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Sedivention: MedTech-Start-up erhält 800.000 € Pre-Seed-Finanzierung
Das 2021 von Dr. Ute Nollert, Dr.-Ing. Andreas Bröcker und André Burch gegründete MedTech-Start-up entwickelt ein Device für eine einmalige, minimal invasive Therapie der Fettleibigkeit (Adipositas). Mit dem neuen Kapital sollen die ersten präklinischen Studien sowie die Produktentwicklung vorangetrieben werden.
Adipositas: 2030 sind 1,5 Milliarden Menschen betroffen
Fettleibigkeit mit ihren Folgeerkrankungen verursacht schon heute 3,7 Millionen Todesfälle pro Jahr und nimmt weltweit rasch zu. Nach neuesten Schätzungen wird die Krankheit im Jahr 2030 1,5 Milliarden Menschen betreffen. Die Ursachen sind vielfältig: Bewegungsmangel kombiniert mit hochkalorischer Ernährung, genetische und psychische Faktoren, Schlafmangel und Stress. Ab einem gewissen Punkt leiden alle adipösen Menschen an einer Regulationsstörung des Hunger-Sättigungsgefühls. Die Rückkopplung zwischen Nahrungsaufnahme und Sättigung funktioniert nicht mehr und es kommt, wie ein Betroffener es ausdrückte, zu einer „sklavischen Abhängigkeit vom Essen“. An dieser Regulationsstörung ist der Vagusnerv maßgeblich beteiligt.
Sedivention: Kostengünstige, ambulante Therapie mit hoher Wirkungskraft
Sedivention entwickelt einen Kryo-Katheter, der die Magenäste des Vagusnervs innerhalb von Minuten verödet. Die Intervention kann ähnlich einer Magenspiegelung ambulant durchgeführt werden – als einmalige und minimal invasive Maßnahme. Die neue, innovative und kostengünstige Methode wird zudem positive Auswirkungen auf die Folgeerkrankungen der Fettleibigkeit wie Diabetes und Hypertonus (Bluthochdruck) haben.
Dr. Ute Nollert, Mitgründerin von Sedivention, sagt: „Adipositas ist nicht eine Folge von Disziplinlosigkeit, sondern eine eigenständige Erkrankung. Wir helfen Menschen beim Abnehmen. Ohne Operation, ohne Implantat, ohne lebenslange Medikamenteneinnahme.“
Ein Prototyp wurde bereits entwickelt und bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit erfolgreich getestet. Mit dem eingeworbenen Kapital – es stammt vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) – wird Sedivention die Produktentwicklung vorantreiben.
Dr. Jan Engels, Investment Manager beim HTGF, kommentiert: „Wir sind überzeugt von der Idee und dem Ansatz der neuartigen Therapie von Sedivention und freuen uns, das Unternehmen in seinen nächsten Schritten begleiten zu dürfen.“
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Zelara sammelt 3 Mio. Euro ein: KI-Start-up fordert den etablierten CRM-Markt heraus
Das 2025 gegründete Berliner Start-up bläst zum Angriff auf den Status quo im Lifecycle Marketing. Mit einer Finanzierungsspritze von drei Millionen Euro will Zelara statisches, regelbasiertes Kampagnenmanagement durch lernende KI ersetzen. Die von der Risikokapitalgesellschaft NAP angeführte Pre-Seed-Runde – mit Beteiligung von Heartfelt und Angel Invest – soll die technologische Basis für das anvisierte Wachstum legen. Doch reicht ein kluges KI-Layer-Konzept, um im hart umkämpften Haifischbecken der CRM-Giganten zu bestehen?
Das starke Fundament von Zelara ruht primär auf dem Profil seiner beiden Macher. Das in Berlin ansässige Start-up wurde von Nikolas Schriefer und Björn Heckel gegründet. Die Motivation zur Gründung entsprang einer branchenbekannten Frustration: Trotz hoher Investitionen in Marketingtechnologien bleibt die Kundenkommunikation in vielen Unternehmen statisch, regelbasiert und weitgehend lernresistent. Beide Gründer bringen tiefgreifende operative Erfahrung in den Markt ein. Björn Heckel verantwortete mehr als zwei Jahrzehnte lang den Aufbau von Kundenbindungs- und Personalisierungssystemen bei Tech-Riesen wie Uber, HelloFresh und Salesforce. Nikolas Schriefer bringt neben seiner Erfahrung als Leiter von KI-Initiativen bei HelloFresh auch das strategische Wissen aus der Gründung und dem Verkauf eines eigenen AdTech-Unternehmens mit.
Das KI-Layer: Anflanschen statt Austauschen
Technologisch verfolgt Zelara einen pragmatischen Integrationsansatz für den Enterprise-Markt. Die Plattform versteht sich nicht als Ersatz für etablierte CRM-Systeme, sondern positioniert sich als ergänzende Intelligenzschicht. Unternehmen müssen demnach weder ihren bestehenden CRM-Stack austauschen noch aufwendige Anpassungen an der Customer Journey vornehmen. Anstatt mit groben Segmenten zu arbeiten, ermittelt Zelara nach eigenen Angaben kontinuierlich die passende Botschaft, den optimalen Kanal und den idealen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden. Während Marketingteams lediglich die groben Rahmenbedingungen vorgeben, übernimmt die Software die operative Aussteuerung.
Der zentrale Wettbewerbsvorteil liegt dabei im fortlaufenden maschinellen Lernen: Jede Interaktion fließt in einen geschlossenen Lernkreislauf ein, der die Zielgenauigkeit der Plattform kontinuierlich optimieren soll. Ein erster prominenter Anwendungsfall untermauert das Versprechen: Bei einer führenden europäischen Neobank konnte die Software die Kundenreaktivierung laut Unternehmensangaben um 66 Prozent steigern. Die neu eingeworbenen drei Millionen Euro fließen nun maßgeblich in die technologische Weiterentwicklung der Plattform und den Aufbau weiterer Partnerschaften mit B2C-Unternehmen.
Im Becken der Tech-Haie
Der Markt für Customer Engagement und Marketing-Automatisierung gehört zu den am stärksten konsolidierten Softwaremärkten weltweit. Zelara betritt hier kein unberührtes Gewässer, sondern ein echtes Haifischbecken. Das Start-up konkurriert auf der einen Seite mit etablierten Giganten wie Salesforce, Adobe oder SAP, die die Budgets der großen B2C-Konzerne beherrschen und derzeit selbst massiv in KI-Optimierungen investieren. Auf der anderen Seite haben sich agile Engagement-Spezialisten wie Braze oder Klaviyo in den letzten Jahren rasant entwickelt. Sie bieten bereits tief integrierte, hyperpersonalisierbare Marketing-Pipelines und dominieren weite Teile des innovativeren B2C-Marktes.
Genialer Schachzug oder riskante Wette?
Für den Beobachter im Start-up-Ökosystem ergibt sich bei Zelara ein hochspannendes, aber auch risikobehaftetes Gesamtbild. Das junge Unternehmen punktet zweifellos mit einem exzellenten Gründer-Markt-Fit. Wer über zwanzig Jahre lang bei Größen wie Salesforce und Uber die Schwächen großer Engagement-Systeme aus nächster Nähe analysiert hat, kennt den Schmerz der Marketing-Verantwortlichen genau. Zudem ist die Markteintrittsstrategie klug: Indem Zelara lediglich als aufsetzendes Add-on auftritt, ohne den Austausch der bestehenden IT-Infrastruktur zu erzwingen, sinkt die Wechselbarriere für Unternehmenskunden drastisch.
Dennoch gibt es strategische Hürden, die das Team überwinden muss. Da Zelara als zusätzliche Schicht auf bestehenden Systemen fungiert, ist das Startup zwingend auf saubere Daten und reibungslose Schnittstellen auf Kundenseite angewiesen. Zudem erfordert der Vertrieb eines solchen Tools das Vertrauen von Marketing und IT gleichermaßen. Die damit einhergehenden langen B2B-Sales-Zyklen führen gerade in der kritischen Skalierungsphase oft zu hohem Kapitalbedarf. Auch der Einsatz von maschinellem Lernen auf Basis individueller Nutzerinteraktionen erfordert im europäischen Markt höchste Sensibilität hinsichtlich des Datenschutzes. Zelara muss der Industrie beweisen, dass die versprochene vollumfängliche Hyperpersonalisierung datenschutzkonform und skalierbar betrieben werden kann.
Fazit: Das Gegengift für explodierende Marketingkosten
Zelara adressiert ein echtes Schmerzthema der Industrie, nämlich den unrentablen Streuverlust im Bestandskundenmarketing. In Zeiten, in denen die Kosten für die Neukundengewinnung explodieren, wird die intelligente Nutzung von First-Party-Daten zum überlebenswichtigen strategischen Vorteil für Marken. Das passgenaue Werkzeug dafür haben Schriefer und Heckel nun gebaut. Gelingt es dem Berliner Team, reibungslose Integrationen sicherzustellen und die langen Verkaufszyklen erfolgreich zu überbrücken, hat Zelara das Zeug dazu, sich als treibende Kraft im europäischen Marketing-Tech-Sektor zu etablieren.
ClimateTech Seqana sichert sich 3,2 Mio. Euro
Das 2020 von Stefan Gönner und Julian Ekelhof gegründete Berliner Start-up Seqana wertet Satellitendaten per KI aus, um die Bodengesundheit massentauglich messbar zu machen. Bislang lag der Fokus der Branche stark auf dem volatilen Markt für CO2-Zertifikate. Mit dem frischem Kapital zielen die Hauptstädter nun verstärkt auf das Lieferketten-Risikomanagement großer Agrarkonzerne. Ein strategischer Schritt in einem volatilen Marktumfeld – und ein technologischer Balanceakt.
Die Landwirtschaft steht vor einem fundamentalen Problem: Mehr als 60 Prozent der europäischen Böden gelten laut EU-Kommission als ungesund; die Bodendegradation verursacht in Europa jährliche Kosten von schätzungsweise 50 Milliarden Euro. Gleichzeitig sind gesunde Böden die größte terrestrische Kohlenstoffsenke der Welt. Das Problem war bisher die ökonomische Messbarkeit: Wer herausfinden wollte, wie viel CO2 ein Acker tatsächlich speichert, musste aufwendige und teure physische Bodenproben nehmen.
Genau dieses Nadelöhr adressiert Seqana. Das 2020 von Stefan Gönner und Julian Ekelhof in Berlin gegründete Start-up entwickelt sogenanntes „Digital MRV“ (Monitoring, Reporting and Verification). Das Versprechen: Durch die Kombination von Erdbeobachtungs-Satelliten, Machine-Learning-Algorithmen und punktuellen Vor-Ort-Daten lassen sich digitale Bodenkarten und Kohlenstoffgehalte großflächig und zu einem Bruchteil der bisherigen Laborkosten erstellen. Bislang hat das Unternehmen so nach eigenen Angaben bereits mehrere Millionen Hektar analysiert.
3,2 Millionen Euro für den Ausbau der Indikatoren
Dass dieser Ansatz Investoren überzeugt, zeigt die aktuelle Finanzierungsrunde. Seqana sichert sich 3,2 Millionen Euro in einer Mischung aus Eigen- und Fremdkapital. Angeführt wird die Runde vom Amsterdamer Impact-VC Pymwymic, der schwerpunktmäßig in Präzisionslandwirtschaft investiert. Auch die Bestandsinvestoren HTGF und der britische Climate-VC Counteract ziehen erneut mit. Flankiert wird das Venture Capital durch ein Start-up-Darlehen der Landwirtschaftlichen Rentenbank; zudem wurde Seqana in der Vergangenheit durch die Europäische Weltraumorganisation (ESA) gefördert.
Das frische Kapital markiert jedoch auch eine inhaltliche Weiterentwicklung. War das Geschäftsmodell bisher primär auf den reinen Kohlenstoffgehalt für den freiwilligen Kohlenstoffmarkt (Voluntary Carbon Market, VCM) zugeschnitten, rückt nun die ganzheitliche Bodengesundheit in den Fokus. Seqana will künftig weitere Indikatoren messbar machen, die für Ertragsstabilität und Produktqualität entscheidend sind.
Lieferketten-Resilienz statt reines Offsetting
Dieser Schwenk ist strategisch nachvollziehbar. Der globale Markt für freiwillige CO2-Zertifikate stand in der jüngeren Vergangenheit wegen methodischer Schwächen bei einigen Offsetting-Projekten wiederholt in der Kritik. Gleichzeitig erkennen Lebensmittel- und Agrarkonzerne, dass degradierte Böden ein handfestes wirtschaftliches Risiko für ihre eigenen Lieferketten (Scope 3) darstellen.
