Anbieter-Check: Low-Code-Entwicklungs-Plattformen

Autor: Rosalia Pavlakoudis
44 likes

Wer Softwaretools oder Webanwendungen bereitstellen will, ohne die Kosten und Mühen einer traditionellen Entwicklung per Programmiersprachen auf sich zu nehmen, kann dies mithilfe von Low-Code- oder No-Code-Entwicklungsplattformen leisten. Wir stellen sieben leistungsstarke Tools vor.

Ob für Kundenportale, Apps für die Kommunikation zwischen Shareholdern oder Lösungen zur internen Datenverwaltung: Der Bedarf an maßgeschneiderten Apps und Webanwendungen in Unternehmen ist hoch. Viele Unternehmen möchten die Entwicklung dieser Apps gern selbst in die Hand nehmen, doch längst nicht alle haben ein eigenes Entwicklungsteam mit umfassenden Programmierkenntnissen oder die Möglichkeit, Mitarbeitende in diesem Bereich zu schulen.

Hier kommen Low-Code-Entwicklungsplattformen ins Spiel: Sie bieten eine vereinfachte Entwicklungsumgebung, in der die Anwendungserstellung mithilfe visueller Elemente und nicht durch klassische textbasierte Programmiersprachen erfolgt. So kann Software deutlich schneller und auch kostengünstiger entwickelt und bereitgestellt werden, und es ist nicht nötig, Teammitglieder mit Programmierkenntnissen einzustellen oder umfangreiche Schulungen durchzuführen. Üblicherweise bieten diese Plattformen auch umfassende Funktionen zur Verwaltung von Dokumenten, Dateien und Inhalten, sodass Unternehmen mit diesen eine zentrale Informationsquelle für alle Teams erstellen können. Meist können die per Low-Code-Plattform entwickelten Anwendungen in der Cloud bereitgestellt werden, gelegentlich auch On-Premises.

Die von uns ausgewählten Anbieter*innen bieten unter anderem folgende drei Hauptfunktionen von Low-Code-Plattformen: Deployment Management (Einsatzmanagement), Integrations Management (Integrationsmanagement) und Visual Modeling (visuelle Gestaltung). Sämtliche Auswahlkriterien sind am Ende des Beitrags aufgeführt. Die sieben Tools sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt.

Airtable

Die Low-Code-Entwicklungsplattform Airtable verbindet die vertraute Nutzungsweise von Tabellenkalkulationen mit den Möglichkeiten einer Datenbank. Teams können Daten aus den unterschiedlichsten Quellen automatisch und in Echtzeit synchronisieren und so eine zentrale Informationsquelle für alle Beteiligten schaffen. Diese Daten lassen sich in sogenannten Bases in Tabellenform oder in zahlreichen anderen Ansichten anzeigen, etwa als Gantt-Diagramm, Kanban-Board, Team­kalender, visuelle Galerie oder Zeitleiste. Auch teilbare Formulare zum Erfassen von Daten sind verfügbar. Teams können Prozesse und Abläufe automatisieren, von einfachen auto­matisch versendeten Benachrichtigungen bis hin zu komplexen mehrschrittigen Workflows, und sich dabei die Inte­grationen für Tools wie Google Workspace, Slack oder Twitter zunutze machen. Die Logiken für die Automatisierung lassen sich per Java­Script erweitern.

Mit dem Interface Designer von Airtable können Teams per Drag and Drop und ohne Code eigene Nutzungsoberflächen erstellen und Berechtigungen dafür festlegen, wer worauf Zugriff hat. Für jede Base lassen sich beliebig viele Oberflächen erstellen und für einzelne Teammitglieder oder Stakeholder individuell anpassen. Die cloudbasierte Lösung ist über den Browser sowie als Desktop-App für Mac und Windows und als iOS- oder Android-App nutzbar.

Für Einzelpersonen oder sehr kleine Teams bietet Airtable eine Gratisversion mit unbegrenzt vielen Bases und bis zu 1200 Datensätzen pro Base für bis zu fünf Teammitglieder. In den kostenpflichtigen Versionen Plus, Pro und Enterprise sind unter anderem Erweiterungen verfügbar (drei bzw. zehn pro Base in den Versionen Plus und Pro, unbegrenzt viele in der Enterprise-Version), mit denen sich die Bases beispielsweise um einen JSON-Editor, interaktive Skripts, Suchfunktionen und einen CSV-Import erweitern lassen. Die Enterprise-Ver­sion bietet großen Unternehmen nützliche Funktionen wie einen dreijährigen Revisionsverlauf, Single Sign-On und ein unternehmensweites Admin-Panel.

5 Hauptfunktionen von Airtable

  • Cloudbasiertes Unternehmens-Dashboard als zentrale Informationsquelle.
  • Automatisierungen mit den verschiedensten Auslösern einschließlich Webhooks.
  • Flexibel anpassbare Ansichten und Freigabeeinstellungen.
  • No-Code-/Low-Code Entwicklung von Anwendungen, die als Website bereitgestellt werden können.
  • Integrationen für zahlreiche beliebte Anwendungen wie GitHub, Asana oder Zendesk; Zapier-Integrationen und REST API.

BIC Platform

Die BIC Platform bietet eine Reihe verschiedener Module zur Erreichung der Unternehmensziele: BIC Process Design dient der Modellierung, Analyse und Optimierung von Unternehmensprozessen einschließlich automatisierter Prüf- und Freigabe-Workflows sowie Dokumentenmanagement. BIC Information Security ist ein automatisiertes Informationssicherheitsmanagementsystem nach ISO 27001 mit interak­tiven Dashboards, vordefinierten Berichten und Risikomanagement. BIC Data Protection hilft Unternehmen, die Vorgaben der DSGVO einzuhalten. BIC Business Continuity hilft bei der Überwachung kritischer Geschäftsprozesse und der Reaktion im Notfall, BIC BSI Grundschutz dient der Einhaltung der Anforderungen des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) und die GRC-Software BIC Custom GRC verwaltet Prozesse zu Governance, Risk und Compliance.

BIC Process Execution bietet zahlreiche Funktionen für die Low-Code-/No-Code-Automatisierung. Per Drag-and-Drop­Modellierung und Formulareditor im Baukastensystem lassen sich ausführbare Workflows, digitale Formulare oder durch Bots automatisierte Aufgaben etwa für Kund*innen oder Mitarbeitende erstellen. Dabei können Drittsysteme wie SAP, Microsoft Dynamics, Sharepoint und Salesforce inte­griert werden und Robotic Process Automation erweitert die Automatisierung.

Der Anbieter hat seinen Hauptsitz in Bochum: Das Tool und der Kundensupport sind somit auf Deutsch verfügbar. Alle Preisinformationen sowie eine kostenfreie Demo oder Testversion gibt es auf Anfrage.

5 Hauptfunktionen von BIC Platform

  • Prozessoptimierung und -automatisierung.
  • Module für Informationssicherheit, Datenschutz, Compliance und mehr.
  • Prozess-Templates für die einfache No-Code-/Low-Code-Automatisierung.
  • Dynamisches Fall- und Aufgabenmanagement.
  • Analysen von Prozessperformance und Fortschritt.

Formaloo

Mit Formaloo können Unternehmen ohne Verwendung von Code Formulare, Datenbanken und benutzerdefinierte Webanwendungen erstellen. Dabei können sie Daten aus Excel-Tabellen importieren, über in Formaloo erstellte Onlineformulare erfassen oder Datensätze neu aufbauen. Der auf die Zusammenarbeit ausgerichtete Arbeitsbereich kann nach verschiedenen Teams, Abteilungen, Kund*innen und Projekten organisiert werden. Im Web App Builder lassen sich Formulare, Links, Tabellen, Diagramme und mehr zusammenführen, um die Daten an einem zentralen Ort zu visualisieren, zu verwalten und mit anderen zu teilen. Per iframe können die so erstellten Web-Apps in Websites eingebettet werden. Auch vorgefertigte Templates für Web-Apps sind verfügbar. Neben zahlreichen Inte­grationen für Apps und Services wie Google, Salesforce, Microsoft oder Shopify gibt es eine SDK, APIs und Webhooks.

Die kostenlose Version von Formaloo richtet sich an Einzelpersonen mit bis zu fünf Datenbanken und Anwendungen. Für KMU eignet sich die Plus-Version mit unbegrenzt vielen Datenbanken und Anwendungen, größere Unternehmen sind mit der Pro- oder Enterprise-Version gut bedient. Ab der Plus-Version sind Workflow-Automatisierung und Logiken verfügbar.

5 Hauptfunktionen von Formaloo

  • Erstellen von Formularen, Datenbanken und Webanwendungen.
  • Anwendungsvorlagen für die verschiedensten Bereiche.
  • Datenerfassung und -analyse, etwa für Kundendaten.
  • Zugriffsbeschränkungen und sichere Zusammenarbeit im Team.
  • WordPress-Plugin zum Erstellen von Formularen und Widgets.

Forms On Fire

Wie der Name schon verrät, liegt ein Fokus von Forms on Fire auf der Erstellung von Formularen. Das Tool richtet sich unter anderem an Unternehmen, die Formulare für ihre internen und externen Mitarbeitenden erstellen möchten, etwa für Inspektionen, Fragen zur Arbeitssicherheit oder Arbeitsaufträge. Doch auch mobile Datenbanken, Referenzdokumente, Aufgabenlisten und Analyseberichte können erstellt werden. Sowohl die Datenerfassung als auch das Ausdrucken von Inhalten sind offline möglich und die No-Code-Designs können in Excel exportiert werden. Zu den nutzbaren Funktionen gehören Barcode- und NFC-Scans, Signaturerfassung, GPS-Standorterfassung und die Integration in andere Systeme.

Das Tool ist in den Versionen Standard, Premium und Enterprise verfügbar. Alle drei Versionen bieten unbegrenzten Speicherplatz und unbegrenzt viele Apps. Die Premium-Version bietet zudem Workflows, unbegrenzt viele Einträge und Premium-Konnektoren. Die Enterprise-Version ermöglicht Single Sign-On und bietet SYNQL für MS SQL oder MySQL.

5 Hauptfunktionen von Forms On Fire

  • Plattformübergreifende Formularerstellung und Excel-App-Designer.
  • Versionskontrollen und Testmodus für mobile Apps.
  • Benutzer*innendefinierte Dashboards für die grafische Aufbereitung von Informationen.
  • Automatisierungen mit flexiblen Workflows, Aufgaben-Templates und Aufgaben-API.
  • Integrationen für Google Sheets, Amazon S3, SharePoint, PowerBI, Zapier und mehr sowie offene API.

Intrexx

Intrexx ist ein skalierbares Low-Code-Baukastensystem für individuell erstellte Businessanwendungen. Per Drag and Drop lassen sich Anwendungen erstellen und Workflows automatisieren, um beliebige Arbeitsabläufe im Unternehmen zu optimieren. Intrexx bietet zahlreiche branchenunabhängige, vorgefertigte Softwarelösungen, die an die individuellen Bedürfnisse eines Unternehmens angepasst werden können, etwa für das Risikomanagement, die Datenanalyse, das Customer Relationship Management, das Qualitätsmanagement oder die Prozessvisualisierung.

Für den Einstieg bietet Intrexx eine Auswahl an Schulungen über die Intrexx Academy, sowohl als On-Demand-Videotrainings als auch als geführte Onlineschulungen zu festen Terminen. Unternehmen können zudem individuelle Onlineschulungen für ihre Teams buchen. Zu den Tools von Intrexx gehören außerdem das DMS-System Dokumentenmanager Pro sowie das Tool für die interne Zusammenarbeit Intrexx Share, das auch Projekt- und Aufgabenmanagementfunktionen bietet.

Das Tool wird in Deutschland entwickelt, ist auf Deutsch verfügbar und bietet eine 90-tägige Testversion sowie ein persönlich begleitetes Onboarding. Preise sowie persönliche telefonische Beratungstermine sind auf Anfrage verfügbar.

5 Hauptfunktionen von Intrexx

  • Anpassbare Businessanwendungen für viele Bereiche.
  • Low-Code-Plattform mit Drag-and-Drop-Editor.
  • Dokumentenmanager und Zusammenarbeitstool.
  • Prozessautomatisierung mit digitalen Workflows.
  • Zentrale Darstellung aller Unternehmensprozesse.

Ninox

Mit der cloudbasierten Datenbankplattform Ninox können Unternehmen Daten und Dokumente an einem zentralen Ort verwalten, über beliebige Geräte zusammenarbeiten und per Drag and Drop Formulare, Berichte und Business-Anwendungen in beliebiger Komplexität erstellen. Daten können in Formularen verwaltet und als Tabelle, Diagramm, Karten, Kanban-Board, Gantt-Diagramm oder Pivot-Diagramm angezeigt werden. Die Automatisierung ist skriptbasiert und über Trigger möglich, ferner es gibt eine breite Auswahl an Vorlagen, etwa für Vertrags- oder Aufgabenverwaltung, Wartungs-, Abnahme- oder Mängelprotokolle, die Arbeitszeiterfassung, das On- und Offboarding, CRM oder Immobilienverwaltung. Für mehr Sicherheit sind rollenbasierte Zugriffsberechtigungen, benutzer*innendefinierte Passwortrichtlinien, Sitzungsmanagement und Single Sign-on verfügbar.

Ninox ist ein deutsches Tool, somit auf Deutsch verfügbar und DSGVO-konform. Wer nur kleine Business-Anwendungen erstellen möchte, kann bereits in der Starter-Version unbegrenzte Arbeitsbereiche, Datenbanken und Tabellen sowie skriptbasierte Automatisierungen nutzen. In der Professional-­Version gibt es Anwender*inrollen, rollenbasierte Zugriffsberechtigungen und zusätzliche Ansichten, in der Enter­prise-Versionen unter anderem SSO, AD DS (Active Directory Domain Services), Personalisierungsoptionen sowie die Möglichkeiten zur Bereitstellung in einer privaten Cloud oder On-Premises statt in einer öffentlichen Cloud. Zudem gibt es Apps für iPhone, iPad, Android und Mac.

5 Hauptfunktionen von Ninox

  • Cloudbasierte Datenverwaltung, Formular- und Berichtserstellung.
  • No-Code-Erstellung von benutzer*innendefinierten Anwendungen.
  • Vordefinierte Feldtypen und Vorlagenbibliothek.
  • HTTP/REST-APIs, Integrationen einschließlich Zapier und Make (ehemals Integromat).
  • Zugriffsberechtigungen und Sitzungsmanagement.

Softr

Softr dient dazu, benutzer*innendefinierte Unternehmensanwendungen wie Kundenportale, Partneranwendungen oder interne Tools auf Basis der Daten aus Airtable-Bases oder Google-Tabellen zu erstellen. Dafür stehen mehr als 100 vordefinierte Blöcke wie etwa Funktionsübersichten, Formulare und CTAs für Websites zur Verfügung und die so entwickelten Full-Stack-Webanwendungen können Mitgliedschaften, Zahlungen und Geschäftslogiken unterstützen sowie für Apple- und Android-Geräte bereitgestellt werden. Die Sichtbarkeit von Seiten und Blöcken ist einzeln einstellbar, etwa abhängig von Bedingungen wie dem Anmeldestatus von Personen, deren Nutzer*innenrolle oder aktuellem Abonnement. Mit Softr entwickelte Websites können auf eigenen Domains gehostet werden und sind SEO-optimiert. Seitenelemente können inter­aktiv hinzugefügt und bearbeitet werden, beispielsweise Profilinformationen. Neben der direkten Airtable-Integration sind Integrationen für Google Analytics, Stripe, Mailchimp und mehr sowie Integrationen per Zapier und Make (Integromat) verfügbar.

