PIONIERKRAFT: Energie-Start-up sichert sich hohen siebenstelligen Betrag


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Das Münchner Energie-Start-up PIONIERKRAFT erhält im Rahmen seiner Serie-A Finanzierungsrunde einen hohen siebenstelligen Betrag zum Ausbau seiner innovativen Energie-Sharing-Lösung für Mehrfamilienhäuser.

PIONIERKRAFT wurde 2019 von Andreas Eberhardt und Nicolas Schwaab in München gegründet und hat seinen Firmensitz im Münchner Technologiezentrum (MTZ). Mit seiner innovativen Kombination aus Hardware, Software und Dienstleistung bietet das junge Unternehmen erstmals eine Möglichkeit, selbst erzeugte Energie lokal und ab der ersten Partei profitabel mit anderen zu teilen.

Nach erfolgreichen Pilotprojekten in 2020 konnte sich das PIONIERKRAFTwerk seit November 2021 in kürzester Zeit am Markt etablieren und kommt mittlerweile in hunderten Projekten im gesamten Bundesgebiet zum Einsatz. Andreas Eberhardt, Co-Gründer von PIONIERKRAFT, wurde 2021 im „Forbes 30 Under 30 Europe-Ranking“ für seine Vision "alle Menschen mit bezahlbarer und sauberer Energie zu versorgen", als einer der erfolgreichsten Jungunternehmer ausgezeichnet. Diese Vision treibt das Unternehmen durch die Zusammenarbeit mit zahlreichen Partner*innen aus der Solarindustrie und der Wohnungswirtschaft weiter voran.

Die erfolgreiche Serie-A-Finanzierungsrunde stellt einen bedeutenden Meilenstein in der noch jungen Unternehmensgeschichte dar. „Mit unserer Gründung im Jahr 2019 erkannten wir die Chance, einen wesentlichen Baustein für einen milliardenschweren Energiemarkt zu kreieren und als Katalysator für die Energiewende in kleinen und mittelgroßen Mehrfamilienhäusern zu agieren. Die Serie-A Finanzierungsrunde ermöglicht uns die notwendige Skalierung unseres Fachpartner-Netzwerks und die Großserienproduktion unserer neuesten Energy-Sharing-Lösung, um in einer führenden Rolle echte Veränderung im Energiesektor bewirken zu können. Ich bin extrem stolz auf das gesamte PIONIERKRAFT-Team, welches unsere heutige Position mit vielen richtigen Entscheidungen und harter Arbeit möglich gemacht hat“, sagt Andreas Eberhardt, CEO von PIONIERKRAFT.

Mit dem frischen Kapital plant PIONIERKRAFT, seine Position im noch wenig erschlossenen Markt der Solarstromversorgung für kleinere Mehrfamilienhäuser mit bis zu 20 Parteien weiter auszubauen, um so seine deutschlandweite Marktpräsenz weiter zu stärken. Die innovative Hard- und Softwarelösung schließt die Versorgungslücke zwischen Einfamilienhäusern und großen Mieterstromanlagen durch selbst erzeugten Solarstrom. Fachpartnern wird dadurch der eigenständige Vertrieb von Solarlösungen für knapp 40% des deutschen Wohnungsbestands eröffnet.

„Die Partnerschaft mit PIONIERKRAFT ist ein spannender Schritt vorwärts in unserer Mission, eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben und den Übergang zu erneuerbaren Energien zu erleichtern. Die innovative Energie-Sharing-Lösung des Unternehmens adressiert den großen Sektor der Mehrfamilienhäuser in Deutschland, der bisher von den ansonsten boomenden Aufdach-Solaranlagen nahezu ausgeschlossen war. Diese Lücke muss geschlossen werden und wir glauben, dass PIONIERKRAFT genau die Lösung bietet, die der Markt braucht. Wir freuen uns, das Wachstum des Unternehmens zu unterstützen und sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam den Wandel zu einer nachhaltigeren Energiezukunft für Europa beschleunigen können“, sagt Alexander Starchenko, geschäftsführender Gesellschafter von First Imagine!.

Die Finanzierung ermöglicht es dem Unternehmen außerdem, die Entwicklung der nächsten Produktgeneration PIONIERKRAFTwerk 3.0 abzuschließen, die neue Maßstäbe in puncto Leistung und Benutzerfreundlichkeit setzt. So wird das Angebot für Vermieter noch attraktiver und ebnet den Weg zur Dekarbonisierung des deutschen Wohngebäudebestands.

Investforum Pitch-Day 2026 bringt Startups und Innovationen nach Dessau

Am 16. September 2026 findet im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau der nächste Investforum Pitch-Day statt. Das etablierte Startup- und Matching-Event zählt zu den wichtigsten Formaten für Frühphasen-, Gründungs- und Wachstumsfinanzierung in Sachsen-Anhalt und bringt seit mittlerweile 17 Jahren innovative Startups, Investoren, Unternehmen und Netzwerkpartner aus ganz Deutschland zusammen.

Gesucht werden branchenübergreifend Teams mit skalierbaren Geschäftsmodellen, innovativen Technologien und Wachstumspotenzial – unter anderem aus den Bereichen KI & Software, Bio & Life Science, Clean Tech, FinTech, Food, Consumer Products oder E-Commerce. Auch Forschungsprojekte mit verwertbaren Ergebnissen und konkretem Anwendungspotenzial können sich bewerben.

Im Mittelpunkt stehen kompakte Pitch-Sessions, kuratierte 1:1-Matchings mit Investoren und direkter Austausch mit Branchenakteuren. Zusätzlich profitieren die ausgewählten Teams von einer professionellen Vorbereitung durch Workshops, Pitchtrainings sowie Unterstützung bei Pitch- und Read Decks.

Darüber hinaus bietet der Investforum Pitch-Day Networking mit Business Angels, VCs und Unternehmen sowie Keynotes rund um Innovation und Wachstum. Ein weiterer Höhepunkt ist die Verleihung des Awards „Überzeugendstes Startup“ der Stadtwerke Halle GmbH, dotiert mit 2.500 Euro, sowie des „TK-Sonderpreis Gesundheit“ der Techniker Krankenkasse Sachsen-Anhalt, dotiert mit 1.000 Euro.

Mit der HANGAR Night erwartet die Teilnehmenden außerdem ein besonderes Abendformat mit Innovation Walks, Drinks, Live-Musik und Austausch in außergewöhnlicher Atmosphäre.

Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 14. Juni 2026. Weitere Informationen zu Teilnahmebedingungen, Förderung und Bewerbung gibt es unter: pitchday.investforum.de

Der Investforum Pitch-Day 2026 ist ein Angebot der IMPETUUM GmbH – Institut für Wissens- und Technologietransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und wird durch das Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus und des Landes Sachsen-Anhalt gefördert

Dealroom Index 2026: Europas DeepTech-Erwachen – Warum München jetzt bei Defense-Tech dominiert

London holt sich die Krone von Paris zurück, Europa führt bei der „Innovationsdichte“ – und Deutschland festigt seine Rolle im DeepTech- und Rüstungssektor. Der neue Global Tech Ecosystem Index 2026 von Dealroom zeigt einen Kontinent im Umbruch. Doch hinter den starken Pro-Kopf-Zahlen verbirgt sich weiterhin Europas ungelöstes Skalierungsproblem.

Europa ist Heimat der weltweit leistungsstärksten Tech-Ökosysteme – zumindest, wenn man die reine Anzahl an Hubs im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße betrachtet. Zu diesem Schluss kommt der neue Global Tech Ecosystem Index, den die Datenplattform Dealroom am Donnerstag vorstellt. Demnach stellt Europa 45 der Top-100-Städte im sogenannten Density-Ranking und verweist Nordamerika (40) auf Platz zwei. Der Bericht unterstreicht einen fundamentalen Wandel: Europa versucht, seine wirtschaftliche Stagnation durch einen forcierten Fokus auf DeepTech, künstliche Intelligenz und strategische Autonomie zu kompensieren.

London verdrängt Paris, kleinere Hubs rücken auf

Nachdem Paris im vergangenen Jahr die Spitzenposition im europäischen Maßstab innehatte, hat London den Thron 2026 zurückerobert. Befeuert durch ein Rekord-Investitionsvolumen von 7 Milliarden US-Dollar im KI-Sektor (ein sattes Plus gegenüber den 3,9 Milliarden US-Dollar aus 2024) und eine wachsende Liste von mittlerweile 138 Unicorns (darunter Wayve und ElevenLabs), festigt die britische Hauptstadt ihren Status als globaler Fixpunkt. Paris bleibt mit 5 Milliarden US-Dollar an eingeworbenem Venture Capital (VC) und Aushängeschildern wie Mistral AI der schärfste Kontrahent auf dem Festland. KI macht in Europa mittlerweile rund 30 Prozent der gesamten VC-Investitionen aus.

Spannend für die Start-up-Landschaft ist jedoch die Entwicklung abseits der Megametropolen. Europas Wettbewerbsfähigkeit wird zunehmend von spezialisierten, stark forschungsgetriebenen Clustern getragen.
 

Kategorie

Top 5 Hubs in Europa (Dealroom 2026)

Fokus / Ökosystem-Merkmal

Global Champions


 

(Absolute Skalierung)

1. London


 

2. Paris


 

3. Stockholm


 

4. Berlin


 

5. Lausanne

Fokus auf massives VC-Volumen, Mega-Rounds, Enterprise-Software und absolute Unicorn-Dichte.

Density Leaders


 

(Innovation pro Kopf)

1. Cambridge


 

2. London


 

3. Stockholm


 

4. Gent


 

5. München

Starke Universitätsnähe, hohe Patentdichte, Deep Tech und effiziente Start-up-Aktivität.



Deutschland: München boomt bei Rüstung, Berlin bleibt stabil

Der Blick auf die DACH-Region und insbesondere den deutschen Markt offenbart eine klare Rollenverteilung:

  • München (Platz 5 der europäischen Density-Hubs, Platz 24 global): Die bayerische Landeshauptstadt hat sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt für europäische Verteidigungs- und Industrietechnologie entwickelt. Getrieben durch das exzellente universitäre Umfeld (insbesondere die TU München) und den starken industriellen Mittelstand, sammelten allein die Vorzeige-Unternehmen Helsing und ARX Robotics im vergangenen Jahr rund 763 Millionen US-Dollar ein.
  • Berlin (Platz 4 der europäischen Global Champions, Platz 22 global): Die Hauptstadt bleibt das deutsche Aushängeschild für absolute Volumina und späte Finanzierungsrunden. Die historisch starken Sektoren Fintech und Enterprise-Software werden zunehmend durch starke KI-Investitionen flankiert, wodurch Berlin seinen Platz unter den führenden Tech-Metropolen behauptet.

