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Studie: So transformiert KI die Designbranche
Wie verändert KI die Kreativbranche? Eine neue Studie von 99designs by Vista zeigt u.a.: 63 Prozent der Designer*innen sehen in KI neue Berufschancen, doch 33 Prozent fürchten Einkommensverluste.
Aus den Antworten von über 10.000 Freelance-Designer*innen aus 135 Ländern ergibt sich ein klarer Trend: KI wird zunehmend nicht nur als Gamechanger, sondern als kreativer Partner wahrgenommen. Die Studie beleuchtet das Potenzial, das sich durch den Einsatz von generativer KI eröffnet – finanziell und gestalterisch – und gibt einen Einblick in die Zukunftsvisionen der Designer*innen.
KI auf dem Vormarsch: Kreative Optimist*innen übernehmen das Steuer
Verglichen mit den Ergebnissen aus 2023 zeichnet sich ein Wandel ab: Der Einsatz von KI-Tools unter Designer*innen ist deutlich gestiegen (52% im Vergleich zu 39% im Vorjahr), ebenso wie die positive Einstellung gegenüber der Technologie. So blicken 38% der Befragten heute optimistischer in die Zukunft und sehen in KI ein Mittel, ihre Kreativität neu zu beleben und den Designprozess effizienter zu gestalten.
Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick
- Mut zur Zukunft: 56% der Designer*innen empfinden generative KI als spannende Bereicherung für die Kreativbranche und blicken mit Zuversicht auf die Weiterentwicklung der Branche.
- Neue Chancen durch Wandel: 63% der Designer*innen sind überzeugt, dass KI neue Berufsfelder in der Kreativwirtschaft eröffnen wird – ein Anstoß, der die Branche nachhaltig prägen könnte.
- Wissensvorsprung durch Weiterbildung: Rund neun von zehn Designer*innen (88%) setzen auf Fortbildung in KI-Anwendungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
- Einkommen in Bewegung: Bei 61% der Designer*innen hat KI 2024 bereits das Einkommen beeinflusst, ein Anstieg gegenüber 45% im Vorjahr.
- Positive Effekte und Ängste: 47% der Befragten erwarten, dass KI ihr Einkommen steigern wird, während 33% Einkommensverluste befürchten.
- Anwendungsgebiete von KI: KI wird hauptsächlich zur Ideenfindung (56%), für Textarbeiten (42%) und zur Automatisierung einfacher Aufgaben (31%) eingesetzt.
„Die Designbranche durchlebt gerade eine spannende Transformation“, kommentiert Patrick Llewellyn, CEO von 99designs by Vista. „Wir glauben an die Stärke menschlicher Kreativität. Die Begeisterung und der realistische Umgang unserer Community mit den Chancen der neuen Technologie machen deutlich: Die Zukunft des Designs sieht rosig aus – und die Erfolge unserer Designer bestätigen das.“
Weitere Informationen zu den Umfrageergebnissen gibt’s hier
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Rebranding für die Europa-Expansion: Fraunhofer-Spin-off Logistikbude firmiert künftig als Loopario
Das Dortmunder Tech-Start-up Logistikbude ändert seinen Namen in Loopario. Mit dem Rebranding zum 5. August 2026 bereitet das aus dem Fraunhofer IML hervorgegangene Unternehmen den nächsten Schritt seiner europäischen Wachstumsstrategie vor. Beflügelt durch eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung, soll die Software zur Ladungsträgerverwaltung nun international breiter ausgerollt werden.
In der Logistikbranche stelle das Management von Mehrwegladungsträgern wie Paletten, Behältern und Spezialgestellen oftmals einen blinden Fleck dar, da etablierte Transport- und Warehouse-Management-Systeme (TMS und WMS) diesen spezifischen Bereich nicht im Detail abbildeten, so das Unternehmen. Weltweit fielen laut Start-up-Schätzungen jährlich rund 150 Milliarden Ladungsträger-Übergänge an, die in der Praxis häufig noch händisch gebucht und über E-Mail-Verkehr abgestimmt würden.
Das Dortmunder Start-up Loopario (ehem. Logistikbude) setzt hier mit einem sogenannten Load Carrier Management System (LCMS) an. Diese Softwarelösung solle als zusätzlicher Datenlayer in bestehende IT-Infrastrukturen von Unternehmen integriert werden. Ziel des Produktes sei es, manuelle Buchungen sowie langwierige Abstimmungsprozesse auf digitalem Wege zu automatisieren.
Kern-Features
- Das System ist nach Unternehmensangaben auf die digitale Verwaltung von Paletten und Behältern entlang internationaler Lieferketten ausgelegt.
- Die Software automatisiere das Zusammenführen und Abstimmen von Tauschvorgängen zwischen verschiedenen Partnerunternehmen. Das Unternehmen nutzt dafür unter anderem KI-gestützte Ansätze, um externe Belege automatisiert in die Buchungssysteme zu überführen.
- Die Plattform sei in zehn Sprachen umstellbar und werde derzeit über Weblinks in 66 Ländern genutzt.
- Monatlich verwalte das System laut Loopario mehr als 50 Millionen Ladungsträger für aktuell 46 Anwender, darunter Großkunden wie DACHSER, die Nagel-Group und Georg Utz.
Gründer & Köpfe
Gegründet wurde das Start-up 2021 von Michael Koscharnyj, Patrik Elfert, Jan Möller und Dr. Philipp Hüning. Das Team formierte sich als Spin-off aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund.
Die jüngste Wachstumsphase wird durch eine im Frühjahr 2026 abgeschlossene Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von über fünf Millionen Euro untermauert, angeführt vom Risikokapitalgeber Capnamic. Infolge der Kapitalspritze sei das Team seit Jahresbeginn auf über 30 Mitarbeitende angewachsen.
Co-Founder Dr. Philipp Hüning begründet die Namensänderung damit, dass sich Ladungsträger grenzüberschreitend bewegten und der neue Markenname – ein Konstrukt aus „Loop“ (Kreislauf) und „Pario“ (Zusammenführen) – diese internationale Ausrichtung künftig besser widerspiegele. Der Name sei in einem mehrstufigen Prozess aus Vorschlägen der Belegschaft ausgewählt worden. Für Kund*innen ändere sich durch die Neufirmierung abseits des Namens nichts.
Redaktionelle Einordnung
Die Series-A-Runde und die Internationalisierungsstrategie verdeutlichen die starken Ambitionen des Dortmunder Start-ups. Die Fokussierung auf eine eigenständige Softwarekategorie (LCMS) adressiert einen reellen, in der Praxis oft unterschätzten Kostentreiber in der Logistik: den enormen Verwaltungsaufwand und Schwund im Palettenmanagement.
Allerdings agiert Loopario in einem traditionell behäbigen Marktumfeld. Die Herausforderung des Geschäftsmodells liegt im erforderlichen Netzwerkeffekt: Das System entwickelt seinen vollen Nutzen erst, wenn nicht nur große Verlader, sondern auch kleine, international verstreute Speditionen und Logistikpartner die Software adaptieren. Die Bereitschaft der Akteure, neben den Kernsystemen (ERP und TMS) noch eine weitere Software-Ebene zu implementieren, dürfte in der stark fragmentierten Branche eine zentrale Vertriebshürde darstellen.
Zudem muss sich das Start-up gegen bestehende Marktstrukturen behaupten. Es existieren bereits spezialisierte, wenn auch teils kleinere Lösungen für die Lademittelverwaltung. Weitaus größer ist jedoch das langfristige Risiko, dass etablierte Enterprise-Riesen wie SAP oder Oracle ihre Standard-Suites um eigene, tief integrierte Paletten-Module aufrüsten, was den Markt für Standalone-Lösungen spürbar einengen würde.
Fazit
Loopario packt mit der Digitalisierung von Ladungsträger-Workflows ein handfestes Branchenproblem an. Das Rebranding hin zu einem international griffigeren Namen und das frische Series-A-Kapital schaffen eine solide Basis für den geplanten europäischen Rollout. Die Skalierbarkeit des Modells wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das Start-up die Integrationshürden für neue Logistikpartner extrem niedrig halten kann und es schafft, sich rechtzeitig als Standard-Layer für Ladungsträger zu etablieren, bevor große IT-Konzerne den Nischenmarkt für sich entdecken.
Goliath im Gewand eines Start-ups: thyssenkrupp-Spin-off pacemaker.ai wagt den Sprung in die USA
Der Softwareanbieter pacemaker.ai expandiert Anfang August mit einem lokalen Team in die USA. Im Gepäck: KI-Lösungen für einen volldigitalisierten Sales-and-Operations-Planning-Prozess (S&OP). Doch wie viel echtes Start-up steckt in dem Spin-off, das sich anschickt, die globalen Lieferketten umzukrempeln, und wie stehen die Chancen im hart umkämpften US-Markt? Eine Einordnung.
Hinter pacemaker.ai steht kein klassisches Garagen-Start-up, sondern geballte Konzernpower: Das Unternehmen, dessen Wurzeln auf ein 2021 in Lissabon gestartetes Projekt zurückgehen, wurde 2022 offiziell als Tochterunternehmen der tk accelis Supply Chain Solutions ausgegründet. Damit gehört es zum Imperium von thyssenkrupp. Geleitet wird das im westfälischen Münster beheimatete Unternehmen von einem vierköpfigen Management-Team: CEO Christian Jabs, CFO Christian Pixberg, CCO Robert Kokott und CTO Andreas Höppener.
Das Geschäftsmodell basiert auf cloudbasierten Software-as-a-Service-Produkten (SaaS), die Machine Learning und tiefes Branchenwissen vereinen. Zum Produktportfolio gehören schlüsselfertige Softwareprodukte für präzise Nachfrage- und Rohstoffpreisprognosen (Demand Forecast) sowie die Automatisierung von Bestell- und Nachschubprozessen (Replenishment Decision Intelligence).
Einen entscheidenden strategischen Wachstumshebel legte das Unternehmen bereits durch Zukäufe um: Nach der Übernahme des Westphalia DataLabs im Jahr 2022 übernahm pacemaker.ai Anfang 2025 das luxemburgische Start-up WAVES, mitsamt dessen Gründer Armin Neises. Damit erweiterte das Spin-off sein Angebot massiv um eine TÜV-zertifizierte Sustainability Management Platform (SMP) für präzise Emissionsberechnungen und ESG-Reporting gemäß aktueller EU-Regularien wie der CSRD.
Der Markteintritt in den USA: Das Momentum nutzen
Der jetzige Schritt nach Nordamerika markiert die nächste Phase der Wachstumsstrategie und folgt auf erste erfolgreich abgeschlossene Pilotprojekte in den USA. Die Argumentation von CEO Christian Jabs für die Expansion stützt sich auf aktuelle Marktdynamiken:
- Die US-Wirtschaft wächst, nicht zuletzt durch massive Investitionen in künstliche Intelligenz, derzeit schneller als der Euroraum.
- Gleichzeitig forciert eine volatile Zoll- und Handelspolitik den Bedarf amerikanischer Unternehmen an hochgradig resilienten, datengesteuerten Lieferketten.
- Hinzu kommen steigende regulatorische Anforderungen an Rückverfolgbarkeit und Qualität in Branchen wie Pharma, Food und Healthcare.
Einordnung für StartingUp: Stärken, Schwächen und harte Konkurrenz
- Das Corporate-Start-up-Modell in der Praxis: Das Konstrukt als Ausgründung unter dem Dach eines globalen Konzerns bringt gewaltige Startvorteile mit sich. pacemaker.ai musste nicht mühsam um den ersten großen Ankerkunden kämpfen – thyssenkrupp fungierte von Beginn an als massiver Hebel und globales Testlabor. Auch Zukäufe wie WAVES lassen sich mit entsprechender Rückendeckung weitaus leichter stemmen. Die Kehrseite der Medaille: pacemaker.ai muss in den USA nun vor unabhängigen B2B-Kund*innen beweisen, dass die Lösung flexibel genug für den freien Markt ist und nicht nur als Inhouselösung des Mutterkonzerns funktioniert.