Es gibt eine Gratisversion für unbegrenzt viele Anwendungen, eine benutzer*innendefinierte Domain mit Softr-Branding und Airtable-Integration für bis zu 200 Datensätze. Die kostenpflichtigen Versionen Starter, Professional und Business richten sich an unterschiedlich große Unternehmen und bieten je nach Version zusätzliche Funktionen wie benutzer*innendefinierter Code (HTML/CSS/JavaScript), das Aktualisieren von Airtable-Datensätzen sowie die Option, Mitgliedschaften und Paywalls für – je nach Version – bis zu 100.000 Mitglieder einzurichten.

5 Hauptfunktionen von Softr

  • Entwicklung von Unternehmensanwendungen auf Basis von Airtable oder Google-Tabellen.
  • Bereitstellung von Websites mit Mitgliedschaften, Paywalls und Zahlungsfunktionen.
  • Vorgefertigte Blöcke zur Erstellung interaktiver Web­anwendungen.
  • Aktualisieren von Airtable-Datensätzen.
  • Integrierte SEO-Funktionen.

Methodik

Für diese Liste haben wir zunächst Tools ausgewählt, die innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens 20 Nutzer*innenbewertungen auf Get App erhalten haben (Stand vom 29.09.2022). Anschließend wurden diese Tools nach der Reihenfolge ihrer Gesamtbewertung (von der höchsten bis zur niedrigsten) sortiert, wobei wir eine Mindestbewertung von 4,5 von 5 Sternen zugrunde gelegt haben. Außerdem mussten die Produkte unserer Definition von Low-Code-Plattformen entsprechen: Low-Code-Entwicklungsplattformen bieten Nutzer*innen eine vereinfachte Entwicklungsumgebung, in der die Anwendungserstellung mithilfe visueller Elemente und nicht durch traditionelle Kodierung erfolgt. Die Softwareprogramme mussten ebenfalls die Hauptfunktion der Kategorie Low-Code-Software bieten: Deployment Management (Einsatzmanagement), Integrations Management (Integrationsmanagement) und Visual Modeling (Visuelle Gestaltung). Die finale Auswahl setzt sich aus den ersten sieben Tools zusammen, die alle oben stehenden Kriterien erfüllen.

Die Autorin Rosalia Pavlakoudis ist Content Analyst für GetApp und Software Advice, zwei unabhängigen Software-Vergleichsplattformen für Business-Software-Käufer*innen. Beide Netzwerke bieten verifizierte Nutzerbewertungen und unabhängige Testberichte in Hunderten von Softwarekategorien.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

PapierNest: riskante Konsolidierungsstrategie im schrumpfenden Grußkartenmarkt

In Zeiten allgegenwärtiger Messenger-Dienste gilt der Markt für analoge Grußkarten als strukturell rückläufig. Dennoch wollen die Hamburger Gründer Constantin von Braun und Burkhard Schepermann mit ihrem Grußkartenverlag PapierNest beweisen, dass durch eine B2B-Plattformstrategie und strategische Zukäufe nach wie vor Wachstum möglich ist. Ein genauerer Blick auf das Geschäftsmodell offenbart jedoch operative Fallstricke.

Die Basis von PapierNest bildet eine konsequente Buy-and-Build-Strategie. Nach der Gründung des Goldbek Verlags im Jahr 2003 erwarben die Gründer 2023 den Schweizer Traditionsverlag ABC und formten daraus die heutige Dachmarke. Durch diese Expansion beansprucht das Unternehmen im DACH-Raum mittlerweile einen Platz unter den Top 5 der Branche.

PapierNest versteht sich heute nicht mehr primär als Verlag, sondern als Systemdienstleister für den stationären Handel. Doch der massive Wachstumssprung birgt Herausforderungen: Die Integration völlig unterschiedlicher Verlagskulturen ist ein komplexer Prozess, der das Tagesgeschäft und die Lieferfähigkeit keinesfalls gefährden darf.

Das Plattform-Paradoxon: Flächenproduktivität vs. Vorleistungsfalle

Die Kernstrategie des Unternehmens ist die Abkehr vom reinen Eigenmarken-Vertrieb. PapierNest positioniert sich als Plattform, die das Sortiment auf den Verkaufsflächen bündelt. Eigene Marken wie Goldbek und ABC werden dabei gezielt mit Partner-Brands wie Ohh Deer und Pictura verzahnt. In der Schweiz, wo PapierNest nach eigenen Angaben Marktführer ist, umfasst dieses Netzwerk unter anderem Caroline Gardner, Photoglob, Nostalgic Art und Bug Art.

Für den Handel reduziert das die Komplexität durch einen zentralen Ansprechpartner. Was in der Theorie nach einer klassischen Win-win-Situation klingt, birgt in der Praxis für PapierNest enorme operative und finanzielle Hürden:

  • Ein derartiges Plattformmodell für physische Produkte ist extrem kapitalintensiv.
  • Das Unternehmen muss die Fremdmarken vorfinanzieren und logistisch bündeln.
  • In einem von hohen Papier- und Frachtkosten geprägten Markt trägt PapierNest bei sinkender Nachfrage das volle Lagerrisiko.
  • Es droht die Kannibalisierung des eigenen Sortiments: Wenn Händler*innen aus Platzgründen nur Bestseller ins Regal stellen, könnten angesagte Partner-Marken langfristig die eigenen, margenstärkeren Hausmarken verdrängen.

Der "KartenWunder"-Moonshot: Zwischen Greenwashing-Risiko und Tech-Spielerei

Trotz der klaren B2B-Ausrichtung entwickelt das Unternehmen jährlich hunderte Neuheiten für den Endkonsument*innen. Die aktuelle Kollektion „Karten Wunder“, die in Zusammenarbeit mit Branchenpionier Achim Perleberg entstand, soll die physische Karte mit einer digitalen Erlebnisebene verbinden. Scannt der/die Nutzer*in einen QR-Code, öffnet sich eine Augmented-Reality-Animation (AR) mit Musik und bewegten Figuren auf dem Smartphone. Gleichzeitig setzt die Serie auf schwer recycelbare Heißfolienveredelungen für eine besondere Haptik.

Hier zeigen sich zwei gravierende Reibungspunkte in der Produktstrategie:

  • Das Nachhaltigkeits-Paradoxon: Die Vorgängerkollektion wurde noch unter dem Namen „Green Karma“ als nachhaltig positioniert. Dem Handel im direkten Anschluss schwer abbaubare Premiumprodukte mit aufwendiger Folienveredelung anzubieten, wirft Fragen bezüglich einer ernstgemeinten Nachhaltigkeit auf und macht das Unternehmen angreifbar für Greenwashing-Vorwürfe.
  • Zweifelhafter AR-Nutzen: Die Nutzung von Augmented Reality via QR-Code bedeutet für den/die Endkonsument*in hohe Hürden im Alltag – vom Zücken des Smartphones über das Scannen bis hin zum Laden der Inhalte. Es ist fraglich, ob diese digitalen Features von den Karten-Empfänger*innen tatsächlich genutzt werden, oder ob sie primär als PR-Argument und Verkaufs-Gimmick gegenüber den Einkäufer*innen im Handel fungieren.

Gefangen zwischen Branchenriesen und Digital-Playern

Der globale Grußkartenmarkt verliert durch die Digitalisierung an Volumen, kompensiert diese Verluste jedoch teilweise durch höhere Stückpreise. Da viele kleine Verlage keine Nachfolger*innen finden, lassen sich Marktanteile durch Zukäufe geschickt konsolidieren.

Dennoch bewegt sich PapierNest in einem echten Haifischbecken:

  • Im B2B-Segment dominieren etablierte Riesen wie bsb-obpacher oder Avancarte, die ihre Drehständer-Flächen erbittert verteidigen.
  • Gleichzeitig attackieren B2C-Digital-First-Player wie Moonpig oder Send-a-Smile den Markt direkt an dem/der Endkonsument*in. Diese Anbieter bergen die akute Gefahr, klassische Grußkartenkäufer*innen langfristig komplett aus den Buchhandlungen ins Netz abzuziehen.

Das größte strukturelle Risiko für PapierNest bleibt schlussendlich die fundamentale Abhängigkeit vom stationären Einzelhandel. Das komplette Geschäftsmodell steht und fällt mit der Laufkundschaft in Buchhandlungen und Boutiquen. Sollten die Frequenzen in den Innenstädten in den kommenden Jahren weiter sinken und der Point of Sale massiv an Relevanz verlieren, stößt auch die am besten optimierte Flächenproduktivität unweigerlich an ihre Grenzen.

Die versteckte zweite Gründung

Oder: Wenn Start-ups ihr Unternehmen im Wachstum neu erfinden müssen.

Irgendwann stimmt alles, und trotzdem stimmt etwas nicht.

Die Zahlen wachsen. Das Team wächst. Die Investoren sind zufrieden, die Presse auch. Aber intern gerät Sand ins Getriebe, den niemand so richtig greifen kann. Entscheidungen dauern länger. Abstimmungen, die früher in zehn Minuten erledigt waren, brauchen jetzt drei Meetings und ein Follow-up. Mitarbeiter sind verunsichert und fragen Dinge, die eigentlich klar sein sollten. Der Gründer sitzt abends da und fragt sich, wann er den Überblick verloren hat.

Das ist kein Führungsversagen. Das ist Wachstum – in seiner unangenehmen, ehrlichen Form. Und es trifft fast jeden, der es weit genug gebracht hat.

Das Unternehmen, das sich selbst überholt

Was ein Start-up in seinen ersten Jahren trägt, ist seine Überschaubarkeit. Alle wissen alles, weil alle mit allen reden. Entscheidungen entstehen nicht in Prozessen, sondern in Gesprächen. Die Kultur ist nicht dokumentiert – sie ist stets gegenwärtig, weil die Menschen noch alle im selben Raum sitzen. Freitagabend kennt man sich, Montagmorgen versteht man sich. Kein Handbuch nötig.

Das ist keine Schwäche der frühen Phase. Es ist ihre eigentliche Stärke.

Bis das Unternehmen zu groß wird für genau dieses Prinzip. Mit zunehmender Skalierung entsteht eine administrative Komplexität, die die Kapazität des ursprünglichen Gründerteams systematisch zu übersteigen beginnt. Nicht weil das Team schlechter geworden wäre. Sondern weil das Unternehmen ein anderes geworden ist, die Strukturen jedoch noch so tun, als wäre es das alte.

Hier beginnt die eigentliche Krise. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem leisen, anhaltenden Ton. Einem Ton, den viele zunächst für Kommunikationsprobleme halten, für falsche Perspektiven oder für einen schwierigen Markt. Es ist keines davon. Es ist Physik.

Zwischen 30 und 100: das Niemandsland

Die organisatorische Bruchstelle zwischen 30 und 100 Mitarbeiter ist eine der wiederkehrenden Schwellen, an denen Skalierung am häufigsten scheitert. Zu groß für das Prinzip „alle kennen alle“, zu klein für das, was man als professionelle Unternehmensführung bezeichnet.

In dieser Grauzone entstehen plötzlich Führungsrollen, bevor jemand sie definiert hat. Verantwortung verteilt sich informell, weil niemand die Zeit und den Kopf hatte, sie formal zuzuweisen. Wissen steckt in einzelnen Köpfen statt in Prozessen. Entscheidungen stauen sich, weil am Ende doch wieder der Gründer gefragt wird. Teams arbeiten parallel an denselben Fragen, ohne es zu wissen. Abteilungen arbeiten nebeneinander statt miteinander – jede mit eigener Sprache, eigener Prioritätenliste, eigener Version der Unternehmensrealität.

Von außen sieht das nach Wachstumsschmerzen aus. Von innen ist es das Unternehmen, das auf eine zweite Gründung wartet.

Wachstumsschmerzen vergehen in der Regel. Diese Situation hier nicht. Sie wächst einfach mit.

Was die zweite Gründung bedeutet – und was nicht

Keine Neuerfindung des Produkts. Kein Rebrand. Keine Strategieklausur, nach der alle erschöpft und inspiriert nach Hause fahren und am Montag weitermachen wie vorher.

Die Führungslogik, die ein Start-up groß macht – persönliche Nähe, gemeinsame Vision, emotionale Bindung – muss ab einem gewissen Punkt abgelöst werden. Von etwas Neuem, das skaliert: klare Rollen, verteilte Verantwortung, Strukturen, die auch dann funktionieren, wenn der Gründer nicht im Raum ist.

Das fühlt sich nach Verlust an. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass jemand kurz beim Gründer nachfragt. Teams priorisieren eigenständig, weil sie wissen, nach welchen Kriterien priorisiert wird. Neue Mitarbeiter verstehen, wie das Unternehmen funktioniert – nicht weil sie es erleben, sondern weil es niedergeschrieben ist.

Jemand übernimmt die operative Führung. Die Gründer bekommen den Kopf wieder frei für das, was sie eigentlich gut können – das Produkt. Das ist keine Niederlage. Im Gegenteil: Es ist der Moment, in dem eine Organisation aufhört, ein großes Start-up zu sein, und beginnt, ein Unternehmen zu werden.

Es geht um die Fähigkeit zu erkennen, was das Unternehmen gerade braucht – und nicht um das, was den Gründer bisher erfolgreich gemacht hat.

Genau das entscheidet, ob das Unternehmen wirklich wächst oder einfach nur größer wird.

Was dabei wirklich schwer ist

Nicht die Strukturen. Nicht die Prozesse. Nicht mal die Hierarchie, die plötzlich auftaucht, wo vorher keine war.

Sondern dass der Gründer aufhört, das Unternehmen zu sein, und anfängt, es zu führen. Dass das, was ihn stark gemacht hat – Kontrolle, Tempo, persönliche Präsenz in allem –, plötzlich genau das ist, was er jetzt loslassen muss. Nicht weil er es falsch gemacht hat, sondern weil das Unternehmen größer geworden ist als dieser eine Ansatz.

Was in der Hochphase als Stärke funktioniert, entpuppt sich in der Skalierung als strukturelle Schwäche, wenn man es nicht erkennt und umbaut. Das ist keine Kritik an frühen Entscheidungen.

So funktionieren Organisationen: Was sie in eine Phase trägt, trägt sie nicht automatisch in die nächste.

Loslassen fühlt sich nach Kontrollverlust an. Strukturen fühlen sich nach Bürokratie an. Delegation fühlt sich nach Vertrauen ins Unbekannte an. All das ist real. Und all das gehört dazu, weil es zeigt, dass das Unternehmen gerade an einer Grenze steht, die nicht wegoptimiert werden kann. Sie muss durchquert werden.

Die zweite Gründung ist kein Eingeständnis. Sie ist die logische Konsequenz davon, dass die erste funktioniert hat. Wer sie selbst angeht, steuert den Wandel. Wer wartet, wird von ihm gesteuert.

Die meisten Gründer feiern die erste Gründung. Die zweite findet ohne Applaus statt – und genau die entscheidet, ob aus dem Start-up ein Unternehmen wird.

