus statt Swipen
Als Gegenentwurf zu schnelllebigen Apps startete boboola nun im März 2026 den Verkauf der digitalen Edu Books über den eigenen Online-Shop. Ein Edu Book folgt keiner typischen App-Logik, sondern der Dramaturgie einer durchgehenden Geschichte. Um unterschiedlichen Nutzungssituationen gerecht zu werden, bietet das Format einen integrierten „Kids“-Modus mit Audiobook, durch den Kinder die Inhalte selbständig erkunden können. Im „Kids+“-Modus lässt sich hingegen der Text für Eltern zum Mit- oder Vorlesen einblenden. Technisch setzt boboola auf etablierte Web-Standards wie EPUB3, XPUB und HTML5. Die digitalen Bücher sind zudem komplett offline nutzbar und für iPads, MacOS- sowie Android-Tablets optimiert.
Doch wie verhindert man bei einer jungen Zielgruppe, dass die interaktiven Elemente passiv und ungeduldig durchgeklickt werden, wie sie es von anderen Spielen gewohnt sind? Joe Schmitt sieht hier die Eltern in der Pflicht und geht davon aus, dass diese sich das Premiumprodukt zunächst gemeinsam mit dem Kind anschauen. „Ein pädagogischer Aspekt ist hierbei unter anderem, dass Kinder lernen zuzuhören, bevor sie agieren“, betont der CEO und verweist darauf, dass die Charaktere im Buch alle Module ausführlich erklären. Tests hätten zudem gezeigt, dass Kinder und Eltern der Produktlogik gerne folgen.
Die Entscheidung, bewusst auf Web-Standards zu setzen und primär über den eigenen Shop zu verkaufen, um die typische App-Store-Logik zu umgehen, birgt Risiken. Die Bequemlichkeit der Eltern, die Käufe mit nur einem Klick gewohnt sind, könnte zur Hürde werden. Schmitt rudert hier leicht zurück und kündigt an, dass die Edu Books auch im Apple Books Store verfügbar sein werden. Dennoch verteidigt er den elitären Anspruch des Formats: „Unser Produkt ist ein ästhetisches und pädagogisches Gesamtkunstwerk, es entzieht sich damit bewusst einer Massenmarkt-Logik.“ Wer für ein solches Konzept keine Zeit oder Muße habe, greife vermutlich ohnehin zu digitalen Massenprodukten oder klassischen Bilderbüchern. Den Unterschied produziere man bewusst.
Markt, Wettbewerb und Preisgestaltung
Der EdTech-Markt für Vor- und Grundschulkinder ist lukrativ, aber hart umkämpft. Die Pressemitteilung des Start-ups suggeriert zwar, man erschaffe eine völlig neue Produktkategorie, doch dieser „unbesetzte Raum“ zwischen App und Buch ist in der Realität kleiner als dargestellt. Während Hardware-Giganten wie die Toniebox den reinen Audio-Markt dominieren und Start-ups wie Edurino mit haptischen Figuren auf app-basiertes Lernen setzen, gibt es im Bereich der interaktiven Bücher bereits massiven Wettbewerb. Analog dominiert Ravensburger mit dem „TipToi“-Stift. Im rein digitalen Raum auf Tablets bietet das Hamburger Unternehmen Tiger Media mit „TigerBooks“ längst ein erfolgreiches Flatrate-Modell an.
Boboolas Leitsatz „Ein Buch – keine App“ muss sich also gegen ein sehr erwachsenes Marktumfeld behaupten. Herausfordernd dürfte dabei vor allem die Preisstrategie werden. Für das Start-Sortiment ruft boboola Preise von 29,90 Euro für Storybooks und 12,90 Euro für Playbooks ab. Damit liegt ein einziges digitales Buch deutlich über der monatlichen Flatrate etablierter Wettbewerber*innen.
Konfrontiert mit dieser hohen finanziellen Eintrittsbarriere teilt Schmitt gegen die Konkurrenz aus: „Der Markt ist massiv geprägt von kurzweiligen digitalen App-Angeboten und Massenware, die zunehmend zu ruinös niedrigen Flatrate-Preisen angeboten wird.“ Mit wirklichem Lernen habe dies wenig zu tun. Der Gründer rechtfertigt den Preis mit dem eigenen Ökosystem an Charakteren, dem integrativen Konzept sowie der Bilingualität der Bücher.
Die Skalierbarkeit: Handwerk oder KI?
Angesichts dieser ambitionierten Preisgestaltung und des immensen Aufwands für multimediale Erlebniswelten stellt sich bei einem Start-up unweigerlich die Frage nach der Skalierbarkeit – und dem Einsatz von KI-Generatoren. Wie viel echte handwerkliche Kunst steckt noch in den Welten?
Auf diese Frage reagiert Schmitt pragmatisch und räumt den orchestrierten Einsatz moderner Software offen ein: Ohne diese Technologie sei das Produkt wirtschaftlich schlicht nicht umsetzbar. Der Fokus der Gründer liege nicht auf reiner Handarbeit, sondern auf der Umsetzung pädagogischer Prinzipien, bei denen Kinder über Geschichten und Emotionen involviert werden.
Mögliche Abstriche bei der visuellen Individualität der Welten ficht das Start-up nicht an. „Dass unsere Charaktere nicht die Einzigartigkeit einer Raupe Nimmersatt haben, nehmen wir in Kauf“, gesteht der CEO, verweist aber auf die kindliche Wahrnehmung: „Kinder lieben die Charaktere und kennen das Wort ‚austauschbar‘ nicht.“ Nachahmer*innen könnten zwar einzelne Figuren replizieren, ein komplexes Edu Book entstünde dadurch aber noch lange nicht.
Fazit
Mit boboola wagt ein deutsches EdTech-Start-up den bewussten Schritt in die Entschleunigung digitaler Medien für Kinder. Die Verbindungen der Gründer in den Finanz- und Anlage-Sektor deuten darauf hin, dass hier professionell und mit klarem Business-Case agiert wird. Doch das Start-up operiert in keinem luftleeren Raum. Gelingt es den Gründern nicht, den Premium-Preis durch herausragende didaktische Qualität im direkten Vergleich zur Konkurrenz zu rechtfertigen, könnte das anvisierte Category-Design an der Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe scheitern.
Crowdfunding-Plattformen im Vergleich 2026
Wer als Start-up frisches Kapital sucht, muss nicht zwingend direkt bei Banken oder Venture-Capital-Fonds anklopfen. Crowdfunding hat sich in Deutschland längst als ernstzunehmende Finanzierungsalternative etabliert. Der große Vorteil: Neben dem Geld liefert die "Schwarmfinanzierung" einen unbezahlbaren Proof of Concept und treue Erstkund*innen. Doch der Markt ist unübersichtlich geworden. Welche Plattform verlangt welche Gebühren und wo erreichst du deine Zielgruppe am besten?
Egal ob du ein physisches Produkt auf den Markt bringen oder Wachstumskapital im Tausch gegen Unternehmensanteile einsammeln möchtest – die Wahl der richtigen Plattform ist entscheidend für den Erfolg deiner Kampagne. Wir vergleichen die relevantesten Crowdfunding-Plattformen in Deutschland für das Jahr 2026 und zeigen dir, wo die versteckten Kosten liegen.
Reward-based vs. Equity-based: Die zwei Welten des Crowdfundings
Bevor du dich für eine Plattform entscheidest, musst du wissen, welches Modell zu deiner aktuellen Start-up-Phase passt. In Deutschland dominieren vor allem zwei Ausprägungen:
- Reward-based Crowdfunding (Gegenleistungsbasiert): Das klassische Modell. Unterstützer*innen geben dir Geld, damit du eine Idee umsetzen kannst. Als Dankeschön erhalten sie meist das fertige Produkt (oft rabattiert) vor dem offiziellen Marktstart. Perfekt für B2C-Produkte, Tech-Gadgets oder kreative Projekte.
- Equity-based Crowdfunding (Crowdinvesting): Hier sammelst du echtes Risikokapital ein. Die Geldgeber ("Crowd-Investor*innen") investieren in dein Unternehmen und erhalten im Gegenzug eine finanzielle Beteiligung (oft über partiarische Nachrangdarlehen) oder Unternehmensanteile. Ideal für skalierbare Start-ups, die bereits erste Umsätze machen und wachsen wollen.
Die besten Plattformen für Reward-based Crowdfunding
1. Startnext (der Platzhirsch in der DACH-Region)
Startnext ist die mit Abstand größte Plattform im deutschsprachigen Raum. Wer eine starke lokale Community aufbauen will, ist hier richtig.
- Achtung, neues Gebührenmodell 2026: Lange Zeit finanzierte sich Startnext über eine freiwillige Provision. Das hat sich geändert! Inzwischen gibt es feste Gebührenstaffelungen. Für das "klassische Crowdfunding" (Start-ups, Kreative) fallen nun je nach Leistungspaket 8 % (Basis), 11 % (Pro) oder 14 % (Premium) Provision bei Projekterfolg an.
- Fokus: Nachhaltigkeit, soziale Projekte, regionale Start-ups und Kreativwirtschaft.
- Prinzip: "Alles-oder-nichts" (Geld fließt nur, wenn das Ziel erreicht wird).
2. Kickstarter (der internationale Riese)
Kickstarter ist die weltweit bekannteste Plattform und die erste Adresse, wenn dein Produkt nicht nur den deutschen, sondern den internationalen Markt (insbesondere die USA) erobern soll. Tech-Gadgets und Spiele funktionieren hier überdurchschnittlich gut.
- Gebühren: 5 % Plattformgebühr + ca. 3 bis 5 % Transaktionsgebühren der Zahlungsdienstleister.
- Fokus: Internationale B2C-Produkte, Tech, Gaming, Design.
- Prinzip: "Alles-oder-nichts".
3. Indiegogo (die flexible Alternative)
Indiegogo ist der härteste Konkurrent von Kickstarter. Die Plattform zeichnet sich durch ihre hohe Flexibilität aus, da man hier Kampagnen auch nach Erreichen des Ziels weiterlaufen lassen kann ("InDemand").
- Gebühren: 5 % Plattformgebühr + ca. 3 bis 5 % Transaktionsgebühren.
- Fokus: Ähnlich wie Kickstarter (Tech, Innovationen), aber mit flexibleren Auszahlungsmodellen ("Behalte, was du eingenommen hast"-Option ist möglich).