Kritische Einordnung: Zwischen Autonomie und Realitätscheck

Die Dealroom-Zahlen lesen sich für europäische Ohren und politische Entscheidungsträger*innen wie Balsam. Dennoch bedürfen sie gerade aus Gründer*innen-Perspektive einer nüchternen Einordnung:

1. Der "Per-Capita-Trostpreis" vs. echtes Scaling

Dass Europa die Density Leaders dominiert, belegt die herausragende Qualität der universitären Forschung in Städten wie Cambridge, Gent oder München. Es verschleiert jedoch die Tatsache, dass in absoluten Zahlen – beim Wachstumkapital für Mega-Rounds (Series C+) und beim Aufbau von globalen Monopolisten – das Silicon Valley und andere US-Hubs in einer eigenen Liga spielen. Europa ist mittlerweile exzellent darin, Deep-Tech-Start-ups zu gründen; es hinkt aber weiterhin beim Skalieren hinterher, weil heimisches Spätphasen-Kapital fehlt.

2. "Strategic Autonomy" als neuer Investment-Case

Die Dealroom-Daten belegen einen massiven Paradigmenwechsel: Tech-Investitionen in Europa sind sicherheitspolitisch relevant geworden. Rüstungstechnologie (DefenseTech), lange Zeit von ESG-getriebenen europäischen Fonds gemieden, ist nun massentauglich. Der Schwenk hin zu "Dual Use"-Technologien und Resilienz spült dringend benötigtes Geld in Hardware- und B2B-Start-ups. Jan-Hendrik Boelens, CEO von Alpine Eagle, fasst diesen Zeitgeist treffend zusammen, wenn er auf die Notwendigkeit verweist, dass Europa „mehr eigene strategische Fähigkeiten aufbauen muss“.

3. Fragmentierung: Vielfalt oder Flickenteppich?

Die Studie feiert die dezentrale Struktur Europas mit vielen aufstrebenden Hubs (wie Kiew, Zagreb oder Tallinn, die das "Rising Stars"-Ranking anführen) als Vorteil. Für ambitionierte Gründer bedeutet diese Fragmentierung im operativen Alltag jedoch nach wie vor die Konfrontation mit einem Flickenteppich aus unterschiedlichen Regularien, Steuergesetzen und fragmentierten Kapitalmärkten. Diese Struktur ist die größte Hürde auf dem Weg zu einem homogenen europäischen Binnenmarkt für Tech-Unternehmen.

Fazit

Der Dealroom-Index 2026 zeigt klar, dass die DACH-Region die richtige Abzweigung genommen hat. Den akademischen Forschungsgeldern folgen nun handfeste Venture-Capital-Investments im DeepTech-Sektor. Damit aus den europäischen Density Leaders jedoch echte Global Champions auf Augenhöhe mit den USA oder China werden, muss Europa den Weg für grenzüberschreitende Wachstumsfinanzierungen massiv erleichtern.

Vor dem EU Chips Act II: Rekordinvestitionen treffen auf bürokratische Hürden

Trotz Rekordkapital lähmt Bürokratie Europas Chip-Start-ups. Vor dem Chips Act II fordern Investor*innen Reformen gegen den US-Exodus.

Das Interesse von Investor*innen an europäischen Halbleiter-Start-ups erreicht neue Höchststände, doch der Weg vom Forschungslabor zur Marktreife bleibt für viele Unternehmen steinig. Während die Europäische Kommission am 27. Mai den mit Spannung erwarteten Entwurf für den Chips Act II vorlegen wird, warnen Investor*innen und Branchenexpert*innen: Ohne einen drastischen Bürokratieabbau und eine verbesserte Wachstumsfinanzierung droht der Europäischen Union ein weiterer Exodus zukunftsweisender Deep-Tech-Unternehmen.

Ein Ökosystem der Kontraste

Die aktuellen Rahmenbedingungen für DeepTech-Gründungen in Europa zeichnen ein paradoxes Bild. Einerseits verzeichnen europäische Chip-Start-ups ein massives Finanzierungsmomentum, das Investor*innen zunehmend anzieht. Laut Analysen von PitchBook sammelten Halbleiter-Start-ups auf dem Kontinent im Jahr 2025 die Rekordsumme von 972 Millionen Euro ein. Allein im ersten Quartal 2026 flossen bereits weitere 380 Millionen Euro in den Sektor. Hardware-Start-ups aus Bereichen wie Halbleitertechnik, Quantentechnologie und Robotik rücken verstärkt in den Fokus von Geldgebern, da ihre zugrunde liegenden Innovationen weitaus schwerer zu kopieren sind als klassische softwarebasierte KI-Lösungen (Software-as-a-Service).

Andererseits kämpft Europa massiv damit, diese unbestreitbare wissenschaftliche Stärke in skalierbare Geschäftsmodelle umzuwandeln. Ein aktueller Bericht von Dealroom belegt, dass Europa zwar 30 Prozent der weltweiten Top-Universitäten im DeepTech-Bereich beheimatet und doppelt so viele Absolvent*innen in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern hervorbringt wie die USA. Dennoch haben fast 40 Prozent der europäischen DeepTech-Unicorns ihren Sitz bereits vor oder nach der Finanzierung in die USA verlegt.

Die Erwartungen an den Chips Act II

Der erwartete Chips Act II baut auf dem ersten europäischen Chip-Gesetz auf, das im September 2023 in Kraft trat und nach Angaben der Kommission Investitionen in Fertigungskapazitäten von über 80 Milliarden Euro auslöste. Aktuell hält Europa einen weltweiten Marktanteil von rund 10 Prozent, der durch die politische Initiative bis 2030 auf 20 Prozent verdoppelt werden soll.

Das ist ein überaus ehrgeiziges Ziel angesichts eines globalen Branchenwertes, der laut McKinsey bis zum Ende des Jahrzehnts auf 1,6 Billionen US-Dollar anwachsen könnte. Industrievertreter*innen und politische Entscheidungsträger*innen weisen jedoch darauf hin, dass die bisherigen Fortschritte nicht ausreichen, um mit der expandierenden Subventions- und Ausbaupolitik der USA sowie asiatischer Wirtschaftsmächte mitzuhalten.

Einordnung: Das "Tal des Todes" bei der Kommerzialisierung

Daiva Rakauskaitė, Partnerin und Fondsmanagerin bei Aneli Capital, einer Fondsgesellschaft mit Fokus auf zentral- und osteuropäische (CEE) Start-ups, warnt davor, sich auf den aktuellen Rekordsummen auszuruhen. Das stärkere Interesse der Investoren löse den wesentlichen Engpass Europas – die zu langsame Kommerzialisierung – nicht automatisch.

„Viele junge europäische DeepTech-Unternehmen stehen vor einer schwierigen mittleren Phase zwischen Forschungsförderung und kommerziellen Einnahmen“, erklärt die Expertin. Besonders Halbleiter-Start-ups benötigen massives Vorabkapital für teures Prototyping, Tests, Zertifizierungen und Kundenqualifizierungen, bevor sie überhaupt im großen Stil wachsen können.

Der Erfolg der neuen EU-Initiative wird laut Rakauskaitė maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die regulatorische Fragmentierung zwischen den EU-Mitgliedsstaaten abzubauen. Als direkte Bremsklötze für die europäische Wettbewerbsfähigkeit nennt sie:

  • Verzögerungen bei der Genehmigungsvergabe.
  • Zersplitterte Prozesse im staatlichen Beihilferecht.
  • Zu hohe Compliance-Kosten für junge Unternehmen.
  • Ein gravierender Mangel an Wachstumskapital ab der Series-B-Phase.

Europas Halbleiter-Ambitionen auf einen Blick

Kennzahl

Aktueller Stand / Prognose

Quelle

Finanzierung 2025

972 Mio. Euro (Rekordwert)

PitchBook

Finanzierung Q1/2026

>380 Mio. Euro

PitchBook

Abwanderungsquote

~40 % der Deep-Tech-Unicorns wandern in die USA ab

Dealroom

EU-Marktanteil

Aktuell ~10 % -> Ziel: 20 % bis 2030

EU-Kommission

Globaler Marktwert

1,6 Billionen USD (bis 2030)

McKinsey


Fazit für die Start-up-Szene

Während Analyst*innen von Dealroom erwarten, dass demnächst mehrere europäische Fonds mit einem Volumen von über 1 Milliarde Euro auf den Markt kommen, um DeepTech-Unternehmen zu unterstützen, braucht es für einen nachhaltigen Durchbruch tiefgreifende Reformen.

Um das Abwandern technologischer Souveränität zu verhindern, fordert der Markt systemische Veränderungen. Dazu gehören flexiblere öffentlich-private Finanzierungsmodelle, schnellere Freigaben für staatliche Beihilfen und eine deutlich aktivere Rolle von Pensionskassen im Risikokapitalmarkt. Der Chips Act II wird daran gemessen werden, ob er nicht nur den Bau großer Produktionsstätten fördert, sondern gezielt schnellere und marktorientiertere Bedingungen für die heimische Unternehmenslandschaft schafft.

Reichweite statt Risikokapital: Die neue YouTube-Show „The Green Deal“ im Check

Ein neues YouTube-Format verspricht grünen Start-ups den medialen Durchbruch. Doch anstelle von finanzkräftigen Investoren urteilt eine Jury aus bekannten Influencer*innen über die Geschäftsideen – und investiert statt Eigenkapital ihre Community. Ein cleverer Schachzug zur Senkung von Kundenakquisitionskosten oder nur modern inszeniertes Affiliate-Marketing?

Mit The Green Deal erscheint eine neue digitale Sendung auf YouTube, die an das Pitch-Konzept bekannter Gründer*innenshows erinnert, die Vorzeichen jedoch komplett umdreht. Entwickelt wurde das Format von der Berliner Produktionsfirma Quintus Studios. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt und fördert das Projekt mit rund 90.000 Euro.

Follower*innen-Power gegen Umsatzbeteiligung

Die erste Staffel umfasst laut Showrunner Philipp Lippert drei Folgen mit jeweils einer Länge von 45 bis 60 Minuten. Pro Folge stellen vier bis fünf Start-ups ihre Ideen einer rotierenden, dreiköpfigen Jury vor. Moderiert wird die Sendung von Magda Stefely, einer Österreicherin, die als Journalistin unter anderem für ARD und ZDF arbeitet.

Auf den Jury-Sesseln nehmen keine klassischen Venture-Capital-Geber (VCs) Platz, sondern populäre Gesichter der deutschsprachigen Social-Media-Landschaft. Dazu zählen unter anderem der Wissenschafts-Influencer Cedric Engels („Doktor Whatson“), die Standup-Komikerin Saskia Fröhlich, Schauspielerin und Podcasterin Marie Nasemann sowie der Politik-Influencer Alexander Prinz („Der dunkle Parabelritter“). Gemeinsam vereint die insgesamt achtköpfige Jury plattformübergreifend mehrere Millionen Zuschauer*innen.

