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Anbietercheck: Cloud-Speicher
Du brauchst schnell eine bestimmte Datei, die aber irgendwo im Wust von USB-Sticks und E-Mail-Anhängen verloren gegangen ist? Cloud-Speicher schaffen Abhilfe. Welche Tools dabei die beste Figur machen, erfährst du hier.
Mit Cloud-Speichern sammeln und verwalten Teams schnell, sicher und bequem wichtige Dateien und machen sie so überall zugänglich. Mittlerweile gibt es mehr als nur eine Handvoll Cloud-Speicher auf dem Markt, die sich explizit an Unternehmen richten. Höchste Zeit also, einen Blick auf das Angebot zu werfen und herauszufinden, wo du am meisten für dein Geld bekommst.
Dazu hat unser Kooperationspartner trusted.de über 30 Cloud-Speicher miteinander verglichen. Im Praxistest wurden die Tools nach Kriterien wie Nutzungsfreundlichkeit (allgemeines Handling, File-Sharing, Synchronisation etc.), Sicherheit, Datenschutz und Preis-Speicher-Verhältnis bewertet. Zudem wurde ein Testdatensatz aus 15 verschiedenen Dateitypen hochgeladen, um die Upload-Geschwindigkeit und die Verarbeitung der Dateien (z.B. Vorschauansicht, Möglichkeiten der Bearbeitung) einschätzen zu können.
Extrapunkte gab es für eine besonders einfache Bedienung, hohe Sicherheitsstandards und zusätzliche Kollaborationstools wie z.B. Kommentar- oder Feedbackfunktionen. Hier die zehn besten Cloud-Speicher-Tools aus unserem Vergleichstest:
luckycloud
Luckycloud ist ein Cloud-Speicher „Made in Germany“. Das Tool hat kürzlich ein großes Update erhalten und überzeugt mit einer schicken Oberfläche, verschlüsselten Verzeichnissen und einem Online-Office. Im Test funktionierten all diese Features fehlerfrei. Gleiches galt für das Filesharing und die einfache Synchronisation, die du dank App auch von deinem Smartphone aus durchführen kannst. Ein weiterer großer Punkt ist die Sicherheit. Mit Features wie ISO-27001-Zertifizierung, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, Zero-KnowledgePrinzip, 2FA bis hin zum integrierten Antivirus-Programm in den Tarifen „Business“ und „Enterprise Plus“ bietet dir das Tool alles, was eine sichere Cloud-Umgebung braucht.
Das Preissystem von luckycloud ist flexibel. Wie viel Speicher und wie viele Nutzer*innenplätze du brauchst, gibst du individuell bei der Bestellung an. Du zahlst damit effektiv nur für das, was du an Cloud brauchst. Für Privat-User*innen gibt es zwar günstigere Alternativen, allerdings überzeugt der Sicherheitsaspekt. Unternehmen und Teams sind hier gut bedient.
Die 3 Highlights von luckycloud
- Bis zu 500 TB Speicher bieten genug Webspace für deine Daten.
- Mit der flexiblen Skalierung zahlst du nur, was du
- benötigst.
- Cloud „Made in Germany“ für höchste Sicherheit und Datenschutz (DSGVO).
leitzcloud
Leitzcloud definiert sich selbst als eine Business-Cloud-Lösung. Das zeigt sich sowohl bei den umfassenden Sicherheitsfunktionen als auch an den vielfältigen Kollaborationstools. Die Lösung wird DSGVO-konform (mit Ökostrom) auf Servern in Deutschland betrieben.
Die Bedienung des Tools ist schnell erlernt. Einzig Shortcuts wie Strg+C zum Kopieren oder Strg+V zum Einfügen funktionieren nicht. Aber das ist easy zu verschmerzen. Einer der größten USPs ist die Organisationsverwaltung. Für alle Bereiche wie User*innen-Konten, Freigaben, geteilte Ordner etc. gibt es praktische Übersichten, um Admins die Verwaltung zu erleichtern. Apropos leicht: Auch das Microsoft-365-artige Online-Office ist einfach zu handhaben.
Preislich liegt leitzcloud höher als viele Konkurrent*innen. Bei 12 Euro Einstiegspreis dürften kleinere Unternehmen mit einem Speicherbedarf ab 250 GB bis hin zu 12,5 TB (mehr gibt es auf Anfrage) hier eine praktische Lösung finden. Die hohen Sicherheitsstandards können die höheren Preise rechtfertigen. Wer eine sichere Cloud für sein Team sucht, ist hier gut aufgehoben.
Die 3 Highlights von leitzcloud
- Zwischen 250 GB und 12,5 TB Speicher für alle Projektgrößen; mehr auf Anfrage.
- Eine einfache Organisationsverwaltung, mit der du als Admin den Überblick behältst.
- Server in Deutschland mit Zertifizierung.
Your Secure Cloud
Auch mit diesem deutschen Cloud-Speicher kannst du auf eine sichere und DSGVO-konforme Verwaltung deiner Dateien setzen. Es gibt alle wichtigen Basics: Weboffice, umfassende Sicherheitsfeatures und eine einfache Sharing-Funktion (auch für User*innen ohne YSC-Account).
Alle Oberflächen sind clean und verzichten auf Schnickschnack. Ein Top-Feature ist die umfangreiche Versionierung, mit der du für einzelne Bibliotheken Regeln zur Versionsverwaltung und für die Speicherdauer festlegen kannst. Eine weitere coole Eigenschaft ist die automatische Speicherskalierung. Je nach Tarif erhältst du pro weiterer Lizenz 50 GB bzw. 100 GB mehr Speicher. Dank den zwei angebotenen Clients kannst du diesen Speicher auch von weiteren Geräten aus verwalten. Die Einrichtung der Clients kann allerdings dauern.
Your Secure Cloud richtet sich sowohl an private User*innen als auch an Unternehmen. Pakete für Privat-User*innen gibt es ab 2,49 Euro im Monat. Hier gibt es zwischen 10 GB und 1 TB Speicherplatz. Unternehmen profitieren vom Online-Office und den angepassten Staffelpreisen ab 4 Euro pro Monat und User*in. Im Tarif „Enterprise“ werden speziell auf deine Bedürfnisse angepasste Preispakete angeboten.
Die 3 Highlights von Your Secure Cloud
- Zwischen 10 GB und unbegrenzt viel Speicher für alle Cloud-Bedürfnisse.
- Nützliche Speicherskalierung für mehr Speicher pro neuer Nutzer*innenlizenz.
- Flexible Dateiversionierung mit eigenen Regeln pro Bibliothek.
Dropbox
Dropbox, der „Großvater der Cloud-Speicher“, ist global weit verbreitet. Die Server stehen in den USA; für deutsche Firmen könnte das ein Manko sein. Dafür gibt es reichlich Speicher – bis zu 1000 TB können für Teams gebucht werden. Eine große Stärke von Dropbox sind die Synchronisations-Optionen (z.B. On- und Offline-Bearbeitung), die in einem einzigen Client untergebracht sind. In Sachen Kollaboration ist das Testergebnis nicht einheitlich. Zwar gibt es mit „Dropbox Paper“ einen einfachen Texteditor plus Kommentar- und Notizfunktion, ein echtes Online-Office der Marke „Google Drive“ ersetzt das aber nicht. Dafür ist ein Tool für einfache Videobearbeitung integriert. Damit ist Dropbox ein top Tool für zu Hause; für Büros aber nur bedingt geeignet.
Dropbox bietet bis zu 2 GB Gratis-Speicherplatz; andere Clouds bieten davon mehr. Die Premium-Tarife starten bei 9,99 Euro; Dropbox ist somit teurer beim Einstieg, liefert zu diesem Preis aber gleich stolze 2 TB Speicher. Privat-User*innen bekommen zudem einen angepassten Family-Tarif gestellt. Unternehmen profitieren von den Business-Plänen ab 9 TB bzw. ab 15 TB für 12 bzw. 18 Euro pro User*in und Monat.
Die 3 Highlights von Dropbox
- Zwischen 2 GB und 1000 TB Speicher für deine Cloud (mehr auf Anfrage möglich).
- Dropbox Paper und Tool zur Videobearbeitung für simple Text- und Schnittarbeiten.
- 2 GB kostenlos verfügbar.
Microsoft OneDrive
Der Cloudspeicher des Software-Giganten wird auf Servern in den USA betrieben – für deutsche Firmen nicht ideal. Allerdings winken auch viele Vorteile, wie z.B. unbegrenzt viel Speicherplatz oder praktische Team-Funktionen. Das Top-Argument für Microsoft OneDrive ist die nahtlose und funktionale Integration in den Microsoft-Kosmos mit Word und Co. Hinzu kommt der einfach zu bedienende Synchronisationsordner. Die Bedienung ist generell sehr gut; ironischerweise waren es aber oft die einfachsten Handgriffe wie das Verschieben von Dateien, die sich im Test als hakelig erwiesen. Dank Features wie hohen Verschlüsselungsstandards, 2FA oder separat verschlüsselten Ordnern gilt die Cloud als sehr sicher. Insgesamt kann das Tool aber nicht mit den Vorteilen eines deutschen Serverstandorts mithalten.
Im Vergleich liegt der Service mit seinen Paketpreisen konstant unter dem Durchschnitt. Privatkund*innen freuen sich über bis zu 5 GB kostenlosen Speicherplatz und einen angepassten Family-Tarif. Die Premium-Pakete für Privatkund*innen starten bei 1,67 Euro im Monat für 100 GB. Business-Pakete starten bei 4,70 Euro pro Monat und User*in.
Die 3 Highlights von Microsoft OneDrive
- Zwischen 5 GB und unbegrenzt viel Speicherplatz.
- Microsoft 365 in einigen Tarifen inklusive.
- 5 GB kostenlos verfügbar.
IONOS HiDrive
IONOS HiDrive gehört zu den deutschen Cloud-Speichern und lässt dich all deine Dateien DSGVO-konform unterbringen. Der Fokus liegt auf Geschwindigkeit und Einfachheit. Mit IONOS HiDrive stehen dir zwischen 100 GB und 2 TB Speicherplatz zur Verfügung.
Im Test überzeugte uns vor allem der leichte Einstieg in die Bedienung. Dafür verzichtet IONOS HiDrive auf Zusatzoptionen wie Dateihistorien oder Archivierung. Praktisch: Je nach Bedarf haben User*innen die Möglichkeit, das Online-Office gegen 3 Euro Aufpreis im Monat dazuzubuchen. So zahlst du nur für das, was du brauchst. Die sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung muss allerdings dazugekauft werden, sofern man sich nicht für den größten Tarif des Anbieters entscheidet.
An sich ist IONOS HiDrive sowohl für den privaten Gebrauch als auch für Unternehmen geeignet. Es gibt allerdings eine Einschränkung: Der Speicher ist auf kleine Teams mit maximal zehn Mitgliedern ausgelegt. Der Einstiegspreis liegt bei 1,50 Euro im Monat für 100 GB.
Die 3 Highlights von IONOS HiDrive
- 100 GB bis 2 TB Cloud-Speicher.
- Optionales Online-Office für eine gemeinsame Dokumentbearbeitung.
- Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für Einzel-User*innen und kleine Teams.
Google Drive
Google Drive gehört zu jedem Google-Konto und ist, ähnlich wie Microsoft OneDrive, direkt in die restliche Software-Umgebung des Anbieters (auf US-Servern) eingebettet. Das ermöglicht einen schnellen Switch zwischen Bearbeitung (auch im Team) und Speicherung.
Die Bedienung ist wirklich einfach und das Management der Dateien mit wenigen Klicks sehr bequem. Der Speicher hat einen schicken Look und punktet vor allem mit seinem phänomenalen Office-Paket rund um Google Docs, Sheets, Präsentationen und Co. Im Test überzeugten außerdem die zuverlässige Synchronisation und die unbegrenzte Dateiversionierung plus Bearbeitungsverlauf. Ein Knackpunkt ist hingegen die Suchfunktion (ironisch für ein Google-Produkt). Die findet nämlich unsere Dateien nicht immer zuverlässig wieder und spuckt manchmal schlichtweg Blödsinn aus.
Im Schnitt sind die Preise von Google günstig zu nennen. Business- und Privatpersonen freuen sich über ein kostenloses Speicherkontingent von 15 GB. Die Premium-Tarife starten bei 1,67 Euro pro Monat (100 GB) für Privatpersonen und bei 5,75 Euro pro Monat und User*in für die Business-Varianten der Cloud. Dort steht dir bis zu unbegrenzt viel Speicherplatz zur Verfügung.
Die 3 Highlights von Google Drive
- 15 GB kostenlos verfügbar.
- Zwischen 15 GB und unbegrenzt viel Speicherplatz.
- Perfekte Integration in die Google Suite mit Google Docs und Co.
STRATO HiDrive
STRATO HiDrive ist eine weitere bekannte Cloud-Lösung „Made and hosted in Germany“. Das Tool richtet sich an alle, die einen großen Speicherbedarf haben. Du findest hier alle wichtigen Standardfunktionen inklusive Filesharing und Synchronisation. Die Synchronisation hat lediglich einen Haken: Du brauchst einen Workaround, um sie sinnvoll zu nutzen. Sonst läuft deine lokale Festplatte voll. Coole Sache (wenn auch nicht zwingend nötig): Du hast dank Alexa-Skill die Möglichkeit, Musik per Sprachsteuerung abzuspielen. Relevanter ist das 2021 nachgereichte Online-Office von Collabora. Damit können Teams in der STRATO-Cloud ihre Files gemeinsam bearbeiten. Business-User*innen haben das Office standardmäßig an Bord; Privatpersonen müssen den Family-Tarif buchen oder das Office zusätzlich kaufen.
In Sachen Preis-Leistung ist das Tool besonders in den Bereichen um die 500 GB bis 2 TB recht günstig. Startpreis für 500 GB: 3,50 Euro im Monat. Die Business-Pakete starten bei 12,50 Euro im Monat mit 1 TB Speicher. Die maximale Anzahl an User*innen, die die Business-Tarife fassen, sind 20 Personen. Für große Teams ist das Angebot also eher nicht ausgelegt.
Die 3 Highlights von STRATO HiDrive
- 500 GB bis 10 TB Speicherplatz in den Tarifen.
- Optionaler Umzugsservice für den Anbieterwechsel.
- Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für Speichermengen über 500 GB.
Tresorit
Tresorit ist ein Schweizer Cloud-Speicher, der vor allem auf ein Thema setzt: Sicherheit. Dafür fehlt es an anderen Stellen wie den Kollaborationsfeatures. Tresorit hat aber andere Qualitäten. Das sind etwa die Sicherheitsfunktionen wie Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, Remote Wipe, ein starker (Schweizer) Datenschutz und viele Kontrollfunktionen für Admins. Zudem ist die Cloud dank ihrer verschiedenen Interfaces sehr nutzungsfreundlich.
Du magst die Anwendung Tresorit Drive nicht? Dann nutze stattdessen die Desktop-App. Der „Drive“ ist nur für die Offline-Verfügbarkeit der Files ein Muss. Beim Filesharing macht der Anbieter ebenfalls alles richtig. Kleiner Kritikpunkt: Die maximale File-Größe von 5 GB für geteilte Dateien. Hier bieten andere Anbieter*innen mehr Spielraum; für die meisten Files sollte diese Sharing-Größe jedoch ausreichen.
Der Tarif für Einzelnutzer*innen ist bei Tresorit relativ teuer. Einstiegspreis: 9,99 Euro. Dafür gibt es allerdings auch gleich 1 TB an Speicher; wer weniger braucht, findet günstigere Alternativen. Die Business-Tarife sind mit Blick auf den Speicher im Rahmen des Üblichen. Ab 16 Euro im Monat und User*in gibt es 2 TB (für mindestens drei User*innen); professionelle Einzelnutzer*innen erhalten 4 TB für 23,99 Euro im Monat.
Die 3 Highlights von Tresorit
- 3 GB bis unbegrenzt viel Speicherplatz.
- Sehr hohe Standards für maximale Datensicherheit.