Die Autorin Nicole Dildei ist C-Level Interim Managerin und Managementberaterin mit über 20 Jahren Erfahrung in Transformation, Restrukturierung und Organisationsentwicklung. Sie begleitet Unternehmen im deutschsprachigen Raum in den entscheidenden Phasen des Wandels.

Solo gründen, aber nicht allein denken: Welche Netzwerke am Anfang helfen

Allein gründen heißt nicht, alles allein stemmen zu müssen. Wer von Beginn an die richtigen Kontakte knüpft, spart Zeit, Nerven und oft auch viel Geld. Dieser Beitrag zeigt, welche Netzwerke in der Startphase wirklich weiterhelfen und wie man sie für sich nutzt.

Solo zu gründen bringt jede Menge Freiheit. Man entscheidet schnell, bleibt flexibel und muss sich mit niemandem abstimmen. Genau diese Unabhängigkeit kann aber zur Falle werden, denn niemand spiegelt die eigenen Ideen, niemand warnt vor typischen Anfängerfehlern und an manchen Tagen fehlt schlicht der Mensch zum Austauschen. Sobald man sich selbstständig macht, kommen viele Fragen auf, von der Anmeldung über die Steuern bis zur Suche nach den ersten Kund*innen. Genau hier fängt ein gutes Netzwerk auf. Es ersetzt kein Team, schenkt aber hilfreiches Feedback, Sparringspartner*innen und Zugang zu Wissen, das man sich sonst teuer einkaufen müsste.

Warum ist ein Netzwerk für Solo-Gründer*innen so wertvoll?

Als Einzelkämpfer*in trägt man alle Rollen gleichzeitig, von der Buchhaltung über das Marketing bis zum Vertrieb. Niemand kann alles und das muss auch niemand. Ein Netzwerk verteilt Wissen auf viele Schultern. Man bekommt Antworten auf Fragen, für die man sonst stundenlang recherchieren würde, lernt von Menschen, die dieselben Hürden schon gemeistert haben, und gelangt über Empfehlungen oft schneller an erste Aufträge als über klassische Kaltakquise. Der wohl unterschätzteste Effekt ist aber der emotionale. Wer sich mit anderen austauscht, bleibt motivierter, trifft mutigere Entscheidungen und übersteht Durststrecken deutlich besser.

Welche Netzwerke helfen ganz am Anfang?

Die gute Nachricht: Man muss nicht bei null anfangen. Diese Anlaufstellen sind besonders hilfreich, wenn man gerade erst startet:

  • Industrie- und Handelskammern: Sie sind die klassische erste Anlaufstelle, bieten kostenlose Erstberatung, Gründungsseminare und regelmäßige Veranstaltungen zum Kennenlernen.
  • Gründerzentren, Inkubatoren und Acceleratoren: Hier gibt es Räume, strukturiertes Mentoring und direkte Kontakte zu erfahrenen Gründer*innen und teils auch zu Kapitalgeber*innen.
  • Branchen- und Berufsverbände: Sie bündeln Fachwissen, vertreten die Interessen ihrer Mitglieder und verschaffen Sichtbarkeit innerhalb der Branche.
  • Coworking-Spaces: Ein gemeinsamer Schreibtisch bringt nicht nur Infrastruktur, sondern auch spontane Gespräche, neue Perspektiven und manchmal die nächste Zusammenarbeit.
  • Online-Communities: Auf LinkedIn, in Fachforen oder in Slack- und Discord-Gruppen vernetzt man sich ortsunabhängig und rund um die Uhr.
  • Gründerstammtische und Meetups: Diese lokalen, lockeren Treffen sind niedrigschwellig und ideal, um ohne Druck erste Kontakte zu knüpfen.
  • Mentoring-Programme: Erfahrene Unternehmer*innen stehen zur Seite, teilen ihre eigenen Fehler und helfen, unnötige Umwege zu vermeiden.

Einen guten Überblick über Programme, Förderungen und Anlaufstellen bietet außerdem die Gründerplattform des Bundes.

Wie findet man das Netzwerk, das wirklich passt?

Nicht jedes Netzwerk passt zu jedem Vorhaben. Zuerst sollte man sich fragen, was gerade am dringendsten gebraucht wird: fachlicher Input, neue Kund*innen, emotionaler Rückhalt oder Kapital. Ein lokaler Stammtisch bringt wenig, wenn die Zielgruppe weltweit online sitzt, und eine riesige LinkedIn-Gruppe ersetzt selten das persönliche Gespräch bei einem Kaffee. Man sollte ruhig mehrere Formate testen, bevor man sich festlegt, und dabei mehr auf die Qualität der Kontakte achten als auf die reine Menge. Ein kurzer Selbstcheck hilft herauszufinden, welches Netzwerk am besten passt.
 

Tipp:

Lieber zwei Netzwerke aktiv pflegen als zehn nur passiv beobachten. Feste Zeitfenster fürs Netzwerken einplanen, sonst geht es im Tagesgeschäft schnell unter.


Wie wird man vom stillen Mitglied zum echten Teil des Netzwerks?

Eine Mitgliedschaft allein bringt noch nichts. Netzwerke leben vom Geben und Nehmen, und wer großzügig teilt, bleibt positiv im Gedächtnis. Mit diesen Gewohnheiten wird man schnell zu einem festen Bestandteil der Community.

  • Sich regelmäßig zeigen und nicht nur dann, wenn man gerade selbst etwas braucht.
  • Aktiv Hilfe anbieten und Kontakte, Tipps sowie ehrliche Empfehlungen teilen.
  • Sich auf Events vorbereiten und vorab überlegen, wen man treffen möchte.
  • Nach dem ersten Kennenlernen dranbleiben, eine kurze Nachricht wirkt oft Wunder.
  • Authentisch bleiben, denn echte Beziehungen tragen länger als ein Stapel gesammelter Visitenkarten.

Gemeinsam kommt man weiter

Solo zu gründen bedeutet, eigenverantwortlich zu handeln, nicht isoliert zu arbeiten. Die richtigen Netzwerke geben Rückhalt, frische Perspektiven und öffnen Türen, die allein verschlossen blieben. Klein anfangen, wenige Kontakte dafür echt pflegen und Netzwerken als langfristige Investition in das eigene Unternehmen verstehen. So ist man zwar sein eigener Chef oder seine eigene Chefin, steht aber nie ganz allein da.

DeepTech-Moonshot gegen Krebs: CollimateHealth sichert sich 6 Mio. Euro Seed-Kapital – und fordert die Radiotherapie-Giganten heraus

Das 2026 von Prof. Dr. Stefan Bartzsch, Dr. Johanna Winter und Dr. Hans Maria Heÿn gegründete Münchner MedTech-Start-up CollimateHealth will die Strahlentherapie revolutionieren. Mit extrem feinen Mikrostrahlen sollen Tumore präziser bekämpft und das Immunsystem aktiviert werden. Eine überzeichnete Seed-Runde in Höhe von 6 Millionen Euro gibt dem Team massiven Rückenwind. Doch der Weg zur Marktreife in einem von Großkonzernen dominierten Markt ist lang und extrem kapitalintensiv. Eine Analyse.

Die klassische Strahlentherapie gehört bei rund der Hälfte aller Krebspatienten weltweit zur Standardbehandlung. In den letzten Jahrzehnten hat sie sich technologisch stetig verbessert, operiert jedoch weiterhin mit einem grundlegenden Dilemma: Um Krebszellen zu zerstören, arbeiten Kliniken typischerweise mit vergleichsweise breiten Strahlen und niedrigen Dosen, was unweigerlich auch gesundes Gewebe schädigt und teils starke Nebenwirkungen hervorruft.

Das Münchner Start-up CollimateHealth tritt an, um dieses Paradigma zu brechen. Für die Entwicklung einer radikal neuen Mikrostrahltherapie konnte das Unternehmen nun namhafte europäische Life-Science-Investoren überzeugen. VP Venture Partners, Positron, XISTA Science Ventures, der High-Tech Gründerfonds (HTGF) sowie caesar investieren gemeinsam 6 Millionen Euro in einer deutlich überzeichneten Seed-Phase.

Vom Stadion-Beschleuniger zum Start-up

Die technologische Basis von CollimateHealth ist kein kurzfristiger Geistesblitz, sondern das Resultat von beinahe zehn Jahren akademischer Forschung, maßgeblich vorangetrieben an der Technischen Universität München (TUM) und dem Klinikum rechts der Isar, flankiert durch Institute wie das Forschungszentrum Jülich.

Die ingenieurstechnische Meisterleistung dahinter ist immens: Um medizinische Mikrostrahlen in der benötigten Dosis zu erzeugen, waren bislang Teilchenbeschleuniger (Synchrotrone) nötig, die den Platzbedarf eines Fußballstadions haben. Dem wissenschaftlichen Kernteam um Prof. Dr. Stefan Bartzsch (Chief Scientific Officer) und Dr. Johanna Winter (Chief Technology Officer) ist es laut eigenen Angaben gelungen, die Strahlführung derart zu miniaturisieren, dass das künftige System auf einer Grundfläche von unter zehn Quadratmetern in gängige Klinikräume passt.

Zusammen mit Dr. Hans Maria Heÿn, der als CEO unternehmerische Erfahrung im Aufbau von Deep-Tech-Firmen mitbringt, wurde das Start-up schließlich als Venture-Build-Projekt von VP Venture Partners ausgegründet.

Die Technologie: Gezielter Zelltod und neue Synergien

Der biologische Ansatz unterscheidet sich fundamental vom Standard. Statt auf das "Gießkannen-Prinzip" setzt das System auf gebündelte, schmale X-Ray-Strahlen (etwa in der Breite eines menschlichen Haares) in wesentlich höheren Dosen.

Der Clou dabei ist laut aktuellem Forschungsstand weniger die bloße physikalische Zerstörung, sondern die biologische Reaktion: Werden Tumore derart intensiv bestrahlt, durchlaufen sie eine besondere Form des Zelltods. Diese steigert die Antigenpräsentation und soll so das körpereigene Immunsystem anregen, Krebszellen auch über das primäre Bestrahlungsfeld hinaus zu bekämpfen. Zudem erzeugen die feinen Strahlen mikroskopische, temporäre Kanäle im Gewebe, die die Aufnahme von Medikamenten aus zeitgleichen Chemo- oder Immuntherapien drastisch verbessern können.

Das Geschäftsmodell und der lange Atem

Trotz technologischer Brillanz und frischem Kapital steht CollimateHealth vor massiven unternehmerischen Hürden. Das Geschäftsmodell bringt alle Nachteile der Hardware-Entwicklung im medizinischen Sektor mit sich: enormer Vorab-Kapitaleinsatz und extrem lange Zyklen.

Mit den 6 Millionen Euro soll zunächst "nur" der erste klinische Prototyp gebaut und die präklinische Datenbasis für künftige Zulassungsverfahren (MDR in Europa, FDA in den USA) geschaffen werden. Den ersten Einsatz am Menschen peilt das Unternehmen für Ende 2028 an. Das Start-up hat also noch Jahre der reinen Cash-Burn-Phase ohne jegliche Umsätze vor sich. Letztlich entscheidet später der nachweisbare klinische Nutzen, ob das System von den strengen Erstattungssystemen der Krankenkassen getragen wird – ohne Kassenübernahme wird ein Medizinprodukt in diesem Segment nicht überleben.

Ein Kampf gegen Oligopole und neue Hypes

Wer MedTech-Hardware für die Radioonkologie baut, legt sich mit Giganten an. Der globale Markt gleicht einem Oligopol, fest in den Händen weniger Player wie Siemens Healthineers (Varian) und Elekta. Diese verfügen über jahrzehntelange Vertriebsstrukturen und weltweite Service-Netzwerke.

Gleichzeitig schläft die hochfinanzierte Innovationskonkurrenz nicht. Derzeit strömt viel Kapital in Alternativkonzepte wie die sogenannte "FLASH-Radiotherapie". Dabei wird die Dosis in Bruchteilen einer Sekunde verabreicht, um gesundes Gewebe zu schonen. Hier preschen Start-ups wie das französische THERYQ vor, das für die Entwicklung seiner Maschine (FLASHDEEP) zusammen mit dem Institut Gustave-Roussy rund 38 Millionen Euro an staatlichen Fördermitteln (France 2030) zugesagt bekam.

CollimateHealth muss sich künftig also nicht nur gegen den Status Quo der Großkonzerne behaupten, sondern auch klinisch beweisen, dass ihr Weg der räumlichen Fraktionierung (Mikrostrahlen) echte Vorteile gegenüber der zeitlichen Fraktionierung (FLASH) bietet.

Was Gründer*innen hieraus lernen können

Der Fall CollimateHealth ist ein Lehrstück für das europäische Start-up-Ökosystem:

  1. Hardware-DeepTech ist finanzierbar: Während VCs oft auf schnelle SaaS-Modelle schielen, beweist die Runde (u. a. durch den HTGF), dass europäisches Risikokapital bereit ist, in physische "Moonshots" zu investieren, sofern sie globale Problemstellungen adressieren und wissenschaftlich exzellent untermauert sind.
  2. Venture Building mindert das Risiko: Hardware-Ausgründungen scheitern oft an mangelnder Business-Expertise der Forschenden. Das Venture-Build-Modell mit erfahrenen Partnern (VP Venture Partners) und einem unternehmerisch erfahrenen CEO schlägt hier die Brücke zwischen Labor und freier Wirtschaft.
  3. Patentierter "Burggraben": Zehn Jahre Vorlaufforschung schaffen eine immense Barriere (Moat) für Nachahmer. Wer im Deep-Tech-Bereich gründen will, muss vor dem Gang zum VC seine IP (Intellectual Property) wasserdicht gesichert haben.

Fazit

CollimateHealth liefert herausragende Wissenschaft mit dem disruptiven Potenzial, ein Grundpfeiler der zukünftigen Onkologie zu werden. Ob es dem Management jedoch gelingt, das Start-up durch das berüchtigte "Tal des Todes" bis zur Kommerzialisierung zu manövrieren, wird eine der spannendsten Deep-Tech-Storys der kommenden Jahre.

Souveränität im Subatomaren: Wie Peak Quantum von München aus Europas Quanten-Zukunft schmiedet

Das Münchner Start-up Peak Quantum baut eine europäische Pilotfertigung für Quantenchips. COO Dr. Thomas Luschmann im Interview über DeepTech, digitale Souveränität und den harten Standortwettbewerb.

Die globale Tech-Welt blickt gebannt auf den nächsten großen Paradigmenwechsel: das Quantencomputing. Während Software-Anwendungen oft im Rampenlicht stehen, entscheidet sich das eigentliche geopolitische und wirtschaftliche Rennen auf der Hardware-Ebene. Europa hat in der Vergangenheit bei der klassischen Halbleiterindustrie den Anschluss an die USA und Asien verloren – ein Fehler, der sich bei Quantenprozessoren nicht wiederholen darf.

München hat sich hierbei zu einem der weltweit dynamischsten Ökosysteme entwickelt. Mittendrin: das 2024 gegründete Spin-off des Walther-Meißner-Instituts, Peak Quantum. Als erstes supraleitendes Hardware-Start-up der Region und zentraler Partner im 50-Millionen-Euro-EU-Projekt SUPREME steht das Unternehmen exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen deutscher DeepTech-Ausgründungen.

