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doQtor: Kostenlose, psychologische Ersthilfe für ukrainische Geflüchtete
Das 2020 in Köln gegründete Mental-Health-Start-up doQtor leistet mit seinem Projekt „Mental Help for Ukraine“ Geflüchteten psychologische Ersthilfe und sucht nach weiteren Unterstützer*innen.
Seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine erleben wir mitten in Europa die am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Zerbombte Wohnhäuser, heulende Sirenen, düstere Schutzkeller – teilweise ohne Strom und Wasser, und die Flucht ins Ungewisse von Millionen von Menschen. Sie müssen ihr Leben aus einem Provisorium neu errichten, mit unklarem Ausgang und drängenden Fragen an die Gegenwart und die Zukunft. Wo befinden sich nahestehende Verwandte und Freunde? Wie kann ich sie erreichen? Werde ich meine Familie in Deutschland versorgen können? Solche Erlebnisse hinterlassen oft tiefe Spuren in der Psyche der Betroffenen: Sie werden von vielen als traumatisierend erlebt.
Mental-Health Start-up leistet psychologische Erste Hilfe
Durch den Krieg in der Ukraine finden wir uns plötzlich an vorderster Front einer sich entwickelnden Krise der psychischen Gesundheit wieder. Das Kölner Start-up für psychische Gesundheit doQtor hat daher das Projekt „Mental Help for Ukraine“ ins Leben gerufen, das psychologische Erste Hilfe für Geflüchtete mit lokalen Psycholog*innen und psychologischen Fachberater*nnen leistet. Die digitale Plattform für Unternehmen, die ihren Mitarbeitern einen umfassenden Service in psychosozialen Belastungssituationen bieten wollen, unterstützt die Geflüchteten dabei, in ihrer belastenden Situation eine passende psychologische Hilfe zu finden.
Geflüchtete Ukrainer*innen können auf doQtor.de nicht nur Informationen rund um das Thema in ukrainischer oder englischer Sprache herunterladen, sondern sich auch direkt online einen Gesprächstermin buchen. Das Team vermittelt dann die belasteten Menschen an psychologisch geschultes Personal mit ukrainischen oder russischen Sprachkenntnissen, aktuell vorwiegend im Rheinland und im Raum Köln. Der kostenlose Vermittlungsservice wird in Kürze deutschlandweit ausgerollt.
Geflüchtete Ukrainerin leitet das Projekt
Die Mitarbeiterin aus dem doQtor-Team Emily Herter hatte über 15 Jahre lang jeden Sommer ein ukrainisches Gastkind bei sich in der Familie, Yuliia Duliepa aus Kiew - heute 21 Jahre alt, von Beruf Übersetzerin für Deutsch und Englisch. Nach Kriegsausbruch vor über vier Wochen hat es Yuliia unversehrt bis an die polnische Grenze geschafft, wo ihre ehemalige deutsche Gastfamilie sie erneut, diesmal aber unter ganz anderen Umständen, in Empfang nehmen und nach Deutschland bringen konnte.
“Yuliia hat bei uns Hilfe gesucht und unserem Team berichtet, wie stark traumatisiert die Geflüchteten sind, wie sehr es sie zerreißt, nicht zu wissen wie es ihren Verwandten geht, die sie zurücklassen haben müssen. Aus den Gesprächen mit Yuliia entstand die Idee, unsere digitale Plattform, die wir Unternehmen für ihre Mitarbeiter in psychosozialen Fragen zur Verfügung stellen, so anzupassen, dass wir damit Geflüchtete schnell und unbürokratisch unterstützen und sie in professionelle, psychologische Unterstützung bringen können”, erklärt doQtor-Gründer Benjamin Schwarz.
Yuliia ist nun festes Teammitglied, sie leitet das Projekt “Mental Help Ukraine” und steht als erste Ansprechpartnerin für Hilfesuchende zur Verfügung. Sie sagt: “Für mich ist es so wichtig, hier eine Aufgabe zu haben und meinen Landsleuten zu helfen.”
doQtor ist auf weitere professionelle Unterstützung für „Mental Help for Ukraine“ angewiesen, es wird deutschlandweit weiteres psychologisch geschultes Personal mit entsprechenden Sprachkenntnissen benötigt. Wer bereit ist, zu helfen, kann sich jederzeit über die Website melden. https://www.doqtor.de/ukraine
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Milliarden-Meilenstein im Mobility-Sektor: FINN wird zum Unicorn – doch wie nachhaltig ist das Abo-Modell?
Der Münchner Auto-Abo-Anbieter FINN hat seine Series-D-Finanzierungsrunde über knapp 100 Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen und steigt damit offiziell in die Riege der deutschen Einhörner auf. Doch hinter der glänzenden Milliardenbewertung verbirgt sich ein äußerst kapitalintensives Geschäft in einem derzeit gnadenlosen Marktumfeld, das Mobility-Start-ups vor enorme Herausforderungen stellt.
Die Series-D-Runde im Detail: Ein Mix aus Equity, Debt und Media
Die neue Finanzierungsrunde sichert FINN insgesamt 140 Millionen Euro. Dieser Betrag setzt sich aus verschiedenen strategischen Bausteinen zusammen, die bezeichnend für skalierende B2C-Geschäftsmodelle mit hohem Asset-Bedarf sind:
- Eigenkapital: Knapp 100 Millionen Euro frisches Eigenkapital fließen in das Start-up, was die Unternehmensbewertung auf über eine Milliarde Euro hebt. Angeführt wird die Runde vom Fintech- und Mobility-Investor Portage.
- Fremdkapital: Zur Refinanzierung der kostspieligen Fahrzeugflotte stellen BC Partners Credit und Runway Growth Capital mehr als 40 Millionen Euro zur Verfügung.
- Media-for-Equity: Ein entscheidender Hebel für die B2C-Kundenakquise ist der Einstieg des ProSiebenSat.1-Investmentarms SevenVentures, der FINN Zugang zum reichweitenstarken Werbeinventar des Medienkonzerns verschafft.
- Bestandsinvestoren: Auch UVC Partners, Planet First Partners, Korelya Capital, White Star Capital, HV Capital und Picus Capital bestätigen ihr Vertrauen und ziehen bei der Runde mit.
Mit einem jährlich wiederkehrenden Umsatz (ARR) von über 300 Millionen Euro und mehr als 50.000 aktiven Abos gehört FINN zweifellos zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas.
Gründungshistorie: Steiler Aufstieg mit tiefer Führungskrise
Gegründet wurde FINN im Jahr 2019 in München. Das Team trat an, um den klassischen Autokauf durch ein vollständig digitales, flexibles Rundum-Sorglos-Paket zu ersetzen.
Der Weg zum Unicorn war intern jedoch nicht ohne massive Turbulenzen: Im Frühjahr 2023 geriet FINN in die Schlagzeilen, als Mitgründer und damaliger CEO Max-Josef Meier nach Recherchen von Wirtschaftsmedien aufgrund von Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegenüber Mitarbeiterinnen von seinem Posten zurücktreten musste. Es war ein Lackmustest für die Corporate Governance des Unternehmens. Maximilian Wühr, ebenfalls Co-Founder, übernahm daraufhin das Ruder als CEO. Dass FINN diese gravierende C-Level-Krise überstanden hat und das Vertrauen der Investoren halten konnte, ist aus unternehmerischer Sicht bemerkenswert.
Das Geschäftsmodell in der kritischen Analyse
Kund*innen abonnieren bei FINN Fahrzeuge von über 25 Marken – darunter BMW, Mercedes-Benz, aber auch aufstrebende chinesische Hersteller wie MG und BYD – vollständig online. Im monatlichen Fixpreis sind Versicherung, Steuern, Zulassung und Wartung bereits enthalten.
Trotz der starken Flottenzahlen muss das Modell wirtschaftlich kritisch betrachtet werden:
- Enormer Kapitalbedarf: Autos sind teure Assets. Das Unternehmen muss diese vorfinanzieren, was eine extrem hohe Liquidität und Fremdkapitalquoten erfordert. Die 40 Millionen Euro Fremdkapital aus der aktuellen Runde illustrieren diesen ständigen Hunger nach Liquidität zur Flottenfinanzierung.
- Margendruck und Wertverlust: Die Rentabilität hängt massiv von den Restwerten der Fahrzeuge ab. Der Wertverfall, insbesondere im Bereich der Elektromobilität, setzt Anbieter derzeit branchenweit unter Druck.
- Friktionen bei der Rückgabe: Wie Recherchen in gängigen Verbraucherportalen zeigen, ist das Modell in der Praxis nicht immer gänzlich reibungslos. Ein häufiger Kritikpunkt von Auto-Abo-Nutzer*innen branchenweit sind unerwartete Nachzahlungen bei der Fahrzeugrückgabe. Um die schmalen Margen zu verteidigen, müssen die Anbieter*innen den Fahrzeugzustand penibel abrechnen – was in der Branche oft zu Lasten der Kund*innenzufriedenheit geht.
Der Markt und die Wettbewerber
Der Markt für Auto-Abos wächst rasant und bedient den Trend hin zu flexibler Mobilität. Doch das Spielfeld konsolidiert sich hart:
- Klassische Autovermieter: Mit jahrzehntelanger Erfahrung im Flottenmanagement, eigener Logistik und gewaltiger Einkaufsmacht bei den Herstellern sind Vermieter wie Sixt (mit Sixt+) extrem gefährliche Konkurrenten.
- Asset-Light-Plattformen: Anbieter wie Faaren treten oft als reine Vermittler auf und nutzen ungenutzte Bestandsfahrzeuge lokaler Autohändler, wodurch sie im Gegensatz zu FINN kein eigenes, teures Flottenrisiko tragen.
- Gescheiterte Pioniere: Dass bloßes Wachstum nicht schützt, zeigte Anfang 2026 die Insolvenz der Fleetpool-Gruppe (bekannt durch like2drive) – und das trotz zuvor starker Nutzerzahlen und der Eingliederung in den ALD-Konzern. Auch Wettbewerber wie ViveLaCar machten in jüngster Vergangenheit vor allem durch rechtliche Streitigkeiten und Eigentümerwechsel auf sich aufmerksam. Dies unterstreicht eindrucksvoll, wie volatil die Margen im Abo-Geschäft tatsächlich sind.
Einordnung: Was Gründer*innen lernen können
Für die Start-up-Szene liefert der Fall FINN wertvolle Lektionen. Das Unternehmen demonstriert, dass kapitalintensive Hardware-Geschäftsmodelle nicht allein durch teures Venture Capital skaliert werden sollten. Die Kombination aus VC-Geld, Venture Debt zur Asset-Finanzierung und einem Media-for-Equity-Deal für effizientes Marketing ist ein Lehrbuchbeispiel für intelligentes Kapitalmanagement.
Zudem zeigt FINN Resilienz: Ein Führungsskandal hätte das Aus bedeuten können, doch schnelles Handeln bewahrte das Start-up vor dem Kollaps. CEO Maximilian Wühr betont heute den "konsequenten Fokus auf profitables Wachstum". In Zeiten teurer Kredite reicht reines Flottenwachstum nicht mehr aus. Das Unicorn-Label ist ein starkes PR-Signal, aber die wahre Bewährungsprobe wird nun darin bestehen, in einem historisch margenschwachen Markt nachhaltig schwarze Zahlen zu schreiben.
Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus
Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?
Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.
Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen
Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.
Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.
Im Becken der Tech-Haie
Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.
Genialer Schachzug oder riskante Wette?
Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.
Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.
Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten
Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.
Kyrok sichert sich 3,1 Mio. Euro: KI-Pflaster für die alternde Supply-Chain des Mittelstands
Das Berliner Start-up Kyrok sammelt frisches Kapital ein, um Lieferketten in der europäischen Chemie- und Pharmabranche mittels KI zu modernisieren. Doch während das „Overlay“-Geschäftsmodell schnelle Erfolge und das Umgehen alter IT-Strukturen verspricht, bleibt die strategische Frage, ob es die tieferliegenden IT-Altlasten des deutschen Mittelstands langfristig beheben kann.
Das Industrie-KI-Start-up Kyrok hat sich 3,1 Millionen Euro in einer Pre-Seed-Runde gesichert. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von dem europäischen Risikokapitalgeber Speedinvest. Zu den weiteren Investoren zählen Arve Capital und das Family Office des Marktführers für aktive Pharmaverpackungen Sanner. Hinzu kommen renommierte Köpfe aus Industrie und Tech: Dr. Marcell Vollmer (Ex-CPO SAP), Dr. André Heeg (BCG), Dr. Stephan Rohr (CEO TWAICE), die Langdock-Gründer Jonas Beisswenger, Tobias Kemkes und Lennard Schmidt sowie Rodrigo Martinez über HelloWorld. Mit dem frischen Kapital baut Kyrok das Betriebssystem aus, entwickelt weitere Module und erweitert gezielt das Berliner Team, um die wachsende Nachfrage zu bedienen.
