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Anbieter-Check: Recruiting-Software-Tools
Talente erreichen, überzeugen und schließlich einstellen – diese Aufgaben und einige mehr vereint eine Recruiting-Software. Wir stellen sechs auf Herz und Nieren getestete Tools vor, die dir im War for Talents beiseite stehen.
Im Start-up-Universum ist Zeit wahrlich kostbar. Jeden Tag werden neue Ideen geschmiedet, Deals eingeholt sowie Produkte und bahnbrechende Technologien entwickelt – das Wachstum ist im vollen Gange. Damit du dein Business weiter vorantreiben kannst, müssen die richtigen Talente her, die deine Vision und deine Ziele mit dir teilen.
Die Suche nach den besten Köpfen wird allerdings schnell zu einer zeitraubenden und kostspieligen Aufgabe. Stellenanzeigen müssen gestaltet und erstellt, Ausschreibungen auf relevanten Jobbörsen geschaltet werden. Eingehende Bewerbungen wollen bearbeitet sein und die Kommunikation mit den Kandidat*innen darf auch nicht zu kurz kommen – sofern diese nicht sowieso in der E-Mail-Flut untergegangen sind.
Die Lösung für dein Bewerbermanagement: moderne Cloud-Lösungen. Unser redaktioneller Kooperationspartner, das deutsche Vergleichsportal trusted.de, hat sich vor wenigen Monaten die beliebtesten Recruiting-Software genauer angesehen. Für den Test wurden insgesamt 25 Bewerbermanagement-Software auf dem Markt miteinander verglichen und neun davon einem ausführlichen Praxistest unterzogen. Dafür wurde eine fiktive Personalberatung gegründet, die für sich selbst und ihre Kund*innen qualifizierte Kräfte sucht. Dadurch konnte die Test-Redaktion herausfinden, für welche Use Cases welches Tool am besten geeignet ist. In über 100 Stunden Tests wurden die Funktionen und Features der einzelnen Softwarelösungen im Detail geprüft und die Systeme nach den Kriterien Funktionsumfang, Preis-Leistungs-Verhältnis, Usability, Datenschutz und Supportqualität bewertet. Dabei wurden mithilfe der Softwarelösungen Stellenausschreibungen und Karriereportale erstellt, die Reichweite für Stellenanzeigen im Multiposting überprüft, Bewerberakten und Bewerbungsprozesse angelegt und mehr.
Die Praxistests zeigen: Modernes Employer Branding und Bewerbermanagement geht auch preiswert. Unsere sechs Start-up-tauglichen Favoriten stellen wir dir im Folgenden näher vor.
Recruitee
Recruitee ist unser Favorit. Der Testsieger hat sich den Titel aus mehreren Gründen redlich verdient. Eines von vielen Highlights ist der KI-Textgenerator, mit dem du deine Stellenanzeigen im Handumdrehen erstellen kannst. Zeit bei der Gestaltung sparst du dabei dank Vorlagen. Deine individuellen Stellenanzeigen kannst du auf über 2900 kostenpflichtigen und 20 kostenlosen Jobbörsen und Social-Media-Kanälen gleichzeitig streuen. Gut getroffen ist die Auswahl der Kanäle; hier deckt Recruitee alles ab, von der Nische bis zum Klassiker – und das auf Wunsch international. Eines der Highlights ist die Karriereseite. Diese erstellst du ganz einfach im Baukastensystem selbst. Dafür liefert dir der Anbieter unterschiedlichste Vorlagen für Bild-, Text- und Video-Elemente, die du nach deinem Geschmack anpassen kannst. Eine schönere Karriereseite gibt es aktuell nur von teuren Agenturen.
Noch mehr Individualität gibt es für deine Bewerbungsprozesse. Wir konnten problemlos eigene Bewerbungsformulare für unterschiedliche Positionen aufsetzen und dabei jeweils andere Bewerbungsfragen formulieren. So kannst du deine Talente hervorragend vorqualifizieren, von der Aushilfskraft bis zum Führungsnachwuchs. Das hat nicht nur gut geklappt, sondern konnte auch in Sachen Design überzeugen. Den Auswahlprozess gestaltest du so, wie es für dein Business geeignet ist. In den teureren Tarifen kannst du deine Prozesse zudem automatisieren. Dann spart dir Recruitee beispielsweise mit automatisch versendeten E-Mails noch mehr Zeit.
Unser Fazit: Recruitee ist ein Recruiting-Tool der Spitzenklasse, kostet aber kaum mehr als vergleichbare Tools. Ab dem Tarif „Launch“ für mindestens 199 Euro pro Monat profitierst du von den Basics, verzichtest allerdings auf Automatisierungen. Die gibt es erst mit dem „Scale“-Tarif ab 349 Euro monatlich.
Die 5 Highlights von Recruitee
- 2900 Multiposting-Kanäle sorgen für eine hohe Reichweite.
- KI-Textgenerator für deine Stellenanzeigen.
- Moderne und individuelle Karriereseite für dein Employer Branding.
- Individuelle Recruitingprozesse für jede Stelle in deinem Business.
- Automatisierungen sparen dir eine ganze Menge Zeit und E-Mail-Verkehr.
onlyfy one
Der Onlyfy-one-Bewerbungsmanager ist ein Produkt von XING. Dadurch ist es nur verständlich, dass die Software über ein starkes Active Sourcing im eigenen Talentpool verfügt. Das ist dem Anbieter aber gut gelungen. Bewerben sich die passenden Talente nicht bei dir, sprichst du sie im beruflichen Netzwerk einfach selbst an. Die Software schlägt dir automatisch passende Talente auf deine offene Stelle vor. Perfekt also, wenn du gern den aktiven Part übernimmst.
In Sachen Funktionsumfang kann onlyfy one mit dem Branchenprimus mithalten. Die Software verfügt zwar nicht über Specials wie den KI-Stellenanzeigen-Generator von Recruitee. Dafür kommt onlyfy mit zwei anpassbaren Vorlagen für deine Ausschreibungen, die du dir an deine Bedürfnisse anpassen kannst. Bist du mit dem Design fertig, verbreitest du deine Anzeigen auf etwa 30 kostenlosen Jobbörsen – perfekt für die Vergrößerung deines Start-ups. Mit mehr Budget schaltest du Social-Media-Anzeigen über zahlreiche Kanäle im Crossposting. Young Professionals, Praktikant*innen oder Trainees sprichst du über Reddit, Pinterest, YouTube oder sogar TikTok an. Wenn du für dein Business junge Mitstreiter*innen suchst, bist du bei onlyfy one richtig. Diese können sich sogar im Video-Format bewerben – perfekt für die Remote-Stellensuche.
Mit onlyfy one startest du zum Nulltarif (im Tarif „Go“). Damit lässt sich aber nicht viel anstellen, da der Tarif auf eine Stellenausschreibung pro Monat beschränkt ist. Multiposting fehlt hier auch. Sinnvoll arbeiten lässt sich mit onlyfy one erst ab den größeren Tarifen. Diese bewegen sich in einem ähnlichen Preisrahmen wie Recruitee. Mit mindestens 150 Euro monatlich solltest du für die Basics rechnen. Außer du willst alle Features, inklusive Active Sourcing und die bequeme One-Click-Bewerbung für deine Talente. Dann liegst du bei mindestens 317 Euro monatlich im Tarif „Ultimate“.
Die 5 Highlights von onlyfy one
- Active Sourcing via XING mit intelligenten Kontaktvorschlägen.
- Stellenanzeigen-Vorlagen sparen Zeit im Recruiting.
- 30 kostenlose Jobbörsen unterstützen dich bei der Talentsuche.
- Social-Media-Recruiting für deine digital affine Zielgruppe.
- Video-Recruiting für Interviews mit Remote Talents.
softgarden
Softgarden hat gleich zwei Lösungen für dich im Angebot: die hauseigene „Bewerbermanagement Software“ sowie die „Talent Acquisition Suite“. Letztere kann mit ihren Funktionen und Features locker mit Recruitee mithalten. Im Praxistest haben wir uns die günstigere Basis-Lösung angeschaut. Der Drittplatzierte liefert aber selbst in der Standardausführung alles, was es für ein modernes Recruiting braucht. Dazu gehören etwa ansprechende Stellenanzeigen, die du dank der Vorlagen in kürzester Zeit erstellst. Ebenfalls mit an Bord ist eine solide Karriereseite, mit der du dir sogar deinen eigenen Talentpool aufbauen kannst.
Neben den Basics liefert dir softgarden auch ein paar Specials. Uns hat vor allem das Angebot an Integrationen für moderne Bewerbungsarten überzeugt. Die kosten zwar extra, dafür bietest du deinen Talenten dann auch die Möglichkeit, sich per Sprachnachricht, SMS, WhatsApp oder mithilfe eines Chatbots zu bewerben. Optimal also, wenn du dein Start-up-Team um Young Professionals, Azubis oder Werkstudent*innen erweitern willst. Die ergänzende mobile App unterstützt dich dabei, auch von unterwegs aus passende Interviewtermine zu finden und die besten Köpfe gemeinsam im Team zu bewerten.
Je nachdem, für welche Version des Anbieters du dich entscheidest, zahlst du mindestens 145 Euro (Bewerbermanagement-Software) bzw. 399 Euro (Talent Acquisition Suite) pro Monat. Die Preise dienen dir hierbei nur als Richtwert, denn das Tool kommt mit so vielen Add-ons, Integrationen und zusätzlichen Modulen und Features, dass du dir dein eigenes Funktionspaket vom Anbieter schnüren lassen kannst.
Die 5 Highlights von softgarden
- Nützliche Add-ons, etwa für eine schönere Karriereseite oder Bewerberfeedback.
- Große Auswahl an Schnittstellen für deine individuelle Systemlandschaft.
- Mobile Recruiting dank der ergänzenden mobilen App.
- Moderne Bewerbungsarten per WhatsApp, Chatbot, SMS oder Spracheingabe.
- Kollaboratives Recruiting dank Terminkoordination, Team-Bewertung und mehr.
Personio
Personio ist eine interessante Alternative für dich, wenn du nicht nur Bewerber*innen, sondern gleich dein ganzes Personal mit nur einer Software verwalten willst. Bei dem Tool handelt es sich nämlich im Gegensatz zu unseren Top drei um eine Gesamtlösung, mit der du den ganzen Prozess vom Recruiting bis zum Offboarding abdeckst. Im Recruiting selbst bietet Personio zwar nur das Nötigste. Das ist dafür gut durchdacht und schont den Geldbeutel.
Das selbsternannte HR-Betriebssystem hat uns eher mit seinen smarten Automatisierungen über den gesamten Recruiting- und Personalmanagementprozess hinweg überzeugt. Zum Beispiel liest das Tool bis zu 25 Lebensläufe automatisch aus und erstellt für dich Bewerberprofile. Ist dir ein Talent besonders ins Auge gestochen, erstellst du einfach per Knopfdruck Arbeitsverträge aus den Bewerbungsdaten. Auch im Onboarding-Prozess musst du dank automatisch versendeter Mails und To-dos kaum noch einen Finger rühren.
Bei Personio treffen zeitsparende Automatisierungen auf ein intuitives Handling – und das zu einem sehr fairen Preis. Bereits ab 99 Euro pro Monat bekommst du die wichtigsten Funktionen für das Personalmanagement, musst aber für das Recruiting noch mindestens 49 Euro on top rechnen. Die Preise orientieren sich dabei unter anderem an deiner Unternehmensgröße und der Anzahl der Stellen, die du monatlich streuen willst. Wächst dein Business, wächst das Tool dank seines modularen Aufbaus und seiner gut skalierbaren Preise einfach mit.
Die 5 Highlights von Personio
- Automatisierungen sparen dir Zeit im Recruiting und in der Personalverwaltung.
- Anzeigenpakete für reichweitenstarkes Crossposting.
- Zeitmanagement und Urlaubsverwaltung bereits inklusive.
- Mit Talentmanagement Bewerber*innen langfristig halten.
- Verträge und andere Dokumente per Knopfdruck erstellen.
d.vinci
D.vinci ist ein Profi-Tool für Personaldienstleistungen bzw. -berater*innen – und alle, die es einmal werden wollen. Im Gegensatz zu den anderen Tools aus unserem Vergleich kannst du mit dieser leistungsstarken Recruiting-Software so viele Stellen veröffentlichen, wie du möchtest; und das für unbegrenzt viele Mandant*innen. So viele Jobbörsen und andere Kanäle wie mit Recruitee erreichst du hier zwar nicht (hier sind es „nur“ 500); dafür sind einige Nischenportale dabei. Dazu zählen Gründerszene, Absolventa, Remote.co und viele mehr.
Du arbeitest schon mit Jobportalen zusammen? Mit d.vinci ist das kein Problem. Die Verträge kannst du einfach im Tool hinterlegen, anschließend buchst du deine Kontingente zu den bestehenden Konditionen. Die detailverliebte Bewerberverwaltung ist uns im Praxistest besonders aufgefallen. Unsere fiktiven Bewerber*innen konnten sich beispielsweise bequem mit ihrem LinkedIn- oder XING-Profil bewerben und uns ein individuelles Feedback zum Bewerbungsprozess hinterlassen. Solche Extras kosten bei anderen Anbietern häufig mehr; hier sind sie inklusive.
Wo wir schon bei den Kosten sind: Das Tool kostet dich mindestens 257 Euro pro Monat bei 100 Angestellten. Zum Einstiegspreis kommen allerdings noch einmalige Onboarding-Kosten hinzu. Wie hoch diese ausfallen, wollte uns der Anbieter leider nicht verraten. Ein Blick darauf kann sich dennoch lohnen, das komplexe Tool sollte nämlich nur mit Unterstützung eingerichtet werden.
Die 5 Highlights von d.vinci
- Unbegrenzte Job-Postings.
- Nischenportale für ein zielsicheres Recruiting.
- Mandantenfähigkeit für deine Kund*innen.
- Moderne Prozesse sorgen für mehr Bewerbungen.
- Bewerber-Feedback für deine Recruiting-Optimierung.
Heyrecruit
Heyrecruit ist eine besonders einsteigerfreundliche Recruiting-Software. Der Funktionsumfang kann zwar (noch) nicht mit den Branchenriesen mithalten; dafür ist das Tool gerade für kleine Teams besonders günstig und unterstützt dich mit vorkonfigurierten Vorlagen und einem Standardprozess für alle offenen Stellen. Dieser orientiert sich an tradierten Best Practices und muss nicht erst für alle Jobs einzeln angepasst werden. Anders als bei Recruitee oder softgarden, ist das bei Heyrecruit auch nicht so einfach möglich.
Die Usability war für unsere Testredaktion besonders angenehm. Wir mussten kaum etwas einstellen und kannten uns (fast) sofort in jeder Ecke des Tools aus. Wenn du also noch nie ein Recruiting-Tool in der Hand hattest, können wir dir Heyrecruit für den Einstieg nur empfehlen. Nicht nur wegen seines guten Handlings ist das schicke Tool eine gute Wahl. Wir hätten unsere Stellenanzeigen auf über 2600 Premium-Jobbörsen verbreiten können – und das mit bis zu 78 Prozent Rabatt. Einen solchen Preisvorteil holt kein anderer Anbieter im Vergleich heraus. Komplett kostenfreies Multiposting ist mit Heyrecruit aber auch möglich. Die Software liefert dir 20 Stellenportale zum Nulltarif, auf denen du deine Anzeigen streuen kannst.
Das Tool kommt mit einem vergleichsweise sehr günstigen Einstiegspreis. Ab 80 Euro im Monat gehören dir alle Funktionen und Features, solange du höchstens fünf Stellenangebote pro Monat veröffentlichst. Wenn es mehr sein sollen, musst du auf das Premium-Angebot wechseln. Das gibt es ab 300 Euro pro Monat. Mit Heyrecruit kannst du nicht nur Personal für dich selbst, sondern auch für andere suchen. Grund dafür ist die mandantenfähige Lizenz des Anbieters. Hier steigst du mit 100 Euro im kleinsten Tarif „Professional“ ein und legst zwei Accounts für deine Mandant*innen an.
Die 5 Highlights von Heyrecruit
- Sehr günstige Preise für kleine Teams.
- Leichter Einstieg dank Beispielformulierungen und Vorlagen.
- Zahlreiche Nischenbörsen für treffsicheres Recruiting in deiner Sparte.
- Bis zu 78 Prozent Rabatt auf deine individuellen Stellenanzeigen.
- Mandantenfähige Lizenz für kleine Personalberatungen.
Die Autorin Diana Meier ist studierte Personalmanagerin und Redakteurin für HR-Themen bei trusted.de. Das Vergleichsportal für Business-Tools ist eines der führenden Informationsmedien zu B2B-Softwarevergleichen im deutschsprachigen Raum und versorgt seine User*innen laufend mit aktuellen Testberichten und Toolübersichten. Den vollständigen Erfahrungsbericht zum Thema Bewerbermanagement-Systeme weitere Infos findest du hier
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KI-Schockstarre oder Milliardenmarkt? Wie ein Düsseldorfer Spin-off den Tech-Giganten die Stirn bietet
Während Silicon-Valley-Start-ups mit unregulierten Algorithmen die Urheberrechte der Audio-Welt strapazieren, wittert ein Düsseldorfer Spin-off das ganz große B2B-Geschäft. Mit der Plattform „Sonica“ liefert das Start-up LYBS das erste Betriebssystem für skalierbaren und rechtssicheren Markensound. Wie ein Team aus erfahrenen Agentur-Veteranen den globalen Tech-Giganten die Stirn bieten will.
Die Kreativbranche durchlebt gerade eine Zerreißprobe. Auf der einen Seite versprechen generative KI-Modelle Audioproduktion auf Knopfdruck. Auf der anderen Seite wächst die Angst vor einer Welle an Urheberrechtsklagen. Genau in dieses Spannungsfeld – zwischen der viel zitierten „KI-Schockstarre“ und dem Wilden Westen unregulierter Algorithmen – stößt das von Hans Landwehr gegründete Start-up LYBS mit seiner Plattform Sonica.