- Dichtes Marktumfeld und Wettbewerb: Der Markt für „Supply Chain AI“ ist kein Blue Ocean. pacemaker.ai betritt in Nordamerika eine Arena, in der sich etablierte SaaS-Anbieter drängen. Konkurrent*innen wie Anaplan, Netstock oder Slim4 bieten teils seit Jahren hochspezialisierte Softwarelösungen für Bestandsoptimierung und Supply Chain Analytics an.
- Fazit zum Geschäftsmodell: pacemaker.ai hebt sich jedoch durch einen klugen strategischen Ansatz ab: die Bündelung von operativer Effizienzsteigerung (KI-Prognosen) mit der Lösung drängender Compliance-Pflichten (TÜV-geprüftes Nachhaltigkeitsmanagement). Da Themen wie CSRD-Konformität und Scope-3-Emissionen aktuell auf den C-Level-Agenden massiv an Bedeutung gewinnen, trifft das Startup einen wunden Punkt der globalen Industrie. Gelingt es dem Führungsteam, sich in den USA gegen etablierte Software-Konkurrent*innen als agiler und neutraler Partner zu positionieren, hat der digitale Herzschrittmacher aus Münster beste Chancen, im amerikanischen S&OP-Markt signifikante Marktanteile zu gewinnen.
GS1-Investmentarm butterfly & elephant beteiligt sich an Herforder PropTech-Start-up Lichtwart
Das Herforder PropTech Lichtwart erhält strategischen Rückenwind: Mit butterfly & elephant, dem Accelerator und Investmentarm von GS1 Germany, steigt ein gewichtiger Branchenakteur bei dem ostwestfälischen Start-up ein. Ziel der Beteiligung ist es, das aus dem Smart-Home-Bereich bekannte Prinzip der dezentralen Steuerung auf Gewerbeimmobilien zu übertragen und mit etablierten GS1-Standards zu verknüpfen. Dadurch sollen technische Assets und Standorte in Filial- und Standortnetzen erstmals systemübergreifend eindeutig identifiziert und vernetzt werden.
Die Geschichte von Lichtwart verbindet tradierte Handwerkstradition mit moderner IoT-Technologie. Das Start-up wurde im Jahr 2020 von Gregor Giataganas und Johannes Mailänder gegründet und hat seine Wurzeln im ostwestfälischen Mittelstand. Mailänders Urgroßvater Ernst Bertelmann reparierte bereits vor sieben Jahrzehnten Glühbirnen und legte damit den Grundstein für den Familienbetrieb Bertelmann im Bereich der Licht- und Außenwerbung. Aus dieser jahrzehntelangen Praxis heraus erkannten die Gründer die klaffende Digitalisierungslücke in kleineren und mittleren Gewerbeimmobilien. Anfang 2024 komplettierte der erfahrene IoT-Unternehmer und relayr-Mitgründer Jackson Bond das Gründerteam als Co-Founder und Investor.
Während Großimmobilien und Rechenzentren oft über Millionenbudget-schwere Gebäudeleittechnik verfügen, betreiben Unternehmen mit dezentralen Filialnetzen – etwa Supermärkte, Tankstellen oder Systemgastronomie – ihre Standorte häufig ohne automatisierte Steuerung. Störungen bleiben mangels digitaler Überwachung oft tagelang unbemerkt, während Servicetechniker ohne Vorabinformationen anreisen müssen. Lichtwart entwickelte daraufhin ein kompaktes Hardware-Modul samt Cloud-Plattform, das Transparenz über Betriebs- und Energieverbräuche in Echtzeit schafft und Ausfallzeiten minimiert.
Dass das Konzept im Markt greift, bewies das Unternehmen bereits vor dem aktuellen GS1-Deal. Neben einer strategischen Vertriebspartnerschaft mit der Deutschen Telekom zählen namhafte Akteure wie VARTA, Schüco, HanseMerkur, Orlen und die Autobahn GmbH zu den Anwendern. Zudem sicherte sich Lichtwart den Hauptpreis sowie die Kategorie „Smarte Gebäudeeffizienz“ beim PropTech Germany Award 2025.
Die Technologie: Plug-and-Play trifft auf internationale Datenstandards
Der Kern der Lichtwart-Lösung ist ein IoT-Controller, der sich nach Unternehmensangaben innerhalb weniger Minuten installieren lässt und ohne zeitintensive Vor-Ort-Programmierung auskommt. Die Hardware verbindet technische Anlagen an den Standorten mit einer zentralen, cloudbasierten Serviceplattform.
Neu an der Kooperation mit butterfly & elephant ist die konsequente Standardisierung der erfassten Daten. Über den Global Individual Asset Identifier (GIAI) erhält jedes technische Gerät – wie etwa eine Kühl- oder Klimaanlage – eine weltweit eindeutige Kennung. Ergänzend wird jeder Standort über die Global Location Number (GLN) präzise referenziert. Für den eigentlichen Datenfluss sorgen die Electronic Product Code Information Services (EPCIS), die eine gemeinsame Datenstruktur bilden, über die Betriebs-, Sensor- und Wartungsdaten nahtlos zwischen unterschiedlichen Systemen ausgetauscht werden können. Wie Benjamin Birker, Managing Director bei butterfly & elephant, betont, soll diese gemeinsame Sprache verhindern, dass Daten an Unternehmens- oder Systemgrenzen enden und sich Servicetechniker wie Betreiber stets auf exakt dasselbe Asset beziehen.
Geschäftsmodell, Markt und Wettbewerb
Der Markt und das Potenzial
Der Markt für PropTech-Lösungen im Gewerbebereich steht unter hohem Druck. Einerseits zwingen gestiegene Energiekosten und strenge ESG-Berichtspflichten Unternehmen zum Handeln. Andererseits scheuten viele Filialisten bislang die immensen Investitionskosten klassischer Gebäudeautomationssysteme, da diese für dezentrale Strukturen wirtschaftlich meist nicht darstellbar sind. Lichtwart adressiert exakt diesen unerschlossenen Mittelbau zwischen Consumer-Smart-Home und High-End-Gebäudeleittechnik.
Die Entwicklung der Investor*innenlandschaft
Die Beteiligung von butterfly & elephant markiert die nächste Evolutionsstufe in der Skalierung des Herforder Start-ups. Bereits im September 2024 sammelte Lichtwart in einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde eine siebenstellige Summe ein. Als Geldgeber traten damals der Lead-Investor BitStone Capital, der Co-Lead-Investor Vireo Ventures sowie das Angel-Netzwerk better ventures auf. Mit butterfly & elephant kommt nun kein rein finanzieller VC an Bord, sondern der Corporate-Venture-Capital-Arm von GS1 Germany. Während genaue Finanzkennzahlen wie Bewertung und Summe vertraulich bleiben, liegt der eigentliche Mehrwert im unmittelbaren Zugang zum weltweiten GS1-Netzwerk und dessen Etablierung im Gebäudesektor.
Die Hürden im Geschäftsmodell
Das Modell kombiniert den Vertrieb von Edge-Hardware mit wiederkehrenden Software-Gebühren für die Plattform. Die größte Herausforderung liegt in der Skalierung im Bestandsbau. In der Praxis treffen B2B-Start-ups auf ein Sammelsurium an alten Geräten mit unterschiedlichsten analogen und digitalen Schnittstellen. Der versprochene schnelle Rollout setzt voraus, dass die Anbindung vor Ort absolut reibungslos verläuft. Zudem erfordert die Bereitstellung von Hardware im Vergleich zu reinen SaaS-Modellen zusätzliches Kapital für Lagerhaltung, Logistik sowie den Austausch defekter Komponenten.
Wettbewerbsumfeld
Lichtwart agiert in einem dicht besetzten Umfeld. Etablierte Automationskonzerne wie Siemens, Schneider Electric oder Honeywell bieten mächtige Leittechnik-Systeme an, die primär auf komplexe Großobjekte ausgelegt und für kleinere Filialnetze oft wirtschaftlich überdimensioniert sind. Parallel dazu besetzen spezialisierte PropTechs wie aedifion, MeteoViva oder Vilisto verwandte Felder in der Heizungs- und Betriebsoptimierung. Der entscheidende Vorteil für Lichtwart liegt in der GS1-Integration: Statt auf ein proprietäres Ökosystem zu setzen, setzt das ostwestfälische Unternehmen auf branchenweite Open-Standard-Kompatibilität, was für Kund*innen das Risiko eines Vendor-Lock-ins nachhaltig verringert.
Unsere Einordnung
Für Gründer*innen im B2B- und PropTech-Sektor liefert der Lichtwart-Deal drei wesentliche Lektionen:
- Smartes Corporate Venture Capital nutzen: Der Schritt zeigt exemplarisch, wie Finanzinvestor*innen und strategische CVCs ineinandergreifen. Während klassische VCs Kapital für das Produktwachstum bereitstellen, sichern strategische Partner*innen wie butterfly & elephant den Zugang zu Industriestandards und beschleunigen die Marktpenetration.
- Standardisierung schlägt Inseldenken: Wer in fragmentierten B2B-Märkten frühzeitig auf etablierte, branchenweite Standards setzt, senkt die Integrationshürden bei der Kundschaft erheblich und erhöht die Akzeptanz bei Corporate-Entscheider*innen massiv.
- Handfeste Probleme im Bestand lösen: Der Markterfolg von Lichtwart basiert nicht auf theoretischen Spielereien, sondern auf pragmatischen Antworten für drängende Alltagsfragen von Betreiber*innen: Fachkräftemangel, verordnete Energieeinsparung und unkomplizierte Nachrüstung ohne Anlagenaustausch.
Zwischen Hype und Haltung: Kann Joony’s mit Caro Daur die Lücke im Getränkeregal schließen?
Ein neues Hamburger Start-up will mit Natural Soda den deutschen Getränkemarkt aufmischen. Prominente Unterstützung kommt von der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur. Doch reicht ein cleveres Buzzword und Influencer-Reichweite, um im hart umkämpften FMCG-Segment zu bestehen? Eine kritische Einordnung.
Das im Juni 2026 in Hamburg gegründete Start-up Joony’s tritt an, um den deutschen Getränkemarkt mit einer völlig neuen Kategorie namens Natural Soda zu erobern. Hinter der Marke stehen die beiden Gründer Josa Rödiger, ehemaliger Director of Sales DACH bei LemonAid & ChariTea sowie Ex-Vertriebsleiter bei Krombacher, und der Serial-Founder Bijan Mashagh, der zuvor unter anderem das Matratzen-Start-up Snooze Project verantwortete. Mit der Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur, die nicht nur als Investorin, sondern auch als strategische Markenpartnerin einsteigt, hat sich das Duo zudem prominente Verstärkung an Bord geholt.
Ihr gemeinsames Produkt ist eine Kombination aus prickelndem Wasser und 15 bis 20 Prozent echtem Fruchtsaft, die mit maximal 2 Gramm zelleigenem Zucker pro 100 Milliliter und nur 9 Kilokalorien auskommt. Dabei verzichtet Joony's konsequent auf Zuckerzusätze und künstliche Süßstoffe. Diese Ausrichtung zeigt bereits früh erste Erfolge: Kurz nach dem Launch ist das Getränk an über 2.000 Point-of-Sale-Stellen, darunter EDEKA, Wolt-Market und in der Gastronomie, verfügbar.
Doch der deutsche Getränkemarkt bleibt ein Haifischbecken. Zwischen etablierten Konzernen und hippen Indie-Brands scheint kaum noch Platz für echte Innovationen. Dass Joony's dabei nicht leise auf den Markt schleicht, zeigt das aktuelle Investment. Caro Daur unterstützt das Team ab sofort aktiv beim Markenaufbau und im Vertrieb. Ein beachtlicher Start – doch hält das Geschäftsmodell einer tieferen Überprüfung stand?
