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Gründer der Woche: Feelbelt – Multimedia-Inhalte hautnah erlebt
Gründer der Woche 51/20
Das Potsdamer MediaTech-Start-up Feelbelt hat eine Art von Hightech-Gürtel für Gamer entwickelt, der Sound in haptisches Feedback umwandelt. Mehr über diese stylische Innovation "Made in Germany" erfahrt ihr im Interview mit Co-Founder Benjamin Heese.
Wie bist du bzw. seid ihr auf die Idee zu dem Feelbelt gekommen?
Über drei Umwege und einige glückliche Zufälle habe ich Jens Hansen kennengelernt. Er ist nicht nur Diplom-Ingenieur und Erfinder des Feelbelts, sondern auch unser “Daniel Düsentrieb”. Er ist das Genie und der Innovationstreiber hinter unserer Technologie. Zusammen haben wir uns professionelle Partner gesucht und sind dadurch auf einen weiteren Diplom-Ingenieur gestoßen: Torsten Brose. Gemeinsam haben wir die Idee des Feelbelts weiterentwickelt und in eine innovative Software gegossen. Feelbelt ist eine extreme Teamleistung, die aus einem Zusammenspiel von deutscher Innovationskraft und dem Willen, etwas zu verändern, besteht. Ich bin dabei nur ein kleiner Teil. Das Team macht Feelbelt wertvoll.
Was waren die wichtigsten Schritte und ggf. auch Hürden von der Idee über die Entwicklung bis zum fertigen Produkt?
Einer der wichtigsten Schritte war es, die Idee in eine Software zu verpacken. Das ist deshalb so wertvoll, weil wir unser Produkt dadurch ständig (á la Tesla-Konzept) updaten können. Der Kunde muss sich also keine neue oder zusätzliche Hardware kaufen. Wir verdienen mittelfristig Geld, indem wir Ideen und neue Features über die Software direkt umsetzen.
Eine große Hürde in der Entwicklung war die anfängliche Zielgruppe. Wir sind recht schnell von Musikkonsumenten auf den Gaming-Markt umgeschwenkt. Unsere Software musste deshalb an einigen Stellen angepasst werden. Dies war jedoch ein wichtiger Schritt, weil wir damit einen extremen Wachstumsmarkt in der Corona-Pandemie betreten haben.
Wie bei allen Hardware-Herstellern ist die Supply Chain (Lieferkette) eine der größten Aufgaben. Wir produzieren “Made in Germany”, was etwas teurer ist, als wenn wir die Produktion ins Ausland verlagern würden. Das ermöglicht uns gleichzeitig jedoch kürzere Lieferwege, eine bessere Ökobilanz sowie eine ständige Qualitätssicherung.
Auf den Punkt gebracht: Was ist das Besondere an dem Feelbelt? Wo kommt er zum Einsatz?
Der Feelbelt lässt dich durch haptisches Feedback völlig in dein Game eintauchen. Wir lassen uns eh schon so von unseren Spielen begeistern, dass schnell mehrere Stunden am Rechner vergehen, die uns nur wie Minuten vorkommen. Wir sind stolz, dass wir die Wahrnehmung von Entertainment-Erlebnissen mit dem Feelbelt noch um eine Dimension erweitern können: den Tastsinn. Dadurch erreichen wir eine enorme Emotionssteigerung.
Der Feelbelt macht Games noch realer, indem er dich jeglichen Sound aus dem Game am Körper spüren lässt. Du fühlst in deinem Rücken Soldaten, die sich im Game von hinten an dich anschleichen. Du fühlst in deiner linken Körperhälfte einen Dinosaurier, der in einer VR-Welt links an dir vorbeistampft (oder dich frisst). *lacht* Beim Sim Racing fühlst du die Beschaffenheit der Straße, als würdest du selbst im Auto sitzen. Wir schaffen eine extreme Experience – vor allem beim Gaming.
Wer sind die anvisierten Kunden?
Da der Feelbelt im Gaming-Bereich zu Hause ist, sind Gamer entsprechend unsere Hauptzielgruppe. Virtual Reality ist damit unmittelbar verknüpft. Wer schon einmal eine VR-Brille aufhatte, weiß, wie krass ein solches Erlebnis ist. Aber auch Musik ist nicht zu verachten: Wer während der Corona-Pandemie vor allem das Club- und Konzertfeeling vermisst, holt sich das mit dem Feelbelt in sein Wohnzimmer.
Wie habt ihr die Startphase bzw. Produktentwicklung bislang finanziert?
Zu Beginn – das war Anfang 2019 – haben wir uns klassisch über Bootstrapping finanziert. Wir haben also alle Kosten aus eigener Tasche vorgestreckt und uns selbst keinen Lohn gezahlt. Schnell hatten wir einen ersten Prototypen. Mit dem waren wir direkt bei der IFA 2019 und konnten zahlreiche Menschen von unserer Idee überzeugen. Anfang 2020 sind wir den nächsten Schritt gegangen. Wir haben den Feelbelt weiterentwickelt und ihn serientauglich gemacht. Dazu haben wir im Februar 2020 eine Seedfunding-Runde abgeschlossen. Außerdem sind wir sehr dankbar über die Fördermöglichkeiten der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB).
Über Seedmatch sammelt ihr nun weiteres Kapital ein. Was ist das Ziel des aktuellen Fundings und was ist mit dem frischen Kapital geplant?
Das Crowdinvest mit Seedmatch ist unser Zwischenschritt zwischen Seedfunding und Series A. Mit diesem Geld bereiten wir uns darauf vor, deutlich schneller skalieren zu können. Wir wollen Personal einstellen, unser Marketing ausbauen und einen stabilen Lagerbestand sichern, um Lieferzeiten zu verkürzen. Außerdem arbeiten wir stetig an der Weiterentwicklung unserer Software und der Monetarisierung unserer App.
Wie machst du auf dein Start-up bzw. den Feeltbelt aufmerksam?
Ich lasse gern andere erzählen, was den Feelbelt ausmacht. Aus meiner Sicht ist es das beste Marketing, wenn andere uns beschreiben. Schließlich ist es gar nicht so einfach, Emotionen in Worte zu fassen. Daher arbeiten wir vor allen mit Influencern – vorwiegend aus dem Gaming-Bereich – zusammen. Zusätzlich setzen wir auf digitale Skalierungseffekte und den Nutzen von Algorithmen. Für uns ist der logische Schluss also, dass der Offline-Handel derzeit keine Option ist. Wir fokussieren uns daher auf unseren Online-Shop.
Was sind deine nächsten unternehmerischen To Do's?
Strategisch bin ich schon drei Schritte weiter, da ich mit einem sehr langfristigen Timehorizon arbeite. Meine Mitarbeiter lasse ich an den operativen Schritten der nächsten drei Monate arbeiten. So bereiten wir die Skalierung vor und bauen eine starke Brand auf. Ich arbeite derzeit an strategischen Partnerschaften und positioniere Feelbelt bei den Brands, die uns langfristig den notwendigen Boost geben. Das bedeutet, dass ich vor allem den klassischen Venture Capital Case vorbereite.
Der Feelbelt hat abgesehen vom Entertainment-Bereich noch viel mehr Potenzial: Menschen mit einer Hörschädigung haben erstmals die Möglichkeit, das gesamte Frequenzspektrum von 1 bis 20.000 Hz zu fühlen. Dadurch entstehen neue und spannende Entwicklungsfelder. Dazu bereite ich Studien vor und lasse diese wissenschaftlich belegen. So schaffen wir eine solide Basis für beispielsweise den Healthcare-Bereich.
Und last but not least: Was rätst du anderen Gründerinnen und Gründern aus eigener Erfahrung?
Im Wesentlichen sind das drei Dinge:
1. Think more American: Denke nicht in Problemen, sondern fang an, zu probieren und “einfach mal zu machen”. Überleg dir nicht ewig, was der beste Weg ist. Fang an den Weg zu gehen.
2. Sei bereit, dich in zwölf Monaten rückblickend für deine Arbeit im vergangenen Jahr zu schämen. Nur dann hast du dich in die richtige Richtung entwickelt. Wenn du rückblickend der Meinung bist, dass du alles richtig gemacht hast, hast du etwas falsch gemacht.
3. Für mich einer der wichtigsten Faktoren: Hol dir Hilfe. Sei bereit, dir von erfahrenen Menschen unter die Arme greifen zu lassen und baue schnellstmöglich ein professionelles Netzwerk aus Machern auf.
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Das Interview führte Hans Luthardt
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European Dynamism-Report zeigt Europas Tech-Paradoxon
Laut den Autoren des aktuellen „European Dynamism“-Reports bringt Europa mittlerweile gefühlt im Wochentakt neue Unicorns hervor. Doch bei der globalen Skalierung wandert die Wertschöpfung zu oft ab. Die Studie zeigt, in welchen sechs Deeptech-Nischen europäische Start-ups die unangefochtenen Kategorie-Führer von morgen bauen können. StartingUp hat die Ergebnisse analysiert und zeigt, was das für eure Go-to-Market-Strategie bedeutet.
Das europäische Start-up-Ökosystem ist laut dem Report „European Dynamism“ im Auftrag von redalpine deutlich reifer geworden. Die Studienautoren konstatieren, dass neue Unicorns zuletzt gefühlt im Wochentakt entstehen. Zudem schlagen europäische VC-Fonds ihre US-Konkurrenten über lange Zeithorizonte, und das Funding zog 2025 wieder spürbar an. Doch der Report benennt ein neues europäisches Tech-Paradoxon: Der zentrale Engpass liegt heute weniger bei Talent, Forschung oder Finanzierung. Es geht vielmehr um die Frage, wo die Wertschöpfung beim globalen Scaling in der Region gehalten werden kann.
Die Kernthese der Studie: Europas Wettbewerbsvorteil liegt exakt dort, wo Software, Wissenschaft und Industrie eng zusammenkommen. Genau hier entstehen neue Cluster, in denen Deutschland eine sichtbar größere Rolle spielt. Berlin etabliert sich dabei laut Report als Standort für Enterprise AI, während München sich als Deeptech-Knoten über die Bereiche Fusion, Space, Health und Robotics hinweg wiederholt.
