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Anbieter-Check: Low-Code-Entwicklungs-Plattformen
Wer Softwaretools oder Webanwendungen bereitstellen will, ohne die Kosten und Mühen einer traditionellen Entwicklung per Programmiersprachen auf sich zu nehmen, kann dies mithilfe von Low-Code- oder No-Code-Entwicklungsplattformen leisten. Wir stellen sieben leistungsstarke Tools vor.
Ob für Kundenportale, Apps für die Kommunikation zwischen Shareholdern oder Lösungen zur internen Datenverwaltung: Der Bedarf an maßgeschneiderten Apps und Webanwendungen in Unternehmen ist hoch. Viele Unternehmen möchten die Entwicklung dieser Apps gern selbst in die Hand nehmen, doch längst nicht alle haben ein eigenes Entwicklungsteam mit umfassenden Programmierkenntnissen oder die Möglichkeit, Mitarbeitende in diesem Bereich zu schulen.
Hier kommen Low-Code-Entwicklungsplattformen ins Spiel: Sie bieten eine vereinfachte Entwicklungsumgebung, in der die Anwendungserstellung mithilfe visueller Elemente und nicht durch klassische textbasierte Programmiersprachen erfolgt. So kann Software deutlich schneller und auch kostengünstiger entwickelt und bereitgestellt werden, und es ist nicht nötig, Teammitglieder mit Programmierkenntnissen einzustellen oder umfangreiche Schulungen durchzuführen. Üblicherweise bieten diese Plattformen auch umfassende Funktionen zur Verwaltung von Dokumenten, Dateien und Inhalten, sodass Unternehmen mit diesen eine zentrale Informationsquelle für alle Teams erstellen können. Meist können die per Low-Code-Plattform entwickelten Anwendungen in der Cloud bereitgestellt werden, gelegentlich auch On-Premises.
Die von uns ausgewählten Anbieter*innen bieten unter anderem folgende drei Hauptfunktionen von Low-Code-Plattformen: Deployment Management (Einsatzmanagement), Integrations Management (Integrationsmanagement) und Visual Modeling (visuelle Gestaltung). Sämtliche Auswahlkriterien sind am Ende des Beitrags aufgeführt. Die sieben Tools sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt.
Airtable
Die Low-Code-Entwicklungsplattform Airtable verbindet die vertraute Nutzungsweise von Tabellenkalkulationen mit den Möglichkeiten einer Datenbank. Teams können Daten aus den unterschiedlichsten Quellen automatisch und in Echtzeit synchronisieren und so eine zentrale Informationsquelle für alle Beteiligten schaffen. Diese Daten lassen sich in sogenannten Bases in Tabellenform oder in zahlreichen anderen Ansichten anzeigen, etwa als Gantt-Diagramm, Kanban-Board, Teamkalender, visuelle Galerie oder Zeitleiste. Auch teilbare Formulare zum Erfassen von Daten sind verfügbar. Teams können Prozesse und Abläufe automatisieren, von einfachen automatisch versendeten Benachrichtigungen bis hin zu komplexen mehrschrittigen Workflows, und sich dabei die Integrationen für Tools wie Google Workspace, Slack oder Twitter zunutze machen. Die Logiken für die Automatisierung lassen sich per JavaScript erweitern.
Mit dem Interface Designer von Airtable können Teams per Drag and Drop und ohne Code eigene Nutzungsoberflächen erstellen und Berechtigungen dafür festlegen, wer worauf Zugriff hat. Für jede Base lassen sich beliebig viele Oberflächen erstellen und für einzelne Teammitglieder oder Stakeholder individuell anpassen. Die cloudbasierte Lösung ist über den Browser sowie als Desktop-App für Mac und Windows und als iOS- oder Android-App nutzbar.
Für Einzelpersonen oder sehr kleine Teams bietet Airtable eine Gratisversion mit unbegrenzt vielen Bases und bis zu 1200 Datensätzen pro Base für bis zu fünf Teammitglieder. In den kostenpflichtigen Versionen Plus, Pro und Enterprise sind unter anderem Erweiterungen verfügbar (drei bzw. zehn pro Base in den Versionen Plus und Pro, unbegrenzt viele in der Enterprise-Version), mit denen sich die Bases beispielsweise um einen JSON-Editor, interaktive Skripts, Suchfunktionen und einen CSV-Import erweitern lassen. Die Enterprise-Version bietet großen Unternehmen nützliche Funktionen wie einen dreijährigen Revisionsverlauf, Single Sign-On und ein unternehmensweites Admin-Panel.
5 Hauptfunktionen von Airtable
- Cloudbasiertes Unternehmens-Dashboard als zentrale Informationsquelle.
- Automatisierungen mit den verschiedensten Auslösern einschließlich Webhooks.
- Flexibel anpassbare Ansichten und Freigabeeinstellungen.
- No-Code-/Low-Code Entwicklung von Anwendungen, die als Website bereitgestellt werden können.
- Integrationen für zahlreiche beliebte Anwendungen wie GitHub, Asana oder Zendesk; Zapier-Integrationen und REST API.
BIC Platform
Die BIC Platform bietet eine Reihe verschiedener Module zur Erreichung der Unternehmensziele: BIC Process Design dient der Modellierung, Analyse und Optimierung von Unternehmensprozessen einschließlich automatisierter Prüf- und Freigabe-Workflows sowie Dokumentenmanagement. BIC Information Security ist ein automatisiertes Informationssicherheitsmanagementsystem nach ISO 27001 mit interaktiven Dashboards, vordefinierten Berichten und Risikomanagement. BIC Data Protection hilft Unternehmen, die Vorgaben der DSGVO einzuhalten. BIC Business Continuity hilft bei der Überwachung kritischer Geschäftsprozesse und der Reaktion im Notfall, BIC BSI Grundschutz dient der Einhaltung der Anforderungen des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) und die GRC-Software BIC Custom GRC verwaltet Prozesse zu Governance, Risk und Compliance.
BIC Process Execution bietet zahlreiche Funktionen für die Low-Code-/No-Code-Automatisierung. Per Drag-and-DropModellierung und Formulareditor im Baukastensystem lassen sich ausführbare Workflows, digitale Formulare oder durch Bots automatisierte Aufgaben etwa für Kund*innen oder Mitarbeitende erstellen. Dabei können Drittsysteme wie SAP, Microsoft Dynamics, Sharepoint und Salesforce integriert werden und Robotic Process Automation erweitert die Automatisierung.
Der Anbieter hat seinen Hauptsitz in Bochum: Das Tool und der Kundensupport sind somit auf Deutsch verfügbar. Alle Preisinformationen sowie eine kostenfreie Demo oder Testversion gibt es auf Anfrage.
5 Hauptfunktionen von BIC Platform
- Prozessoptimierung und -automatisierung.
- Module für Informationssicherheit, Datenschutz, Compliance und mehr.
- Prozess-Templates für die einfache No-Code-/Low-Code-Automatisierung.
- Dynamisches Fall- und Aufgabenmanagement.
- Analysen von Prozessperformance und Fortschritt.
Formaloo
Mit Formaloo können Unternehmen ohne Verwendung von Code Formulare, Datenbanken und benutzerdefinierte Webanwendungen erstellen. Dabei können sie Daten aus Excel-Tabellen importieren, über in Formaloo erstellte Onlineformulare erfassen oder Datensätze neu aufbauen. Der auf die Zusammenarbeit ausgerichtete Arbeitsbereich kann nach verschiedenen Teams, Abteilungen, Kund*innen und Projekten organisiert werden. Im Web App Builder lassen sich Formulare, Links, Tabellen, Diagramme und mehr zusammenführen, um die Daten an einem zentralen Ort zu visualisieren, zu verwalten und mit anderen zu teilen. Per iframe können die so erstellten Web-Apps in Websites eingebettet werden. Auch vorgefertigte Templates für Web-Apps sind verfügbar. Neben zahlreichen Integrationen für Apps und Services wie Google, Salesforce, Microsoft oder Shopify gibt es eine SDK, APIs und Webhooks.
Die kostenlose Version von Formaloo richtet sich an Einzelpersonen mit bis zu fünf Datenbanken und Anwendungen. Für KMU eignet sich die Plus-Version mit unbegrenzt vielen Datenbanken und Anwendungen, größere Unternehmen sind mit der Pro- oder Enterprise-Version gut bedient. Ab der Plus-Version sind Workflow-Automatisierung und Logiken verfügbar.
5 Hauptfunktionen von Formaloo
- Erstellen von Formularen, Datenbanken und Webanwendungen.
- Anwendungsvorlagen für die verschiedensten Bereiche.
- Datenerfassung und -analyse, etwa für Kundendaten.
- Zugriffsbeschränkungen und sichere Zusammenarbeit im Team.
- WordPress-Plugin zum Erstellen von Formularen und Widgets.
Forms On Fire
Wie der Name schon verrät, liegt ein Fokus von Forms on Fire auf der Erstellung von Formularen. Das Tool richtet sich unter anderem an Unternehmen, die Formulare für ihre internen und externen Mitarbeitenden erstellen möchten, etwa für Inspektionen, Fragen zur Arbeitssicherheit oder Arbeitsaufträge. Doch auch mobile Datenbanken, Referenzdokumente, Aufgabenlisten und Analyseberichte können erstellt werden. Sowohl die Datenerfassung als auch das Ausdrucken von Inhalten sind offline möglich und die No-Code-Designs können in Excel exportiert werden. Zu den nutzbaren Funktionen gehören Barcode- und NFC-Scans, Signaturerfassung, GPS-Standorterfassung und die Integration in andere Systeme.
Das Tool ist in den Versionen Standard, Premium und Enterprise verfügbar. Alle drei Versionen bieten unbegrenzten Speicherplatz und unbegrenzt viele Apps. Die Premium-Version bietet zudem Workflows, unbegrenzt viele Einträge und Premium-Konnektoren. Die Enterprise-Version ermöglicht Single Sign-On und bietet SYNQL für MS SQL oder MySQL.
5 Hauptfunktionen von Forms On Fire
- Plattformübergreifende Formularerstellung und Excel-App-Designer.
- Versionskontrollen und Testmodus für mobile Apps.
- Benutzer*innendefinierte Dashboards für die grafische Aufbereitung von Informationen.
- Automatisierungen mit flexiblen Workflows, Aufgaben-Templates und Aufgaben-API.
- Integrationen für Google Sheets, Amazon S3, SharePoint, PowerBI, Zapier und mehr sowie offene API.
Intrexx
Intrexx ist ein skalierbares Low-Code-Baukastensystem für individuell erstellte Businessanwendungen. Per Drag and Drop lassen sich Anwendungen erstellen und Workflows automatisieren, um beliebige Arbeitsabläufe im Unternehmen zu optimieren. Intrexx bietet zahlreiche branchenunabhängige, vorgefertigte Softwarelösungen, die an die individuellen Bedürfnisse eines Unternehmens angepasst werden können, etwa für das Risikomanagement, die Datenanalyse, das Customer Relationship Management, das Qualitätsmanagement oder die Prozessvisualisierung.
Für den Einstieg bietet Intrexx eine Auswahl an Schulungen über die Intrexx Academy, sowohl als On-Demand-Videotrainings als auch als geführte Onlineschulungen zu festen Terminen. Unternehmen können zudem individuelle Onlineschulungen für ihre Teams buchen. Zu den Tools von Intrexx gehören außerdem das DMS-System Dokumentenmanager Pro sowie das Tool für die interne Zusammenarbeit Intrexx Share, das auch Projekt- und Aufgabenmanagementfunktionen bietet.
Das Tool wird in Deutschland entwickelt, ist auf Deutsch verfügbar und bietet eine 90-tägige Testversion sowie ein persönlich begleitetes Onboarding. Preise sowie persönliche telefonische Beratungstermine sind auf Anfrage verfügbar.
5 Hauptfunktionen von Intrexx
- Anpassbare Businessanwendungen für viele Bereiche.
- Low-Code-Plattform mit Drag-and-Drop-Editor.
- Dokumentenmanager und Zusammenarbeitstool.
- Prozessautomatisierung mit digitalen Workflows.
- Zentrale Darstellung aller Unternehmensprozesse.
Ninox
Mit der cloudbasierten Datenbankplattform Ninox können Unternehmen Daten und Dokumente an einem zentralen Ort verwalten, über beliebige Geräte zusammenarbeiten und per Drag and Drop Formulare, Berichte und Business-Anwendungen in beliebiger Komplexität erstellen. Daten können in Formularen verwaltet und als Tabelle, Diagramm, Karten, Kanban-Board, Gantt-Diagramm oder Pivot-Diagramm angezeigt werden. Die Automatisierung ist skriptbasiert und über Trigger möglich, ferner es gibt eine breite Auswahl an Vorlagen, etwa für Vertrags- oder Aufgabenverwaltung, Wartungs-, Abnahme- oder Mängelprotokolle, die Arbeitszeiterfassung, das On- und Offboarding, CRM oder Immobilienverwaltung. Für mehr Sicherheit sind rollenbasierte Zugriffsberechtigungen, benutzer*innendefinierte Passwortrichtlinien, Sitzungsmanagement und Single Sign-on verfügbar.
Ninox ist ein deutsches Tool, somit auf Deutsch verfügbar und DSGVO-konform. Wer nur kleine Business-Anwendungen erstellen möchte, kann bereits in der Starter-Version unbegrenzte Arbeitsbereiche, Datenbanken und Tabellen sowie skriptbasierte Automatisierungen nutzen. In der Professional-Version gibt es Anwender*inrollen, rollenbasierte Zugriffsberechtigungen und zusätzliche Ansichten, in der Enterprise-Versionen unter anderem SSO, AD DS (Active Directory Domain Services), Personalisierungsoptionen sowie die Möglichkeiten zur Bereitstellung in einer privaten Cloud oder On-Premises statt in einer öffentlichen Cloud. Zudem gibt es Apps für iPhone, iPad, Android und Mac.
5 Hauptfunktionen von Ninox
- Cloudbasierte Datenverwaltung, Formular- und Berichtserstellung.
