Gründer der Woche: Naturbursche – der Eistee, der ausschließlich auf Stevia-Süße baut

Gründer der Woche, KW 44


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Stevia findet als Süßungsmittel immer mehr Verbreitung, wobei der Zucker dabei oft nicht ersetzt, sondern nur ergänzt wird. Britta Henkelmann und Dagmar Hemschenherm aus Wiesbaden verzichten ganz auf Zucker: Ihr Eistee namens Naturbursche ist der erste Eistee, der ausschließlich mit Stevia gesüßt wird. Wir sprachen mit Britta Henkelmann.


Wie seid ihr auf die Idee zu einem zucker- und kalorienfreien Eistee, der nur mit Stevia gesüßt ist, gekommen? Warum sollte jemand gerade den Naturburschen kaufen?

Als Ernährungswissenschaftlerin achte ich schon immer auf eine gesunde Ernährung, die einerseits so wenig Zucker als möglich enthält, andererseits aber auch frei von Süßstoffen wie Aspartam ist. Meine Mitgründerin Dagmar Hemschenherm lebt vegetarisch bzw. vegan und war von der Idee, Naturbursche Stevia-Eistee auf den Markt zu bringen, sofort angetan, weil Naturbursche der erste und bislang einzige Eistee ist, der ohne Zucker und Aspartam auskommt und nur mit Extrakten aus der Stevia-Pflanze gesüßt ist.


Wer gehört alles zum Gründerteam, und was macht eure Zusammenarbeit aus?

Wir sind drei Gründer: Dagmar Hemschenherm, Christoph Landmann und ich. Unsere Zusammenarbeit ist meiner Meinung nach insbesondere durch eine hohe Professionalität gekennzeichnet, weil jeder von uns sein Spezialgebiet hat – auch wenn es zwischen zwei Frauen und einem Mann ab und an mal ordentlich kracht (lacht).


Studien ergeben, dass Ernährung den Menschen mehr wert ist. Teilt ihr die Befürchtung, dass diese Entwicklung ein Hype ist? Wenn nein, warum nicht?

Ich denke nicht, dass das nur ein Hype ist. Das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung existiert nun schon seit vielen Jahren in großen Teilen unserer Bevölkerung, und ich bin mir sicher, dass der Markt für gesunde Produkte weiterhin konstant wachsen wird.


Mit Edeka, Hit, dm, Rewe und Müller habt ihr bereits namhafte Vertriebspartner. Findet man euch auch in typischen Bio-Supermärkten, wo die Zielgruppe doch sicherlich perfekt erreicht werden würde?

Nein, in Bio-Supermärkten sind wir nicht vertreten. Das liegt daran, dass die aus der Stevia-Pflanze gewonnenen Extrakte in der EU leider kein Bio-Siegel tragen dürfen.


Markantes Verpackungsdesign ist ein entscheidendes Kriterium, um potenzielle Käufer zu überzeugen. Der Naturbursche kommt im Vergleich zur Konkurrenz eher schlicht daher. Steckt dahinter eine Strategie?

Schlicht? Das sehe ich nicht so. Wir haben uns beim Design – um dem Konzept und dem Markennamen Rechnung zu tragen – für eine einzigartige Holzoptik entschieden, die sich durch alle grafischen Elemente zieht. Ein knalliges, buntes Design konnten wir uns für Naturbursche Stevia-Eistee nicht vorstellen.


Für viele Start-ups ist die Suche nach geeigneten Vertriebspartnern eine große Herausforderung. Wie konntet ihr eure ersten Partner überzeugen und was sind eure Tipps für andere Start-ups?

Die allermeisten Partner waren von Beginn an sehr offen für Naturbursche, weil das Konzept klar und einmalig ist. Zudem arbeite ich seit mehr als 15 Jahren im Vertrieb in der Lebensmittelbranche und bin mit dem Handel und seinen Strukturen vertraut. Mein Tipp an andere Start-Ups ist: Positioniert eure Marken klar und seid fokussiert.


Coca-Cola zeigt, dass auch große Anbieter den Trend erkannt haben. Was würde es für euch bedeuten wenn Lipton morgen einen Eistee mit Stevia-Extrakten auf den Markt bringt?

Coca Cola hat den Trend leider gar nicht erkannt, denn wenn der Trend erkannt worden wäre, hätte man die Cola Life nur mit Stevia gesüßt und nicht lediglich ein paar Prozent des Zuckers durch Stevia ersetzt. Gleiches gilt übrigens auch für Lipton, die in der Schweiz eine Version mit Stevia auf den Markt gebracht haben – auch hier wurde aber nur ein Teil des Zuckers durch Stevia ersetzt. Das sind für mich keine schlüssigen Konzepte, weil sie halb-halb sind. Wer würde ein halb-biologisches oder halb-vegetarisches Produkt kaufen? Vermutlich nicht sehr viele. Wieso dann also eine Misch-Süßung?

Wir würden es sehr begrüßen, wenn mehr Produkte auf den Markt kämen, die nur mit Stevia gesüßt sind, weil dadurch die Menschen an dieses Konzept herangeführt würden und die Bedeutung von nur mit Stevia gesüßten Produkten insgesamt steigen würde.


Naturbursche wird unter anderem durch Crowdfunding finanziert. Seid ihr mit dem Resultat zufrieden, und welche anderen Finanzierungsmöglichkeiten haben für euch eine Rolle gespielt?

Ja, wir sind mit dem bisherigen Werdegang der Crowdinvesting-Kampagne sehr zufrieden. Abgesehen von Crowdinvesting haben wir uns bislang nur über einen Gründerkredit durch die KFW finanziert.


Was sind für euch die wichtigsten Werbekanäle?

Die wichtigsten Methoden, um Naturbursche bekanntzumachen, sind für uns gegenwärtig redaktionelle PR-Berichterstattung und Verkostungen.


Vielen Dank für das Interview!


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Das Interview führten Niclas Hagen und Fabian Otto

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Synera sichert sich 35 Mio. Euro für die Revolution des Engineerings

Was einst als bionisches Forschungsprojekt begann, ist heute eine der vielversprechendsten europäischen DeepTech-Hoffnungen. Doch wie tragfähig ist die Vision vom „autonomen digitalen Ingenieur“ im stark regulierten Maschinenbau? Ein tieferer Blick auf Gründer, Markt und das Geschäftsmodell.

Die deutsche Industrie steht unter massivem Druck: Internationale Konkurrenz – insbesondere aus Asien –, chronischer Fachkräftemangel und die Notwendigkeit, Entwicklungszyklen drastisch zu verkürzen, zwingen zum Handeln. Generative künstliche Intelligenz (GenAI) gilt als Heilsbringer, doch in der Praxis verpuffen viele Initiativen. Nur etwa 41 Prozent der KI-Prototypen in der Fertigungsindustrie erreichen laut Branchenstudien den produktiven Einsatz. Die Konstruktions- und Entwicklungsabteilungen gelten als stark in Silos organisiert und bis heute schwer automatisierbar.

„Engineering ist das Rückgrat jedes Industrieunternehmens, gehört jedoch nach wie vor zu den am wenigsten digitalisierten und automatisierten Funktionen und war bis vor Kurzem für KI weitgehend unzugänglich“, bringt es Dr. Moritz Maier, Co-CEO von Synera, auf den Punkt.

Genau in diese Lücke stößt sein Unternehmen. Mit einer Series-B-Finanzierungsrunde über 35 Millionen Euro will das Bremer Startup nun international skalieren. Angeführt wird die Runde vom europäischen Wachstumsfonds Revaia, mit starker Beteiligung des UVC Partners Wachstumsfonds sowie Capgemini (über ISAI Cap Ventures). Auch die Bestandsinvestoren Spark Capital, BMW iVentures und Cherry Ventures ziehen wieder mit. Das Signal an den Markt ist deutlich: Engineering Automation wird zum nächsten großen Software-Schlachtfeld.

Von Kieselalgen zur KI-Plattform

Hinter Synera stehen die Gründer Moritz Maier, Daniel Siegel (beide Co-CEO) und Sebastian Möller (Managing Director). Die Ursprungsidee entstand am renommierten Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Die Gründer forschten dort im Bereich der Bionik und untersuchten die Leichtbaustrukturen von Kieselalgen, um deren evolutionäre Prinzipien auf technische Bauteile zu übertragen.

Aus „Evolutionary Light Structure Engineering“ wurde 2018 die Ausgründung ELISE. Zunächst lag der Fokus auf algorithmusbasiertem Design. Mit der Zeit erkannten die Gründer jedoch ein viel grundlegenderes Problem: Es fehlte nicht an Software für das eigentliche Design, sondern an einer Brücke, die die unzähligen Insellösungen (CAD, Simulation, Materialprüfung) im Engineering-Alltag verbindet. Dies führte zur Neuausrichtung und schließlich zur Umbenennung in Synera – einer Low-Code- und KI-Plattform für Connected Engineering.

Das Geschäftsmodell im Check

Synera betreibt ein klassisches B2B-Plattform-Modell. Anstatt etablierte Platzhirsche im Computer-Aided Design (CAD) zu verdrängen, positioniert sich Synera als übergeordnete Orchestrierungsschicht. Die Software klinkt sich in über 80 bestehende Tools ein.

  • Der Werttreiber: Nutzer*innen können komplexe Workflows (z. B. CAD-Modellierung → Simulation → Kostenkalkulation → Designanpassung) als Templates speichern. Das frische Kapital soll laut Moritz Maier nun eine Entwicklung beschleunigen, „bei der KI-Agenten als echte digitale Engineers agieren und komplexe Workflows entlang der gesamten Wertschöpfungskette autonom ausführen.“
  • Der Lock-in-Effekt: Wenn ein Industriekonzern seine Kernprozesse auf Synera automatisiert hat, ist die Plattform kaum noch auszutauschen. Die Wechselkosten für den Kunden sind enorm.
  • Die Herausforderungen: Das Modell ist technisch hochkomplex. Die ständige Pflege von über 80 API-Schnittstellen zu Drittanbietern bindet gewaltige Entwickler*innen-Ressourcen. Zudem erfordert der Vertrieb in klassische Hardware-Unternehmen lange Sales-Zyklen.

Zwischen RPA und Spezial-CAD

Wettbewerbsumfeld

Marktansatz

Syneras Differenzierung

Generatives Design (z. B. nTop, Altair)

Fokus auf die Erstellung hochkomplexer, gewichtsoptimierter Bauteile.

Synera generiert nicht nur das Design, sondern automatisiert den Prozess quer durch verschiedene externe Tools.

Klassische RPA (z. B. UiPath, Zapier)

Hervorragend für kaufmännische Prozesse (HR, CRM, Rechnungen).