Die Botschaft des erst seit Kurzem am Markt agierenden Start-ups ist selbstbewusst: Man habe das „erste Betriebssystem für skalierbaren, rechtssicheren Markensound“ erschaffen. Sonica verspricht, Voice-Artists die Kontrolle und Vergütung zurückzugeben und gleichzeitig das juristische Risiko für Corporate-Kund*innen zu eliminieren.
Doch wann genau fiel der Startschuss, den Tech-Riesen nicht einfach nur das Feld zu überlassen? Die Wurzeln der Plattform reichen deutlich tiefer als der aktuelle KI-Hype, erklärt Brand & Strategy Lead Vincent Raciti. Schon vor knapp zehn Jahren habe man gemeinsam mit Hochschulen eigene Machine-Learning-Technologien entwickelt. „Der eigentliche Auslöser kam dann mit den Fortschritten der generativen KI“, blickt Raciti zurück. Dabei sei dem Team schnell ein gravierendes Defizit am Markt aufgefallen: „Wir haben gemerkt, dass zwischen beeindruckenden Demos amerikanischer Foundation Models und einem Enterprise-tauglichen Workflow für Marken ein großer Unterschied liegt.“
Marken bräuchten konsistente Qualität, klare Rechteketten und eine sichere EU-Infrastruktur – eine Lücke, die LYBS schließlich gemeinsam mit seinem ersten Kunden Yello zu schließen begann. KI sei dabei kein Selbstzweck, versichert der Raciti: „Sie automatisiert aufwendige Produktionsschritte, während Markenidentität, Qualitätskontrolle und sichere Workflows im Mittelpunkt stehen.“
Vom Agentur-Geschäft zum skalierbaren SaaS-Produkt
Was LYBS von typischen Tech-Start-ups unterscheidet, ist die Entstehungsgeschichte. Hinter der Neugründung steckt kein unerfahrenes Team mit großen Ideen, sondern eines mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung. LYBS ist ein technologischer Spin-off der renommierten Düsseldorfer Agentur TRO GmbH. Founder Hans Landwehr ist bereits seit Oktober 1989 in der Geschäftsführung von TRO aktiv und kennt das Sound-Business wie kaum ein anderer.
Doch ein Spin-off ist kulturell wie finanziell oft ein Kraftakt. Wie trennt man das rasante Start-up-Wachstum vom klassischen Agenturgeschäft? „Technologie spielt bei uns schon seit vielen Jahren eine zentrale Rolle im Beratungsprozess“, ordnet Landwehr ein. Die Ausgründung sei daher der nächste logische Schritt gewesen. „Wir wollten ein eigenständiges Softwareunternehmen aufbauen, das unabhängig vom Agenturgeschäft wachsen kann – mit eigenen Strukturen, eigener Geschwindigkeit und voller Transparenz über die wirtschaftliche Entwicklung“, betont der Branchen-Veteran.
Bislang ist Sonica weitgehend aus eigener Kraft finanziert. Zum Start holte sich das Team drei vernetzte Business Angels aus der Medienbranche an Bord, um erste Entwicklungen zu beschleunigen. Die Gründer halten nach eigenen Angaben weiterhin 93 Prozent der Anteile – doch das soll nicht zwingend so bleiben: „Nach den Ergebnissen der ersten Monate führen wir bereits erste Gespräche über die nächste Wachstumsphase“, gibt sich Landwehr angriffslustig.
Das Ergebnis dieses Prozesses ist Sonica: Eine modulare Sound-Branding-Plattform. Anstatt Audio-Dateien und Lizenzen dezentral auf Servern oder in E-Mail-Postfächern zu verwalten, bündelt das System Soundlogos, adaptive Musikmodule und Voice-Anwendungen in einem vollwertigen Produktionsstudio. Das Ziel: Audio soll konsistenter, skalierbarer und schneller in länderübergreifende Kampagnen eingebunden werden.
Der Markt: Big Tech vs. Compliance
Der Markt wächst rasant, doch die großen Tech-Player haben oft das Prinzip „Move fast and break things“ auf das Copyright angewandt. Dies ruft zunehmend Regulatoren auf den Plan. Sonica positioniert sich hier bewusst als sicherer Hafen: Statt Stimmen unautorisiert abzugreifen, wahrt und vergütet das System die Rechte der Künstler*innen. Dass LYBS nach nur acht Wochen bereits Einladungen zu globalen Pitches erhält, unterstreicht den enormen Bedarf von Konzernen.
In diesen Pitches sitzt das Start-up quasi zwischen den Stühlen – auf der einen Seite Musikplattform-Riesen wie Artlist oder Songtradr, auf der anderen spezialisierte Sound-Agenturen. Was also ist das Killer-Argument der Düsseldorfer? „Der entscheidende Unterschied liegt aus unserer Sicht im Zielbild“, analysiert Landwehr. „Geht es darum, bestehende Dienstleistungen digital zu ergänzen – oder Unternehmen eine Infrastruktur an die Hand zu geben, mit der sie ihre Brand-Sound-Prozesse langfristig selbst steuern können?“ LYBS habe sich bewusst für Letzteres entschieden.
Man wolle das klassische Agenturgeschäft dabei keinesfalls kannibalisieren, schiebt Vincent Raciti hinterher. Vielmehr verstehe man sich als unabhängige Partner-Plattform. „Die kreative Entwicklung einer starken Sound-Identität wird auch in Zukunft bei Agenturen, Komponistinnen und Sound-Expert*innen liegen“, verspricht Raciti. Sonica solle diese Arbeit nicht ersetzen, sondern dafür sorgen, „dass sie weltweit konsistent im Unternehmen ankommt“.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
Trotz der fundierten Positionierung muss die Lösung kritisch hinterfragt werden: Die PR-Aussage, Sonica spare bis zu 5.000 Euro Produktionsbudget pro Tag und Marke, ist ein massiver Marketing-Anker. Für globale Kampagnen mögen diese Summen plausibel sein, für den Mittelstand wirken sie gigantisch.
Auf diese steile These angesprochen, erwidert Raciti: „Richtig, die Zahl bezieht sich auf komplexe, internationale Produktionssituationen und nicht auf jeden Kunden oder jeden Tag.“ In einem typischen internationalen Rollout würden sich Studiozeiten, Sprecher*innenbuchungen und aufwendige Freigabeschleifen jedoch schnell zu Tausenden Euros addieren. Der Brand & Strategy Lead rechnet vor: Bei einem aktuellen Kunden-Onboarding habe man einen sich täglich wiederholenden Prozess für 14 Märkte auf rund eine Stunde inklusive Freigabe eingedampft. Ob sich diese massive Ersparnis tatsächlich quer durch alle Branchen – von der Werbung bis zur Straßenbahnansage – halten lässt, bleibt vorerst abzuwarten. Das Start-up kündigt an, bis Jahresende belastbarere Zahlen liefern zu wollen.
Zudem drängt sich die Frage nach der technologischen Tiefe auf: Baut Sonica wirklich eigene Modelle oder ist die Plattform im Kern nur eine smarte, branchenspezifische Benutzeroberfläche über bestehenden Basismodellen?
„Ich glaube, die wichtigste Frage ist nicht mehr, wer das nächste Foundation Model baut“, kontert Raciti. Diese Entwicklung werde ohnehin von wenigen globalen Playern dominiert. „Unsere Wertschöpfung liegt deshalb in der Orchestrierung.“ Man kombiniere unterschiedliche KI-Modelle mit eigener Technologie, etwa für Emotionserkennung, und verbinde sie mit striktem Rechte- und Freigabemanagement. „Genau dort entstehen für Unternehmen die eigentlichen Herausforderungen“, stellt er klar.
Und was passiert, wenn Google, Meta & Co. das Copyright-Problem irgendwann einfach selbst lösen? „Das wäre aus unserer Sicht sogar eine gute Entwicklung“, überrascht Hans Landwehr. Die Mission von LYBS sei es ohnehin, Sound Branding für deutlich mehr Unternehmen zugänglich zu machen. Die eigentliche Infrastruktur zur Steuerung dieser Prozesse bräuchten die Konzerne künftig trotzdem – völlig unabhängig davon, wie ethisch sauber die zugrundeliegenden KI-Modelle arbeiten.
Unsere Einordnung
Der Fall LYBS zeigt eindrucksvoll: Die größte Wertschöpfung im B2B-Bereich entsteht oft an der Schnittstelle zwischen neuen Technologien und alten, hochkomplexen Branchenproblemen. Die lange Expertise der Gründer ist dabei ein massiver Wettbewerbsvorteil. Ob LYBS sich langfristig gegen die Budgets der großen Player wehren kann, wird sich zeigen. Der extrem fokussierte Nischen-Start ist jedoch ein Meisterkurs in B2B-Positionierung.
Für die kommenden Monate stehen die Zeichen auf Expansion. Um die eigene Lösung nicht nur Konzernen, sondern auch dem Mittelstand und Creator Brands schmackhaft zu machen, braucht es allerdings frisches Kapital. „Wir bereiten aktuell unsere nächste Finanzierungsrunde vor“, verrät Landwehr. Mit dem Geld sollen vor allem das KI- und Produkt-Team ausgebaut sowie das Partnernetzwerk international erweitert werden. Das ultimative Ziel für das nächste Jahr formuliert Landwehr klar: Man wolle beweisen, „dass Sound Branding mit der richtigen Infrastruktur dauerhaft und effizient im Unternehmen betrieben werden kann.“
Start-up-Steckbrief: LYBS / Sonica
- Gründer: Hans Landwehr
- Ursprung: Spin-off aus dem Umfeld der TRO GmbH (gegründet 1989)
- Kernprodukt: Sonica – Plattform und Betriebssystem für skalierbaren, rechtssicheren Markensound
- USP: 100 % rechtssichere Audio-Assets, faire Vergütungsmodelle für Voice Artists, Bündelung aller Audio-Assets, jahrzehntelange Branchenexpertise
Sheap: Wie Roman Wolf (15) den Prospekt-Dschungel digitalisiert
Zwischen Hausaufgaben und Coden am Küchentisch: Der 15-jährige Roman Wolf aus dem fränkischen Donnersdorf hat mit Sheap eine KI-gestützte App gebaut, die Supermarkt-Angebote automatisch in Rezepte verwandelt.
Wer beim Wocheneinkauf sparen möchte, kennt das Ritual: Das analoge Durchblättern bunter Supermarktprospekte, das manuelle Vergleichen von Preisen und die mühsame Frage, welche Mahlzeiten sich aus den reduzierten Produkten sinnvoll kombinieren lassen. In Zeiten spürbarer Inflation und hoher Lebensmittelpreise ist das für viele längst finanzielle Notwendigkeit. Für Roman Wolf war dieses Alltagsproblem der Startschuss für sein erstes eigenes Tech-Unternehmen.
Als eines von sechs Kindern wuchs der Schüler in einem Haushalt auf, in dem der Wocheneinkauf logistisch und finanziell ins Gewicht fiel. „Bei uns zuhause war Einkaufen immer ein großes Thema“, erinnert sich Wolf. Dabei fiel ihm ein grundlegendes Problem auf: „Angebote und Rezepte sind eigentlich immer getrennt. Entweder schaust du, was gerade günstig ist, oder du suchst ein Rezept.“ Beides manuell zusammenzubringen, kostete viel Zeit und Nerven. „Das muss doch einfacher gehen“, schoss es dem Jugendlichen durch den Kopf. So wurde Sheap geboren.
Unter diesem Namen hat der 15-Jährige eine App entwickelt, die wöchentlich die aktuellen Angebote von über neun Supermarktketten – darunter Aldi, Lidl, Rewe und Kaufland – aggregiert. Der Clou: Die App generiert aus den Angebotsdaten wöchentlich über 270 fertige Rezepte. „Klassische Rezept-Apps starten meistens beim Rezept. Angebotsportale starten beim Preis. Sheap verbindet beides“, bringt es der Gründer auf den Punkt.
Vom analogen Schmerz zur App in Rekordzeit
Bemerkenswert ist das konsequente Lean-Startup-Vorgehen. In gerade einmal vier Monaten zog Wolf das Projekt von der Idee bis zur Veröffentlichung durch. Dabei ist er kein bloßer Ideengeber, der eine Agentur beauftragt hat. Seine ersten Programmiererfahrungen sammelte er bereits mit elf Jahren beim Bau kleiner Spiele. Für Sheap brachte er sich das nötige Wissen durch Online-Kurse und Ausprobieren kurzerhand selbst wieder bei.
„Ja, das hat auf jeden Fall einiges an Nerven gekostet!“, gibt der Schüler unumwunden zu. Gleichzeitig verweist er auf technologische Schützenhilfe: „Heute gibt es mit KI unglaublich viele Möglichkeiten, die Entwicklung von Software effizienter zu machen. Da konnte ich mir auch die ein oder andere Stunde sparen.“
Die Update-Historie in den App-Stores belegt seine technische Disziplin. Fast wöchentlich spielt er Verbesserungen aus, integriert etwa Gamification-Elemente wie ein Spar-Dashboard, das den Nutzer*innen ihre finanzielle Ersparnis aufzeigt.
Accelerator-Weihen und der Kampf mit der Bürokratie
Dass es sich bei Sheap um ein ernstzunehmendes Produkt handelt, zeigen knapp 2.000 Nutzer*innen sowie die Finalteilnahme am FLIGHT Accelerator der Startbahn27 in Schweinfurt. Doch wer als 15-Jähriger gründet, stößt rechtlich schnell an harte Grenzen. Vertreten wird das Start-up daher pragmatisch durch die familiäre „Wolfs Vermietungs GbR“.
Seine Eltern hätten ihn von Anfang an unterstützt, betont der Gründer. Einen großen Pitch am Küchentisch brauchte es nicht. „Die Lösung mit der GbR war keine lange Diskussion, sondern vor allem eine praktische Möglichkeit, um die rechtlichen Voraussetzungen in der Anfangsphase zu erfüllen“, erklärt Wolf. Dennoch ist er sich bewusst, dass mit dem Wachstum auch die Verantwortung wächst. „Deshalb ist eine Umwandlung in eine UG bereits in Planung“, so der Jungunternehmer.
B2C-Haifischbecken und offene Daten-Fragen
Trotz des rasanten Starts bewegt sich das Modell in einem schwierigen Markt: Nutzer*innen sind kostenlose Rezept-Apps gewöhnt. Die Frage, woher die Echtzeit-Daten der Supermärkte stammen – ob über offizielle Schnittstellen oder mühsames Web-Scraping –, ließ der Gründer unbeantwortet. Bezüglich der Serverkosten gibt er sich jedoch transparent: „Aktuell tragen ich und meine Eltern die laufenden Kosten.“ Diese seien noch überschaubar, doch der Schüler gibt die Marschroute klar vor: „Sicherlich ist es mein Ziel, in den nächsten Monaten ins Plus zu ziehen.“
Ein lukrativer Ausweg aus der Monetarisierungsfalle ist der Schritt in den B2B-Bereich. Wolf führt bereits erste Gespräche mit Supermärkten und großen Einzelhandelsgruppen. Wer vermutet, gestandene Kaufleute würden einen 15-Jährigen belächeln, irrt. „Ich hatte erwartet, dass ich mich vielleicht drei- bis viermal öfter durchsetzen muss, aber das Gegenteil ist der Fall“, so Wolf. „Es sind immer Gespräche auf Augenhöhe.“
Der Burggraben gegen die Branchenriesen
Dennoch bleibt die Konkurrenz durch Riesen wie KaufDA oder Rewe ein Thema. Was passiert, wenn die Großen das Modell in ihre eigenen Apps einbauen? „Das ist die Frage, die mich noch am unsichersten macht“, räumt er ehrlich ein. Die großen Player hätten Budgets und Teams, die er nie einholen könne. Sein eigener Burggraben sei die extreme Agilität: „Wenn jemand mir heute Feedback schreibt, kann ich übermorgen ein Update rausspielen. Kein Meeting, kein Freigabeprozess, keine Quartalsstrategie.“
Langfristig, so betont der Gründer, suche er ohnehin nicht die Konfrontation. „Ich will gar kein Gegner der großen Ketten sein, ich will ihr Partner werden.“ Wenn Sheap dem Supermarkt helfe, rabattierte Waren cleverer zu vermarkten, ändere sich die Dynamik: „Dann bin ich nicht mehr der Außenseiter, den sie fürchten müssen, sondern jemand, mit dem sie bauen wollen. Auf diesen Moment arbeite ich hin.“
Fazit: Machen statt Planen
Roman Wolf und Sheap sind ein Paradebeispiel dafür, wie zugänglich App-Entwicklung geworden ist. Auch wenn die Skalierung im FoodTech-Markt eine massive Hürde bleibt: Wer mit 15 Jahren ein Produkt baut, in Accelerator-Finals steht und auf Augenhöhe mit dem Einzelhandel verhandelt, dem stehen alle Türen offen. Wie Wolf selbst kürzlich riet: „Fangt früher an, als ihr euch bereit fühlt. Holt euch echtes Feedback. Und gebt nicht zu schnell auf.“
Nomado24: Wie zwei Studenten mit KI den Remote-Arbeitsmarkt aufräumen wollen
Jobbörsen sind voller „Remote“-Jobs – doch oft verbirgt sich im Kleingedruckten die Präsenzpflicht. Das Ludwigshafener Start-up Nomado24 nutzt Sprachmodelle, um Stellenanzeigen zu filtern. Eine smarte Idee für eine spitze Zielgruppe. Aber reicht das für ein tragfähiges Geschäftsmodell?
Der Frust ist vielen Bewerber*innen und digitalen Nomad*innen nur allzu gut bekannt: Man filtert auf etablierten Job-Portalen nach „Remote“ oder „Homeoffice“, nur um dann im Textfeld über Klauseln wie „zwei Tage pro Woche am Standort“ zu stolpern. Große Plattformen filtern meist nur nach Stichworten, was für Unübersichtlichkeit sorgt. Genau hier setzt Nomado24 an. Das junge HR-Tech-Start-up aus Ludwigshafen will den Markt mit einem KI-Sprachmodell (LLM) sauberer vermessen, indem es den Kontext jeder Anzeige liest und verifiziert, ob der Job zu 100 Prozent ortsunabhängig ausgeübt werden kann.
