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Gründer*in der Woche: foodcall - Essensbestellung per KI-Sprach-Chatbot
Gründer*in der Woche KW 42/22
Mit foodcall hat we-do.ai-Gründer und CEO Dr. Sebastian Hecker nach drei Jahren Entwicklungsarbeit ein Software-Pionierprojekt an den Start gebracht. Erstmals wird KI mit Spracherkennungsfunktion in der Gastro-Branche genutzt. Mehr zu dieser KI-Innovation und die Anwendungsfelder im Interview mit Sebastian.
Wann und wie bist du auf die Idee zu foodcall gekommen?
Die we-do.ai GmbH wurde 2018 mit dem Fokus der individuellen Softwareentwicklung im Bereich Künstliche Intelligenz gegründet. Einige unserer Projekte beinhalteten die Programmierung von Sprach-Chatbots und da unser Ziel immer war, ein eigenes Produkt zu entwickeln, haben wir uns eine Branche gesucht, für die es möglich ist, einen Sprach-Chatbot zu launchen, der in einem flüssigen Gespräch alle Fragen der Anrufer klären kann. Nach einiger Recherche fiel die Entscheidung für die Gastronomie, weil die Themen, die ein Anrufer mit einem Restaurant klären möchte, überschaubar sind: Essensbestellungen, Tischresevierungen, sonstige Anliegen. Was zu Anfang überschaubar aussah, hat sich im weiteren Entwicklungsverlauf als komplexer und vielschichtiger herausgestellt, sodass die Entwicklung drei Jahre benötigt hat und wir "erst" im März dieses Jahres foodcall erstmalig an Restaurants verkauft haben.
Um foodcall zu 100 Prozent an die Bedürfnisse der Gastronomen anzupassen, haben wir in den drei Entwicklungsjahren mit vielen verschiedenen Restaurants die Software als Pilot getestet. Die Anzahl dieser Erstkunden lag bei Marktstart bei 121 Restaurants.
Was waren die wichtigsten Steps von der Gründung bis zum fertigen KI-Sprach-Chatbot?
Die Entwicklung der Sprach KI an sich war die größte Hürde. Für die Entwicklung haben wir mehr als drei Jahre benötigt. Hierbei stellten wir uns die zentrale Frage, was der Markt eigentlich will. Folglich haben wir uns immer wieder daran orientiert, wie Kunden bei ihren Restaurants anrufen und anhand von vielen Telefonaten die KI kontinuierlich weiterentwickelt.
Letztlich dabei herausgekommen ist foodcall: Was ist das Besondere an foodcall und wie unterscheidet ihr euch von anderen Gastro-Software-Lösung?
Foodcall ist eine umfassende Software-Lösung für die Gastronomie: Angefangen bei der Bestellannahme per Telefon via Übermittlung an die Küche bis zur Integration in das Kassensystem, ist der Dienst rund um die Uhr einsatzbereit, kann parallel mehrere Telefonate führen und auch Kundenanfragen an das Restaurant weiterleiten. Er merkt sich z.B. die letzten getätigten Bestellungen inkl. Vorlieben sowie die Lieferadressen der Kunden. Aber nicht nur Bestellungen und Reservierungen werden bearbeitet, sondern auch andere Anliegen wie einen Anruf des Steuerberaters oder des Lebensmittellieferanten. Dabei zeichnet sich der Sprach-Chatbot insbesondere durch eine flüssige Gesprächsführung aus, erkennt Sprachvariationen und beantwortet Nachfragen zum Bestellstatus. Das foodcall-Team hebt damit Sprach-Chatbots auf das nächste Level. Bisher ist man daran gewöhnt, dass z.B. Alexa oder der Google Assistant eine Antwort auf eine Frage geben, aber keine normale Konversation führen können. Durch den ganzheitlichen Ansatz von foodcall werden Fehlbestellungen deutlich reduziert bzw. komplett vermieden. Mit dieser Unterstützung kann sich das Restaurant auf die Zubereitung, das Servieren und Ausliefern von Speisen fokussieren und so das Team entlastet werden. Es gibt keine aktuell keine anderen Anbieter im Markt, die etwas Vergleichbares anbieten.
Wie habt ihr die Produktentwicklung und damit auch euch selbst bislang finanziert?
Der TGFS Technologiegründerfonds Sachsen erhöhte erst im Juli 2022 sein Investment auf einen inzwischen siebenstelligen Betrag im Rahmen einer Folgefinanzierung. Bereits seit 2018 begleitet der TGFS das auf Chatbots spezialisierte Start-up als Finanzierungspartner.
Wer sind eure Kund*innen bzw. wo kommt foodcall idealerweise zum Einsatz?
Jedes Restaurant, Kette oder Franchise ist potenzieller Kunde, da jedes Restaurant Anrufe bekommt. Idealkunden sind natürlich die, die viele Essensbestellungen über das Telefon erhalten, da hier der größte Mehrwert für das Restaurant entsteht. Dies zeigt sich aktuell schon an unserer Kundenstruktur, vom Kleinunternehmen (Dönerbude) bis zum großen Franchise ist alles vertreten. Die faire Preisgestaltung, die kurze Kündigungsfrist von einem Monat und die flexible Nutzung ermöglichen auch kleinen Restaurants mit geringem Geldbeutel den Einsatz von foodcall. Das Bezahlmodell ist pay per use, d.h. das Restaurant bezahlt foodcall für jeden Anruf, der übernommen wird. Der Gastronom kann foodcall individuell aus- und anschalten, wenn er selbst das Telefon übernehmen und so ggfls. Kosten sparen will.
Was sind deine wichtigsten Erkenntnisse seit der Markteinführung Anfang 2022?
Foodcall kommt genau zur richtigen Zeit: Zum einem werden die "Endkunden" digitaler und offener für KI-Sprach-Chatbots, zum anderen hilft foodcall beim akuten Fachkräftemangel Arbeitskraft zu ersetzen bzw. bereit zu stellen, da die KI 24/7 einsatzbereit ist. Die grundsätzliche Entwicklung wird in allen Bereichen mehr und mehr Richtung "Voice" gehen.
Foodcall ist der erste Sprach-Chatbot in Deutschland, der in einem flüssigen Gespräch mit seinem Anrufer kommunizieren kann. Viele Anwendungen, die heute noch per Tastatur eingegeben werden, werden zukünftig per Sprache geschehen: z.B. Onlineshop-Bestellungen. Mit dem sich täglich vergrößernden Datenpool und den Erfahrungen in Gesprächsführung ist die KI von foodcall für diese Zukunft ideal aufgestellt.
Was sind deine weiteren unternehmerischen Vorhaben bzw. To-dos?
Unser Ziel ist der Aufbau starker Kooperationen, Leuchtturm-Kunden zu gewinnen, natürlich große Bekanntheit zu erlangen und eine schnelle Marktdurchdringung zu erreichen. Die größte Herausforderung wird dabei sein, das schnelle Wachstum zu meistern. Wir sehen foodcall flächendeckend in Deutschland in allen möglichen Restaurants und auch in weiteren deutschsprachigen Ländern wie Österreich und Schweiz. Eine Expansion in weitere Länder mit weiteren Sprachen steht ebenfalls auf unserer Agenda.
Und last but not least: Was rätst du anderen Gründer*innen aus eigener Erfahrung?
- Unternehmen sollten sowohl technisch als auch vertriebsseitig gleichermaßen gut aufgestellt sein. Diese zwei Faktoren stehen für Stabilität und bilden die Basis, um sich gut zu positionieren und zum Erfolg zu kommen.
- Immer am Markt ausrichten, dabei spielt der persönliche Geschmack keine Rolle. Wichtig ist, was der Markt will!
- Immer am Ball bleiben, stets nach neuen Lösungen suchen und nicht zu schnell die Flinte ins Korn werfen. Die wenigsten Start-ups funktionieren in den ersten ein bis drei Jahren. Man braucht also Ausdauer und dickes Fell. Auch spielt Flexibilität eine entscheidende Rolle. Das haben uns nicht zuletzt die letzten drei Jahre seit Beginn der Pandemie gelehrt.
Hier geht's zu we-do.ai bzw. foodcall
Das Interview führte Hans Luthardt
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Solaranlagen auf Einfamilienhäusern sind längst ein Erfolgsmodell, doch auf Mehrfamilienhäusern galten sie lange als operativ komplex und wirtschaftlich wenig attraktiv. Der Hauptgrund: Vermieter*innen, die ihren Mieter*innen Strom vom eigenen Dach anbieten wollten, fielen beim klassischen Mieterstrom-Modell schnell in die Pflichten eines vollwertigen Energieversorgers. Sie mussten unter anderem eine Vollversorgung garantieren – also auch dann Reststrom einkaufen und liefern, wenn die Sonne nicht schien. Komplexe Abrechnungsprozesse und teure Messtechnik schreckten zusätzlich ab.
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Genau auf diese regulatorische Neuerung setzt VREY. Das Start-up kombiniert eine automatisierte Abrechnungssoftware mit der Zulassung als zertifizierter Messstellenbetreiber. VREY positioniert sich damit als eine Art Betriebssystem („EnergyOS“) für die Messung, Abrechnung und Steuerung von Energieflüssen im Mehrfamilienhaus.
Die Wertschöpfung ist in der Theorie für alle Parteien lukrativ:
- Vermieter*in: Eine typische 30-kWp-Anlage auf einem Zehn-Parteien-Haus kann laut VREY rund 5.500 Euro an zusätzlichen jährlichen Einnahmen generieren.
- Mieter*in: Bewohner*innen können ihren Strom bis zu 20 Prozent günstiger beziehen, was laut Unternehmensangaben jährlichen Einsparungen von etwa 120 bis 250 Euro entspricht.
Hohes Tempo seit Gründung
Gegründet wurde VREY im Jahr 2024 von Julius Pahmeier und Cedric Jaeger. Das Tempo des Gründerduos ist beachtlich: Laut Unternehmensangaben hat VREY bereits eine dreistellige Anzahl von Projekten in allen 16 Bundesländern umgesetzt. Die Kundschaft reicht von privaten Vermietern bis hin zu großen Immobilienunternehmen und Wohnungsbaugenossenschaften.
Flaschenhälse und Konkurrenzkampf
Der adressierbare Markt für VREY ist mit über 20 Millionen potenziellen Wohneinheiten in Deutschland enorm. Doch das Start-up bewegt sich keinesfalls im luftleeren Raum.
Der Wettbewerb: Die Marktchancen der GGV haben auch andere Player erkannt. Etabliertere Lösungsanbieter wie Einhundert Energie, Metergrid, Pionierkraft oder das zu Enviria gehörende prosumergy adressieren den Markt für dezentrale Energieversorgung teils seit Jahren mit eigenen Hard- oder Softwarelösungen. VREY muss in der Praxis beweisen, dass die eigene Plattform-Architektur der Konkurrenz langfristig überlegen ist.
Operative Hürden: Obwohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen verbessert wurden, ist die Umsetzung oft steinig. Branchenverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) kritisieren, dass die Umsetzung der GGV in Deutschland derzeit vielerorts an strukturellen Blockaden der klassischen, grundzuständigen Messstellenbetreiber scheitert. Es kommt zu Verzögerungen beim zwingend notwendigen Einbau intelligenter Messsysteme (Smart Meter).