Gründungshistorie und die Köpfe dahinter
Gegründet wurde Kyrok 2025 von Daniel Hofinger und Lukas Bierfreund in Berlin. Beide Gründer absolvierten die WHU und Hofinger studierte zudem an der Frankfurt School of Finance & Management. Das Duo verfügt über ein umfassendes Know-how in der Implementierung von Software bei Industriekunden. Der Wirtschaftsinformatiker Hofinger hat mit seinen bisherigen Software-Gründungen zusammengerechnet mehr als 1.200 Mittelständler betreut und achtstellige Umsätze erzielt. Noch bevor eine Zeile Code geschrieben wurde, hatten die beiden über 200 Interviews mit Entscheidern aus Pharma und Chemie geführt und in zahlreichen Werksbesuchen und Workshops die Produktions- und ERP-Prozesse im Mittelstand analysiert.
Markt und Problemstellung: Der immense Druck auf den Mittelstand
Das Start-up zielt auf den europäischen Pharma- und Chemie-Mittelstand ab. Pharma und Chemie sind nach dem Fahrzeug- und Maschinenbau der drittgrößte Industriezweig Deutschlands und stehen laut Verband der Chemischen Industrie für mehr als 560.000 Beschäftigte. Über 90 Prozent der Unternehmen sind mittelständisch geprägt. Gleichzeitig altert die Belegschaft: In der Fertigung ist heute jeder vierte Beschäftigte 55 Jahre oder älter. Gehen diese erfahrenen Fachkräfte in Rente, droht wertvolles Prozesswissen verloren zu gehen.
Während über digitale Souveränität diskutiert wird, läuft ein erheblicher Teil der deutschen Pharma- und Chemieproduktion noch auf SAP R/3 aus den 1990er-Jahren oder auf Excel. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Lieferketten. Allein zum Jahresende 2025 bestanden laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) knapp 560 Lieferengpassmeldungen. Erhöht die europäische Industrie ihre Produktivität im internationalen Wettbewerb nicht, drohen weitere Produktionsverlagerungen. Alterung, Engpässe und Wettbewerbsdruck treffen damit ausgerechnet die Unternehmen am härtesten, die das Rückgrat der Branche bilden: den Mittelstand.
Das Produkt: Evolution statt aufwendiger IT-Migration
Kyroks Betriebssystem für Supply-Chain-Teams legt sich als Anwendungsebene über bestehende ERP-Systeme, ganz ohne Systemmigration, und überwindet so gewachsene Daten-Silos. Statt zwischen ERP und weiteren Anwendungen zu wechseln, arbeiten die Teams in einer modernen Oberfläche, in der industriespezifische KI-Agenten sie durch ihre Prozesse führen. Den Anfang macht der Kundenservice bei der Auftragserfassung, bevor Produktionsplanung, Materialplanung und Einkauf folgen.
Die Software lernt mit jeder Interaktion die nutzerspezifischen Verhaltensmuster besser kennen, sodass Wissen von den Köpfen ins System wandert. Die KI-Agenten übernehmen die Routine, doch die Entscheidung bleibt beim Menschen. Erste Pilotphasen bei mittelständischen Pharma- und Chemieunternehmen zeigen, dass Kyrok mehr als 80 Prozent komplexer Aufträge fehlerfrei erfasst. Bei Routineaufgaben ergeben sich ein hoher Zeitgewinn und eine deutlich reduzierte Fehlerquote. Alle Daten liegen dabei DSGVO-konform auf europäischer Infrastruktur in Frankfurt am Main.
Der „Overlay“-Ansatz als zweischneidiges Schwert
Kyroks Go-to-Market-Strategie adressiert elegant das akuteste Problem bei der Digitalisierung im Mittelstand: die immense Trägheit und die Angst vor riesigen IT-Umstellungen. Der Verzicht auf eine langwierige Systemmigration reißt die wohl höchste Einstiegshürde bei der Einführung neuer Enterprise-Software ein. Das Modell setzt darauf, die oftmals ungeliebte Bedienung von Legacy-ERP-Systemen einfach durch ein modernes, mit KI gestütztes „Frontend“ auszutauschen.
Aus unternehmerischer Sicht ist das ein brillanter Schachzug, da es die Verkaufszyklen massiv verkürzt. Langfristig muss die Branche jedoch die Frage beantworten, ob das bloße „Überstülpen“ einer intelligenten KI-Schicht einer tiefgreifenden digitalen Transformation gleichkommt. Es besteht das Risiko, dass die signifikanten technischen Schulden (Technical Debt), die tief in den Altsystemen schlummern, nur oberflächlich kaschiert werden. Die zwingend notwendige Modernisierung der fundamentalen Infrastruktur könnte durch eine gut funktionierende Oberfläche lediglich weiter in die Zukunft aufgeschoben werden.
Wettbewerb und Marktpositionierung
Der Markt für Industrie-KI und Supply-Chain-Optimierung ist lukrativ und verdichtet sich rasant. Während Kyrok mit einer fokussierten „Niche-to-Win“-Strategie gezielt auf den mittelständischen Pharma- und Chemiesektor setzt, formiert sich auf Konzernebene längst schwergewichtiger Widerstand. Big-Tech-Akteure haben das Potenzial veralteter Lieferketten erkannt und Allianzen wie die jüngste strategische Partnerschaft zwischen T-Systems und SupplyOn arbeiten intensiv daran, KI-gestützte Lieferketten auf souveränen europäischen Plattformen auszurollen.
Um sich gegen solche generalistischen und finanzstarken Großlösungen zu behaupten, wird Kyrok dauerhaft beweisen müssen, dass ihre feingranulare Branchenintegration den entscheidenden, unersetzbaren Mehrwert liefert. Hier könnte der konsequente Human-in-the-Loop-Ansatz zum stärksten Verkaufsargument gegenüber einer traditionell sicherheitsbedürftigen Zielgruppe werden. Wer hochsensible chemische oder medizinische Produktionsketten verantwortet, toleriert keine vollautonomen „Black-Box“-Entscheidungen einer KI. Kyrok hat ausgezeichnete Chancen, den Markt zu durchdringen, sofern es dem Team gelingt, nicht nur ein bequemes KI-Pflaster für veraltete SAP-Systeme zu bleiben, sondern zur unverzichtbaren Schaltzentrale für die Sicherung von essenziellem Prozesswissen heranzuwachsen.
Der Kakaoschock und die Bohnen-Lösung: Oyster Bay feiert Millionen-Exit mit Nukoko
Der Hamburger Impact-Investor Oyster Bay Venture Capital verkauft das britische Start-up Nukoko an den globalen Zutatenriesen Döhler. Warum dieser Deal für die europäische Food-Tech-Szene ein Meilenstein ist – und wieso die kakaofreie Schokolade nun vor dem finalen Härtetest steht.
Die europäische Food-Tech-Branche hat einen neuen Vorzeige-Deal: Der auf Food- und AgriTech spezialisierte Hamburger Investor Oyster Bay Venture Capital (unter anderem bekannt durch frühe Investments in Oatly und Air Up) hat einen erfolgreichen Exit verkündet. Das britische Portfolio-Unternehmen Nukoko, Entwickler der weltweit ersten „Bean-to-Bar“-Schokoladenalternative auf Basis von Ackerbohnen, wird vom global agierenden Zutatenhersteller Döhler übernommen. Über die finanziellen Details der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart.
Für Oyster Bay markiert der Deal den ersten erfolgreichen Verkauf aus dem erst vor acht Monaten geschlossenen, über 100 Millionen Euro schweren zweiten Fonds. „Für uns ist der erfolgreiche Exit von Nukoko ein herausragendes Beispiel dafür, wie europäische Food-Tech-Innovationen globale Herausforderungen lösen können“, erklärt Philip Stark, Principal von Oyster Bay Venture Capital. Doch jenseits der üblichen PR-Rhetorik offenbart der Deal einen tiefgreifenden Strukturwandel im Markt für Süßwaren. Zeit für eine fundierte Einordnung für Gründer und Investoren.
Der Markt: Warum Kakao zum Krisenrohstoff mutiert
Die traditionelle Schokoladenindustrie steht massiv unter Druck. Drastische Ernteausfälle in Westafrika – bedingt durch extreme Wetterphänomene und Pflanzenkrankheiten – ließen die Kakaopreise an den Rohstoffbörsen in den letzten zwei Jahren zeitweise auf historische Rekordhöhen explodieren. Hinzu kommt ein verschärftes regulatorisches Umfeld in Europa: Die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) zwingt Konzerne zu lückenlosen Nachweisen, dass für ihre Produkte keine Wälder gerodet wurden – in kleinteiligen afrikanischen Kooperativen ein administrativer Kraftakt.
Das Zeitfenster für „Alt-Choc“ (Alternative Schokolade) steht damit weit offen. Startups, die den Geschmack, das Schmelzverhalten und die Textur von Schokolade ohne Kakaobasis replizieren können, rennen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Lebensmittelkonzerne offene Türen ein. Neuartige Rohstofflösungen sind längst kein reines Nachhaltigkeits-Gadget mehr, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Resilienz.
Das Geschäftsmodell: Als „Intel Inside“ in die industrielle Skalierung
Nukoko, 2022 unter anderem vom Pflanzenbiologen Prof. David Salt gegründet, nutzt einen geschützten Fermentationsprozess, um heimische Ackerbohnen in eine geschmackliche Schokoladenalternative zu verwandeln. Die strategischen Vorteile: Ackerbohnen (Faba Beans) können kostengünstig und stabil in Europa angebaut werden, was Lieferketten verkürzt und das Abholzungsrisiko eliminiert. Zudem punktet das Endprodukt mit einem vorteilhaften Nährwertprofil und erlaubt zuckerreduzierte Rezepturen.
Dennoch standen die Briten vor der klassischen Sollbruchstelle junger DeepFood-Tech-Unternehmen: dem kapitalintensiven Sprung von der Pilotphase in die industrielle Massenproduktion (CapEx). Genau an dieser Schnittstelle greift das strategische Kalkül der Übernahme durch Döhler. Als internationaler Gigant im Bereich technologiebasierter Zutaten-Systeme verfügt Döhler über die nötigen globalen Produktionskapazitäten und Vertriebskanäle. Für Nukoko bedeutet dies den sofortigen Zugriff auf weltweite Skaleneffekte. Statt mühsam und teuer eine eigene Consumer-Brand im Einzelhandel aufzubauen, etabliert sich das Start-up als funktionale B2B-Zutat – quasi als das „Intel Inside“ für die Süßwarenindustrie der nächsten Dekade.
Die drei Hürden der Kakaofreiheit
Trotz des Exit-Erfolgs ist das Segment kein Selbstläufer. Wer den Markt erobern will, muss drei zentrale Herausforderungen lösen:
- Die Kennzeichnungshürde: In der Europäischen Union ist der Begriff „Schokolade“ über die Kakaoverordnung streng geschützt. Da Nukoko ohne Kakaobestandteile auskommt, müssen Hersteller*innen auf Bezeichnungen wie „kakaofreier Überzug“ oder „Süßware nach Schokoladenart“ ausweichen. Das erfordert erhebliche Aufklärungsarbeit am Point of Sale.
- Die Preisparität: Obwohl die Ackerbohne als agrarischer Rohstoff günstig ist, sind die biotechnologischen Fermentations- und Verarbeitungsschritte hochkomplex. Um im Massenmarkt konventionelle Schokolade zu verdrängen, müssen die Produktionskosten pro Tonne drastisch sinken. Ob Döhler diesen Skaleneffekt schnell genug erzwingen kann, bleibt abzuwarten.
- Die sensorische Akzeptanz: Die Geschichte der pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen zeigt: Sobald Konsument*innen geschmackliche Kompromisse eingehen müssen, bricht die Wiederkaufsrate ein. Nukoko muss den Beweis erbringen, dass die „Ackerbohnen-Illusion“ auch im industriellen Großmaßstab das anspruchsvolle Schmelzverhalten echter Kakaobutter im Mund imitiert.
Wettbewerber-Check: Wer dominiert den Markt?
Der Exit von Nukoko bringt zusätzliche Dynamik in ein hochkompetitives Marktumfeld, in dem auch deutsche Pioniere bereits eine dominierende Rolle spielen. Ein prominentes Beispiel ist das Münchner Start-up Planet A Foods. Die Gründergeschwister Max und Sara Marquart setzen bei ihrer Kakaoalternative auf die Fermentation von Hafer und Sonnenblumenkernen. Mit großem Erfolg: Ihre Ingredient-Marke ChoViva gilt derzeit als absoluter Platzhirsch im DACH-Raum und ist bereits fest in bekannte Großprodukte wie Nestlés Choco Crossies, im Sortiment von Griesson sowie in diversen REWE-Eigenmarken integriert. Das Münchner Unternehmen fokussiert sich dabei stark auf eine sichtbare B2B2C-Markenstrategie und tritt durch offensives Co-Branding auf den Verpackungen direkt mit den Endkonsumenten in Kontakt.
