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Gründer der Woche: CAYA - postwendend ins Netz!
Gründer der Woche 02/18
CAYA ist ein 2017 gegründetes Berliner Start-up, das Post und andere schriftliche Dokumente digitalisiert, kategorisiert und archiviert. Wie das funktioniert und wie die Kunden davon profitieren, erfahren wir im Interview mit dem CAYA-Gründer Alexander Schneekloth.
Wie sind Sie auf die Idee zu CAYA gekommen?
Die Idee zu CAYA kam mir, als ich eines Tages aus dem Urlaub wieder nach Hause zurückkehrte und mein Briefkasten förmlich vor Briefen überquoll. In der Wohnung erwartete mich dann noch weitere Post, die ich vor meiner Reise nicht mehr bearbeiten konnte. In diesem Moment kam es mir absurd vor, dass in unserer digitalisierten Zeit mit dem Brief noch vor Ort und physisch gearbeitet werden muss. Mit meiner Post auf dem Handy oder Laptop hätte ich den Stapel bereits während meines Fluges abarbeiten können.
Was waren dann die wichtigsten Steps von der Gründung bis zum Start des Business?
Zu den wichtigsten Schritten gehörte das Geschäftsmodell genau zu planen, da es noch kein etabliertes System in diesem Bereich gibt – von den AGB’s bis zu den Scanprozessen musste alles neu gedacht und umgesetzt werden. Besonders das Scancenter brachte dabei jede Menge Hürden mit sich. Die logistische Planung war hier besonders wichtig, um Zeit und Kosten einsparen zu können.
Was genau leisten Sie mit CAYA und wie funktioniert es?
CAYA digitalisiert die tägliche Briefpost und macht sie über unsere App oder die Webseite von überall und jederzeit zugänglich. Während des Scanprozesses läuft eine Texterkennung über jedes Dokument, die unseren Kunden eine Suche nach Schlagwörtern, Absendern oder Betreffzeilen innerhalb des Postfaches ermöglicht – wie sie aus dem E-Mail-Postfach bekannt ist. Die Nutzer haben mit nur wenigen Klicks ihre gesamte Post griffbereit.
Was geschieht mit wichtigen schriftlichen Dokumenten bzw. Urkunden. Ich muss einiges davon doch trotzdem in Papierform archivieren ...
Nachdem die Post eingescannt wurde, lagern wir die Schriftstücke unter strengsten Sicherheitsbestimmungen kostenfrei für unsere Kunden ein. Auf Wunsch der Nutzer schicken wir die Originaldokumente jedoch auch jederzeit an die heimische Adresse.
Apropos Sicherheitsbestimmungen - wie sicher ist meine Post bei Ihnen aufgehoben?
CAYA verwendet zur Speicherung von Dokumenten ausschließlich Speichersysteme in Deutschland. Hierfür greifen wir auf die Struktur eines im Frankfurter Bankenumfeldes ansässigen Rechenzentrums zurück. Modernität und Sicherheit sind so garantiert. Infrastruktur des Rechenzentrums genügt aus technischer Sichtweise den allerhöchsten Ansprüchen und nutzt zur Datenverschlüsselung die aktuellsten Technologien, wie die 256-Bit-AES-Verschlüsselung. Darüber hinaus werden die digitalen Dokumente durch ein tägliches Backup vor Verlust geschützt.
Wer sind Ihre Kunden?
Unser Service wird sehr häufig von Selbstständigen aus diversen Branchen genutzt. Dazu zählen oftmals Ärzte sowie handwerkliche Betriebe und Jungunternehmer. Aber auch Familien und Rentner finden sich unter unseren Kunden wieder.
Was kostet mich Ihr Service?
CAYA bietet, sowohl für Geschäfts- als auch Privatkunden, einen kostenfreien Test-Account sowie drei weitere Tarifmodelle an, die preislich zwischen 9 Euro und 99 Euro pro Monat variieren.
Gibt es vergleichbare Anbieter? Wenn ja, was unterscheidet Sie von den anderen?
Uns ist die Handhabung unseres Services und die damit einhergehende Kundenzufriedenheit besonders wichtig. Daher lagern wir im Unterschied zu anderen Unternehmen die Post für unsere Nutzer nicht nur kostenfrei und ohne versteckte Kosten ein, sondern bieten auch einen insgesamt kostengünstigeren Service an.
Was sind Ihre unternehmerischen Pläne für 2018?
Wir wollen CAYA weiter in den Alltag unserer Nutzer integrieren. So sollen unsere Kunden künftig beispielsweise automatisch an zu zahlende Rechnungen oder zu kündigende Verträge erinnert werden.
Und last but not least: Was raten Sie anderen Gründern aus eigener Erfahrung?
Wenn ihr eine Idee habt, lasst euch vom Ehrgeiz packen und verwirklicht sie.
Hier geht's zu CAYA
Das Interview führte Hans Luthardt
Vorschläge für diese Rubrik an redaktion@starting-up.de
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Start-up trifft Industrie-Giganten: Wie planqc mit BMW und Infineon die Logistik der Zukunft berechnet
Wenn ein junges Technologie-Unternehmen mit Branchenriesen und der Spitzenforschung an einem Tisch sitzt, lohnt sich ein genauerer Blick. Das Garchinger Start-up planqc zeigt im neuen Forschungsprojekt „QIAPO“, wie der Brückenschlag zwischen hochkomplexer Quantenphysik und handfesten Industrie-Herausforderungen gelingen soll.
Für Gründer*innen im DeepTech-Segment ist es oft die größte Hürde: Wie übersetzt man Grundlagenforschung in ein Produkt, das für die Industrie greifbare Probleme löst? Das Münchner Start-up planqc liefert darauf aktuell eine spannende Antwort. Gemeinsam mit der Universität des Saarlandes sowie den Konzernen BMW und Infineon arbeitet das Team an einer Lösung für eines der hartnäckigsten Probleme der Wirtschaft: die Routen- und Prozessoptimierung bei unzähligen Variablen. Dass planqc hier als Quanten-Spezialist auftritt, ist das Ergebnis eines rasanten Aufstiegs in der europäischen Tech-Szene.
planqc: Aus der Forschung in die Wirtschaft
Gegründet 2022 von den Quantenphysikern Dr. Alexander Glätzle (CEO), Dr. Sebastian Blatt (CTO) und Dr. Johannes Zeiher, ist planqc das erste Spin-off des renommierten Max-Planck-Instituts für Quantenoptik. Das Team bringt nicht nur geballtes Know-how aus Garching mit, sondern verfolgt einen technologischen Ansatz, der sich bewusst von einigen BigTech-Giganten unterscheidet.
Während viele globale Konzerne auf fehleranfällige und aufwendig auf den absoluten Nullpunkt gekühlte Systeme setzen, nutzt planqc neutrale Atome als Qubits, die durch Laserlicht in optischen Gittern festgehalten werden. Dieser Ansatz ermöglicht den Betrieb bei Raumtemperatur und verspricht eine leichtere Skalierbarkeit der Qubits. Anstatt im Labor auf den theoretisch perfekten Rechner der fernen Zukunft zu warten, wählt das junge Unternehmen einen stark anwendungsorientierten Weg.
Der schnelle Aufstieg: Millionen-Investments und Großaufträge
Wie sehr dieser pragmatische Ansatz im Markt verfängt, zeigt die jüngere Firmengeschichte. Bereits kurz nach der Gründung zog planqc staatliche Großaufträge an Land – darunter den Zuschlag für die Entwicklung eines Quantencomputers für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Der vorläufige Höhepunkt der wirtschaftlichen Skalierung folgte im Sommer 2024 mit einer Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 50 Millionen Euro. Mittlerweile ist das Start-up auf rund 100 Mitarbeitende angewachsen und wurde im September 2025 mit dem renommierten Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „StartUp“ ausgezeichnet. Das aktuelle, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 2,3 Millionen Euro geförderte Projekt „QIAPO“ fügt sich nahtlos in diese strategische Ausrichtung ein.
Das Problem: Der limitierte klassische Computer
Ob bei der Produktion von Mikrochips (Infineon) oder in den weltweiten Lieferketten der Automobilindustrie (BMW) – überall lauern logistische Herausforderungen. Klassische Computer stoßen hier an ihre Grenzen. Sie lösen extreme Optimierungsprobleme oft nur noch mit Näherungswerten und extrem langen Rechenzeiten. Bisher galt in der Industrie daher oft die Devise: Man macht das Beste aus den vorhandenen Heuristiken.
Die Lösung: Ein hybrides Teamwork der Systeme
Genau hier setzt QIAPO (Quanteninformierte approximative Optimierung auf NISQ und partiell fehlertoleranten Quantencomputern) an. Das Projektteam erprobt ein Zusammenspiel aus zwei Welten. Den Anfang macht das System von planqc: Der Quantencomputer soll mit seinen speziellen Eigenschaften den hochkomplexen „Dschungel“ des logistischen Problems massiv ausdünnen. Das Problem wird auf diese Weise quasi „kleiner gerechnet“. Sobald es entscheidend vereinfacht ist, übernehmen wieder herkömmliche Rechner und nutzen ihre in der Praxis erprobten Algorithmen, um das greifbarere Problem zu Ende zu rechnen.
„Wir demonstrieren damit bereits heute, wie sich hochkomplexe, industrierelevante Herausforderungen in Quantenalgorithmen übersetzen lassen – die schließlich auf Quantencomputern getestet werden können“, erklärt Dr. Martin Kiffner, Head of Algorithms bei planqc.
Der unternehmerische Pragmatismus: Warum 85 % ein Erfolg sind
Das Besondere an diesem Ansatz – und ein wichtiges Learning für B2B-Gründer*innen – ist der Fokus auf messbare industrielle Fortschritte statt auf Perfektion. Prof. Dr. Peter P. Orth von der Universität des Saarlandes, der das Projekt koordiniert, betont, dass es auch mit dieser hybriden Methode vorerst keine 100-prozentige Lösung geben wird.
Ein theoretisches Rechenbeispiel verdeutlicht jedoch das Potenzial: Wenn ein Lieferketten-Problem heute durch klassische Rechner mit 80-prozentiger Genauigkeit gelöst wird, könnte die Kombination mit Quanten-Hardware diese Genauigkeit auf 85 oder 95 Prozent anheben. Für Corporates wie BMW und Infineon bedeutet genau diese kleine Marge durch Ressourceneinsparungen bei extrem hohen Produktionsvolumina einen enormen wirtschaftlichen Hebel.
Fazit
Planqc beweist, dass Start-ups nicht zwangsläufig das allumfassende, finale Endprodukt vorweisen müssen, um für internationale Konzerne hochrelevant zu sein. Oft reicht es, mit der eigenen Spitzentechnologie präzise in eine Lücke zu stoßen, die bestehende Systeme hinterlassen – und sich über starke Industriepartnerschaften das Rüstzeug für die weitere Skalierung zu sichern.