Doch wer braucht so eine spezialisierte Plattform überhaupt? Schließlich finden sich viele echte Remote-Jobs im IT-Sektor, wo Fachkräfte sich ihre Stellen ohnehin aussuchen können. „Der Einwand stimmt“, räumt Mitgründer Anton Petuchow unumwunden ein. „Senior-Entwicklerinnen und -Entwickler bekommen drei Recruiter-Nachrichten pro Woche, die brauchen uns nicht, und sie sind ausdrücklich nicht unser Fokus.“ Nomado24 zielt stattdessen auf die andere Hälfte des Remote-Marktes ab: Berufe im Kund*innenservice, Vertriebsinnendienst, Marketing oder der Buchhaltung sowie Menschen, die einen Nebenjob von zu Hause suchen. Hier gebe es echte ortsunabhängige Stellen, aber die Kandidat*innen müssten selbst suchen. „Für sie ist eine Plattform, die aussortiert statt aufzublähen, ein spürbarer Unterschied“, betont Petuchow. Der geografische Fokus liege dabei klar auf dem deutschsprachigen Raum, da der globale englischsprachige Markt bereits gut versorgt sei.
Die Nomado24-Datenanalyse im Fokus
Wie dringend dieser KI-Filter nötig ist, zeigt ein Blick auf die Daten: Ein interner Audit des Start-ups von Ende Juli 2026 offenbart die Schwächen des aktuellen Marktes. Von 2.459 als „remote“ ausgewiesenen Stellen fielen 14,5 Prozent durch das KI-Raster, da sie de facto nicht komplett ortsunabhängig waren. Zudem nennt nur jede vierzigste Anzeige ein konkretes Gehalt – trotz der längst abgelaufenen Frist zur EU-Entgelttransparenzrichtlinie.
Für digitale Nomad*innen lauert jedoch oft ein weiterer Knackpunkt: „100 % Remote“ bedeutet in der Praxis häufig „100 % Homeoffice innerhalb Deutschlands“, da Arbeitgeber*innen bei dauerhafter Arbeit aus dem EU-Ausland schnell steuerliche Fallstricke drohen. Prüft die KI also auch das Arbeitsrecht? „Wir prüfen mehr, als der reine Remote-Haken hergibt, aber wir ziehen eine bewusste Grenze“, erklärt Petuchow. Der KI-Klassifikator lese zwar geografische Einschränkungen aus, eine verbindliche Einzelfallprüfung zu Betriebsstättenrisiken oder Sozialversicherungsfragen biete man jedoch bewusst nicht an. „Das wäre automatisierte Rechtsberatung“, so der Gründer. Gerade der Beschäftigungskontext sei laut EU-KI-Verordnung hochriskant. „Ein System, das verbindliche steuer- und arbeitsrechtliche Auskünfte zu konkreten Arbeitsverhältnissen erteilt, bringt einen Pflichtenkatalog mit, den wir als zweiköpfiges Team heute nicht seriös stemmen können“, stellt er klar. Stattdessen mache man die ohnehin entspannten Freizügigkeitsregeln innerhalb der EU sichtbar und verweise bei komplexen Einzelfällen auf Expert*innen.
Die Gründer: Aus dem Hörsaal auf den Markt
Hinter Nomado24 stehen keine langjährigen HR-Veteranen, sondern Anton Petuchow und Lars Schreiner. Die zündende Idee brachte Schreiner, der an der HWG Ludwigshafen Sustainable Management studiert, aus seiner Zeit als Surflehrer mit: Mangels lokaler Alternativen mussten viele seiner Kollegen außerhalb der Saison unterqualifizierte Jobs annehmen. Bei Nomado24 verantwortet er heute Vertrieb und Marketing, während WHU-Absolvent Petuchow nach Stationen bei BASF und Allianz die Bereiche Strategie und Produkt leitet.
Der Weg aus dem studentischen Umfeld zur offiziell gegründeten UG (haftungsbeschränkt) war jedoch zäh. „Die größte Hürde war nicht die Gründung selbst, sondern das Drumherum“, blickt Petuchow auf Themen wie Steuernummern, Datenschutz und AGBs zurück. „Für zwei Studenten ohne Vorerfahrung sind das Wochen, in denen kein einziges Produktfeature entsteht. Rückblickend war es trotzdem richtig, das früh sauber zu machen.“ Finanziert ist das Start-up, das im TechnologieZentrum Ludwigshafen (TZL) sitzt und Ende Mai 2026 live ging, bislang komplett gebootstrappt und durch Fördermittel (StartInRLP) sowie Azure-Credits von Microsoft. Business Angels sollen erst in einer kommenden Finanzierungsrunde an Bord geholt werden.
Geschäftsmodell und Markt: Ein kritischer Blick
Nomado24 bietet neben der Jobvermittlung auch eine „Pro“-Funktion für Bewerber*innen sowie mittelfristig die Vermittlung von Coworking-Spaces an. Droht dem kleinen Team hier nicht ein klassischer „Feature Creep“, bei dem man sich verzettelt? Petuchow nimmt die Kritik gelassen auf: „Die Jobbörse ist das Produkt. Alles andere muss aus derselben Datenbasis fallen und darf keine eigene Roadmap verlangen.“ Die geplante Coworking-Suche sei der beste Beleg für diese Disziplin, da man keine Ressourcen in den Aufbau eigenen Inventars stecke, sondern auf eine Partnerschaft mit einem Weltmarktführer setze. Dennoch gibt er selbstkritisch zu: „Ja, wir haben in der Anfangsphase mehr gebaut, als für den Fokus gut war, und haben deshalb inzwischen Dinge bewusst zurückgestellt.“
Um im Haifischbecken der großen Jobbörsen wie Stepstone oder Indeed zu bestehen, nutzt das Start-up Automatisierung, um schnell eine kritische Masse an Stellen zu bieten. Den Vorwurf des unerlaubten „Scrapings“ von Fremdportalen lässt die Geschäftsführung jedoch nicht gelten. Hier wird Petuchow deutlich: „Der Begriff Scraping beschreibt unsere Arbeitsweise falsch. Wir lesen keine Fremdportale aus. Indeed, Stepstone oder LinkedIn fassen wir nicht an.“ Stattdessen beziehe man die aktuell rund 2.400 Anzeigen aus offiziellen Schnittstellen der Arbeitsagentur, von Partnerschnittstellen, aus Bewerbermanagementsystemen oder direkt von Arbeitgeber*innen. „Wir entziehen niemandem Traffic, wir schicken welchen“, wehrt er rechtliche Bedenken ab.
Auch die befürchteten Serverkosten für das ständige KI-Screening seien extrem überschaubar. „Eine Anzeige wird einmal gelesen und danach beliebig oft ausgeliefert, ohne dass noch einmal ein Modell anspringt“, erklärt der Gründer. Dank des Microsoft-Förderprogramms verbrenne man aktuell ohnehin kein Geld für die Infrastruktur.
Bleibt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie überzeugt man zahlende Unternehmenskunden, wenn die Reichweite noch im Aufbau ist? „Unsere Antwort auf das Henne-Ei-Problem heißt nicht Vertrieb, sondern Google“, verrät Petuchow die SEO-Strategie. Durch strukturiert ausgezeichnete Anzeigen bei „Google for Jobs“ und gezielte Suchseiten baue man organisch Reichweite auf. Die Klicks verdreißigfachten sich zuletzt nahezu – ganz ohne Werbebudget. Petuchows Maxime: „Erst Nutzerzahlen aufbauen, dann monetarisieren. Und wenn wir mit Arbeitgebern über bezahlte Inserate sprechen, dann mit belegbarer Reichweite statt mit Versprechen.“
Einordnung und Fazit
Nomado24 bedient zweifellos einen echten Pain Point und punktet mit seinem transparenten Ansatz, unpassende Jobs knallhart auszusortieren. Das große Risiko: Die Technologie hinter LLMs wird rasant zugänglicher. Große Player könnten die Kernfunktion mit ihren massiven Entwicklungs-Ressourcen theoretisch schnell kopieren.
Wo liegt also der Burggraben? „Ehrlich gesagt: Einen unkopierbaren Burggraben haben wir nicht, und ich würde jedem Gründer misstrauen, der bei einem Sprachmodell-Feature einen behauptet“, kontert der WHU-Absolvent selbstbewusst. Die Branchengiganten würden einen so strengen Filter jedoch kaum ausrollen wollen, da deren Geschäftsmodell auf Reichweite und Anzeigenvolumen basiere. Ein Filter, der rigoros 14 Prozent der Anzeigen als „Fake-Remote“ aussortiert, würde dort zahlende Kund*innen verprellen. „So etwas baut niemand konsequent gegen das eigene Geschäftsmodell“, ist Petuchow überzeugt. „Für die Großen wäre derselbe Filter ein Umsatzproblem, für uns ist er das Produktversprechen.“
Ein klassischer David-gegen-Goliath-Pitch mit einer cleveren Nischenstrategie. Für die Zukunft hat sich das Team bis Mitte 2027 vier klare Meilensteine gesetzt: Organische Reichweite aufbauen, eine belastbare Konversionsrate für das Pro-Modell erzielen, das Angebot an echten Remote-Stellen im deutschsprachigen Raum ausbauen und die Coworking-Partnerschaft live bringen. Erst danach sei der B2B-Verkauf an Arbeitgeber*innen der logische Schritt. Anton Petuchow schließt mit einem klaren Versprechen an sich selbst: „Wenn diese vier bis Mitte 2027 nicht stehen, schulden wir uns selbst eine ehrliche Antwort darauf, warum nicht.“
„Reichweite ist nicht Wachstum“: Warum Ex-Zalando-Managerin Dr. Saskia Appelhoff heute auf Community-Building setzt
Bei Zalando baute sie laute Massenmarken auf, mit MeNotPause eine Community im Tabu-Markt. Im Interview erklärt Dr. Saskia Appelhoff, warum sie die Corporate-Welt hinter sich ließ und wieso ein treues Netzwerk mächtiger ist als eingekaufte Klicks.
Viele Gründer*innen träumen von der großen Reichweite und dem schnellen Hype. Dr. Saskia Appelhoff weiß, wie das geht: Als Head of Strategic Marketing bei Zalando prägte sie einst die legendäre „Schrei vor Glück“-Kampagne und war später CMO beim FinTech Raisin. Doch mit ihrem eigenen Start-up MeNotPause, einer Plattform für Frauen in den Wechseljahren, wählt sie bewusst einen anderen Weg. Statt Millionenbudgets in reines Performance-Marketing zu pumpen, baut sie in einem oft ignorierten, von Tabus behafteten Markt auf Community und tiefes Vertrauen. Inzwischen erreicht sie damit eine Gemeinschaft von über 40.000 Frauen. Im StartingUp-Interview erklärt Saskia, warum sie die Corporate-Welt hinter sich ließ, wieso ein treues Netzwerk mächtiger ist als eingekaufte Klicks und welche Fehler Start-ups beim Community-Building machen.
Das Interview
Sprung in die Ungewissheit
StartingUp: Saskia, nach Top-Positionen bei Zalando und Raisin: Was war dein Auslöser, die Corporate-Komfortzone zu verlassen und mit MeNotPause das volle Gründerrisiko einzugehen?
Dr. Saskia Appelhoff: Eigentlich zieht sich das durch meine ganze Karriere: Ich wollte immer dort sein, wo etwas gerade entsteht. Bei Zalando war ich Mitarbeiterin Nummer 70, bei Raisin Founding CMO – da war „wenig corporate“. Ich habe in beiden Unternehmen erlebt, welche besondere Dynamik entsteht, wenn noch nicht alles festgelegt ist und man selbst sehr viel steuern, entscheiden und beeinflussen kann. Und genau das hat mich immer gereizt: nicht nur eine bestehende Struktur zu verwalten, sondern etwas mit aufzubauen, das wachsen und sich verändern darf. Deshalb war der Schritt in die eigene Gründung für mich weniger ein radikaler Bruch mit der Corporate-Welt als vielmehr der logische nächste Schritt. Mit MeNotPause kam dann ein Thema hinzu, das mich auch persönlich und gesellschaftlich stark beschäftigt hat. Mehr als 9 Millionen Frauen sind aktuell in den Wechseljahren, sind aber häufig schlecht informiert, fühlen sich mit ihren Symptomen nicht ernst genommen oder wissen gar nicht, was gerade mit ihnen passiert. Ich hatte das Gefühl: Hier kann ich meine Erfahrung aus Markenaufbau, Marketing und Wachstum für etwas einsetzen, das nicht nur wirtschaftliches Potenzial hat, sondern wirklich etwas verändert. Natürlich ist es noch einmal etwas anderes, wenn man selbst das volle Risiko trägt. Aber genau darin liegt auch die Freiheit: Wir können die Marke, die Community und das Angebot so aufbauen, wie wir es für richtig halten – nah an den Frauen und mit sehr direktem Feedback. Diese Gestaltungsmöglichkeit war für mich der entscheidende Antrieb.
Zalando vs. Tabu-Markt
StartingUp: Von lauten Zalando-Massenkampagnen zu einem tabuisierten Thema: Wie sehr musstest du dein Marketing-Playbook für den Aufbau von MeNotPause als sensible, vertrauensbasierte Plattform umschreiben?
Dr. Saskia Appelhoff: Die Grundprinzipien guter Markenführung sind gleich geblieben: Man muss die Zielgruppe wirklich verstehen, relevant sein und eine klare Haltung haben. Aber die Art, wie wir Vertrauen aufbauen, ist bei MeNotPause eine völlig andere. Bei einer großen Lifestyle-Marke kann Lautstärke sehr wirkungsvoll sein. Bei einem sensiblen Gesundheitsthema reicht Aufmerksamkeit allein jedoch nicht. Menschen müssen sich sicher, verstanden und respektiert fühlen. Eine Frau, die nachts nicht schläft, plötzlich starke Stimmungsschwankungen erlebt oder sich in ihrem eigenen Körper nicht mehr wiedererkennt, braucht keine perfekte Werbebotschaft. Sie braucht zunächst das Gefühl: Ich bilde mir das nicht ein. Ich bin nicht allein. Und es gibt Möglichkeiten, etwas zu verändern. Deshalb beginnt unser Marketing nicht mit dem Produkt, sondern mit Zuhören. Wir lesen Kommentare und Nachrichten, sprechen mit Frauen, arbeiten eng mit Expertinnen und Experten zusammen und greifen die Fragen auf, die viele Betroffene nicht einmal ihrer Ärztin oder ihrem Partner stellen. Ich habe gelernt, dass eine starke Marke nicht immer diejenige ist, die am lautesten spricht. Gerade in einem Tabumarkt ist es häufig diejenige, die am besten zuhört und die richtigen Worte für etwas findet, das die Zielgruppe bisher selbst kaum benennen konnte.
Die Reichweiten-Falle
StartingUp: Du sagst, Start-ups verwechseln oft Reichweite mit Wachstum. Woran erkennst du das, und ab wann wird der reine Fokus auf „Vanity Metrics“ gefährlich?
Dr. Saskia Appelhoff: Reichweite zeigt zunächst nur, dass etwas gesehen wurde. Sie sagt ja noch nicht, ob Menschen einer Marke vertrauen, wiederkommen, sie weiterempfehlen oder bereit sind, für ihr Angebot zu bezahlen. Die Verwechslung beginnt häufig dann, wenn Gründerinnen und Gründer ihre Entscheidungen vor allem nach Followerzahlen, Views oder kurzfristigen Peaks ausrichten. Ein viraler Beitrag kann sich großartig anfühlen. Wenn danach aber niemand den Newsletter abonniert, ein Angebot nutzt oder dauerhaft Teil der Community wird, war es Aufmerksamkeit, aber noch kein Wachstum. Gefährlich wird es, wenn das Unternehmen beginnt, für den Algorithmus statt für die Kundinnen und Kunden zu arbeiten. Dann wird immer mehr Content produziert, Kampagnen werden immer lauter und Budgets steigen, ohne dass klar ist, welche Beziehung daraus eigentlich entsteht. Für mich sind deshalb andere Fragen entscheidend: Kommen Menschen zurück? Sprechen sie mit uns? Empfehlen sie uns weiter? Verstehen wir besser, was sie brauchen? Und entsteht aus dieser Beziehung irgendwann eine tragfähige wirtschaftliche Verbindung? Reichweite kann der Anfang von Wachstum sein. Aber sie ist nicht das Ziel. Echte Markenstärke zeigt sich nicht darin, wie viele Menschen einmal hingeschaut haben, sondern darin, wie viele bleiben.
Community statt Kampagne
StartingUp: Hinter dem Buzzword „Community“ steckt oft nur ein Instagram-Account. Was ist für dich der strategische Unterschied zwischen einem reinen Marketing-Kanal und einer echten, wachstumstreibenden Community wie dem MeNotPause Circle?