VREY umgeht diesen Flaschenhals clever, indem das Unternehmen selbst als zertifizierter Messstellenbetreiber agiert und sich so autark von lokalen Netzbetreiber*innen macht. Dennoch bleibt eine zweite operative Hürde bestehen: Die Installation der Anlagen. Hier verlässt sich VREY auf lokale, frei wählbare Installationsbetriebe. Das Wachstum des Start-ups korreliert somit unweigerlich mit den Kapazitäten und dem anhaltenden Fachkräftemangel im deutschen Handwerk.
Fazit
VREY zeigt, wie Start-ups durch neue regulatorische Rahmenbedingungen Märkte erschließen können, die vorher als unprofitabel galten. Die Kombination aus Software-Abrechnung und der Lizenz als eigener Messstellenbetreiber ist ein starker USP, um bürokratische Trägheit zu umschiffen. Mit der soliden Seed-Finanzierung im Rücken hat das Team nun den nötigen Spielraum, um im Kampf um die deutschen Mietshaus-Dächer eine entscheidende Rolle einzunehmen – sofern die Koordination mit dem Handwerk reibungslos skaliert.
BRYCK Startup Alliance: Vom Kohlenpott zum Code-Pott
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat mit den exist Startup Factories ein hochambitioniertes Förderprogramm aufgesetzt. Das Ziel: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen schneller und skalierbarer in die Wirtschaft überführt werden. Eines der Leuchtturmprojekte entsteht derzeit im Ruhrgebiet. Wir werfen einen Blick auf den Status quo der BRYCK Startup Alliance, die Macher*innen im Hintergrund und die Frage, was das Konstrukt Gründenden in der Praxis wirklich bringt.
Deutschland habe ein Transferproblem, so die Analyse der Initiatoren. Während die heimischen Universitäten in der Grundlagenforschung weltweit Spitzengeschwindigkeiten fahren, gerate der Motor ins Stottern, sobald es darum gehe, aus diesen Erkenntnissen marktreife Unternehmen zu formen. Genau hier setzen die geförderten exist Startup Factories an. Sie haben den Auftrag, die Quantität und Qualität wissensbasierter Ausgründungen signifikant zu steigern.
Das Silicon Valley der Schwerindustrie?
Geführt wird die BRYCK Startup Alliance, die 2025 als einer der Sieger des exist-Wettbewerbs gekürt wurde, von einem fünfköpfigen Führungsteam um Geschäftsführer Philipp Herrmann. Herrmann, selbst Seriengründer und Investor, soll die Brücke zwischen akademischer Forschung und traditionellen Corporate-Strukturen schlagen. Das Ziel ist gewaltig: Das Ruhrgebiet soll sich zur führenden Modellregion für industrielle Erneuerung in Europa wandeln.
Warum aber ausgerechnet DeepTech und nicht etwa digitale B2B-Software, wo die Einstiegshürden niedriger wären? Herrmann stellt klar: „Weil wir hier nicht die x-te Region bauen sollten, die versucht, ein kleines Silicon Valley zu spielen.“ Das Ruhrgebiet habe andere Stärken, wie eine enorme Dichte an Hochschulen, Industrie und konkreten Anwendungsfeldern. Für ihn liegt die Zukunft Europas nicht in reinen Softwaremodellen, sondern in Feldern wie Energie, Wasserstoff oder industrieller Effizienz. „DeepTech hat für diese Region einen anderen Hebel“, betont er. Wenn hier etwas funktioniere, habe es echte Wirkung auf industrielle Prozesse und neue Wertschöpfung. Sein Fazit für die Region: „Nicht den schnellsten Hype, sondern den nachhaltigsten Umbau.“
Eine beispiellose Allianz – und potenzielle Corporate-Falle?
Das Fundament der Allianz ist massiv: Die Universitätsallianz Ruhr kooperiert mit der RAG-Stiftung und dem Initiativkreis Ruhr, einem Bündnis aus über 70 Konzernen wie E.ON oder RWE. Für Start-ups klinge das theoretisch nach einem Sechser im Lotto. In der Praxis jedoch drohen agile Gründer*innen oft in den bürokratischen Mühlen der Großkonzerne zu ersticken.
Herrmann räumt unumwunden ein: „Die Gefahr besteht absolut.“ Große Unternehmen seien nicht per se schnell, und Konzernprozesse könnten für junge Teams zermürbend sein. Die Allianz setze daher nicht auf bloßes Networking, sondern auf harte Vorsortierung. „Unser Job ist, viel stärker vorzusortieren: Wo gibt es ein echtes Problem? Wo gibt es auf Unternehmensseite jemanden, der das Thema wirklich treiben will?“ Ein echter „Fast Track“ sei am Ende immer ein gut vorbereiteter Prozess. Zwar werde dadurch nicht jede Reibung verschwinden, aber man könne die Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Pilotprojekte massiv erhöhen.
Status quo: Die Realitätsprüfung
Seit dem Start ist viel passiert: Weit über 130 Start-ups haben die Programme bereits durchlaufen. Zudem wurde mit „GF BRYCK Ventures“ ein 10-Millionen-Euro-Fonds für Frühphasen-Investments etabliert. Doch Herrmann gibt zu, dass zwischen Masterplan und Realität oft Welten liegen.
Besonders die Kluft zwischen Universität, Start-up und Konzern habe ihn in der täglichen Arbeit gefordert. Man habe gelernt, dass ein gutes Ökosystem neben einem „Nordstern“ vor allem „sehr viel operative Kleinarbeit an all den zu verändernden Schnittstellen“ benötige. DeepTech sei eben kein Sprint. „Das Ruhrgebiet verändert man auch nicht mit einer großen Überschrift“, so Herrmann. Vielmehr verändere man es Schritt für Schritt durch funktionierende Beispiele.
Der harte Weg aus dem Labor
Zwei der größten „Start-up-Killer“ bei Uni-Ausgründungen sind ungeklärte Patentrechte (IP) und einseitige Teams aus Forschenden ohne Vertriebserfahrung. Herrmann fordert hier bei den IP-Prozessen vor allem Geschwindigkeit und Verlässlichkeit. „Nichts ist schädlicher als Monate der Unklarheit.“
Gleichzeitig legt er den Fokus auf das Matching der Teams. Während die „Nerds“ aus dem Labor für die Technologie unverzichtbar seien, entstehe ein Unternehmen erst, wenn technologische Exzellenz und unternehmerische Kompetenz zusammenkommen. Er plädiert für ein neues Selbstverständnis: „Ich finde auch, wir müssen weg von diesem alten Denken, dass Forschung und Unternehmertum zwei getrennte Welten seien. Im Idealfall ist Unternehmertum der Weg, wie aus guter Forschung Wirkung wird.“
Was kostet die Förderung?
Mit dem neuen Fonds investiert die Allianz bis zu 300.000 Euro in der ganz frühen Phase. Pauschale Deal-Terms gebe es dabei bewusst nicht, da die Situationen der Teams zu unterschiedlich seien. Herrmann betont jedoch ein wichtiges Prinzip: „Frühphasenfinanzierung darf Gründer nicht klein, sondern muss sie handlungsfähig machen.“
Da 300.000 Euro bei DeepTech-Hardware oft nur ein Anfang sind, müsse man das „Valley of Death“ durch breitere Kapitalzugänge schließen. Er sieht hier eine große Aufgabe für ganz Europa: „Wir brauchen mehr geduldiges Kapital und bessere Anschlussfinanzierung für wissenschaftsbasierte Unternehmen.“ Ziel sei es, die Teams so aufzustellen, dass sie auch die nächste und übernächste Runde erreichen können.
Ausblick: Eine Milliarde fürs Ruhrgebiet
Bis 2030 sind die Ziele messbar: 1.000 wissenschaftsbasierte Ausgründungen und eine Milliarde Euro mobilisiertes Risikokapital. Ob das Projekt ein Erfolg wird, mache Herrmann an substanziellen Ergebnissen fest.
„Im Kern werden wir nur dann wirklich Strahl- und Magnetkraft auf europäischer Ebene entwickeln, wenn aus unseren Startups groß skalierte Unternehmen entstehen – wirkliche Unicorns, die Industrien verändern“, kontert er. Man müsse beweisen, dass hier Firmen entstehen, die industrielle Probleme auf Weltklasseniveau lösen. Sein Wunsch für die nächsten vier Jahre: „Dass das kein spannendes Einzelprojekt mehr ist, sondern ein funktionierendes System mit echter Zugkraft.“ Wenn die ersten Teams aus diesem System zu echten Erfolgsgeschichten werden, sei das der stärkste Beleg für den Erfolg.
Factsheet: BRYCK Startup Alliance auf einen Blick
- Offizieller Name: BRYCK Startup Alliance
- Fokus: DeepTech, B2B, industrielle Transformation
- Status: Prämierte exist Startup Factory des BMWE (Entscheidung am 10. Juli 2025)
- Geschäftsführung: Philipp Herrmann, Dr. Christian Lüdtke, Philippa Köhnk, Ersin Üstün, Maximilian Weil-Schimanski
- Wissenschaftliches Rückgrat: Universitätsallianz Ruhr (Bochum, Dortmund, Duisburg-Essen)
- Wirtschaftliches Netzwerk: Initiativkreis Ruhr (über 70 Top-Unternehmen) & RAG-Stiftung
- Finanzierung: GF BRYCK Ventures (10 Mio. Euro Fonds, Tickets bis zu 300.000 Euro)
- Ziele bis 2030: 1.000 Ausgründungen, 200 skalierende DeepTech-Start-ups, 1 Mrd. Euro mobilisiertes Kapital
- Website: bryckstartupalliance.com/de
11 Mio. USD für VisioLab: Stürzt ein Osnabrücker Start-up die Kassen-Dinos?
Das Start-up VisioLab der Gründer an Tim Niekamp und Iwo Gernemann hat den Kassen-Dinos den Kampf angesagt, in dem es den Checkout in Mensen und Arenen durch simple iPad-KI automatisiert.
In der Systemgastronomie, in Mensen und Stadien ist der größte Engpass oft nicht die Küche, sondern die Kasse. Das Osnabrücker Start-up VisioLab adressiert dieses Problem mit künstlicher Intelligenz und verwandelt handelsübliche iPads in voll funktionsfähige Self-Checkout-Systeme. Für die weitere globale Skalierung hat das Unternehmen nun eine Series-A-Finanzierung in Höhe von 11 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von eCAPITAL Entrepreneurial Partners und Simon Capital, unterstützt von bestehenden Investor*innen wie dem High-Tech Gründerfonds, APX, dem Family Office zwei.7 und Business Angels wie Jens Ohr. Doch wie robust ist dieses scheinbar simple Geschäftsmodell im hart umkämpften Markt der Kassenautomatisierung wirklich?
Aus der Mensa in die NBA: Die Köpfe hinter dem Kassen-Killer
Gegründet wurde VisioLab im Jahr 2019 in Osnabrück von CEO Tim Niekamp und President & COO Iwo Gernemann. Die Idee entsprang einem stark spürbaren Schmerzpunkt in der Gastronomie: Zur Mittagszeit oder in der Halbzeitpause stauen sich die Gäste, während herkömmliche Kassensysteme oft im fünfstelligen Preisbereich liegen und aufwendig geschultes Personal erfordern. Zudem verschärft der chronische Personalmangel in der Foodservice-Branche die Lage massiv.