Seqana verweist hierzu auf Daten der europäischen Dürreperiode 2023: In Frankreich verzeichneten Betriebe mit fortschrittlichen regenerativen Anbaumethoden lediglich Ertragseinbußen von 8 Prozent, während konventionell wirtschaftende Betriebe Verluste von 22 Prozent hinnehmen mussten. Kunden wie Danone, Bayer oder die Agrar-Plattformen Klim und eAgronom nutzen Seqanas Daten daher zunehmend, um die Klimaresilienz ihrer globalen Zulieferstrukturen zu bewerten und Absicherungsstrategien zu priorisieren.
Die Grenzen des Satelliten-Blicks
Dennoch muss sich die Technologie einer harten physikalischen Realität stellen: Satelliten „sehen“ via Fernerkundung primär die oberste Erdschicht und funktionieren zudem am besten bei unbedecktem Boden. Nachhaltige, regenerative Landwirtschaft setzt jedoch paradoxerweise genau auf das Gegenteil: eine ständige Bodenbedeckung durch Zwischenfrüchte, um den Boden zu schützen. Die Algorithmen müssen also von der sichtbaren Oberfläche präzise auf das gesamte Bodenvolumen extrapolieren. Das erfordert eine kontinuierliche Kalibrierung durch lokale Referenzdaten (Ground-Truthing), um statistische Unschärfen zu minimieren.
In diesem regulatorisch anspruchsvollen Umfeld hat sich Seqana allerdings frühzeitig positioniert: Das Start-up agierte als Mitautor der „VM0042 v3“-Methodik des Zertifizierers Verra sowie der SOC Model Guidelines des Gold Standard. Die fundierte Kenntnis dieser globalen Standards dürfte den Berlinern im Vertrieb einen spürbaren Vertrauens- und Zeitvorteil gegenüber Neueinsteigern verschaffen.
Markt &Wettbewerb
Der Markt für digitale Agrar- und Bodendaten ist dennoch stark umkämpft und vor allem in den USA extrem kapitalstark besetzt.
- Der globale Vorreiter ist das US-amerikanisch-australische Start-up Regrow Ag, das mit einem Funding von knapp 100 Millionen US-Dollar bereits Branchenriesen wie Kellogg's und Cargill bedient.
- Weitere Wettbewerber sind US-Player wie Perennial (ehemals Cloud Agronomics) sowie europäische Mitstreiter wie Agreena (Dänemark), die wiederum stark auf den integrierten Zertifikate-Handel setzen.
Unser Fazit
Seqana zeigt mit dem aktuellen Funding, dass es dem Gründerteam gelungen ist, eine komplexe wissenschaftliche Nische in ein skalierbares B2B-Datenprodukt zu übersetzen. Die Berliner haben erkannt, dass die langfristige Wertschöpfung nicht allein im volatilen Handel mit CO2-Zertifikaten liegt, sondern in der Rolle des geschäftskritischen Daten-Providers für die agrarische Lieferkette. „Über Kohlenstoff hat der Markt erstmals gelernt, dem Boden einen wirtschaftlichen Wert zuzuschreiben“, fasst Mitgründer und CEO Stefan Gönner zusammen. Mit dem neuen Kapital muss das Team nun den Beweis antreten, dass seine Machine-Learning-Modelle auch auf globaler Skala und in unterschiedlichsten Klimazonen robust genug sind, um als verlässlicher Risikostandard für die globale Nahrungsmittelindustrie zu dienen.
Der Kakaoschock und die Bohnen-Lösung: Oyster Bay feiert Millionen-Exit mit Nukoko
Der Hamburger Impact-Investor Oyster Bay Venture Capital verkauft das britische Start-up Nukoko an den globalen Zutatenriesen Döhler. Warum dieser Deal für die europäische Food-Tech-Szene ein Meilenstein ist – und wieso die kakaofreie Schokolade nun vor dem finalen Härtetest steht.
Die europäische Food-Tech-Branche hat einen neuen Vorzeige-Deal: Der auf Food- und AgriTech spezialisierte Hamburger Investor Oyster Bay Venture Capital (unter anderem bekannt durch frühe Investments in Oatly und Air Up) hat einen erfolgreichen Exit verkündet. Das britische Portfolio-Unternehmen Nukoko, Entwickler der weltweit ersten „Bean-to-Bar“-Schokoladenalternative auf Basis von Ackerbohnen, wird vom global agierenden Zutatenhersteller Döhler übernommen. Über die finanziellen Details der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart.
Für Oyster Bay markiert der Deal den ersten erfolgreichen Verkauf aus dem erst vor acht Monaten geschlossenen, über 100 Millionen Euro schweren zweiten Fonds. „Für uns ist der erfolgreiche Exit von Nukoko ein herausragendes Beispiel dafür, wie europäische Food-Tech-Innovationen globale Herausforderungen lösen können“, erklärt Philip Stark, Principal von Oyster Bay Venture Capital. Doch jenseits der üblichen PR-Rhetorik offenbart der Deal einen tiefgreifenden Strukturwandel im Markt für Süßwaren. Zeit für eine fundierte Einordnung für Gründer und Investoren.
Der Markt: Warum Kakao zum Krisenrohstoff mutiert
Die traditionelle Schokoladenindustrie steht massiv unter Druck. Drastische Ernteausfälle in Westafrika – bedingt durch extreme Wetterphänomene und Pflanzenkrankheiten – ließen die Kakaopreise an den Rohstoffbörsen in den letzten zwei Jahren zeitweise auf historische Rekordhöhen explodieren. Hinzu kommt ein verschärftes regulatorisches Umfeld in Europa: Die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) zwingt Konzerne zu lückenlosen Nachweisen, dass für ihre Produkte keine Wälder gerodet wurden – in kleinteiligen afrikanischen Kooperativen ein administrativer Kraftakt.
Das Zeitfenster für „Alt-Choc“ (Alternative Schokolade) steht damit weit offen. Startups, die den Geschmack, das Schmelzverhalten und die Textur von Schokolade ohne Kakaobasis replizieren können, rennen in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Lebensmittelkonzerne offene Türen ein. Neuartige Rohstofflösungen sind längst kein reines Nachhaltigkeits-Gadget mehr, sondern eine Frage der wirtschaftlichen Resilienz.
Das Geschäftsmodell: Als „Intel Inside“ in die industrielle Skalierung
Nukoko, 2022 unter anderem vom Pflanzenbiologen Prof. David Salt gegründet, nutzt einen geschützten Fermentationsprozess, um heimische Ackerbohnen in eine geschmackliche Schokoladenalternative zu verwandeln. Die strategischen Vorteile: Ackerbohnen (Faba Beans) können kostengünstig und stabil in Europa angebaut werden, was Lieferketten verkürzt und das Abholzungsrisiko eliminiert. Zudem punktet das Endprodukt mit einem vorteilhaften Nährwertprofil und erlaubt zuckerreduzierte Rezepturen.
Dennoch standen die Briten vor der klassischen Sollbruchstelle junger DeepFood-Tech-Unternehmen: dem kapitalintensiven Sprung von der Pilotphase in die industrielle Massenproduktion (CapEx). Genau an dieser Schnittstelle greift das strategische Kalkül der Übernahme durch Döhler. Als internationaler Gigant im Bereich technologiebasierter Zutaten-Systeme verfügt Döhler über die nötigen globalen Produktionskapazitäten und Vertriebskanäle. Für Nukoko bedeutet dies den sofortigen Zugriff auf weltweite Skaleneffekte. Statt mühsam und teuer eine eigene Consumer-Brand im Einzelhandel aufzubauen, etabliert sich das Start-up als funktionale B2B-Zutat – quasi als das „Intel Inside“ für die Süßwarenindustrie der nächsten Dekade.
Die drei Hürden der Kakaofreiheit
Trotz des Exit-Erfolgs ist das Segment kein Selbstläufer. Wer den Markt erobern will, muss drei zentrale Herausforderungen lösen:
- Die Kennzeichnungshürde: In der Europäischen Union ist der Begriff „Schokolade“ über die Kakaoverordnung streng geschützt. Da Nukoko ohne Kakaobestandteile auskommt, müssen Hersteller*innen auf Bezeichnungen wie „kakaofreier Überzug“ oder „Süßware nach Schokoladenart“ ausweichen. Das erfordert erhebliche Aufklärungsarbeit am Point of Sale.
- Die Preisparität: Obwohl die Ackerbohne als agrarischer Rohstoff günstig ist, sind die biotechnologischen Fermentations- und Verarbeitungsschritte hochkomplex. Um im Massenmarkt konventionelle Schokolade zu verdrängen, müssen die Produktionskosten pro Tonne drastisch sinken. Ob Döhler diesen Skaleneffekt schnell genug erzwingen kann, bleibt abzuwarten.
- Die sensorische Akzeptanz: Die Geschichte der pflanzlichen Fleisch- und Milchalternativen zeigt: Sobald Konsument*innen geschmackliche Kompromisse eingehen müssen, bricht die Wiederkaufsrate ein. Nukoko muss den Beweis erbringen, dass die „Ackerbohnen-Illusion“ auch im industriellen Großmaßstab das anspruchsvolle Schmelzverhalten echter Kakaobutter im Mund imitiert.
Wettbewerber-Check: Wer dominiert den Markt?
Der Exit von Nukoko bringt zusätzliche Dynamik in ein hochkompetitives Marktumfeld, in dem auch deutsche Pioniere bereits eine dominierende Rolle spielen. Ein prominentes Beispiel ist das Münchner Start-up Planet A Foods. Die Gründergeschwister Max und Sara Marquart setzen bei ihrer Kakaoalternative auf die Fermentation von Hafer und Sonnenblumenkernen. Mit großem Erfolg: Ihre Ingredient-Marke ChoViva gilt derzeit als absoluter Platzhirsch im DACH-Raum und ist bereits fest in bekannte Großprodukte wie Nestlés Choco Crossies, im Sortiment von Griesson sowie in diversen REWE-Eigenmarken integriert. Das Münchner Unternehmen fokussiert sich dabei stark auf eine sichtbare B2B2C-Markenstrategie und tritt durch offensives Co-Branding auf den Verpackungen direkt mit den Endkonsumenten in Kontakt.
Ebenfalls um Marktanteile kämpft das Londoner Start-up WNWN Food Labs, das für seine Schokoladenalternative auf eine technologische Basis aus Gerste und Johannisbrot vertraut. Während das britische Unternehmen in der Vergangenheit vor allem durch PR-wirksame, limitierte Direct-to-Consumer-Testläufe viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, forciert es nun ebenfalls eine strategische Neuausrichtung und baut seine lukrativen B2B-Partnerschaften mit der Industrie weiter aus.
Fazit & Takeaways für die StartingUp-Community
Der Deal zwischen Oyster Bay, Nukoko und Döhler liefert wertvolle Learnings für die europäische Startup-Szene:
- B2B schlägt D2C im FoodTech: Die Ära, in der Risikokapitalgeber unbegrenzt Millionen in den Aufbau neuer, kapitalintensiver Consumer-Lebensmittelmarken gepumpt haben, ist vorerst vorbei. Gefragt sind Enabler: Start-ups, die als Zulieferer existenzielle Probleme der Industrie (Lieferkettensicherheit, CO2-Reduktion, Rohstoffknappheit) lösen.
- Frühzeitige Kooperation mit Corporates: DeepFood-Tech ist zutiefst hardwaregetrieben. Die Allianz mit einem etablierten Industrie-Schwergewicht löst das größte Wachstumsproblem junger Tech-Unternehmen: den extrem teuren Bau eigener Großanlagen.
- Fokus auf heimische Rohstoff-Resilienz: Die Nutzung europäischer Agrarprodukte (wie Ackerbohnen oder Hafer) trifft den Nerv von Impact-Investoren. Start-ups, die sich von volatilen, geopolitisch anfälligen globalen Lieferketten entkoppeln, sichern sich einen fundamentalen Wettbewerbsvorteil.
Gründer der Woche: DYNO – für mehr Rentenansprüche
Altersarmut steigt, die betriebliche Altersvorsorge schwächelt. DYNO will das System umkrempeln – komplett digital und provisionsfrei. Wir haben bei Co-Founder Marc Karkossa nachgehakt.