Start-up-Ökosystem abseits der Metropolen: Wie Ostwestfalen-Lippe das Förder-Vakuum überwindet
280 Neugründungen und über 1.000 neue Arbeitsplätze: Das Förderprojekt „Exzellenz Start-up Center.OWL“ (ESC.OWL) zieht nach sechs Jahren Laufzeit eine beachtliche Schlussbilanz. Die eigentliche Nachricht für die Start-up-Szene liegt jedoch in der Zeit nach dem Förderende: Die Region verankert ihre aufgebauten Inkubator-Strukturen dauerhaft und führt die Vision einer „Startup Factory“ auch ohne finale exist-Bundesförderung fort.
Mit dem Abschluss des Jahres 2025 endete die Förderung des Projekts ESC.OWL, das die regionale Gründer*innenszene in Ostwestfalen-Lippe (OWL) seit 2019 maßgeblich geprägt hat. Rund 16 Millionen Euro flossen in dieser Zeit in das Vorhaben, innovative Geschäftsideen aus der Forschung der beteiligten Hochschulen auf den Weg zu bringen. Geleitet wurde das Konsortium vom „Center für Transfer durch Existenzgründung“ (TECUP) der Universität Paderborn, das auch die Start-up-Schmiede garage33 betreibt. Mit an Bord waren zudem die Technischen Hochschule OWL und die Hochschule Bielefeld.
Ambitionierte Ziele deutlich übertroffen
Die Initiatoren hatten sich für die sechsjährige Laufzeit hohe Ziele gesteckt – und diese letztlich deutlich übertroffen. Die Bilanz in harten Zahlen:
- Statt der anvisierten 150 Ausgründungen entstanden aus über 700 begleiteten Gründungsvorhaben insgesamt 280 neue Start-ups.
- Diese jungen Unternehmen schufen in OWL mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze.
- Mehr als 40.000 Menschen wurden für Themen rund um die Existenzgründung sensibilisiert (geplant waren 25.000).
- Über 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten die diversen Formate, von Ideenwettbewerben über Pitch-Events bis hin zu Networking-Veranstaltungen mit Investoren und Business Angels.
B2B-Fokus: 87 Millionen Euro Wagniskapital eingeworben
Dass sich das Projekt derart dynamisch entwickelte, liegt an der spezifischen DNA der Region. Ostwestfalen-Lippe galt in der landesweiten Förderinitiative „Exzellenz Start-up Center.NRW“ als wichtiges Puzzleteil abseits der klassischen Ballungsräume. Die Region bot ideale Bedingungen für eine hochspezialisierte Art von Start-ups: Als Heimat des Spitzenclusters „Intelligente Technische Systeme“, zahlreicher Weltmarktführer und in direkter Nähe zum Fraunhofer-Institut IEM bildet OWL ein natürliches Testfeld für B2B-Geschäftsmodelle.
Diese enge Verzahnung von universitärer Forschung und etablierter Industrie ermöglichte es vielen Tech-Gründungen, rasch Pilotkunden zu finden. Wie lukrativ dieses Umfeld für Wagniskapitalgeber ist, zeigt eine aktuelle Zahl: Insgesamt warben Start-ups aus dem Ökosystem der garage33 seit 2019 über 87 Millionen Euro an Wagniskapital ein.
Ein Paradebeispiel für diesen Dealflow ist das Paderborner KI-Start-up ONE WARE. Das Team hat eine Software entwickelt, die ressourcenschonende neuronale Netze für verschiedenste Hardwareplattformen generiert. Dieser Ansatz überzeugte den Essener Technologieinvestor Cusp Capital, der das Start-up in dessen erster institutioneller Finanzierungsrunde mit 2,5 Millionen Euro ausstattete.
Verstetigung: Ein physisches Zuhause für Hardware-Gründer
Die größte Schwachstelle vieler staatlich geförderter Hubs ist oft ihr Ablaufdatum. Das ESC.OWL hat hier jedoch frühzeitig entgegengesteuert. An der Universität Paderborn wurde das TECUP offiziell als zentrale Betriebseinheit etabliert, wodurch die Unterstützungsleistungen für gründungsinteressierte Hochschulangehörige langfristig gesichert sind.
Darüber hinaus wurde der Gründer*innenszene ein neues physisches Zuhause geschaffen: Parallel zur ESC.NRW-Förderung bezog die garage33 den Neubau des Start-up Campus OWL im Paderborner Zukunftsquartier. Dieser bietet Start-ups modernste Büro- und Co-Working-Flächen sowie Raum zur Entwicklung physischer Prototypen.
„Wir gewährleisten so, dass Gründungsinteressierte auch künftig kontinuierlich und auf hohem Niveau unterstützt werden können, wenn sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisgewinne in tragfähige Geschäftsmodelle überführen möchten“, resümiert Prof. Dr. Sebastian Vogt, Direktor des TECUP.
Blick nach vorn: Die Vision geht unabhängig weiter
Das Projekt ESC.OWL ist formal abgeschlossen, doch die Region baut auf dem starken Fundament auf. Unter dem Namen Factory33 hatte sich das hochschulübergreifende Konsortium im prestigeträchtigen exist-Leuchtturmwettbewerb „Startup Factories“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) beworben.
Bei der finalen Prämierung der zehn bundesweiten Leuchttürme 2025 erhielten in NRW jedoch die Gateway Factory und die Factory BSA / BRYCK Startup Alliance den Zuschlag. Die Vision in Ostwestfalen-Lippe bleibt von dieser Entscheidung unberührt: Mit dem Ziel, einen international sichtbaren Hotspot für B2B-Gründungen der industriellen Transformation zu etablieren, wird das regionale Ökosystem seine Plattform nun als eigenständige und tragfähige Basis weiter vorantreiben.
Women Entrepreneurship Monitors 2024/25: Frauen fördern Gründerinnen – Männer bleiben lieber unter sich
Informelles Kapital ist der Treibstoff der frühen Phase. Doch eine neue Auswertung des „Women Entrepreneurship Monitors 2024/25“ zeigt: Wo Geld fließt, spielt das Geschlecht eine entscheidende Rolle. Während Frauen gezielt Gründerinnen stärken, investieren Männer weiterhin überwiegend in Männer. Das hat weitreichende Folgen für das Start-up-Ökosystem.
In der ganz frühen Phase einer Gründung, wenn klassische Bankkredite noch in weiter Ferne liegen, schlägt die Stunde der informellen Investor*innen. Ob Business Angels oder das private Umfeld: Ohne dieses Kapital würden viele Ideen den Sprung zum Markteintritt nicht schaffen.
Eine aktuelle Studie des RKW Kompetenzzentrums in Kooperation mit dem Thünen-Institut offenbart nun jedoch eine tiefe Kluft im Investitionsverhalten. Die Daten, basierend auf dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM), zeigen ein deutliches Muster: Man investiert bevorzugt in das eigene Geschlecht.
Die Zahlen: Einseitigkeit bei den Männern
Besonders deutlich wird dies bei den männlichen Kapitalgebern. Rund 64 Prozent ihres Kapitals floss im Jahr 2024 in Gründungen von Männern. Nur magere 18 Prozent der männlichen Investitionen kamen Gründerinnen zugute.
Frauen zeigen sich hier deutlich offener: Fast 60 Prozent der informellen Investorinnen unterstützten andere Frauen. Gleichzeitig floss knapp ein Drittel ihres Kapitals in männlich geführte Startups. Damit investieren Frauen weitaus häufiger geschlechterübergreifend als ihre männlichen Pendants.
Mutiger außerhalb der Familie
Ein weiteres Detail der Studie betrifft die soziale Nähe zum Investitionsobjekt. Zwar bleibt der Kreis aus Familie und Freunden („Family and Friends“) für beide Geschlechter wichtig (ca. 37 bis 39 Prozent), doch bei Investitionen außerhalb des sozialen Nahfelds haben Frauen die Nase vorn:
- Frauen: 51 Prozent investieren in Personen außerhalb des engen Kreises (z. B. Fremde mit guten Ideen oder Kollegen).
- Männer: Hier liegt der Anteil bei lediglich 42 Prozent.
Dies deutet darauf hin, dass Frauen bei ihren Investment-Entscheidungen häufiger sachbezogen und jenseits bestehender privater Netzwerke agieren.
Einordnung für die Praxis
Für das Startup-Ökosystem ist dieser Befund ein Weckruf. Da Männer mit einer Quote von 9 Prozent deutlich häufiger als informelle Investoren auftreten als Frauen (5,1 Prozent), entsteht für Gründerinnen ein struktureller Nachteil beim Kapitalzugang.
Was bedeutet das für Gründer*innen und Investor*innen?
- Netzwerk-Strategie: Gründerinnen sollten gezielt weibliche Business-Angel-Netzwerke ansprechen. Die Daten belegen hier eine signifikant höhere Erfolgswahrscheinlichkeit.
- Unconscious Bias: Männliche Investoren sollten ihr Portfolio kritisch prüfen. Wer nur in das eigene Spiegelbild investiert, übersieht lukrative Investmentchancen in weiblich geprägten Märkten.
- Strukturelle Förderung: Um die Finanzierungslücke für Frauen zu schließen, ist nicht nur mehr Wagniskapital nötig, sondern vor allem eine Stärkung der weiblichen Investorinnen-Basis.
Fazit
Der Women Entrepreneurship Monitor macht klar: Kapital ist in Deutschland (noch) nicht geschlechtsneutral. Die größere Offenheit der Frauen beim Investieren sollte als Vorbild dienen, um die deutsche Startup-Landschaft diverser und damit wettbewerbsfähiger zu machen.
10 Mio. Euro für Würzburger DeepTech-Start-up WeSort.AI
Das 2021 von Nathanael Laier und Johannes Laier gegründete WeSort.AI nutzt KI und Röntgen, um wertvolle Rohstoffe aus dem Abfall zu retten. Alles zur neuen 10-Mio.-Finanzierung.
Ein kurzes Aufblitzen, gefolgt von beißendem Rauch: Falsch entsorgte Lithium-Ionen-Akkus sind der Albtraum jedes Recyclinghof-Betreibers. Über 50 Prozent aller entsorgten Elektrogeräte und Batterien landen nicht bei spezialisierten Recyclern, sondern im Restmüll oder der gelben Tonne. Dadurch entstehen zahlreiche Brände im Recyclingprozess und wertvolle Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden gehen verloren. Diese Materialien klassifiziert die EU als Critical Raw Materials (CRM), deren Verfügbarkeit entscheidend für die Unabhängigkeit von Drittstaaten ist. Genau in diese schmerzhafte Lücke stößt das Würzburger DeepTech-Start-up WeSort.AI. Das Unternehmen hat sich Finanzierungsmittel in Höhe von zehn Millionen Euro gesichert, um seine KI-basierte Technologie zur Rückgewinnung kritischer Rohstoffe aus Recycling-Anlagen weiter zu skalieren.