Die Vision der Gründer war von Beginn an, den Checkout-Prozess durch KI so drastisch zu vereinfachen, dass die zugrundeliegende Technologie im Betrieb kaum noch als solche wahrgenommen wird. Mit einem aktuellen Team von rund 25 Mitarbeitern an den Standorten Osnabrück und Boston haben Niekamp und Gernemann das System iterativ zur Marktreife geführt und internationalisiert. Das frische Kapital soll nun genutzt werden, um das Team auf etwa 40 Mitarbeiter auszubauen – gezielt verstärkt durch ehemalige Führungskräfte von Klarna, SumUp und Google.
Ein iPad als Kassensystem: Geniestreich oder Achillesferse?
Die technische Umsetzung besticht durch Hardware-Minimalismus. VisioLab eliminiert teure, proprietäre Scanner-Kassen und setzt stattdessen auf ein Apple iPad samt Kamera, kombiniert mit einem kompakten Bluetooth-Bezahlterminal und der eigenen KI-App. Die KI erkennt Speisen und Getränke auf dem Tablett in Echtzeit – unabhängig davon, ob diese verpackt oder lose sind. VisioLab vertreibt dieses Setup als "Plug-and-Play"-Lösung direkt als E-Commerce-Produkt über einen Online-Shop. Ein einziges Foto genügt laut Unternehmensangaben, um der KI ein neues Produkt beizubringen, wodurch das System in weniger als fünf Minuten startklar sein soll.
Die fundamentalen Zahlen belegen, dass diese Strategie derzeit voll aufgeht:
- Transaktionen: Weltweit verarbeiten rund 500 Installationen etwa eine Million Transaktionen im Monat.
- Gesamtvolumen: Das kumulierte Transaktionsvolumen liegt mittlerweile bei knapp 100 Millionen US-Dollar.
- Wirtschaftlichkeit: Im vergangenen Quartal verzeichnete das Unternehmen erstmals einen positiven Cashflow.
Kritisch hinterfragt
Der Verzicht auf stark spezialisierte Hardware ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ermöglicht es VisioLab eine enorme Vertriebsgeschwindigkeit ohne große Hardware-Vorfinanzierungen und langwierige Installationen. Andererseits ist die rein kamerabasierte 2D-Erkennung auf einem handelsüblichen Tablet potenziell anfällig für komplexe Lichtverhältnisse oder optisch nahezu identische Gerichte. Zudem begibt sich das Start-up in eine absolute Abhängigkeit vom Apple-Ökosystem. Das Geschäftsmodell erfordert eine konstante technologische Weiterentwicklung, um die "Churn-Rate" (Kund*innenabwanderung) gering zu halten, da die Wechselkosten für Gastronom*innen bei einer reinen iPad-Lösung verhältnismäßig niedrig sind.
Der Kampf um die Food-Erkennung
Der globale Markt für "AI Food Recognition" und Self-Checkout erlebt derzeit einen massiven Schub. VisioLab hat sich in diesem Umfeld geschickt in lukrativen, hochfrequentierten Nischen positioniert:
- Sport & Entertainment: In den USA stattet VisioLab beispielsweise die Arena des NBA-Teams Orlando Magic mit 43 Systemen aus und deckt damit fast das gesamte Stadion ab. Weitere Kunden sind die NFL-Teams Atlanta Falcons und Carolina Panthers sowie der Fußballclub Inter Miami.
- Bildung & Corporate: Etwa jeder dritte deutsche Uni-Campus nutzt die Technologie über die Studierendenwerke. Hinzu kommen Betriebskantinen von DAX-Konzernen und Kooperationen mit globalen Caterern wie der Compass Group und Aramark.
Allerdings agiert VisioLab nicht konkurrenzlos. Der Wettbewerb ist technologisch divers und hochkapitalisiert. Das US-Start-up Mashgin gilt als einer der härtesten globalen Konkurrenten. Im Gegensatz zu VisioLab setzt Mashgin auf spezielle Kiosk-Terminals mit multiplen 3D-Kameras. Das erhöht zwar die Hardwarekosten und den Installationsaufwand drastisch, verspricht aber eine extrem hohe Erkennungsgenauigkeit selbst bei chaotischen Objektanordnungen. Auch auf dem Heimatmarkt gibt es mit Start-ups wie auvisus ("VisionCheckout") starke Wettbewerber*innen, die ebenfalls KI-Bilderkennung für Betriebsrestaurants und Kantinen anbieten.
Fazit: Hyperwachstum mit Haken
Für die Start-up-Szene liefert VisioLab ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie kluges "Go-to-Market"-Design aussieht. Anstatt den kapitalintensiven Weg proprietärer Hardware-Entwicklung zu gehen, nutzt das Team Standard-Consumer-Hardware und fokussiert die gesamte Wertschöpfung auf die smarte KI-Software am Endgerät.
Diese agile Entscheidung ermöglicht das derzeitige Hyperwachstum: Das US-Geschäft steuert bereits rund 50 Prozent zum Umsatz bei und wächst jährlich um über 1.000 Prozent. Mit dem frischen Kapital, dem Ausbau des US-Standorts durch Co-Founder Iwo Gernemann sowie der gezielten Expansion nach Australien, Neuseeland, Österreich, Großbritannien und in die Niederlande stellt VisioLab die Weichen auf globale Skalierung.
Ob das Osnabrücker Start-up langfristig gegen bestens finanzierte US-Giganten und 3D-Kamera-Spezialisten bestehen kann, wird sich an der Robustheit der Software im massenhaften Dauerbetrieb zeigen. Gelingt es VisioLab, durch kontinuierliches KI-Training seinen Genauigkeits- und "Plug-and-Play"-Vorteil auszubauen, hat das Team hervorragende Chancen, den Checkout-Prozess in der Systemgastronomie dauerhaft zu dominieren.
Synera sichert sich 35 Mio. Euro für die Revolution des Engineerings
Was einst als bionisches Forschungsprojekt begann, ist heute eine der vielversprechendsten europäischen DeepTech-Hoffnungen. Doch wie tragfähig ist die Vision vom „autonomen digitalen Ingenieur“ im stark regulierten Maschinenbau? Ein tieferer Blick auf Gründer, Markt und das Geschäftsmodell.
Die deutsche Industrie steht unter massivem Druck: Internationale Konkurrenz – insbesondere aus Asien –, chronischer Fachkräftemangel und die Notwendigkeit, Entwicklungszyklen drastisch zu verkürzen, zwingen zum Handeln. Generative künstliche Intelligenz (GenAI) gilt als Heilsbringer, doch in der Praxis verpuffen viele Initiativen. Nur etwa 41 Prozent der KI-Prototypen in der Fertigungsindustrie erreichen laut Branchenstudien den produktiven Einsatz. Die Konstruktions- und Entwicklungsabteilungen gelten als stark in Silos organisiert und bis heute schwer automatisierbar.
„Engineering ist das Rückgrat jedes Industrieunternehmens, gehört jedoch nach wie vor zu den am wenigsten digitalisierten und automatisierten Funktionen und war bis vor Kurzem für KI weitgehend unzugänglich“, bringt es Dr. Moritz Maier, Co-CEO von Synera, auf den Punkt.
Genau in diese Lücke stößt sein Unternehmen. Mit einer Series-B-Finanzierungsrunde über 35 Millionen Euro will das Bremer Startup nun international skalieren. Angeführt wird die Runde vom europäischen Wachstumsfonds Revaia, mit starker Beteiligung des UVC Partners Wachstumsfonds sowie Capgemini (über ISAI Cap Ventures). Auch die Bestandsinvestoren Spark Capital, BMW iVentures und Cherry Ventures ziehen wieder mit. Das Signal an den Markt ist deutlich: Engineering Automation wird zum nächsten großen Software-Schlachtfeld.
Von Kieselalgen zur KI-Plattform
Hinter Synera stehen die Gründer Moritz Maier, Daniel Siegel (beide Co-CEO) und Sebastian Möller (Managing Director). Die Ursprungsidee entstand am renommierten Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Die Gründer forschten dort im Bereich der Bionik und untersuchten die Leichtbaustrukturen von Kieselalgen, um deren evolutionäre Prinzipien auf technische Bauteile zu übertragen.
Aus „Evolutionary Light Structure Engineering“ wurde 2018 die Ausgründung ELISE. Zunächst lag der Fokus auf algorithmusbasiertem Design. Mit der Zeit erkannten die Gründer jedoch ein viel grundlegenderes Problem: Es fehlte nicht an Software für das eigentliche Design, sondern an einer Brücke, die die unzähligen Insellösungen (CAD, Simulation, Materialprüfung) im Engineering-Alltag verbindet. Dies führte zur Neuausrichtung und schließlich zur Umbenennung in Synera – einer Low-Code- und KI-Plattform für Connected Engineering.
Das Geschäftsmodell im Check
Synera betreibt ein klassisches B2B-Plattform-Modell. Anstatt etablierte Platzhirsche im Computer-Aided Design (CAD) zu verdrängen, positioniert sich Synera als übergeordnete Orchestrierungsschicht. Die Software klinkt sich in über 80 bestehende Tools ein.
- Der Werttreiber: Nutzer*innen können komplexe Workflows (z. B. CAD-Modellierung → Simulation → Kostenkalkulation → Designanpassung) als Templates speichern. Das frische Kapital soll laut Moritz Maier nun eine Entwicklung beschleunigen, „bei der KI-Agenten als echte digitale Engineers agieren und komplexe Workflows entlang der gesamten Wertschöpfungskette autonom ausführen.“
- Der Lock-in-Effekt: Wenn ein Industriekonzern seine Kernprozesse auf Synera automatisiert hat, ist die Plattform kaum noch auszutauschen. Die Wechselkosten für den Kunden sind enorm.
- Die Herausforderungen: Das Modell ist technisch hochkomplex. Die ständige Pflege von über 80 API-Schnittstellen zu Drittanbietern bindet gewaltige Entwickler*innen-Ressourcen. Zudem erfordert der Vertrieb in klassische Hardware-Unternehmen lange Sales-Zyklen.
Zwischen RPA und Spezial-CAD
Wettbewerbsumfeld | Marktansatz | Syneras Differenzierung |
Generatives Design (z. B. nTop, Altair) | Fokus auf die Erstellung hochkomplexer, gewichtsoptimierter Bauteile. | Synera generiert nicht nur das Design, sondern automatisiert den Prozess quer durch verschiedene externe Tools. |
Klassische RPA (z. B. UiPath, Zapier) | Hervorragend für kaufmännische Prozesse (HR, CRM, Rechnungen). | Standard-RPA scheitert an den komplexen 3D-Geometrie- und Physikdaten des Engineerings. |
PLM-Systeme (z. B. Siemens, Dassault) | Verwalten den gesamten Produktlebenszyklus und die Daten. | Synera setzt sich auf diese oft schwerfälligen Systeme, um die agilen Arbeitsschritte flexibler zu machen. |
Kritische Einordnung: Vertraut der/die Ingenieur*in der KI?
Synera verweist auf eine Umsatzverdopplung im vergangenen Jahr und über 60 namhafte Kunden, darunter BMW, Airbus, NASA und Miele. Mit dem frischen Kapital steht die Expansion nach Asien, Europa und in die USA an. Dass dieser Wachstumskurs von den Investoren aktiv gestützt wird, betont Benjamin Erhart, General Partner bei UVC Partners: „Wir konnten erleben, wie Synera als zuverlässiger Partner die Transformation des Engineerings gestaltet.“
Doch der Weg zur breiten Durchdringung birgt auch Stolpersteine:
- Das Vertrauensproblem: „Agentic AI“ bedeutet, dass die Software eigenständig Entscheidungen trifft. In sicherheitskritischen Branchen (Luftfahrt, Automotive) herrschen jedoch strikte Compliance-Regeln. Bevor ein KI-Agent autonome Designänderungen an tragenden Bauteilen vornimmt, müssen massive Haftungsfragen geklärt sein.