In Deutschland haben mehr als 34 Millionen Menschen Anspruch auf eine betriebliche Altersvorsorge (bAV). Doch nur rund 18 Millionen zahlen tatsächlich ein – oft, ohne zu wissen, was am Ende für sie herausspringt. Die Gründe dafür sind tief in der Branche verwurzelt: Hohe Kosten, versteckte Provisionen und Intransparenz sind seit Jahrzehnten Standard. Das Offenburger Start-up DYNO tritt an, um genau dieses Problem zu lösen.
Mit einem 2,5-Millionen-Euro-Investment im Rücken und namhaften B2B-Kund*innen wie Freeletics, Schöffel und Quantum Systems verspricht das Unternehmen ein komplett digitales und provisionsfreies Modell. Der Anspruch: Arbeitnehmer*innen sollen durch den Zinseszinseffekt bis zu 150.000 Euro mehr Rentenansprüche aufbauen können. Doch wie skaliert man mit solch einem Versprechen in einem hochregulierten Markt gegen die etablierten Platzhirsche? Wir haben mit Mitgründer Marc Karkossa über das Aufbrechen alter Strukturen, ehrgeizige Ziele und die Zukunft der Rente gesprochen.
Das Interview
Wo steht der deutsche bAV-Markt heute wirklich und warum hat es erst externe Gründer gebraucht, um die Digitalisierung und Transparenz in dieser Branche ernsthaft anzustoßen?
Marc Karkossa: Der Markt ist zweigeteilt. Es gibt bAV-Modelle in Großkonzernen, die aufgrund vorhandener Ressourcen und Kompetenzen ordentliche Teilnahmequoten in der Belegschaft erzielen. Häufig gibt es hier auch arbeitgeberfinanzierte Modelle. Der Teil, der nicht erreicht wird – und wenn, dann häufig mit schlechten bAV‑Produkten –, sind kleine und mittelständische Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeitenden. Hier muss sich etwas ändern. Ich würde uns jedoch nicht als externe Gründer bezeichnen. Ich habe meine Ausbildung bei der AXA gemacht und war dann sechs Jahre lang in der familieneigenen Vermittlungsagentur tätig, zuletzt als Prokurist. Nur jemand, der das System von innen kennt, kann es grundlegend verändern.
Ich habe erlebt, wie Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einen vom Staat geförderten und vom Arbeitgeber unterstützten bAV‑Vertrag gespart haben, am Ende weniger Geld zur Verfügung hatten, als sie eingezahlt haben. Das System habe ich als zutiefst unfair empfunden: Provisionen, undurchsichtige Verwaltungskosten, starre Anlagemöglichkeiten mit zu hoher Garantie, Nullrendite. Das sind alles keine Einzelfälle, sondern die Regel. Dass man das anders machen kann, habe ich schnell verstanden. Es geht um einen kleinen, aber wichtigen Perspektivwechsel: Wir arbeiten für die Sparer*innen, nicht für Provisionen oder die Incentive-Reisen nach Dubai für die besten Verkäufer.
Ihr werft dieses System aus Intransparenz und Maklerprovisionen über den Haufen. Wie schwer war dieser Bruch für dich persönlich und wie stark ist der Gegenwind aus der etablierten Versicherungsbranche?
Marc Karkossa: Der Bruch war nie das Schwere. Im Gegenteil: Schwer war, das Problem zu sehen und nichts zu tun. Menschen zahlen jahrelang ein und am Ende ist weniger Geld da, als eingezahlt wurde – und das bei 2,37 Prozent Durchschnittsrendite. Das ist kein Pech, das ist ein Konstruktionsfehler. Ab da fühlt sich der Schritt nicht wie Rebellion an, sondern wie das Naheliegende.
Und ich korrigiere das Bild: Wir werfen nicht die Branche über den Haufen, sondern ein Geschäftsmodell. Wir arbeiten auch mit Versicherern zusammen und sind Teil der Infrastruktur, kein Gegner. Gegenwind gibt es, aber selten offen. Der Widerstand ist Trägheit – und er kommt von dort, wo sich Menschen bedroht fühlen. Viele in der Branche sehen es im Stillen genauso. Und die Regulierung bewegt sich ohnehin in diese Richtung. Wir sind nicht gegen das System. Wir stehen nur schon da, wo der Markt in fünf Jahren stehen wird.
Eines eurer stärksten Verkaufsargumente ist der Rentenvorteil für die Nutzer*innen: Durch eingesparte Provisionen, Honorare und Betreuungskosten sollen laut euren Berechnungen bis zu 150.000 Euro mehr Rente für die Arbeitnehmer*innen herausspringen. Da bohrt der Redakteur natürlich nach: Wenn ihr komplett auf Abschluss- und Maklerprovisionen verzichtet, wie genau refinanziert sich DYNO dann? Wo liegt euer B2B-Monetarisierungshebel?
Marc Karkossa: Die Antwort ist eigentlich banal: Wir sind eine B2B-Tech-Plattform. Unternehmen zahlen uns eine monatliche Lizenzgebühr für die Nutzung von DYNO – für die HR-Automatisierung, das Echtzeit-Dashboard, die digitale Verwaltung aller bAV-Verträge. Was das für Arbeitnehmer*innen bedeutet: Das eingezahlte Kapital arbeitet vom ersten Euro an für sie. Genau darin steckt der 150.000-Euro-Unterschied über eine durchschnittliche Erwerbsbiografie. Natürlich können es auch weniger als 150.000 Euro oder auch mehr sein. Das Provisionssystem hat über Jahrzehnte funktioniert, weil Intransparenz das Geschäftsmodell war. Unseres funktioniert, weil Transparenz das Geschäftsmodell ist.
Bisher konntet ihr über 600 Unternehmen als Kund*innen gewinnen. Für HR-Abteilungen ist die Verwaltung der bAV oft ein administrativer Albtraum. Wie überzeugt ihr klassische, teils mittelständische Unternehmen davon, ihre bewährten – wenn auch oft analogen – Prozesse an ein junges Start-up auszulagern?
Marc Karkossa: Die Frage ist berechtigt. Ein junges Unternehmen, das ein System anfasst, das seit 30 Jahren so funktioniert? Aber das Argument dreht sich eigentlich um: Wir erleichtern HR die Arbeit, wir machen sie nicht abhängig von uns. Unser Fokus liegt auf kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie schnell wachsenden Organisationen, die moderne HR-Strukturen skalierbar, rechtssicher und einfach zu administrieren aufbauen wollen. Was uns das Vertrauen bringt: Wir verdienen kein Geld über Produktprovisionen, sondern ausschließlich über die Software. Unsere Interessen sind damit mit denen des Unternehmens und der Belegschaft aligned, nicht mit denen eines Vermittlers oder Versicherers. Wenn Entscheider sehen, was ihre HR-Abteilung heute für bAV-Verwaltung aufwendet und was danach übrig bleibt, ist die Frage meistens beantwortet. Bei DYNO läuft alles digital: Vertragsänderungen, Onboarding neuer Mitarbeitender, Reporting, alles zentral und ohne Papierkram.
Die Altersvorsorge ist ein hochsensibler und streng regulierter Bereich. Wenn ihr den klassischen Versicherungsmakler ausschaltet und die Prozesse vollständig digitalisiert: Wie löst ihr das Thema Haftung und BaFin-Regulierung? Wenn Arbeitnehmer*innen am Ende falsch entscheiden oder sich schlecht beraten fühlen – wer trägt bei eurem Ansatz das rechtliche Risiko?
Marc Karkossa: Unsere komplette User-Journey auf Arbeitnehmerseite ist so gebaut, dass sie alle rechtlichen Anforderungen erfüllt – dokumentiert, nachvollziehbar. Und genau das ist auch eine Stärke der Digitalisierung: Ein digitaler Prozess senkt den Standard nicht, er hebt ihn. Und: DYNO hält eine eigene Maklerlizenz; ohne die lässt sich bAV mit Versicherungsunternehmen gar nicht managen.
Die Zahlen, die ihr kommuniziert, sind ambitioniert: 2025 wurden über die Plattform 100 Millionen Euro vertraglich vereinbarte Beiträge aktiviert. Bis Mitte 2026 wollt ihr bereits rund 400 Millionen Euro an Rentenansprüchen aufgebaut haben. Welche konkreten vertrieblichen oder technologischen Hebel nutzt ihr, um diese Vervierfachung in einem so kurzen Zeitraum zu realisieren?
Marc Karkossa: Wir bauen konsequent das, was der Mittelstand braucht, bleiben unserer provisionsfreien, digitalen DNA treu und haben eine Technologie, die von Grund auf skaliert – so könnten wir bereits jetzt täglich hunderte Unternehmen onboarden.
Spätestens seit dem Beschluss der Betriebsrentenreform (BRSG II) gewinnt die bAV politisch und gesellschaftlich wieder massiv an Relevanz – auch, weil die gesetzliche Rente oft nicht mehr reicht. Wird die rein digitale, Do-it-yourself-Vorsorge in fünf Jahren der absolute Standard sein, oder glaubst du, dass die klassische persönliche Beratung bei Finanzthemen weiterhin eine Daseinsberechtigung hat?
Marc Karkossa: Es ist kein Entweder-oder – es kommt auf das individuelle Bedürfnis an. Manche wollen es selbst managen, schnell und online. Andere wollen einen Menschen, gerade wenn die Märkte mal wackeln. Beide sollten dasselbe bekommen: ein renditestarkes Top-Produkt – egal ob vollständig digital oder im Videocall. Der Standard in fünf Jahren ist deshalb nicht zwangsläufig ‚Do it yourself‘, sondern eine digitale Infrastruktur, die beides kann – ohne Renditeunterschied. Aus diesem Grund bieten wir bei Rückfragen auch eine Beratung per Videocall an.
Marc, du hast den Seitenwechsel vom Branchen-Insider zum disruptiven Start-up-Gründer in einem hochregulierten Markt vollzogen. Welche konkreten Learnings möchtest du anderen Gründer*innen für ihren eigenen Weg mitgeben – insbesondere jenen, die sich mit ihren Ideen ebenfalls an dicke Bretter und festgefahrene Industrien wagen?
Marc Karkossa: Jeder Markt hat seine Vor- und Nachteile – und die Dicke eines Bretts hat meistens einen Grund. Mein wichtigstes Learning: dranbleiben. Dicke Bretter bohrt man nicht in einem Quartal. Und genauso wichtig: konsequent in den Markt reinhören, welche Lösung er gerade braucht – und nicht, welche man selbst gern bauen würde.
Danke, Marc Karkossa, für die spannenden Insights
Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt
Krypto im Mittelstand: Das Augsburger Start-up terahash im strategischen Kreuzfeuer
Eine neue Allianz mit dem FinTech 21bitcoin rückt das Augsburger Start-up terahash in den Fokus. Entstanden als Spin-off eines etablierten Industrieunternehmens, versucht terahash, das energieintensive Bitcoin-Mining für den deutschen Mittelstand zu erschließen. Ein regulatorisch und ökonomisch ambitioniertes Vorhaben im europäischen Hochstrompreisland.
In der deutschen Web3-Landschaft zieht derzeit ein Akteur außerhalb der typischen Metropolen Aufmerksamkeit auf sich. Die Ende 2022 gegründete terahash.energy GmbH ist kein klassisches universitäres Tech-Spin-off, sondern ging aus der Kläger Group hervor – einem seit über 75 Jahren bestehenden, familiengeführten Industrieunternehmen aus dem Großraum Augsburg, das im Kerngeschäft auf Kunststofftechnik und Aerosol-Abfüllung setzt.
Der Vorstoß in die Krypto-Infrastruktur geht auf Kristian Kläger, CEO der Kläger Group, zurück. Neben dem industriellen Hintergrund setzte das Start-up bei der Gründung auf eine gezielte Personalstrategie: Mit Roman Reher, dem Betreiber der reichweitenstarken deutschen Bitcoin-Plattform „Blocktrainer“, und dessen Geschäftspartner Bastian Bleker wurden zwei in der Community verankerte Akteure als Co-Founder integriert. Diese Konstellation kombiniert die Kapitalbasis eines Industriebetriebs mit der organischen Reichweite einer bestehenden Krypto-Community – eine Struktur, die dem Start-up den Markteintritt sichtlich erleichterte.
Kooperation als Vertriebskanal: Die Allianz mit 21bitcoin
Wie komplex und erklärungsbedürftig das Thema Bitcoin in der B2B-Sphäre nach wie vor ist, verdeutlicht die aktuelle Meldung des Unternehmens. terahash geht eine strategische Allianz mit der in Salzburg und München ansässigen Wealth-Plattform 21bitcoin ein.