Wir haben mit Co-Founder und COO Dr. Thomas Luschmann darüber gesprochen, wie man die Brücke vom universitären Reinraum zur industriellen Serienfertigung schlägt, warum staatliche Millionen Segen und Fluch zugleich sein können, weshalb der föderale Flickenteppich in Deutschland ein Risiko birgt und wie Gründer*innen in einem extrem kapitalintensiven Umfeld die Kontrolle behalten.

Das Interview

StartingUp: Was war beim Schritt von der Forschung zur kommerziellen Fertigung die größte strukturelle oder mentale Hürde, um aus der Wissenschaft ein echtes Geschäftsmodell zu machen?

Dr. Thomas Luschmann: Das ist vielleicht etwas überraschend, aber die Technologie selbst war nicht die größte Hürde. Die Forschungsgrundlage ist bei deutschen Startups sehr oft exzellent, und auch wir mussten uns nach gut fünf Jahren Forschung am Walther-Meißner-Institut im internationalen Vergleich nicht verstecken.

Was wirklich ein Umdenken erfordert, ist etwas anderes. In der Wissenschaft zählt das eine, revolutionäre Ergebnis, danach kommt die Publikation. Als Unternehmen müssen wir aber ein Produkt liefern, das zuverlässig funktioniert, nicht einmal, sondern immer wieder. Das ist ein fundamentaler Unterschied in der Arbeitsweise, und er erklärt auch, warum wir so einen starken Fokus auf die Fertigung der Chips legen.

Hinzu kommt eine Erkenntnis, die man im akademischen Umfeld so nicht lernt: Es gewinnt nicht notwendigerweise die beste Technologie. Es gewinnt die, die zur richtigen Zeit am Markt ist und überzeugt. Das heißt, man muss früh verstehen, wer die Kunden sind, was sie wirklich brauchen und ob sie bereit sind, dafür zu zahlen. Im DeepTech gibt es in den ersten Jahren oft noch keinen großen Markt, aber der Plan, wie man dahin kommt, muss klar sein. Sonst überzeugt man auch keine Investoren. Geholfen hat uns dabei, dass wir das Team von Anfang an bewusst breiter aufgestellt haben. Wir haben Leute mit MBA, BCG-Erfahrung und Gründerhistorie ins Gründungsteam geholt. Das Mindset wird dann intern herausgefordert, nicht erst von außen.

Und dann gibt es noch die strukturelle Seite, die ich nicht unerwähnt lassen will. Die Bürokratie an Universitäten ist immer noch nicht darauf ausgelegt, Spin-offs schnell auf die Beine zu stellen. Lizenzverhandlungen, IP-Regelungen, Zugang zu Infrastruktur: alles muss individuell verhandelt werden, die Prozesse sind langsam. Das bindet in den ersten Jahren enorm viel Kapazität, die man eigentlich in den Aufbau der Firma stecken will. Da ist noch deutlich Luft nach oben.

StartingUp: Wie moderieren Sie im Team den Konflikt zwischen dem wissenschaftlichen Streben nach absoluter Perfektion und der für Start-ups nötigen „Speed-to-Market“-Mentalität, ohne technologische Exzellenz zu opfern?

Thomas Luschmann: Den Konflikt gibt es bei uns ehrlich gesagt weniger, als man erwarten würde. Wir haben das Gründungsteam bewusst so aufgestellt, dass beide Seiten von Tag eins am Tisch sitzen. Die produktive Reibung entsteht dadurch intern, nicht erst wenn ein externer Investor fragt, wie man die Technologie eigentlich verkaufen will.

Was wir aktiv managen müssen, ist Priorisierung und Fokus. Als Startup mit limitierten Ressourcen musst du ständig entscheiden, was jetzt den größten Hebel hat und was warten kann. Das gilt auch für Kundenprojekte und Piloten: nicht jeder Umsatz ist gut, wenn er Ressourcen vom eigentlichen Ziel abzieht. Für uns ist dieses Ziel ein industriell nutzbarer Quantenprozessor. Das ist weniger ein Konflikt zwischen Personen als eine Disziplin, die man sich als Team antrainieren muss.

In der Praxis heißt das: Wir haben klare Meilensteine, an denen wir die technische Reife auf dem Weg zum marktreifen Produkt bewerten. Parallel dazu wählen wir Kundenprojekte sehr sorgfältig aus, weil sie uns zwingen, nicht im Vakuum zu entwickeln. Das ist der Balanceakt, und ich glaube, den hinzubekommen ist eine der wichtigsten Aufgaben in einem DeepTech-Start-up.

StartingUp: Sie nutzen die Infrastruktur des Max-Planck-Halbleiterlabors. Wie ist das Intellectual Property (IP) dabei geregelt und wie sichert sich Peak Quantum die kommerziellen Rechte an Durchbrüchen?

Thomas Luschmann: Tatsächlich sind die IP-Regeln in EU-geförderten Projekten normalerweise recht klar: Jeder Partner behält die Rechte an seinen eigenen Ergebnissen. Das ist im Konsortialvertrag sauber geregelt, und bei SUPREME ist das nicht anders.

Was die Infrastruktur am Halbleiterlabor angeht, ist das im Grunde eine kommerzielle Beziehung. Wir mieten Geräte und Reinraumfläche und bezahlen dafür. Die Ergebnisse, die auf diesen Anlagen entstehen, bleiben bei uns. Das ist nicht anders als wenn ein Halbleiterunternehmen Fertigungskapazität bei einem Auftragsfertiger bucht.

Dazu kommt, dass wir eine exklusive Lizenzvereinbarung mit dem Walther-Meißner-Institut für die Kerntechnologien haben, die dort entwickelt wurden. Damit ist die kommerzielle Verwertung für uns klar gesichert.

Die Konstellation ist insgesamt komplexer als bei einem reinen Produkt-Startup, das stimmt. Aber die IP-Strukturen sind klar, und wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass Peak Quantum die volle kommerzielle Handlungsfähigkeit behält.

StartingUp: Wie viel unternehmerische Agilität bleibt Peak Quantum als Teil des politisch regulierten 50-Millionen-Euro-Projekts SUPREME?

Thomas Luschmann: Ob öffentliche Förderung für Start-ups gut oder schlecht ist, darüber könnte man ein eigenes Essay schreiben. Kurzgesagt: Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt nichts umsonst, auch nicht öffentliche Gelder. Die kommen mit administrativem Aufwand und Einschränkungen. Ich habe kürzlich von Projekten gehört, die den geförderten Firmen sogar aktiv kommerzielle Tätigkeit verbieten. Das ist natürlich fatal für ein Start-up, das unter Druck steht, an den Markt zu gehen.

Bei SUPREME muss man aber sagen, dass hier vieles richtig gemacht wurde. Zwei Punkte sind dabei besonders wichtig.

Erstens: Die EU fördert den Aufbau der Pilotlinie, nicht den Betrieb. Das ist entscheidend. Mit den Fördergeldern wird dafür gesorgt, dass Europa zeitnah eine hochqualitative Fertigung für Quantenchips bekommt. Aber die EU mischt sich nicht ein, wie diese Pilotlinie dann Aufträge abwickelt. Kommerzielle Tätigkeit der Betreiber ist explizit vorgesehen. Wenn ein Kunde bei uns einen Chip fertigen lassen will, machen wir einen ganz normalen privatwirtschaftlichen Vertrag, ohne bürokratische Hürden. Das machen wir schon jetzt, auch während des Aufbaus.

Zweitens: Es ist zwar ein 50-Millionen-Euro-Projekt mit 23 Partnern quer durch Europa, aber der Aufbau läuft sehr komplementär und nutzt Ökosysteme, die schon existieren. Für unsere Linie arbeiten wir sehr direkt mit lokalen Partnern wie dem WMI, dem Halbleiterlabor, Infineon und Fraunhofer, die im Munich Quantum Valley seit Jahren zusammenarbeiten. Das macht das Projekt auf lokaler Ebene erstaunlich agil, trotz der Größe des Gesamtkonsortiums.

StartingUp: Ihre Chips benötigen seltene Gase wie Helium-3 und aufwendige Kühlsysteme. Tauschen wir die Abhängigkeit von asiatischen Halbleitern gegen eine neue Abhängigkeit von sensiblen Rohstoffen ein? Wie bauen Sie hier Resilienz auf?

Thomas Luschmann: Die Frage ist berechtigt, aber der Vergleich hinkt an einer entscheidenden Stelle. Bei klassischen Halbleitern hat Europa eine industrielle Kernkompetenz verloren: die Fähigkeit, die Chips überhaupt herzustellen. Bei der Kühltechnologie für Quantencomputer ist die Situation grundlegend anders, denn die kommt aus Europa. Der Weltmarktführer Bluefors sitzt in Finnland, und in München gibt es mit kiutra ein Unternehmen, das an alternativen, Helium-freien Kühlsystemen arbeitet. Da ist Europa tatsächlich stark aufgestellt.

Aber keine Frage: Wir arbeiten aktuell mit Helium-3, und das ist ein limitiertes und geopolitisch sensibles Gut. Das sollte man nicht kleinreden. Ein wichtiger Punkt dabei ist allerdings, dass Helium-3 bei korrektem Betrieb kein Verbrauchsmaterial ist. Die Kühlsysteme verbrauchen es nicht, es kann vollständig wiederverwendet werden, auch wenn ein System ausgemustert wird. Es ist also aktuell noch kein konkretes Bottleneck, aber natürlich ein Thema, das man im Blick behalten muss.

Genau deshalb sind wir auch mit kiutra eng im Austausch. Wir haben erst letztes Jahr gemeinsam eine Demonstration veröffentlicht, um ihre Technologie für Quantencomputing-Anwendungen zu evaluieren. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie das europäische Ökosystem solche Herausforderungen gemeinsam angehen kann.

StartingUp: Reicht das eher risikoaverse europäische Risikokapital aus, um Peak Quantum zu skalieren, oder führt der Weg unweigerlich zu US-Investor*innen auf Kosten der europäischen Souveränität?

Thomas Luschmann: Die ehrliche Antwort: Europäisches Risikokapital für DeepTech-Hardware ist noch nicht da, wo es sein müsste. Die Runden, die man braucht, um Quantenhardware zur Marktreife zu bringen, liegen im dreistelligen Millionenbereich. Das war rein in Europa lange kaum vorstellbar.

Aber das ändert sich gerade. Quobly hat eine 115-Millionen-Euro Series A fast ausschließlich mit europäischen Investoren geschlossen. Oxford Quantum Circuits hat 260 Millionen Pfund eingesammelt, Quantum Motion 160 Millionen Dollar, jeweils mit starker europäischer Basis. Das wäre vor drei Jahren so nicht möglich gewesen. Und die EU hat mit dem Scaleup Europe Fund gerade ein 5-Milliarden-Euro-Instrument aufgesetzt, das ab Herbst 2026 gezielt in europäische DeepTech-Scale-ups investieren soll. Das ist ein klares Signal.

Gleichzeitig muss man ehrlich sein: Bei den größten Runden kommt oft internationales Kapital dazu, so auch bei den gerade genannten Beispielen. Das ist per se kein Problem, solange die Firma in Europa bleibt und hier die Wertschöpfung stattfindet. Aber der Druck Richtung USA ist dann natürlich real. Der Verkauf von Oxford Ionics an IonQ wurde viel berichtet, und IQM aus Finnland geht gerade über eine SPAC-Struktur in den USA an die Börse.

Unsere Position ist klar: Wir wollen unsere Finanzierung mit europäischen Investoren stemmen, und wir glauben, dass das realistisch ist, jetzt mehr denn je. Unsere Pre-Seed-Runde war rein europäisch finanziert.

Wir sind aktuell aber auch noch nicht bei den Summen, wo es typischerweise schwierig wird. Bei Series A und danach werden wir ganz persönlich sehen, ob Europa mittlerweile den Mut hat, in dieser Größenordnung in Quantenhardware zu investieren. Wir glauben daran.

StartingUp: Zerfasert Deutschland seine Ressourcen im internationalen Wettlauf durch das föderale „Gießkannenprinzip“ verschiedener Quantum-Hubs? Und warum war München für Sie die objektiv beste Wahl?

Thomas Luschmann: Das Gießkannenprinzip ist ein echtes Risiko, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf EU-Ebene. Wenn Fördermittel nicht nach wissenschaftlicher und industrieller Exzellenz vergeben werden, sondern weil jedes Bundesland und jeder EU-Staat primär sich selbst besser stellen will, verwässert man Ressourcen in einem Wettlauf, in dem die USA und China mit gebündelter Kraft und sowieso schon mit mehr Kapital vorangehen.

Aber mehrere Standorte können auch eine Stärke sein, wenn sie komplementär arbeiten und mit ihren jeweiligen Stärken an einem Strang ziehen. Das Problem ist nicht, dass es mehrere Standorte gibt, sondern wenn die gleiche Arbeit dupliziert wird und Konkurrenz entsteht, weil die politische Logik über die fachliche dominiert.

Zur Frage „Warum München?" muss ich ehrlich sein: Das war für uns keine strategische Standortwahl im Sinne von „wir haben verschiedene Standorte verglichen und uns dann für München entschieden." Wir kommen von hier. Unsere Technologie ist am WMI entstanden, das seit Jahrzehnten eines der weltweit führenden Labore für Supraleitung und Quantenschaltkreise ist. Die Infrastruktur, das Know-how, die Leute, das lässt sich nicht einfach an einen anderen Standort verpflanzen. Also war es für uns keine wirkliche Option, woanders zu gründen.

Trotzdem denke ich, dass München objektive Alleinstellungsmerkmale hat. Die Dichte an Akteuren ist bemerkenswert, und zwar nicht nur akademisch, sondern auch industriell. In einem Radius von wenigen Kilometern hat man WMI, TUM, LMU, Max-Planck, Fraunhofer, Infineon, Rohde & Schwarz, Zürich Instruments, Toptica, Menlo Systems, das Leibniz-Rechenzentrum. Und mit dem Munich Quantum Valley eine Struktur, die das effizient vernetzt. Dazu der Support für Gründer durch die UnternehmerTUM, die hier seit über 20 Jahren eine Vorreiterrolle in Deutschland und Europa hat. Für Quantenhardware gibt es in Europa meiner Meinung nach keinen vergleichbaren Standort.

StartingUp: Tech-Giganten locken mit riesigen Budgets. Mit welchen Argumenten – jenseits des Gehaltsschecks – überzeugen Sie Spitzenkräfte für ein noch junges Hardware-Start-up?

Thomas Luschmann: Der Kampf um Talente ist definitiv real. Und ja, beim reinen Gehalt kann man in Europa mit Silicon Valley nicht mithalten, auch wenn man bedenkt, dass die Lebenshaltungskosten dort deutlich höher sind und das soziale Netz in Europa ein ganz anderes ist. Aber wer rein nach dieser einen Zahl optimiert, ist bei einem frühen DeepTech-Start-up falsch. Das wissen, glaube ich, beide Seiten.

Was wir bieten, ist echte Ownership und Verantwortung. Du gestaltest und baust den Quantenprozessor, nicht einen isolierten Prozess oder ein Subsystem in einem Team von Hunderten. Jeder bei uns bekommt den gesamten Prozess mit, von Design über Fertigung bis zur Charakterisierung, ist direkt involviert und kann beeinflussen, wo es mit der Firma hingeht.