Die 6 Felder, in denen Europa global gewinnen kann
Die Deep Dives der Studie decken sechs Sektoren ab , in denen Europa nicht nur gründen, sondern den Wert auch langfristig halten und anführen kann:
- Intelligent Enterprise: Im Bereich Intelligent Enterprise verschiebt sich der Wettbewerb von Foundation Models zu Workflows. Entscheidend ist, ob ein Modell ganze Unternehmensprozesse orchestrieren, verifizieren und tief in Kundenabläufe integrieren kann. Europas Chance liegt laut Report vor allem in Vertical AI und im Orchestrierungs-Layer. Sichtbare Player am Standort Berlin sind hier Start-ups wie n8n und Parloa, während sich das Funding für europäische Enterprise-AI-Startups 2024/25 mehr als verdoppelt hat.
- Digital Health: Digital Health verlässt die Wellness-Ecke und wird zur klinischen Infrastruktur. Der Report beschreibt einen Shift hin zu "medical-grade devices" und spezialisierter AI für konkrete Versorgungsprobleme. Diese reichen von Wearables (wie Oura und Hilo/Aktiia) bis zu Anwendungen (wie Voize und Avelios), die direkt in klinische Abläufe eingreifen. Europas Vorteil liegt hierbei in Validierung, Regulierung und klinischer Alltagstauglichkeit.
- New Energy: Im Energiekapitel setzt der Report vor allem auf die Kernfusion als europäische Souveränitätswette. Das globale Investment in Fusion stieg 2025 laut Report um knapp 500 % auf 3,8 Mrd. Dollar. Europas Trumpf ist dabei laut den Autoren nicht die größte Kapitalmaschine , sondern die ITER/CERN-Erfahrung, die Engineering-Tiefe und komplexe Präzisionsfertigung , exemplarisch gezeigt am deutschen Start-up Proxima Fusion.
- Space: Die Raumfahrt wird im Report bewusst entromantisiert. Der kurzfristige Business Case liegt nicht im Weltraumtourismus, sondern in Erdbeobachtung, Navigation, Konnektivität, Defence und orbitaler Infrastruktur. Das Thema ist damit weniger Sci-Fi als vielmehr Industrie-, Sicherheits- und Infrastrukturpolitik. Getrieben von der Debatte um technologische Souveränität wächst der Druck zum Aufbau eigener Satelliten- und Launch-Infrastrukturen. Europa baut hierfür sichtbare Cluster von Toulouse über München bis Glasgow auf.
- Unlocking Biology: Die Biologie wird laut Report von einer Beobachtungswissenschaft zu einer datengetriebenen Engineering-Disziplin. Große biologische Foundation Models, proprietäre Datensätze und automatisierte Lab-in-the-loop-Setups beschleunigen Design, Test und Iteration. Europas Chance liegt hier laut Report besonders in der Middleware- und Tooling-Schicht zwischen AI-Fähigkeit und therapeutischem Ergebnis.
- Robotics: Robotik ist im Report kein Nischenthema mehr, sondern ein Feld, in dem Europas industrielle DNA zum echten Vorteil werden könnte. Der Markt ist groß und noch längst nicht verteilt, da laut Report noch rund 70 % der Lagerhäuser nicht automatisiert sind. Das Funding für europäische Robotik-Startups lag 2025 bei über 1,6 Mrd. Euro. Europas stärkste Position liegt dabei eher im „Brain Layer“ als im reinen Hardware-Rennen: in Physical AI, Real-World-Daten und Software, die Robotern den Umgang mit wechselnden Umgebungen beibringt.
StartingUp ordnet ein: 5 strategische Hebel für euer Pitch-Deck
Was bedeuten diese Fakten nun konkret für Gründerinnen und Gründer, die gerade an ihrem Produkt bauen oder Kapital suchen? Wir haben aus den Daten des Reports fünf harte strategische Leitplanken für eure Go-to-Market-Strategie abgeleitet:
- Baut den europäischen Burggraben: Pitcht Investoren keinen reinen Software-as-a-Service-Klon aus den USA. Wenn ihr global skalieren wollt, müsst ihr die Stärken des Standorts nutzen. Investoren suchen derzeit gezielt nach Teams, die exzellente Software mit tiefem, hiesigem Industrie- oder Wissenschafts-Know-how verknüpfen.
- Orchestrierung statt Basis-Technologie: Der Versuch, bei Foundation Models mit US-Giganten zu konkurrieren, verbrennt meist nur Ressourcen. Positioniert euer Start-up stattdessen intelligent im Orchestrierungs-Layer. Zeigt, dass ihr das Detailgeschäft beherrscht: das fehlerfreie Integrieren und Verifizieren von KI in tief verwurzelte, bestehende Unternehmens-Workflows.
- Nutzt Regulierung als euren stärksten USP: Viele Gründer fürchten europäische Regularien. Dreht den Spieß um! Wenn euer "medical-grade" Produkt die strengen europäischen Hürden für klinische Alltagstauglichkeit meistert, habt ihr den ultimativen Qualitätsnachweis für den globalen Markt.
- Baut die Schaufeln für den Goldrausch: Ob in Biotech oder Robotik – versucht nicht, den finalen Roboter oder Wirkstoff komplett allein zu bauen. Entwickelt stattdessen die renditestarken Zwischenschichten wie Middleware, Tooling oder den "Brain Layer", also jene Software, die KIs überhaupt erst befähigt, in komplexen Umgebungen zu agieren.
- B2B-Infrastruktur schlägt Sci-Fi-Visionen: VCs finanzieren aktuell keine Luftschlösser. Baut euren Business Case in Bereichen wie Space oder Energy auf knallharter Infrastruktur-, Sicherheits- und Industriepolitik auf. Wer Schlagworte wie "technologische Souveränität" glaubhaft mit einem starken B2B-Produkt untermauern kann, punktet beim Fundraising.
Fazit: Vom Gründen zum Überzeugungstäter
Wie die Studie passend zuspitzt: Europa fehlt nicht der nächste Gründerjahrgang. Europa kann gründen – jetzt muss Europa lernen, mit Überzeugung zu skalieren. Wer heute ein Start-up in den Bereichen Deeptech, AI oder Robotics gründet, muss vom ersten Tag an groß denken. Nur wer die Wertschöpfung und das Ownership konsequent in der eigenen Region hält, macht aus einem starken europäischen Start-up auch einen globalen Kategorie-Führer.
Prämierter Gründungsgeist an der Uni
Elf Mainzer Studierende wurden für ihren Beitrag bzw. ihr Engagement zum regionalen Technologietransfer als treibende Kraft des Rhein-Main-Ökosystems geehrt.
Um ein dynamisches Start-up-Ökosystem aufzubauen, braucht es nicht nur Kapital und Forschung, sondern vor allem eine aktive Basis an den Hochschulen. Für ihren Beitrag zum regionalen Technologietransfer wurden am 5. März 2026 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) elf Studierende ausgezeichnet. Die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt überreichte die Ehrung gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Müller-Stach, Vizepräsident der JGU, und Charlie Müller, Founder & Managing Director von Futury.
Struktureller Aufbau statt reiner Theorie
Die prämierten Studierenden engagieren sich primär im Umfeld des Entrepreneurs Club Mainz (ECM) sowie der studentischen Gründungsinitiative LAUNCH Rhein-Main, die heute hochschulübergreifend in Mainz, Frankfurt und Darmstadt aktiv ist. Sie wurden dafür geehrt, Start-up-Strukturen auf dem Campus nachhaltig zu institutionalisieren und das regionale Ökosystem entscheidend voranzubringen. Zu den wesentlichen, von den Studierenden mitgestalteten Meilensteinen des vergangenen Jahres zählen:
- Akademische Integration: Erstmals können sich Studierende an der JGU ihr Engagement über das Zertifikatsprogramm Entrepreneurship mit ECTS-Punkten auf das Studium anrechnen lassen.
- Sichtbarkeit: Die Durchführung zweier Demo Days bot eine Bühne für 24 Startup-Pitches vor mehr als 350 Teilnehmenden.
- Ökosystem-Finanzierung: Beim „Tag der Metropolregion“ sicherten sich die Initiativen 10.000 Euro Preisgeld für den weiteren Ausbau des studentischen Gründungsnetzwerks.
- Talententwicklung: Mit der „LAUNCH Talent Forge“ wurde ein neues Leadership-Programm für die nächste Generation studentischer Führungskräfte etabliert.
- Praxis-Validierung: Der Start der „Venture Labs“ ermöglichte Teams in der Frühphase die Teilnahme an Hackathons und einem fünfwöchigen Validation Track.
Zentraler Baustein einer bundesweiten Strategie
Die Relevanz dieser studentischen Basisarbeit zeigt sich im größeren wirtschaftspolitischen Kontext der Region. Das in Frankfurt am Main ansässige Innovationsnetzwerk Futury, einer der Initiatoren der Auszeichnung, gilt als Europas führendes industriegetriebenes Startup-Ökosystem. Getragen wird Futury von einer Allianz aus 33 Partnern aus Unternehmen und Stiftungen sowie vier Hochschulen: der Frankfurt School of Finance & Management, der Goethe-Universität Frankfurt, der TU Darmstadt und der JGU.
Das erklärte Ziel des Ökosystems ist es, den Transfer wissenschaftlicher Exzellenz in den Markt zu strukturieren, sodass daraus bis zum Jahr 2030 rund 1.000 neue Startups entstehen. Dafür wird Futury als eine von bundesweit zehn Startup Factories mit bis zu 10 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt gefördert.
In diesem Zusammenhang betonte Wirtschaftsministerin Schmitt, dass die Gründungskultur an den Hochschulen beginnen müsse. Eine frühe Berührung mit unternehmerischem Handeln sei essenziell, um Innovationen in Zukunftsfeldern wie Life Sciences, künstlicher Intelligenz und DeepTech zu fördern. Auch JGU-Vizepräsident Müller-Stach ordnete die Auszeichnung in die übergeordnete Transferstrategie der Universität ein: Es bedürfe eines Kulturwandels, um wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in gesellschaftlichen Impact und unternehmerische Lösungen – etwa für die Gesundheitsversorgung oder mehr Nachhaltigkeit – zu übersetzen.