Von der Vision zum prämierten Start-up
Hinter WeSort.AI stehen die Gründer Nathanael Laier und Johannes Laier, die das Unternehmen Ende 2021 mit Sitz in Würzburg aus der Taufe hoben. Als die Brüder die veralteten Trennverfahren der globalen Müllsortierung analysierten, erkannten sie das gewaltige, ungenutzte Potenzial von Digitalisierung in diesem Sektor. Der Aufstieg seit der Gründung verlief rasant. Die Kombination aus Unternehmergeist und technischem Know-how gipfelte kürzlich im Gewinn der Tech Metal Transformation Challenge der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). Dass die Vision der Brüder auch auf politischer Ebene Anklang findet, beweisen zudem weitere Förderzusagen in Millionenhöhe, unter anderem vom BMWE, dem BMFTR und dem Land Bayern, mit denen das Team seine Sortiertechnologie nun weiter optimieren will.
Brandprävention als lukrativer Türöffner
Die Technologie der Würzburger liest sich wie Science-Fiction für den Müllbunker. Das KI-Sortiersystem erkennt mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, Spezialkameras und Röntgen Batterien und Elektroschrott automatisch in falschen Abfallfraktionen und sortiert sie zurück ins fachgerechte Recycling. Die Technologie kann dabei verschiedenste gefährliche oder wertvolle kritische Rohstoffe aus diversen Abfallarten wie Altfahrzeugen, Elektronik, Bauabfällen, Industrie und Haushalt aussortieren. Das Geschäftsmodell ist äußerst smart positioniert, da es einen ökologischen Makro-Trend mit einem hochaktuellen betriebswirtschaftlichen Schmerzpunkt verbindet. Das System verhindert nicht nur Brände in Müllverarbeitungsanlagen, sondern sichert auch die Rückgewinnung strategisch wichtiger Rohstoffe.
Dass das System bereits seit 2024 bei führenden Entsorgungsunternehmen wie KORN Recycling und PreZero, einem Teil der Schwarz Gruppe, im Einsatz ist, belegt einen frühen und starken Product-Market-Fit. Zudem surft das Unternehmen geschickt auf der Welle der Geopolitik, denn der EU Critical Raw Material Act setzt ambitionierte Ziele für die europäische Rohstoffunabhängigkeit. Europa ist heute stark abhängig von Importen kritischer Materialien, was wirtschaftliche und geopolitische Risiken birgt. Indem WeSort.AI bisher ungenutzte kritische Rohstoffe aus dem Abfall zurückgewinnt, erschließt das Start-up laut Gründer Nathanael Laier eine bisher ungenutzte urbane Mine und trägt direkt zur Umsetzung der EU-Vorgaben bei.
Markt & Wettbewerb
Das frische Kapital von zehn Millionen Euro stammt von führenden europäischen Impact-Investoren wie Infinity Recycling, dem Green Generation Fund und der Corporate-Venture-Einheit vent.io. Zustande kommt die Finanzierung zudem mit Unterstützung des BayStartUP-Investorennetzwerks.
Doch diese Mittel treffen auf einen hart umkämpften Markt, der sich grob in drei Segmente unterteilen lässt. Allen voran stehen die etablierten Anlagenbau-Goliaths wie das norwegische Milliardenunternehmen Tomra oder das deutsche Traditionsunternehmen Steinert. Diese Branchenriesen dominieren den Markt für sensorgestützte Sortierung historisch und rüsten ihre eigenen Systeme massiv mit Deep-Learning und KI auf.
Neben diesen Giganten drängen extrem gut finanzierte internationale Scale-ups auf den deutschen Markt. Unternehmen wie Recycleye oder Greyparrot aus Großbritannien bringen ihre KI-gesteuerten Analytik- und Robotiksysteme in europäische Anlagen und kooperieren hier bereits mit etablierten Anlagenbauern.
Auch die heimische Start-up-Konkurrenz schläft nicht, wie etwa das Bremer Start-up WasteAnt zeigt, welches Sensorik zur Qualitätskontrolle direkt bei der Müllanlieferung einsetzt.
WeSort.AI versucht, sich in dieser Gemengelage durch einen klaren USP abzugrenzen. Peter Dorfner, Partner beim Green Generation Fund, zeigt sich besonders davon überzeugt, dass die Battery-Sort-Lösung weltweit in ihrer Form einzigartig ist und mit ihrem Patent auf dem internationalen Markt stark vor Wettbewerb geschützt ist.
Ausblick & Einordnung
Es lohnt sich ein zweiter Blick auf die vor WeSort.AI liegenden Herausforderungen. Das Unternehmen entwickelt physische Systeme für eine der rauesten Industrieumgebungen der Welt, was die Hardwareentwicklung extrem kapitalintensiv macht. Die Abfallwirtschaft gilt zudem als eher konservativ, was oft in langen B2B-Vertriebszyklen bei der Integration neuer Hardware in bestehende Infrastrukturen mündet.
Dennoch löst WeSort.AI durch die Vermeidung von Bränden und die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe eines der größten Probleme der Branche. Gelingt es dem Gründer-Duo, die Sortiertechnologie weiter zu optimieren und in neue Anwendungen zu skalieren, hat das Start-up beste Chancen, sich als ein führender Anbieter für KI-gestützte Rückgewinnung kritischer Rohstoffe in Europa zu positionieren. Der starke Rückenwind durch EU-Regularien und die eklatante Schmerzgrenze der Entsorger bei brennenden Anlagen bleiben dabei die stärksten Verkaufsargumente.
MAxL: Der Vorgründungs-Turbo für die Biotech-Branche
Keine Gründung ohne präzise Vorbereitung: Mit dem Inkubator MAxL bringt BioM Biotech-Projekte aus dem akademischen Umfeld direkt auf den Radar von Venture-Capital und Pharma-Riesen. Christina Enke-Stolle und Dr. Petra Burgstaller – sie haben die Leitung des Gründungsbereichs bei der Biotech Cluster Management Organisation BioM inne – sprechen über die größten Hürden vor der Gründung, selektive Investoren und erste Millionen-Erfolgsstorys aus dem Inkubator.
Wie unterscheidet sich MAxL von anderen Inkubatoren, was zeichnet Ihren Inkubator besonders aus?
Enke-Stolle: Mit MAxL wollen wir für die vielversprechendsten Start-ups im Bereich der Biomedizin und Biotechnologie die besten Rahmenbedingungen schaffen, einerseits in Form von State-of-the-Art-Infrastruktur und andererseits mit einem umfassenden Unterstützungsprogramm. Das Besondere an MAxL ist die Fokussierung auf die Vorgründungsphase, also Projekte und Gründungsteams, die noch ein bis zwei Jahre vor der Ausgründung stehen. Wir haben uns mit MAxL zum Ziel gesetzt, die Teams in dieser entscheidenden Phase der Translation bestmöglich dabei zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und ihre Projekte bereits frühzeitig auf die Anforderungen von Investoren und auch späteren Industriepartnern wie Pharmaunternehmen auszurichten. Im Rahmen der Inkubation durch MAxL sollen für Investoren attraktive Geschäftsmodelle entstehen und überzeugende, professionelle Datenpakete generiert werden. MAxL-Teams profitieren auch entscheidend vom umfassenden Netzwerk von BioM, sei es zu potenziellen Kunden, Industriepartnern als auch Investoren.
Worauf sollten angehende Gründer*innen beim Tech-Transfer von Biotech-Themen besonders achten, mit welchen Hürden müssen sie rechnen?
Burgstaller: Ganz entscheidend zu Beginn ist oft eine durchdachte IP-Strategie. Gerade in der Biotechnologie, wo die Entwicklung meist kapitalintensiv ist, sind belastbare Schutzrechte in der Regel ein zentraler Werttreiber. Hierzu bieten wir Teams Erstberatungen durch unsere ehrenamtlichen Patentmentoren an.
Enke-Stolle: Wichtig ist auch, ausreichend Zeit für die Gewinnung von Investoren einzuplanen und die Investoren zielgerichtet anzusprechen. Wir unterstützen unsere Teams bei der Erstellung von überzeugenden Pitch Decks und vermitteln persönliche Kontakte zu Investoren. Außerdem bieten wir ihnen über unsere Veranstaltungen die Möglichkeit, sich wirkungsvoll zu präsentieren. Im Rahmen unserer Eventserie „MAxL Meets the Money“ stellen Investoren sich und ihre Investmentstrategie außerdem in einem informellen Setting vor, sodass unsere Gründer auch den Blickwinkel und das Konzept von Venture Capital verstehen und den jeweiligen Fokus der wichtigsten Player kennen.
Burgstaller: Im Hinblick auf experimentelle Daten, die noch im akademischen Umfeld erhoben werden, und Entwicklungspläne ist es wie bereits erwähnt wichtig, die eigenen Projekte frühzeitig so auszurichten, dass sie Anforderungen aus der Industrie gerecht werden. Produkte wie neuartige Therapeutika sollten hier schon zu Beginn „vom Ende gedacht“ werden: Es geht nicht nur um die Frage „Können wir etwas wissenschaftlich Spannendes entwickeln?“, sondern um Fragen wie „Würde es jemand zulassen, bezahlen, einsetzen – und kaufen?“. Dabei setzen wir bei MAxL neben einer intensiven Begleitung durch unsere MAxL-Mentoren auch auf eine enge Zusammenarbeit mit Pharma. 2025 etwa haben wir eine Kooperation mit dem japanischen Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo geschlossen. Daiichi unterstützt ein ausgewähltes Start-up im MAxL, indem es für zwölf Monate die Kosten für den Inkubator übernimmt und mit seinen Experten in der Wirkstoffentwicklung für Fragen des Start-ups zur Verfügung steht. Weitere solche „Golden Ticket-Kooperationen“ sind in der Anbahnung.
Nach welchen Kriterien wählt MAxL Start-ups für das Programm aus?
Burgstaller: Die beiden wichtigsten Kriterien sind ein innovatives Produkt- und Geschäftskonzept und ein talentiertes Gründerteam, dem wir zutrauen, das Konzept auch erfolgreich umzusetzen. Im Bereich der Therapeutikaentwicklung gibt es im Team idealerweise bereits Hands-on Erfahrung im Bereich Drug Development. Wenn das noch nicht der Fall ist, ist es entscheidend, dass das Team offen dafür ist, sich erfahrene Leute ins Team zu holen und/oder von erfahrenen Personen zu lernen.