- Die Pilot-Falle: Viele GenAI-Projekte scheitern auf dem Weg in die Produktion. Die Gefahr für Synera besteht darin, in Innovationsabteilungen stecken zu bleiben, während das operative Kerngeschäft aus Kostengründen an bewährten Methoden festhält.
- Die API-Abhängigkeit: Wer als Brückenbauer*in zwischen Dutzenden Software-Silos agiert, macht sich von den Anbietern abhängig. Sperrt ein großer CAD-Anbieter seine API, trifft dies Syneras Modell im Kern.
Fazit
Synera ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie aus akademischer Grundlagenforschung ein hoch skalierbares DeepTech-Produkt werden kann. Der strategische Pivot vom reinen Design-Tool zur prozessübergreifenden Plattform zahlt sich durch die starke Series B nun aus. Gelingt es den Bremern, den eher konservativen globalen Maschinenbau davon zu überzeugen, dass KI-Agenten die menschlichen Ingenieur*innen nicht ersetzen, sondern befähigen, könnte Synera der entscheidende globale Standard im Connected Engineering werden.
Peak Quantum sichert sich 2,2 Mio. Euro für fehlerresistente Qubits
Peak Quantum holt 2,2 Mio. Euro für fehlerresistente Qubits. Wie das Münchner Spin-off mit EU-Förderung gegen die hochgerüstete Konkurrenz antritt.
München wächst weiter als Europas Quanten-Hauptstadt. Das Start-up Peak Quantum schließt seine Pre-Seed-Runde mit 2,2 Millionen Euro ab und positioniert sich im hart umkämpften Deep-Tech-Markt. Der Pitch der Gründer: Fehlerkorrektur direkt in der Hardware. Doch in einem extrem kapitalintensiven Umfeld reicht Geld allein nicht. Wie das Spin-off mit einem cleveren Infrastruktur-Schachzug gegen die hochgerüstete europäische Konkurrenz bestehen will.
Aus der Forschung in die Praxis
Im Jahr 2024 entstand Peak Quantum als Spin-off aus der Forschungsgruppe von Prof. Stefan Filipp am Walther-Meißner-Institut (WMI), das zur Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehört. Das Gründungsteam deckt interdisziplinär die gesamte Wertschöpfungskette vom Chipdesign bis zur Systemintegration ab. Zu den Köpfen hinter der Unternehmung gehören Leon Koch (CEO), Alexander Schult (CFO), Dr. Thomas Luschmann (COO), Dr. Max Werninghaus (CSO), Ivan Tsitsilin (Head of Design), Kedar Honasoge (Head of Production) und Daniil Bazulin (Quantum Engineer). Unterstützt wird das junge Unternehmen durch wichtige Säulen des lokalen Ökosystems wie dem Munich Quantum Valley und der UnternehmerTUM.
„Hardware-First“ statt Software-Pflaster
Das aktuell größte Hindernis im Quantencomputing ist das sogenannte Rauschen – die enorme Fehleranfälligkeit der Recheneinheiten (Qubits). Während die Industrie bisher stark darauf setzte, schlicht die Anzahl physikalischer Qubits hochzuskalieren und Fehler nachträglich per Software zu korrigieren, wählt Peak Quantum einen grundlegend anderen Weg. Das Start-up entwickelt supraleitende Prozessoren, deren physikalische Architektur Fehler bereits auf der reinen Hardware-Ebene unterdrückt. Dieser integrierte Fehlerschutz soll die Komplexität des Gesamtsystems drastisch senken und die Entwicklung kommerziell nutzbarer Rechner massiv beschleunigen.
Das Geschäftsmodell & der EU-Infrastruktur-Hebel
Quanten-Hardware ist ein unfassbar teures Pflaster. Mit dem frischen Kapital von Investor*innen wie dem britischen Lead-Investor Cloudberry Ventures, United Founders oder QAI Ventures steigt die Gesamtfinanzierung von Peak Quantum auf gut fünf Millionen Euro. Für den Aufbau eigener Reinräume (CapEx) reicht das kaum. Der strategische Clou des Geschäftsmodells liegt daher in der europäischen Vernetzung: Peak Quantum bezieht öffentliche Fördermittel aus dem EU Chips Act und wurde ausgewählt, die im April 2026 startende Quantenchip-Pilotlinie SUPREME zu betreiben.
Ziel ist es, in Europa eine skalierbare Produktionsumgebung zu etablieren, die langfristig auch für externe Partner geöffnet werden soll. Ein Modell, das es Peak Quantum erlaubt, trotz einer frühen Finanzierungsphase hocheffizient an industrietauglichen Chips zu feilen.
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Doch der Markt verzeiht keine Verzögerungen, und München ist längst ein Haifischbecken der Quantentechnologie. Direkt vor der Haustür sitzen Schwergewichte:
- IQM Quantum Computers: Der europäische Platzhirsch für supraleitende Quantencomputer (mit Hauptsitz in Finnland, aber großem Zentrum in München), der kürzlich eine SPAC-Fusion für einen geplanten Milliarden-Börsengang ankündigte.
- planqc: Ein weiteres Münchner Spin-off, das auf neutrale Atome setzt und bereits 2024 eine Series A in Höhe von satten 50 Millionen Euro abschloss.
- Alice & Bob: Auf internationaler Ebene steht besonders das französische Start-up Alice & Bob in direkter technischer Konkurrenz. Die Pariser entwickeln sogenannte Cat Qubits, die ebenfalls hardwareseitig fehlerresistent sind, und kooperieren dabei bereits eng mit Microsofts Quanten-Sparte.
Fazit: Risiko und enorme Chance
Das Board rund um einen ehemaligen Alphabet-X-Advisor sieht in Peak Quantum ein elementares Puzzleteil für ein eigenständiges europäisches Quanten-Ökosystem. Die Investition ist ein klassisches „Deep-Tech-Infrastruktur-Play“.
Dennoch ist eine Pre-Seed-Runde von 2,2 Millionen Euro im Jahr 2026 angesichts der Kapitalausstattung der Konkurrenz eine riskante Wette. Peak Quantum muss durch den Zugang zur SUPREME-Pilotlinie extrem schnell beweisen, dass die fehlerresistente Architektur industriell skaliert und nicht nur im Labor des WMI funktioniert.
Bringt das Team um Leon Koch erste greifbare Pilotprojekte mit Forschungs- und Industriepartnern in den Bereichen Materialforschung, Logistik oder industrieller Optimierung zum Laufen, könnte Peak Quantum zu einem technologischen Flaschenhals werden, an dem in Europa niemand mehr vorbeikommt. Es ist das Paradebeispiel dafür, wie smarte Gründer*innen nicht nur Code oder Hardware schreiben, sondern das System aus Fördergeldern, Pilotlinien und lokaler Forschungsexzellenz maximal zu ihrem Vorteil hebeln.
meinhaus.digital sammelt eine Mio. Euro für die Sanierungswende ein
Ein „KI-Architekt“, der Renovierungen von Bestandsimmobilien deutlich günstiger und schneller machen soll: Das PropTech meinhaus.digital hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von einer Million Euro abgeschlossen.
Das von Leonie Dowling, Carolin Krebber und Ina Schröder gegründete PropTech-Start-up meinhaus.digital GmbH mit Sitz in Schwäbisch Gmünd und München hat frisches Kapital in Höhe von einer Million Euro eingesammelt. Angesichts eines Marktes für energetische Gebäudesanierung in Deutschland, in den laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung jährlich über 70 Milliarden Euro fließen, verdeutlicht diese Investition das hohe Interesse an digitalen Lösungen für die Bau- und Immobilienbranche. Getragen wird die Finanzierungsrunde von der L-Bank Baden-Württemberg sowie Business Angels aus Stuttgart und München, zu denen auch der Start-up-Investor Martin Giese gehört.
Der Blick ins Register: Neustart statt Neugründung
Hinter meinhaus.digital stehen die drei Gründerinnen Leonie Dowling, Carolin Krebber und Ina Schröder, wobei Dowling und Krebber als Co-CEOs agieren. Ein Blick ins Handelsregister zeigt: Die rechtliche Keimzelle des Start-ups wurde von Dowling bereits 2021 unter dem Namen Palasts GmbH gegründet. Das Jahr 2025 markiert hingegen den operativen Neustart unter dem heutigen Namen meinhaus.digital sowie die Formierung des aktuellen Gründerinnen-Trios. Ungeachtet dieser Vorgeschichte ist das personelle Wachstum beachtlich. Seit 2025 wuchs das Team von drei auf zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Bis Ende 2026 soll die Belegschaft auf rund 30 Personen aufgestockt werden, wobei der Fokus stark auf den Bereichen Technologie, Vertrieb und Marketing liegt.
KI statt Architekt: Kampfpreis und OBI-Deal
Das Start-up positioniert sich als digitaler Planer für Umbau- und Sanierungsprojekte bei Bestandsimmobilien. Die Plattform kombiniert dafür eine KI-gestützte Software mit dem Fachwissen von echten Architektinnen, Architekten sowie der Energieberatung. Das Ziel ist es, Hauskäufer*innen und Eigentümer*innen eine transparente Maßnahmen-, Kosten- und Finanzierungsplanung aus einer Hand zu liefern. Das Versprechen der Gründerinnen, Planungsleistungen bis zu 70 Prozent günstiger und bis zu zehnmal schneller als klassische Architektenleistungen anzubieten, ist dabei eine klare Kampfansage an die traditionelle Zunft.
Um dieses Modell rasant in den Markt zu drücken, nutzt meinhaus.digital strategische B2B2C-Partnerschaften. Eine Kooperation mit der Baumarktkette OBI läuft bereits und soll die digitale Maßnahmenplanung mit der Umsetzungskompetenz des Marktes verknüpfen. Weitere Pilotprojekte mit Branchengrößen wie Check24, Wüstenrot und Schwäbisch Hall stehen kurz vor dem Roll-out. Damit soll der Kund*innenstamm von aktuell über 100 auf mehr als 4.000 skalieren, um langfristig den Umsatz bis 2027 zu verzehnfachen. Der Bedarf ist da, denn die reale Sanierungsquote hinkt den Klimazielen massiv hinterher, da Planungsleistungen für viele schlichtweg zu aufwendig und zu teuer sind.
Reality-Check: Kommt die Software gegen den Altbau an?
Doch die Vision vom digitalen Architekten muss sich in der harten Realität des deutschen Altbaubestandes erst noch dauerhaft beweisen. Jede Bestandsimmobilie bringt individuelle statische, bauphysikalische und rechtliche Tücken mit sich. Ob die hybride Lösung aus Software und menschlicher Expertise die Nuancen eines verbauten Altbaus lückenlos und fehlerfrei erfassen kann, muss sich in der Praxis zeigen. Auch das Versprechen, signifikant günstiger zu sein, birgt Risiken in puncto Profitabilität. Dies erfordert radikal standardisierte Prozesse im Hintergrund, um als VC-finanziertes Start-up dauerhaft profitable Margen zu erwirtschaften.