Die besten Plattformen für Crowdinvesting (Equity)
Wenn du kein Produkt vorverkaufen, sondern Anteile gegen Wachstumskapital tauschen möchtest, greifen die strengeren Regeln der Finanzaufsicht (BaFin). Hier dominieren hochprofessionelle deutsche Plattformen.
1. Companisto
Companisto gehört zu den führenden Crowdinvesting-Netzwerken im DACH-Raum und ist sehr stark auf wachstumsorientierte Tech-Start-ups fokussiert. Neben Kleinanlegern investieren hier auch Business Angels ("Companisto Angel Club").
- Besonderheit: Es können nicht nur Nachrangdarlehen, sondern echte Eigenkapitalbeteiligungen vermittelt werden. Die Due-Diligence-Prüfung vorab ist sehr streng.
2. Seedmatch
Als einer der Pioniere im deutschen Crowdinvesting hat Seedmatch bereits dreistellige Millionenbeträge für Start-ups eingesammelt.
- Besonderheit: Oft partiarische Nachrangdarlehen. Anleger können bereits ab 250 Euro investieren, was eine extrem breite Streuung ermöglicht. Start-ups profitieren von der enormen Reichweite und dem großen Netzwerk an Bestandsinvestoren.
Der große Vergleich 2026: Gebühren und Modelle auf einen Blick
Tipp für Gründer*innen: Berechne bei Reward-based Kampagnen nicht nur die Plattformgebühren, sondern auch die Transaktionskosten (Kreditkarte, PayPal etc.) mit ein. Diese fressen oft weitere 3 bis 5 % deiner Einnahmen auf!
Plattform | Crowdfunding-Typ | Zielgruppe / Fokus | Plattformgebühren (bei Erfolg)* |
Startnext | Reward-based | DACH-Region, Nachhaltigkeit, Soziales, lokale Produkte | 8 % bis 14 % (je nach Plan) + Transaktionskosten |
Kickstarter | Reward-based | International, Tech-Gadgets, Spiele, Design | 5 % + Transaktionskosten |
Indiegogo | Reward-based | International, Tech, Hardware (sehr flexible Modelle) | 5 % + Transaktionskosten |
Companisto | Crowdinvesting | Skalierbare Start-ups, Wachstumsfinanzierung, Tech | Individuell (auf Anfrage nach Pitch-Prüfung) |
Seedmatch | Crowdinvesting | B2C/B2B Start-ups, Seed- & Wachstumsphase | Individuell (auf Anfrage nach Pitch-Prüfung) |
*Hinweis: Bei Nicht-Erreichen des Funding-Ziels ("Alles-oder-nichts"-Prinzip) fallen bei den Reward-based Plattformen in der Regel keine Plattformgebühren an.
So findest du die richtige Plattform
Mache deine Entscheidung nicht nur von den Gebühren abhängig. Stelle dir stattdessen die Frage: Wo hält sich meine Zielgruppe auf? Ein smartes, urbanes E-Bike-Zubehör ist auf Kickstarter oder Indiegogo besser aufgehoben, während die vegane Kaffeerösterei aus Berlin auf Startnext mit Sicherheit die passendere Community findet. Geht es hingegen um 500.000 Euro für die Skalierung deiner fertigen SaaS-Lösung, führt der Weg an professionellen Crowdinvesting-Portalen wie Companisto oder Seedmatch nicht vorbei.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Orientierung. Insbesondere im Bereich des Crowdinvestings unterliegen Kampagnen strengen regulatorischen Vorgaben (z.B. durch die BaFin). Die genannten Gebührenstrukturen basieren auf den Angaben der Anbieter (Stand: Frühjahr 2026) und können sich ändern. Wir empfehlen vor dem Start einer Crowdinvesting-Kampagne stets die rechtliche Prüfung durch einen Fachanwalt / eine Fachanwältin.
Logistikbude: 5-Mio.-Euro-Funding für neue Softwarekategorie im B2B-Sektor
Ein oft ignorierter, aber systemkritischer Bereich der Logistik rückt ins Rampenlicht: das Management von Ladungsträgern. Das Dortmunder Start-up Logistikbude sichert sich in einer Series-A-Runde über 5 Millionen Euro, um mit seinem „Load Carrier Management System“ (LCMS) Excel und Papier in den Lieferketten abzulösen. Ein Blick auf die Macher, den Markt und die Frage, wie tragfähig das Geschäftsmodell wirklich ist.
Wer an globale Lieferketten denkt, hat Containerschiffe, riesige Lagerhallen und KI-gestützte Routenplanung vor Augen. Doch das eigentliche Rückgrat des Welthandels ist erschreckend analog: Weltweit zirkulieren Schätzungen zufolge rund 10 Milliarden Ladungsträger – Europaletten, Gitterboxen, Spezialgestelle. Sie wechseln jährlich etwa 150 Milliarden Mal den Besitzer. Was in der Theorie nach einem reibungslosen Kreislauf klingt, ist in der Praxis ein administrativer Albtraum, der von Palettenscheinen auf Papier, fehleranfälligen Excel-Listen und endlosen E-Mail-Schleifen dominiert wird.
Genau hier setzt das Tech-Start-up Logistikbude an. Mit einer frischen Series-A-Finanzierung in Höhe von über 5 Millionen Euro, angeführt vom renommierten VC Capnamic sowie Moguntia Capital und diversen Bestandsinvestoren (u. a. FTTF, Rethink Ventures), will das Dortmunder Unternehmen eine völlig neue Softwarekategorie im B2B-Sektor etablieren: das Load Carrier Management System (LCMS).
Aus der Forschung in den Logistik-Dschungel
Die Wurzeln der Logistikbude sind ein Musterbeispiel für erfolgreichen Technologietransfer. Die Gründer Dr. Philipp Hüning (CEO), Michael Koscharnyj (COO), Patrik Elfert (CPO) und Jan Möller (CTO) stammen aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Dort arbeiteten sie in einem Enterprise Lab eng mit der European Pallet Association (EPAL) zusammen. Aus dieser direkten Schnittstelle zwischen Spitzenforschung und industrieller Realität erwuchs eine zentrale Erkenntnis: Bestehende IT-Systeme wie Warehouse Management (WMS) oder Transport Management Systeme (TMS) behandeln das Ladungsträgermanagement äußerst stiefmütterlich.
Im Oktober 2021 wagte das Quartett die Ausgründung. Aus dem Forschungsprojekt wurde ein Vertical-SaaS-Start-up, das sich anschickt, die tiefe Ineffizienz im Palettentausch zu beenden. Namhafte Kunden wie DACHSER und die Nagel-Group, die das System aktuell an 130 Standorten flächendeckend ausrollt, beweisen: Das Team hat den Product-Market-Fit gefunden.
Intelligenter Layer statt Systembruch
Das LCMS der Logistikbude positioniert sich als intelligenter Datenlayer, der sich über die bestehende – und oft stark fragmentierte – IT-Infrastruktur von Handels- und Logistikunternehmen legt. Über API-Schnittstellen zieht das System Daten aus ERP- oder WMS-Systemen, schließt Lücken über mobile Scan-Apps oder IoT-Sensoren und gleicht Salden automatisch ab.
Besonders clever: Um den manuellen Aufwand zu minimieren, nutzt die Software Künstliche Intelligenz. Ein KI-Agent liest analoge oder als PDF vorliegende Palettenscheine aus, verbucht sie und gleicht Konten ab. Partnerunternehmen, die die Software selbst nicht nutzen, lassen sich über simple Weblinks in den Bestätigungsprozess einbinden. Das Geschäftsmodell ist klassisches Software-as-a-Service (SaaS): Kunden zahlen eine monatliche Lizenzgebühr, gestaffelt nach Funktionsumfang und Volumen der Ladungsträger.
Ist das wirklich eine neue Software-Kategorie?
Die Logistikbude proklamiert selbstbewusst, mit dem LCMS eine dritte große Säule neben ERP/WMS und TMS zu schaffen. Doch hält diese These einer kritischen Marktanalyse stand?
- Die Stärken: Das Start-up löst ein akutes Schmerzproblem. Paletten sind gebundenes Kapital. Hoher Schwund und massiver administrativer Personalaufwand für den Saldenabgleich kosten Großlogistiker jährlich Millionen. Der Return on Investment (ROI) der Software lässt sich für Kunden schnell und hart in Euro beziffern.
- Die Risiken: Langfristig stellt sich die Feature-or-Product-Frage. Bislang ignorieren große ERP-Anbieter (wie SAP) oder etablierte WMS-Hersteller das Thema weitgehend, weil es extrem kleinteilig ist. Sollten diese Tech-Giganten jedoch den Wert der Automatisierung im Palettenmanagement erkennen und entsprechende Module nativ in ihre Suiten integrieren, gerät ein Standalone-LCMS unter Druck. Logistikbude muss sich in den Lieferketten unentbehrlich machen, bevor die großen Tanker ihren Kurs korrigieren.
- Der Netzwerkeffekt: Palettentausch ist ein Multiplayer-Spiel. Wenn Spedition A und Händler B unterschiedliche Systeme nutzen, droht ein neuer Datenbruch. Logistikbude federt dies zwar stark durch KI-gestützte Dokumentenauslese und Partner-Links ab, doch die volle Skalierungskraft entfaltet sich erst, wenn das System zum Quasi-Standard der Branche wird.
Wettbewerb und Markt
Der Markt für das Management von Ladungsträgern ist stark fragmentiert, wobei sich die Konkurrenz im Wesentlichen in drei Cluster unterteilen lässt. Der mit Abstand größte und hartnäckigste Gegenspieler ist dabei der etablierte Status quo in Form von Excel-Tabellen und Papierdokumenten. Daneben existieren diverse Alt-Systeme und Nischenanbieter, die einfache Lademittelverwaltungen oft noch als isolierte On-Premise-Lösungen anbieten. Diesen traditionellen Ansätzen fehlt im direkten Vergleich jedoch meist die nötige Cloud-Dynamik sowie eine moderne KI-Integration. Ein drittes Cluster bilden digitale Pooling-Dienstleister wie inter.PAL, die sich dem Problem von der physischen Seite nähern. Diese Player kombinieren ein digitales Palettenkonto mit dem europaweiten, physischen Handling und Pooling der Paletten, teilweise ergänzt durch Blockchain-Verbuchungen. Im Gegensatz dazu grenzt sich die Logistikbude klar ab, indem sie rein digital, plattformunabhängig und als völlig neutraler Software-Dienstleister operiert.