- No-Code-Erstellung von benutzer*innendefinierten Anwendungen.
- Vordefinierte Feldtypen und Vorlagenbibliothek.
- HTTP/REST-APIs, Integrationen einschließlich Zapier und Make (ehemals Integromat).
- Zugriffsberechtigungen und Sitzungsmanagement.
Softr
Softr dient dazu, benutzer*innendefinierte Unternehmensanwendungen wie Kundenportale, Partneranwendungen oder interne Tools auf Basis der Daten aus Airtable-Bases oder Google-Tabellen zu erstellen. Dafür stehen mehr als 100 vordefinierte Blöcke wie etwa Funktionsübersichten, Formulare und CTAs für Websites zur Verfügung und die so entwickelten Full-Stack-Webanwendungen können Mitgliedschaften, Zahlungen und Geschäftslogiken unterstützen sowie für Apple- und Android-Geräte bereitgestellt werden. Die Sichtbarkeit von Seiten und Blöcken ist einzeln einstellbar, etwa abhängig von Bedingungen wie dem Anmeldestatus von Personen, deren Nutzer*innenrolle oder aktuellem Abonnement. Mit Softr entwickelte Websites können auf eigenen Domains gehostet werden und sind SEO-optimiert. Seitenelemente können interaktiv hinzugefügt und bearbeitet werden, beispielsweise Profilinformationen. Neben der direkten Airtable-Integration sind Integrationen für Google Analytics, Stripe, Mailchimp und mehr sowie Integrationen per Zapier und Make (Integromat) verfügbar.
Es gibt eine Gratisversion für unbegrenzt viele Anwendungen, eine benutzer*innendefinierte Domain mit Softr-Branding und Airtable-Integration für bis zu 200 Datensätze. Die kostenpflichtigen Versionen Starter, Professional und Business richten sich an unterschiedlich große Unternehmen und bieten je nach Version zusätzliche Funktionen wie benutzer*innendefinierter Code (HTML/CSS/JavaScript), das Aktualisieren von Airtable-Datensätzen sowie die Option, Mitgliedschaften und Paywalls für – je nach Version – bis zu 100.000 Mitglieder einzurichten.
5 Hauptfunktionen von Softr
- Entwicklung von Unternehmensanwendungen auf Basis von Airtable oder Google-Tabellen.
- Bereitstellung von Websites mit Mitgliedschaften, Paywalls und Zahlungsfunktionen.
- Vorgefertigte Blöcke zur Erstellung interaktiver Webanwendungen.
- Aktualisieren von Airtable-Datensätzen.
- Integrierte SEO-Funktionen.
Methodik
Für diese Liste haben wir zunächst Tools ausgewählt, die innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens 20 Nutzer*innenbewertungen auf Get App erhalten haben (Stand vom 29.09.2022). Anschließend wurden diese Tools nach der Reihenfolge ihrer Gesamtbewertung (von der höchsten bis zur niedrigsten) sortiert, wobei wir eine Mindestbewertung von 4,5 von 5 Sternen zugrunde gelegt haben. Außerdem mussten die Produkte unserer Definition von Low-Code-Plattformen entsprechen: Low-Code-Entwicklungsplattformen bieten Nutzer*innen eine vereinfachte Entwicklungsumgebung, in der die Anwendungserstellung mithilfe visueller Elemente und nicht durch traditionelle Kodierung erfolgt. Die Softwareprogramme mussten ebenfalls die Hauptfunktion der Kategorie Low-Code-Software bieten: Deployment Management (Einsatzmanagement), Integrations Management (Integrationsmanagement) und Visual Modeling (Visuelle Gestaltung). Die finale Auswahl setzt sich aus den ersten sieben Tools zusammen, die alle oben stehenden Kriterien erfüllen.
Die Autorin Rosalia Pavlakoudis ist Content Analyst für GetApp und Software Advice, zwei unabhängigen Software-Vergleichsplattformen für Business-Software-Käufer*innen. Beide Netzwerke bieten verifizierte Nutzerbewertungen und unabhängige Testberichte in Hunderten von Softwarekategorien.
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Schluss mit der Wegwerf-Ausrüstung: Outzips Masterplan für eine neue Outdoor-Ökonomie
Gekaufte Outdoor-Ausrüstung wird im Schnitt nur zehn Tage genutzt – eine gewaltige Ressourcenverschwendung. Das junge Berliner Start-up Outzip der Gründer Kai Meier und Eloy Padilla will diese Lücke mit einem digitalen Miet-Marktplatz schließen. Doch wie belastbar ist das „Asset-Light“-Modell der Gründer? Wir haben nachgehakt.
Das Konsumverhalten verändert sich: Gekaufte Outdoor-Artikel werden im Durchschnitt nur zehn Tage genutzt, während 73 Prozent der Millennials laut Marktdaten angeben, mehr Ausrüstung mieten zu wollen. In diese Lücke stößt das Berliner Start-up Outzip. Mit einer digitalen Plattform für die Vermietung von Outdoor- und Sportausrüstung wollen die Gründer den fragmentierten Markt digitalisieren und ein skalierbares „Gear-as-a-Service“-Modell etablieren. Doch wie belastbar ist das Marktplatz-Modell im realen operativen Betrieb, wenn längst auch etablierte Handelsriesen denselben Markt ins Visier nehmen?
Die Gründer und der operative Ursprung
Hinter der im Jahr 2024 in Berlin gegründeten Outzip UG stehen zwei Gründer. Als Co-Founder und CEO bringt Kai Meier berufliche Stationen als Projektmanager in der Bike-Sharing-Economy beim ADFC Berlin sowie im Sales- und Marketingbereich bei ONOMotion in das Vorhaben ein. Co-Founder und CPO Eloy Padilla sammelte zuvor bereits Erfahrungen mit dem D2C-Outdoor-Marktplatz thefaircottage.com.
Der Impuls zur Gründung leitet sich direkt aus der aktuellen Ressourcenverschwendung ab. Im Fachmagazin Suston adressierte Outzip beispielsweise das Problem der Müllberge auf Musikfestivals, die durch billig gekaufte und zurückgelassene Campingausrüstung entstehen, und skizzierte Mietlösungen direkt vor Ort als Gegenmaßnahme. Erste konzeptionelle Bestätigung erhielt das Start-up im Wintersemester 2023/24 im Rahmen einer Projektarbeit der HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft sowie im Frühjahr 2025 im „Pitch Battle“ des Startup Insider Podcasts.
Margendruck durch Logistik?
Outzip agiert als B2B2C-Marktplatz, der lokale Miet-Shops, Reisende und Affiliate-Partner*innen zusammenbringt. In ersten Kooperationen binden der Reiseveranstalter Perlenfänger oder Vivido Outzip bereits für sogenannte Mikroabenteuer ein. Die Monetarisierung stützt sich auf eine 15-prozentige Provision pro Buchung. Auf Konsument*innen-Seite soll ein KI-Chatbot bei der Produktauswahl assistieren und so die Konversionsrate stützen.
Das Start-up fokussiert sich im Vertrieb zunächst darauf, Shops einen zusätzlichen digitalen Buchungskanal über das eigene Listing anzubieten. Perspektivisch, so Meier, wolle man das Onboarding eines eigenen Buchungssystems über den SaaS-Partner Sharefox ermöglichen und direkte API-Schnittstellen zu Shops mit existierendem System entwickeln.
Dabei verfolgt das Unternehmen prinzipiell einen „Asset Light“-Ansatz: Es besitzt die Ausrüstung nicht selbst, sondern aggregiert Bestände über API-Schnittstellen. Im Zeitraum 2024 bis 2025 verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben 800 Buchungen – davon 550 im Jahr 2025 – mit einem Gesamtumsatz (GMV) von 50.000 Euro.
Ein Blick auf die Unit Economics offenbart jedoch operative Risiken: Die geplante Integration eines umfassenden Kreislauf-Services inklusive externer Logistikpartner*innen ist im E-Commerce traditionell ein massiver Margenfresser. Auf die kritische Frage, wie das Start-up verhindern wolle, dass hohe Versand- und Aufbereitungskosten das Geschäftsmodell aushöhlen, verweist CEO Meier auf eine betont dezentrale Strategie. „Um insbesondere die Bereitstellungskosten so gering wie möglich zu halten, liegt der Expansionsfokus vor allem auf der Zusammenarbeit mit lokalen Verleih-Anbietern“, argumentiert der Gründer. Die Ware werde idealerweise direkt am „Point of Use“ ausgegeben und dort auch wieder aufbereitet. Das steigere nicht nur die Effizienz durch die Fachkenntnis der Partner, sondern ermögliche überhaupt erst ein breiteres Angebot. So gibt Meier zu bedenken, dass Produkte wie Kajaks „über den Versand kaum profitabel vermietbar wären“.
Kampf gegen Retail-Riesen und Plattformen mit identischem Modell
Der globale Markt für Outdoor-Vermietungen wird laut Branchenprognosen bis 2035 auf 32 Milliarden Euro anwachsen. Für Deutschland geht Outzip von einem adressierbaren Umsatzpotenzial von 700 Millionen Euro aus. Die Konkurrenzlandschaft ist jedoch dicht besiedelt und hochgradig kapitalisiert. Auf der einen Seite stehen etablierte Retailer wie Globetrotter, Decathlon und Intersport, die teils mit eigenen Verleihkonzepten experimentieren. Auf der anderen Seite positionieren sich spezialisierte Vermieter wie Cirkel Supply Co. oder EcoSki.
Die direkteste Gefahr droht Outzip jedoch durch Plattformen wie Lokki oder Rent & Send, die mit einem identischen Marktplatz-Ansatz um exakt dieselben B2B-Partner buhlen. Angesprochen auf den fehlenden technologischen „Burggraben“ des Unternehmens in diesem Umfeld, gibt sich Meier gelassen. Große Retailer sehe man aktuell nicht als Bedrohung, da diese sich „strategisch vor allem auf das Thema Second-Hand und Buy Back Programme fokussieren“. Gegenüber Plattformen mit nahezu identischem Modell wie Lokki führt der Mitgründer ein eher pragmatisches Argument ins Feld: Der strategische Vorteil liege „vor allem in der Positionierung als deutsches Unternehmen“. Dies solle im Vertrieb mit kleinen lokalen Geschäften in der Frühphase den Ausschlag geben. Um hier rasch Marktanteile zu sichern, verspricht Meier zudem schnellere Onboardings durch Kooperationen mit SaaS-Anbietern. Dadurch wolle man ein breites Partner*innen-Portfolio auf dem Marktplatz sichtbar machen, „ohne den individuellen Vertrieb mit jedem Partner einzeln“ stemmen zu müssen.
Einordnung und Fazit
Outzip positioniert sich in einem signifikant wachsenden Segment der Kreislaufwirtschaft. Für die aktuelle Pre-Seed-Runde sucht das Start-up 500.000 Euro, primär um die Software-Middleware zu finanzieren und 18 Monate Runway zu sichern. Flankiert werden soll dies durch eine angestrebte Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg in Höhe von 300.000 Euro. Erste Investitionstickets werden als Wandeldarlehen ab 10.000 Euro bei einem Cap von 2,5 Millionen Euro ausgegeben.
Die größte Hürde bleibt der zügige Aufbau der B2B-Angebotsseite. Die Roadmap sieht zunächst die Akquise lokaler Shops in Brandenburg vor, bevor bundesweit skaliert werden soll. Zudem fokussiert sich das Start-up nach eigenen Angaben im laufenden Jahr ausschließlich auf die Bereiche Camping und Trekking. Das birgt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie lockt man Nutzer*innen an, wenn das lokale Angebot noch spärlich ist?
Um diese Phase zu überbrücken, verlässt sich Outzip nicht nur auf Kaltakquise. Man arbeite „an engen Partnerschaften mit relevanten Reiseveranstaltern und Campingplätzen, um die Nachfrage für die entsprechenden Produkte zu erhöhen“, skizziert Meier den Ausweg. Das so generierte Buchungsvolumen diene gleichzeitig als Marktforschung. Durch die zielgruppenspezifische Analyse wisse Outzip sehr genau, „welche lokalen Anbieter aktuell gut zu unserem Portfolio passen“.
Gelingt es dem Team, die Akquisitionskosten für neue Partner niedrig zu halten und die logistischen Herausforderungen effizient zu lösen, könnte Outzip im europäischen Outdoor-Markt eine relevante Rolle spielen. Scheitert jedoch die schnelle Skalierung der Angebotsseite, droht das Modell an den besser kapitalisierten Bestandsakteur*innen abzuprallen.
50 Mio. USD für Qdrant: Wie ein Berliner Start-up die globale KI-Infrastruktur erobert
Das 2021 von Andrey Vasnetsov und Andre Zayarni gegründete Qdrant sichert sich eine gewaltige Series-B-Finanzierung und fordert die etablierten Tech-Giganten heraus. Warum „Composable Vector Search“ das nächste große Ding im B2B-Markt ist und was Gründer*innen von diesem DeepTech-Erfolg lernen können.
Das Berliner KI-Infrastruktur-Start-up Qdrant hat heute eine Series-B-Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Angeführt wird die Runde vom Investor AVP, unter Beteiligung von Bosch Ventures, Unusual Ventures, Spark Capital und 42CAP. Mit dem frischen Kapital will das Unternehmen, das eine in der Programmiersprache Rust entwickelte Open-Source-Vektorsuchmaschine für Produktionslasten anbietet, seine sogenannte Composable Vector Search als fundamentale Infrastruktur für die KI-Ära standardisieren.
Für die Start-up-Szene und die StartingUp-Leser*innen liefert Qdrant ein Paradebeispiel für europäisches DeepTech, Product-Led Growth über Open-Source und den harten strategischen Wettbewerb im aktuellen KI-Ökosystem.