Dr. Saskia Appelhoff: Ein Marketing-Kanal funktioniert überwiegend in eine Richtung: Eine Marke sendet, die Zielgruppe empfängt. Eine Community lebt dagegen davon, dass Beziehungen in viele Richtungen entstehen: zwischen der Marke und den Mitgliedern, aber vor allem auch zwischen den Mitgliedern selbst. Eine echte Community erkennt man für mich daran, dass Menschen nicht nur wegen des Contents kommen, sondern wegen des Gefühls, Teil von etwas zu sein. Sie stellen Fragen, teilen Erfahrungen, helfen einander und bringen Themen ein, die wir als Unternehmen vielleicht noch gar nicht auf dem Radar hatten. Gerade bei den Wechseljahren ist dieser Austausch enorm wichtig. Viele Frauen haben jahrelang gedacht, sie seien mit ihren Beschwerden allein. Wenn dann eine andere Frau sagt: „Das kenne ich auch“, verändert das sehr viel. Es nimmt Scham, schafft Orientierung und gibt häufig den Anstoß, sich Unterstützung zu holen. Strategisch ist eine Community außerdem ein extrem wertvoller Resonanzraum. Wir entwickeln nicht im luftleeren Raum, sondern erhalten laufend Rückmeldung: Welche Fragen sind ungelöst? Welche Formate helfen wirklich? Wo braucht es mehr medizinische Einordnung, wo mehr Alltagstauglichkeit? Aber man darf Community nicht als kostenlosen Vertriebskanal missverstehen. Wer nur dann mit Menschen spricht, wenn er etwas verkaufen möchte, baut keine Community auf. Vertrauen entsteht durch Kontinuität, Ehrlichkeit und echten Mehrwert. Monetarisierung kann daraus entstehen, sie darf aber nicht der einzige Grund für die Beziehung sein.
Die ersten echten Fans
StartingUp: Vertrauen wächst langsam. Wie hast du ohne großes Budget die Anfangsphase überbrückt, um das Community-„Flywheel“ in Gang zu setzen und erste „True Fans“ zu gewinnen?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir haben am Anfang versucht, möglichst relevant zu sein. Bevor wir viele Angebote entwickelt haben, haben wir zugehört und gefragt. Qualitativ und quantitativ. Unter anderem haben wir eine Befragung mit rund 700 Frauen durchgeführt. Dazu kamen persönliche Gespräche, Nachrichten, Kommentare und Interviews mit Expertinnen und Experten. Wir wollten verstehen, welche Fragen Frauen tatsächlich beschäftigen. Unsere ersten loyalen Community-Mitglieder haben wir daher durch einen der viele kleinen Vertrauensmomente gewonnen: eine verständliche Erklärung, eine ehrliche Antwort auf eine Nachricht, ein Inhalt, bei dem eine Frau dachte: Endlich spricht es jemand aus. Gerade in der Anfangsphase war ich selbst sehr sichtbar und nahbar. Ich habe auf Kommentare reagiert, Fragen beantwortet und auch offen gesagt, wenn wir auf etwas noch keine Antwort hatten. Diese Nähe lässt sich später natürlich nicht vollständig skalieren, aber sie prägt die Kultur einer Community. Das Flywheel beginnt aus meiner Sicht nicht mit Reichweite, sondern mit Relevanz. Wenn die ersten Menschen wirklich überzeugt sind, werden sie zu Multiplikatorinnen. Sie teilen Beiträge, erzählen Freundinnen davon und bringen neue Menschen mit. Dieses Wachstum ist langsamer als eingekaufte Reichweite, aber oft wesentlich stabiler.
Marketing für Tabus
StartingUp: Wie bereits erwähnt: Die Wechseljahre sind oft noch ein Tabu. Wie vermarktest du ein Produkt, wenn die betroffene Zielgruppe die offene Auseinandersetzung oder den Suchbegriff anfangs meidet?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir starten häufig nicht mit dem Begriff „Wechseljahre“, sondern mit der konkreten Lebensrealität der Frauen. Viele suchen nicht nach „Perimenopause“, sondern nach Schlafproblemen, Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen, Schwindel, Stimmungsschwankungen, Erschöpfung oder Libidoverlust. Manche gehen jahrelang von Facharzt zu Facharzt, ohne dass jemand die Symptome zusammendenkt. Deshalb müssen wir dort ansetzen, wo die Frau gerade steht und nicht dort, wo wir sie gern hätten. Wir benennen das Symptom, schaffen einen Wiedererkennungsmoment und ordnen dann ein, dass Hormone eine mögliche Rolle spielen können. Ohne Panik zu machen, ohne Ferndiagnosen und ohne zu behaupten, es gebe eine Lösung für alle. Wichtig ist auch die Tonalität. Gesundheitsthemen werden häufig entweder sehr klinisch oder sehr problemorientiert kommuniziert. Wir wollen medizinisch fundiert sein, aber trotzdem so sprechen, wie Frauen tatsächlich miteinander sprechen. Dazu gehören Empathie und Ernsthaftigkeit, aber auch Humor. Denn Tabus verschwinden nicht nur durch Fakten. Sie verschwinden auch, wenn Menschen merken, dass sie offen darüber sprechen dürfen.
Die Nischen-Illusion
StartingUp: „Female Founders“-Produkte oder Tabuthemen gelten bei Investor*innen oft als „Nische“. Wie überzeugst du Skeptiker*innen, dass in diesen unterschätzten Märkten hochskalierbare Geschäftsmodelle liegen?
Dr. Saskia Appelhoff: Ich finde es bemerkenswert, wie schnell ein Markt als Nische bezeichnet wird, sobald er vor allem Frauen betrifft. Bei den Wechseljahren sprechen wir nicht über ein seltenes Phänomen, sondern über eine Lebensphase, welche die Hälfte der Bevölkerung betrifft. Jede einzelne Frau geht durch die Wechseljahre. Das Problem ist also nicht, dass der Markt klein ist, sondern dass er lange nicht richtig betrachtet wurde. Unterschätzte Märkte bieten häufig besonders große Chancen, weil die Bedürfnisse real sind, die bestehenden Lösungen aber noch nicht ausreichen. Wenn man es schafft, früh Vertrauen aufbauen und die Zielgruppe wirklich zu verstehen, dann kann man eine sehr starke Position entwickeln. Gleichzeitig reicht gesellschaftliche Relevanz allein natürlich nicht für ein tragfähiges Geschäftsmodell. Auch ein Impact-Unternehmen muss zeigen, welches konkrete Problem es löst, wer dafür bezahlt, wie häufig das Angebot genutzt wird und wie skalierbar die Lösung ist. Diese wirtschaftliche Klarheit ist wichtig, auch gegenüber uns selbst. Die Wechseljahre sind ein großer Markt, Millionen Frauen sind betroffen – und viele ihrer Bedürfnisse werden bis heute nicht gut bedient. Genau darin liegt die Chance: ein relevantes Problem wirklich zu lösen und daraus ein tragfähiges Unternehmen aufzubauen. Dass wir damit gleichzeitig das Leben vieler Frauen verbessern, ist für mich kein netter Nebeneffekt, sondern ein klarer Vorteil.
Das größte Fuck-up
StartingUp: Rückblickend auf die ersten zwei Jahre: Welchen strategischen Fehler hast du gemacht, vor dem du unsere Leser*innen unbedingt bewahren möchtest?
Dr. Saskia Appelhoff: Wir haben zu früh zu viele Dinge gleichzeitig entwickelt. Wenn man nah an einer Community arbeitet, hört man jeden Tag neue Wünsche: ein Kurs zu Schlaf, ein Webinar zu Hormonen, ein Austauschformat, ein Guide, ein Event. Und weil alle diese Bedürfnisse berechtigt sind, ist die Versuchung groß, für jedes einzelne sofort ein Angebot zu bauen. Das bedeutet sehr schnell, viel Komplexität. Ich würde heute früher und konsequenter fragen: Welches eine Problem lösen wir besonders gut? Welches Angebot hat für die Kundin einen klaren, wiederkehrenden Wert? Und was ist unser Fokus für die nächsten 3 bis 6 Monate. Mein Rat wäre deshalb: Baut früh Nähe auf, aber verliert euch nicht in jedem Wunsch. Hört genau hin und entscheidet dann sehr klar, was ihr nicht macht. Fokus ist gerade in einer frühen Phase eine Überlebensstrategie.
StartingUp: Saskia Appelhoff, danke für die spannenden Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Der Kampf um die Fahrer*innenkabine: Warum TIMOCOM das Start-up Aparkado schluckt
Das Kölner LogTech-Start-up Aparkado, Entwickler der LKW.APP, gehört seit dem 1. August 2026 vollständig zum FreightTech-Giganten TIMOCOM. Ein echter Vorzeige-Exit für die Gründer Roland Moussavi und Philipp Henn. Doch wie nachhaltig ist ein Geschäftsmodell in einem Markt, in dem das Kernproblem – physischer Platzmangel – mit reiner Software kaum lösbar ist? Eine Einordnung.
Rückblick ins Jahr 2020: Die Gründer Roland Moussavi und Philipp Henn treten an, um ein massives Infrastrukturproblem der Transportbranche zu lindern. Allein in Deutschland fehlen jede Nacht bis zu 30.000 Lkw-Stellplätze. Die Folgen sind übermüdete Fahrer*innen, gefährlich zugeparkte Autobahnausfahrten und ineffiziente Lieferketten.
Mit der Aparkado UG und der zugehörigen LKW.APP entwickelten sie ein System, das durch prädiktive Modelle und historische Geodaten die Auslastung von Parkplätzen prognostizieren soll. Die Anfangsphase war von den typischen Hürden geprägt: Investoren und Banken reagierten zunächst zurückhaltend, und auch die Zielgruppe der Berufskraftfahrer*innen musste erst schrittweise überzeugt werden.
Der Durchbruch gelang über Etappen: Das Start-up erhielt Förderung durch die Europäische Weltraumorganisation (ESA), wurde 2022 als überregionaler „Startup-Champ“ ausgezeichnet und baute seine Anwendung konsequent zu einer paneuropäischen Community-Plattform aus. Heute verzeichnet die LKW.APP nach Unternehmensangaben mehr als 85.000 aktive Nutzer in 44 Ländern und erfasst über 50.000 Parkplätze.
Der Deal: Konsequenter Schritt nach strategischem Investment
Bereits im Januar 2025 sicherte sich der in Erkrath ansässige FreightTech-Anbieter TIMOCOM eine strategische Beteiligung an Aparkado. Die Synergien lagen auf der Hand: TIMOCOM betreibt ein europaweites Logistiknetzwerk mit über 58.000 geprüften Unternehmen, besaß jedoch historisch wenig direkten Zugang zum/zur Endanwender*in in der Fahrer*innenkabine. Durch die schrittweise Verzahnung – unter anderem der Live-Sendungsverfolgung von TIMOCOM in der LKW.APP – testeten beide Partner die operative Zusammenarbeit.
Der Vollzug der Übernahme zum 1. August 2026 markiert nun den finalen Schritt. Während die LKW.APP für die Nutzer*innen unverändert bestehen bleibt, sichert sich TIMOCOM die mobile Entwicklungskompetenz und den direkten Zugang zur Fahrer-Community dauerhaft.
„Unser Ziel ist es, den TIMOCOM Road Freight Marketplace kontinuierlich entlang der Anforderungen des Transportalltags weiterzuentwickeln. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Aparkado hat gezeigt, wie gut sich unsere Kompetenzen ergänzen. Mit der vollständigen Übernahme bündeln wir diese Expertise dauerhaft unter einem Dach und schaffen die Grundlage, mobile Innovationen und digitale Services für unsere Kunden konsequent weiterzuentwickeln“, so Tim Thiermann, Managing Partner bei TIMOCOM.
Markt & Wettbewerb
Der Markt für digitale Parkplatz- und Navigationslösungen im Güterverkehr gilt als hochkompetitiv und stark fragmentiert. Aparkado bewegte sich bisher im Umfeld etablierter Akteure wie Bosch Secure Truck Parking, KRAVAG Truck Parking oder dem niederländischen Anbieter Travis Road Services.
Während Wettbewerber*innen wie Bosch oder Travis primär auf B2B-Modelle setzen – also auf physisch gesicherte, reservierbare Stellplätze für Speditionen –, wählte Aparkado von Beginn an den B2C-Ansatz über die Fahrer*innenschaft. Dass diese Ansätze zunehmend verschmelzen, zeigte sich in der jüngeren Unternehmensentwicklung, in der Aparkado auch Buchungsfunktionen für gesicherte Partner-Parkplätze in die App integrierte.
Kritische Hinterfragung des Geschäftsmodells
Trotz des erfolgreichen Exits offenbart der Case die strukturellen Grenzen reiner Softwarelösungen im Logistiksektor. Denn: Eine App baut keinen Beton. Das fundamentale Problem des physischen Stellplatzmangels lässt sich digital nicht auflösen; Algorithmen können vorhandene Kapazitäten lediglich effizienter verteilen.
Zudem gilt die direkte Monetarisierung von Fahrer*innen (B2C) in der Branche als extrem schwierig, da die Zahlungsbereitschaft für digitale Zusatzdienste bei der Endzielgruppe gering ist. Das eigentliche Kapital von Aparkado lag folglich nie allein in der Parkplatzsuche, sondern in der aggregierten Aufmerksamkeit und den Daten einer hochspezifischen Community.
Das strategische Meisterstück der Gründer bestand darin, eine B2C-Anwendung als Türöffner für den B2B-Markt einzusetzen. Wer die Schnittstelle zum/zur Fahrer*in besetzt, kontrolliert einen entscheidenden Informationsknotenpunkt auf der letzten Meile.
Was Gründer*innen aus dem Exit lernen können
Der Verkauf von Aparkado an TIMOCOM bietet wertvolle Lehren für Gründer*innen im B2B- und Plattform-Bereich. Viele LogTech-Start-ups scheitern an den langwierigen Vertriebswegen und den komplexen Entscheidungsstrukturen etablierter Speditionen. Moussavi und Henn umgingen diesen Engpass, indem sie das unterdigitalisierteste, aber operativ kritischste Element der Lieferkette adressierten: den/die Fahrer*in selbst.
„Seit fünf Jahren begleiten wir mit der LKW.APP Berufskraftfahrer europaweit im Alltag, beginnend rund um das Thema Parken. Gemeinsam mit TIMOCOM entwickeln wir diesen Ansatz künftig weiter. Für uns ist das der Aufbruch in eine neue Phase“, so Roland Moussavi, Gründer von Aparkado.
Für TIMOCOM handelt es sich bei dem Zukauf nicht um ein Investment in Parkplatzdaten, sondern um einen strategischen Buy-out von mobiler Nutzer*innenreichweite und Software-Infrastruktur. Um sich gegenüber digitalen Plattformen und neuen Marktteilnehmer*innen zu behaupten, wird die direkte Schnittstelle ins Fahrzeug immer mehr zum Wettbewerbsvorteil.
Der Fall zeigt: Der maximale Exit-Wert eines Start-ups bemisst sich oft nicht an der ursprünglichen Einzelfunktion eines Produkts, sondern an der strategischen Relevanz des aufgebauten Netzwerks für einen etablierten Branchenplayer.
Satelliten-Blackout als Geschäftsmodell: Kann QOODA den Milliardenmarkt der Quantennavigation erobern?
Ein Münchner DeepTech-Start-up hat den Münchener Businessplan Wettbewerb 2026 gewonnen. Die Vision von QOODA ist so ehrgeizig wie technisch komplex: Satellitenfreie Navigation durch hochauflösende Magnetfeldkartierung mittels Quantensensorik. Doch wie realistisch ist das Geschäftsmodell in einem kapitalintensiven Markt, in dem bereits globale Akteure wetteifern? Eine Einordnung.
In einer zunehmend volatilen Weltlage werden kritische Infrastrukturen zur Zielscheibe. Das sogenannte Spoofing und „amming – also die Manipulation oder Störung von globalen Satellitennavigationssystemen (GNSS) wie GPS oder Galileo – betrifft längst nicht mehr nur militärische Drohnen. Zivile Luftfahrt, autonome Systeme und die Logistik stehen vor massiven Herausforderungen. Branchenexperten schätzen die täglichen wirtschaftlichen Schäden durch GPS-Ausfälle auf bis zu eine Milliarde US-Dollar.
Genau in diese Lücke stößt QOODA. Das Start-up entwickelt quantenbasierte Lösungen, die eine präzise Navigation ohne Satellitensignal ermöglichen. Das Zauberwort lautet Magnetic Anomaly Navigation (MagANav). Die Idee: Das Magnetfeld der Erde gleicht einem einzigartigen Fingerabdruck. QOODA nutzt extrem empfindliche Quantensensoren, um selbst kleinste Anomalien im Magnetfeld zu messen. Diese Daten werden anschließend mit weiteren Sensordaten fusioniert und mithilfe Künstlicher Intelligenz – genauer gesagt Physics-Informed Neural Networks – zu präzisen Magnetfeldkarten verarbeitet. Das Ergebnis ist eine ausfallsichere, alternative Referenz für die Lokalisierung in sicherheitskritischen Bereichen.
„Mit unserer quantensensorbasierten Technologie gestalten wir GPS-freie Navigation neu.“ – Dr. Björn Pötter, Geschäftsführer von QOODA
Gründerteam und Historie
Hinter der technologischen Vision steht ein Schwergewicht an akademischer und industrieller Expertise. Die QOODA GmbH wurde im Jahr 2025 in München gegründet. Das fünfköpfige Gründerteam bringt das notwendige Rüstzeug aus Quantenphysik, Informatik und Industrieerfahrung mit: Neben CEO Dr. Björn Pötter stehen Dr. Inés de Vega, Dr. Peter Eder (COO), Dr. Sadegh Ebrahimi (CTO) und Ahmad Nikmanesh an der Spitze des Unternehmens.
Ihre gemeinsame Mission beschreiben sie als die Modernisierung der sogenannten „OODA-Schleife“ (Observe, Orient, Decide, Act) – einem Konzept aus der Militärstrategie, das durch Quantentechnologie und KI in diversen Anwendungsdomänen schnellere und intelligentere Entscheidungen ermöglichen soll.
Die Hard Facts zu QOODA
- Gründung: 2025 (HRB 305706, Amtsgericht München)
- Stammkapital: 25.000 Euro
- Technologie: Quantensensorik, Sensorfusion, KI-gestützte Magnetfeldkartierung (MagANav)
- Zielmärkte: Luftfahrt, autonome Systeme, Robotik, UXO-Detektion
- Auszeichnungen: 1. Platz beim Münchener Businessplan Wettbewerb 2026 (BayStartUP)
Der Markt: Mehr als nur Navigation
Die Anwendungsfälle für QOODAs Technologie gehen weit über die klassische Luftfahrt hinaus. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den praktischen Nutzen ihrer DeepTech-Entwicklung ist die Kampfmittelräumung (UXO – Unexploded Ordnance) in Krisengebieten wie der Ukraine. In Zusammenarbeit mit der Dropla Tech ApS nutzt QOODA die Tatsache, dass Quantensensoren eine bis zu tausendfach höhere Sensitivität als klassische Methoden aufweisen, um Minen und Blindgänger zuverlässiger zu detektieren.