Einordnung & Ausblick
Für Gründerinnen, Gründer und Investor*innen sendet die Series-A der Logistikbude ein starkes Signal: Die lukrativsten Start-up-Ideen liegen oft nicht in hippen Endkonsumenten-Trends, sondern in den unsexy Untiefen des B2B-Alltags. Die Logistikbude ist ein klassischer Hidden Champion in spe.
Mit dem frischen Kapital von über 5 Millionen Euro muss das Team nun beweisen, dass es die Internationalisierung über den DACH-Raum hinaus stemmen und eine Marktdurchdringung erreichen kann, die das System vom smarten Tool zum echten Branchenstandard erhebt. Gelingt dies, könnte das Konzept LCMS tatsächlich als eigenständige Kategorie in die IT-Systemlandschaften der globalen Wirtschaft einziehen.
Vom Tabu zum Tech-Boom: Wie DeathTech den letzten Weg neu codiert
Der Tod war lange Zeit der blinde Fleck der Digitalisierung. Während Start-ups in den vergangenen zwei Jahrzehnten unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lieben mit Algorithmen und Wagniskapital optimierten, blieb das Lebensende fest in den Händen analoger Traditionen. Heute blicken wir auf eine Branche, die ihre morbide Nischenexistenz endgültig abgestreift hat.
DeathTech und GriefTech sind systemrelevant geworden. Getrieben von der massiven Vermögensübertragung der Babyboomer-Generation – laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden in Deutschland aktuell jährlich bis zu 400 Milliarden Euro vererbt – und einem fundamentalen Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler End-of-Life-Lösungen, transformieren Gründer*innen heute einen historisch fragmentierten Markt aus rund 4.000 oft sehr traditionellen Kleinbetrieben.
Es geht längst nicht mehr nur um Preisvergleiche für Särge, sondern um die nahtlose Orchestrierung des Unvermeidlichen – von KI-gestützter Trauerbewältigung bis hin zum automatisierten Management des digitalen Nachlasses.
Wenn Demografie auf DeepTech trifft
Der Markt für Bestattungen und Nachlassverwaltung hat im Jahr 2026 eine neue, datengetriebene Reifestufe erreicht. Allein in Deutschland sprechen wir laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) von einem jährlichen Branchenumsatz im klassischen Bestattungswesen, der sich stabil der Marke von drei Milliarden Euro nähert. Flankiert wird dies von einem rasant wachsenden, digitalen Vorsorgemarkt. Der makroökonomische Hebel dahinter ist historisch einmalig: Ein immer größerer Teil der gewaltigen Erbmasse liegt dabei nicht mehr in Aktenordnern, sondern existiert ausschließlich virtuell, von Krypto-Wallets bis zu SaaS-Unternehmensanteilen.
Der Digitalverband Bitkom untermauerte diese Dringlichkeit bereits in seinen Erhebungen zum digitalen Nachlass, die zeigen, dass knapp ein Drittel der Internetnutzer*innen das Thema aktiv regeln möchte, die praktische Umsetzung aber oft an fehlenden Tools scheitert. Diese gewaltige Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot lockt institutionelles Geld an. Wir sehen keine utopischen Krypto-Bewertungen mehr, sondern sehr gesunde Series-A- und Series-B-Tickets für Unternehmen, die bewiesene Unit Economics aufweisen.
Jenseits von Sarg und Urne
Wer heute im DeathTech reüssieren will, muss über das Offensichtliche hinausdenken. Möglich ist das aktuelle Marktwachstum jedoch nur durch die Vorarbeit der Wegbereiter*innen der ersten Stunde, die den Markt überhaupt erst für institutionelles Kapital geöffnet haben. Unternehmen wie Mymoria sind dem Start-up-Status längst entwachsen; angetrieben von einer 15-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde im Jahr 2021 durch namhafte VCs wie b2venture, agiert das Unternehmen heute als etablierter Omnichannel-Gigant mit bundesweiten Boutiquen.
Auch das Scale-up November hat mit einer zweistelligen Millionenrunde durch HV Capital die Bestattungsvorsorge digitalisiert. Im lukrativen Markt der rechtlichen Vorsorge dominiert Afilio, das bereits 2022 eine 13-Millionen-Dollar-Series-A unter Führung von Cherry Ventures abschloss. Im B2B-Hintergrund hat sich Columba als unsichtbares technisches Rückgrat in den Legacy-Systemen der Bestattungsbranche verankert und übernimmt vollautomatisiert die Vertragsabmeldungen. Auf der Infrastruktur dieser Pionier*innen baut nun eine neue Generation von Gründer*innen auf, die psychologische Tiefe und radikale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt.
Die Friedhofs-Illusion und ihre Lektionen
Trotz der Goldgräberstimmung ist der Pfad der Branche mit den Überresten gescheiterter Hypes gepflastert. Ein prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit war der Versuch, reine B2C-Vergleichsportale für Bestattungen nach dem Vorbild von Check24 aufzubauen. Frühe Aggregatoren-Modelle verbrannten Millionen in der Annahme, Kund*innen würden den Tod wie eine Kfz-Versicherung vergleichen. Die Realität war ein harter Crash der Profitabilität, da die Customer Acquisition Costs (CAC) via Suchmaschinenmarketing in diesem emotionalen Ausnahmezustand astronomisch hoch waren.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich harte Lektionen ableiten. Der erste Fehler ist die Ignoranz gegenüber den Unit Economics: Da der Customer Lifetime Value (LTV) beim Tod naturgemäß auf eine Transaktion beschränkt ist, müssen Geschäftsmodelle zwingend auf margenstarken B2B2C-Vertrieb oder Lebzeiten-Vorsorge-Abos ausweichen. Ein zweites Risiko lauert in der Unterschätzung der B2B-Gatekeeper; wer die traditionellen Bestatter*innen als Feinde statt als Vertriebspartner*innen betrachtet, verliert den Kund*innenzugang. Drittens bricht vielen Gründer*innen die regulatorische Tiefe das Genick, denn wer sensible Nachlassdaten verarbeitet, operiert im Hochrisikobereich der DSGVO. Der subtilste Fehler ist ein Mangel an Branding-Sensibilität; wer mit aggressiver Growth-Hacking-Mentalität an trauernde Angehörige herantritt, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Wo die DeathTech-Exzellenz in Deutschland liegt
Die geografische Verteilung der DeathTech-Exzellenz in Deutschland hat sich auf wenige, aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. Berlin bleibt der unangefochtene Motor für Plattformen und Venture Capital, profitierend von einem dichten Ökosystem rund um Hubs wie den Inkubator Mitte von Science & Startups der Berliner Universitäten. München und der bayerische Raum haben sich hingegen als das Epizentrum für DeepTech, InsurTech-Schnittstellen und anspruchsvolle KI-Modelle etabliert. Die physische Nähe zu Rückversicherungs-Giganten wie Munich Re sowie exzellente Fakultäten der LMU machen München zum Nährboden für versicherungsgekoppelte Vorsorgemodelle. Leipzig hat sich dank Ausgründungen im Umfeld der Handelshochschule (HHL) zu einem Hub für LegalTech und rechtssicheres Datenmanagement entwickelt. Die Metropolregion Rhein-Ruhr und das Rheinland fungieren als essenzieller Testmarkt für psychologisch fundierte Ansätze – stark getrieben durch das Exzellenz Start-up Center Köln (Gateway), das gezielt hochschulnahe Gründungen im HealthTech- und GriefTech-Bereich fördert.
Investor*innen-Radar
Das Kapital, das in diese Branche fließt, ist klüger, geduldiger und diverser geworden. Spezialisierte VCs für den Tod gibt es in Europa zwar noch nicht in Reinform, aber wir beobachten eine klare strategische Erweiterung von HealthTech-Spezialisten wie Heal Capital, die Trauerbewältigung zunehmend als Teilaspekt der mentalen Gesundheit begreifen und kapitalisieren. Die richtig großen Schecks schreiben die Top-Tier Generalisten: Player wie b2venture, HV Capital und Cherry Ventures haben die massiven TAM-Zahlen (Total Addressable Market) längst in ihren Investmentthesen verankert.
Auf der anderen Seite positionieren sich Corporate VCs, allen voran der Berliner Wagniskapitalgeber IBB Ventures, der strategisch früh in Plattformen wie Emmora investierte. Den entscheidenden Treibstoff für Frühphasen-Start-ups liefern jedoch Business Angels und geförderte Exzellenz-Programme wie die exist-Gründerstipendien, die den Teams den nötigen Runway geben, um hochsensible Produkte in der Seed-Phase ohne sofortigen Profitdruck zu iterieren.
Unsere DeathTech- und GriefTech-Start-up-Watch List 2026
Für unsere finale Selektion im Jahr 2026 haben wir bewusst eine strenge Definition des Start-up-Begriffs angelegt. Die durch große Series-A- oder Series-B-Runden bereits skalierten Pionier*innen wurden als Wegbereiter*innen klassifiziert und aus der engeren Auswahl exkludiert. Die resultierende Watchlist besteht aus acht agilen Unternehmen. Kohorte eins umfasst reifere Start-ups der Gründungsjahre ab 2019, die bereits solides Investor*innen-Vertrauen und validierte Umsätze aufweisen. Kohorte zwei integriert junge Early-Stage-Start-ups aus dem Jahr 2024, die als hochspannende universitäre Spin-offs die nächste disruptive Innovationswelle abbilden.
Meine Erde
Im Jahr 2021 von Pablo Metz und Max Hüsch ins Leben gerufen, innoviert Meine Erde den Green-Death-Markt in Deutschland massiv. Das Unternehmen bringt die Reerdigung als natürliche Kompostierung in 40 Tagen aus der regulatorischen Grauzone in den legalen Markt. Der USP ist ein patentiertes Verfahren im Kokon, das pro Bestattung laut Unternehmensangaben rund eine Tonne CO2 im Vergleich zur Feuerbestattung einspart und traditionellen Methoden ökologisch messbar überlegen ist. Dieses Impact-Potenzial überzeugte namhafte VCs: Project A Ventures führte bereits 2022 eine 5,8-Millionen-Euro-Seed-Runde an, flankiert von Vorwerk Ventures.
Emmora
Victoria Dietrich und Evgeniya Polo gründeten Emmora 2019 mit dem Ziel, Bestattungsplanung und Trauerbegleitung weiblicher und empathischer zu gestalten. Das B2C-Plattform-Modell begleitet Angehörige von der Organisation der Beisetzung bis hin zur psychologischen Unterstützung. Der klare USP liegt in der kuratierten Auswahl von Dienstleistern und einem Marktauftritt, der sich wohltuend von der drückenden Schwere traditioneller Bestatter abhebt. Das Modell überzeugte früh den Accelerator APX und führte 2021 zu einer siebenstelligen Seed-Runde unter Führung von IBB Ventures.