Dazu kommt der Impact und der Reiz der Herausforderung. Wir lösen eines der schwierigsten technischen Probleme der Gegenwart, und wir tun das mit dem Ziel, eine europäische Industrie mit aufzubauen. Für Leute, die die Physik reizt und die sehen wollen, wie ihre Arbeit wirklich einen Effekt auf die Gesellschaft haben kann, ist das der richtige Job.

Und zuletzt: München ist einfach ein großartiger Ort zum Leben. Das zieht definitiv, Arbeit ist ja nicht alles. Natürlich bieten wir auch Equity, also die Chance, über Unternehmensanteile aktiv an der Wertentwicklung teilzuhaben.

StartingUp: Spüren Sie bereits die regulatorischen Fesseln von „Dual-Use“-Regularien und Exportkontrollen? Wie skaliert man ein Business, wenn die Kerntechnologie ein potenzielles strategisches Geheimnis ist?

Thomas Luschmann: Ja, Quantencomputing fällt unter Dual-Use-Regularien und Exportkontrollen, das ist Realität und betrifft uns schon jetzt. Natürlich wäre mir persönlich ein offenerer Markt lieber.

Für uns als europäisches Unternehmen sind die Exportkontrollen aber aktuell kein konkretes Problem. Der europäische Markt allein bietet starkes Potenzial, und innereuropäische Restriktionen sind nicht zu erwarten. Für Exporte aus der EU gibt es zwar schon Regeln und Kontrollen, aber noch kein komplettes Verbot.

Was für mich das aktuelle geopolitische Umfeld vor allem bestätigt: den Bedarf an eigener europäischer Technologie. Wenn Exportkontrollen den Zugang zu amerikanischen oder chinesischen Quantencomputern einschränken, dann braucht Europa erst recht eigene Fertigungskapazitäten. Das ist für uns kein Gegenwind, sondern im Grunde ein weiteres Argument für das, was wir tun.

StartingUp: Zum Abschluss ein Blick auf den Markt: Investor*innen und Industrie fordern zunehmend handfeste „Quantum Advantage“ statt theoretischer Modelle. Wie lautet Ihre konkrete Roadmap von der Pilotfertigung zu industriell nutzbaren Prozessoren? Und spüren Sie bei DAX-Konzernen genug Mut, auf europäische Newcomer zu setzen?

Thomas Luschmann: Da haben die Kunden absolut Recht, das einzufordern. Ich würde sogar noch weiter gehen: Am Ende interessiert den Kunden nicht der „Quantum Advantage" als wissenschaftliche Errungenschaft, sondern ob man den Quantencomputer für die eigene Wertschöpfung produktiv nutzen kann. Und da müssen wir hin.

Deshalb zielt Peak Quantum bewusst nicht auf eine Markteinführung im aktuellen NISQ-Regime (Noisy Intermediate Scale Quantum Computing), also den Systemen, die heute vor allem an öffentliche Einrichtungen verkauft werden, aber zu fehleranfällig sind, um ein industrielles Problem wirklich zu lösen.

Unsere fehlergeschützte Chip-Architektur ist komplexer im Design und in der Herstellung, soll aber später ermöglichen, besser zu skalieren. Sie ist konsequent auf fehlertolerante Quantenprozessoren ausgelegt. Das dauert länger und macht erstmal keine Schlagzeilen mit möglichst großen Qubit-Zahlen. Aber wir sind überzeugt, dass es der beste Weg zu Systemen ist, mit denen Kunden tatsächlich rechnen können. Unser Ziel ist ein erster solcher Prozessor am Markt um 2030. Das ist ambitioniert, aber aus unserer Sicht realistisch.

Was die DAX-Konzerne angeht: Die sind in diesem Fall gar nicht die Early Adopter im Sinne von Käufern. Nicht weil ihnen der Mut fehlt, sondern weil die großen Industrieunternehmen Quantencomputing zunächst über HPC-Zentren und Cloud-Zugang nutzen werden, nicht über eigene Chips und Systeme. Wir planen, unsere Prozessoren genau in solchen HPC-Zentren zu platzieren. Und wenn unser Prozessor die beste Leistung liefert, werden Kunden ihn einsetzen, egal ob wir aus München oder aus Kalifornien kommen. Am Ende muss die Technologie überzeugen, auch international.

Danke, Thomas Luschmann, für die spannenden Insights

Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Evergreen Energiesysteme: Bootstrapping im Handwerk

Wie zwei Quereinsteiger*innen einen 5-Millionen-Euro-Markteintritt orchestrierten.

Der Markt für Erneuerbare Energien ist hart umkämpft und stark reguliert. Dennoch hat die Evergreen Energiesysteme GmbH aus dem niedersächsischen Wallenhorst im Jahr 2023 einen bemerkenswerten Markteintritt vollzogen. Das Besondere an diesem Fall: Das Gründerduo bringt keinerlei handwerkliche Vorerfahrung mit. Vanessa Schulte hat einen Hintergrund im Pflegemanagement, Igor Lang ist Kaufmann. Ihr Ansatz zeigt, wie sich traditionelle Branchen durch konsequente Prozessoptimierung, strategische Pivots und eine smarte Positionierung erschließen lassen.

Startkapital versus Umsatzwachstum

Während der Markt stark von hochfinanzierten, überregional agierenden „Solar-Einhörnern“ geprägt ist, wählte Evergreen einen Bootstrapping-Ansatz. Die finanzielle Grundlage bildete ein branchenuntypisches Startkapital von lediglich 100.000 Euro. Mit diesem verhältnismäßig geringen Seed-Kapital gaben die Gründer*innen 2023 ihre bisherigen Jobs auf. Die Kapitaleffizienz dieses Modells zeigt sich in den Zahlen: Bereits im ersten vollen Geschäftsjahr 2024 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 5 Millionen Euro.

Regulatory Hacking und HR-Strategie im Handwerk

Für Gründer*innen ohne eigenen Meistertitel stellt der regulatorische Marktzugang im deutschen Handwerk eine hohe Barriere dar. Evergreen löst dieses Problem durch eine strikte Trennung von kaufmännisch-vertrieblicher Führung und technischer Ausführung. In einer Branche, die händeringend nach Fachkräften sucht, ist es dem Duo gelungen, am niedersächsischen Standort innerhalb kurzer Zeit ein Team von rund 30 Mitarbeitenden aufzubauen. Der strategische Hebel im Recruiting: Das Unternehmen positioniert sich als digital affiner, regionaler Akteur mit flachen Hierarchien und grenzt sich damit bewusst von den oft starren Strukturen etablierter lokaler Meisterbetriebe ab.

Der Pivot: Warum Fokus Breite schlägt

Die ursprüngliche Go-to-Market-Strategie von Evergreen sah vor, als All-in-One-Anbieter aufzutreten und auch das Dachdeckergewerk intern abzudecken. Diese Hypothese wurde jedoch schnell revidiert: Das Dachdeckerhandwerk gehört heute nicht mehr zum Betrieb. Dieser strategische Pivot ermöglichte es dem Unternehmen, komplexe und schwer skalierbare Ballastbereiche abzuwerfen. Durch die Trennung von unprofitablen oder personalintensiven Gewerken gewann Evergreen an Agilität und fokussiert sich heute rein auf die Planung und Installation von Photovoltaik-Anlagen sowie Wärmepumpen.

Unit Economics und Marktanpassung

Das schnelle Wachstum von Evergreen fällt in eine Phase, in der sich der historische Boom bei Solaranlagen und Wärmepumpen in Deutschland spürbar abkühlt. Planungsunsicherheiten bei Förderprogrammen und kurzfristige Gesetzesänderungen führen zu Investitionszurückhaltung bei den Kund*innen und sorgen für ein politisches „Stop-and-Go“ im Markt.

Trotz dieses Gegenwinds peilt das Start-up für sein viertes Geschäftsjahr eine Umsatzsteigerung auf über zehn Millionen Euro an – eine Marke, die durch das bisherige Wachstum realistisch erscheint: Bereits heute hat Evergreen über 1.000 Anlagen realisiert. Als Zielmarke formuliert das Unternehmen rund 500 verkaufte PV-Anlagen sowie 150 bis 200 Wärmepumpen pro Jahr. Analysiert man diese „Unit Economics“, ergibt sich ein stimmiges Bild: Eine PV-Anlage erzielt im Schnitt zwischen 14.000 und 18.000 Euro Nettoumsatz, eine Wärmepumpe zwischen 25.000 und 30.000 Euro. Zusammengenommen ergibt sich daraus ein rechnerisches Umsatzpotenzial von rund 12 Millionen Euro – was die formulierte Zielmarke von über zehn Millionen Euro als konservativ und gut erreichbar erscheinen lässt. Dies deutet strategisch darauf hin, dass Evergreen auf ein ausgewogenes Portfolio aus volumenstarkem PV-Geschäft und margenstarken Wärmepumpenprojekten setzt.

Learnings für die Praxis

Die Entwicklung von Evergreen Energiesysteme liefert drei zentrale Erkenntnisse für Start-ups in traditionellen Märkten:

  • Vertrieb vor Handwerk: Ein starker Vertrieb füllt die Auftragsbücher, zwingt aber zu einer ebenso schnellen und prozesssicheren Skalierung der internen Abläufe.
  • Agilität durch Outsourcing: Wer in komplexen Märkten wachsen will, muss Kernkompetenzen definieren. Das Abstoßen des Dachdeckergewerks war entscheidend für das qualitative Wachstum.
  • Resilienz in volatilen Märkten: In politisch getriebenen Märkten (wie den Erneuerbaren Energien) müssen Gründer*innen vor allem als Krisenmanager*innen agieren, die flexibel auf regulatorische Änderungen reagieren können.

Reif für die KI? Vom souveränen Umgang mit KI-Technologie bei der Führung

Viele Gründer*innen und junge Selbständige stehen derzeit vor der Herausforderung, KI so zu nutzen, dass die Technologie dem Unternehmen wirklich nutzt. Und in Artikeln wie diesen mangelt es nicht an guten Ratschlägen dazu. Allerdings: Dabei finden die „dunklen“ Seiten des KI-Einsatzes oft zu wenig Beachtung.

Du willst Belege? Der neue „Gallup Engagement Index Deutschland 2025“ betont, KI würde von den Mitarbeiter*innen oft als Bedrohung wahrgenommen. In der Studie heißt es, immerhin 16 Prozent der Befragten sähen ihren Arbeitsplatz innerhalb der nächsten fünf Jahre durch KI „sehr“ oder „ziemlich“ gefährdet. „Die Sorge vor Kollege KI wächst“, heißt es.

Ein düsteres Bild malt eine weitere Studie, die 2025 vom Brand Science Institute (BSI) in Hamburg mit dem Ergebnis durchgeführt wurde, aufseiten der Führungskräfte drohe durch KI der Verlust des Selbstbildes sowie ein Autoritäts-, Identitäts- und Kompetenzverlust.

Auf deine Situation bezogen heißt das: Während du in stundenlanger Kleinarbeit auf der Grundlage deiner jahrelangen Erfahrungen zu einer Lösung vordringst, ist die „Konkurrentin“ KI in der Lage, rasch und ohne großen Aufwand eine ebenso gute, oft sogar eine bessere Lösung zu formulieren. Und das Ergebnis ist für alle Mitarbeiter*innen sichtbar. Das empfinden viele Unternehmer*innen und Gründer*innen als vehementen Angriff auf die Grundlage ihrer Führungsidentität.

KI als Kränkung

In der BSI-Studie ist die Rede von einer belastenden narzisstischen Kränkung und von „Entblößungsangst“. Gemeint ist: „Führungskräfte fürchten weniger die Technologie selbst, sondern die Möglichkeit, dass KI Wissenslücken, Fehleinschätzungen, Entscheidungsfehler oder mangelnde Orientierung sichtbar macht“. Die Einführung von KI erzeuge „nicht nur operative oder technologische Herausforderungen, sondern greift tief in die psychologische Grundarchitektur von Führung ein“.

Wie damit umgehen? Was kannst du tun, um sowohl den Ängsten deiner Mitarbeiter*innen als auch eigenen Ängsten zu begegnen? Entscheidend ist, KI behutsam einzusetzen, den Einsatz umsichtig zu planen und alle Beteiligten mitzunehmen. Und zwar mithilfe dieser zehn Schritte.

Schritt 1: Führe ein KI-Meeting durch

Setze ein Meeting an, in dem du die folgenden Aspekte vorstellst, zur Diskussion stellst und in die Umsetzung bringst. So stellst du die betroffenen Menschen in den Mittelpunkt und erhöhst die Akzeptanz für den KI-Einsatz. So sieht gutes Akzeptanzmanagement aus.

Schritt 2: Verdeutliche Strategie und Ziele

Wer einschätzen kann, wohin der KI-Weg führt und welche Ziele sich mit ihr effektiver und effizienter verfolgen und erreichen lassen, folgt gern und ist eher bereit, den Nutzen des KI-Einsatzes zu erkennen und zu akzeptieren. Überlege, ob und wie du das Argument „Bei uns zerstört KI keine Arbeitsplätze, sondern schafft neue“ authentisch und glaubhaft gegenüber deinen Mitarbeiter*innen vertreten kannst.

Schritt 3: Weise den Nutzen anschaulich nach

Profiliere KI als Unterstützungsinstrument, das den Mitarbeiter*Innen und dir hilft, Aufgaben besser zu erledigen. Jede*r muss für den eigenen Verantwortungsbereich die Vorteile der KI erkennen, sozusagen am eigenen Leib und authentisch. Bleibe dabei so konkret wie möglich: „KI hilft uns, Routineaufgaben zu automatisieren, Informationsabläufe zu beschleunigen, Entscheidungsgrundlagen zu schaffen und Zeit zu sparen. So bleibt uns mehr Zeit für die wichtigen wertschöpfenden Aufgaben, etwa den Kundenkotakt.“

Schritt 4: Formuliere klare KI-Spielregeln

Erstelle einen KI-Guideline, der beschreibt, wann und wo KI zum Einsatz gelangen soll und muss. Eventuell kann überdies festgelegt werden, wo der KI-Einsatz verpönt ist. Der Guideline soll Sicherheit geben, ohne Innovation zu bremsen, er soll Orientierung bieten und Raum für Experimente lassen. Er darf darum nicht zu eng gefasst sein.

Schritt 5: Beteilige die Mitarbeiter*innen

Lass jedes Teammitglied fünf Minuten lang aufschreiben, was es sich von der KI im Arbeitsalltag erhofft und wünscht und welche Befürchtungen es plagen. Sammle die Argumente, erstelle eine Pro- und Contra-Liste und diskutiere die (wichtigsten) Punkte im Plenum. So gewinnst du KI-Befürworter und KI-Anhänger, die den KI-Einsatz unterstützen und ihn für sinnvoll erachten.

Schritt 6: Stoße KI-Lernprozesse an

Lass die Mitarbeiter*innen zum Beispiel KI-Tools ausprobieren. Das Team testet zum Beispiel ChatGPT, um Meeting-Notizen automatisch zusammenfassen zu lassen. Die Teammitglieder halten ihre Erfahrungen in einem Lernjournal fest und beschreiben, was geklappt hat und was (warum) nicht. Zu Letzterem überlegen sie sich Lösungen und unterbreiten Änderungsvorschläge. Und irgendwann wird es so weit ein: Teammitglieder, die über reichhaltige Erfahrung mit einem KI-Tool verfügen, können eine interne Schulung für die Kolleg*innen anbieten.