- 3 GB Cloud-Speicher kostenlos verfügbar.
pCloud
Mit pCloud präsentieren wir eine weitere Schweizer Lösung. User*innen können sich hier auf eine sichere Verwaltung ihrer Files einstellen. Synchronisation und Filesharing bringen alles mit, was Durchschnitts-User*innen brauchen, inklusive automatischer Datensicherung von Mobilgeräten.
Im Test fielen uns die sehr gute Usability und die hübschen Interfaces für die Medienwiedergabe auf. Auf Kollaboration ist die Cloud hingegen weniger ausgelegt. Es gibt für die Business-Tarife eine Kommentarfunktion und gemeinsame Ordner, um in der Gruppe Files zu teilen. Ein umfassendes Online-Office, wie es andere Clouds mitbringen, ist bei pCloud nicht zu finden. Für den Privatgebrauch ist das Tool aber sehr gut geeignet und landete damit in diesem Test einen kleinen Überraschungshit.
Generell ist pCloud nicht teuer, gehört aber auch nicht zu den günstigsten Tools. Der Einstiegspreis liegt bei 4,17 Euro für 500 GB. Die Business-Tarife beginnen bei 23,97 Euro im Monat. Eine Besonderheit sind die optionalen Lifetime-Tarife, mit denen du einmal für die Cloud bezahlst und dann für immer den Zugriff auf deinen Online-Speicher behältst. Dieses Angebot gibt es sowohl für Familien als auch Einzel-User*innen.
Die 3 Highlights von pCloud
- Zwischen 10 GB und unbegrenzt viel Speicher.
- Perfekt für die Verwaltung von Mediendateien und deren Streaming.
- 10 GB kostenloser Speicherplatz verfügbar.
Die Autorin Julia Warnstaedt ist zertifizierte WordPress-Spezialistin und Redakteurin für Website- und E-Commerce-Themen bei trusted.de. Das Vergleichsportal für Business-Tools ist eines der führenden Informationsmedien zu B2B-Softwarevergleichen im deutschsprachigen Raum und versorgt seine User*innen laufend mit aktuellen Testberichten und Tool-Übersichten. Den vollständigen Erfahrungsbericht zum Thema Cloud-Speicher und alle Infos findest du auf www.trusted.de
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Zusammenschluss im Rhein-Main-Gebiet: Futury integriert ryon und formt neues Deep- & GreenTech-Zentrum
Das Rhein-Main-Gebiet baut seine Strukturen für technologieorientierte Gründungen weiter aus. Mit der Integration des Accelerators ryon in die Start-up-Schmiede Futury bündeln sich regionale Stärken sowie Kapital- und Forschungsressourcen. Für Start-ups bedeutet das konkret: zentralisierte Infrastruktur, direktere Wege von der Forschung in den Markt und gebündelte Fördermittel.
Seit dem 16. Juli 2026 ist es offiziell: Der in Gernsheim ansässige Green- und DeepTech-Accelerator ryon wird in die Frankfurter Startup-Plattform Futury integriert. Dieser Schritt ist eine direkte Reaktion auf die oftmals zersplitterte deutsche Förderlandschaft.
Melissa Ott, Managing Director von Futury, formuliert den Anspruch an die neue Struktur unmissverständlich: „Unsere Aufgabe ist klar: Weniger Fragmentierung, mehr Wirksamkeit“. Durch die Bündelung unter einem Dach sollen neue Perspektiven entstehen: „Indem wir Programme, Infrastrukturen und Beratung unter einem Dach vereinen, schaffen wir ein Ökosystem, das Start-ups nicht nur begleitet, sondern ihnen echte Wachstums- und Marktperspektiven eröffnet“, so Ott weiter.
Ein Blick in die Strukturen der beteiligten Organisationen zeigt, wie sich die Innovationslandschaft in der Region durch den Zusammenschluss verändert.
Deep Dive: Die Organisationen hinter dem Zusammenschluss
Die Zusammenführung der beiden Organisationen bündelt bestehende Netzwerke aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.
Futury: Vom Frankfurter Ökosystem zur „Startup Factory“
Futury ist ein industriegetriebenes Start-up-Ökosystem mit Sitz in Frankfurt am Main.
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- Das Kapital: Futury wird in diesem Rahmen mit bis zu 10 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt gefördert.
- Netzwerk: Getragen wird das Ökosystem von einer Allianz aus 33 Partnern aus Unternehmen und Stiftungen sowie vier Hochschulen (darunter die TU Darmstadt, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Frankfurt School of Finance & Management und die Goethe-Universität Frankfurt).
- Das Ziel: Bis 2030 sollen in dem Ökosystem rund 1.000 neue Start-ups entstehen.
Charlie Müller, Founder & Managing Director von Futury, ordnet die überregionale Tragweite des Deals ein: „Mit der Integration von ryon bündeln wir die Schlagkraft der wichtigsten regionalen Initiativen“. Für ihn ist der Zusammenschluss auch ein relevantes Signal für den Standort: „Deutschland braucht starke Innovationsknoten, die in der Lage sind, DeepTech konsequent von der Forschung über die Validierung bis zur Skalierung zu begleiten“. Genau diese Struktur entstehe jetzt im Herzen der Rhein-Main-Region.
ryon: Der GreenTech-Accelerator in Gernsheim
Der 2022 gegründete GreenTech Accelerator ryon bringt spezifische Hardware- und Labor-Infrastruktur in die Zusammenarbeit ein.
- Die Infrastruktur: ryon operiert am Standort Gernsheim im Umfeld des Industrieparks FLUXUM. Dort steht Start-ups Labor- und Technikumsinfrastruktur zur Verfügung, um nachhaltige Technologien zu skalieren.
- Gesellschafter: Zu den Akteuren hinter ryon gehören die Goethe-Universität Frankfurt, die TU Darmstadt, das Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck, Hessen Trade & Invest sowie die WIBank.
Jörg von Hagen, Geschäftsführer von ryon, erklärt zur Integration: „Ryon hat die regionale GreenTech-Landschaft mit aufgebaut. Der nächste logische Schritt ist, diese Dynamik in eine größere Struktur zu überführen und unsere Arbeit dadurch nachhaltig zu stärken.“ Die Zusammenführung strukturiere die bisherige Arbeit neu: „Mit Futury entsteht eine Plattform, die unsere Erfahrungen nicht nur aufnimmt, sondern mit neuer Kraft weiterentwickelt und unsere Region als DeepTech-Hotspot positioniert.“
Was der Deal konkret für Gründer*innen bedeutet
Für Deep- und GreenTech-Entrepreneur*innen soll dieser Zusammenschluss Innovationspfade verkürzen. Futury hat fünf strategische Cluster definiert, die sich an den Stärken der Region orientieren. Eines davon ist „Deep & GreenTech“, das fortan den strukturellen Rahmen für die ryon-Aktivitäten bildet.
Zentrale Formate von ryon werden durch Futury übernommen und weiterentwickelt:
- Talentförderung: Die fünftägige Summer School, die wissenschaftliche Talente für das Unternehmertum aktiviert, bleibt Bestandteil des Programms.
- Gründungsberatung: Die spezialisierte DeepTech-Gründungsberatung wird in die neue Struktur integriert.
Fazit
Die Zusammenführung sendet das wirtschaftliche und politische Signal, die Region stärker für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu positionieren. Wissenschaftliche Exzellenz, unternehmerische Validierung und Skalierung sollen hier zu einem durchgängigen Innovationspfad zusammenwachsen. Für hardware- und forschungslastige Start-ups bündelt das Rhein-Main-Gebiet damit relevante Ressourcen an einem Ort.
SleepTech-Start-up-Report 2026
Schlaf ist die vielleicht härteste Währung der Wirtschaft. SleepTech – über den Wandel vom Wellness-Gadget zum hochregulierten DeepTech-Milliardenmarkt.
Schlaf ist zu einem hochgradig regulierten, technologiegetriebenen Wachstumsmarkt avanciert. Angesichts explodierender volkswirtschaftlicher Schäden durch chronische Erschöpfung und produktive Ausfälle investieren multinationale Konzerne und Krankenversicherer massiv in Lösungen, die das biologische Grundbedürfnis präzise messbar, steuerbar und skalierbar machen. Zwischen klinisch validierter Neuromodulation, biometrischen Smart Textiles und prädiktiver KI hat sich ein hochkomplexes DeepTech-Ökosystem etabliert. SleepTech hat die verspielte Nische der Consumer-Wellness endgültig hinter sich gelassen und agiert an der Schnittstelle von medizinischer Prävention und High-Tech-Leistungsoptimierung, um die menschliche Regeneration völlig neu zu definieren.
Wenn Daten auf harte Fakten treffen
Der Markt für Schlaftechnologie hat seine Konsolidierungsphase hinter sich und präsentiert sich reifer denn je. Wegweisende Analysen, wie die viel zitierte Studie der RAND Corporation und aktuelle Reports von Krankenkassen wie der DAK-Gesundheit, beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden durch schlechten Schlaf allein in Deutschland auf rund 60 Milliarden Euro jährlich. Diese Zahl hat Vorstände und Versicherer gleichermaßen aufwachen lassen. Der technologische Haupttreiber dieser neuen Marktdynamik ist die angewandte KI in Verbindung mit Closed-Loop-Systemen – also Technologien, die Schlaf nicht nur passiv tracken, sondern durch thermische oder akustische Interventionen in Echtzeit aktiv verbessern.
Die Investitionsvolumina spiegeln diese Systemrelevanz wider. Weltweit flossen zuletzt weit über dreißig Milliarden Euro Venture Capital in den erweiterten HealthTech-Sektor, wobei sich der Fokus in Europa massiv von reiner Hardware hin zu Software-as-a-Medical-Device (SaMD) und hybriden Modellen verschoben hat. Wer heute als tiefentechnologisches Schlaf-Start-up in Deutschland das Potenzial für B2B-Rahmenverträge oder offizielle DiGA-Zulassungen beweist, ruft in einer Series-A-Runde mittlerweile realistische Summen von 12 bis 18 Millionen Euro auf.
Simple Pulsmessung war gestern
Die Zeit der einfachen Wearables am Handgelenk, die uns am Morgen lediglich mitteilen, wie schlecht wir geschlafen haben, ist vorbei. Den Markt dominieren in diesem Jahr drei hochspezifische Sub-Sektoren.
- An vorderster Front steht die aktive Neuromodulation. Hierbei messen Sensoren die Gehirnwellen und stimulieren durch exakt getimte akustische oder milde elektrische Impulse die Tiefschlafphasen – eine Technologie, die von Start-ups wie dem US-Unternehmen Somnee oder Vorreitern wie Earable Neuroscience mit ihrem FRENZ Brainband bereits erfolgreich kommerzialisiert wurde.
- Der zweite massive Treiber sind biometrische Smart Textiles. Mit Graphen durchzogene Matratzenbezüge und sensorgestützte Recovery-Sleepwear regulieren die Mikroklimata des Körpers vollautomatisch, inspiriert von den dynamischen Temperatur-Algorithmen, die Eight Sleep einst salonfähig machte.
- Der dritte und mit Abstand lukrativste Sektor ist der B2B Corporate Sleep Market. Hier verkaufen Gründer keine Hardware mehr an Endkunden, sondern lizensieren ganzheitliche, KI-gestützte Schlaf-Coaching-Plattformen wie Sleepio oder Shleep als Employee-Benefit-Programme an DAX-Konzerne, um die Resilienz der Belegschaft messbar zu erhöhen und Ausfallzeiten zu minimieren.
Die Friedhöfe der Wearables und ihre bitteren Lektionen
Doch der Weg in diese lukrative Gegenwart war mit prominenten Marktopfern gepflastert. Der spektakuläre Absturz des US-Unternehmens Hello, das mit seinem Schlafsensor „Sense“ knapp 50 Millionen US-Dollar einsammelte und dann krachend den Betrieb einstellen musste, oder der harte Pivot der französischen Firma Dreem weg vom teuren Endkundenmarkt hin zur klinischen Forschung unter dem Dach von Beacon Biosignals, sind mahnende Beispiele.
Aus diesen geplatzten Träumen lassen sich vier fatale Fallstricke für heutige Gründer ableiten.
- Der erste Irrtum betrifft die Unit Economics im Hardware-Bereich. Wer komplexe Sensorik baut, verbrennt in der Produktion und Logistik Margen, die sich über Einmalkäufe nie langfristig refinanzieren lassen.
- Der zweite Fallstrick ist die Illusion des B2C-Marktes. Die Customer Acquisition Costs (CAC) im überfüllten Consumer-Health-Segment sind derart exorbitant, dass Start-ups ohne einen klaren B2B- oder B2B2C-Vertriebskanal schlicht ausbluten.
- Die dritte tödliche Falle ist die Regulatorik. Wer medizinische Behauptungen aufstellt, ohne die quälend langen und teuren Wege der europäischen MDR-Zertifizierung oder der US-amerikanischen FDA-Zulassung einzuplanen, scheitert spätestens bei der Series B an der Due Diligence der Investor*innen.
- Der vierte und vielleicht subtilste Fehler ist die „Data-without-Action“-Falle. Kund*innen kündigen Abonnements nach wenigen Wochen, wenn ein Tracker ihnen jeden Morgen nur schonungslos vorhält, wie katastrophal ihr Schlaf war, ohne eine verhaltensändernde, wirksame therapeutische Intervention zu bieten.
Das deutsche Netzwerk: Die Schmieden der Erholung
In Deutschland hat sich eine hochgradig spezialisierte Cluster-Landschaft herausgebildet, die diese Fehler der Vergangenheit zu vermeiden weiß. München hat sich zum unangefochtenen Epizentrum für DeepTech entwickelt, was nicht zuletzt an der engen Verzahnung des Gründungs-Ökosystems der Technischen Universität München (TUM) mit dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie liegt, wo Weltklasse-Forschung zur Schlafarchitektur stattfindet. Berlin bleibt der strategische Hub für digitale Geschäftsmodelle und B2B-SaaS, befeuert durch das interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum der Charité und eine unübertroffene Dichte an HealthTech-Investoren. Aachen wiederum hat sich durch die Strahlkraft der RWTH und ihres Instituts für Textiltechnik (ITA) als europäischer Knotenpunkt für Smart Textiles etabiert; hier entstehen die Stoffe, die morgen berührungslos unseren Puls messen. Heidelberg und Mannheim runden das Netzwerk ab. Im engen Austausch mit dem renommierten Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und der universitären Medizintechnik in Heidelberg fokussieren sich Gründer*innen hier auf hochkomplexe Hardware-Lösungen, die den strengen Anforderungen des klinischen Alltags standhalten.
Investor*innen-Radar: Wer finanziert den Schlaf von morgen?
Das Kapital im SleepTech-Sektor ist so diversifiziert wie die Technologien selbst. Spezialisierte Venture-Capital-Fonds wie HealthCap oder Joyance Partners, die den Trend früh erkannten, dominieren die Seed-Runden tiefgreifender medizinischer Innovationen. Doch längst sind auch die Top-Tier Generalisten aufgewacht. Fonds wie Earlybird und Cherry Ventures führen mittlerweile große Runden in Start-ups an, die das Potenzial zur Skalierung im Corporate-Health-Sektor beweisen. Einen enormen Einfluss üben zudem Corporate VCs aus der Medizintechnik-Industrie aus. Akteure wie ResMed Ventures oder Philips Health Technology Ventures agieren nicht nur als Geldgeber, sondern als strategische Türöffner für globale Vertriebskanäle und klinische Studien. Der wahre Motor der Frühphase sind jedoch hochkarätige Business Angels und Syndikate. Hier finden sich oft erfolgreiche Ex-Gründer*innen aus der ersten Digital-Health-Welle – Köpfe hinter deutschen Erfolgsgeschichten wie TeleClinic oder dem an ResMed verkauften Leipziger SleepTech-Pionier mementor –, die ihr hart erarbeitetes regulatorisches Netzwerk und ihr Kapital nun gezielt an die nächste Generation von Gründern weitergeben.