Vom Side-Project zur modularen Architektur
Die Ursprünge von Qdrant gehen auf das Jahr 2021 in Berlin zurück. Die Gründer André Zayarni, heute CEO des Unternehmens, und Andrey Vasnetsov, der heutige CTO, arbeiteten zunächst an einer Matching-Engine für gigantische Mengen unstrukturierter Textdaten. Der technologische Durchbruch kam, als Vasnetsov vorschlug, auf neuronale Suche umzuschwenken und sich in seiner Freizeit die speichersichere Programmiersprache Rust aneignete.
Technologisch hat sich der Markt seitdem rasant entwickelt. Zu Beginn löste die Vektorsuche ein sehr spezifisches Problem, nämlich das Abrufen der nächsten Nachbarn aus dichten Embeddings über weitgehend statische Datensätze. Moderne KI-Systeme sehen heute jedoch völlig anders aus: Retrieval-Prozesse laufen nun in Agenten-Schleifen ab, führen pro Workflow Tausende von Abfragen über hybride Modalitäten aus und greifen auf sich kontinuierlich verändernde Daten zu.
Qdrant verabschiedet sich daher von einer reinen Black-Box-Lösung und setzt stattdessen auf eine modulare Infrastruktur. Entwickler*innen können Primitive zur Vektorsuche – wie dichte und spärliche Vektoren, Metadaten-Filter, Multi-Vektor-Darstellungen und benutzerdefinierte Bewertungsfunktionen – direkt zum Zeitpunkt der Abfrage frei kombinieren. Dies erlaubt eine explizite Steuerung darüber, wie sich jede einzelne Komponente auf die Relevanz, die Latenz und die Kosten auswirkt. Um der steigenden Forderung nach Flexibilität nachzukommen, ist Qdrant so designt, dass es sich nahtlos in Cloud-, Hybrid-, On-Premise- und Edge-Umgebungen einsetzen lässt.
Das Open-Core-Modell auf dem Prüfstand
Mit diesem Ansatz tritt Qdrant als sogenannter Picks-and-Shovels-Anbieter der andauernden KI-Revolution auf. Das Geschäftsmodell basiert auf einem Open-Core-Ansatz: Die Basis-Software ist quelloffen und erfreut sich mit mittlerweile über 250 Millionen Downloads sowie mehr als 29.000 GitHub-Stars einer massiven Beliebtheit. Namhafte Konzerne wie Tripadvisor, HubSpot, OpenTable, Bazaarvoice und Bosch nutzen die Technologie bereits kontinuierlich unter realer Produktionslast. Geld verdient das Start-up durch Managed-Cloud-Dienste sowie dedizierte Enterprise- und On-Premise-Lösungen.
Die kritische geschäftliche Hürde liegt jedoch in der massiven Ressourcen- und Rechenintensität von Vektordatenbanken. Die enorme Verbreitung im Open-Source-Bereich ist zwar exzellent für das Marketing, muss sich jedoch dauerhaft mit einer hohen Konversionsrate in zahlende Enterprise-Kund*innen übersetzen lassen, um die erheblichen Infrastruktur- und Vertriebskosten zu decken. Das Funding über 50 Millionen US-Dollar ist deshalb essenziell, um das Wachstum und den Cloud-Ausbau massiv zu forcieren.
Im Haifischbecken der Tech-Giganten
In diesem Umfeld agiert das Start-up in einem der derzeit umkämpftesten Tech-Sektoren überhaupt. Zu den Hauptkonkurrenten zählen Pure-Play Vektordatenbanken wie Pinecone, das als Platzhirsch im reinen Cloud-Segment gilt und enorme Einfachheit bietet, architektonisch jedoch die Gefahr eines Cloud-Vendor-Lock-ins birgt. Mitbietende Open-Source-Rivalen wie Weaviate mit einem starken Fokus auf hybride Suche und Milvus kämpfen in einer ähnlichen Liga wie Qdrant.
Die vielleicht größte Bedrohung geht jedoch von traditionellen Datenbanksystemen wie PostgreSQL, MongoDB oder Elasticsearch aus, die Vektorsuch-Funktionen inzwischen integriert haben. Herkömmliche Tools, die Vektorsuche nur als zusätzliche Schicht auf alte Indexierungsmodelle packen, brechen jedoch unter den Anforderungen moderner KI-Skalierungen oft ein. Qdrant ist daher strategisch gezwungen, als Spezialist durch vorhersagbare, niedrige Latenzen im Milliarden-Skalen-Bereich zu überzeugen.
Lektionen für die Start-up-Szene
Für Gründerinnen und Gründer lassen sich aus dem Fall Qdrant wertvolle Lektionen ziehen. Das Start-up zeigt eindrucksvoll, dass Entwickler*innen heute die wichtigsten Gatekeeper im B2B-Sales sind und eine starke Open-Source-Community eine organische Adaption generiert, die sich im Anschluss an große Enterprises monetarisieren lässt.
Zudem zahlt sich die frühe technologische Wette auf die Programmiersprache Rust aus, da Performance im KI-Markt ein harter Wettbewerbsvorteil ist.
Nicht zuletzt demonstriert Qdrant, dass tiefgreifende KI-Infrastruktur – eine Technologie, von der alle fortschrittlichen KI-Anwendungen abhängig sein werden – erfolgreich aus Berlin heraus gegründet und in globale Märkte skaliert werden kann.
„Keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen“
Im Interview: Alberto Zamora, Mitgründer von osapiens. Seine Tipps und Erfahrungen für Gründer*innen. Das 2018 gegründete Mannheinmer Tech-Unternehmen hat zum Jahresbeginn Unicorn-Status erreicht.
Sie haben kürzlich im Rahmen einer Series C-Finanzierung 100 Mio. USD eingesammelt und damit Unicorn-Status erlangt. Welche Pläne und Ziele haben Sie sich mit dem frischen Kapital gesetzt?
Zamora: In erster Linie war unser Ziel, den neuen Investor Decarbonization Partners, das Joint Venture zwischen BlackRock und Temasek, als strategischen Partner zu gewinnen. Zusammen verfügen die beiden Investmentgesellschaften über ein riesiges Netzwerk, von dem wir in der nächsten Stufe unseres Wachstums stark profitieren können. Der Einstieg von Decarbonization Partners ergänzt die bestehenden Investoren Goldman Sachs Alternatives und Armira Growth hervorragend und ist nicht nur eine Anerkennung unserer bisherigen Erfolge, sondern vor allem ein Vertrauensbeweis in unseren Weg, Nachhaltigkeit und Effizienz zusammen zu denken. Das Investment selbst dient uns als Kapitalrücklage und hilft uns, die bestehende Wachstumsstrategie zu stärken. Unser Ziel ist es, weiter international zu expandieren, insbesondere in den nordischen Ländern und in den USA, und unsere Cloudplattform osapiens Hub als weltweit führende Lösung für nachhaltiges Wachstum zu etablieren. Die neu geschlossene Partnerschaft stärkt langfristig diese Strategie und hilft uns, noch flexibler zu agieren.
Als Sustainability-Software-Start-up bündelt osapiens mehr als 25 Tools und erreicht damit über 2.500 Kunden. Mit welchem Alleinstellungsmerkmal können Sie die Kunden am meisten überzeugen?
Zamora: Unser USP im Vergleich zur Konkurrenz ist unser ganzheitlicher Plattformansatz. Statt Einzellösungen anzubieten, etwa für bestimmte Regulierungen, integriert unser osapiens Hub Lösungen für zahlreiche Anforderungen: Wir vereinen Transparenz-, Compliance- und Effizienzlösungen in einem System, das unseren Kunden klare operative Mehrwerte bietet. Der osapiens Hub funktioniert automatisiert, KI-gestützt und datenbasiert. Dabei bietet er Echtzeitanalysen, strategische Steuerung und Prozessoptimierung. Zudem garantieren unsere Softwarelösungen Rechtssicherheit und können nahtlos in bestehende Systemlandschaften integriert werden. Der große Vorteil unserer Plattform ist also, dass sie regulatorische Anforderungen und operative Prozesse ganzheitlich auf einer zentralen Datenbasis adressiert.
Sie beschäftigen mehr als 550 Mitarbeitende. Welche Herausforderungen kamen auf, als das Team immer größer wurde, und wie haben Sie diese gemeistert?
Zamora: Tatsächlich ist unser Team in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Mittlerweile beschäftigen wir an neun Standorten in Europa und den USA Mitarbeitende mit über 40 Nationalitäten. Die größte Herausforderung war bisher, unserer hohen Wachstumsgeschwindigkeit entsprechend die richtigen Mitarbeitenden zu finden. Gemeistert haben wir das, indem wir von Anfang an klare Werte etabliert haben, die unser tägliches Arbeiten prägen: Speed, Commitment und Team. Das bedeutet im Kern: schnelle Entscheidungen und Umsetzung, hohe Eigenverantwortung und eine enge, standortübergreifende Zusammenarbeit. Diese Werte geben Orientierung und helfen uns, auch bei zunehmender Größe effizient und fokussiert zu bleiben. Unsere Entwicklerteams sind in Mannheim und Madrid konzentriert, was eine enge Zusammenarbeit und Schnelligkeit stark begünstigt.
Welche Rolle spielte künstliche Intelligenz bei der aktuellen Finanzierungsrunde, wie wichtig war Ihren Investoren dieses Thema?
Zamora: Als bedeutendste Zukunftstechnologie war Künstliche Intelligenz sowohl unserem neuen Investor Decarbonization Partners als auch unseren bisherigen Investoren sehr wichtig. Bei uns ist KI wesentlicher Bestandteil unseres Kernprodukts. Selbstlernende Systeme sind eine zentrale Komponente unserer Plattform. Im osapiens Hub bildet KI-gestützte Automatisierung die Grundlage für die Datenverarbeitung, weshalb alle unsere Softwarelösungen auf KI-gesteuerten Prozessen basieren. KI ist also eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Einsatz unserer Lösungen und garantiert effizientes Operieren.
Was ist Ihnen bei der Auswahl Ihrer Finanzierungspartner besonders wichtig?
Zamora: Wir achten vor allem darauf, dass unsere Investoren über ein großes Netzwerk verfügen, das uns bei unserem internationalen Wachstum unterstützt. Mit Decarbonization Partners sowie Goldman Sachs und Armira Growth als Investoren sind wir dafür optimal aufgestellt. Alle unsere Investoren sind dafür bekannt, mit schnell wachsenden jungen Unternehmen zusammenzuarbeiten und diese auf ihrem Weg an die Spitze zu unterstützen.
Sie sind mehr als sieben Jahre am Markt. Was war in der Gründungszeit Ihre größte Lesson Learned?
Zamora: Aus vorherigen Gründungen haben wir vor allem eines mitgenommen: keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen. Natürlich spart man zu Beginn Geld und Ressourcen, wenn man seine Software auf externen Hyperscalern aufbaut. Langfristig begibt man sich aber nicht nur in eine gewisse Abhängigkeit, sondern wird aufgrund des eingeschlagenen Entwicklungspfads auch unflexibel. Diese Beschränkung wollten wir bei osapiens unbedingt vermeiden. Deshalb haben wir drei Jahre in den konsequenten Aufbau einer eigenen Plattform gesteckt. Das hat zunächst viele Ressourcen gebunden, gibt uns jetzt aber die Möglichkeit, maximal flexibel auf Veränderungen zu reagieren, und sichert langfristig unsere Unabhängigkeit.
Welchen Rat geben Sie Gründern und Grtünderinnen, die ein B2B-Produkt auf den Markt bringen wollen?
Zamora: Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, um euer Produkt vollständig zu entwickeln. Im Nachhinein fragt keiner mehr danach, ob ihr nach einem oder nach vier Jahren an den Markt gegangen seid. Euer Produkt sollte stets an erster Stelle stehen, und nur dessen Qualität sichert euch langfristigen Erfolg. Vergesst dabei aber nicht, vertrauensvolle Partner zu gewinnen und schon früh den Rat erfahrener Verbündeter einzuholen. Diese strategischen Partnerschaften sichern euch gerade im späteren Stadium die Möglichkeit, erfolgreich zu expandieren. Früh geschlossene Kontakte zahlen sich später aus. Und ganz wichtig: Bleibt optimistisch! Die Rahmenbedingungen können sich in kürzester Zeit ändern, aber wenn ihr an euer Produkt glaubt und flexibel agiert, wird es immer Wege geben, euer Produkt erfolgreich zu vermarkten und dadurch mit eurem Unternehmen zu wachsen.
Alberto Zamora, vielen Dank für das Gespräch
Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen!
Vom Nanny-Vermittler zum EAP-Giganten: heycare schließt 4-Mio.-Euro-Runde ab
Rund vier Mio. € für heycare: Unser ehemaliges Cover-Start-up (früher heynanny) wird zum B2B-Health-Ökosystem. Wir analysieren den Deal und den hart umkämpften EAP-Markt.
Das Münchner Scale-up heycare hat seine Extended Seed Runde erfolgreich abgeschlossen. Dem Unternehmen fließen rund 4 Millionen Euro für das weitere Wachstum zu. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von Scalehouse Capital als Lead-Investor, flankiert von Swiss Post Ventures als strategischem Co-Investor. Für treue StartingUp-Leserinnen und -Leser ist das Gründerinnenteam kein unbeschriebenes Blatt: Wir hatten die Plattform bereits vor einiger Zeit ausführlich in einer Coverstory porträtiert – damals noch unter dem Gründungsnamen „heynanny“.
Vom Cover-Start-up zum Health-Ökosystem
Die Gründerinnen Anna Schneider und Julia Kahle riefen das Unternehmen im Jahr 2022 ins Leben. Innerhalb kurzer Zeit hat sich das Start-up von einem spezialisierten Care-Anbieter zu einem umfassenden Gesundheitsdienstleister entwickelt. Heute positioniert sich heycare als digitale Plattform, die als ganzheitliches Employee Assistance Program (EAP) und Familienservice fungiert.
