Gründer der Woche: GAMERS ACADEMY – der digitale FIFA-Coach

Gründer der Woche 06/21


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GAMERS ACADEMY entwickelt einen KI-basierten Coach fürs Gaming, der allen Hobby- und professionellen Gamern dabei helfen soll, ihre Skills zu verbessern. Wie, verrät uns Gründer Philipp Walter im Interview.

Wann und wie bist du auf die Idee zur GAMERS ACADEMY gekommen?

Vor etwas über einem Jahr ging es los. Die Idee ist aus meiner Rolle bei Under Armour („Wie macht man Sportler besser?“) und aus meiner Passion fürs Thema Gaming heraus entstanden.

Was waren dann die wichtigsten Schritte von der Gründung bis zum Go live deiner Plattform?

Ganz zentral war unser super Team, um die Idee zu konkretisieren. Danach haben wir Smoke Tests gemacht und verschiedene Hypothesen getestet. Darüber hinaus waren die vielen Nachrichten und Kommentare aus der Community auf Social Media ein wichtiger Aspekt.

Wie hast du die Entwicklungs- und Startphase finanziert?

Neben meinen eigenen Mitteln haben uns drei Business Angels unterstützt, aber nicht nur mit Kapital, sondern auch mit regelmäßigem Sparring.

Was ist das Besondere an deinem digitalen Gaming Coach und was bietest du Usern damit?

Die Nachfrage nach Personal Coachings im Gaming ist belegt und auch der Bedarf an Lernvideos ist hoch. Also ist die Kernfrage, wie kann das kombiniert und skaliert werden. Und genau auf diesem Pfad sind wir unterwegs.

Wie unterscheidest du dich von den Wettbewerbern?

Unsere Inhalte sind sehr gut für den Nutzer sortiert, sodass er schnell und werbefrei findet, was er lernen möchte. Zudem kann er direkt danach im SKILLGAME trainieren. Unser Fokus liegt aktuell rein auf FIFA.

Du sammelst über Seedmatch – im Rahmen eines Fundings – frisches Kapital ein. Warum sollte ich mein Geld in deine Idee bzw. dein Business investieren?

Wie man inzwischen oft lesen kann, ist der Gaming-Markt sehr groß und wächst rasant mit rund 12 Prozent weiter. Jeden Tag kommen ca. 410.000 neue Gamer neu dazu. Und alle Gamer haben das gleiche Problem – sie hassen es zu verlieren. Und genau da setzen wir als GAMERS ACADEMY an.

Was hast du mit dem frischen Geld aus dem Funding geplant?

Ein Großteil wird zur Fertigstellung der KI verwendet, zudem zur Teamerweiterung und für Marketing genutzt.

Und was sind deine weiteren unternehmerischen Pläne?

Wir denken Schritt für Schritt, sind aber von der klaren Mission getrieben „jeden Gamer schnell besser machen“. Und da gibt’s noch viele spannende Felder.

Last but not least: Was rätst du anderen Gründerinnen und Gründern aus eigener Erfahrung?

Achtung, oft gehört und keine new News – trotzdem wahr: Machen und hart arbeiten. Uns fällt nichts in den Schoß, aber das ganze Team haut täglich gut rein.

Hier geht’s zur GAMERS ACADEMY


Das Interview führte Hans Luthardt

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Gründer*in der Woche: Vjus.AI – Vom SEO zum GEO

Wie das 2026 von Wolfe Diener gegründete Start-up Vjus.AI den Kampf um die KI-Sichtbarkeit gewinnen will.

Die Ära der klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO) bekommt ernstzunehmende Konkurrenz. Wenn Nutzer*innen heute nach Produkten oder Dienstleistungen suchen, tippen sie ihre Fragen zunehmend in Dialogfenster von Sprachmodellen statt in traditionelle Suchschlitze. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das neu gestartete Münchner Start-up Vjus.AI. Doch kann eine Software wirklich die „Black Box“ der generativen KI entschlüsseln – und wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell?

Hinter der am 1. April 2026 offiziell gelaunchten Plattform steht die AtWize Business Services GmbH mit Sitz in München. Kopf des Unternehmens ist Gründer Wolfe W. Diener, der zuvor bereits in leitenden Positionen als Geschäftsführer und im Vorstand großer Softwarehäuser aktiv war. Mit dem Start von Vjus.AI vollzieht das Unternehmen nun eine strategische Erweiterung in den stark wachsenden Bereich der Answer Engine Optimization (AEO) und Generative Engine Optimization (GEO).

Vom Humankapital zur KI-Sichtbarkeit

Die Historie des Unternehmens ist dabei von einem interessanten Strategiewechsel geprägt. Ursprünglich startete AtWize 2023 mit einem Fokus auf KI-Lösungen gegen den Fachkräftemangel. Diener erklärt die Hintergründe: „Parallel hatte ich schon eine Weile an der Idee arbeitete, Unternehmen zu ermöglichen, ihre in den Ruhestand ausscheidenden Mitarbeiter strukturierter zu managen, um sie bei Bedarf für Projekte oder übergangsweise anzusprechen. Es liegt so viel Humankapital und Erfahrung brach.“ In der aktuellen wirtschaftlichen Phase sei dies jedoch kein Top-Thema gewesen, weshalb man sich zunächst auf die Software-Entwicklung für Dritte konzentriert habe.

Der eigentliche „Aha-Moment“ kam durch die tägliche Arbeit. „Im letzten Jahr haben wir dann immer mehr auch KI-Tools zur Entwicklung eingesetzt und dabei den Bedarf, sogar die Notwendigkeit erkannt, die Sichtbarkeit in KI-Modellen zu messen und zu verbessern“, so Diener. Die Dringlichkeit begründet er mit dem veränderten Nutzer*innenverhalten: „KI-Modelle geben begründete Empfehlungen zur gestellten Frage. Da sucht man nicht weiter, sondern nimmt das Ergebnis wie es ist. Wer da nicht enthalten ist, ist unsichtbar.“

Nutzer*innensimulation: Die reale Perspektive

Vjus.AI setzt auf die Simulation realer Suchanfragen. Während klassische SEO-Tools oft auf APIs zugreifen, misst diese Plattform, wie Marken in Antworten von ChatGPT, Gemini, Grok oder Perplexity tatsächlich erscheinen. Auf die Frage nach der technischen Umsetzung und der Nicht-Deterministik der KI-Modelle antwortet Diener detailliert: „Wenn Sie Ihre Sichtbarkeit bei KI-Suchen wissen wollen, dann sollte diese ja so gemessen werden, wie sie ein normaler Nutzer, der einem KI-Modell eine Frage stellt, einen Prompt eingibt, auch sieht.“ Man müsse also zunächst Prompts definieren, bei denen man gefunden werden wolle – etwa als Münchner Zahnarzt bei der Frage nach dem besten Zahnarzt vor Ort.

„Wir analysieren die Ergebnisse, die von den KI-Modelle auf die Prompts hin geliefert werden“, erklärt Diener weiter. Dabei werden Kennzahlen wie Sichtbarkeit, Ranking und Sentiments (neutrale, positive oder negative Notation) erhoben. Den Vorwurf einer verzerrenden technischen Schicht weist er zurück: „Wir sind insofern keine Zwischenschicht, sondern werten die Daten aus, die viele User auch sehen würden. Die Nicht-Deterministik führt dabei zwar zu kleinen Schwankungen, aber es entsteht insgesamt ja ein Bild über die Zeit.“

Marktchancen und der „Unfair Advantage“

Das Interesse am Markt scheint groß zu sein; bereits vor dem offiziellen Launch konnten erste Kund*innen gewonnen werden. Finanziell steht das Start-up auf eigenen Beinen: „Wir finanzieren uns komplett aus eigenen Mitteln. Und da wir schon Kunden im Entwicklungsbereich haben, konnten wir Vjus.AI früh anwenden und testen“, betont der Gründer. Mit Investor*innen habe man noch nicht gesprochen: „Jetzt erst mal machen, dann reden wir.“

Um sich gegen die großen SEO-Platzhirsche zu behaupten, setzt Diener auf vier spezifische technische Vorteile. Erstens setze man auf eine natürliche Simulation: „Unsere Art des Promptens simuliert wirklich natürliche User. Andere machen das nicht.“ Zweitens komme eine eigene Scraping-Technologie zum Einsatz. Diese erlaube eine besonders detaillierte Analyse der Ergebnisse, auch der „Nebengeräusche“ wie etwa Quellenangaben. Als dritten Punkt nennt der Gründer das analytische Prompting: Vjus.AI unterstützt nicht nur beim Erstellen von Prompts, sondern analysiert auch, wie passend diese für die Sichtbarkeitsmessung sind. Viertens biete das Improver-Modul ein Analyse-Tool, das über die Daten hinweg ermittelt, „was die Haupthebel für das Unternehmen oder die Marke ist, um die Sichtbarkeit bei KI-Suchen zu erhöhen“.

GEO als neues Standard-Tool?

Für die Zukunft sieht Diener eine klare Entwicklung. Zwar werde es in zwei Jahren wahrscheinlich immer noch die klassische Google-Suche geben, doch der Übergang sei bereits fließend, da Google zunehmend KI-Ergebnisse mitliefere. „Die Suche mit KI-Modellen wird aber die gewohnte Praxis werden“, ist sich Diener sicher.

Seine Prognose für die Branche ist deutlich: „Insofern wird SEO eher übergehen in ein GEO. Ein SEO ohne Beachtung der Optimierungen für KI-Modelle macht aus meiner Sicht aber heute schon keinen Sinn mehr.“ Das Ziel für Vjus.AI ist dabei klar gesteckt. Die größte Hürde sei es, für die Nutzer*innen den besten Mehrwert zu generieren: „Darauf liegt unser Fokus und deshalb rennen wir, so schnell wir können.“

Omegga sichert 10 Mio. EUR gegen das Kükentöten

Das 2020 gegründete Münchner Start-up Omegga sichert sich Seed-Kapital für seine optische KI-Spektroskopie. Unsere Marktanalyse.

Omegga wurde 2020 von Katharina Hesseler, Till Nöllgen und Paul Günther gegründet. Zum erweiterten Gründer:innenkreis gehören zudem Moritz Eder, Kyle Hiroyasu und Clara Kaufhold. Das Team bündelt Expertise in den Bereichen KI, Optik und industrielle Systeme. In den vergangenen Jahren entwickelte das Team seine Technologie kontinuierlich vom Prototypen zum Industriestandard weiter und konnte sich bereits 2023 eine Pre-Seed-Finanzierung sowie 2024 Fördermittel des European Innovation Council (EIC) sichern.