Der entscheidende Unterschied zu traditionellen Pitch-Events liegt im Deal-Mechanismus: Die Influencer*innen unterstützen die jungen Firmen durch gemeinsame Veröffentlichungen in den sozialen Medien. Im Gegenzug erhalten sie eine prozentuale Beteiligung an dem durch diese Promotion ausgelösten Umsatz des Start-up-Produkts. Der Umfang dieser Partnerschaften – von wenigen Posts bis zu langfristigen Kooperationen – wird dabei frei verhandelt. Für Showrunner Lippert ist dieser Ansatz essenziell, da Reichweite in den sozialen Medien für Startups heutzutage ebenso wichtig sei wie finanzielle Investitionen.

Die Start-ups: B2C-Lösungen für den Alltag

Hinter dem Format steht auch ein industriepolitischer Gedanke. Laut DBU-Generalsekretär Alexander Bonde tragen grüne Start-ups erheblich zur Wirtschaftskraft der Branchen mit grünen Technologien bei. Seit 2010 steigerte dieser Sektor laut dem Green-Tech-Atlas 2025 des Umweltbundesamts seine Bruttowertschöpfung jährlich um rund fünf Prozent und stellt mehr als acht Prozent der Exporte.

Um die wirtschaftliche sowie ökologische Substanz zu sichern, wurden die teilnehmenden Start-ups im Vorfeld durch die Ecosign-Akademie für nachhaltiges Design und das Impact Hub Berlin auf Nachhaltigkeitskriterien und Geschäftsmodelltauglichkeit geprüft. Das Aufgebot der DBU-geförderten Unternehmen in der Show zeigt eine klare Fokussierung auf alltagsnahe Produkte:

  • Das Start-up Phaeosynt aus Hannover präsentiert den ersten veganen Schwangerschaftstest. Dabei werden tierische Antikörper durch Alternativen auf Algenbasis ersetzt. Vertrieben wird dieses Produkt unter dem Namen „Hey Mela“.
  • Fainin stellt eine digitale Plattform zum abgesicherten Verleihen, Vermieten und Teilen von Alltagsgegenständen in der Nachbarschaft vor, wie etwa Werkzeuge, Technik oder Fahrräder. Dies soll übermäßigen Konsum und die Entsorgung einsatztauglicher Hilfsmittel reduzieren.
  • Ebenfalls vertreten ist das Berliner Unternehmen Moot, das massentaugliche Kleidung zu 100 Prozent aus entsorgten Textilien produziert.

Die zuständige DBU-Referentin Melanie Vogelpohl ordnet das Format als „Edutainment“ ein – eine Mischung aus Bildung und Unterhaltung. Mittels Influencer*innen und Format sollen neue Zielgruppen mit nachhaltigen Ideen begeistert und zum Umweltschutz motiviert werden.

Unsere Einordnung für das Start-up-Ökosystem

Aus Sicht von Gründer*innen wirft das Modell von „The Green Deal“ spannende strategische Fragen auf. Das Format als Investmentshow zu bezeichnen, ist aus klassischer Start-up-Perspektive mutig, denn betriebswirtschaftlich handelt es sich de facto um reichweitenstarke Performance-Marketing- bzw. Affiliate-Deals.

Margendruck statt Anteilsverwässerung: Der größte Vorteil für Gründer*innen ist der Schutz des eigenen Cap Tables. Es müssen keine Unternehmensanteile abgegeben werden. Allerdings tauschen die Start-ups diesen Vorteil gegen den direkten Verlust von Marge ein. Besonders im D2C-Hardware- und Textilbereich sind die Margen oft stark limitiert. Ein prozentualer Revenue-Share an prominente Creator kann die Stückkostenrechnung (Unit Economics) belasten.

Reichweite finanziert keine Maschinen: Das Konzept geht für Consumer-Brands (B2C) mit bestehenden Produkten hervorragend auf. Für tiefgreifendes, forschungsintensives DeepTech oder B2B-GreenTech greift es jedoch womöglich zu kurz. Wenn ein Start-up eine Pilotanlage bauen muss, hilft mediale Aufmerksamkeit allein nicht weiter. Hierfür wird klassisches Risikokapital benötigt.

Langfristiger Markenaufbau vs. Hype: Die Zusammenarbeit bindet die Start-up-Marke stark an die persönliche Reputation der jeweiligen Content Creator. Gleichzeitig bietet die enge Bindung die Chance, eine loyale, wertegetriebene Community aufzubauen – ein Asset, das für nachhaltige Geschäftsmodelle enorm wertvoll ist.

Fazit

„The Green Deal“ füllt eine wichtige Lücke im Marketing-Mix nachhaltiger Start-ups. Es ist ein intelligentes Matchmaking-Format für frühphasige B2C-Unternehmen. Gründer*innen sollten das Format jedoch als das betrachten, was es im Kern ist: Ein innovativer Vertriebs- und PR-Kanal – aber kein Ersatz für klassisches Risikokapital bei hohen Infrastruktur-Kosten.

Kühlen ohne Kompressor: Fraunhofer-Spin-off Qurie sichert sich 2,2 Mio. Euro Seed-Kapital

Die Kühlindustrie steht unter enormem regulatorischem Druck. Das 2026 ausgründete Freiburger DeepTech-Spin-off Qurie will mit einer neuartigen elektrokalorischen Technologie den Markt aufmischen – und verspricht das Ende des klassischen Kompressors.

Das Prinzip der meisten heutigen Kühlsysteme entstammt dem 19. Jahrhundert: Kompression und Verdampfung von Kältemitteln. Angesichts der EU-F-Gase-Verordnung, die den Einsatz klassischer, klimaschädlicher Kältemittel massiv einschränkt, tickt für diese Technologie jedoch die regulatorische Uhr. Die 2026 als Spin-off des Fraunhofer-Instituts für Physikalische Messtechnik (IPM) gegründete Qurie GmbH präsentiert nun eine marktreife Alternative: elektrokalorische Kühlsysteme, die vollständig ohne Kompressoren, ohne Druckaufbau und ohne konventionelle Kältemittel auskommen.

Für diese Mission konnte das Freiburger Unternehmen im April 2026 namhafte Investor*innen gewinnen: Der High-Tech Gründerfonds (HTGF), der Technologie-Transfer-Fonds TT49 und die Aepikur GmbH investieren gemeinsam 2,2 Millionen Euro Seed-Kapital in das Start-up.

Die Gründer und die Historie

Hinter Qurie stehen zwei Köpfe, die Wissenschaft und Marktexpertise vereinen: Dr. Kilian Bartholomé (CTO) und Dr. Christian Vogel (CEO). Die Technologie fußt auf mehr als zehn Jahren intensiver Vorlaufforschung am Fraunhofer IPM. Das nun ausgegründete Team von über zehn Expertinnen und Experten aus Materialwissenschaft, Thermodynamik und Ingenieurwesen arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. Die Entwicklungsarbeit wird zudem bis Ende 2026 von einem BMWE-geförderten Forschungsprogramm flankiert.

Technologie: Materialintelligenz statt Mechanik

Qurie löst ein zentrales Problem alternativer Kühltechniken. Andere Ansätze wie die Magneto- oder Elastokalorik scheiterten bisher oft an zu hohen Systemkosten. Quries Ansatz basiert hingegen auf der Elektrokalorik: Bestimmte Keramiken und Polymere verändern ihre Temperatur, wenn ein elektrisches Feld angelegt oder entfernt wird.

Das Alleinstellungsmerkmal und Herzstück von Qurie ist dabei die weltweit patentierte „aktive elektrokalorische Heatpipe“ (AEH). Diese präzise gestapelte Materialstruktur ermöglicht es, Wärme sehr effizient abzuführen. Laut CTO Bartholomé erlaubt dieser Ansatz deutlich höhere Pumpfrequenzen beim Wärmetransport als bisherige Flüssigkeitssysteme. Die Eckdaten, die das Start-up kommuniziert, sind beachtlich:

  • Theoretische Effizienz: Über 80 Prozent (im Vergleich zu maximal 50 Prozent bei klassischen Kompressoren).
  • Energieeinsparung: Potenzial von rund 40 Prozent.
  • Formfaktor: Eine miniaturisierbare Festkörper-Architektur, die völlig neue Designs von der Chip-Kühlung bis zur Gebäudetechnik zulässt.

Markt, Wettbewerb & kritische Einordnung

Der erste Zielmarkt von Qurie ist die Schaltschrankklimatisierung – ein Segment, das hohe Präzision erfordert und in dem laut Start-up bislang vollständig zufriedenstellende Lösungen fehlen. Von diesem Sprungbrett aus visiert Qurie die gewerbliche Kühlung, die Medizintechnik sowie die Elektronik- und Automobilbranche an.

Dass institutionelle Investor*innen wie der HTGF ein solches DeepTech-Hardware-Investment tätigen, unterstreicht die Solidität der Patente und die hohe Marktrelevanz der Technologie. Der starke regulatorische Rückenwind durch die EU-F-Gase-Verordnung spielt Qurie als Markttreiber enorm in die Karten.

Dennoch bleibt das Vorhaben ambitioniert. Hardware-Start-ups stehen vor der klassischen Skalierungsfalle: Die Überführung von Laborprototypen hin zu massenfertigungstauglichen, ausfallsicheren Produkten ist komplex. Gerade präzise gestapelte Materialstrukturen können in der industriellen Fertigung Tücken bergen. Zudem schläft die Konkurrenz nicht: Etablierte Industriegiganten sowie andere Start-ups (wie beispielsweise die auf Magnetokalorik spezialisierte Magnotherm) drängen mit viel Kapital in den Markt für alternative Kühlung.

Fazit

Qurie bringt eine der vielversprechendsten Hardware-Innovationen der letzten Jahre aus dem Fraunhofer-Ökosystem auf den Markt. Kann das Team beweisen, dass die neue Technologie nicht nur im Labor funktioniert, sondern auch in der Wirtschaftlichkeitsrechnung der Industriekund*innen besteht, steht dem Start-up ein globaler Milliardenmarkt offen.

Gründer*in der Woche: malmachen - Bootstrapping statt Pitchdeck

Kein VC-Geld, aber echte Kund*innen: Wie ein Start-up aus Deggendorf mit Voice-KI den Mittelstand adressiert – und warum Bootstrapping eine ernstzunehmende Alternative zum polierten Pitchdeck sein kann.