Das Gründer-Gespann: Symbiose aus Vertrieb und E-Commerce
Dass Joony's keine lange Anlaufzeit benötigt, liegt nicht zuletzt an der Erfahrung der Gründer, was die schnelle Verfügbarkeit in der Fläche erklärt. Josa Rödiger bringt ein tiefgreifendes Netzwerk im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und der Gastronomie mit. Sein Mitgründer Bijan Mashagh steuert hingegen die heute unverzichtbare Expertise im E-Commerce bei.
Diese Kombination ist erfolgskritisch: Der Getränkemarkt erfordert in der Skalierungsphase eine massive Präsenz im stationären Handel, während der Markenaufbau maßgeblich über digitale Kanäle funktioniert. Mit Caro Daur haben sich Rödiger und Mashagh eine Partnerin gesichert, die eine enorme digitale Community mitbringt und den Anspruch der Brand unterstreicht. Die Ambition dahinter fasst Bijan Mashagh deutlich zusammen: „Caro investiert nicht in ein Getränk. Sie investiert in eine neue Kategorie. Natural Soda steht für eine Generation von Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst leben möchte, ohne ständig verzichten zu müssen.“
Die Marktthese: Zuckersteuer und bewusster Konsum
Die These des Start-ups ist inhaltlich absolut nachvollziehbar: Verbraucherinnen und Verbraucher fordern zunehmend Getränke, die weniger Zucker enthalten, aber keine künstlichen Zusatz- oder Süßstoffe aufweisen. Die aufkeimende politische Debatte um Maßnahmen zur Reduktion des Zuckerkonsums – bis hin zu einer möglichen Zuckersteuer – beschleunigt diesen Trend spürbar. Die Industrie sucht händeringend nach Alternativen zur klassischen Limonade und zu langweiligem Mineralwasser.
Genau auf diese Lücke im Alltag zielt das Produkt ab. Mitgründer Josa Rödiger ordnet diese Entwicklung so ein: „Natural Sodas treffen den Zeitgeist, weil sie den alltäglichen Konsum mit echtem Mehrwert verbinden. Menschen kaufen heute nicht mehr einfach Getränke – sie kaufen Routinen, Wohlbefinden und bewusstere Entscheidungen.“
Ein Bedürfnis, das auch Investorin Caro Daur aus persönlicher Erfahrung bestätigt und das ihren Einstieg motivierte: „Ich achte darauf, was ich konsumiere, möchte dabei aber auch nicht komplett den Spaß verlieren. Man möchte etwas Leckeres, Erfrischendes und Prickelndes, nur eben ohne direkt eine Zuckerbombe zu trinken oder auf künstliche Süßstoffe auszuweichen. Genau das schafft Joony's.“
Hier greift die Marke mit vier Sorten (Zitrone, Grapefruit, Maracuja, Pfirsich) an und bedient mit ihren Nährwerten den vom Unternehmen definierten "Natural Sweet Spot". Der strikte Verzicht auf künstliche Süßstoffe passt zudem perfekt in den Zeitgeist der stark nachgefragten "Clean Label"-Produkte.
Kritisch hinterfragt: Innovation oder Marketing-Spin?
Doch wie innovativ ist Natural Soda wirklich? Kritisch betrachtet handelt es sich rein physisch um eine hochwertige Fruchtsaftschorle mit relativ geringem Saftanteil oder ein intensiviertes Near Water. Der Begriff Natural Soda ist in erster Linie ein geschickter Marketing-Spin, der das Produkt internationaler und moderner klingen lässt, um sich eine eigene Nische zwischen Wasser und Limonade zu bauen.
Das Geschäftsmodell im Premium-Segment bringt zudem tiefgreifende Herausforderungen mit sich. Der Einsatz von echtem Fruchtsaft treibt die Produktionskosten unweigerlich in die Höhe. Um im Lebensmitteleinzelhandel wettbewerbsfähig zu bleiben, darf der Endkundenpreis jedoch nicht zu sehr ausreißen, was die Margen drückt. Hinzu kommen logistische Hürden: Der Transport von wasserbasierten Ready-to-Drink-Getränken in Dosen ist aufwendig. Im Gegensatz zu Systemen wie Air Up oder Waterdrop, die lediglich den Geschmack ohne das Wasser verschicken, muss Joony's klassische, ressourcenintensive Logistikketten bewältigen. Zudem bleibt der Kampf um die Regalfläche in den Supermärkten selbst nach einem starken Start ein brutales Geschäft.
Das Wettbewerbsumfeld
Wer eine neue Kategorie ausruft, muss sich zwangsläufig mit diversen Playern messen. Auf der einen Seite stehen die etablierten Konzerne wie Coca-Cola mit Vio, Krombacher mit seiner Fassbrause oder Danone mit Volvic Touch, die das Near-Water-Segment durch ihre immense Vertriebsmacht dominieren. Auf der anderen Seite besetzen Social-Brands wie Lemonaid oder Fritz-Kola erfolgreich die Nische für erwachsene, hochwertige Limonaden, weisen dabei im direkten Vergleich jedoch oft höhere Zuckeranteile auf.
Auch sogenannte Wasser-Disruptoren wie Waterdrop und Air Up greifen den aktuellen Trend zu Getränken ohne Zucker aktiv an, operieren allerdings mit völlig anderen Geschäftsmodellen abseits des klassischen Marktes für Fertiggetränke. Nicht zuletzt ist der Markt förmlich überschwemmt von Creator-Brands wie Dirtea, BraTee oder Vitavate. In diesem dichten Umfeld muss Joony's beweisen, dass es das Potenzial zur nachhaltig etablierten Marke besitzt und nicht als kurzlebiger Hype-Artikel endet.
Unsere Einordnung
Joony's macht vieles richtig: Ein exzellent aufgestelltes Gründerteam trifft punktgenau auf den Megatrend der Zuckerreduktion. Die Positionierung von Caro Daur als Investorin und strategische Partnerin statt als bloßes Testimonial ist dabei ein kluger Schachzug, um Seriosität und Langfristigkeit zu signalisieren.
Das Start-up hat zweifellos das Potenzial, sich im Premium-Segment des Getränkemarkts festzusetzen. Die eigentliche Bewährungsprobe wird jedoch die Wiederkaufrate sein, wenn der erste Launch-Hype abflacht. Wenn die Konsument*innen den geschmacklichen Mittelweg zwischen klassischer Limo und Wasser tatsächlich dauerhaft in ihre Alltagsroutine integrieren, könnte die Wette auf die Kategorie Natural Soda aufgehen. Andernfalls droht Joony's das Schicksal vieler hipper Getränke: Ein kurzes Aufschäumen, bevor die Kohlensäure entweicht.
Gründer*in der Woche: SchoolUP – Vom Klassenzimmer in den App Store
ChatGPT löst zwar Hausaufgaben, hilft aber selten beim echten Verstehen. Die 17-jährigen Abiturienten Elias Eßer und Sean Hübner aus NRW wollen das mit ihrer Bootstrapping-App SchoolUP ändern. Das Tool verknüpft sich direkt mit den schulinternen Lernplattformen und arbeitet ausschließlich mit echten Lehrmaterialien. Ein smarter, datenschutzkonformer Ansatz – doch das Geschäftsmodell birgt in der trägen deutschen Bildungslandschaft seine Tücken.
Die Idee zu SchoolUP entstand nicht etwa in einem hippen Berliner Start-up-Inkubator, sondern in einem Jugendzimmer. Elias Eßer und Sean Hübner, beide 17 Jahre alt und Schüler an der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Anrath (Willich), gaben selbst Nachhilfe. Dabei erkannten sie eine Lücke, die durch die Corona-Pandemie noch weiter aufgerissen wurde: Millionen Schüler*innen fehlt der Zugang zu echter, persönlicher Förderung.
Seit zwei Jahren ließ sie das Thema nicht los, vor rund einem Jahr begannen sie mit der konkreten Umsetzung. Und das komplett ohne externe Investor*innen, nur mit rund 1.000 Euro Erspartem für Strato-Server, Domain und KI-Schnittstellen. Sean, der künftig Informatik studieren möchte, und Elias, der ein Wirtschaftsstudium anstrebt, bilden dabei ein klassisches Hacker-Hustler-Gespann.
Die erste große Bewährungsprobe ließ jedoch nicht lange auf sich warten. „Die größte bürokratische Hürde war zunächst die rechtliche Abklärung, ob unser Produkt im Hinblick auf die DSGVO überhaupt zulässig ist“, räumt Elias ein. Schließlich scanne die App im Grunde das private geistige Eigentum der Lehrkräfte. Um das Vertrauen der Schule zu gewinnen, holten sich die beiden früh professionelle anwaltliche Hilfe an Bord. Finanziell ein Kraftakt für zwei Schüler, aber für Sean „eine der wichtigsten Investitionen überhaupt“.
Fast gescheitert wäre das Projekt jedoch an etwas anderem: der eigenen Belanglosigkeit. Zu Beginn hatten die beiden eine recht simple, handelsübliche KI-Nachhilfe-App programmiert. „Uns wurde klar, dass unser Produkt so nichts Besonderes war, und das hat uns ziemlich zu schaffen gemacht“, erinnert sich Elias an den einzigen Moment, in dem sie kurz davor waren, alles hinzuschmeißen. Die Rettung war ein Zufallsfund. Die beiden entdeckten die offene API-Schnittstelle des Schul-Systems Moodle. „Erst als wir auf die Idee kamen, SchoolUP direkt mit Moodle zu verbinden und ausschließlich mit den Materialien der jeweiligen Schule arbeiten zu lassen, hatten wir unseren entscheidenden Durchbruch“, ergänzt Sean. Inzwischen ist die App live und verzeichnet ein starkes organisches Wachstum auf Social Media.
Sokratischer Ansatz statt Antwortautomat
Der Markt für KI-Anwendungen im Bildungsbereich ist seit dem Boom von Sprachmodellen unübersichtlich geworden. SchoolUP wählt jedoch bewusst einen anderen Weg als gängige Chatbots: Die App zieht ihre Antworten nicht aus dem freien Internet, sondern dockt an bestehende Schul-Infrastrukturen wie Moodle oder das in NRW weit verbreitete LOGINEO an. Die KI greift ausschließlich auf die von den Lehrkräften hochgeladenen Dokumente zu und belegt jede Antwort präzise mit der jeweiligen Quelle.
Bemerkenswert ist dabei der sokratische Ansatz der Gründer. SchoolUP liefert bewusst keine fertigen Hausaufgabenlösungen, sondern stellt Rückfragen, führt Schritt für Schritt zum eigenen Denken und erstellt auf Wunsch individuelle Tests. Aber nutzen bequeme Schülerinnen und Schüler das Tool überhaupt freiwillig, wenn ChatGPT die perfekte Lösung in drei Sekunden ausspuckt?
Elias hat darauf eine klare Antwort: „Viele merken spätestens in der Oberstufe, dass man mit ChatGPT vielleicht durch die Hausaufgaben kommt, aber nicht durch die Klausur.“ Wer Aufgaben einfach nur kopiere, verstehe den Stoff am Ende schlichtweg nicht. „Sobald Schülerinnen und Schüler merken, dass sie dadurch bessere Ergebnisse erzielen, nehmen viele den etwas anstrengenderen Weg auch freiwillig in Kauf“, ist der 17-Jährige überzeugt.
Damit das Tool überhaupt an den Schulen genutzt werden darf, müssen die beiden jedoch zunächst an strengen Schulleitungen und Datenschutzbeauftragten vorbei – Personen, die zwei 17-jährigen Gründern oft mit Skepsis begegnen. Die Strategie der Jungunternehmer: tiefgreifendes Fachwissen und juristische Rückendeckung. „Wir können genau erklären, welche Daten verarbeitet werden, wo sie gespeichert werden und warum unser System DSGVO-konform arbeitet“, betont Sean selbstbewusst. Ein zentraler Baustein sei zudem der klare Fokus auf europäische Partner. „Besonders wichtig ist uns dabei, dass keine eingegebenen Daten oder Inhalte für das Training von KI-Modellen genutzt werden“, versichert Elias. Dieses Zusammenspiel aus Transparenz und anwaltlicher Begleitung breche letztlich das Eis bei den Schulen.