Während das MiCAR-lizenzierte Fintech 21bitcoin mit rund 120.000 Nutzer*innen die regulierte Handels- und Verwahrinfrastruktur stellt, besetzt terahash die energietechnische Beratungskomponente. Das deklarierte Ziel der Kooperation – die Bündelung von „Bitcoin-Bildung“ – ist dabei auch aus vertrieblicher Sicht strategisch motiviert: Um Dienstleistungen rund um die Blockchain an Unternehmen zu verkaufen, muss im ersten Schritt das informationelle Fundament bei den Entscheidern gelegt werden. Der offizielle Start der Kooperation erfolgt über eine Podcast-Aufzeichnung auf der Branchenmesse BTC Prague 2026.
Die Strompreis-Problematik
Ein Geschäftsmodell, das Bitcoin-Mining im DACH-Raum verorten will, stößt unweigerlich auf erhebliche ökonomische Skepsis. Aufgrund der im globalen Vergleich extrem hohen Strompreise in Deutschland ist ein profitables Mining unter Normalbedingungen kaum darstellbar.
Das Konzept von terahash ruht daher auf zwei Säulen, die diese Standortnachteile umgehen sollen:
Auslands-Mining (Managed Mining): Das Start-up vermittelt Rechenleistung und Hardware-Kapazitäten an Standorte mit günstigeren, oft überschüssigen erneuerbaren Energien (u. a. in Skandinavien und den USA). Die operative Abwicklung verbleibt im Ausland, während terahash als Asset-Manager für Family Offices und institutionelle Kund*innen fungiert.
Infrastruktur-Integration im Heimatmarkt: Für den DACH-Raum agiert terahash als Projektierer. Da Bitcoin-Miner den eingesetzten Strom fast vollständig in Abwärme umwandeln, sollen die Rechencluster in bestehende Energiesysteme von Industrie- und Gewerbebetrieben integriert werden – etwa als Kopplung mit Photovoltaik-Überschussanlagen, Großspeichern und Wärmepumpen.
Markt, Wettbewerb & Risiken
Dieser Ansatz der energetischen Sektorenkopplung ist theoretisch schlüssig, im B2B-Markt jedoch mit hohen Hürden verbunden. Terahash bewegt sich in einem engen Nischensegment. Während Wettbewerber*innen wie das österreichische Start-up 21energy mit dezentralen Bitcoin-Heizlüftern eher standardisierte Consumer- und Kleingewerbe-Lösungen anstreben, zielt terahash auf maßgeschneiderte Großprojekte im Mittelstand.
Hier liegen die kritischen Variablen:
Hohe Investitionskosten (CapEx): Die Integration von ASIC-Servern und Wärmetauschern in bestehende Fabrikarchitekturen erfordert signifikante Vorabinvestitionen der Kund*innen.
Volatilität der Amortisation: Da die Erträge in Bitcoin generiert werden, hängen die Amortisationszyklen direkt vom hochvolatilen Kryptomarkt ab. Fällt der Bitcoin-Kurs über längere Zeit, drohen kalkulierte Effizienzgewinne der Industrieanlagen durch den Wertverlust des geschürften Assets aufgefressen zu werden.
Regulatorische Unsicherheit: Die politische Debatte um den Energieverbrauch von Proof-of-Work-Protokollen in Europa birgt latente regulatorische Risiken für Unternehmen, die diese Technologie in ihre Bilanz oder Infrastruktur aufnehmen.
Einordnung & Learnings
Trotz der inhärenten Marktrisiken bietet das Konstrukt hinter terahash für die Start-up-Szene relevante Erfahrungswerte:
- Das Spin-off-Modell als Innovationshebel: Der Case zeigt, wie traditionelle Familienunternehmen über eigenständige Ausgründungen in hochspekulativen Tech-Märkten agieren können, ohne das operative Kerngeschäft des Mutterkonzerns den Risiken des Web3-Marktes auszusetzen.
- Co-Founder-Matching statt klassischem Marketing: Durch die Beteiligung von etablierten Branchen-Influencer*innen (Blocktrainer*innen) sichert sich das Start-up Vertrauen und Reichweite in einer spitzen Zielgruppe, was die Kund*innenakquisitionskosten (CAC) im B2B-Bereich senkt.
- Content-driven B2B-Sales: Wenn das Produkt so komplex ist, dass der Markt es noch nicht vollumfänglich versteht, wird Content- und Bildungsarbeit (wie die Allianz mit 21bitcoin) zum primären Vertriebswerkzeug.
Terahash ist eine unternehmerische Wette darauf, dass sich Krypto-Infrastruktur als Werkzeug für das lokale Energiemanagement im Mittelstand etablieren lässt. Ob das Konzept aufgeht, wird sich daran messen lassen, wie viele deutsche Fabrikant*innen bereit sind, die Volatilität des Kryptomarktes in ihre physische Betriebsinfrastruktur zu integrieren.
Isar Aerospace: 270 Mio. EUR für Europas Raketen-Hoffnung
Das Münchner NewSpace-Unternehmen Isar Aerospace hat eine massive Series-D-Finanzierungsrunde in Höhe von 270 Mio. Euro abgeschlossen.
Angeführt von neuen Geldgebern wie Island Green Capital und Molten Ventures sowie namhaften Bestandsinvestoren wie UVC Partners, HV Capital und Lakestar, unterstreicht diese Runde den Status des Unternehmens als Europas am besten finanziertes Raumfahrt-Start-up. Doch während die Kassen für den anstehenden Qualifikationsflug der Trägerrakete „Spectrum“ gefüllt sind, bewegt sich das Unternehmen in einem hochriskanten Marktumfeld, das von geopolitischen Dynamiken und einem gnadenlosen globalen Wettbewerb geprägt ist.
Vom studentischen Pioniergeist zum industriellen Großprojekt
Die Historie von Isar Aerospace gilt als eines der Paradebeispiele im deutschen DeepTech-Ökosystem. Gegründet im Jahr 2018 unter anderem von Daniel Metzler und Josef Fleischmann, ging das Unternehmen aus der studentischen Arbeitsgruppe WARR (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt) der Technischen Universität München (TUM) hervor. Was mit Triebwerkstests auf dem Universitätsgelände begann, hat sich zu einem industriellen Großprojekt entwickelt: In Parsdorf bei München hat Isar Aerospace eine der modernsten integrierten Fabriken für Trägerraketen in Europa errichtet. Diese ist auf eine Produktionskapazität von bis zu 40 „Spectrum“-Raketen pro Jahr ausgelegt. Durch eine außergewöhnlich hohe vertikale Integration – das heißt, Design, Fertigung und Tests finden nahezu vollständig im eigenen Haus statt – versucht das Unternehmen, sich von globalen Lieferketten unabhängig zu machen.
Bemerkenswert ist jedoch der strategische Wandel in der Positionierung. Traten die Münchner in den Anfangsjahren primär als Dienstleister für zivile und kommerzielle Kleinsatelliten-Betreiber auf, rückt nun die strategische Bedeutung für die öffentliche Hand und den Verteidigungssektor ins Zentrum. CEO Daniel Metzler betont unmissverständlich: „Der Weltraum ist keine Grenze mehr; er ist die Infrastruktur nationaler Macht.“
Diese Neuausrichtung reflektiert die veränderte geopolitische Realität. Nach dem Wegfall russischer Sojus-Sicherheiten und den massiven Verzögerungen bei klassischen europäischen Trägersystemen geriet der Kontinent in eine handfeste Souveränitätskrise im All. Im Jahr 2025 verzeichnete Europa weniger als zehn orbitale Starts – ein Bruchteil der Frequenz der USA. Vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Agenda der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ist der „autonome Zugang zum Weltraum“ zu einer Priorität in Berlin und Brüssel geworden. Isar Aerospace positioniert sich hier geschickt als europäischer Champion, um von den budgetstarken und konjunkturunabhängigen Regierungs- und Verteidigungsaufträgen zu profitieren.
„Premium-Taxi“ gegen den Massenbus
Trotz der beeindruckenden Kapitalspritze muss sich das Geschäftsmodell der Münchner an den harten Gesetzen der Marktökonomie messen lassen. Die „Spectrum“ ist als sogenannter Microlauncher (Kleinträgerrakete) konzipiert, der Nutzlasten von bis zu einer Tonne in den niedrigen Erdorbit (LEO) transportieren kann.
Branchenanalysten weisen jedoch seit Jahren auf ein inhärentes Problem dieses Segments hin: Die Betriebswirtschaft der Raumfahrt wird von enormen Skaleneffekten beherrscht. Die Transportkosten pro Kilogramm Nutzlast sind bei kleinen Raketen konstruktionsbedingt meist um ein Vielfaches höher als bei schweren Trägersystemen. Der US-Gigant SpaceX drückt mit seinen „Rideshare“-Programmen (Sammeltransporten) auf der Falcon 9 die Preise pro Kilogramm in Regionen, die für kleinere Anbieter kaum profitabel zu unterbieten sind.
Isar Aerospace muss folglich ein „Premium-Taxi“ verkaufen: Der Mehrwert für Kund*innen liegt nicht im günstigsten Preis, sondern in der Flexibilität – der punktgenauen Platzierung im Wunsch-Orbit und der Unabhängigkeit von den Zeitplänen großer Sammelflüge. Ob der rein kommerzielle Markt dauerhaft bereit ist, diesen Aufpreis in großem Stil zu zahlen, bleibt in der Branche umstritten. Der verstärkte Fokus auf staatliche Akteur*innen und Verteidigungsprojekte erscheint daher als logischer strategischer Schritt, da in diesem Segment Versorgungssicherheit und geopolitische Unabhängigkeit schwerer wiegen als der reine Ticketpreis.
Gedränge an den Startrampen
Isar Aerospace ist auf diesem Markt keineswegs allein. International hat das US-neuseeländische Unternehmen Rocket Lab mit seiner „Electron“-Rakete seit Jahren den kommerziellen Betrieb für Kleinträger etabliert und demonstriert, dass das Modell operativ funktionieren kann.
Auch im europäischen Raum ist die Konkurrenz aktiv: Die Rocket Factory Augsburg (RFA) verfolgt mit der „RFA One“ ein ähnliches Nutzlastsegment, setzt dabei jedoch auf einen konsequenten Low-Cost-Ansatz durch die Verwendung von modifizierten Industriekomponenten. Daneben positioniert sich das baden-württembergische Unternehmen HyImpulse mit innovativen Hybridantrieben. Unter Branchenkennern gilt es als unwahrscheinlich, dass der europäische Markt langfristig Raum für mehrere Microlauncher-Anbieter*innen bietet. Eine Konsolidierung des Marktes in den kommenden Jahren gilt als wahrscheinlich.
Einordnung für das Start-up-Ökosystem
Für das europäische DeepTech-Segment ist diese 270-Millionen-Euro-Runde ein historisches und wichtiges Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und internationale Konsortien bereit sind, kapitalintensive Hardware-Innovationen über lange Zyklen hinweg zu tragen – eine Disziplin, die traditionell stark von US-amerikanischem Risikokapital dominiert wird.
Gleichzeitig verdeutlicht der Case Isar Aerospace, dass die Skalierung im High-Tech-Bereich zunehmend eine politische und strategische Dimension besitzt. Das frische Kapital sichert dem Unternehmen die nötige Runway, um die Serienfertigung hochzufahren und das System final zu etablieren.
Der entscheidende Meilenstein steht jedoch unmittelbar bevor: Zwischen dem 15. und 21. Juni 2026 öffnet sich das Startfenster für den Qualifikationsflug „Onward and Upward“ am norwegischen Weltraumbahnhof Andøya Space. Dieser Flug wird wohl die Stunde der Wahrheit: Hier muss die „Spectrum“ beweisen, dass sie den Schritt von einer herausragenden deutschen Ingenieursleistung und einem perfekt finanzierten Businessplan in die Erdumlaufbahn erfolgreich vollziehen kann.
Gründer*in der Woche: Mevio – Revolution im Messenger?
Mevio, das junge Stuttgarter Start-up von Maja Mast und Christoph Beringer, will den Aufbau eines digitalen Business radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Wir haben uns das Geschäftsmodell genauer angesehen und die Gründer*innen befragt.