Die Top Start-ups (Must-Watch)
Die Auswahl für diesen Report basiert auf einer strengen, journalistischen Filter-Matrix. Jedes gelistete Unternehmen musste den Nachweis erbringen, dass es über die reine Lifestyle-Datenmessung hinausgeht und klinisch validierte Evidenz, regulatorische Zulassungen (wie die Erstattungsfähigkeit als DiGA oder die Zertifizierung als Medizinprodukt) oder etablierte B2B-Kund*innenstrukturen vorweisen kann. Im Fokus stehen die echten, faktengesicherten Treiber der Digital-Health-Transformation im deutschsprachigen Raum mit Gründungs- oder Skalierungsfokus ab 2020.
Mementor (Macher von „somnio“) – Der digitale Pionier
Gegründet von Dr. Noah Lorenz, Alexander Rötger und Jan-Felix Topp mit operativer Wiege in Leipzig, ist Mementor der regulatorische und kommerzielle Leuchtturm der deutschen Szene. Ihr Hauptprodukt somnio ist die erste dauerhaft zugelassene Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zur Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie). Das B2B2C-Modell funktioniert rein auf Rezept: Die App wird von Ärzt*innen verordnet und die Kosten werden zu 100 % von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Die Technologie basiert auf digitalisierter kognitiver Verhaltenstherapie (KVT-I), deren Wirksamkeit in kontrollierten Studien klinisch nachgewiesen wurde. Nach einer Frühphasen-Finanzierung durch den Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) folgte im August 2022 der Ritterschlag: Der globale Schlafforschungsgigant ResMed übernahm das Unternehmen vollständig, um die Technologie international zu skalieren.
Sleepiz – Die Revolution des berührungslosen Trackings
Eine hochinnovative Ausgründung der ETH Zürich (gegründet von Dr. Soumya Sunder Dash, Dr. Marc Rullan und Max Sieghold), die über ihre deutsche Tochtergesellschaft (Sleepiz GmbH, Berlin) den hiesigen Klinik- und Praxis-Markt erobert hat. Das Unternehmen vertreibt seine Screening-Systeme für das Remote Patient Monitoring (RPM) direkt an Allgemeinmediziner, Pneumologen und Schlaflabore zur physiologischen Heimmessung. Ihr USP ist ein medizinisch zertifiziertes kontaktloses Tracking (CE-Klasse IIa): Ein kompaktes Gerät auf dem Nachttisch misst mittels harmloser Radar-Wellen (Millimeterwellen-Technologie) Atembewegungen und Herzrate völlig berührungslos und exakt durch die Bettdecke hindurch. Das MedTech-Unternehmen sammelte in seiner Series-A-Runde insgesamt 6,2 Millionen CHF ein, angeführt von dem renommierten Investorennetzwerk Verve Ventures, der Zürcher Kantonalbank (ZKB) und gesundheitsfokussierten Business Angels.
Diametos (Macher von „Snorefox“) – Die Acoustic-AI-Diagnostik
Das im Jahr 2020 von dem Akustik-Ingenieur Dr. Christoph Janott und Heiko Butz in Potsdam gegründete Diametos schließt die riesige Diagnostiklücke bei nächtlichen Atemaussetzern. Das B2B2C-SaaS-Unternehmen lizenziert seine zertifizierte Medizintechnik an Krankenversicherungen wie die BIG direkt gesund und fungiert als Screening-Schnittstelle für HNO-Ärzt*innen. Ihre App Snorefox ist das einzige am Markt befindliche, medizinisch zertifizierte System, das mittels KI das Risiko einer obstruktiven Schlafapnoe rein akustisch bestimmt. Der/die Patient*in benötigt keinerlei Hardware; das Smartphone-Mikrofon auf dem Nachttisch reicht aus, um Atemmuster und die Frequenz des Schnarchens auf Basis eines weltweit führenden, proprietären Audiodatensatzes fehlerfrei zu analysieren. Finanziert wird das Unternehmen durch ein Konsortium aus erfahrenen Healthcare-Business-Angels, internationalen Industriepartnern sowie strategischen Forschungs-Fördergeldern der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB).
LunaLab – Das dezentrale Schlaflabor
Gegründet im Jahr 2021 von Prof. Dr. med. Ulrich Sommer und Prof. Dr. med. Clemens Heiser – zwei der führenden deutschen HNO-Fachärzte und Somnologen –, bricht das Münchner Start-up die monopolistischen Strukturen klassischer Schlafkliniken auf. Die Telemedizin-Plattform digitalisiert den gesamten Patientenpfad von der Erstanamnese über das Heimscreeing bis zur Therapieplanung. LunaLab sendet Patient*innen ein leichtes, kabelloses und CE-zertifiziertes Messgerät nach Hause, welches die Schlafarchitektur im vertrauten Bett analysiert. Durch die automatisierte Datenübermittlung und ein Netzwerk angeschlossener Fachärzt*innen wird die Wartezeit auf eine Schlafanalyse von sechs Monaten auf wenige Tage verkürzt. Das Unternehmen beweist hohe Resilienz und finanziert sein starkes Wachstum von bereits über 1.500 erfolgreich behandelten Patient*innen vollständig organisch aus eigenen operativen Mitteln.
Ausblick: Die globalen Wellen erreichen Europa
Der europäische Markt agiert nicht im Vakuum, und ein Blick über die Grenzen zeigt die tektonischen Verschiebungen, die den hiesigen Markt dominieren. Aus den USA schwappt der Siegeszug rein softwarebasierter Screening-Verfahren auf Basis von Alltags-Hardware herüber. Seit die US-Zulassungsbehörde FDA den Tech-Giganten wie Apple und Samsung die medizinische Freigabe für die Erkennung von Schlafapnoe via Smartwatch erteilt hat, wandelt sich der Markt rasant: ConsumerTech wird zum klinischen Vorzimmer und zwingt die europäische Zulassungspraxis unter der MDR zu schnelleren, agileren Prozessen. In Asien wiederum, getrieben durch die demografische Überalterung in Japan und Südkorea, hat sich SleepTech fest in der institutionalisierten Pflege etabliert. Industrie-Schwergewichte wie Paramount Bed zeigen mit Systemen wie dem sensorgestützten Nemuri SCAN, wie automatisierte Betten und vorausschauendes Schlaf-Tracking die chronisch überlastete Altenpflege entlasten. Israel wiederum zementiert seinen Ruf als DeepTech-Schmiede für das kontaktlose Zeitalter. Start-ups wie Neteera Technologies demonstrieren, wie hochentwickelte Mikroradar-Sensoren jede Art von Körperkontakt oder Wearables überflüssig machen. Diese berührungslose Erfassung von Atemfrequenz und Herzratenvariabilität verlagert das klassische Schlaflabor endgültig und barrierefrei in die eigenen vier Wände der Patient*innen.
Für Gründer*innen und Investor*innen untermauert diese Entwicklung eine unmissverständliche Wahrheit: Wer auf dem modernen SleepTech-Markt nachhaltig Wert stiften und skalieren will, muss klinische Evidenz und regulatorische Validierung zwingend mit wasserdichten B2B- oder B2B2C-Geschäftsmodellen verheiraten – sei es über die direkte Erstattungsfähigkeit der Krankenkassen oder als strategische(r) Partner*in im betrieblichen Gesundheitsmanagement von Großkonzernen. Schlaf ist längst keine esoterische Lifestyle-Nische mehr, sondern die kritische und messbare Infrastruktur der menschlichen Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Diejenigen Akteur*innen, die diese neuronale und biologische Infrastruktur am präzisesten vermessen, analysieren und durch therapeutische Ansätze reparieren, bauen die technologischen Einhörner des nächsten Jahrzehnts.
tripbot: KI-Reiseplanung jenseits der Inspiration
Bunte Urlaubsbilder generieren kann jede KI – doch wenn es um echte Preise und Verfügbarkeiten geht, scheitern viele Systeme. Der 21-jährige Gründer Nico Neser will diese Lücke mit seinem Start-up tripbot schließen. Durch eine strikte technische Trennung von generativer Inspiration und harten Datenbank-Fakten verspricht der Autodidakt mehr Transparenz im Buchungs-Dschungel. Ein ambitionierter Plan, der sich in einem von Milliarden-Konzernen dominierten Markt erst noch beweisen muss.
Hinter tripbot steht kein großes Entwicklerteam, sondern ein klassischer Solo-Founder. Der Fachabiturient Nico Neser aus Mittelfranken hegte eigentlich den Berufswunsch, Pilot zu werden, weshalb das Thema Reisen für ihn auch privat eine zentrale Rolle spielt. Die Idee zu tripbot entstand laut Neser Mitte 2025 aus einer persönlichen Nutzerfrustration: Er sei es leid gewesen, unzählige Browser-Tabs öffnen zu müssen, um Preise, Hotels und Bewertungen mühsam zu vergleichen.
„Vom ersten ernsthaften Prototypen bis zum heutigen funktionierenden MVP war es ungefähr ein Jahr intensiver Entwicklung“, blickt Neser zurück. Aus einer simplen Idee entsprang schnell ein komplexes Geflecht aus Flug- und Hotelsuche, Zahlungsabläufen und einer separaten KI-Schnittstelle. Dass er sich das alles nur über YouTube beigebracht habe, sei zu kurz gegriffen, räumt der Gründer ein; KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge hätten ihm vor allem geholfen, schneller zu lernen. Dennoch betont er die menschliche Aufsichtspflicht: „Gerade bei einem Produkt, über das später echte Reisen und Zahlungen abgewickelt werden, muss ich kritische Abläufe selbst nachvollziehen, testen und absichern.“ In der gebootstrappten Anfangsphase ohne Investorengelder habe er vor allem gelernt, mit technischen Grenzen umzugehen. „Man lernt, dass Gründen nicht bedeutet, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, eine belastbare Antwort zu finden“, so der 21-Jährige.
Das Problem: Wenn Inspiration an der Buchungsrealität scheitert
Der Kern von tripbot beruht auf der Annahme, dass Reise-KI heute oft an den harten Buchungsfakten scheitert. Nico positioniert sein Produkt gegen reine „Inspirations-KIs“, die Traumstrände vorschlagen, den Buchungsprozess selbst aber kaum erleichtern.
Auf die Frage, wie er das Halluzinieren der KI bei konkreten Preisen verhindert, verweist Neser auf eine strikte Systemarchitektur. „Bei tripbot sind klassische Reisesuche und KI-Suche bewusst zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Wege“, stellt er klar. Preise und Tarife werden klassisch über APIs etablierter Anbieter*innen abgerufen. Die KI fungiere lediglich als Übersetzer für natürliche Reisewünsche, wie etwa die Suche nach einem ruhigen Hotel abseits der Partymeile.
„Das Sprachmodell darf eine Anfrage verstehen, Prioritäten erkennen und Ergebnisse erklären. Es darf aber nicht selbst einen Flugpreis, eine Verfügbarkeit oder eine Buchungsbedingung erfinden“, skizziert Neser. Auf die Fehleranfälligkeit der KI angesprochen, verzichtet er auf PR-Floskeln: „Eine hundertprozentige Garantie, dass ein generatives System niemals einen Fehler macht, wäre aus meiner Sicht unseriös.“ Wichtig sei vielmehr, dass ein sprachlicher Fehler nicht automatisch zu einer fälschlichen Buchung führe. Ob diese theoretische Trennung auch einem massenhaften Stresstest mit tausenden komplexen Live-Anfragen standhält, wird allerdings erst der geplante Rollout zeigen.
Geschäftsmodell und der riskante Kampf um Nutzer*innen
Das Marktumfeld ist unerbittlich, Giganten wie Booking.com investieren selbst Milliarden. Wie also die ersten 10.000 aktiven Nutzer*innen gewinnen? „Ich möchte die ersten 10.000 aktiven Nutzer nicht über teure Anzeigen einkaufen“, blockt Neser den kapitalintensiven Weg ab. Er setzt stattdessen auf organisches Wachstum, SEO rund um echte Nutzerfragen und eine enge Einbindung der Community. „Entscheidend sind Menschen, die den Mehrwert verstehen, das Produkt wiederverwenden, es weiterempfehlen und über tripbot buchen“, lautet seine Strategie.
Aus unserer Sicht ist das ein hochriskantes Unterfangen: Im brutalen B2C-Travel-Segment, in dem die großen Portale fast alle Werbeplätze und Suchergebnisse dominieren, gilt rein organisches Wachstum heute als fast utopisch. Die Plattform selbst monetarisiert sich über Buchungsprovisionen, während die KI-Suche in einem Freemium-Modell mit optionalem Pro-Abo münden soll. Einem schnellen Investoreneinstieg erteilt Neser vorerst dennoch eine Absage: „Ich möchte nicht früh eine große Runde aufnehmen, nur um unbewiesene Werbekanäle zu finanzieren oder KI-Nutzung dauerhaft zu subventionieren. Kapital sollte einen funktionierenden Motor beschleunigen. Es sollte nicht den fehlenden Motor ersetzen.“
Haftung und das Retention-Problem
Auch die rechtlichen Hürden bei Reisebuchungen thematisiert der Autodidakt. „Die KI steht nicht zwischen dem Nutzer und einer rechtlich relevanten Bestätigung und darf keine eigene Buchungsbestätigung erfinden“, erklärt Neser. Vor jedem Abschluss werden die Preise aus den Datenbanken live re-evaluiert und dem/der Nutzer*in klassisch zum Checkout vorgelegt.
Um Nutzer*innen trotz der geringen Reisefrequenz von ein bis zwei großen Urlauben im Jahr an tripbot zu binden, verzichtet der Gründer auf künstliche App-Gamification oder aggressive Push-Nachrichten. Der Mehrwert soll stattdessen im Langzeitgedächtnis der Plattform liegen: Wer immer Direktflüge oder ruhige Hotels bucht, bekommt diese Vorlieben beim nächsten Urlaub direkt berücksichtigt. „Der eigentliche Vorteil entsteht nicht daraus, dass tripbot Menschen häufiger zu Reisen überredet. Er entsteht daraus, dass jede neue Planung auf den Erfahrungen der vorherigen aufbauen kann“, argumentiert der Entwickler. Ob dieser sanfte Ansatz im schnelllebigen Reise-Markt ausreicht, in dem Gewohnheit und aggressive Rabattschlachten oft über reine Nutzerfreundlichkeit siegen, bleibt abzuwarten.
Blick in die Zukunft
Jetzt steht der Feinschliff an. „In den kommenden zwölf Monaten steht zunächst nicht maximale Reichweite, sondern ein belastbares Fundament im Mittelpunkt“, skizziert Neser den Weg zum stufenweisen, öffentlichen Launch, der für August 2026 angesetzt ist. Bis 2028 sieht er tripbot als etablierte, mehrsprachige Reiseplattform aus Europa, die perspektivisch auch Hotels direkt und zu faireren Konditionen anbinden soll.
Am Ende geht es dem 21-Jährigen offensichtlich um mehr als nur Code und APIs. „Ich habe tripbot nicht gebaut, um einfach eine weitere Reiseplattform zu schaffen“, resümiert Nico Neser seine Motivation. „Ich habe es gebaut, weil ich glaube, dass jeder Mensch das Recht auf eine einfache, faire und stressfreie Reiseplanung hat.“ Eine ehrenwerte Vision – deren härtester Praxistest im direkten Kampf um die Gunst der Endkund*innen gerade erst beginnt.
Vom MP3-Triumph zur Audio-AR: Der MP3-Miterfinder greift noch einmal an!
MP3-Miterfinder Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg will mit seinem Start-up Brandenburg Labs den Kopfhörermarkt revolutionieren. Mit frischem Geld der Sprunginnovationsagentur SPRIND soll die komplexe B2B-Technologie nun fit für den Massenmarkt werden. Doch der Weg vom klobigen Studio-Equipment zum Consumer-Gadget ist gepflastert mit Tech-Giganten.
Hinter Brandenburg Labs steht kein unbeschriebenes Blatt der Start-up-Szene, sondern eine Koryphäe der deutschen Ingenieurskunst. Anstatt seinen Ruhestand zu genießen, gründete der heute über 70-jährige Prof. Dr.-Ing. Karlheinz Brandenburg im Jahr 2019 das Start-up als Spin-off der Technischen Universität Ilmenau und des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT). Inzwischen arbeitet ein über 20-köpfiges Team im thüringischen Ilmenau an der Vision des perfekten Raumklangs.