Du siehst: Der Umgang mit KI ist weniger eine technologische, sondern vor allem eine kulturelle Herausforderung – und eine führungsbezogene Aufgabe, der du dich stellen musst.

Nun weiter zum nächsten Umsetzungsschritt.

Schritt 7: Fortschritte messbar machen und feiern

Das Team definiert ein Ziel, das den Erfolg eines KI-Einsatzes messbar verdeutlicht: „Wir konnten mit KI-Rechenleistung 500 Kundenbeschwerden der letzten zehn Jahre analysieren und so fünf elementaren Beschwerdegründen auf die Spur kommen. Diese werden wir nun gezielt ausräumen.“ Diese Erfolgsstory wird im Unternehmen geteilt, um andere Teams zu inspirieren und um den Erfolg zu feiern.

Schritt 8: Gehe als Vorbild voran

Den Mitarbeiter*innen muss klar sein, dass du selbst bereit und kompetent bist, die Vorteile der KI sinnvoll zu nutzen. Du bist ein KI-Change-Agent, der die Risiken und Grenzen kennt, aber auch die Chancen zu nutzen versteht. Du definierst den KI-Input als Inspiration, der reflektiert und hinterfragt werden muss, nicht als fertige Lösung. In der Gallup-Studie heißt es dazu: „Wenn Vorgesetzte KI selbst verwenden, klar dahinterstehen und ihren konkreten Nutzen erläutern, fühlen sich Mitarbeitende besser vorbereitet, beurteilen die vom Unternehmen bereitgestellten KI-Werkzeuge als für die Arbeit hilfreich und setzen sie häufiger ein.“

Schritt 9: Nimm Abschied von Führungsmythen

Die BSI-Studie hält fest, viele Entscheider*innen hätten Angst davor, die KI mache ihre Fehler und falschen Entscheidungen transparent und sichtbar. Die erwähnte „Entblößungsangst“ drohe dann. Darum: Stehe zu deinen Fehlern und Fehlentscheidungen. Befreie dich von den Mythen der Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit. Du wirst Fehler machen, und du darfst Fehler machen.

Schritt 10: Bilde deine Mitarbeiter*innen und dich fort

Einführung und Einsatz von KI gelingt eher, wenn die Beteiligten die dazu erforderlichen Kompetenzen besitzen. Dazu sind KI-Weiterbildungen, KI-Lernprogramme und KI-Lernräume notwendig.

Nutze regelmäßige Kompetenzchecks, um KI-Kompetenzlücken zu analysieren und mit geeigneten Weiterbildungsmaßnahmen zu schließen. Du selbst darfst dabei nicht außen bleiben. So schützt du dich vor der in der BSI-Studie angesprochenen Angst vor Kompetenzverlust. Deine Mitarbeiter*innen sehen, dass du KI-mäßig auf der Höhe der Zeit bist.

Und jetzt ab in die Umsetzung!

Der Autor Christian Polz ist Inhaber und Geschäftsführer von Team-Polz und hat als Experte für Transformation, Agilität, Führung, Teamentwicklung, Changemanagement und Konfliktmanagement den TaschenGuide „Souveräne Unternehmensführung. Inspirationen für herausfordernde Zeiten“ im Haufe Verlag veröffentlicht.

Vom Forschungscampus auf das digitale Gefechtsfeld: Wie das Münchner DeepTech-Start-up SE3 Labs den Verteidigungsmarkt aufmischt

Über ein rasant wachsendes Münchner Start-up, das mit räumlicher KI die militärische Entscheidungsfindung revolutionieren will – und sich dafür heute einen der mächtigsten Partner der europäischen Rüstungsindustrie geholt hat.

Es ist der operative Ritterschlag für ein junges DeepTech-Unternehmen: am 09.06.2026 gaben der börsennotierte Münchner Rüstungs- und Sensorkonzern HENSOLDT (Umsatz 2025: 2,46 Milliarden Euro) und das Münchner Start-up SE3 Labs auf der Luftfahrtmesse ILA Berlin den Abschluss einer strategischen Partnerschaft bekannt. Per Memorandum of Understanding (MoU) soll die künstliche Intelligenz der Jungunternehmer direkt in HENSOLDTs softwarebasiertes militärisches Nervenzentrum „MDOcore“ integriert werden.

Für SE3 Labs ist das ein enormer Hebel, um die traditionell langwierigen Beschaffungsprozesse im Regierungsgeschäft (B2G) abzukürzen. Doch hinter der strategischen Allianz verbergen sich für das junge Unternehmen auch handfeste Abhängigkeiten, ethische Gratwanderungen und ein intensiver Wettbewerb um die Vorherrschaft auf dem digitalen Schlachtfeld.

Silicon-Valley-Expertise trifft akademische Spitzenforschung

Die Gründungsgeschichte von SE3 Labs liest sich wie das Lehrbuchbeispiel eines hocherfolgreichen Universitäts-Spinoffs. Das Fundament des im Gründerzentrum gate Garching herangewachsenen Tech-Unternehmens wurde am renommierten Lehrstuhl für Bildverarbeitung und Künstliche Intelligenz der Technischen Universität München (TUM) gelegt. Hier forschten die Co-Gründer Simon Klenk (heute CTO) und Lukas Köstler (CEO) im Rahmen ihrer Promotionen. Köstler bringt zudem tiefe Industrie-Expertise mit: Er entwickelte zuvor Algorithmen im Autopilot-Team von Tesla in den USA sowie bei Nvidia Research.

Komplettiert wird das Führungstrio durch Prof. Dr. Daniel Cremers (Chief Science Officer), den Leiter des TUM-Lehrstuhls, Leibniz-Preisträger und erfahrenen Seriengründer – sein früheres Start-up Artisense wurde erfolgreich von der Schweizer Kudelski-Gruppe übernommen. Diese geballte technologische Exzellenz sprach sich in der bayerischen Tech-Szene schnell herum: Bereits in der Frühphase konnte das Deep-Tech-Startup namhafte Investoren wie die Risikokapitalgesellschaft Lakestar und UnternehmerTUM Funding for Innovators überzeugen.

Die Technologie: Raum-Verständnis für die physische Welt

Während klassische Large Language Models (LLMs) primär textbasierte Daten strukturieren, hat sich SE3 Labs der weitaus komplexeren Aufgabe verschrieben, die physische, dreidimensionale Welt für Maschinen in Echtzeit interpretierbar zu machen. Das Team entwickelt eine umfassende Plattform für sogenannte Spatial AI (Räumliche KI).

Die Software verarbeitet unstrukturierte Videodaten und Sensorströme – beispielsweise von Drohnen (UAVs) oder autonomen Bodenrobotern – und fusioniert sie im Millisekundentakt zu einem kontinuierlich aktualisierten 3D-Lagebild. Die Kernfunktionen im Überblick:

  • Plattformübergreifende Synchronisation: Mehrere Einheiten im Verbund teilen sich dasselbe räumliche Verständnis, selbst in umkämpften Gebieten ohne verlässliches GPS-Signal.
  • Agentic AI: Integrierte KI-Agenten analysieren das Geschehen eigenständig, erkennen taktische Zusammenhänge und leiten konkrete Handlungsoptionen ab.
  • Sprachsteuerung: Menschliche Operatoren können den gesamten Systemverbund per natürlicher Sprache befehligen. Die Absicht des Operators wird von der KI räumlich interpretiert und in koordiniertes Verhalten der Maschinen übersetzt.

Genau diese Fähigkeit integriert HENSOLDT nun. Durch die Implementierung in die hauseigene Middleware-Suite MDOcore sollen militärische Führer in vernetzten Einsätzen (Multi-Domain Operations) entlastet werden. Dass das MoU bereits konkrete Beschaffungsprogramme und laufende Ausschreibungen einschließt, unterstreicht die unmittelbare wirtschaftliche Relevanz der Allianz.

Wer beherrscht das digitale Gefechtsfeld?

Spätestens seit den geopolitischen Verschiebungen der letzten Jahre erlebt der Markt für Verteidigungstechnologie (DefenseTech) in Europa eine beispiellose Sonderkonjunktur. Software-Defined Defence (SDD) gilt als der entscheidende technologische Hebel moderner Landes- und Bündnisverteidigung.

SE3 Labs bewegt sich in einem hochkompetitiven Marktumfeld gegen etablierte Riesen und stark finanzierte Player:

Vergleichskriterium

SE3 Labs (Der Herausforderer)

Helsing (Das europäische Vorzeigemodell)

Palantir (Der globale Platzhirsch)

Sitz & Fokus

Garching bei München (DE); Fokus auf 3D-Computer-Vision & Spatial AI.

München / Berlin (DE) / London (UK); Fokus auf KI-Infrastruktur & Informationsüberlegenheit.

Denver, Colorado (USA); Fokus auf Big Data, Enterprise AI & Analytics.

Technischer Ansatz

Echtzeit-3D-Lagebilder und Steuerung verteilter autonomer Systeme per Sprachbefehl.

Softwareplattformen zur Echtzeit-Auswertung für Kampfsysteme (z.B. Eurofighter-KI).

Ganzheitliche Datenintegrationsplattformen (Gotham, Foundry, AIP) für Behörden.

Finanzierung

Frühphase (Seed): VC-Kapital u.a. durch Lakestar.

Growth / Unicorn-Status: Über 500 Mio. Euro u.a. durch Daniel Ek und General Catalyst.

Börsennotiert (NYSE: PLTR): Globale Marktkapitalisierung im hohen zweistelligen Milliardenbereich.

Go-to-Market-Strategie

„Piggybacking“: Integration als Technologie-Zulieferer in Plattformen etablierter Systemhäuser.

Direkt- & Konsortialgeschäft: Tritt bei Großausschreibungen oft in Allianz mit Rüstungsgiganten auf.

Prime Contractor: Agiert meist als direkter Hauptauftragnehmer für Regierungen und Geheimdienste.

Größtes Risiko

Abhängigkeit: Hohe Bindung an das strategische Wohlwollen großer Partnerkonzerne.

Erwartungsdruck: Extrem hohe Bewertung erfordert kontinuierlich liquide Staatsaufträge.

Image & Regulierung: Steht wegen Datenschutzthemen und Geheimdienstnähe permanent in der Kritik.

 

Neben diesen drei Akteuren drängen zudem spezialisierte Angreifer wie das junge Start-up ALYN AI in den Markt, das sich auf agile, ergebnisbasierte Agentic AI-Entscheidungssysteme im Aerospace- und Defence-Sektor fokussiert hat.

Die unternehmerischen Risiken

Trotz des prestigeträchtigen HENSOLDT-Deals steht das Geschäftsmodell von SE3 Labs vor strategischen Herausforderungen, die für DeepTech-Gründer*innen in diesem Segment typisch sind:

Die Abhängigkeit vom Großpartner: Für ein junges Unternehmen birgt die enge Bindung an einen Branchenriesen das Risiko eines technologischen Lock-in-Effekts. SE3 Labs gewinnt zwar sofortigen Marktzugang, begibt sich jedoch in eine vertriebliche Abhängigkeit. Sollte der Konzern seine Software-Strategie ändern oder Kompetenzen langfristig intern selbst aufbauen, verliert das Start-up seinen primären Skalierungshebel.

  • Das B2G-Dilemma: Der Vertrieb an Verteidigungsministerien und Behörden leidet traditionell unter extrem langen, bürokratischen und politisch volatilen Beschaffungszyklen. Start-ups in frühen Finanzierungsphasen müssen über erhebliche Kapitalreserven verfügen, um die Durststrecken bis zur finalen Auftragsvergabe bankrottsicher zu überbrücken.
  • Der Dual-Use-Spagat: Ursprünglich war die 3D-Computer-Vision-Technologie von SE3 Labs breit aufgestellt – anwendbar auch für zivile Branchen wie Smart Cities, autonome Baustellen oder die Steuerung humanoider Roboter. Der jetzige, stark öffentlichkeitswirksame Fokus auf den militärischen Sektor könnte zu einer kommerziellen Monokultur führen. Viele klassische, ESG-konforme Tech-Investoren und zivile Großkund*innen meiden die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die primär als Rüstungslieferanten wahrgenommen werden oder strengen Kriegswaffenkontrollen und Exportrestriktionen (BAFA) unterliegen.
  • Die ethische Dimension von „Agentic AI“: SE3 Labs betont, dass stets der Mensch das System befehligt (Human in the Loop). Dennoch ist die Grenze zwischen rein defensiver Entscheidungsunterstützung und teilautonomen Systemen in der öffentlichen Wahrnehmung fließend. Dies bedingt einen permanenten moralischen Rechtfertigungsdruck, strenge Kontrollen durch den EU AI Act und potenzielle Hürden beim Employer Branding im Kampf um internationale Spitzen-Entwickler*innen.

Unser Fazit: Was Gründer*innen von SE3 Labs lernen können

Für die Start-up-Szene liefert SE3 Labs ein hervorragendes Lehrstück in Sachen Ökosystem-Hebel. Anstatt zu versuchen, als kleiner Akteur die dicken Mauern der staatlichen Beschaffungsämter im Alleingang einzureißen, nutzt das Gründerteam die Strategie des sogenannten Piggybackings (Huckepack-Verfahren). Sie docken ihre hochinnovative Nischen-Technologie als Subunternehmer an ein etabliertes Systemhaus an, das ohnehin als Generalunternehmer für den Staat agiert.

Zudem zeigt das Start-up, wie entscheidend die komplementäre Aufstellung im Gründer-Trio ist: Lukas Köstler bringt die Umsetzungsgeschwindigkeit und Validierung aus dem Silicon Valley, Simon Klenk die tiefe Engineering-Kompetenz und Prof. Daniel Cremers die wissenschaftliche Reputation sowie den Track-Record für Investor*innen. SE3 Labs hat strategisch alle Trümpfe in der Hand – ob sie ihre Unabhängigkeit langfristig wahren und den zivilen Markt als Option offenhalten können, wird sich in den nächsten zwei Jahren zeigen.

Purpose statt Profit-Exit: Kann das Food-Start-up pack&satt den Massenmarkt knacken?

Das 2021 von Sophie Gnest und Liss Barta gegründete Food-Start-up pack&satt setzt bewusst auf Verantwortungseigentum. Gelingt jetzt der Sprung in den hart umkämpften Massenmarkt?

Fertiggerichte haben traditionell ein oft kritisches Image, doch der Markt für Convenience Food wächst seit Jahren kontinuierlich. Die Gründerinnen Sophie Gnest und Liss Barta positionieren sich in diesem lukrativen, aber hart umkämpften Segment mit ihrem Start-up pack&satt als nährstoffreiche und nachhaltige Alternative. Dass dieser Ansatz massives Marktpotenzial hat, bewies zuletzt die BIOFACH in Nürnberg: Dort zeichnete eine Jury aus Vertreter*innen des Handels pack&satt als Start-up des Jahres 2026 aus. Doch der Weg aus der Nische in die Skalierung birgt massive vertriebliche Herausforderungen.