Ebenfalls um Marktanteile kämpft das Londoner Start-up WNWN Food Labs, das für seine Schokoladenalternative auf eine technologische Basis aus Gerste und Johannisbrot vertraut. Während das britische Unternehmen in der Vergangenheit vor allem durch PR-wirksame, limitierte Direct-to-Consumer-Testläufe viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, forciert es nun ebenfalls eine strategische Neuausrichtung und baut seine lukrativen B2B-Partnerschaften mit der Industrie weiter aus.
Fazit & Takeaways für die StartingUp-Community
Der Deal zwischen Oyster Bay, Nukoko und Döhler liefert wertvolle Learnings für die europäische Startup-Szene:
- B2B schlägt D2C im FoodTech: Die Ära, in der Risikokapitalgeber unbegrenzt Millionen in den Aufbau neuer, kapitalintensiver Consumer-Lebensmittelmarken gepumpt haben, ist vorerst vorbei. Gefragt sind Enabler: Start-ups, die als Zulieferer existenzielle Probleme der Industrie (Lieferkettensicherheit, CO2-Reduktion, Rohstoffknappheit) lösen.
- Frühzeitige Kooperation mit Corporates: DeepFood-Tech ist zutiefst hardwaregetrieben. Die Allianz mit einem etablierten Industrie-Schwergewicht löst das größte Wachstumsproblem junger Tech-Unternehmen: den extrem teuren Bau eigener Großanlagen.
- Fokus auf heimische Rohstoff-Resilienz: Die Nutzung europäischer Agrarprodukte (wie Ackerbohnen oder Hafer) trifft den Nerv von Impact-Investoren. Start-ups, die sich von volatilen, geopolitisch anfälligen globalen Lieferketten entkoppeln, sichern sich einen fundamentalen Wettbewerbsvorteil.
Die 3,7-Billionen-Dollar-Wette: Warum die geplanten Mega-Börsengänge von SpaceX, OpenAI und Co. das globale Finanzgefüge belasten können
SpaceX hat es vorgemacht, OpenAI und Anthropic steht es bevor: der Börsengang. Die kombinierte Bewertung dieser drei Tech-Giganten stellt die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung an der Börse in den Schatten. Während die Start-up- und VC-Szene das Ende der jahrelangen IPO-Flaute feiert, schlagen Vermögensverwalter*innen Alarm: Die Flut an Mega-IPOs könnte vor allem für vermeintlich sicher geglaubte ETF-Anleger*innen zum unkalkulierbaren Risiko werden.
Der Technologie- und KI-Hype erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt. Den Auftakt macht das Raumfahrtunternehmen SpaceX mit einer schwindelerregenden Bewertung von rund 1,8 Billionen US-Dollar (Stand 15.06.26) nach erfolgfreichem Börsenstart. Auch das ChatGPT-Mutterunternehmen OpenAI (rund 1,0 Billionen US-Dollar) und der KI-Rivale Anthropic (0,9 Billionen US-Dollar) haben ihre Börsenplatzierungen bereits in Stellung gebracht.
Für das Ökosystem der Venture-Capital-Geber*innen und Gründer*innen ist das ein massives Signal: Nach Jahren der Zurückhaltung ist der IPO-Markt zurück, und er ist größer als je zuvor. Zusammen bringen es die drei Unternehmen auf eine Marktkapitalisierung von rund 3,7 Billionen US-Dollar – fast doppelt so viel wie alle DAX-Konzerne zusammen.
Doch abseits der Feierstimmung im Silicon Valley drängt sich eine weitaus unbequemere Frage auf, die das Multi Family Office FINVIA in einem aktuellen Beitrag thematisiert: Sind diese Börsengänge wirklich der Beginn eines neuen technologischen Superzyklus – oder das finale Symptom einer extremen Überhitzung?
Der Fluch des Höhepunkts
Die Finanzgeschichte liefert ein klares, warnendes Muster: Wenn unangefochtene Marktführer an die Börse gehen, wählen sie meist den Zeitpunkt der maximalen Euphorie. Das war beim IPO von Goldman Sachs 1999 (mitten in der Dotcom-Blase) so, bei Blackstone 2007 (am Vorabend der Finanzkrise) und bei Glencore 2011 (am Ende des Rohstoff-Booms). Häufig markierten genau diese Mega-IPOs den Zenit des Marktes, woraufhin Anleger*innen jahrelange Durststrecken in Kauf nehmen mussten.
Die Skepsis ist angebracht. Denn während die gigantischen Bewertungen für SpaceX und OpenAI Zukunftsvisionen von AGI (Artificial General Intelligence) und der Mars-Kolonialisierung einpreisen, sieht die fundamentale Realität oft komplexer aus: Branchenmedien berichteten für SpaceX in den vergangenen Expansionsjahren wiederholt von Nettoverlusten im Milliardenbereich, und auch bei OpenAI zweifeln Kritiker*innen daran, wie schnell sich die gewaltigen Ausgaben für die KI-Infrastruktur jemals nachhaltig refinanzieren lassen.
Die Illusion der passiven Streuung: ETFs als unfreiwillige Käufer
Das eigentliche Problem, auf das die FINVIA-Analyse hinweist, liegt jedoch in der Mechanik der modernen Finanzmärkte, genauer gesagt bei passiven Indexfonds (ETFs). Der „MSCI World“ gilt unter Anleger*innen – vom Privatinvestierenden bis zum Start-up-Gründenden nach dem ersten Exit – als Inbegriff der Risikostreuung. Doch diese globale Diversifikation läuft Gefahr, in eine erhebliche Schieflage zu geraten.
Sobald SpaceX und Co. gelistet werden, saugen die großen Indizes sie automatisch auf. Der Index-Anbieter MSCI verfügt über einen „Fast-Track-Mechanismus“, durch den Giganten wie SpaceX schon nach wenigen Handelstagen in den MSCI World gespült werden können. Das Besondere daran: Sollte SpaceX, wie in Marktpreisen angedeutet, anfangs nur einen geringen Teil seiner Aktien als Streubesitz (Free Float) in den freien Handel bringen, prallt die automatische, gigantische Nachfrage der ETF-Anbieter*innen auf ein stark verknapptes Angebot. Das kann die Kurse kurzfristig künstlich in die Höhe treiben.
ETF-Anleger*innen kaufen diese neu gelisteten, maximal teuren Aktien am Ende blind mit ein. Zwar machen sie anfangs wegen des geringen Streubesitzes nur Bruchteile eines Prozents im Index aus, doch Expert*innen warnen, dass dieses Gewicht bei vollständiger Platzierung mittelfristig massiv anwachsen könnte. Der MSCI World, der heute ohnehin schon zu über 70 Prozent aus US-Aktien (und hier primär Big Tech) besteht, mutiert damit immer weiter zur konzentrierten Branchenwette.
Kritische Einordnung: Zwischen Substanz und Geschäftsmodell
Wie belastbar sind die Warnungen? Eine journalistische Überprüfung der aktuellen Marktdynamik zeigt: Die Risiken der Index-Integration sind hochaktuell und absolut real. Das beweist unter anderem der Umgang des Index-Betreibers S&P Dow Jones. Während der MSCI World Neulinge unter bestimmten Bedingungen sehr schnell integriert, sieht das Regelwerk des S&P 500 – des wichtigsten Index der Welt – strenge, historische Rentabilitätskriterien vor. Solange Tech-Giganten in ihren Wachstumsphasen keine anhaltende Netto-Profitabilität nachweisen können, bleibt ihnen dieser Markt verschlossen. Der weltweite MSCI World hingegen gewichtet primär nach Marktkapitalisierung und schluckt die Risiken ungefiltert.
Gleichzeitig gilt es, die Perspektive des Absenders FINVIA kritisch zu hinterfragen. Als Family Office hat das Unternehmen ein naturgemäßes Interesse daran, die Vorzüge einer aktiv gemanagten, strategisch strukturierten Vermögensverwaltung gegenüber rein passiven, billigen ETF-Produkten zu betonen. Der Rat, „nicht alles in einen MSCI World zu stecken“, sondern Portfolios aktiv über alternative Anlageklassen und Regionen zu streuen, ist ein klassisches Kernargument dieser Branche. Falsch wird die strukturelle Analyse des Index-Risikos dadurch jedoch nicht.
Die Dimensionen der anstehenden IPOs sprengen bisherige Denkmuster. Sollten erhebliche Anteile dieser Emissionen direkt an Kleinanleger*innen und über die Index-Zwangskäufe der ETFs in den Markt gedrückt werden, droht eine massive Risikoverlagerung: Während Gründer*innen, Insider*innen und frühe VC-Investor*innen historische Multiples realisieren und Liquidität generieren, wird das langfristige Profitabilitätsrisiko der Tech-Visionen direkt in die Depots der passiven Welt-Anleger*innen weitergereicht.
Fazit für die StartingUp-Community
Für die Start-up-Szene sind die Mega-Börsengänge ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite beweisen sie eindrucksvoll, dass echte „DeepTech“-Visionen vom Kapitalmarkt mit astronomischen Summen honoriert werden. Das verschiebt die Bewertungsmaßstäbe für die gesamte Venture-Capital-Landschaft nach oben.
Auf der anderen Seite offenbaren sie die wachsende Fragilität unhinterfragter, passiver Geldanlage. Wer heute blind auf einen Welt-ETF setzt, geht de facto die Wette ein, dass die teuersten Privatunternehmen der Wirtschaftsgeschichte ihre enormen Versprechen auf Jahrzehnte hinaus fehlerfrei einlösen werden. Für Gründer*innen und Unternehmer*innen, die durch das eigene Unternehmen ohnehin ein massives Klumpenrisiko im Tech-Sektor tragen, lautet die harte Lektion für das Privatvermögen: Echte Diversifikation erfordert wieder aktives Nachdenken – der simple Dauerauftrag auf den „MSCI World“ greift in Zeiten dieser neuen Mega-IPOs zu kurz.
Disclaimer (Rechtlicher Hinweis): Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung, Handlungsempfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Jedes Investment an den Finanzmärkten ist mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Redaktion und Verlag übernehmen keine Haftung für Entscheidungen, die auf Basis dieser Berichterstattung getroffen werden.
Krypto im Mittelstand: Das Augsburger Start-up terahash im strategischen Kreuzfeuer
Eine neue Allianz mit dem FinTech 21bitcoin rückt das Augsburger Start-up terahash in den Fokus. Entstanden als Spin-off eines etablierten Industrieunternehmens, versucht terahash, das energieintensive Bitcoin-Mining für den deutschen Mittelstand zu erschließen. Ein regulatorisch und ökonomisch ambitioniertes Vorhaben im europäischen Hochstrompreisland.
In der deutschen Web3-Landschaft zieht derzeit ein Akteur außerhalb der typischen Metropolen Aufmerksamkeit auf sich. Die Ende 2022 gegründete terahash.energy GmbH ist kein klassisches universitäres Tech-Spin-off, sondern ging aus der Kläger Group hervor – einem seit über 75 Jahren bestehenden, familiengeführten Industrieunternehmen aus dem Großraum Augsburg, das im Kerngeschäft auf Kunststofftechnik und Aerosol-Abfüllung setzt.
Der Vorstoß in die Krypto-Infrastruktur geht auf Kristian Kläger, CEO der Kläger Group, zurück. Neben dem industriellen Hintergrund setzte das Start-up bei der Gründung auf eine gezielte Personalstrategie: Mit Roman Reher, dem Betreiber der reichweitenstarken deutschen Bitcoin-Plattform „Blocktrainer“, und dessen Geschäftspartner Bastian Bleker wurden zwei in der Community verankerte Akteure als Co-Founder integriert. Diese Konstellation kombiniert die Kapitalbasis eines Industriebetriebs mit der organischen Reichweite einer bestehenden Krypto-Community – eine Struktur, die dem Start-up den Markteintritt sichtlich erleichterte.
Kooperation als Vertriebskanal: Die Allianz mit 21bitcoin
Wie komplex und erklärungsbedürftig das Thema Bitcoin in der B2B-Sphäre nach wie vor ist, verdeutlicht die aktuelle Meldung des Unternehmens. terahash geht eine strategische Allianz mit der in Salzburg und München ansässigen Wealth-Plattform 21bitcoin ein.