Infokasten: Die exist-Programme des Bundes
Das Programm exist ist die zentrale Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) zur Förderung von Existenzgründungen aus der Wissenschaft. Es wird teilweise durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) kofinanziert und zielt darauf ab, das Gründungsklima an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu verbessern.
Die wichtigsten exist-Fördersäulen im Überblick:
- exist-Gründungsstipendium: Richtet sich an Studierende, Absolventen und Wissenschaftler. Es unterstützt die Vorbereitungsphase der Unternehmensgründung für maximal ein Jahr, um einen tragfähigen Businessplan auszuarbeiten und das Produkt oder die Dienstleistung zur Marktreife zu bringen. Neben der Sicherung des Lebensunterhalts werden Sach- und Coachingmittel bereitgestellt.
- exist-Forschungstransfer: Fördert besonders anspruchsvolle, forschungsbasierte Gründungsvorhaben (DeepTech), die mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten verbunden sind. Das Programm ist in zwei Phasen unterteilt: Phase I (Nachweis der technischen Machbarkeit und Businessplan-Erstellung) und Phase II (Unternehmensgründung und Vorbereitung einer externen Unternehmensfinanzierung).
- exist-Women: Eine spezifische Förderlinie, die gezielt darauf ausgerichtet ist, gründungsinteressierte Frauen an Hochschulen zu unterstützen und den Anteil von weiblichen Gründerinnen im Start-up-Ökosystem nachhaltig zu erhöhen.
- exist Startup Factories: Im Rahmen dieses Leuchtturmwettbewerbs fördert der Bund überregionale, hochprofessionelle Gründungszentren (wie Futury). Diese Factories agieren als eigenständige Unternehmen und binden gezielt private Investoren sowie etablierte Unternehmen ein, um deutsche Start-up-Ökosysteme auf internationales Spitzenniveau zu heben.
Wenn das T-Shirt den Tremor stoppt: MedTech Noxon schließt Mio.-Seed-Runde ab
Das Münchner Start-up Noxon macht menschliche Muskeln zur digitalen Schnittstelle. Mit einer millionenschweren Finanzierung durch den HTGF und Bayern Kapital rückt die klinische Zulassung des textilen „Muscle-Computer-Interface“ näher. Doch der Weg vom smarten Wearable zum erstattungsfähigen Medizinprodukt birgt enorme regulatorische und physikalische Hürden. Eine Einordnung.
Neurologische und muskuloskelettale Erkrankungen nehmen weltweit rasant zu. In der Rehabilitation sowie bei neurologischen Krankheitsbildern wie Parkinson oder Lähmungen nach Schlaganfällen werden Muskeldiagnostik und -stimulation jedoch meist nur punktuell und rein klinisch durchgeführt. Das Resultat: Im Alltag fehlen kontinuierliche Daten und eine sich anpassende, durchgehende Therapie.
Das 2022 gegründete Münchner MedTech-Start-up Noxon will diese Versorgungslücke nun schließen. Mit dem Abschluss einer millionenschweren Seed-Finanzierungsrunde unter Führung des High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Bayern Kapital (unter Beteiligung von Auxxo und einem weiteren institutionellen Investor) sichert sich das junge Unternehmen das nötige Kapital für die klinische Zertifizierung und den geplanten Markteintritt.
Aus dem Drucklabor zum DeepTech
Die Ursprünge von Noxon reichen in das Jahr 2021 zurück. Maria Neugschwender, damals 22-jährige Studentin, startete das Projekt an der Hochschule München (HM). Unterstützt vom dortigen Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) und den Drucklaboren der HM, begann sie zusammen mit ihrem Gründungteam Marius Neugschwender und Ka Hou Leong damit, etablierte Druckverfahren (wie den Siebdruck) mit intelligenten, funktionalen Tinten zu kombinieren.
Heute ist Noxon ein DeepTech-Unternehmen, das als Spin-off tief in der universitären Forschung verwurzelt ist. Neben der Hochschule München bestehen enge technologische und klinische Verflechtungen mit der Neurowissenschaftsgruppe N-Squared Lab der FAU Erlangen-Nürnberg sowie dem Universitätsklinikum Würzburg, mit denen Noxon an Pilotanwendungen forscht.
Die Technologie: Eine geschlossene Feedback-Schleife auf der Haut
Das technologische Herzstück von Noxon ist ein alltagstaugliches, nicht-invasives Muscle-Computer-Interface (MCI). Das Unternehmen druckt hauchdünne Biosensoren direkt auf Textilien, Bandagen oder Tapes (ein erstes Produkt trug den Namen „Silverstep“).
Der eigentliche USP liegt jedoch in der Bidirektionalität: Die intelligente Kleidung liest die elektrischen Muskelsignale in Echtzeit aus, decodiert mithilfe von KI die Bewegungsabsichten des Patienten und schließt die Schleife, indem sie über Neuromuskuläre Elektrische Stimulation (NMES) gezielte Impulse zurücksendet. Wenn die Signalübertragung vom Gehirn zum Muskel beeinträchtigt ist, übernimmt das Wearable die Steuerung. So sollen beispielsweise Lähmungen therapiert, Muskelatrophie verhindert oder der Tremor bei Parkinson-Patienten aktiv unterdrückt werden.
Markt und Wettbewerb: Zwischen Tech-Giganten und MedTech-Dinos
Der Markt für Wearable MedTech und Neuroprothetik wächst rasant und ist von einer enormen Dynamik geprägt. Angesichts einer alternden Weltbevölkerung und der weltweiten Zunahme neurologischer sowie muskuloskelettaler Erkrankungen adressiert Noxon einen gigantischen Markt von potenziell über 1,1 Milliarden betroffenen Menschen. Der Trend in der Gesundheitsversorgung geht dabei eindeutig weg von der rein klinischen, punktuellen Diagnostik hin zu kontinuierlichem Monitoring und adaptiven Therapien im häuslichen Alltag. Genau an dieser lukrativen, aber auch hart umkämpften Schnittstelle zwischen Consumer-Wearables, digitaler Diagnostik und aktiver Therapie positioniert sich das Münchner Start-up.
In diesem hochkompetitiven Umfeld betritt Noxon den Ring mit Schwergewichten aus völlig unterschiedlichen Sektoren. Im spezifischen Bereich der Tremor-Therapie hat sich beispielsweise das US-Unternehmen Cala Health mit einem Handgelenks-Wearable zur elektrischen Nervenstimulation bereits erfolgreich etabliert und den Weg für solche Behandlungsformen geebnet.
Gleichzeitig drängen milliardenschwere Big-Tech-Akteure auf den Plan: Meta forscht nach der Übernahme von CTRL-labs mit enormen Budgets an EMG-Armbändern, die neuronale Muskelsignale auslesen und in digitale Steuerungsbefehle übersetzen sollen. Und auch im klassischen Segment der Muskelstimulation und Orthetik muss sich Noxon gegen etablierte Platzhirsche behaupten – von Compex, die den Sportbereich dominieren, bis hin zu Weltmarktführern wie Ottobock bei komplexen neuro-orthopädischen Hilfsmitteln.
Um zwischen diesen Tech-Giganten und MedTech-Dinos zu bestehen, setzt das Spin-off auf eine klare Differenzierungsstrategie. Die Stärke von Noxon liegt in der Unauffälligkeit und der technologischen Tiefe: Anstatt klobige Geräte zu entwickeln, integriert das Team die Sensortechnik mittels Textildruck nahtlos in alltagstaugliche Bandagen und Tapes. Vor allem aber grenzt sich Noxon durch die geschlossene, medizinische Feedback-Schleife ab. Während herkömmliche Wearables meist nur Daten sammeln, vereint Noxon kontinuierliches Messen und personalisiertes Stimulieren in einem einzigen System, das aktiv in den Behandlungsverlauf eingreift.
Noxon: „High Risk, High Reward“-Modell mit großen Herausforderungen
Für Gründer*innen und Investoren*innen präsentiert sich Noxon als klassisches „High Risk, High Reward“-Modell im stark wachsenden DeepTech-Sektor. Dass erfahrene VCs wie der HTGF und Bayern Kapital in dieser Phase einsteigen, ist ein starkes Signal für den Reifegrad der zugrundeliegenden Technologie. Dennoch steht dem Start-up der eigentliche Härtetest erst noch bevor, denn das unternehmerische Risiko wird maßgeblich durch drei zentrale Hürden definiert.
Zunächst muss Noxon die physikalischen Grenzen der Hardware im Alltagstest überwinden. Gedruckte Elektronik auf Textilien unterliegt extremen Belastungen durch Bewegung, Schweiß und Reinigung. Das Team muss zweifelsfrei beweisen, dass die feinen Biosensoren auch nach dutzenden Waschgängen und bei ständiger Reibung am Körper noch verlässliche, medizinisch verwertbare und artefaktfreie Daten liefern können.
Daran schließt sich nahtlos die berüchtigte regulatorische Hürde an. Der Übergang von einem smarten Wearable zu einem offiziell zugelassenen Medizinprodukt ist unter der strengen europäischen Medical Device Regulation (MDR) ein extrem zeit- und kapitalintensiver Prozess. Genau für diese Phase wird das frisch eingesammelte Seed-Kapital dringend benötigt, denn unvorhergesehene Verzögerungen in den erforderlichen klinischen Studien können MedTech-Start-ups in dieser Entwicklungsstufe schnell die finanzielle Reichweite (Runway) kosten.
Ein weiterer, alles entscheidender Erfolgsfaktor für die Skalierung ist die Erstattungsfähigkeit. CEO Maria Neugschwender betont zwar das Ziel, Muskelgesundheit für jeden bezahlbar zu machen, doch in der Breite gelingt dies im Gesundheitssystem meist erst, wenn die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Noxon muss handfeste klinische Evidenz erbringen, um perspektivisch in das Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen oder als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) anerkannt zu werden. Ein reines B2C-Geschäftsmodell, bei dem chronisch kranke Patientinnen und Patienten die Kosten als Selbstzahler tragen, wäre kaum im großen Stil skalierbar.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Noxon mit seiner Lösung eines der drängendsten Probleme einer alternden Gesellschaft adressiert. Gelingt es dem Münchner Gründungsteam, die komplexe Brücke zwischen widerstandsfähiger Sensor-Hardware, präziser KI-Decodierung und strenger klinischer Zertifizierung erfolgreich zu schlagen, könnte das Start-up tatsächlich einen neuen Standard in der neurologischen Rehabilitation setzen. Bis die smarte Kleidung jedoch ganz selbstverständlich auf Rezept erhältlich ist, bleibt es eine hochspannende und überaus herausfordernde unternehmerische Reise.