Enke-Stolle: Bei Projekten, die ins MAxL ziehen möchten, muss schon ein erster Proof of Principle erbracht sein. Lediglich eine Idee zu haben, wäre zu früh für unseren Inkubator. Für das innovative Produkt sollte es einen hohen medizinischen Bedarf und klare Alleinstellungsmerkmale geben, und es sollte möglich sein, eine tragfähige Schutzrechtstrategie zu entwickeln. Die meisten der aktuellen MAxL-Projekte sind durch ein akademisches Pre-Seed- oder Validierungsförderprogramm finanziert. Wir unterstützen aber auch Spin-outs aus bestehenden Unternehmen, wenn Mittel vorhanden sind, um das Projekt in ein bis zwei Jahren experimentell und kommerziell so weiterzuentwickeln, dass ein entscheidender Meilenstein erreicht werden kann.
Burgstaller: Zudem haben Teams einen zusätzlichen Pluspunkt, wenn ihre Expertise und ihr Ansatz auch einen Mehrwert für aktuelle MAxL-Teams bieten und sich daraus spannende Synergien ergeben. Eines unserer Ziele im MAxL ist die Förderung von interdisziplinärer Zusammenarbeit, zum Beispiel zwischen Teams, die Wirkstoffe entwickeln, und solchen, die Algorithmen im Bereich der Wirkstoffentwicklung entwickeln.
Wie viele Start-ups hat MAxL bislang begleitet, welche Erfolgsstory erzählen Sie besonders gern?
Burgstaller: MAxL wurde im Juni 2024 eröffnet und hat seitdem nach und nach neue Teams aufgenommen. Inzwischen sind zehn Teams im MAxL; weitere Aufnahmen bereiten wir derzeit vor. Einen wichtigen ersten Meilenstein konnte nun Twogee Biotech erreichen. Das 2025 gegründete Start-up um Frank Wallrapp und Helge Jochens ist seit Herbst 2024 im MAxL und entwickelt maßgeschneiderte Enzymlösungen zur industriellen Verwertung von Biomasse zu nachhaltigen Rohstoffen. Vor Kurzem konnte Twogee erfolgreich eine Seed-Finanzierungsrunde über 2,16 Mio. EUR abschließen. Zu den Investoren zählen der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und Bayern Kapital sowie strategische Partner. Das Team konnte auch bereits eine Reihe von Pilotkunden für seinen Ansatz gewinnen. Eine Erfolgsgeschichte des BioM-Angebots für Start-ups ist natürlich auch Tubulis: Das Unternehmen nahm 2015 am BioM BioEntrepreneur Bootcamp teil, erhielt 2017 den m4 Award und eine Förderung durch exist, wurde 2019 gegründet und konnte seitdem mit seinen innovativen Antibody-Drug-Conjugates für die Krebstherapie über 540 Mio. EUR einwerben.
Wie bewerten Sie das aktuelle Finanzierungsumfeld für frühphasige Biotech-Start-ups?
Enke-Stolle: Für sehr frühphasige Biotech-Start-ups ist das Finanzierungsumfeld aktuell weiterhin schwieriger als noch vor ein paar Jahren. Wie wir an Twogee sehen, ist es zwar nach wie vor möglich, erfolgreiche Seed-Finanzierungen einzuwerben, aber die Investoren sind momentan deutlich selektiver und risikoaverser. Für umso wichtiger halten wir es aktuell, die Teams mit Instrumenten wie MAxL möglichst früh professionell zu unterstützen, damit sie mit überzeugenden Datenpaketen und durchdachten Entwicklungsplänen im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt sind.
Frau Burgstaller und Frau Enke-Stolle – vielen Dank für das Gespräch
Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen: https://t1p.de/p8gop
Unchained Robotics auf dem Sprung in die „Champions League“ der Industrielogistik
Der Logistikkonzern Arvato beteiligt sich an Unchained Robotics und ebnet dem Paderborner Start-up den direkten Weg in die internationale Industrielogistik. Wir analysieren, wie dieser Deal den Markt aufmischt und welche strategischen Skalierungs-Learnings B2B-Gründer*innen daraus ziehen können.
Für Gründer*innen im Hardware- und Robotik-Bereich ist der Sprung von der Technologieentwicklung in den industriellen Masseneinsatz oft die größte Hürde. Bisher adressierte Unchained Robotics mit seiner Plattform vor allem kleine und mittelständische Betriebe in Europa. Durch die enge Verzahnung mit der Bertelsmann-Tochter Arvato validiert das Start-up seine Technologie nun im industriellen Großmaßstab.
Arvato plant, in den kommenden Jahren eine dreistellige Anzahl von Robotern in unterschiedlichen operativen Umgebungen zu implementieren. Dieses Volumen schafft Erfahrungswerte und Standards, die Unchained Robotics gegenüber Mitbewerbern einen deutlichen Skalierungsvorteil verschaffen dürften. Neue Lösungen können fortan direkt entlang konkreter Use Cases im echten Betrieb erprobt und für den breiten operativen Rollout vorbereitet werden.
Plattform-Strategie und strategische Einordnung im Wettbewerb
Der deutsche Robotik-Markt ist stark umkämpft und von unterschiedlichen Lösungsansätzen geprägt. Während einige Start-ups auf die Entwicklung eigener Hardware setzen, fokussiert sich Unchained Robotics auf die softwareseitige Integration, insbesondere durch ihr Betriebssystem. So setzt beispielsweise das Münchener Start-up RobCo auf eigene, physische und modulare Hardware-Roboterarme, wohingegen Unchained strikt modular und herstellerunabhängig agiert.
Auch im Vergleich zu WAKU Robotics aus Berlin, die mit einem Marktplatz und eigener Software einen starken Fokus auf mobile Logistikroboter (AMR/AGV) legen, decken die Paderborner breitere Pick-and-Place-Anwendungen ab. Gegenüber Unternehmen wie Magazino (gehört zu Jungheinrich), die auf spezialisierte autonome Logistik-Roboter und Eigenentwicklungen für spezifische Prozesse fokussiert sind, grenzt sich Unchained durch seinen offenen, plattformbasierten Ansatz ab.
Diese strategische Positionierung erweist sich nun als maßgeblicher Hebel. Für einen globalen 3PL-Dienstleister wie Arvato wäre die Bindung an nur einen Hardware-Hersteller zu starr. Durch die Unabhängigkeit von Unchained Robotics lassen sich Lösungen flexibel für reale Logistik- und Fulfillment-Prozesse maßschneidern.
Der „Huckepack“-Vorteil bei der US-Expansion
Ein weiterer kritischer Faktor für die künftige Marktstellung des Start-ups ist die Internationalisierung. Üblicherweise erfordert der Sprung über den Atlantik für deutsche Tech-Gründer enorme Summen und den langwierigen Aufbau eigener Vertriebsstrukturen.
Unchained Robotics wählt eine effizientere Route: Neben europäischen Standorten eröffnet die Partnerschaft den direkten Zugang in internationale Märkte, insbesondere in die USA. Das Start-up expandiert quasi „huckepack“ über die bestehenden, hochkomplexen Logistik-Setups von Arvato. Gerade in den USA, wo hohe Automatisierungsanforderungen auf dynamische E-Commerce-Strukturen treffen, sichert dies einen schnellen und praxisnahen Markteintritt.
Automatisierung ohne „Raketenwissenschaft“
Für den Logistikkonzern steht bei dem Deal vor allem die rasche operative Umsetzung im Vordergrund: Automatisierung müsse heute in erster Linie schnell wirken, so Arvato-CEO Frank Schirrmeister.
Dies zahlt direkt auf die ursprüngliche Vision von Unchained Robotics ein: Die Paderborner sind angetreten, um zu beweisen, dass industrielle Automatisierung längst keine „Raketenwissenschaft“ mehr ist. Durch den Arvato-Deal erhält das Start-up nun die Möglichkeit, diesen Anspruch von der Konzeption bis zur Inbetriebnahme im globalen Großmaßstab unter Beweis zu stellen.
Smart Scaling: 3 konkrete Learnings für B2B- und Tech-Gründer*innen
Aus dem Deal zwischen Unchained Robotics und Arvato lassen sich drei handfeste strategische Manöver ableiten, die Start-ups bei der Skalierung im B2B-Umfeld helfen können:
1. Orchestrierung schlägt Vendor-Lock-in
Gerade im Hardware- und Maschinenbau neigen Start-ups dazu, eigene proprietäre Systeme zu entwickeln. Unchained Robotics zeigt den Wert des Plattform-Gedankens: Corporates hassen den „Vendor-Lock-in“ (die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller).
Learning: Wer sich als herstellerunabhängige, modulare Software- oder Integrationsschicht positioniert, macht sich für Konzerne, die flexibel bleiben müssen, weitaus attraktiver als der Anbieter einer isolierten Einzellösung.
2. Die „Huckepack“-Expansion (Piggybacking)
Der teuerste und riskanteste Schritt für deutsche B2B-Start-ups ist oft die Internationalisierung – insbesondere in die USA. Anstatt Millionen an VC-Geldern in den Aufbau eigener US-Vertriebs- und Servicestrukturen zu verbrennen, nutzt Unchained Robotics die bestehende Infrastruktur seines strategischen Partners.
Learning: Sucht gezielt nach Kund*innen oder Investor*innen, deren eigene globale Logistik oder Infrastruktur ihr als direktes Sprungbrett für neue Märkte nutzen könnt.
3. Volumen-Commitment als unfairen Wettbewerbsvorteil (Moat) aufbauen
Ein Corporate-Investment ist gut, ein garantiertes operatives Testfeld ist besser. Arvato hat sich nicht nur an dem Start-up beteiligt, sondern ein klares Commitment zum Rollout einer dreistelligen Anzahl von Robotern abgegeben.
Learning: Verhandelt bei strategischen Beteiligungen immer auch den operativen Einsatz mit hinein. Das garantierte Volumen generiert reale Use Cases und Datenmengen, die für neue Wettbewerber einen fast unüberwindbaren Burggraben („Moat“) darstellen.
European Dynamism-Report zeigt Europas Tech-Paradoxon
Laut den Autoren des aktuellen „European Dynamism“-Reports bringt Europa mittlerweile gefühlt im Wochentakt neue Unicorns hervor. Doch bei der globalen Skalierung wandert die Wertschöpfung zu oft ab. Die Studie zeigt, in welchen sechs Deeptech-Nischen europäische Start-ups die unangefochtenen Kategorie-Führer von morgen bauen können. StartingUp hat die Ergebnisse analysiert und zeigt, was das für eure Go-to-Market-Strategie bedeutet.
Das europäische Start-up-Ökosystem ist laut dem Report „European Dynamism“ im Auftrag von redalpine deutlich reifer geworden. Die Studienautoren konstatieren, dass neue Unicorns zuletzt gefühlt im Wochentakt entstehen. Zudem schlagen europäische VC-Fonds ihre US-Konkurrenten über lange Zeithorizonte, und das Funding zog 2025 wieder spürbar an. Doch der Report benennt ein neues europäisches Tech-Paradoxon: Der zentrale Engpass liegt heute weniger bei Talent, Forschung oder Finanzierung. Es geht vielmehr um die Frage, wo die Wertschöpfung beim globalen Scaling in der Region gehalten werden kann.