Während viele KI-Start-ups ihre Ideen zunächst in Präsentationen für Investoren entwickeln, sind drei Gründer aus Deggendorf einen anderen Weg gegangen. Marco Jülke, Leonhard Pöppel und Anton Kirchner bauen seit 2022 mit der malmachen GbR eine Telefon-KI ohne externes Funding und direkt im Markt auf. Zu einem Zeitpunkt, als es hierzulande kaum praxistaugliche Lösungen gab, begannen sie, reale Anwendungsfälle umzusetzen. Ihr Ansatz war dabei von Anfang an klar formuliert: Nicht erzählen, sondern bauen. Anstatt früh Kapital einzusammeln, arbeiteten sie unmittelbar an konkreten Kund*innenprojekten und entwickelten daraus über drei Jahre eine skalierbare Technologie.

In einem extrem rechen- und technologieintensiven Umfeld war das fehlende Risikokapital dabei durchaus spürbar. „Gerade am Anfang war Telefon-KI technisch extrem aufwendig, weil es kaum fertige Infrastruktur gab, auf die man einfach hätte aufsetzen können“, räumt Mitgründer Marco Jülke ein. Die Folge war viel eigenes Testen, Verwerfen und Neubauen. Rückblickend sieht Jülke in dieser finanziell herausfordernden Zeit jedoch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. „Weil wir kein großes Kapital im Rücken hatten, konnten wir nicht einfach monatelang im stillen Kämmerlein entwickeln“, so der Gründer. Das Team war gezwungen, die Entwicklung über laufende Projekte zu finanzieren. „Wir haben nicht gebaut, was theoretisch spannend klingt, sondern das, wofür Unternehmen wirklich bereit waren zu zahlen.“ Dieser Druck habe letztlich für ein sehr praxisnahes Produkt gesorgt.

Vom Projektgeschäft zur Plattform

Die Use-Cases des Start-ups umfassen heute konkrete Anwendungen wie automatisierte Inbound-Systeme im Kund*innenservice, KI-gestützte Lead-Qualifizierung sowie Recruiting-Prozesse, bei denen Bewerber*innen ein telefonisches Erstgespräch mit einer KI führen. Ein besonderer Fokus liegt auf Outbound-Prozessen: KI-Systeme kontaktieren neue Leads innerhalb von Sekunden, führen Gespräche und qualifizieren Termine. Die Kundschaft reicht dabei vom Einzelunternehmen bis hin zum Konzern.

Doch gerade bei der Outbound-Telefonie bewegt man sich in Deutschland juristisch auf dünnem Eis. Die rechtlichen Hürden im Hinblick auf den Datenschutz (DSGVO) und das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) sind enorm hoch – automatisierte Kaltakquise ohne vorherige, ausdrückliche Einwilligung ist in der Regel unzulässig. Angesprochen auf die Gefahr, dass die KI für illegale Spam-Anrufe missbraucht werden könnte, zieht Leonhard Pöppel eine klare Haftungsgrenze. „Wir wollen ausdrücklich keine Technologie bauen, die für Spam oder aggressive Kaltakquise genutzt wird“, stellt er klar. Man setze plattformseitig auf strikte Nutzungsbedingungen. Die rechtliche Verantwortung für Datenherkunft und saubere Opt-ins bleibt jedoch beim Nutzer: „Unsere Kunden müssen selbst sicherstellen, dass sie eine rechtliche Grundlage für die Kontaktaufnahme haben.“ Pöppel sieht das Start-up dennoch in der Pflicht: „Unsere Verantwortung liegt darin, Missbrauch nicht zu fördern und Kunden für eine rechtssichere Nutzung zu sensibilisieren.“

Zuletzt vollzog das Unternehmen einen strategischen Wandel: Heute bündeln die Gründer ihre Technologie in einer Self-Service-Plattform und öffnen das Modell über White-Label-Lösungen für Agenturen. Dieser Wechsel senkt zwar die Einstiegshürde, erfordert nun aber ein hohes Nutzer*innen-Volumen, um profitabel zu wachsen.

„Die größte Hürde war, unser gesamtes Praxiswissen aus individuellen Kundenprojekten so zu vereinfachen, dass Unternehmen es selbst nutzen können“, resümiert Anton Kirchner den Pivot. Während man in der Dienstleistung vieles persönlich erklären könne, müsse das Produkt auf einer Plattform selbsterklärend sein. Um das notwendige Wachstum zu generieren, setzt das Team auf strategische Partnerschaften. „Gerade Agenturen sind für uns spannend, weil sie bereits Kundenbeziehungen haben und unsere Plattform nutzen können, um KI-Telefonie in bestehende Prozesse zu integrieren“, rechnet Kirchner vor.

Die Strategie der Marktmitte

Der Markt für KI-Telefonassistenten ist in den letzten 24 Monaten explodiert. Auf der einen Seite stehen hochfinanzierte Enterprise-Schwergewichte wie das Berliner Start-up Parloa, auf der anderen drängen globale US-Provider wie Vapi oder ElevenLabs in den DACH-Raum. Malmachen positioniert sich dazwischen: prozessnäher als reine US-Schnittstellen, aber zugänglicher als hochpreisige Enterprise-Lösungen.

Doch was hindert einen der globalen Tech-Riesen daran, den deutschen Mittelstand mit einem eigenen Frontend aufzurollen? Leonhard Pöppel verweist hierbei auf die Firmen-DNA: „Unser Ansatz war von Anfang an ein anderer – nicht aus Angst vor Wettbewerb zu handeln, sondern konsequent zu bauen, zu testen und zu verbessern. Genau daraus ist auch unser Name entstanden.“ Das über Jahre gewachsene operative Know-how im Mittelstand betrachten die Gründer als ihren eigentlichen Burggraben. „Ein globaler Player kann Technologie replizieren – aber nicht ohne Weiteres die gewachsene Marktkenntnis, die Nähe zu den Kunden und die daraus resultierende Produktqualität“, zeigt sich Pöppel überzeugt.

Profitabilität statt Pitchdeck

Für die Start-up-Szene liefert das Deggendorfer Unternehmen damit einen markanten Gegenentwurf zum üblichen Funding-first-Narrativ. Das Team beweist, dass es im kapitalintensiven KI-Sektor möglich ist, ohne Millionen-Runde und sofortigen Hyperscaling-Druck einen Product-Market-Fit anhand echter Umsätze zu validieren.

Ob das Team diesem Weg dauerhaft treu bleibt, ist offen. „Bootstrapping war für uns in der Anfangsphase genau der richtige Weg“, bilanziert Anton Kirchner. Beim Thema externes Kapital zeige man sich für das weitere Wachstum jedoch nicht dogmatisch. Sollte VC-Geld helfen, die Plattform professioneller zu skalieren, sei dies eine Option. Eine Bedingung knüpft Kirchner aber daran: „Es geht nicht um Geld allein. Der richtige Kapitalgeber sollte auch strategisch zu uns passen, Know-how mitbringen und Türen öffnen.“ Kapital nur um des Kapitals willen schließt der Gründer kategorisch aus.

ENVIOTECH sichert sich Millionenfinanzierung für intelligente öffentliche Straßenbeleuchtung

Das Frankfurter Start-up ENVIOTECH rund um Adrian Rhaese, Linh Pham, Dustin Arnold und Peter Kletsko hat eine Pre-Seed-Runde in Höhe von einer Million Euro abgeschlossen, um öffentliche Straßenbeleuchtung intelligent nachzurüsten. Doch der Markt für kommunale Infrastruktur ist hart umkämpft und bürokratisch. Kann das junge Team die öffentlichen Verwaltungen überzeugen?

Es ist ein klassisches Gründer*innen-Narrativ: Aus einem persönlichen Schmerzpunkt entsteht eine Geschäftsidee. Im Fall von ENVIOTECH war es ein Fahrradunfall. Der beste Freund von Mitgründer Adrian Rhaese verunglückte, weil in einer deutschen Stadt die Straßenlaternen aufgrund gestiegener Stromkosten abgeschaltet worden waren. Dieser Vorfall weckte bei Rhaese das Unverständnis darüber, dass in einem wirtschaftlich starken Land ausgerechnet an der Sicherheit gespart wird – und legte den Grundstein für das Smart-City-Start-up.

Bye-bye Bankenturm: Der Sprung ins kalte Wasser

Anstatt ihren als sicher geltenden Karriereweg fortzusetzen, verließen Adrian Rhaese und Mitgründerin Linh Pham ihre Positionen als duale Studierende bei der Deutschen Bank. Sie entschieden sich bewusst für das unternehmerische Risiko, um reale Infrastrukturprobleme zu lösen.

Eine erste Bestätigung für diesen Schritt erhielt das junge Team durch die Aufnahme in das EWOR Fellowship. Daniel Dippold, Gründer und CEO von EWOR, bescheinigt dem Team den richtigen Fokus: „Unspektakuläre Infrastruktur gewinnt langfristig fast immer. Straßenbeleuchtung ist nicht glamourös, aber sie ist allgegenwärtig, unverzichtbar und aus keiner Stadt wegzudenken.“

Plug-and-Play am Lichtmast: Das 15-Minuten-Update

Die technische Lösung von ENVIOTECH setzt auf Pragmatismus: Anstatt Laternen kostenintensiv komplett auszutauschen, bietet das Unternehmen ein Retrofit-System an. Das Produkt soll sich laut Unternehmensangaben in unter 15 Minuten in bestehende Leuchten integrieren lassen.

Die nachgerüsteten Laternen kommunizieren als Mesh-Netzwerk miteinander und dimmen das Licht KI-gesteuert und bedarfsgerecht anhand von Bewegungserkennung. Das Startup verspricht dadurch Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent; gleichzeitig soll die öffentliche Sicherheit erhöht werden. Kommunen erhalten so die Möglichkeit, ihre Beleuchtung zentral zu steuern und in Echtzeit zu überwachen.

Um das Konzept in die Fläche zu tragen, konnte ENVIOTECH nun eine Pre-Seed-Finanzierung in Höhe von 1 Million Euro einsammeln. Angeführt wird die Runde passenderweise vom ehemaligen Co-CEO der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen. Ergänzt wird das Konsortium durch Ex-MAN-CEO Joachim Drees, Alexander Eyhorn (Gründer von Bidirex) und Danilo Jovicic-Albrecht (Mitgründer des auf Kommunen spezialisierten Startups Vialytics). Mit dem frischen Kapital sollen Pilotprojekte forciert und das Technologieportfolio weiterentwickelt werden.

Der Endgegner heißt B2G-Markt: David gegen die Industrie-Goliaths

So einleuchtend die Technologie klingt, das Geschäftsmodell von ENVIOTECH steht vor gewaltigen Hürden. Der B2G-Markt (Business-to-Government) ist für Start-ups extrem schwierig. Kommunen, die ENVIOTECHs primäre Zielgruppe darstellen, arbeiten mit langen Budgetzyklen und streng regulierten öffentlichen Ausschreibungsverfahren. Bis ein Pilotprojekt zu einem flächendeckenden Rollout führt, vergehen oft Jahre.