Hinzu kommt eine massive Konkurrenz. Der PropTech-Sektor ist heiß umkämpft und gut finanziert. Schwergewichte wie das Berliner Start-up Enter oder Fuchs & Eule positionieren sich bereits extrem stark und mit massivem Werbedruck im Bereich der digitalen Energieberatung, 3D-Modellierung und Fördermittelbeantragung. Das junge Team aus München und Schwäbisch Gmünd muss nun beweisen, dass die architektonische Tiefe ihres Produkts einen echten Burggraben gegenüber der reinen Energieberatung der Wettbewerber bildet.
Fazit: Smartes Playbook, harter Stresstest
Für die Start-up-Community liefert meinhaus.digital ein brillantes Playbook in Sachen Go-to-Market-Strategie. Anstatt das frische Kapital in teures, umkämpftes Endkund*innen-Marketing zu verbrennen, setzt das Team konsequent auf den B2B2C-Kanal. Die Integration in die etablierte Customer Journey von Playern wie OBI oder großen Bausparkassen ist ein top Hebel, um die Kund*innenakquisitionskosten drastisch zu senken und sich Vertrauen bei den Endkund*innen zu leihen.
Steckrübe statt Schwein: Verrano sichert sich hohe sechsstellige Finanzierung für die „Clean Label“-Revolution
Das 2023 gegründete Frankfurter Start-up Verrano hat ein neuartiges Verfahren entwickelt, das regionales Wurzelgemüse durch Reifung und Räucherung in eine pflanzliche Alternative zu Wurstersatzprodukten verwandelt.
Hinter Verrano, das Anfang 2023 in Frankurt/Main gegründet wurde, steht ein branchenerfahrenes, dreiköpfiges Gründerteam rund um Geschäftsführer Manuel Siskowski. Die Idee reifte jedoch schon lange vor der formellen Gründung. Getreu dem internen Motto „natürlich köstlich“ experimentierten die Gründer – zu denen auch Maximilian Bubenheim mit seiner Erfahrung aus der Sternegastronomie sowie Felix Linnenschmidt gehören – mehrere Jahre mit Wurzelgemüse.
Dabei wendeten sie ein Verfahren an, das in ähnlicher Form beim Reifen von klassischem Schinken zum Einsatz kommt. Nach ersten erfolgreichen Testläufen im regionalen Bio-Handel konnten bald die ersten Kund*innen mit Mengen aus der in Biebertal bei Gießen installierten Pilotanlage beliefert werden.
Handwerkstradition trifft Gemüse
Anstatt klassische Fleischersatzprodukte nachzuahmen, setzt Verrano auf die handwerkliche Veredelung. Regionale Rohstoffe wie Steckrübe, Sellerie und Rote Beete werden einem speziellen Fermentations- und Räucherverfahren unterzogen. Das Endprodukt zeichnet sich durch einen enormen Gemüseanteil von rund 95 Prozent aus und kommt mit nur wenigen Zutaten aus, ohne künstliche Zusatzstoffe zu verwenden. Das Ergebnis soll laut Unternehmensangaben in seiner Textur und dem Geschmack an hochwertige Fleischprodukte wie Schinken erinnern. Die kulinarischen Kreationen werden bereits als dünner Aufschnitt, im Würfelmix oder am Stück in den Markt eingeführt und eignen sich flexibel als Brotbelag, zum Kochen oder für Snackplatten. Die Innovationskraft dieses Ansatzes wurde kürzlich von PETA mit dem „VEGAN AWARD 2026“ in der Kategorie „beste vegane Innovation“ ausgezeichnet.
Eine neue Kategorie jenseits der Imitation
Der Markt für pflanzliche Alternativen konsolidiert sich aktuell, während die Lebensmittelbranche verstärkt nach innovativen pflanzlichen Produkten sucht, die neue Geschmackserlebnisse erzeugen. Hier positioniert sich Verrano in der stark wachsenden Nische der „Clean Label“-Produkte. Direkte Wettbewerber*innen mit einem identischen Ansatz sind rar, da die meisten großen Player*innen weiterhin auf Extrusionsverfahren von Proteinisolaten setzen. Verrano erschafft vielmehr eine neue Kategorie: Eine pflanzliche Feinkost, die das Naturprodukt Gemüse transformiert. Dass diese Nische massentauglich ist, bewies das Start-up jüngst im Veganuary durch aufmerksamkeitsstarke Listungen deutschlandweit in den Bordbistros der Deutschen Bahn.
Die Herausforderungen am Markt
Trotz der vielversprechenden Traction und der Skalierbarkeit, die bereits mit der Pilotanlage bewiesen wurde, steht das Start-up vor großen operativen Herausforderungen, um den Start im breiten Handel zu ermöglichen. Ein Reifeprozess, der Wochen in Anspruch nimmt, bindet extrem viel Working Capital, da enorme Mengen vorproduziert und gelagert werden müssen. Zudem verhält sich Gemüse im Reifeprozess mikrobiologisch grundlegend anders als Fleisch. Die Qualitätssicherung erfordert hochpräzise Produktionsumgebungen, um die Haltbarkeit bei größeren Mengen zu garantieren. Letztlich bedarf es auch starker Aufklärungsarbeit und forcierter Vertriebsaktivitäten am Konsument*innen, um Wurzelgemüse dauerhaft als Premium-Feinkostprodukt zu etablieren.
Reale Skalierung statt VC-Hype
Genau bei diesen Herausforderungen zeigt sich die strategische Passung der aktuellen Finanzierungsrunde. Dass Verrano die bestehenden Produktionskapazitäten massiv ausweiten muss, um die ansteigende Nachfrage zu bedienen, ist der klassische Flaschenhals von Food-Start-ups. Der überwiegende Teil der eingeworbenen Mittel fließt in genau diesen Zweck. Dass die Finanzierungsrunde dabei, wie StartingUp aus Branchenkreisen erfuhr, im hohen sechsstelligen Bereich liegt, beweist die Kapitaleffizienz des Unternehmens. Anstatt reines Risikokapital in teure Eigenentwicklungen zu pumpen, setzt Verrano auf „Smart Money“.
Mit dem Maschinenbauer Weber Food Technology und der Wurst- und Schinkenmanufaktur Bedford holen sie sich zwei strategische Industrie-Schwergewichte an Bord. Verrano profitiert hier direkt von jahrzehntelanger Expertise in der mikrobiologischen Reifung sowie im industriellen High-Tech-Slicing. Zusammen mit der BMH, die als VC-Tochter der Helaba aktuell Fonds mit einem Volumen von 450 Millionen Euro verwaltet, hat das Start-up starke Partner für die anstehende Geschäftsentwicklung gewonnen. Dieses Konsortium bietet das Rüstzeug, um die Nische der veganen Boutiquen zu verlassen und den Lebensmitteleinzelhandel zu adressieren.
deeplify sammelt 2 Mio. Euro für digitalisierte Inspektionen von Pipelines, Chemieanlagen und Brücken
Das 2023 von Jan Löwer, Christoph Siemer und Felix Asanger gegründete Bochumer Industrial-AI-Start-up deeplify bringt frischen Wind in die analog geprägte und sicherheitskritische Anlagenprüfung.
Die Überwachung von Pipelines, Chemieanlagen und Brücken unterliegt strengsten Sicherheitsvorgaben. Die sogenannte zerstörungsfreie Prüfung (ZfP / NDT) – beispielsweise mittels Ultraschall oder Röntgen – wird traditionell von zertifizierten Prüfer*innen durchgeführt. Die Dokumentation und Auswertung dieser Daten ist in der Regel zeitaufwendig und stark analog geprägt. An dieser Schnittstelle positioniert sich die 2023 gegründete deeplify GmbH aus Bochum. Das Start-up entwickelt KI-Software für sicherheitskritische Inspektionen in Energie, Chemie und Industrie. Die angebotene Software-Plattform soll Aufgabenmanagement, eine KI-gestützte Defektanalyse sowie die Berichtserstellung in einem System bündeln.
Vom Agenturgeschäft zur SaaS-Lösung
Die Idee zu deeplify entstand 2022 aus einer Data-Science-Agentur heraus. Das heutige Führungsteam setzt sich aus drei Personen mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten zusammen. CEO Jan Löwer, ein studierter Physiker und vormaliger Gründer besagter Agentur, verantwortet die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Die operativen Prozesse steuert Christoph Siemer (COO), der zuvor über zehn Jahre als Manager beim Energiekonzern BP tätig war – eine Branchenerfahrung, die dem Start-up den vertrieblichen Zugang zur Schwerindustrie erleichtern soll. Die technische Entwicklung leitet der Robotik- und Kognitionsexperte Felix Asanger (CTO).
Auf die Frage, woran das anfängliche Agenturmodell im spezifischen Markt gescheitert sei, stellt CEO Jan Löwer klar: „Gescheitert ist das Agenturmodell nicht. Es hat funktioniert und Umsatz gebracht.“ Es sei jedoch auf einen breiteren Markt industrieller Anwendungen ausgelegt gewesen. Den Wechsel zum reinen Software-as-a-Service (SaaS)-Produkt erklärt der Gründer mit dem klaren Blick auf Marktchancen: „Wir haben dabei gesehen, dass im SaaS-Produkt das deutlich größere Skalierungspotenzial liegt.“ Der Pivot sei eine bewusste strategische Entscheidung gewesen, fügt Löwer hinzu: „Wir haben uns gefragt, wo wir den größten Hebel haben und die Antwort war eindeutig.“
Plattformansatz für Inspektionsdaten
Mit dem Produkt „deeplify inspect“ verfolgt das Unternehmen das Ziel, die oft fragmentierten Prüfdaten verschiedener Hardware-Hersteller*innen in einer DICONDE-kompatiblen Datenbank zu zentralisieren. Darauf aufbauend sollen KI-Algorithmen die Inspektor*innen bei der Fehlererkennung unterstützen. Das SaaS-Modell verspricht eine Standardisierung der Qualitätssicherung sowie eine Reduktion der Auswertungskosten. Laut Unternehmensangaben konnte deeplify bereits erste Kund*innen im Energiesektor gewinnen. Dazu zählt unter anderem der Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe (OGE), mit dem im Zuge von Transformationsprojekten Datensätze zusammengeführt wurden. Zudem gibt es Kooperationen mit Inspektionsunternehmen.
Die Schwerindustrie gilt als konservativ, und Hardware-Hersteller setzen oft auf eigene Software-Silos. Löwer sieht darin jedoch keine unüberwindbare Hürde: „Vendor-Lock-ins sind in der Anlagenprüfung weniger ausgeprägt. Betreiber setzen mehrere Hardware-Lösungen parallel ein und legen Wert auf Unabhängigkeit.“ Deeplify positioniere sich exakt an diesem Punkt: „Als herstellerunabhängige Plattform integrieren wir Inspektionsdaten aus bestehenden Systemen über standardisierte Schnittstellen und überführen sie in ein offenes Format“, betont der Gründer.
Das Versprechen an die Industrie formuliert er deutlich: „Die Unternehmen behalten ihre Hardware, wir schaffen auf der Datenebene zentrale Verfügbarkeit, Vergleichbarkeit und KI-gestützte Auswertung.“ Um die Lösung auch für Konzerne wie OGE wirtschaftlich attraktiv zu machen, verzichtet deeplify beim Pricing bewusst auf große Upfront-Investments. Löwer skizziert das Modell: „Unternehmen starten mit einer Testphase und geringen Einstiegshürden, der Funktionsumfang skaliert modular mit dem tatsächlichen Bedarf.“
Marktumfeld & regulatorische Barrieren
Der Markt für Asset-Integrity-Management wächst, bedingt durch eine alternde europäische Infrastruktur und einen zunehmenden Mangel an qualifiziertem Prüfpersonal. Gleichzeitig sind die Markteintrittsbarrieren extrem hoch. In sicherheitskritischen Bereichen gelten strenge Zertifizierungsvorgaben, und die Haftungsrisiken bei übersehenen Defekten sind immens.