Standard-RPA scheitert an den komplexen 3D-Geometrie- und Physikdaten des Engineerings.

PLM-Systeme (z. B. Siemens, Dassault)

Verwalten den gesamten Produktlebenszyklus und die Daten.

Synera setzt sich auf diese oft schwerfälligen Systeme, um die agilen Arbeitsschritte flexibler zu machen.

Kritische Einordnung: Vertraut der/die Ingenieur*in der KI?

Synera verweist auf eine Umsatzverdopplung im vergangenen Jahr und über 60 namhafte Kunden, darunter BMW, Airbus, NASA und Miele. Mit dem frischen Kapital steht die Expansion nach Asien, Europa und in die USA an. Dass dieser Wachstumskurs von den Investoren aktiv gestützt wird, betont Benjamin Erhart, General Partner bei UVC Partners: „Wir konnten erleben, wie Synera als zuverlässiger Partner die Transformation des Engineerings gestaltet.“

Doch der Weg zur breiten Durchdringung birgt auch Stolpersteine:

  1. Das Vertrauensproblem: „Agentic AI“ bedeutet, dass die Software eigenständig Entscheidungen trifft. In sicherheitskritischen Branchen (Luftfahrt, Automotive) herrschen jedoch strikte Compliance-Regeln. Bevor ein KI-Agent autonome Designänderungen an tragenden Bauteilen vornimmt, müssen massive Haftungsfragen geklärt sein.
  2. Die Pilot-Falle: Viele GenAI-Projekte scheitern auf dem Weg in die Produktion. Die Gefahr für Synera besteht darin, in Innovationsabteilungen stecken zu bleiben, während das operative Kerngeschäft aus Kostengründen an bewährten Methoden festhält.
  3. Die API-Abhängigkeit: Wer als Brückenbauer*in zwischen Dutzenden Software-Silos agiert, macht sich von den Anbietern abhängig. Sperrt ein großer CAD-Anbieter seine API, trifft dies Syneras Modell im Kern.

Fazit

Synera ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie aus akademischer Grundlagenforschung ein hoch skalierbares DeepTech-Produkt werden kann. Der strategische Pivot vom reinen Design-Tool zur prozessübergreifenden Plattform zahlt sich durch die starke Series B nun aus. Gelingt es den Bremern, den eher konservativen globalen Maschinenbau davon zu überzeugen, dass KI-Agenten die menschlichen Ingenieur*innen nicht ersetzen, sondern befähigen, könnte Synera der entscheidende globale Standard im Connected Engineering werden.

Gründer*in der Woche: Pax Lupus – Mit KI und Drohnen gegen den Wolf

Wolfsbiss in Hamburg: Die Debatte brennt. Das Start-up Pax Lupus von Anna-Karina Katt und Karsten Schmiegel will Herden nun autonom mit KI und Drohnen schützen.

Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland erreicht eine neue Eskalationsstufe: Am 30. März 2026 kam es in einem Einkaufszentrum in Hamburg-Altona zur Bissverletzung einer Frau durch einen Wolf. Es ist der erste Vorfall dieser Art seit der Wiederansiedlung der Tiere vor fast 30 Jahren. Obwohl die betroffene Frau das Universitätsklinikum nach ambulanter Behandlung inzwischen verlassen konnte, ist die Debatte um den Umgang mit dem Raubtier voll entbrannt.

Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), stellt in diesem Kontext klar: Aus Artenschutzperspektive sei die Rückkehr des Wolfs positiv, doch Wölfe gehören in die Natur und nicht in Städte. Für die freie Natur komme es laut Bonde nun auf wirtschaftliche und praktische Schutzmechanismen an, die ein Nebeneinander von Wild- und Nutztieren ermöglichen. Genau hier setzt das von der DBU mit der „Green Startup“-Förderung unterstützte Unternehmen Pax Lupus an.

Gründer*innen & Vision

Hinter Pax Lupus steht das Gründungsduo Anna-Karina Katt und Karsten Schmiegel. Die beiden haben sich dem Thema Herdenschutz verschrieben und entwickeln ein autonomes System zur nicht-tödlichen Abwehr von Wolfsrudeln. Ihre Motivation speist sich auch aus der Kritik an gängigen Praktiken: Laut Anna-Karina Katt seien etablierte Maßnahmen wie Zäune, Netze und Herdenschutzhunde nicht nur arbeitsintensiv, sondern teils auch umweltschädigend. Besonders die engmaschigen Kunststoffnetze seien kurzlebig und produzierten große Mengen an nicht-recyclebarem Müll. Ein weiteres Problem laut Katt: Andere Wildtiere wie Rehe oder Feldhasen verfangen sich in diesen Netzen, was nicht selten zu schweren Verletzungen oder gar zum Verenden führe.

Das Produkt: Autonome Luftabwehr statt Plastiknetz

Das von Katt und Schmiegel entwickelte Herdenschutzsystem soll völlig netzunabhängig und nach einem mehrstufigen Prinzip auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten. Für die Überwachung und Sensorik wird in der Mitte der Weide ein Mast aufgestellt, der mit Kameras und Sensoren ausgestattet ist und über Solarmodule mit Strom versorgt wird. Diese Sensoren überwachen Tag und Nacht einen Radius von bis zu 200 Metern und sollen erkennen, wenn sich ein Wolf nähert. Die entwickelte Technik soll dabei zuverlässig Menschen oder andere Tiere von Wölfen unterscheiden, sodass bei harmlosen Weidebesuchern kein Alarm ausgelöst wird.

Wird tatsächlich ein Wolf registriert, eskalieren die Abwehrmaßnahmen schrittweise zur Vergrämung. Aus der Basisstation steigt eine kleine Drohne auf, fliegt das Tier gezielt an und soll es durch entsprechende Manöver vertreiben. Um auch eine Echtzeit-Intervention zu ermöglichen, werden die Schäferinnen und Schäfer bei bestehender Netzabdeckung zeitgleich über den Vorfall alarmiert. Sie können die Lage dann über Kameras zusätzlich einschätzen und die Drohnen-Abwehr bei Bedarf manuell abbrechen. Laut Anna-Karina Katt vertreibt das System Wölfe nicht nur situativ: Durch wiederholte Vergrämung sollen Wölfe lernen, die Weidetiere auch langfristig zu meiden. Dies ermögliche es den Schäfer*innen, lediglich einen einfachen Grundschutz wie Weidezäune aufzustellen.

Geschäftsmodell & Marktanalyse

Pax Lupus bewegt sich in der wachsenden Nische des Agri-Tech und liefert einen innovativen Ansatz für ein hoch emotionales und drängendes Problem in der Landwirtschaft. Beim Vertrieb setzt das Start-up auf den Verkauf sowie das Leasing des Systems und bietet zudem die Übernahme der Wartung an. Die darüber hinaus geplanten „Notfall-Mieten“ bei akuten Wolfsrissen sind strategisch klug positioniert. Damit senkt Pax Lupus die Einstiegshürde für betroffene Schäfer*innen enorm und platziert das Produkt direkt dort, wo der akute Bedarf entsteht.

Der rein deutsche Markt für Wolfsschutz ist trotz stetig wachsender Population zunächst auf klassische Weidebetriebe limitiert. Um als Start-up skalieren zu können, ist die von Pax Lupus geplante Ausweitung auf andere Nutztiere wie Kühe, Pferde oder Hühner entscheidend. Das angedachte KI-Training zur Abwehr von weiteren Raubtieren wie Füchsen oder Kojoten öffnet zudem potenziell die Tür zu internationalen Märkten.

Die stärksten Wettbewerber*innen bleiben vorerst etablierte Zäune und Herdenschutzhunde. Pax Lupus muss beweisen, dass die Gesamtkosten ihres Hightech-Systems für oft margenschwache Weidebetriebe attraktiv sind. Zudem stehen Hardware-Startups immer vor physischen Hürden: Die Solartechnik und Drohnenmechanik müssen auch bei widrigem Wetter fehlerfrei funktionieren.

Fazit

Pax Lupus kombiniert auf clevere Weise Tierschutz mit moderner KI und entlastet Weidetierhalter. Gelingt es dem Startup, die Hardwarekosten wettbewerbsfähig zu halten und die Software zügig auf weitere Raubtierarten auszuweiten, könnte dieses System den Herdenschutz nachhaltig verändern. Letztlich schützt Technologie hier nicht nur das Schaf, sondern hilft laut Anna-Karina Katt auch, artenreiche Offenlandschaften wie Bergweiden, Heide und Deiche als wichtigen Bestandteil Mitteleuropas zu erhalten.

Gründer*in der Woche: Little World – Spracherwerb durch echte Begegnung

Wie Oliver Berlin mit seinem Aachener Social-Start-up Little World trotz beachtlichen Erfolgs vor der großen Herausforderung der Anschlussfinanzierung steht – und was das über ein strukturelles Defizit in unserem Fördersystem verrät.

Es ist eine dieser Geschichten, die eigentlich ein Happy End haben müssten. Die Zahlen stimmen, die gesellschaftliche Wirkung ist messbar, und die Menschen sind begeistert. Doch Oliver Berlin, Wirtschaftsingenieur und Gründer des Social-Start-ups Little World, blickt derzeit nicht auf Erfolgsstatistiken, sondern auf ein finanzielles Problem. Sein Projekt offenbart ein strukturelles Defizit in unserem Fördersystem und steht vor einer massiven Herausforderung, da eine essenzielle Förderung Ende 2025 ausgelaufen ist.

Spracherwerb durch echte Begegnung

Die Vision von Little World ist so simpel wie effektiv: Menschen, die Deutsch sprechen, treffen sich im digitalen Raum mit Menschen, die Deutsch lernen. Es geht dabei nicht um klassische Nachhilfe oder sture Grammatik, sondern um echten Austausch auf Augenhöhe über den Alltag, Hobbys und die Familie.

Auslöser für die Gründung war Berlins eigene Erfahrung während der Pandemie, als er beobachtete, wie seine Mutter täglich ältere Menschen anrief, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Zusammen mit Tim Schupp und Sean Blundell fusionierte er 2022 diese Idee zu Little World. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Innerhalb der ersten drei Monate nach dem Launch verzeichnete die Plattform bereits 1.000 Anmeldungen. Heute vernetzt das Start-up bundesweit rund 6.500 Menschen und vermittelt jährlich etwa 1.200 Gesprächspaare.

Wie die Community über sich hinauswächst

Dass Little World weit mehr ist als eine reine Vermittlungsmaschine, zeigt sich daran, wie sich das Angebot mittlerweile organisch aus der Community heraus weiterentwickelt. Neben den 1-zu-1-Gesprächen gibt es inzwischen auch von den Teilnehmenden selbst initiierte Gruppenformate, wie etwa den neuen Online-Buchclub.