Darüber hinaus agiert das Start-up nicht im luftleeren Raum. Der Smart-Lighting-Markt wird von Industriegiganten wie Signify oder Schréder dominiert, die längst eigene IoT-Lichtsteuerungssysteme anbieten. Auch andere Start-ups wie Tvilight oder Icegateway haben das Potenzial vernetzter Straßenbeleuchtung erkannt.

Der entscheidende USP von ENVIOTECH muss daher in der Geschwindigkeit und Einfachheit liegen: Gelingt die versprochene rasante Installation und können Kommunen die Lösung ohne massive Tiefbauarbeiten testen, hat das Start-up einen echten Wettbewerbsvorteil. Besonders klug ist hierbei die Auswahl der Investor*innen: Mit Drees und Jovicic-Albrecht hat das Gründerduo Köpfe an Bord geholt, die wissen, wie man komplexe Produkte an die öffentliche Hand verkauft. Schafft es ENVIOTECH, den extrem zähen Vertriebszyklus öffentlicher Verwaltungen zu knacken, könnte das Unternehmen zu einem hochrentablen Hidden Champion heranwachsen.

Primogene: 4,1 Mio. Euro für den Muttermilch-Code – Deep-Tech-Innovation oder riskantes Unterfangen?

Das Leipziger BioTech-Start-up Primogene hat eine Seed-Finanzierung in Höhe von 4,1 Mio. Euro eingesammelt, um komplexe bioaktive Moleküle im industriellen Maßstab auf den Markt zu bringen.

Während die Unternehmenskommunikation den Durchbruch einer neuen Plattformtechnologie feiert, zeigt ein genauerer Blick auf den globalen Markt für humane Milcholigosaccharide (HMOs) ein Haifischbecken voller multinationaler Konzerne. Eine kritische Analyse des Geschäftsmodells, der Gründer*innen und des Wettbewerbs.

DeepTech Made in Leipzig

Hinter Primogene stehen Dr.-Ing. Reza Mahour (CEO), Valerian Grote und Linda Karger (COO), die das Unternehmen 2023 in Leipzig gründeten. Die Zusammensetzung des Teams vereint technologische und wissenschaftliche Expertise, um die ehrgeizige Vision einer industriellen Enzym-Produktion umzusetzen. Die aktuelle, 4,1 Millionen Euro starke Seed-Runde wird vom High-Tech Gründerfonds (HTGF) angeführt. Zum Investoren-Konsortium gehören außerdem der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS), better ventures, die Sächsische Beteiligungsgesellschaft (SBG), die Golzern Holding GmbH, die FS Life Science Investment GmbH sowie Dr. Marc Struhalla, Gründer und CEO der c-LEcta GmbH. Der Kapitaleinsatz ist klar definiert: Die neuen Mittel fließen in den Ausbau des IP-Portfolios, die Erweiterung der Produktionskapazitäten in Leipzig und in strategische Partnerschaften.

Das Modell im Stresstest: Die Kostenfalle der Enzyme

Primogene hat eine enzymatische Plattformtechnologie entwickelt, um Inhaltsstoffe zu produzieren, die identisch zu natürlichen Molekülen sind – nachhaltig und kosteneffizient. Im Zentrum stehen dabei komplexe humane Milcholigosaccharide (HMOs) wie Disialyllacto-N-Tetraose (DSLNT) und Difucosyllacto-N-Tetraose I (LNDFH I). Laut Primogene verursachen etablierte fermentative Herstellungsverfahren erhebliche Kosten und stoßen bei der Produktion derartiger hochkomplexer Moleküle an ihre Grenzen.

Der Lackmustest: Die Prämisse, dass enzymatische Verfahren in der Massenproduktion überlegen sind, birgt in der Praxis massive Hürden. Die Entwicklung und wirtschaftliche Produktion der benötigten Enzyme selbst ist extrem kapitalintensiv. Dass das Start-up den gesamten Prozess – von der Enzymentwicklung über die Produktion und Biotransformation bis zur Aufreinigung – komplett am eigenen Unternehmensstandort in Leipzig abbilden will, ist ein ambitionierter, aber riskanter Schritt. Der Aufbau eigener Produktionsanlagen für komplexe BioTech-Prozesse führt oft zu einer enorm hohen Kapitalverbrennungsrate (Burn Rate).

Erste kommerzielle Meilensteine dämpfen dieses Risiko jedoch: Erste Inhaltsstoffe für Kosmetikprodukte wurden mit Kooperationspartnern entwickelt und sind bereits kommerziell erhältlich. Auch pharmazeutische Rohstoffe befinden sich aktuell im Test bei Kund*innen. Zudem erforscht das Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig das Potenzial seiner Inhaltsstoffe zur Prävention von Infektionskrankheiten.

Im Haifischbecken: Auf Kollisionskurs mit den Lebensmittel-Riesen

Der Zielmarkt ist hochattraktiv: Der globale HMO-Markt wächst jährlich um etwa 18 bis 20 Prozent, und über 65 Prozent der im Jahr 2023 neu eingeführten Säuglingsnahrungsprodukte enthielten mindestens ein HMO. Neben der Säuglingsernährung bedient Primogene auch Märkte wie die Darmgesundheit bei Erwachsenen, die Gedächtnisverbesserung im Alter sowie funktionale Inhaltsstoffe für Körperpflege und pharmazeutische Rohstoffe.

Das Leipziger Team trifft in der Nahrungsmittelindustrie jedoch auf einen extrem konsolidierten Markt, der von Milliarden-Konzernen dominiert wird. Einer der größten B2B-Zulieferer für Säuglingsnahrung weltweit ist DSM-Firmenich (mit der übernommenen Sparte Glycom), der den Markt durch gigantische Größenvorteile (Economies of Scale) in der Fermentation beherrscht. Auch Chr. Hansen (Jennewein), ein Pionier in der mikrobiellen HMO-Synthese, stellt mit seiner extrem tiefen Integration bei Lebensmittelriesen einen massiven Konkurrenten dar. Auf der Abnehmerseite agieren Endkonsument*innen-Giganten und Branchenführer wie Nestlé und Abbott, bei denen für einen neuen Zulieferer von Inhaltsstoffen extrem hohe regulatorische und volumenbasierte Hürden bestehen.

Primogenes strategische Nische: Ein Preiskampf bei einfach strukturierten Standard-HMOs gegen die großen Fermentations-Player wäre für ein Start-up kaum zu gewinnen. Primogenes entscheidender Wettbewerbsvorteil liegt jedoch in der Komplexität. Die industrielle Produktion von Molekülen wie DSLNT – das laut klinischen Studien signifikante gesundheitliche Vorteile speziell für Frühgeborene bietet – war bislang schlicht nicht möglich. Wenn Primogene hier durch sein starkes Patentportfolio die technologische Lücke schließt, umgeht das Unternehmen den harten Konkurrenzkampf im Massenmarkt.

Unser Fazit: Hohes Risiko, riesiger Hebel

Primogene ist kein schlankes Software-Projekt, sondern waschechtes DeepTech. Das bedeutet: Hohe regulatorische Hürden, langer Atem in der Forschung und massive Kapitalanforderungen. Die Seed-Finanzierung in Höhe von 4,1 Millionen Euro ist ein starker Vertrauensbeweis erfahrener Investoren, wird für den Anlagenbau und die Skalierung der Leipziger Produktion auf Dauer jedoch kaum ausreichen. Primogene muss nun rasch beweisen, dass die enzymatische Synthese nicht nur technologisch überlegen, sondern auch unter realen industriellen Kostendrücken skalierbar ist. Gelingt dieser Proof of Concept, hält das Start-up den Schlüssel zu einer neuen Generation komplexer, bioaktiver Moleküle in der Hand.

110-Mio.-Dollar-Turbo: Sereact verpasst Robotern eine Vorstellungskraft

Mit 110 Mio. Dollar frischem Kapital und „Cortex 2“ greift das Stuttgarter Start-up Sereact die USA an. Die Vision: Roboter, die physikalisch mitdenken, statt nur blind zuzugreifen.

Das 2021 gegründete Stuttgarter Start-up Sereact hat in einer aktuellen Serie-B-Finanzierungsrunde 110 Millionen US-Dollar eingesammelt. Mit dem Versprechen, Industrierobotern durch sogenannte „Weltmodelle“ eine Art situative Vorstellungskraft zu verleihen, zieht das Unternehmen erneut internationale Schwergewichte an. Doch während die Kriegskasse für die anstehende US-Expansion prall gefüllt ist, stellt sich die Frage: Kann der datengetriebene Ansatz aus dem Schwabenland die hochfinanzierte US-Konkurrenz auf ihrem Heimatmarkt wirklich ausstechen? Eine Analyse.

Millionen-Spritze für den Weltmarkt

Die Gründungsgeschichte von Sereact liest sich wie ein europäischer Tech-Traum. Ralf Gulde (CEO) und Marc Tuscher (CTO) starteten 2021 als Ausgründung der Universität Stuttgart. Was mit improvisierten Servern aus gebrauchten Grafikkarten begann, hat sich zu einem globalen Geschäft entwickelt: Nach einer Serie-A-Runde im Jahr 2025 führt nun der VC Headline die 110-Millionen-Dollar-Runde an. Beteiligt sind zudem Bullhound Capital, Daphni und Felix Capital, womit das Gesamtkapital auf über 140 Millionen US-Dollar steigt.

Der Grund für das massive Interesse liegt in der Skalierbarkeit: Mit über 200 europaweit eingesetzten Systemen gilt Sereact als einer der am häufigsten eingesetzten Anbieter von KI-Kommissionierrobotern. Die Kundenliste umfasst Größen wie BMW, Mercedes-Benz, DHL, PepsiCo und die Österreichische Post.

Cortex 2: Denken vor dem Greifen

Bisher basierte der Erfolg auf der Koppelung von Sprachmodellen und Bilderkennung. Mit der neuen Generation „Cortex 2“ geht Sereact einen Schritt weiter: Das System erweitert ein Vision-Language-Action-Modell (VLA) um ein „Weltmodell“. Anstatt nur zu reagieren, gleicht die KI Aktionen mit einem erlernten Modell der Physik ab und wählt den vielversprechendsten Weg aus.