Darüber hinaus streckt das Start-up seine Fühler in Richtung Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung) aus. Mit quantenmagnetischer und THz-Bildgebung sollen beispielsweise nichtleitende Bauteile von Flugzeugen (wie Radome) präzise auf Defekte inspiziert werden. Diese Diversifikation des Portfolios ist strategisch klug, um unterschiedliche Einnahmequellen in B2B-Märkten zu erschließen.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
Wer Hardware, insbesondere Quanten-Hardware, entwickelt, steht unweigerlich vor dem "Tal des Todes" – der extrem kapital- und zeitintensiven Phase zwischen Prototyp und Serienfertigung. Ein kritischer Blick auf das Geschäftsmodell von QOODA offenbart jedoch einen pragmatischen Ansatz zur Risikominimierung.
Das Start-up positioniert sich explizit in den Technology Readiness Levels (TRL) 4 bis 6. Hier liegt der Fokus auf dem Aufbau von Intellectual Property (IP), der Entwicklung wiederverwendbarer Module und Prototyping. Für die teure Industrialisierungsphase (TRL 7-9) – also Zertifizierung, Härtung der Systeme und Skalierung für den Massenmarkt – sucht QOODA den Schulterschluss mit etablierten Industriepartnern.
Um die frühen Phasen der Unternehmensentwicklung zu finanzieren, betreibt das Team zudem Consulting. Die Identifikation von Use-Cases, Strategieberatung für Unternehmen im Quanten-Bereich sowie die Bereitstellung ihrer Entwicklungsplattform „ODIN“ sollen offenbar den Cashflow ankurbeln, während das Kernprodukt reift. Diese Strategie reduziert zwar das anfängliche Kapitalrisiko, macht QOODA auf lange Sicht jedoch stark abhängig vom Wohlwollen und der Geschwindigkeit seiner industriellen Partner.
„Der Münchener Businessplan Wettbewerb bietet uns die passende Plattform, um Technologie und Marktpotenzial sichtbar zu machen“, erklärt Dr. Pötter. Nun geht es darum, das Wachstum strukturiert vorzubereiten und genau diese strategischen Partnerschaften gezielt auszubauen.
Wettbewerb: Ein globales Wettrüsten
QOODA bewegt sich in einem Markt, in dem keine Gefangenen gemacht werden. Die Idee der Navigation mittels magnetischer Anomalien wird derzeit weltweit vorangetrieben. Das australische Start-up Q-CTRL hat mit seinem System "Ironstone Opal" bereits reale Demonstrationen absolviert und behauptet, traditionelle Trägheitsnavigationssysteme (INS) um ein Vielfaches an Genauigkeit zu übertreffen. Auch Giganten der Branche, wie Maxar Intelligence mit ihrer kamerabasierten Software "Raptor", entwickeln alternative Lösungen für GPS-freie Umgebungen.
Die Konkurrenz ist massiv finanziert und operiert international (z.B. Q-CTRL mit Büros unter anderem in Sydney, Los Angeles und Berlin). Für ein junges Münchner Startup bedeutet das: Die Uhr tickt. Der Sieg beim BayStartUP-Wettbewerb ist ein erstklassiger Meilenstein, muss nun aber zügig in hochvolumige Finanzierungsrunden umgemünzt werden.
Einordnung und Fazit
QOODA ist ein Paradebeispiel für den modernen DeepTech-Ansatz "Made in Germany". Das Team kombiniert herausragende akademische Exzellenz mit einem erstaunlich pragmatischen Markteintritt. Anstatt den Versuch zu wagen, mit 25.000 Euro Startkapital eine eigene Hardware-Fabrik aus dem Boden zu stampfen, fokussieren sich die Münchner auf den USP: die Algorithmen, die Sensorfusion und die Modulentwicklung (TRL 4-6). Das begleitende Consulting-Geschäft liefert zudem wichtige Bodenhaftung und frühe Kund*innenkontakte.
Die Technologie adressiert ein brennendes, globales Problem: die Verletzlichkeit von GPS-Systemen. Wenn es QOODA gelingt, die Industrialisierungspartnerschaften (TRL 7-9) erfolgreich abzuschließen, steht dem Start-up ein Multi-Milliarden-Markt offen. Das größte Risiko bleibt jedoch das Timing und das Kapital. Die internationale Konkurrenz, insbesondere aus dem angloamerikanischen und australischen Raum, ist mit prall gefüllten Kriegskassen bereits im Feldtest. Für QOODA gilt es nun, den Schub des Businessplan-Siegs zu nutzen, um die europäische technologische Souveränität in diesem Sektor entscheidend mitzugestalten.
TenderWalls: Bootstrapping im Tapeten-Dschungel
Der E-Commerce für Interior und Wandgestaltung wächst, doch oft lassen Onlineshops ihre Kundschaft mit einer schier endlosen Auswahl allein. Genau hier setzt das 2025 in Köln gegründete Start-up TenderWalls an. Mit einem kuratierten Ansatz, schlankem Geschäftsmodell und viel Branchenerfahrung will das Unternehmen den E-Commerce für Premium-Tapeten und langlebige Wandgestaltung persönlicher machen. Doch wie robust ist das Modell in einem stark umkämpften Markt? Eine Analyse.
Hinter TenderWalls stehen die Gründerin Valentina Vindermudt und Co-Founder Max Danin. Valentina Vindermudt hat in ihren rund zwölf Jahren Laufbahn in den Bereichen E-Commerce, Einkauf, Content und Kundenservice viel gesehen. Doch statt eines plötzlichen Aha-Erlebnisses war es eine schleichende Unzufriedenheit, die 2025 zur Gründung führte.
„Es gab weniger den einen dramatischen Schlüsselmoment als eine wiederkehrende Frustration“, erinnert sich die Gründerin. Die Kundschaft finde online zwar immer mehr Tapeten, werde bei der eigentlichen Entscheidung aber oft alleingelassen. „Irgendwann war klar: Im Markt fehlt nicht noch mehr Auswahl, sondern bessere Orientierung“, bringt sie das Problem auf den Punkt.
Gemeinsam mit Max Danin entschied sie sich für den komplett eigenständigen Aufbau – aus Überzeugung. „Das war für uns der glaubwürdigste Weg, diese Haltung ohne die Logik eines möglichst großen Sortiments umzusetzen“, betont Vindermudt.
Die Lösung des Duos: Eine bewusst kuratierte Alternative, die auf ausgewählte europäische Hersteller*innen setzt. Doch was macht eine Tapete überhaupt zum Premium-Produkt? Für die Gründerin greifen die üblichen Kriterien hier zu kurz. „Premium definieren wir nicht über Preis oder Markenbekanntheit“, stellt sie klar. Vielmehr zählten gestalterische Eigenständigkeit, Langlebigkeit sowie die Präzision von Druck und Farbgebung. Das Team prüfe Muster und Materialien konsequent physisch. „Wir nehmen nur Kollektionen auf, die unseren gestalterischen Anspruch erfüllen und eine langfristig überzeugende Raumwirkung ermöglichen“, so Vindermudt weiter.
Kuratiert und ohne eigenes Lager
TenderWalls ist ein klassisches Beispiel für ressourcenschonendes Unternehmertum. Der Start erfolgte schlank mit rund 20.000 Euro Eigenkapital und einem Gründungsdarlehen. In der werbeintensiven E-Commerce-Welt schmilzt ein solches Budget oft rasant dahin. Auf die Frage nach dem aktuellen Runway winkt Max Danin jedoch ab.
„TenderWalls wurde von Beginn an schlank und kapitaldiszipliniert aufgebaut“, erklärt der Co-Founder. Das laufende Geschäft trage in der heutigen Struktur bereits die wiederkehrenden betrieblichen Aufwendungen, weshalb das Team den Runway nicht als feste Anzahl verbleibender Monate betrachte. Die teuersten Posten beim Markenaufbau seien bisher der Onlineshop, das Sortiment und die dazugehörigen Mustermaterialien gewesen. Danin gibt sich zuversichtlich: „Den weiteren Aufbau können wir derzeit aus eigener Kraft und ohne kurzfristigen externen Finanzierungsdruck fortsetzen.“
Um totes Kapital in den Regalen zu vermeiden, setzt das Start-up komplett auf Direktversand und verzichtet auf ein Überbestandslager. Ein logischer Schritt, der jedoch die Gefahr eines Kontrollverlusts bei der Customer Experience birgt. Danin wehrt sich gegen diese Annahme: „Direktversand bedeutet für uns nicht, die Customer Experience an den Hersteller abzugeben. Wir haben den einzelnen Versandvorgang zwar nicht physisch in der Hand, übernehmen aber weiterhin die Verantwortung für den gesamten Kundenprozess.“ Eine absolute Transportkontrolle könne ohnehin kein(e) Händler*in garantieren. Es gehe vielmehr darum, Qualitätsanforderungen zu definieren, Abweichungen früh zu erkennen und im Problemfall schnell zu handeln. „Genau darin sehen wir unsere Verantwortung als Premiumanbieter“, resümiert er.
Der Kampf gegen Retouren – und um die Conversion
Ein weiterer potenzieller Flaschenhals ist der kostenpflichtige Musterservice, der Retouren zwar minimiert, Erstkäufer*innen aber abschrecken könnte. Auf die Frage nach der Abbruchquote bleibt Valentina Vindermudt transparent, aber zahlenmäßig vage: Für eine statistisch belastbare Abbruchquote sei die Datenbasis noch zu jung, künstliche Sicherheit wolle man durch geschätzte Kennzahlen nicht vermitteln.
Den Ansatz verteidigt sie indes vehement: „Den Musterservice verstehen wir nicht als zusätzliche Hürde, sondern als Teil der Beratung.“ Da sich Farbe, Struktur und Maßstab am Bildschirm nur begrenzt beurteilen ließen, können Kund*innen das Design für zwei Euro im eigenen Licht prüfen. Der niedrige Preis fungiere bewusst als Schutzgebühr. „Sie soll dazu anregen, Muster gezielt für die engere Auswahl zu bestellen, statt unbedacht große Mengen anzufordern“, erklärt die Gründerin.
Als nächsten technologischen Hebel plant das Team eine „Digital Style Engine“, die persönliche Vorlieben und die Raumsituation in Produktempfehlungen übersetzt. Ein komplexes Projekt, das oftmals Entwicklungs-Millionen verschlingt. Danin bremst allzu frühe VC-Fantasien aus: „Wir entwickeln die Digital Style Engine bewusst modular. Eine erste funktionsfähige Version ist mit unserem Bootstrapping-Ansatz realisierbar; dafür sind wir nicht auf Risikokapital angewiesen.“ Externes Geld schließe man für spätere Stufen zwar nicht aus, es sei aber kein Selbstzweck. „Es käme erst dann infrage, wenn es einen bereits validierten Ansatz schneller skalieren kann“, stellt er klar.
Vom reinen Handel zur eigenen Wertschöpfung: TenderWalls Studios
Parallel zur technologischen Weiterentwicklung bereitet das Team mit TenderWalls Studios bereits die nächste Erweiterung des Geschäftsmodells vor. Die technische Grundlage ist aufgebaut, derzeit laufen die Tests. Geplant ist eine Design-, Individualisierungs- und Fertigungslinie für Wandbilder und besondere Wandlösungen, die exakt auf Raum und Wandmaß der Kundschaft abgestimmt werden. Der Marktstart soll nach Abschluss der Testphase schrittweise erfolgen. Perspektivisch ergänzt TenderWalls damit die reine Kuration und Beratung um individuell konfigurierte Lösungen und holt sich so zusätzliche eigene Wertschöpfung ins Haus.
Kritisch hinterfragt
Ein Blick auf die Marktstruktur und das gewählte Geschäftsmodell offenbart sowohl clevere Ansätze als auch spürbare Hürden.
Der Wettbewerb in der Hochburg Köln
Der E-Commerce-Markt für Tapeten ist dicht besiedelt und stark umkämpft. Interessanterweise ist ausgerechnet Köln eine absolute Hochburg für diesen Nischenmarkt. Etablierte Player*innen wie Livingwalls, das Tapetenstudio oder die seit über 20 Jahren bestehende TapetenAgentur operieren ebenfalls aus der Rheinmetropole. Diese Konkurrent*innen bieten nicht nur gigantische Sortimente und eigene Musterservices an, sondern punkten teils auch mit physischen Showrooms vor Ort. TenderWalls muss sich gegen diese Platzhirsche zwingend über eine sehr spitze, ästhetisch anspruchsvolle Kuration und eine exzellente User Experience abheben, um nicht in der Masse unterzugehen.
Stärken und Schwächen des Modells im Überblick
- Kapitaleffizienz vs. Kontrollverlust: Der Verzicht auf ein eigenes Lager macht TenderWalls extrem agil und senkt die Fixkosten. Das Unternehmen begibt sich jedoch in eine starke Abhängigkeit von Hersteller*innen bezüglich des Bestandsmanagements.
- Retourenprävention vs. Conversion-Hürde: Der kostenpflichtige Musterservice minimiert Retouren bei sperrigen Gütern, fordert von der Kundschaft aber mehr Vorleistung und Geduld, was den spontanen Online-Kauf hemmt.
- Die Digital Style Engine als Hebel: Gelingt es, die haptische und visuelle Beratungskompetenz in einen intuitiven Algorithmus zu übersetzen, hätte TenderWalls ein starkes Alleinstellungsmerkmal gegenüber den herkömmlichen Filter-Funktionen der Konkurrenz.
Learnings für Gründer*innen und Start-ups
Das Start-up TenderWalls bedient klassische Narrative, die für unsere Leser*innen hochrelevant sind:
- Gründung aus Branchenexpertise: Das Beispiel zeigt, wie tiefgreifendes Wissen aus über einem Jahrzehnt Berufserfahrung genutzt werden kann, um Marktlücken – wie die mangelnde Orientierung der Kund*innen – zu identifizieren und unternehmerisch zu lösen.
- Bootstrapped E-Commerce: TenderWalls demonstriert eindrucksvoll, dass ein Einstieg in den Handel auch mit einem überschaubaren Startbudget von 20.000 Euro und Darlehen machbar ist, sofern man auf schlanke Strukturen (Direct Shipping) setzt.
- Markenaufbau im traditionellen Markt: Die Case Study verdeutlicht die ständige Herausforderung, ein stark haptisches, visuelles Produkt rein digital als Premium-Marke zu etablieren und gegen etablierte Vollsortimenter anzutreten.
Im Labor erdacht, am Markt erstickt? Die Wahrheit über Deutschlands akademische Start-ups
Ein Fünftel aller Gründungen in Deutschland stammt aus dem Hochschulumfeld. Der neue Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2025/26 feiert eine seltene Erfolgsgeschichte der Geschlechtergerechtigkeit. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein System, das stark am Tropf des Staates hängt und bei der Umsetzung stockt. Eine kritische Einordnung.
Die Zahlen klingen im ersten Moment wie Balsam auf die Seele des oft kritisierten Wirtschaftsstandorts Deutschland. Laut dem jüngst veröffentlichten Global Entrepreneurship Monitor (GEM) Länderbericht 2025/26 weist rund ein Fünftel aller Gründungen hierzulande einen akademischen Hintergrund auf. Hochschulen und Forschungseinrichtungen erweisen sich damit als essenzielle Keimzellen für Innovationen.
Ein seltener Sieg für die Diversität
Der wohl erfreulichste Befund der Studie: Der sonst so eklatante Gendergap der Start-up-Szene schmilzt im wissenschaftlichen Umfeld auf ein Minimum zusammen. Während in anderen Branchen Gründerinnen oft marginalisiert sind, ist das Verhältnis bei den akademischen Ausgründungen nahezu ausgeglichen: 2,9 Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen in der Gesamtbevölkerung waren in den vergangenen dreieinhalb Jahren in diesem Bereich aktiv. Ein Unterschied von marginalen 0,6 Prozentpunkten.
Mehr noch: Die akademischen Gründerinnen zeigen einen beeindruckenden Vorwärtsdrang. Drei Viertel von ihnen (75 Prozent) planen in den nächsten zwei Jahren Patentanmeldungen – deutlich mehr als ihre männlichen Pendants (60 Prozent). Sie nutzen Gründungsberatungen intensiver (93,5 Prozent gegenüber 66,7 Prozent bei Männern) und schöpfen staatliche Förderprogramme konsequenter aus (51,6 Prozent gegenüber 40 Prozent). Diese Professionalisierung auf weiblicher Seite ist ein starkes Signal und beweist, dass gezielte Unterstützung an den Lehrstühlen wirkt.
GEM 2025/26 in Zahlen:
- 21 Prozent der Gründer und 23 Prozent der Gründerinnen haben einen akademischen Hintergrund.
- 64,9 Prozent der akademischen Vorhaben stecken noch in der Vorbereitungsphase.
- Mehr als 75 Prozent betrachten staatliche Förderprogramme als entscheidend für ihre Gründung.
Die Illusion der Vorbereitungsphase
Wer jedoch die Sektkorken über das enorme „Gründungspotenzial“ an Hochschulen knallen lässt, sollte die Methodik des GEM kritisch hinterfragen. Ein zentraler Schwachpunkt der gefeierten Statistik: Knapp zwei Drittel (64,9 Prozent) der erfassten akademischen „Gründungen“ befinden sich noch in der sogenannten Vorbereitungsphase. Lediglich gut ein Drittel (35 Prozent) hat den Sprung in die tatsächliche Unternehmensexistenz bereits vollzogen.