Das Angebot deckt mittlerweile ein breites Spektrum ab. So vermittelt die App praktische Betreuungslösungen für Kinder, Pflegebedürftige und sogar Haustiere. Diese gezielten Maßnahmen sollen die Mitarbeitenden im Alltag spürbar entlasten, was die Ausfallzeiten in den Unternehmen nachweislich reduziert. Darüber hinaus setzt das Scale-up stark auf Prävention im Bereich der mentalen Gesundheit. Um die psychische Widerstandskraft der Belegschaft zu stärken, bietet die Plattform unter anderem Trainings, Webinare sowie anonyme 1:1-Beratungen mit Psycholog*innen an.
Abgerundet wird das Portfolio durch die seit Anfang 2026 bestehende Integration des Sport- und Wellness-Netzwerks von Urban Sports Club. Mit diesem Schritt möchte heycare seinen Firmenkund*innen ein lückenloses Gesundheits-Ökosystem aus einer Hand bieten und löst damit ein zentrales Problem der modernen Arbeitswelt: die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Hintergründe zur Finanzierungsrunde
Die frischen Mittel wollen die beiden Gründerinnen primär in den Ausbau ihrer Belegschaft investieren. Damit reagiert heycare auf die gestiegene Nachfrage in der operativen Umsetzung. Das Kund*innenportfolio kann sich bereits sehen lassen, denn Branchengrößen wie Daimler Truck, Douglas, Vaillant und VW Retail zählen bereits zu den Nutzer*innen der Plattform.
Wie Co-CEO Julia Kahle betont, ist das Unternehmen bereits profitabel. Bei der Investor*innensuche wurde daher bewusst selektiert, um Partner*innen zu finden, die die Vision von heycare teilen und das Unternehmen bei der weiteren Skalierung optimal unterstützen können. Scalehouse Capital, ein deutschlandweit agierender Venture Capital Investor, fokussiert sich auf effiziente B2B-Softwareunternehmen und bringt wertvolle Industriezugänge mit. Swiss Post Ventures, der Venture-Arm der Schweizerischen Post, investiert gezielt in B2B-Softwareunternehmen in Bereichen wie HR, Logistik und digitale Ökosysteme.
Markteinordnung und Einordnung
Heycare verfolgt die klare Vision, Mitarbeitende durch präventive Gesundheitsförderung und soziale Entlastung zu stärken und langfristig an ihre Unternehmen zu binden. Doch bei aller Euphorie lohnt sich ein Blick auf den Markt. Der deutsche EAP-Markt ist hochkompetitiv und wird von alteingesessenen Schwergewichten dominiert. Player wie die pme Familienservice Gruppe oder Insite haben das Feld über Jahrzehnte bereitet, während internationale Beratungsriesen wie Mercer mit umfassenden Wellbeing-Strategien kräftig mitmischen. Für heycare ergeben sich daraus handfeste strategische Herausforderungen.
Zum einen erfordert das Versprechen, alles aus einer Hand zu liefern, eine immense operationelle Skalierbarkeit. Vom Babysitter über die Senior*innenbetreuung bis hin zur psychologischen Fachkraft ist die Qualitätssicherung und das ständige Onboarding für ein derart breites Dienstleistungsportfolio massiv ressourcenintensiv. Es besteht stets die Gefahr, sich im operativen Kleinteiligen zu verzetteln.
Zum anderen muss die Balance zwischen Profitabilität und VC-Dynamik gewahrt bleiben. Dass ein Unternehmen in der Seed-Phase bereits Profitabilität vermeldet, ist bemerkenswert. Gleichzeitig fließen die neuen Mittel laut eigenen Angaben vor allem in operative Teams. Da dienstleistungsnahe HR-Modelle in der Regel niedrigere Margen aufweisen als reine SaaS-Produkte, muss heycare beweisen, dass die Plattform-Technologie effizient genug ist, um das hohe Skalierungsversprechen gegenüber den Venture-Capital-Gebern zu erfüllen, ohne die erarbeitete Profitabilität langfristig wieder einzubüßen.
Zudem ist ein echter Wettbewerbsvorteil gefragt. Die Einbindung von Partner*innen wie dem Urban Sports Club ist zwar nutzer*innenfreundlich, stellt aber technologisch keinen echten Burggraben dar, da etablierte Wettbewerber*innen ähnliche Schnittstellen bauen können. Der wahre Hebel von heycare muss daher in einer signifikant höheren App-Nutzung und Engagement-Rate liegen, als es bei den oft verwaisten traditionellen EAP-Hotlines der Konkurrenz der Fall ist.
Fazit
Zusammenfassend haben Anna Schneider und Julia Kahle eindrucksvoll bewiesen, dass sie ein massives Schmerzpunkt-Thema adressieren und die Budgets von Großkonzernen für sich gewinnen können. Der strategische Rebranding-Schritt von der reinen Nanny-Vermittlung zum ganzheitlichen Employee Assistance Program war notwendig, um bei B2B-Kunden entsprechend relevant zu werden. Nun muss das frische Kapital zeigen, ob heycare nicht nur ein modernes Interface bietet, sondern in der operativen Tiefe dauerhaft gegen die Platzhirsche der Branche bestehen kann.
Mio.-Funding und leergekaufte Lager: Die Entwicklung des BioTech-Start-ups PerioTrap
Ein selektiver Wirkstoff gegen Parodontitis, ausverkaufte Zahnpasta-Bestände und frisch eingesammelte 2,9 Mio. Euro: Das BioTech-Start-up PerioTrap verzeichnet derzeit ein starkes Momentum. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell? Eine Analyse zwischen wissenschaftlicher Innovation, Crowdinvesting-Strategie und zahnmedizinischer Realität.
Das Timing war für PerioTrap günstig. Als die Fraunhofer-Gesellschaft Anfang 2026 eine Mitteilung über den neuartigen Wirkstoff des Start-ups gegen Parodontitis veröffentlichte, war das Medienecho groß. Die Folge: Die neu gelaunchte Mikrobiom-Zahnpasta des Unternehmens war innerhalb von zwölf Stunden ausverkauft. Auf diesen kommerziellen Soft-Launch folgte nun der finanzielle Nachschlag. Laut den offiziellen Angaben der Crowdinvesting-Plattform Companisto flossen in der aktuellen Finanzierungsrunde insgesamt 2,9 Millionen Euro in die Kassen, getragen vom Business-Angel-Netzwerk Companisto sowie einem Co-Investment der bmp Ventures (IBG-Fonds). Doch was macht PerioTrap für Anleger so interessant?
Von der Petrischale zum Produkt
Die Wurzeln von PerioTrap reichen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals begann die Erforschung des Parodontitis-Erregers Porphyromonas gingivalis im Rahmen des internationalen, EU-geförderten Forschungskonsortiums TRIGGER. Treibende Kraft war der Pharmazeut Dr. Mirko Buchholz, der mit über 25 Jahren Erfahrung in der Wirkstoffentwicklung den Kern der heutigen Technologie erfand. 2019 folgte gemeinsam mit dem Wirtschaftsexperten Pierre Tangermann (heute CEO) die offizielle Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) am Weinberg Campus in Halle (Saale).
Die Arbeitsteilung der Gründer ist klassisch: Buchholz fungiert als wissenschaftlicher Kopf (CSO), Tangermann übersetzt die Forschung als CEO in eine für Investor*innen verständliche „Equity Story“. Spätestens mit dem Gesamtsieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland im Jahr 2020 erlangte das Duo überregionale Sichtbarkeit, die konsequent für die Kapitalsuche genutzt wurde.
Modulation statt Breitbandwirkung
Der Markt, auf den PerioTrap zielt, ist groß. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung; laut der repräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) leidet mehr als die Hälfte der Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren an einer moderaten oder schweren Form. Die bisherigen Branchenstandards setzen meist auf Breitbandantibiotika oder Antiseptika wie Chlorhexidin. Das Problem dieser Lösungen: Sie greifen das gesamte orale Mikrobiom an und reduzieren auch die nützlichen Bakterien. Bei der Regeneration sind die aggressiven Parodontitis-Erreger oft schneller als die gesunden Bakterien – ein medizinischer Teufelskreis.
PerioTrap setzt stattdessen auf Selektivität. Nach Unternehmensangaben hemmt der patentierte Wirkstoff gezielt ein Enzym (die bakterielle Glutaminylcyclase) des Leitkeims P. gingivalis. Die krankmachenden Eigenschaften des Erregers sollen so blockiert werden, ohne das restliche Mikrobiom anzugreifen. Neben der frei verkäuflichen Zahnpasta für Endkund*innen positioniert das Start-up auch ein professionelles Pflege-Gel für die zahnärztliche Praxis. Zukünftig sollen Haustiere als weiterer Markt erschlossen werden.
Innovation oder ergänzendes Präparat?
Bei aller positiven Resonanz im Crowdinvesting darf das Geschäftsmodell kritisch eingeordnet werden:
- Die Grenzen der Biologie: Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) lobte in einem aktuellen Statement vom Februar 2026 zwar den innovativen Ansatz aus den Laboren. Die Fachgesellschaft warnt jedoch davor, Parodontitis auf ein spezifisches Bakterium zu reduzieren. Es handele sich um eine polymikrobielle Infektion aus einem Zusammenspiel Hunderter Bakterienarten. Der PerioTrap-Wirkstoff attackiert den „Leitwolf“, kann die komplexe Krankheit als alleiniges Mittel jedoch nicht besiegen.
- Keine „Abkürzung“ für Patient*innen: Für den/die Endkund*innen birgt die Zahnpasta im Premium-Preissegment die Gefahr einer trügerischen Sicherheit. Gemäß den zahnmedizinischen Leitlinien der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und der Fachgesellschaften kann ein kosmetisches Zahnpflegeprodukt eine professionelle Diagnostik, mechanische Taschenreinigung und Therapieplanung beim Zahnarzt bzw. bei der Zahnärztin nicht ersetzen. Klinische Langzeitstudien am Menschen müssen erst noch beweisen, ob die Zahnpasta im Patient*innenalltag signifikante Effekte auf klinische Parameter wie Sondierungstiefen und Zahnfleischbluten hat.
- Crowdfunding als strategisches Instrument: Tangermann nutzt Plattformen wie Companisto sehr bewusst. Das bringt nicht nur Kapital, sondern auch sofortige Kund*innenkreise. Gleichzeitig räumt das Management ein, dass durch den Zuwachs an hunderten Kleininvestor*innen der administrative Abstimmungsprozess deutlich komplexer wird.
Klarer Fokus auf den Trade-Sale
Für die Start-up-Szene ist PerioTrap ein Beispiel dafür, wie komplexe „DeepTech“-Forschung in ein Consumer-Product übersetzt wird. Der Vertriebs-Soft-Launch als B2C-Zahnpasta generiert erste Umsätze, erzeugt mediale Aufmerksamkeit und senkt das wahrgenommene Risiko für institutionelle Investoren.
Doch das Endkunden-Geschäft mit Zahnpasta ist höchstwahrscheinlich nicht das finale Ziel der Gründer. Die Unternehmensstrategie deutet auf einen klassischen Trade-Sale hin: Man positioniert sich im stark wachsenden Segment der „Microbiome Oral Care“, baut Marktpräsenz und einen „Proof of Concept“ auf und macht sich als Übernahmeziel attraktiv. Große Akteure wie Colgate, GC Dental oder Haleon suchen kontinuierlich nach Innovationen in diesem Bereich.
PerioTrap hat mit dem jüngsten Funding und dem Verkaufsstart bewiesen, dass eine Nachfrage besteht. Nun folgt die anspruchsvollere Phase: Die Skalierung der Produktion und der wissenschaftliche Beweis, dass das große Interesse an der Mikrobiom-Zahnpasta dauerhaft gerechtfertigt ist und sich als fester Bestandteil der zahnmedizinischen Prävention etablieren kann.
MAxL: Der Vorgründungs-Turbo für die Biotech-Branche
Keine Gründung ohne präzise Vorbereitung: Mit dem Inkubator MAxL bringt BioM Biotech-Projekte aus dem akademischen Umfeld direkt auf den Radar von Venture-Capital und Pharma-Riesen. Christina Enke-Stolle und Dr. Petra Burgstaller – sie haben die Leitung des Gründungsbereichs bei der Biotech Cluster Management Organisation BioM inne – sprechen über die größten Hürden vor der Gründung, selektive Investoren und erste Millionen-Erfolgsstorys aus dem Inkubator.
Wie unterscheidet sich MAxL von anderen Inkubatoren, was zeichnet Ihren Inkubator besonders aus?
Enke-Stolle: Mit MAxL wollen wir für die vielversprechendsten Start-ups im Bereich der Biomedizin und Biotechnologie die besten Rahmenbedingungen schaffen, einerseits in Form von State-of-the-Art-Infrastruktur und andererseits mit einem umfassenden Unterstützungsprogramm. Das Besondere an MAxL ist die Fokussierung auf die Vorgründungsphase, also Projekte und Gründungsteams, die noch ein bis zwei Jahre vor der Ausgründung stehen. Wir haben uns mit MAxL zum Ziel gesetzt, die Teams in dieser entscheidenden Phase der Translation bestmöglich dabei zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und ihre Projekte bereits frühzeitig auf die Anforderungen von Investoren und auch späteren Industriepartnern wie Pharmaunternehmen auszurichten. Im Rahmen der Inkubation durch MAxL sollen für Investoren attraktive Geschäftsmodelle entstehen und überzeugende, professionelle Datenpakete generiert werden. MAxL-Teams profitieren auch entscheidend vom umfassenden Netzwerk von BioM, sei es zu potenziellen Kunden, Industriepartnern als auch Investoren.
Worauf sollten angehende Gründer*innen beim Tech-Transfer von Biotech-Themen besonders achten, mit welchen Hürden müssen sie rechnen?
Burgstaller: Ganz entscheidend zu Beginn ist oft eine durchdachte IP-Strategie. Gerade in der Biotechnologie, wo die Entwicklung meist kapitalintensiv ist, sind belastbare Schutzrechte in der Regel ein zentraler Werttreiber. Hierzu bieten wir Teams Erstberatungen durch unsere ehrenamtlichen Patentmentoren an.