11 Mio. Euro für Physical AI: Wie FLEXOO Hardware zum Sprechen bringen will
Das Heidelberger Sensorik-Start-up FLEXOO hat eine Series-A-Finanzierungsrunde über 11 Mio. Euro erfolgreich abgeschlossen. Mit dem Kapital plant FLEXOO die internationale Skalierung seiner Sensorplattform für Batterie-Speichersysteme und die Automobilindustrie.
Vom Forschungsprojekt zum DeepTech-Unternehmen
Hinter dem ambitionierten Vorhaben steht ein fünfköpfiges Gründerteam, das akademisches Know-how mit industriellem Anspruch verbinden will. Geführt wird das Heidelberger Unternehmen von Founding CEO und Managing Director Dr. Michael Kröger. Zum Gründungsteam gehören zudem Sieer Angar (Chairman of the Board), Dr. Mathieu Turbiez (Chief Revenue Officer), Dr. Jean-Charles Flores (Director Market Development North America) und Dr. Janusz Schinke (Managing Director).
Diese starke akademische Prägung ist typisch für DeepTech-Ausgründungen. Das Start-up hat seine technologischen Wurzeln im hochspezialisierten Umfeld der gedruckten Elektronik. Um diese Expertise zu kommerzialisieren, wurde die FLEXOO GmbH im Jahr 2024 offiziell als eigenständiges Spin-off des renommierten Heidelberger InnovationLab gegründet. Die Bündelung dieser Kompetenzen in einer eigenständigen Gesellschaft war der strategische Schritt, um eine Technologiearchitektur, die laut Investorenangaben von der Forschung bis zur Markteinführung validiert wurde, nun auf die globale industrielle Skalierung zu trimmen.
Das Versprechen: Hochauflösende Daten aus dem Inneren der Maschine
FLEXOO adressiert eine reale Schwachstelle aktueller KI-Systeme: KI-Algorithmen benötigen hochauflösende Echtzeit-Daten über den physikalischen Zustand von Hardware. Das Gründerteam hat dafür eine Sensorplattform entwickelt, die ultradünne, flexibel formbare Sensoren mit Edge-AI kombiniert.
Die Kerninnovation liegt laut Unternehmensangaben im Formfaktor: Die Sensoren sind unter 200 Mikrometer dünn und sollen sich nahtlos in nahezu jede Oberfläche oder Struktur integrieren lassen. Im Bereich der Batterietechnologie liefert dies auf dem Papier messbare Mehrwerte: FLEXOO gibt an, dass Validierungen mit führenden Batterieherstellern Kapazitätsgewinne von bis zu 5 Prozent zeigen. Dies soll komplett ohne Änderungen am Batteriezell-Design oder der bestehenden Zellchemie gelingen. Zudem sollen durch die direkten Daten auf Zellebene Frühwarnsysteme etabliert werden, die drohende Batterieausfälle proaktiv verhindern. Solche „bis zu“-Werte sind in frühen Validierungsphasen stets mit Vorsicht zu genießen, bis sie sich in der industriellen Massenanwendung verlässlich reproduzieren lassen.
Die Produktion als eigentlicher Hebel
Der entscheidende Überlebensfaktor für ein Hardware-Start-up ist die Skalierbarkeit der Produktion. FLEXOO setzt hier auf eine hochvolumige Druckfertigung, die nahezu jede Geometrie ermöglichen soll. Die Sensoren werden nicht aufwendig einzeln zusammengebaut, sondern gedruckt. Das ermöglicht laut Aussage der Investoren eine Kostenstruktur, die den breiten industriellen Einsatz erst realistisch macht und ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis liefert.
Das Start-up reklamiert dabei selbstbewusst für sich, den weltweit präzisesten taktilen Sensor zu produzieren. Ob das patentierte Verfahren und die Fertigung „Made in Germany“ diesen technologischen Vorsprung gegen die immense Konkurrenz langfristig verteidigen können, wird sich letztlich in den harten Preisverhandlungen der Zulieferer-Industrie zeigen.
Die Realität der Skalierung: Verträge statt Prototypen
Trotz des starken technologischen Fundaments steht FLEXOO nun vor der klassischen Herkulesaufgabe für Hardware-Start-ups: Die Überführung von vielversprechenden Prototypen in ein profitables Seriengeschäft. Mit dem Abschluss der Series-A-Runde fokussiert sich das Unternehmen 2026 richtigerweise auf den Ausbau des internationalen Vertriebs und die Sicherung strategisch relevanter Lieferverträge. Zudem ist die Bereitstellung von Prototypen der Physical-AI-Plattform an Entwicklungspartner fest eingeplant.
Die Zusammensetzung der Investoren ist hierbei ein strategischer Vorteil: eCAPITAL bringt Erfahrung bei Deep-Tech-Unternehmen und einen klaren Fokus auf ClimateTech sowie IoT mit. AUMOVIO wiederum kann über seine Start-up-Einheit co-pace direkten Zugang zur globalen Automobil- und Mobilitätsindustrie bieten.
Dass FLEXOO parallel Einsatzfelder in stark wachsenden Zukunftsbereichen wie der humanoiden Robotik ins Auge fasst, deutet das enorme Potenzial der Sensor-Plattform an. Ob aus diesem Versprechen jedoch wirklich ein globaler Standard für Physical AI wird, müssen erst die harten Serien-Validierungen der nächsten Jahre zeigen. "Hardware is hard" – das gilt auch für smarte, gedruckte Sensoren aus Heidelberg.
Qualifizierte Migration darf kein Irrgarten sein
Um die Migration qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland zu erleichtern, haben Studierende der Universität zu Köln im Jahr 2024 VisaFlow ins Leben gerufen. Heute präsentiert sich die App als ultimativer Leitfaden, der dabei hilft, sich im deutschen Einwanderungsprozess zurechtzufinden. CEO Georg Nauheimer erzählt, was es damit auf sich hat und warum das exist-Programm vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) dabei eine doppelt wichtige Rolle spielt.
Was hat Sie und Ihre Mitgründer*innen motiviert, VisaFlow zu starten?
Im Studium erlebten wir – insbesondere am Beispiel unseres Teammitglieds Cheyenne aus den USA – die Herausforderungen, die sich bei der Einwanderung nach Deutschland ergeben. Die Prozesse zur Erteilung eines Visums oder einer Aufenthaltserlaubnis sind bisher überaus komplex und belastend; für Talente, Hochschulen und Unternehmen. Dabei steht fest, dass allein aufgrund der hiesigen demografischen Entwicklung qualifizierte Migration unverzichtbar ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Unsere Vision ist deshalb die einer Welt, in der die internationale Mobilität geeigneter Fachkräfte nicht durch intransparente und ineffiziente Visumsprozesse eingeschränkt wird.
Was ist bisher die größte Hürde?
Ob als Student, Fachkraft oder mit einer Unternehmensidee: Wer aus dem nicht-europäischen Ausland den Schritt nach Deutschland wagt, sieht sich häufig einem schwer durchschaubaren bürokratischen Prozess gegenüber. Unklare Anforderungen, widersprüchliche Informationen, schwer verständliche Formulare in Amtsdeutsch und lange Wartezeiten machen das Einwanderungsverfahren zu einem regelrechten Irrgarten. Es bleibt immer die Unsicherheit, dass selbst ein kleiner formaler Fehler zu enormen Verzögerungen führen kann. Und bei der Verlängerung von Visa und Aufenthaltstiteln geht alles von vorne los. Genau hier setzt VisaFlow an: Unser Ziel ist es, diese Komplexität zu reduzieren, Transparenz zu schaffen und die Reibung im System für alle Beteiligten nachhaltig zu minimieren.
Inwiefern kann eine App dabei helfen?
Wir haben ein benutzerfreundliches Programm entwickelt, das den gesamten Prozess der Identifizierung, Ausfüllung und Einreichung erforderlicher Unterlagen optimiert. VisaFlow führt Nutzerinnen und Nutzer wie ein persönlicher Guide durch den in verständliche Schritte zerlegten Prozess – von der ersten Frage „Welches Visum brauche ich eigentlich?“ bis zur vollständigen, korrekt eingereichten Bewerbung. Kein Rätselraten mehr, keine unnötigen Umwege. Statt nüchterner Behördenlogik rückt die App die Perspektive der Menschen in den Mittelpunkt. Sie strukturiert Anforderungen, erinnert an Fristen, erklärt Dokumente in einfacher Sprache und sorgt dafür, dass nichts vergessen wird. Alles folgt einem klaren Flow – genau daher der Name.
Welche Rolle spielt exist – from science to business in diesem Kontext?
Exist ist für uns gleich doppelt wichtig! Zunächst als Förderpartner. Als wir 2024 an der Universität zu Köln mit VisaFlow gestartet sind, war schon der Bewerbungsprozess um das exist Gründungsstipendium ein wertvolles Training, die Zusage dann ein entscheidender Meilenstein. Von zentraler Bedeutung war natürlich die finanzielle Absicherung in der frühen Phase. Insgesamt verschaffte uns das Programm den zeitlichen Freiraum, den klaren Fokus und die notwendige Rückendeckung, um unsere Idee konsequent weiterzuentwickeln und zur Marktreife zu führen. Bis heute profitieren wir außerdem von der starken Signalwirkung, die exist als Qualitätssiegel gegenüber potenziellen Kunden, Partnern und Investoren entfaltet. Auch die Netzwerkkontakte sowie die fachliche Begleitung während des Förderzeitraums haben maßgeblich zu unserem Fortschritt beigetragen. Unser Fazit: Für Gründungsteams aus dem wissensbasierten Ökosystem ist exist nicht nur die bewährte erste Anlaufstelle, sondern die zentrale Förderung, die unbedingt genutzt werden sollte.