Zwischen Giganten und Start-ups
Dennoch drängt sich die Frage auf: Was schützt die beiden vor millionenschweren Nachhilfe-Riesen wie Sofatutor oder Open-Source-Giganten wie Moodle selbst? Angst vor der Übermacht scheinen die beiden nicht zu haben. „Wir sehen Moodle weniger als Gegner und mehr als potenziellen Partner“, kontert Elias gelassen. Während etablierte Anbieter meist den/die Einzelnutzende(n) im Visier hätten, setze SchoolUP direkt im B2B-Bereich bei den Schulen an. Das tiefe Verständnis für den deutschen Schulalltag und die strengen hiesigen Datenschutzanforderungen sei ihr wahrer Burggraben. Sean sieht zudem in der Größe des eigenen Teams einen entscheidenden Vorteil: „Wir können als kleines Team deutlich schneller auf Wünsche von Lehrkräften reagieren.“ Das primäre Ziel sei es nicht, größer als alle anderen zu sein, sondern die passgenaueste Lösung anzubieten.
Nachgefragt: Die Sache mit dem Geld
Die anfängliche Traktion der beiden ist beachtlich: Nach den Sommerferien wird das Tool bereits an der eigenen Schule sowie in Brühl aktiv im Unterricht getestet. Doch hier offenbart sich die Tücke des B2B-Geschäftsmodells: Deutsche Schulen sind notorisch unterfinanziert, öffentliche Vergabeprozesse ziehen sich oft über Jahre hin. Der Vertrieb an Schulen gilt in der Branche nicht umsonst als „Friedhof der EdTech-Start-ups“.
Wie also finanzieren die Schüler die rasant steigenden Server- und API-Kosten? Bislang schießen sie das Geld aus eigener Tasche vor. „Aktuell finanzieren wir SchoolUP komplett selbst“, räumt Elias ein, betont aber, dass man die laufenden Ausgaben streng im Blick habe. Zunächst wolle man ohnehin beweisen, dass das Produkt einen echten Mehrwert biete. Auf die Frage nach frischem Kapital zeigt sich der Gründer pragmatisch: „Externe Unterstützung wäre eine große Chance, um SchoolUP möglichst vielen Schulen zugänglich zu machen, ohne unsere Mission aus den Augen zu verlieren.“ Man sei offen für Förderprogramme, Sponsor*innen oder Investor*innen, sofern diese die Vision des Unternehmens teilen.
Fazit: Doppelspiel zwischen Start-up und Hörsaal
Elias Eßer und Sean Hübner liefern mit SchoolUP ein typisches, hochauthentisches Beispiel für „Generation Z“-Unternehmertum: Problem erkannt, Code geschrieben, Lösung gelauncht. Die technologische Umsetzung mit nahtloser System-Integration und kompromisslosem Fokus auf den europäischen Datenschutz umschifft clever das Vertrauensproblem, das viele Schulen gegenüber US-amerikanischer KI haben.
Die wahre Reifeprüfung für SchoolUP wird in künftigen Budgetverhandlungen mit den Schulträger*innen stattfinden. Zuvor steht für die beiden Gründer jedoch noch eine ganz andere Reifeprüfung an: das Abitur. Wer nun glaubt, das Start-up müsse der Schule weichen, irrt gewaltig. „Die Schule fällt uns beiden ziemlich leicht, deshalb bleibt uns bis zum Abitur genügend Zeit, SchoolUP konsequent voranzutreiben“, gibt sich Elias selbstbewusst.
Auch danach ist kein Cut geplant. Sean will Informatik studieren, Elias strebt ein duales Wirtschaftsstudium an. Ein klassischer Plan B? Keineswegs. „SchoolUP bleibt dabei klar im Vordergrund“, verspricht Elias. Das Studium betrachten die beiden als strategischen Schritt, um das eigene Netzwerk auszubauen und sich fachlich für die Unternehmensführung zu wappnen. Sollte das Start-up eines Tages die volle Aufmerksamkeit verlangen, sei man bereit, diese Entscheidung zu treffen. Bis dahin spielen die 17-Jährigen ihr beeindruckendes Doppelspiel zwischen Klassenzimmer und Chefetage souverän weiter.
Vom Sanierungsstau zum Start-up-Erfolg? 10 Mio. Euro für die Deutsche Sanierungsberatung (dsb)
Das Berliner ClimateTech-Start-up Deutsche Sanierungsberatung (dsb) meldet mitten in einer von KI dominierten Investitionsphase eine beachtliche Series-A-Runde in Höhe von 10 Millionen Euro. Das 2024 gegründete Unternehmen wächst rasant und will den fragmentierten Sanierungsmarkt digitalisieren. Doch wie tragfähig ist das Modell, wenn der Ex-Arbeitgeber der Gründer bereits als übermächtiger Konkurrent im Markt agiert?
Die Zahlen lesen sich wie aus dem Bilderbuch für Blitzskalierer: Seit der Gründung im Jahr 2024 konnte die Deutsche Sanierungsberatung (dsb) ihre Kund*innenzahl nach eigenen Angaben zuletzt verdreifachen und bereits über 10.000 Privatkund*innen beraten. Für das laufende Jahr 2026 prognostiziert das Unternehmen einen Umsatz von über 15 Millionen Euro. Das frische Kapital der aktuellen Runde, angeführt von Simon Capital und dem Corporate-VC VERBUND X Ventures, soll für den Eintritt in das B2B-Geschäft, den weiteren Plattformausbau sowie den Launch eines eigenen Stromtarifs genutzt werden. Altinvestoren wie IBB Ventures, Vireo Ventures und Atlantic Food Labs ziehen ebenfalls wieder mit.
Dass GreenTech-Start-ups abseits des allgegenwärtigen KI-Hypes derzeit überhaupt solche Summen einsammeln, unterstreicht die Relevanz des Themas. Dennoch lohnt sich für Gründer*innen und Investor*innen ein genauerer Blick hinter die Fassade dieses vermeintlichen Sanierungswunders.
Vom Enpal-Intrapreneur zum direkten Konkurrenten
Hinter der dsb stehen Sebastian Schmidt (CEO), Niclas Kern (CFO) und Adam Khenissi (CCO). Was in der Branche kein Geheimnis ist: Das Trio bringt tiefgreifende Erfahrung aus dem direkten Wettbewerbsumfeld mit. Die drei Gründer waren zuvor beim Berliner Energie-Einhorn Enpal tätig, wo sie die Sparte „Dragon“ – das Wärmepumpen-Geschäft – maßgeblich mit aufgebaut haben.
Mit dieser profunden Branchenexpertise verließen sie Enpal, um mit der dsb ein eigenes, etwas anders gelagertes Konzept an den Start zu bringen. Während Enpal vorrangig als direkt ausführender Installateur auftritt, positioniert sich die dsb als ganzheitlicher Berater und Vermittler. CEO Sebastian Schmidt betont diesen Unterschied vehement: Im Gegensatz zu Mitbewerber*innen, die primär eine spezifische PV-Anlage oder Wärmepumpe verkaufen möchten, verfolge die dsb den Ansatz der absoluten technologischen Neutralität, um Hausbesitzern die wirklich rentabelsten Maßnahmen aufzuzeigen.
Bereits im Frühjahr 2025 konnten sie mit dieser Vision eine Seed-Runde über 3,6 Millionen Euro abschließen. Der eher konservative Name „Deutsche Sanierungsberatung“ ist dabei bewusst gewählt: Er soll in einem von Unsicherheit geprägten Markt – in dem es oft um Investitionen im mittleren fünfstelligen Bereich geht – sofort Vertrauen wecken.
Pragmatismus aus einer Hand – mit staatlicher Abhängigkeit
Der Gebäudesektor ist für rund 30 Prozent der deutschen CO₂-Emissionen (etwa 112 Millionen Tonnen jährlich) verantwortlich. Das Marktpotenzial ist gewaltig: Laut Unternehmensangaben sind rund 80 Prozent der 15 Millionen deutschen Einfamilienhäuser noch unsaniert.
So funktioniert die dsb:
- Datenerfassung und Planung: Zertifizierte Berater*innen erfassen die Gebäudedaten vor Ort und erstellen einen digitalen Zwilling.
- Sanierungsfahrplan: Daraus wird ein individueller Sanierungsfahrplan (iSFP) abgeleitet, der Maßnahmen priorisiert. Dabei setzt die dsb auch auf pragmatische und kosteneffiziente Lösungen: Statt Kund*innen sofort ein klassisches Wärmedämmverbundsystem für 30.000 bis 50.000 Euro zu verkaufen, identifiziert die Beratung oft hochwirksame Alternativen wie eine Einblasdämmung, die bereits für rund 5.000 Euro realisierbar ist.
- Fördermittelmanagement: Das Start-up übernimmt die komplette Prüfung und Beantragung von KfW- und BAFA-Fördermitteln.
- Umsetzung: Die Koordination erfolgt über ein Netzwerk aus aktuell rund 300 lokalen, geprüften Handwerksbetrieben.
Kritische Hinterfragung: Das Modell bündelt verschiedene stark fragmentierte Prozessschritte und verspricht Kunden eine Zeitersparnis von bis zu 80 Prozent. Die größte Schwachstelle des Modells ist jedoch die enorme Abhängigkeit von staatlichen Subventionen. Die dsb räumt selbst ein, dass sich die Bedingungen für Förderungen fortlaufend und intransparent ändern. Dies offenbart sich bereits beim Einstiegsprodukt: Die Energieberatung kostet Privatkunden bei der dsb einen Eigenanteil von 650 Euro – die übrigen, erheblichen Kosten trägt der Staat. Fällt die BAFA-Förderung für diese initiale Beratung oder für teure Umsetzungsschritte wie die Wärmepumpe drastisch geringer aus, bricht der stärkste Akquise-Hebel des Startups weg.
Zudem ist die Skalierung eines zweiseitigen Marktplatzes notorisch schwer: Das Handwerk ist chronisch überlastet. Die dsb muss kontinuierlich die Qualität der 300 Partner*innenbetriebe sichern. Wenn ein regionaler Handwerker*innen mangelhaft arbeitet, fällt dies direkt auf die Marke dsb zurück.
Markt & Wettbewerb: Ein Haifischbecken
Die dsb operiert nicht im luftleeren Raum, denn der Kampf um die deutschen Dächer und Heizungskeller ist intensiv und wird von kapitalstarken Akteur*innen dominiert. Ein besonders massiver Konkurrent ist dabei Enpal, der ehemalige Arbeitgeber der dsb-Gründer. Durch den stark vertikalisierten Ansatz mit eigenen Installateur-Teams profitiert das Energie-Einhorn von höheren Margen, direkterer Qualitätskontrolle und einer enormen Finanzkraft. Einen ähnlich kompromisslosen Weg geht das Hamburger GreenTech 1KOMMA5°. Statt handwerkliche Kapazitäten nur zu vermitteln, kauft das Unternehmen lokale Betriebe gezielt auf, bindet sie exklusiv an sich und fokussiert sich dabei strategisch auf sein vernetztes Energiemanagement-System.
Geht es an die konkrete Umsetzung lukrativer Wärmepumpen-Projekte, trifft die dsb außerdem auf Thermondo. Als stark digitalisierter Heizungsbauer, der die Installation mit fest angestellten Teams durchführt, ist das Unternehmen ein direkter Rivale um die Budgets der Eigenheimbesitzer. Deutlich weniger Risiko geht hingegen von den klassischen, lokalen Energieberater*innen aus. Diese traditionellen Ingenieurbüros sind zwar oft regional tief verwurzelt, können aber mangels digitaler Prozesse und ohne ein ganzheitliches Full-Service-Angebot aus einer Hand nicht mit der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit des Plattform-Ansatzes der dsb mithalten.
Unsere Einordnung & Fazit
Die Series-A-Runde der Deutschen Sanierungsberatung ist ein starkes Signal für den ClimateTech-Standort Deutschland. In einer Phase, in der VCs ihr Kapital primär in Künstliche Intelligenz umschichten, beweist das Gründerteam, dass echtes Umsatzwachstum – die dsb erwartet 15 Millionen Euro in diesem Jahr – und die Lösung eines fundamentalen, wenig glamourösen Problems (Handwerker*innen-Koordination) weiterhin massiv gefördert werden.