CEO und Mitgründerin Katharina Hesseler sieht in dem Einstieg der neuen Partner, die „tiefes technologisches Verständnis mitbringen“, ein „starkes Signal für das enorme Potenzial unseres Ansatzes, einen neuen Standard in der Industrie zu setzen“. Das frische Kapital soll in den gezielten Ausbau des Teams und die kommerzielle Skalierung der Technologie fließen.

Das Problem und die technologische Lösung

Der erste und bereits kommerziell verfügbare Use Case von Omegga widmet sich einem der massivsten ethischen Probleme der modernen Landwirtschaft. Jährlich werden weltweit Milliarden männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet, da sie weder Eier legen noch für die Masthaltung wirtschaftlich nutzbar sind.

Mit der sogenannten spektralen Intelligenz – der Kombination aus KI und Spektroskopie – will Omegga das Unsichtbare sichtbar machen. Im Gegensatz zu vielen Marktbegleitern wählt Omegga einen rein optischen, nicht-invasiven Weg. Durch spezielle Kameras und Lichtfrequenzen werden die Eier im Brutkasten gescannt. Laut eigenen Angaben bietet das Start-up damit die früheste am Markt kommerziell verfügbare Technologie, um das Geschlecht noch vor dem Schlüpfen zu bestimmen. Das System ist bereits bei Kund*innen im laufenden industriellen Produktionsbetrieb im Einsatz.

Markt, Wettbewerb & regulatorischer Druck

Der Markt für das „In-Ovo-Sexing“ wächst rasant, primär getrieben durch den Gesetzgeber. In Deutschland ist das Kükentöten seit 2022 gesetzlich verboten, Frankreich zog nach, und ein EU-weites Verbot wird debattiert. Der Zwang zur Adaption in den Brütereien ist entsprechend hoch.

Omegga tritt in ein Feld ein, das bereits von finanzstarken Konkurrenten besetzt ist:

SELEGGT: Gilt als früher Pionier auf dem Markt. Das Unternehmen nutzt hormonelle Tests am 9. Bruttag, wofür das Ei mittels eines Lasers winzig klein geöffnet werden muss (minimal-invasiv).

In Ovo: Das niederländische Unternehmen setzt auf Flüssigkeitsanalysen mittels Massenspektrometrie am 9. Bruttag und sicherte sich erst kürzlich ein 42-Millionen-Euro-Darlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Agri Advanced Technologies (AAT): Die Tochter der EW Group dominiert weite Teile des Marktes mit hyperspektraler Bildgebung, die primär für braune Eier zwischen dem 11. und 13. Tag genutzt wird.

Der entscheidende Vorteil von Omegga: Die Methode kommt völlig ohne Verbrauchsmaterialien wie Chemikalien oder feine Nadeln aus. Da die Eier bei der rein optischen Methode unversehrt bleiben, entfällt das systembedingte Kontaminationsrisiko, das bei invasiven Verfahren entstehen kann.

Unsere Einordnung

Trotz der vielversprechenden Technologie steht Omegga vor Herausforderungen:

Hardware-Skalierung in rauen Umgebungen: Die Systeme müssen in den feuchten, warmen und staubigen Inkubatoren industrieller Brütereien über Jahre hinweg wartungsarm laufen. Hier muss das Start-up beweisen, dass sich die Technologie reibungslos in den globalen Massenbetrieb integrieren lässt.

Der regulatorische „Faktor Zeit“: Rein optische Modelle benötigen oft bis zum 12. Tag für eine verlässliche Auswertung. Sollte die Politik die „Tag 6“-Frist künftig strikt durchsetzen, müssen die KI-Modelle von Omegga beweisen, dass sie derart früh hochpräzise Ergebnisse liefern.

Die Plattform-Vision – Fluch oder Segen?

Omegga positioniert seine Lösung ausdrücklich als Plattformtechnologie für die Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und industrielle Qualitätskontrolle. Wie stark dieses Narrativ bei den Geldgebern verfängt, zeigen die Statements zur aktuellen Runde: Laut Christian Knott (Capnamic) entsteht hier eine Technologie „mit dem Potenzial, gleich mehrere Industrien grundlegend zu verändern“. Auch Mason Sinclair (IQ Capital) lobt die Schaffung einer „Plattform für die nicht-invasive und branchenübergreifende Materialanalyse“.

Dass solche Visionen bei Investor*innen beliebt sind, da sie den adressierbaren Markt massiv vergrößern, ist nachvollziehbar. Für ein 17-köpfiges Start-up birgt die gleichzeitige Erschließung neuer Industriezweige jedoch die Gefahr einer operativen Verzettelung. Der Fokus muss zunächst darauf liegen, den Geflügelmarkt zu durchdringen.

Fazit

Gelingt es Omegga, die rein optische Methode in der Breite zu skalieren und die Genauigkeit auf die allerersten Bruttage zu trainieren, hat das Münchner Start-up einen signifikanten Hebel gegen invasiv arbeitende Wettbewerber. Die 10-Millionen-Euro-Runde ist ein klarer Vertrauensbeweis der Investor*innen in einem schwierigen Funding-Umfeld.

M&A im CleanTech-Sektor: SpotmyEnergy übernimmt Zählerhelden

Das 2023 von Jochen Schwill gegründete Kölner Start-up SpotmyEnergy übernimmt den kompletten Messstellenbetrieb des Mitbewerbers Zählerhelden und sichert sich damit rund 3.000 Smart Meter. Der Schritt markiert nicht nur anorganisches Wachstum, sondern verdeutlicht die beginnende Konsolidierung im deutschen Smart-Meter-Markt. Ein genauerer Blick auf die Macher, das Geschäftsmodell und einen Markt, der notorisch hinterherhinkt.

Hinter SpotmyEnergy steht mit Jochen Schwill ein prominenter Kopf der deutschen Energie-Start-up-szene. Schwill, bekannt als Gründer des virtuellen Kraftwerks Next Kraftwerke, rief das CleanTech-Startup im Jahr 2023 in Köln ins Leben. SpotmyEnergy agiert als unabhängiger, wettbewerblicher Messstellenbetreiber. Das Ziel des Unternehmens ist es, den in Deutschland stockenden Ausbau von intelligenten Messsystemen entscheidend zu beschleunigen.

Das Zuhause als virtuelles Kraftwerk

Das reine Aufhängen von Stromzählern ist in einem stark regulierten Markt kaum profitabel. SpotmyEnergy umgeht diese Falle durch einen ganzheitlichen Plattform-Ansatz:

  • Hardware & Software: Das Startup liefert Lösungen zur Messung, Vernetzung, Optimierung und Steuerung von Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Heimspeichern und Wallboxen.
  • Drei-Säulen-Modell: Das Unternehmen fungiert als Messstellenbetreiber zur Bereitstellung von Smart Metern, als Energiemanager zur Kostenoptimierung der vernetzten Geräte und als Lieferant mit einem dynamischen Tarif, der Zugang zu aktuellen Börsenstrompreisen bietet.
  • B2B2C-Vertrieb: Für den Rollout der Lösungen setzt SpotmyEnergy auf ein Partnernetzwerk, das seit der Firmengründung auf über 300 Elektroinstallationsbetriebe angewachsen ist.

Kritische Hinterfragung

Der Erfolg dieses Modells hängt maßgeblich von der fehlerfreien technischen Integration ab. SpotmyEnergy leistet aktuell Pionierarbeit bei der Einbindung von Steuerboxen, die in Deutschland bislang noch wenig verbreitet sind. Eine Übertragung derartiger Boxen in der aktuellen Größenordnung von 3.000 Stück hat es auf dem deutschen Markt bislang nicht gegeben. Die kritische Frage lautet: Funktionieren die technischen Schnittstellen dauerhaft und herstellerübergreifend reibungslos? Laut Geschäftsführer Schwill wurde mit der Etablierung der technischen Prozesse nun der Grundstein dafür gelegt, dass ein solcher Steuerboxwechsel in der Praxis überhaupt umsetzbar ist.

Markt & Wettbewerb

Deutschland ist beim Thema Smart Meter das Sorgenkind Europas; die Marktdurchdringung ist extrem gering. Dennoch drängen derzeit starke Wettbewerber*innen in die Nische, um sich die digitale Schnittstelle zum Kunden / zur Kundin für die Energiewende zu sichern:

  • metrify: Die Enpal-Ausgründung ist mit über 65.000 installierten Systemen der Platzhirsch unter den wettbewerblichen Messstellenbetreibern.
  • Inexogy & LichtBlick: Diese Anbieter kooperieren stark mit großen dynamischen Stromanbietern oder agieren als etablierte Ökostrom-Versorger mit eigenen Messstellen-Lösungen.
  • Energy Metering Germany (Octopus Energy): Setzen auf gebündelte Angebote, oft gekoppelt an ihre eigenen intelligenten Tarife.

Unsere Einordnung

Die Übernahme des Zählerhelden-Portfolios ist ein strategischer Befreiungsschlag. Für die Kunden von Zählerhelden läuft der Betrieb laut Unternehmensangaben ohne Unterbrechung weiter, sie müssen keine eigenen Schritte einleiten. Die bisherigen Zählerhelden-Gesellschafter, ABM-Mess Service und BSH, konzentrieren sich künftig wieder stärker auf ihre jeweiligen Kerngeschäfte.

Ein hardwarebasiertes, stark reguliertes Geschäftsmodell erfordert extrem tiefe Taschen. SpotmyEnergy wird hierbei vom Investitions- und Strukturierungspartner Horizon Energy Deutschland flankiert, der das Start-up seit Ende des vergangenen Jahres bei der Skalierung unterstützt. Horizon stellt Kapital in Höhe von über 50 Millionen Euro für Smart-Meter-Assets zur Verfügung. Ein Teil dieser zugesicherten Mittel fließt nun direkt in die Übernahme der rund 3.000 Smart Meter von Zählerhelden. Genaue Angaben zum Kaufpreis oder den weiteren finanziellen Übernahmemodalitäten der Transaktion machen die beteiligten Unternehmen jedoch nicht. Wie Emil Bruusgaard, Geschäftsführer von Horizon Energy Deutschland, dennoch treffend analysiert, verdeutlicht die Transaktion anschaulich, wie sich fragmentierte Strukturen im Markt gezielt konsolidieren lassen, um die Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen.

Fazit

Jochen Schwill versucht mit SpotmyEnergy im Endkund*innenbereich das, was ihm im Industriebereich bereits gelang: die digitale Bündelung dezentraler Energieflüsse. Der Zukauf von Zählerhelden beweist eindrucksvoll, dass anorganisches Wachstum in dieser Branche ein essenzieller Hebel ist. Der wettbewerbliche Messstellenbetrieb bietet für ambitionierte Start-ups weiterhin enormes Entwicklungspotenzial.