Memoresa
Das 2019 von Jörg Schädlich und Steffen Stundzig gegründete Leipziger Start-up hat sich der Ordnung des digitalen Chaos verschrieben. Ihr hybrides B2B2C-Modell bietet eine Plattform zur Verwaltung des digitalen Nachlasses. Der USP von Memoresa ist die tiefe API-Anbindung, wodurch im Todesfall Verträge vollautomatisiert gekündigt oder umgeschrieben werden können – ein Service, der für Banken und Versicherungen wie die Signal Iduna extrem wertvoll ist. Finanziert wurde das Start-up unter anderem durch Business-Angel-Netzwerke und den Inkubator cetup.INNOLAB der TU Dortmund.
TrostHelden
Das von Hendrik Lind und der ausgebildeten Sterbe-Amme Jennifer Lind 2019 ins Leben gerufene Start-up adressiert die isolierende Einsamkeit, die dem Tod folgt. Das B2C-Subscription-Modell basiert auf einem Smart-Matching-Algorithmus, der Trauernde mit exakt passenden Schicksalsschlägen und der gleichen Trauersprache verbindet. Der USP ist diese hochpräzise Logik, die echte, kuratierte Begegnungen schafft. TrostHelden wächst primär gebootstrappt, getragen von Impact-fokussierten Netzwerken, und wurde vom BMWK als herausragendes Social-Entrepreneurship-Modell ausgezeichnet.
Grievy
Dr. Nele Stadtbäumer, Daniel Bachmann und Aenis Chebil brachten 2021 eine technologisch skalierbare, psychologische Perspektive in den Markt. Grievy ist eine auf kognitiver Verhaltenstherapie fundierte App, die Nutzern therapeutische Impulse ausspielt. Der USP liegt in der klinischen Fundierung und der Skalierbarkeit der Trauerbegleitung. Das Team durchlief erfolgreich die Inkubation am Gateway Exzellenz Start-up Center Köln, sicherte sich das exist-Gründerstipendium und belegte 2022 den dritten Platz als Digitales Start-up des Jahres des Bundeswirtschaftsministeriums.
anfang.
Dieses reinrassige GriefTech-Start-up entstand im Wintersemester 2023/24 und wurde 2024 von den Studierenden Luisa Otto, Janek Voss und Pia Mauermann auf den Weg gebracht. Das B2C-Modell dreht sich um eine App als holistischen, digitalen Trauerbegleiter. Der USP ist die Kombination aus Reflexionsmodulen und einer geschützten Community. Eng begleitet wird das Team durch HIKE, den Hochschulinkubator für Entrepreneurship der Hochschule Nordhausen, wo aktuell die Strukturierung der Skalierungsphase im geschützten universitären Umfeld vorangetrieben wird.
Kreis & Raum
Im Jahr 2024 von der Architektin Eva Hartmann und der Projektmanagerin Miriam Becker in Berlin gegründet, schlägt dieses Start-up die Brücke zwischen physischer Bestattung und moderner Trauerbegleitung. Das hybride B2C-Modell bricht mit der starren Trennung von Beerdigungsinstitut und psychologischer Betreuung. Der USP ist ein radikal individueller Ansatz, der den Trauerprozess architektonisch neu designt. Begleitet von Science & Startups im Inkubator Mitte der Humboldt-Universität zu Berlin, validiert Kreis & Raum dieses hoch-emotionale Modell aktuell im städtischen Raum.
Lebewohl App
Als Ausgründung aus dem Umfeld der Lokalpioniere in Ostwestfalen-Lippe im Jahr 2024 attackiert dieses Team die überbordende Nachlass-Bürokratie. Die App fungiert als digitaler Assistent, der Hinterbliebene mit strukturierten Checklisten durch den Behörden-Dschungel manövriert. Der USP liegt in der enormen Kosteneffizienz für den Endnutzer, da automatisierte Dokumentenbeschaffung teure Rechtsberatungen flankiert oder ersetzt. Mit starkem organischen Wachstum im OWL-Netzwerk beweist Lebewohl App zugleich, dass Innovation im DeathTech nicht zwingend aus den Metropolen kommen muss
Internationaler Ausblick & Fazit
Blicken wir über den deutschen Tellerrand, zeigen sich globale Makro-Trends, die den europäischen Markt unweigerlich erfassen werden. Aus den USA schwappt die Welle der hyperpersonalisierten Generativen KI zu uns herüber; Start-ups trainieren dort bereits Large Language Models mit den digitalen Fußabdrücken von Verstorbenen, um interaktive Legacy-Avatare zu erschaffen. Asien, insbesondere Südkorea und Japan, forciert derweil die Verschmelzung von Trauer und dem Metaverse, wo physischer Platzmangel auf Friedhöfen durch immersive, digitale Gedenkstätten kompensiert wird. Israel wiederum bringt massive Impulse im Bereich der Cybersecurity in den DeathTech-Sektor ein, um posthumen Identitätsdiebstahl zu bekämpfen.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit: Der Tod ist kein Nischenthema mehr, sondern die ultimative Customer Journey. Wer in diesem drei Milliarden Euro schweren Markt bestehen will, benötigt nicht nur brillantes Tech-Know-how und wasserdichte Unit Economics, sondern vor allem eines: tiefgreifende, authentische Empathie, die im Code ebenso verankert ist wie in der Unternehmenskultur.
Start-up-Ökosystem abseits der Metropolen: Wie Ostwestfalen-Lippe das Förder-Vakuum überwindet
280 Neugründungen und über 1.000 neue Arbeitsplätze: Das Förderprojekt „Exzellenz Start-up Center.OWL“ (ESC.OWL) zieht nach sechs Jahren Laufzeit eine beachtliche Schlussbilanz. Die eigentliche Nachricht für die Start-up-Szene liegt jedoch in der Zeit nach dem Förderende: Die Region verankert ihre aufgebauten Inkubator-Strukturen dauerhaft und führt die Vision einer „Startup Factory“ auch ohne finale exist-Bundesförderung fort.
Mit dem Abschluss des Jahres 2025 endete die Förderung des Projekts ESC.OWL, das die regionale Gründer*innenszene in Ostwestfalen-Lippe (OWL) seit 2019 maßgeblich geprägt hat. Rund 16 Millionen Euro flossen in dieser Zeit in das Vorhaben, innovative Geschäftsideen aus der Forschung der beteiligten Hochschulen auf den Weg zu bringen. Geleitet wurde das Konsortium vom „Center für Transfer durch Existenzgründung“ (TECUP) der Universität Paderborn, das auch die Start-up-Schmiede garage33 betreibt. Mit an Bord waren zudem die Technischen Hochschule OWL und die Hochschule Bielefeld.
Ambitionierte Ziele deutlich übertroffen
Die Initiatoren hatten sich für die sechsjährige Laufzeit hohe Ziele gesteckt – und diese letztlich deutlich übertroffen. Die Bilanz in harten Zahlen:
- Statt der anvisierten 150 Ausgründungen entstanden aus über 700 begleiteten Gründungsvorhaben insgesamt 280 neue Start-ups.
- Diese jungen Unternehmen schufen in OWL mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze.
- Mehr als 40.000 Menschen wurden für Themen rund um die Existenzgründung sensibilisiert (geplant waren 25.000).
- Über 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten die diversen Formate, von Ideenwettbewerben über Pitch-Events bis hin zu Networking-Veranstaltungen mit Investoren und Business Angels.
B2B-Fokus: 87 Millionen Euro Wagniskapital eingeworben
Dass sich das Projekt derart dynamisch entwickelte, liegt an der spezifischen DNA der Region. Ostwestfalen-Lippe galt in der landesweiten Förderinitiative „Exzellenz Start-up Center.NRW“ als wichtiges Puzzleteil abseits der klassischen Ballungsräume. Die Region bot ideale Bedingungen für eine hochspezialisierte Art von Start-ups: Als Heimat des Spitzenclusters „Intelligente Technische Systeme“, zahlreicher Weltmarktführer und in direkter Nähe zum Fraunhofer-Institut IEM bildet OWL ein natürliches Testfeld für B2B-Geschäftsmodelle.
Diese enge Verzahnung von universitärer Forschung und etablierter Industrie ermöglichte es vielen Tech-Gründungen, rasch Pilotkunden zu finden. Wie lukrativ dieses Umfeld für Wagniskapitalgeber ist, zeigt eine aktuelle Zahl: Insgesamt warben Start-ups aus dem Ökosystem der garage33 seit 2019 über 87 Millionen Euro an Wagniskapital ein.
Ein Paradebeispiel für diesen Dealflow ist das Paderborner KI-Start-up ONE WARE. Das Team hat eine Software entwickelt, die ressourcenschonende neuronale Netze für verschiedenste Hardwareplattformen generiert. Dieser Ansatz überzeugte den Essener Technologieinvestor Cusp Capital, der das Start-up in dessen erster institutioneller Finanzierungsrunde mit 2,5 Millionen Euro ausstattete.
Verstetigung: Ein physisches Zuhause für Hardware-Gründer
Die größte Schwachstelle vieler staatlich geförderter Hubs ist oft ihr Ablaufdatum. Das ESC.OWL hat hier jedoch frühzeitig entgegengesteuert. An der Universität Paderborn wurde das TECUP offiziell als zentrale Betriebseinheit etabliert, wodurch die Unterstützungsleistungen für gründungsinteressierte Hochschulangehörige langfristig gesichert sind.
Darüber hinaus wurde der Gründer*innenszene ein neues physisches Zuhause geschaffen: Parallel zur ESC.NRW-Förderung bezog die garage33 den Neubau des Start-up Campus OWL im Paderborner Zukunftsquartier. Dieser bietet Start-ups modernste Büro- und Co-Working-Flächen sowie Raum zur Entwicklung physischer Prototypen.
„Wir gewährleisten so, dass Gründungsinteressierte auch künftig kontinuierlich und auf hohem Niveau unterstützt werden können, wenn sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisgewinne in tragfähige Geschäftsmodelle überführen möchten“, resümiert Prof. Dr. Sebastian Vogt, Direktor des TECUP.
Blick nach vorn: Die Vision geht unabhängig weiter
Das Projekt ESC.OWL ist formal abgeschlossen, doch die Region baut auf dem starken Fundament auf. Unter dem Namen Factory33 hatte sich das hochschulübergreifende Konsortium im prestigeträchtigen exist-Leuchtturmwettbewerb „Startup Factories“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) beworben.