Ins Leben gerufen wurde dieser von der 27-jährigen Varvara, die selbst erst seit Anfang 2025 als Deutschlernende auf der Plattform aktiv ist. Ihr eigenes Deutsch hat sie sich maßgeblich durch das Lesen erarbeitet. Nun gibt sie diese Leidenschaft weiter: Alle zwei Wochen treffen sich im virtuellen Lesekreis Lernende und Freiwillige, um über vorab vereinbarte Texte zu sprechen – die Bandbreite reicht von Harry Potter bis Franz Kafka. In kleinen Breakout-Rooms geht es dabei weniger um strenge Literaturkritik, sondern vielmehr darum, das freie Sprechen zu üben und eigene Erfahrungen zu teilen.

Das Paradoxon des Erfolgs: Wenn die Förderung wegbricht

Es sind genau diese Momente der Begegnung und Integration, die aktuell auf dem Spiel stehen. Denn während die Community wächst und floriert, tickt im Hintergrund die finanzielle Uhr. Eine substanzielle Förderung der Deutschen Fernsehlotterie in Höhe von 400.000 Euro, die dem Start-up zwei Jahre lang Luft zum Atmen und Wachsen gab, ist Ende 2025 ausgelaufen. Das Kernteam wurde zwar vergrößert, doch die laufenden Betriebskosten für Server, technischen Support und das Matchmaking bleiben …

Hier schnappt die Falle des deutschen Fördersystems zu. Stiftungen und staatliche Töpfe finanzieren gerne den innovativen Aufbau oder Pilotphasen. Ist ein Projekt jedoch etabliert und läuft erfolgreich, ziehen sich die Geldgeber*innen zurück. Sozialunternehmer wie Oliver Berlin verbringen infolgedessen oft mehr Zeit mit dem Schreiben von Anträgen als mit ihrer eigentlichen gesellschaftlichen Mission.

Kooperationen statt Rückzug

Trotz des immensen Drucks richtet das Team den Blick nach vorn und setzt auf eine strategische Neuausrichtung. Jüngst schloss Little World ein Bündnis mit Lern-Fair, einem Verein zur Unterstützung bildungsbenachteiligter Schüler*innen. Durch diese Zusammenarbeit sollen Ressourcen geteilt und neue Zielgruppen, wie etwa Eltern, erschlossen werden.

Zusätzlich rückt die Wirtschaft stärker in den Fokus. Das Social Start-up positioniert sich zunehmend als Tool für Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden über Corporate Volunteering ein unkompliziertes Engagement ermöglichen wollen. Gleichzeitig können Firmen so frühzeitig Kontakt zu internationalen Talenten aufbauen. Um das Modell auf breitere Schultern zu stellen und die Struktur langfristig zu sichern, sollen neben Spenden künftig auch Stiftungen und Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen. „Sprachvermittlung ist unser Vehikel – unser Ziel ist gesellschaftlicher Zusammenhalt“, appelliert Berlin.

Griff nach den Sternen: Lieferando- und Tier-Mitgründer sammelt 5 Mio. Euro für Solarenergie aus dem All

Das europäische Start-up TerraSpark will sauberen Strom per Funk aus dem Orbit zur Erde schicken. Mit dabei: der Deutsche Matthias Laug, Mitgründer von Lieferando und Tier Mobility, sowie deutsche Investoren. Wir wollten wissen: Wie realistisch ist das ehrgeizige Vorhaben der Tech- und Raumfahrt-Veteranen? Eine Einordnung.

Europas Energieinfrastruktur stößt zunehmend an ihre Grenzen. Während die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass sich der Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird, zeigten großflächige Stromausfälle in Spanien und Portugal zuletzt die Schwächen der heutigen Energiesysteme auf.

Eine radikale Lösung für dieses drängende Problem verspricht nun das 2025 in Luxemburg gegründete Start-up TerraSpark. Das junge Unternehmen hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von über fünf Millionen Euro erfolgreich abgeschlossen. Zu den Geldgebern zählen neben der Pariser Gesellschaft Daphni und dem Tech-Investor Sake Bosch auch die Angel-Investoren-Allianz better ventures und die Hans(wo)men Group. Ihr gemeinsames Ziel: Weltraumgestützte Solarenergie kommerziell nutzbar zu machen.

Prominente deutsche Wurzeln in einem hochkomplexen Hardware-Projekt

Dass dieses Vorhaben für die hiesige Gründerszene von besonderem Interesse ist, liegt maßgeblich an der personellen Aufstellung. Hinter TerraSpark steht ein Gründertrio, das eine seltene Kombination aus europäischer Raumfahrtexpertise und massiver Skalierungserfahrung vereint. Aus deutscher Sicht sticht hierbei besonders Chief Operating Officer Matthias Laug hervor. Als Mitgründer von Lieferando und Tier Mobility bringt er tiefe Erfahrung im Aufbau und in der Skalierung großer europäischer Plattformunternehmen in das komplexe Projekt ein.

Geführt wird das Team von CEO Jasper Deprez, einem Seriengründer, der zuvor die globale HR-Tech-Plattform Tradler aufbaute. Die zwingend notwendige Raumfahrt-Expertise liefert Chief Technology Officer Dr. Sanjay Vijendran: Er verantwortete bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) bereits das Solaris-Programm zur weltraumgestützten Solarenergie und war an der Mars Sample Return Mission beteiligt. Auch auf Investor*innenseite ist das deutsche Vertrauen in das Team groß. Tina Dreimann, Gründerin und Geschäftsführerin von better ventures, lobt genau diese Mischung aus europäischer Raumfahrtkompetenz und der Erfahrung, Technologie wirklich zu skalieren.

Erst die Erde, dann das All

Die Vision des Trios ist gewaltig: Solarenergie soll im Weltraum eingefangen und per Funkfrequenz sicher zur Erde übertragen werden. Das Konzept ist in der Theorie bereits seit den 1970er Jahren bekannt, doch erst heute machen sinkende Startkosten sowie technologische Fortschritte in der Satellitenfertigung und Orbitrobotik die Umsetzung wirtschaftlich tragfähig.

Anstatt jedoch das immense Risiko einzugehen und sofort mit gigantischen Systemen im All zu beginnen, wählt TerraSpark bewusst einen schrittweisen Kommerzialisierungs-Ansatz. Das Startup startet auf der Erde mit der Kommerzialisierung funkfrequenzbasierter drahtloser Energieübertragung für industrielle Anwendungsfälle. Mit diesem pragmatischen Schritt sollen Sicherheit, Effizienz und regulatorische Kompatibilität im kleinen Maßstab demonstriert werden, bevor das System in den Orbit skaliert wird. Ein hochrelevanter Markt für diese erste Phase sind netzferne Regionen, die bislang auf Dieselgeneratoren angewiesen sind. Dort liegen die Stromkosten häufig bei etwa 0,70 bis 1,50 Euro pro Kilowattstunde – ein starkes Preissignal, das technologische Alternativen rasch wirtschaftlich attraktiv machen kann.

Um diesen Markt zu erschließen, bereitet das Unternehmen in den kommenden Monaten erste Pilotanwendungen vor, darunter die drahtlose Energieversorgung eines Live-Events. Auch die Roadmap für den Weg ins All steht: Ein erster orbitaler Technologie-Demonstrator ist für das Jahr 2027 geplant, die erste echte Weltraum-zu-Erde-Energieübertragung wird für 2028 anvisiert.

Markt, Wettbewerb & Machbarkeit
Obwohl die Physik hinter der funkfrequenzbasierten Energieübertragung laut CTO Sanjay Vijendran seit Jahrzehnten validiert ist, bleibt die weltraumgestützte Solarenergie ein extrem komplexes Unterfangen. TerraSpark ist auf diesem kapitalintensiven Spielfeld nicht allein. Neben Start-ups wie Virtus Solis aus den USA oder dem neuseeländisch-deutschen Unternehmen Emrod haben auch etablierte Luft- und Raumfahrtgiganten wie Airbus das enorme wirtschaftliche Potenzial längst erkannt und treiben eigene Forschungsprogramme voran.

Kritisch zu hinterfragen bleibt bei all diesen Vorhaben die technische Effizienz der Energieübertragung über gewaltige Distanzen bis hinunter zur Erde. Die Errichtung großflächiger Solarpaneele im Weltall erfordert trotz signifikant sinkender Frachtpreise weiterhin immense Vorabinvestitionen und unzählige Raketenstarts. Zudem muss der internationale regulatorische Rahmen für das Richten von hochkonzentrierten Funkwellen aus dem All auf irdische Empfangsstationen erst noch global abgestimmt werden.

Fazit

Der „Earth-first“-Ansatz von TerraSpark ist ein äußerst kluger, unternehmerischer Schachzug. Er mildert das finanzielle Risiko für die Seed-Investoren ab, demonstriert Technologie greifbar im Kleinen und könnte frühe B2B-Umsätze generieren, lange bevor die erste Hardware ins All fliegt. Dennoch bleibt der Meilenstein-Plan enorm ambitioniert. Matthias Laug und seine Mitstreiter*innen haben in der Vergangenheit zwar eindrucksvoll bewiesen, dass sie digitale und urbane Geschäftsmodelle massiv skalieren können. Der Schritt vom E-Scooter-Verleih zur interplanetaren Energie-Infrastruktur erfordert in den kommenden Jahren jedoch eine völlig neue Dimension der Exekution – und noch deutlich tiefere Taschen der Investor*innen.

Münchner Start-up Isar Aerospace bricht Testflug der „Spectrum“-Rakete aus Sicherheitsgründen ab

Der zweite Testflug der „Spectrum“-Trägerrakete des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace musste kurz vor der Triebwerkszündung gestoppt werden.

Ursache war nach Unternehmensangaben ein unbefugtes Boot, das in die maritime Sicherheitszone eingedrungen war. Bis das Areal geräumt werden konnte, verstrich das enge Startfenster zwischen 21:00 und 21:15 Uhr. Die Rakete blieb unbeschadet auf der Startrampe.

Sicherheitsmechanismus statt Fehlschlag

In der Raumfahrtbranche wird ein solcher Abbruch (ein sogenannter Scrub) nicht als technologischer Rückschlag gewertet, sondern als Beleg für greifende Sicherheitsmechanismen. Ein erheblicher Unterschied besteht zu einem tatsächlichen Fehlstart, bei dem Hardware verloren geht – wie es beim Erstflug der „Spectrum“ am 30. März 2025 geschah, als die Rakete nach knapp 30 Sekunden wegen eines Ausfalls der Lageregelung ins Meer stürzte.