Schluss mit Kaskodenken: Was der neue Innovationsrat Gründer*innen bringt

Pünktlich zur Hannover Messe formiert sich ein neues Schwergewicht in der deutschen Technologiepolitik: Acht Expertinnen und Experten haben den ehrenamtlichen „Innovationsrat für Deutschland“ ins Leben gerufen. Getragen von der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ und der Gesellschaft für Informatik (GI) bündelt das Gremium die Stimmen von über 160.000 Ingenieur*innen und Informatiker*innen.

Die Diagnose des Rats fällt drastisch aus: Deutschland verliere im globalen Wettbewerb an Verbindlichkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit. Für die Gründer*ionnenszene birgt das Manifest vielversprechende Forderungen – es stellt sich jedoch auch die Frage, ob ein weiteres Gremium die strukturelle Risikoaversion des Standorts durchbrechen kann.

Das Kernproblem: Erfunden in Deutschland, skaliert im Ausland?

Das zentrale Narrativ des Innovationsrats trifft einen wunden Punkt der heimischen Start-up-Ökonomie: Es dürfe nicht länger passieren, dass Schlüsseltechnologien zwar in deutschen Forschungslaboren erfunden, aber aufgrund fehlenden Kapitals oder restriktiver Regulierung im Ausland skaliert werden. Der Rat fordert in seinen „5 Impulsen“ eine fundamentale Neuausrichtung:

  • Schluss mit dem Legislaturperioden-Takt: Innovationspolitik muss langfristig und faktenbasiert gedacht werden, nicht in kurzatmigen Wahlzyklen.
  • Regulierung als Enabler statt als Bremse: Die Expert*innen fordern den Abbau von europäischem „Goldplating“ (der innovationsfeindlichen Übererfüllung von EU-Normen durch nationale Gesetze) und die Schaffung echter Experimentierräume und Reallabore.
  • Mut statt „Kaskodenken“: Anstatt risikoscheu zu agieren, müssen strategische Investitionen in Schlüsseltechnologien fließen. Die Rahmenbedingungen für Scale-ups müssen massiv verbessert werden, um industrielles Skalieren im eigenen Land zu ermöglichen.

Die Köpfe hinter dem Innovationsrat für Deutschland

Die Zusammensetzung des Gremiums unterstreicht den Anspruch, Technologie, Recht und Wirtschaft zusammenzudenken:

  • Prof. Dr. Lutz Eckstein: VDI-Präsident und Experte für automatisiertes Fahren an der RWTH Aachen.
  • Prof. Dr. Veronika Grimm: Professorin an der TU Nürnberg und als „Wirtschaftsweise“ eine der prägendsten Stimmen der Energiepolitik.
  • Prof. Dietmar Harhoff, PhD: Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb sowie langjähriger EFI-Vorsitzender.
  • Prof. Dr. Jürgen Kühling: Regulierungs- und Wettbewerbsexperte sowie ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission.
  • Dr. Anne Lamp: Gründerin und Pionierin im Bereich Circular Economy.
  • Dr. Melanie Maas-Brunner: Industrielle Forschungsexpertin, ehemalige BASF-Vorständin und designierte Präsidentin des Stifterverbands.
  • Adrian Willig: Direktor des VDI mit Fokus auf Ingenieurkompetenzen und Technikstandort-Förderung.
  • Prof. Dr. Martin Wolf: Präsident der Gesellschaft für Informatik und Experte für intelligente Produktionssysteme.

Im Start-up-Fokus: Dr. Anne Lamp und der harte Weg der Skalierung

Dass der Innovationsrat nicht nur aus der wissenschaftlichen Helikopterperspektive agiert, zeigt eine entscheidende Personalie: Dr. Anne Lamp sitzt am Tisch. Die CEO und Mitgründerin des Hamburger Start-ups traceless materials steht wie kaum eine andere für die Herausforderungen der industriellen Kreislaufwirtschaft.

Im Jahr 2020 ins Leben gerufen, hat traceless ein vollständig biobasiertes Granulat aus Agrar-Reststoffen entwickelt, das als Alternative zu Plastik dient und unter natürlichen Bedingungen in nur zwei bis neun Wochen kompostierbar ist. Lamp, 2022 mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet und 2025 für den Deutschen Zukunftspreis nominiert, hat ihr Unternehmen erfolgreich aus dem Labor geholt. Mit der Realisierung einer groß angelegten Demonstrationsanlage hat das Start-up das für Hardware-Gründungen berüchtigte „Tal des Todes“ gemeistert. Mit der geplanten Industrieanlage soll die Kapazität künftig um ein Vielfaches gesteigert und das Material massentauglich gemacht werden. Lamps Vita verkörpert exakt das, was der Rat nun auf politischer Ebene einfordert: Die erfolgreiche Überführung nachhaltiger Technologien von der Erfindung in die marktfähige, industrielle Skalierung.

Unsere Einordnung: Ein weiteres Gremium oder echter Hebel?

Die entscheidende Frage für Gründer*innen und Start-ups bleibt: Bewirkt dieser Rat wirklich etwas? An technologiepolitischen Beiräten mangelt es der Bundesrepublik traditionell nicht. So sitzt mit Prof. Dietmar Harhoff bezeichnenderweise der langjährige Vorsitzende der bereits existierenden Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung ebenfalls in diesem neuen Gremium.

Dennoch hat der Innovationsrat zwei strategische Vorteile: Er ist explizit unabhängig von Parteien und Einzelinteressen der Wirtschaft und vereint mit dem VDI und der GI die geballte Umsetzungskompetenz der technischen Basis. Die Visionen sind ambitioniert – etwa die Forderung, vertrauenswürdige KI als „Trained in Germany“ zu einem neuen globalen Gütesiegel aufzubauen.

Für Deep-Tech- und Hardware-Start-ups wird der Rat jedoch nicht an der bloßen Anzahl seiner künftigen Stellungnahmen gemessen werden, sondern daran, ob seine Impulse tatsächlich in den Maschinenraum der Politik vordringen. Erst wenn das geforderte Kapital für die Wachstumsphase fließt und Genehmigungsverfahren radikal entschlackt werden, wird das „Kaskodenken“ wirklich der Vergangenheit angehören.

Openlaw sichert sich 3,3 Mio. US-Dollar für digitale Rechtsinfrastruktur

3,3 Mio. USD gegen Europas Bürokratie: Das LegalTech-Start-up Openlaw automatisiert mit beglaubigt.de den Gründungsprozess als digitale Infrastruktur.

Die europäische Plattform für digitale Rechts- und Notarinfrastruktur Openlaw hat eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 3,3 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Das 2024 gegründete Münchner LegalTech-Start-up, das im Heimatmarkt vor allem unter der Marke beglaubigt.de agiert, will mit dem frischen Kapital den bürokratischen Gründungs- und Verwaltungsprozess in Europa radikal vereinfachen. Zu den Geldgebern zählen unter anderem YouTube-Mitgründer Jawed Karim über Y Ventures, Moonfire Ventures (gegründet von Atomico-Cofounder Mattias Ljungman), Zeno Ventures, Combination VC, Orange Collective sowie diverse Business Angels und Alumni des Y Combinators.

Von der Unicorn-Skalierung zur Infrastruktur: Die Gründerhistorie

Hinter Openlaw stehen zwei Köpfe mit beachtlicher Start-up-Vita, die den Schmerz der europäischen Bürokratie aus eigenen Gründungs- und Skalierungsphasen kennen:

Alexander Sporenberg (CEO): Er gehörte zum Gründungsteam der Razor Group, einem E-Commerce-Aggregator, der in nur 15 Monaten zum Unicorn mit einer Bewertung von 1,7 Milliarden US-Dollar aufstieg. Bei hunderten M&A-Deals erlebte Sporenberg Notartermine und Registerprozesse als massives Nadelöhr für das Unternehmenswachstum.

Felix Gerlach (CPO): Nach seiner Zeit im Ökosystem von Rocket Internet gründete Gerlach die Identity-Verification-Plattform Passbase. Nachdem internationale US-Investoren einstiegen, wurde das Unternehmen 2023 an Parallel Markets verkauft. Seine Expertise im Aufbau skalierbarer Infrastrukturen fließt nun in die Produktentwicklung bei Openlaw.

Mit diesem Background schaffte es das Duo in das hochkompetitive Programm des kalifornischen Y Combinators (F24 Batch). Durch die Zeit in San Francisco verfestigte sich die Vision, die technologische Lücke zwischen dem US-Markt, wo Gründungen teils in nur 24 Stunden abgeschlossen sind, und dem europäischen Flickenteppich aus 27 Rechtssystemen und über 60 Gesellschaftsformen zu schließen.

API-First statt Papierkrieg

Das Kernversprechen von beglaubigt.de ist eine drastische Effizienzsteigerung durch die Digitalisierung des administrativen Überbaus. Während eine reguläre GmbH-Gründung in Deutschland meist sechs bis acht Wochen in Anspruch nimmt, will Openlaw diesen Prozess laut eigenen Angaben auf bis zu drei Tage drücken.

Dabei agiert das Start-up explizit nicht als Ersatz für bestehende Institutionen. Vielmehr fungiert das Modell als prozessoptimierende Schicht für Gründer*innen:

Die Plattform übernimmt die Administration, die Terminkoordination, die Dokumentenvorbereitung sowie die Registeranmeldungen. Dafür arbeitet beglaubigt.de regelmäßig mit einem Netzwerk aus rund 300 Notariaten zusammen. Die originär hoheitlichen Aufgaben – die juristische Beratung, rechtliche Belehrung und die eigentliche Beurkundung – verbleiben zwingend bei den kooperierenden Notariaten.

Ein wesentlicher USP und Skalierungshebel ist die technologische Anbindung an Drittanbieter. Openlaw betreibt eine vollautomatisierte "Incorporation API". Diese erlaubt es Partnern wie den Neobanken Qonto und Holvi oder dem Buchhaltungstool Sevdesk, den gesamten Gründungsprozess nativ in ihre eigenen Workflows zu integrieren. Ein(e) Kund*in kann so beispielsweise im Rahmen einer Kontoeröffnung bei Qonto direkt die Unternehmensgründung mit anstoßen, ohne die Plattform wechseln zu müssen. Bis heute hat das rund 20-köpfige Team nach eigenen Unternehmensangaben über 25.000 Kund*innen über die Plattform betreut.