Während das MiCAR-lizenzierte Fintech 21bitcoin mit rund 120.000 Nutzer*innen die regulierte Handels- und Verwahrinfrastruktur stellt, besetzt terahash die energietechnische Beratungskomponente. Das deklarierte Ziel der Kooperation – die Bündelung von „Bitcoin-Bildung“ – ist dabei auch aus vertrieblicher Sicht strategisch motiviert: Um Dienstleistungen rund um die Blockchain an Unternehmen zu verkaufen, muss im ersten Schritt das informationelle Fundament bei den Entscheidern gelegt werden. Der offizielle Start der Kooperation erfolgt über eine Podcast-Aufzeichnung auf der Branchenmesse BTC Prague 2026.
Die Strompreis-Problematik
Ein Geschäftsmodell, das Bitcoin-Mining im DACH-Raum verorten will, stößt unweigerlich auf erhebliche ökonomische Skepsis. Aufgrund der im globalen Vergleich extrem hohen Strompreise in Deutschland ist ein profitables Mining unter Normalbedingungen kaum darstellbar.
Das Konzept von terahash ruht daher auf zwei Säulen, die diese Standortnachteile umgehen sollen:
Auslands-Mining (Managed Mining): Das Start-up vermittelt Rechenleistung und Hardware-Kapazitäten an Standorte mit günstigeren, oft überschüssigen erneuerbaren Energien (u. a. in Skandinavien und den USA). Die operative Abwicklung verbleibt im Ausland, während terahash als Asset-Manager für Family Offices und institutionelle Kund*innen fungiert.
Infrastruktur-Integration im Heimatmarkt: Für den DACH-Raum agiert terahash als Projektierer. Da Bitcoin-Miner den eingesetzten Strom fast vollständig in Abwärme umwandeln, sollen die Rechencluster in bestehende Energiesysteme von Industrie- und Gewerbebetrieben integriert werden – etwa als Kopplung mit Photovoltaik-Überschussanlagen, Großspeichern und Wärmepumpen.
Markt, Wettbewerb & Risiken
Dieser Ansatz der energetischen Sektorenkopplung ist theoretisch schlüssig, im B2B-Markt jedoch mit hohen Hürden verbunden. Terahash bewegt sich in einem engen Nischensegment. Während Wettbewerber*innen wie das österreichische Start-up 21energy mit dezentralen Bitcoin-Heizlüftern eher standardisierte Consumer- und Kleingewerbe-Lösungen anstreben, zielt terahash auf maßgeschneiderte Großprojekte im Mittelstand.
Hier liegen die kritischen Variablen:
Hohe Investitionskosten (CapEx): Die Integration von ASIC-Servern und Wärmetauschern in bestehende Fabrikarchitekturen erfordert signifikante Vorabinvestitionen der Kund*innen.
Volatilität der Amortisation: Da die Erträge in Bitcoin generiert werden, hängen die Amortisationszyklen direkt vom hochvolatilen Kryptomarkt ab. Fällt der Bitcoin-Kurs über längere Zeit, drohen kalkulierte Effizienzgewinne der Industrieanlagen durch den Wertverlust des geschürften Assets aufgefressen zu werden.
Regulatorische Unsicherheit: Die politische Debatte um den Energieverbrauch von Proof-of-Work-Protokollen in Europa birgt latente regulatorische Risiken für Unternehmen, die diese Technologie in ihre Bilanz oder Infrastruktur aufnehmen.
Einordnung & Learnings
Trotz der inhärenten Marktrisiken bietet das Konstrukt hinter terahash für die Start-up-Szene relevante Erfahrungswerte:
- Das Spin-off-Modell als Innovationshebel: Der Case zeigt, wie traditionelle Familienunternehmen über eigenständige Ausgründungen in hochspekulativen Tech-Märkten agieren können, ohne das operative Kerngeschäft des Mutterkonzerns den Risiken des Web3-Marktes auszusetzen.
- Co-Founder-Matching statt klassischem Marketing: Durch die Beteiligung von etablierten Branchen-Influencer*innen (Blocktrainer*innen) sichert sich das Start-up Vertrauen und Reichweite in einer spitzen Zielgruppe, was die Kund*innenakquisitionskosten (CAC) im B2B-Bereich senkt.
- Content-driven B2B-Sales: Wenn das Produkt so komplex ist, dass der Markt es noch nicht vollumfänglich versteht, wird Content- und Bildungsarbeit (wie die Allianz mit 21bitcoin) zum primären Vertriebswerkzeug.
Terahash ist eine unternehmerische Wette darauf, dass sich Krypto-Infrastruktur als Werkzeug für das lokale Energiemanagement im Mittelstand etablieren lässt. Ob das Konzept aufgeht, wird sich daran messen lassen, wie viele deutsche Fabrikant*innen bereit sind, die Volatilität des Kryptomarktes in ihre physische Betriebsinfrastruktur zu integrieren.
Isar Aerospace: 270 Mio. EUR für Europas Raketen-Hoffnung
Das Münchner NewSpace-Unternehmen Isar Aerospace hat eine massive Series-D-Finanzierungsrunde in Höhe von 270 Mio. Euro abgeschlossen.
Angeführt von neuen Geldgebern wie Island Green Capital und Molten Ventures sowie namhaften Bestandsinvestoren wie UVC Partners, HV Capital und Lakestar, unterstreicht diese Runde den Status des Unternehmens als Europas am besten finanziertes Raumfahrt-Start-up. Doch während die Kassen für den anstehenden Qualifikationsflug der Trägerrakete „Spectrum“ gefüllt sind, bewegt sich das Unternehmen in einem hochriskanten Marktumfeld, das von geopolitischen Dynamiken und einem gnadenlosen globalen Wettbewerb geprägt ist.
Vom studentischen Pioniergeist zum industriellen Großprojekt
Die Historie von Isar Aerospace gilt als eines der Paradebeispiele im deutschen DeepTech-Ökosystem. Gegründet im Jahr 2018 unter anderem von Daniel Metzler und Josef Fleischmann, ging das Unternehmen aus der studentischen Arbeitsgruppe WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) der Technischen Universität München (TUM) hervor. Was mit Triebwerkstests auf dem Universitätsgelände begann, hat sich zu einem industriellen Großprojekt entwickelt: In Parsdorf bei München hat Isar Aerospace eine der modernsten integrierten Fabriken für Trägerraketen in Europa errichtet. Diese ist auf eine Produktionskapazität von bis zu 40 „Spectrum“-Raketen pro Jahr ausgelegt. Durch eine außergewöhnlich hohe vertikale Integration – das heißt, Design, Fertigung und Tests finden nahezu vollständig im eigenen Haus statt – versucht das Unternehmen, sich von globalen Lieferketten unabhängig zu machen.
Bemerkenswert ist jedoch der strategische Wandel in der Positionierung. Traten die Münchner in den Anfangsjahren primär als Dienstleister für zivile und kommerzielle Kleinsatelliten-Betreiber auf, rückt nun die strategische Bedeutung für die öffentliche Hand und den Verteidigungssektor ins Zentrum. CEO Daniel Metzler betont unmissverständlich: „Der Weltraum ist keine Grenze mehr; er ist die Infrastruktur nationaler Macht.“
Diese Neuausrichtung reflektiert die veränderte geopolitische Realität. Nach dem Wegfall russischer Sojus-Sicherheiten und den massiven Verzögerungen bei klassischen europäischen Trägersystemen geriet der Kontinent in eine handfeste Souveränitätskrise im All. Im Jahr 2025 verzeichnete Europa weniger als zehn orbitale Starts – ein Bruchteil der Frequenz der USA. Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Agenda der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ist der „autonome Zugang zum Weltraum“ zu einer Priorität in Berlin und Brüssel geworden. Isar Aerospace positioniert sich hier geschickt als europäischer Champion, um von den budgetstarken und konjunkturunabhängigen Regierungs- und Verteidigungsaufträgen zu profitieren.
„Premium-Taxi“ gegen den Massenbus
Trotz der beeindruckenden Kapitalspritze muss sich das Geschäftsmodell der Münchner an den harten Gesetzen der Marktökonomie messen lassen. Die „Spectrum“ ist als sogenannter Microlauncher (Kleinträgerrakete) konzipiert, der Nutzlasten von bis zu einer Tonne in den niedrigen Erdorbit (LEO) transportieren kann.
Branchenanalysten weisen jedoch seit Jahren auf ein inhärentes Problem dieses Segments hin: Die Betriebswirtschaft der Raumfahrt wird von enormen Skaleneffekten beherrscht. Die Transportkosten pro Kilogramm Nutzlast sind bei kleinen Raketen konstruktionsbedingt meist um ein Vielfaches höher als bei schweren Trägersystemen. Der US-Gigant SpaceX drückt mit seinen „Rideshare“-Programmen (Sammeltransporten) auf der Falcon 9 die Preise pro Kilogramm in Regionen, die für kleinere Anbieter kaum profitabel zu unterbieten sind.
Isar Aerospace muss folglich ein „Premium-Taxi“ verkaufen: Der Mehrwert für Kund*innen liegt nicht im günstigsten Preis, sondern in der Flexibilität – der punktgenauen Platzierung im Wunsch-Orbit und der Unabhängigkeit von den Zeitplänen großer Sammelflüge. Ob der rein kommerzielle Markt dauerhaft bereit ist, diesen Aufpreis in großem Stil zu zahlen, bleibt in der Branche umstritten. Der verstärkte Fokus auf staatliche Akteur*innen und Verteidigungsprojekte erscheint daher als logischer strategischer Schritt, da in diesem Segment Versorgungssicherheit und geopolitische Unabhängigkeit schwerer wiegen als der reine Ticketpreis.
Gedränge an den Startrampen
Isar Aerospace ist auf diesem Markt keineswegs allein. International hat das US-neuseeländische Unternehmen Rocket Lab mit seiner „Electron“-Rakete seit Jahren den kommerziellen Betrieb für Kleinträger etabliert und demonstriert, dass das Modell operativ funktionieren kann.
Auch im europäischen Raum ist die Konkurrenz aktiv: Die Rocket Factory Augsburg (RFA) verfolgt mit der „RFA One“ ein ähnliches Nutzlastsegment, setzt dabei jedoch auf einen konsequenten Low-Cost-Ansatz durch die Verwendung von modifizierten Industriekomponenten. Daneben positioniert sich das baden-württembergische Unternehmen HyImpulse mit innovativen Hybridantrieben. Unter Branchenkennern gilt es als unwahrscheinlich, dass der europäische Markt langfristig Raum für mehrere Microlauncher-Anbieter*innen bietet. Eine Konsolidierung des Marktes in den kommenden Jahren gilt als wahrscheinlich.
Einordnung für das Start-up-Ökosystem
Für das europäische DeepTech-Segment ist diese 270-Millionen-Euro-Runde ein historisches und wichtiges Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und internationale Konsortien bereit sind, kapitalintensive Hardware-Innovationen über lange Zyklen hinweg zu tragen – eine Disziplin, die traditionell stark von US-amerikanischem Risikokapital dominiert wird.
Gleichzeitig verdeutlicht der Case Isar Aerospace, dass die Skalierung im High-Tech-Bereich zunehmend eine politische und strategische Dimension besitzt. Das frische Kapital sichert dem Unternehmen die nötige Runway, um die Serienfertigung hochzufahren und das System final zu etablieren.
Der entscheidende Meilenstein steht jedoch unmittelbar bevor: Zwischen dem 15. und 21. Juni 2026 öffnet sich das Startfenster für den Qualifikationsflug „Onward and Upward“ am norwegischen Weltraumbahnhof Andøya Space. Dieser Flug wird wohl die Stunde der Wahrheit: Hier muss die „Spectrum“ beweisen, dass sie den Schritt von einer herausragenden deutschen Ingenieursleistung und einem perfekt finanzierten Businessplan in die Erdumlaufbahn erfolgreich vollziehen kann.
Tokura sichert sich Millionen-Seed-Runde: Ein Scale-up-Ansatz für den Milliardenmarkt der Ambulantisierung
Das Berliner HealthTech-Start-up Tokura hat eine erste Finanzierungsrunde in mittlerer siebenstelliger Höhe abgeschlossen. Mit dem frischen Kapital wollen die Gründer Dr. Daniel Kreter und David Rizor eine eigene Technologieplattform aufbauen und spezialisierte ambulante OP-Zentren etablieren. Das ambitionierte Ziel: Eine Million Operationen pro Jahr in den ambulanten Sektor verlagern. Doch der Markt ist hochkomplex, streng reguliert und lockt zunehmend finanzkräftige Player an.
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer historisch tiefgreifenden Transformation. Durch die schrittweise Einführung sogenannter Hybrid-DRGs (sektorenunabhängige Fallpauschalen) sollen Behandlungen, die bisher klassischerweise stationär im Krankenhaus stattfanden, konsequent in den ambulanten Sektor verlagert werden. Das ökonomische und medizinische Potenzial ist gigantisch: Laut Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) weisen rund 60 Prozent aller stationären Fälle – das entspricht etwa 8 Millionen Eingriffen jährlich – ein klares Ambulantisierungspotenzial auf.