Enke-Stolle: Wichtig ist auch, ausreichend Zeit für die Gewinnung von Investoren einzuplanen und die Investoren zielgerichtet anzusprechen. Wir unterstützen unsere Teams bei der Erstellung von überzeugenden Pitch Decks und vermitteln persönliche Kontakte zu Investoren. Außerdem bieten wir ihnen über unsere Veranstaltungen die Möglichkeit, sich wirkungsvoll zu präsentieren. Im Rahmen unserer Eventserie „MAxL Meets the Money“ stellen Investoren sich und ihre Investmentstrategie außerdem in einem informellen Setting vor, sodass unsere Gründer auch den Blickwinkel und das Konzept von Venture Capital verstehen und den jeweiligen Fokus der wichtigsten Player kennen.
Burgstaller: Im Hinblick auf experimentelle Daten, die noch im akademischen Umfeld erhoben werden, und Entwicklungspläne ist es wie bereits erwähnt wichtig, die eigenen Projekte frühzeitig so auszurichten, dass sie Anforderungen aus der Industrie gerecht werden. Produkte wie neuartige Therapeutika sollten hier schon zu Beginn „vom Ende gedacht“ werden: Es geht nicht nur um die Frage „Können wir etwas wissenschaftlich Spannendes entwickeln?“, sondern um Fragen wie „Würde es jemand zulassen, bezahlen, einsetzen – und kaufen?“. Dabei setzen wir bei MAxL neben einer intensiven Begleitung durch unsere MAxL-Mentoren auch auf eine enge Zusammenarbeit mit Pharma. 2025 etwa haben wir eine Kooperation mit dem japanischen Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo geschlossen. Daiichi unterstützt ein ausgewähltes Start-up im MAxL, indem es für zwölf Monate die Kosten für den Inkubator übernimmt und mit seinen Experten in der Wirkstoffentwicklung für Fragen des Start-ups zur Verfügung steht. Weitere solche „Golden Ticket-Kooperationen“ sind in der Anbahnung.
Nach welchen Kriterien wählt MAxL Start-ups für das Programm aus?
Burgstaller: Die beiden wichtigsten Kriterien sind ein innovatives Produkt- und Geschäftskonzept und ein talentiertes Gründerteam, dem wir zutrauen, das Konzept auch erfolgreich umzusetzen. Im Bereich der Therapeutikaentwicklung gibt es im Team idealerweise bereits Hands-on Erfahrung im Bereich Drug Development. Wenn das noch nicht der Fall ist, ist es entscheidend, dass das Team offen dafür ist, sich erfahrene Leute ins Team zu holen und/oder von erfahrenen Personen zu lernen.
Enke-Stolle: Bei Projekten, die ins MAxL ziehen möchten, muss schon ein erster Proof of Principle erbracht sein. Lediglich eine Idee zu haben, wäre zu früh für unseren Inkubator. Für das innovative Produkt sollte es einen hohen medizinischen Bedarf und klare Alleinstellungsmerkmale geben, und es sollte möglich sein, eine tragfähige Schutzrechtstrategie zu entwickeln. Die meisten der aktuellen MAxL-Projekte sind durch ein akademisches Pre-Seed- oder Validierungsförderprogramm finanziert. Wir unterstützen aber auch Spin-outs aus bestehenden Unternehmen, wenn Mittel vorhanden sind, um das Projekt in ein bis zwei Jahren experimentell und kommerziell so weiterzuentwickeln, dass ein entscheidender Meilenstein erreicht werden kann.
Burgstaller: Zudem haben Teams einen zusätzlichen Pluspunkt, wenn ihre Expertise und ihr Ansatz auch einen Mehrwert für aktuelle MAxL-Teams bieten und sich daraus spannende Synergien ergeben. Eines unserer Ziele im MAxL ist die Förderung von interdisziplinärer Zusammenarbeit, zum Beispiel zwischen Teams, die Wirkstoffe entwickeln, und solchen, die Algorithmen im Bereich der Wirkstoffentwicklung entwickeln.
Wie viele Start-ups hat MAxL bislang begleitet, welche Erfolgsstory erzählen Sie besonders gern?
Burgstaller: MAxL wurde im Juni 2024 eröffnet und hat seitdem nach und nach neue Teams aufgenommen. Inzwischen sind zehn Teams im MAxL; weitere Aufnahmen bereiten wir derzeit vor. Einen wichtigen ersten Meilenstein konnte nun Twogee Biotech erreichen. Das 2025 gegründete Start-up um Frank Wallrapp und Helge Jochens ist seit Herbst 2024 im MAxL und entwickelt maßgeschneiderte Enzymlösungen zur industriellen Verwertung von Biomasse zu nachhaltigen Rohstoffen. Vor Kurzem konnte Twogee erfolgreich eine Seed-Finanzierungsrunde über 2,16 Mio. EUR abschließen. Zu den Investoren zählen der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Bayern Kapital sowie strategische Partner. Das Team konnte auch bereits eine Reihe von Pilotkunden für seinen Ansatz gewinnen. Eine Erfolgsgeschichte des BioM-Angebots für Start-ups ist natürlich auch Tubulis: Das Unternehmen nahm 2015 am BioM BioEntrepreneur Bootcamp teil, erhielt 2017 den m4 Award und eine Förderung durch exist, wurde 2019 gegründet und konnte seitdem mit seinen innovativen Antibody-Drug-Conjugates für die Krebstherapie über 540 Mio. EUR einwerben.
Wie bewerten Sie das aktuelle Finanzierungsumfeld für frühphasige Biotech-Start-ups?
Enke-Stolle: Für sehr frühphasige Biotech-Start-ups ist das Finanzierungsumfeld aktuell weiterhin schwieriger als noch vor ein paar Jahren. Wie wir an Twogee sehen, ist es zwar nach wie vor möglich, erfolgreiche Seed-Finanzierungen einzuwerben, aber die Investoren sind momentan deutlich selektiver und risikoaverser. Für umso wichtiger halten wir es aktuell, die Teams mit Instrumenten wie MAxL möglichst früh professionell zu unterstützen, damit sie mit überzeugenden Datenpaketen und durchdachten Entwicklungsplänen im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt sind.
Frau Burgstaller und Frau Enke-Stolle – vielen Dank für das Gespräch
Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen: https://t1p.de/p8gop
Gründer*in der Woche: Herita Technologies – Supply Chain Financing neu gestaltet
Das Berliner FinTech Herita Technologies wurde 2025 von Christoph Iwaniez, Benjamin Jones und Felix Kollmar mit der gemeinsamen Mission gegründet, globale Handelsfinanzierung zu vereinfachen, Abhängigkeiten zu reduzieren und nachhaltiges Wachstum in allen Branchen zu fördern. Mehr dazu im Interview mit dem Co-Founder & CEO Christoph Iwaniez.
Wer sind die Köpfe hinter Herita Technologies und was hat euch 2025 angetrieben, Herita zu gründen?
Wir sind zu dritt gestartet: Felix, Ben und ich. Felix hat ein Industry-Tech-Unternehmen erfolgreich aufgebaut und verkauft – er kennt den deutschen Mittelstand und die Herausforderungen aus der ersten Reihe. Mit seinem Netzwerk und seiner Erfahrung bringt er uns erfolgreich in den Markt. Ben und ich haben schon einmal gemeinsam ein FinTech aufgebaut. Er war CTO bei Bitwala und hat mich damals als Late Co-Founder ins Team geholt. Diesmal war ich derjenige, der ihn überzeugt hat, wieder gemeinsam etwas aufzubauen – und er baut jetzt die gesamte technische Plattform.
Welches primäre Geschäftsmodell verfolgt ihr mit Herita?
Die Lücke zwischen geforderten Zahlungszielen und Liquiditätsbedarf von Lieferanten wächst – und niemand löst sie wirklich gut. Factoring erreicht nur wenige große Lieferanten, und klassische SCF-Programme der großen Banken sind schwerfällig und teuer. Und da kommt die unternehmerische Opportunität ins Spiel.
Seit 2024 kann der Handelswechsel vollständig digital abgebildet werden. Damit wird ein jahrhundertealtes, rechtlich starkes Instrument plötzlich global skalierbar – ohne Papier, ohne Unterschriftenchaos, ohne Bankabhängigkeit. Darauf baut Herita auf. Wir kombinieren diese neue rechtliche Opportunität mit einer modernen Plattform. Unsere Technologie hilft Unternehmen, ihren Lieferanten und Kapitalgebern viel effizienter Supply Chain Financing abzuwickeln. Unser Modell ist einfach: Wir helfen Lieferketten zu finanzieren – aber ohne die Hürden und Einschränkungen traditioneller Bankprodukte.
Welche Meilensteine habt ihr bislang erreicht?
Wir haben vor wenigen Wochen den ersten vollständig digitalen Handelswechsel über unsere Plattform ausgestellt, übertragen und refinanziert – echte Transaktion, echtes Geld, korrekt verbucht in allen Systemen. Jetzt erweitern wir die Plattform so, dass Unternehmen ihre gesamten Lieferantenprogramme damit steuern können – von der Ausstellung bis zur Refinanzierung.
Nochmals auf den Punkt gebracht: Welche konkreten Probleme löst ihr für eure Kund*innen besser als bestehende Lösungen bzw. was unterscheidet euch heute von Wettbewerber*innen im FinTech-Sektor?
Wir lösen ein ganz akutes Problem in internationalen Lieferketten: Unsere Kunden wollen ihr working capital optimieren und verlängern zunehmend Zahlungsziele im Einkauf. Aber ihre Lieferanten brauchen Liquidität, viele davon sind zu klein oder in Ländern ansässig, in denen es keinen Zugang zu klassischen SCF-Programmen gibt.
Herita macht zwei Dinge besser:
1. Unsere Technologie ermöglicht Zugang zu Finanzierung für Unternehmen und ihre Lieferanten, die Banken gar nicht erst erreichen.
2. Wir ermöglichen Programme, die international funktionieren, auch dort, wo traditionelle Anbieter nicht aktiv sind.
Kurz gesagt: Wir bringen Kapital dorthin, wo es gebraucht wird – effizient, rechtssicher, global und ohne die hohen Transaktionskosten klassischer Lösungen.
Wie habt ihr die Startphase finanziell gestemmt?
Am Anfang vor allem durch das, was Gründer am meisten investieren: Zeit, Passion für eine innovative Lösung und persönlichen Einsatz.
Dann haben wir eine erste kleine Runde mit Angel-Investoren und frühen VCs aufgenommen, die an unsere These glauben und uns über reines Kapital hinaus mit Netzwerken und Know-how unterstützen.
Ihr habt im letzten Jahr an der renommierten EY Startup Academy teilgenommen. Was war eure Motivation, wie hast du das sechswöchige Programm erlebt und was hat es euch letztlich gebracht?
Für uns war das EY-Programm eine riesige Chance, uns mit Experten aus vielen Bereichen auszutauschen. Umgekehrt konnten wir mit diesen Sparringspartnern unser Produkt auf den Prüfstand stellen. Optimalerweise treffen wir bei den EY-Kollegen auf entsprechende Resonanz für mögliche gemeinsame Initiativen, weil Working Capital, Risiko und Supply Chains überall auf der Agenda stehen.
Am Ende der Academy konntet ihr euch beim großen Pitch-Finale gegen zehn Mitstreiter*innen durchsetzen und den EY Startup Academy Award 2025 gewinnen. Was bedeutet euch diese Auszeichnung?
Für uns war der Pitch das eigentliche Ziel. Wir mussten uns selbst hinterfragen, unser Produkt schärfen und den besten Weg finden, unser Geschäftsmodell in wenigen Minuten klar auf den Punkt zu bringen. Dass wir nun eine Bestätigung haben, dass wir eine ansprechende und ganz konsistente Vorstellung von Herita abrufen können, hilft uns in jedem anstehenden Gespräch mit Kunden und potenziellen Investoren.
Was sind eure weiteren unternehmerischen Vorhaben?
Wir wollen jetzt unsere ersten Top-Kollegen an Bord holen und Herita breiter aufstellen. Gleichzeitig stehen die ersten Kunden schon bereit – jetzt geht es darum, sauber zu liefern und den Erwartungen an unseren Mehrwert gerecht zu werden.
Und last, but not least: Was rätst du anderen Gründer*innen aus eigener Start-up-Erfahrung.
Stärkt eure Resilienz. Gründen ist kein Sprint, sondern ein Weg mit vielen Hindernissen, Rückschlägen und Momenten der Unsicherheit. Wer das aushält und immer weiter geht, kann unglaublich viel gewinnen: die Chance, etwas Eigenes zu bauen und eine Idee Wirklichkeit werden zu lassen.
Hier geht's zu Herita Technologies
European Dynamism-Report zeigt Europas Tech-Paradoxon
Laut den Autoren des aktuellen „European Dynamism“-Reports bringt Europa mittlerweile gefühlt im Wochentakt neue Unicorns hervor. Doch bei der globalen Skalierung wandert die Wertschöpfung zu oft ab. Die Studie zeigt, in welchen sechs Deeptech-Nischen europäische Start-ups die unangefochtenen Kategorie-Führer von morgen bauen können. StartingUp hat die Ergebnisse analysiert und zeigt, was das für eure Go-to-Market-Strategie bedeutet.
Das europäische Start-up-Ökosystem ist laut dem Report „European Dynamism“ im Auftrag von redalpine deutlich reifer geworden. Die Studienautoren konstatieren, dass neue Unicorns zuletzt gefühlt im Wochentakt entstehen. Zudem schlagen europäische VC-Fonds ihre US-Konkurrenten über lange Zeithorizonte, und das Funding zog 2025 wieder spürbar an. Doch der Report benennt ein neues europäisches Tech-Paradoxon: Der zentrale Engpass liegt heute weniger bei Talent, Forschung oder Finanzierung. Es geht vielmehr um die Frage, wo die Wertschöpfung beim globalen Scaling in der Region gehalten werden kann.
Die Kernthese der Studie: Europas Wettbewerbsvorteil liegt exakt dort, wo Software, Wissenschaft und Industrie eng zusammenkommen. Genau hier entstehen neue Cluster, in denen Deutschland eine sichtbar größere Rolle spielt. Berlin etabliert sich dabei laut Report als Standort für Enterprise AI, während München sich als Deeptech-Knoten über die Bereiche Fusion, Space, Health und Robotics hinweg wiederholt.