Marktumfeld und Wettbewerb

Dass eine Beschleunigung im Ökosystem not tut, ist unumstritten. Laut dem DIHK-Report 2025 sind beinahe 60 Prozent der Gründer*innen mit dem Standort Deutschland unzufrieden; drei Viertel fordern deutlich schnellere und einfachere Regularien. Die Politik versucht zwar auf europäischer Ebene, mit Vorstößen wie der EU Inc. die Entbürokratisierung voranzutreiben. Doch was nach der eigentlichen Gründung folgt – wie Steuerregistrierung, Handelsregister, Geschäftsadresse und laufende Administration – bleibt hochkomplex und national geregelt. Zudem muss in Kernmärkten wie Deutschland, Spanien und Frankreich die Unternehmensgründung notariell beurkundet werden.

In diesem Setup muss sich das Geschäftsmodell von Openlaw bewähren und kritischen Fragen stellen:

  • Der harte Flaschenhals des Notarmonopols: So reibungslos Openlaw den Prozess per Software orchestriert, am Ende bleibt das Tempo durch die Kapazitäten der angeschlossenen Notariate und Amtsgerichte limitiert. Openlaw optimiert den Weg zum und vom Notariat sowie den administrativen Overhead, kann die Institution selbst aufgrund gesetzlicher Vorgaben aber nicht disruptieren.
  • Dicht besiedelter Wettbewerb: Der Markt für „Gründung als Service“ in Deutschland ist umkämpft. Etablierte Player wie firma.de, Rechtstech-Kanzleien (z.B. Recht24/7) oder hochspezialisierte Anbieter wie RIDE (Fokus auf vermögensverwaltende GmbHs und Holding-Strukturen) bedienen die Sehnsucht nach administrativen Abkürzungen schon länger.
  • Der strategische Vorteil durch B2B: Der entscheidende Differenzierungsfaktor von Openlaw scheint weniger das Endkund*innengeschäft zu sein, sondern der radikale API-First-Ansatz. Gelingt es, die eigene Schnittstelle als unsichtbare Standard-Infrastruktur in europäische FinTech-Lösungen und Banking-Apps einzuweben, profitiert Openlaw von massiven Lock-in-Effekten und senkt gleichzeitig die Customer Acquisition Costs (CAC), da Partner wie Qonto oder Sevdesk den Traffic liefern.

Ausblick

Mit dem frischen Kapital will Openlaw das Produktangebot seiner deutschen Marke gezielt ausbauen. Neben Standardgründungen (GmbH, UG, GbR) und steueroptimierten Holding-Strukturen sollen künftig auch weitere Registerprozesse sowie die laufende Buchführung vollständig über die Plattform abgewickelt werden. Das langfristige Ziel bleibt dabei die Expansion in weitere europäische Märkte, um Gründer*innen eine grenzübergreifende digitale Infrastruktur für den laufenden Betrieb zu bieten.

Synera sichert sich 35 Mio. Euro für die Revolution des Engineerings

Was einst als bionisches Forschungsprojekt begann, ist heute eine der vielversprechendsten europäischen DeepTech-Hoffnungen. Doch wie tragfähig ist die Vision vom „autonomen digitalen Ingenieur“ im stark regulierten Maschinenbau? Ein tieferer Blick auf Gründer, Markt und das Geschäftsmodell.

Die deutsche Industrie steht unter massivem Druck: Internationale Konkurrenz – insbesondere aus Asien –, chronischer Fachkräftemangel und die Notwendigkeit, Entwicklungszyklen drastisch zu verkürzen, zwingen zum Handeln. Generative künstliche Intelligenz (GenAI) gilt als Heilsbringer, doch in der Praxis verpuffen viele Initiativen. Nur etwa 41 Prozent der KI-Prototypen in der Fertigungsindustrie erreichen laut Branchenstudien den produktiven Einsatz. Die Konstruktions- und Entwicklungsabteilungen gelten als stark in Silos organisiert und bis heute schwer automatisierbar.

„Engineering ist das Rückgrat jedes Industrieunternehmens, gehört jedoch nach wie vor zu den am wenigsten digitalisierten und automatisierten Funktionen und war bis vor Kurzem für KI weitgehend unzugänglich“, bringt es Dr. Moritz Maier, Co-CEO von Synera, auf den Punkt.

Genau in diese Lücke stößt sein Unternehmen. Mit einer Series-B-Finanzierungsrunde über 35 Millionen Euro will das Bremer Startup nun international skalieren. Angeführt wird die Runde vom europäischen Wachstumsfonds Revaia, mit starker Beteiligung des UVC Partners Wachstumsfonds sowie Capgemini (über ISAI Cap Ventures). Auch die Bestandsinvestoren Spark Capital, BMW iVentures und Cherry Ventures ziehen wieder mit. Das Signal an den Markt ist deutlich: Engineering Automation wird zum nächsten großen Software-Schlachtfeld.

Von Kieselalgen zur KI-Plattform

Hinter Synera stehen die Gründer Moritz Maier, Daniel Siegel (beide Co-CEO) und Sebastian Möller (Managing Director). Die Ursprungsidee entstand am renommierten Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Die Gründer forschten dort im Bereich der Bionik und untersuchten die Leichtbaustrukturen von Kieselalgen, um deren evolutionäre Prinzipien auf technische Bauteile zu übertragen.

Aus „Evolutionary Light Structure Engineering“ wurde 2018 die Ausgründung ELISE. Zunächst lag der Fokus auf algorithmusbasiertem Design. Mit der Zeit erkannten die Gründer jedoch ein viel grundlegenderes Problem: Es fehlte nicht an Software für das eigentliche Design, sondern an einer Brücke, die die unzähligen Insellösungen (CAD, Simulation, Materialprüfung) im Engineering-Alltag verbindet. Dies führte zur Neuausrichtung und schließlich zur Umbenennung in Synera – einer Low-Code- und KI-Plattform für Connected Engineering.

Das Geschäftsmodell im Check

Synera betreibt ein klassisches B2B-Plattform-Modell. Anstatt etablierte Platzhirsche im Computer-Aided Design (CAD) zu verdrängen, positioniert sich Synera als übergeordnete Orchestrierungsschicht. Die Software klinkt sich in über 80 bestehende Tools ein.

  • Der Werttreiber: Nutzer*innen können komplexe Workflows (z. B. CAD-Modellierung → Simulation → Kostenkalkulation → Designanpassung) als Templates speichern. Das frische Kapital soll laut Moritz Maier nun eine Entwicklung beschleunigen, „bei der KI-Agenten als echte digitale Engineers agieren und komplexe Workflows entlang der gesamten Wertschöpfungskette autonom ausführen.“
  • Der Lock-in-Effekt: Wenn ein Industriekonzern seine Kernprozesse auf Synera automatisiert hat, ist die Plattform kaum noch auszutauschen. Die Wechselkosten für den Kunden sind enorm.
  • Die Herausforderungen: Das Modell ist technisch hochkomplex. Die ständige Pflege von über 80 API-Schnittstellen zu Drittanbietern bindet gewaltige Entwickler*innen-Ressourcen. Zudem erfordert der Vertrieb in klassische Hardware-Unternehmen lange Sales-Zyklen.

Zwischen RPA und Spezial-CAD

Wettbewerbsumfeld

Marktansatz

Syneras Differenzierung

Generatives Design (z. B. nTop, Altair)

Fokus auf die Erstellung hochkomplexer, gewichtsoptimierter Bauteile.

Synera generiert nicht nur das Design, sondern automatisiert den Prozess quer durch verschiedene externe Tools.

Klassische RPA (z. B. UiPath, Zapier)

Hervorragend für kaufmännische Prozesse (HR, CRM, Rechnungen).

Standard-RPA scheitert an den komplexen 3D-Geometrie- und Physikdaten des Engineerings.

PLM-Systeme (z. B. Siemens, Dassault)

Verwalten den gesamten Produktlebenszyklus und die Daten.

Synera setzt sich auf diese oft schwerfälligen Systeme, um die agilen Arbeitsschritte flexibler zu machen.

Kritische Einordnung: Vertraut der/die Ingenieur*in der KI?

Synera verweist auf eine Umsatzverdopplung im vergangenen Jahr und über 60 namhafte Kunden, darunter BMW, Airbus, NASA und Miele. Mit dem frischen Kapital steht die Expansion nach Asien, Europa und in die USA an. Dass dieser Wachstumskurs von den Investoren aktiv gestützt wird, betont Benjamin Erhart, General Partner bei UVC Partners: „Wir konnten erleben, wie Synera als zuverlässiger Partner die Transformation des Engineerings gestaltet.“

Doch der Weg zur breiten Durchdringung birgt auch Stolpersteine:

  1. Das Vertrauensproblem: „Agentic AI“ bedeutet, dass die Software eigenständig Entscheidungen trifft. In sicherheitskritischen Branchen (Luftfahrt, Automotive) herrschen jedoch strikte Compliance-Regeln. Bevor ein KI-Agent autonome Designänderungen an tragenden Bauteilen vornimmt, müssen massive Haftungsfragen geklärt sein.
  2. Die Pilot-Falle: Viele GenAI-Projekte scheitern auf dem Weg in die Produktion. Die Gefahr für Synera besteht darin, in Innovationsabteilungen stecken zu bleiben, während das operative Kerngeschäft aus Kostengründen an bewährten Methoden festhält.
  3. Die API-Abhängigkeit: Wer als Brückenbauer*in zwischen Dutzenden Software-Silos agiert, macht sich von den Anbietern abhängig. Sperrt ein großer CAD-Anbieter seine API, trifft dies Syneras Modell im Kern.

Fazit

Synera ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie aus akademischer Grundlagenforschung ein hoch skalierbares DeepTech-Produkt werden kann. Der strategische Pivot vom reinen Design-Tool zur prozessübergreifenden Plattform zahlt sich durch die starke Series B nun aus. Gelingt es den Bremern, den eher konservativen globalen Maschinenbau davon zu überzeugen, dass KI-Agenten die menschlichen Ingenieur*innen nicht ersetzen, sondern befähigen, könnte Synera der entscheidende globale Standard im Connected Engineering werden.

meinhaus.digital sammelt eine Mio. Euro für die Sanierungswende ein

Ein „KI-Architekt“, der Renovierungen von Bestandsimmobilien deutlich günstiger und schneller machen soll: Das PropTech meinhaus.digital hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von einer Million Euro abgeschlossen.

Das von Leonie Dowling, Carolin Krebber und Ina Schröder gegründete PropTech-Start-up meinhaus.digital GmbH mit Sitz in Schwäbisch Gmünd und München hat frisches Kapital in Höhe von einer Million Euro eingesammelt. Angesichts eines Marktes für energetische Gebäudesanierung in Deutschland, in den laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung jährlich über 70 Milliarden Euro fließen, verdeutlicht diese Investition das hohe Interesse an digitalen Lösungen für die Bau- und Immobilienbranche. Getragen wird die Finanzierungsrunde von der L-Bank Baden-Württemberg sowie Business Angels aus Stuttgart und München, zu denen auch der Start-up-Investor Martin Giese gehört.