Wer sich heute als Coach oder Berater*in selbständig macht, steht oft vor einer unüberwindbaren Wand aus Server-Einstellungen und Datenschutz-Hürden. das junge Stuttgarter Start-up Mevio will den Aufbau eines digitalen Business nun radikal vereinfachen – per Chat-Befehl statt Website-Baukasten. Das Start-up verspricht ein komplettes Business, gesteuert über den heimischen Messenger. Das klingt verlockend, doch hält das Geschäftsmodell der harten Realität im umkämpften Software-Markt stand?
Die Köpfe hinter der Chat-Innovation
Hinter Mevio stehen die Gründer Maja Mast und Christoph Beringer, der als Co-CEO und Technik-Experte fungiert. Die Gründungsidee entspringt dem klassischen „Scratch your own itch“-Prinzip: Maja Mast kennt die schmerzhaften, langwierigen technischen Hürden bei der Unternehmensgründung aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Beringer entwickelte sie einen bewussten Gegenentwurf zu den Systemen etablierter US-Konzerne. Ihre Zielgruppe ist klar definiert: Dienstleister*innen, Berater*innen und Coaches, denen die Hürden der Digitalisierung bisher zu technisch und rechtlich zu riskant waren.
„Wir haben selbst erlebt, wie schnell man bei der Gründung oder Digitalisierung eines Angebots in technischen Themen hängen bleibt – Website, Datenschutz, Zahlungsanbieter, Automationen und zig verschiedene Tools“, erinnert sich Maja Mast an den eigenen Breaking Point. Irgendwann sei die Erkenntnis gereift: „Das muss einfacher gehen. Uns wurde klar, dass viele Menschen nicht an ihrer Idee scheitern, sondern an der technischen Komplexität drumherum.“
Der Startschuss für die Plattform fällt am 1. Juni mit einer kostenlosen Beta-Phase. Der Aufbau der ersten Version ohne große Budgets war zwar herausfordernd, wie Mast einräumt, habe aber auch den Blick geschärft. „Genau dadurch mussten wir uns von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren: Was brauchen Nutzer*innen wirklich – und was ist eigentlich nur unnötige Komplexität?“, betont die Gründerin.
All-in-one zum Kampfpreis
Die Kernidee von Mevio ist radikal simpel: Anstatt sich durch Menüs zu klicken, tippen Nutzer*innen ihre Anforderungen in einen Messenger ein. Im Hintergrund übernimmt die Software den Rest. Sie baut die Website, digitalisiert Produkte, kümmert sich um Domain-Buchungen und wickelt Rechnungen, Terminbuchungen sowie Zahlungen automatisiert ab. Auch das Hosting von Online-Kursen gehört zum Repertoire der All-in-one-Plattform.
Abgerechnet wird über ein Abo-Modell, das bei sportlichen 20 Euro im Monat startet. Ein zentrales Verkaufsargument ist dabei die Datensicherheit. Christoph Beringer verweist auf den kompromisslosen Fokus auf europäische Server und eine absolut DSGVO-konforme Infrastruktur. Man wolle den neuen Gründer*innen die ständige Angst nehmen und ein rechtlich wasserdichtes Fundament bauen.
Doch wie finanziert man Support und Infrastruktur bei dieser extrem aggressiven Preisstrategie? „Uns war von Anfang an wichtig, eine Lösung zu bauen, die sich wirklich kleine Anbieter*innen leisten können“, verteidigt Beringer das Modell. Weil Mevio bewusst Bereiche bündle, für die Nutzer*innen sonst einzeln zahlen müssten, lasse sich vieles effizienter gestalten. Aktuell ist das Start-up komplett bootstrapped und wächst Schritt für Schritt mit der Community. Den befürchteten Support-Aufwand bei einer technisch wenig versierten Zielgruppe sieht der Co-CEO gelassen und kontert: „Unser Ziel ist ja gerade, technische Komplexität massiv zu reduzieren, damit viele Probleme gar nicht erst entstehen.“ Durch starke Automatisierung solle sich die Plattform selbsterklärend anfühlen.
Markt, Wettbewerb und der "Meta-Irrglaube"
So elegant die Idee auf dem Papier wirkt, ein journalistisch-kritischer Blick offenbart einige Sollbruchstellen. Die Pressemitteilung inszeniert Mevio markig als Gegenentwurf zu „Meta und Co.“ Doch Meta ist im Bereich Website-Building und Kurs-Hosting kein echter Wettbewerber. Die tatsächliche Konkurrenz heißt Wix, Squarespace, Shopify oder – im spezifischen Coach-Segment – Elopage, Kajabi und Digistore24. Diese Player dominieren den Markt mit ausgereiften Ökosystemen.
Warum sollten diese finanzstarken Riesen den Chat-Ansatz nicht einfach kopieren? Maja Mast gibt sich selbstbewusst: „Uns geht es nicht darum, einfach bestehende Systeme um eine Chatfunktion zu ergänzen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Denkweise hinter dem Produkt.“ Während viele Plattformen klassisch gebaut und später vereinfacht wurden, werde Mevio von Beginn an radikal aus Nutzer*insicht gedacht. „Die Messenger-Steuerung ist deshalb für uns nicht nur ein Feature, sondern der Kern des gesamten Produkts“, stellt sie klar. Die eigentliche Herausforderung für die Konkurrenz liege darin, hochkomplexe Systeme im Nachhinein radikal zu vereinfachen, ohne die technische Infrastruktur zu verlieren.
Grenzen der Chat-Bedienung
Websites sind visuelle Medien. Eine Website intuitiv per Chat einzupflegen, mag für eine simple Landingpage gut funktionieren. Doch sobald Kund*innen individuelle Design-Anpassungen wünschen, stößt ein textbasiertes Interface schnell an seine Grenzen. Das Versprechen, das unpersönliche Klick-Chaos zu ersetzen, könnte sich in ein zähes Text-Chaos verwandeln.
Christoph Beringer weicht diesem UX-Risiko nicht aus: „Sobald es um sehr individuelle oder komplexe Design-Wünsche geht, stoßen rein textbasierte Interfaces natürlich irgendwann an Grenzen.“ Deshalb begreife man den Chat nicht als Ersatz für alles, sondern als den einfachsten Einstiegspunkt, der Geschwindigkeit und Einfachheit schaffe. „Unser Ziel ist nicht, professionelle Design-Tools komplett abzulösen, sondern Menschen die technischen Hürden am Anfang abzunehmen“, erklärt der Techniker. Um die kreative Freiheit nicht einzuschränken, kombiniert Mevio die Chat-Steuerung deshalb mit klassischen visuellen Bearbeitungsmöglichkeiten direkt im Browser. Die Zielgruppe seien ohnehin keine professionellen Web-Agenturen, sondern Menschen, die ohne Technikstress ein professionelles digitales Business aufbauen möchten.
Fazit und Ausblick
Mevio adressiert ein unbestreitbar echtes Problem: die oft unüberwindbare Wand aus Datenschutz-Hürden und Technik-Stress für Selbständige. Die garantierte DSGVO-Konformität auf europäischen Servern ist im deutschen Markt ein massiver Wettbewerbsvorteil gegenüber amerikanischen Anbieter*innen. Die Kombination aus Messenger-Steuerung und Business-Backend ist innovativ und könnte den Nerv technikmüder Gründer*innen treffen. Der Erfolg wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob das System im Hintergrund wirklich so fehlerfrei arbeitet wie versprochen – und ob die Zielgruppe bereit ist, visuelle Gestaltungsfreiheit gegen radikale Einfachheit einzutauschen.
Blickt man auf das kommende Jahr, bleiben die Gründer fokussiert. „Für uns wird der wichtigste Meilenstein zunächst sein, zu beweisen, dass digitale Selbständigkeit wirklich deutlich einfacher funktionieren kann“, formuliert Maja Mast das Ziel für Mitte 2027. Und die internationale Expansion? Die hat das Start-up zwar auf dem Schirm, da technische Überforderung kein rein deutsches Phänomen ist. Mast resümiert jedoch pragmatisch: „Aber im Moment konzentrieren wir uns bewusst darauf, zuerst ein starkes Fundament aufzubauen, bevor wir größere internationale Schritte gehen.“
Befreiungsschlag oder teure PR-Show? Europas Tech-Szene probt den Aufstand
Jahrelang galt das europäische Tech-Ökosystem als ewiges Talent, das den Durchbruch verpasst. Built in Europe – eine massive neue Kampagne des Londoner VCs Balderton Capital und über 100 Top-CEOs – will dieses Narrativ nun beenden. Doch reicht ein neues Selbstbewusstsein aus, um die strukturellen Defizite des Kontinents zu kaschieren?
Wer in diesen Tagen durch Berlin, München, London oder Paris läuft, dürfte über großflächige Plakate stolpern, die weniger an Start-up-Werbung als an ein politisches Manifest erinnern. „Not waiting for permission. Not looking somewhere else for the blueprint. Just building“, heißt es darauf.
Die Sätze sind das Herzstück der am 1. Juni gestarteten Kampagne Built in Europe. Orchestriert vom renommierten Risikokapitalgeber Balderton Capital, haben sich über 100 europäische Gründer*innen und CEOs zusammengeschlossen, um eine unmissverständliche Botschaft an Politik, Investor*innen und vor allem an die globale Tech-Elite zu senden: Europa ist kein reiner Binnenmarkt für US-Technologien mehr. Europa baut die Zukunft selbst.
Die Zahlen geben dem neuen Ego recht
Der Zeitpunkt für diesen medialen Paukenschlag ist klug gewählt, denn die nackten Zahlen stützen die These der Kampagne. Laut Atomico macht der Tech-Sektor mittlerweile rund 15 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts aus. Im Jahr 2015 lag dieser Wert noch bei bescheidenen 4 Prozent.
Noch viel entscheidender als das reine Volumen ist jedoch die inhaltliche Verschiebung. Europas Tech-Szene hat die Ära der reinen E-Commerce-Copycats hinter sich gelassen. Das zeigt ein Blick auf das Epizentrum der deutschen Beteiligung an der Kampagne. Aus dem Großraum München stammen drei Unternehmen, die in ihren jeweiligen Sektoren technologische Paradigmenwechsel vorantreiben:
- Quantum Systems: Das Unternehmen hat sich auf KI-gestützte Aufklärungsdrohnen spezialisiert und nach massiven Finanzierungsrunden im Jahr 2025 den Einhorn-Status erreicht. Die strategische Relevanz zeigt sich besonders im Verteidigungssektor: Im Mai 2026 vertiefte das Start-up eine Partnerschaft mit Rohde & Schwarz, um elektronische Kampfführung direkt in seine Drohnen zu integrieren.
- The Exploration Company: Die bayerisch-französische Firma entwickelt mit Nyx eine wiederverwendbare Raumkapsel, die trägerunabhängig konzipiert ist und auf Schwerlastraketen weltweit fliegen kann. Unterstützt durch weitreichende Verträge positioniert sich das Start-up als Europas ernsthafteste Antwort auf die Dominanz von SpaceX in der orbitalen Logistik.
- Proxima Fusion: Als Spin-off des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik arbeitet das Team an der Kommerzialisierung der Kernfusion. Im Februar 2026 unterzeichnete Proxima Fusion eine weitreichende Vereinbarung mit dem Freistaat Bayern und RWE, um in den frühen 2030er-Jahren einen Nettoenergie-Demonstrator („Alpha“) zu errichten, auf den das erste kommerzielle Fusionskraftwerk (Stellaris) in Gundremmingen folgen soll.
Der wahre Grund der Kampagne: Der War for Talent
Doch VCs wie Balderton schalten keine teuren Out-of-Home-Kampagnen zur reinen Ego-Pflege. Hinter den plakativen Slogans verbirgt sich ein handfestes, geschäftskritisches Problem: der akute Mangel an Tech-Talenten.
Das Wachstum der Scale-ups wird längst nicht mehr nur durch fehlendes Kapital gebremst, sondern durch unbesetzte Entwickler- und Ingenieursstellen. Das Herzstück der Kampagne ist deshalb die Plattform BuiltInEurope.com – ein paneuropäischer Talent-Hub, der auf einen Schlag die offenen Positionen von 1.000 führenden Tech-Start-ups bündelt. Die Stoßrichtung ist klar: Fachkräfte aus dem Silicon Valley sollen zurückgeholt und Absolventen europäischer Elite-Unis davon abgehalten werden, direkt nach Übersee abzuwandern.