Hier zeigt sich die klassische Lücke zwischen akademischer Absichtserklärung und marktwirtschaftlicher Realität. Der GEM misst über Befragungen in erster Linie Gründungsintentionen. Wie viele dieser Vorhaben am Ende nicht über den Status eines interessanten Forschungsprojekts hinauskommen, weil Anschlussfinanzierungen fehlen oder das Geschäftsmodell dem Praxistest nicht standhält, bleibt unbeleuchtet. Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland bei der tatsächlichen Skalierung weiterhin hinterher – oft blockiert die Angst vor dem Scheitern den letzten mutigen Schritt.
Am Tropf des Staates
Dies führt zum wohl kritischsten Befund der Studie: der massiven Abhängigkeit von staatlichen Geldern. Mehr als drei Viertel der befragten Ausgründerinnen und Ausgründer bezeichnen staatliche Förderprogramme – wie etwa das exist-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) – als „entscheidend“. Das spricht einerseits für die Qualität und Notwendigkeit solcher Initiativen. Andererseits offenbart es ein strukturelles Defizit des deutschen Risikokapitalmarktes.
Wenn über 75 Prozent der hochgradig innovativen, patentgetriebenen Start-ups ohne staatliches Geld nicht gründen würden, stellt sich die Frage: Warum greift privates Kapital im Early-Stage-Bereich nicht stärker? Die Gefahr einer Subventionsökonomie, in der Start-ups primär darauf optimiert werden, den nächsten Fördertopf zu knacken, anstatt auf echte Marktreife und Kundenakquise, darf bei diesen Zahlen nicht ausgeblendet werden.
Fazit: Vom Labor auf den Markt
Der GEM-Länderbericht Deutschland 2025/26 – erstellt vom RKW Kompetenzzentrum und dem Thünen-Institut – liefert eine überaus ermutigende Erkenntnis: Beim Abbau des Gendergaps funktioniert das universitäre Ökosystem hervorragend. Akademische Gründungen sind als tragende Säule des Innovationssystems nicht wegzudenken.
Doch die Studie ist zugleich ein Appell. Damit akademische Vorhaben nicht in endlosen Vorbereitungsphasen verharren, bedarf es dringend der geforderten Reduktion administrativer Hürden und schneller Transferprozesse. Für die Start-up-Szene bedeutet das: Das Inkubator-Umfeld Hochschule leistet glänzende Vorarbeit. Doch damit aus einer Uni-Idee ein marktfähiges Unternehmen wird, muss privates Kapital mutiger werden – und die Gründer*innen müssen lernen, sich vom rettenden Tropf des Staates rechtzeitig abzunabeln.
Zwischen Hype und Haltung: Kann Joony’s mit Caro Daur die Lücke im Getränkeregal schließen?
Ein neues Hamburger Start-up will mit Natural Soda den deutschen Getränkemarkt aufmischen. Prominente Unterstützung kommt von der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur. Doch reicht ein cleveres Buzzword und Influencer-Reichweite, um im hart umkämpften FMCG-Segment zu bestehen? Eine kritische Einordnung.
Das im Juni 2026 in Hamburg gegründete Start-up Joony’s tritt an, um den deutschen Getränkemarkt mit einer völlig neuen Kategorie namens Natural Soda zu erobern. Hinter der Marke stehen die beiden Gründer Josa Rödiger, ehemaliger Director of Sales DACH bei LemonAid & ChariTea sowie Ex-Vertriebsleiter bei Krombacher, und der Serial-Founder Bijan Mashagh, der zuvor unter anderem das Matratzen-Start-up Snooze Project verantwortete. Mit der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur, die nicht nur als Investorin, sondern auch als strategische Markenpartnerin einsteigt, hat sich das Duo zudem prominente Verstärkung an Bord geholt.
Ihr gemeinsames Produkt ist eine Kombination aus prickelndem Wasser und 15 bis 20 Prozent echtem Fruchtsaft, die mit maximal 2 Gramm zelleigenem Zucker pro 100 Milliliter und nur 9 Kilokalorien auskommt. Dabei verzichtet Joony's konsequent auf Zuckerzusätze und künstliche Süßstoffe. Diese Ausrichtung zeigt bereits früh erste Erfolge: Kurz nach dem Launch ist das Getränk an über 2.000 Point-of-Sale-Stellen, darunter EDEKA, Wolt-Market und in der Gastronomie, verfügbar.
Doch der deutsche Getränkemarkt bleibt ein Haifischbecken. Zwischen etablierten Konzernen und hippen Indie-Brands scheint kaum noch Platz für echte Innovationen. Dass Joony's dabei nicht leise auf den Markt schleicht, zeigt das aktuelle Investment. Caro Daur unterstützt das Team ab sofort aktiv beim Markenaufbau und im Vertrieb. Ein beachtlicher Start – doch hält das Geschäftsmodell einer tieferen Überprüfung stand?
Das Gründer-Gespann: Symbiose aus Vertrieb und E-Commerce
Dass Joony's keine lange Anlaufzeit benötigt, liegt nicht zuletzt an der Erfahrung der Gründer, was die schnelle Verfügbarkeit in der Fläche erklärt. Josa Rödiger bringt ein tiefgreifendes Netzwerk im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und der Gastronomie mit. Sein Mitgründer Bijan Mashagh steuert hingegen die heute unverzichtbare Expertise im E-Commerce bei.
Diese Kombination ist erfolgskritisch: Der Getränkemarkt erfordert in der Skalierungsphase eine massive Präsenz im stationären Handel, während der Markenaufbau maßgeblich über digitale Kanäle funktioniert. Mit Caro Daur haben sich Rödiger und Mashagh eine Partnerin gesichert, die eine enorme digitale Community mitbringt und den Anspruch der Brand unterstreicht. Die Ambition dahinter fasst Bijan Mashagh deutlich zusammen: „Caro investiert nicht in ein Getränk. Sie investiert in eine neue Kategorie. Natural Soda steht für eine Generation von Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst leben möchte, ohne ständig verzichten zu müssen.“
Die Marktthese: Zuckersteuer und bewusster Konsum
Die These des Start-ups ist inhaltlich absolut nachvollziehbar: Verbraucherinnen und Verbraucher fordern zunehmend Getränke, die weniger Zucker enthalten, aber keine künstlichen Zusatz- oder Süßstoffe aufweisen. Die aufkeimende politische Debatte um Maßnahmen zur Reduktion des Zuckerkonsums – bis hin zu einer möglichen Zuckersteuer – beschleunigt diesen Trend spürbar. Die Industrie sucht händeringend nach Alternativen zur klassischen Limonade und zu langweiligem Mineralwasser.
Genau auf diese Lücke im Alltag zielt das Produkt ab. Mitgründer Josa Rödiger ordnet diese Entwicklung so ein: „Natural Sodas treffen den Zeitgeist, weil sie den alltäglichen Konsum mit echtem Mehrwert verbinden. Menschen kaufen heute nicht mehr einfach Getränke – sie kaufen Routinen, Wohlbefinden und bewusstere Entscheidungen.“
Ein Bedürfnis, das auch Investorin Caro Daur aus persönlicher Erfahrung bestätigt und das ihren Einstieg motivierte: „Ich achte darauf, was ich konsumiere, möchte dabei aber auch nicht komplett den Spaß verlieren. Man möchte etwas Leckeres, Erfrischendes und Prickelndes, nur eben ohne direkt eine Zuckerbombe zu trinken oder auf künstliche Süßstoffe auszuweichen. Genau das schafft Joony's.“
Hier greift die Marke mit vier Sorten (Zitrone, Grapefruit, Maracuja, Pfirsich) an und bedient mit ihren Nährwerten den vom Unternehmen definierten "Natural Sweet Spot". Der strikte Verzicht auf künstliche Süßstoffe passt zudem perfekt in den Zeitgeist der stark nachgefragten "Clean Label"-Produkte.
Kritisch hinterfragt: Innovation oder Marketing-Spin?
Doch wie innovativ ist Natural Soda wirklich? Kritisch betrachtet handelt es sich rein physisch um eine hochwertige Fruchtsaftschorle mit relativ geringem Saftanteil oder ein intensiviertes Near Water. Der Begriff Natural Soda ist in erster Linie ein geschickter Marketing-Spin, der das Produkt internationaler und moderner klingen lässt, um sich eine eigene Nische zwischen Wasser und Limonade zu bauen.
Das Geschäftsmodell im Premium-Segment bringt zudem tiefgreifende Herausforderungen mit sich. Der Einsatz von echtem Fruchtsaft treibt die Produktionskosten unweigerlich in die Höhe. Um im Lebensmitteleinzelhandel wettbewerbsfähig zu bleiben, darf der Endkundenpreis jedoch nicht zu sehr ausreißen, was die Margen drückt. Hinzu kommen logistische Hürden: Der Transport von wasserbasierten Ready-to-Drink-Getränken in Dosen ist aufwendig. Im Gegensatz zu Systemen wie Air Up oder Waterdrop, die lediglich den Geschmack ohne das Wasser verschicken, muss Joony's klassische, ressourcenintensive Logistikketten bewältigen. Zudem bleibt der Kampf um die Regalfläche in den Supermärkten selbst nach einem starken Start ein brutales Geschäft.
Das Wettbewerbsumfeld
Wer eine neue Kategorie ausruft, muss sich zwangsläufig mit diversen Playern messen. Auf der einen Seite stehen die etablierten Konzerne wie Coca-Cola mit Vio, Krombacher mit seiner Fassbrause oder Danone mit Volvic Touch, die das Near-Water-Segment durch ihre immense Vertriebsmacht dominieren. Auf der anderen Seite besetzen Social-Brands wie Lemonaid oder Fritz-Kola erfolgreich die Nische für erwachsene, hochwertige Limonaden, weisen dabei im direkten Vergleich jedoch oft höhere Zuckeranteile auf.
Auch sogenannte Wasser-Disruptoren wie Waterdrop und Air Up greifen den aktuellen Trend zu Getränken ohne Zucker aktiv an, operieren allerdings mit völlig anderen Geschäftsmodellen abseits des klassischen Marktes für Fertiggetränke. Nicht zuletzt ist der Markt förmlich überschwemmt von Creator-Brands wie Dirtea, BraTee oder Vitavate. In diesem dichten Umfeld muss Joony's beweisen, dass es das Potenzial zur nachhaltig etablierten Marke besitzt und nicht als kurzlebiger Hype-Artikel endet.
Unsere Einordnung
Joony's macht vieles richtig: Ein exzellent aufgestelltes Gründerteam trifft punktgenau auf den Megatrend der Zuckerreduktion. Die Positionierung von Caro Daur als Investorin und strategische Partnerin statt als bloßes Testimonial ist dabei ein kluger Schachzug, um Seriosität und Langfristigkeit zu signalisieren.
Das Start-up hat zweifellos das Potenzial, sich im Premium-Segment des Getränkemarkts festzusetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe wird jedoch die Wiederkaufrate sein, wenn der erste Launch-Hype abflacht. Wenn die Konsument*innen den geschmacklichen Mittelweg zwischen klassischer Limo und Wasser tatsächlich dauerhaft in ihre Alltagsroutine integrieren, könnte die Wette auf die Kategorie Natural Soda aufgehen. Andernfalls droht Joony's das Schicksal vieler hipper Getränke: Ein kurzes Aufschäumen, bevor die Kohlensäure entweicht.
Vom Ascheplatz in die Cloud: Wie CoTrainer mit einem Millionen-Investment das Ehrenamt professionalisiert
CoTrainer-CEO Claudius Ludwig im Interview: Eine Million Euro Seed-Kapital, starke Partner und die Digitalisierung des verstaubten Amateurfußballs.
Der Amateurfußball in Deutschland lebt von Emotionen, Schweiß und chronischer Zettelwirtschaft. Während im Profibereich datengetriebene Analysen und hochmoderne Apps Standard sind, organisieren die rund 24.000 Amateurvereine ihren Alltag oft noch via WhatsApp-Gruppen, Excel-Tabellen und auf Zuruf. Ein zeitraubender Zustand für die ohnehin belasteten Ehrenamtlichen.
Das Kölner Start-up CoTrainer (Fussballetics GmbH) hat diesem Chaos den Kampf angesagt. Gegründet Ende 2022 von André Werres, Dyke Lambertz und Claudius Ludwig, bündelt die Plattform Vereinsorganisation, Trainingsplanung und Spielerentwicklung an einem Ort. Das Konzept überzeugt nicht nur bereits über 150 Vereine, sondern nun auch namhafte Geldgeber. Ende Juni 2026 verkündete das zehnköpfige Team den erfolgreichen Abschluss einer Seed-Finanzierungsrunde über eine Million Euro. Als Lead-Investor steigt mit kicker ventures der Investment-Arm der traditionsreichen Sportmedienmarke ein, flankiert von hochkarätigen Business Angels wie Nationalspieler Maximilian Arnold.
Wir haben mit CEO Claudius Ludwig über die harten Realitäten beim Aufbau eines Sport-Tech-Start-ups gesprochen, über die Herausforderungen eines Sommer-Relaunchs und die Kunst, eine traditionelle Nische wie das Ehrenamt zu monetarisieren.
Das Interview
Das Funding & die Investor-Strategie
StartingUp: Glückwunsch zur Millionen-Seed-Runde! Was war das schlagkräftigste Argument, mit dem ihr kicker ventures und die anderen Investoren überzeugt habt?
Claudius Ludwig: Vielen Dank für die Glückwünsche. Überzeugt hat kicker ventures, wie auch alle Business Angels, vor allem eines: Wir verstehen als Gründerteam die Zielgruppe und den Markt. Wir haben den Fußball in ganz unterschiedlichen Funktionen erlebt – als Vorstand, als Trainer und als Spieler. Daraus konnten wir sehr genau herausarbeiten, welche Probleme im Verein tatsächlich existieren und wie wir sie mit CoTrainer lösen. Dazu kommt, dass unsere Gesellschafter diese Probleme aus ganz verschiedenen Perspektiven kennen, ob als Eltern oder, im Fall des kicker, aus dem Markt heraus. Jeder versteht die Ausgangslage sofort, und es ist eine echte Emotionalität für das Thema da. Das hat im Prozess enorm geholfen.
StartingUp: Mit kicker ventures habt ihr einen reichweitenstarken Lead-Investor an Bord. Wie stellt ihr sicher, dass daraus eine echte operative Hebelwirkung entsteht und keine reine „Logo-Partnerschaft“ bleibt?
Claudius Ludwig: Der kicker hat sich selbst zum Ziel gesetzt, den Amateursport und damit auch den Amateurfußball zu unterstützen. Genau deshalb arbeiten wir sehr eng verzahnt zusammen, und zwar auf mehreren Ebenen: über die Reichweite des kicker, über Datenschnittstellen und vor allem über ein gemeinsames Ziel. Wir wollen den Amateursport verbessern, unterstützen und professionalisieren. Diese inhaltliche Deckung ist der Grund, warum daraus keine reine Logo-Partnerschaft wird. Wir verfolgen dasselbe Ziel und stehen hierfür gemeinsam auf dem Platz.
StartingUp: Auf eurer Investorenliste stehen VCs, Business-Angels und Profis wie Maximilian Arnold. Wie steuert man ein so diverses Konsortium, ohne dass zu viele Köche den Brei verderben?
Claudius Ludwig: Wir haben diverse Business Angels und Investoren an Bord und holen uns deren Unterstützung sehr gezielt zu einzelnen Themen. Genau darin liegt der Vorteil. Wir können sagen: In diesem Bereich brauchen wir die Expertise von einem Maximilian Arnold oder einer Svenja Huth, in einem anderen Bereich eher die Unterstützung von VCs wie superangels oder eines anderen Gesellschafters. So kommt an jeder Stelle die Expertise zum Tragen, die wir dort tatsächlich brauchen. Das funktioniert bislang sehr, sehr gut.
Produkt-Relaunch, Markt-Validierung & Wettbewerb
StartingUp: Für diesen Sommer plant ihr einen Produkt-Relaunch, gleichzeitig stößt Marco Giesen als neuer CTO zu euch. Wie minimiert ihr das Risiko, beim Übergang eure über 150 Bestandskunden zu verlieren?
Claudius Ludwig: Marco Giesen ist nicht als Externer in die Firma gekommen. Er hat vorher bereits als Freelancer für CoTrainer gearbeitet und war CTO der Street Pro GmbH – also des Start-ups, das wir damals mit CoTrainer aufgekauft haben. Er kannte das Produkt dadurch nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich und von der Vision her. Zusammen mit den Erfahrungen aus seinen vorherigen Positionen konnte er deshalb sehr schnell Verantwortung übernehmen und unsere gesamte Tech-Infrastruktur extrem stabilisieren.
StartingUp: Wie sieht eure Produktstrategie aus, um auch den digitalisierungsskeptischen Trainer der alten Schule abzuholen und eine hohe Nutzerakzeptanz zu erreichen?
Claudius Ludwig: Über unser Betreuungskonzept und die Trainerfortbildungen, die wir mit den Trainern der jeweiligen Vereine durchführen, erreichen wir eine sehr hohe Akzeptanz. Dazu kommt der Vorteil, dass wir bewusst verschiedene Ebenen bespielen: die Vereinsvorstände, die Trainer sowie Spieler und Eltern. Entscheidend ist, dass diese Hebel ineinandergreifen. Dafür müssen wir alle Akteure mitnehmen, und vor allem muss jeder verstehen, welchen Vorteil er selbst daraus zieht. Deshalb stellen wir jeden einzelnen Akteur in den Mittelpunkt und versuchen, dessen Bedürfnisse wirklich zu verstehen. Ein sauberer Problem-Solution-Fit ist an dieser Stelle das Wichtigste.
StartingUp: Was macht CoTrainer substanziell anders oder besser als etablierte Platzhirsche wie SpielerPlus oder Teamer, um kein reines „Me-too-Produkt“ zu sein?
Claudius Ludwig: Damit haben wir tatsächlich keine großen Probleme, weil wir der erste Anbieter sind, der eine 360-Grad-Lösung anbietet. Wir verbinden alle Komponenten miteinander: die Trainingsplanung, die individuelle Förderung sowie die Organisation auf Team- und auf Vereinsebene, inklusive Sponsoring. Genau diese Verbindung gibt es sonst nicht, und deshalb sind wir auch kein Me-too-Produkt.