Der Blick ins Register: Neustart statt Neugründung

Hinter meinhaus.digital stehen die drei Gründerinnen Leonie Dowling, Carolin Krebber und Ina Schröder, wobei Dowling und Krebber als Co-CEOs agieren. Ein Blick ins Handelsregister zeigt: Die rechtliche Keimzelle des Start-ups wurde von Dowling bereits 2021 unter dem Namen Palasts GmbH gegründet. Das Jahr 2025 markiert hingegen den operativen Neustart unter dem heutigen Namen meinhaus.digital sowie die Formierung des aktuellen Gründerinnen-Trios. Ungeachtet dieser Vorgeschichte ist das personelle Wachstum beachtlich. Seit 2025 wuchs das Team von drei auf zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Bis Ende 2026 soll die Belegschaft auf rund 30 Personen aufgestockt werden, wobei der Fokus stark auf den Bereichen Technologie, Vertrieb und Marketing liegt.

KI statt Architekt: Kampfpreis und OBI-Deal

Das Start-up positioniert sich als digitaler Planer für Umbau- und Sanierungsprojekte bei Bestandsimmobilien. Die Plattform kombiniert dafür eine KI-gestützte Software mit dem Fachwissen von echten Architektinnen, Architekten sowie der Energieberatung. Das Ziel ist es, Hauskäufer*innen und Eigentümer*innen eine transparente Maßnahmen-, Kosten- und Finanzierungsplanung aus einer Hand zu liefern. Das Versprechen der Gründerinnen, Planungsleistungen bis zu 70 Prozent günstiger und bis zu zehnmal schneller als klassische Architektenleistungen anzubieten, ist dabei eine klare Kampfansage an die traditionelle Zunft.

Um dieses Modell rasant in den Markt zu drücken, nutzt meinhaus.digital strategische B2B2C-Partnerschaften. Eine Kooperation mit der Baumarktkette OBI läuft bereits und soll die digitale Maßnahmenplanung mit der Umsetzungskompetenz des Marktes verknüpfen. Weitere Pilotprojekte mit Branchengrößen wie Check24, Wüstenrot und Schwäbisch Hall stehen kurz vor dem Roll-out. Damit soll der Kund*innenstamm von aktuell über 100 auf mehr als 4.000 skalieren, um langfristig den Umsatz bis 2027 zu verzehnfachen. Der Bedarf ist da, denn die reale Sanierungsquote hinkt den Klimazielen massiv hinterher, da Planungsleistungen für viele schlichtweg zu aufwendig und zu teuer sind.

Reality-Check: Kommt die Software gegen den Altbau an?

Doch die Vision vom digitalen Architekten muss sich in der harten Realität des deutschen Altbaubestandes erst noch dauerhaft beweisen. Jede Bestandsimmobilie bringt individuelle statische, bauphysikalische und rechtliche Tücken mit sich. Ob die hybride Lösung aus Software und menschlicher Expertise die Nuancen eines verbauten Altbaus lückenlos und fehlerfrei erfassen kann, muss sich in der Praxis zeigen. Auch das Versprechen, signifikant günstiger zu sein, birgt Risiken in puncto Profitabilität. Dies erfordert radikal standardisierte Prozesse im Hintergrund, um als VC-finanziertes Start-up dauerhaft profitable Margen zu erwirtschaften.

Hinzu kommt eine massive Konkurrenz. Der PropTech-Sektor ist heiß umkämpft und gut finanziert. Schwergewichte wie das Berliner Start-up Enter oder Fuchs & Eule positionieren sich bereits extrem stark und mit massivem Werbedruck im Bereich der digitalen Energieberatung, 3D-Modellierung und Fördermittelbeantragung. Das junge Team aus München und Schwäbisch Gmünd muss nun beweisen, dass die architektonische Tiefe ihres Produkts einen echten Burggraben gegenüber der reinen Energieberatung der Wettbewerber bildet.

Fazit: Smartes Playbook, harter Stresstest

Für die Start-up-Community liefert meinhaus.digital ein brillantes Playbook in Sachen Go-to-Market-Strategie. Anstatt das frische Kapital in teures, umkämpftes Endkund*innen-Marketing zu verbrennen, setzt das Team konsequent auf den B2B2C-Kanal. Die Integration in die etablierte Customer Journey von Playern wie OBI oder großen Bausparkassen ist ein top Hebel, um die Kund*innenakquisitionskosten drastisch zu senken und sich Vertrauen bei den Endkund*innen zu leihen.

Steckrübe statt Schwein: Verrano sichert sich hohe sechsstellige Finanzierung für die „Clean Label“-Revolution

Das 2023 gegründete Frankfurter Start-up Verrano hat ein neuartiges Verfahren entwickelt, das regionales Wurzelgemüse durch Reifung und Räucherung in eine pflanzliche Alternative zu Wurstersatzprodukten verwandelt.

Hinter Verrano, das Anfang 2023 in Frankurt/Main gegründet wurde, steht ein branchenerfahrenes, dreiköpfiges Gründerteam rund um Geschäftsführer Manuel Siskowski. Die Idee reifte jedoch schon lange vor der formellen Gründung. Getreu dem internen Motto „natürlich köstlich“ experimentierten die Gründer – zu denen auch Maximilian Bubenheim mit seiner Erfahrung aus der Sternegastronomie sowie Felix Linnenschmidt gehören – mehrere Jahre mit Wurzelgemüse.

Dabei wendeten sie ein Verfahren an, das in ähnlicher Form beim Reifen von klassischem Schinken zum Einsatz kommt. Nach ersten erfolgreichen Testläufen im regionalen Bio-Handel konnten bald die ersten Kund*innen mit Mengen aus der in Biebertal bei Gießen installierten Pilotanlage beliefert werden.

Handwerkstradition trifft Gemüse

Anstatt klassische Fleischersatzprodukte nachzuahmen, setzt Verrano auf die handwerkliche Veredelung. Regionale Rohstoffe wie Steckrübe, Sellerie und Rote Beete werden einem speziellen Fermentations- und Räucherverfahren unterzogen. Das Endprodukt zeichnet sich durch einen enormen Gemüseanteil von rund 95 Prozent aus und kommt mit nur wenigen Zutaten aus, ohne künstliche Zusatzstoffe zu verwenden. Das Ergebnis soll laut Unternehmensangaben in seiner Textur und dem Geschmack an hochwertige Fleischprodukte wie Schinken erinnern. Die kulinarischen Kreationen werden bereits als dünner Aufschnitt, im Würfelmix oder am Stück in den Markt eingeführt und eignen sich flexibel als Brotbelag, zum Kochen oder für Snackplatten. Die Innovationskraft dieses Ansatzes wurde kürzlich von PETA mit dem „VEGAN AWARD 2026“ in der Kategorie „beste vegane Innovation“ ausgezeichnet.

Eine neue Kategorie jenseits der Imitation

Der Markt für pflanzliche Alternativen konsolidiert sich aktuell, während die Lebensmittelbranche verstärkt nach innovativen pflanzlichen Produkten sucht, die neue Geschmackserlebnisse erzeugen. Hier positioniert sich Verrano in der stark wachsenden Nische der „Clean Label“-Produkte. Direkte Wettbewerber*innen mit einem identischen Ansatz sind rar, da die meisten großen Player*innen weiterhin auf Extrusionsverfahren von Proteinisolaten setzen. Verrano erschafft vielmehr eine neue Kategorie: Eine pflanzliche Feinkost, die das Naturprodukt Gemüse transformiert. Dass diese Nische massentauglich ist, bewies das Start-up jüngst im Veganuary durch aufmerksamkeitsstarke Listungen deutschlandweit in den Bordbistros der Deutschen Bahn.

Die Herausforderungen am Markt

Trotz der vielversprechenden Traction und der Skalierbarkeit, die bereits mit der Pilotanlage bewiesen wurde, steht das Start-up vor großen operativen Herausforderungen, um den Start im breiten Handel zu ermöglichen. Ein Reifeprozess, der Wochen in Anspruch nimmt, bindet extrem viel Working Capital, da enorme Mengen vorproduziert und gelagert werden müssen. Zudem verhält sich Gemüse im Reifeprozess mikrobiologisch grundlegend anders als Fleisch. Die Qualitätssicherung erfordert hochpräzise Produktionsumgebungen, um die Haltbarkeit bei größeren Mengen zu garantieren. Letztlich bedarf es auch starker Aufklärungsarbeit und forcierter Vertriebsaktivitäten am Konsument*innen, um Wurzelgemüse dauerhaft als Premium-Feinkostprodukt zu etablieren.

Reale Skalierung statt VC-Hype

Genau bei diesen Herausforderungen zeigt sich die strategische Passung der aktuellen Finanzierungsrunde. Dass Verrano die bestehenden Produktionskapazitäten massiv ausweiten muss, um die ansteigende Nachfrage zu bedienen, ist der klassische Flaschenhals von Food-Start-ups. Der überwiegende Teil der eingeworbenen Mittel fließt in genau diesen Zweck. Dass die Finanzierungsrunde dabei, wie StartingUp aus Branchenkreisen erfuhr, im hohen sechsstelligen Bereich liegt, beweist die Kapitaleffizienz des Unternehmens. Anstatt reines Risikokapital in teure Eigenentwicklungen zu pumpen, setzt Verrano auf „Smart Money“.

Mit dem Maschinenbauer Weber Food Technology und der Wurst- und Schinkenmanufaktur Bedford holen sie sich zwei strategische Industrie-Schwergewichte an Bord. Verrano profitiert hier direkt von jahrzehntelanger Expertise in der mikrobiologischen Reifung sowie im industriellen High-Tech-Slicing. Zusammen mit der BMH, die als VC-Tochter der Helaba aktuell Fonds mit einem Volumen von 450 Millionen Euro verwaltet, hat das Start-up starke Partner für die anstehende Geschäftsentwicklung gewonnen. Dieses Konsortium bietet das Rüstzeug, um die Nische der veganen Boutiquen zu verlassen und den Lebensmitteleinzelhandel zu adressieren.

deeplify sammelt 2 Mio. Euro für digitalisierte Inspektionen von Pipelines, Chemieanlagen und Brücken

Das 2023 von Jan Löwer, Christoph Siemer und Felix Asanger gegründete Bochumer Industrial-AI-Start-up deeplify bringt frischen Wind in die analog geprägte und sicherheitskritische Anlagenprüfung.