Um das Tempo von Gründungen aus der Wissenschaft zu beschleunigen, hat das BMWE den Antragsprozess des exist-Programms vereinfacht. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Vor allem die digitale Antragstellung ist ein großer Fortschritt. Bei uns lief bereits fast alles digital, inklusive Unterschriften und Kommunikation. Eine Erleichterung ist auch der reduzierte Umfang der Antragsunterlagen, insbesondere das kürzere Ideenpapier, das dazu zwingt, wirklich auf den Punkt zu kommen. Die Sachmittelpauschalen haben wir noch nicht genutzt, wir sehen diese allerdings auch als weiteren Schritt der Entbürokratisierung im exist-Programm. Positiv hervorzuheben sind außerdem die überarbeiteten Webseiten, die von Anfang an für Klarheit sorgen. Insgesamt kommt hier also genau das Rezept zum Einsatz, das wir uns auch in unserem Thema wünschen: Digitale Abläufe, mehr Transparenz und weniger Aufwand für alle im System!
Sie sagten, das exist-Programm sei für VisaFlow gleich doppelt wichtig. Was meinen Sie damit?
Tatsächlich verbindet uns auch unsere Mission: Mit der Einrichtung des Global Certification and Consulting Centre (GCCC) durch das BMWE im Jahr 2024 als Teil des exist-Programms haben sich inhaltliche Schnittstellen ergeben. Hintergrund ist die Reform des Aufenthaltsgesetzes, die Nicht-EU-Gründer und -Gründerinnen bei exist-Finanzierung den Zugang zu Visa und Aufenthaltstiteln ermöglicht. Dabei fungiert das GCCC als zentrale Schnittstelle zwischen Auslandsvertretungen, Behörden, Hochschulen und internationalen Gründungsteams. Auch prüft und zertifiziert es stipendienbasierte Gründungsprogramme. Daraus ergeben sich mehrere Ansatzpunkte für eine wertstiftende Zusammenarbeit zwischen dem GCCC und VisaFlow.
Wie könnte eine solche Zusammenarbeit aussehen?Um internationale Gründungen in Deutschland nachhaltig zu fördern, wäre die gezielte Bündelung der jeweiligen Kompetenzen denkbar. GCCC bringt spezialisiertes Fachwissen, ein belastbares Netzwerk sowie Sichtbarkeit im exist-Umfeld in den Prozess ein. VisaFlow steuert eine skalierbare Technologielösung und umfassendes Behördenwissen bei, wodurch sich die Qualität von Visums- und Aufenthaltstitelanträgen bereits im Vorfeld deutlich verbessern lässt. Darüber hinaus sind verschiedene gemeinsame Projekte möglich, etwa Trainingseinheiten zur Digitalisierung von Abläufen sowie zur praxisnahen Umsetzung neuer gesetzlicher Regelungen in den Behörden.
Geben Sie uns noch einen Überblick, wo VisaFlow aktuell steht.Sehr gern. Aktuell arbeiten wir bundesweit mit über 60 Hochschulen zusammen. Wir haben bereits mehr als 4.000 Fälle erfolgreich unterstützt, die Nachfrage ist weiter groß. Daneben treiben wir mit unserem Innovationspartner Rewe Group die Entwicklung einer Produktlinie für Unternehmen und deren Personalabteilungen voran. Für uns ist es zentral, Lösungen stets im Co-Development mit den Nutzerinnen und Nutzern zu entwickeln. In diesem speziellen Fall ist es unser Ziel, eine skalierbare End-to-End-Lösung zu entwickeln, die Unternehmen bei internationalen Einstellungen deutlich entlastet und Bewerberinnen und Bewerbern eine signifikant bessere Onboarding-Erfahrung ermöglicht. Der Plan ist, damit Mitte dieses Jahres an den Start zu gehen.
Herr Nauheimer, vielen Dank für das Gespräch!
Infokasten
Was ist exist?
Das exist-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) fördert wissensbasierte Gründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Es stärkt den Transfer von Forschung in marktfähige Produkte und Dienstleistungen und eröffnet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine klare Karriereoption im Unternehmertum.
Für gründungsinteressierte Studierende, Absolventinnen und Absolventen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Entwicklungen und Aktivitäten zur Förderung und Unterstützung von Gründerinnen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Für forschungsbasierte Gründungsvorhaben mit aufwendigen, risikoreichen Entwicklungsarbeiten.
Zehn Leuchttürme des deutschen Startup-Ökosystems zur Steigerung von Anzahl und Qualität wissensbasierter Ausgründungen.
Bewerbungen erfolgen über die Hochschule/Forschungseinrichtung an den Projektträger.
Weitere Informationen unter www.exist.de
10 Mio. Euro Series-A: VoiceLine transformiert den Außendienst mit Sprach-KI
Das 2020 von Dr. Nicolas Höflinger und Sebastian Pinkas gegründete Münchner Start-up VoiceLine hat eine Finanzierungsrunde über 10 Mio. Euro abgeschlossen, um seine Voice-AI-Plattform für Frontline-Teams international zu skalieren.
Angeführt von Alstin Capital und Peak, unterstützt durch Scalehouse Capital, Venture Stars und NAP, setzt das Unternehmen auf ein massives Umsatzwachstum von 1.000 % gegenüber dem Vorjahr.
Fokus auf den „Motor“ der B2B-Wirtschaft
Die Gründer Dr. Nicolas Höflinger und Sebastian Pinkas haben VoiceLine als Lösung für ein zentrales Problem im Arbeitsalltag von Außendienst-Teams positioniert. Während diese Teams oft den Großteil des Tages beim Kunden oder auf Reisen verbringen, bleibt die CRM-Pflege und Dokumentation häufig auf der Strecke oder wird auf den späten Abend verschoben. Dies führt zu unvollständigen Berichten und dem Verlust wertvoller Marktinformationen. VoiceLine löst dies mit einem KI-Assistenten, der Sprachnotizen direkt in strukturierte CRM-Einträge, Besuchsberichte und Folgeaufgaben überführt.
Messbare Ergebnisse bei Industrie-Größen
Dass der technologische Ansatz funktioniert, belegen die Zahlen bei namhaften Kunden wie DACHSER, ABB, Knauf und KSB. Laut Unternehmensangaben sparen Vertriebsmitarbeiter durch die Lösung rund fünf Stunden pro Woche an administrativem Aufwand ein. Die Datenqualität aus dem Feld steigt um bis zu 400 %, während die Implementierung durch eine proprietäre Engine oft innerhalb weniger Tage abgeschlossen ist. Andreas Schenk, Partner bei Alstin Capital, betont, dass VoiceLine Sprach-KI damit zum echten „Produktivitäts-Hebel“ für mobile Teams macht.
Strategische Expansion und massives Team-Wachstum
Mit dem frischen Kapital plant VoiceLine, die Mitarbeiterzahl am Hauptsitz in München noch in diesem Jahr mehr als zu verdoppeln. Neben der internationalen Expansion soll der Fokus verstärkt auf Branchen wie Pharma, Medtech sowie Versicherungen und Finanzdienstleistungen ausgeweitet werden. CEO Nicolas Höflinger sieht in der Series-A den entscheidenden Meilenstein, um VoiceLine europaweit als Standard-Schnittstelle für Frontline-Organisationen zu etablieren.
ewigbyte: Datenspeicher für die Ewigkeit?
Wie das 2025 von Dr. Steffen Klewitz, Dr. Ina von Haeften und Phil Wittwer gegründete Münchner DeepTech-Start-up Microsoft und die Tape-Industrie herausfordert und sich für seine Mission 1,6 Millionen Euro Pre-Seed-Kapital sichert.
Daten werden oft als das „Öl des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, doch ihre Lagerung gleicht technologisch oft noch dem Stand der 1950er Jahre. Während Künstliche Intelligenz und IoT-Anwendungen den weltweiten Datenhunger exponentiell in die Höhe treiben, werden Informationen physisch meist noch auf Magnetbändern (LTO) oder Festplatten archiviert. Diese Medien sind energiehungrig, müssen alle paar Jahre aufwändig migriert werden und sind anfällig für physikalische Zerfallsprozesse.
In diesen Markt für sogenannte Cold Data – also Daten, die archiviert, aber selten abgerufen werden – stößt nun das Münchner DeepTech-Start-up ewigbyte. Das Unternehmen, das erst im Jahr 2025 gegründet wurde, gab heute den Abschluss einer Finanzierungsrunde bekannt, die den Übergang in die industrielle Entwicklung ermöglichen soll. Angeführt wird das Konsortium von Vanagon Ventures und Bayern Kapital, ergänzt durch Business Angels aus dem BayStartUP-Netzwerk. Doch der Weg zum Markterfolg ist kein Selbstläufer, denn das Startup betritt ein Feld, auf dem sich bereits globale Giganten und etablierte Industriestandards tummeln.
Der Markt: Ein schlafender Riese erwacht
Der Zeitpunkt für den Vorstoß scheint indes gut gewählt. Branchenanalysten schätzen den globalen Markt für Archivdaten („Cold Storage“) auf ein Volumen von rund 160 bis 180 Milliarden Euro, mit Prognosen, die bis Mitte der 2030er Jahre auf über 450 Milliarden Euro ansteigen. Getrieben wird dies nicht nur durch KI-Trainingsdaten, sondern auch durch verschärfte Compliance-Regeln und den massiven Anstieg unstrukturierter Daten. Die derzeit dominierende Magnetband-Technologie stößt jedoch zunehmend an physikalische Dichtegrenzen und zwingt Rechenzentren zu kostspieligen Migrationszyklen alle fünf bis sieben Jahre, um Datenverlust durch Entmagnetisierung („Bit Rot“) zu verhindern.
Lasergravur statt magnetischer Ladung: So funktioniert es
Der Ansatz von ewigbyte bricht radikal mit diesem Paradigma. Statt Daten magnetisch oder elektronisch zu speichern, nutzt das Startup Femtosekunden-Laser, um Informationen mittels ultrakurzer Lichtpulse direkt in Quarzglas einzuschreiben.
Das Verfahren ähnelt mikroskopisch kleinen QR-Codes, die dreidimensional in das Material „graviert“ werden (Voxel). Das zentrale Versprechen: Einmal geschrieben, benötigen die Daten keinerlei Energie mehr zur Erhaltung. Das Glas ist resistent gegen Hitze, Wasser, elektromagnetische Impulse (EMP) und Cyberangriffe, da die Daten physisch fixiert sind (WORM-Speicher: Write Once, Read Many). Laut ewigbyte ermöglicht dies eine dauerhafte Archivierung über Jahrhunderte ohne die sonst üblichen laufenden Kosten für Klimatisierung und Migration.