Die Kernthese der Studie: Europas Wettbewerbsvorteil liegt exakt dort, wo Software, Wissenschaft und Industrie eng zusammenkommen. Genau hier entstehen neue Cluster, in denen Deutschland eine sichtbar größere Rolle spielt. Berlin etabliert sich dabei laut Report als Standort für Enterprise AI, während München sich als Deeptech-Knoten über die Bereiche Fusion, Space, Health und Robotics hinweg wiederholt.
Die 6 Felder, in denen Europa global gewinnen kann
Die Deep Dives der Studie decken sechs Sektoren ab , in denen Europa nicht nur gründen, sondern den Wert auch langfristig halten und anführen kann:
- Intelligent Enterprise: Im Bereich Intelligent Enterprise verschiebt sich der Wettbewerb von Foundation Models zu Workflows. Entscheidend ist, ob ein Modell ganze Unternehmensprozesse orchestrieren, verifizieren und tief in Kundenabläufe integrieren kann. Europas Chance liegt laut Report vor allem in Vertical AI und im Orchestrierungs-Layer. Sichtbare Player am Standort Berlin sind hier Start-ups wie n8n und Parloa, während sich das Funding für europäische Enterprise-AI-Startups 2024/25 mehr als verdoppelt hat.
- Digital Health: Digital Health verlässt die Wellness-Ecke und wird zur klinischen Infrastruktur. Der Report beschreibt einen Shift hin zu "medical-grade devices" und spezialisierter AI für konkrete Versorgungsprobleme. Diese reichen von Wearables (wie Oura und Hilo/Aktiia) bis zu Anwendungen (wie Voize und Avelios), die direkt in klinische Abläufe eingreifen. Europas Vorteil liegt hierbei in Validierung, Regulierung und klinischer Alltagstauglichkeit.
- New Energy: Im Energiekapitel setzt der Report vor allem auf die Kernfusion als europäische Souveränitätswette. Das globale Investment in Fusion stieg 2025 laut Report um knapp 500 % auf 3,8 Mrd. Dollar. Europas Trumpf ist dabei laut den Autoren nicht die größte Kapitalmaschine , sondern die ITER/CERN-Erfahrung, die Engineering-Tiefe und komplexe Präzisionsfertigung , exemplarisch gezeigt am deutschen Start-up Proxima Fusion.
- Space: Die Raumfahrt wird im Report bewusst entromantisiert. Der kurzfristige Business Case liegt nicht im Weltraumtourismus, sondern in Erdbeobachtung, Navigation, Konnektivität, Defence und orbitaler Infrastruktur. Das Thema ist damit weniger Sci-Fi als vielmehr Industrie-, Sicherheits- und Infrastrukturpolitik. Getrieben von der Debatte um technologische Souveränität wächst der Druck zum Aufbau eigener Satelliten- und Launch-Infrastrukturen. Europa baut hierfür sichtbare Cluster von Toulouse über München bis Glasgow auf.
- Unlocking Biology: Die Biologie wird laut Report von einer Beobachtungswissenschaft zu einer datengetriebenen Engineering-Disziplin. Große biologische Foundation Models, proprietäre Datensätze und automatisierte Lab-in-the-loop-Setups beschleunigen Design, Test und Iteration. Europas Chance liegt hier laut Report besonders in der Middleware- und Tooling-Schicht zwischen AI-Fähigkeit und therapeutischem Ergebnis.
- Robotics: Robotik ist im Report kein Nischenthema mehr, sondern ein Feld, in dem Europas industrielle DNA zum echten Vorteil werden könnte. Der Markt ist groß und noch längst nicht verteilt, da laut Report noch rund 70 % der Lagerhäuser nicht automatisiert sind. Das Funding für europäische Robotik-Startups lag 2025 bei über 1,6 Mrd. Euro. Europas stärkste Position liegt dabei eher im „Brain Layer“ als im reinen Hardware-Rennen: in Physical AI, Real-World-Daten und Software, die Robotern den Umgang mit wechselnden Umgebungen beibringt.
StartingUp ordnet ein: 5 strategische Hebel für euer Pitch-Deck
Was bedeuten diese Fakten nun konkret für Gründerinnen und Gründer, die gerade an ihrem Produkt bauen oder Kapital suchen? Wir haben aus den Daten des Reports fünf harte strategische Leitplanken für eure Go-to-Market-Strategie abgeleitet:
- Baut den europäischen Burggraben: Pitcht Investoren keinen reinen Software-as-a-Service-Klon aus den USA. Wenn ihr global skalieren wollt, müsst ihr die Stärken des Standorts nutzen. Investoren suchen derzeit gezielt nach Teams, die exzellente Software mit tiefem, hiesigem Industrie- oder Wissenschafts-Know-how verknüpfen.
- Orchestrierung statt Basis-Technologie: Der Versuch, bei Foundation Models mit US-Giganten zu konkurrieren, verbrennt meist nur Ressourcen. Positioniert euer Start-up stattdessen intelligent im Orchestrierungs-Layer. Zeigt, dass ihr das Detailgeschäft beherrscht: das fehlerfreie Integrieren und Verifizieren von KI in tief verwurzelte, bestehende Unternehmens-Workflows.
- Nutzt Regulierung als euren stärksten USP: Viele Gründer fürchten europäische Regularien. Dreht den Spieß um! Wenn euer "medical-grade" Produkt die strengen europäischen Hürden für klinische Alltagstauglichkeit meistert, habt ihr den ultimativen Qualitätsnachweis für den globalen Markt.
- Baut die Schaufeln für den Goldrausch: Ob in Biotech oder Robotik – versucht nicht, den finalen Roboter oder Wirkstoff komplett allein zu bauen. Entwickelt stattdessen die renditestarken Zwischenschichten wie Middleware, Tooling oder den "Brain Layer", also jene Software, die KIs überhaupt erst befähigt, in komplexen Umgebungen zu agieren.
- B2B-Infrastruktur schlägt Sci-Fi-Visionen: VCs finanzieren aktuell keine Luftschlösser. Baut euren Business Case in Bereichen wie Space oder Energy auf knallharter Infrastruktur-, Sicherheits- und Industriepolitik auf. Wer Schlagworte wie "technologische Souveränität" glaubhaft mit einem starken B2B-Produkt untermauern kann, punktet beim Fundraising.
Fazit: Vom Gründen zum Überzeugungstäter
Wie die Studie passend zuspitzt: Europa fehlt nicht der nächste Gründerjahrgang. Europa kann gründen – jetzt muss Europa lernen, mit Überzeugung zu skalieren. Wer heute ein Start-up in den Bereichen Deeptech, AI oder Robotics gründet, muss vom ersten Tag an groß denken. Nur wer die Wertschöpfung und das Ownership konsequent in der eigenen Region hält, macht aus einem starken europäischen Start-up auch einen globalen Kategorie-Führer.
Der Milliarden-Coup: Wie Neura Robotics zur globalen KI-Macht aufsteigen will
Nach unserer Coverstory über Gründer David Reger und der 120-Millionen-Euro-Finanzierung im Januar 2025, zündet das Metzinger Robotik-Start-up Neura Robotics nun offenbar die nächste Stufe. Mit einer kolportierten Bewertung von 4 Milliarden Euro und dem Krypto-Giganten Tether als Investor greift das Unternehmen im globalen Haifischbecken der Humanoiden nach der Marktführerschaft.
Es war absehbar, dass die 120 Millionen Euro aus der Series-B-Runde nur das Warm-up waren. Laut übereinstimmenden Medienberichten (unter anderem von Bloomberg und der Financial Times) steht Neura Robotics vor dem Abschluss einer gigantischen Finanzierungsrunde in Höhe von rund 1 Milliarde Euro (ca. 1,2 Milliarden US-Dollar). Damit würde sich die Unternehmensbewertung auf etwa 4 Milliarden Euro katapultieren. Neura stiege somit endgültig in die absolute Top-Liga der europäischen Tech-Einhörner auf. Das Unternehmen selbst wollte die Berichte auf Nachfrage bislang nicht kommentieren.
Krypto-Milliarden für DeepTech: Der Tether-Faktor
Was diesen Deal in der Tech-Welt so einzigartig macht, ist die Herkunft des Kapitals. Angeführt wird die Runde laut den Berichten von der Tether Holdings SA, dem Emittenten des weltweit größten Stablecoins. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer strategischen Neuausrichtung: Tether nutzt seine enormen Krypto-Gewinne (allein in den ersten drei Quartalen 2025 über 10 Milliarden Dollar), um ein „Real-World“-Portfolio aufzubauen – von KI-Rechenzentren über Energie bis hin zu zukunftsweisender Robotik. Für Neura würde das den Zugang zu einem extrem liquiden Investor bedeuten, der bereit ist, die kapitalintensive Skalierung von Hardware langfristig zu stützen.
Das globale Haifischbecken: Metzingen gegen das Silicon Valley
Dieses Kapital ist bitter nötig, denn der Markt für humanoide und kognitive Robotik wird aktuell massiv von US-Hyperscalern und chinesischen Speedbooten befeuert. Auf der einen Seite steht Elon Musk mit Tesla Optimus und enormer Skalierungsmacht. Auf der anderen Seite agieren hochfinanzierte US-Start-ups wie Figure AI, die mit Milliarden von Microsoft und dem KI-Gehirn von OpenAI ausgestattet sind. Hinzu kommen chinesische Hersteller wie Unitree, die mit staatlicher Förderung extrem günstige Modelle auf den Markt werfen.
In diesem Milliarden-Rennen positioniert sich Neura Robotics als europäische Speerspitze. Das Unternehmen liefert einen technologischen Gegenentwurf, der Kunden wie Kawasaki Heavy Industries und Omron bereits überzeugt hat – laut CEO David Reger liegen die Auftragsbücher bei einem Volumen von fast 1 Milliarde US-Dollar.
Der Burggraben: Wie sich Neura Robotics positioniert
Um gegen die Tech-Giganten zu bestehen, setzt das Start-up auf einen technologischen Burggraben. Mit diesen Alleinstellungsmerkmalen will sich Neura von der Konkurrenz abheben:
- „Physical AI“ statt umgebauter Chatbots: Während viele Konkurrenten textbasierte KI-Modelle nachträglich in Roboter integrieren, betont Neura, seine KI von Grund auf für die physische Welt gebaut zu haben. Die Roboter verfügen über ein multisensorisches System: Sie sehen in 3D, sollen Sprache im Fabriklärm erkennen und durch haptisches Feedback ein echtes "Fingerspitzengefühl" besitzen.
- Sicherheit ohne Käfige: In traditionellen Fabriken arbeiten Roboter hinter teuren Schutzzäunen. Neuras Modelle verfügen über eine patentierte Sensorik (Touchless Safe Human Detection). Sie sollen Menschen in Echtzeit erkennen, berührungslos stoppen oder ausweichen. Dadurch können Mensch und Maschine ohne teure Fabrikumbauten direkt im selben Raum arbeiten.