Das Monetarisierungs-Dilemma im Ehrenamt
StartingUp: Wie schafft man es, einer chronisch unterfinanzierten Zielgruppe von ehrenamtlichen Vereinen ein Software-as-a-Service-Modell (SaaS) schmackhaft zu machen?
Claudius Ludwig: Das gelingt, indem man die Bedürfnisse und die Ausgangssituation der Zielgruppe konsequent in den Mittelpunkt stellt und sich Gedanken darüber macht, wie Vereine über die Plattform selbst Mehreinnahmen generieren können. Im Schnitt verdienen über 90 Prozent unserer Vereine mit CoTrainer Geld; sie erzielen durchschnittlich 350 € Mehreinnahmen monatlich. Das ist für uns ein starkes Zeichen, weil unsere Vereine damit nicht nur organisatorisch und auf Ebene der Trainingsinhalte stabilisiert werden, sondern eben auch finanziell langfristig stabil bleiben können. Deshalb ist es uns so wichtig, dass Vereine über unsere Sponsoren-Integration und unser Sponsoring-Konzept zusätzliche Einnahmen erzielen.
StartingUp: Ihr habt für die Saison 2026/27 eine Initiative mit einem bekannten Ausrüstungspartner angekündigt. Ist die Einbindung von B2B-Partnern und Sponsoren der eigentliche Hebel für die langfristige Skalierung?
Claudius Ludwig: Die Kooperation mit Capelli Sport, die unter anderem bei der Weltmeisterschaft Kap Verde ausgerüstet haben, sieht so aus: 1.000 Vereine erhalten bis zu 1.000 Euro an Warenwert bei Capelli Sport, also zum Beispiel Ausrüstung für Trainer oder Spieler. Stark wird das durch die Kombination. Wir haben das Motto entwickelt: „Euer erstes Jahr geht auf uns“. Wir reduzieren das erste Jahr für unsere Partnervereine auf 84 Euro monatlich. Damit liegen wir bei einem effektiven Aufwand von null Euro beim Partnerverein innerhalb des ersten Jahres. Unsere Partnervereine werden also nicht nur organisatorisch, strukturell und finanziell stabilisiert, sondern sehen durch die Kooperation auch auf dem Platz gut aus. Partner und Sponsoren ersetzen für uns damit nicht die Lizenzeinnahmen, sie machen sie für den Verein überhaupt erst tragbar.
Team-Skalierung & die Rolle des Gründers
StartingUp: Mit dem frischen Kapital soll euer zehnköpfiges Team vergrößert werden. Welche Schlüsselpositionen müsst ihr besetzen, um zur skalierten Organisation zu wachsen?
Claudius Ludwig: Wir haben die Runde zu einem Zeitpunkt gemacht, an dem wir die Firma bereits auf Effizienzsteigerung ausgelegt hatten, unter anderem durch den Einsatz diverser AI-Tools. Dadurch können wir jetzt über gezielte Neuverpflichtungen sehr gut und sehr schnell weiterwachsen, konkret im Bereich der Partnerbetreuung, im Vertrieb und im Marketing. Dass wir auf Strukturen aufsetzen können, die bei uns bereits etabliert sind, ist ein extremer Vorteil und ein echter Hebel.
StartingUp: Du bist selbst im Amateurfußball aktiv. Wo liegt die Gefahr, wenn man „zu nah“ an der eigenen Zielgruppe baut, und wann musstest du harte Business-Entscheidungen gegen deine eigenen Vorstellungen treffen?
Claudius Ludwig: Wir sehen einen riesigen Vorteil darin, so nah an der Zielgruppe zu sein. Trotzdem ist es wichtig, eine gewisse Distanz zu halten und den Case auch von außen zu betrachten. Genau daraus ist zum Beispiel die Entscheidung entstanden, zu vertikalisieren und ab Herbst alle anderen Sportarten anzubieten. Am Ende ist das vielleicht auch eine romantische Vorstellung, aber wir wollen den Amateursport eben nicht nur im Fußball unterstützen, sondern in allen anderen Bereichen genauso.
StartingUp: Hand aufs Herz: Wo steht CoTrainer in drei Jahren, wenn das Seed-Geld aufgebraucht ist?
Claudius Ludwig: CoTrainer wird in drei Jahren nicht nur im Amateurfußball, sondern auch in allen anderen Amateursportarten Standard sein – als das System, das sowohl für die Vereinsorganisation als auch für die Teamorganisation und für die Trainingsinhalte genutzt wird. Gleichzeitig werden wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur in Deutschland aktiv sein. Ähnliche Probleme existieren nicht nur hier, sondern in vielen anderen Ländern.
StartingUp: Danke, Claudius Ludwig, für die Insights!
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Gründer*in der Woche: SchoolUP – Vom Klassenzimmer in den App Store
ChatGPT löst zwar Hausaufgaben, hilft aber selten beim echten Verstehen. Die 17-jährigen Abiturienten Elias Eßer und Sean Hübner aus NRW wollen das mit ihrer Bootstrapping-App SchoolUP ändern. Das Tool verknüpft sich direkt mit den schulinternen Lernplattformen und arbeitet ausschließlich mit echten Lehrmaterialien. Ein smarter, datenschutzkonformer Ansatz – doch das Geschäftsmodell birgt in der trägen deutschen Bildungslandschaft seine Tücken.
Die Idee zu SchoolUP entstand nicht etwa in einem hippen Berliner Start-up-Inkubator, sondern in einem Jugendzimmer. Elias Eßer und Sean Hübner, beide 17 Jahre alt und Schüler an der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Anrath (Willich), gaben selbst Nachhilfe. Dabei erkannten sie eine Lücke, die durch die Corona-Pandemie noch weiter aufgerissen wurde: Millionen Schüler*innen fehlt der Zugang zu echter, persönlicher Förderung.
Seit zwei Jahren ließ sie das Thema nicht los, vor rund einem Jahr begannen sie mit der konkreten Umsetzung. Und das komplett ohne externe Investor*innen, nur mit rund 1.000 Euro Erspartem für Strato-Server, Domain und KI-Schnittstellen. Sean, der künftig Informatik studieren möchte, und Elias, der ein Wirtschaftsstudium anstrebt, bilden dabei ein klassisches Hacker-Hustler-Gespann.
Die erste große Bewährungsprobe ließ jedoch nicht lange auf sich warten. „Die größte bürokratische Hürde war zunächst die rechtliche Abklärung, ob unser Produkt im Hinblick auf die DSGVO überhaupt zulässig ist“, räumt Elias ein. Schließlich scanne die App im Grunde das private geistige Eigentum der Lehrkräfte. Um das Vertrauen der Schule zu gewinnen, holten sich die beiden früh professionelle anwaltliche Hilfe an Bord. Finanziell ein Kraftakt für zwei Schüler, aber für Sean „eine der wichtigsten Investitionen überhaupt“.
Fast gescheitert wäre das Projekt jedoch an etwas anderem: der eigenen Belanglosigkeit. Zu Beginn hatten die beiden eine recht simple, handelsübliche KI-Nachhilfe-App programmiert. „Uns wurde klar, dass unser Produkt so nichts Besonderes war, und das hat uns ziemlich zu schaffen gemacht“, erinnert sich Elias an den einzigen Moment, in dem sie kurz davor waren, alles hinzuschmeißen. Die Rettung war ein Zufallsfund. Die beiden entdeckten die offene API-Schnittstelle des Schul-Systems Moodle. „Erst als wir auf die Idee kamen, SchoolUP direkt mit Moodle zu verbinden und ausschließlich mit den Materialien der jeweiligen Schule arbeiten zu lassen, hatten wir unseren entscheidenden Durchbruch“, ergänzt Sean. Inzwischen ist die App live und verzeichnet ein starkes organisches Wachstum auf Social Media.
Sokratischer Ansatz statt Antwortautomat
Der Markt für KI-Anwendungen im Bildungsbereich ist seit dem Boom von Sprachmodellen unübersichtlich geworden. SchoolUP wählt jedoch bewusst einen anderen Weg als gängige Chatbots: Die App zieht ihre Antworten nicht aus dem freien Internet, sondern dockt an bestehende Schul-Infrastrukturen wie Moodle oder das in NRW weit verbreitete LOGINEO an. Die KI greift ausschließlich auf die von den Lehrkräften hochgeladenen Dokumente zu und belegt jede Antwort präzise mit der jeweiligen Quelle.
Bemerkenswert ist dabei der sokratische Ansatz der Gründer. SchoolUP liefert bewusst keine fertigen Hausaufgabenlösungen, sondern stellt Rückfragen, führt Schritt für Schritt zum eigenen Denken und erstellt auf Wunsch individuelle Tests. Aber nutzen bequeme Schülerinnen und Schüler das Tool überhaupt freiwillig, wenn ChatGPT die perfekte Lösung in drei Sekunden ausspuckt?
Elias hat darauf eine klare Antwort: „Viele merken spätestens in der Oberstufe, dass man mit ChatGPT vielleicht durch die Hausaufgaben kommt, aber nicht durch die Klausur.“ Wer Aufgaben einfach nur kopiere, verstehe den Stoff am Ende schlichtweg nicht. „Sobald Schülerinnen und Schüler merken, dass sie dadurch bessere Ergebnisse erzielen, nehmen viele den etwas anstrengenderen Weg auch freiwillig in Kauf“, ist der 17-Jährige überzeugt.
Damit das Tool überhaupt an den Schulen genutzt werden darf, müssen die beiden jedoch zunächst an strengen Schulleitungen und Datenschutzbeauftragten vorbei – Personen, die zwei 17-jährigen Gründern oft mit Skepsis begegnen. Die Strategie der Jungunternehmer: tiefgreifendes Fachwissen und juristische Rückendeckung. „Wir können genau erklären, welche Daten verarbeitet werden, wo sie gespeichert werden und warum unser System DSGVO-konform arbeitet“, betont Sean selbstbewusst. Ein zentraler Baustein sei zudem der klare Fokus auf europäische Partner. „Besonders wichtig ist uns dabei, dass keine eingegebenen Daten oder Inhalte für das Training von KI-Modellen genutzt werden“, versichert Elias. Dieses Zusammenspiel aus Transparenz und anwaltlicher Begleitung breche letztlich das Eis bei den Schulen.
Zwischen Giganten und Start-ups
Dennoch drängt sich die Frage auf: Was schützt die beiden vor millionenschweren Nachhilfe-Riesen wie Sofatutor oder Open-Source-Giganten wie Moodle selbst? Angst vor der Übermacht scheinen die beiden nicht zu haben. „Wir sehen Moodle weniger als Gegner und mehr als potenziellen Partner“, kontert Elias gelassen. Während etablierte Anbieter meist den/die Einzelnutzende(n) im Visier hätten, setze SchoolUP direkt im B2B-Bereich bei den Schulen an. Das tiefe Verständnis für den deutschen Schulalltag und die strengen hiesigen Datenschutzanforderungen sei ihr wahrer Burggraben. Sean sieht zudem in der Größe des eigenen Teams einen entscheidenden Vorteil: „Wir können als kleines Team deutlich schneller auf Wünsche von Lehrkräften reagieren.“ Das primäre Ziel sei es nicht, größer als alle anderen zu sein, sondern die passgenaueste Lösung anzubieten.
Nachgefragt: Die Sache mit dem Geld
Die anfängliche Traktion der beiden ist beachtlich: Nach den Sommerferien wird das Tool bereits an der eigenen Schule sowie in Brühl aktiv im Unterricht getestet. Doch hier offenbart sich die Tücke des B2B-Geschäftsmodells: Deutsche Schulen sind notorisch unterfinanziert, öffentliche Vergabeprozesse ziehen sich oft über Jahre hin. Der Vertrieb an Schulen gilt in der Branche nicht umsonst als „Friedhof der EdTech-Start-ups“.
Wie also finanzieren die Schüler die rasant steigenden Server- und API-Kosten? Bislang schießen sie das Geld aus eigener Tasche vor. „Aktuell finanzieren wir SchoolUP komplett selbst“, räumt Elias ein, betont aber, dass man die laufenden Ausgaben streng im Blick habe. Zunächst wolle man ohnehin beweisen, dass das Produkt einen echten Mehrwert biete. Auf die Frage nach frischem Kapital zeigt sich der Gründer pragmatisch: „Externe Unterstützung wäre eine große Chance, um SchoolUP möglichst vielen Schulen zugänglich zu machen, ohne unsere Mission aus den Augen zu verlieren.“ Man sei offen für Förderprogramme, Sponsor*innen oder Investor*innen, sofern diese die Vision des Unternehmens teilen.
Fazit: Doppelspiel zwischen Start-up und Hörsaal
Elias Eßer und Sean Hübner liefern mit SchoolUP ein typisches, hochauthentisches Beispiel für „Generation Z“-Unternehmertum: Problem erkannt, Code geschrieben, Lösung gelauncht. Die technologische Umsetzung mit nahtloser System-Integration und kompromisslosem Fokus auf den europäischen Datenschutz umschifft clever das Vertrauensproblem, das viele Schulen gegenüber US-amerikanischer KI haben.
Die wahre Reifeprüfung für SchoolUP wird in künftigen Budgetverhandlungen mit den Schulträger*innen stattfinden. Zuvor steht für die beiden Gründer jedoch noch eine ganz andere Reifeprüfung an: das Abitur. Wer nun glaubt, das Start-up müsse der Schule weichen, irrt gewaltig. „Die Schule fällt uns beiden ziemlich leicht, deshalb bleibt uns bis zum Abitur genügend Zeit, SchoolUP konsequent voranzutreiben“, gibt sich Elias selbstbewusst.
Auch danach ist kein Cut geplant. Sean will Informatik studieren, Elias strebt ein duales Wirtschaftsstudium an. Ein klassischer Plan B? Keineswegs. „SchoolUP bleibt dabei klar im Vordergrund“, verspricht Elias. Das Studium betrachten die beiden als strategischen Schritt, um das eigene Netzwerk auszubauen und sich fachlich für die Unternehmensführung zu wappnen. Sollte das Start-up eines Tages die volle Aufmerksamkeit verlangen, sei man bereit, diese Entscheidung zu treffen. Bis dahin spielen die 17-Jährigen ihr beeindruckendes Doppelspiel zwischen Klassenzimmer und Chefetage souverän weiter.
Aampere unter Strom: 4,2 Mio. Euro für den Kampf um den E-Auto-Gebrauchtmarkt
„Wir ermöglichen einer Million Menschen den Umstieg auf Elektromobilität.“ Mit dieser ambitionierten Mission tritt das Münchner Start-up Aampere an, um den analogen Flickenteppich des europäischen E-Auto-Gebrauchtmarktes zu digitalisieren. Nun sicherte sich die Plattform 4,2 Millionen Euro an frischem Kapital. Doch während Investor*innen das rasante Wachstum loben, stellt sich die Frage: Kann das junge Team langfristig gegen etablierte Branchenriesen bestehen?
Mit dem frischen Kapital will Aampere den Ausbau seiner volldigitalen Handelsplattform europaweit voranzutreiben. Bemerkenswert ist dabei das hohe Tempo: Nach einer Pre-Seed-Runde von 350.000 Euro im Sommer 2023 und einer Seed-Runde über 1,6 Millionen Euro im Oktober 2025 schiebt das Start-up nun direkt die nächste Millionensumme hinterher. Angeführt wird die aktuelle Runde erneut vom estnischen VC Trind Ventures – ein starkes Signal an den Markt. Zudem holte sich das Unternehmen strategisches Gewicht aus dem skandinavischen Raum an Bord: Die Vend Marketplaces ASA – die Gruppe hinter nordischen Plattform-Riesen wie FINN.no und Blocket – steigt als Minderheitsinvestor ein. Komplettiert wird die Runde durch den Consumer-Investor G-FUND, Bestandsinvestoren wie GIMIC sowie weitere Business Angels aus der Autoindustrie.
Reichlich PS im Gründer-Trio
Hinter Aampere steht das Trio Florian Reister (CEO), Niko Schmidt (CGO) und Maximilian Rost (CPO). Gegründet im Jahr 2022 in München, trat das Team an, um die Komplexität beim Wiederverkauf von Elektroautos aufzubrechen. Inzwischen bündelt das auf über 25 Mitarbeitende angewachsene Team handfeste Erfahrung aus der Corporate- und Start-up-Welt: Auf den Lebensläufen finden sich Stationen bei Porsche, Mercedes und KPMG, aber auch bei Limehome und dem direkten Konkurrenten Cardino. Dieser Mix zahlt sich offenbar aus: Laut Firmenangaben verzeichnete Aampere im vergangenen Jahr ein vierfaches Umsatzwachstum und verkauft inzwischen mehrere Tausend Elektrofahrzeuge pro Jahr.
Doch der Anfang in einem stark analogen Marktumfeld war kein Selbstläufer. Wie gewinnt man das Vertrauen der Händler*innen? „Der Schlüssel liegt immer im ersten Kauf“, erklärt CEO Florian Reister. Um diesen Einstieg zu erleichtern, griff das Team in die Trickkiste und ließ Händler das erste Fahrzeug erst nach der tatsächlichen Lieferung bezahlen. „Sobald wir bewiesen haben, dass unsere Versprechen – transparente Zustandsinfos, zeitsparende Transaktion und schnelle Lieferung – wirklich funktionieren, werden neue Kunden zu langfristigen Partnern“, betont Reister.
„Smartphones on Wheels“: Der digitale C2B-Verkauf
Aampere fungiert als Vermittler zwischen privaten oder gewerblichen Verkäufer*innen und einem europaweiten Händler*innennetzwerk. Der Ablauf ist konsequent digitalisiert: Eine Software ermittelt den Wert, gefolgt von einem digitalen Zustands- und Historiencheck, bevor das Auto europaweit versteigert wird. Doch wie sichert sich die Plattform gegen unentdeckte Mängel am kritischen Bauteil Batterie ab, wenn niemand das Auto vor Ort inspiziert?