Die Überwachung von Pipelines, Chemieanlagen und Brücken unterliegt strengsten Sicherheitsvorgaben. Die sogenannte zerstörungsfreie Prüfung (ZfP / NDT) – beispielsweise mittels Ultraschall oder Röntgen – wird traditionell von zertifizierten Prüfer*innen durchgeführt. Die Dokumentation und Auswertung dieser Daten ist in der Regel zeitaufwendig und stark analog geprägt. An dieser Schnittstelle positioniert sich die 2023 gegründete deeplify GmbH aus Bochum. Das Start-up entwickelt KI-Software für sicherheitskritische Inspektionen in Energie, Chemie und Industrie. Die angebotene Software-Plattform soll Aufgabenmanagement, eine KI-gestützte Defektanalyse sowie die Berichtserstellung in einem System bündeln.

Vom Agenturgeschäft zur SaaS-Lösung

Die Idee zu deeplify entstand 2022 aus einer Data-Science-Agentur heraus. Das heutige Führungsteam setzt sich aus drei Personen mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten zusammen. CEO Jan Löwer, ein studierter Physiker und vormaliger Gründer besagter Agentur, verantwortet die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Die operativen Prozesse steuert Christoph Siemer (COO), der zuvor über zehn Jahre als Manager beim Energiekonzern BP tätig war – eine Branchenerfahrung, die dem Start-up den vertrieblichen Zugang zur Schwerindustrie erleichtern soll. Die technische Entwicklung leitet der Robotik- und Kognitionsexperte Felix Asanger (CTO).

Auf die Frage, woran das anfängliche Agenturmodell im spezifischen Markt gescheitert sei, stellt CEO Jan Löwer klar: „Gescheitert ist das Agenturmodell nicht. Es hat funktioniert und Umsatz gebracht.“ Es sei jedoch auf einen breiteren Markt industrieller Anwendungen ausgelegt gewesen. Den Wechsel zum reinen Software-as-a-Service (SaaS)-Produkt erklärt der Gründer mit dem klaren Blick auf Marktchancen: „Wir haben dabei gesehen, dass im SaaS-Produkt das deutlich größere Skalierungspotenzial liegt.“ Der Pivot sei eine bewusste strategische Entscheidung gewesen, fügt Löwer hinzu: „Wir haben uns gefragt, wo wir den größten Hebel haben und die Antwort war eindeutig.“

Plattformansatz für Inspektionsdaten

Mit dem Produkt „deeplify inspect“ verfolgt das Unternehmen das Ziel, die oft fragmentierten Prüfdaten verschiedener Hardware-Hersteller*innen in einer DICONDE-kompatiblen Datenbank zu zentralisieren. Darauf aufbauend sollen KI-Algorithmen die Inspektor*innen bei der Fehlererkennung unterstützen. Das SaaS-Modell verspricht eine Standardisierung der Qualitätssicherung sowie eine Reduktion der Auswertungskosten. Laut Unternehmensangaben konnte deeplify bereits erste Kund*innen im Energiesektor gewinnen. Dazu zählt unter anderem der Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe (OGE), mit dem im Zuge von Transformationsprojekten Datensätze zusammengeführt wurden. Zudem gibt es Kooperationen mit Inspektionsunternehmen.

Die Schwerindustrie gilt als konservativ, und Hardware-Hersteller setzen oft auf eigene Software-Silos. Löwer sieht darin jedoch keine unüberwindbare Hürde: „Vendor-Lock-ins sind in der Anlagenprüfung weniger ausgeprägt. Betreiber setzen mehrere Hardware-Lösungen parallel ein und legen Wert auf Unabhängigkeit.“ Deeplify positioniere sich exakt an diesem Punkt: „Als herstellerunabhängige Plattform integrieren wir Inspektionsdaten aus bestehenden Systemen über standardisierte Schnittstellen und überführen sie in ein offenes Format“, betont der Gründer.

Das Versprechen an die Industrie formuliert er deutlich: „Die Unternehmen behalten ihre Hardware, wir schaffen auf der Datenebene zentrale Verfügbarkeit, Vergleichbarkeit und KI-gestützte Auswertung.“ Um die Lösung auch für Konzerne wie OGE wirtschaftlich attraktiv zu machen, verzichtet deeplify beim Pricing bewusst auf große Upfront-Investments. Löwer skizziert das Modell: „Unternehmen starten mit einer Testphase und geringen Einstiegshürden, der Funktionsumfang skaliert modular mit dem tatsächlichen Bedarf.“

Marktumfeld & regulatorische Barrieren

Der Markt für Asset-Integrity-Management wächst, bedingt durch eine alternde europäische Infrastruktur und einen zunehmenden Mangel an qualifiziertem Prüfpersonal. Gleichzeitig sind die Markteintrittsbarrieren extrem hoch. In sicherheitskritischen Bereichen gelten strenge Zertifizierungsvorgaben, und die Haftungsrisiken bei übersehenen Defekten sind immens.

Um die regulatorischen Hürden zu umgehen, positioniert deeplify seine KI nicht als autonomen Prüfer, sondern wählt einen „Human-in-the-loop“-Ansatz. Die Software assistiert, die finale rechtliche Verantwortung und Entscheidungsgewalt verbleibt bei den menschlichen Prüferinnen. Auf das Risiko angesprochen, dass Prüferinnen sich zunehmend blind auf die KI verlassen könnten (Automation Bias), kontert Löwer: „Unser Ziel ist nicht, den Prüfer zu ersetzen, sondern seine Entscheidungsqualität messbar zu stärken.“ Er bezeichnet den Human-in-the-loop-Ansatz als „bewusstes Designprinzip“. Die KI sei primär als Assistenzsystem konzipiert: „Sie macht Vorschläge transparent, weist Unsicherheiten aus und liefert nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen“, so der CEO. Er versichert zudem, dass bestehende Prüfprozesse, Normen und Vier-Augen-Prinzipien vollständig erhalten blieben.

Auch das Training der KI-Modelle erfordert den Zugang zu hochspezifischen, oft vertraulichen Datensätzen der Anlagenbetreiber*innen. Löwer erklärt die Beschaffung dieser sensiblen Daten: „Beim Thema Trainingsdaten setzen wir auf enge Partnerschaften mit Anlagenbetreibern, die uns bereits für Entwicklung und Validierung reale Prüfdaten zur Verfügung stellen.“ Das ermögliche praxisnahes Training und stelle sicher, „dass unsere Modelle unter realen Bedingungen zuverlässig arbeiten“.

Der technologische Burggraben im starken Wettbewerb

Der NDT-Softwaremarkt ist stark fragmentiert und zunehmend umkämpft. Auf der einen Seite stehen internationale Start-ups und Scale-ups wie HUVRdata oder Abyss Solutions sowie Tech-Spezialisten wie Screening Eagle. Auf der anderen Seite rüsten etablierte NDT-Riesen wie Waygate Technologies ihre Systeme mit KI-Komponenten aus, während Prüfkonzerne wie TÜV oder SGS signifikant in Digitalisierungseinheiten investieren.

Deeplify muss beweisen, dass der herstellerunabhängige SaaS-Ansatz diesen teils proprietären Systemen überlegen ist. Globale Konzerne und Hardware-Marktführer sitzen auf riesigen historischen Datenbergen. Auf die Frage nach dem tatsächlichen technologischen Burggraben (Moat) gegenüber etablierten Playern stellt Löwer einen grundlegenden Besitzanspruch klar: „Der entscheidende Punkt ist: Die Daten gehören den Anlagenbetreibern, nicht den Hardware-Herstellern“. Deeplify positioniere sich als herstellerunabhängige Daten- und KI-Schicht, „die systemübergreifend integriert und erstmals echte Interoperabilität in der Anlagenprüfung schafft“.

Den eigenen Wettbewerbsvorteil definiert Löwer sehr spezifisch: „Unser Moat liegt in der Kombination aus tiefem NDT- und Asset-Integrity-Know-how mit spezialisierten, proprietären KI-Modellen, die direkt auf Rohdatenebene arbeiten.“ Der Gründer übt in diesem Zusammenhang auch Kritik am Status quo der Branche: „Viele etablierte Anbieter sind in ihren eigenen Ökosystemen gefangen und können diese Perspektive kaum abbilden.“ Durch Projekte und Partnerschaften baue deeplify kontinuierlich einen praxisnahen Datenkontext auf, „der nicht als Silo funktioniert, sondern als lernende, interoperable Plattform wächst“, schließt Löwer.

Finanzierung & Ausblick

Zur Finanzierung des weiteren Wachstums schließt deeplify nun offiziell eine Pre-Seed-Runde über 2 Mio. Euro ab. Lead-Investor ist D11Z Ventures. Außerdem beteiligen sich Vanagon Ventures, EWOR und strategische Business Angels. Mit dem frischen Kapital will deeplify die technische Infrastruktur der Plattform ausbauen und weitere Einführungen bei Kund*innen in Europa beschleunigen.

Trotz der Wurzeln im Ruhrgebiet sucht das Start-up für die Entwicklung von sogenannter Agentic AI laut öffentlichen Hiring-Daten nun Personal am Standort München. Löwer begründet diese Entscheidung mit den ambitionierten Zielen des Unternehmens: „Deeplify ist auf einem Wachstumskurs. Wir benötigen die besten Talente für unser Team.“ Die Wahl des neuen Standorts sei folgerichtig: „München ist eine bewusste strategische Entscheidung. Die Stadt bietet Zugang zu einem der stärksten KI-Talentpools in Europa, ein dichtes Ökosystem aus DeepTech-Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie die Nähe zu potenziellen Industriekunden."

Münchner Start-up Isar Aerospace bricht Testflug der „Spectrum“-Rakete aus Sicherheitsgründen ab

Der zweite Testflug der „Spectrum“-Trägerrakete des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace musste kurz vor der Triebwerkszündung gestoppt werden.

Ursache war nach Unternehmensangaben ein unbefugtes Boot, das in die maritime Sicherheitszone eingedrungen war. Bis das Areal geräumt werden konnte, verstrich das enge Startfenster zwischen 21:00 und 21:15 Uhr. Die Rakete blieb unbeschadet auf der Startrampe.

Sicherheitsmechanismus statt Fehlschlag

In der Raumfahrtbranche wird ein solcher Abbruch (ein sogenannter Scrub) nicht als technologischer Rückschlag gewertet, sondern als Beleg für greifende Sicherheitsmechanismen. Ein erheblicher Unterschied besteht zu einem tatsächlichen Fehlstart, bei dem Hardware verloren geht – wie es beim Erstflug der „Spectrum“ am 30. März 2025 geschah, als die Rakete nach knapp 30 Sekunden wegen eines Ausfalls der Lageregelung ins Meer stürzte.