Die dsb hat ein beeindruckendes Momentum aufgebaut. Der Ansatz, einen technologisch standardisierten Prozess in einen ineffizienten Markt zu bringen, ergibt betriebswirtschaftlich absolut Sinn. Für einen langfristigen Aufstieg zum „Unicorn“ muss das Unternehmen jedoch beweisen, dass es nicht nur als hochdigitalisierte Lead-Agentur für das lokale Handwerk fungiert, sondern die Wertschöpfung tiefgreifend kontrollieren kann. Der geplante eigene Stromtarif und der Sprung ins B2B-Geschäft sind hierbei die richtigen strategischen Manöver, um wiederkehrende Umsätze (MRR) aufzubauen und sich aus der Abhängigkeit der reinen Sanierungs-Einmalgeschäfte und staatlichen Fördertöpfe zu befreien.
KI-PropTech reltix sichert sich 3 Mio. Euro Pre-Seed
Ein Jahr nach der Gründung meldet das Düsseldorfer PropTech reltix der Gründer Léon Alexander Bamesreiter und Jan Oliver Horstmann eine abgeschlossene Pre-Seed-Finanzierungsrunde über drei Millionen Euro. Mit einem Annual Recurring Revenue (ARR) von über einer Million Euro und mehr als 4.000 verwalteten Wohn- und Gewerbeeinheiten legt das Start-up ein beeindruckendes Tempo vor. Doch der Anspruch reicht weit über die bloße Hausverwaltung hinaus: Die eigens entwickelte technologische Infrastruktur „centrix“ soll langfristig zum Betriebssystem der gesamten Immobilienbranche aufsteigen. Ein ambitioniertes Ziel in einem historisch trägen und fragmentierten Markt.
Die Geschichte von reltix entspringt einem klassischen Gründer*in-Schmerzpunkt. Co-Founder Léon Alexander Bamesreiter kaufte bereits als 20-Jähriger, während seines dualen Studiums bei der Commerzbank, seine erste Wohnung. Was er im Kontakt mit klassischen Hausverwaltungen erlebte – dicke Aktenordner, schleppende Kommunikation, mangelnde Transparenz –, brachte ihn zu der frustrierenden Erkenntnis, letztlich selbst den Job des Hausverwalters machen zu müssen. Gemeinsam mit seinem WHU-Kommilitonen Jan Oliver Horstmann sowie dem dritten Mitgründer Andreas Franz Plakinger startete er eine Umfrage unter 120 Eigentümern: 87 Prozent äußerten Unzufriedenheit mit ihrer bisherigen Verwaltung.
Ausgestattet mit einem Gründungsstipendium wurde im Mai 2025 die relia GmbH ins Handelsregister eingetragen, bevor das Unternehmen im Juli 2025 in die heutige reltix GmbH umfirmierte. Im Juli 2026 beschäftigt das im Düsseldorfer Medienhafen beheimatete Start-up bereits über 30 Mitarbeitende an den Standorten Düsseldorf und Essen. Im Sommer 2026 folgte zudem die strategische Expansion nach Frankfurt am Main, wo erste Mandate gewonnen wurden.
Der Verwalter als Trojanisches Pferd
Reltix ist keine reine Software-as-a-Service-Bude (SaaS), sondern kombiniert die operative Hausverwaltung mit einer eigenen Tech-Plattform. Das Startup agiert selbst als Hausverwalter und speist das dadurch gewonnene Prozess- und Datenwissen direkt in die eigene Infrastruktur „centrix“ ein.
Der konkrete Mehrwert laut Unternehmensangaben:
- Selbst komplexeste Logiken, wie beispielsweise eine Jahresabrechnung, werden in simple Systemabfragen verwandelt.
- Anfragen werden nicht einfach weitergereicht, sondern direkt gelöst – entweder durch den Verwalter in der Software oder durch den KI-Assistenten am Telefon und im Kund*innenportal.
- Durch die technologische Infrastruktur werden Kund*innenanfragen erheblich schneller abgewickelt und die Abläufe im operativen Management deutlich effizienter.
Der langfristige Plan dahinter ist radikal: reltix positioniert sich an der zentralen Schnittstelle zwischen dem/der Eigentümer*in und sämtlichen Dienstleistungen rund um die Immobilie – vom Banking über Energie (Strom und Wärme) bis hin zu großen Sanierungsarbeiten. Aus dieser Machtposition heraus soll „centrix“ zur „Kontextmaschine“ werden, an die sämtliche externe Dienstleister andocken.
Genau diesen Anspruch unterstreicht Co-Founder Léon Alex Bamesreiter: „Wir sehen Immobilienverwaltung nicht als klassischen Verwaltungsservice, sondern als grundlegende Infrastruktur einer ganzen Branche.“ Die frischen Mittel sollen nun direkt in diese Vision fließen. „Die Finanzierung ermöglicht uns, centrix schneller weiterzuentwickeln, unser Team auszubauen und unsere Plattform in weitere Märkte zu bringen. Langfristig wollen wir die technologische Grundlage schaffen, die aus einer fragmentierten Branche ein funktionierendes Ökosystem macht“, so Bamesreiter.
Unterstützt wird dieser stark technologische Ansatz nicht nur durch Lead-Investoren wie den Züricher Fintech-Inkubator Tenity, sondern auch durch staatliche Gelder. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gewährt reltix eine Forschungszulage in Höhe von 1,3 Millionen Euro. Die Förderung bestätigt den technologischen Anspruch von centrix und beschleunigt dessen Weiterentwicklung in den kommenden Jahren.
Die Skalierungsfalle
Zu den Kund*innen von reltix zählen neben klassischen Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) und privaten Eigentümer*innen auch zunehmend Asset Manage*innen, Family Offices, Entwickler*innen sowie institutionelle Bestandshalter*innen. Die Nachfrage im Markt ist zweifellos vorhanden. Doch das hybride Geschäftsmodell birgt immense Herausforderungen.
Die Immobilienverwaltung ist hyperlokal, extrem operativ und rechtlich komplex. Der Markt wird bisher von unzähligen lokalen Kleinbetrieben sowie einigen wenigen Platzhirschen dominiert. Wettbewerber wie Matera (Fokus auf Beiräte/WEGs) oder reine Softwareanbieter wie Casavi und immocloud greifen den Markt aus unterschiedlichen Richtungen an. Die große Gefahr für reltix: Das operative Geschäft der Hausverwaltung frisst Kapital und bindet Personal. Während reine Software schnell und grenzenlos skaliert, benötigt das „Tech-enabled Service“-Modell in jeder neuen Region physische Präsenz, lokale Handwerker*innen-Netzwerke und personelle Kapazitäten für Vor-Ort-Begehungen.
Es bleibt kritisch zu hinterfragen, ob die von Co-Founder Bamesreiter anvisierte Transformation zu einer funktionierenden technologischen Infrastruktur einer ganzen Branche aus der ressourcenintensiven Position eines operativen Verwalters heraus profitabel gelingen kann. Die Margen im Standardverwaltungsgeschäft sind traditionell niedrig; der Erfolg von reltix hängt somit maßgeblich davon ab, wie viel manuelle Arbeit tatsächlich durch die KI-Assistenz ersetzt werden kann.
Fazit und Einordnung
Für SaaS-Gründer*innen gilt der Sprung auf die erste Million Euro ARR oft als der Startschuss, an dem sich zeigt, ob das Geschäftsmodell exponentiell wachsen (compounding) und den berühmten „T2D3“-Pfad (Triple, Triple, Double, Double, Double) meistern kann. Ein Funding von drei Millionen Euro plus 1,3 Millionen Euro Forschungszulage ist in der aktuellen Marktphase für eine Pre-Seed-Runde äußerst beachtlich und spricht für das starke Storytelling des WHU-Gründerteams.
Der Weg vom operativen Verwalter zum Ökosystem erfordert jedoch mehr als nur einen exzellenten Tech-Stack. Reltix muss beweisen, dass die „Unit Economics“ bei der Erschließung neuer Städte stabil bleiben. Gelingt es dem Team, aus einer zersplitterten Branche ein funktionierendes Ökosystem zu formen, hat reltix das Potenzial, den PropTech-Markt nachhaltig zu dominieren. Bis dahin ist es jedoch ein hartes Stück (Immobilien-)Arbeit.
All About Accuracy: Potsdamer DeepTech-Start-up sichert sich siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde
Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Start-up All About Accuracy entwickelt hochpräzise Sensor-Chips für die nächste Generation der Physical AI.
Während der mediale Hype um künstliche Intelligenz oftmals von Software und Sprachmodellen dominiert wird, rückt die physische Schnittstelle zur realen Welt zunehmend in den Fokus von Investoren. Das 2024 gegründete Potsdamer DeepTech-Unternehmen All About Accuracy GmbH hat in diesem Segment nun eine siebenstellige Pre-Seed-Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Die neuartige Sensortechnologie soll industriellen Robotern und autonomen Maschinen Millimeterpräzision in der Bewegungserfassung verleihen und damit rein optische Systeme ausgleichen. Doch der Weg vom Forschungslabor in die Massenproduktion von Hardware ist traditionell steinig.
Gründer und Herkunft aus der Spitzenforschung
All About Accuracy ist ein klassisches akademisches Spin-off. Das Unternehmen entstand als Ausgründung des renommierten Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP) und baut technologisch auf mehr als 15 Jahren wissenschaftlicher Halbleiterforschung auf.
Die operative Führungsspitze bilden Dr. Yori Fournier als Co-Founder und CEO sowie Olivier Astraud als COO und CFO. Das Start-up, welches im Innovationszentrum GO:IN im Potsdam Science Park ansässig ist, konnte ein namhaftes Investorenkonsortium gewinnen. Die aktuelle Finanzierungsrunde wurde von Campus Capital by STS Ventures (dem Frühphasen-Fonds von Serienunternehmer Stephan Schubert), der Brandenburg Kapital (Venture-Capital-Arm der Investitionsbank des Landes Brandenburg ILB) sowie ZOHO.VC angeführt. Zudem beteiligten sich spezialisierte Business Angels mit tiefer Expertise im Bereich der Ultra-Wideband-Technologie (UWB) über Gigahertz Venture und Superangels.
Das Geschäftsmodell auf dem Prüfstand
All About Accuracy will eine neue Klasse von hochpräzisen, robusten und skalierbaren Bewegungssensorik-Chips etablieren. Das Unternehmen adressiert die Schnittstelle von industriellen Anwendungen, Robotik und Physical AI – mit einem besonderen Fokus auf die humanoide Robotik.
Das technologische Versprechen der Potsdamer:
- Unabhängigkeit von Optik: Im Gegensatz zu Kamerasystemen funktioniert die funkbasierte Technologie auch bei Verdeckung, Staub, Reflexionen oder schwierigen Lichtverhältnissen zuverlässig.
- Kompakte Integration: Die Sensorik wird direkt in kleine Elektronikmodule integriert und lässt sich über Wearables, Roboter, Werkzeuge und Maschinen skalieren.
- Präzise Datenbasis: Für das Training von Physical AI liefert das System kontinuierliche und hochpräzise Referenzdaten (sogenannte Ground-Truth-Daten).
Kritische Würdigung: Obwohl das Marktpotenzial enorm ist, birgt das Geschäftsmodell die typischen Risiken von Deep-Tech-Hardware. Halbleiter-Startups sind in der frühen Phase extrem kapitalintensiv. Die jetzige siebenstellige Pre-Seed-Runde ist ein starkes Signal, doch bis zur fehlerfreien Serienreife und globalen Skalierung werden erfahrungsgemäß rasch zweistellige Millionenbeträge benötigt.