Da die Rakete dieses Mal keinen technischen Defekt erlitt, werten die Ingenieure den abgebrochenen Countdown als erfolgreichen Härtetest der Bodenanlagen und der automatisierten Betankungsprozesse. Das Team um CEO Daniel Metzler hatte im Vorfeld betont, dass das primäre Ziel der Mission „Onward and Upward“ darin bestehe, kritische Systeme unter operativen Bedingungen zu validieren. Die nun gesammelten Daten fließen direkt in die Vorbereitung des nächsten Versuchs ein.

Die komplexe Logistik eines neuen Startfensters

Wann die „Spectrum“ erneut betankt wird, hängt von einem mehrstufigen Abstimmungsprozess ab. Nach der Sicherung der Rakete muss Isar Aerospace bei den norwegischen Behörden neue Sperrzonen beantragen. Damit Fischer, Frachtschiffe und Fluggesellschaften ihre Routen rechtzeitig anpassen können, müssen offizielle Warnungen für die Schifffahrt (NOTMAR) und den Luftraum (NOTAM) mit entsprechendem Vorlauf herausgegeben werden. Erst wenn diese bürokratischen Hürden genommen sind und Parameter wie das Wetter am Polarkreis übereinstimmen, kann ein neuer Countdown für die Nutzlast – darunter universitäre Kleinsatelliten der TU Berlin, der TU Wien sowie der norwegische FramSat-1 – beginnen.

Warum Andøya? Der strategische Vorteil im hohen Norden

Dass das Münchner Start-up diese logistischen Herausforderungen im hohen Norden auf sich nimmt, anstatt etwa den etablierten europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Südamerika zu nutzen, hat strategische und physikalische Gründe.

Die Hauptkunden von Isar Aerospace betreiben kleine Erdbeobachtungssatelliten, die bevorzugt über die Pole fliegen, um die Erdoberfläche lückenlos zu erfassen. Von Andøya aus kann die Rakete auf direktem Weg sicher über das offene Europäische Nordmeer in diesen polaren Orbit starten, ohne Treibstoff für aufwendige Kurskorrekturen zu verbrauchen. Zudem spart der Transport der in Ottobrunn gefertigten Bauteile per LKW und Fähre nach Norwegen wertvolle Zeit und Kosten im Vergleich zu einer Verschiffung nach Französisch-Guayana.

Für Europa bleibt der anstehende Flug der „Spectrum“ ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen, kommerziellen Zugang zum All. Sobald die Sperrzonen vor der norwegischen Küste neu eingerichtet sind, wird sich zeigen, ob das Münchner Unternehmen diese Lücke schließen kann.

Selbstständigen-Report 2026: Wachsender Frust in der Gründer*innen-Szene

Der neue Selbstständigen-Report 2026 zeichnet das Bild einer demoralisierten Leistungsträger*innenschicht: Immer mehr Selbständige schätzen ihre wirtschaftliche Lage als prekär ein und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Doch wer steckt hinter diesen alarmierenden Zahlen, und wie ist die Lage für Gründer*innen und Start-ups strategisch einzuordnen?

Herausgegeben wird der Report als Gemeinschaftsprojekt von WISO MeinBüro und dem Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. (VGSD). Die aktuelle Umfrage, an der sich zwischen Mitte Dezember 2025 und Mitte Februar 2026 insgesamt 2684 Personen beteiligten, zeigt die harte Realität der Solo-Selbständigen.

Nur noch knapp 46 Prozent schätzen die Lage ihres Unternehmens als gut bis hervorragend ein. Der Report zeigt einen deutlichen Abwärtstrend: 2024 waren es noch 55 Prozent, im Jahr 2018 waren es sogar 60 Prozent. Thüringen bildet 2026 mit nur rund 37 Prozent Zufriedenheit das Schlusslicht. Nur in Brandenburg scheint sich die Lage gebessert zu haben: Dort bewerteten rund 46 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage ihres Unternehmens als gut.

Rund 90 Prozent der Befragten teilten mit, dass sie sich als Selbständige überhaupt nicht bis wenig von der Politik respektiert fühlen. Rund 38 Prozent der Befragten haben in den letzten zwei Jahren darüber nachgedacht, auszuwandern. Bürokratie ist dabei der potenzielle Auswanderungsgrund Nummer eins, genannt von 41,6 Prozent der Umfrageteilnehmenden.

Ein besonderer Dorn im Auge der Unternehmer*innen ist zudem das heikle Thema Scheinselbständigkeit, dessen Dringlichkeit bei vielen Befragten noch nicht vollends angekommen zu sein scheint. Im behördlichen Prüfverfahren wird immer nur ein Auftraggebender konkret angeschaut. Dieses Statusfeststellungsverfahren birgt enorme rechtliche und finanzielle Unsicherheiten bei den Selbständigen.

Ebenso sorgt neue Gesetzgebung für Unmut: Seit dem 1. Januar 2026 gilt die Aktivrente. Rentner*innen können bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei dazuverdienen, wenn sie in einem Angestellt*innenverhältnis sind. Selbständige Rentnerinnen und Rentner dagegen sind weiterhin voll steuerpflichtig. Rund 81 Prozent der Befragten finden diese Ungleichbehandlung ungerecht.

Fazit

Die Hauptmotivationen, selbständig zu sein, sind – wie auch bei den letzten beiden Befragungen – eigenbestimmtes Arbeiten und flexible Arbeitszeiten. Trotz aller Widrigkeiten würden sich mehr als 83,3 Prozent der Befragten wieder selbständig machen.
So zieht Dr. Andreas Lutz, VGSD e. V., das Fazit: „Die Ergebnisse zeigen eine Mischung aus dem für Selbstständige typischen Unternehmergeist, Resilienz und Durchhaltevermögen einerseits und einem hohen Maß an Frustration über die politischen Rahmenbedingungen andererseits. Viele Selbstständige blicken nicht optimistisch, aber sehr realistisch auf die Zukunft: Sie erkennen die Herausforderungen der Zeit, leiten Maßnahmen ab, treiben ihr Geschäft aktiv voran und tragen auch in schwierigen Zeiten Verantwortung. Dieses Potenzial für Wirtschaft und Gesellschaft muss die Politik erkennen und nutzen – und Bedingungen schaffen, die es ihnen nicht weiter unnötig schwer machen. Genau darin liegt die politische Botschaft dieses Reports.“

Der gesamte Report sowie weitere Informationen stehen hier zum kostenlosen Download bereit: https://www.meinbuero.de/selbststaendigen-report-2026/

Vom Solinger Start-up zum globalen Einhorn: Wie Dash0 die Observability-Giganten dekonstruiert

Das 2023 gegründete KI-Start-up Dash0 hat im März 2026 mit einer 110-Millionen-Dollar-Runde die magische Milliardenbewertung geknackt. Die Vision: Die Systemüberwachung von Software durch offene Standards, radikal faire Preismodelle und pragmatische KI zu revolutionieren. Doch der Frontalangriff auf US-Goliaths wie Datadog birgt strategische Risiken.

In der modernen Softwareentwicklung ertrinken IT-Teams in einer Flut aus Warnmeldungen, Logs und Metriken. Klassische Überwachungs-Tools (Observability) sind oft teuer, komplex und sperren Kunden in geschlossene Daten-Ökosysteme ein. Genau dieses Problem adressiert Dash0 – und hat damit in Rekordzeit Investoren und namhafte Kunden überzeugt. „Systemüberwachung ist heute kaputt: Sie ist zu laut, zu teuer und zu komplex“, bringt es Dash0-CEO und Mitgründer Mirko Novakovic auf den Punkt.

Die Gründer und der rasante Aufstieg zum Einhorn

Hinter Dash0 steht ein Quintett erfahrener Tech-Veteranen. Besonders Mirko Novakovic ist in der B2B-Szene ein Schwergewicht: 2020 verkaufte er sein vorheriges Start-up Instana für rund 500 Millionen US-Dollar an IBM. Dieser „Repeat Founder“-Status erklärt das enorme Vertrauen der Geldgeber.

Die Historie von Dash0 liest sich wie ein Start-up-Märchen im Zeitraffer: Nach der Gründung 2023 im nordrhein-westfälischen Solingen folgte Ende 2024 eine 9,5-Millionen-Dollar-Seed-Runde parallel zum Produktlaunch. Ein Jahr später sammelte das Team 35 Millionen Dollar ein.

Der Ritterschlag folgte nun im März 2026: Mit einer von Balderton Capital angeführten Series-B-Runde über 110 Millionen Dollar steigt Dash0 in den Kreis der Unicorns auf. Diesen Meilenstein verknüpft das Team mit einer klaren Kampfansage: „Mit den 110 Millionen Dollar, die wir heute bekannt geben, bringen wir autonome Abläufe zu jedem Entwicklerteam der Welt – noch bevor unsere Wettbewerber überhaupt begreifen, was mit ihnen geschieht.“

Das Produkt: Ein Frontalangriff auf die Industrie-Norm

Ein Blick unter die Haube zeigt, warum die Plattform so schnell wächst. Das Start-up dekonstruiert gezielt die Schwachstellen der etablierten Milliardenkonzerne:

  • Das Ende des „Vendor Lock-ins“: Dash0 basiert vollständig auf offenen CNCF-Standards (OpenTelemetry). Als Abfragesprache wird nativ PromQL genutzt, für Dashboards kommt das quelloffene Perses zum Einsatz. Das bedeutet für Technik-Entscheider: Würde Dash0 die Preise anheben, könnten sie ihre gesamten Dashboards und Alarme einfach mitnehmen und woanders hosten.
  • Radikales Pricing: Branchenriesen rechnen oft nach Datenvolumen (Gigabyte) oder Nutzerlizenzen ab, was bei wachsenden Systemen zu explodierenden Budgets führt. Dash0 rechnet rein nach der Anzahl der gesendeten Telemetrie-Datenpunkte ab. Unternehmen können unlimitiert Metadaten anhängen und unbegrenzt viele Entwickler auf das System lassen, ohne dass verdeckte Kosten anfallen.
  • Developer Experience (DX): Dash0 positioniert sich als Tool „von Ingenieuren für Ingenieure“. Die Plattform lässt sich für maximale Geschwindigkeit komplett per Tastatur steuern, und Konfigurationen können nahtlos als Code (Configuration as Code) in bestehende Entwicklungs-Pipelines integriert werden.

Dieser Ansatz zieht prominente Kunden an: Tech-Schwergewichte wie Vercel loben die drastisch verkürzte Zeit zur Fehlerbehebung, und auch Traditionskonzerne wie Porsche Digital setzen auf die offene Architektur von Dash0, um sich zukunftssicher aufzustellen. Um das technologische Fundament schnellstmöglich zu verbreitern, akquirierte Dash0 zudem im Februar 2026 das israelische Serverless-Start-up Lumigo.