Reister gibt sich hier selbstbewusst: „Elektroautos sind Smartphones on Wheels.“ Anders als beim Verbrenner, wo Laufgeräusche oder Geruch physisch gecheckt werden müssten, sei bei E-Autos allein die Datenlage entscheidend. Aampere wertet Fahrzeughistorien sowie Herstellerdaten aus und prüft markenspezifisch, ob die Batteriegarantie noch greift. Reister verspricht: „Mit jedem Monat und damit weiteren Daten erlernt der Wertalgorithmus immer präziser die Wertindikation zu berechnen.“
Geld verdient das Münchner Start-up über Arbitrage – also die Differenz zwischen dem Höchstgebot der Händler*innen und dem Auszahlungsbetrag an den/die Verkäufer*in. Nimmt der/die Verkäufer*in an, überweist Aampere das Geld noch vor der Abholung und löst sogar bestehende Kredite direkt bei der Bank ab. Ein Modell, das enorm viel Kapital bindet? Reister verneint und verweist auf das geschickte Timing der Zahlungsströme: „Wir haben keine gebundene Liquidität. Wir kaufen Fahrzeuge für eine juristische Sekunde an und verkaufen sie direkt an den höchstbietenden Händler weiter.“ Da der Händler zuerst an Aampere zahle und das Start-up erst danach den Verkäufer auszahle, trage man während der Haltezeit kein Preisrisiko.
Kritische Markteinordnung und Volatilität
Trotz einer hohen Kund*innenzufriedenheit von 4,9 Sternen auf Google bewegt sich Aampere auf einem schmalen Grat. Volatile Förderpolitik und massive Rabatte bei Neuwagen setzen die Gebrauchtwagenpreise spürbar unter Druck. Darauf angesprochen, kontert Reister gelassen: „Volatilität ist für uns keine Bedrohung, sondern eine Chance, Marktanteile auszubauen.“ Weil Aampere Fahrzeuge nur für jene besagte „juristische Sekunde“ auf der Bilanz habe, entfalle das Restwertrisiko klassischer, asset-lastiger Plattformen. Zudem helfe die geografische Streuung: Durch das europaweite Händlernetz auf Käuferseite würden Preisausschläge abgedämpft – ein Puffer, den nationale Player nicht bieten können.
Wettbewerb: Kampf der Giganten
Das makroökonomische Umfeld bietet reichlich Rückenwind: Die Besitzumschreibungen von gebrauchten Elektroautos in Deutschland stiegen laut Kraftfahrt-Bundesamt in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich rund 60 Prozent jährlich. Dennoch bleibt das Wettbewerbsumfeld hart. Reichweitenriesen wie Mobile.de und AutoScout24 dominieren den Markt, während C2B-Schwergewichte wie die Auto1 Group über perfektionierte Logistiknetzwerke verfügen.
Was also ist der technologische Burggraben der Münchner, sollten diese Giganten voll auf E-Autos umschwenken? „Aampere hat einen unfairen Wettbewerbsvorteil: 100 Prozent Fokus auf E-Autos“, gibt sich Reister kämpferisch. Der rein digitale Prozess komme gänzlich ohne teure Ankaufsstellen aus. Während E-Autos für Branchengrößen wie Auto1 gerade einmal ein Prozent des Volumens ausmachten, widme sich Aampere jeden Tag ausschließlich dieser spezifischen Zielgruppe.
Fazit und Ausblick
Für das Start-up-Ökosystem beweist Aampere, dass sich spezialisierte Marktplätze auch in unsicheren Zeiten behaupten können. Die größte Aufgabe für das Gründer-Trio liegt nun darin, die Marktanteile so schnell auszubauen, dass ein Frontalangriff großer Konkurrent*innen unwirtschaftlich wird.
Auf die Frage nach dem konkreten Einsatz der frischen 4,2 Millionen bedient Reister zwar zunächst die typischen Tech-Buzzwords – künftig sollen Telematikdaten für tiefere Fahrzeug-Insights und KI-Features für eine bessere Conversion Rate sorgen –, wird bei den operativen Skalierungshürden aber erfrischend ehrlich. Der CEO räumt ein, dass die Europa-Expansion kein Selbstläufer ist: „Wir haben gelernt, dass jedes Land spezifische Anforderungen mit sich bringt.“ Aampere werde in Zukunft deshalb keine „One-Size-Fits-It-All“-Lösung sein, sondern gezielt auf länderspezifische Eigenheiten eingehen. Gelingt es Aampere, mit diesem Ansatz die Hürden der europäischen Skalierung zu meistern, rückt die große Mission tatsächlich in greifbare Nähe.
Instagram ohne leere Zahlen: Wie junge Marken Reichweite in Nachfrage verwandeln
Warum Start-ups ihre Social-Media-Arbeit funktionaler betrachten müssen und wie ein 30-Tage-System flüchtige Aufmerksamkeit auf Instagram in messbare Nachfrage übersetzt.
Viele junge Marken produzieren heute deutlich mehr Content als noch vor zwei Jahren. Sie posten Reels, testen Trends, schieben Stories nach und sehen im Reporting trotzdem oft dieselbe Lücke: Reichweite steigt, aber Anfragen, Newsletter-Anmeldungen, DMs oder Gespräche mit echten Kaufinteressierten bleiben dünn. Das Problem ist selten Instagram selbst. Meist ist die Kette zwischen erster Sichtbarkeit und nächster Handlung nicht sauber gebaut.
Genau dort wird Reichweite zur leeren Zahl. Ein Reel kann Aufmerksamkeit holen, ohne dass daraus ein Profilbesuch mit klarer Erwartung wird. Ein Profil kann ordentlich aussehen, ohne dass sofort verständlich wird, für wen die Marke da ist und welches Problem sie löst. Und selbst gute Inhalte bringen wenig, wenn Teams nur Views reporten, aber nicht prüfen, welche Formate wirklich zu Antworten, Klicks oder qualifizierter Neugier führen.
Für Gründer und Gründerinnen ist das besonders relevant. Anders als große Marken können junge Unternehmen Streuverluste nicht einfach mit Budget zukleistern. Sie brauchen ein System, das organische Sichtbarkeit erst in Orientierung und dann in Nachfrage übersetzt. Wer diesen Übergang beherrscht, kann später auch Paid-Maßnahmen präziser skalieren. Wer ihn nicht beherrscht, kauft meist nur mehr Aufmerksamkeit für ein unscharfes Angebot.
Warum Reichweite allein für Start-ups ein schlechter Steuerwert ist
Reichweite ist kein nutzloser Wert. Sie zeigt, ob ein Inhalt überhaupt Menschen außerhalb des eigenen Stammpublikums erreicht. Für sich genommen beantwortet sie aber nicht die entscheidende Frage: Kommen durch diesen Content die richtigen Menschen näher an eine Entscheidung heran?
Instagram selbst bewertet Inhalte nicht in einer einzigen Logik. Search, Feed, Explore, Stories und Reels setzen unterschiedliche Signale. Das ist wichtig, weil junge Marken oft so tun, als müsse jeder Beitrag alles gleichzeitig leisten: Reichweite erzeugen, Vertrauen aufbauen, den Produktnutzen erklären und sofort verkaufen. In der Praxis entsteht Wachstum erst, wenn diese Aufgaben klar verteilt sind.
Reels sind häufig der Einstieg in neue Aufmerksamkeit. Das Profil ist die Übersetzungsfläche. Stories und DMs vertiefen Vertrauen. Die Website oder der nächste klare Call-to-Action übernimmt den eigentlichen Übergang in Nachfrage. Wenn eines dieser Glieder fehlt, sieht das Reporting oberflächlich gesund aus, während die Pipeline leer bleibt
Darum sollten Start-ups ihre Instagram-Arbeit nicht zuerst nach Output, sondern nach Bewegungsrichtung bewerten: Führt ein Inhalt zu mehr passenden Profilaufrufen? Führen Profilaufrufe zu einer erkennbaren nächsten Handlung? Entstehen aus dieser Handlung wiederkehrende Gespräche, Leads oder Käufe? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird Reichweite betriebswirtschaftlich interessant.
Die Nachfrage-Kette: Vier Stationen statt eines Vanity-Dashboards
Für kleine Teams reicht ein einfacher Rahmen mit vier Stationen:
Station | Kernfrage | Typischer Fehler | Bessere Entscheidung |
Sichtbarkeit | Erreichen wir neue, passende Nicht-Follower? | Alles auf Views reduzieren | Formate nach Themenfit und Aufmerksamkeit bewerten |
Auswahl | Versteht ein Profilbesucher sofort, worum es bei uns geht? | Bio und Profil als Dekoration behandeln | Profilversprechen, Pins und CTA schärfen |
Vertrauen | Liefert der Account genug Beweise, Beispiele und Wiedererkennbarkeit? | Einzelposts ohne Serienlogik veröffentlichen | Content-Säulen und klare Erwartung aufbauen |
Aktion | Gibt es eine kleine, klare nächste Handlung? | Zu früh verkaufen oder gar nicht leiten | Audit, DM, Warteliste oder Erstgespräch passend platzieren |
Dieser Rahmen zwingt Teams dazu, Content nicht nur kreativ, sondern funktional zu betrachten. Ein Reel, das viele Nicht-Follower erreicht, hat seinen Job zunächst erledigt. Wenn danach aber kaum Profilaufrufe folgen, liegt das Problem eher in der Verbindung zwischen Hook und Profilversprechen. Steigen die Profilaufrufe ohne weitere Klicks, mangelt es häufig an Klarheit, Social Proof oder einem konkreten nächsten Schritt.
Genau diese funktionale Sicht fehlt in vielen aktuellen Suchergebnissen. Dort geht es oft um mehr Reichweite, mehr Regelmäßigkeit und mehr Formate. Weniger häufig wird gefragt, wie eine junge Marke aus flüchtiger Aufmerksamkeit ein belastbares Nachfrage-Signal macht. Für Start-ups ist aber genau das der Unterschied zwischen Aktivität und Wachstum.
Ein 30-Tage-System für junge Marken ohne großes Ad-Budget
Statt sofort mehr zu posten, sollten Gründungsteams für 30 Tage ein kleines Betriebssystem aufsetzen.
Woche 1: Profilversprechen vor Content-Frequenz
In den ersten sieben Tagen wird nicht die Posting-Zahl optimiert, sondern die Übersetzung zwischen Content und Profil. Drei Fragen reichen:
- Versteht ein neuer Besucher in fünf Sekunden, für wen die Marke da ist?
- Ist klar, welches Problem gelöst wird und worin der Unterschied zu austauschbaren Anbietern liegt?
- Gibt es einen sichtbaren nächsten Schritt, der kleiner ist als ein harter Kaufabschluss?
Viele Profile verlieren Nachfrage schon hier. Reels erzeugen Neugier, aber Bio, angepinnte Beiträge und Story-Highlights führen nicht weiter. Für junge Marken ist deshalb ein gutes Profil oft wertvoller als ein zusätzlicher Post pro Woche.
Woche 2: Drei Content-Säulen statt Ideen-Lotterie
Danach werden Inhalte in drei Rollen sortiert:
- Reichweiten-Content: Themen, Fragen oder Beobachtungen, die neue Menschen in den Account holen.
- Vertrauens-Content: Beispiele, Einordnungen, Vorher-nachher-Denken, häufige Fehler oder kleine Entscheidungsraster.
- Aktivierungs-Content: Inhalte, die eine klare Reaktion auslösen, etwa DM-Antworten, Checklistenabrufe, Termininteresse oder konkrete Rückfragen.
Der Fehler vieler Start-ups ist nicht zu wenig Content, sondern eine fehlende Rollenverteilung. Wenn jeder Post alles zugleich leisten soll, wird die Botschaft weich. Besser ist eine kleine Serie, in der Reichweite erst auf ein klares Thema führt, dann Vertrauen aufbaut und schließlich zur passenden nächsten Handlung leitet.
Woche 3: Formate nach Signalaufgabe testen
Jetzt wird getestet, welches Format welche Aufgabe am zuverlässigsten erfüllt. Für viele junge Marken sind kurze Reels gut, um neue Aufmerksamkeit zu holen. Karussells oder präzise Stories leisten oft mehr, wenn es um Einordnung, Beispiele und spätere Aktivierung geht. Entscheidend ist nicht, welches Format gerade als Trend gilt, sondern welches Signal es im eigenen Funnel wirklich erzeugt.
Dafür reicht ein kleines Testdesign: pro Woche zwei Reels für neue Aufmerksamkeit, ein tieferer Vertrauens-Post und mehrere Stories, die Reaktionen oder Rückfragen provozieren. Nach jeder Veröffentlichung wird notiert, was gestiegen ist: Nicht-Follower-Reichweite, Profilaufrufe, Antworten, Klicks oder DMs. So wird aus Content-Produktion ein Lernsystem.
Woche 4: Das Weekly Review auf Nachfrage trimmen
In der vierten Woche wird nicht nur gesammelt, sondern entschieden. Jedes Team sollte sich einmal pro Woche 30 Minuten Zeit nehmen und drei Fragen beantworten:
- Welche Inhalte haben neue, passende Menschen erreicht?
- Welche Inhalte haben Profilaufrufe oder direkte Reaktionen erzeugt?
- Wo ist die Kette gebrochen und was testen wir nächste Woche anders?
Wichtig ist, dass daraus konkrete Entscheidungen entstehen. Wenn Reels Reichweite bringen, aber kaum Profilaufrufe, braucht die Hook einen stärkeren Übergang. Wenn Profilaufrufe hoch sind, aber keine Antworten kommen, ist meist das Profilversprechen oder der CTA zu unscharf. Wenn Stories Reaktionen bringen, aber keine Gespräche entstehen, fehlt oft ein sauberer nächster Schritt.
Welche Signale wirklich ins Wochenreview gehören
Viele Start-ups tracken zu viele Werte und lernen trotzdem zu wenig. Für ein schlankes Review reichen vier Signale:
- Nicht-Follower-Reichweite: Zeigt, ob Inhalte neue Menschen anziehen oder nur den bestehenden Kreis bedienen.
- Profilaufrufe: Zeigen, ob Aufmerksamkeit stark genug ist, um mehr Kontext einzufordern.
- Qualifizierte Reaktionen: Antworten, DMs, gespeicherte Beiträge oder Rückfragen sind oft wertvoller als bloße Likes.
- Folgehandlung außerhalb des Feeds: Linkklicks, Audit-Anfragen, Newsletter-Einträge oder Erstgespräche zeigen, ob Nachfrage entsteht.
Wer nur Reichweite und Followerzahl betrachtet, optimiert meist auf Lautstärke. Wer diese vier Signale gemeinsam liest, sieht deutlich früher, welcher Content echte Bewegung auslöst. Das ist für Gründer*innen wichtig, weil kleine Teams keine monatelangen Blindflüge finanzieren können.
Wann Ads Sinn ergeben und wann noch nicht
Paid ist nicht der Gegner von organischem Wachstum. Aber Ads verstärken nur das, was bereits vorhanden ist. Wenn Profil, Content-Rollen und Aktivierung noch unscharf sind, beschleunigt Budget vor allem Ineffizienz.
Sinnvoll wird Paid dort, wo organisch bereits erkennbar ist, welche Themen Aufmerksamkeit holen, welche Profilelemente Vertrauen aufbauen und welche Angebote eine echte Reaktion erzeugen. Dann dienen Anzeigen nicht mehr dazu, Unklarheit zu kaschieren, sondern ein funktionierendes System kontrolliert zu skalieren.
Für junge Marken ist das ein großer Unterschied. Sie kaufen dann nicht mehr einfach Reichweite, sondern mehr Gelegenheiten für eine bereits bewährte Nachfrage-Kette.
Drei Fehler, die fast jede junge Marke ausbremsen
- Erstens: Sie verwechselt Aufmerksamkeit mit Interesse. Views können hoch sein, obwohl die falschen Menschen zuschauen oder die richtigen Menschen keinen nächsten Schritt sehen.
- Zweitens: Sie veröffentlicht ohne Serienlogik. Einzelne gute Posts helfen, aber Nachfrage entsteht häufiger, wenn eine Marke wiedererkennbare Themen und klare Fortsetzungen baut.
- Drittens: Sie misst Aktivität statt Richtung. Ein voller Content-Kalender beruhigt intern, sagt aber wenig darüber aus, ob sich Menschen tatsächlich näher an eine Anfrage oder Kaufentscheidung bewegen.
Gerade in frühen Phasen ist Instagram kein Schönheitswettbewerb. Es ist ein Testfeld für Positionierung, Sprache, Problemdruck und Anschlussfähigkeit. Wer das versteht, gewinnt nicht nur Reichweite, sondern Klarheit über Markt und Botschaft.
Fazit
Junge Marken brauchen auf Instagram nicht zuerst mehr Output, sondern eine saubere Übersetzung von Sichtbarkeit in Nachfrage. Reichweite ist der Anfang der Bewegung, nicht ihr Ziel. Wenn Profilversprechen, Content-Rollen, Vertrauensaufbau und klare Folgehandlungen zusammenspielen, wird aus einem Social Kanal ein echter Wachstumshebel. Genau dann hören Zahlen auf, leer zu sein.
Quellen
- Instagram: Breaking Down How Instagram Search Works, about.instagram.com, 2021.
- Instagram: Instagram Ranking Explained, about.instagram.com, 2023.
- Instagram: Reels Feature Overview, about.instagram.com, Abruf Juli 2026.
- StartingUp: Marketing-Rubrik und aktuelle Social-/Community-Beiträge, starting-up.de, Abruf Juli 2026.
Der Autor Sofinias Terefework ist Gründer und Marketingberater bei IG Influence in Hannover. Er arbeitet an organischem Instagram-Wachstum, Content-Systemen, Influencer Marketing und der Frage, wie Unternehmen digitale Sichtbarkeit in messbare Nachfrage übersetzen.