Hinzu kommen die bekannten Nadelöhre der europäischen Hardware-Branche: Abhängigkeiten von globalen Chip-Foundries und Halbleiter-Lieferketten. Zudem sind die Sales- und Integrationszyklen bei B2B-Kund*innen in der Industrie und Robotik notorisch lang. Ein etabliertes System durch eine neue, proprietäre Funktechnologie zu ersetzen, erfordert von den Industriepartner*innn ein hohes Maß an Vertrauen in die langfristige Lieferfähigkeit des Start-ups.
Markt und Wettbewerb
Der Markt für Physical AI steht vor einem ungelösten Problem: Optische Systeme (Kameras und Lidar) erfassen Daten zwar großflächig, stoßen aber bei der robusten Millimeterpräzision in rauen Industrieumgebungen an physikalische Grenzen. Professionelle Motion-Capture-Systeme wiederum sind für den flexiblen Außeneinsatz meist zu teuer und komplex. All About Accuracy besetzt genau diese infrastrukturelle Nische.
Die Konkurrenz schläft jedoch nicht:
- Etablierte Sensor-Giganten: Große Player im Bereich Lidar und optische 3D-Erfassung dominieren den Markt und verfügen über tief integrierte Kundenbeziehungen.
- UWB-Massenmarkt: Globale Halbleiterkonzerne wie NXP oder Qorvo treiben Standard-UWB-Chips voran. All About Accuracy muss im harten Praxiseinsatz demonstrieren, dass ihre spezialisierte Chip-Architektur einen so deutlichen Performance-Vorsprung bietet, dass sich der Wechsel für Systemintegratoren lohnt.
Einordnung für StartingUp
Für die europäische Start-up-Szene ist All About Accuracy ein hochspannender Case. Statt der nächsten B2B-Software-Anwendung stellt sich das Team der komplexen Aufgabe, echte Hardware-Infrastruktur für die KI-Welt von morgen zu bauen.
Gelingt es den Potsdamern, ihre Sensoren als Standard-Referenzschicht für humanoide Roboter und moderne Industrieanlagen zu etablieren, könnte hier ein global relevanter Player entstehen. Es bleibt eine klassische DeepTech-Wette: Hohes technologisches Risiko gepaart mit hoher Kapitalintensität – aber gestützt auf 15 Jahre fundierte Spitzenforschung und ein erfahrenes Investoren-Netzwerk.
Regulierung als Wachstumstreiber: Wie das EU-Vernichtungsverbot für Textilien einen Milliardenmarkt für Start-ups schafft
In wenigen Tagen, am 19. Juli 2026, tritt die strengste Phase der neuen EU-Ökodesign-Verordnung in Kraft: Große Händler*innen dürfen unverkaufte Kleidung und Retouren nicht mehr vernichten. Was die klassische Textilindustrie unter massiven Anpassungsdruck setzt, ist für Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft der Startschuss für einen hochprofitablen B2B-Markt. Eine Markteinordnung.
Die Zahlen der Fashion-Industrie waren lange ein ökologischer Offenbarungseid: Bei Retourenquoten von teils über 40 Prozent im Onlinehandel landeten europaweit jährlich Millionen Tonnen neuwertiger Textilien im Schredder oder in der Verbrennungsanlage. Die Sichtung und Aufbereitung von Retouren oder Saisonware war für viele Marken schlichtweg teurer als die Entsorgung.
Doch damit ist ab dem 19. Juli 2026 Schluss. Mit dem Greifen der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) gilt für große Unternehmen ein striktes Vernichtungsverbot für Bekleidung, Accessoires und Schuhe. Unternehmen müssen stattdessen Alternativen wie Wiederverkauf, Reparatur, Spenden oder Recycling etablieren und diese lückenlos dokumentieren. Wer dennoch entsorgt, muss Menge und Gründe künftig öffentlich machen – ein enormes Reputationsrisiko. Für mittelständische Unternehmen folgt das Verbot 2030, Kleinstunternehmen bleiben vorerst ausgenommen.
„Das Vernichtungsverbot ist ein wichtiger Schritt. Es setzt ein klares Signal gegen die Verschwendung wertvoller Ressourcen und schafft Anreize, von Anfang an anders mit Produkten umzugehen“, ordnet Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung, die politische Weichenstellung ein.
Der Markt: Compliance erzwingt Innovation
Damit wandelt sich die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) in der Textilbranche schlagartig von einem CSR-Thema („nice to have“) zu harter Compliance. Marken suchen händeringend nach externen Dienstleister*innen, um ihre Prozesse gesetzeskonform und kosteneffizient umzubauen.
Fast Fashion und der Post-Consumer-Abfall
Das neue Vernichtungsverbot ist ein regulatorischer Meilenstein, doch es adressiert vor allem die Spitze des Eisbergs: unverkaufte Neuware und Retouren (Pre-Consumer-Waste). Die weitaus größere Herausforderung bleibt das dahinterliegende Geschäftsmodell der Fast Fashion. Durch extrem kurze Nutzungsdauern, mindere Materialqualitäten und geringe Wiederverwendungsquoten entsteht der Großteil des globalen Textilmüllbergs erst nach dem Kauf bei dem /der Endverbraucher*in.
„Wenn wir Textilien wirklich im Kreislauf halten wollen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus betrachten – vom Design über Nutzung und Wiederverwendung bis hin zum hochwertigen Recycling. Hier entstehen derzeit zahlreiche Innovationen“, mahnt Dr. Carsten Gerhardt. Für Start-ups bedeutet das: Wer nicht nur unverkaufte Neuware rettet, sondern skalierbare Lösungen für den gewaltigen Post-Consumer-Abfall der Fast-Fashion-Industrie findet, bedient einen Markt mit gigantischem Volumen.
Das deutsche Start-up-Ökosystem: Wer den Kreislauf schließt
In genau diese Lücken stoßen derzeit deutsche Start-ups. Sie bauen die technologische und logistische Infrastruktur für eine Industrie, die bisher primär auf den linearen Vertrieb optimiert war. Das Ökosystem fächert sich dabei in hochspezialisierte Segmente entlang des gesamten Produktlebenszyklus auf:
Produktdesign & digitale Infrastruktur (Pre-Life)
Um Textilien am Ende ihrer Lebensdauer verwerten zu können, müssen Materialzusammensetzungen exakt bekannt sein.
- circular.fashion (Berlin): Das Start-up von Gründerin Ina Budde zählt zu den deutschen Pionieren für den von der EU geforderten Digitalen Produktpass (DPP). Mit der circularity.ID erhält jedes Kleidungsstück einen digitalen "Reisepass" (via QR-Code oder NFC), der alle Infos zu Materialien speichert. Zudem bietet das Unternehmen eine Software an, die Designern schon beim Entwurf zeigt, ob ein Produkt später mechanisch oder chemisch recycelbar ist.
Recommerce-as-a-Service & Reverse Logistics (Mid-Life)
Unverkaufte Ware und Retouren müssen vorrangig wieder in den Markt gebracht werden.
- reverse.supply (Berlin): Einer der führenden Akteure für B2B-Recommerce. Das Start-up baut für Marken wie Armedangels oder hessnatur White-Label-Second-Hand-Shops auf und übernimmt die komplette „Reverse Logistics“ im Hintergrund: Annahme, Qualitätsprüfung (Grading), Aufbereitung und Fotografie. Für Marken, die ab sofort nicht mehr vernichten dürfen, ist dieser Service ein direkter Rettungsanker.
- Recash (München): Ein plattformgetriebener Ansatz, der Marken hilft, Recommerce unkompliziert an den primären E-Commerce anzudocken. Das Start-up fungiert als Schnittstelle zwischen Kunden, Marken und Second-Hand-Verwertern.
- TextilTiger: Der Spezialist für die „First Mile“ der Alttextilien. Das in Hamburg gegründete Start-up holt Altkleider mit E-Lastenrädern direkt an der Haustür ab – ein Service, den das Unternehmen aktuell fokussiert in München anbietet. Das verhindert die in klassischen Sammelcontainern übliche Verschmutzung und garantiert die hohe Materialqualität, die für ein anschließendes Recycling zwingend nötig ist.
DeepTech, Recycling & Materialrückgewinnung (End-of-Life)
Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen recycelt werden. Hier liegt die höchste technologische Einstiegshürde.
- eeden (Münster): Das Start-up löst das Problem von Mischgeweben (z.B. Baumwoll-Polyester-Mix). Mit einem patentierten chemischen Recyclingverfahren gewinnen sie Zellulose aus Alttextilien zurück, die zu neuen, hochwertigen Fasern gesponnen wird. Wie stark dieser Markt wächst, zeigt eine kürzlich abgeschlossene Series-A-Finanzierung von eeden über 18 Millionen Euro.
- TURNS (Erlangen): Fokussiert sich auf das physische Faser-zu-Faser-Recycling. Das exist-geförderte Start-up sortiert Alttextilien und verarbeitet sie zu hochwertigem Recycling-Garn für neue Kollektionen.
- Kleiderly (Berlin): Für Textilien, die nicht mehr zu Garn werden können, hat das preisgekrönte Start-up ein Verfahren entwickelt, das Textilmüll in eine Alternative zu erdölbasiertem Plastik umwandelt – etwa für die Produktion von Kleiderbügeln für die Modeindustrie.
B2B-Nischen & Corporate Workwear
Auch abseits der klassischen Modeindustrie entsteht durch die Regulierung enormer Innovationsdruck.
- Circularity: Das Alumni-Start-up (Batch 1) des Circular Economy Accelerators der Circular Valley Stiftung zeigt, wie branchenspezifische Lösungen aussehen. Das Team entwickelt geschlossene Stoffkreisläufe speziell für Berufsbekleidung. Ein enormer Hebel, da Workwear aufgrund von Firmenlogos und Sicherheitsnormen bisher fast ausnahmslos der Verbrennung zugeführt wurde.
Wo die Chancen für Gründer*innen liegen
Das Wettbewerbsumfeld formiert sich gerade neu. Für Gründer*innen und VCs ergeben sich vor dem Hintergrund der neuen EU-Regulierung drei zentrale Kernmärkte mit enormem Skalierungspotenzial:
- Software & Reporting: Werkzeuge für Materialdokumentation, Traceability (DPP) und rechtskonformes Reporting treffen aktuell auf Kunden mit extrem hoher Zahlungsbereitschaft, da die Fristen für die großen Akteur*innen ablaufen.
- Infrastructure-as-a-Service: Modekonzerne sind auf den Hinweg zur Kundschaft optimiert. Start-ups, die die extrem kleinteilige Logistik für Grading, Refurbishment und Recommerce als White-Label-Lösung abnehmen, skalieren stark.
- Climate-Tech & Materialinnovation: Verfahren, die das Textilrecycling vom Labor in den industriellen Maßstab bringen, lösen den größten Flaschenhals der gesamten Branche und stehen im Fokus großer Kapitalgebenden.
Fazit
Das Vernichtungsverbot markiert das regulatorisch erzwungene Ende des linearen „Take-Make-Dispose“-Modells in der Textilbranche. Der Gesetzgeber agiert ab sofort als mächtigster Vertriebsmitarbeiter für Circular-Economy-Start-ups. Wer jetzt die B2B-Schnittstellen baut, um großen Marken die Kreislaufwirtschaft als Service anzubieten, positioniert sich rechtzeitig in einem wichtigen europäischen Wachstumsmarkt.
Dekarbonisierung als Renditehebel: PropTech Fuchs & Eule sichert sich 10 Mio. Euro
Das Berliner Start-up Fuchs & Eule schließt eine Finanzierungsrunde in Höhe von 10 Mio. Euro ab. Das Kapital fließt in den Ausbau KI-gestützter Sanierungsberatung für gewerbliche Immobilienportfolios. Doch hinter den Kulissen verfolgt das Unternehmen längst eine breiter angelegte Doppelstrategie. Reicht eine digitale Analyse, um den analogen Sanierungsstau in Deutschland zu lösen? Ein tieferer Blick auf das Geschäftsmodell, den Markt und die Köpfe hinter der Plattform.