Die 6 Felder, in denen Europa global gewinnen kann
Die Deep Dives der Studie decken sechs Sektoren ab , in denen Europa nicht nur gründen, sondern den Wert auch langfristig halten und anführen kann:
- Intelligent Enterprise: Im Bereich Intelligent Enterprise verschiebt sich der Wettbewerb von Foundation Models zu Workflows. Entscheidend ist, ob ein Modell ganze Unternehmensprozesse orchestrieren, verifizieren und tief in Kundenabläufe integrieren kann. Europas Chance liegt laut Report vor allem in Vertical AI und im Orchestrierungs-Layer. Sichtbare Player am Standort Berlin sind hier Start-ups wie n8n und Parloa, während sich das Funding für europäische Enterprise-AI-Startups 2024/25 mehr als verdoppelt hat.
- Digital Health: Digital Health verlässt die Wellness-Ecke und wird zur klinischen Infrastruktur. Der Report beschreibt einen Shift hin zu "medical-grade devices" und spezialisierter AI für konkrete Versorgungsprobleme. Diese reichen von Wearables (wie Oura und Hilo/Aktiia) bis zu Anwendungen (wie Voize und Avelios), die direkt in klinische Abläufe eingreifen. Europas Vorteil liegt hierbei in Validierung, Regulierung und klinischer Alltagstauglichkeit.
- New Energy: Im Energiekapitel setzt der Report vor allem auf die Kernfusion als europäische Souveränitätswette. Das globale Investment in Fusion stieg 2025 laut Report um knapp 500 % auf 3,8 Mrd. Dollar. Europas Trumpf ist dabei laut den Autoren nicht die größte Kapitalmaschine , sondern die ITER/CERN-Erfahrung, die Engineering-Tiefe und komplexe Präzisionsfertigung , exemplarisch gezeigt am deutschen Start-up Proxima Fusion.
- Space: Die Raumfahrt wird im Report bewusst entromantisiert. Der kurzfristige Business Case liegt nicht im Weltraumtourismus, sondern in Erdbeobachtung, Navigation, Konnektivität, Defence und orbitaler Infrastruktur. Das Thema ist damit weniger Sci-Fi als vielmehr Industrie-, Sicherheits- und Infrastrukturpolitik. Getrieben von der Debatte um technologische Souveränität wächst der Druck zum Aufbau eigener Satelliten- und Launch-Infrastrukturen. Europa baut hierfür sichtbare Cluster von Toulouse über München bis Glasgow auf.
- Unlocking Biology: Die Biologie wird laut Report von einer Beobachtungswissenschaft zu einer datengetriebenen Engineering-Disziplin. Große biologische Foundation Models, proprietäre Datensätze und automatisierte Lab-in-the-loop-Setups beschleunigen Design, Test und Iteration. Europas Chance liegt hier laut Report besonders in der Middleware- und Tooling-Schicht zwischen AI-Fähigkeit und therapeutischem Ergebnis.
- Robotics: Robotik ist im Report kein Nischenthema mehr, sondern ein Feld, in dem Europas industrielle DNA zum echten Vorteil werden könnte. Der Markt ist groß und noch längst nicht verteilt, da laut Report noch rund 70 % der Lagerhäuser nicht automatisiert sind. Das Funding für europäische Robotik-Startups lag 2025 bei über 1,6 Mrd. Euro. Europas stärkste Position liegt dabei eher im „Brain Layer“ als im reinen Hardware-Rennen: in Physical AI, Real-World-Daten und Software, die Robotern den Umgang mit wechselnden Umgebungen beibringt.
StartingUp ordnet ein: 5 strategische Hebel für euer Pitch-Deck
Was bedeuten diese Fakten nun konkret für Gründerinnen und Gründer, die gerade an ihrem Produkt bauen oder Kapital suchen? Wir haben aus den Daten des Reports fünf harte strategische Leitplanken für eure Go-to-Market-Strategie abgeleitet:
- Baut den europäischen Burggraben: Pitcht Investoren keinen reinen Software-as-a-Service-Klon aus den USA. Wenn ihr global skalieren wollt, müsst ihr die Stärken des Standorts nutzen. Investoren suchen derzeit gezielt nach Teams, die exzellente Software mit tiefem, hiesigem Industrie- oder Wissenschafts-Know-how verknüpfen.
- Orchestrierung statt Basis-Technologie: Der Versuch, bei Foundation Models mit US-Giganten zu konkurrieren, verbrennt meist nur Ressourcen. Positioniert euer Start-up stattdessen intelligent im Orchestrierungs-Layer. Zeigt, dass ihr das Detailgeschäft beherrscht: das fehlerfreie Integrieren und Verifizieren von KI in tief verwurzelte, bestehende Unternehmens-Workflows.
- Nutzt Regulierung als euren stärksten USP: Viele Gründer fürchten europäische Regularien. Dreht den Spieß um! Wenn euer "medical-grade" Produkt die strengen europäischen Hürden für klinische Alltagstauglichkeit meistert, habt ihr den ultimativen Qualitätsnachweis für den globalen Markt.
- Baut die Schaufeln für den Goldrausch: Ob in Biotech oder Robotik – versucht nicht, den finalen Roboter oder Wirkstoff komplett allein zu bauen. Entwickelt stattdessen die renditestarken Zwischenschichten wie Middleware, Tooling oder den "Brain Layer", also jene Software, die KIs überhaupt erst befähigt, in komplexen Umgebungen zu agieren.
- B2B-Infrastruktur schlägt Sci-Fi-Visionen: VCs finanzieren aktuell keine Luftschlösser. Baut euren Business Case in Bereichen wie Space oder Energy auf knallharter Infrastruktur-, Sicherheits- und Industriepolitik auf. Wer Schlagworte wie "technologische Souveränität" glaubhaft mit einem starken B2B-Produkt untermauern kann, punktet beim Fundraising.
Fazit: Vom Gründen zum Überzeugungstäter
Wie die Studie passend zuspitzt: Europa fehlt nicht der nächste Gründerjahrgang. Europa kann gründen – jetzt muss Europa lernen, mit Überzeugung zu skalieren. Wer heute ein Start-up in den Bereichen Deeptech, AI oder Robotics gründet, muss vom ersten Tag an groß denken. Nur wer die Wertschöpfung und das Ownership konsequent in der eigenen Region hält, macht aus einem starken europäischen Start-up auch einen globalen Kategorie-Führer.
Wachstum ohne innere Klarheit ist teuer
Serie: Führen im Start-up, Teil 5: Warum viele Start-ups nicht am Markt scheitern, sondern an innerer Unklarheit, Entscheidungsdruck und fehlender Selbstführung.
Der unbequeme Gedanke: Die meisten Start-ups scheitern nicht an einer falschen Idee. Sie geraten in schwierige Krisen, weil Führung unter Druck nicht klar bleibt.
Märkte sind volatil. Kapital ist knapp. Wettbewerb ist hart. Das ist bekannt – und in gewisser Weise kalkulierbar.
Was deutlich seltener einkalkuliert wird, ist der eigene innere Zustand. Doch genau dort entscheidet sich, ob Wachstum trägt – oder bricht.
Entscheidungsdruck entlarvt
Unter Druck zeigt sich nicht nur Strategie. Unter Druck zeigt sich Persönlichkeit.
- Wird eine Entscheidung getroffen, um Orientierung zu schaffen – oder um Unsicherheit nicht spüren zu müssen?
- Wird Tempo gewählt, weil es sinnvoll ist – oder weil Stillstand Angst auslöst?
- Wird Kritik integriert – oder abgewehrt?
Diese Unterschiede tauchen in keinem Pitch-Deck auf. Aber sie sind im Unternehmen spürbar. Und sie vervielfachen sich mit jeder Skalierungsstufe.
Wenn Selbstführung fehlt
Selbstführung bedeutet nicht Achtsamkeit im Kalender. Sie bedeutet Urteilskraft unter Spannung. Wer seine eigenen Reaktionsmuster nicht kennt, trifft Entscheidungen aus innerer Aktivierung – nicht aus Klarheit. Wer sich selbst nicht hinterfragt, baut Strukturen, die ihn bestätigen. Wer Macht nicht reflektiert, verteidigt sie.
Das ist kein moralisches Problem. Es ist ein systemisches. Organisationen übernehmen den inneren Zustand ihrer Führung – schneller, als vielen bewusst ist.
Die betriebswirtschaftliche Dimension
Innere Unklarheit bleibt nicht psychologisch. Sie wird operativ. Sie zeigt sich in strategischen Zickzackbewegungen, die Ressourcen binden.
- In Führungswechseln, die Vertrauen kosten.
- In Teams, die vorsichtiger werden, statt mutiger.
- In Produktentscheidungen, die aus Druck entstehen – nicht aus Überzeugung.
Das sind keine weichen Effekte. Diese Zickzackbewegungen führen zu Fluktuation, Reibungsverlusten, verlängerten Entscheidungszyklen und sinkender Innovationsgeschwindigkeit.
Der Markt reagiert selten sofort. Aber er reagiert konsequent. Und nicht selten ist das, was später als Marktproblem beschrieben wird, in Wahrheit ein Führungsproblem unter Druck gewesen.
Die stille Asymmetrie
Der vielleicht unbequemste Gedanke: Viele Gründer*innen investieren mehr Energie in Pitch-Decks als in die Reflexion ihrer eigenen Entscheidungslogik.
Sie analysieren Märkte bis ins Detail – aber nicht ihre eigenen Reaktionsmuster. Sie professionalisieren Prozesse – aber nicht ihre Selbstführung.
So entsteht eine stille Asymmetrie: Das Unternehmen wächst schneller als die innere Reife seiner Führung. Skalierung toleriert das eine Zeit lang. Dauerhaft jedoch nicht.
Der eigentliche Punkt des Scheiterns
Vielleicht liegt der größte Irrtum junger Unternehmen nicht im Marktverständnis, sondern im Glauben, dass Führung sich automatisch mitentwickelt. Eine Art Nebenprodukt.
Wachstum verstärkt alles, was bereits da ist. Klarheit ebenso wie Unsicherheit. Reife ebenso wie blinde Flecken. Und genau deshalb sind die entscheidenden Momente selten spektakulär.
- Es sind die nicht geführten Gespräche.
- Die Müdigkeit, die niemand ernst nimmt.
- Der Widerspruch, der nicht mehr geäußert wird.
- Die Entscheidung unter Druck, die später nicht mehr hinterfragt wird.
Nichts davon wirkt dramatisch. Bis es Wirkung entfaltet.
Unternehmen scheitern selten an einem einzelnen Fehler. Sie scheitern an kumulierten Unachtsamkeiten. An Momenten, in denen niemand innehält. An Phasen, in denen Tempo wichtiger wird als Bewusstsein.
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Serie: Dass nicht der Markt der größte Unsicherheitsfaktor ist. Sondern der Zustand derjenigen, die führen.
Und dass Scheitern manchmal dort beginnt, wo niemand hinsieht.
Führung entsteht nicht im Erfolg. Sie zeigt sich im Umgang mit Druck.
Tipp zum Weiterlesen
Im ersten Teil der Serie haben wir untersucht, warum Überforderung kein Spätphänomen von Konzernen ist, sondern in der Seed-Phase beginnt. Hier zum Nachlesen: https://t1p.de/56g8e
Im zweiten Teil der Serie haben wir thematisiert, warum sich Gründer*innen oft einsam fühlen, obwohl sie von Menschen umgeben sind. Hier zum Nachlesen: https://t1p.de/y21x5
Der dritte Teil unserer Serie behandelt, warum Start-ups ihre spätere Dysfunktion oft im ersten Jahr programmieren. Hier zum Nachlesen: https://t1p.de/v8q2k
Im vierten Teil unserer Serie liest du: Warum schnelles Wachstum ohne Reife zur strukturellen Gefahr werden kann. Hier zum Nachlesen: https://t1p.de/963rb
Die Autorin Nicole Dildei ist Unternehmensberaterin, Interimsmanagerin und Coach mit Fokus auf Organisationsentwicklung und Strategieberatung, Integrations- und Interimsmanagement sowie Coach•sulting.
Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping
Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.
Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.
Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine
Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.
Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.
Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg
Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.
Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.
2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.
Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt
Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.
Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.
Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?
Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.
Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.
Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.
Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.
MedTech-Start-up RAYDIAX holt 7,5 Mio. Euro für neuartiges CT-System
RAYDIAX sichert sich 7,5 Mio. Euro, um mit einem speziell für minimal-invasive Eingriffe entwickelten Computertomographen die Krebsbehandlung zu verbessern. Doch der Weg vom universitären Forschungslabor in die globalen Operationssäle ist im hochregulierten Gesundheitsmarkt lang. Ein Blick auf ein DeepTech-Geschäftsmodell, das sich nun in der klinischen Praxis beweisen muss.
Die erfolgreiche Series-A1-Finanzierungsrunde über 7,5 Millionen Euro für RAYDIAX markiert einen wichtigen Meilenstein von der universitären Forschung in den Gesundheitsmarkt. Das 2022 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz im Magdeburger Wissenschaftshafen ist eine Ausgründung des Forschungscampus STIMULATE und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Unter der Führung eines fünfköpfigen Gründerteams – bestehend aus CEO Dr. Thomas Hoffmann, Dr. Tim Pfeiffer, Dr. André Mewes, Benjamin Fritsch und Robert Frysch – konnte das Start-up nach einer erfolgreichen Seed-Phase nun erhebliche Mittel für den Eintritt in die klinische Phase sichern.
Das frische Kapital setzt sich aus 5 Millionen Euro Venture Capital von bestehenden Business Angels, dem Bestandsinvestor bmp Ventures mit den IBG Fonds sowie dem neu eingestiegenen GETEC Family Office um Dr. Karl Gerhold zusammen. Ergänzt wird diese Summe durch 2,5 Millionen Euro Fördermittel aus dem hochkompetitiven EIC Accelerator-Programm der Europäischen Kommission, das gezielt disruptive Deep-Tech-Innovationen mit hohem Skalierungspotenzial unterstützt.