- Die Plattform-Strategie: Das Start-up baut nicht nur einen Roboter. Die kognitive KI fungiert als Betriebssystem, das in verschiedene Hardware-Formen gegossen wird – sei es der Humanoide 4NE-1 oder der hochpräzise kognitive Cobot MAiRA. Die Idee: Macht ein Roboter im Netzwerk einen Fehler, lernen alle anderen weltweit daraus. Ein Ökosystem, das zudem durch strategische Partnerschaften mit Giganten wie Nvidia und Schaeffler gestützt wird.
- Fokus auf Datensouveränität: Von der KI über die Steuerungssoftware bis hin zu den Sensoren entwickelt Neura Kernkomponenten im eigenen Haus. Dieser "Made in Germany"-Ansatz garantiert aus Unternehmenssicht höchste Datensicherheit. Für westliche Industrieunternehmen ist das ein massives Argument gegenüber asiatischen oder US-amerikanischen Herstellern.
„We serve humanity“: Klare Kante gegen Rüstungsdeals
Trotz des rasanten Wachstums bleibt David Reger seinen Prinzipien treu – ein Aspekt, den wir bereits in unserer Coverstory beleuchtet haben. Der Gründer positioniert seine Roboter strikt als Zivil- und Helfermaschinen für Industrie und Haushalt. Lukrative Anfragen aus der Rüstungsindustrie lehnt das Unternehmen kategorisch ab. Der Humanoide 4NE-1 soll den Menschen entlasten, nicht ersetzen oder bedrohen. Mit dieser ethischen Linie setzt Neura einen bewussten Gegenpol zu einem Markt, der teilweise stark militärisch geprägt ist.
Fazit: Der „iPhone-Moment der Robotik“
Analysten von Barclays schätzen, dass der Markt für KI-basierte Roboter und autonome Maschinen bis 2035 auf rund 1 Billion Dollar anwachsen wird. Mit der erwarteten Milliarden-Finanzierung und dem ehrgeizigen Ziel, bis 2030 rund 5 Millionen Einheiten zu produzieren, unterstreicht Neura Robotics seinen Anspruch auf die globale Weltspitze. Für das Metzinger Start-up hat die Phase der weltweiten Skalierung gerade erst begonnen.
Strategischer Fokus auf Multimorbidität: Oska Health sichert sich 11 Mio. Euro
Das Frankfurter HealthTech-Unternehmen Oska Health hat eine Finanzierungsrunde über 11 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt von Capricorn Partners und SwissHealth Ventures, adressiert das Start-up die Versorgungslücke bei chronisch Kranken. Ein Blick auf das Geschäftsmodell, die personelle Aufstellung und die Herausforderungen im regulierten Gesundheitsmarkt.
In der aktuellen Seed-Runde haben sich neben den Lead-Investoren Capricorn Partners und SwissHealth Ventures auch Revent, Calm Storm, BMH, LBBW Venture Capital, GoHub Ventures und Aurum Impact beteiligt. Mit dem frischen Kapital plant Oska Health, die technologische Infrastruktur auszubauen und das Versorgungsmodell, das bereits mit über 20 Krankenkassen (darunter die KKH) etabliert wurde, in die Breite zu bringen.
Adhärenz als wirtschaftlicher Hebel
Der Fokus des 2022 gegründeten Unternehmens liegt auf sog. multimorbiden Patient*innen – Menschen, die gleichzeitig an mehreren chronischen Leiden wie Nierenerkrankungen (CKD), Diabetes und Bluthochdruck leiden. Ein Kernproblem in diesem Bereich ist die mangelnde Therapietreue im Alltag (Adhärenz). Statistiken des Gesundheitswesens belegen, dass etwa 50 % der chronisch Kranken ihre Medikamente nicht vorschriftsmäßig einnehmen. Oska Health setzt hier auf eine hybride Betreuung: Ein digitaler Begleiter (App) wird durch persönliches Coaching via Video und Chat ergänzt.
Ziel dieses Ansatzes ist die Reduktion von vermeidbaren Komplikationen und teuren Krankenhausaufenthalten. Für die Kostenträger stellt dies ein mathematisches Optimierungsproblem dar: Übersteigen die Kosten für die digitale Betreuung die Einsparungen durch verhinderte Akutereignisse? Oska Health scheint hier erste überzeugende Daten geliefert zu haben, wie die Beteiligung des Venture-Arms der Schweizer CSS Versicherung (SwissHealth Ventures) signalisiert.
Das Gründungsteam: Erfahrung aus der Industrie
Ein wesentliches Merkmal von Oska Health ist der „Founder-Market-Fit“. Die Gründer*innen kommen nicht aus der klassischen Software-Entwicklung, sondern bringen tiefgreifende Branchenerfahrung aus dem Gesundheitssektor mit:
- Niklas Best (CEO): War zuvor über zehn Jahre in der Branche tätig, unter anderem als Director of Digital Products bei Fresenius Medical Care. Er verfügt über einen Executive MBA der Universität St. Gallen.
- Dr. Malte Waldeck (CFO/COO): Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler (RWTH Aachen) sammelte Erfahrungen im Investmentbanking (Metzler) sowie in Führungspositionen bei DaVita Kidney Care und der D.med Healthcare Group.
- Claudia Ehmke (CPO): Verantwortet mit langjähriger Erfahrung in der Tech-Szene (u.a. bei der Design-Agentur ustwo in London) die Nutzerschnittstelle und Produktstrategie.
Diese personelle Konstellation dürfte den Zugang zu den oft schwer zugänglichen Entscheidungsträgern der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) erleichtert haben.
Strukturelle Herausforderungen und Wettbewerb
Trotz des Kapitalzuflusses steht das Unternehmen vor den typischen Hürden des deutschen Digital-Health-Marktes. Im Gegensatz zu Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die einen standardisierten Zulassungsweg gehen, nutzt Oska Health sog. Selektivverträge. Dieser Weg erfordert einen deutlich höheren individuellen Vertriebsaufwand pro Krankenkasse, ermöglicht aber eine tiefere Integration in bestehende Versorgungspfade.
Ein kritischer Faktor bleibt die Skalierbarkeit. Ein Modell, das auf menschliches Coaching setzt, hat naturgemäß höhere Grenzkosten als eine reine Software-Lösung. Oska Health begegnet dem durch den Einsatz von KI, um administrative Aufgaben der Coaches zu automatisieren. Der Erfolg der nächsten Jahre wird davon abhängen, ob die technologische Unterstützung die Effizienz so weit steigert, dass eine flächendeckende Versorgung bei gleichbleibender Marge möglich ist.
Zudem ist das Marktumfeld für Chronic Care Management zunehmend besetzt. Während spezialisierte Anbieter wie Oviva (Ernährung) oder Mika (Onkologie) einzelne Nischen besetzen, positioniert sich Oska Health durch die Fokussierung auf die komplexere Multimorbidität. Dies vergrößert zwar die Zielgruppe, erhöht jedoch gleichzeitig die regulatorischen Anforderungen an das Produkt als zertifiziertes Medizinprodukt.
Einordnung für den Start-up-Sektor
Die Finanzierung von Oska Health zeigt einen deutlichen Trend im HealthTech-Investment: Kapital fließt verstärkt in Modelle, die nicht nur eine digitale Lösung bieten, sondern eine nachweisbare Integration in die Abrechnungsstrukturen des Gesundheitssystems vorweisen können. Für Gründer*innen im Bereich Medtech verdeutlicht der Fall Oska, dass Branchenexpertise und die Wahl des richtigen Erstattungsweges oft wichtiger sind als die reine technologische Innovation. Ob sich der hybride Ansatz langfristig gegen rein algorithmische Lösungen durchsetzt, wird an den klinischen und ökonomischen Langzeitdaten der Krankenkassen-Partner gemessen werden.
12 Mio. USD für Secfix: Vom simplen Compliance-Tool zur europäischen Security-Plattform
Die regulatorischen Daumenschrauben für Europas Unternehmen ziehen sich an. Das Münchner Start-up Secfix liefert die passenden Antworten – und sichert sich nun in einer überzeichneten Series-A-Runde 12 Millionen US-Dollar.
Heute verkündet das Münchner Start-up Secfix einen bedeutenden Meilenstein: Das Unternehmen, das sich als eine der führenden End-to-End Security-Compliance-Plattformen in Europa positioniert, hat eine überzeichnete Series-A-Finanzierung in Höhe von 12 Millionen US-Dollar erfolgreich abgeschlossen. Angeführt wird die Kapitalmaßnahme von Alstin Capital. Flankiert wird der Lead-Investor von Bayern Kapital sowie dem Bestandsinvestor neosfer, der Innovationseinheit der Commerzbank-Gruppe.
Von der TU München zur europäischen Expansion
Hinter Secfix stehen die CEO Fabiola Munguia sowie ihre Mitgründer Grigory Emelianov (CTO) und Branko Džakula (CISO). Die Wurzeln des Start-ups reichen an die Technische Universität München (TUM) zurück, wo Munguia und Emelianov studierten. Zunächst startete das Team 2021 mit Requestee, einem Marktplatz für ethische Hacker und Penetrationstests – eine Gründungsgeschichte, über die StartingUp bereits ausführlich in einem Porträt berichtet hat.
Doch im direkten Austausch mit Start-ups und dem Mittelstand erkannten die Gründer*innen durch gutes Zuhören am Markt ein weitaus gravierenderes, strukturelles Problem: Europäische Unternehmen standen vor enormen Hürden, da Security-Zertifizierungen bis zu 18 Monate dauerten und extrem viel manuellen Aufwand erforderten. Dieser langsame und teure Prozess hemmte das Wachstum massiv, denn ohne die passenden Nachweise verzögerten sich wichtige Vertragsabschlüsse, was teilweise zu Millionenverlusten führte. Das Team verinnerlichte eine wichtige unternehmerische Lektion: Compliance ist kein reines IT-Thema, sondern ein entscheidender Wachstumshebel, um Enterprise-Deals überhaupt abschließen zu können. Aus dieser Erkenntnis heraus vollzog das Team einen strategischen Pivot zu Secfix (sie offizielle Umfirmierung und Rechtsformwandlung erfolgte im Januar 2023), um die Prozesse für Standards wie ISO 27001, den EU AI Act, NIS2, DSGVO und SOC 2 grundlegend zu automatisieren.