Die Realität hinkt dem politischen Willen jedoch hinterher. Es fehlt flächendeckend an der spezialisierten, hochmodernen Infrastruktur, um ein solches OP-Volumen sicher, digitalisiert und vor allem skalierbar aufzufangen. Eine erfolgreiche Ambulantisierung erfordert massive Investitionen in hocheffiziente Räumlichkeiten sowie nahtlose digitale Prozesse.
Das Geschäftsmodell: „Space-as-a-Service“ für Mediziner*innen
Hier setzt das Konzept von Tokura an. Das Start-up positioniert sich als operativer Infrastruktur- und Technologiepartner für medizinische Leistungserbringer.
- Flexibles Kooperationsmodell: Niedergelassene Operateur*innen sowie Krankenhäuser können sich in den Tokura-Zentren einmieten, um dort auf spezialisierte Räumlichkeiten, eingespielte OP-Teams und verlässliche Prozesse zurückzugreifen.
- Joint Ventures: Zudem bietet das Unternehmen an, neue ambulante OP-Zentren gemeinschaftlich mit medizinischen Partnern aufzubauen und zu betreiben.
- Technologie-Hebel: Herzstück soll eine proprietäre Plattform sein, die den gesamten operativen Alltag digital steuert und damit die Wirtschaftlichkeit drastisch erhöht.
Die Macher: Scale-up-DNA ersetzt das Stethoskop
Hinter Tokura stehen keine Brancheninsider aus dem klassischen Klinikbetrieb, sondern erfahrene Köpfe aus der Tech- und Skalierungswelt. Dr. Daniel Kreter bringt über 15 Jahre Start-up-Erfahrung mit, unter anderem von Schwergewichten wie Zalando und Taxfix. Co-Gründer David Rizor verantwortete bei Taxfix die Unternehmensstrategie und koordinierte dort Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von über 300 Millionen Euro.
Dass diese Tech- und Fundraising-Expertise bei Investor*innen verfängt, zeigt das prominente Cap-Table: Die Seed-Runde wird von den namhaften VCs Heal Capital und Redalpine angeführt. Zudem beteiligen sich Business Angels der Investor*innen-Allianz better ventures. Um die fehlende medizinische Vita auszugleichen, setzt Tokura auf einen hochkarätigen medizinischen Beirat, unter anderem besetzt mit PD Dr. med. Clemens Gwinner (Leitender Oberarzt an der Charité Berlin) und erfahrenen Praxisbetreiber*innen.
Zwischen Skalierungstraum und Investitionsrealität
Das Vorhaben von Tokura ist so logisch wie ambitioniert, birgt für ein klassisches Venture-Capital-Case jedoch spezifische Risiken:
- Enormer Investitionsbedarf (CapEx): Der Aufbau physischer OP-Zentren ist extrem kapitalintensiv. Ein mittlerer siebenstelliger Betrag ist ein solider Start für den ersten Standort – für das Ziel von einer Million Operationen wird Tokura jedoch in rascher Folge dreistellige Millionenbeträge einsammeln müssen.
- Finanzstarke Konkurrenz: Der Markt für ambulante Operationsstrukturen konsolidiert sich bereits im Rekordtempo. Private-Equity-getriebene MVZ-Ketten wie das Orthopädie-Netzwerk Ortivity bewegen sich in völlig anderen Finanzierungsdimensionen. Gleichzeitig drängen etablierte Medizintechnik-Riesen wie B. Braun mit maßgeschneiderten Prozesslösungen für ambulante Zentren in den Markt.
- Das Schnittstellen-Risiko: Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gelten in Digitalisierungsfragen als notorisch träge und veränderungsresistent. Ob sich die „Zalando- und Taxfix-DNA“ der Gründer reibungslos auf den stark regulierten und von Standespolitik geprägten Medizinbetrieb übertragen lässt, muss sich im operativen Alltag erst noch beweisen.
Fazit
Tokura besetzt zur richtigen Zeit eine der größten strukturellen Bruchstellen des deutschen Gesundheitssystems. Gelingt es dem Team, die Effizienz digitaler Plattformen mit der komplexen Realität physischer Medizin-Infrastruktur zu verknüpfen, hat das Start-up das Potenzial zum Gamechanger. Wenn nicht, droht das junge Unternehmen zwischen den hohen Fixkosten eigener Standorte und der Marktmacht finanzstarker MVZ-Konzerne zerrieben zu werden.
Paukenschlag im Rewarded Gaming: Was der 202-Mio.-USD-Exit von JustPlay bedeutet
Der südkoreanische Gaming-Gigant NCSOFT übernimmt für 202 Millionen US-Dollar 70 Prozent der Anteile an der Berliner JustPlay GmbH. Damit bewertet der Deal das Start-up mit knapp 290 Millionen US-Dollar. Doch was steckt hinter der Plattform, die es geschafft hat, das oft kritisch beäugte Segment der belohnten Nutzer*innen-Interaktion in ein hochprofitables Geschäftsmodell zu verwandeln?
Die Übernahme markiert einen Meilenstein für das 2020 in Berlin gegründete Unternehmen. JustPlay steuert im Jahr 2026 auf einen Umsatz von über 300 Millionen US-Dollar zu und hat seit seiner Gründung bereits mehr als 200 Millionen US-Dollar an seine Spieler*innen ausgeschüttet. Um diesen steilen Aufstieg zu verstehen, muss man sich die Mechanik der Plattform und das Gründerteam genauer ansehen.
Gründungshistorie & Die Köpfe dahinter
Hinter JustPlay steht ein Gründer-Trio, das die Schwächen herkömmlicher Ad-Tech- und Gaming-Plattformen aus erster Hand kannte: Carl Livie (Co-CEO), Gil Mincberg (Co-CEO & Chief Strategy Officer) und Mirko Aquaro (CPO). Sie gründeten JustPlay in Berlin mit einem klaren Ziel: das strukturelle Problem der mangelnden Nutzerbindung im Bereich Rewarded Gaming zu lösen.
Laut Mitbegründer und CEO Carl Livie spielten herkömmliche Belohnungssysteme in der Vergangenheit oft nur die Rolle von „Marketing-Gags“. Sie trieben zwar kurzfristig die Downloadzahlen in die Höhe, waren jedoch nicht darauf ausgelegt, für Spieler*innen und Entwickler*innen einen langfristigen Wert zu bieten. Das Team erkannte, dass die Abhängigkeit von externen Werbebudgets unweigerlich zu schwankenden Auszahlungen führte – was das Vertrauen der Nutzer*innen nachhaltig zerstörte.
Das Geschäftsmodell kritisch hinterfragt: Alles aus einer Hand
Der entscheidende Unterschied zwischen JustPlay und klassischen Anbieter*innen liegt in der vertikalen Integration: Das Start-up besitzt und betreibt sowohl das eigene Rewarding-Ökosystem als auch die Spiele, für die die Nutzer*innen belohnt werden.
- Die Monetarisierungs-Schleife: Da JustPlay Eigentümer der Inhalte ist, kontrolliert das Unternehmen die gesamten Einnahmen. Anstatt Belohnungen aus flüchtigen, externen Kampagnenbudgets zu finanzieren, speisen sich die Auszahlungen direkt aus dem Wert, der innerhalb der Plattform selbst generiert wird.
- Vertrauen durch Instant-Payouts: JustPlay integriert die Auszahlungsinfrastruktur direkt in das Produkterlebnis. Belohnungen erfolgen transparent und sofort. Das minimiert die Abwanderungsquote, die entsteht, wenn Belohnungen versiegen oder künstlich verzögert werden.
Kritische Einordnung
Das Modell besticht durch seine Unabhängigkeit, birgt jedoch ein Klumpenrisiko: Die Strategie erfordert eine kontinuierliche Produktion oder Akquise von erfolgreichen In-House-Spielen. Verliert JustPlay an Innovationskraft oder sinkt die Qualität der eigenen Titel, gerät die gesamte Wertschöpfungskette unter Druck. Bislang geht die Rechnung jedoch auf: Mit über 50 Millionen Downloads hat das Start-up bewiesen, dass es eine kritische Masse langfristig binden kann.
Marktumfeld & Wettbewerb
Der Markt für "Play-to-Earn" und Belohnungs-Apps ist extrem kompetitiv, aber stark fragmentiert. JustPlay konkurriert hier mit verschiedenen Playern, die teils andere Schwerpunkte setzen:
- Mistplay: Der größte direkte Konkurrent (fokussiert auf Android) setzt auf eine breite, externe Spielebibliothek. Die Auszahlungen erfolgen meist in Form von Geschenkkarten und weisen oft eine Bearbeitungszeit auf.
- Swagbucks / KashKick: Diese Plattformen sind breiter aufgestellt und belohnen Nutzer nicht nur für das Spielen, sondern primär für Umfragen oder das Ansehen von Videos.
- Pocket7Games: Fokussiert sich auf kompetitives Skill-Gaming (z.B. E-Sports für Casual Games), bei dem Nutzer*innen mit Geldeinsatz direkt gegeneinander antreten.
JustPlay positioniert sich in diesem Feld als die transparente, schlanke Alternative. Anstatt Spieler*innen mit unübersichtlichen Punktesystemen auf Drittanbieter*innen-Spiele umzuleiten, bietet die Berliner Plattform ein geschlossenes Ökosystem mit Fokus auf schnelle Liquidität für die Nutzer*innen.
Die JustPlay-Perspektive: Warum dieser Exit der logische nächste Schritt ist
Aus der Sicht von JustPlay kommt der Einstieg von NCSOFT zum perfekten Zeitpunkt. Gaming-Unternehmen suchen weltweit nach Wegen, um die langfristige Kund*innenbindung und Monetarisierung in integrierten Ökosystemen zu vereinen.
Für das Berliner Start-up bietet die Übernahme drei entscheidende strategische Vorteile:
- Globale Expansion: Mit der Finanzkraft des asiatischen Gaming-Riesen im Rücken kann JustPlay die weltweite Expansion beschleunigen.
- Skalierung der Plattform: Die Investition fließt unmittelbar in den technologischen Ausbau der Plattform für belohnte Nutzer*innen-Interaktion.
- Cross-Synergien: NCSOFT bringt ein massives Casual-Gaming-Portfolio mit, darunter Tochtergesellschaften wie Lihuhu und Springcomes. Dies bietet JustPlay eine gewaltige Pipeline an neuen Inhalten, die in das eigene System integriert werden können, ohne die Kontrolle über die Umsätze abzugeben.
Fazit
Der Exit ist kein Endpunkt, sondern das Fundament für die nächste Skalierungsstufe. JustPlay definiert Belohnungen nicht als externen Anreiz, sondern als fundamentalen Bestandteil des Kernnutzens eines Produkts. Gelingt es, dieses Prinzip auf das weltweite Portfolio von NCSOFT zu übertragen, könnte aus dem Berliner Start-up sogar der globale Standard für Rewarded Engagement im Mobile Gaming werden.
Infobox: JustPlay – Key-Facts zur Übernahme
- Gründung: 2020 in Berlin.
- Management (u. a.): Carl Livie (Mitbegründer und CEO).
- Downloads: Mehr als 50 Millionen.
- Auszahlungen an Nutzer*innen: Bisher über 200 Millionen US-Dollar.
- Umsatzprognose (2026): Auf Kurs für über 300 Millionen US-Dollar.
- Übernahmedetails: Der südkoreanische Konzern NCSOFT investiert 202 Millionen US-Dollar.
- Erworbene Anteile: 70 % durch NCSOFT.
- Strategisches Ziel: Erschließung neuer Märkte, Ausbau der Plattform sowie Nutzung von Synergien mit NCSOFT-Töchtern wie Lihuhu und Springcomes.
Gründer*in der Woche: tourdarts – Konzert-Booking via KI statt Excel
Schluss mit Excel-Chaos im Musik-Booking: Das Berliner Start-up tourdarts plant Tourneen per KI – emissionsärmer, günstiger und stressfrei.
Rund 3,6 Millionen mögliche Routen gibt es bei einer Konzerttournee mit nur zehn Städten. Bislang lösen Booking-Agenturen dieses logistische Puzzle meist mühsam per Tabellenkalkulation und endlosen E-Mail-Schleifen. Das Berliner Start-up tourdarts will das ändern: Ein intelligenter Algorithmus soll Tourneen emissionsärmer, günstiger und stressfreier machen. Nach vielversprechenden Pitch-Erfolgen geht die SaaS-Lösung nun in die Beta-Phase.
Vom Historiker zum Hacker: Ein unkonventioneller Kopf
Hinter dem Produkt tourdarts steht die Ingwer Solutions UG mit Sitz in Berlin. Als alleiniger Geschäftsführer agiert Paul Ramisch. Sein Werdegang ist eher untypisch für die Tech-Gründungsszene: Der studierte Digitalhistoriker arbeitete zunächst als Marketingmanager und in der politischen Bildung, bevor er sich als freiberuflicher Webentwickler etablierte. In der Außendarstellung wird Ramisch teils als Co-Founder bezeichnet, was auf einen stillen Partner im Hintergrund schließen lässt.