Ein Plakat ändert kein Steuerrecht
Genau an diesem Punkt muss sich die Kampagne den Realitätscheck gefallen lassen. Es ist ein starkes Signal, dass sich 100 CEOs vom FinTech-Giganten Revolut bis zum Mobilitäts-Player Voi vereinen. Doch eine Jobbörse und gute PR allein lösen die strukturellen Nachteile des Standorts Europa nicht.
Drei fundamentale Probleme bleiben ungelöst:
- Die ESOP-Lücke: US-Tech-Konzerne zahlen nach wie vor signifikant höhere Basisgehälter. Um das auszugleichen, sind Start-ups auf Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) angewiesen. Das europäische Steuerrecht macht diese Beteiligungen jedoch oft bürokratisch komplex. Solange Talente bei einem Exit steuerlich benachteiligt werden, zieht das Argument der „besseren Lebensqualität“ nur bedingt.
- Das Tal des Todes beim Growth Capital: Wenn für den Bau eines Fusionsreaktors oder das Training eines KI-Basismodells plötzlich 200 Millionen Euro benötigt werden, fehlt in Europa schlichtweg die Dichte an Growth-Fonds für späte Phasen.
- Regulierungsangst: Das Manifest fordert selbstbewusst, nicht mehr auf „Erlaubnis“ zu warten. Doch in einem Kontinent, der mit dem AI Act massive Hürden aufbaut, müssen Gründer*innen deutlich mehr regulatorischen Aufwand betreiben als ihre Konkurrenz in Asien oder den USA.
Fazit
Built in Europe ist ein überfälliger Befreiungsschlag einer Industrie, die nicht länger das Stiefkind der klassischen Wirtschaft sein will. Die Kampagne zeigt eindrucksvoll, dass in Städten wie München, Paris und Warschau Unternehmen gebaut werden, die den Lauf der Welt verändern können.
Der neue Hub wird kurzfristig helfen, Talente auf offene Stellen aufmerksam zu machen. Langfristig reicht gutes Marketing jedoch nicht aus. Wenn aus dem „Potenzial“ endgültig Realität werden soll, müssen der PR-Offensive der Gründer*innen nun handfeste politische Reformen folgen. Andernfalls bauen Europas klügste Köpfe die Zukunft weiterhin woanders.
Rekord-Finanzierung für Focused Energy: 240 Mio. USD für den Traum von der Kernfusion
Das Darmstädter DeepTech-Start-up Focused Energy hat in einer Series-A-Runde 240 Millionen US-Dollar eingesammelt – ein Meilenstein für die europäische Fusionsbranche. Am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis soll nun das erste Laserfusionskraftwerk der Welt entstehen. Doch während Investoren wie RWE und SPRIND den potenziellen „Energie-Giganten“ feiern, lohnt ein genauerer Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell steht vor massiven technologischen, regulatorischen und strategischen Hürden.
Es ist eine Nachricht, die in der europäischen Start-up-Szene aufhorchen lässt. Der Geldregen für das erst 2021 gegründete Start-up ist laut Unternehmensangaben die bislang größte vollständig gesicherte Series-A-Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Unterstützt wird die Runde von Schwergewichten wie dem Energiekonzern RWE, der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) sowie dem EIC Fund der EU. Das ambitionierte Ziel der Macher: die kommerzielle Nutzbarmachung der Kernfusion und der Aufbau einer industriellen Pilotanlage im südhessischen Biblis.
Die Köpfe hinter dem Projekt: Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft
Hinter Focused Energy steht ein klassisches, vielversprechendes Gründer-Duo. Prof. Dr. Markus Roth, Co-Founder und Chief Science Officer, forscht seit über 25 Jahren auf dem Gebiet der Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und ist weltweit vernetzt. An seiner Seite agiert CEO Thomas Forner, ein Serial Entrepreneur mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau von Technologieunternehmen.
Gegründet wurde Focused Energy als Spin-off der TU Darmstadt, beflügelt durch einen historischen Durchbruch im Dezember 2022: Am Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) in den USA gelang es Forschern erstmals, durch Laserfusion mehr Energie zu erzeugen, als die Laser verbrauchten. Forner und Roth nutzten das Momentum und holten maßgebliche Köpfe dieses US-Forschungsteams ins eigene Unternehmen, um das Know-how auf beiden Seiten des Atlantiks zu bündeln.
Das Geschäftsmodell: Energie der Zukunft oder lukrative Nischen?
Der Ansatz von Focused Energy basiert auf der Trägheits- bzw. Laserfusion. Winzige Brennstoffkapseln mit Wasserstoffisotopen werden durch extrem starke Laser beschossen, um die Bedingungen im Inneren der Sonne zu simulieren. Der Plan sieht vor, bis Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Kraftwerk ans Netz zu bringen. Die aktuellen Millionen sollen vor allem in die Technologie, industrielle Lieferketten und die Infrastruktur in Biblis fließen.
Kritiker hinterfragen diese Timeline jedoch scharf. Das renommierte DIW Berlin warnt davor, dass die Kernfusion auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur akuten Energiewende leisten wird. Forscher weisen darauf hin, dass Startups der Fusionsbranche ihr Geschäftsmodell mittelfristig anpassen könnten – weg vom Kraftwerk, hin zu Nischenprodukten wie hochpräzisen Materialprüfverfahren oder Speziallasern. Nur so ließen sich Einnahmen generieren, bevor das (noch längst nicht garantierte) Kernprodukt fertig ist.
Markt und Wettbewerb: Das Rennen der DeepTech-Milliarden
Weltweit fließen Milliarden in Start-ups, die das Energieproblem der Menschheit lösen wollen. Zu den größten europäischen Wettbewerbern zählen Marvel Fusion (ebenfalls laserbasiert), Proxima Fusion (Magneteinschluss) und Gauss Fusion.
Auch die Konkurrenz steht unter wissenschaftlicher Beobachtung: So äußerten sich Forscher des Max-Planck-Instituts zuletzt äußerst skeptisch über den Ansatz von Marvel Fusion, da dessen wissenschaftliche Details mangels Transparenz kaum überprüfbar seien. Focused Energy hat hier durch den Bezug zu den validierten LLNL-Ergebnissen einen klaren Argumentationsvorteil. Dennoch bleibt die Ingenieursaufgabe gigantisch: Aus einem singulären wissenschaftlichen Experiment muss ein dauerhaft laufendes Kraftwerk werden.
Hinter den Kulissen: Was die Erfolgsmeldungen verschweigen
Meldungen über Rekordsummen blenden die knallharten Realitäten des DeepTech-Marktes oft aus. Drei Aspekte sind für die Zukunft von Focused Energy besonders kritisch:
- Cap Table und das Verwässerungsrisiko: Eine derart massive Series A ist in Europa ein Novum, birgt für die Gründer aber strategische Gefahren. Da ein marktreifes Kraftwerk erst in über zehn Jahren realisierbar ist, werden noch mehrere kapitalintensive Runden nötig sein. Branchenkenner gehen von stark getranchten Meilenstein-Zahlungen (Milestone-Funding) aus. Liefern Forner und Roth nicht punktgenau, droht eine massive Verwässerung (Dilution) ihrer Anteile.
- Biblis gegen Silicon Valley: Technologie ist kopierbar, ein Spitzen-Team nicht. Focused Energy muss die weltweit extrem raren Experten für Plasmaphysik rekrutieren. Während US-Wettbewerber wie Commonwealth Fusion Systems mit Valley-Gehältern locken, muss das Start-up diese Talente ins beschauliche Südhessen lotsen. Ein erheblicher Teil des Kapitals dürfte direkt in Personalkosten und attraktive Mitarbeiterbeteiligungen (ESOPs) fließen.
- Das Exit-Dilemma und die regulatorische Blackbox: Klassische VC-Fonds haben Laufzeiten von zehn bis zwölf Jahren – ein Zeitraum, in dem Focused Energy voraussichtlich noch keinen kommerziellen Strom verkauft. Die Exit-Strategie läuft somit unweigerlich auf einen gigantischen künftigen Börsengang (IPO) hinaus. Zudem bleibt das regulatorische Umfeld in Deutschland unberechenbar: Zwar birgt die Kernfusion nicht die Gefahren der Kernspaltung, doch der Bau einer solchen Anlage wird extrem komplexe Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. Die Partnerschaft mit RWE ist daher wohl primär ein strategischer Schutzschild für die kommende Lobbyarbeit.
Fazit für das Start-up-Ökosystem
Die Runde ist ein massives Signal. Sie beweist, dass europäische Investoren und staatliche Akteure mittlerweile bereit sind, bei extrem kapitalintensiven „Moonshot“-Projekten mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt Focused Energy ein Paradebeispiel für ein High-Risk-Investment. Ob Biblis tatsächlich zur Keimzelle einer neuen Hochtechnologie-Industrie wird oder ob sich die alte sarkastische Physiker-Weisheit bewahrheitet, dass die Kernfusion „immer 30 Jahre in der Zukunft liegt“, werden die kommenden Jahre zeigen.
M&A-Welle im ESG-Markt: Code Gaia und Planted fusionieren zur „House of Gaia“
Die ESG-Start-ups Code Gaia und Planted fusionieren zur „House of Gaia“. Das Ziel: Ein neues Nachhaltigkeits-Betriebssystem für den Mittelstand. Wir haben bei den Gründern nachgehakt.
Der regulatorische Druck auf den europäischen Mittelstand wächst, und die Klima-Tech-Szene reagiert mit einer strategischen Konsolidierung: Die deutschen ESG-Start-ups Code Gaia und Planted schließen sich zusammen. Der Schritt sendet bereits jetzt ein starkes Signal in einen hart umkämpften Markt und wirft die Frage auf: Wie realistisch sind die wirtschaftlichen Versprechen der Gründer?
Vom Sparringspartner zur gemeinsamen Holding
Beide Unternehmen starteten in den frühen 2020er-Jahren und durchliefen klassische Pivot-Phasen, bevor sie im ESG-Reporting-Markt Fuß fassten. Code Gaia, 2020 von Markus Adler und Niklas Schönstein in München gegründet, fokussierte sich auf die KI-gestützte Automatisierung von Nachhaltigkeitsberichten. Planted, 2021 unter anderem von Wilhelm Hammes in Köln ins Leben gerufen, konzentrierte sich zunächst auf konkrete Umweltschutzprojekte und B2C-Aufforstung, bevor auch hier der Schwenk zur B2B-Software folgte.
Dass aus den anfänglichen Wettbewerbern nun Partner werden, ist laut Code-Gaia-Gründer Markus Adler ein organischer Prozess. „Wilhelm und ich haben uns über Jahre hinweg nicht nur als Wettbewerber gesehen, sondern auch als Sparringspartner“, blickt Adler zurück. Die größte Hürde sei gewesen, zu akzeptieren, dass der Markt nicht statisch bleibt.
Den entscheidenden Anstoß zur Fusion gaben letztlich die Kund*innen und der Gesetzgeber: „Spätestens beim Omnibusverfahren wurde deutlich, dass der Mittelstand praktikable, flexible und wirtschaftlich tragfähige Lösungen braucht — und zwar aus einer Hand“, erklärt Adler. „Die Fusion ist deshalb kein opportunistischer Schritt, sondern die logische Konsequenz aus jahrelangem Kundenfeedback.“
Auch Wilhelm Hammes sieht in dem Zusammenschluss eine unvermeidliche Marktreaktion. Nach einem echten „Reality-Check“ im ESG-Tech-Markt im vergangenen Jahr sei klar geworden, dass isolierte Einzellösungen ausgedient haben. „Der Markt konsolidiert sich schneller als viele erwartet haben“, konstatiert Hammes. „Unternehmen wollen heute Plattformen, die mit ihren Anforderungen mitwachsen.“
Die neue Struktur: Ambitioniert, aber verschwiegen bei Details
Der Deal formt einen neuen Schwergewichtskandidaten für den Mittelstand (200 bis 5.000 Mitarbeitende). Die harten Fakten der neuen „House of Gaia“ auf einen Blick:
- Kund*innenbasis: Die neue Gruppe startet mit über 630 Kund*innen.
- Ressourcen: An fünf Standorten beschäftigt die Gruppe mehr als 50 Mitarbeitende.
- Wirtschaftlichkeit: Das Kerngeschäft ist nach Angaben der Unternehmen bereits profitabel.
- Führung: Markus Adler übernimmt als CEO das operative Geschäft von Code Gaia, Niklas Schönstein leitet die Produktstrategie, und Wilhelm Hammes verantwortet die M&A-Strategie der Holding.