Pragmatische KI statt Buzzword-Bingo

Während der Markt aktuell von generativen KI-Versprechen überflutet wird, positioniert sich Dash0 erstaunlich pragmatisch. Das Mantra des Start-ups lautet: „AI is an implementation detail.“ (KI ist ein Implementierungsdetail).

Der hauseigene Copilot „Agent0“ soll zwar autonome Analysen durchführen und Teams in Echtzeit entlasten, aber das primäre Ziel ist es, repetitive Aufgaben verlässlich und vor allem ohne Halluzinationen zu lösen. Die beste KI-Funktion, so das Credo der Gründer, sei diejenige, die der/die Nutzer*in liebt, ohne überhaupt zu merken, dass es sich um KI handelt.

David gegen Goliath in New York

Trotz des beeindruckenden Momentums steht Dash0 in der Skalierungsphase vor massiven Hürden:

  • Der Goliath-Wettbewerb: Dash0 tritt gegen etablierte US-Giganten wie Datadog, Dynatrace oder Grafana an. Um diesen Kampf zu führen, hat das Start-up seinen Hauptsitz mittlerweile von Deutschland nach New York verlegt. Dieser Schritt erfordert eine extrem hohe Cash-Burn-Rate im Enterprise-Vertrieb.
  • Der fehlende „Burggraben“: Was für Kund*innen hochattraktiv ist (offene Standards wie Perses und PromQL), beraubt Dash0 eines klassischen defensiven Lock-ins. Da ein Wechsel zu einem anderen Anbieter theoretisch leichter ist als bei geschlossenen Systemen, ist Dash0 dazu verdammt, permanent durch überlegene Usability und fehlerfreie KI zu überzeugen.

Fazit

Für die deutsche Start-up-Szene ist Dash0 ein exzellentes Paradebeispiel für modernes B2B-Hypergrowth. Die Story zeigt, wie man in scheinbar gesättigten Märkten durch konsequente Nutzerzentrierung, offene Standards und transparente Preise in unter drei Jahren zum Einhorn aufsteigen kann. Es ist der Beweis, dass deutsche DeepTech-Gründer*innen auf globaler Ebene nicht nur mitspielen, sondern die Spielregeln aktiv neu schreiben können.

eternal.ag: 8 Mio. Euro für den Traum vom autonomen Gewächshaus

Das 2025 von Renji John und Sherry Kunjachan gegründete Kölner Start-up plant autonome Gewächshäuser und sammelt dafür erfolgreich 8 Mio. Euro ein. Wie realistisch ist diese Vision im hart umkämpften Agrar-Robotik-Markt?

Das Kölner Agrartechnologie-Start-up eternal.ag hat eine Finanzierungsrunde in Höhe von 8 Millionen Euro abgeschlossen. Das erklärte Ziel der Gründer Renji John und Sherry Kunjachan, die das Unternehmen im Jahr 2025 in Deutschland ins Leben riefen: die vollständige Automatisierung von Gewächshäusern voranzutreiben. Unterstützt wird das aktuell 26-köpfige Team, das neben dem Kölner Hauptsitz auch eine Niederlassung im indischen Bengaluru unterhält, von namhaften Geldgebern. An der Runde beteiligten sich die deutschen Investoren Simon Capital und Oyster Bay Venture Capital sowie EquityPitcher Ventures und Backbone Ventures aus der Schweiz. Die Vision ist ambitioniert: Bis 2040 strebt eternal.ag einen komplett durch Robotik gesteuerten Gewächshausbetrieb an, der gänzlich ohne manuelle Eingriffe auskommt.

Ein Milliardenmarkt unter enormem Druck

Die Automatisierung der Landwirtschaft ist eine strategische Notwendigkeit. Der Gewächshausanbau gewinnt an Bedeutung, da er im Vergleich zum klassischen Freilandanbau widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels, saisonalen Wetterbedingungen, Landknappheit und Schädlingen ist. Doch die Branche leidet massiv unter einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot. Laut Unternehmensangaben hat sich die Verfügbarkeit von Personal in diesem Sektor in Europa seit 2010 um drastische 30 Prozent verringert – ein Abwärtstrend, der sich Prognosen zufolge weiter fortsetzen wird. Diese enorme Unsicherheit bei der Arbeitskräftebeschaffung will eternal.ag lösen. Die Roboter sollen die repetitive, körperlich anstrengende Erntearbeit übernehmen und so einen kontinuierlichen, zuverlässigen Betrieb gewährleisten.

Gründer-Insight: Zweiter Anlauf in der Hardware-Falle

Die eternal.ag wurde 2025 gegründet. Co-Founder Renji John ist im Bereich der Gewächshaus-Robotik ein echter Branchenkenner. Der Maschinenbauingenieur mit INSEAD-MBA und Consulting-Vergangenheit leitete zuvor bereits das niederländische Start-up Honest AgTech, das eine fast identische Vision verfolgte. Dass er nun mit der EHT Eternal Horticulture Technologies GmbH und frischen 8 Millionen Euro einen neuen Anlauf wagt, verleiht der aktuellen Strategie eine enorme Tiefe. John hat die harte Schule der Hardware-Entwicklung bereits durchlaufen. Co-Gründer Sherry Kunjachan tritt öffentlich hingegen kaum in Erscheinung. Es ist stark anzunehmen, dass er im Hintergrund die technischen Fäden in der indischen Niederlassung zieht, während John das Start-up als CEO repräsentiert.

Virtuelles Training für die reale Tomatenernte

Das erste kommerzielle Produkt der Kölner trägt den Namen "Harvester" und ist ein vollständig autonomer Ernteroboter, der speziell für Tomatengewächshäuser entwickelt wurde. Die modular konzipierte Maschine kann bis zu 22 Stunden am Tag im Einsatz sein. Ein intelligentes, KI-gestütztes System überwacht dabei kontinuierlich die Qualität der geernteten Tomaten sowie die Präzision des Schnitts. Um im extrem kapitalintensiven Hardware-Markt kostbare Zeit zu sparen, setzt das Start-up auf einen effizienten Entwicklungsansatz: Die Roboter werden zunächst mithilfe von Simulationen in virtuellen Gewächshäusern trainiert und validiert. Fehler können so korrigiert werden, bevor die Hardware im echten Einsatz ist, was die Iterationszyklen laut CEO Renji John von Monaten auf wenige Tage verkürzt. Sobald die Roboter im echten Gewächshaus agieren, speisen sie fortlaufend Daten in das System zurück. Es lernt kontinuierlich dazu und ist so optimal auf die Skalierung auf viele verschiedene Betriebe ausgerichtet. Die neuen Finanzmittel sollen nun genutzt werden, um die Technologie für die Ernte weiterer Anbaukulturen auszubauen.

Der Wettbewerb und die Monetarisierungsfalle

Trotz des Millionen-Fundings betritt eternal.ag kein unberührtes Feld. International etablierte Wettbewerber wie MetoMotion aus Israel, Four Growers aus den USA oder der niederländische Gewächshaus-Gigant Certhon besetzen bereits das lukrative Segment der automatisierten Ernte. Diese Unternehmen haben durch jahrelangen Echtwelt-Einsatz oft schon einen massiven Vorsprung beim Sammeln sensibler Greif-Daten für empfindliche Früchte.

Der entscheidende Erfolgsfaktor für eternal.ag wird daher die richtige Preisstrategie sein. Klassische Hardware-Verkäufe ("CAPEX"), bei denen Landwirte vorab hohe Investitionssummen für die Maschinen aufbringen müssen, stellen für die traditionell margenschwache Agrarbranche oft eine unüberwindbare Hürde dar. Um das eigene Versprechen von für den Landwirt/der Landwirtin "zuverlässig planbaren Betriebsabläufen" einzulösen, wird sich das Start-up voraussichtlich auf kund*innenfreundlichere, aber stark kapitalbindende Modelle stützen müssen. Dazu zählen "Robotics-as-a-Service" (RaaS), bei dem Landwirt*innen die Roboter analog zu Software-Abos inklusive Wartung flexibel mieten, oder leistungsbasierte "Pay-per-Pick"-Ansätze, bei denen nur pro geerntetem Kilogramm bezahlt wird. Nur mit risikoarmen Einstiegsmodellen wird sich das Kölner Start-up gegen die globale Konkurrenz behaupten können.

iDEL Therapeutics: 9 Mio. Euro für den Kampf um das Zellinnere

Das Dortmunder Start-up iDEL Therapeutics sichert sich neun Millionen Euro Seed-Kapital. Wie das Gründerteam mit seiner Krebstherapie-Plattform überzeugen konnte.

Das 2025 von Dr. Marcus Kostka, Dr. Andreas Briel und Dr. Jürgen Moll gegründete BioTech-Start-up iDEL Therapeutics hat in einer aktuellen Seed-Finanzierungsrunde insgesamt neun Millionen Euro eingesammelt. Die Runde wird vom Lead-Investor BioMedVC angeführt; zudem beteiligten sich der Gründerfonds Ruhr, der KHAN Technology Transfer Fund-II sowie die NRW.BANK. Allein die Förderbank für Nordrhein-Westfalen investierte über ihren Venture-Capital-Fonds NRW.Venture 3,5 Millionen Euro in das am Biomedizin Zentrum Dortmund ansässige Unternehmen. Dass VCs so viel Geld in ein junges Start-up stecken, dessen Erfolgschancen laut NRW.BANK selbst bei neuartigen Marktideen oftmals nur schwer abzuschätzen sind, liegt vor allem an einem Faktor: dem Team.

Hinter iDEL stehen erfahrene Akteure. Das Unternehmen wurde von einem Team aus „Serial Entrepreneurs“ und Industrieexperten ins Leben gerufen. Co-Founder und CEO Dr. Marcus Kostka, der zuvor die Geschicke der Abalos Therapeutics lenkte, und Mitgründer Andreas Briel (u. a. nanoPet Pharma, XIRALITE) setzen von Beginn an auf eine strikt kapitaleffiziente Strategie. Die neun Millionen Euro sind so berechnet, dass sie dem Team einen soliden Runway geben. In dieser Zeit sollen die Voraussetzungen für eine klinische Bewertung der neuen Technologie geschaffen werden.

Der technologische Schlüssel: "Direct Cytosolic Transfer"

Der medizinische Ansatz von iDEL Therapeutics ist ein sogenanntes Drug Delivery System. Solche Wirkstofftransportsysteme sollen Medikamente präzise zu ihrem Zielort im Körper manövrieren. Die größte Hürde moderner Krebsmedikamente ist es nämlich, in das Innere einer Tumorzelle zu gelangen, ohne zuvor im Zellapparat (den Endosomen) gefangen und abgebaut zu werden.