Vom reinen Tool zum strategischen Partner
Was bei Secfix ursprünglich als reines GRC-Automatisierungstool (Governance, Risk, Compliance) begann, hat sich laut Unternehmensangaben mittlerweile zu einer KI-gestützten End-to-End Security-Compliance-Plattform in Europa weiterentwickelt. Dies ist eine direkte Antwort auf die Marktdynamik: Mit Vorgaben wie ISO 27001, NIS2, DORA und dem EU AI Act steigt der regulatorische Druck auf europäische Firmen derzeit erheblich an. Um in diesem komplexen Umfeld nicht nur bloße Checkbox-Compliance zu betreiben, vereint Secfix heute Compliance-Automatisierung mit einem KI-nativen "CISO-as-a-Service". Das Portfolio deckt dabei weite Teile der Sicherheitsinfrastruktur ab und reicht von kontinuierlichem Monitoring, Incident-Management und Access-Management bis hin zu Cloud-Security-Scanning, Penetrationstests und vollumfänglicher Security-Führung.
Dieser ganzheitliche Ansatz scheint im Markt auf Resonanz zu stoßen: Laut Secfix können Kund*innen die Dauer ihrer Zertifizierungsprozesse durch die Plattform um bis zu 90 Prozent verkürzen. Gleichzeitig verweist das Start-up auf eine Audit-Erfolgsquote von 100 Prozent. Aktuell vertrauen bereits Hunderte von Kund*innen in über 15 europäischen Ländern auf den Service, darunter renommierte Unternehmen wie WorkMotion, Veremark, Orianda und Trafigura sowie Banken und Energieunternehmen.
Die nächsten Schritte: Europa im Visier und „Smart Money“ an Bord
Mit dem frischen Kapital will Secfix nun die Expansion in ganz Europa gezielt vorantreiben. Zudem investiert das Unternehmen in die Weiterentwicklung seiner KI-gestützten Automatisierung und skaliert das CISO-as-a-Service-Angebot für die wachsende Nachfrage im Mid-Market.
Die strategische Neuausrichtung bringt Fabiola Munguia, die CEO des Münchner Unternehmens, wie folgt auf den Punkt: „Wir haben damit begonnen, Unternehmen schnell und unkompliziert zur Zertifizierung zu bringen. Heute werden wir zu ihrem langfristigen Security- und Compliance-Partner für alles, was danach kommt. Unsere Vision ist es, Secfix als führende End-to-End Security-Compliance-Plattform Europas zu etablieren, die Unternehmen von der ersten ISO-27001-Zertifizierung an durch ihre gesamte Security- und Compliance-Reise begleitet.“
Für das weitere Wachstum setzt Secfix dabei ganz bewusst auf "Smart Money". Mit dem Lead-Investor Alstin Capital holt sich das Start-up einen Münchner Fonds an Bord, der stark auf B2B-Software fokussiert ist. Besonders wertvoll dürfte der „All-in“-Ansatz des Investors sein: Neben Kapital unterstützt Alstin die Gründerteams aktiv durch Sales-Coaching, Go-to-Market-Strategien sowie den Zugang zu relevanten Industriekontakten.
GameChanger des Monats: Gwen Thomas - Vom Background-Gesang zum SOMA SPACE
Das Business mit der inneren Stimme: Wie Gwen Thomas Stimmtherapie zum Gamechanger macht.
Einst stand Natascha Gweneth (Gwen) Thomas als Backgroundsängerin für Größen wie Sido und Cro auf der Bühne. Heute ist sie Unternehmerin, Stimmtherapeutin und Autorin. Mit ihrer digitalen Plattform, einer eigenen Ausbildungsmethode und dem Hamburger Studio SOMA SPACE hat sie eine Nische für körperbasierte Bewusstseinsarbeit besetzt.
Dabei schien ihre Karriere zunächst ganz anders vorgezeichnet: Nach einem Stipendium an der Stage School und Jahren im professionellen Musikbusiness tourte sie intensiv und schrieb Songs in den Hansa Studios. Doch der Erfolg in dieser stark männlich geprägten und druckvollen Zeit hatte seinen Preis. „Ich habe funktioniert, aber mich selbst immer weiter verloren“, erinnert sie sich heute. Ein schwerer biografischer Einschnitt zog schließlich den endgültigen Schlussstrich unter ihre Musikkarriere: Im siebten Monat verlor sie ihren ersten Sohn. Sie brach alle Engagements ab, begann eine Therapie und zog sich vollständig zurück. Aus diesem schmerzhaften Nullpunkt heraus entstand das Fundament für ihr heutiges Unternehmen.
Aus eigener Heilung wird ein Business Case
Anstatt auf die Bühne zurückzukehren, verwebte Gwen ihre Erfahrungen aus Musik, Schauspiel, somatischer Arbeit und Klangtherapie zu einem neuen Konzept. Ende 2020 launchte sie die Website www.deinestimmedeinraum.de. Hieraus entwickelte sie rechtlich geschützte Methoden wie das Holistisch Stimmtherapeutische Coaching® sowie den Vocal-Energetic Release™. Ihr Ansatz ist dabei stets körperorientiert. „Die Stimme weiß oft früher als der Verstand, dass etwas nicht stimmt“, erklärt sie. Es gehe nicht um bloßes Schreien, sondern um die Wahrnehmung von Blockaden im Nervensystem. Die Stimme fungiere dabei als Antenne, die zeigt, wo jemand nicht in seiner Wahrheit lebt.
Heute ist ihr Geschäftsmodell breit aufgestellt und umfasst Workshops, Retreats sowie ein spezialisiertes Mentoring. Dass ihre Arbeit oft exklusiv und hochpreisig ist, sieht Gwen nicht als Widerspruch zu ihrem feministischen Anspruch. Für sie ist es ein Akt der Selbstfürsorge, den eigenen finanziellen Wert zu kennen. Sie betont: „Wenn Frauen in meine Ausbildung oder in ein Mentoring investieren, ermöglichen sie ein System, in dem ich Frauen anstellen kann, sie fair bezahle und wirtschaftliche Unabhängigkeit fördere.“
Feminismus und wirtschaftliche Klarheit gehören für Gwen untrennbar zusammen, da das Unter-Wert-Verkaufen lediglich alte patriarchale Systeme reproduzieren würde. Sie möchte, dass Frauen – die oft jahrelang unbezahlte Care-Arbeit geleistet haben – endlich in finanzieller Fülle stehen dürfen.
Embodiment als politischer Akt
Für Gwen ist diese Arbeit weit mehr als individuelles Coaching; sie ist zutiefst politisch. Sie ist überzeugt, dass die Wahrnehmung der Frau über Generationen vom Patriarchat abgespalten wurde. „Gerade wir Frauen haben gelernt, uns zurückzunehmen – nicht nur in unserem Ausdruck, sondern auch in dem, was wir vom Leben wollen“, sagt sie. In ihrem Mentoring arbeitet sie daher gezielt mit Frauen in Führungspositionen, wie etwa Chefärztinnen oder Tech-Expertinnen, die gelernt haben, auf eine männliche Weise zu performen, sich dabei aber selbst verlieren.
Ihre Marke The Vulva Voice ist in diesem Kontext ein klares Statement. Gwen erklärt, dass dieses Branding keine kalkulierte Marketingstrategie war, sondern aus einer verkörperten Haltung entstand. Sie fordert eine Erweiterung des Marktes und eine neue Offenheit in klassischen Unternehmensräumen: „Wir dürfen aufhören so zu tun, als seien Körper, Zyklus, Trauma oder emotionale Intelligenz ‚private Themen‘. Sie betreffen jede Frau – und damit jede Organisation.“
Qualitätssicherung und die Grenzen des Coachings
Um dieses politische Ziel mit fachlicher Exzellenz zu untermauern, nutzt Gwen ihr Buch Vulva Voice als Filter für Qualität. Ihr Fundament bilden Zertifizierungen in traumasensibler Begleitung, Body-Mind-Centering und MediAkupresseur.
Angesprochen auf die Abgrenzung zur klassischen Therapie stellt sie klar, dass ihre Angebote reine „Erfahrungsräume“ sind. Sie versteht sich nicht als Heilerin, sondern als Raumhalterin. Durch ihren traumasensiblen Hintergrund arbeitet sie strikt ressourcenorientiert: „Wir aktivieren zunächst die Fähigkeit zur Selbstregulation [...], bevor wir mit intensiveren Themen arbeiten.“ Sie diagnostiziert nicht und ersetzt keine Therapie. Sollte eine Teilnehmerin therapeutische Hilfe benötigen, kommuniziert Gwen dies transparent. Ihre Arbeit dient der Kapazitätsbildung im Umgang mit biografischen Prägungen, nicht deren „Wegmachen“.
Skalierung und Vision
Obwohl das Unternehmen stark mit Gwens persönlicher Geschichte verwoben ist, plant sie bereits die Skalierung über ausgebildete Trainerinnen im Soma Space. Diese sollen keine Kopien ihrer selbst sein, sondern ihre eigene Geschichte und Stimme nutzen. Für Gwen bedeutet unternehmerisches Wachstum vor allem Multiplikation: „Skalierung bedeutet für mich nicht Entpersonalisierung, sondern Verkörperung in vielen Körpern.“
Die Ergebnisse sind oft lebensverändernd. Viele Frauen erkennen, dass ihre Dysregulation kein individuelles Versagen ist, sondern eine Reaktion auf nicht geachtete Ressourcen. Das führt oft zu radikaler Klarheit – bis hin zu Trennungen, wenn Klientinnen plötzlich ihre eigene Wahrheit spüren.
Gwen Thomas selbst blickt heute mit großer Klarheit auf ihren Weg. Sie hat ihren Schmerz und ihr Trauma in ihre Arbeit transformiert. „Ich weiß heute, dass ich den Schmerz [...] nicht mehr brauche“, sagt sie. „Das hat mir geholfen, hier anzukommen.“
Plato sichert sich 14,5 Mio. USD für das KI-Betriebssystem für den Großhandel
Plato entwickelt KI-native Software, die zentrale Workflows in den Bereichen Vertrieb, Angebotserstellung und ERP-Prozesse für Großhandelsunternehmen automatisiert.
Gegründet wurde Plato 2024 von Benedikt Nolte, Matthias Heinrich Morales und Oliver Birch. Die Plattform entstand ursprünglich aus Noltes familiengeführten Großhandelsunternehmen heraus, das mit veralteter Software und Fachkräftemangel zu kämpfen hatte. Dieser praxisnahe Ursprung prägt bis heute Platos industriegetriebenen Ansatz für KI-Transformation.
Das Unternehmen entwickelt KI-native Software, die zentrale Workflows in den Bereichen Vertrieb, Angebotserstellung und ERP-Prozesse für Großhandelsunternehmen automatisiert. Großhändler bewegen jeden fünften Dollar der globalen Produktionsleistung, sind jedoch bis heute massiv unterversorgt mit moderner Software. Platos Lösung stattet Vertriebsteams mit einem KI-Copiloten aus, steigert Profite und erhöht die Vertriebseffizienz via AI agents.