Um die regulatorischen Hürden zu umgehen, positioniert deeplify seine KI nicht als autonomen Prüfer, sondern wählt einen „Human-in-the-loop“-Ansatz. Die Software assistiert, die finale rechtliche Verantwortung und Entscheidungsgewalt verbleibt bei den menschlichen Prüferinnen. Auf das Risiko angesprochen, dass Prüferinnen sich zunehmend blind auf die KI verlassen könnten (Automation Bias), kontert Löwer: „Unser Ziel ist nicht, den Prüfer zu ersetzen, sondern seine Entscheidungsqualität messbar zu stärken.“ Er bezeichnet den Human-in-the-loop-Ansatz als „bewusstes Designprinzip“. Die KI sei primär als Assistenzsystem konzipiert: „Sie macht Vorschläge transparent, weist Unsicherheiten aus und liefert nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen“, so der CEO. Er versichert zudem, dass bestehende Prüfprozesse, Normen und Vier-Augen-Prinzipien vollständig erhalten blieben.
Auch das Training der KI-Modelle erfordert den Zugang zu hochspezifischen, oft vertraulichen Datensätzen der Anlagenbetreiber*innen. Löwer erklärt die Beschaffung dieser sensiblen Daten: „Beim Thema Trainingsdaten setzen wir auf enge Partnerschaften mit Anlagenbetreibern, die uns bereits für Entwicklung und Validierung reale Prüfdaten zur Verfügung stellen.“ Das ermögliche praxisnahes Training und stelle sicher, „dass unsere Modelle unter realen Bedingungen zuverlässig arbeiten“.
Der technologische Burggraben im starken Wettbewerb
Der NDT-Softwaremarkt ist stark fragmentiert und zunehmend umkämpft. Auf der einen Seite stehen internationale Start-ups und Scale-ups wie HUVRdata oder Abyss Solutions sowie Tech-Spezialisten wie Screening Eagle. Auf der anderen Seite rüsten etablierte NDT-Riesen wie Waygate Technologies ihre Systeme mit KI-Komponenten aus, während Prüfkonzerne wie TÜV oder SGS signifikant in Digitalisierungseinheiten investieren.
Deeplify muss beweisen, dass der herstellerunabhängige SaaS-Ansatz diesen teils proprietären Systemen überlegen ist. Globale Konzerne und Hardware-Marktführer sitzen auf riesigen historischen Datenbergen. Auf die Frage nach dem tatsächlichen technologischen Burggraben (Moat) gegenüber etablierten Playern stellt Löwer einen grundlegenden Besitzanspruch klar: „Der entscheidende Punkt ist: Die Daten gehören den Anlagenbetreibern, nicht den Hardware-Herstellern“. Deeplify positioniere sich als herstellerunabhängige Daten- und KI-Schicht, „die systemübergreifend integriert und erstmals echte Interoperabilität in der Anlagenprüfung schafft“.
Den eigenen Wettbewerbsvorteil definiert Löwer sehr spezifisch: „Unser Moat liegt in der Kombination aus tiefem NDT- und Asset-Integrity-Know-how mit spezialisierten, proprietären KI-Modellen, die direkt auf Rohdatenebene arbeiten.“ Der Gründer übt in diesem Zusammenhang auch Kritik am Status quo der Branche: „Viele etablierte Anbieter sind in ihren eigenen Ökosystemen gefangen und können diese Perspektive kaum abbilden.“ Durch Projekte und Partnerschaften baue deeplify kontinuierlich einen praxisnahen Datenkontext auf, „der nicht als Silo funktioniert, sondern als lernende, interoperable Plattform wächst“, schließt Löwer.
Finanzierung & Ausblick
Zur Finanzierung des weiteren Wachstums schließt deeplify nun offiziell eine Pre-Seed-Runde über 2 Mio. Euro ab. Lead-Investor ist D11Z Ventures. Außerdem beteiligen sich Vanagon Ventures, EWOR und strategische Business Angels. Mit dem frischen Kapital will deeplify die technische Infrastruktur der Plattform ausbauen und weitere Einführungen bei Kund*innen in Europa beschleunigen.
Trotz der Wurzeln im Ruhrgebiet sucht das Start-up für die Entwicklung von sogenannter Agentic AI laut öffentlichen Hiring-Daten nun Personal am Standort München. Löwer begründet diese Entscheidung mit den ambitionierten Zielen des Unternehmens: „Deeplify ist auf einem Wachstumskurs. Wir benötigen die besten Talente für unser Team.“ Die Wahl des neuen Standorts sei folgerichtig: „München ist eine bewusste strategische Entscheidung. Die Stadt bietet Zugang zu einem der stärksten KI-Talentpools in Europa, ein dichtes Ökosystem aus DeepTech-Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie die Nähe zu potenziellen Industriekunden."
Architektur statt Strukturgröße: Aachener Chip-Start-up INCIRT sichert sich 4,8 Mio. Euro
Das Halbleiter-Start-up INCIRT hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 4,8 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde vom finnischen Early-Stage-VC Lifeline Ventures, während der High-Tech Gründerfonds (HTGF) – der bereits in der Seed-Runde 2022 investierte – erneut mitzieht. Das frische Kapital soll die Industrialisierung und den Markteintritt einer neuen Generation von Hochleistungs-Datenwandlern beschleunigen, die vor allem in Satelliten, 5G/6G-Infrastruktur und KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen sollen.
Hinter dem DeepTech-Unternehmen steht ein Team mit tiefen akademischen Wurzeln. INCIRT entstand Anfang 2022 als exist-gefördertes Spin-off der RWTH Aachen. Die promovierten Elektrotechniker Dr. Oner Hanay (CEO), Dr. Erkan Bayram und Dr. Mohamed Saeed Elsayed brachten das wissenschaftliche Fundament mit, während Sebastian Waters (CCO/CFO) die kaufmännische Seite abdeckt. Technisch beraten wird das Team durch Prof. Dr. Renato Negra. Bereits im Gründungsjahr sorgten die Aachener für Aufsehen und gewannen den renommierten "Falling Walls Venture"-Award.
Intelligenz schlägt Nanometer
Der technologische Ansatz von INCIRT zielt auf ein Kernproblem der Halbleiterindustrie ab: Dem klassischen „Moore’s Law“ folgend, wurden Leistungssteigerungen in der Vergangenheit vor allem durch immer kleinere Transistoren (mittlerweile im einstelligen Nanometer-Bereich) erkauft. Dieser Weg stößt an physikalische Grenzen und lässt die Produktionskosten explodieren.
INCIRT setzt stattdessen auf eine patentierte, stark parallelisierte Systemarchitektur für seine Analog-Digital- und Digital-Analog-Wandler. Laut Unternehmensangaben ermöglichen diese eine bis zu 100-mal schnellere Datenübertragung bei signifikant geringerem Energieverbrauch. Der entscheidende strategische Vorteil: Weil die Architektur so effizient ist, können die Chips im etablierten, weitaus günstigeren 22-Nanometer-Verfahren produziert werden – und zwar direkt in Europa. Das macht das Start-up zu einem spannenden Akteur im Bestreben der EU, digitale Souveränität aufzubauen und die Abhängigkeit von asiatischen Mega-Foundries wie TSMC zu verringern.
Zwischen IP-Lizenz und Hardware-Hürden
So vielversprechend die Technologie ist, so steinig ist der Weg zur Kommerzialisierung. Der globale Markt für Datenwandler wird von etablierten US-Giganten wie Analog Devices, Texas Instruments oder Broadcom dominiert. Diese Konzerne verfügen nicht nur über Milliardenbudgets für Forschung, sondern auch über extrem tief verwurzelte Lieferbeziehungen zu den großen Netzwerkausrüstern und der Raumfahrtindustrie.
Zudem offenbart die Hardware-Entwicklung extrem lange Validierungszyklen. Bauteile, die in den Weltraum geschossen werden, müssen jahrelange Zertifizierungen durchlaufen. CEO Oner Hanay formuliert dennoch das ambitionierte Ziel, in zehn Jahren bis zu 10.000 europäische Satelliten mit INCIRT-Technologie auszurüsten.
Hier drängt sich die kritische Frage nach dem finalen Geschäftsmodell auf: Zur Seed-Runde 2022 positionierte sich INCIRT noch primär als skalierbarer Anbieter von „IP-Lösungen“ (Intellectual Property), der reine Baupläne lizenziert. In der aktuellen Kommunikation rückt nun die physische "Chipproduktion" in den Vordergrund. Sollte INCIRT als "Fabless"-Unternehmen auftreten, das Chips auf eigene Rechnung produzieren lässt, sind 4,8 Millionen Euro in der Halbleiterindustrie kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein um die Maskenkosten (Tape-outs) und das Working Capital für Massenmärkte zu finanzieren, wird mittelfristig ein Vielfaches an Kapital oder ein starker Industrie-Partner nötig sein.
Fazit
Die neue Runde verschafft INCIRT die entscheidende "Runway", um erste Kundenprojekte zu starten und die Leistungsfähigkeit der Chips im harten Praxiseinsatz zu beweisen. Gelingt es den Aachenern, die Platzhirsche bei Leistung, Kosten und Liefersicherheit zu schlagen, könnte das Spin-off ein essenzieller Baustein der europäischen Telekommunikationszukunft werden. Bis dahin bleibt es eine klassische DeepTech-Wette: Hochriskant, extrem kapitalintensiv – aber mit immensem Hebel, falls sie aufgeht.
Vom Solinger Start-up zum globalen Einhorn: Wie Dash0 die Observability-Giganten dekonstruiert
Das 2023 gegründete KI-Start-up Dash0 hat im März 2026 mit einer 110-Millionen-Dollar-Runde die magische Milliardenbewertung geknackt. Die Vision: Die Systemüberwachung von Software durch offene Standards, radikal faire Preismodelle und pragmatische KI zu revolutionieren. Doch der Frontalangriff auf US-Goliaths wie Datadog birgt strategische Risiken.
In der modernen Softwareentwicklung ertrinken IT-Teams in einer Flut aus Warnmeldungen, Logs und Metriken. Klassische Überwachungs-Tools (Observability) sind oft teuer, komplex und sperren Kunden in geschlossene Daten-Ökosysteme ein. Genau dieses Problem adressiert Dash0 – und hat damit in Rekordzeit Investoren und namhafte Kunden überzeugt. „Systemüberwachung ist heute kaputt: Sie ist zu laut, zu teuer und zu komplex“, bringt es Dash0-CEO und Mitgründer Mirko Novakovic auf den Punkt.
Die Gründer und der rasante Aufstieg zum Einhorn
Hinter Dash0 steht ein Quintett erfahrener Tech-Veteranen. Besonders Mirko Novakovic ist in der B2B-Szene ein Schwergewicht: 2020 verkaufte er sein vorheriges Start-up Instana für rund 500 Millionen US-Dollar an IBM. Dieser „Repeat Founder“-Status erklärt das enorme Vertrauen der Geldgeber.
Die Historie von Dash0 liest sich wie ein Start-up-Märchen im Zeitraffer: Nach der Gründung 2023 im nordrhein-westfälischen Solingen folgte Ende 2024 eine 9,5-Millionen-Dollar-Seed-Runde parallel zum Produktlaunch. Ein Jahr später sammelte das Team 35 Millionen Dollar ein.