TACT: Computertomographie für den OP neu gedacht
Im Zentrum dieser ambitionierten Wachstumspläne steht der Therapieassistenz-Computertomograph „TACT“, den RAYDIAX dediziert für minimal-invasive Krebstherapien entwickelt. Anders als herkömmliche CTs optimiert das Unternehmen sein System sowohl im Hardware- als auch im Softwarebereich speziell für den interventionellen Einsatz bei der Therapieplanung, -durchführung und -kontrolle. Wie Steffen Schmidt, CFO der GETEC-Gruppe, hervorhebt, ermöglicht die innovative Technologie eine fokussierte Live-Bildgebung, welche die Strahlenbelastung für Patient*innen und Operateur*innen senkt und die Operationszeit verringert.
Zudem bietet das System durch eine größere Geräteöffnung völlig neue Operationsmethoden im CT, wie beispielsweise den Einsatz von Robotik. Der Markt für solche Lösungen wächst, da minimal-invasive Eingriffe angesichts einer alternden Bevölkerung und steigender Krebsinzidenzen massiv an Bedeutung gewinnen. Sie ermöglichen in vielen Fällen eine schonendere Behandlung im Vergleich zu offenen chirurgischen Eingriffen, verkürzen potenziell Operations- sowie Liegezeiten, verringern Komplikationen und können so zusätzliche Behandlungskapazitäten schaffen, um die Krankenhausstrukturen zu entlasten.
Harter Wettbewerb und regulatorische Hürden
Trotz der vielversprechenden Technologie steht das Geschäftsmodell in der Praxis vor erheblichen Herausforderungen. Der globale Markt für medizinische Bildgebung ist hart umkämpft, und der Vertrieb an Kliniken ist durch extrem lange, hochkomplexe B2B-Entscheidungszyklen geprägt. RAYDIAX tritt diesem Wettbewerb entgegen, indem es anstrebt, eine funktional dringend benötigte, neue Gerätekategorie in der interventionellen Onkologie zu etablieren, um so eine Lücke im OP-Betrieb zu füllen.
Der Beweisdruck auf dem jungen Unternehmen ist dennoch enorm: Das neu eingeworbene Kapital wird nun für First-in-Human-Studien eingesetzt, um die frühe klinische Evidenz am Patienten zu generieren. Diese Phase legt die Grundlage für die regulatorische Zulassung und kommerzielle Skalierung. Parallel dazu erfordert die Weiterentwicklung zur Serienreife einen konsequenten Ausbau in den Bereichen Vertrieb, Produktion und Qualitätsmanagement, um die ersten kommerziellen Installationen systematisch vorzubereiten.
Lehrstück für europäisches DeepTech
Dieser Fall zeigt eindrucksvoll die Realität und die hohen Anforderungen europäischen DeepTech-Unternehmertums. Der Abschluss dieser Finanzierungsrunde belegt deutlich, wie essenziell die intelligente Kombination aus wissenschaftlicher Grundlagenforschung, klassischem Risikokapital und strategischen europäischen Fördergeldern ist. Nur so lässt sich die extrem kapitalintensive Entwicklungsphase von Hardware in der Medizintechnik erfolgreich überstehen. Wenn es dem Gründerteam nun gelingt, die klinische Wirksamkeit in der Praxis zu belegen und die regulatorischen Hürden zu meistern, hat dieses Spin-off das Potenzial, die Anwendung minimal-invasiver Krebstherapien erheblich auszuweiten.
Wenn das T-Shirt den Tremor stoppt: MedTech Noxon schließt Mio.-Seed-Runde ab
Das Münchner Start-up Noxon macht menschliche Muskeln zur digitalen Schnittstelle. Mit einer millionenschweren Finanzierung durch den HTGF und Bayern Kapital rückt die klinische Zulassung des textilen „Muscle-Computer-Interface“ näher. Doch der Weg vom smarten Wearable zum erstattungsfähigen Medizinprodukt birgt enorme regulatorische und physikalische Hürden. Eine Einordnung.
Neurologische und muskuloskelettale Erkrankungen nehmen weltweit rasant zu. In der Rehabilitation sowie bei neurologischen Krankheitsbildern wie Parkinson oder Lähmungen nach Schlaganfällen werden Muskeldiagnostik und -stimulation jedoch meist nur punktuell und rein klinisch durchgeführt. Das Resultat: Im Alltag fehlen kontinuierliche Daten und eine sich anpassende, durchgehende Therapie.
Das 2022 gegründete Münchner MedTech-Start-up Noxon will diese Versorgungslücke nun schließen. Mit dem Abschluss einer millionenschweren Seed-Finanzierungsrunde unter Führung des High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Bayern Kapital (unter Beteiligung von Auxxo und einem weiteren institutionellen Investor) sichert sich das junge Unternehmen das nötige Kapital für die klinische Zertifizierung und den geplanten Markteintritt.
Aus dem Drucklabor zum DeepTech
Die Ursprünge von Noxon reichen in das Jahr 2021 zurück. Maria Neugschwender, damals 22-jährige Studentin, startete das Projekt an der Hochschule München (HM). Unterstützt vom dortigen Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) und den Drucklaboren der HM, begann sie zusammen mit ihrem Gründungteam Marius Neugschwender und Ka Hou Leong damit, etablierte Druckverfahren (wie den Siebdruck) mit intelligenten, funktionalen Tinten zu kombinieren.
Heute ist Noxon ein DeepTech-Unternehmen, das als Spin-off tief in der universitären Forschung verwurzelt ist. Neben der Hochschule München bestehen enge technologische und klinische Verflechtungen mit der Neurowissenschaftsgruppe N-Squared Lab der FAU Erlangen-Nürnberg sowie dem Universitätsklinikum Würzburg, mit denen Noxon an Pilotanwendungen forscht.
Die Technologie: Eine geschlossene Feedback-Schleife auf der Haut
Das technologische Herzstück von Noxon ist ein alltagstaugliches, nicht-invasives Muscle-Computer-Interface (MCI). Das Unternehmen druckt hauchdünne Biosensoren direkt auf Textilien, Bandagen oder Tapes (ein erstes Produkt trug den Namen „Silverstep“).
Der eigentliche USP liegt jedoch in der Bidirektionalität: Die intelligente Kleidung liest die elektrischen Muskelsignale in Echtzeit aus, decodiert mithilfe von KI die Bewegungsabsichten des Patienten und schließt die Schleife, indem sie über Neuromuskuläre Elektrische Stimulation (NMES) gezielte Impulse zurücksendet. Wenn die Signalübertragung vom Gehirn zum Muskel beeinträchtigt ist, übernimmt das Wearable die Steuerung. So sollen beispielsweise Lähmungen therapiert, Muskelatrophie verhindert oder der Tremor bei Parkinson-Patienten aktiv unterdrückt werden.
Markt und Wettbewerb: Zwischen Tech-Giganten und MedTech-Dinos
Der Markt für Wearable MedTech und Neuroprothetik wächst rasant und ist von einer enormen Dynamik geprägt. Angesichts einer alternden Weltbevölkerung und der weltweiten Zunahme neurologischer sowie muskuloskelettaler Erkrankungen adressiert Noxon einen gigantischen Markt von potenziell über 1,1 Milliarden betroffenen Menschen. Der Trend in der Gesundheitsversorgung geht dabei eindeutig weg von der rein klinischen, punktuellen Diagnostik hin zu kontinuierlichem Monitoring und adaptiven Therapien im häuslichen Alltag. Genau an dieser lukrativen, aber auch hart umkämpften Schnittstelle zwischen Consumer-Wearables, digitaler Diagnostik und aktiver Therapie positioniert sich das Münchner Start-up.
In diesem hochkompetitiven Umfeld betritt Noxon den Ring mit Schwergewichten aus völlig unterschiedlichen Sektoren. Im spezifischen Bereich der Tremor-Therapie hat sich beispielsweise das US-Unternehmen Cala Health mit einem Handgelenks-Wearable zur elektrischen Nervenstimulation bereits erfolgreich etabliert und den Weg für solche Behandlungsformen geebnet.
Gleichzeitig drängen milliardenschwere Big-Tech-Akteure auf den Plan: Meta forscht nach der Übernahme von CTRL-labs mit enormen Budgets an EMG-Armbändern, die neuronale Muskelsignale auslesen und in digitale Steuerungsbefehle übersetzen sollen. Und auch im klassischen Segment der Muskelstimulation und Orthetik muss sich Noxon gegen etablierte Platzhirsche behaupten – von Compex, die den Sportbereich dominieren, bis hin zu Weltmarktführern wie Ottobock bei komplexen neuro-orthopädischen Hilfsmitteln.
Um zwischen diesen Tech-Giganten und MedTech-Dinos zu bestehen, setzt das Spin-off auf eine klare Differenzierungsstrategie. Die Stärke von Noxon liegt in der Unauffälligkeit und der technologischen Tiefe: Anstatt klobige Geräte zu entwickeln, integriert das Team die Sensortechnik mittels Textildruck nahtlos in alltagstaugliche Bandagen und Tapes. Vor allem aber grenzt sich Noxon durch die geschlossene, medizinische Feedback-Schleife ab. Während herkömmliche Wearables meist nur Daten sammeln, vereint Noxon kontinuierliches Messen und personalisiertes Stimulieren in einem einzigen System, das aktiv in den Behandlungsverlauf eingreift.
Noxon: „High Risk, High Reward“-Modell mit großen Herausforderungen
Für Gründer*innen und Investoren*innen präsentiert sich Noxon als klassisches „High Risk, High Reward“-Modell im stark wachsenden DeepTech-Sektor. Dass erfahrene VCs wie der HTGF und Bayern Kapital in dieser Phase einsteigen, ist ein starkes Signal für den Reifegrad der zugrundeliegenden Technologie. Dennoch steht dem Start-up der eigentliche Härtetest erst noch bevor, denn das unternehmerische Risiko wird maßgeblich durch drei zentrale Hürden definiert.
Zunächst muss Noxon die physikalischen Grenzen der Hardware im Alltagstest überwinden. Gedruckte Elektronik auf Textilien unterliegt extremen Belastungen durch Bewegung, Schweiß und Reinigung. Das Team muss zweifelsfrei beweisen, dass die feinen Biosensoren auch nach dutzenden Waschgängen und bei ständiger Reibung am Körper noch verlässliche, medizinisch verwertbare und artefaktfreie Daten liefern können.
Daran schließt sich nahtlos die berüchtigte regulatorische Hürde an. Der Übergang von einem smarten Wearable zu einem offiziell zugelassenen Medizinprodukt ist unter der strengen europäischen Medical Device Regulation (MDR) ein extrem zeit- und kapitalintensiver Prozess. Genau für diese Phase wird das frisch eingesammelte Seed-Kapital dringend benötigt, denn unvorhergesehene Verzögerungen in den erforderlichen klinischen Studien können MedTech-Start-ups in dieser Entwicklungsstufe schnell die finanzielle Reichweite (Runway) kosten.
Ein weiterer, alles entscheidender Erfolgsfaktor für die Skalierung ist die Erstattungsfähigkeit. CEO Maria Neugschwender betont zwar das Ziel, Muskelgesundheit für jeden bezahlbar zu machen, doch in der Breite gelingt dies im Gesundheitssystem meist erst, wenn die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Noxon muss handfeste klinische Evidenz erbringen, um perspektivisch in das Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen oder als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) anerkannt zu werden. Ein reines B2C-Geschäftsmodell, bei dem chronisch kranke Patientinnen und Patienten die Kosten als Selbstzahler tragen, wäre kaum im großen Stil skalierbar.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Noxon mit seiner Lösung eines der drängendsten Probleme einer alternden Gesellschaft adressiert. Gelingt es dem Münchner Gründungsteam, die komplexe Brücke zwischen widerstandsfähiger Sensor-Hardware, präziser KI-Decodierung und strenger klinischer Zertifizierung erfolgreich zu schlagen, könnte das Start-up tatsächlich einen neuen Standard in der neurologischen Rehabilitation setzen. Bis die smarte Kleidung jedoch ganz selbstverständlich auf Rezept erhältlich ist, bleibt es eine hochspannende und überaus herausfordernde unternehmerische Reise.
Gründer*in der Woche: Picturo – Local Photography, European Scale
Mit der Picturo Photography UG baut Jean Witt eine europaweite Plattform zur einfachen Suche nach lokalen Fotograf*innen auf. Ziel ist es, einen stark fragmentierten Markt zu bündeln, Fotograf*innen sichtbar zu machen und Nutzer*innen eine zentrale Anlaufstelle zu bieten. Mehr dazu im Interview mit dem Gründer.
Picturo klingt nach dem großen Bild. Beschreibe uns deine Idee in wenigen Sätzen – dein Elevator Pitch!
Picturo ist ein internationaler Marktplatz, der die Suche nach lokalen Fotograf*innen weltweit radikal vereinfacht. Statt unübersichtlicher Recherche auf Social Media oder Google bietet Picturo eine zentrale, standortbasierte Plattform. Nutzer*innen finden mit wenigen Klicks die passenden Fotograf*innen für jeden Anlass, während diese wiederum gezielt neue Kund*innen gewinnen. So professionalisiert Picturo einen stark fragmentierten Markt und macht die Suche nach Fotografie-Dienstleistungen so einfach wie die Buchung eines Hotels.
Es gibt bereits viele Plattformen für Fotograf*innen und Bilddatenbanken. Was war der konkrete Auslöser oder gar Pain Point, den du selbst erlebt hast, der dich dazu gebracht hat, Picturo zu gründen?