Dieser Wechsel vom Reagieren zum Schlussfolgern ermöglicht komplexe Aufgaben, bei denen feinfühliger Kontakt entscheidend ist – etwa das Zusammenbauen von Komponenten unter Spannung oder das kratzerfreie Anbringen eines Scheibenwischers. CTO Marc Tuscher betont: „Wir bauen keine Roboter. [...] Die Hardware wird zur Massenware. Das Modell nicht.“

Der Eine-Milliarde-Picks-Vorsprung

Sereact positioniert sich als reines Software-Unternehmen, sieht seinen entscheidenden Vorteil jedoch in der Datenqualität. Ein kritischer Blick auf den Markt zeigt:

  • Reale Daten vs. Simulation: Während viele Wettbewerber mit simulierten Daten trainieren, wurde Cortex 2 auf Basis von mehr als einer Milliarde realer Greifvorgänge aus der Produktion entwickelt.
  • Nachgewiesene Präzision: Sereact begegnet der Skepsis gegenüber KI in der Logistik mit harten Zahlen. Laut Unternehmen erfordert nur noch jeder 53.000. Kommissioniervorgang ein menschliches Eingreifen.
  • Hardware-Abhängigkeit: Trotz der Software-Stärke bleibt Sereact darauf angewiesen, dass Kunden in moderne Roboterarme und Sensorsysteme wie die hauseigene „Sereact Lens“ investieren.

Showdown in den USA

Mit der Präsentation auf der MODEX in Atlanta und der geplanten Eröffnung eines Büros in Boston in diesem Sommer bläst Sereact zum Angriff auf den US-Markt. Amerikanische Hersteller fordern produktreife KI, die sofort einsatzbereit ist.

Für die Gründer*innenszene sendet Sereact ein klares Signal: Der nächste Paradigmenwechsel der KI findet in der physischen Welt statt (Embodied AI). Der Erfolg in den USA wird davon abhängen, ob das Stuttgarter Daten-Flywheel auch gegen die gigantischen Budgets der US-Konkurrenz bestehen kann. Sereact hat den Grundstein gelegt, um das „Gehirn“ der globalen Automatisierung zu werden.

Gründer*in der Woche: Vjus.AI – Vom SEO zum GEO

Wie das 2026 von Wolfe Diener gegründete Start-up Vjus.AI den Kampf um die KI-Sichtbarkeit gewinnen will.

Die Ära der klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO) bekommt ernstzunehmende Konkurrenz. Wenn Nutzer*innen heute nach Produkten oder Dienstleistungen suchen, tippen sie ihre Fragen zunehmend in Dialogfenster von Sprachmodellen statt in traditionelle Suchschlitze. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das neu gestartete Münchner Start-up Vjus.AI. Doch kann eine Software wirklich die „Black Box“ der generativen KI entschlüsseln – und wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell?

Hinter der am 1. April 2026 offiziell gelaunchten Plattform steht die AtWize Business Services GmbH mit Sitz in München. Kopf des Unternehmens ist Gründer Wolfe W. Diener, der zuvor bereits in leitenden Positionen als Geschäftsführer und im Vorstand großer Softwarehäuser aktiv war. Mit dem Start von Vjus.AI vollzieht das Unternehmen nun eine strategische Erweiterung in den stark wachsenden Bereich der Answer Engine Optimization (AEO) und Generative Engine Optimization (GEO).

Vom Humankapital zur KI-Sichtbarkeit

Die Historie des Unternehmens ist dabei von einem interessanten Strategiewechsel geprägt. Ursprünglich startete AtWize 2023 mit einem Fokus auf KI-Lösungen gegen den Fachkräftemangel. Diener erklärt die Hintergründe: „Parallel hatte ich schon eine Weile an der Idee arbeitete, Unternehmen zu ermöglichen, ihre in den Ruhestand ausscheidenden Mitarbeiter strukturierter zu managen, um sie bei Bedarf für Projekte oder übergangsweise anzusprechen. Es liegt so viel Humankapital und Erfahrung brach.“ In der aktuellen wirtschaftlichen Phase sei dies jedoch kein Top-Thema gewesen, weshalb man sich zunächst auf die Software-Entwicklung für Dritte konzentriert habe.

Der eigentliche „Aha-Moment“ kam durch die tägliche Arbeit. „Im letzten Jahr haben wir dann immer mehr auch KI-Tools zur Entwicklung eingesetzt und dabei den Bedarf, sogar die Notwendigkeit erkannt, die Sichtbarkeit in KI-Modellen zu messen und zu verbessern“, so Diener. Die Dringlichkeit begründet er mit dem veränderten Nutzer*innenverhalten: „KI-Modelle geben begründete Empfehlungen zur gestellten Frage. Da sucht man nicht weiter, sondern nimmt das Ergebnis wie es ist. Wer da nicht enthalten ist, ist unsichtbar.“

Nutzer*innensimulation: Die reale Perspektive

Vjus.AI setzt auf die Simulation realer Suchanfragen. Während klassische SEO-Tools oft auf APIs zugreifen, misst diese Plattform, wie Marken in Antworten von ChatGPT, Gemini, Grok oder Perplexity tatsächlich erscheinen. Auf die Frage nach der technischen Umsetzung und der Nicht-Deterministik der KI-Modelle antwortet Diener detailliert: „Wenn Sie Ihre Sichtbarkeit bei KI-Suchen wissen wollen, dann sollte diese ja so gemessen werden, wie sie ein normaler Nutzer, der einem KI-Modell eine Frage stellt, einen Prompt eingibt, auch sieht.“ Man müsse also zunächst Prompts definieren, bei denen man gefunden werden wolle – etwa als Münchner Zahnarzt bei der Frage nach dem besten Zahnarzt vor Ort.

„Wir analysieren die Ergebnisse, die von den KI-Modelle auf die Prompts hin geliefert werden“, erklärt Diener weiter. Dabei werden Kennzahlen wie Sichtbarkeit, Ranking und Sentiments (neutrale, positive oder negative Notation) erhoben. Den Vorwurf einer verzerrenden technischen Schicht weist er zurück: „Wir sind insofern keine Zwischenschicht, sondern werten die Daten aus, die viele User auch sehen würden. Die Nicht-Deterministik führt dabei zwar zu kleinen Schwankungen, aber es entsteht insgesamt ja ein Bild über die Zeit.“

Marktchancen und der „Unfair Advantage“

Das Interesse am Markt scheint groß zu sein; bereits vor dem offiziellen Launch konnten erste Kund*innen gewonnen werden. Finanziell steht das Start-up auf eigenen Beinen: „Wir finanzieren uns komplett aus eigenen Mitteln. Und da wir schon Kunden im Entwicklungsbereich haben, konnten wir Vjus.AI früh anwenden und testen“, betont der Gründer. Mit Investor*innen habe man noch nicht gesprochen: „Jetzt erst mal machen, dann reden wir.“

Um sich gegen die großen SEO-Platzhirsche zu behaupten, setzt Diener auf vier spezifische technische Vorteile. Erstens setze man auf eine natürliche Simulation: „Unsere Art des Promptens simuliert wirklich natürliche User. Andere machen das nicht.“ Zweitens komme eine eigene Scraping-Technologie zum Einsatz. Diese erlaube eine besonders detaillierte Analyse der Ergebnisse, auch der „Nebengeräusche“ wie etwa Quellenangaben. Als dritten Punkt nennt der Gründer das analytische Prompting: Vjus.AI unterstützt nicht nur beim Erstellen von Prompts, sondern analysiert auch, wie passend diese für die Sichtbarkeitsmessung sind. Viertens biete das Improver-Modul ein Analyse-Tool, das über die Daten hinweg ermittelt, „was die Haupthebel für das Unternehmen oder die Marke ist, um die Sichtbarkeit bei KI-Suchen zu erhöhen“.

GEO als neues Standard-Tool?

Für die Zukunft sieht Diener eine klare Entwicklung. Zwar werde es in zwei Jahren wahrscheinlich immer noch die klassische Google-Suche geben, doch der Übergang sei bereits fließend, da Google zunehmend KI-Ergebnisse mitliefere. „Die Suche mit KI-Modellen wird aber die gewohnte Praxis werden“, ist sich Diener sicher.

Seine Prognose für die Branche ist deutlich: „Insofern wird SEO eher übergehen in ein GEO. Ein SEO ohne Beachtung der Optimierungen für KI-Modelle macht aus meiner Sicht aber heute schon keinen Sinn mehr.“ Das Ziel für Vjus.AI ist dabei klar gesteckt. Die größte Hürde sei es, für die Nutzer*innen den besten Mehrwert zu generieren: „Darauf liegt unser Fokus und deshalb rennen wir, so schnell wir können.“

M&A im CleanTech-Sektor: SpotmyEnergy übernimmt Zählerhelden

Das 2023 von Jochen Schwill gegründete Kölner Start-up SpotmyEnergy übernimmt den kompletten Messstellenbetrieb des Mitbewerbers Zählerhelden und sichert sich damit rund 3.000 Smart Meter. Der Schritt markiert nicht nur anorganisches Wachstum, sondern verdeutlicht die beginnende Konsolidierung im deutschen Smart-Meter-Markt. Ein genauerer Blick auf die Macher, das Geschäftsmodell und einen Markt, der notorisch hinterherhinkt.

Hinter SpotmyEnergy steht mit Jochen Schwill ein prominenter Kopf der deutschen Energie-Start-up-szene. Schwill, bekannt als Gründer des virtuellen Kraftwerks Next Kraftwerke, rief das CleanTech-Startup im Jahr 2023 in Köln ins Leben. SpotmyEnergy agiert als unabhängiger, wettbewerblicher Messstellenbetreiber. Das Ziel des Unternehmens ist es, den in Deutschland stockenden Ausbau von intelligenten Messsystemen entscheidend zu beschleunigen.

Das Zuhause als virtuelles Kraftwerk

Das reine Aufhängen von Stromzählern ist in einem stark regulierten Markt kaum profitabel. SpotmyEnergy umgeht diese Falle durch einen ganzheitlichen Plattform-Ansatz:

  • Hardware & Software: Das Startup liefert Lösungen zur Messung, Vernetzung, Optimierung und Steuerung von Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Heimspeichern und Wallboxen.
  • Drei-Säulen-Modell: Das Unternehmen fungiert als Messstellenbetreiber zur Bereitstellung von Smart Metern, als Energiemanager zur Kostenoptimierung der vernetzten Geräte und als Lieferant mit einem dynamischen Tarif, der Zugang zu aktuellen Börsenstrompreisen bietet.
  • B2B2C-Vertrieb: Für den Rollout der Lösungen setzt SpotmyEnergy auf ein Partnernetzwerk, das seit der Firmengründung auf über 300 Elektroinstallationsbetriebe angewachsen ist.