Der Ritterschlag folgte nun im März 2026: Mit einer von Balderton Capital angeführten Series-B-Runde über 110 Millionen Dollar steigt Dash0 in den Kreis der Unicorns auf. Diesen Meilenstein verknüpft das Team mit einer klaren Kampfansage: „Mit den 110 Millionen Dollar, die wir heute bekannt geben, bringen wir autonome Abläufe zu jedem Entwicklerteam der Welt – noch bevor unsere Wettbewerber überhaupt begreifen, was mit ihnen geschieht.“
Das Produkt: Ein Frontalangriff auf die Industrie-Norm
Ein Blick unter die Haube zeigt, warum die Plattform so schnell wächst. Das Start-up dekonstruiert gezielt die Schwachstellen der etablierten Milliardenkonzerne:
- Das Ende des „Vendor Lock-ins“: Dash0 basiert vollständig auf offenen CNCF-Standards (OpenTelemetry). Als Abfragesprache wird nativ PromQL genutzt, für Dashboards kommt das quelloffene Perses zum Einsatz. Das bedeutet für Technik-Entscheider: Würde Dash0 die Preise anheben, könnten sie ihre gesamten Dashboards und Alarme einfach mitnehmen und woanders hosten.
- Radikales Pricing: Branchenriesen rechnen oft nach Datenvolumen (Gigabyte) oder Nutzerlizenzen ab, was bei wachsenden Systemen zu explodierenden Budgets führt. Dash0 rechnet rein nach der Anzahl der gesendeten Telemetrie-Datenpunkte ab. Unternehmen können unlimitiert Metadaten anhängen und unbegrenzt viele Entwickler auf das System lassen, ohne dass verdeckte Kosten anfallen.
- Developer Experience (DX): Dash0 positioniert sich als Tool „von Ingenieuren für Ingenieure“. Die Plattform lässt sich für maximale Geschwindigkeit komplett per Tastatur steuern, und Konfigurationen können nahtlos als Code (Configuration as Code) in bestehende Entwicklungs-Pipelines integriert werden.
Dieser Ansatz zieht prominente Kunden an: Tech-Schwergewichte wie Vercel loben die drastisch verkürzte Zeit zur Fehlerbehebung, und auch Traditionskonzerne wie Porsche Digital setzen auf die offene Architektur von Dash0, um sich zukunftssicher aufzustellen. Um das technologische Fundament schnellstmöglich zu verbreitern, akquirierte Dash0 zudem im Februar 2026 das israelische Serverless-Start-up Lumigo.
Pragmatische KI statt Buzzword-Bingo
Während der Markt aktuell von generativen KI-Versprechen überflutet wird, positioniert sich Dash0 erstaunlich pragmatisch. Das Mantra des Start-ups lautet: „AI is an implementation detail.“ (KI ist ein Implementierungsdetail).
Der hauseigene Copilot „Agent0“ soll zwar autonome Analysen durchführen und Teams in Echtzeit entlasten, aber das primäre Ziel ist es, repetitive Aufgaben verlässlich und vor allem ohne Halluzinationen zu lösen. Die beste KI-Funktion, so das Credo der Gründer, sei diejenige, die der/die Nutzer*in liebt, ohne überhaupt zu merken, dass es sich um KI handelt.
David gegen Goliath in New York
Trotz des beeindruckenden Momentums steht Dash0 in der Skalierungsphase vor massiven Hürden:
- Der Goliath-Wettbewerb: Dash0 tritt gegen etablierte US-Giganten wie Datadog, Dynatrace oder Grafana an. Um diesen Kampf zu führen, hat das Start-up seinen Hauptsitz mittlerweile von Deutschland nach New York verlegt. Dieser Schritt erfordert eine extrem hohe Cash-Burn-Rate im Enterprise-Vertrieb.
- Der fehlende „Burggraben“: Was für Kund*innen hochattraktiv ist (offene Standards wie Perses und PromQL), beraubt Dash0 eines klassischen defensiven Lock-ins. Da ein Wechsel zu einem anderen Anbieter theoretisch leichter ist als bei geschlossenen Systemen, ist Dash0 dazu verdammt, permanent durch überlegene Usability und fehlerfreie KI zu überzeugen.
Fazit
Für die deutsche Start-up-Szene ist Dash0 ein exzellentes Paradebeispiel für modernes B2B-Hypergrowth. Die Story zeigt, wie man in scheinbar gesättigten Märkten durch konsequente Nutzerzentrierung, offene Standards und transparente Preise in unter drei Jahren zum Einhorn aufsteigen kann. Es ist der Beweis, dass deutsche DeepTech-Gründer*innen auf globaler Ebene nicht nur mitspielen, sondern die Spielregeln aktiv neu schreiben können.
Logistikbude: 5-Mio.-Euro-Funding für neue Softwarekategorie im B2B-Sektor
Ein oft ignorierter, aber systemkritischer Bereich der Logistik rückt ins Rampenlicht: das Management von Ladungsträgern. Das Dortmunder Start-up Logistikbude sichert sich in einer Series-A-Runde über 5 Millionen Euro, um mit seinem „Load Carrier Management System“ (LCMS) Excel und Papier in den Lieferketten abzulösen. Ein Blick auf die Macher, den Markt und die Frage, wie tragfähig das Geschäftsmodell wirklich ist.
Wer an globale Lieferketten denkt, hat Containerschiffe, riesige Lagerhallen und KI-gestützte Routenplanung vor Augen. Doch das eigentliche Rückgrat des Welthandels ist erschreckend analog: Weltweit zirkulieren Schätzungen zufolge rund 10 Milliarden Ladungsträger – Europaletten, Gitterboxen, Spezialgestelle. Sie wechseln jährlich etwa 150 Milliarden Mal den Besitzer. Was in der Theorie nach einem reibungslosen Kreislauf klingt, ist in der Praxis ein administrativer Albtraum, der von Palettenscheinen auf Papier, fehleranfälligen Excel-Listen und endlosen E-Mail-Schleifen dominiert wird.
Genau hier setzt das Tech-Start-up Logistikbude an. Mit einer frischen Series-A-Finanzierung in Höhe von über 5 Millionen Euro, angeführt vom renommierten VC Capnamic sowie Moguntia Capital und diversen Bestandsinvestoren (u. a. FTTF, Rethink Ventures), will das Dortmunder Unternehmen eine völlig neue Softwarekategorie im B2B-Sektor etablieren: das Load Carrier Management System (LCMS).
Aus der Forschung in den Logistik-Dschungel
Die Wurzeln der Logistikbude sind ein Musterbeispiel für erfolgreichen Technologietransfer. Die Gründer Dr. Philipp Hüning (CEO), Michael Koscharnyj (COO), Patrik Elfert (CPO) und Jan Möller (CTO) stammen aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Dort arbeiteten sie in einem Enterprise Lab eng mit der European Pallet Association (EPAL) zusammen. Aus dieser direkten Schnittstelle zwischen Spitzenforschung und industrieller Realität erwuchs eine zentrale Erkenntnis: Bestehende IT-Systeme wie Warehouse Management (WMS) oder Transport Management Systeme (TMS) behandeln das Ladungsträgermanagement äußerst stiefmütterlich.
Im Oktober 2021 wagte das Quartett die Ausgründung. Aus dem Forschungsprojekt wurde ein Vertical-SaaS-Start-up, das sich anschickt, die tiefe Ineffizienz im Palettentausch zu beenden. Namhafte Kunden wie DACHSER und die Nagel-Group, die das System aktuell an 130 Standorten flächendeckend ausrollt, beweisen: Das Team hat den Product-Market-Fit gefunden.
Intelligenter Layer statt Systembruch
Das LCMS der Logistikbude positioniert sich als intelligenter Datenlayer, der sich über die bestehende – und oft stark fragmentierte – IT-Infrastruktur von Handels- und Logistikunternehmen legt. Über API-Schnittstellen zieht das System Daten aus ERP- oder WMS-Systemen, schließt Lücken über mobile Scan-Apps oder IoT-Sensoren und gleicht Salden automatisch ab.
Besonders clever: Um den manuellen Aufwand zu minimieren, nutzt die Software Künstliche Intelligenz. Ein KI-Agent liest analoge oder als PDF vorliegende Palettenscheine aus, verbucht sie und gleicht Konten ab. Partnerunternehmen, die die Software selbst nicht nutzen, lassen sich über simple Weblinks in den Bestätigungsprozess einbinden. Das Geschäftsmodell ist klassisches Software-as-a-Service (SaaS): Kunden zahlen eine monatliche Lizenzgebühr, gestaffelt nach Funktionsumfang und Volumen der Ladungsträger.
Ist das wirklich eine neue Software-Kategorie?
Die Logistikbude proklamiert selbstbewusst, mit dem LCMS eine dritte große Säule neben ERP/WMS und TMS zu schaffen. Doch hält diese These einer kritischen Marktanalyse stand?
- Die Stärken: Das Start-up löst ein akutes Schmerzproblem. Paletten sind gebundenes Kapital. Hoher Schwund und massiver administrativer Personalaufwand für den Saldenabgleich kosten Großlogistiker jährlich Millionen. Der Return on Investment (ROI) der Software lässt sich für Kunden schnell und hart in Euro beziffern.
- Die Risiken: Langfristig stellt sich die Feature-or-Product-Frage. Bislang ignorieren große ERP-Anbieter (wie SAP) oder etablierte WMS-Hersteller das Thema weitgehend, weil es extrem kleinteilig ist. Sollten diese Tech-Giganten jedoch den Wert der Automatisierung im Palettenmanagement erkennen und entsprechende Module nativ in ihre Suiten integrieren, gerät ein Standalone-LCMS unter Druck. Logistikbude muss sich in den Lieferketten unentbehrlich machen, bevor die großen Tanker ihren Kurs korrigieren.
- Der Netzwerkeffekt: Palettentausch ist ein Multiplayer-Spiel. Wenn Spedition A und Händler B unterschiedliche Systeme nutzen, droht ein neuer Datenbruch. Logistikbude federt dies zwar stark durch KI-gestützte Dokumentenauslese und Partner-Links ab, doch die volle Skalierungskraft entfaltet sich erst, wenn das System zum Quasi-Standard der Branche wird.
Wettbewerb und Markt
Der Markt für das Management von Ladungsträgern ist stark fragmentiert, wobei sich die Konkurrenz im Wesentlichen in drei Cluster unterteilen lässt. Der mit Abstand größte und hartnäckigste Gegenspieler ist dabei der etablierte Status quo in Form von Excel-Tabellen und Papierdokumenten. Daneben existieren diverse Alt-Systeme und Nischenanbieter, die einfache Lademittelverwaltungen oft noch als isolierte On-Premise-Lösungen anbieten. Diesen traditionellen Ansätzen fehlt im direkten Vergleich jedoch meist die nötige Cloud-Dynamik sowie eine moderne KI-Integration. Ein drittes Cluster bilden digitale Pooling-Dienstleister wie inter.PAL, die sich dem Problem von der physischen Seite nähern. Diese Player kombinieren ein digitales Palettenkonto mit dem europaweiten, physischen Handling und Pooling der Paletten, teilweise ergänzt durch Blockchain-Verbuchungen. Im Gegensatz dazu grenzt sich die Logistikbude klar ab, indem sie rein digital, plattformunabhängig und als völlig neutraler Software-Dienstleister operiert.