Da die Rakete dieses Mal keinen technischen Defekt erlitt, werten die Ingenieure den abgebrochenen Countdown als erfolgreichen Härtetest der Bodenanlagen und der automatisierten Betankungsprozesse. Das Team um CEO Daniel Metzler hatte im Vorfeld betont, dass das primäre Ziel der Mission „Onward and Upward“ darin bestehe, kritische Systeme unter operativen Bedingungen zu validieren. Die nun gesammelten Daten fließen direkt in die Vorbereitung des nächsten Versuchs ein.

Die komplexe Logistik eines neuen Startfensters

Wann die „Spectrum“ erneut betankt wird, hängt von einem mehrstufigen Abstimmungsprozess ab. Nach der Sicherung der Rakete muss Isar Aerospace bei den norwegischen Behörden neue Sperrzonen beantragen. Damit Fischer, Frachtschiffe und Fluggesellschaften ihre Routen rechtzeitig anpassen können, müssen offizielle Warnungen für die Schifffahrt (NOTMAR) und den Luftraum (NOTAM) mit entsprechendem Vorlauf herausgegeben werden. Erst wenn diese bürokratischen Hürden genommen sind und Parameter wie das Wetter am Polarkreis übereinstimmen, kann ein neuer Countdown für die Nutzlast – darunter universitäre Kleinsatelliten der TU Berlin, der TU Wien sowie der norwegische FramSat-1 – beginnen.

Warum Andøya? Der strategische Vorteil im hohen Norden

Dass das Münchner Start-up diese logistischen Herausforderungen im hohen Norden auf sich nimmt, anstatt etwa den etablierten europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Südamerika zu nutzen, hat strategische und physikalische Gründe.

Die Hauptkunden von Isar Aerospace betreiben kleine Erdbeobachtungssatelliten, die bevorzugt über die Pole fliegen, um die Erdoberfläche lückenlos zu erfassen. Von Andøya aus kann die Rakete auf direktem Weg sicher über das offene Europäische Nordmeer in diesen polaren Orbit starten, ohne Treibstoff für aufwendige Kurskorrekturen zu verbrauchen. Zudem spart der Transport der in Ottobrunn gefertigten Bauteile per LKW und Fähre nach Norwegen wertvolle Zeit und Kosten im Vergleich zu einer Verschiffung nach Französisch-Guayana.

Für Europa bleibt der anstehende Flug der „Spectrum“ ein wichtiges Puzzleteil auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen, kommerziellen Zugang zum All. Sobald die Sperrzonen vor der norwegischen Küste neu eingerichtet sind, wird sich zeigen, ob das Münchner Unternehmen diese Lücke schließen kann.

Gründerin der Woche: beZUG – vom Pendler-Frust zur Gründung

Wer regelmäßig ICE fährt, kennt den kritischen Blick auf das Kopfkissen: Der Zug rollt, aber man zögert, sich anzulehnen. Johanna Hoeflich wollte dieses Dilemma zwischen „Nähe und Distanz“ nicht länger hinnehmen und entwickelte den beZUG. Was als Nähprojekt für den Eigenbedarf begann, ist heute ein junges Unternehmen – mehr dazu im Interview mit der Gründerin.

Das Hygiene-Problem beim Bahnfahren kennen wir alle. Aber vom Ärgernis zur Gründung ist es oft ein weiter Weg. Was war der konkrete Auslöser, tatsächlich eine Firma anzumelden?

Mein Mann pendelt täglich mit dem ICE zwischen Stuttgart und Mannheim. Er ist morgens immer früh unterwegs und möchte häufig noch einmal die Augen schließen auf der Fahrt. Das hat ihn immer Überwindung gekostet, also haben wir nach einer Lösung gesucht, die es jedoch nicht gab. Nachdem wir den beZUG dann entwickelt hatten, gab es reges Interesse im Freundes- und Bekanntenkreis. Das bestärkte mich darin ein Business daraus zu machen.

Sie haben Ihre Prototypen live im Zug getestet. Wie viele skeptische Blicke oder Kommentare von Mitreisenden mussten Sie aushalten, bis die Passform saß?

Ehrlichweise sind Bahnfahrende relativ tolerant außergewöhnlichem Verhalten gegenüber, solange man den anderen nicht stört. Die Kissen hat mein Mann meist morgens vermessen, da abends die Züge einfach zu voll sind. Aber morgens um diese Uhrzeit gilt offenbar das Prinzip: „Mind your own Business“, sodass manches Mal verwunderte Blicke kamen, aber angesprochen wurde er darauf nicht.

Lassen Sie uns über das Risiko sprechen. Ihr Produkt ist technisch einfach: Stoff und Gummizug. Was ist Ihr Schutzwall gegen Billig-Kopien aus Fernost, die das morgen für den halben Preis anbieten könnten?

Das ist eindeutig ein kritischer Punkt. Daher habe ich mir diese Frage ebenfalls sehr früh gestellt und ein Gebrauchsmuster angemeldet. Dieses ist nun tatsächlich auch eingetragen. Zudem habe ich mich von vornherein für faire Produktionsbedingungen innerhalb Europas entschieden. Da der beZUG mit Haut in Berührung kommt war mir auch die Stoffqualität wichtig. Der beZUG ist aus Bekleidungsstoff gefertigt, welcher OEKOTEX 100 zertifiziert ist. Das sind Aspekte bei denen Billigware in der Regel nicht punkten kann. Zudem ist das Produkt eines was explizit auf den deutschen Markt zugeschnitten ist. Da bleibt abzuwarten, ob sich ein Anbieter aus Nahost überhaupt dafür interessiert.

Ein weiteres Thema ist die Abhängigkeit. Ihr Geschäftsmodell basiert zu 100 Prozent auf den Sitzen der Deutschen Bahn. Wie gehen Sie mit diesem „Klumpenrisiko“ um, das heißt, was tun, wenn die Bahn morgen das Sitzdesign radikal ändert?

Diesen Punkt sehe ich relativ entspannt. Laut DB nutzen jeden Tag 400.000 Personen die Fernverkehrsstrecken der Bahn. Eine relevant große Zielgruppe ist also vorhanden. Bezüglich des ICE-Designs wurde im letzten Jahr erst die neueste Generation des ICEs, der ICE L, vorgestellt. Und auch in diesem sind Kopfkissen verbaut. Zudem werden die vorherigen Generationen des ICE nach wie vor weiter eingesetzt. Die Kopfkissen in den verschiedenen Zug-Generationen sind ein wenig unterschiedlich. Der beZUG ist jedoch so designt, dass er auf allen Kissen universell eingesetzt werden kann.

Sie haben als UG gegründet, vermutlich um die Hürden niedrig zu halten. Ist beZUG ein klassisches Bootstrapping-Projekt aus dem Cashflow, oder suchen Sie aktiv nach Investoren für das schnelle Wachstum?

Richtig, die beZUG ist aus Eigenkapital entstanden und der Plan ist auch aus eigenem Cashflow zu wachsen. Das impliziert jedoch ein kontinuierlich moderates Wachstum. Aber müssen, wie bei fast jedem produzierenden Unternehmen, Material und Produktion vorfinanziert werden. Sollte somit das limitierte Budget die Bedienung einer schnell wachsenden Nachfrage ausbremsen, müssen auch externe Finanzmittel in Betracht gezogen werden.

Aktuell verkaufen Sie D2C über Ihren Webshop. Aber bei einem "Mitnahmeartikel" fressen Versand und Marketing oft die Marge. Planen Sie den Schritt in den stationären Handel, etwa in Bahnhofsbuchhandlungen?

Tatsächlich bin ich bereits in Kontakt mit ebensolchen Handelsunternehmen, welche direkt an Bahnhöfen oder Flughäfen angesiedelt sind. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der beZUG zukünftig aus einem Automaten direkt am Gleis bezogen werden kann. Das sind aber Ideen für Zukunft.

Bieten Sie den beZUG auch gebrandet bzw. personalisiert an?

Ja, die Verpackung und auch der beZUG selbst bieten verschiedene Möglichkeiten für ein individuelles Branding. Auch eine individuelle Stofffarbe wäre umsetzbar bei entsprechender Abnahmemenge.

Zum Abschluss ein Rat an unsere Leser*innen: Sie haben nicht lange am theoretischen Reißbrett verharrt. Ist „Einfach machen“ immer der beste Weg, oder hätten Sie rückblickend an einer Stelle lieber mehr geplant?

Diese Frage kann ich in fünf Jahren vermutlich besser beantworten. Als Gründer heißt es doch immer learning by doing. Natürlich geht es besser, aber dieses Unternehmen würde es heute noch nicht geben hätte ich alle Eventualitäten, Möglichkeiten und Förderungen vorab recherchiert. Habe ich mich über mich selbst geärgert, als ich manches Mal mit dem Steuerberater gesprochen hatte, weil es auch anders und besser gegangen wäre? Vielleicht ja. Aber bereue ich das Unternehmen so aufgezogen zu haben wie es heute ist? Nein, bestimmt nicht. Also lieber rein ins kalte Wasser und schwimmen lernen als ewig am Beckenrand stehen.

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Das Interview führte StartingUp-Chefredakteur Hans Luthardt

Start-up trifft Industrie-Giganten: Wie planqc mit BMW und Infineon die Logistik der Zukunft berechnet

Wenn ein junges Technologie-Unternehmen mit Branchenriesen und der Spitzenforschung an einem Tisch sitzt, lohnt sich ein genauerer Blick. Das Garchinger Start-up planqc zeigt im neuen Forschungsprojekt „QIAPO“, wie der Brückenschlag zwischen hochkomplexer Quantenphysik und handfesten Industrie-Herausforderungen gelingen soll.

Für Gründer*innen im DeepTech-Segment ist es oft die größte Hürde: Wie übersetzt man Grundlagenforschung in ein Produkt, das für die Industrie greifbare Probleme löst? Das Münchner Start-up planqc liefert darauf aktuell eine spannende Antwort. Gemeinsam mit der Universität des Saarlandes sowie den Konzernen BMW und Infineon arbeitet das Team an einer Lösung für eines der hartnäckigsten Probleme der Wirtschaft: die Routen- und Prozessoptimierung bei unzähligen Variablen. Dass planqc hier als Quanten-Spezialist auftritt, ist das Ergebnis eines rasanten Aufstiegs in der europäischen Tech-Szene.

planqc: Aus der Forschung in die Wirtschaft

Gegründet 2022 von den Quantenphysikern Dr. Alexander Glätzle (CEO), Dr. Sebastian Blatt (CTO) und Dr. Johannes Zeiher, ist planqc das erste Spin-off des renommierten Max-Planck-Instituts für Quantenoptik. Das Team bringt nicht nur geballtes Know-how aus Garching mit, sondern verfolgt einen technologischen Ansatz, der sich bewusst von einigen BigTech-Giganten unterscheidet.