Bei der finalen Prämierung der zehn bundesweiten Leuchttürme 2025 erhielten in NRW jedoch die Gateway Factory und die Factory BSA / BRYCK Startup Alliance den Zuschlag. Die Vision in Ostwestfalen-Lippe bleibt von dieser Entscheidung unberührt: Mit dem Ziel, einen international sichtbaren Hotspot für B2B-Gründungen der industriellen Transformation zu etablieren, wird das regionale Ökosystem seine Plattform nun als eigenständige und tragfähige Basis weiter vorantreiben.
4 Mio. Euro für den Sprung aus dem Labor: Level Nine sichert sich Seed-Finanzierung für den Umbau der Chemie
Das 2023 von Dr. Emily Sheridan und Seadna Quigley gegründete Berliner DeepTech-Start-up Level Nine hat eine Seed-Finanzierungsrunde über 4 Millionen Euro abgeschlossen, um die europäische Chemieindustrie unabhängiger von fossilen Rohstoffen zu machen. Mit einer Kombination aus maschinellem Lernen und robusten, enzym-inspirierten Katalysatoren verspricht das Gründerduo eine wirtschaftliche Alternative zu Erdöl – ohne die bisher üblichen Leistungsverluste. Angeführt von Visionaries Tomorrow, setzen namhafte Investoren darauf, dass Level Nine das „Fossil-Dilemma“ der Schwerindustrie lösen kann.
Die europäische Chemieindustrie, die mit einem Jahresvolumen von rund 1 Billion Euro das industrielle Rückgrat des Kontinents bildet, steckt laut Branchenangaben in einer tiefgreifenden Strukturkrise. Wie Level Nine in seiner aktuellen Mitteilung betont, setzen volatile Rohstoffpreise, hohe Energiekosten und massiver Wettbewerb aus China und dem Nahen Osten die Margen so stark unter Druck, dass Standorte zunehmend gedrosselt oder geschlossen werden müssen. Seit Jahrzehnten gilt Biomasse als potenzielle Alternative, doch die industrielle Umsetzung scheiterte bisher an der Effizienz: Herkömmliche Katalysatoren sind für komplexe Biomoleküle nicht selektiv genug, während natürliche Enzyme für die rauen Bedingungen der Schwerindustrie – wie hohen Druck und extreme Hitze – zu empfindlich und teuer sind. Diese technologische Lücke hat die Industrie bisher in einer riskanten Abhängigkeit von fossilen Importen gehalten.
Das Team hinter der Vision
Um diese Lücke zu schließen, setzt Level Nine auf ein Gründungsduo, das wissenschaftliche Tiefe mit operativer Erfahrung vereint. CTO Dr. Emily Sheridan ist Spezialistin für enzym-inspirierte Materialien sowie Reaktionstechnik. Sie widmete ihre Forschung gezielt der Fragestellung, wie die Präzision biologischer Prozesse mit der für die Industrie notwendigen Robustheit verbunden werden kann.
Ihr zur Seite steht CEO Seadna Quigley, der die kommerzielle Seite des Unternehmens verantwortet. Quigley arbeitete zuvor intensiv an der Schnittstelle von Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit und Unternehmensaufbau. Seine Skalierungskompetenz stellte er unter anderem als CFO eines Amsterdamer Unternehmens unter Beweis, dessen Wachstum er auf über 140 Mitarbeitende begleitete. Gemeinsam führt das Duo heute ein 14-köpfiges Team am neuen Hauptsitz in Berlin.
Die Berliner Lösung: Präzision trifft industrielle Härte
Die Innovation von Level Nine basiert auf einer neuen Klasse industrieller Katalysatoren, die enzymähnliche Präzision bieten, aber gleichzeitig hohen Temperaturen, Drücken und industriellen Lösungsmitteln standhalten. Das Herzstück bildet eine auf maschinellem Lernen basierende Plattform, welche die Entwicklungszyklen für neue Katalysatoren massiv verkürzt und eine hocheffiziente Umwandlung komplexer biobasierter Rohstoffe ermöglicht. Laut Dr. Iris ten Have vom Lead-Investor Visionaries Tomorrow stellt dies eine fundamentale Technologieschicht dar, die ganze Wertschöpfungsketten erschließen kann.
Der 100-Milliarden-Euro-Target: Polyurethan im Fokus
Mit dem frischen Kapital konzentriert sich das Team zunächst auf den globalen Polyurethan (PU)-Markt, der jährlich über 100 Milliarden Euro schwer ist. Level Nine hat hierfür ein biobasiertes aromatisches Polyol entwickelt, das laut Unternehmensangaben die Leistung fossiler Alternativen erreicht. Ein strategischer Vorteil ist die „Drop-in“-Fähigkeit: Das Produkt kann laut Mitteilung direkt in bestehende Fertigungsinfrastrukturen integriert werden. Zudem weist das Material laut Level Nine inhärente flammhemmende Eigenschaften auf, was den Einsatz giftiger halogenierter Additive überflüssig machen soll.
Das „Tal des Todes“ der Hardware-Skalierung
Trotz des Investoren-Vertrauens durch Visionaries Tomorrow, Zero Carbon Capital, Rockstart, IBB Ventures und better ventures steht Level Nine vor der größten Hürde: dem physischen Scale-up. Das Unternehmen bereitet aktuell den Bau der ersten Kilotonnen-Produktionsanlage vor. In der Chemiebranche gilt dieser Schritt als das berüchtigte „Tal des Todes“, da die Skalierung von Laborreaktionen in industrielle Dimensionen extrem kapitalintensiv ist und technische Risiken birgt, die rein softwarebasierte Startups nicht kennen. Die Wirtschaftlichkeit wird sich erst beweisen, wenn Level Nine zeigt, dass ihre Chemie den Übergang ohne Kompromisse bei Kosten oder Leistung ermöglicht.
Der EU-Green-Deal als Marktmacher
Die strategische Positionierung von Level Nine wird durch aktuelle regulatorische Weichenstellungen in Europa gestützt. Die EU-Bioökonomie-Strategie hat biobasierte Materialien zur strategischen Priorität erklärt, um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu beenden. Zusätzliche Dynamik verspricht der EU Biotech Act, der regulatorische Hürden abbauen und den Weg vom Labor in die Fabrik beschleunigen soll. Da die Lösungen von Level Nine zudem helfen könnten, strengere Grenzwerte für chemische Additive unter der REACH-Verordnung einzuhalten, bietet das Startup eine zeitgerechte Lösung für eine Industrie unter massivem Anpassungsdruck.
Fazit
Level Nine will die 4 Millionen Euro nutzen, um den Beweis anzutreten, dass nachhaltige Chemie nicht nur ökologisch notwendig, sondern ökonomisch souverän sein kann. Sollte die Skalierung in den Kilotonnen-Maßstab gelingen, könnte das Berliner Team eine Schlüsselrolle dabei spielen, die europäische Industrie zukunftsfähig und unabhängig aufzustellen.
Schluss mit der Wegwerf-Ausrüstung: Outzips Masterplan für eine neue Outdoor-Ökonomie
Gekaufte Outdoor-Ausrüstung wird im Schnitt nur zehn Tage genutzt – eine gewaltige Ressourcenverschwendung. Das junge Berliner Start-up Outzip der Gründer Kai Meier und Eloy Padilla will diese Lücke mit einem digitalen Miet-Marktplatz schließen. Doch wie belastbar ist das „Asset-Light“-Modell der Gründer? Wir haben nachgehakt.
Das Konsumverhalten verändert sich: Gekaufte Outdoor-Artikel werden im Durchschnitt nur zehn Tage genutzt, während 73 Prozent der Millennials laut Marktdaten angeben, mehr Ausrüstung mieten zu wollen. In diese Lücke stößt das Berliner Start-up Outzip. Mit einer digitalen Plattform für die Vermietung von Outdoor- und Sportausrüstung wollen die Gründer den fragmentierten Markt digitalisieren und ein skalierbares „Gear-as-a-Service“-Modell etablieren. Doch wie belastbar ist das Marktplatz-Modell im realen operativen Betrieb, wenn längst auch etablierte Handelsriesen denselben Markt ins Visier nehmen?
Die Gründer und der operative Ursprung
Hinter der im Jahr 2024 in Berlin gegründeten Outzip UG stehen zwei Gründer. Als Co-Founder und CEO bringt Kai Meier berufliche Stationen als Projektmanager in der Bike-Sharing-Economy beim ADFC Berlin sowie im Sales- und Marketingbereich bei ONOMotion in das Vorhaben ein. Co-Founder und CPO Eloy Padilla sammelte zuvor bereits Erfahrungen mit dem D2C-Outdoor-Marktplatz thefaircottage.com.
Der Impuls zur Gründung leitet sich direkt aus der aktuellen Ressourcenverschwendung ab. Im Fachmagazin Suston adressierte Outzip beispielsweise das Problem der Müllberge auf Musikfestivals, die durch billig gekaufte und zurückgelassene Campingausrüstung entstehen, und skizzierte Mietlösungen direkt vor Ort als Gegenmaßnahme. Erste konzeptionelle Bestätigung erhielt das Start-up im Wintersemester 2023/24 im Rahmen einer Projektarbeit der HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft sowie im Frühjahr 2025 im „Pitch Battle“ des Startup Insider Podcasts.
Margendruck durch Logistik?
Outzip agiert als B2B2C-Marktplatz, der lokale Miet-Shops, Reisende und Affiliate-Partner*innen zusammenbringt. In ersten Kooperationen binden der Reiseveranstalter Perlenfänger oder Vivido Outzip bereits für sogenannte Mikroabenteuer ein. Die Monetarisierung stützt sich auf eine 15-prozentige Provision pro Buchung. Auf Konsument*innen-Seite soll ein KI-Chatbot bei der Produktauswahl assistieren und so die Konversionsrate stützen.
Das Start-up fokussiert sich im Vertrieb zunächst darauf, Shops einen zusätzlichen digitalen Buchungskanal über das eigene Listing anzubieten. Perspektivisch, so Meier, wolle man das Onboarding eines eigenen Buchungssystems über den SaaS-Partner Sharefox ermöglichen und direkte API-Schnittstellen zu Shops mit existierendem System entwickeln.
Dabei verfolgt das Unternehmen prinzipiell einen „Asset Light“-Ansatz: Es besitzt die Ausrüstung nicht selbst, sondern aggregiert Bestände über API-Schnittstellen. Im Zeitraum 2024 bis 2025 verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben 800 Buchungen – davon 550 im Jahr 2025 – mit einem Gesamtumsatz (GMV) von 50.000 Euro.