Warum tut sich ein Mann, der seinen Platz in den Geschichtsbüchern längst sicher hat, den enormen Stress einer Neugründung noch einmal an? „Was mich antreibt, ist nicht die Vorstellung eines ‚zweiten MP3-Moments‘, sondern die Chance, das Klangerlebnis für den Menschen grundlegend zu verbessern“, stellt Brandenburg klar. Es gehe um eine seit Jahrzehnten ungelöste Herausforderung: „wirklich natürliches, räumliches Audio über Kopfhörer.“ Den Druck eines schnellen Erfolgs wischt der erfahrene Ingenieur routiniert beiseite: „Transformative Technologien entstehen nicht über Nacht; sie erfordern langfristiges Engagement und die Bereitschaft, komplexe Probleme Schritt für Schritt zu lösen.“
Mit SPRIND in die kabellose Zukunft
Die Kerntechnologie des Start-ups heißt Deep Dive Audio. Sie gibt virtuelle Schallquellen über Kopfhörer so präzise wieder, dass sie von echten Lautsprechern nicht mehr zu unterscheiden sind. Bislang wird dies im B2B-Sektor mit dem System „Okeanos Pro“ an Toningenieure vermarktet. Doch das Setup ist komplex und kabelgebunden.
Um den technologischen Sprung aus dem Tonstudio heraus zu schaffen, hat die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) nun einen Validierungsauftrag in Höhe von rund 211.000 Euro für ein eng getaktetes, fünfmonatiges Projekt erteilt. Das Ziel: Die Technologie soll auf einen winzigen Einplatinencomputer schrumpfen und drahtlos werden.
Gleicht die geforderte Kombination aus absoluter Phasentreue und minimaler Latenz bei einer verlustfreien Drahtlosübertragung nicht physikalisch der Quadratur des Kreises? „Wir müssen keine physikalischen Limits überwinden“, kontert der Gründer selbstbewusst. „Unser großer Vorteil gegenüber den bekannten Mitbewerbern liegt in den Algorithmen, die auf fundierter Kenntnis der Psychoakustik und der kognitiven Vorgänge im Gehirn aufbauen.“
Auf die Frage nach dem immensen Zeitdruck der SPRIND-Vorgaben räumt Brandenburg allerdings unumwunden ein: „Wir sind etwas hinter dem Zeitplan, sehen aber keine wirklichen Probleme.“ Selbst wenn am Ende der fünf Monate nicht jeder Parameter perfekt erfüllt sei, verspricht er, dass das Projekt seinen Zweck erfülle: „Sollten bestimmte Parameter innerhalb dieses Zeitrahmens noch nicht vollständig erreicht werden können, werden wir dennoch wichtige Erkenntnisse und Demonstratoren generieren, die [...] das technische Risiko erheblich reduzieren.“
Die Vision „PARty“: Droht die totale Isolation?
Das langfristige Ziel von Brandenburg Labs ist eine auditive Augmented Reality (AR) namens „PARty“ (Personalized Auditory Reality). Kopfhörer sollen mit Sensoren und KI als smarte Alltagsbegleiter fungieren, die störende Geräusche ausblenden oder hilfreiche akustische Informationen einblenden – etwa als Navigation für blinde Menschen.
Doch laufen wir mit permanent getragenen Wearables nicht Gefahr, uns in akustischen Filterblasen vollends von der Umwelt zu isolieren? Brandenburg nimmt diese gesellschaftliche Sorge ernst, widerspricht aber der Prämisse: „Unser Ziel ist es nicht, Menschen von ihrer Umgebung abzuschotten, sondern die Interaktion mit ihr zu verbessern.“ Er verweist darauf, dass viele Menschen Kopfhörer heute ohnehin nutzen würden, um die Realität auszublenden. Sein Ansatz sei das exakte Gegenteil: „Wir wollen relevante Geräusche besser wahrnehmbar machen, nicht die Realität ausblenden.“ Die Technologie sei als Werkzeug gedacht: „Letztendlich gibt diese Technologie dem Nutzer die Kontrolle zurück. Unsere Designphilosophie konzentriert sich auf Erweiterung, nicht auf Isolation.“
Kampf gegen die Tech-Goliaths
Aus unternehmerischer Sicht begibt sich das Start-up auf hochriskantes Terrain. Der Markt für immersives Audio wird von Giganten wie Apple, Sony, Bose und Sennheiser dominiert, die Milliarden in die Entwicklung pumpen. Die Miniaturisierung und Massenproduktion von Consumer-Hardware verschlingen schnell zweistellige Millionenbeträge.
Wie will ein Thüringer Start-up diese gewaltige Hardware-Schlacht finanzieren? Brandenburg gibt sich strategisch flexibel, meidet aber klassische Wege: „Dazu wollen und müssen wir mit technologischen Partnern zusammenarbeiten. In diesem Bereich und nicht bei klassischen VCs suchen wir aktuell nach Finanzierung“, betont der Gründer.
Warum aber überhaupt der riskante Vorstoß in den Consumer-Markt? Der gigantische historische Erfolg von MP3 basierte schließlich auf kluger Lizenzierung an Hardware-Hersteller, nicht auf eigenen Playern.
Brandenburg korrigiert diesen historischen Vergleich sofort: „Man muss wissen, dass Fraunhofer-Institute kein B2C-Geschäft betreiben dürfen.“ Der Weg des MP3-Standards bis zu den ersten Millionen-Einnahmen habe damals rund zehn Jahre gedauert – getragen durch die immense Finanzkraft von Fraunhofer. Heute sieht er für Brandenburg Labs andere Möglichkeiten: „Mit Brandenburg Labs können wir dies [...] über ein Device für Verbraucher realisieren. Sobald genug Sichtbarkeit auf dem Markt vorhanden ist, kann zusätzlich ein Lizenzgeschäft aufgebaut werden.“
Als cleveren Zwischenschritt visiert das Start-up Partnerschaften an: „Als Zwischenweg sehen wir [...] die Zusammenarbeit mit aktuellen High-End-Kopfhörer-Herstellern. Wir können, anders als alle aktuellen verfügbaren Lösungen, einen Wow-Effekt liefern, einen massiven Fortschritt in der Kopfhörertechnik“, verspricht Brandenburg.
Auf den Einwand hin, dass ein reines B2B2C-Software-Lizenzmodell für Investor*innen wohl deutlich lukrativer und weniger riskant wäre, entgegnet der Audio-Pionier abschließend und trocken: „Das Lizenzgeschäft braucht viele Jahre Anlauf und damit noch höhere Finanzierung als der jetzige Weg.“
CIRO: KI-Power für die Immobilienverwaltung
Wie das 2026 gegründete PropTech-Start-up CIRO den Markt für Immobilienverwaltung aufmischen will.
Das im Jahr 2026 gegründete PropTech-Start-up CIRO mit Sitz in Eching bei München bringt eine neue Plattform auf den Markt. Diese soll das Potenzial künstlicher Intelligenz (KI) in die oft noch analog geprägte deutsche Immobilienverwaltung tragen. Mit einer Softwarelösung, die sich primär an private Vermieter*innen und ab Herbst 2026 im B2B-Bereich auch an gewerbliche Hausverwaltungen richtet, wagt sich das junge Unternehmen in einen lukrativen, aber stark umkämpften Markt. Das Versprechen an die Nutzer*innen ist vollmundig: Im Durchschnitt sollen sich bis zu fünf Stunden Arbeit pro Woche einsparen lassen.
Vom Gespräch unter Freunden zum 360-Grad-Ansatz
Hinter CIRO stehen die Geschäftsführer André Teich (CTO) und Markus Froese (CEO). Der Anfang des Start-ups war dabei kein durchgeplantes Pitch-Deck, sondern ein schlichtes Gespräch unter Freunden. André Teich hatte ursprünglich den festen Plan, in die Immobilienvermietung als klassisches, langfristiges Vermögensaufbau-Vehikel einzusteigen.
Um die in der Praxis auftretenden administrativen Hürden zu lösen, brachte Markus Froese seine Expertise ein. Doch wie gelingt in einer so frühen Start-up-Phase die Finanzierung eines derart breit aufgestellten Expertenteams – von Entwicklung über Recht bis hin zum Marketing? „Wir haben nicht mit der Frage nach Kapital begonnen, sondern mit der Frage nach den richtigen Menschen“, blickt CEO Markus Froese zurück. Das Start-up sei von Beginn an als echte Partnerschaft konzipiert worden, in der jeder Gründer seine Kernkompetenz einbringe und über Unternehmensanteile statt eines klassischen Gehalts beteiligt sei. „Das schafft Verbindlichkeit und hält die Struktur schlank“, betont Froese. Finanziert wurde der Start demnach komplett aus eigener Kraft.
CTO André Teich ergänzt den pragmatischen Technologieanspruch der Gründer: „Die Immobilienverwaltung wurde technologisch seit Jahrzehnten kaum berührt. Wir nutzen KI nicht als Verkaufsargument, sondern um Menschen echte Arbeit abzunehmen.“ Da die Immobilienverwaltung unterschiedlichste Disziplinen berührt, wurde das Team fachübergreifend aufgestellt. So fungiert die Juristin Denise Sonnenschein als Gesicht für alle Rechtsthemen und sorgt dafür, dass Nebenkosten und Fristen stets auf dem aktuellen rechtlichen Stand bleiben.
Die Lösung: Automatisierung und dynamische Priorisierung
Während Buchhaltung und Banking andernorts längst digitalisiert sind, beherrschen bei der Verwaltung von Mietwohnungen in Deutschland noch vielerorts Excel-Tabellen und das manuelle Abtippen von Belegen den Alltag. Bei CIRO laden Nutzer*innen Dokumente einfach hoch. Die KI erkennt die Art des Dokuments, liest relevante Werte aus und ordnet sie zu – verschlüsselt nach AES-256-Standard und DSGVO-konform in Deutschland gehostet.
Ein zentrales Feature ist die dynamische Aufgabenverwaltung, die To-dos vorschlägt und Anliegen nach Dringlichkeit priorisiert. Doch wer haftet eigentlich, wenn Fristen versäumt werden oder die KI bei einer Abrechnung die falsche Rechtsgrundlage wählt? Auf diese kritische Frage reagiert André Teich bestimmt: „CIRO schiebt keine Aufgabe nach hinten – der Algorithmus kennt nur ein Nach-oben.“ Fristgebundene Aufgaben würden bis zu sechs Monate im Voraus auf dem Dashboard hervorgehoben. Ob sie letztlich erledigt werden, liege aber bewusst in der Hand des Nutzers bzw. der Nutzerin. „Wir sind die Assistenz, nicht die Ausführung“, stellt der CTO klar. Auch bei der Nebenkostenabrechnung erstelle das System lediglich einen Entwurf. Kontrolle und rechtliche Verantwortung blieben stets beim Vermieter bzw. der Vermieterin. Die juristische Logik dahinter verantworte die hauseigene Fachanwältin. „So entlastet die Technik, ohne dass jemand die Kontrolle abgibt“, resümiert Teich. Das Ziel sei es, den Kund*innen Zeit für die wirklich wichtigen Entscheidungen freizuschaufeln.
Das Geschäftsmodell: Die KI hinter der Paywall
CIRO verfolgt ein Software-as-a-Service (SaaS)-Modell, dessen Preisstruktur das Marketingversprechen bei genauem Hinsehen jedoch etwas relativiert. Die Basis-Nutzung ist zwar kostenlos, allerdings stark limitiert. Wer auf die vollumfängliche KI-Priorisierung hofft, muss im „Basic“-Tarif (ab 19 Euro/Monat) noch Abstriche machen, da der weitreichende KI-Assistent erst ab dem „Smart“-Tarif für 39 Euro monatlich freigeschaltet wird.
Versteckt das Start-up sein wichtigstes Feature also hinter einer Paywall und riskiert damit den Frust preissensibler Kleinvermieter? André Teich wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Die automatische Priorisierung basiere nicht auf KI, sondern auf einem Algorithmus, der ohnehin jedem zur Verfügung stehe. Auch im kostenlosen Tarif sei bereits eine Basis-KI für das Einlesen von Hausgeldabrechnungen enthalten. „Was in den höheren Tarifen dazukommt, ist mehr KI-Leistung – vor allem beim automatischen Einlesen und Verarbeiten von Dokumenten“, erklärt der Gründer. Das Modell orientiere sich schlicht an der Portfoliogröße der Nutzer*innen. Wer 50 Einheiten vermiete, produziere hunderte Dokumente, für deren Verarbeitung die KI deutlich mehr Rechenleistung erbringen müsse. Teichs Fazit lautet dementsprechend: „Das ist keine Paywall, sondern ein Preis, der mit dem Nutzen mitwächst.“
Markt und Wettbewerb
Das Marktpotenzial ist enorm: Allein in Deutschland verwalten rund 5,5 Millionen private Vermieter*innen ihre Objekte größtenteils selbst. Doch CIRO agiert nicht im luftleeren Raum. Etablierte Start-ups wie immocloud oder Vermietet.de haben den Markt längst besetzt. Mit welchen Argumenten will man wechselträge Kund*innen also zur Migration auf ein noch junges System bewegen?
„Der Einwand ist berechtigt – Wechselträgheit ist real, und wir nehmen sie ernst, statt sie kleinzureden“, räumt André Teich ein. Deshalb behandle man den Datenumzug als eigenständiges Produktthema und setze im Sinne des Data Acts auf saubere Exportfunktionen. Das nehme die Angst, im System festzustecken. Letztlich wolle man die Konkurrenz nicht einfach preislich unterbieten, sondern technologisch neu denken: „Das Versprechen ist, Vermietung so passiv zu machen wie ein ETF-Investment“, verspricht der CTO selbstbewusst. Dass CIRO noch jung sei, sieht er als massiven Vorteil, da man das System „ohne Altlasten auf dem aktuellen Stand der Technik“ entwickeln konnte.
Unser Fazit
CIRO tritt als technologisch hochgerüsteter „Late Follower“ in den PropTech-Markt ein. Positiv hervorzuheben ist die breite Teamaufstellung, die typische Kinderkrankheiten durch fehlendes Branchenwissen minimieren könnte. Die strategische Entscheidung, ab Herbst 2026 auch professionelle Hausverwaltungen anzusprechen, dürfte wirtschaftlich überlebenswichtig sein.
Doch birgt der gleichzeitige Angriff auf B2C-Kleinvermieter*innen und B2B-Profis im ersten Jahr nicht die Gefahr, sich heillos zu verzetteln? Markus Froese versteht diese Sorge, sieht die Entwicklung jedoch gelassen. Da KI die Art und Weise, wie Software gebaut wird, extrem beschleunige, habe man die Plattform in nur acht Monaten zur Marktreife gebracht. Zudem setzten beide Zielgruppen technisch auf exakt demselben Fundament auf. „Wir bauen also nicht zwei Produkte, sondern ein Produkt, das sich seinen Nutzern anpasst“, betont Froese. Die Trennung erfolge vor allem im Vertrieb: Self-Service für Private, persönliche Betreuung für die Profis. Durch den gestaffelten Marktstart wähnt sich das Team auf der sicheren Seite: „Wir starten nicht zwei Dinge gleichzeitig aus dem Nichts, sondern öffnen ein laufendes System für eine zweite Zielgruppe.“
Die größte Aufgabe von Teich und Froese wird es nun sein, das Vertrauen in die fehlerfreie Arbeitsweise ihrer Automatisierung zu gewinnen und den Spagat zwischen kostenlosen Einstiegsangeboten und kostenintensiven Premium-Features erfolgreich zu meistern.
1,8 Mrd. Dollar für Helsing
Das KI-Verteidigungs-Start-up Helsing hat eine historische Series-E-Finanzierung in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Die Runde war massiv überzeichnet – ein beeindruckender Meilenstein für ein Unternehmen, das erst 2021 gegründet wurde.
Die nackten Zahlen markieren einen historischen Meilenstein für das europäische Tech-Ökosystem: Das Münchner DefenseTech-Start-up Helsing hat eine Series-E-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar abgeschlossen und wird nun mit astronomischen 18 Milliarden US-Dollar bewertet.