Genau hier setzt das Start-up mit seiner proprietären Shuttle-Technologie an: Die Lösung zielt spezifisch auf Krebszellen ab und befördert die Wirkstoffe direkt ins Zellinnere. Gesunde Zellen werden dabei geschont. Dieser Ansatz soll bestehende und bisher unzugängliche intrazelluläre Ziele angreifbar machen, was die Nebenwirkungen der Behandlung reduziert und zugleich die Wirksamkeit der Krebstherapie erhöhen soll.

Zwischen enormem Potenzial und hohem Risiko

Das Geschäftsmodell von iDEL ist ein klassisches "Platform-Play". Anstatt sich auf ein einziges Medikament zu versteifen, baut das Unternehmen eine Pan-Krebs-Plattform auf, die auf eine Vielzahl von Tumoren angewendet werden kann. Das Ziel für die nächsten Jahre ist es, den präklinischen "Proof-of-Concept" zu erbringen. Gelingt dies, öffnet sich der Weg für lukrative Lizenzabkommen (Out-Licensing) mit großen Pharmaunternehmen, die solche Türöffner-Mechanismen für ihre eigenen Wirkstoffe benötigen.

Gleichzeitig agiert iDEL in einem extrem kompetitiven "High Risk, High Reward"-Umfeld. Der globale Onkologie-Markt ist zwar gigantisch, doch im Bereich des "Targeted Drug Delivery" herrscht ein massiver Verdrängungswettbewerb mit etablierten Technologien wie Antibody-Drug Conjugates (ADCs) oder Lipid-Nanopartikeln (LNPs). iDEL muss beweisen, dass die eigene Plattform diesen Vehikeln in puncto Sicherheit und Wirksamkeit überlegen ist. Sollten sich toxische Effekte zeigen oder die In-vivo-Daten die Laborergebnisse nicht stützen, droht das frühzeitige Aus.

Blaupause für Deep-Tech-Gründer

Für die Start-up-Szene liefert iDEL Therapeutics dennoch ein exzellentes Lehrstück dafür, wie Deep-Tech-Finanzierung funktioniert:

  • Execution-Sicherheit durch Erfahrung: Investoren honorieren Branchenerfahrung – gerade bei technologieorientierten Unternehmen, die oftmals keine klassischen Bankkredite erhalten.
  • Plattform schlägt Einzelprodukt: Eine vielseitig einsetzbare und lizenzierbare Technologie streut das Risiko der Geldgeber massiv.
  • Klare Meilensteinfokussierung: Das Team nahm zielgerichtet genau das Budget auf, das für den nächsten entscheidenden Validierungsschritt in Richtung klinischer Bewertung benötigt wird.

Gründer*in der Woche: VARM – Unf*ck the planet

Wie die VARM-Gründer Christian Grüner und Sebastian Würz das Handwerk skalieren und die Wärmewende beschleunigen wollen.

Am Anfang stand kein Hype, sondern eine einfache Wahrheit: Die günstigste Kilowattstunde ist die, die gar nicht erst verloren geht. Christian Grüner, Mathematiker, ehemaliger Managementberater und Gründer, folgte dieser schlichten Logik, als er sich nach dem Verkauf seines ersten Start-ups den Themen Klimaschutz und klimawirksame Gebäudesanierung widmete und erkannte: Nicht die nächste glänzende Hardware verspricht den größten Hebel für mehr Energie­- und Kosteneffizienz in Gebäuden, sondern eine solide Hülle. „Ich wollte etwas Physisches mit echtem Impact bauen. Dämmung ist dafür der unterschätzte Schlüssel“, sagt Christian rückblickend.

So entstand die Idee zu VARM, das er 2023 zusammen mit Sebastian Würz gründete, der über Know-how im Aufbau wachstumsstarker Start-ups und Expertise in Finanzen, Personal und Vertrieb verfügte, – als zentrale Anlaufstelle für effek­tive Hausdämmung. „Wir verbinden Handwerkskompetenz mit digitalen Prozessen – von der Beratung bis hin zur Ausführung“, so Christian. Das Ziel: Full-Service-Dämmung für Ein- und Mehrfamilienhäuser – transparent, plan- und skalierbar.

Brücke zwischen zwei Welten

Die größte Challenge dabei? Zwei Kulturen zusammenbringen: moderne Start-up-Mechanismen und traditionelles Handwerk. „Auf dem Papier ist Standardisierung leicht. Auf der Baustelle bedeutet sie: klare Abläufe, gute Ausbildung, saubere Kommunikation – jeden Tag“, sagt Christian.

Deshalb baut VARM eigene Teams auf, setzt auf eigene Handwerker*innen statt auf Subunternehmertum und professionalisiert das Gewerk mit durchgängig digitalen Prozessen: Von der Bedarfsanalyse über Angebot und Materiallogistik bis hin zur Nachbetreuung läuft alles in einer klaren Taktung. Qualität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Prozessen und den Menschen, die diese Struktur tragen, so das Credo der Gründer.

Die Business-in-a-Box fürs Handwerk

Mit der inhouse entwickelten Business-in-a-Box hilft man den eigens ausgebildeten Handwerker*innen, ihre eigenen Betriebe per Franchise zu eröffnen und als selbständige „Dämm-Entrepreneur*innen“ zu operieren. „Wir reduzieren Einstiegshürden, stellen Tools, Aufträge, Schulung sowie Qualitätsmanagement und ermöglichen Selbständigkeit, wo sie bisher nur sehr schwer zugänglich war“, sagt Christian.

Der digitale Backbone schafft zugleich Skalierbarkeit: KI-gestützte Planung, zentrale Materiallogistik und intelligente Einsatzsteuerung sollen es perspektivisch ermöglichen, dass eine Person bis zu 50 Handwerkteams parallel koordiniert; ein Effi­zienzsprung um den Faktor 25 gegenüber dem klassischen Handwerk.

VARM ist somit der klassische Anwendungsfall von Physical­ AI: Hier trifft die „echte“ Welt auf KI-basierte Effi­zienz­steigerung. Für eine fragmentierte Branche bedeutet das Disruption mit Augenmaß: lokal, qualitätsgesichert und paneuropäisch denkbar.

Auf Wachstumskurs

Schon kurz nach dem Start konnte das Start-up eine siebenstellige Pre-Seed-Runde schließen – angeführt von Foundamental und noa, flankiert von Business Angels wie den Gründern von Thermondo und Ecoworks. 2024 folgte die Seed-­Runde über 5,7 Millionen Euro, an der unter anderen Emerge, Pale Blue Dot und die Bestands­investor*innen beteiligt sind.

Zudem expandierte VARM rasch nach Hamburg, Nordrhein-­Westfalen und in die Rhein-Main-Region – weitere Standorte sind in Planung. Strategische Partnerschaften mit Energie­beratungen, Hausverwaltungen, Versorger*innen, Wärmepumpen-Playern und den großen deutschen Baumarktketten sollen letztendlich das Thema Dämmung mit der restlichen Energiewelt verzahnen. „Unser Anspruch ist Exzellenz im Handwerk. Das macht unsere Kunden zu Fans“, so Christian. „Mit über 300 Fünf-Sterne-Google-­Bewertungen können wir stolz auf unseren Service sein.“

Impact, der sich rechnen lässt

Jedes gedämmte Haus spart im Schnitt rund 1,6 Tonnen CO pro Jahr – über 20 Jahre kumuliert das signifikant. Bei hunderten Projekten pro Jahr summiert sich ein sichtbarer Klima­effekt und macht Wärmepumpen und Co. erst richtig effizient. „Die Gebäudehülle ist die erste Energiequelle. Sie bestimmt, wie gut alles andere arbeitet“, so Christian. Oder kürzer: „Ohne Dämmung verpufft der Fortschritt.“

No Bullshit, viel Verantwortung

Im Unternehmen selbst setzen die Gründer auf Customer Obsession, Trust in Data und „No-Bullshit-Strategie“, kombiniert mit einem Satz, der hängenbleibt: „Unf*ck the planet.“ Das soll die Haltung ausdrücken, die auf Baustellen benötigt wird: Initiative, Verlässlichkeit, Respekt. Und ja, Diversität ist gewollt: VARM öffnet Karrierepfade ohne Meisterpflicht und Buy-in, macht unternehmerische Selbständigkeit im Handwerk niedrigschwellig, besonders in solchen Regionen, die neue Chancen gut gebrauchen können.

Der Blick nach vorn

Die Mission von VARM ist und bleibt ambitioniert: Eine Million Häuser in zehn Jahren dämmen, aus lokalem Handwerk eine europäische Infrastruktur bauen. Das Franchise-System hilft bei der Skalierung und die Plattform verbindet Kund*innen, Planung und Teams. „Wir bauen den europäischen Champion für Dämmung: dezentral organisiert, zentral gesteuert“, sagt Christian selbstbewusst.

Christians Tipps für Gründer*innen

  • Baue ein solides System – nicht nur das schnelle Produkt: Die große Idee zählt wenig, wenn Ausbildung, Prozesse und Qualität nicht stehen. Wer Wirkung will, muss Strukturen bauen, die auch im Alltag halten – auf der Baustelle und bei den Kund*innen, nicht nur im Office.
  • Standardisierung ja, aber mit Menschen im Mittelpunkt: Effizienz entsteht nie durch Software allein. Sie entsteht, wenn Teams verstehen, warum ein Ablauf Sinn ergibt, und ihn mittragen. Technologie ist das Werkzeug, aber das tägliche Handeln der Teams entscheidet.
  • Setze auf den „echten“ Hebel: Dämmung hat kein Glanz-Image, aber einen enormen Effekt. Manchmal liegt der größte Impact dort, wo keiner hinschaut – und genau das macht den Unterschied.
  • Skalierung heißt Wiederholung mit Anspruch: Wachstum ist keine Abkürzung, sondern Konsequenz. Es bedeutet, dieselben Dinge jeden Tag verlässlich gut zu machen – und jeden Tag ein Stück besser.

Wahrheit als Geschäftsmodell: Neuramancer sichert sich 1,7 Mio. Euro für Deepfake-Detektor

In einer Zeit, in der Deepfakes als handfeste wirtschaftliche Bedrohung gelten, positioniert sich ein deutsches Start-up als digitaler Detektiv. Doch kann ein junges Team aus Oberbayern im globalen Wettrüsten zwischen KI-Fälscher*innen und Detektoren wirklich bestehen?

Angeführt wird die 1,7 Millionen-Euro-Runde von Vanagon Ventures, während sich mit Bayern Kapital über den Innovationsfonds EFRE II auch ein gewichtiger institutioneller Partner beteiligt. Das Konsortium wird durch das Family Office Lightfield Equity, den neu gegründeten ZOHO.VC sowie mehrere strategisch erfahrene Business Angels vervollständigt.