Vom Hardware-Verkauf zum „Storage-as-a-Service“
Interessant für Gründer ist der strategische Schwenk im Geschäftsmodell, den ewigbyte vollzieht. Anstatt teure und wartungsintensive Lasermaschinen an Kunden zu verkaufen (CAPEX-Modell), positioniert sich das Start-up als Anbieter von „Storage-as-a-Service“. Kunden mieten Speicherkapazität, ewigbyte übernimmt das komplexe Handling der Laser. Dies senkt die Einstiegshürde für Pilotkunden massiv, erfordert aber vom Start-up hohe Vorab-Investitionen in die eigene Infrastruktur – ein klassisches „DeepTech“-Wagnis, das nur mit geduldigem Kapital funktioniert.
David gegen Goliath: Das Rennen um das Glas
Mit der Technologie ist ewigbyte allerdings nicht allein auf weiter Flur. Das Start-up begibt sich in direkten Wettbewerb mit einem der größten Technologiekonzerne der Welt: Microsoft forscht unter dem Namen „Project Silica“ seit Jahren an exakt dieser Technologie, um seine eigene Azure-Cloud-Infrastruktur unabhängiger von Magnetbändern zu machen. Auch lokal gibt es Konkurrenz: Das ebenfalls in München und den USA ansässige Unternehmen Cerabyte verfolgt einen ähnlichen Ansatz mit keramisch beschichtetem Glas, setzt dabei aber stärker auf kassettierte Hardware-Verkäufe.
Ewigbyte muss sich in diesem „Haifischbecken“ also klug positionieren. Mit dem frischen Kapital von 1,6 Millionen Euro will das Gründungsteam um CEO Dr. Steffen Klewitz, Technologiechef Phil Wittwer und Operations-Chefin Dr. Ina von Haeften nun den Schritt von der Forschung in die industrielle Anwendung vollziehen. Geplant ist die Entwicklung eines Prototyps, der als Basis für erste Pilotprojekte ab 2026 dienen soll. Ein entscheidender Vertrauensbeweis ist dabei der kürzlich erhaltene Validierungsauftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). Dieses Mandat gilt in der DeepTech-Szene als Ritterschlag, da SPRIND gezielt Technologien fördert, die das Potenzial haben, Märkte disruptiv zu verändern, für klassische VCs aber oft noch zu risikoreich sind.
Die technologischen Nadelöhre
Trotz der Euphorie über die Finanzierung und das SPRIND-Siegel bleiben die technischen und ökonomischen Hürden hoch. Die Achillesferse optischer Speichermedien war historisch immer die Schreibgeschwindigkeit (Throughput). Während ein Magnetband Daten in rasender Geschwindigkeit aufspult, muss ein Laser beim Glas-Speicher physische Punkte brennen. Um im Zeitalter von Petabytes konkurrenzfähig zu sein, muss ewigbyte eine massive Parallelisierung des Schreibvorgangs erreichen – das Start-up spricht hier von „über einer Million Datenpunkten pro Puls“.
Ein weiterer Knackpunkt sind die Kosten pro Terabyte. Magnetbänder sind in der Anschaffung spottbillig. Glas als Rohstoff ist zwar günstig, doch die komplexe Lasertechnik treibt die Initialkosten. ewigbyte muss beweisen, dass die Gesamtkostenrechnung (Total Cost of Ownership) über 10 oder 20 Jahre hinweg günstiger ausfällt, weil Strom- und Migrationskosten entfallen. Zudem entsteht für Kunden ein neues Risiko: Da die Daten nur mit speziellen optischen Geräten lesbar sind, begeben sie sich in eine Abhängigkeit vom Technologieanbieter (Vendor Lock-in).
Digitale Souveränität als Verkaufsargument
Hier kommt der strategische Aspekt der „Digitalen Souveränität“ ins Spiel, den auch die Investoren betonen. Da ein Großteil europäischer Daten derzeit auf US-amerikanischer Cloud-Infrastruktur liegt oder von Hardware aus Fernost abhängt, könnte eine physische, langlebige Speicherlösung „Made in Germany“ für Behörden, Banken und kritische Infrastrukturen ein entscheidendes Argument sein. Sandro Stark von Vanagon Ventures sieht im Ausbau der Speicherinfrastruktur den „Schlüssel für alles, was davor liegt: KI, Energie, Rechenleistung“.
Ob ewigbyte tatsächlich zu einem Unternehmen von „generationeller Bedeutung“ wird, wie es die Investoren hoffen, wird sich zeigen, wenn der angekündigte industrielle Prototyp die geschützten Laborbedingungen verlässt. Der Bedarf an einer Alternative zum Magnetband ist unbestritten da – das Rennen darum, wer den Standard für das Glas-Zeitalter setzt, ist hiermit eröffnet.
Seed-Runde: Leipziger HRTech clarait erhält über 1,5 Mio. Euro
Das 2023 von Johannes Bellmann, Miriam Amin und Thilo Haase gegründete Start-up clarait digitalisiert einen der letzten analogen Bereiche im Unternehmen: die Zusammenarbeit zwischen Betriebsräten und HR.
Die clarait GmbH hat den Abschluss einer Seed-Finanzierungsrunde bekanntgegeben und sichert sich Kapital in Höhe von über 1,5 Millionen Euro. Lead-Investor der Runde ist der TGFS Technologiegründerfonds Sachsen, der einen siebenstelligen Betrag investiert. Als Co-Investor beteiligt sich der HR Angels Club, ein europaweites Netzwerk aus erfahrenen HR-Führungskräften und Investoren.
Marktlücke: Der „White Spot“ zwischen HR- und Legal-Tech
Während klassische HR-Prozesse wie Payroll oder Recruiting längst digitalisiert sind, gilt der Bereich der „Labour Relations“ (betriebliche Mitbestimmung) als einer der letzten kaum erschlossenen Märkte. In vielen Unternehmen dominiert hier noch der „Status Quo“ – ein Vorgehen, das angesichts strenger Compliance-Vorgaben und der DSGVO zunehmend riskant wird.
Clarait positioniert sich hier mit zwei verknüpften SaaS-Lösungen:
- BRbase unterstützt Betriebsräte bei der strukturierten Organisation von Sitzungen, Beschlüssen und Mitbestimmungsprozessen.
- HRflows liefert der Arbeitgeberseite juristisch geprüfte Workflows für mitbestimmungspflichtige Maßnahmen.
Wettbewerb & USP: Brückenbauer statt Insellösung
Im Wettbewerbsumfeld grenzt sich das Leipziger Start-up deutlich ab. Während etablierte Anbieter oft reine Insellösungen anbieten, verfolgt clarait einen Plattform-Ansatz. Ziel ist es, den Medienbruch zwischen Personalabteilung und Gremium zu beenden und beide Seiten auf einer Infrastruktur zu verbinden.
Das Start-up adressiert damit einen wachsenden Markt, der durch steigende regulatorische Anforderungen und den Trend zu revisionssicheren Workflows getrieben wird. Zu den Kunden zählen bereits DAX-40- und Fortune-500-Unternehmen.
Der „Perfect Fit“: Praxis trifft Prozesslogik
Ein wesentlicher Faktor für das Investment dürfte die Komposition des Gründerteams sein, das die nötige Neutralität für dieses politisch sensible Thema mitbringt:
- Johannes Bellmann (CEO) vereint die Perspektiven beider Verhandlungspartner und versteht das Geschäftsmodell sowie den Markt der betrieblichen Mitbestimmung tiefgehend.
- Thilo Haase (CPO) verantwortet die inhaltliche Ausgestaltung der Plattform.
- Miriam Amin (CTO) vervollständigt das Trio als technische Mitgründerin.
„Smart Money“ und KI-Pläne
Neben dem Kapital des TGFS bringt vor allem der Einstieg des HR Angels Club strategisches Gewicht. Das Netzwerk gilt als „Smart Money“ der HR-Tech-Szene und bietet Zugang zu Entscheidern in Personal- und Organisationsfunktionen. Sören Schuster, Geschäftsführer des TGFS, sieht in der Gremienverwaltung einen „bislang nur unzureichend digitalisierten Bereich“ und bescheinigt dem Team das Potenzial zum Qualitätsführer.
Das frische Kapital soll primär in den Ausbau der Vertriebsorganisation sowie die Weiterentwicklung der Software fließen. Geplant sind unter anderem die Integration von KI-gestützten Assistenzfunktionen sowie die Vorbereitung der Internationalisierung, die zunächst im deutschsprachigen Raum erfolgen soll.
1,3 Mio. Euro Finanzierung für BauTech-Start-up conmeet
Das 2023 von Benedikt Kisner, Leandro Ananias und Lennart Eckerlein gegründete conmeet bietet eine All-in-One-Plattform für das Bau- und Handwerksgewerbe.
Nach Jahren der Entwicklung im „Stealth Mode“ meldet sich das Cloud-Software-Start-up conmeet mit einem Erfolg am Markt: Das 2023 gegründete Unternehmen hat seine Pre-Seed-Finanzierungsrunde über 1,3 Millionen Euro abgeschlossen. Das frische Kapital soll die Markteinführung der All-in-One-Plattform für das Bau- und Handwerksgewerbe beschleunigen. Als Lead-Investor tritt der VC-Fonds May Ventures auf.
Das im nordrhein-westfälischen Borken ansässige Unternehmen zielt mit seiner Lösung auf die Digitalisierung mittelständischer Bau- und Handwerksunternehmen ab. Kern des Geschäftsmodells ist eine cloud-native Plattform, die verschiedene Unternehmensbereiche wie CRM, ERP, Projektmanagement, Controlling und Banking in einer zentralen Anwendung bündelt. Ziel ist es, die in der Branche weit verbreitete Fragmentierung durch isolierte Softwarelösungen – den sogenannten „Flickenteppich“ – aufzulösen.