Kritische Hinterfragung

Der Erfolg dieses Modells hängt maßgeblich von der fehlerfreien technischen Integration ab. SpotmyEnergy leistet aktuell Pionierarbeit bei der Einbindung von Steuerboxen, die in Deutschland bislang noch wenig verbreitet sind. Eine Übertragung derartiger Boxen in der aktuellen Größenordnung von 3.000 Stück hat es auf dem deutschen Markt bislang nicht gegeben. Die kritische Frage lautet: Funktionieren die technischen Schnittstellen dauerhaft und herstellerübergreifend reibungslos? Laut Geschäftsführer Schwill wurde mit der Etablierung der technischen Prozesse nun der Grundstein dafür gelegt, dass ein solcher Steuerboxwechsel in der Praxis überhaupt umsetzbar ist.

Markt & Wettbewerb

Deutschland ist beim Thema Smart Meter das Sorgenkind Europas; die Marktdurchdringung ist extrem gering. Dennoch drängen derzeit starke Wettbewerber*innen in die Nische, um sich die digitale Schnittstelle zum Kunden / zur Kundin für die Energiewende zu sichern:

  • metrify: Die Enpal-Ausgründung ist mit über 65.000 installierten Systemen der Platzhirsch unter den wettbewerblichen Messstellenbetreibern.
  • Inexogy & LichtBlick: Diese Anbieter kooperieren stark mit großen dynamischen Stromanbietern oder agieren als etablierte Ökostrom-Versorger mit eigenen Messstellen-Lösungen.
  • Energy Metering Germany (Octopus Energy): Setzen auf gebündelte Angebote, oft gekoppelt an ihre eigenen intelligenten Tarife.

Unsere Einordnung

Die Übernahme des Zählerhelden-Portfolios ist ein strategischer Befreiungsschlag. Für die Kunden von Zählerhelden läuft der Betrieb laut Unternehmensangaben ohne Unterbrechung weiter, sie müssen keine eigenen Schritte einleiten. Die bisherigen Zählerhelden-Gesellschafter, ABM-Mess Service und BSH, konzentrieren sich künftig wieder stärker auf ihre jeweiligen Kerngeschäfte.

Ein hardwarebasiertes, stark reguliertes Geschäftsmodell erfordert extrem tiefe Taschen. SpotmyEnergy wird hierbei vom Investitions- und Strukturierungspartner Horizon Energy Deutschland flankiert, der das Start-up seit Ende des vergangenen Jahres bei der Skalierung unterstützt. Horizon stellt Kapital in Höhe von über 50 Millionen Euro für Smart-Meter-Assets zur Verfügung. Ein Teil dieser zugesicherten Mittel fließt nun direkt in die Übernahme der rund 3.000 Smart Meter von Zählerhelden. Genaue Angaben zum Kaufpreis oder den weiteren finanziellen Übernahmemodalitäten der Transaktion machen die beteiligten Unternehmen jedoch nicht. Wie Emil Bruusgaard, Geschäftsführer von Horizon Energy Deutschland, dennoch treffend analysiert, verdeutlicht die Transaktion anschaulich, wie sich fragmentierte Strukturen im Markt gezielt konsolidieren lassen, um die Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen.

Fazit

Jochen Schwill versucht mit SpotmyEnergy im Endkund*innenbereich das, was ihm im Industriebereich bereits gelang: die digitale Bündelung dezentraler Energieflüsse. Der Zukauf von Zählerhelden beweist eindrucksvoll, dass anorganisches Wachstum in dieser Branche ein essenzieller Hebel ist. Der wettbewerbliche Messstellenbetrieb bietet für ambitionierte Start-ups weiterhin enormes Entwicklungspotenzial.

Nox Mobility: 2 Mio. EUR für den "Flugzeug-Killer" auf Schienen

Das Berliner Start-up Nox Mobility will mit privaten Zimmern im Nachtzug europäische Kurzstreckenflüge ersetzen. Eine 2-Millionen-Euro-Pre-Seed-Runde gibt erste Starthilfe. Doch der europäische Bahnmarkt ist ein hartes Pflaster für Gründende – erst 2024 scheiterte ein französischer Konkurrent mit exakt demselben Konzept. Eine Einordnung.

Es ist ein mutiges Versprechen in einem der am stärksten regulierten Märkte Europas: Das 2025 gegründete Mobilitäts-Start-up Nox Mobility will das europäische Nachtzug-Erlebnis revolutionieren. Dafür hat das Unternehmen nun eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 2 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde vom Frühphasen-Investor IBB Ventures. Mit an Bord sind zudem der italienische Investor Tommaso Lucca sowie Branchenköpfe wie HomeToGo-Mitgründer und CEO Dr. Patrick Andrae. Das frische Kapital soll primär in den Teamaufbau, die Vorbereitung der ersten Strecken für das Jahr 2027 sowie den Bau eines originalgetreuen Mockups der Zugkabinen fließen.

Rollendes Boutique-Hotel statt Abteilromantik

Während Nachtzüge aktuell zwar einen massiven Nachfrageboom erleben, ist der eigentliche Markt laut Nox Mobility zwischen 2001 und 2019 drastisch geschrumpft – von rund 1.200 wöchentlichen Verbindungen in Europa auf nur noch etwa 450. Nox will diese Lücke nun schließen und positioniert sich explizit nicht als klassisches Bahnunternehmen, sondern als direkte Alternative zum Kurzstreckenflug.

Der Clou: Das traditionelle Teilen von Schlafabteilen mit Fremden entfällt; stattdessen bekommt bei Nox Mobility jede(r) Reisende sein eigenes privates Zimmer mit Schlafplatz. Die Reise verbinde laut Nox die Zuverlässigkeit des Fliegens operativ mit dem Gefühl eines Boutique-Hotels. Abfahrten sollen abends an zentralen Bahnhöfen stattfinden, die Ankunft morgens direkt im Stadtzentrum – Flughafentransfers und Sicherheitskontrollen entfallen. Zielgruppe sind neben Freizeitreisenden vor allem Geschäftsreisende, für die eine Zugfahrt den frühen Abflug und eine zusätzliche Hotelübernachtung ersetzen soll. Preislich will Nox auf dem Niveau vergleichbarer Flugreisen agieren.

Das Gründerteam: Reichweite trifft auf operative Härte

Hinter dem Projekt steht ein Trio, das Branchenerfahrung, Skalierungswissen und bereits jetzt eine enorme Zielgruppe vereint:

Artur Hasselbach bringt als Mitgründer des Payment-Fintechs orderbird – das für über 140 Millionen Euro von Nexi übernommen wurde – ausgewiesene VC- und Tech-Erfahrung mit.

Janek Smalla kennt das harte operative Mobilitätsgeschäft aus seinen vorherigen Stationen bei FlixTrain und dem Mobilitätsanbieter Bolt.

Thibault Constant ist in der Nische ein Star: Mit "Simply Railway" hat er eine der größten Eisenbahn-Communities Europas mit über 600.000 Abonnenten aufgebaut. Er kennt die Probleme der Fahrgäste aus unzähligen Gesprächen und Zugfahrten aus erster Hand.

Die Gründer geben sich selbstbewusst und verkünden, das Rollmaterial für die Züge bereits gesichert zu haben.

Unsere Markteinordnung

Für uns stellt sich jedoch eine zentrale Frage: Kann man mit 2 Millionen Euro Pre-Seed-Kapital tatsächlich einen hochkomplexen Bahn-Infrastrukturbetrieb aufbauen? Die Antwort lautet: Nein, es ist lediglich das Ticket, um überhaupt an den Start zu gehen. Der Bau eines Mockups in Originalgröße ist das eine – die Finanzierung und Zulassung echter Züge für den Betrieb ab 2027 kostet schnell dreistellige Millionenbeträge.

Besonders kritisch wird das Vorhaben mit Blick auf die Konkurrenz und die jüngere europäische Start-up-Historie. Die Idee eines rollenden Hotels mit ausschließlich privaten Abteilen ist nicht neu. Das französische Start-up Midnight Trains startete 2020 mit extrem viel PR und fast exakt demselben Geschäftsmodell. Im Juni 2024 musste das Projekt jedoch Insolvenz anmelden. Die Gründer scheiterten daran, dass europäische VCs und Banken das massive finanzielle Risiko nicht tragen wollten und die europäische Schieneninfrastruktur historisch stark auf staatliche Monopolisten zugeschnitten ist, was neue Player systematisch benachteiligt.

Gleichzeitig schläft der etablierte Markt nicht: Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) dominieren mit ihrem Nightjet das Geschäft und haben mit ihren neuen „Mini Cabins“ (Schlafkapseln für Einzelpersonen) bereits auf den Wunsch nach mehr Privatsphäre reagiert.

Eine hochriskante Kapitalwette

Nox Mobility löst zweifellos ein echtes Problem und trifft den Nerv der Zeit in Sachen nachhaltiger Mobilität. Das Team aus Hasselbach, Smalla und Constant ist hervorragend aufgestellt und die Tatsache, dass sie nach eigenen Angaben bereits Züge gesichert haben, könnte der entscheidende Wettbewerbsvorteil gegenüber gescheiterten Projekten wie Midnight Trains sein.

Dennoch bleibt Nox Mobility eine hochriskante Kapitalwette. Die spannende Bewährungsprobe für das Berliner Start-up beginnt nicht erst 2027 auf den Schienen, sondern bereits in der nächsten Finanzierungsrunde: Dann wird sich zeigen, ob das Team Investor*innen davon überzeugen kann, die enormen Summen für den realen Bahnbetrieb aufzubringen – oder ob der Traum vom Start-up-Nachtzug im Trassendschungel Europas stecken bleibt.

Schluss mit Kaskodenken: Was der neue Innovationsrat Gründer*innen bringt

Pünktlich zur Hannover Messe formiert sich ein neues Schwergewicht in der deutschen Technologiepolitik: Acht Expertinnen und Experten haben den ehrenamtlichen „Innovationsrat für Deutschland“ ins Leben gerufen. Getragen von der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ und der Gesellschaft für Informatik (GI) bündelt das Gremium die Stimmen von über 160.000 Ingenieur*innen und Informatiker*innen.

Die Diagnose des Rats fällt drastisch aus: Deutschland verliere im globalen Wettbewerb an Verbindlichkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit. Für die Gründer*ionnenszene birgt das Manifest vielversprechende Forderungen – es stellt sich jedoch auch die Frage, ob ein weiteres Gremium die strukturelle Risikoaversion des Standorts durchbrechen kann.

Das Kernproblem: Erfunden in Deutschland, skaliert im Ausland?