Wenn Forschung auf Versicherung trifft

Hinter Neuramancer steht ein Führungstrio, das akademische Tiefe mit Branchenexpertise vereint. Den technologischen Grundstein legte Anatol Maier, der als technischer Architekt und CTO das wissenschaftliche Rückgrat bildet. Seine an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) im Bereich IT-Sicherheit entwickelte Methodik bildet heute das proprietäre Herzstück der Plattform.

Flankiert wird er von Anika Gruner, die als CEO die strategischen Fäden in der Hand hält. Durch ihre Stationen beim Bayerischen Rundfunk und bei Burda kennt sie die Mechanismen der Medienwelt und die Gefahren durch Desinformation aus erster Hand.

Um die technologische Lösung nun in marktfähige Bahnen zu lenken, komplettiert Martin Sondenheimer als Chief Commercial Officer das Team. Mit seiner Erfahrung als Venture-Experte bei Branchenriesen wie der Munich Re und der Allianz soll er die entscheidende Brücke zur Versicherungswirtschaft schlagen – dem Sektor, den Neuramancer als seinen ersten Fokusmarkt definiert hat.

Dem digitalen Rauschen auf der Spur

Während viele Wettbewerber auf eine rein visuelle Analyse setzen, geht Neuramancer eine Ebene tiefer. Die Plattform konzentriert sich auf die Analyse von Hintergrundrauschen und statistischen Artefakten in Bild- und Videodateien. Jede generative KI hinterlässt beim Erstellungsprozess einer Datei eine Art mathematischen Fingerabdruck. Neuramancer nutzt eigene, probabilistische Algorithmen, um diese Spuren zu isolieren. Ein wesentlicher Vorteil dieses Ansatzes ist die angestrebte Transparenz: Das System liefert mathematisch nachvollziehbare Beweise statt vager Wahrscheinlichkeiten. Dies ist insbesondere für die Akzeptanz vor Gericht oder in komplexen Versicherungsfällen ein entscheidendes Kriterium.

Zwischen Nischen-Spezialisten und Big Tech

Neuramancer tritt in einen Markt ein, der gerade erst erwachsen wird, aber bereits von verschiedenen Seiten besetzt ist. Die Wettbewerbslandschaft teilt sich dabei in drei Lager auf. Zum einen agieren internationale Schwergewichte wie Reality Defender (USA) oder DuckDuckGoose (Niederlande), die über deutlich höhere Finanzmittel verfügen.

Auf nationaler Ebene trifft Neuramancer auf spezialisierte Konkurrent*innen wie das Start-up VAARHAFT, das sich ebenfalls auf die automatisierte Prüfung von Schadensbildern fokussiert hat. Schließich arbeiten auch Tech-Giganten wie Intel oder Adobe innerhalb der Content Authenticity Initiative an eigenen Standards. Während Adobe verstärkt auf digitale Wasserzeichen setzt, um Originale zu kennzeichnen, muss Neuramancer beweisen, dass die nachträgliche Detektion von Fälschungen der effizientere Weg für Unternehmen ist.

Das Risiko der technischen Kurzlebigkeit

Trotz der exzellenten Forschungsgrundlage steht das Start-up vor Hürden. Eine der größten technischen Herausforderungen ist das Kompressions-Dilemma: Wenn Deepfakes über Dienste wie WhatsApp verschickt werden, geht oft genau das feingliedrige Rauschen verloren, auf das Maiers Algorithmen angewiesen sind. Das Team muss beweisen, dass die Technologie auch unter realen Bedingungen mit stark komprimierten Dateien robust bleibt. Zudem wirkt das Funding von 1,7 Millionen Euro im Vergleich zu den zweistelligen Millionenbeträgen der US-Konkurrenz fast bescheiden, was einen extrem effizienten Mitteleinsatz erfordert. Nicht zuletzt bleibt das Geschäft ein permanentes Wettrüsten: Sobald Detektionsmechanismen bekannt sind, könnten künftige KI-Modelle darauf trainiert werden, genau diese statistischen Spuren von vornherein zu vermeiden.

Fazit und Einordnung

Neuramancer ist ein Paradebeispiel für ein DeepTech-Spin-off, das den Sprung aus der Universität über renommierte Förderprogramme wie das Media Lab Bayern oder die Bundesagentur SPRIND in die kommerzielle Welt geschafft hat. Der Erfolg wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell das Start-up die Versicherungswirtschaft als zahlende Kund*innen skalieren kann, bevor die nächste Generation von KI-Generatoren die aktuellen Algorithmen technologisch überholt. Ein riskanter, aber technologisch hochspannender Case für den Standort Deutschland.

Dezentrales Edge-Computing: Peeriot sichert sich Mio.-finanzierung für neuen IoT-Standard

Das Leipziger DeepTech-Start-up Peeriot sichert sich einen siebenstelligen Betrag, um den Marktstart seiner Open-Source-Lösung „Myrmic“ zu finanzieren. Doch die Etablierung eines neuen Infrastruktur-Standards ist ein ambitioniertes und riskantes Unterfangen.

Angeführt wird die Late-Seed-Finanzierungsrunde von den Altinvestor*innen Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) und der beteiligungsmanagement thüringen gmbh (bm|t), die Peeriot bereits 2024 mit 1,5 Millionen Euro unterstützt hatten. Neu eingestiegen ist das Business-Angel-Netzwerk Companisto. Das Kapital soll direkt in die Go-to-Market-Strategie für 2026 fließen: Im Fokus steht der Launch der Community-Version „Myrmic“. Die Monetarisierung soll im Anschluss über die kommerzielle Enterprise-Variante „EdgeVance“ erfolgen.

Das Team: Konzern-Know-how trifft Deep-Tech

Das 2022 gegründete Unternehmen wird von einem dreiköpfigen Gründerteam geführt, das fundierte Branchenerfahrung bündelt. CEO Ralf Hüskes verfügt über TelCo-Start-up-Erfahrung, während CFO Roy Kaiser Operations-Expertise aus einem Deep-Tech-Start-up sowie Konzern-Know-how einbringt. Komplettiert wird das Trio durch Mitgründer und Senior Developer Erik Junghanns, der die technische Umsetzung der komplexen Software-Architektur verantwortet. Diese Kombination verhalf dem Team bereits zu frühen Erfolgen bei regionalen Innovationspreisen und Pitch-Wettbewerben.

Das Problem: Fragmentierung als Kostentreiber

Der Markt für Industrial IoT und Edge-Computing wächst rasant, krankt aber an seiner extremen Fragmentierung. Die Vernetzung unterschiedlichster Hardware – vom simplen, ressourcenarmen Mikrocontroller (MCU) in einem Sensor bis zum leistungsstarken Edge-Server – erfordert derzeit massiven manuellen Integrationsaufwand. Die Resultate sind oft unflexible Systeme (Hardware-Lock-ins), die bei Skalierungen, Netzwerkausfällen oder Konnektivitätsänderungen versagen. Verschärft wird die Lage durch den EU Cyber Resilience Act, der künftig Update-Fähigkeit und höhere Sicherheit für Geräteflotten vorschreibt.

Der USP: Schwarmintelligenz statt zentralem Broker

Genau hier positioniert Peeriot sein Alleinstellungsmerkmal: Die Middleware abstrahiert die Hardware vollständig und ermöglicht eine echte, dezentrale Peer-to-Peer-Kommunikation.

  • Ohne zentralen Server: Im Gegensatz zu klassischen Client-Server-Modellen oder zentralen Brokern organisieren sich die Geräte bei Peeriot selbständig zu widerstandsfähigen Netzwerken (Mesh) – ähnlich einem Insektenschwarm. Fällt ein Knotenpunkt aus, leitet das Netzwerk die Datenströme autark um (Self-Healing).
  • Speichersicherheit durch Rust: Die gesamte Laufzeitumgebung ist in der Programmiersprache Rust geschrieben. Das garantiert eine extrem hohe Speicher- und Threadsicherheit und schützt vor klassischen Cyberangriffen, die auf Speicherlecks abzielen.
  • Skalierbarkeit: Die Software läuft hardwareunabhängig auf kleinsten Mikrocontrollern ebenso wie auf großen Serverarchitekturen.

Die Herausforderung: Die Open-Source-Falle im B2B

Das Geschäftsmodell von Peeriot folgt der klassischen Open-Source-Strategie: Die Kerntechnologie (Myrmic) wird kostenlos an Entwickler abgegeben, um eine schnelle Marktdurchdringung zu erzielen. Umsätze sollen später über ein B2B-Subskriptionsmodell generiert werden, bei dem Enterprise-Kunden für die Version EdgeVance pro eingesetztem Gerät zahlen.

Der kritische Punkt dieses Modells ist die Conversion-Rate. Entwickler*innen nutzen Open-Source-Tools gern, doch der Schritt zum zahlenden Unternehmen erfordert lange Vertriebszyklen. Zudem birgt das „Pay-per-Device“-Modell bei industriellen IoT-Schwärmen mit zehntausenden Sensoren die Gefahr exponentiell steigender Kosten für den Endkund*innen. Peeriot muss beweisen, dass die Einsparungen bei der Wartung die laufenden Lizenzkosten übersteigen.

Der Wettbewerb

Peeriot agiert in einem hochkompetitiven Umfeld. Die größten Hürden sind die Bequemlichkeit der Industrie und die Dominanz der Tech-Giganten.

  • Die Cloud-Konzerne: AWS (mit IoT Greengrass) und Microsoft (mit Azure IoT Edge) binden Kunden mit eigenen Edge-Lösungen tief in ihre Cloud-Ökosysteme ein.
  • Direkte Middleware-Konkurrenz: Peeriot konkurriert mit etablierten IoT-Plattformen und Middleware-Anbietern wie dem deutschen Unternehmen HiveMQ (fokussiert auf MQTT-Broker), Real-Time Innovations (RTI) aus den USA oder europäischen Playern wie Cybus und Zerynth.
  • Open-Source-Protokolle: Auch dezentrale Open-Source-Protokolle wie Eclipse Zenoh adressieren ähnliche Probleme im Edge-Routing.

Peeriots stärkstes Argument gegen diese Übermacht ist die radikale Cloud-Unabhängigkeit (Data Sovereignty) gepaart mit dem dezentralen Peer-to-Peer-Ansatz, der ohne fehleranfällige zentrale Broker auskommt.