Ein Blick auf die Unit Economics offenbart jedoch operative Risiken: Die geplante Integration eines umfassenden Kreislauf-Services inklusive externer Logistikpartner*innen ist im E-Commerce traditionell ein massiver Margenfresser. Auf die kritische Frage, wie das Start-up verhindern wolle, dass hohe Versand- und Aufbereitungskosten das Geschäftsmodell aushöhlen, verweist CEO Meier auf eine betont dezentrale Strategie. „Um insbesondere die Bereitstellungskosten so gering wie möglich zu halten, liegt der Expansionsfokus vor allem auf der Zusammenarbeit mit lokalen Verleih-Anbietern“, argumentiert der Gründer. Die Ware werde idealerweise direkt am „Point of Use“ ausgegeben und dort auch wieder aufbereitet. Das steigere nicht nur die Effizienz durch die Fachkenntnis der Partner, sondern ermögliche überhaupt erst ein breiteres Angebot. So gibt Meier zu bedenken, dass Produkte wie Kajaks „über den Versand kaum profitabel vermietbar wären“.
Kampf gegen Retail-Riesen und Plattformen mit identischem Modell
Der globale Markt für Outdoor-Vermietungen wird laut Branchenprognosen bis 2035 auf 32 Milliarden Euro anwachsen. Für Deutschland geht Outzip von einem adressierbaren Umsatzpotenzial von 700 Millionen Euro aus. Die Konkurrenzlandschaft ist jedoch dicht besiedelt und hochgradig kapitalisiert. Auf der einen Seite stehen etablierte Retailer wie Globetrotter, Decathlon und Intersport, die teils mit eigenen Verleihkonzepten experimentieren. Auf der anderen Seite positionieren sich spezialisierte Vermieter wie Cirkel Supply Co. oder EcoSki.
Die direkteste Gefahr droht Outzip jedoch durch Plattformen wie Lokki oder Rent & Send, die mit einem identischen Marktplatz-Ansatz um exakt dieselben B2B-Partner buhlen. Angesprochen auf den fehlenden technologischen „Burggraben“ des Unternehmens in diesem Umfeld, gibt sich Meier gelassen. Große Retailer sehe man aktuell nicht als Bedrohung, da diese sich „strategisch vor allem auf das Thema Second-Hand und Buy Back Programme fokussieren“. Gegenüber Plattformen mit nahezu identischem Modell wie Lokki führt der Mitgründer ein eher pragmatisches Argument ins Feld: Der strategische Vorteil liege „vor allem in der Positionierung als deutsches Unternehmen“. Dies solle im Vertrieb mit kleinen lokalen Geschäften in der Frühphase den Ausschlag geben. Um hier rasch Marktanteile zu sichern, verspricht Meier zudem schnellere Onboardings durch Kooperationen mit SaaS-Anbietern. Dadurch wolle man ein breites Partner*innen-Portfolio auf dem Marktplatz sichtbar machen, „ohne den individuellen Vertrieb mit jedem Partner einzeln“ stemmen zu müssen.
Einordnung und Fazit
Outzip positioniert sich in einem signifikant wachsenden Segment der Kreislaufwirtschaft. Für die aktuelle Pre-Seed-Runde sucht das Start-up 500.000 Euro, primär um die Software-Middleware zu finanzieren und 18 Monate Runway zu sichern. Flankiert werden soll dies durch eine angestrebte Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg in Höhe von 300.000 Euro. Erste Investitionstickets werden als Wandeldarlehen ab 10.000 Euro bei einem Cap von 2,5 Millionen Euro ausgegeben.
Die größte Hürde bleibt der zügige Aufbau der B2B-Angebotsseite. Die Roadmap sieht zunächst die Akquise lokaler Shops in Brandenburg vor, bevor bundesweit skaliert werden soll. Zudem fokussiert sich das Start-up nach eigenen Angaben im laufenden Jahr ausschließlich auf die Bereiche Camping und Trekking. Das birgt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie lockt man Nutzer*innen an, wenn das lokale Angebot noch spärlich ist?
Um diese Phase zu überbrücken, verlässt sich Outzip nicht nur auf Kaltakquise. Man arbeite „an engen Partnerschaften mit relevanten Reiseveranstaltern und Campingplätzen, um die Nachfrage für die entsprechenden Produkte zu erhöhen“, skizziert Meier den Ausweg. Das so generierte Buchungsvolumen diene gleichzeitig als Marktforschung. Durch die zielgruppenspezifische Analyse wisse Outzip sehr genau, „welche lokalen Anbieter aktuell gut zu unserem Portfolio passen“.
Gelingt es dem Team, die Akquisitionskosten für neue Partner niedrig zu halten und die logistischen Herausforderungen effizient zu lösen, könnte Outzip im europäischen Outdoor-Markt eine relevante Rolle spielen. Scheitert jedoch die schnelle Skalierung der Angebotsseite, droht das Modell an den besser kapitalisierten Bestandsakteur*innen abzuprallen.
50 Mio. USD für Qdrant: Wie ein Berliner Start-up die globale KI-Infrastruktur erobert
Das 2021 von Andrey Vasnetsov und Andre Zayarni gegründete Qdrant sichert sich eine gewaltige Series-B-Finanzierung und fordert die etablierten Tech-Giganten heraus. Warum „Composable Vector Search“ das nächste große Ding im B2B-Markt ist und was Gründer*innen von diesem DeepTech-Erfolg lernen können.
Das Berliner KI-Infrastruktur-Start-up Qdrant hat heute eine Series-B-Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Angeführt wird die Runde vom Investor AVP, unter Beteiligung von Bosch Ventures, Unusual Ventures, Spark Capital und 42CAP. Mit dem frischen Kapital will das Unternehmen, das eine in der Programmiersprache Rust entwickelte Open-Source-Vektorsuchmaschine für Produktionslasten anbietet, seine sogenannte Composable Vector Search als fundamentale Infrastruktur für die KI-Ära standardisieren.
Für die Start-up-Szene und die StartingUp-Leser*innen liefert Qdrant ein Paradebeispiel für europäisches DeepTech, Product-Led Growth über Open-Source und den harten strategischen Wettbewerb im aktuellen KI-Ökosystem.
Vom Side-Project zur modularen Architektur
Die Ursprünge von Qdrant gehen auf das Jahr 2021 in Berlin zurück. Die Gründer André Zayarni, heute CEO des Unternehmens, und Andrey Vasnetsov, der heutige CTO, arbeiteten zunächst an einer Matching-Engine für gigantische Mengen unstrukturierter Textdaten. Der technologische Durchbruch kam, als Vasnetsov vorschlug, auf neuronale Suche umzuschwenken und sich in seiner Freizeit die speichersichere Programmiersprache Rust aneignete.
Technologisch hat sich der Markt seitdem rasant entwickelt. Zu Beginn löste die Vektorsuche ein sehr spezifisches Problem, nämlich das Abrufen der nächsten Nachbarn aus dichten Embeddings über weitgehend statische Datensätze. Moderne KI-Systeme sehen heute jedoch völlig anders aus: Retrieval-Prozesse laufen nun in Agenten-Schleifen ab, führen pro Workflow Tausende von Abfragen über hybride Modalitäten aus und greifen auf sich kontinuierlich verändernde Daten zu.
Qdrant verabschiedet sich daher von einer reinen Black-Box-Lösung und setzt stattdessen auf eine modulare Infrastruktur. Entwickler*innen können Primitive zur Vektorsuche – wie dichte und spärliche Vektoren, Metadaten-Filter, Multi-Vektor-Darstellungen und benutzerdefinierte Bewertungsfunktionen – direkt zum Zeitpunkt der Abfrage frei kombinieren. Dies erlaubt eine explizite Steuerung darüber, wie sich jede einzelne Komponente auf die Relevanz, die Latenz und die Kosten auswirkt. Um der steigenden Forderung nach Flexibilität nachzukommen, ist Qdrant so designt, dass es sich nahtlos in Cloud-, Hybrid-, On-Premise- und Edge-Umgebungen einsetzen lässt.
Das Open-Core-Modell auf dem Prüfstand
Mit diesem Ansatz tritt Qdrant als sogenannter Picks-and-Shovels-Anbieter der andauernden KI-Revolution auf. Das Geschäftsmodell basiert auf einem Open-Core-Ansatz: Die Basis-Software ist quelloffen und erfreut sich mit mittlerweile über 250 Millionen Downloads sowie mehr als 29.000 GitHub-Stars einer massiven Beliebtheit. Namhafte Konzerne wie Tripadvisor, HubSpot, OpenTable, Bazaarvoice und Bosch nutzen die Technologie bereits kontinuierlich unter realer Produktionslast. Geld verdient das Start-up durch Managed-Cloud-Dienste sowie dedizierte Enterprise- und On-Premise-Lösungen.
Die kritische geschäftliche Hürde liegt jedoch in der massiven Ressourcen- und Rechenintensität von Vektordatenbanken. Die enorme Verbreitung im Open-Source-Bereich ist zwar exzellent für das Marketing, muss sich jedoch dauerhaft mit einer hohen Konversionsrate in zahlende Enterprise-Kund*innen übersetzen lassen, um die erheblichen Infrastruktur- und Vertriebskosten zu decken. Das Funding über 50 Millionen US-Dollar ist deshalb essenziell, um das Wachstum und den Cloud-Ausbau massiv zu forcieren.
Im Haifischbecken der Tech-Giganten
In diesem Umfeld agiert das Start-up in einem der derzeit umkämpftesten Tech-Sektoren überhaupt. Zu den Hauptkonkurrenten zählen Pure-Play Vektordatenbanken wie Pinecone, das als Platzhirsch im reinen Cloud-Segment gilt und enorme Einfachheit bietet, architektonisch jedoch die Gefahr eines Cloud-Vendor-Lock-ins birgt. Mitbietende Open-Source-Rivalen wie Weaviate mit einem starken Fokus auf hybride Suche und Milvus kämpfen in einer ähnlichen Liga wie Qdrant.
Die vielleicht größte Bedrohung geht jedoch von traditionellen Datenbanksystemen wie PostgreSQL, MongoDB oder Elasticsearch aus, die Vektorsuch-Funktionen inzwischen integriert haben. Herkömmliche Tools, die Vektorsuche nur als zusätzliche Schicht auf alte Indexierungsmodelle packen, brechen jedoch unter den Anforderungen moderner KI-Skalierungen oft ein. Qdrant ist daher strategisch gezwungen, als Spezialist durch vorhersagbare, niedrige Latenzen im Milliarden-Skalen-Bereich zu überzeugen.