„Wir haben die Probleme aus erster Hand im Großhandel meiner Familie erlebt und Plato gemeinsam mit Experten entwickelt, um die Arbeitsweise der Branche neu zu denken. Wir bauen das KI-Betriebssystem für den Großhandel, beginnend mit einer intelligenten Automatisierungsplattform im Vertrieb. Mit dieser Finanzierung skalieren wir Plato, um die gesamte Branche zu transformieren und einen Tech-Champion für die Handelsökonomie aufzubauen – aus Deutschland, für die Welt“, sagt Benedikt Nolte, CEO von Plato.
Skalierung des KI-Betriebssystems für den Großhandel
Die Plattform erschließt verborgene ERP-Daten und automatisiert manuelle Aufgaben, sodass Vertriebsteams vom reaktiven ins proaktive Verkaufen kommen. Plato hat bereits mehrere der führenden Großhändler Europas mit sechsstelligen Vertragsvolumina gewonnen. Die 14,5 Mio.-USD-Finanzierung soll es Plato ermöglichen, sein vertikales Produktangebot auf Kundenservice und Einkauf auszuweiten und die internationale Expansion voranzutreiben.
„Besonders überzeugt hat uns an Plato die außergewöhnliche Qualität des Gründerteams. Das Team hat in diesem Bereich ein echtes „Right to winˮ und brennt für den Großhandel. Es vereint tiefgehende Branchenexpertise aus erster Hand mit starker technischer Umsetzung und dem Anspruch, ein branchenprägendes vertikales KI-Unternehmen aufzubauen. Großhändler suchen dringend nach branchenspezifischer KI-Software, um operative Herausforderungen zu lösen – und genau diese Lösung ist Plato“, sagt Andreas Helbig, Partner bei Atomico.
Seed-Runde: Leipziger HRTech clarait erhält über 1,5 Mio. Euro
Das 2023 von Johannes Bellmann, Miriam Amin und Thilo Haase gegründete Start-up clarait digitalisiert einen der letzten analogen Bereiche im Unternehmen: die Zusammenarbeit zwischen Betriebsräten und HR.
Die clarait GmbH hat den Abschluss einer Seed-Finanzierungsrunde bekanntgegeben und sichert sich Kapital in Höhe von über 1,5 Millionen Euro. Lead-Investor der Runde ist der TGFS Technologiegründerfonds Sachsen, der einen siebenstelligen Betrag investiert. Als Co-Investor beteiligt sich der HR Angels Club, ein europaweites Netzwerk aus erfahrenen HR-Führungskräften und Investoren.
Marktlücke: Der „White Spot“ zwischen HR- und Legal-Tech
Während klassische HR-Prozesse wie Payroll oder Recruiting längst digitalisiert sind, gilt der Bereich der „Labour Relations“ (betriebliche Mitbestimmung) als einer der letzten kaum erschlossenen Märkte. In vielen Unternehmen dominiert hier noch der „Status Quo“ – ein Vorgehen, das angesichts strenger Compliance-Vorgaben und der DSGVO zunehmend riskant wird.
Clarait positioniert sich hier mit zwei verknüpften SaaS-Lösungen:
- BRbase unterstützt Betriebsräte bei der strukturierten Organisation von Sitzungen, Beschlüssen und Mitbestimmungsprozessen.
- HRflows liefert der Arbeitgeberseite juristisch geprüfte Workflows für mitbestimmungspflichtige Maßnahmen.
Wettbewerb & USP: Brückenbauer statt Insellösung
Im Wettbewerbsumfeld grenzt sich das Leipziger Start-up deutlich ab. Während etablierte Anbieter oft reine Insellösungen anbieten, verfolgt clarait einen Plattform-Ansatz. Ziel ist es, den Medienbruch zwischen Personalabteilung und Gremium zu beenden und beide Seiten auf einer Infrastruktur zu verbinden.
Das Start-up adressiert damit einen wachsenden Markt, der durch steigende regulatorische Anforderungen und den Trend zu revisionssicheren Workflows getrieben wird. Zu den Kunden zählen bereits DAX-40- und Fortune-500-Unternehmen.
Der „Perfect Fit“: Praxis trifft Prozesslogik
Ein wesentlicher Faktor für das Investment dürfte die Komposition des Gründerteams sein, das die nötige Neutralität für dieses politisch sensible Thema mitbringt:
- Johannes Bellmann (CEO) vereint die Perspektiven beider Verhandlungspartner und versteht das Geschäftsmodell sowie den Markt der betrieblichen Mitbestimmung tiefgehend.
- Thilo Haase (CPO) verantwortet die inhaltliche Ausgestaltung der Plattform.
- Miriam Amin (CTO) vervollständigt das Trio als technische Mitgründerin.
„Smart Money“ und KI-Pläne
Neben dem Kapital des TGFS bringt vor allem der Einstieg des HR Angels Club strategisches Gewicht. Das Netzwerk gilt als „Smart Money“ der HR-Tech-Szene und bietet Zugang zu Entscheidern in Personal- und Organisationsfunktionen. Sören Schuster, Geschäftsführer des TGFS, sieht in der Gremienverwaltung einen „bislang nur unzureichend digitalisierten Bereich“ und bescheinigt dem Team das Potenzial zum Qualitätsführer.
Das frische Kapital soll primär in den Ausbau der Vertriebsorganisation sowie die Weiterentwicklung der Software fließen. Geplant sind unter anderem die Integration von KI-gestützten Assistenzfunktionen sowie die Vorbereitung der Internationalisierung, die zunächst im deutschsprachigen Raum erfolgen soll.
Münchner Robotik-Start-up Sitegeist holt 4 Mio. Euro Pre-Seed
Das 2025 von Dr. Lena-Marie Pätzmann, Julian Hoffmann, Nicola Kolb und Claus Carste gegründete Sitegeist entwickelt modulare, KI-gesteuerte Roboter, die autonom die Sanierung maroder Beton-Infrastruktur übernehmen.
Die Instandhaltung der öffentlichen Infrastruktur entwickelt sich zunehmend zum Nadelöhr der Bauindustrie. Allein in Deutschland beziffert die KfW den Sanierungsstau auf mehrere hundert Milliarden Euro. In diesem Marktumfeld konnte Sitegeist nun die Investoren überzeugen: Angeführt wird die Runde von den VCs b2venture und OpenOcean. Zudem beteiligten sich UnternehmerTUM Funding for Innovators sowie renommierte Business Angels, darunter Alexander Schwörer, Verena Pausder und Lea-Sophie Cramer.
Der Markt: Skandinavische Dominanz trifft auf Münchner KI
Sitegeist betritt mit seiner Lösung für die Betonsanierung keinen unbesetzten Markt. Der Bereich der Abbruch- und Sanierungsroboter wird traditionell von starken skandinavischen Herstellern wie Brokk, Aquajet oder Conjet (alle Schweden) dominiert. Diese Anbieter haben sich mit robusten Maschinen für den selektiven Betonabtrag weltweit etabliert.
Doch Sitegeist setzt technologisch an einem anderen Punkt an: Während die Systeme der etablierten Wettbewerber in der Regel tele-operiert sind – also permanent von Fachkräften ferngesteuert werden müssen –, zielen die Münchner auf echte Autonomie. Mitgründer Claus Carste (CPO), der an der TUM ursprünglich selbst an Teleoperation forschte, entwickelte den Ansatz bewusst weiter: Weg von der Fernsteuerung, hin zur eigenständigen Problemlösung durch die Maschine.
„Golden Pretzel“- und „Munich Startup Special Prize“-Gewinner mit autonomem Ansatz
Der technologische Sprung soll vor allem den Fachkräftemangel abfedern: Wo bei herkömmlichen Systemen ein(e) Bediener*in pro Maschine gebunden ist, ermöglicht der autonome Ansatz von Sitegeist perspektivisch, dass eine Fachkraft mehrere Roboter gleichzeitig überwacht.
„Die spannendsten KI-Roboter von heute haben keine Finger und Daumen“, kommentiert Sam Hields, Partner bei OpenOcean. Die Roboter nutzen Sensorik und KI, um ihre Umgebung eigenständig zu erfassen. Sie erkennen Unebenheiten im Beton und passen ihre Arbeitsweise in Echtzeit an. Ein digitales 3D-Modell (BIM) des Bestandsgebäudes ist dafür nicht notwendig.
Dass dieser Ansatz Potenzial hat, bewies das Team bereits im Vorjahr: 2025 gewann Sitegeist (damals teils noch unter dem Projektnamen Aiina Robotics bekannt) den renommierten Pitch-Wettbewerb der Bits & Pretzels Konferenz und sicherte sich die „Golden Pretzel“ sowie den „Munich Startup Special Prize“.
Philosophie trifft Deep Tech
Hinter der Technologie steht ein vierköpfiges Gründerteam, das interdisziplinäre Expertise vereint und tief im Münchner Ökosystem verwurzelt ist. CEO Dr. Lena-Marie Pätzmann bringt dabei eine ungewöhnliche Perspektive ein: Die Absolventin der Universität St. Gallen hält auch einen Bachelor in Philosophie – eine Kombination, die bei der ethischen und gesellschaftlichen Einordnung von KI-Arbeitskräften zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Zusammen mit Julian Hoffmann (CTO), Nicola Kolb (COO, ehemalige Stipendiatin der Bayerischen EliteAkademie) und Claus Carste (CPO) gründete sie das Unternehmen im Jahr 2025 als Spin-off der Technischen Universität München (TUM). Es entstammt dem Robotik-Lehrstuhl von Prof. Matthias Althoff, der bereits Erfolge wie RobCo hervorbrachte.
Florian Schweitzer, Partner bei b2venture, sieht in dieser Konstellation einen entscheidenden Vorteil: „Das Team ist bereit, buchstäblich durch Wände zu gehen, um Robotik auf realen Baustellen nutzbar zu machen.“ Mit dem frischen Kapital plant Sitegeist nun, das Team am Standort München weiter auszubauen und die Einführung der Systeme auf realen Baustellen zu beschleunigen.
Key Facts: Sitegeist
- Gründung: 2025 (Spin-off der TU München, Projektname „Aiina Robotics“)
- Sektor: Construction Tech / Robotik
- Finanzierung: 4 Mio. € Pre-Seed (Februar 2026)
- Investoren: b2venture, OpenOcean, UnternehmerTUM Funding for Innovators
- Angels: u.a. Verena Pausder, Lea-Sophie Cramer, Alexander Schwörer
- Awards: Gewinner „Golden Pretzel“ (Bits & Pretzels 2025), Munich Startup Special Prize
- USP: Autonome, KI-gesteuerte Anpassung an komplexe Oberflächen (vs. klassische Fernsteuerung/Tele-Operation bei Wettbewerbern wie Brokk oder Aquajet)
- Management: Dr. Lena-Marie Pätzmann (CEO), Julian Hoffmann (CTO), Nicola Kolb (COO), Claus Carste (CPO)