Erfahrene Gründer und erfolgreicher Track-Record
Hinter conmeet steht ein Trio mit komplementären Kompetenzen, das die Software in den vergangenen zwei Jahren im Verborgenen entwickelte, bevor im Sommer 2023 die formale Gründung der GmbH erfolgte und vor einigen Monaten die ersten Kunden angebunden wurden.
Der Einstieg von CEO Benedikt Kisner in den ConTech-Markt wird in der Szene dabei besonders aufmerksam verfolgt. Kisner lieferte mit dem Aufbau der netgo group eine der beachtlichsten Wachstumsstorys im deutschen IT-Mittelstand ab. Er führte das Unternehmen bis zum Exit an den Private-Equity-Investor Waterland – zum Zeitpunkt seines Ausstiegs verzeichnete die Gruppe über 1.300 Mitarbeitende und erwirtschaftete Umsätze im dreistelligen Millionenbereich. Komplettiert wird das Gründungsteam durch CTO Leandro Ananias und COO Lennart Eckerlein, der langjährige Führungserfahrung aus dem Handwerkssektor einbringt.
Marktanalyse: Angriff auf den App-Dschungel
Mit dem Marktstart tritt conmeet in ein dicht besiedeltes und umkämpftes Wettbewerbsfeld ein. Moderne Cloud-Herausforderer wie ToolTime, Plancraft oder HERO Software haben in den letzten Jahren bereits erfolgreich digitale Lösungen im Handwerk etabliert. Diese Anbieter punkten oft mit hoher Benutzerfreundlichkeit bei spezifischen Workflows wie Terminplanung oder Angebotserstellung und adressieren primär kleine bis mittlere Betriebe.
Die Differenzierungsstrategie von conmeet zielt jedoch auf eine Lücke im "Upper Mid-Market": Während viele Wettbewerber als Insellösungen fungieren, die über Schnittstellen verbunden werden müssen, positioniert sich das Start-up als integriertes Betriebssystem. Anstatt nur Büroprozesse zu digitalisieren, greift die Software tiefer in die Wertschöpfungskette ein – von der integrierten Banksteuerung bis zur Einbindung von Subunternehmern in Projekthierarchien.
Die Marktchancen stehen dabei gut, da der Leidensdruck in der Branche wächst: Der anhaltende Fachkräftemangel zwingt Bauunternehmen zur drastischen Effizienzsteigerung. Wer nicht mehr Personal findet, muss die Verwaltung automatisieren. Genau hier – in der komplexen Steuerung von Großprojekten und Firmenverbünden – will conmeet sich etablieren.
Starkes Eigeninvestment der Gründer
Eine Besonderheit der aktuellen Runde: Die drei Gründer beteiligen sich selbst mit einem substanziellen Betrag aus eigener Tasche an der Finanzierung. Als Lead-Investor tritt der Venture-Capital-Fonds May Ventures unter der Leitung von Managing Partner Maximilian Derpa auf. Derpa sieht in der Kombination aus technologischer Kompetenz und der durch Eckerlein eingebrachten Branchenerfahrung den ausschlaggebenden Faktor für das Investment: „Conmeet adressiert ein echtes Problem im Mittelstand mit einer technologisch fortschrittlichen Lösung“, so Dominik Lohle von May Ventures.
Ausblick: KI-Integration und Ökosystem
Mit den eingeworbenen 1,3 Millionen Euro plant das Start-up den Ausbau der Teams in Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung. Mittelfristig verfolgt das Unternehmen ambitionierte Technologieziele: Geplant ist der Einsatz von KI-Agenten zur autonomen Steuerung von Geschäftsprozessen. Parallel soll die Plattform zu einem umfassenden Ökosystem für die Immobilienwirtschaft ausgebaut werden – von Architekten über Generalunternehmer bis hin zum Facility Management.
GeneralMind: 12 Mio. Dollar Investment nur 6 Monate nach Gründung
Das Berliner KI-Start-up GeneralMind entwickelt ein sog. autonomes AI System of Action, das wiederkehrende, komplexe Arbeitsschritte entlang von Waren- und Zahlungsflüssen automatisiert.
GeneralMind, ein „KI System of Actionˮ zur Automatisierung von digitaler Zettelwirtschaft, unstrukturierter Koordination sowie ineffizienter manueller Prozesse entlang der gesamten Lieferkette, gibt heute den Abschluss seiner Eigenkapitalfinanzierung in Höhe von 12 Millionen US-Dollar bekannt. Die Runde ist eine der größten bekannten europäischen Pre-Seed Runden der letzten Jahre und wurde weniger als sechs Monate nach der Aufnahme der Geschäftstätigkeit des Unternehmens abgeschlossen. GeneralMind will die Mittel verwenden, um die Skalierung seiner Technologie in Europa voranzutreiben.
Angeführt wurde die Finanzierungsrunde von Lakestar, Leo Capital, Lucid Capital, Heliad, BOOOM, mit Partizipierung von etablierten Angel-Investoren wie Alexander Kudlich, Jens Urbaniak, Samir Sood und Vishal Lugani.
GeneralMind wurde in Berlin vom Gründerteam um die Razor Group gemeinsam mit führenden Technologen aus dem Silicon Valley gegründet: Tushar Ahluwalia Shrestha Chowdhury, Dr. Oliver Dlugosch, Lennart von Hardenberg, Nishrit Shrivastava und Sergiu Șoima. Neben dem Hauptsitz in Berlin betreibt das Unternehmen einen weiteren Standort in Bangalore.
GeneralMind – das „AI System of Action“
Unternehmen arbeiten heute mit sogenannten Systems of Record SoR, zum Beispiel ERP-Systemen, um die Komplexität von Lieferketten zu bewältigen. Trotz dieser Systeme findet ein Großteil der operativen Arbeit weiterhin in E-Mail-Posteingängen und Spreadsheets statt: Teams müssen unstrukturierte Kommunikation und Koordination, Übergaben, Rückfragen und Ausnahmen manuell zusammenführen, nachhalten und in Systeme übertragen. Oft fehlt dabei klare Nachverfolgbarkeit, es entstehen Medienbrüche und die Fehleranfälligkeit ist hoch, obwohl genau diese Arbeit entscheidend ist, um die Lieferkette zuverlässig am Laufen zu halten.
GeneralMind entwickelt das „AI System of Action“ (SoA), um genau diese manuelle, repetitive Arbeit sowie unstrukturierte Koordination entlang der Lieferkette end-to-end zu übernehmen, als operative KI-Ebene über bestehenden Systemen, menschenüberwacht und bei Bedarf mit Freigabe.
KI-Autopilot für operative Prozesse mit menschlicher Fähigkeit
Der KI-Autopilot von GeneralMind übernimmt die „digitale Zettelwirtschaft" entlang komplexer Lieferketten, indem er automatisiert manuelle, repetitive Abläufe zwischen E-Mail, Excel und ERP-Systemen autonom ausführt. Eingehende Aufgaben (oft per E-Mail) werden erfasst, analysiert und anschließend end-to-end ausgeführt. Besonders dort, wo viele kleinteilige Aufgaben zuverlässig abgearbeitet, Abstimmungen sauber nachgehalten, Termine und Fristen gesichert und zahlreiche interne und externe Stakeholder entlang des Prozesses koordiniert werden müssen. Zum Beispiel in Beschaffung, Vertrieb oder der Rechnungsbearbeitung.
Diese „digitale Zettelwirtschaft“ kostet global agierende Unternehmen entlang ihrer Lieferketten teilweise Umsätze in Milliardenhöhe. Ware bleibt liegen, Entscheidungen verzögern sich, Aufgaben gehen im Tagesgeschäft unter.
„Unternehmen wissen oft genau, wo es hakt, scheitern aber an der operativen Umsetzung“, sagt Tushar Ahluwalia, Gründer und CEO von GeneralMind. „Ich habe im E-Commerce immer wieder gesehen, wie digitale Zettelwirtschaft, ineffiziente manuelle Prozesse und schmerzhafte Stakeholder-Koordination zwischen unstrukturierter Kommunikation und ERP-Systemen enorme Ineffizienzen in großen Unternehmen erzeugen. Genau dieses Problem lösen wir mit GeneralMind. Unsere KI übernimmt diese Prozesse end-to-end; kein Copilot, sondern mit Autopilot-Funktionalität, die von Menschen überwacht und bei Bedarf freigegeben wird“, ergänzt er.
Vom Labor zur Großindustrie: MicroHarvest startet Bau einer 15.000-Tonnen-Anlage
Das 2021 von Katelijne Bekers, Jonathan Roberz und Dr. Luísa Cruz gegründete Hamburger BioTech MicroHarvest vollzieht den Schritt vom Labor in die industrielle Massenproduktion. Im Chemiepark Leuna entsteht eine kommerzielle Großanlage mit einer Jahreskapazität von 15.000 Tonnen.
Der Hamburger Proteinhersteller MicroHarvest verlässt den Pilotmaßstab und beginnt mit der industriellen Umsetzung seiner Fermentationstechnologie. Wie das Unternehmen am 12. Februar bekannt gab, fiel die Standortwahl für die erste kommerzielle Großanlage auf den Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt.
Rapider Aufstieg: Von der Gründung zum Anlagenbau
Das Tempo, das MicroHarvest vorlegt, ist im Deep-Tech-Bereich ungewöhnlich hoch. Gegründet 2021 von Katelijne Bekers (CEO), Jonathan Roberz (COO) und Dr. Luísa Cruz (CTO) in Hamburg, gelang dem Gründer-Trio binnen weniger Jahre gelang der Sprung von der Verfahrensentwicklung zur Planung einer Großanlage, deren Produktionsstart bereits in rund zwei Jahren vorgesehen ist.
Technologie: Biomasse-Fermentation in Rekordzeit
Kern des Erfolgs ist ein proprietäres Verfahren der Biomasse-Fermentation. Anders als bei der Präzisionsfermentation werden hier die Mikroorganismen selbst zum Produkt: Bakterien vermehren sich exponentiell und werden zu sogenanntem Single Cell Protein (SCP) verarbeitet. Der technologische USP liegt in der Geschwindigkeit: Vom Rohstoff bis zum fertigen Protein vergehen laut MicroHarvest nur 24 Stunden. Das Verfahren gilt als eines der effizientesten weltweit und benötigt nur einen Bruchteil der Fläche und des Wassers konventioneller Proteinquellen.