Lektionen für die Start-up-Szene
Für Gründerinnen und Gründer lassen sich aus dem Fall Qdrant wertvolle Lektionen ziehen. Das Start-up zeigt eindrucksvoll, dass Entwickler*innen heute die wichtigsten Gatekeeper im B2B-Sales sind und eine starke Open-Source-Community eine organische Adaption generiert, die sich im Anschluss an große Enterprises monetarisieren lässt.
Zudem zahlt sich die frühe technologische Wette auf die Programmiersprache Rust aus, da Performance im KI-Markt ein harter Wettbewerbsvorteil ist.
Nicht zuletzt demonstriert Qdrant, dass tiefgreifende KI-Infrastruktur – eine Technologie, von der alle fortschrittlichen KI-Anwendungen abhängig sein werden – erfolgreich aus Berlin heraus gegründet und in globale Märkte skaliert werden kann.
Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein
Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.
Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.
Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.
Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger
Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.
+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++
Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“
KI-Tempo vs. Konzernstrukturen
Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.
Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“
Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“
Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz
Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.
Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.
Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.
Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.
Zwischen Convenience und Notariat
Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“
Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.
Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.
Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.
Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“
Der Lackmustest
Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.
Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“
Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.
Zwischen Hausaufgaben und Datenschutz: Der mutige B2C-Vorstoß von innoGPT
Die Inno KI GmbH aus Vechta öffnet ihre bisher auf Geschäftskunden ausgerichtete KI-Plattform nun für Familien. Mit einem neuen "Family Package" wollen die Gründer Mike Koene und Maurice Brumund das Problem des Datenschutzes bei der KI-Nutzung von Jugendlichen lösen. Ein cleverer Schachzug in eine unbesetzte Nische – oder ein schwieriges B2C-Geschäftsmodell mit hoher Preishürde?
Die Zahlen der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) sprechen eine deutliche Sprache: 70 Prozent der Jugendlichen nutzen Künstliche Intelligenz zur Informationssuche, 74 Prozent lassen sich bei den Hausaufgaben helfen. Die Kehrseite dieser rasanten Adaption: Die Nutzung erfolgt zumeist über die kostenlosen Web-Versionen von US-Giganten wie OpenAI oder Google. Sensible Daten – von persönlichen Fragen bis zu hochgeladenen Schuldokumenten – fließen oft ungefiltert in die globalen Trainingsdatenbanken der Anbieter, sofern nicht manuell widersprochen wird.
Während die Politik über Social-Media-Verbote für Minderjährige debattiert, bleibt der regulatorische blinde Fleck bei KI-Tools im Kinderzimmer bislang bestehen. Genau in diese Lücke stößt nun das niedersächsische Start-up Inno KI GmbH mit seiner Plattform innoGPT.
Von der Agentur zum KI-Aggregator
Hinter innoGPT steht kein klassisches, VC-finanziertes Silicon-Valley-Konstrukt, sondern mittelständischer Pragmatismus aus Vechta. Co-Founder Maurice Brumund und sein Team begannen bereits 2022 im Umfeld einer eigenen Digitalmarketing-Agentur, intensiv mit KI-Tools zu experimentieren.
Aus dem internen Pain Point – der Frage, wie Mitarbeitende rechtssicher und datenschutzkonform mit großen Sprachmodellen (LLMs) arbeiten können – entstand Ende 2024 die Plattform innoGPT. Bisher lag der Fokus des Startups strikt auf dem B2B-Segment: Mit rein europäischem Hosting, DSGVO-Konformität und einer Zero-Retention-Policy (keine Nutzung der API-Daten für das Modell-Training) positionierte sich innoGPT als Lösung gegen die „Schatten-IT“ in Unternehmen. Laut Unternehmensangaben nutzen bereits über 2.500 Privat- und Geschäftskund*innen den Service. Nun folgt die Ausweitung des Geschäftsmodells auf den B2C-Markt.
Das Produkt: Ein "Safe Space" für die Familie
Mit dem neuen „Family Package“ erhalten bis zu fünf Familienmitglieder für 34,90 Euro im Monat individuelle Logins zu einer zentralen Plattform. Über diese können sie gebündelt auf verschiedene führende KI-Modelle von OpenAI, Anthropic, Google, Meta, Mistral und Black Forest Labs zugreifen. Ein zusätzlich buchbares Add-on filtert persönliche Daten (Named Entity Recognition) wie Namen oder E-Mail-Adressen und ersetzt diese vor der Übermittlung an die Rechenzentren automatisch durch Platzhalter.
Das Geschäftsmodell und der Markt
Aus Start-up-Sicht ist der Vorstoß von B2B-SaaS in ein Family-Abo-Modell gleichermaßen spannend wie riskant. Eine kritische Analyse offenbart dabei mehrere Marktherausforderungen:
- Der technologische Burggraben (Moat): Das Geschäftsmodell von innoGPT ist im Kern ein Aggregator- oder Wrapper-Modell. Das Start-up entwickelt keine eigenen Foundation-Modelle, sondern baut eine sichere, europäische Middleware-Schicht über die Schnittstellen (APIs) der Tech-Giganten. Der technologische Burggraben ist folglich eher niedrig. Der primäre Unternehmenswert liegt in der User Experience, der reibungslosen Modellanbindung und dem abstrakten Vertrauensfaktor „Datenschutz“.
- Zahlungsbereitschaft: 34,90 Euro im Monat (knapp 420 Euro im Jahr) sind für ein klassisches Familienbudget eine erhebliche Summe. Der Preis entspricht fast den Kosten von anderthalb ChatGPT-Plus-Lizenzen. Die zentrale Herausforderung für das Marketing wird sein: Sind Eltern bereit, für den Schutz der Daten ihrer Kinder diesen Premium-Aufschlag zu zahlen, während der Nachwuchs die Basis-Tools de facto kostenlos und mit einem Klick auf dem Smartphone nutzen kann?
- Token-Ökonomie in der Praxis: Das Modell sieht einen geteilten Token-Pool für die fünf Accounts vor. In der Praxis könnte dies zu Reibereien führen, wenn beispielsweise ein Familienmitglied rechenintensive Bildgenerierungen (etwa über Black Forest Labs) durchführt und das Kontingent für die Text-Prompts der restlichen Familie vorzeitig aufbraucht.
- Wettbewerbslandschaft: InnoGPT bewegt sich in einem Sandwich-Markt. Von oben drohen die direkten B2C-Angebote der Tech-Riesen (es ist absehbar, dass OpenAI oder Google eigene „Family Plans“ ausrollen). Von der Seite drücken EdTech-Start-ups in den Markt, die KI DSGVO-konform direkt in die Lernplattformen der Schulen integrieren – was eine private Familienlizenz obsolet machen könnte.
Ein mutiger Testballon
Für das Start-up-Ökosystem ist die Inno KI GmbH dennoch ein Paradebeispiel für „bootstrapped“ Innovationskraft. Anstatt ein Produkt am Reißbrett zu entwerfen, hat das Team ein valides Angebot aus einem eigenen betrieblichen Schmerz heraus entwickelt.
Der Vorstoß in den B2C-Markt wirkt wie ein smarter, PR-wirksamer Testballon. Das Start-up greift eine hochaktuelle, emotionale gesellschaftliche Debatte auf (Jugendschutz bei KI) und besetzt rhetorisch geschickt die Rolle des Problemlösers. Ob sich das Family-Modell finanziell trägt, hängt letztlich davon ab, ob innoGPT den trockenen Begriff der „DSGVO-Konformität“ für Eltern emotional so aufladen kann, dass er als unverzichtbare Sicherheitsmaßnahme wahrgenommen wird. Gelingt dies nicht, ist das Risiko überschaubar: Das Start-up kann sich nahtlos wieder auf sein wachsendes B2B-Kerngeschäft konzentrieren.
Mio.-Funding und leergekaufte Lager: Die Entwicklung des BioTech-Start-ups PerioTrap
Ein selektiver Wirkstoff gegen Parodontitis, ausverkaufte Zahnpasta-Bestände und frisch eingesammelte 2,9 Mio. Euro: Das BioTech-Start-up PerioTrap verzeichnet derzeit ein starkes Momentum. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell? Eine Analyse zwischen wissenschaftlicher Innovation, Crowdinvesting-Strategie und zahnmedizinischer Realität.
Das Timing war für PerioTrap günstig. Als die Fraunhofer-Gesellschaft Anfang 2026 eine Mitteilung über den neuartigen Wirkstoff des Start-ups gegen Parodontitis veröffentlichte, war das Medienecho groß. Die Folge: Die neu gelaunchte Mikrobiom-Zahnpasta des Unternehmens war innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft. Auf diesen kommerziellen Soft-Launch folgte nun der finanzielle Nachschlag. Laut den offiziellen Angaben der Crowdinvesting-Plattform Companisto flossen in der aktuellen Finanzierungsrunde insgesamt 2,9 Millionen Euro in die Kassen, getragen vom Business-Angel-Netzwerk Companisto sowie einem Co-Investment der bmp Ventures (IBG-Fonds). Doch was macht PerioTrap für Anleger so interessant?
Von der Petrischale zum Produkt
Die Wurzeln von PerioTrap reichen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals begann die Erforschung des Parodontitis-Erregers Porphyromonas gingivalis im Rahmen des internationalen, EU-geförderten Forschungskonsortiums TRIGGER. Treibende Kraft war der Pharmazeut Dr. Mirko Buchholz, der mit über 25 Jahren Erfahrung in der Wirkstoffentwicklung den Kern der heutigen Technologie erfand. 2019 folgte gemeinsam mit dem Wirtschaftsexperten Pierre Tangermann (heute CEO) die offizielle Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Weinberg Campus in Halle (Saale).
Die Arbeitsteilung der Gründer ist klassisch: Buchholz fungiert als wissenschaftlicher Kopf (CSO), Tangermann übersetzt die Forschung als CEO in eine für Investor*innen verständliche „Equity Story“. Spätestens mit dem Gesamtsieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland im Jahr 2020 erlangte das Duo überregionale Sichtbarkeit, die konsequent für die Kapitalsuche genutzt wurde.