Vom MVP zum Pivot: Customer Feedback als Treiber

Die Entstehungsgeschichte von pack&satt, die ins Jahr 2021 zurückreicht, liest sich wie ein klassischer Lean-Start-up-Prozess. Auf der Suche nach veganen Alternativen für die schnelle Küche begann Gründerin Sophie Gnest zunächst, eigene Instant-Rezepte zu entwickeln. Der erste sogenannte einpott startete im Pfandglas – ein klassisches Minimum Viable Product (MVP). Über eine erste Crowdfunding-Kampagne auf Startnext, die von über 500 Menschen unterstützt wurde, finanzierte das Start-up die erste Produktion.

Statt auf diesem ersten Wurf zu verharren, nutzte das Team das Feedback der ersten Kundengeneration für einen entscheidenden Pivot. Für den „einpott 2.0“ wurde die Rezeptur angepasst, der Proteingehalt erhöht und – logistisch besonders relevant – das schwere Pfandglas durch eine vollständig recycelbare Papierverpackung ersetzt. Die Auszeichnung auf der Fachmesse belegt nun, dass diese strategische Weiterentwicklung im Branchenumfeld deutlich wahrgenommen wird.

Go-to-Market: Der harte Kampf um das Supermarktregal

Das aktuelle Kernprodukt bietet in drei verschiedenen Sorten ein Mittagessen, das lediglich mit heißem Wasser aufgegossen wird und fünf Minuten ziehen muss. Dabei fokussiert sich pack&satt auf proteinreiche Mahlzeiten aus verständlichen, natürlichen Rohstoffen. Damit positioniert sich das Start-up als klarer Gegenentwurf zum branchenweiten Trend der hochverarbeiteten Lebensmittel (Ultra-Processed Foods). Zudem gehört das Unternehmen mit seinem Fertiggericht zu den Vorreitern bei papierbasierten Verpackungen in diesem Segment.

Der Gewinn des Start-up Awards dient nun als starker Proof of Concept (PoC) und könnte dem Unternehmen den Zugang zum stationären Handel erleichtern. Doch hier wartet die eigentliche Bewährungsprobe: Der Markt für schnelle Mahlzeiten ist stark umkämpft. Um den Schritt von der Nische in den Massenmarkt erfolgreich zu vollziehen, muss das Team im B2B-Vertrieb nun Hürden wie Listungsgebühren, Margendruck und den harten Verdrängungswettbewerb im Einzelhandel meistern.

Deep Dive für Gründer*innen: Verantwortungseigentum – Hype oder Zukunftsmodell?

Aus Investor*innensicht besonders spannend ist die rechtliche Aufstellung: Pack&satt wurde im Verantwortungseigentum gegründet. Für die klassische Start-up-Szene bedeutet das ein klares Anti-Establishment-Signal. Das Unternehmen ist unverkäuflich, ein klassischer Exit an Konzerne ist somit ausgeschlossen. Erwirtschaftete Gewinne verbleiben im Unternehmen und sollen in die Förderung von Nachhaltigkeit oder andere gemeinnützige Zwecke fließen.

Doch was bedeutet das strategisch für andere Gründungsteams? Die Stiftung Verantwortungseigentum definiert das Modell über zwei unumstößliche Prinzipien: die absolute Selbstbestimmung (die Kontrolle bleibt immer bei den aktiven Unternehmern, nicht bei anonymen Investoren) und die strenge Vermögensbindung (Asset-Lock).

  • Für wen ist das Modell geeignet?

Verantwortungseigentum ist ideal für wertegetriebene "Purpose"-Gründer*innen, die ihre Mission rechtlich vor einer feindlichen Übernahme, Heuschrecken oder dem kurzfristigen Renditedruck des Kapitalmarkts absichern wollen. Es garantiert Unabhängigkeit über Generationen hinweg und ist ein massiver Hebel im Employer Branding, um Top-Talente zu binden, die nach echtem Sinn in ihrer Arbeit suchen.

  • Für wen ist es NICHT geeignet?

Für klassische Venture-Capital-Cases ist dieses Setup ein Dealbreaker. Wer für schnelles, hyperaggressives Wachstum auf klassisches Eigenkapital von VC-Fonds angewiesen ist oder als Gründer*in den eigenen, lukrativen Exit als persönliches Finanzziel definiert hat, wird mit diesem Modell scheitern. Da Investor*innen hier keine Rendite durch einen Unternehmensverkauf erzielen können, scheiden sie als klassische Geldgeber*innen aus. Zudem ist die juristische Umsetzung (etwa über Doppelstiftungs- oder Veto-Share-Modelle) aktuell oft noch teuer und komplex, solange eine dezidierte neue Rechtsform für dieses Konstrukt in Deutschland fehlt.

Während ein Großteil der Food-Start-ups also auf Venture Capital schielt, um sich Marktanteile teuer zu erkaufen, wählt pack&satt bewusst den Weg zwischen Purpose und Profitdruck. Dieses Modell wirft die spannende geschäftliche Frage auf, wie das Start-up die kapitalintensive Skalierung im stationären Handel ohne klassisches Eigenkapital finanzieren wird.

Pack&satt steht damit beispielhaft für eine Reihe neuer Start-ups, die gesellschaftliche Werte stark in ihre Unternehmensstruktur einbinden. Nach dem Erfolg beim Fachpublikum auf der BIOFACH zielt das Team nun darauf ab, einem breiteren Konsument*innenkreis zugänglich zu werden. Ob die Etablierung in den Supermarktregalen dauerhaft gelingt, wird maßgeblich davon abhängen, wie agil sich das Start-up im wettbewerbsintensiven Einzelhandel behaupten kann.

Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?

Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.

Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?

Die Köpfe hinter der Chat-Innovation

Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.

„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“

Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.

All-in-one zum Kampfpreis

Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.

Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.

Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.

Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"

So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.

Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.

Grenzen der Chat-Bedienung

Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.

Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.

Fazit und Ausblick

Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.

Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“

1 Mio. Euro ARR ohne Investor*innen: Der kalkulierte Drahtseilakt von Inno KI

Eine Million Euro ARR in zwei Jahren – ganz ohne Investor*innen. Wie das Start-up Inno KI den VC-Hype ignoriert und sein B2B-Geschäft nutzt, um mutige B2C-Testballons zu finanzieren.

Das KI-Start-up Inno KI aus dem niedersächsischen Vechta vermeldet einen Meilenstein: Im Mai 2026 – rund zwei Jahre nach der Gründung – hat das Unternehmen die Marke von einer Million Euro Annual Recurring Revenue (ARR) erreicht. Das Besondere daran: Dieser Aufbau gelang vollständig aus eigenem Startkapital und ohne externes Wachstumskapital. In einem Markt, der primär von milliardenschweren Risikokapitalrunden Schlagzeilen macht, horcht die Szene auf. Ein genauerer Blick auf das Geschäftsmodell zeigt jedoch: Die Unabhängigkeit hat ihren Preis – und ermöglicht zugleich überraschende strategische Freiheiten.

Vom Agentur-Projekt zur DSGVO-Plattform

Die Historie von Inno KI zeigt einen klassischen pragmatischen Ansatz. Das Unternehmen entstand unter anderem aus der Marketing-Agentur moin media und der Magic Labs GmbH, die bereits ab 2022 intensiv mit KI-Anwendungen experimentierten. Aus der Kernfrage, wie Mitarbeiter rechtssicher und datenschutzkonform mit Künstlicher Intelligenz arbeiten können, wurde Ende 2024 schließlich die Plattform innoGPT gelauncht.

Hinter dem Projekt stehen die Gründer Mike Koene und Maurice Brumund, der als Geschäftsführer agiert. Das von ihnen entwickelte Produkt fungiert als Brücke zu den großen Sprach- und Bildgenerierungsmodellen der US-Konzerne und europäischer Entwickler*innen – darunter OpenAI, Anthropic, Google, Meta und Mistral sowie Black Forest Labs. Der entscheidende Hebel für den deutschen Mittelstand: Die Plattform ist komplett DSGVO-konform und wird auf Servern in Deutschland innerhalb der EU gehostet. Laut Unternehmensangaben nutzen bereits über 1.000 Unternehmen und mehr als 600 Professionals das System täglich, unterstützt von einem Netzwerk aus über 30 Vertriebspartnern. Zu den namhaften Kund*innen zählen Schwergewichte wie PwC, die GC Gruppe, Hansa-Flex und die Böckmann Fahrzeugwerke.

Die ARR-Metrik im Branchen-Check

Innerhalb der Start-up-Welt ist die Kennzahl ARR (Annual Recurring Revenue) ein hoch bewertetes Gut, da sie in der Regel für planbare und hochskalierbare Abo-Einnahmen steht. Inno KI erklärt in seiner Mitteilung, dass die Plattform derzeit mit rund 30 Prozent pro Monat wächst. Gleichzeitig fließen Einnahmen aus begleitendem KI-Consulting und intensiven Schulungen direkt in die Weiterentwicklung des Produkts.

Für Analyst*innen zeigt sich hier ein interessanter Hybrid: Während klassische SaaS-Investoren oft eine strikte Trennung von reinen Software-Lizenzen und schwer skalierbaren Dienstleistungen fordern, nutzt Inno KI eine starke Verknüpfung beider Welten. Consulting und das vom Unternehmen angebotene Change-Management sind zeit- und personalintensiv. Das aktuelle Wachstum wird somit maßgeblich durch ein Systemhaus-ähnliches Modell querfinanziert. Das senkt zwar das finanzielle Risiko enorm, wirft bei Tech-Puristen aber unweigerlich die Frage auf, wie schnell sich das Modell global ohne massiven Personaleinsatz skalieren lässt.

Technologische Tiefe vs. „Middleware“-Dilemma

Technologisch bewegt sich innoGPT im Bereich der Middleware. Das Start-up entwickelt keine eigenen Foundation-Modelle, sondern legt eine datenschutzkonforme Schnittstellen-Hülle über bestehende Drittanbieter-Technologien. In der Tech-Szene wird bei solchen Modellen oft die Tiefe des technologischen „Burggrabens“ hinterfragt.

Den oft geäußerten Vorwurf, ein reiner „API-Wrapper“ zu sein, kontert Inno KI jedoch mit einer eigenen technologischen Wertschöpfungsschicht: Wie StartingUp bereits in der Meldung zum B2C-Vorstoß von innoGPT berichtete, nutzt das System eine "Named Entity Recognition". Dabei werden sensible personenbezogene Daten in hochgeladenen Dokumenten automatisch durch Platzhalter ersetzt, bevor sie überhaupt an die Schnittstellen der US-Anbieter*innen gesendet werden.

Zusätzlich zu diesem technischen Datenschutz bleibt die Strategie stark auf die menschliche Komponente fokussiert: Da die Einführung von KI primär die Veränderung von Arbeitsweisen bedeutet, ist das operative Change-Management ein fester Bestandteil der Leistung geworden. Die Kund*innenbindung erfolgt also maßgeblich durch Beratungs- und Implementierungskompetenz vor Ort.

B2B als Cashcow für den B2C-Testballon

Geschäftsführer Maurice Brumund betont, dass man Angebote von Kapitalgeber*innen bewusst abgelehnt habe. Der Verzicht auf Venture Capital sichere dem Unternehmen die Unabhängigkeit von harten Quartalsvorgaben externer Investoren, die fast immer einen schnellen Exit anstreben. Für Kund*innen wolle man so ein stabilerer, langfristiger Partner sein.

Genau diese Unabhängigkeit erklärt auch die ungewöhnlichen strategischen Züge des Start-ups. Die Gewinne aus dem B2B-Kerngeschäft dienen als Motor für neuartige Experimente. Wie wir kürzlich berichteten, wagt sich Inno KI mit einem „Family Package“ (34,90 Euro/Monat) an den ungelösten datenschutzkonformen KI-Zugang für Familien und das Kinderzimmer heran. Ein derartiger B2C-Testballon für ein B2B-fokussiertes Unternehmen wäre unter dem strengen Fokus klassischer VC-Geber*innen, die meist eine eindimensionale Skalierung im Kerngeschäft fordern, kaum denkbar gewesen.

Fazit

Inno KI liefert ein starkes Beispiel für erfolgreiches Bootstrapping im deutschen Tech-Sektor. Dem Team ist es gelungen, die akute Compliance-Unsicherheit des Mittelstands schnell und profitabel zu monetarisieren. Der Fall zeigt Gründer*innen, dass ein tragfähiges Geschäftsmodell im KI-Bereich nicht zwingend auf Milliardeninvestitionen basieren muss, wenn die vertriebliche Nische und der Service stimmen. Ob sich das Hybrid-Modell langfristig gegen die fortschreitende Marktkonsolidierung der Tech-Riesen behauptet, wird sich zeigen – doch vorerst nutzt Inno KI seine finanzielle Freiheit konsequent für eigene Wege.

paXos Solar: Das Kraftwerk-Dach

Sieben Jahre Entwicklung, ein renommierter Design-Preis und ein ambitioniertes Crowdinvesting: Wie das Start-up paXos Solar der Gründer Karsten Birkholz und Guido Schumacher den umkämpften Markt für gebäudeintegrierte Photovoltaik (BIPV) aufmischen will – und warum das Nadelöhr im Handwerk liegt.

Das Langenfelder GreenTech-Start-up paXos Solar hat mit seinem „Multi-Energie-Dach“ den Green Product Award 2026 in der Kategorie Building Design gewonnen. Das Konzept verspricht, das Dach vom bloßen Witterungsschutz zum integrierten Kraftwerk für Strom und Wärme zu transformieren. Für das Hardware-Start-up markiert dieser renommierte Preis einen Meilenstein auf dem Weg zur nächsten Finanzierungsrunde. Dennoch zeigt ein tieferer Blick auf das Geschäftsmodell, die tiefen Wurzeln des Teams im Engineering und die hochkomplexe Wettbewerbslandschaft, dass der Markt für gebäudeintegrierte Photovoltaik (BIPV) weit mehr verlangt als gutes Design.

Die Auszeichnung als Momentum

Ende Mai 2026 wurde im Berliner Colosseum der Green Product Award verliehen. Unter 1.200 Einreichungen aus 54 Ländern setzte sich das Multi-Energie-Dach von paXos durch. Die Jury lobte insbesondere den ganzheitlichen Ansatz, der Aspekte wie Verarbeitung, Lebenszyklus, Langlebigkeit und die Kreislauffähigkeit der Materialien berücksichtigt. Für paXos kommt die Auszeichnung genau zur rechten Zeit, da das Start-up in rund einem Monat eine Skalierungsrunde über die Crowdinvesting-Plattform FunderNation starten will.

Warum man sich in einer solch kapitalintensiven Hardware-Phase für die Crowd und gegen klassisches Venture Capital (VC) entschieden hat? „Wir sehen Crowdinvesting nicht als Ersatz für professionelle Investoren, sondern als sehr passenden Baustein für unsere aktuelle Skalierungsphase“, erklärt CFO Guido Schumacher. Über die Plattform könne man Kapital aufnehmen, ohne die Gesellschafterstruktur zu früh und zu stark zu verwässern.