Auf die Frage nach der genauen Teamstruktur und der Entstehungsgeschichte stellt er klar: „Tourdarts als Projekt wird heute von mir allein gebaut.“ Die initiale Zündung gab es jedoch im klassischen Start-up-Setting – am Tresen: „Die Idee zu tourdarts ist, wie so viele Ideen, bei einem Bier entstanden: Patrick Csonka, ein guter Freund von mir und selbst Booker, hatte mir von dem Problem erzählt und meinte, das müsse doch besser gehen.“
Ramisch entwickelte nebenher einen Prototyp und erkannte schnell die wahre Komplexität der Materie. Csonka berät das Projekt bis heute; gemeinsam launchten sie die Idee im vergangenen Jahr auf dem Reeperbahn-Festival. Die nötige Daten-Expertise bringt Ramisch aus seinem Master in Digital History mit – der Kombination aus Geschichte und Informatik. „Dabei geht es darum, aus großen Datenmengen Sinn zu schaffen, das ist bei dem Tour-Routing-Problem genau das Thema“, erklärt der Gründer und fügt hinzu, dass ihm die Branche ohnehin nah sei, da er seit über zehn Jahren quasi als „professionelles Hobby“ als Produktions- und Stage-Manager auf Festivals arbeite.
Smart Auto-Routing trifft auf die Realität unstrukturierter Daten
Aus der Beobachtung der Live-Musik-Branche kristallisierte sich schnell das Kernproblem heraus: Das Routing von Künstler*innen ist ein logistischer Albtraum. Im Gegensatz zur klassischen Logistik müssen im Musik-Booking sogenannte Holds – also komplexe Optionen auf Veranstaltungsorte – beachtet werden.
Tourdarts ist als B2B-SaaS-Plattform konzipiert und kombiniert das klassische Problem des Handlungsreisenden mit genau diesen branchenspezifischen Booking-Regeln. Der Algorithmus berechnet die optimale Route und bezieht dabei Distanzen, Pausentage, Club-Verfügbarkeiten und sogar die Reichweite von Elektrofahrzeugen ein. Ein weiteres Kern-Feature: Die Software nutzt KI, um Booking-Termine aus Veranstalter*innen-E-Mails zu extrahieren und generiert im Anschluss automatisierte Antwort-Templates für Verfügbarkeitsprüfungen und Bestätigungen. Das Ziel ist ambitioniert: Weniger Zickzack-Fahrten, massiv eingespartes CO2 und ein enorm reduzierter administrativer Aufwand.
Doch gerade E-Mails von Veranstalter*innen strotzen oft vor Slang oder komplexen Bedingungen. Wie verhindert man hier fatale Fehlbuchungen? Ramisch räumt offen ein, dass dies ein Kernproblem der KI-Implementierung sei. Seine Lösung verzichtet bewusst auf die absolute Kontrolle durch die Maschine: „Tourdarts löst das, indem der Anspruch eben nicht eine Vollautomatisierung ist, sondern eine starke Assistenz.“ Die Termine würden zwar extrahiert, aber die finale Kontrolle obliege stets dem/der Nutzer*in.
Liest US-KI heimlich die Gagen mit?
Wer das Wort „KI“ im Zusammenhang mit E-Mail-Postfächern nennt, lässt in deutschen Agenturen oft die DSGVO-Alarmglocke schrillen. Wir haben bei Ramisch kritisch nachgehakt: Agiert tourdarts als heimlicher Mitleser im Postfach? Und fließen sensible Daten auf US-Server?
Der Gründer winkt direkt ab und korrigiert ein weit verbreitetes Missverständnis: „Tourdarts hat keinen direkten Zugriff auf das Postfach oder den Mail-Client.“ Statt eines vollautomatisierten Scans setze man auf einen manuellen Zwischenschritt. „Für die Extraktion kopieren die User einfach die Mail in das Tool.“ Dies geschehe ganz bewusst als „expliziter Baustein“, um die händische Überprüfung der Daten durch den Booker zu erzwingen. Für die Antworten generiert die Software lediglich Buttons, die den hauseigenen Mailclient mit vorgefertigten, personalisierten Texten öffnen.
Auf die Frage nach dem Serverstandort räumt Ramisch unumwunden ein, dass die Daten aktuell an den US-Riesen OpenAI fließen. Man weise die Nutzer*innen im Interface darauf hin, dass diese Daten geteilt werden und persönliche Informationen wie Anreden nicht mit einkopiert werden sollen. Das riecht ein wenig nach der bequemen Auslagerung der Verantwortung an den Endnutzer. Doch Ramisch hat das Problem offenbar erkannt und verspricht Besserung: Er habe bereits Validierungen mit den europäischen Mistral-Modellen gestartet, „und das Ziel ist hier auch ein Wechsel“. Er merke in Demos, dass die Nutzung amerikanischer Anbieter*innen die Firmen stark beschäftige. „Wer aktuell ein Produkt mit AI-Features für den europäischen Markt baut, dem kann ich nur empfehlen, das direkt zu berücksichtigen“, mahnt der Gründer. Eigene Modelle zu hosten, sei für das Start-up derzeit jedoch schlichtweg unwirtschaftlich.
Und wie steht es um das heimliche Training der KI? „Das Tool sammelt keine Daten zur Business-Seite wie die Gagen“, versichert Ramisch. Diese Prozesse würden über etablierte Management-Tools abgewickelt, zu denen man künftig nahtlose Schnittstellen anbieten wolle. Er fahre bewusst einen „sehr datensparsamen Ansatz“: „Ich nutze nicht einfach die Daten unserer User für die Entwicklung, sondern frage da explizit nach.“
Um die Agenturen rechtlich abzusichern, biete man eine klassische Auftragsverarbeitungsvereinbarung (AVV) nach der DSGVO an. Zugleich entzaubert der Gründer den KI-Hype um sein Produkt erfrischend ehrlich selbst: Man sei kein reiner „ChatGPT-Wrapper“. Strukturierte Daten aus Texten zu ziehen, sei heute „keine Rocket Science mehr“. Die echte Magie passiere woanders: „Die Secret Sauce bei tourdarts ist der Algorithmus, und das ist ein klassisches, deterministisches Informatik-Problem.“
Die Herausforderung: Die Dreiecks-Dynamik der Monetarisierung
Aktuell befindet sich tourdarts in einer geschlossenen Beta-Phase; öffentliche Pricing-Modelle fehlen noch völlig. Auf Nachfrage skizziert Ramisch die Strategie: „Es kristallisiert sich eine Per-Seat-Lizenzierung heraus, die sich preislich an dem angrenzenden Markt von Tourmanagement-Software anlehnt.“
Dabei kämpft das Start-up jedoch mit einem strukturellen Branchenproblem. „Der ROI für Agenturen entsteht durch die eingesparte Arbeitszeit. Der noch größere Return liegt jedoch in den verringerten Logistikkosten durch kürzere Distanzen“, analysiert Ramisch. Diese Kosten betreffen die Agenturen jedoch oft nicht direkt. „Dadurch entsteht eine Dreiecks-Dynamik, weil ich das Tool den Agenturen verkaufe, nicht den Hauptprofiteuren: den Artists.“
Um das Wachstum nicht künstlich zu begrenzen, blickt das Team über den musikalischen Tellerrand. „Andere Sparten sind absolut ein Thema“, bestätigt Ramisch. Erste Lesereisen und Podcast-Touren seien bereits geplant worden; auch Comedy stehe auf der Roadmap.
Cleveres Bootstrapping statt VC-Millionen
Das Start-up befindet sich in der Pre-Seed-Phase und ist weitgehend gebootstrapped. Tourdarts sicherte sich einen Platz im Wavelab-Inkubator in München und gewann Pitch-Wettbewerbe wie auf dem Reeperbahn Festival.
Die Strategie des organischen Wachstums ist gewollt. „Ich hatte es geschafft, recht schnell Agenturen von dem Produkt überzeugen zu können und tourdarts ist nah daran, profitabel zu sein“, betont Ramisch. Externe Investor*innengelder lehnt er vorerst ab, lässt sich aber Hintertüren offen: „Wenn die außereuropäische Internationalisierung schneller in den Fokus gerät, dann wird die Finanzierungs-Roadmap auch noch mal anders aussehen.“
Warum Excel der wahre Endgegner ist
Die größte Konkurrenz für tourdarts sind nicht andere Start-ups, sondern Microsoft Excel. Die Hürde, vertraute Workflows aufzugeben, ist enorm. Wie bricht man das auf? „Die Gewohnheit ist natürlich ein Problem, aber es gibt schon sehr viel Frust mit der Ineffizienz“, kontert der Gründer. Er setzt auf eine radikale Vereinfachung: „Wer seine Termine schon vorliegen hat, plant die erste Tour in 30 Minuten, was bisher teils Tage dauerte.“
Die Vertriebsstrategie profitiert vom Leidensdruck. „Ein Booker hat mich nach seiner Demo direkt an drei weitere Agenturen empfohlen“, berichtet Ramisch. Bei der renommierten All Artists Agency laufe tourdarts bereits seit einem Jahr produktiv in der Anwendung.
Unser Fazit: Megatrends getroffen, Bewährungsprobe steht bevor
Tourdarts positioniert sich klug an der Schnittstelle von KI-Automatisierung und „Green Touring“. Dass das Start-up die Eigenheiten des „Hold“-Systems integriert, schafft einen starken USP. Die offene und transparente Kommunikation bei den kritischen Themen DSGVO und Datensouveränität schafft zusätzlich Vertrauen.
Gelingt es der Ingwer Solutions UG, das knifflige Pricing-Modell für diese schwerfällige Nische zu justieren, hat tourdarts echtes Potenzial zum Branchenstandard. Für den Sprung vom Beta-Tool zum skalierbaren Unternehmen dürfte jedoch bald das Einwerben einer soliden Seed-Runde unumgänglich sein.
M&A-Welle im ESG-Markt: Code Gaia und Planted fusionieren zur „House of Gaia“
Die ESG-Start-ups Code Gaia und Planted fusionieren zur „House of Gaia“. Das Ziel: Ein neues Nachhaltigkeits-Betriebssystem für den Mittelstand. Wir haben bei den Gründern nachgehakt.
Der regulatorische Druck auf den europäischen Mittelstand wächst, und die Klima-Tech-Szene reagiert mit einer strategischen Konsolidierung: Die deutschen ESG-Start-ups Code Gaia und Planted schließen sich zusammen. Der Schritt sendet bereits jetzt ein starkes Signal in einen hart umkämpften Markt und wirft die Frage auf: Wie realistisch sind die wirtschaftlichen Versprechen der Gründer?
Vom Sparringspartner zur gemeinsamen Holding
Beide Unternehmen starteten in den frühen 2020er-Jahren und durchliefen klassische Pivot-Phasen, bevor sie im ESG-Reporting-Markt Fuß fassten. Code Gaia, 2020 von Markus Adler und Niklas Schönstein in München gegründet, fokussierte sich auf die KI-gestützte Automatisierung von Nachhaltigkeitsberichten. Planted, 2021 unter anderem von Wilhelm Hammes in Köln ins Leben gerufen, konzentrierte sich zunächst auf konkrete Umweltschutzprojekte und B2C-Aufforstung, bevor auch hier der Schwenk zur B2B-Software folgte.
Dass aus den anfänglichen Wettbewerbern nun Partner werden, ist laut Code-Gaia-Gründer Markus Adler ein organischer Prozess. „Wilhelm und ich haben uns über Jahre hinweg nicht nur als Wettbewerber gesehen, sondern auch als Sparringspartner“, blickt Adler zurück. Die größte Hürde sei gewesen, zu akzeptieren, dass der Markt nicht statisch bleibt.
Den entscheidenden Anstoß zur Fusion gaben letztlich die Kund*innen und der Gesetzgeber: „Spätestens beim Omnibusverfahren wurde deutlich, dass der Mittelstand praktikable, flexible und wirtschaftlich tragfähige Lösungen braucht — und zwar aus einer Hand“, erklärt Adler. „Die Fusion ist deshalb kein opportunistischer Schritt, sondern die logische Konsequenz aus jahrelangem Kundenfeedback.“
Auch Wilhelm Hammes sieht in dem Zusammenschluss eine unvermeidliche Marktreaktion. Nach einem echten „Reality-Check“ im ESG-Tech-Markt im vergangenen Jahr sei klar geworden, dass isolierte Einzellösungen ausgedient haben. „Der Markt konsolidiert sich schneller als viele erwartet haben“, konstatiert Hammes. „Unternehmen wollen heute Plattformen, die mit ihren Anforderungen mitwachsen.“
Die neue Struktur: Ambitioniert, aber verschwiegen bei Details
Der Deal formt einen neuen Schwergewichtskandidaten für den Mittelstand (200 bis 5.000 Mitarbeitende). Die harten Fakten der neuen „House of Gaia“ auf einen Blick:
- Kund*innenbasis: Die neue Gruppe startet mit über 630 Kund*innen.