Modulation statt Breitbandwirkung
Der Markt, auf den PerioTrap zielt, ist groß. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung; laut der repräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) leidet mehr als die Hälfte der Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren an einer moderaten oder schweren Form. Die bisherigen Branchenstandards setzen meist auf Breitbandantibiotika oder Antiseptika wie Chlorhexidin. Das Problem dieser Lösungen: Sie greifen das gesamte orale Mikrobiom an und reduzieren auch die nützlichen Bakterien. Bei der Regeneration sind die aggressiven Parodontitis-Erreger oft schneller als die gesunden Bakterien – ein medizinischer Teufelskreis.
PerioTrap setzt stattdessen auf Selektivität. Nach Unternehmensangaben hemmt der patentierte Wirkstoff gezielt ein Enzym (die bakterielle Glutaminylcyclase) des Leitkeims P. gingivalis. Die krankmachenden Eigenschaften des Erregers sollen so blockiert werden, ohne das restliche Mikrobiom anzugreifen. Neben der frei verkäuflichen Zahnpasta für Endkund*innen positioniert das Start-up auch ein professionelles Pflege-Gel für die zahnärztliche Praxis. Zukünftig sollen Haustiere als weiterer Markt erschlossen werden.
Innovation oder ergänzendes Präparat?
Bei aller positiven Resonanz im Crowdinvesting darf das Geschäftsmodell kritisch eingeordnet werden:
- Die Grenzen der Biologie: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) lobte in einem aktuellen Statement vom Februar 2026 zwar den innovativen Ansatz aus den Laboren. Die Fachgesellschaft warnt jedoch davor, Parodontitis auf ein spezifisches Bakterium zu reduzieren. Es handele sich um eine polymikrobielle Infektion aus einem Zusammenspiel Hunderter Bakterienarten. Der PerioTrap-Wirkstoff attackiert den „Leitwolf“, kann die komplexe Krankheit als alleiniges Mittel jedoch nicht besiegen.
- Keine „Abkürzung“ für Patient*innen: Für den/die Endkund*innen birgt die Zahnpasta im Premium-Preissegment die Gefahr einer trügerischen Sicherheit. Gemäß den zahnmedizinischen Leitlinien der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Fachgesellschaften kann ein kosmetisches Zahnpflegeprodukt eine professionelle Diagnostik, mechanische Taschenreinigung und Therapieplanung beim Zahnarzt bzw. bei der Zahnärztin nicht ersetzen. Klinische Langzeitstudien am Menschen müssen erst noch beweisen, ob die Zahnpasta im Patient*innenalltag signifikante Effekte auf klinische Parameter wie Sondierungstiefen und Zahnfleischbluten hat.
- Crowdfunding als strategisches Instrument: Tangermann nutzt Plattformen wie Companisto sehr bewusst. Das bringt nicht nur Kapital, sondern auch sofortige Kund*innenkreise. Gleichzeitig räumt das Management ein, dass durch den Zuwachs an hunderten Kleininvestor*innen der administrative Abstimmungsprozess deutlich komplexer wird.
Klarer Fokus auf den Trade-Sale
Für die Start-up-Szene ist PerioTrap ein Beispiel dafür, wie komplexe „DeepTech“-Forschung in ein Consumer-Product übersetzt wird. Der Vertriebs-Soft-Launch als B2C-Zahnpasta generiert erste Umsätze, erzeugt mediale Aufmerksamkeit und senkt das wahrgenommene Risiko für institutionelle Investoren.
Doch das Endkunden-Geschäft mit Zahnpasta ist höchstwahrscheinlich nicht das finale Ziel der Gründer. Die Unternehmensstrategie deutet auf einen klassischen Trade-Sale hin: Man positioniert sich im stark wachsenden Segment der „Microbiome Oral Care“, baut Marktpräsenz und einen „Proof of Concept“ auf und macht sich als Übernahmeziel attraktiv. Große Akteure wie Colgate, GC Dental oder Haleon suchen kontinuierlich nach Innovationen in diesem Bereich.
PerioTrap hat mit dem jüngsten Funding und dem Verkaufsstart bewiesen, dass eine Nachfrage besteht. Nun folgt die anspruchsvollere Phase: Die Skalierung der Produktion und der wissenschaftliche Beweis, dass das große Interesse an der Mikrobiom-Zahnpasta dauerhaft gerechtfertigt ist und sich als fester Bestandteil der zahnmedizinischen Prävention etablieren kann.
Unchained Robotics auf dem Sprung in die „Champions League“ der Industrielogistik
Der Logistikkonzern Arvato beteiligt sich an Unchained Robotics und ebnet dem Paderborner Start-up den direkten Weg in die internationale Industrielogistik. Wir analysieren, wie dieser Deal den Markt aufmischt und welche strategischen Skalierungs-Learnings B2B-Gründer*innen daraus ziehen können.
Für Gründer*innen im Hardware- und Robotik-Bereich ist der Sprung von der Technologieentwicklung in den industriellen Masseneinsatz oft die größte Hürde. Bisher adressierte Unchained Robotics mit seiner Plattform vor allem kleine und mittelständische Betriebe in Europa. Durch die enge Verzahnung mit der Bertelsmann-Tochter Arvato validiert das Start-up seine Technologie nun im industriellen Großmaßstab.
Arvato plant, in den kommenden Jahren eine dreistellige Anzahl von Robotern in unterschiedlichen operativen Umgebungen zu implementieren. Dieses Volumen schafft Erfahrungswerte und Standards, die Unchained Robotics gegenüber Mitbewerbern einen deutlichen Skalierungsvorteil verschaffen dürften. Neue Lösungen können fortan direkt entlang konkreter Use Cases im echten Betrieb erprobt und für den breiten operativen Rollout vorbereitet werden.
Plattform-Strategie und strategische Einordnung im Wettbewerb
Der deutsche Robotik-Markt ist stark umkämpft und von unterschiedlichen Lösungsansätzen geprägt. Während einige Start-ups auf die Entwicklung eigener Hardware setzen, fokussiert sich Unchained Robotics auf die softwareseitige Integration, insbesondere durch ihr Betriebssystem. So setzt beispielsweise das Münchener Start-up RobCo auf eigene, physische und modulare Hardware-Roboterarme, wohingegen Unchained strikt modular und herstellerunabhängig agiert.
Auch im Vergleich zu WAKU Robotics aus Berlin, die mit einem Marktplatz und eigener Software einen starken Fokus auf mobile Logistikroboter (AMR/AGV) legen, decken die Paderborner breitere Pick-and-Place-Anwendungen ab. Gegenüber Unternehmen wie Magazino (gehört zu Jungheinrich), die auf spezialisierte autonome Logistik-Roboter und Eigenentwicklungen für spezifische Prozesse fokussiert sind, grenzt sich Unchained durch seinen offenen, plattformbasierten Ansatz ab.
Diese strategische Positionierung erweist sich nun als maßgeblicher Hebel. Für einen globalen 3PL-Dienstleister wie Arvato wäre die Bindung an nur einen Hardware-Hersteller zu starr. Durch die Unabhängigkeit von Unchained Robotics lassen sich Lösungen flexibel für reale Logistik- und Fulfillment-Prozesse maßschneidern.
Der „Huckepack“-Vorteil bei der US-Expansion
Ein weiterer kritischer Faktor für die künftige Marktstellung des Start-ups ist die Internationalisierung. Üblicherweise erfordert der Sprung über den Atlantik für deutsche Tech-Gründer enorme Summen und den langwierigen Aufbau eigener Vertriebsstrukturen.
Unchained Robotics wählt eine effizientere Route: Neben europäischen Standorten eröffnet die Partnerschaft den direkten Zugang in internationale Märkte, insbesondere in die USA. Das Start-up expandiert quasi „huckepack“ über die bestehenden, hochkomplexen Logistik-Setups von Arvato. Gerade in den USA, wo hohe Automatisierungsanforderungen auf dynamische E-Commerce-Strukturen treffen, sichert dies einen schnellen und praxisnahen Markteintritt.
Automatisierung ohne „Raketenwissenschaft“
Für den Logistikkonzern steht bei dem Deal vor allem die rasche operative Umsetzung im Vordergrund: Automatisierung müsse heute in erster Linie schnell wirken, so Arvato-CEO Frank Schirrmeister.
Dies zahlt direkt auf die ursprüngliche Vision von Unchained Robotics ein: Die Paderborner sind angetreten, um zu beweisen, dass industrielle Automatisierung längst keine „Raketenwissenschaft“ mehr ist. Durch den Arvato-Deal erhält das Start-up nun die Möglichkeit, diesen Anspruch von der Konzeption bis zur Inbetriebnahme im globalen Großmaßstab unter Beweis zu stellen.
Smart Scaling: 3 konkrete Learnings für B2B- und Tech-Gründer*innen
Aus dem Deal zwischen Unchained Robotics und Arvato lassen sich drei handfeste strategische Manöver ableiten, die Start-ups bei der Skalierung im B2B-Umfeld helfen können:
1. Orchestrierung schlägt Vendor-Lock-in
Gerade im Hardware- und Maschinenbau neigen Start-ups dazu, eigene proprietäre Systeme zu entwickeln. Unchained Robotics zeigt den Wert des Plattform-Gedankens: Corporates hassen den „Vendor-Lock-in“ (die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller).
Learning: Wer sich als herstellerunabhängige, modulare Software- oder Integrationsschicht positioniert, macht sich für Konzerne, die flexibel bleiben müssen, weitaus attraktiver als der Anbieter einer isolierten Einzellösung.
2. Die „Huckepack“-Expansion (Piggybacking)
Der teuerste und riskanteste Schritt für deutsche B2B-Start-ups ist oft die Internationalisierung – insbesondere in die USA. Anstatt Millionen an VC-Geldern in den Aufbau eigener US-Vertriebs- und Servicestrukturen zu verbrennen, nutzt Unchained Robotics die bestehende Infrastruktur seines strategischen Partners.
Learning: Sucht gezielt nach Kund*innen oder Investor*innen, deren eigene globale Logistik oder Infrastruktur ihr als direktes Sprungbrett für neue Märkte nutzen könnt.
3. Volumen-Commitment als unfairen Wettbewerbsvorteil (Moat) aufbauen
Ein Corporate-Investment ist gut, ein garantiertes operatives Testfeld ist besser. Arvato hat sich nicht nur an dem Start-up beteiligt, sondern ein klares Commitment zum Rollout einer dreistelligen Anzahl von Robotern abgegeben.
Learning: Verhandelt bei strategischen Beteiligungen immer auch den operativen Einsatz mit hinein. Das garantierte Volumen generiert reale Use Cases und Datenmengen, die für neue Wettbewerber einen fast unüberwindbaren Burggraben („Moat“) darstellen.