Zudem gehe es um Reichweite und Community-Aufbau. Schumacher betont: „Unser Produkt lebt von Vertrauen, Sichtbarkeit und Weiterempfehlung. Eine Crowdinvesting-Kampagne bringt uns mit Menschen zusammen, die die Energiewende im Gebäudesektor aktiv unterstützen, selbst bauen oder im Handwerk tätig sind.“

„Klassisches VC-Geld schließen wir für spätere, größere Skalierungsschritte nicht aus“, räumt er ein. Doch zunächst liege der Fokus auf dem aktuellen Ausbau. „Für den nächsten Marktausbau planen wir ein Finanzierungsziel von bis zu 1,5 Millionen Euro“, kündigt der CFO an. „Damit wollen wir insbesondere Material und Projekte vorfinanzieren sowie unser Vertriebs- und Verarbeitungspartnernetzwerk ausbauen.“

Die Wurzeln im Engineering: Ein Corporate Spin-off mit langem Atem

Hinter paXos Solar steckt kein klassisches Hochschul-Spin-off in den frühen Zwanzigern. Das Kernteam um CEO Karsten Birkholz und CFO Guido Schumacher verbindet eine über 30-jährige gemeinsame berufliche Vorgeschichte, stark verwurzelt in der Automobilindustrie und dem klassischen Engineering. Zusammen mit Erfinder Peter Hakenberg bauten sie ab 2015 zunächst das erfolgreiche Ingenieurbüro paXos Consulting & Engineering auf.

Bereits im Jahr 2017 sorgte die Truppe auf der Hannover Messe für Schlagzeilen, als erste Prototypen in den Medien voreilig als deutsche Antwort auf das Tesla Solar Roof gehandelt wurden. Guido Schumacher relativiert diesen frühen Hype heute: „Der Tesla-Vergleich war damals natürlich aufmerksamkeitsstark, aber 2017 standen wir nicht kurz vor einem fertigen Marktstart.“

Bis das hardwareintensive Produkt vollends marktreif war, vergingen fast sieben Jahre. Erst Ende 2024 startete das Unternehmen voll in den operativen Betrieb. „Ein Solardach ist kein klassisches Tech-Produkt, das man nach einem funktionierenden Demonstrator einfach skaliert“, gibt Schumacher zu bedenken. „Es muss über Jahrzehnte dicht, sicher, belastbar und wirtschaftlich funktionieren – und es muss auf der Baustelle von Dachdeckern verarbeitet werden können.“

Dass paXos diese enorm lange und risikoreiche Vorlaufzeit überstand, lag auch an der eigenen Entstehungsgeschichte. „Ein wesentlicher Teil der frühen Entwicklung konnte über paXos Consulting & Engineering querfinanziert werden“, verrät der CFO. Die wahre Hürde sei eine andere gewesen: „Die größte Herausforderung lag weniger in der Technik als im mentalen Wechsel“, blickt er zurück. „Als Ingenieurdienstleister denkt man in individuellen Kundenprojekten. Als Produktunternehmen muss man in Standards, Wiederholbarkeit, Lieferketten und Marge denken.“

Technologie und Lieferkette: Das Doppelkraftwerk auf dem Prüfstand

Das Kernprodukt von paXos ersetzt konventionelle Dachziegel vollständig. Auf einem soliden Unterdach aus gewöhnlichem Stahltrapezblech werden werkzeuglos Solarmodule eingehängt. Der technologische Clou: Ein Kamineffekt zwischen Blech und Modul sorgt für eine kontinuierliche Hinterlüftung, was einen leistungsmindernden Hitzestau verhindert. Die warme Luft wird zudem abgesaugt und einer Wärmepumpe zugeführt, was deren Energiebedarf laut Unternehmensangaben um bis zu 20 Prozent senken kann.

Auf die kritische Frage nach der Resilienz der globalen Lieferketten antwortet CEO Karsten Birkholz entwaffnend ehrlich: „Unsere Glas-Glas-Solarmodule werden aktuell in Asien nach unseren Spezifikationen gefertigt.“ Er verteidigt diesen Schritt selbstbewusst: „Dort finden wir derzeit die beste Kombination aus hoher Fertigungsqualität, technologisch führender Zelltechnologie und wirtschaftlicher Skalierbarkeit.“

Dennoch versichert Birkholz, sich nicht von Standard-Importen abhängig zu machen. „Wir kaufen keine Standardmodule von der Stange. Die paXos-Qualität entsteht durch unser spezifisches Moduldesign und die Integration in unser Dachsystem“, betont der CEO. Die eigentliche Wertschöpfung des Start-ups liege in der Systemintegration und der Logik des Dachaufbaus.

Der Markt und seine kritischen Hürden

Obwohl der Markt für energetische Dachsanierungen gigantisch ist, muss sich paXos in einem dicht besiedelten Umfeld gegen Anbieter wie Autarq, Ennogie oder traditionelle Ziegelhersteller behaupten. Die größte Skalierungshürde liegt jedoch oft nicht in der Technologie, sondern in der Schnittstelle zum traditionellen Handwerk. Ein Indach-System verwischt häufig die Grenzen zwischen dem/der Dachdecker*in und dem/der Elektriker*in – was in der Praxis regelmäßig zu Gewährleistungsängsten führt.

PaXos begegnet diesem Flaschenhals mit einer strikten konzeptionellen Trennung. „Unser wichtigstes Argument ist: Es bleibt im Kern ein Dachsystem“, stellt Karsten Birkholz klar. „Wir trennen die Funktionen bewusst: Das Unterdach übernimmt die Wasserführung und den Wetterschutz, die PV-Ziegel bilden die energieerzeugende Ebene darüber.“ Das reduziere die Sorgen der Handwerker*innen massiv.

Zudem punkte man mit hoher Reparaturfreundlichkeit, verspricht der CEO: „Bei uns können einzelne Module vergleichsweise einfach ausgetauscht werden, ohne das gesamte Dach öffnen zu müssen. Das ist für Dachdecker ein starkes Argument, weil es die langfristige Verantwortung beherrschbarer macht.“ Sein Fazit zum Schnittstellen-Problem ist entsprechend deutlich: „Wir verwischen die Gewerke nicht, sondern strukturieren sie sauber. Der Dachdecker verantwortet den Dachaufbau und die Montage, der Elektriker verantwortet Verschaltung und Inbetriebnahme.“

Einordnung für die StartingUp-Community

Für Gründer*innen und Investor*innen im GreenTech-Sektor liefert paXos Solar eine wertvolle Fallstudie. Der Case untermauert, dass physische Hardware im CleanTech-Bereich zwar langwierig ist, aber das unverzichtbare Rückgrat der realen Energiewende bildet.

Darüber hinaus bedient die intelligente Verschmelzung der klassischen Gebäudehülle mit moderner Stromerzeugung und thermischer Unterstützung exakt das ganzheitliche Denken, das heute von modernen ESG-Investor*innen gefordert wird. Der anstehende Schritt hin zum Crowdinvesting ist dabei ein strategisch kluger Schachzug, um bei einem emotional aufladbaren Produkt Kleininvestor*innen direkt zu Markenbotschafter*innen zu machen. Ob das erfahrene Team nach den Design-Jurys nun auch das traditionelle deutsche Bauhandwerk in der Breite überzeugen kann, wird sich in der anstehenden Wachstumsphase zeigen müssen.

Marlow: Kein Führerschein, aber das Auto neu gedacht

Die Gründer Florian Ritzel und Jannik Kirchhoff aus Hamburg wollen das Problem der versteckten Autokosten lösen. Ihre App Fahrfuchs* kletterte ohne Marketingbudget in die Top 100 der Finanz-Charts im App Store – eine klassische Bootstrapping-Erfolgsgeschichte. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell, wenn etablierte Konkurrenten den Markt beherrschen?

* Hinweis der Redaktion (29.05.26): Aufgrund eines Copyright-Streits mussten die Gründer ihre App umbenennen – diese heißt jetzt Marlow statt Fahrfuchs.

Während andere Abiturient*innen für Klausuren büffeln, programmierten Florian Ritzel und sein Mitgründer Jannik Kirchhoff (beide 18) ein Start-up. Die Initialzündung war laut den beiden Hamburger Gymnasiasten eine gesellschaftliche Beobachtung: Die Belastung durch Mobilitätskosten. „Die alleinerziehende Mutter sollte nicht an der Zapfsäule stehen müssen und entscheiden, ob sie ihr Kind in die Kita oder sich selbst zur Arbeit fährt“, beschreibt Ritzel die Motivation hinter dem Projekt. Die amüsante Ironie ihrer Gründung: Die Marlow-Gründer besitzen aktuell nicht einmal einen Führerschein.

Auf die naheliegende Skepsis bezüglich dieses fehlenden „Nutzer-Wissens“ reagiert Florian Ritzel offensiv: „Natürlich gibt es immer Leute, die unsere Idee kritisieren. Und fehlendes Nutzerwissen ist gerade am Anfang schwierig, vor allem, wenn man eine App bauen möchte, die möglichst vielen Menschen hilft.“ Doch aus der vermeintlichen Schwäche machten sie eine Stärke durch maximale Nutzerorientierung. „Wir haben bereits vorher im Umfeld rumgefragt, was die Leute eigentlich brauchen, und danach gezielt um Feedback gebeten“, erklärt der Gründer. Der Erfolg gibt ihnen recht: „Inzwischen erreichen uns täglich dutzende Mails mit Tipps – was die Nutzer*innen sich wünschen und wie wir die App verbessern können. Dadurch wird uns das Ganze nicht zum Verhängnis, sondern sogar zum Vorteil.“

Mit Marlow wollen sie den rund 48,5 Millionen Pkw-Halter*innen in Deutschland auf den Cent genau aufzeigen, wo das Auto wirklich Geld frisst. Denn der teure Kraftstoff ist nur ein Teil der Wahrheit. Falsche Versicherungstarife, unbemerkter Wertverlust, Wartung und vergessene Pendlerpauschalen reißen oft weitaus größere Löcher ins Budget. Die Resonanz ist für die frühe Phase beachtlich: Ganz ohne bezahltes Marketing sammelte die App schnell über 700 Downloads ein – eine für den Massenmarkt zwar noch bescheidene Zahl, die jedoch ausreichte, um mehrfach in die Top 100 der Finanz-Charts im App Store zu stürmen. Zudem generierte das Projekt rein organisch Presseberichte, unter anderem in der FAZ, der SWP und bei Antenne Bayern.

Holistischer Ansatz statt reiner Tank-App

Auf den ersten Blick wirkt Marlow wie ein weiterer Spritpreis-Radar. Die App zieht in Echtzeit Daten der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe, listet Ladesäulen für E-Autos und alarmiert per Push-Nachricht bei günstigen Preisen. Der entscheidende Pivot ist jedoch das ganzheitliche Kostentracking: Die Gründer haben einen eigenen Versicherungsrechner sowie einen Steuer-Sparrechner integriert, bieten detaillierte Monatsreports an und binden die Nutzer*innen über einen Gamification-Ansatz („Sparfuchs-Score“). Ein zentrales Versprechen in Zeiten von Datenskandalen: Alle sensiblen Nutzer*innendaten werden lokal auf dem Endgerät gespeichert – es gibt keine zentrale Cloud.

Angesprochen auf die Skalierbarkeit dieses Modells bezieht Jannik Kirchhoff klar Stellung: „Die lokale Datenspeicherung ist gerade in Deutschland kein strategisches Eigentor. Ich halte nichts für wichtiger, als die privaten Daten unserer Nutzer*innen zu schützen“. Er warnt vor den Risiken zentraler Speicherlösungen: „Niemand muss wissen, wo ich wohne, wohin ich morgens fahre oder wo meine Kinder zur Kita gehen. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder gesehen, dass jeder gehackt werden kann. Und gerade als junge Entwickler können und wollen wir diese Verantwortung nicht übernehmen“. Personalisierte Spar-Vorschläge ließen sich laut Kirchhoff auch direkt auf dem Smartphone „hervorragend realisieren“.

Ein echtes Haifischbecken

Die Vision ist ambitioniert, doch der Markt ist hart umkämpft. Die Konkurrenz reicht von Excel-Tabellen bis zu Platzhirschen wie Spritmonitor oder Giganten wie Clever Tanken. Warum also wechseln? Florian Ritzel gibt sich selbstbewusst: „Die Spritpreis-Übersicht ist bei uns nur eines von vielen Features – nicht der Hauptteil. Wer Spritmonitor so gut findet, darf dort gerne bleiben.“ Der Fokus liege woanders: „Wer aber wirklich tracken möchte, was sein Auto insgesamt kostet, der kann das eben nur bei uns. Diese Gesamtheit an Features gibt es bisher in keiner anderen App in dieser Form.“ Selbst das Argument der manuellen Excel-Tabelle lässt er nicht gelten: „Natürlich kann man sich das selbst in Excel bauen – aber darauf haben die meisten Leute schlicht keine Lust. Genau deswegen sind wir so gut.“

Kritisch hinterfragt

Trotz des Aufklärungscharakters ist Marlow kein reines Hobbyprojekt; In-App-Käufe für eine „Plus“-Version (0,99 €/Monat) sowie eine „Pro“-Version (2,99 €/Monat bzw. 19,99 €/Jahr) bilden das Monetarisierungsmodell. Ob die selbstgestrickte Mathematik hinter dem Versicherungsrechner, der auf hunderten per Hand durchgerechneten Profilen basiert, ohne echte API-Schnittstellen dauerhaft standhält, bleibt abzuwarten.

Wie viele Abonnent*innen braucht es, um nach dem Abitur davon zu leben? Jannik Kirchhoff rechnet vor: „Ehrlicherweise vermutlich mehr als 10.000 zahlende Abonnent*innen – aber das ist zunächst auch nicht unser Ziel.“ Aktuell stehe das Lernen im Vordergrund: „Wir wollen vor allem Erfahrungen sammeln durch das, was wir machen, und gleichzeitig die laufenden Kosten decken. Das sollte demnächst möglich sein.“

Für die Zeit nach dem Abschluss hält er sich alle Türen offen: „Risikokapital halte ich ab dem Moment für unumgänglich, an dem wir wirklich konkret expandieren wollen. Das wird vermutlich nach dem Abitur der Fall sein. Dann muss man schauen, ob es sich lohnt, Anteile abzugeben oder Kredite aufzunehmen.“ Sein Fazit: „Spannend wird es erst, wenn wir die Idee wirklich groß skalieren wollen.“

Ein exzellentes MVP mit Pivot-Potenzial

Marlow ist ein Lehrbuchbeispiel für ein hervorragendes Minimum Viable Product (MVP). Um jedoch hochprofitabel zu werden, könnte mittelfristig ein Wechsel hin zur Affiliate-Provision für Versicherungswechsel nötig sein. Doch hier bremst Florian Ritzel bewusst: „Versicherungspartner wollen wir zunächst bewusst nicht werden, denn einer der entscheidendsten Punkte unserer App ist, dass wir Versicherungsdaten unabhängig zur Verfügung stellen.“

Sein Ziel ist technologische Exzellenz: „Meilenstein eins ist, den Versicherungsrechner so akkurat zu machen, dass wir auf Check24-Niveau sind – ohne dafür Provisionen zu kassieren.“ Zudem plane man Kooperationen mit Fahrschulen und Werkstätten, um die Leute genau dort zu erreichen, „wo sie am meisten ans Auto denken“. Die größte Hürde bleibt derweil technischer Natur: „Meilenstein drei ist die Android-Version – das ist allerdings extrem schwer umzusetzen, gerade wenn man iOS-Coding gewohnt ist.“ Dennoch verspricht er: „Wir planen das aber innerhalb der nächsten drei Monate.“

Der Grundstein ist gelegt. Nun müssen die beiden Hamburger beweisen, dass sie nach dem Abitur nicht nur programmieren, sondern auch unternehmerisch durch den dichten Verkehr des Mobilitätsmarktes navigieren können.