Während viele globale Konzerne auf fehleranfällige und aufwendig auf den absoluten Nullpunkt gekühlte Systeme setzen, nutzt planqc neutrale Atome als Qubits, die durch Laserlicht in optischen Gittern festgehalten werden. Dieser Ansatz ermöglicht den Betrieb bei Raumtemperatur und verspricht eine leichtere Skalierbarkeit der Qubits. Anstatt im Labor auf den theoretisch perfekten Rechner der fernen Zukunft zu warten, wählt das junge Unternehmen einen stark anwendungsorientierten Weg.

Der schnelle Aufstieg: Millionen-Investments und Großaufträge

Wie sehr dieser pragmatische Ansatz im Markt verfängt, zeigt die jüngere Firmengeschichte. Bereits kurz nach der Gründung zog planqc staatliche Großaufträge an Land – darunter den Zuschlag für die Entwicklung eines Quantencomputers für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Der vorläufige Höhepunkt der wirtschaftlichen Skalierung folgte im Sommer 2024 mit einer Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Millionen Euro. Mittlerweile ist das Start-up auf rund 100 Mitarbeitende angewachsen und wurde im September 2025 mit dem renommierten Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „StartUp“ ausgezeichnet. Das aktuelle, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 2,3 Millionen Euro geförderte Projekt „QIAPO“ fügt sich nahtlos in diese strategische Ausrichtung ein.

Das Problem: Der limitierte klassische Computer

Ob bei der Produktion von Mikrochips (Infineon) oder in den weltweiten Lieferketten der Automobilindustrie (BMW) – überall lauern logistische Herausforderungen. Klassische Computer stoßen hier an ihre Grenzen. Sie lösen extreme Optimierungsprobleme oft nur noch mit Näherungswerten und extrem langen Rechenzeiten. Bisher galt in der Industrie daher oft die Devise: Man macht das Beste aus den vorhandenen Heuristiken.

Die Lösung: Ein hybrides Teamwork der Systeme

Genau hier setzt QIAPO (Quanteninformierte approximative Optimierung auf NISQ und partiell fehlertoleranten Quantencomputern) an. Das Projektteam erprobt ein Zusammenspiel aus zwei Welten. Den Anfang macht das System von planqc: Der Quantencomputer soll mit seinen speziellen Eigenschaften den hochkomplexen „Dschungel“ des logistischen Problems massiv ausdünnen. Das Problem wird auf diese Weise quasi „kleiner gerechnet“. Sobald es entscheidend vereinfacht ist, übernehmen wieder herkömmliche Rechner und nutzen ihre in der Praxis erprobten Algorithmen, um das greifbarere Problem zu Ende zu rechnen.

„Wir demonstrieren damit bereits heute, wie sich hochkomplexe, industrierelevante Herausforderungen in Quantenalgorithmen übersetzen lassen – die schließlich auf Quantencomputern getestet werden können“, erklärt Dr. Martin Kiffner, Head of Algorithms bei planqc.
 
Der unternehmerische Pragmatismus: Warum 85 % ein Erfolg sind

Das Besondere an diesem Ansatz – und ein wichtiges Learning für B2B-Gründer*innen – ist der Fokus auf messbare industrielle Fortschritte statt auf Perfektion. Prof. Dr. Peter P. Orth von der Universität des Saarlandes, der das Projekt koordiniert, betont, dass es auch mit dieser hybriden Methode vorerst keine 100-prozentige Lösung geben wird.

Ein theoretisches Rechenbeispiel verdeutlicht jedoch das Potenzial: Wenn ein Lieferketten-Problem heute durch klassische Rechner mit 80-prozentiger Genauigkeit gelöst wird, könnte die Kombination mit Quanten-Hardware diese Genauigkeit auf 85 oder 95 Prozent anheben. Für Corporates wie BMW und Infineon bedeutet genau diese kleine Marge durch Ressourceneinsparungen bei extrem hohen Produktionsvolumina einen enormen wirtschaftlichen Hebel.

Fazit

Planqc beweist, dass Start-ups nicht zwangsläufig das allumfassende, finale Endprodukt vorweisen müssen, um für internationale Konzerne hochrelevant zu sein. Oft reicht es, mit der eigenen Spitzentechnologie präzise in eine Lücke zu stoßen, die bestehende Systeme hinterlassen – und sich über starke Industriepartnerschaften das Rüstzeug für die weitere Skalierung zu sichern.

blue activity sichert sich 8,5 Mio. Euro für biozidfreie Kühlwasserbehandlung

Das Heidelberger CleanTech-Start-up blue activity schließt eine beachtliche Finanzierungsrunde ab. Mit einem unkonventionellen biologischen Ansatz fordert das Team die klassischen Verfahren der industriellen Kühlwasseraufbereitung heraus. Ein Blick auf das Geschäftsmodell, den Milliardenmarkt und die Hürden der Skalierung.

Das im Jahr 2021 gegründete Wassertechnologie-Start-up blue activity aus Heidelberg meldet den Abschluss einer weiteren großvolumigen Finanzierungsrunde in Höhe von 8,5 Millionen Euro. Das Unternehmen deklariert diese als Seed-Runde – ein aus journalistischer Sicht bemerkenswerter Schritt, da bereits Anfang 2023 der österreichische Investor Epoona in einer frühen Phase eingestiegen war. Die aktuelle Runde wurde gemeinsam von den VC-Fonds Wind Capital (Paris) und Venture Stars (München) angeführt, unter Beteiligung von Angel Invest (Berlin). Das frische Kapital soll die Produktentwicklung beschleunigen, das Team auf 15 Mitarbeitende erweitern und die kommerzielle Expansion in Europa vorantreiben.

Das Gründer-Duo

Hinter blue activity stehen CEO Lars Havighorst und Co-Founder sowie CTO Michael Simon. Die Gründung basierte auf der Mission, industrielle Verdunstungskühlsysteme chemiefrei und nachhaltig zu behandeln. Bemerkenswert ist Havighorsts Hintergrund: Vor seiner Zeit als CleanTech-Gründer war er rund 15 Jahre im Vertrieb der Finanzbranche tätig, bevor er den Quereinstieg in die Wassertechnologie wagte. Dabei ergänzt sich das Führungsduo: Während Havighorst die kommerzielle Skalierung treibt, verantwortet Simon als technologisches Rückgrat die Kombination aus neuartiger Mikrobiologie und IoT-Sensorik.

Technologie und Geschäftsmodell

Industrielle Verdunstungskühlanlagen verschlingen enorme Mengen an Wasser und stützen sich traditionell auf biozidbasierte Behandlungsprogramme. Blue activity setzt hier auf einen Paradigmenwechsel: Anstelle von Gefahrstoffen soll ein neuartiger technologischer Ansatz eine umweltfreundliche, chemiefreie und effiziente Wasseraufbereitung ermöglichen.

Der wirtschaftliche Pitch, mit dem das Startup bei der Industrie punkten will, stützt sich auf laut eigenen Angaben messbare Effekte:

  • Kostenreduktion: Das Unternehmen verspricht signifikante OPEX-Einsparungen von bis zu 15 % der gesamten Kosten der Kühlwasserbehandlung.
  • Anlageneffizienz: Diese sollen durch einen reduzierten Chemikalieneinsatz, geringeren Wartungsaufwand sowie eine verlängerte Lebensdauer der Anlagen erreicht werden. Berichte aus der Fachpresse (z. B. Handelsblatt, Industrieanzeiger) stützen die These der Effizienz und zitieren bei Bestandskunden Wasserverbrauchssenkungen von bis zu 38 Prozent.

Markt und Wettbewerb

Ein wesentlicher Treiber für das Geschäftsmodell ist das regulatorische Umfeld. Da Grenzwerte für Abwassereinleitungen zunehmend verschärft werden, werden traditionelle chemische Verfahren laut blue activity immer kostenintensiver und komplexer in der Handhabung. Die biologische Methode soll die Risiken im Zusammenhang mit Einleitungen senken und eine langfristige regulatorische Compliance unterstützen.

Die Herausforderung

Der Markt für industrielle Wasserbehandlung ist sicherheitsgetrieben und extrem konservativ. Kühltürme sind kritische Infrastrukturen – ein mikrobiologisches Ungleichgewicht kann schwere gesundheitliche und rechtliche Folgen haben. Ein Start-up, das hier eine neuartige Lösung anbietet, muss massives Vertrauen aufbauen. Dass diese Hürde überwindbar ist, zeigt ein Blick auf das aktuelle Kundenportfolio: Laut Branchenberichten zählen Schwergewichte wie BASF, Braskem und die Salzgitter AG bereits zu den Nutzern der Technologie.

Fazit & Einordnung

Mit 8,5 Millionen Euro handelt es sich um eine außergewöhnlich große Frühphasen-Runde im deutschen B2B-Hardware/DeepTech-Sektor. Das internationale Investorenkonsortium bringt dabei ein starkes Netzwerk in den europäischen CleanTech-Markt ein.

Blue activity profitiert von einer starken Problem-Lösungs-Passung: Das Team liefert der Industrie nicht nur moralische Umweltargumente, sondern mit der versprochenen OPEX-Reduktion knallharte betriebswirtschaftliche Anreize. Gelingt es den Heidelbergern, diese Ergebnisse dauerhaft in der industriellen Breite zu skalieren, wartet ein gigantischer Markt: Das globale Volumen für die industrielle Wasseraufbereitung lag 2024 bei rund 46 Milliarden USD und wächst stetig weiter. Das Kapital ist nun der entscheidende Hebel, um in diesem hochkomplexen Marktumfeld die Marktführerschaft für biozidfreie Alternativen anzugreifen.

Infokasten: Die Meilenstein-Historie von blue activity

Jahr / Zeitraum

Meilenstein

Redaktionelle Einordnung / Details

2021

Gründung

Lars Havighorst und Michael Simon gründen das CleanTech-Unternehmen in Heidelberg.

Januar / März 2023

Erste Seed-Runde

Der österreichische Umwelttech-Investor Epoona steigt mit ca. 500.000 Euro ein, um den Marktaufbau zu finanzieren.

2023 / 2024

Proof of Concept (BASF)

Erfolgreiches Pilotprojekt am Standort Ludwigshafen. Der Chemiegigant rüstet in der Folge erste Produktionsstätten auf die biozidfreie Technologie um.

Februar 2026

8,5 Mio. € (Late-)Seed-Runde

Abschluss der neuen, großvolumigen Finanzierungsrunde unter Führung von Wind Capital und Venture Stars. Das Unternehmen deklariert dies offiziell als "Seed-Runde".