Das zentrale Narrativ des Innovationsrats trifft einen wunden Punkt der heimischen Start-up-Ökonomie: Es dürfe nicht länger passieren, dass Schlüsseltechnologien zwar in deutschen Forschungslaboren erfunden, aber aufgrund fehlenden Kapitals oder restriktiver Regulierung im Ausland skaliert werden. Der Rat fordert in seinen „5 Impulsen“ eine fundamentale Neuausrichtung:

  • Schluss mit dem Legislaturperioden-Takt: Innovationspolitik muss langfristig und faktenbasiert gedacht werden, nicht in kurzatmigen Wahlzyklen.
  • Regulierung als Enabler statt als Bremse: Die Expert*innen fordern den Abbau von europäischem „Goldplating“ (der innovationsfeindlichen Übererfüllung von EU-Normen durch nationale Gesetze) und die Schaffung echter Experimentierräume und Reallabore.
  • Mut statt „Kaskodenken“: Anstatt risikoscheu zu agieren, müssen strategische Investitionen in Schlüsseltechnologien fließen. Die Rahmenbedingungen für Scale-ups müssen massiv verbessert werden, um industrielles Skalieren im eigenen Land zu ermöglichen.

Die Köpfe hinter dem Innovationsrat für Deutschland

Die Zusammensetzung des Gremiums unterstreicht den Anspruch, Technologie, Recht und Wirtschaft zusammenzudenken:

  • Prof. Dr. Lutz Eckstein: VDI-Präsident und Experte für automatisiertes Fahren an der RWTH Aachen.
  • Prof. Dr. Veronika Grimm: Professorin an der TU Nürnberg und als „Wirtschaftsweise“ eine der prägendsten Stimmen der Energiepolitik.
  • Prof. Dietmar Harhoff, PhD: Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb sowie langjähriger EFI-Vorsitzender.
  • Prof. Dr. Jürgen Kühling: Regulierungs- und Wettbewerbsexperte sowie ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission.
  • Dr. Anne Lamp: Gründerin und Pionierin im Bereich Circular Economy.
  • Dr. Melanie Maas-Brunner: Industrielle Forschungsexpertin, ehemalige BASF-Vorständin und designierte Präsidentin des Stifterverbands.
  • Adrian Willig: Direktor des VDI mit Fokus auf Ingenieurkompetenzen und Technikstandort-Förderung.
  • Prof. Dr. Martin Wolf: Präsident der Gesellschaft für Informatik und Experte für intelligente Produktionssysteme.

Im Start-up-Fokus: Dr. Anne Lamp und der harte Weg der Skalierung

Dass der Innovationsrat nicht nur aus der wissenschaftlichen Helikopterperspektive agiert, zeigt eine entscheidende Personalie: Dr. Anne Lamp sitzt am Tisch. Die CEO und Mitgründerin des Hamburger Start-ups traceless materials steht wie kaum eine andere für die Herausforderungen der industriellen Kreislaufwirtschaft.

Im Jahr 2020 ins Leben gerufen, hat traceless ein vollständig biobasiertes Granulat aus Agrar-Reststoffen entwickelt, das als Alternative zu Plastik dient und unter natürlichen Bedingungen in nur zwei bis neun Wochen kompostierbar ist. Lamp, 2022 mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet und 2025 für den Deutschen Zukunftspreis nominiert, hat ihr Unternehmen erfolgreich aus dem Labor geholt. Mit der Realisierung einer groß angelegten Demonstrationsanlage hat das Start-up das für Hardware-Gründungen berüchtigte „Tal des Todes“ gemeistert. Mit der geplanten Industrieanlage soll die Kapazität künftig um ein Vielfaches gesteigert und das Material massentauglich gemacht werden. Lamps Vita verkörpert exakt das, was der Rat nun auf politischer Ebene einfordert: Die erfolgreiche Überführung nachhaltiger Technologien von der Erfindung in die marktfähige, industrielle Skalierung.

Unsere Einordnung: Ein weiteres Gremium oder echter Hebel?

Die entscheidende Frage für Gründer*innen und Start-ups bleibt: Bewirkt dieser Rat wirklich etwas? An technologiepolitischen Beiräten mangelt es der Bundesrepublik traditionell nicht. So sitzt mit Prof. Dietmar Harhoff bezeichnenderweise der langjährige Vorsitzende der bereits existierenden Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung ebenfalls in diesem neuen Gremium.

Dennoch hat der Innovationsrat zwei strategische Vorteile: Er ist explizit unabhängig von Parteien und Einzelinteressen der Wirtschaft und vereint mit dem VDI und der GI die geballte Umsetzungskompetenz der technischen Basis. Die Visionen sind ambitioniert – etwa die Forderung, vertrauenswürdige KI als „Trained in Germany“ zu einem neuen globalen Gütesiegel aufzubauen.

Für Deep-Tech- und Hardware-Start-ups wird der Rat jedoch nicht an der bloßen Anzahl seiner künftigen Stellungnahmen gemessen werden, sondern daran, ob seine Impulse tatsächlich in den Maschinenraum der Politik vordringen. Erst wenn das geforderte Kapital für die Wachstumsphase fließt und Genehmigungsverfahren radikal entschlackt werden, wird das „Kaskodenken“ wirklich der Vergangenheit angehören.

Gründer*in der Woche: Pax Lupus – Mit KI und Drohnen gegen den Wolf

Wolfsbiss in Hamburg: Die Debatte brennt. Das Start-up Pax Lupus von Anna-Karina Katt und Karsten Schmiegel will Herden nun autonom mit KI und Drohnen schützen.

Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland erreicht eine neue Eskalationsstufe: Am 30. März 2026 kam es in einem Einkaufszentrum in Hamburg-Altona zur Bissverletzung einer Frau durch einen Wolf. Es ist der erste Vorfall dieser Art seit der Wiederansiedlung der Tiere vor fast 30 Jahren. Obwohl die betroffene Frau das Universitätsklinikum nach ambulanter Behandlung inzwischen verlassen konnte, ist die Debatte um den Umgang mit dem Raubtier voll entbrannt.

Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), stellt in diesem Kontext klar: Aus Artenschutzperspektive sei die Rückkehr des Wolfs positiv, doch Wölfe gehören in die Natur und nicht in Städte. Für die freie Natur komme es laut Bonde nun auf wirtschaftliche und praktische Schutzmechanismen an, die ein Nebeneinander von Wild- und Nutztieren ermöglichen. Genau hier setzt das von der DBU mit der „Green Startup“-Förderung unterstützte Unternehmen Pax Lupus an.

Gründer*innen & Vision

Hinter Pax Lupus steht das Gründungsduo Anna-Karina Katt und Karsten Schmiegel. Die beiden haben sich dem Thema Herdenschutz verschrieben und entwickeln ein autonomes System zur nicht-tödlichen Abwehr von Wolfsrudeln. Ihre Motivation speist sich auch aus der Kritik an gängigen Praktiken: Laut Anna-Karina Katt seien etablierte Maßnahmen wie Zäune, Netze und Herdenschutzhunde nicht nur arbeitsintensiv, sondern teils auch umweltschädigend. Besonders die engmaschigen Kunststoffnetze seien kurzlebig und produzierten große Mengen an nicht-recyclebarem Müll. Ein weiteres Problem laut Katt: Andere Wildtiere wie Rehe oder Feldhasen verfangen sich in diesen Netzen, was nicht selten zu schweren Verletzungen oder gar zum Verenden führe.

Das Produkt: Autonome Luftabwehr statt Plastiknetz

Das von Katt und Schmiegel entwickelte Herdenschutzsystem soll völlig netzunabhängig und nach einem mehrstufigen Prinzip auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten. Für die Überwachung und Sensorik wird in der Mitte der Weide ein Mast aufgestellt, der mit Kameras und Sensoren ausgestattet ist und über Solarmodule mit Strom versorgt wird. Diese Sensoren überwachen Tag und Nacht einen Radius von bis zu 200 Metern und sollen erkennen, wenn sich ein Wolf nähert. Die entwickelte Technik soll dabei zuverlässig Menschen oder andere Tiere von Wölfen unterscheiden, sodass bei harmlosen Weidebesuchern kein Alarm ausgelöst wird.

Wird tatsächlich ein Wolf registriert, eskalieren die Abwehrmaßnahmen schrittweise zur Vergrämung. Aus der Basisstation steigt eine kleine Drohne auf, fliegt das Tier gezielt an und soll es durch entsprechende Manöver vertreiben. Um auch eine Echtzeit-Intervention zu ermöglichen, werden die Schäferinnen und Schäfer bei bestehender Netzabdeckung zeitgleich über den Vorfall alarmiert. Sie können die Lage dann über Kameras zusätzlich einschätzen und die Drohnen-Abwehr bei Bedarf manuell abbrechen. Laut Anna-Karina Katt vertreibt das System Wölfe nicht nur situativ: Durch wiederholte Vergrämung sollen Wölfe lernen, die Weidetiere auch langfristig zu meiden. Dies ermögliche es den Schäfer*innen, lediglich einen einfachen Grundschutz wie Weidezäune aufzustellen.

Geschäftsmodell & Marktanalyse

Pax Lupus bewegt sich in der wachsenden Nische des Agri-Tech und liefert einen innovativen Ansatz für ein hoch emotionales und drängendes Problem in der Landwirtschaft. Beim Vertrieb setzt das Start-up auf den Verkauf sowie das Leasing des Systems und bietet zudem die Übernahme der Wartung an. Die darüber hinaus geplanten „Notfall-Mieten“ bei akuten Wolfsrissen sind strategisch klug positioniert. Damit senkt Pax Lupus die Einstiegshürde für betroffene Schäfer*innen enorm und platziert das Produkt direkt dort, wo der akute Bedarf entsteht.

Der rein deutsche Markt für Wolfsschutz ist trotz stetig wachsender Population zunächst auf klassische Weidebetriebe limitiert. Um als Start-up skalieren zu können, ist die von Pax Lupus geplante Ausweitung auf andere Nutztiere wie Kühe, Pferde oder Hühner entscheidend. Das angedachte KI-Training zur Abwehr von weiteren Raubtieren wie Füchsen oder Kojoten öffnet zudem potenziell die Tür zu internationalen Märkten.

Die stärksten Wettbewerber*innen bleiben vorerst etablierte Zäune und Herdenschutzhunde. Pax Lupus muss beweisen, dass die Gesamtkosten ihres Hightech-Systems für oft margenschwache Weidebetriebe attraktiv sind. Zudem stehen Hardware-Startups immer vor physischen Hürden: Die Solartechnik und Drohnenmechanik müssen auch bei widrigem Wetter fehlerfrei funktionieren.

Fazit

Pax Lupus kombiniert auf clevere Weise Tierschutz mit moderner KI und entlastet Weidetierhalter. Gelingt es dem Startup, die Hardwarekosten wettbewerbsfähig zu halten und die Software zügig auf weitere Raubtierarten auszuweiten, könnte dieses System den Herdenschutz nachhaltig verändern. Letztlich schützt Technologie hier nicht nur das Schaf, sondern hilft laut Anna-Karina Katt auch, artenreiche Offenlandschaften wie Bergweiden, Heide und Deiche als wichtigen Bestandteil Mitteleuropas zu erhalten.