Der konkrete Auslöser war meine eigene Erfahrung als Reisender. Die Suche nach lokalen Fotografinnen lief fast immer über Direktnachrichten auf Social Media oder über einzelne Webseiten. Dabei musste man jedes Mal Preise, Verfügbarkeiten und Leistungen separat anfragen – oft ohne klare Antworten oder Vergleichsmöglichkeiten. Dieser Prozess ist zeitaufwendig, intransparent und für Nutzer*innen extrem umständlich. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es für Fotograf*innen genauso ineffizient ist, jede Anfrage einzeln zu beantworten. Picturo ist aus genau diesem Pain Point entstanden: dem Wunsch nach einer zentralen, einfachen und transparenten Lösung für die Suche nach lokalen Profis.
Ihr sitzt in Esens, also im schönen Ostfriesland, habt aber den Anspruch, Fotograf*innen in „ganz Europa“ zu vernetzen. Wie baut man von einem eher ländlichen Standort aus eine so internationale Community auf?
Unser Standort in Ostfriesland ist für uns kein Nachteil, sondern Teil unserer Geschichte. Picturo ist von Anfang an als digitale Plattform konzipiert worden, bei der der Standort des Teams keine Rolle für die Reichweite spielt. Der Bedarf bei Fotograf*innen in ganz Europa ist so groß, dass Anfragen zur Teilnahme an unserer Plattform bereits heute organisch entstehen. Viele Fotograf*innen suchen gezielt nach Möglichkeiten, international sichtbar zu werden und neue Kund*innen zu erreichen. Durch klare Positionierung, einfache Nutzung und einen starken Fokus auf lokale Sichtbarkeit schaffen wir Vertrauen und Wachstum – unabhängig vom Standort. So bauen wir Schritt für Schritt eine internationale Community auf: digital, skalierbar und nachhaltig.
Euer Portfolio ist breiter als das der Konkurrenz. Wie genau funktioniert das Geschäftsmodell? Zahlt der/die Kund*in pro Bild oder ist es ein Abo-Modell?
Der Kern von Picturo liegt klar auf der Vermittlung und Sichtbarkeit von professionellen Fotografinnen. Unser Geschäftsmodell basiert auf abonnementbasierten Mitgliedschaften für die Fotografinnen. Für Kund*innen ist die Nutzung der Plattform vollständig kosten- und provisionsfrei; ebenso fallen keine Buchungsprovisionen an. Fotograf*innen zahlen eine monatliche Subscription für Sichtbarkeit, Reichweite und den Zugang zu qualifizierten Anfragen. Dieses Modell schafft Transparenz, vermeidet Reibung im Buchungsprozess und ist für beide Seiten fair und planbar.
Ihr bietet auch einen Guide zu lokalen Hotspots (Bars, Cafés) an. Ist das „nur“ ein Content-Marketing-Tool, um Traffic auf die Seite zu bekommen, oder plant ihr Kooperationen mit der Gastronomie als weitere Einnahmequelle?
Der Guide zu lokalen Hotspots ist aktuell in erster Linie als Mehrwert für Nutzer*innen gedacht und unterstützt den organischen Traffic sowie die Sichtbarkeit der Plattform. Gleichzeitig sehen wir darin großes strategisches Potenzial über reines Content-Marketing hinaus. Perspektivisch planen wir, diesen Bereich für Kooperationen mit lokalen Partnern wie Cafés, Bars oder Hotels zu öffnen.
Eine Plattform europaweit zu skalieren, kostet Geld und Ressourcen. Wie habt ihr euch bisher finanziert?
Aktuell ist Picturo vollständig eigenfinanziert und damit komplett gebootstrapped. Die Entwicklung der Plattform sowie der Markteintritt in erste Länder wurden aus eigenen Mitteln realisiert. Nun befinden wir uns an einem Punkt, an dem wir gezielt nach strategischen Partnern und Investor*innen suchen, um die nächste Skalierungsstufe zu erreichen. Ziel ist es, gemeinsam schneller zu wachsen und das internationale Potenzial von Picturo voll auszuschöpfen.
Wenn du auf die Zeit seit der Gründung der UG zurückblickst: Was war bisher der wichtigste Meilenstein, bei dem du wusstest: „Okay, das hier funktioniert wirklich“?
Der wichtigste Meilenstein war die Einführung des Abo-Modells. Trotz der Umstellung auf ein kostenpflichtiges Angebot lief das Onboarding ungebrochen weiter und neue Fotograf*innen traten der Plattform bei. In diesem Moment wurde klar, dass Picturo ein echtes Problem löst und einen echten Mehrwert bietet. Die Bereitschaft, für Sichtbarkeit und Reichweite zu bezahlen, hat bestätigt, dass der Bedarf im Markt vorhanden ist. Ab diesem Punkt war klar: Das Modell funktioniert.
Wo siehst du Picturo in drei Jahren?
In drei Jahren ist Picturo in vielen EU-Ländern aktiv und als internationaler Marktplatz für lokale Fotograf*innen etabliert. Gemeinsam mit starken Partnern ist die Plattform breit ausgerollt und für Nutzer*innen die erste Adresse bei der Fotografensuche.
Und last but not least: Welche Tipps würdest du anderen Gründer*innen geben, die gerade am Anfang stehen – vielleicht auch jenen, die nicht in den großen Hubs wie Berlin oder München sitzen?
Der wichtigste Tipp ist, sich konsequent an einem echten Problem zu orientieren und früh mit Nutzer*innen zu sprechen. Der Standort ist dabei zweitrangig – entscheidend sind Fokus, Umsetzungsstärke und Durchhaltevermögen. Gerade außerhalb großer Startup-Hubs kann man oft ruhiger, effizienter und näher am Markt arbeiten. Wichtig ist, früh zu testen, Feedback ernst zu nehmen und das Produkt Schritt für Schritt zu verbessern. Netzwerke, Partnerschaften und digitale Sichtbarkeit sind heute wichtiger als ein physischer Standort.
Hier geht’s zu Picturo
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Retourendaten als ungenutztes Potenzial
Retouren sind dein größter Kostenfaktor – aber auch eine wertvolle Datenquelle. Unser Artikel samt Praxis-Checkliste zeigt dir, wie du sie strategisch zum Marketing-Booster machst!
Retouren kosten den Handel jedes Jahr Millionen Euro. Dabei wird oft verkannt, dass sie auch eine wertvolle Quelle für mehr Umsatz und eine bessere Customer Journey sind. Aktuelle Daten aus dem Jahr 2025 zeigen, wie sich das Retourenverhalten von Verbrauchern entwickelt – und welche ungenutzten Chancen hierbei für dich und dein E-Commerce-Unternehmen liegen.
Die wichtigste Erkenntnis aus dem aktuellen Retouren-Report 2025: Immer weniger Kunden senden ihre Einkäufe zurück. Im Jahr 2025 waren es nur noch 46 Prozent – im Vergleich zu 51 Prozent in 2024 und 67 Prozent im gleichen Zeitraum 2023.
Trotz dieser sinkenden individuellen Retourenneigung prognostiziert die Universität Bamberg für Deutschland im Jahr 2025 ein neues Rekordvolumen von 550 Millionen Paketen. Um dieser Diskrepanz zu begegnen, musst du als Online-Händler deine Zielgruppen basierend auf den bei der Retoure gewonnenen Einsichten künftig präziser ansprechen.
Wenn Daten ungenutzt verpuffen
Noch immer ignorieren viele Online-Shops, wer welche Produkte warum zurückschickt. Betrachtest auch du Retouren oft ausschließlich aus der reinen Umsatzperspektive und übersiehst die damit verbundenen wertvollen Details zu Zielgruppen, Produkten und Kanälen? Viele erfassen zwar Retourengründe, doch nur ein Bruchteil wertet diese systematisch und automatisiert aus. Dabei könntest du genau diese Daten nutzen, um ein tiefgreifendes Verständnis für das Kauf- und Retourenverhalten deiner Kunden zu gewinnen.
Ohne diese Analyse gehst du das Risiko ein, dass beispielsweise Produkte mit einer hohen Retourenquote weiterhin bei Zielgruppen beworben werden, die sie überdurchschnittlich oft zurücksenden. Nutze deine Tools konsequent und schließe Kundengruppen, die deine Marge gefährden, vom Targeting aus. Bei durchschnittlichen Bearbeitungskosten von 5 bis 20 Euro pro Retoure – im komplexen Sortiment sogar bis zu 50 Euro – entstehen dir sonst erhebliche, aber vermeidbare Verluste.
Ein weiteres Beispiel für verpasste Chancen zeigt ein Blick auf die Rückgabepräferenzen. Demnach wünschen sich Frauen deutlich häufiger alternative Rückgabeoptionen als Männer (63 Prozent versus 53 Prozent). Ein klarer Hinweis darauf, dass Standardangebote hier weniger gut ankommen. Dennoch sprichst du in der Praxis vermutlich beide Zielgruppen identisch an.
Retourendaten als Marketing-Kompass
Die Lösung hast du paradoxerweise wahrscheinlich bereits im Haus: deine Retourendaten. Durch eine systematische und strategische Auswertung lassen sie sich als wertvolle Marketing-Intelligence nutzen. Ein zentraler Baustein sind datenbasierte Analysen, die Kaufhistorie, Kontaktpunkte, Retourenmuster sowie bevorzugte Produktkategorien verknüpfen.
Eine gezielte Steuerung der Kundenansprache und der Produktpositionierung nimmt unmittelbar Einfluss auf das Retourenverhalten. So wird es dir möglich, Produkte mit hoher Retourenquote für bestimmte Zielgruppen aus dem Fokus zu nehmen. Wird beispielsweise ein bestimmtes Schuhmodell bei den über 45-Jährigen überdurchschnittlich oft retourniert, solltest du es für diese Altersgruppe nicht mehr in Marketingkampagnen ausspielen.
Ebenso wie dein Produktportfolio kannst du auch deine Services an klare Kundenwünsche anpassen: 58 Prozent der Kunden wünschen sich neben der klassischen „Retoure gegen Erstattung“ auch andere Optionen wie Umtausch, Gutscheine oder Reparaturen. Diese Erkenntnis ermöglicht dir differenzierte, zielgruppengerechte Serviceangebote und schützt dich vor einem kompletten Umsatzverlust.
Auch eine datenbasierte Kanalbewertung wird möglich: Während 33 Prozent der 18- bis 34-Jährigen Social Commerce als Einkaufskanal nutzen, sind es bei den über 55-Jährigen nur rund 15 Prozent. Retourendaten zeigen dir präzise, welche Kanäle für bestimmte Produkte problematisch sind und wo du Budgets umschichten musst.
Erst eine konsequente Analyse der Retourengründe macht es dir möglich, Produktinformationen zu optimieren und Vertriebskanäle belastbar zu bewerten. Statt Millionen für Streuverluste auszugeben, kannst du deine Customer Journey gezielt verbessern.
Silos ade: Zusammenarbeit von Marketing, E-Commerce und Produktteams
Entscheidend für die optimale Nutzung dieser Einsichten ist der regelmäßige Austausch zwischen deinen Marketing-, E-Commerce- und Produktteams. Im Zusammenspiel können Erkenntnisse aus Retourengründen nahtlos in Produktbeschreibungen und Kampagnenbotschaften einfließen.
Wenn dein E-Commerce-Team beispielsweise feststellt, dass bestimmte Farbvarianten bei spezifischen Altersgruppen besonders oft mit dem Grund „sieht anders aus als erwartet“ retourniert werden, können Marketing und Produktentwicklung sofort reagieren: durch bessere Produktfotos, angepasste Beschreibungen und eine differenzierte Zielgruppenansprache.
Diese abteilungsübergreifende Verschränkung erfordert jedoch neue Prozesse: Wöchentliche Retourendaten-Reviews, gemeinsame KPIs und automatisierte Alerts bei auffälligen Retourenmustern sind Pflicht. Nur so wird aus der reaktiven Kostenstelle ein proaktives Steuerungsinstrument.
Daten bringen nachhaltigen Erfolg
Wenn du Retourendaten strategisch nutzt, sparst du nicht nur Kosten. Du steigerst die Konversion, senkst Streuverluste und reduzierst den Kundenfrust. Echter Erfolg stellt sich schließlich erst dann ein, wenn der Kunde sich nicht nur für den Kauf entscheidet, sondern das Produkt am Ende auch behält.
Begreife Retouren daher noch stärker als präzise Datenquelle für eine bessere Kundenbeziehung. Wenn du deine Retourendatenanalyse jetzt professionalisierst, verwandelst du den Kostenfaktor endgültig in deinen Marketing-Booster.
Der Autor Artjom Bruch ist CEO der Trusted Returns GmbH
StartingUp-Checkliste: So machst du deine Retourendaten zum Marketing-Booster
Prüfe dein aktuelles E-Commerce-Setup. Wie viele dieser Fragen kannst du bereits mit „Ja“ beantworten?
- [ ] Präzise Datenerfassung: Erfasst du detaillierte Retourengründe (über ein Dropdown-Menü im Retourenportal) statt nur eines pauschalen „Gefällt nicht“?
- [ ] Dynamisches Targeting: Schließt du Kunden oder Segmente, die ein bestimmtes Produkt überdurchschnittlich oft retournieren, automatisch von der weiteren Bewerbung dieses Artikels aus?
- [ ] Zielgruppengerechte Rückgabe-Optionen: Bietest du im Retourenprozess aktiv Alternativen wie Direkt-Umtausch, Store-Credit (Gutschein) oder Reparatur an, anstatt sofort den Kaufpreis zu erstatten?
- [ ] Kanal-Rentabilitäts-Check: Analysierst du, ob Kunden, die über Plattformen wie TikTok oder Instagram kaufen, eine signifikant höhere Retourenquote aufweisen als Käufer aus dem E-Mail-Marketing?
- [ ] Silos aufbrechen: Gibt es ein regelmäßiges (z. B. wöchentliches) Meeting zwischen Marketing, E-Commerce und Produktmanagement, um auffällige Retourenmuster zu besprechen?
- [ ] Automatisierte Warnsysteme: Erhält dein Team einen automatischen Alert, wenn die Retourenquote eines neu gelaunchten Produkts innerhalb der ersten 48 Stunden einen definierten Schwellenwert übersteigt?
Je mehr Haken du setzen kannst, desto näher bist du am profitablen Retouren-Management.