Die Investorennachfrage überstieg das verfügbare Volumen deutlich. Das Konsortium liest sich wie das Who-is-Who des globalen Kapitals: Unter anderem sind Dragoneer, Lightspeed Venture Partners, Goldman Sachs, JPMorganChase, General Catalyst und Plural an Bord. Trotz der massiven US-Beteiligung bleibt Helsing mehrheitlich in europäischem Besitz. Dem Verwaltungsrat sitzen weiterhin Spotify-Gründer Daniel Ek sowie der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders vor.
Doch was steckt hinter dem rasanten Aufstieg des Unternehmens, wer sind die Köpfe dahinter und wie tragfähig ist das Modell, die Verteidigung der Zukunft primär durch Software zu definieren?
Die Gründer: Vom Gaming und Ministerium zum Rüstungs-Unicorn
Helsing wurde im März 2021 gegründet. Hinter dem Unternehmen steht ein ungewöhnliches, interdisziplinäres Gründer-Trio, das bewusst aus völlig unterschiedlichen Welten zusammenkam:
- Torsten Reil (Co-CEO): Studierter Biologe und KI-Experte aus der Gaming-Industrie. Er gründete zuvor NaturalMotion (ein Spin-off der Universität Oxford), dessen Animationssoftware in Blockbuster-Spielen wie GTA genutzt und später für über 520 Millionen Dollar an Zynga verkauft wurde.
- Dr. Gundbert Scherf (Co-CEO): Bringt die strategisch-politische Tiefe. Er war zuvor Beauftragter im Bundesverteidigungsministerium und kennt die starren, oft langwierigen Beschaffungsprozesse des Militärs aus eigener Erfahrung.
- Niklas Köhler (President & CPO): Spezialist für Deep Learning, der die technologische Expertise für die Software-Architektur beisteuert.
Die Gründungsidee basierte auf der Erkenntnis, dass gigantische Mengen an Sensordaten des Militärs ungenutzt bleiben und moderne Kriegsführung maßgeblich durch Software entschieden wird. Spotify-Gründer Daniel Ek glaubte früh an diese Vision und finanzierte das Vorhaben im November 2021 über sein Investmentvehikel Prima Materia mit einer für europäische Verhältnisse beispiellosen Seed-Runde von 100 Millionen Euro.
Das Geschäftsmodell: Silicon Valley statt „Cost-Plus“
Traditionelle Rüstungskonzerne arbeiten vornehmlich nach dem sogenannten „Cost-Plus“-Modell: Der Staat beauftragt und finanziert die jahrelange Entwicklung von militärischer Hardware. Helsing dreht diesen Prozess als softwaregetriebener Disrupter um: Das Unternehmen entwickelt primär mit privatem Risikokapital, um marktreife Softwarelösungen schnell und flexibel an das Militär verkaufen zu können.
Helsings Kernprodukt ist eine KI-Plattform, die riesige Mengen an Sensordaten auf dem Schlachtfeld in Echtzeit auswertet, fusioniert und vernetzt. Mittlerweile integriert das Startup seine Technologie sowohl in bestehende Großplattformen – wie beim Upgrade der elektronischen Kampfführung des Eurofighters – als auch in neue, softwaregesteuerte Systeme. Dazu zählt die Ausstattung autonomer Drohnenschwärme („Loitering Munition“) ebenso wie KI-Software für die Unterwasser-Überwachung.
Markt und Wettbewerber: Das Betriebssystem des Krieges
Der Markt für „Defense Tech“ erlebt durch die veränderte geopolitische Weltlage und weltweit drastisch steigende Verteidigungsbudgets einen massiven Boom. Helsing positioniert sich hier als die souveräne, europäische Antwort auf die US-Dominanz.
Die Hauptkonkurrenz stammt direkt aus dem Silicon Valley:
- Anduril Industries: Das vom Oculus-Gründer Palmer Luckey initiierte Unternehmen verfolgt einen ähnlichen Ansatz (Lattice OS), skaliert massiv die Produktion autonomer Systeme und wird im Peak bereits im hohen zweistelligen Milliardenbereich taxiert.
- Palantir: Der US-Datenriese ist der Pionier bei der Datenfusion für Geheimdienste und Militär, weshalb Helsing in der Branche oft als das „europäische Palantir“ bezeichnet wird.
Kritische Würdigung: Die Belastungsprobe des Hypes
Trotz des gewaltigen Aufschwungs erfordert das Modell Helsing eine nüchterne, kritische Betrachtung:
- Bewertungsblase vs. staatliche Trägheit: Eine Bewertung von 18 Milliarden Dollar preist ein extremes, fast fehlerfreies Zukunftswachstum ein. Obwohl Helsing prestigeträchtige Regierungsaufträge sichern konnte, bleiben europäische Beschaffungsprozesse bürokratisch. Ob die realen Umsätze die Erwartungen des Venture Capitals dauerhaft rechtfertigen, muss sich erst noch zeigen.
- Die Ethik der Autonomie: Helsing verweist stets auf restriktive ethische Standards und die Prämisse, ausschließlich mit Demokratien zusammenzuarbeiten. Dennoch berührt der Einsatz von KI-Systemen, die innerhalb von Millisekunden Ziele erkennen und priorisieren, ethische rote Linien. Die lückenlose Kontrolle durch den Menschen (Human-in-the-loop) bleibt in der Hochgeschwindigkeits-Kriegsführung ein rechtliches und moralisches Spannungsfeld.
Was das Start-up-Ökosystem von Helsing lernen kann
Für Gründerinnen und Gründer jenseits der Rüstungsindustrie liefert der Case Helsing drei fundamentale Learnings:
- Radikale Talent-Dichte: Die Gründer betonen unermüdlich, dass Recruiting absolute Chefsache ist. Um traditionelle Branchen zu überholen, bedarf es einer kompromisslosen Konzentration auf die besten Tech-Talente des Marktes.
- Vom Problem her gründen: Das Team spürte eine geopolitische Dringlichkeit und baute das Unternehmen mitten in einer globalen Zeitenwende auf, statt in vermeintlich sicheren, rein zivilen Nischen zu verharren.
- Ein starkes, klares Narrativ: Um hochqualifizierte Software-Entwickler aus der zivilen Tech-Welt für das ethisch sensible Defense-Segment zu gewinnen, braucht es Sinnstiftung. Helsing löst dies durch das klare, übergeordnete Versprechen, die technologische Souveränität westlicher Demokratien zu schützen.
Helsing hat bewiesen, dass man in Europa aus dem Stand ein hochkapitalisiertes Deep-Tech-Unicorn formen kann. Der finale Lackmustest wird nun sein, ob die Software die extremen Erwartungen der Investoren und die raue, sicherheitspolitische Realität langfristig ausgleicht.
Ark Climate: System-Update fürs Rathaus
Wie das 2024 gegründete GovTech-Start-up Ark Climate die Excel-Ära beendet und den kommunalen Klimaschutz automatisiert.
Kommunen sind der Flaschenhals der Energiewende: Die Ziele sind ambitioniert, doch in den Rathäusern regieren oft veraltete Software und endlose Tabellenkalkulationen. Wenn deutsche Städte und Landkreise bis 2040 oder 2045 klimaneutral werden sollen, scheitert es selten am politischen Willen, sondern an der operativen Umsetzung. Daten zu Emissionen sind auf verschiedene Excel-Dokumente verteilt, Bürger*innenbeteiligungen versanden in intransparenten Prozessen und Fachabteilungen arbeiten in Silos. Das 2024 gegründete Münchner GovTech-Start-up Ark Climate adressiert genau diese Lücke mit einer KI-gestützten SaaS-Lösung im komplexen Markt des öffentlichen Sektors.
Frisches Kapital für einen zähen Markt
Anfang März 2026 schloss das Unternehmen eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde über 2,1 Millionen Euro ab, angeführt vom ClimateTech-VC Satgana. Ein massiver Vertrauensbeweis in einem Marktumfeld, das für lange Verkaufszyklen und hohe Risikoaversion bekannt ist. Ark Climate räumte bereits 2024 den Gründungspreis „Digitale Innovationen“ ab und wurde zum Newcomer des Jahres bei den German Startup Awards 2026 gekürt. Doch wie überlebt man mit dem frischen Kapital die oft zermürbenden Verkaufszyklen in der Verwaltung?
Ruth Bosse, CEO von Ark Climate, kontert dieses Klischee gelassen: „Bei uns dauern die Sales-Cycles tatsächlich gar nicht so lang, wie sonst im öffentlichen Sektor üblich, sondern wirklich nur drei bis vier Monate.“ Der Grund dafür sei das tiefe Verständnis für die Kund*innen und ein Produkt, das einen echten, bislang ungelösten Bedarf treffe. „Wenn man so schnell verkauft, geht einem auch nicht auf halber Strecke die Puste aus“, betont die Gründerin. Die 2,1 Millionen Euro fließen daher primär in den Aufbau des inzwischen zwölfköpfigen Teams. Man habe einen starken Mix aus Tech, Sales und Customer Success zusammengestellt. „Lauter super motivierte, smarte und richtig nette Menschen. Genau die braucht es, um in diesem Markt Tempo zu machen“, so Bosse weiter.
Gründer-DNA und das B2G-Ökosystem
Hinter Ark Climate steht eine Gründerin mit klarem Founder-Market-Fit: Bosse bringt rund 20 Jahre Erfahrung aus der Kommunalpolitik mit. Sie hält einen Master in Mathematik der TU Berlin, einen MBA und promoviert zu politischen Klimaschutzmaßnahmen. Zuvor arbeitete sie fünf Jahre bei McKinsey und entwickelte dort unter anderem den Klimafahrplan 2022 für Stuttgart mit.
Die Historie von Ark Climate ist von Pragmatismus geprägt. Die Gründung startete gebootstrappt mit einem klassischen Beratungsansatz, um den Bedarf über Strategieprojekte in Kommunen zu validieren. Dies brachte erste Umsätze und tiefe Einblicke, wobei Würzburg als erster Entwicklungspartner agierte. Heute sitzt das Team, gefördert durch das exist-Gründungsstipendium, im Münchner Start-up-Inkubator WERK1.
Auf die Bedeutung dieses Standorts angesprochen, gerät die CEO ins Schwärmen: „Das WERK1 finden wir mega!“ Vor allem die Nähe zu anderen GovTechs wie SUMM AI und Merlin sei Gold wert. „Gerade in einem so speziellen Markt wie B2G ist dieser Austausch super wichtig, weil man eben nicht jedes Thema komplett allein durchdenken muss“, erklärt Bosse. Zudem helfe das Ökosystem beim personellen Wachsen, da sich dort viele passende Talente bewegen würden.
SaaS statt Zettelwirtschaft: KI als Problemlöser
Das Produkt von Ark Climate ist eine „AI first“-Software-as-a-Service-Plattform für Klimaschutzabteilungen. KI-gestütztes Daten- und Maßnahmen-Management soll die Effizienz abteilungsübergreifend massiv erhöhen und durch integrierte Assistenten Beratungskosten senken. Ein Dashboard macht Erfolge für die Öffentlichkeit sichtbar – besonders wichtig für Politiker*innen, die auf das Vertrauen der Wähler*innen angewiesen sind. Abgerechnet wird via gestaffeltem Lizenzmodell nach Einwohner*innenzahl. Da der öffentliche Sektor höchste Anforderungen stellt, ist die Lösung DSGVO-konform und garantiert Hosting auf deutschen Servern.
Doch wie schafft eine KI verlässliche Auswertungen, wenn Rohdaten unstrukturiert oder tief in analogen Aktenordnern versteckt sind? Bosse räumt ein, dass der allererste Schritt reine Fleißarbeit sei: „Wir digitalisieren all diese Informationen und führen sie zusammen.“ Dafür habe man eigene KIs gebaut, die beispielsweise alte PDF-Dokumente auslesen und direkt in die Software einspielen. „Damit holen wir das Wissen raus aus den Aktenordnern“, verspricht die Gründerin.
Der eigentliche Clou liege jedoch im Domänenwissen: „Wir haben sehr viel von unserem eigenen Wissen rund um kommunalen Klimaschutz im Tool hinterlegt“, erklärt Bosse. „So können auch Kommunen, die selbst noch kaum Daten haben, von Anfang an von uns lernen – und natürlich auch voneinander.“ Man sei nicht darauf angewiesen, dass erst unzählige Daten eingespeist werden müssten, was den entscheidenden Vorteil gegenüber einer leeren Excel-Tabelle ausmache.
Kampf gegen Excel und leere Kassen
Der Markt für „Climate Compliance“ ist gigantisch: Fast alle der rund 10.750 deutschen Kommunen stehen unter Zugzwang, Klimaschutzkonzepte vorzulegen. Der Hauptkonkurrent ist oft der Status quo: Microsoft Excel und traditionelle Beratungshäuser. Etablierte kommunale IT-Dienstleister*innen tun sich teils schwer, derart nutzer*innenzentrierte Nischen-Lösungen schnell zu bauen.
Trotzdem stellt sich die Gretchenfrage an den Vertrieb: Wie argumentiert man bei klammen Stadtkämmerern für eine Investition in Software, wenn Excel ohnehin vorhanden ist? Bosse rechnet entschlossen vor: „Ark bringt einem Kunden unterm Strich deutlich mehr Geld ein, als es kostet.“ Erstens würden enorme Berater*innenkosten gespart, die bei klassischen Projekten schnell 200.000 bis 300.000 Euro verschlingen. Vieles davon decke die KI in Kombination mit der Berichtsfunktion der Software ab. Zweitens sinken die Personalkosten durch die enorm gestiegene Effizienz. „Personal ist im öffentlichen Sektor das Thema überhaupt: Über 600.000 Stellen sind unbesetzt, der Fachkräftemangel trifft die Verwaltungen mit voller Wucht“, mahnt die CEO. Drittens hole der integrierte KI-Förderagent aktiv Fördergelder rein, meist im sechsstelligen Bereich. Bosses Fazit ist deshalb eindeutig: „Wenn man das zusammenrechnet, ist die Lizenz für Ark am Ende keine Kostenfrage, sondern rechnet sich für jeden Kämmerer.“
Skalierung und der lukrative Lock-in-Effekt
Das B2G-Geschäftsmodell (Business-to-Government) birgt Hürden durch komplexe Haushaltsplanungen und strenge Vergaberichtlinien. Dennoch kooperiert Ark Climate bereits mit 53 Kommunen bundesweit, darunter Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, Solingen, Bamberg, Kassel und Überlingen. Sogar das Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein arbeitet bereits mit dem Start-up.
Die Strategie, sich bedarfsgerecht an dem/der Kund*in zu entwickeln, zahlt sich aus. Gelingt es, die Software flächendeckend als Standard zu etablieren, profitiert Ark Climate von einem entscheidenden Branchenmerkmal: dem Lock-in-Effekt. Einmal integrierte Behörden-Software wird wegen des immensen Wechselaufwands nur sehr selten wieder gekündigt.
Der Weg zur flächendeckenden Skalierung in den nächsten 24 Monaten ist bereits abgesteckt, und der Vertriebsprozess sei massiv standardisiert. Man wisse genau, mit wem man sprechen müsse – vom Klimaschutzmanager bis zum Dezernenten. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir Ende dieses Jahres über 100 Kunden stehen und Ende nächsten Jahres bei mindestens 200“, gibt sich Bosse ambitioniert.