Die Zinswende und verschärfte ESG-Vorgaben setzen die Immobilienbranche massiv unter Druck. Die Preise am Markt zweiteilen sich zunehmend: Während Immobilien mit guten energetischen Standards im Wert steigen, drohen unsanierte Objekte zu sogenannten „Stranded Assets“ mit Wertverlusten zu werden. Genau an dieser Schnittstelle agiert das Berliner Start-up Fuchs & Eule. Als digitaler Energie- und Sanierungsberater konnte das Team nun namhafte Geldgeber überzeugen.
In der aktuellen Finanzierungsrunde sammelt das Unternehmen 10 Millionen Euro ein. Angeführt wird die Runde vom GET Fund als Lead-Investor. Als Neuinvestoren steigen PI Impact und Wave-X ein. Zudem beteiligen sich die Bestandsinvestoren SET Ventures, Picus Capital und Realyze Ventures erneut. Das frische Kapital soll primär in den Ausbau des digitalen Geschäftsmodells fließen. Im Fokus stehen dabei KI-Technologien, intelligente Screenings sowie datenbasierte Analysen für individuelle Sanierungsberatungen, um Immobilienportfolios energieeffizienter und wertsteigernd zu transformieren.
Start-up-Erfahrung trifft Ingenieurwesen
Gegründet wurde Fuchs & Eule im Jahr 2021. Zum fünfköpfigen Gründungsteam gehören Robin Behlau, Dr. Tobias Frese, Lina Adrian, Dr. Friso Zimmermann und Matthias Kube.
Besonders der Name Robin Behlau lässt in der deutschen Gründungsszene aufhorchen. Als Gründer von Aroundhome (ehemals Käuferportal) hat Behlau bereits bewiesen, wie man fragmentierte Märkte digitalisiert, Leads generiert und Plattformen skaliert. Diese Erfahrung im Plattformaufbau trifft bei Fuchs & Eule – rechtlich eine Marke der Valyria Technology GmbH – auf ein mittlerweile über 100-köpfiges Expert*innen-Netzwerk, das ingenieurstechnisches Fachwissen mit digitalen Analyse-Tools bündelt.
Der Spagat zwischen Asset-Manager*innen und Eigenheimbesitzer*innen
Die aktuelle Kommunikation von Fuchs & Eule positioniert das Unternehmen klar im B2B-Segment: Bestandshalter, Family Offices und Asset-Manager*innen von Wohn- und Gewerbeimmobilien bilden die Kernzielgruppe. Der Beratungsansatz gliedert sich in klar definierte digitale Schritte:
- KI-Portfolioscreening: Zum Einstieg identifiziert die Software diejenigen Gebäude eines Portfolios, die das größte Sanierungs- und Wertsteigerungspotenzial aufweisen.
- Digitale Zwillinge & Analysen: Auf dieser Basis erstellen die Expert*innen detaillierte Gebäudeanalysen, um wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen abzuleiten.
- Fördermittel-Begleitung: Ergänzend unterstützt das Start-up bei der Auswahl passender Programme und der Antragstellung.
Bislang wurden laut Unternehmensangaben rund 10.000 Analysen auf mehr als fünf Millionen Quadratmetern Fläche durchgeführt. Die eingesetzte Technologie soll dabei geholfen haben, pro Gebäude und Jahr durchschnittlich 21,6 Tonnen CO2 einzusparen.
Der Realitäts-Check: Die offizielle B2B-Kommunikation bildet jedoch nur einen Teil des tatsächlichen Geschäftsmodells ab. Während die neue Finanzierung das hochkomplexe, margenstarke Projektgeschäft für institutionelle Investoren anschieben soll, ist das Start-up operativ längst tief im B2C-Geschäft verwurzelt. Über weitreichende B2B2C-Partnerschaften – unter anderem mit dem toom Baumarkt, dem Bauelemente-Hersteller heroal und Verbänden wie Haus & Grund – skaliert das Unternehmen parallel das kleinteilige Volumengeschäft der individuellen Sanierungsfahrpläne (iSFP) für private Eigenheimbesitzer*innen.
Markt und Regulatorik: Rückenwind aus Brüssel
Der Markt für energetische Sanierungen wächst organisch, wird aber primär durch harte Regulatorik getrieben. Die EU-Gebäuderichtlinie gibt einen straffen Zeitplan vor: Bis zum Jahr 2030 müssen 16 Prozent aller Nichtwohngebäude, die sich EU-weit im schlechtesten energetischen Zustand befinden, saniert werden. Bis 2033 steigt diese Quote auf die schlechtesten 26 Prozent.
Ohne spezialisierte Expertise und datengestützte Priorisierung sind diese Zielvorgaben für institutionelle Bestandshalter kaum zu bewältigen. Hier greift der „Done-for-you“-Ansatz von Fuchs & Eule, der Komplexität aus dem Entscheidungsprozess nehmen und diesen für Portfolio-Manager*innen beherrschbar machen soll.
Engpass Handwerk und Doppelstrategie
Trotz des beeindruckenden Wachstums, der starken Investoren und des klaren Founder-Market-Fits steht das Geschäftsmodell vor branchenüblichen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt:
Der Umsetzungs-Flaschenhals: Digitale Zwillinge und KI-Analysen schaffen hervorragende Transparenz, bauen aber keine Wärmepumpen ein. Eine fundierte Sanierungs-Entscheidung ist nur der erste Schritt. Der eigentliche Engpass der Wärmewende in Deutschland bleibt der Fachkräftemangel im Handwerk. Wenn die identifizierten Maßnahmen aufgrund fehlender Kapazitäten nicht zeitnah umgesetzt werden können, verzögert sich der Effekt der schnellen digitalen Analyse.
Die ressourcenintensive Doppelstrategie: Den B2B-Markt (komplexe Gewerbeportfolios) und den B2C-Markt (Einfamilienhäuser via Kooperationen) parallel zu bespielen, erfordert enorme Ressourcen. Die Herausforderung für das Management wird darin bestehen, in zwei völlig unterschiedlichen Zielgruppen den operativen Fokus zu behalten.
Abhängigkeit von volatiler Förderpolitik: Ein zentraler Baustein des Modells ist die Fördermittelberatung. Die deutsche Subventionspolitik hat sich in den letzten Jahren durch plötzliche Förderstopps teils als unberechenbar erwiesen. Eine veränderte Förderkulisse kann die Wirtschaftlichkeitsrechnungen von Sanierungsprojekten kurzfristig verändern.
Fazit
Fuchs & Eule adressiert eines der größten und kapitalintensivsten Probleme der deutschen Immobilienwirtschaft mit einem hochskalierbaren Ansatz. Gelingt es den Gründer*innen, den Spagat zwischen B2B und B2C zu meistern und durch ihr Partner-Netzwerk nicht nur die Theorie der Sanierung aufzuzeigen, sondern auch die analoge Umsetzung verlässlich zu begleiten, besitzt das PropTech beste Voraussetzungen, zu einem der führenden Player in der europäischen Bestands-Dekarbonisierung zu werden.
ScaleUp Alliance EFH: Gemeinsam die Sanierung im Einfamilienhausmarkt skalieren
Viele Bausteine für die serielle Sanierung von Einfamilienhäusern existieren bereits. Jetzt braucht es die richtigen Akteure, um diese erfolgreich zu skalieren. Mit der ScaleUp Alliance EFH initiiert das dena-Kompetenzzentrum Serielles Sanieren (Energiesprong Deutschland) eine Alliance für Innovatoren und Vorreiter, die den EFH-Markt weiter voranbringen wollen.
Die serielle Sanierung setzt auf Vorfertigung, kurze Baustellenzeiten und standardisierte Prozesse. Die ScaleUp Alliance EFH startet als neues Format, das gezielt die Skalierung erfolgreicher Lösungsansätze für die serielle Sanierung im Einfamilienhaussegment vorantreibt. Den Auftakt bildet die Skalierungswerkstatt im Rahmen des Energiesprong-Festivals am 7. und 8. September in Berlin. Die Teilnehmenden kommen zusammen und bearbeiten konkrete Challenges für die Skalierung der seriellen Sanierung im Einfamilienhaussegment. Ziel ist es, motivierte und engagierte Menschen zu finden, die auch über die Veranstaltung hinaus weiter gemeinsam mit uns zusammenarbeiten: In einer anschließenden Entwicklungsphase werden gemeinsam Ideen konkretisiert, Partnerschaften gebildet und die entwickelten Prototypideen weiterentwickelt, die einen Beitrag dazu leisten können, die serielle Sanierung dauerhaft im Markt zu verankern.
Gesucht werden insbesondere Start-ups, Unternehmen, Industriepartner sowie Menschen mit Innovations- und Skalierungserfahrung. Auch Sponsoring-Partner und Investoren sind eingeladen, sich einzubringen und die Skalierung aktiv zu unterstützen.
Ein Marktsegment mit Potenzial
Nach aktuellen Schätzungen der dena, ergibt sich aktuell ein Potenzial von etwa 2,6 Millionen Gebäuden, die unter heutigen Rahmenbedingungen grundsätzlich für eine serielle Sanierung infrage kommen. Dieses Potenzial zu erschließen, birgt jedoch auch zentrale Herausforderungen. Denn die Anforderungen sind vielfältig: Unterschiedliche Gebäudetypen, individuelle Bedürfnisse von Eigentümerinnen und Eigentümern sowie unterschiedliche finanzielle Ausgangssituationen und Investitionsbereitschaften. Hinzu kommt, dass auf der Angebotsseite gleichzeitig ausreichend Kapazitäten in Planung, Produktion und Umsetzung aufgebaut und langfristig gesichert werden müssen. Diesen konkreten Herausforderungen stellen sich die Teilnehmenden in der Challenge der Skalierungswerkstatt:
Die Challenge: Skalierbare Komplettsanierung aus einer Hand
Die Skalierungswerkstatt widmet sich der zentralen Frage: „Wie bauen wir einen überregionalen Anbieter für energetische Sanierungen aus einer Hand auf?“
Dabei können verschiedene Konzeptansätze verfolgt werden, etwa die Bündelung der Nachfrage, die Entwicklung einer digitalen Vermittlungsplattform oder die Erarbeitung skalierbarer Geschäftsmodelle für Gesamtlösungsanbieter. Weitere Möglichkeiten sind die dezentrale Umsetzung über regionale Netzwerke, der Aufbau von Gigafabriken für industrielle Produktionsstätten oder die Optimierung von Akquise- und Vertriebsprozessen. All diese Ansätze sollen im Rahmen von Komplettsanierungen im Einfamilienhaussegment gedacht werden und schlussendlich in der ScaleUp Alliance zu einer ganzheitlichen Umsetzung für die Skalierung zusammengeführt werden.
Darum lohnt es sich mitzumachen
Teilnehmende der ScaleUp Alliance EFH erhalten die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, gezielt mit relevanten Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten und Ideen für das Einfamilienhaussegment konsequent in Richtung Umsetzung und Skalierung zu denken.
Die Entwicklungsphase wird eng vom dena-Energiesprong-Team begleitet und bietet über das bereits große Netzwerk Zugang zu verschiedenen Marktakteuren sowohl auf Anbieter- als auch auf Eigentümerseite. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch zwischen Start-ups, etablierten Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie weiteren Akteuren, die den Markthochlauf der seriellen Sanierung aktiv vorantreiben wollen.
Die Bewerbung zur Skalierungswerkstatt der ScaleUp Alliance EFH läuft bis zum 11. August.
Code statt Excel: Auxilius sichert sich 1,3 Mio. Euro für KI-gestützte Compliance
Das Münchner GRC-Start-up Auxilius will mit seiner KI-nativen Plattform die interne Revision von Großkonzernen automatisieren. Dafür gab es nun frisches Pre-Seed-Kapital. Doch der Markt für kontinuierliches Kontroll-Monitoring ist hart umkämpft. Kann der deterministische Ansatz gegen hochfinanzierte US-Einhörner bestehen? Eine Analyse.
Die Auxilius.ai GmbH hat erfolgreich eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird diese Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), zudem beteiligten sich das Accelerator-Netzwerk Techstars sowie mehrere industrieerfahrene Business Angels. Das frische Kapital soll in den Ausbau des Engineering- und Domain-Teams fließen.