Einordnung & Ausblick
Für Gründerinnen, Gründer und Investor*innen sendet die Series-A der Logistikbude ein starkes Signal: Die lukrativsten Start-up-Ideen liegen oft nicht in hippen Endkonsumenten-Trends, sondern in den unsexy Untiefen des B2B-Alltags. Die Logistikbude ist ein klassischer Hidden Champion in spe.
Mit dem frischen Kapital von über 5 Millionen Euro muss das Team nun beweisen, dass es die Internationalisierung über den DACH-Raum hinaus stemmen und eine Marktdurchdringung erreichen kann, die das System vom smarten Tool zum echten Branchenstandard erhebt. Gelingt dies, könnte das Konzept LCMS tatsächlich als eigenständige Kategorie in die IT-Systemlandschaften der globalen Wirtschaft einziehen.
Women Entrepreneurship Monitors 2024/25: Frauen fördern Gründerinnen – Männer bleiben lieber unter sich
Informelles Kapital ist der Treibstoff der frühen Phase. Doch eine neue Auswertung des „Women Entrepreneurship Monitors 2024/25“ zeigt: Wo Geld fließt, spielt das Geschlecht eine entscheidende Rolle. Während Frauen gezielt Gründerinnen stärken, investieren Männer weiterhin überwiegend in Männer. Das hat weitreichende Folgen für das Start-up-Ökosystem.
In der ganz frühen Phase einer Gründung, wenn klassische Bankkredite noch in weiter Ferne liegen, schlägt die Stunde der informellen Investor*innen. Ob Business Angels oder das private Umfeld: Ohne dieses Kapital würden viele Ideen den Sprung zum Markteintritt nicht schaffen.
Eine aktuelle Studie des RKW Kompetenzzentrums in Kooperation mit dem Thünen-Institut offenbart nun jedoch eine tiefe Kluft im Investitionsverhalten. Die Daten, basierend auf dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM), zeigen ein deutliches Muster: Man investiert bevorzugt in das eigene Geschlecht.
Die Zahlen: Einseitigkeit bei den Männern
Besonders deutlich wird dies bei den männlichen Kapitalgebern. Rund 64 Prozent ihres Kapitals floss im Jahr 2024 in Gründungen von Männern. Nur magere 18 Prozent der männlichen Investitionen kamen Gründerinnen zugute.
Frauen zeigen sich hier deutlich offener: Fast 60 Prozent der informellen Investorinnen unterstützten andere Frauen. Gleichzeitig floss knapp ein Drittel ihres Kapitals in männlich geführte Startups. Damit investieren Frauen weitaus häufiger geschlechterübergreifend als ihre männlichen Pendants.
Mutiger außerhalb der Familie
Ein weiteres Detail der Studie betrifft die soziale Nähe zum Investitionsobjekt. Zwar bleibt der Kreis aus Familie und Freunden („Family and Friends“) für beide Geschlechter wichtig (ca. 37 bis 39 Prozent), doch bei Investitionen außerhalb des sozialen Nahfelds haben Frauen die Nase vorn:
- Frauen: 51 Prozent investieren in Personen außerhalb des engen Kreises (z. B. Fremde mit guten Ideen oder Kollegen).
- Männer: Hier liegt der Anteil bei lediglich 42 Prozent.
Dies deutet darauf hin, dass Frauen bei ihren Investment-Entscheidungen häufiger sachbezogen und jenseits bestehender privater Netzwerke agieren.
Einordnung für die Praxis
Für das Startup-Ökosystem ist dieser Befund ein Weckruf. Da Männer mit einer Quote von 9 Prozent deutlich häufiger als informelle Investoren auftreten als Frauen (5,1 Prozent), entsteht für Gründerinnen ein struktureller Nachteil beim Kapitalzugang.
Was bedeutet das für Gründer*innen und Investor*innen?
- Netzwerk-Strategie: Gründerinnen sollten gezielt weibliche Business-Angel-Netzwerke ansprechen. Die Daten belegen hier eine signifikant höhere Erfolgswahrscheinlichkeit.
- Unconscious Bias: Männliche Investoren sollten ihr Portfolio kritisch prüfen. Wer nur in das eigene Spiegelbild investiert, übersieht lukrative Investmentchancen in weiblich geprägten Märkten.
- Strukturelle Förderung: Um die Finanzierungslücke für Frauen zu schließen, ist nicht nur mehr Wagniskapital nötig, sondern vor allem eine Stärkung der weiblichen Investorinnen-Basis.
Fazit
Der Women Entrepreneurship Monitor macht klar: Kapital ist in Deutschland (noch) nicht geschlechtsneutral. Die größere Offenheit der Frauen beim Investieren sollte als Vorbild dienen, um die deutsche Startup-Landschaft diverser und damit wettbewerbsfähiger zu machen.
10 Mio. Euro für Würzburger DeepTech-Start-up WeSort.AI
Das 2021 von Nathanael Laier und Johannes Laier gegründete WeSort.AI nutzt KI und Röntgen, um wertvolle Rohstoffe aus dem Abfall zu retten. Alles zur neuen 10-Mio.-Finanzierung.
Ein kurzes Aufblitzen, gefolgt von beißendem Rauch: Falsch entsorgte Lithium-Ionen-Akkus sind der Albtraum jedes Recyclinghof-Betreibers. Über 50 Prozent aller entsorgten Elektrogeräte und Batterien landen nicht bei spezialisierten Recyclern, sondern im Restmüll oder der gelben Tonne. Dadurch entstehen zahlreiche Brände im Recyclingprozess und wertvolle Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden gehen verloren. Diese Materialien klassifiziert die EU als Critical Raw Materials (CRM), deren Verfügbarkeit entscheidend für die Unabhängigkeit von Drittstaaten ist. Genau in diese schmerzhafte Lücke stößt das Würzburger DeepTech-Start-up WeSort.AI. Das Unternehmen hat sich Finanzierungsmittel in Höhe von zehn Millionen Euro gesichert, um seine KI-basierte Technologie zur Rückgewinnung kritischer Rohstoffe aus Recycling-Anlagen weiter zu skalieren.
Von der Vision zum prämierten Start-up
Hinter WeSort.AI stehen die Gründer Nathanael Laier und Johannes Laier, die das Unternehmen Ende 2021 mit Sitz in Würzburg aus der Taufe hoben. Als die Brüder die veralteten Trennverfahren der globalen Müllsortierung analysierten, erkannten sie das gewaltige, ungenutzte Potenzial von Digitalisierung in diesem Sektor. Der Aufstieg seit der Gründung verlief rasant. Die Kombination aus Unternehmergeist und technischem Know-how gipfelte kürzlich im Gewinn der Tech Metal Transformation Challenge der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). Dass die Vision der Brüder auch auf politischer Ebene Anklang findet, beweisen zudem weitere Förderzusagen in Millionenhöhe, unter anderem vom BMWE, dem BMFTR und dem Land Bayern, mit denen das Team seine Sortiertechnologie nun weiter optimieren will.
Brandprävention als lukrativer Türöffner
Die Technologie der Würzburger liest sich wie Science-Fiction für den Müllbunker. Das KI-Sortiersystem erkennt mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, Spezialkameras und Röntgen Batterien und Elektroschrott automatisch in falschen Abfallfraktionen und sortiert sie zurück ins fachgerechte Recycling. Die Technologie kann dabei verschiedenste gefährliche oder wertvolle kritische Rohstoffe aus diversen Abfallarten wie Altfahrzeugen, Elektronik, Bauabfällen, Industrie und Haushalt aussortieren. Das Geschäftsmodell ist äußerst smart positioniert, da es einen ökologischen Makro-Trend mit einem hochaktuellen betriebswirtschaftlichen Schmerzpunkt verbindet. Das System verhindert nicht nur Brände in Müllverarbeitungsanlagen, sondern sichert auch die Rückgewinnung strategisch wichtiger Rohstoffe.
Dass das System bereits seit 2024 bei führenden Entsorgungsunternehmen wie KORN Recycling und PreZero, einem Teil der Schwarz Gruppe, im Einsatz ist, belegt einen frühen und starken Product-Market-Fit. Zudem surft das Unternehmen geschickt auf der Welle der Geopolitik, denn der EU Critical Raw Material Act setzt ambitionierte Ziele für die europäische Rohstoffunabhängigkeit. Europa ist heute stark abhängig von Importen kritischer Materialien, was wirtschaftliche und geopolitische Risiken birgt. Indem WeSort.AI bisher ungenutzte kritische Rohstoffe aus dem Abfall zurückgewinnt, erschließt das Start-up laut Gründer Nathanael Laier eine bisher ungenutzte urbane Mine und trägt direkt zur Umsetzung der EU-Vorgaben bei.
Markt & Wettbewerb
Das frische Kapital von zehn Millionen Euro stammt von führenden europäischen Impact-Investoren wie Infinity Recycling, dem Green Generation Fund und der Corporate-Venture-Einheit vent.io. Zustande kommt die Finanzierung zudem mit Unterstützung des BayStartUP-Investorennetzwerks.
Doch diese Mittel treffen auf einen hart umkämpften Markt, der sich grob in drei Segmente unterteilen lässt. Allen voran stehen die etablierten Anlagenbau-Goliaths wie das norwegische Milliardenunternehmen Tomra oder das deutsche Traditionsunternehmen Steinert. Diese Branchenriesen dominieren den Markt für sensorgestützte Sortierung historisch und rüsten ihre eigenen Systeme massiv mit Deep-Learning und KI auf.
Neben diesen Giganten drängen extrem gut finanzierte internationale Scale-ups auf den deutschen Markt. Unternehmen wie Recycleye oder Greyparrot aus Großbritannien bringen ihre KI-gesteuerten Analytik- und Robotiksysteme in europäische Anlagen und kooperieren hier bereits mit etablierten Anlagenbauern.
Auch die heimische Start-up-Konkurrenz schläft nicht, wie etwa das Bremer Start-up WasteAnt zeigt, welches Sensorik zur Qualitätskontrolle direkt bei der Müllanlieferung einsetzt.
WeSort.AI versucht, sich in dieser Gemengelage durch einen klaren USP abzugrenzen. Peter Dorfner, Partner beim Green Generation Fund, zeigt sich besonders davon überzeugt, dass die Battery-Sort-Lösung weltweit in ihrer Form einzigartig ist und mit ihrem Patent auf dem internationalen Markt stark vor Wettbewerb geschützt ist.
Ausblick & Einordnung
Es lohnt sich ein zweiter Blick auf die vor WeSort.AI liegenden Herausforderungen. Das Unternehmen entwickelt physische Systeme für eine der rauesten Industrieumgebungen der Welt, was die Hardwareentwicklung extrem kapitalintensiv macht. Die Abfallwirtschaft gilt zudem als eher konservativ, was oft in langen B2B-Vertriebszyklen bei der Integration neuer Hardware in bestehende Infrastrukturen mündet.
Dennoch löst WeSort.AI durch die Vermeidung von Bränden und die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe eines der größten Probleme der Branche. Gelingt es dem Gründer-Duo, die Sortiertechnologie weiter zu optimieren und in neue Anwendungen zu skalieren, hat das Start-up beste Chancen, sich als ein führender Anbieter für KI-gestützte Rückgewinnung kritischer Rohstoffe in Europa zu positionieren. Der starke Rückenwind durch EU-Regularien und die eklatante Schmerzgrenze der Entsorger bei brennenden Anlagen bleiben dabei die stärksten Verkaufsargumente.