Validierung durch Top-Investoren und Awards
Dass das Scale-up nun eine Investition im mittleren zweistelligen Millionenbereich stemmen kann, ist auch das Resultat einer soliden Finanzierungsstrategie. Bereits 2022 sicherte sich MicroHarvest in einer Series-A-Runde Kapital, angeführt von FoodTech-VCs wie Astanor Ventures und FoodLabs. Für den Bau in Leuna kommt nun ein Zuwendungsbescheid über knapp 5,5 Millionen Euro aus der Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz hinzu.
Standortentscheidung und Marktstrategie
In Leuna sollen rund 25 direkte Arbeitsplätze entstehen. Die Entscheidung für den Standort fiel nach der Prüfung von rund 40 Optionen in Europa. Ausschlaggebend waren die industrielle Infrastruktur und die Nähe zu regionalen Rohstoffen wie Melasse, die kurze Transportwege ermöglichen.
„Wir bauen kein Pilotprojekt, sondern eine Produktionsinfrastruktur für relevante Mengen. Leuna bietet dafür genau das richtige Umfeld: bestehende Industrie, verlässliche Utilities und ein regionales Agrar- und Verarbeitungsnetzwerk“, betont Co-Founder Jonathan Roberz.
Marktseitig ist der Boden bereitet: MicroHarvest zielt zunächst auf den B2B-Markt für Tiernahrung und Aquakultur und konnte bereits Produkteinführungen mit Partnern wie VEGDOG und THE PACK realisieren. Perspektivisch arbeitet das Unternehmen auch an Anwendungen für den Human-Food-Bereich.
Learnings für Gründer*innen
Der Case MicroHarvest zeigt exemplarisch, dass für Hardware-Start-ups die Standortwahl keine reine Immobilienthematik ist. Die Anbindung an bestehende Ökosysteme – hier die Stoffströme und Utilities eines etablierten Chemieparks – kann den entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil beim Roll-out liefern. Zudem beweist die Finanzierungsstruktur, wie wichtig der intelligente Mix aus Venture Capital und staatlicher Förderung (hier für Capex) ist, um kapitalintensive Industrieprojekte zu realisieren.
Millionen-Spritze gegen den Brain Drain: Blockbrain holt 17,5 Mio. Euro
Wissen ist das neue Gold – doch es wandert oft mit den Mitarbeitenden aus der Tür. Das 2022 gegründete Stuttgarter Scale-up Blockbrain will das verhindern. Mit einer „No-Code“-Plattform konservieren die Gründer Antonius Gress, Mattias Protzmann und Nam Hai Ngo Firmenwissen in KI-Agenten. Jetzt gab es frisches Kapital, dass primär in die Expansion nach Großbritannien und Europa sowie in die Produktentwicklung fließen soll.
Der demografische Wandel setzt Unternehmen unter Druck: Wenn erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen oder kündigen, hinterlassen sie oft nicht nur eine leere Stelle, sondern eine Wissenslücke. Eingespielte Prozesse und implizites Erfahrungswissen („Tribal Knowledge“) gehen verloren. Genau hier hakt Blockbrain ein. Das Tech-Unternehmen gab heute den Abschluss einer Serie-A-Finanzierungsrunde über 17,5 Millionen Euro bekannt.
Angeführt wird die Runde vom Münchner VC Alstin Capital und dem Londoner Tech-Investor 13books Capital. Zudem stockten die Bestandsinvestoren Giesecke+Devrient Ventures, Landesbank Baden-Württemberg Ventures und Mätch VC ihr finanzielles Engagement auf. Auch das Family Office von Harting beteiligte sich an der Runde, was die Gesamtfinanzierung des Unternehmens auf 22,5 Millionen Euro hebt.
Vom Konzern-Problem zur Start-up-Lösung
Dass Blockbrain bei der Industrie einen Nerv trifft, liegt auch an der DNA des Gründerteams. CEO Antonius Gress kennt die Schmerzen großer Organisationen aus seiner Zeit bei Bosch, während CTO Mattias Protzmann als Mitgründer von Statista bereits bewiesen hat, wie man Datenmodelle skaliert. Dritter im Bunde ist Nam Hai Ngo (ehemals Antler).
Ihr Ansatz: Eine „No-Code“-Plattform, mit der Unternehmen ohne Programmieraufwand sogenannte Knowledge Bots erstellen können. Diese digitalen Zwillinge speichern nicht nur Dokumente, sondern bilden Entscheidungslogiken und Methodenwissen von Experten ab. Die Anwendungsfelder reichen vom schnelleren Onboarding neuer Mitarbeiter bis zur Automatisierung komplexer Vertriebsprozesse.
Der Markt scheint ihnen recht zu geben: 2025 konnte Blockbrain nach eigenen Angaben den Umsatz verfünffachen. Kunden wie Bosch, Roland Berger und die Seifert Logistics Group setzen die Lösung bereits ein. Letztere berichtet von einer Zeitersparnis von bis zu 15 Prozent pro Woche durch die KI-Assistenten.
Sicherheit als „Moat“ gegen ChatGPT & Co.
Während viele Unternehmen beim Einsatz generativer KI wegen Halluzinationen und Datenlecks zögern, positioniert sich Blockbrain als der „sichere Hafen“. Die Plattform ist nicht nur ISO-27001-zertifiziert und „EU-AI-Act-ready“, sondern ermöglicht durch eine Multi-Model-Architektur auch die volle Datensouveränität. Kund*innendaten können bei Bedarf in regionalen Cloud-Umgebungen des Nutzenden verbleiben.
Wie groß der Vorsprung vor herkömmlichen Enterprise-Lösungen ist, untermauert das Start-up mit Zahlen: In einem unabhängigen Benchmark des Sicherheitsspezialisten Giesecke+Devrient erzielte Blockbrain 92 von 105 Punkten – der Zweitplatzierte kam lediglich auf 58 Punkte. „Sich einfach auf Versprechungen und die Stärke eines Modells zu verlassen, ist im Unternehmenskontext schlicht nicht genug“, kommentiert CTO Protzmann die Strategie.
Expansion mit „Forward-Deployed“ Ingenieuren
Das frische Kapital fließt nun primär in die Expansion nach Großbritannien und Europa sowie in die Produktentwicklung. Dabei setzt Blockbrain auf ein spezielles Personalmodell: Sogenannte Forward-Deployed AI-Engineers sollen Kund*innen eng bei der Integration begleiten – remote oder vor Ort. Ziel ist es, Recherche-Workflows weiter zu automatisieren und KI vom Experimentierfeld zum verlässlichen Werkzeug im Kerngeschäft zu machen.
40 Mio. EUR Series-A für Berliner CleanTech metiundo
Das Berliner EnergieTech metiundo will das Tempo beim Smart-Meter-Rollout erhöhen und sichert sich dafür in einer der aktuell größten Series-A-Runden im deutschen CleanTech-Sektor 40 Mio. Euro.
Die Digitalisierung der Energiewende im Gebäudesektor erhält frisches Kapital: Das 2021 von von Dennis Nasrun und Felix Mücke gegründete metiundo hat eine Finanzierungsrunde über 40 Millionen Euro abgeschlossen. Das Kapital stammt aus Fonds, die von Octopus Energy Generation verwaltet werden, einem der führenden europäischen Investoren für grüne Infrastruktur. Für das Berliner Unternehmen markiert das Investment den nächsten Schritt vom Nischenanbieter zum breiten Marktakteur.
Kapital für Skalierung und Software
Das Geschäftsmodell von metiundo basiert auf „Smart Metering as a Service“. Anders als klassische Messstellenbetreiber deckt das Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette ab – von der Installation der Zähler über den Betrieb bis hin zur Aufbereitung der Daten über eine eigene Softwareplattform. Bislang hat das Unternehmen nach eigenen Angaben über 21.000 Zähler installiert.
Mit den nun eingesammelten 40 Millionen Euro soll vor allem die technische und personelle Infrastruktur ausgebaut werden. Konkret plant das Unternehmen Investitionen in die Weiterentwicklung der proprietären Softwareplattform sowie den Ausbau der eigenen Montage- und Installationsteams. Gesucht werden Fachkräfte in den Bereichen Softwareentwicklung, Installation und Betrieb, um die Kapazitäten für den bundesweiten Rollout zu erhöhen.
Dennis Nasrun, Co-Founder und CEO von metiundo, betont den strategischen Fokus: „Von Anfang an haben wir konsequent in unsere eigene Software investiert. Mit der neuen Finanzierung gehen wir jetzt entschlossen in die weitere Skalierung: mehr Installationen, höhere Qualität und noch mehr Geschwindigkeit beim Ausbau unserer Plattform.“
Sektorkopplung im Fokus der Investoren
Für den Investor Octopus Energy Generation ist der Einstieg bei metiundo Teil einer breiteren Strategie zur Dekarbonisierung des Immobiliensektors. Alex Brierley, Co-Head des Fondsmanagement-Geschäfts bei Octopus, verweist auf die Relevanz des Marktes: „Der Gebäude- und Wärmesektor zählt zu den größten CO2-Verursachern in Deutschland und ist für rund 30% der energiebezogenen Emissionen verantwortlich.“
Das Ziel der Investition ist es, integrierte Smart-Meter-Netzwerke über mehrere Liegenschaften hinweg aufzubauen. Dies soll nicht nur Transparenz schaffen, sondern die Grundlage für datenbasierte Zusatzlösungen bilden – etwa die Optimierung von Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern vor Ort, um Betriebskosten zu senken.
Wettbewerb im Messstellenmarkt
Der Markt für Messstellenbetreiber in Deutschland ist derzeit starker Dynamik unterworfen. Der Gesetzgeber drückt beim Smart-Meter-Rollout aufs Tempo, wobei wettbewerbliche Messstellenbetreiber wie metiundo als „zentraler Hebel“ gelten, um die Installation intelligenter Messsysteme in der Fläche zu beschleunigen.
Ein Differenzierungsmerkmal von metiundo ist dabei der spartenübergreifende Ansatz: Die Plattform bündelt nicht nur Stromdaten, sondern integriert auch Wasserverbräuche, um ein Gesamtbild der energetischen Situation einer Immobilie zu erstellen.