Im Zentrum der technologischen Weiterentwicklung steht ein sogenannter Control-Intelligence-Knowledge-Graph, der den organisatorischen Zusammenhang von Kontrollen abbilden und Risiken direkt mit den jeweiligen Unternehmenszielen verknüpfen soll. Erste zahlende Enterprise-Kunden, darunter europäische Banken und Mischkonzerne, nutzen die Plattform laut Unternehmensangaben bereits in Pilotprojekten und verzeichnen dabei einen geringeren manuellen Aufwand.
GRC-Expertise trifft auf Cloud-Architektur
Gegründet wurde das Unternehmen Ende 2025 mit offiziellem Sitz in Unterföhring bei München. Hinter dem Start-up stehen zwei erfahrene B2B-Gründer. Christian Hoppe fungiert als CEO und bringt 15 Jahre Erfahrung aus den Bereichen Governance, Risk & Compliance (GRC) sowie SaaS mit, nachdem er zuvor als Equity-Partner bei der Wirtschaftsprüfung EY tätig war. James Barnes bekleidet die Rolle des CTO. Er war in der Vergangenheit als Softwarearchitekt bei Sopra Steria CSS angestellt und verfügt über umfassende Expertise in den Feldern Enterprise AI, Cloud-Architektur und ERP-Integration. Aktuell wird das Führungsduo von einem vierköpfigen Team aus Software- und AI-Ingenieuren unterstützt.
Policy-as-Code als Beweismittel
Das Problem, das Auxilius lösen will, ist in Großkonzernen allgegenwärtig. Aktuell werden rund 80 Prozent der Unternehmenskontrollen nach wie vor händisch durchgeführt. Auditorinnen und Auditoren prüfen manuelle Stichproben, während Teams oftmals Monate später noch immer Excel-Listen oder Screenshots als Nachweise zusammentragen. Als Konsequenz daraus übersteigen die Kosten von Compliance-Verstößen weiterhin die eigentlichen GRC-Ausgaben. Der Lösungsansatz von Auxilius ist ein automatisierter Control Execution Layer. Das Start-up wandelt Unternehmensrichtlinien, Risiko-Kontroll-Matrizen und regulatorische Anforderungen in deterministischen, ausführbaren Code um. Dieser Code führt Kontrollen nicht nur stichprobenartig, sondern kontinuierlich auf der gesamten Datenbasis aus. Ändern sich externe Regeln oder interne Prozesse, passt sich der Code automatisch an. Der entscheidende Clou dabei ist, dass der ausführbare Code selbst den Prüfern künftig als belastbare Evidenz dienen soll.
Marktumfeld & Wettbewerb
Die Automatisierung von Compliance und Risikomanagement gehört aktuell zu den umkämpftesten B2B-Softwaresektoren. Auxilius betritt hier keinen leeren Raum, sondern muss sich gegen massive, teils global dominierende Konkurrenz behaupten. Internationale Schwergewichte wie Vanta, Drata und Secureframe dominieren derzeit den Markt für Compliance-Automatisierung mit hunderten vorgefertigten Integrationen. Der US-Konkurrent Drata ist massiv kapitalisiert und wächst zudem stark anorganisch durch Zukäufe. Plattformen wie Sprinto positionieren sich mit hohem technologischem Anspruch explizit im Bereich des autonomen und kontinuierlichen Monitorings. Im reinen Enterprise-Segment konkurriert Auxilius zudem mit etablierten Software-Giganten wie MetricStream oder AuditBoard, die bereits tiefe Wurzeln in den Konzernstrukturen geschlagen haben.
Potenzial & kritische Hürden
Der Ansatz von Auxilius, Compliance tief in die Prozesse zu integrieren und auditierbare Evidenz als reibungsloses Nebenprodukt bestehender Prozessschritte abfallen zu lassen, ist strategisch hochrelevant. Dennoch gibt es signifikante Hürden, die das Modell auf dem Weg zur Skalierung überwinden muss. Die erste große Herausforderung ist die Integrationstiefe als Flaschenhals. Um Kontrollen über komplette Datenbasen automatisiert laufen zu lassen, muss sich die Plattform tief in die oftmals veralteten und fragmentierten IT-Landschaften von Großkonzernen einklinken. Das junge Team muss beweisen, dass es mit dem Pre-Seed-Budget die enormen Entwicklungskosten für die zahlreichen notwendigen Schnittstellen stemmen kann, um mit den hochfinanzierten US-Konkurrenten Schritt zu halten.
Die zweite Hürde betrifft die kulturelle Akzeptanz der Prüfer*innen. Der Code von Auxilius soll künftig als harte Evidenz dienen. In der streng regulierten Welt europäischer Banken müssen traditionelle Wirtschaftsprüfer*innen diesen deterministischen Ansatz jedoch rechtlich und prozessual als vollwertigen Audit-Nachweis akzeptieren. Dieser Kulturwandel in der klassischen Prüfungspraxis ist erfahrungsgemäß zäh und erfordert viel Überzeugungsarbeit.
Zuletzt zielt das Start-up ganz bewusst auf große Unternehmen, Banken und Mischkonzerne ab. Die Verkaufs- und Implementierungszyklen in diesen Segmenten sind notorisch lang und verschlingen oft immense personelle sowie finanzielle Ressourcen, was für ein frisch gegründetes Startup im Seed-Stadium eine erhebliche Belastungsprobe darstellt.
Auxilius sendet mit der erfolgreichen Finanzierungsrunde dennoch ein starkes Lebenszeichen aus München. Wenn es dem Team gelingt, seinen Control-Intelligence-Knowledge-Graph so skalierbar zu bauen, dass sich die sonst langwierigen Implementierungszeiten bei Konzernen radikal verkürzen, hat das Start-up durchaus das technologische Potenzial, den internationalen Playern im lukrativen europäischen Enterprise-Markt langfristig gefährlich zu werden.
KI-Kameras gegen den Blindflug: Almetra sichert sich 16,3 Millionen Euro
Das 2022 aus dem Berliner Venture Studio Merantix hervorgegangene KI-Start-up Almetra, das in der Szene bislang unter dem Namen Deltia bekannt war, hat erfolgreich eine Series-A-Finanzierungsrunde über 16,3 Millionen Euro abgeschlossen. Unter der Führung des transatlantischen Investors blisce/ – und mit Beteiligung weiterer Geldgeber wie NAP, Merantix Capital, Robin Capital, Underline sowie Critical Ventures – plant das rund 40-köpfige Unternehmen nun die Expansion in die USA. Zu den bestehenden Kunden zählen laut Almetra bereits Schwergewichte wie Bosch, Siemens Energy und ABB.
Die Fertigungsindustrie steht massiv unter Druck: Steigende Kosten, Fachkräftemangel und zunehmende Konkurrenz aus Niedriglohnländern drücken die Margen auf jeder Ebene der Lieferkette. Gleichzeitig basieren Entscheidungen auf dem Shopfloor oft noch auf manuellen, fragmentierten Prozessen und lückenhaften Daten. Almetras Lösung setzt genau hier an, indem die Plattform KI-gestützte Kameras nutzt, um Produktionsabläufe zu erfassen und diese direkt vor Ort in Echtzeit in Kennzahlen wie Durchsatz und Auslastung zu übersetzen, ohne dass eine aufwendige IT-Integration nötig ist. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde vollzieht das Unternehmen einen strategischen Schwenk von einer reinen Lösung für visuelle Produktionsanalysen hin zu einer zentralen Daten- und Automatisierungsplattform. Zukünftig sollen Videodaten, Maschinendaten und bestehende IT-Systeme sowie das Wissen der Mitarbeitenden auf einer einheitlichen Basis gebündelt werden, was auch den Einsatz von Robotik in den Werken ermöglichen soll.
Die Köpfe hinter der Technologie
Gegründet wurde Almetra von Maximilian Fischer und Silviu Homoceanu. Das Duo vereint dabei tiefgreifende Industrieerfahrung mit akademischer KI-Forschung. Maximilian Fischer, CEO und Maschinenbauingenieur der ETH Zürich, analysierte und digitalisierte in seiner bisherigen Laufbahn weltweit bereits Dutzende Fabriken. Sein Co-Gründer Silviu Homoceanu hält einen Doktortitel in Machine Learning und verantwortete zuvor die Software-Einheit für autonomes Fahren bei Volkswagen. Die technologische Tiefe von Almetra wird zudem durch die Aufnahme in renommierte Programme wie den Robotics Accelerator von Google DeepMind sowie das Physical AI Fellowship von AWS, Nvidia und MassRobotics untermauert.
Datenschutz vs. Effizienz
Das Versprechen, die Produktivität bei namhaften Firmen durch die Abschaffung von „Blindflügen“ um bis zu 20 Prozent zu steigern, klingt für Produktionsleiter extrem verlockend. Laut Unternehmensangaben konnte die Produktionsleistung bei Kunden wie eBike Systems innerhalb weniger Wochen bereits um 19 Prozent gesteigert werden. Dennoch birgt das Geschäftsmodell der visuellen Erfassung durch Computer Vision inhärente regulatorische und soziale Risiken. Die Sorge vor einer potenziellen visuellen Dauerüberwachung am Fließband ruft unweigerlich Gewerkschaften und Betriebsräte auf den Plan. Almetra versucht diesem potenziellen „Big-Brother“-Image proaktiv durch striktes lokales Edge Computing zu begegnen: Sämtliche Aufnahmen werden von Beginn an anonymisiert und der Großteil der Daten verlässt die Fabrikhalle nie. Lediglich kurze, zufällig ausgewählte Sequenzen werden zur Ursachenanalyse gespeichert. Abseits der internen Firmenpolitik stellt der EU AI Act eine signifikante Hürde für den Sektor dar. Dauerhafte und lückenlose Compliance im Umgang mit sensiblen Mitarbeiterdaten wird für die Skalierung des Geschäftsmodells in Europa eine ständige Begleiterscheinung sein.
Ein hart umkämpfter Markt
Die Nische der Produktionsanalytik durch Künstliche Intelligenz ist lukrativ, aber dicht besiedelt. Globale Unternehmen wie Viso.ai, Roboflow oder Jidoka Tech bieten der Industrie bereits ausgereifte KI-Plattformen für Qualitätssicherung, Fehlererkennung und Echtzeit-Monitoring an. Gleichzeitig konkurriert Almetra mit bewährten Plattformen wie Shoplogix oder ValueStreamer, die seit Jahren darauf spezialisiert sind, Maschinen- und Produktionsdaten über MES- und ERP-Schnittstellen auszuwerten. Wenn Almetra nun den Anspruch erhebt, zur zentralen Daten- und Automatisierungsplattform der Fabriken zu werden, begibt sich das Startup unweigerlich auf Kollisionskurs mit den gigantischen, oft schwerfälligen, aber tief im industriellen Rückgrat verankerten Systemen etablierter IT-Konzerne.
Unser Fazit
Mit dem Rebranding und der Millionenspritze demonstriert Almetra eindrucksvoll, wie sich europäische DeepTech-Expertise in einen handfesten B2B-SaaS-Case übersetzen lässt. Das Gründerteam hat verstanden, dass reine visuelle Analysen für die Industrie auf Dauer nicht ausreichen – der Sprung zur ganzheitlichen Automatisierungsplattform ist der strategisch richtige nächste Schritt. Der Erfolg des Berliner Start-ups, besonders bei der nun anstehenden US-Expansion, wird am Ende von zwei kritischen Faktoren abhängen. Erstens muss es gelingen, in den Fabrikhallen den Spagat zwischen technischer Effizienzsteigerung und strengsten Datenschutzvorgaben in der Praxis dauerhaft zu meistern. Zweitens wird sich zeigen müssen, ob sich die Plattform gegen bereits stark integrierte IT-Giganten auf dem Shopfloor durchsetzen kann. Schafft Almetra beides, hat das Team eine reale Chance, den globalen Markt für Enterprise-Manufacturing-Software maßgeblich mitzugestalten.