Fazit: Infrastruktur statt App-Spielerei

Peeriot ist ein prägnantes Beispiel für europäisches DeepTech-Unternehmertum. Das Team wagt sich an ein fundamentales Infrastrukturproblem der Industrie 4.0. Die aktuelle Finanzierung verschafft den notwendigen Runway für den Produkt-Launch 2026. Gelingt der Aufbau der Entwickler-Community, könnte das Start-up eine neue Kategorie der Edge-Software etablieren. Findet die Open-Source-Lösung jedoch keine breite Akzeptanz, droht die technologisch anspruchsvolle Plattform in der Nische zu bleiben.

Smart Scaling: 3 konkrete Learnings für B2B- und Tech-Gründer*innen

Aus dem strategischen Ansatz von Peeriot lassen sich drei handfeste Manöver ableiten, die Start-ups bei der Skalierung im B2B-Umfeld helfen können:

1. Open-Source als trojanisches Pferd

Ein Kernprodukt an Entwickler*innen zu verschenken, ist ein bewährter Growth-Hack für maximale Marktdurchdringung. Aber eine aktive Community ersetzt keinen B2B-Vertriebsprozess. Peeriot muss beweisen, dass der Schritt von der kostenlosen Variante zum Enterprise-Modell funktioniert.
Learning: Definiert von Tag eins an glasklar, welchen monetären oder operativen Schmerz eure Enterprise-Version löst. In der Industrie zahlen Kunden selten für die reine Technologie, sondern für Service Level Agreements (SLAs) und einfache Wartung.

2. Die blinden Flecken der Tech-Giganten besetzen

Wer als Start-up versucht, gegen Tech-Giganten wie AWS oder Microsoft mit einem breiteren Funktionsumfang anzutreten, verliert. Peeriot wählt einen anderen Weg und fokussiert sich auf radikale Cloud-Unabhängigkeit und europäische Datensouveränität.
Learning: Findet den Schmerzpunkt eurer Zielgruppe, den die großen „Goliaths“ aufgrund ihres eigenen Geschäftsmodells (z.B. der Bindung an die eigene Cloud) strategisch nicht lösen können oder wollen.

3. Regulatorik als Vertriebsturbo nutzen

Lange B2B-Sales-Zyklen sind der Tod vieler Start-ups. Wer sein Produkt jedoch geschickt an neue gesetzliche Vorgaben (wie bei Peeriot den EU Cyber Resilience Act) ankoppelt, schafft sofortige Dringlichkeit bei der Kundschaft.
Learning: Verknüpft eure Lösung nach Möglichkeit direkt mit aktueller Regulatorik. Hilft euer Produkt dem/der Kund*in, gesetzliche Strafen zu vermeiden oder Compliance-Kosten zu senken, wandert es auf der Prioritätenliste des Einkaufs automatisch ganz nach oben.

European Dynamism-Report zeigt Europas Tech-Paradoxon

Laut den Autoren des aktuellen „European Dynamism“-Reports bringt Europa mittlerweile gefühlt im Wochentakt neue Unicorns hervor. Doch bei der globalen Skalierung wandert die Wertschöpfung zu oft ab. Die Studie zeigt, in welchen sechs Deeptech-Nischen europäische Start-ups die unangefochtenen Kategorie-Führer von morgen bauen können. StartingUp hat die Ergebnisse analysiert und zeigt, was das für eure Go-to-Market-Strategie bedeutet.

Das europäische Start-up-Ökosystem ist laut dem Report „European Dynamism“ im Auftrag von redalpine deutlich reifer geworden. Die Studienautoren konstatieren, dass neue Unicorns zuletzt gefühlt im Wochentakt entstehen. Zudem schlagen europäische VC-Fonds ihre US-Konkurrenten über lange Zeithorizonte, und das Funding zog 2025 wieder spürbar an. Doch der Report benennt ein neues europäisches Tech-Paradoxon: Der zentrale Engpass liegt heute weniger bei Talent, Forschung oder Finanzierung. Es geht vielmehr um die Frage, wo die Wertschöpfung beim globalen Scaling in der Region gehalten werden kann.

Die Kernthese der Studie: Europas Wettbewerbsvorteil liegt exakt dort, wo Software, Wissenschaft und Industrie eng zusammenkommen. Genau hier entstehen neue Cluster, in denen Deutschland eine sichtbar größere Rolle spielt. Berlin etabliert sich dabei laut Report als Standort für Enterprise AI, während München sich als Deeptech-Knoten über die Bereiche Fusion, Space, Health und Robotics hinweg wiederholt.

Die 6 Felder, in denen Europa global gewinnen kann

Die Deep Dives der Studie decken sechs Sektoren ab , in denen Europa nicht nur gründen, sondern den Wert auch langfristig halten und anführen kann:

  • Intelligent Enterprise: Im Bereich Intelligent Enterprise verschiebt sich der Wettbewerb von Foundation Models zu Workflows. Entscheidend ist, ob ein Modell ganze Unternehmensprozesse orchestrieren, verifizieren und tief in Kundenabläufe integrieren kann. Europas Chance liegt laut Report vor allem in Vertical AI und im Orchestrierungs-Layer. Sichtbare Player am Standort Berlin sind hier Start-ups wie n8n und Parloa, während sich das Funding für europäische Enterprise-AI-Startups 2024/25 mehr als verdoppelt hat.
  • Digital Health: Digital Health verlässt die Wellness-Ecke und wird zur klinischen Infrastruktur. Der Report beschreibt einen Shift hin zu "medical-grade devices" und spezialisierter AI für konkrete Versorgungsprobleme. Diese reichen von Wearables (wie Oura und Hilo/Aktiia) bis zu Anwendungen (wie Voize und Avelios), die direkt in klinische Abläufe eingreifen. Europas Vorteil liegt hierbei in Validierung, Regulierung und klinischer Alltagstauglichkeit.
  • New Energy: Im Energiekapitel setzt der Report vor allem auf die Kernfusion als europäische Souveränitätswette. Das globale Investment in Fusion stieg 2025 laut Report um knapp 500 % auf 3,8 Mrd. Dollar. Europas Trumpf ist dabei laut den Autoren nicht die größte Kapitalmaschine , sondern die ITER/CERN-Erfahrung, die Engineering-Tiefe und komplexe Präzisionsfertigung , exemplarisch gezeigt am deutschen Start-up Proxima Fusion.
  • Space: Die Raumfahrt wird im Report bewusst entromantisiert. Der kurzfristige Business Case liegt nicht im Weltraumtourismus, sondern in Erdbeobachtung, Navigation, Konnektivität, Defence und orbitaler Infrastruktur. Das Thema ist damit weniger Sci-Fi als vielmehr Industrie-, Sicherheits- und Infrastrukturpolitik. Getrieben von der Debatte um technologische Souveränität wächst der Druck zum Aufbau eigener Satelliten- und Launch-Infrastrukturen. Europa baut hierfür sichtbare Cluster von Toulouse über München bis Glasgow auf.
  • Unlocking Biology: Die Biologie wird laut Report von einer Beobachtungswissenschaft zu einer datengetriebenen Engineering-Disziplin. Große biologische Foundation Models, proprietäre Datensätze und automatisierte Lab-in-the-loop-Setups beschleunigen Design, Test und Iteration. Europas Chance liegt hier laut Report besonders in der Middleware- und Tooling-Schicht zwischen AI-Fähigkeit und therapeutischem Ergebnis.
  • Robotics: Robotik ist im Report kein Nischenthema mehr, sondern ein Feld, in dem Europas industrielle DNA zum echten Vorteil werden könnte. Der Markt ist groß und noch längst nicht verteilt, da laut Report noch rund 70 % der Lagerhäuser nicht automatisiert sind. Das Funding für europäische Robotik-Startups lag 2025 bei über 1,6 Mrd. Euro. Europas stärkste Position liegt dabei eher im „Brain Layer“ als im reinen Hardware-Rennen: in Physical AI, Real-World-Daten und Software, die Robotern den Umgang mit wechselnden Umgebungen beibringt.

StartingUp ordnet ein: 5 strategische Hebel für euer Pitch-Deck

Was bedeuten diese Fakten nun konkret für Gründerinnen und Gründer, die gerade an ihrem Produkt bauen oder Kapital suchen? Wir haben aus den Daten des Reports fünf harte strategische Leitplanken für eure Go-to-Market-Strategie abgeleitet:

  1. Baut den europäischen Burggraben: Pitcht Investoren keinen reinen Software-as-a-Service-Klon aus den USA. Wenn ihr global skalieren wollt, müsst ihr die Stärken des Standorts nutzen. Investoren suchen derzeit gezielt nach Teams, die exzellente Software mit tiefem, hiesigem Industrie- oder Wissenschafts-Know-how verknüpfen.
  2. Orchestrierung statt Basis-Technologie: Der Versuch, bei Foundation Models mit US-Giganten zu konkurrieren, verbrennt meist nur Ressourcen. Positioniert euer Start-up stattdessen intelligent im Orchestrierungs-Layer. Zeigt, dass ihr das Detailgeschäft beherrscht: das fehlerfreie Integrieren und Verifizieren von KI in tief verwurzelte, bestehende Unternehmens-Workflows.
  3. Nutzt Regulierung als euren stärksten USP: Viele Gründer fürchten europäische Regularien. Dreht den Spieß um! Wenn euer "medical-grade" Produkt die strengen europäischen Hürden für klinische Alltagstauglichkeit meistert, habt ihr den ultimativen Qualitätsnachweis für den globalen Markt.
  4. Baut die Schaufeln für den Goldrausch: Ob in Biotech oder Robotik – versucht nicht, den finalen Roboter oder Wirkstoff komplett allein zu bauen. Entwickelt stattdessen die renditestarken Zwischenschichten wie Middleware, Tooling oder den "Brain Layer", also jene Software, die KIs überhaupt erst befähigt, in komplexen Umgebungen zu agieren.
  5. B2B-Infrastruktur schlägt Sci-Fi-Visionen: VCs finanzieren aktuell keine Luftschlösser. Baut euren Business Case in Bereichen wie Space oder Energy auf knallharter Infrastruktur-, Sicherheits- und Industriepolitik auf. Wer Schlagworte wie "technologische Souveränität" glaubhaft mit einem starken B2B-Produkt untermauern kann, punktet beim Fundraising.

Fazit: Vom Gründen zum Überzeugungstäter

Wie die Studie passend zuspitzt: Europa fehlt nicht der nächste Gründerjahrgang. Europa kann gründen – jetzt muss Europa lernen, mit Überzeugung zu skalieren. Wer heute ein Start-up in den Bereichen Deeptech, AI oder Robotics gründet, muss vom ersten Tag an groß denken. Nur wer die Wertschöpfung und das Ownership konsequent in der eigenen Region hält, macht aus einem starken europäischen Start-up auch einen globalen Kategorie-Führer.