- Ressourcen: An fünf Standorten beschäftigt die Gruppe mehr als 50 Mitarbeitende.
- Wirtschaftlichkeit: Das Kerngeschäft ist nach Angaben der Unternehmen bereits profitabel.
- Führung: Markus Adler übernimmt als CEO das operative Geschäft von Code Gaia, Niklas Schönstein leitet die Produktstrategie, und Wilhelm Hammes verantwortet die M&A-Strategie der Holding.
Dabei agieren die Unternehmen künftig unter einer gemeinsamen Holding, behalten aber ihre operativen Marken bei. „Bei der Transaktion handelt es sich nicht um eine klassische Übernahme, sondern um einen strategischen Zusammenschluss auf Augenhöhe“, betont M&A-Chef Hammes. Die Integration wurde über einen Anteilstausch strukturiert, der die bisherigen Gesellschafter zu etwa gleichen Teilen abbildet.
Für die nächsten 24 Monate kündigt die Holding eine aggressive Akquisitionsstrategie in Europa an. Auf die Frage, wie diese Zukäufe finanziert werden sollen, bleibt Hammes bei konkreten Bewertungsdetails vage, versichert aber eine grundsolide Strategie fernab des Silicon-Valley-Hypes: „Unser Fokus liegt aktuell klar auf kontrolliertem, gesundem Wachstum statt auf einer klassischen ‚Growth-at-all-costs‘-Strategie.“ Die nächsten Schritte wolle man primär aus dem operativen Cashflow und vorhandenem Kapital finanzieren, flankiert von Investor*innen wie dem TechVision Fonds und Neoteq Ventures.
Realitätscheck: Datensalat im Mittelstand
Ein zentrales Versprechen der Gründer lautet: Nachhaltigkeit muss Unternehmen operativ entlasten. Das klingt nach gutem Marketing, doch in der Realität ist ESG für mittelständische Betriebe derzeit vor allem ein massiver, von Regularien erzwungener Kostenblock. Zudem bremsen unstrukturierte Excel-Listen und zersplitterte Daten die digitale Skalierbarkeit – Software allein löst das Problem meist nicht ohne teure, menschliche Beratung.
Darauf angesprochen, räumt Adler das Daten-Chaos unumwunden ein: „Die Realität im Mittelstand ist tatsächlich oft: Daten liegen verteilt in Excel-Listen, E-Mail-Postfächern oder einzelnen Fachabteilungen. Genau deshalb glauben wir nicht an reine Self-Service-Software ohne Kontextverständnis.“
Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, dass Beratung die Margen auffrisst. Persönliche Betreuung sei eine optionale Ergänzung, während KI-Agenten wie „Kaia“ und „Kurt“ bereits einen Großteil der operativen Arbeit bei CO2-Auswertungen oder im Reporting übernehmen würden. Der Return on Investment (ROI) für den/die Kund*in liege klar auf der Hand: „Der ROI entsteht weniger durch ‚Nachhaltigkeit als Selbstzweck‘, sondern durch konkrete operative Effizienz: weniger manueller Aufwand, geringere Fehleranfälligkeit und mehr Sicherheit bei regulatorischen Anforderungen“, verspricht der CEO. „Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Beratungsstunden zu verkaufen.“
Kampf um den Mittelstand: David gegen die ERP-Goliaths
Die Konkurrenz schläft nicht. Das House of Gaia trifft auf ein hochkompetitives Umfeld mit spezialisierten Anbietern wie Tanso oder Envoria und Software-Giganten wie Workiva oder SAP. Warum also sollte ein Maschinenbauer zu einem Start-up-Zusammenschluss wechseln, statt einfach das ESG-Modul seines bestehenden ERP-Systems zu aktivieren?
Adler kontert selbstbewusst und zielt direkt auf die Trägheit der großen Player ab: „Große ERP-Systeme sind extrem wichtig — aber sie wurden nicht dafür gebaut, mittelständische Unternehmen operativ durch die ESG-Transformation zu führen.“ Dem Mittelstand fehle schlichtweg die Zeit für komplexe IT-Projekte. Man punkte stattdessen mit lokaler Nähe: „Gerade im Mittelstand sehen wir eine starke Nachfrage nach europäischen beziehungsweise deutschen Anbietern, die regulatorische Entwicklungen vor Ort verstehen und langfristig erreichbar bleiben.“
Ausblick: Die Vision eines europäischen ESG-Champions
Die Strategie ist riskant, aber vielversprechend. Viele „Roll-up“-Ansätze scheitern letztlich an der Post-Merger-Integration – wenn unterschiedliche Unternehmenskulturen und inkompatible Tech-Stacks aufeinanderprallen.
Dass durch die geplanten weiteren Zukäufe ein unübersichtlicher Software-Flickenteppich entstehen könnte, schließt Wilhelm Hammes aus: „Viele M&A-Strategien scheitern weniger an der Technologie als an kulturellen und organisatorischen Themen.“ Die Chemie zwischen Code Gaia und Planted stimme seit Jahren, und technologisch starte man keineswegs bei null, da die Systeme hochgradig kompatibel seien.
Die Zielsetzung für die nahe Zukunft formuliert Hammes angriffslustig und lässt durchblicken, in welchen Dimensionen die neue Holding denkt: „Gemeinsam bewegen wir uns bereits in Richtung eines baldigen achtstelligen Umsatzes, sind im Kerngeschäft profitabel und können nun eine sehr starke Wachstumsdynamik entwickeln.“
Gelingt es der Holding, ihre ambitionierte Akquisitionsstrategie sauber in ihr System zu integrieren und die beratungsintensive Betreuung effizient zu skalieren, hat „House of Gaia“ das Zeug dazu, sich als führender ESG-Champion im europäischen Mittelstand zu etablieren.
LegalTech mit neuem Anlauf: nu:legal sammelt 1,3 Mio. Euro ein – aber kann das Hybrid-Modell skalieren?
Die Digitalisierung der Rechtsbranche ist ein zähes Geschäft. Nun tritt das Potsdamer Start-up nu:legal an, um kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) die teure Kanzleirechnung zu ersparen. Mit 1,3 Millionen Euro Seed-Kapital im Rücken und einem Ex-Großkanzlei-Anwalt an der Spitze startet die Plattform in die öffentliche Beta. Der Ansatz: KI erledigt die Fleißarbeit, der Mensch kontrolliert. Doch genau dieser Spagat birgt Tücken für die Skalierbarkeit.
Die Schmerzgrenze im deutschen Mittelstand ist erreicht: Laut Angaben der KfW verbringen deutsche KMU monatlich durchschnittlich rund 32 Stunden mit rechtlichen sowie Compliance-Aufgaben, was die Wirtschaft jährlich etwa 61 Milliarden Euro kostet. Genau hier setzt das 2025 gegründete Start-up nu:legal an und hat am 27. Mai 2026 seine öffentliche Beta-Version gestartet.
Unterstützt wird das Vorhaben durch eine frische Finanzierungsrunde in Höhe von 1,3 Millionen Euro, die von Caesar Ventures angeführt wird. Carolin Gabor, Managing Partner bei Caesar Ventures, sieht in der Methodik ein klares Versprechen an den Markt: „Das Unternehmen verbindet die Erfahrung eines ehemaligen Freshfields-Teams mit KI-gestützter Technologie und anwaltlicher Prüfung, und könnte damit Rechtsprozesse im Mittelstand nachhaltig verändern“.
Vom LegalGPT-Erfolg zum eigenen Start-up
Hinter nu:legal steht Bork Morfaw, ein ehemaliger Anwalt der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields. Morfaw ist in der Szene kein Unbekannter: Er entwickelte zuvor das KI-Projekt „LegalGPT“, das nach Unternehmensangaben über 200.000 Nutzer verzeichnete. Aus diesem Proof of Concept zog er eine zentrale Lehre: Generische KI-Modelle stoßen bei Haftungs- und Transparenzfragen schnell an ihre Grenzen.
Morfaw benennt das Problem offener KI-Modelle deutlich: „Viele Unternehmen nutzen bereits KI-Systeme für rechtliche Fragestellungen. Für sensible juristische Aufgaben bleiben generische Modelle jedoch oft unzuverlässig, insbesondere dann, wenn sie mit großer Selbstsicherheit falsche Antworten liefern. Für Unternehmen entsteht dadurch ein reales Risiko.“ Anfang 2025 verließ er Freshfields, um sich voll auf nu:legal zu fokussieren.
Das Produkt und der regulatorische Burggraben
Statt das Rad im gesamten Rechtswesen neu erfinden zu wollen, wählt nu:legal einen spitzen Markteintritt. Die wichtigsten Eckdaten zum Launch:
- Zum Marktstart fokussiert sich die Plattform gezielt auf Arbeitsrecht und Datenschutz, da diese Bereiche für deutsche KMU die größten operativen Hürden darstellen.
- Nutzer*innen können Prozesse wie Arbeitsverträge, Kündigungen oder Auftragsverarbeitungsverträge über die Plattform abwickeln.
- Die Datenverarbeitung findet vollständig innerhalb der EU statt , um den Vorgaben der DSGVO und dem Berufsgeheimnisschutz (BRAO, § 203 StGB) gerecht zu werden.
Diese starke Ausrichtung auf die lokale Regulatorik sieht das Start-up als entscheidenden Abwehrmechanismus gegenüber internationalen Software-Riesen. „Recht ist extrem lokal“, betont Morfaw. „Man kann US-Produkte nicht einfach übersetzen und erwarten, dass sie deutsche Arbeitsgerichte oder europäische Datenschutzanforderungen zuverlässig verstehen.“
Unsere Einordnung
Das Geschäftsmodell von nu:legal – die Kombination aus intelligenter Automatisierung und einer transparenten menschlichen Prüfung – adressiert die aktuellen Schwächen von Large Language Models (LLMs) sehr clever. „Wir glauben nicht daran, Anwälte zu ersetzen“, lautet Morfaws Vision für das Hybrid-Modell. „Wir glauben daran, juristische Expertise mithilfe von Technologie skalierbar zu machen.“
Aus Investor*innen- und Skalierungssicht ist dieser „Expert-in-the-Loop“-Ansatz jedoch ein zweischneidiges Schwert. Was die rechtliche Haftung und das Kund*innenvertrauen sichert, ist gleichzeitig der größte potenzielle Flaschenhals des Unternehmens. Ein reines Software-as-a-Service-Modell (SaaS) besticht durch marginale Kosten bei der Skalierung. Sobald jedoch hochbezahlte, menschliche Jurist*innen die KI-Ergebnisse manuell prüfen müssen, sinken die Margen und das Wachstum wird an die Verfügbarkeit von juristischen Fachkräften gekoppelt.
Mit den eingesammelten 1,3 Millionen Euro hat nu:legal nun den nötigen Runway, um zu beweisen, dass die Automatisierungstiefe der KI hoch genug ist, um den teuren menschlichen Prüfaufwand auf ein Minimum zu reduzieren. Gelingt dies, könnte das Start-up langfristig tatsächlich eine neue europäische Legal-Infrastruktur aufbauen. Bleibt der manuelle Aufwand jedoch dauerhaft hoch, droht nu:legal, statt eines hochskalierbaren Tech-Unicorns eher eine digital aufgerüstete Boutique-Kanzlei zu werden. Der Startschuss fällt nun über ein kontrolliertes Waitlist-Modell auf nulegal.eu – der Markt wird genau hinsehen.
Marvelous Scito Fund: Neuer Impuls gegen das „Tal des Todes“
Ein neuer 20-Millionen-Euro-Fonds soll die schwierige Brücke vom Labor zur industriellen Fabrik schlagen. Doch reicht diese Summe für kapitalintensive Hardware überhaupt aus? Warum die Kooperation für Gründer*innen dennoch ein wichtiges Signal ist – und wo die strukturellen Haken liegen. Eine kritische Einordnung für die Start-up-Community.
Deutschland forscht unbestritten auf Weltklasseniveau. Wenn es jedoch darum geht, wissenschaftliche Durchbrüche in marktreife, skalierbare Industrieunternehmen zu verwandeln, verdorren viele Innovationen im sogenannten „Tal des Todes“. Oft scheitern DeepTech-Technologien nicht an ihrer Qualität, sondern am mangelnden Zugang zu passendem Wagniskapital. Klassische Venture-Capital-Fonds (VC) meiden die extreme Frühphase, da die technologischen, marktbezogenen und operativen Risiken kaum in herkömmliche Risiko-Rendite-Profile passen.