Dabei agieren die Unternehmen künftig unter einer gemeinsamen Holding, behalten aber ihre operativen Marken bei. „Bei der Transaktion handelt es sich nicht um eine klassische Übernahme, sondern um einen strategischen Zusammenschluss auf Augenhöhe“, betont M&A-Chef Hammes. Die Integration wurde über einen Anteilstausch strukturiert, der die bisherigen Gesellschafter zu etwa gleichen Teilen abbildet.
Für die nächsten 24 Monate kündigt die Holding eine aggressive Akquisitionsstrategie in Europa an. Auf die Frage, wie diese Zukäufe finanziert werden sollen, bleibt Hammes bei konkreten Bewertungsdetails vage, versichert aber eine grundsolide Strategie fernab des Silicon-Valley-Hypes: „Unser Fokus liegt aktuell klar auf kontrolliertem, gesundem Wachstum statt auf einer klassischen ‚Growth-at-all-costs‘-Strategie.“ Die nächsten Schritte wolle man primär aus dem operativen Cashflow und vorhandenem Kapital finanzieren, flankiert von Investor*innen wie dem TechVision Fonds und Neoteq Ventures.
Realitätscheck: Datensalat im Mittelstand
Ein zentrales Versprechen der Gründer lautet: Nachhaltigkeit muss Unternehmen operativ entlasten. Das klingt nach gutem Marketing, doch in der Realität ist ESG für mittelständische Betriebe derzeit vor allem ein massiver, von Regularien erzwungener Kostenblock. Zudem bremsen unstrukturierte Excel-Listen und zersplitterte Daten die digitale Skalierbarkeit – Software allein löst das Problem meist nicht ohne teure, menschliche Beratung.
Darauf angesprochen, räumt Adler das Daten-Chaos unumwunden ein: „Die Realität im Mittelstand ist tatsächlich oft: Daten liegen verteilt in Excel-Listen, E-Mail-Postfächern oder einzelnen Fachabteilungen. Genau deshalb glauben wir nicht an reine Self-Service-Software ohne Kontextverständnis.“
Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, dass Beratung die Margen auffrisst. Persönliche Betreuung sei eine optionale Ergänzung, während KI-Agenten wie „Kaia“ und „Kurt“ bereits einen Großteil der operativen Arbeit bei CO2-Auswertungen oder im Reporting übernehmen würden. Der Return on Investment (ROI) für den/die Kund*in liege klar auf der Hand: „Der ROI entsteht weniger durch ‚Nachhaltigkeit als Selbstzweck‘, sondern durch konkrete operative Effizienz: weniger manueller Aufwand, geringere Fehleranfälligkeit und mehr Sicherheit bei regulatorischen Anforderungen“, verspricht der CEO. „Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Beratungsstunden zu verkaufen.“
Kampf um den Mittelstand: David gegen die ERP-Goliaths
Die Konkurrenz schläft nicht. Das House of Gaia trifft auf ein hochkompetitives Umfeld mit spezialisierten Anbietern wie Tanso oder Envoria und Software-Giganten wie Workiva oder SAP. Warum also sollte ein Maschinenbauer zu einem Start-up-Zusammenschluss wechseln, statt einfach das ESG-Modul seines bestehenden ERP-Systems zu aktivieren?
Adler kontert selbstbewusst und zielt direkt auf die Trägheit der großen Player ab: „Große ERP-Systeme sind extrem wichtig — aber sie wurden nicht dafür gebaut, mittelständische Unternehmen operativ durch die ESG-Transformation zu führen.“ Dem Mittelstand fehle schlichtweg die Zeit für komplexe IT-Projekte. Man punkte stattdessen mit lokaler Nähe: „Gerade im Mittelstand sehen wir eine starke Nachfrage nach europäischen beziehungsweise deutschen Anbietern, die regulatorische Entwicklungen vor Ort verstehen und langfristig erreichbar bleiben.“
Ausblick: Die Vision eines europäischen ESG-Champions
Die Strategie ist riskant, aber vielversprechend. Viele „Roll-up“-Ansätze scheitern letztlich an der Post-Merger-Integration – wenn unterschiedliche Unternehmenskulturen und inkompatible Tech-Stacks aufeinanderprallen.
Dass durch die geplanten weiteren Zukäufe ein unübersichtlicher Software-Flickenteppich entstehen könnte, schließt Wilhelm Hammes aus: „Viele M&A-Strategien scheitern weniger an der Technologie als an kulturellen und organisatorischen Themen.“ Die Chemie zwischen Code Gaia und Planted stimme seit Jahren, und technologisch starte man keineswegs bei null, da die Systeme hochgradig kompatibel seien.
Die Zielsetzung für die nahe Zukunft formuliert Hammes angriffslustig und lässt durchblicken, in welchen Dimensionen die neue Holding denkt: „Gemeinsam bewegen wir uns bereits in Richtung eines baldigen achtstelligen Umsatzes, sind im Kerngeschäft profitabel und können nun eine sehr starke Wachstumsdynamik entwickeln.“
Gelingt es der Holding, ihre ambitionierte Akquisitionsstrategie sauber in ihr System zu integrieren und die beratungsintensive Betreuung effizient zu skalieren, hat „House of Gaia“ das Zeug dazu, sich als führender ESG-Champion im europäischen Mittelstand zu etablieren.
Vor dem EU Chips Act II: Rekordinvestitionen treffen auf bürokratische Hürden
Trotz Rekordkapital lähmt Bürokratie Europas Chip-Start-ups. Vor dem Chips Act II fordern Investor*innen Reformen gegen den US-Exodus.
Das Interesse von Investor*innen an europäischen Halbleiter-Start-ups erreicht neue Höchststände, doch der Weg vom Forschungslabor zur Marktreife bleibt für viele Unternehmen steinig. Während die Europäische Kommission am 27. Mai den mit Spannung erwarteten Entwurf für den Chips Act II vorlegen wird, warnen Investor*innen und Branchenexpert*innen: Ohne einen drastischen Bürokratieabbau und eine verbesserte Wachstumsfinanzierung droht der Europäischen Union ein weiterer Exodus zukunftsweisender Deep-Tech-Unternehmen.
Ein Ökosystem der Kontraste
Die aktuellen Rahmenbedingungen für DeepTech-Gründungen in Europa zeichnen ein paradoxes Bild. Einerseits verzeichnen europäische Chip-Start-ups ein massives Finanzierungsmomentum, das Investor*innen zunehmend anzieht. Laut Analysen von PitchBook sammelten Halbleiter-Start-ups auf dem Kontinent im Jahr 2025 die Rekordsumme von 972 Millionen Euro ein. Allein im ersten Quartal 2026 flossen bereits weitere 380 Millionen Euro in den Sektor. Hardware-Start-ups aus Bereichen wie Halbleitertechnik, Quantentechnologie und Robotik rücken verstärkt in den Fokus von Geldgebern, da ihre zugrunde liegenden Innovationen weitaus schwerer zu kopieren sind als klassische softwarebasierte KI-Lösungen (Software-as-a-Service).
Andererseits kämpft Europa massiv damit, diese unbestreitbare wissenschaftliche Stärke in skalierbare Geschäftsmodelle umzuwandeln. Ein aktueller Bericht von Dealroom belegt, dass Europa zwar 30 Prozent der weltweiten Top-Universitäten im DeepTech-Bereich beheimatet und doppelt so viele Absolvent*innen in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern hervorbringt wie die USA. Dennoch haben fast 40 Prozent der europäischen DeepTech-Unicorns ihren Sitz bereits vor oder nach der Finanzierung in die USA verlegt.
Die Erwartungen an den Chips Act II
Der erwartete Chips Act II baut auf dem ersten europäischen Chip-Gesetz auf, das im September 2023 in Kraft trat und nach Angaben der Kommission Investitionen in Fertigungskapazitäten von über 80 Milliarden Euro auslöste. Aktuell hält Europa einen weltweiten Marktanteil von rund 10 Prozent, der durch die politische Initiative bis 2030 auf 20 Prozent verdoppelt werden soll.
Das ist ein überaus ehrgeiziges Ziel angesichts eines globalen Branchenwertes, der laut McKinsey bis zum Ende des Jahrzehnts auf 1,6 Billionen US-Dollar anwachsen könnte. Industrievertreter*innen und politische Entscheidungsträger*innen weisen jedoch darauf hin, dass die bisherigen Fortschritte nicht ausreichen, um mit der expandierenden Subventions- und Ausbaupolitik der USA sowie asiatischer Wirtschaftsmächte mitzuhalten.
Einordnung: Das "Tal des Todes" bei der Kommerzialisierung
Daiva Rakauskaitė, Partnerin und Fondsmanagerin bei Aneli Capital, einer Fondsgesellschaft mit Fokus auf zentral- und osteuropäische (CEE) Start-ups, warnt davor, sich auf den aktuellen Rekordsummen auszuruhen. Das stärkere Interesse der Investoren löse den wesentlichen Engpass Europas – die zu langsame Kommerzialisierung – nicht automatisch.
„Viele junge europäische DeepTech-Unternehmen stehen vor einer schwierigen mittleren Phase zwischen Forschungsförderung und kommerziellen Einnahmen“, erklärt die Expertin. Besonders Halbleiter-Start-ups benötigen massives Vorabkapital für teures Prototyping, Tests, Zertifizierungen und Kundenqualifizierungen, bevor sie überhaupt im großen Stil wachsen können.
Der Erfolg der neuen EU-Initiative wird laut Rakauskaitė maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die regulatorische Fragmentierung zwischen den EU-Mitgliedsstaaten abzubauen. Als direkte Bremsklötze für die europäische Wettbewerbsfähigkeit nennt sie:
- Verzögerungen bei der Genehmigungsvergabe.
- Zersplitterte Prozesse im staatlichen Beihilferecht.
- Zu hohe Compliance-Kosten für junge Unternehmen.
- Ein gravierender Mangel an Wachstumskapital ab der Series-B-Phase.
Europas Halbleiter-Ambitionen auf einen Blick
Kennzahl | Aktueller Stand / Prognose | Quelle |
Finanzierung 2025 | 972 Mio. Euro (Rekordwert) | PitchBook |
Finanzierung Q1/2026 | >380 Mio. Euro | PitchBook |
Abwanderungsquote | ~40 % der Deep-Tech-Unicorns wandern in die USA ab | Dealroom |
EU-Marktanteil | Aktuell ~10 % -> Ziel: 20 % bis 2030 | EU-Kommission |
Globaler Marktwert | 1,6 Billionen USD (bis 2030) | McKinsey |
Fazit für die Start-up-Szene
Während Analyst*innen von Dealroom erwarten, dass demnächst mehrere europäische Fonds mit einem Volumen von über 1 Milliarde Euro auf den Markt kommen, um DeepTech-Unternehmen zu unterstützen, braucht es für einen nachhaltigen Durchbruch tiefgreifende Reformen.
Um das Abwandern technologischer Souveränität zu verhindern, fordert der Markt systemische Veränderungen. Dazu gehören flexiblere öffentlich-private Finanzierungsmodelle, schnellere Freigaben für staatliche Beihilfen und eine deutlich aktivere Rolle von Pensionskassen im Risikokapitalmarkt. Der Chips Act II wird daran gemessen werden, ob er nicht nur den Bau großer Produktionsstätten fördert, sondern gezielt schnellere und marktorientiertere Bedingungen für die heimische Unternehmenslandschaft schafft.
Reichweite statt Risikokapital: Die neue YouTube-Show „The Green Deal“ im Check
Ein neues YouTube-Format verspricht grünen Start-ups den medialen Durchbruch. Doch anstelle von finanzkräftigen Investoren urteilt eine Jury aus bekannten Influencer*innen über die Geschäftsideen – und investiert statt Eigenkapital ihre Community. Ein cleverer Schachzug zur Senkung von Kundenakquisitionskosten oder nur modern inszeniertes Affiliate-Marketing?
Mit The Green Deal erscheint eine neue digitale Sendung auf YouTube, die an das Pitch-Konzept bekannter Gründer*innenshows erinnert, die Vorzeichen jedoch komplett umdreht. Entwickelt wurde das Format von der Berliner Produktionsfirma Quintus Studios. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt und fördert das Projekt mit rund 90.000 Euro.
Follower*innen-Power gegen Umsatzbeteiligung
Die erste Staffel umfasst laut Showrunner Philipp Lippert drei Folgen mit jeweils einer Länge von 45 bis 60 Minuten. Pro Folge stellen vier bis fünf Start-ups ihre Ideen einer rotierenden, dreiköpfigen Jury vor. Moderiert wird die Sendung von Magda Stefely, einer Österreicherin, die als Journalistin unter anderem für ARD und ZDF arbeitet.