Dafür nimmt das Start-up zwei wichtige Meilensteine ins Visier. „Zum einen große Rahmenverträge“, verrät die Gründerin. „Mit einigen Bundesländern sind wir gerade in den finalen Schritten, dass die Software gleich für alle Kommunen des Landes beschafft wird – das ist für die Skalierung super wichtig.“
Zum anderen kündigt Bosse neue Produkte an: Mit Ark Urban Planning und Ark Mobility sollen bald auch Stadtplanungs- und Mobilitätsabteilungen bedient werden. Die Vision geht längst über das Klima hinaus: „Wir entwickeln uns damit Schritt für Schritt vom KI-Co-Piloten für den Klimaschutz zum Co-Piloten für die ganze Verwaltung.“
Quantensprung in der Chip-Inspektion: Wie QuantumDiamonds den globalen Halbleitermarkt aufmischen will
Mit 91 Millionen Euro frischem Kapital – darunter massive EU-Fördermittel – baut das Münchner DeepTech-Start-up QuantumDiamonds eine eigene Fabrik. Die Technologie verspricht, die fehleranfällige Chip-Produktion zu revolutionieren. Doch der Weg vom vielversprechenden Uni-Spin-off zum globalen Hardware-Lieferanten in einer hochkonservativen Industrie birgt gewaltige Hürden. Eine Analyse.
Die Zahlen lassen aufhorchen, selbst im oft von Superlativen geprägten Tech-Ökosystem: Insgesamt 91 Millionen Euro fließen in das 2022 gegründete Münchner Start-up QuantumDiamonds. Davon stammen 15 Millionen Euro aus einer Series-A-Runde, angeführt vom World Fund und unter Beteiligung von Bayern Kapital, IQ Capital, Earlybird und weiteren namhaften VCs. Den wahren Hebel liefert jedoch die öffentliche Hand: 76 Millionen Euro fließen als nicht verwässernde Direktförderung im Rahmen des European Chips Acts, bereitgestellt vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Freistaat Bayern. Das ambitionierte Ziel: Noch im Jahr 2026 soll in München der erste Bauabschnitt einer 152 Millionen Euro teuren Produktionsstätte für quantenbasierte Halbleiterprüftechnik in Betrieb gehen.
Die Historie: Vom TUM-Labor in die globalen Fabs
Hinter QuantumDiamonds stehen Kevin Berghoff (CEO) und Dr. Fleming Bruckmaier (CTO), die das Unternehmen als Spin-off der Technischen Universität München (TUM) und gefördert durch die TUM Venture Labs gründeten. Berghoff, der Management studierte und zuvor als Berater bei McKinsey Tech-Konzerne zu Wachstumsstrategien beriet, liefert das kommerzielle Rüstzeug. Bruckmaier, promovierter Quantenphysiker der TUM mit Masterabschluss der ETH Zürich, bringt die technologische Tiefe mit.
Die Entwicklungsgeschwindigkeit des Teams ist enorm: Nach ersten Prototyping-Grants sicherte sich das Start-up Ende 2023 eine Seed-Finanzierung in Höhe von 7 Millionen Euro. Nur rund zweieinhalb Jahre später expandierte QuantumDiamonds im Frühjahr 2026 nach Taiwan und ins kalifornische Silicon Valley, um strategisch nah an den asiatischen und US-amerikanischen Halbleiter-Clustern zu operieren.
Das Problem und die technologische Lösung
Der größte Engpass der modernen Chipindustrie liegt im Qualitätsmanagement. Halbleiter werden nicht mehr nur flach (2D), sondern zunehmend in komplexen, mehrlagigen 3D-Architekturen (Advanced Packaging) verbaut – eine Grundvoraussetzung für leistungsstarke KI-Anwendungen. Traditionelle Prüfverfahren erfordern oft das physische Zerschneiden von Chip-Proben. Das dauert teils Wochen und zerstört das wertvolle Produkt.
Hier setzt QuantumDiamonds an: Das Unternehmen nutzt sogenannte Stickstoff-Vakanzzentren (NV-Zentren) in synthetischen Diamanten als Quantensensoren. Diese Sensoren messen Magnetfelder, die durch fließende elektrische Ströme in den Chips entstehen, optisch und auf den Nanometer genau. Der entscheidende Vorteil: Das Verfahren arbeitet zerstörungsfrei und reduziert den Prozess der Fehlererkennung von Wochen auf wenige Minuten.
Geschäftsmodell, Markt und Wettbewerb
So brillant die Technologie im Labor glänzt, so steinig ist der vor QuantumDiamonds liegende Weg in den globalen Markt. Ein kritischer Blick auf die strategischen Hürden:
- Das „Valley of Death“ der Hardware-Skalierung (Capex-Risiko): Ein 152-Millionen-Euro-Produktionsstandort ist für ein junges Unternehmen ein gigantisches finanzielles Wagnis. Hardware-Start-ups scheitern besonders in Europa oft an der extremen Kapitalintensität (Capital Expenditure, Capex). Ohne die massiven Subventionen aus dem European Chips Act hätten traditionelle Venture-Capital-Geber ein solches Vorhaben kaum allein geschultert. Das Geschäftsmodell ist somit stark von politischen, industriestrategischen Konjunkturen abhängig.
- Der harte Kampf um den „Inline“-Betrieb: Bislang werden die Werkzeuge von QuantumDiamonds vor allem für stichprobenartige Analysen in Laboren eingesetzt. Das erklärte Ziel ist es jedoch, hochskalierte Inspektionssysteme für die 100-prozentige Qualitätskontrolle direkt am Fließband (Inline-Inspektion) zu etablieren. In den Reinräumen der Chip-Giganten zählt jede Sekunde. Die Anlagen müssen im 24/7-Betrieb absolut ausfallsicher laufen. Die Halbleiterbranche gilt als extrem konservativ, wenn es darum geht, völlig neue physikalische Messmethoden in laufende, hochempfindliche Prozesse zu integrieren.
- Klumpenrisiko im Oligopol: Laut eigenen Angaben arbeitet das Start-up bereits mit neun der zehn weltweit führenden Chip-Hersteller zusammen. Der Markt ist jedoch ein extremes Oligopol (bestehend aus wenigen Playern wie TSMC, Intel oder Samsung). Das bedeutet: Einige wenige Großkunden diktieren die Bedingungen, und die Verkaufszyklen für Multimillionen-Dollar-Maschinen sind enorm lang. Um planbar zu wachsen, muss es QuantumDiamonds gelingen, neben dem Hardware-Verkauf wiederkehrende Umsätze über Software- und Wartungsabonnements (Software-as-a-Service zur Datenanalyse) zu etablieren.
- Die Konkurrenz der Branchenriesen: Im spezifischen Bereich der Quanten-Metrologie für Halbleiter besitzt QuantumDiamonds derzeit einen technologischen Vorsprung. Der eigentliche Wettbewerb droht jedoch durch die Verdrängung etablierter, klassischer Inspektionsverfahren von Markt-Goliaths wie der KLA Corporation oder Applied Materials. Diese US-Konzerne verfügen über milliardenschwere F&E-Budgets und jahrzehntelange, tief verzweigte Lieferbeziehungen zu den Chip-Fabriken.
Einordnung für die Start-up-Szene
Der Case QuantumDiamonds ist für die europäische Gründungsszene ein wichtiges Signal und ein Paradebeispiel für eine kluge Finanzierungsstrategie. Das Gründerteam beweist, wie sich das aktuelle geopolitische Momentum – der Wille der EU und des Bundes, technologische Souveränität in der Halbleiter-Lieferkette aufzubauen – als massiver Hebel für das eigene Wachstum nutzen lässt.
Während sich ein Großteil der Investor*innen derzeit im weniger kapitalintensiven B2B-SaaS- und KI-Softwaremarkt tummelt, zeigt QuantumDiamonds: DeepTech-Hardware Made in Germany ist finanzierbar, wenn VC-Geld intelligent mit hochvolumigen staatlichen Fördertöpfen kombiniert wird. Meistert das Team nun den Übergang von der universitären Ausgründung zum verlässlichen Serienproduzenten für die anspruchsvollsten Fabs der Welt, könnte in München ein neuer europäischer Hardware-Champion nach dem Vorbild des niederländischen Tech-Riesen ASML heranwachsen.
Dekarbonisierung als Renditehebel: PropTech Fuchs & Eule sichert sich 10 Mio. Euro
Das Berliner Start-up Fuchs & Eule schließt eine Finanzierungsrunde in Höhe von 10 Mio. Euro ab. Das Kapital fließt in den Ausbau KI-gestützter Sanierungsberatung für gewerbliche Immobilienportfolios. Doch hinter den Kulissen verfolgt das Unternehmen längst eine breiter angelegte Doppelstrategie. Reicht eine digitale Analyse, um den analogen Sanierungsstau in Deutschland zu lösen? Ein tieferer Blick auf das Geschäftsmodell, den Markt und die Köpfe hinter der Plattform.
Die Zinswende und verschärfte ESG-Vorgaben setzen die Immobilienbranche massiv unter Druck. Die Preise am Markt zweiteilen sich zunehmend: Während Immobilien mit guten energetischen Standards im Wert steigen, drohen unsanierte Objekte zu sogenannten „Stranded Assets“ mit Wertverlusten zu werden. Genau an dieser Schnittstelle agiert das Berliner Start-up Fuchs & Eule. Als digitaler Energie- und Sanierungsberater konnte das Team nun namhafte Geldgeber überzeugen.
In der aktuellen Finanzierungsrunde sammelt das Unternehmen 10 Millionen Euro ein. Angeführt wird die Runde vom GET Fund als Lead-Investor. Als Neuinvestoren steigen PI Impact und Wave-X ein. Zudem beteiligen sich die Bestandsinvestoren SET Ventures, Picus Capital und Realyze Ventures erneut. Das frische Kapital soll primär in den Ausbau des digitalen Geschäftsmodells fließen. Im Fokus stehen dabei KI-Technologien, intelligente Screenings sowie datenbasierte Analysen für individuelle Sanierungsberatungen, um Immobilienportfolios energieeffizienter und wertsteigernd zu transformieren.
Start-up-Erfahrung trifft Ingenieurwesen
Gegründet wurde Fuchs & Eule im Jahr 2021. Zum fünfköpfigen Gründungsteam gehören Robin Behlau, Dr. Tobias Frese, Lina Adrian, Dr. Friso Zimmermann und Matthias Kube.
Besonders der Name Robin Behlau lässt in der deutschen Gründungsszene aufhorchen. Als Gründer von Aroundhome (ehemals Käuferportal) hat Behlau bereits bewiesen, wie man fragmentierte Märkte digitalisiert, Leads generiert und Plattformen skaliert. Diese Erfahrung im Plattformaufbau trifft bei Fuchs & Eule – rechtlich eine Marke der Valyria Technology GmbH – auf ein mittlerweile über 100-köpfiges Expert*innen-Netzwerk, das ingenieurstechnisches Fachwissen mit digitalen Analyse-Tools bündelt.
Der Spagat zwischen Asset-Manager*innen und Eigenheimbesitzer*innen
Die aktuelle Kommunikation von Fuchs & Eule positioniert das Unternehmen klar im B2B-Segment: Bestandshalter, Family Offices und Asset-Manager*innen von Wohn- und Gewerbeimmobilien bilden die Kernzielgruppe. Der Beratungsansatz gliedert sich in klar definierte digitale Schritte:
- KI-Portfolioscreening: Zum Einstieg identifiziert die Software diejenigen Gebäude eines Portfolios, die das größte Sanierungs- und Wertsteigerungspotenzial aufweisen.
- Digitale Zwillinge & Analysen: Auf dieser Basis erstellen die Expert*innen detaillierte Gebäudeanalysen, um wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen abzuleiten.
- Fördermittel-Begleitung: Ergänzend unterstützt das Start-up bei der Auswahl passender Programme und der Antragstellung.
Bislang wurden laut Unternehmensangaben rund 10.000 Analysen auf mehr als fünf Millionen Quadratmetern Fläche durchgeführt. Die eingesetzte Technologie soll dabei geholfen haben, pro Gebäude und Jahr durchschnittlich 21,6 Tonnen CO2 einzusparen.
Der Realitäts-Check: Die offizielle B2B-Kommunikation bildet jedoch nur einen Teil des tatsächlichen Geschäftsmodells ab. Während die neue Finanzierung das hochkomplexe, margenstarke Projektgeschäft für institutionelle Investoren anschieben soll, ist das Start-up operativ längst tief im B2C-Geschäft verwurzelt. Über weitreichende B2B2C-Partnerschaften – unter anderem mit dem toom Baumarkt, dem Bauelemente-Hersteller heroal und Verbänden wie Haus & Grund – skaliert das Unternehmen parallel das kleinteilige Volumengeschäft der individuellen Sanierungsfahrpläne (iSFP) für private Eigenheimbesitzer*innen.
Markt und Regulatorik: Rückenwind aus Brüssel
Der Markt für energetische Sanierungen wächst organisch, wird aber primär durch harte Regulatorik getrieben. Die EU-Gebäuderichtlinie gibt einen straffen Zeitplan vor: Bis zum Jahr 2030 müssen 16 Prozent aller Nichtwohngebäude, die sich EU-weit im schlechtesten energetischen Zustand befinden, saniert werden. Bis 2033 steigt diese Quote auf die schlechtesten 26 Prozent.
Ohne spezialisierte Expertise und datengestützte Priorisierung sind diese Zielvorgaben für institutionelle Bestandshalter kaum zu bewältigen. Hier greift der „Done-for-you“-Ansatz von Fuchs & Eule, der Komplexität aus dem Entscheidungsprozess nehmen und diesen für Portfolio-Manager*innen beherrschbar machen soll.
Engpass Handwerk und Doppelstrategie
Trotz des beeindruckenden Wachstums, der starken Investoren und des klaren Founder-Market-Fits steht das Geschäftsmodell vor branchenüblichen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt:
Der Umsetzungs-Flaschenhals: Digitale Zwillinge und KI-Analysen schaffen hervorragende Transparenz, bauen aber keine Wärmepumpen ein. Eine fundierte Sanierungs-Entscheidung ist nur der erste Schritt. Der eigentliche Engpass der Wärmewende in Deutschland bleibt der Fachkräftemangel im Handwerk. Wenn die identifizierten Maßnahmen aufgrund fehlender Kapazitäten nicht zeitnah umgesetzt werden können, verzögert sich der Effekt der schnellen digitalen Analyse.
Die ressourcenintensive Doppelstrategie: Den B2B-Markt (komplexe Gewerbeportfolios) und den B2C-Markt (Einfamilienhäuser via Kooperationen) parallel zu bespielen, erfordert enorme Ressourcen. Die Herausforderung für das Management wird darin bestehen, in zwei völlig unterschiedlichen Zielgruppen den operativen Fokus zu behalten.
Abhängigkeit von volatiler Förderpolitik: Ein zentraler Baustein des Modells ist die Fördermittelberatung. Die deutsche Subventionspolitik hat sich in den letzten Jahren durch plötzliche Förderstopps teils als unberechenbar erwiesen. Eine veränderte Förderkulisse kann die Wirtschaftlichkeitsrechnungen von Sanierungsprojekten kurzfristig verändern.
Fazit
Fuchs & Eule adressiert eines der größten und kapitalintensivsten Probleme der deutschen Immobilienwirtschaft mit einem hochskalierbaren Ansatz. Gelingt es den Gründer*innen, den Spagat zwischen B2B und B2C zu meistern und durch ihr Partner-Netzwerk nicht nur die Theorie der Sanierung aufzuzeigen, sondern auch die analoge Umsetzung verlässlich zu begleiten, besitzt das PropTech beste Voraussetzungen, zu einem der führenden Player in der europäischen Bestands-Dekarbonisierung zu werden.
ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren
Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.
Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.
Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.
Ein Marktsegment mit Potenzial
Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:
Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand
Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“
Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.
Darum lohnt es sich mitzumachen
Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.
Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.
Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.
DeepTech-Hoffnung aus München: Kann das KI-Start-up alqem die Materialforschung revolutionieren?
Das 2026 gegründete Münchner DeepTech-Start-up alqem hat eine beachtliche Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 8 Millionen Euro abgeschlossen. Unter der Führung namhafter Investoren wie UVC Partners und Union Square Ventures schickt sich das Unternehmen an, einen der zähsten Engpässe der Industrie zu lösen: die Entdeckung und Kommerzialisierung neuer Hochleistungsmaterialien. Doch der Markt für KI-gestützte Materialforschung heizt sich global rasant auf. Zeit für eine analytische Einordnung.