Genau in dieses Wespennest stechen nun die Berliner Investmentplattform Marvelous und die Hamburger Joachim Herz Stiftung (JHS). Mit dem neu aufgelegten Marvelous Scito Fund bringen sie ein Volumen von 20 Millionen Euro an den Start – mit der Stiftung als alleinigem Ankerinvestor.
Von der Theorie zur Praxis: Die hauseigene JHS-Studie
Dass die Joachim Herz Stiftung diesen Schritt geht, ist kein Zufall, sondern die konsequente Exekution eigener Erkenntnisse. Erst im Dezember 2025 veröffentlichte die Stiftung gemeinsam mit der UnternehmerTUM eine viel beachtete Studie zum Thema „Wachstumskapital für Deep-Tech Scaleups“. Das Kernergebnis dieser Untersuchung deckt sich präzise mit dem Ansatz des neuen Fonds: Bis 2030 droht im deutschen DeepTech-Segment eine jährliche Wachstumskapitallücke von rund zehn Milliarden Euro.
Mit dem Scito Fund geht die JHS nun von der theoretischen Analyse in die praktische Umsetzung über. Für die Stiftung schließt sich damit eine strategische Lücke in der hauseigenen Förderlandschaft: Während sie in der ganz frühen Phase bereits mit Initiativen wie dem „innovate! fund“ interdisziplinäre Forschungsteams mit bis zu einer Million Euro unterstützt, soll der neue Fonds nun dabei helfen, die kritischen Übergänge vom Labor zum Prototyp („Lab to Pilot“) und weiter zur industriellen Skalierung („Pilot to Scale“) abzusichern.
Die europäische Dimension: Ein Tropfen auf den heißen Stein?
Betrachtet man den breiteren Kontext, wird jedoch schnell die geldpolitische Krux des DeepTech-Standorts sichtbar. Das deutsche Wagniskapitalvolumen ist von 24,7 Milliarden US-Dollar (2021) auf magere 9,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 eingebrochen und dürfte sich Daten der JHS-Studie zufolge für 2025 auf nur noch rund 6,1 Milliarden US-Dollar einpendeln. Europaweit hat sich seit 2015 zudem ein „Later Stage Gap“ von astronomischen 375 Milliarden US-Dollar aufgestaut.
Vor diesem Hintergrund sind 20 Millionen Euro nüchtern betrachtet kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer DeepTech-Hardware im Bereich neuer Materialien oder Robotik skaliert, weiß, dass der Bau einer einzigen Pilotanlage oder Fabrik oft schon dreistellige Millionenbeträge verschlingt.
Der wahre Wert des Fonds liegt daher nicht in seiner absoluten Größe, sondern in seiner Funktion als Katalysator und Validierungsstempel. Wenn eine renommierte, langfristig orientierte Stiftung als Ankerinvestor vorangeht, signalisiert dies dem Markt Stabilität. Das Ziel muss es sein, über dieses Vehikel dringend benötigtes privates Co-Investment anzuziehen.
Das Netzwerk: Mehr als nur warmes Geld
Für Gründerinnen und Gründer ist bei der Auswahl eines VCs das Netzwerk oft entscheidender als die reine Summe auf dem Konto. Die Struktur der Investmentplattform unterscheidet sich vom klassischen, rein monetär getriebenen VC-Ansatz durch eine strikte Zweiteilung:
- Marvelous Capital: Verantwortet das reine Fondsmanagement und investiert über den Scito Fund sowie den hauseigenen Frühphasenfonds Marvelous Ventures.
- Marvelous Catalyst: Agiert als dezidierte operative Einheit. Sie soll die Start-ups praxisnah dabei begleiten, die Brücke zur Industrie zu schlagen – von der Marktvalidierung über die Pilotierung bis hin zu echten Abnahmeverträgen (Offtake-Agreements).
Der Realitätscheck für Gründer*innen: Sektoren und Ticketgrößen
Wer sollte den Fonds auf dem Schirm haben? Der Fokus liegt scharf eingegrenzt auf drei kapitalintensiven Feldern mit hoher gesellschaftlicher und ökologischer Relevanz:
- Advanced Materials (Fortschrittliche Materialien)
- Waste Valorization (Wertschöpfung aus Abfallströmen / Kreislaufwirtschaft)
- Robotics und Automatisierung
Da Marvelous in der Praxis typischerweise Investment-Tickets zwischen 250.000 Euro und 3 Millionen Euro anpeilt, wird der Scito Fund primär in der Pre-Seed-, Seed- und frühen Series-A-Phase agieren. Gründer*innen dürfen also nicht erwarten, dass Marvelous die gesamte Wachstumsreise bis zum Einhorn im Alleingang finanziert. Stattdessen holt man sich ein industriell vernetztes Team an Bord, das als Türöffner für nachfolgende, größere internationale Finanzierungsrunden dienen kann.
Fazit: Ein wichtiges Vorbild mit begrenzter Reichweite
Der Marvelous Scito Fund ist ein hochgradig spannendes Vorzeigeprojekt für das deutsche Innovationsökosystem. Er zeigt exemplarisch, wie gemeinnütziges Stiftungskapital, das von Natur aus einen langen Anlagehorizont besitzt, als moderner Innovationsmotor fungieren kann. Ulrich Müller, Finanzvorstand der JHS, stellt klar, dass man hierbei durchaus marktgerechte Renditen anstrebt, diese aber konsequent mit einer wirkungsorientierten Nachhaltigkeitsstrategie verbindet.
Für DeepTech-Start-ups in den genannten Fokussektoren ist die Nachricht ein echter Lichtblick. Dennoch bleibt die fundamentale Wahrheit bestehen: Für den finalen, globalen Roll-out großer Hardware-Innovationen werden Gründer*innen auch in Zukunft zwingend ein komplexes Finanzierungsmosaik aus staatlichen Geldern, strategischen Industriepartnern und internationalen Großfonds zusammensetzen müssen. Der Scito Fund ist dafür ein exzellentes Fundament – das teure Fabrikgebäude müssen die Gründer*innen aber nach wie vor selbst hochziehen.
Reichweite statt Risikokapital: Die neue YouTube-Show „The Green Deal“ im Check
Ein neues YouTube-Format verspricht grünen Start-ups den medialen Durchbruch. Doch anstelle von finanzkräftigen Investoren urteilt eine Jury aus bekannten Influencer*innen über die Geschäftsideen – und investiert statt Eigenkapital ihre Community. Ein cleverer Schachzug zur Senkung von Kundenakquisitionskosten oder nur modern inszeniertes Affiliate-Marketing?
Mit The Green Deal erscheint eine neue digitale Sendung auf YouTube, die an das Pitch-Konzept bekannter Gründer*innenshows erinnert, die Vorzeichen jedoch komplett umdreht. Entwickelt wurde das Format von der Berliner Produktionsfirma Quintus Studios. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt und fördert das Projekt mit rund 90.000 Euro.
Follower*innen-Power gegen Umsatzbeteiligung
Die erste Staffel umfasst laut Showrunner Philipp Lippert drei Folgen mit jeweils einer Länge von 45 bis 60 Minuten. Pro Folge stellen vier bis fünf Start-ups ihre Ideen einer rotierenden, dreiköpfigen Jury vor. Moderiert wird die Sendung von Magda Stefely, einer Österreicherin, die als Journalistin unter anderem für ARD und ZDF arbeitet.
Auf den Jury-Sesseln nehmen keine klassischen Venture-Capital-Geber (VCs) Platz, sondern populäre Gesichter der deutschsprachigen Social-Media-Landschaft. Dazu zählen unter anderem der Wissenschafts-Influencer Cedric Engels („Doktor Whatson“), die Standup-Komikerin Saskia Fröhlich, Schauspielerin und Podcasterin Marie Nasemann sowie der Politik-Influencer Alexander Prinz („Der dunkle Parabelritter“). Gemeinsam vereint die insgesamt achtköpfige Jury plattformübergreifend mehrere Millionen Zuschauer*innen.
Der entscheidende Unterschied zu traditionellen Pitch-Events liegt im Deal-Mechanismus: Die Influencer*innen unterstützen die jungen Firmen durch gemeinsame Veröffentlichungen in den sozialen Medien. Im Gegenzug erhalten sie eine prozentuale Beteiligung an dem durch diese Promotion ausgelösten Umsatz des Start-up-Produkts. Der Umfang dieser Partnerschaften – von wenigen Posts bis zu langfristigen Kooperationen – wird dabei frei verhandelt. Für Showrunner Lippert ist dieser Ansatz essenziell, da Reichweite in den sozialen Medien für Startups heutzutage ebenso wichtig sei wie finanzielle Investitionen.
Die Start-ups: B2C-Lösungen für den Alltag
Hinter dem Format steht auch ein industriepolitischer Gedanke. Laut DBU-Generalsekretär Alexander Bonde tragen grüne Start-ups erheblich zur Wirtschaftskraft der Branchen mit grünen Technologien bei. Seit 2010 steigerte dieser Sektor laut dem Green-Tech-Atlas 2025 des Umweltbundesamts seine Bruttowertschöpfung jährlich um rund fünf Prozent und stellt mehr als acht Prozent der Exporte.
Um die wirtschaftliche sowie ökologische Substanz zu sichern, wurden die teilnehmenden Start-ups im Vorfeld durch die Ecosign-Akademie für nachhaltiges Design und das Impact Hub Berlin auf Nachhaltigkeitskriterien und Geschäftsmodelltauglichkeit geprüft. Das Aufgebot der DBU-geförderten Unternehmen in der Show zeigt eine klare Fokussierung auf alltagsnahe Produkte:
- Das Start-up Phaeosynt aus Hannover präsentiert den ersten veganen Schwangerschaftstest. Dabei werden tierische Antikörper durch Alternativen auf Algenbasis ersetzt. Vertrieben wird dieses Produkt unter dem Namen „Hey Mela“.
- Fainin stellt eine digitale Plattform zum abgesicherten Verleihen, Vermieten und Teilen von Alltagsgegenständen in der Nachbarschaft vor, wie etwa Werkzeuge, Technik oder Fahrräder. Dies soll übermäßigen Konsum und die Entsorgung einsatztauglicher Hilfsmittel reduzieren.
- Ebenfalls vertreten ist das Berliner Unternehmen Moot, das massentaugliche Kleidung zu 100 Prozent aus entsorgten Textilien produziert.
Die zuständige DBU-Referentin Melanie Vogelpohl ordnet das Format als „Edutainment“ ein – eine Mischung aus Bildung und Unterhaltung. Mittels Influencer*innen und Format sollen neue Zielgruppen mit nachhaltigen Ideen begeistert und zum Umweltschutz motiviert werden.
Unsere Einordnung für das Start-up-Ökosystem
Aus Sicht von Gründer*innen wirft das Modell von „The Green Deal“ spannende strategische Fragen auf. Das Format als Investmentshow zu bezeichnen, ist aus klassischer Start-up-Perspektive mutig, denn betriebswirtschaftlich handelt es sich de facto um reichweitenstarke Performance-Marketing- bzw. Affiliate-Deals.
Margendruck statt Anteilsverwässerung: Der größte Vorteil für Gründer*innen ist der Schutz des eigenen Cap Tables. Es müssen keine Unternehmensanteile abgegeben werden. Allerdings tauschen die Start-ups diesen Vorteil gegen den direkten Verlust von Marge ein. Besonders im D2C-Hardware- und Textilbereich sind die Margen oft stark limitiert. Ein prozentualer Revenue-Share an prominente Creator kann die Stückkostenrechnung (Unit Economics) belasten.
Reichweite finanziert keine Maschinen: Das Konzept geht für Consumer-Brands (B2C) mit bestehenden Produkten hervorragend auf. Für tiefgreifendes, forschungsintensives DeepTech oder B2B-GreenTech greift es jedoch womöglich zu kurz. Wenn ein Start-up eine Pilotanlage bauen muss, hilft mediale Aufmerksamkeit allein nicht weiter. Hierfür wird klassisches Risikokapital benötigt.
Langfristiger Markenaufbau vs. Hype: Die Zusammenarbeit bindet die Start-up-Marke stark an die persönliche Reputation der jeweiligen Content Creator. Gleichzeitig bietet die enge Bindung die Chance, eine loyale, wertegetriebene Community aufzubauen – ein Asset, das für nachhaltige Geschäftsmodelle enorm wertvoll ist.
Fazit
„The Green Deal“ füllt eine wichtige Lücke im Marketing-Mix nachhaltiger Start-ups. Es ist ein intelligentes Matchmaking-Format für frühphasige B2C-Unternehmen. Gründer*innen sollten das Format jedoch als das betrachten, was es im Kern ist: Ein innovativer Vertriebs- und PR-Kanal – aber kein Ersatz für klassisches Risikokapital bei hohen Infrastruktur-Kosten.