Auf den Jury-Sesseln nehmen keine klassischen Venture-Capital-Geber (VCs) Platz, sondern populäre Gesichter der deutschsprachigen Social-Media-Landschaft. Dazu zählen unter anderem der Wissenschafts-Influencer Cedric Engels („Doktor Whatson“), die Standup-Komikerin Saskia Fröhlich, Schauspielerin und Podcasterin Marie Nasemann sowie der Politik-Influencer Alexander Prinz („Der dunkle Parabelritter“). Gemeinsam vereint die insgesamt achtköpfige Jury plattformübergreifend mehrere Millionen Zuschauer*innen.
Der entscheidende Unterschied zu traditionellen Pitch-Events liegt im Deal-Mechanismus: Die Influencer*innen unterstützen die jungen Firmen durch gemeinsame Veröffentlichungen in den sozialen Medien. Im Gegenzug erhalten sie eine prozentuale Beteiligung an dem durch diese Promotion ausgelösten Umsatz des Start-up-Produkts. Der Umfang dieser Partnerschaften – von wenigen Posts bis zu langfristigen Kooperationen – wird dabei frei verhandelt. Für Showrunner Lippert ist dieser Ansatz essenziell, da Reichweite in den sozialen Medien für Startups heutzutage ebenso wichtig sei wie finanzielle Investitionen.
Die Start-ups: B2C-Lösungen für den Alltag
Hinter dem Format steht auch ein industriepolitischer Gedanke. Laut DBU-Generalsekretär Alexander Bonde tragen grüne Start-ups erheblich zur Wirtschaftskraft der Branchen mit grünen Technologien bei. Seit 2010 steigerte dieser Sektor laut dem Green-Tech-Atlas 2025 des Umweltbundesamts seine Bruttowertschöpfung jährlich um rund fünf Prozent und stellt mehr als acht Prozent der Exporte.
Um die wirtschaftliche sowie ökologische Substanz zu sichern, wurden die teilnehmenden Start-ups im Vorfeld durch die Ecosign-Akademie für nachhaltiges Design und das Impact Hub Berlin auf Nachhaltigkeitskriterien und Geschäftsmodelltauglichkeit geprüft. Das Aufgebot der DBU-geförderten Unternehmen in der Show zeigt eine klare Fokussierung auf alltagsnahe Produkte:
- Das Start-up Phaeosynt aus Hannover präsentiert den ersten veganen Schwangerschaftstest. Dabei werden tierische Antikörper durch Alternativen auf Algenbasis ersetzt. Vertrieben wird dieses Produkt unter dem Namen „Hey Mela“.
- Fainin stellt eine digitale Plattform zum abgesicherten Verleihen, Vermieten und Teilen von Alltagsgegenständen in der Nachbarschaft vor, wie etwa Werkzeuge, Technik oder Fahrräder. Dies soll übermäßigen Konsum und die Entsorgung einsatztauglicher Hilfsmittel reduzieren.
- Ebenfalls vertreten ist das Berliner Unternehmen Moot, das massentaugliche Kleidung zu 100 Prozent aus entsorgten Textilien produziert.
Die zuständige DBU-Referentin Melanie Vogelpohl ordnet das Format als „Edutainment“ ein – eine Mischung aus Bildung und Unterhaltung. Mittels Influencer*innen und Format sollen neue Zielgruppen mit nachhaltigen Ideen begeistert und zum Umweltschutz motiviert werden.
Unsere Einordnung für das Start-up-Ökosystem
Aus Sicht von Gründer*innen wirft das Modell von „The Green Deal“ spannende strategische Fragen auf. Das Format als Investmentshow zu bezeichnen, ist aus klassischer Start-up-Perspektive mutig, denn betriebswirtschaftlich handelt es sich de facto um reichweitenstarke Performance-Marketing- bzw. Affiliate-Deals.
Margendruck statt Anteilsverwässerung: Der größte Vorteil für Gründer*innen ist der Schutz des eigenen Cap Tables. Es müssen keine Unternehmensanteile abgegeben werden. Allerdings tauschen die Start-ups diesen Vorteil gegen den direkten Verlust von Marge ein. Besonders im D2C-Hardware- und Textilbereich sind die Margen oft stark limitiert. Ein prozentualer Revenue-Share an prominente Creator kann die Stückkostenrechnung (Unit Economics) belasten.
Reichweite finanziert keine Maschinen: Das Konzept geht für Consumer-Brands (B2C) mit bestehenden Produkten hervorragend auf. Für tiefgreifendes, forschungsintensives DeepTech oder B2B-GreenTech greift es jedoch womöglich zu kurz. Wenn ein Start-up eine Pilotanlage bauen muss, hilft mediale Aufmerksamkeit allein nicht weiter. Hierfür wird klassisches Risikokapital benötigt.
Langfristiger Markenaufbau vs. Hype: Die Zusammenarbeit bindet die Start-up-Marke stark an die persönliche Reputation der jeweiligen Content Creator. Gleichzeitig bietet die enge Bindung die Chance, eine loyale, wertegetriebene Community aufzubauen – ein Asset, das für nachhaltige Geschäftsmodelle enorm wertvoll ist.
Fazit
„The Green Deal“ füllt eine wichtige Lücke im Marketing-Mix nachhaltiger Start-ups. Es ist ein intelligentes Matchmaking-Format für frühphasige B2C-Unternehmen. Gründer*innen sollten das Format jedoch als das betrachten, was es im Kern ist: Ein innovativer Vertriebs- und PR-Kanal – aber kein Ersatz für klassisches Risikokapital bei hohen Infrastruktur-Kosten.
Exit als Befreiungsschlag? US-HR-Gigant Deel schluckt Kölner Start-up Sastrify
Nach millionenschweren Verlusten und einem rauen Marktumfeld findet das KI-Software-Start-up Sastrify einen Käufer. Für das hoch bewertete US-Unternehmen Deel ist der Zukauf ein strategischer Schritt zum Full-Stack-IT-Anbieter. Doch der Deal wirft auch ein kritisches Schlaglicht auf die Grenzen von Standalone-Lösungen im hart umkämpften SaaS-Management-Markt.
Die Konsolidierung im globalen B2B-Tech-Markt fordert ihr nächstes prominentes Beispiel: Das 2020 in Köln gegründete Start-up Sastrify, Anbieter einer KI-gestützten Managementplattform für Software-as-a-Service (SaaS), wurde von Deel übernommen. Der US-Gigant, der mit einer Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich als weltweit führender Anbieter für internationales Personal- und Compliance-Management gilt, integriert die Kölner in sein neues Angebot „Deel IT“. Über die genaue Höhe des Kaufpreises wurde, wie in der Branche bei privat gehaltenen Tech-Unternehmen üblich, striktes Stillschweigen vereinbart. Was in der begleitenden Pressemitteilung als nahtlose strategische Expansion gefeiert wird, markiert für Sastrify das Ende einer von rasantem Wachstum, aber auch empfindlichen finanziellen Schieflagen geprägten Eigenständigkeit.
Vom Parkhaus in den globalen Software-Dschungel
Die Geschichte von Sastrify beginnt mit einem bewährten Duo: Sven Lackinger und Maximilian Messing. Die beiden Gründer hatten bereits ihr erstes Mobility-Start-up evopark erfolgreich verkauft (die Mehrheitsübernahme durch die Scheidt & Bachmann Gruppe wurde Ende 2017 besiegelt). Mit ihrem zweiten Wurf nahmen sie sich ab 2020 eines massiven Schmerzpunkts moderner Unternehmen an: des „SaaS Sprawls“ – dem unkontrollierten Wildwuchs an Software-Lizenzen, der in dezentralisierten Teams entsteht.
Die Sastrify-Plattform versprach, durch KI-gestützte Analysen, automatisierte Beschaffungsworkflows und Benchmark-Preisdaten diesen Wildwuchs zu ordnen und die Softwarekosten für Kunden drastisch zu senken. Die Story verfing bei namhaften internationalen VCs: Investoren wie HV Capital, FirstMark und Endeit Capital pumpten insgesamt über 55 Millionen US-Dollar in das Kölner Start-up (allein 32 Millionen US-Dollar in der Series-B-Runde Mitte 2023).
Rote Zahlen und die Grenzen des Geschäftsmodells
Doch der Preis des rasanten Skalierens war hoch. Sastrify befindet sich im klassischen, extrem kapitalintensiven Wachstumsmodus. Die nackten Zahlen aus dem Bundesanzeiger offenbaren die finanzielle Realität: Allein im Jahr 2022 fuhr das Unternehmen einen Verlust von 9,9 Millionen Euro ein (nach 1,7 Millionen Euro im Vorjahr). Bis Ende 2022 verschlang der Aufbau des Unternehmens bereits rund 11,8 Millionen Euro.
Als das VC-Klima 2023 abkühlte und Tech-Unternehmen weltweit massiv Personal abbauten, geriet das Geschäftsmodell zunehmend unter Druck. Sastrify, das angetreten war, um Kunden beim Kostensparen zu helfen, litt unter den eingefrorenen Budgets der eigenen Zielgruppe. Sastrify-CEO Sven Lackinger bezeichnete das Jahr 2023 rückblickend öffentlich als „spannendes Jahr“ und rief für 2024 die Devise „effizientes Wachstum“ aus – in der Start-up-Sprache oft ein Euphemismus für harte Restrukturierungen und den Zwang zur Profitabilität mangels frischen VC-Geldes.
Haifischbecken SaaS-Management: Ein Feature, kein Produkt?
Ein kritischer Blick auf den Markt zeigt zudem ein strukturelles Problem: Der Markt für SaaS-Spend-Management ist hochgradig gesättigt. Mit US-Schwergewichten wie dem hochfinanzierten Platzhirsch Vendr sowie starken Konkurrenten wie Spendflo, Zylo oder Cledara bewegte sich Sastrify in einem extrem kompetitiven Haifischbecken. Die Dienstleistungen – Schatten-IT aufdecken, Lizenzen kündigen, Preise verhandeln – unterscheiden sich oft nur in Nuancen. Sastrify lief Gefahr, in einem Markt zerrieben zu werden, der zunehmend nach ganzheitlichen Plattformen verlangt. Eine isolierte Software, die nur andere Software verwaltet, verliert bei CTOs und CFOs an Reiz, wenn sie nicht tief in übergeordnete HR- und IT-Prozesse integriert ist.
Der Exit als logische Konsequenz
Genau diese rettende Integration bietet nun Deel. Für den US-Konzern, der das globale Onboarding, die Payroll und die Compliance von Remote-Workern dominiert, ist der Zukauf ein logisches Puzzleteil. Wer über Deel einen Entwickler in Brasilien oder eine Designerin in Berlin einstellt, muss diese Person nicht nur bezahlen, sondern auch mit den nötigen Zugängen (Slack, Salesforce etc.) ausstatten. Durch die Übernahme baut Deel diese Brücke vom reinen HR-Tool zum „Full-Stack-IT-Anbieter“.
Dabei setzt der US-Riese voll auf das Know-how aus Köln: Das gesamte Sastrify-Team mitsamt den beiden Gründern wechselt geschlossen zu Deel. Sven Lackinger und Maximilian Messing bleiben also an Bord und sollen mit den weitaus größeren Ressourcen des US-Giganten im Rücken den neuen Geschäftsbereich „Deel IT“ maßgeblich auf- und ausbauen.
Einordnung für die Start-up-Szene
Für Gründer*innen und Start-ups hält dieser Case eine zentrale Lektion bereit: Die Zeit der extrem kapitalintensiven „One-Trick-Ponys“ im B2B-SaaS-Sektor nähert sich dem Ende. Wenn Investor*innengelder knapp werden, beschleunigt sich die Konsolidierung. Standalone-Tools mutieren unweigerlich zu Features größerer Ökosysteme. Für Lackinger und Messing ist der Verkauf an Deel angesichts der finanziellen Kennzahlen der letzten Jahre und des verschlossenen IPO-Fensters zweifelsohne ein strategischer Befreiungsschlag. Dass sie und ihr Team die neue Sparte bei Deel anführen dürfen, ist zudem ein beachtlicher Vertrauensbeweis – auch wenn der ungenannte Kaufpreis im Verhältnis zu den zuvor investierten 55 Millionen Dollar im Markt durchaus Fragen offenlassen dürfte.