Die Basis für ein erfolgreiches DeepTech-Start-up ist fast immer wissenschaftliche Exzellenz gepaart mit unternehmerischem Pragmatismus. Bei alqem, das Teil des UnternehmerTUM-Ökosystems ist und Arbeitsplätze in München und Coimbra plant, scheint diese Mischung vielversprechend.
Das Gründungs-Trio vereint drei essenzielle Domänen:
- Dr. Hanh Nguyen (CEO): Bringt mit vorherigen Stationen bei McKinsey, Unilever und OCI Global die nötige wirtschaftliche und strategische Skalierungserfahrung mit.
- Dr. Tiago Cerqueira (CTO): Hat als Mitentwickler der offenen Materialdatenbank Alexandria bereits bewiesen, dass er große Datenmengen in der Materialwissenschaft strukturieren und nutzbar machen kann.
- Prof. Milan Allan (CSO): Ist Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik an der LMU München und verantwortet die wissenschaftliche Perspektive im Labor.
Flankiert wird das Team von wissenschaftlichen Beraterinnen und Beratern, darunter Prof. Claudia Felser (Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe, Dresden), Prof. Miguel Marques (Ruhr-Universität Bochum) und dem ehemaligen McKinsey-Partner Michael Viertler. Forschungspartnerschaften mit der LMU München, der TUM, dem Max-Planck-Institut Dresden sowie den portugiesischen Universitäten Técnico Lissabon, Porto und Coimbra sichern den Zugang zu Talent*innen und Infrastruktur.
Der Markt: Raus aus der chinesischen Abhängigkeit
Der strategische Fokus von alqem trifft den industriepolitischen Nerv der Zeit. Das erste konkrete Anwendungsfeld des Startups sind Permanentmagnete, die ohne den Einsatz seltener Erden auskommen. Der Schmerz der europäischen Industrie ist hier gewaltig:
- Rund 90 Prozent der heute verwendeten Hochleistungspermanentmagnete werden in China produziert, was eine immense geopolitische Abhängigkeit schafft.
- Gleichzeitig liegt der letzte wesentliche Durchbruch in der Entwicklung neuer magnetischer Materialien mehr als 40 Jahre zurück.
Dr. Hanh Nguyen bringt das Potenzial auf den Punkt: Ziel sei es, Materialien systematisch zu erschließen, die etwa die Effizienz von Elektrofahrzeugen und Windturbinen steigern und kritische Lieferketten unabhängig von der Produktion in einem einzigen Land machen. Investoren wie Amanda Birkenholz von UVC Partners sehen in fortschrittlichen Materialien gar das Zentrum zukünftiger Technologien – von sauberer Energie über Mobilität bis hin zur Verteidigung.
Das Geschäftsmodell: Kritisch hinterfragt
Alqems Ansatz beruht auf einer zweigleisigen Plattformtechnologie: Einerseits "al-mine", eine Datenbank für vorhergesagte stabile kristalline Verbindungen, und andererseits "al-oracle", welches domänenspezifische Trainingsdaten für Materialeigenschaften liefert. Der entscheidende Differenzierungsfaktor – und gleichzeitig der mögliche Flaschenhals – ist die Ergänzung dieser digitalen Ebene durch eigene Laborkapazitäten zur Synthese und Charakterisierung der KI-Vorschläge. Das Start-up vermeldet, bereits eine Pipeline vielversprechender Kandidatinnen und Kandidaten entwickelt und deren vorhergesagte Leistungsfähigkeit experimentell validiert zu haben. Das erklärte Ziel: Den Entwicklungszyklus von der wissenschaftlichen Vorhersage bis zur industriellen Anwendung von Jahrzehnten auf Jahre oder gar Monate zu verkürzen.
Die strukturellen Herausforderungen des Modells:
- Labor-Skalierbarkeit: Eine KI kann Millionen Verbindungen in Rekordzeit berechnen, doch die physische Synthese im Labor bleibt oft ein iterativer, ressourcenintensiver Prozess. 8 Millionen Euro Pre-Seed-Kapital klingen solide, können beim Aufbau eigener Hardware-Labore und teurer Prüfstände jedoch schnell aufgebraucht sein.
- IP und Monetarisierung: Es bleibt die Frage, wie alqem skalierbare Umsätze generiert. Verfolgt das Startup ein Discovery-as-a-Service-Modell für große Industriekunden? Werden Patente für neuartige Magnete an Automobilzulieferer lizenziert? Wenn alqem den Weg wählt, Rohstoffe selbst zu produzieren, wird aus dem agilen KI-Start-up schnell ein kapitalintensives Industrieunternehmen.
Der Wettbewerb: Keine "Blue Ocean"-Strategie
alqem ist mit der Vision einer KI-gestützten Materialrevolution keineswegs allein. Die sogenannte "Materials Informatics" erlebt einen regelrechten Hype. Ein Blick auf den globalen Wettbewerb zeigt, wie umkämpft das Feld bereits ist:
- Altrove (Frankreich): Das Pariser Start-up hat kürzlich Millionen eingesammelt, betreibt ebenfalls KI-gestützte Synthese-Labore und fokussiert sich exakt auf dasselbe Ziel: Alternativen zu seltenen Erden zu finden.
- CuspAI (UK): Mit einem massiven Funding von über 100 Millionen US-Dollar im Rücken fokussiert sich dieses Team auf neue Materialien für den Klimaschutz.
- Dunia (Deutschland) & Materials Nexus (UK): Beide Start-ups nutzen „Self-Driving Labs" und maschinelles Lernen, um Materialentwicklungen drastisch zu beschleunigen.
Darüber hinaus werfen Tech-Giganten wie Google (mit dem GNoME-Projekt) und Microsoft (mit MatterGen) enorme Rechenpower auf das Problem und stellen Millionen neuer Kristallstrukturen open-source zur Verfügung. Alqem muss in den nächsten Monaten beweisen, dass die Symbiose aus eigenen Datenfundamenten und hauseigenem Labor einen ausreichend tiefen Burggraben gegen diese Übermacht bietet.
Unser Fazit
Mit alqem tritt ein akademisches Schwergewicht aus dem Münchner Ökosystem in den Ring, das das Potenzial hat, Europas industrielle Souveränität im Hardware-Sektor entscheidend zu stärken. Die Idee, eine systematische Karte des Materialuniversums mit Hunderten Millionen Möglichkeiten zu entwerfen und direkt physisch zu validieren, ist ambitioniert und exzellent fundiert. Die Lead-Investoren setzen hier spürbar darauf, Weltklasse-Wissenschaft in ein skalierbares Unternehmen zu übersetzen.
Das Gründungsteam muss nun beweisen, dass es nicht nur exzellent forschen, sondern auch kommerziell abliefern kann. Gelingt es alqem, den ersten marktreifen Hochleistungsmagneten ohne seltene Erden seit über vierzig Jahren industriell anwendbar zu machen, hat Deutschland ein potenzielles neues Unicorn im DeepTech-Sektor. Das Rennen um die Materialien der Zukunft hat allerdings gerade erst begonnen.
KI-Kameras gegen den Blindflug: Almetra sichert sich 16,3 Millionen Euro
Das 2022 aus dem Berliner Venture Studio Merantix hervorgegangene KI-Start-up Almetra, das in der Szene bislang unter dem Namen Deltia bekannt war, hat erfolgreich eine Series-A-Finanzierungsrunde über 16,3 Millionen Euro abgeschlossen. Unter der Führung des transatlantischen Investors blisce/ – und mit Beteiligung weiterer Geldgeber wie NAP, Merantix Capital, Robin Capital, Underline sowie Critical Ventures – plant das rund 40-köpfige Unternehmen nun die Expansion in die USA. Zu den bestehenden Kunden zählen laut Almetra bereits Schwergewichte wie Bosch, Siemens Energy und ABB.
Die Fertigungsindustrie steht massiv unter Druck: Steigende Kosten, Fachkräftemangel und zunehmende Konkurrenz aus Niedriglohnländern drücken die Margen auf jeder Ebene der Lieferkette. Gleichzeitig basieren Entscheidungen auf dem Shopfloor oft noch auf manuellen, fragmentierten Prozessen und lückenhaften Daten. Almetras Lösung setzt genau hier an, indem die Plattform KI-gestützte Kameras nutzt, um Produktionsabläufe zu erfassen und diese direkt vor Ort in Echtzeit in Kennzahlen wie Durchsatz und Auslastung zu übersetzen, ohne dass eine aufwendige IT-Integration nötig ist. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde vollzieht das Unternehmen einen strategischen Schwenk von einer reinen Lösung für visuelle Produktionsanalysen hin zu einer zentralen Daten- und Automatisierungsplattform. Zukünftig sollen Videodaten, Maschinendaten und bestehende IT-Systeme sowie das Wissen der Mitarbeitenden auf einer einheitlichen Basis gebündelt werden, was auch den Einsatz von Robotik in den Werken ermöglichen soll.
Die Köpfe hinter der Technologie
Gegründet wurde Almetra von Maximilian Fischer und Silviu Homoceanu. Das Duo vereint dabei tiefgreifende Industrieerfahrung mit akademischer KI-Forschung. Maximilian Fischer, CEO und Maschinenbauingenieur der ETH Zürich, analysierte und digitalisierte in seiner bisherigen Laufbahn weltweit bereits Dutzende Fabriken. Sein Co-Gründer Silviu Homoceanu hält einen Doktortitel in Machine Learning und verantwortete zuvor die Software-Einheit für autonomes Fahren bei Volkswagen. Die technologische Tiefe von Almetra wird zudem durch die Aufnahme in renommierte Programme wie den Robotics Accelerator von Google DeepMind sowie das Physical AI Fellowship von AWS, Nvidia und MassRobotics untermauert.
Datenschutz vs. Effizienz
Das Versprechen, die Produktivität bei namhaften Firmen durch die Abschaffung von „Blindflügen“ um bis zu 20 Prozent zu steigern, klingt für Produktionsleiter extrem verlockend. Laut Unternehmensangaben konnte die Produktionsleistung bei Kunden wie eBike Systems innerhalb weniger Wochen bereits um 19 Prozent gesteigert werden. Dennoch birgt das Geschäftsmodell der visuellen Erfassung durch Computer Vision inhärente regulatorische und soziale Risiken. Die Sorge vor einer potenziellen visuellen Dauerüberwachung am Fließband ruft unweigerlich Gewerkschaften und Betriebsräte auf den Plan. Almetra versucht diesem potenziellen „Big-Brother“-Image proaktiv durch striktes lokales Edge Computing zu begegnen: Sämtliche Aufnahmen werden von Beginn an anonymisiert und der Großteil der Daten verlässt die Fabrikhalle nie. Lediglich kurze, zufällig ausgewählte Sequenzen werden zur Ursachenanalyse gespeichert. Abseits der internen Firmenpolitik stellt der EU AI Act eine signifikante Hürde für den Sektor dar. Dauerhafte und lückenlose Compliance im Umgang mit sensiblen Mitarbeiterdaten wird für die Skalierung des Geschäftsmodells in Europa eine ständige Begleiterscheinung sein.
Ein hart umkämpfter Markt
Die Nische der Produktionsanalytik durch Künstliche Intelligenz ist lukrativ, aber dicht besiedelt. Globale Unternehmen wie Viso.ai, Roboflow oder Jidoka Tech bieten der Industrie bereits ausgereifte KI-Plattformen für Qualitätssicherung, Fehlererkennung und Echtzeit-Monitoring an. Gleichzeitig konkurriert Almetra mit bewährten Plattformen wie Shoplogix oder ValueStreamer, die seit Jahren darauf spezialisiert sind, Maschinen- und Produktionsdaten über MES- und ERP-Schnittstellen auszuwerten. Wenn Almetra nun den Anspruch erhebt, zur zentralen Daten- und Automatisierungsplattform der Fabriken zu werden, begibt sich das Startup unweigerlich auf Kollisionskurs mit den gigantischen, oft schwerfälligen, aber tief im industriellen Rückgrat verankerten Systemen etablierter IT-Konzerne.
Unser Fazit
Mit dem Rebranding und der Millionenspritze demonstriert Almetra eindrucksvoll, wie sich europäische DeepTech-Expertise in einen handfesten B2B-SaaS-Case übersetzen lässt. Das Gründerteam hat verstanden, dass reine visuelle Analysen für die Industrie auf Dauer nicht ausreichen – der Sprung zur ganzheitlichen Automatisierungsplattform ist der strategisch richtige nächste Schritt. Der Erfolg des Berliner Start-ups, besonders bei der nun anstehenden US-Expansion, wird am Ende von zwei kritischen Faktoren abhängen. Erstens muss es gelingen, in den Fabrikhallen den Spagat zwischen technischer Effizienzsteigerung und strengsten Datenschutzvorgaben in der Praxis dauerhaft zu meistern. Zweitens wird sich zeigen müssen, ob sich die Plattform gegen bereits stark integrierte IT-Giganten auf dem Shopfloor durchsetzen kann. Schafft Almetra beides, hat das Team eine reale Chance, den globalen Markt für Enterprise-Manufacturing-Software maßgeblich mitzugestalten.
Millionen-Seed für CoTrainer: Gelingt der Angriff auf den Amateurfußball-Markt?
Das Kölner Sport-Tech-Start-up CoTrainer hat eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von einer Million Euro abgeschlossen. Mit dem Olympia-Verlag-Ableger kicker ventures als Lead-Investor und prominenten Business Angels strebt das Unternehmen langfristig die Marktführerschaft in der Amateurfußballförderung an. Der Markt für Vereinsorganisation ist jedoch hart umkämpft – und die Monetarisierung des Ehrenamts bleibt eine strukturelle Herausforderung.
Das Closing der Runde erfolgte Ende des ersten Quartals 2026. Neben kicker ventures stiegen strategische Investoren aus dem Sport- und Digitalbusiness ein, darunter Markan Karajica (CEO 7NXT/Gymondo), Teamgeist Capital, Dr. Sebastian Weil (Co-Founder PadelCity), Timo Skrzypski (Ex-CEO Alemannia Aachen) sowie der VfL-Wolfsburg-Profi Maximilian Arnold, superangels und die Comvest Digital AG.
Mit dem frischen Kapital und dem neuen CTO Marco Giesen will das zehnköpfige Team die Produktentwicklung vorantreiben. Ein Relaunch der Plattform ist für den Sommer 2026 geplant. Das Beteiligungsunternehmen kicker ventures, das von Werner Wittmann und Ingo Schiller geführt wird, bringt neben Kapital auch Sportdaten-Expertise und die Reichweite der Marke kicker in die Partnerschaft ein.
Vom Athletik-Planer zum Vereins-Betriebssystem
Hinter CoTrainer steht die Fussballetics GmbH mit Sitz in Köln, die im Dezember 2022 von den Sportwissenschaftlern André Werres, Dyke Lambertz und Claudius Ludwig gegründet wurde. Ein Blick auf die Start-up-Historie zeigt eine strategische Weiterentwicklung: Das Trio startete bereits vor der offiziellen CoTrainer-Gründung mit einer Plattform, die Trainer im Amateurbereich vorstrukturierte Athletik-Trainingseinheiten lieferte. Nach einem Asset-Deal mit der Street Pro GmbH erweiterte das Team seinen Fokus zunächst auf die sportliche Entwicklung einzelner Spieler.
Mit CoTrainer folgt nun der Schritt vom inhaltlichen Anbieter zur ganzheitlichen Plattform für Vereine. „Im Amateurfußball steckt enorm viel Herzblut und enorm viel Verwaltungsaufwand, der an Ehrenamtlichen hängen bleibt“, erklärt CEO Claudius Ludwig, der das Problem aus eigener Erfahrung als Vereinsvorsitzender und Trainer kennt.
Geschäftsmodell und Markt
Der Bedarf an digitalen Lösungen im Amateurfußball ist vorhanden: Viele Vereine organisieren ihren Alltag laut CoTrainer häufig über eine Mischung aus Messenger-Gruppen, Tabellen und Zuruf. Das Start-up formuliert daher den Anspruch: „Weniger Abstimmung. Mehr Fußball“. Bislang nutzen nach Unternehmensangaben über 150 Vereine die Plattform.
Dennoch steht das Start-up vor erheblichen Markthürden:
- Hohe Marktdurchdringung: Der Bereich Team-Management ist mit etablierten Anbietern wie SpielerPlus, SportMember oder Kadermanager bereits stark besetzt. Zudem drängen datengetriebene Start-ups wie Prematch in das Ökosystem des Amateurfußballs.
- Komplexe Monetarisierung: Die Zielgruppe besteht aus ehrenamtlichen Trainern und Amateurvereinen. Bisherige Marktstandards setzen auf Freemium-Modelle oder Premium-Abos, deren Preisbereitschaft historisch begrenzt ist. B2C/B2B-Hybridmodelle in diesem Segment erfordern für Profitabilität eine hohe kritische Masse.
- Differenzierung: CoTrainer positioniert sich durch die Bündelung von Vereinsorganisation, Trainingsplanung und Spielerentwicklung in einer Plattform. Der strategische Vorteil des Unternehmens könnte in seinen Wurzeln liegen: Gelingt es, fundiertes Wissen der Trainingslehre tiefgreifend mit Management-Funktionen zu verzahnen, entstünde ein Differenzierungsmerkmal gegenüber rein administrativen Kalender- und Kassen-Apps.
Um die Nutzerakquise zu beschleunigen, kündigt CoTrainer für die Saison 2026/27 eine Amateurfußball-Initiative an, deren Details zeitnah mit einem Ausrüstungspartner präsentiert werden sollen. Ob das neu aufgestellte Produkt nach dem Sommer-Relaunch stark genug ist, um Trainer von ihren etablierten Tools zu konvertieren, wird der entscheidende Härtetest für das Kölner Start-up.
VERAXA: Nasdaq-Debüt für 1,3 Mrd. US-Dollar
Befreiungsschlag jenseits des großen Teichs: Was Gründer*innen vom Milliarden-Debüt der 2021 gegründeten VERAXA Biotech lernen können.
Am 11. Juni 2026 vollzog die VERAXA Biotech AG einen bemerkenswerten Schritt: Das Unternehmen startete den Handel an der US-Technologiebörse Nasdaq unter dem Tickersymbol VRXA. Mit einem Pre-Money Equity Value von 1,3 Milliarden US-Dollar in der Business Combination setzt das BioTech-Unternehmen ein starkes Ausrufezeichen in einer Zeit, in der der deutsche Kapitalmarkt unter einer IPO-Dürre und einem eklatanten Mangel an Scale-up-Kapital leidet. Für unsere Leser*innen bietet dieser Case weit mehr als nur eine reine Listing-Meldung. Er seziert die strukturellen Herausforderungen der europäischen Gründer*innenszene und zeigt, wie hochkomplexe Forschungs-Spin-offs skaliert und kapitalisiert werden können.
Angesichts der aktuellen Marktlage ist diese Bewertung ein massives Statement. Wie ließ sich diese Summe in den Verhandlungen mit US-Investoren rechtfertigen und warum hat man sich gerade jetzt für den Weg über ein SPAC entschieden, anstatt auf ein späteres, klassisches IPO zu warten? Oliver R. Baumann, CEO der Xlife Sciences AG und Chairman of the Board der VERAXA Biotech AG, betont die fundamentale Stärke des Unternehmens: „Die Bewertung stützt sich aus unserer Sicht auf die Breite und Skalierbarkeit der VERAXA-Plattform. VERAXA verfügt über eine Pipeline antikörperbasierter Krebstherapien der nächsten Generation, darunter bispezifische T-Zell-Engager und Antibody-Drug Conjugates, kurz ADCs, und adressiert damit zwei der dynamischsten Bereiche der Onkologie.“
Entscheidend sei, dass die hauseigene BiTAC-Plattform mehrere Programme parallel hervorbringen kann und das Unternehmen somit nicht auf einen einzelnen Wirkstoffkandidaten reduziert ist. Den gewählten Weg verteidigt Baumann offensiv: „Der gewählte Weg war für uns deshalb konsequent, weil er VERAXA den Zugang zum US-Kapitalmarkt eröffnet. In der aktuellen Phase geht es darum, Programme auf Basis der BiTAC-Plattform in Richtung klinischer Entwicklung sowie strategischer und industrieller Partnerschaften weiterzuentwickeln. Dafür braucht ein Unternehmen wie VERAXA internationale Sichtbarkeit, Kapitalmarktzugang und Investoren, die die Logik hochinnovativer Onkologieplattformen verstehen.“
Die Anatomie des Deals: Volles Risiko, kein Cash-Exit
Die Transaktionsstruktur der VERAXA sendet ein deutliches Signal an den Markt: Bestehende Aktionäre, darunter Xlife Sciences sowie das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) und dessen Technologietransfer-Arm EMBLEM, erhalten keinen Cash-Exit. Stattdessen rollen sie 100 Prozent ihrer Anteile in die börsennotierte Gesellschaft. Das zeugt von enormer Überzeugung der Altgesellschafter, bindet sie jedoch voll an das Post-IPO-Risiko.
Auf die konkrete Frage, ob dieser vollständige Verzicht eine zwingende Bedingung der SPAC-Sponsoren war und welche Lock-up-Fristen nun genau für das Management gelten, weicht Baumann den harten Details zu den Haltefristen zwar aus, stellt das strategische Signal aber umso klarer heraus: „Für uns war entscheidend, ein klares Signal an den Markt zu senden: Die bestehenden VERAXA-Aktionäre bleiben vollständig investiert. Im Rahmen der Transaktion erhalten sie keine Cash-Erlöse, sondern rollen 100 Prozent ihres Eigenkapitals in die kombinierte börsennotierte Gesellschaft.“ Dies unterstreiche, dass man nicht auf einen kurzfristigen Exit setze, sondern auf die weitere Wertentwicklung von VERAXA als öffentlichem Unternehmen.
Der Weg an die Börse erfolgte schließlich über eine Fusion mit der Special Purpose Acquisition Company (SPAC) Voyager Acquisition Corp. Dieses Vehikel erlaubt zwar einen zügigeren Börsengang, bringt jedoch oft eine erhöhte Volatilität in den ersten Handelsmonaten mit sich.
Vom Heidelberger Labor in die Welt
VERAXA veranschaulicht eindrucksvoll, wie europäische Grundlagenforschung in marktfähige BioTech-Plattformen übersetzt wird. Das Unternehmen, das in seiner heutigen Form 2021 durch die Fusion der beiden EMBL-Ausgründungen Velabs Therapeutics und Araxa Biosciences entstand, basiert auf wissenschaftlichen Durchbrüchen aus dem EMBL-Umfeld.
Christoph Antz, Ph.D., CEO und Co-Founder der VERAXA Biotech AG , erinnert sich an den Startschuss im Jahr 2021 und die technologischen Herausforderungen: „Beide Unternehmen, Velabs und Araxa, hatten einen klaren Fokus auf moderne Immuntherapien mit Hilfe von monoklonalen Antikörpern und den ADCs. Beide Firmen hatten überlappende und zum Teil synergistische Technologien entwickelt und beide hatten eine enge Verknüpfung zum EMBL, einem der renommiertesten Forschungsinstitute in Europa. Es war also in einiger Hinsicht ein ,no brainer‘, diese Einheiten zusammenzufügen, um kritische Masse zu erzeugen.“
Technologisch wie kulturell sei die Zusammenführung der Teams keine allzu große Herausforderung gewesen. Die medizinische Wissenschaft fungiere hier als hervorragender Ankerpunkt. „Unser Forschungsteam besteht aus Vollblutwissenschaftlern. Ich glaube, dass ist ein Grund, warum wir in unserem Team schon heute rund 15 verschiedene Nationalitäten erfolgreich vereinen. Man spricht dieselbe Sprache, sozusagen.“
Während das F&E-Herz weiterhin im deutschen Heidelberg schlägt, agiert das Unternehmen strukturell global. Den gesellschaftsrechtlichen Sitz in der Schweiz begründet Antz primär mit dem dortigen Netzwerk und Ökosystem: „Der Sitz der Holding in der Schweiz erlaubte uns, Investoren zu gewinnen, gerade innerhalb des Xlife-Sciences-Netzwerks. Die Schweiz hat ein sehr starkes Pharma- und Biotech-Ökosystem mit den Branchenriesen Roche und Novartis beispielsweise.“ Er schließt nicht aus, sich dort künftig noch stärker im Talentpool umzuschauen, und verweist zudem auf regulatorische Vorbilder: „Auch der Gang an die NASDAQ wurde vor uns schon von einigen erfolgreichen Schweizer Biotech-Unternehmen erfolgreich vollzogen. Es gibt also einige positive Aspekte, die für dieses Konstrukt sprachen.“ Die gesamten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten verbleiben dennoch in Heidelberg.
Technologie und Markt: Der Kampf gegen Krebszellen
Das Geschäftsmodell fokussiert sich auf die Entwicklung antikörperbasierter Krebstherapien der nächsten Generation, wobei bispezifische T-Zell-Engager (TCEs) und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) zu den Kernbereichen zählen. Im Zentrum steht die sogenannte BiTAC-Plattform, die Krebszellen anhand zweier Zielstrukturen präziser adressieren und gesundes Gewebe schonen soll. Doch wie will sich VERAXA gegen die Übermacht globaler Pharma-Riesen wie Roche oder AstraZeneca durchsetzen, die Milliarden in ähnliche onkologische Ansätze investieren?
Antz kontert selbstbewusst und benennt die Schwachstellen der aktuellen Medikamentengeneration: „Die derzeitige Generation moderner Krebsmedikamente insbesondere die Klasse der T-Zell-Engager und ADCs haben ein bekanntes Problem: Sie treffen zwar Tumorzellen haben aber auch in zu hohem Maße einen toxischen Effekt auf gesundes Gewebe.“ Die Folge seien schwere Nebenwirkungen, weshalb Ärzte die Medikamente nicht hoch genug dosieren können – ein Verlust an Sicherheit und Effektivität, in der Fachsprache ein enges therapeutisches Fenster genannt.
„Genau hier setzt BiTAC an. Unsere BiTAC Moleküle arbeiten mit einem dualen „AND gate“-Prinzip. Sie sind, stark vereinfacht gesagt, biologisch programmierbar. Ihre Krebszerstörende Wirkung wird nur ausgelöst, wenn zwei Zielstrukturen auf der gleichen Krebszelle erkannt werden.“ Zur Veranschaulichung zieht der Gründer einen griffigen Vergleich: „Ich vergleiche das gerne mit der 2-Faktor Authentifizierung, die nachweislich die Sicherheit von digitalen Systemen erhöht.“
Zudem funktioniere das System modular nach dem Lego-Prinzip: Aus wenigen Bausteinen können mehrere therapeutische Programme entstehen. „Diese Verbindung aus biologischer Selektivität, Skalierbarkeit und geschütztem Know-how macht den Kern unseres Wettbewerbsvorteils aus“, erklärt Antz.
Der Markt für Präzisionsonkologie ist heiß umkämpft
Etablierte Pharma-Riesen und US-Start-ups dominieren das Feld. Eine Bewertung von 1,3 Milliarden US-Dollar ist für ein Unternehmen, dessen Innovationen sich noch in sehr frühen Stadien befinden, äußerst ambitioniert. VERAXA steht nun in der Bringschuld, dem US-Markt zeitnah valide klinische Wirksamkeitsdaten zu liefern. Doch wie weit reicht der durch den Nasdaq-Deal gesicherte finanzielle Runway für diese absoluten Meilensteine?
Antz verspricht für die kommenden zwei bis drei Jahre eine klare Fokussierung, um möglichst viele Programme schnell in die klinische Entwicklung zu bringen und den Firmenwert zu steigern: „Damit rücken dann auch belastbare Sicherheitsdaten und erste klinische Wirksamkeitsnachweise in greifbare Nähe.“ Der SPAC-Merger und zwei begleitende Finanzierungen – eine erstrangig besicherte Finanzierung über 27,5 Millionen US-Dollar sowie eine Aktienkaufvereinbarung von bis zu 50 Millionen US-Dollar – stärken laut Antz die finanzielle Flexibilität deutlich. Auf die konkrete Nachfrage nach der exakten zeitlichen Reichweite des Geldes bleibt der CEO jedoch vage und vertröstet den Markt: „Konkreteren Ausblick auf unseren ,cash runway‘ werden wir dem Kapitalmarkt zentral mit unseren nächsten Finanzergebnissen kommunizieren.“
Drei Lektionen für Gründer*innen
Was bedeutet das für heimische Start-ups?
- US-Kapitalmarkt als logische Konsequenz: Wenn der Kapitalbedarf für die Skalierung (z. B. teure klinische Studien) die Möglichkeiten europäischer VCs übersteigt, bleibt der Weg über den Atlantik oft alternativlos.
- Struktur-Arbitrage nutzen: Die Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz in Heidelberg und einem gesellschaftsrechtlichen Sitz in der Schweiz zeigt, dass Start-ups heute supranational agieren müssen, um optimale Rahmenbedingungen für internationale Geldgeber zu schaffen.
- Technologietransfer professionalisieren: Der Brückenschlag vom EMBL in die freie Wirtschaft beweist, dass Institute zunehmend lernen, aus Ausgründungen handfeste wirtschaftliche Werte zu formen.
Mit dem US-Geld verschiebt sich der Fokus zwangsläufig in Richtung des US-Gesundheitsmarktes und der dortigen Zulassungsbehörde FDA. Beeinflusst das die Strategie für das Design kommender Studien im Vergleich zur europäischen EMA? Antz sieht das differenziert und bricht eine Lanze für den europäischen Standort: „Das sehen wir differenziert. Werden wir in Zukunft mehr mit der FDA interagieren, und generell mehr in den USA präsent sein, um Netzwerke und Kooperationen diverser Art aufzubauen? Absolut! Der US-Markt ist immer noch der größte Markt für innovative Pharmazeutika. Nutzen wir dennoch die anerkannten Stärken des Standort Europas und Deutschlands für unsere Entwicklungen. Ganz klar! Deutschland hat beispielsweise mit dem Paul-Ehrlich-Institut eine regulatorische Behörde für die Bewertung für biomedizinische Arzneimittel, das sehr versiert ist, insbesondere bei der Bewertung von Immuntherapien wie unseren.“
Zudem böten deutsche Kliniken einen sehr hohen Standard bei der medizinischen Forschung und klinischen Entwicklung – insbesondere die Onkologischen Spitzenzentren (Comprehensive Cancer Center, kurz CCCs), von denen eines in unmittelbarer Nachbarschaft zu VERAXA in Heidelberg sitzt. „Wissenschaft und biotechnologische Forschung bedeutet heutzutage gleichermaßen globale Kooperation wie Wettbewerb. Wir haben da früh ein sehr globales Mindset“, so Antz.
Fazit: Warnsignal für Europa
Am Ende bleibt das Fazit janusköpfig: VERAXA ist ein Triumph für die hiesige Wissenschaft, markiert aber gleichzeitig ein Warnsignal, da die Wertschöpfung einmal mehr im Ausland kapitalisiert wird. Für ambitionierte Scale-ups bleibt die Nasdaq auf absehbare Zeit das Maß der Dinge.
Auf die Frage, was sich strukturell und politisch in Europa ändern müsste, damit DeepTech-Scale-ups in Zukunft wieder in Frankfurt statt in New York an die Börse gehen, weicht Chairman Oliver R. Baumann aus und lenkt den Blick pragmatisch zurück auf die harten Marktgegebenheiten: „Für VERAXA war der Zugang zum US-Kapitalmarkt ein entscheidender Schritt, weil die weitere Entwicklung hochinnovativer Onkologieplattformen erhebliche Kapitalressourcen, internationale Sichtbarkeit und ein Kapitalmarktumfeld erfordert, das mit klinischer Entwicklung, Plattformunternehmen und strategischen Partnerschaften vertraut ist.“ Mit der Nasdaq-Notierung erhalte VERAXA nun genau diese notwendige internationale Plattform. Für die Muttergesellschaft Xlife Sciences bleibe der Deal dennoch ein wichtiger Beleg dafür, „dass europäische Spitzenforschung in investierbare, global skalierbare Unternehmen übersetzt werden kann“.
