Kreislaufwirtschaft: Zwischen verschärften Vorschriften und neuen Marktchancen

Autor: Martin Pacher
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Die globale Kreislaufwirtschaft tut sich schwer. Und das, obwohl sie sich längst von einer Nischenidee hin zum Trendthema entwickelt hat. Wir beleuchten die Probleme und Herausforderungen der Circular Economy und zeigen die Chancen für Start-ups in diesem spannenden Umfeld auf.

Die weltweite Kreislaufwirtschaft ist rückläufig. Zu diesem Ergebnis kam Anfang 2023 der Circularity Gap Report, der seit 2018 in regelmäßigen Abständen die wichtigsten globalen Kennzahlen für Kreislaufwirtschaft liefert. Der Report zeigt, dass derzeit nur 7,2 Prozent der jährlich aus der Erde entnommenen neuen Materialien wiederverwendet oder ordnungsgemäß recycelt werden. Im Jahr 2019 betrug der Wert noch 9,1 Prozent.

Das Ergebnis ist durchaus überraschend, da sich Kreislaufwirtschaft in den letzten Jahren von einer Nischenidee hin zu einem Trendthema entwickelt hat. Harald Friedl, führender Experte für Kreislaufwirtschaft, erläutert die Gründe dafür wie folgt: „Global verbrauchen wir immer mehr Ressourcen, zugleich gewinnt aber das Thema Kreislaufwirtschaft in den letzten Jahren viel mehr an Öffentlichkeit und Breite.“ Harald Friedl, der 2018 den Circularity Gap Report mitbegründet hat und seit über zehn Jahren Regierungen und Unternehmen weltweit im Übergang von einer linearen zu einer kreislauffähigen Wirtschaft berät, verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Regulatorik und den EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft. Dieser umfasst rund 30 Maßnahmen und steht im Einklang mit dem European Green Deal, der Europa zu einem grünen Vorreiter-Standort machen soll. Erst im November 2022 schlug die Kommission neue EU-weite Vorschriften für Verpackung vor. Nach den neuen Vorschriften sollen alle Verpackungen auf dem EU-Markt bis 2030 wiederverwendbar oder recycelbar sein. Zudem soll auch der bisherige Geltungsbereich der Ökodesign-Richtlinie erweitert werden, um die Reparierbarkeit von Produkten und deren Lebensdauer zu verbessern.

Neben EU-weiten Regelungen wird zudem auch auf internationaler Ebene verhandelt. Erst Anfang Juni ist in Paris die zweite von fünf zwischenstaatlichen Verhandlungsrunden für ein UNO-Plastikabkommen zu Ende gegangen. So wurde im Rahmen der UN-Konferenz erstmalig über eine mögliche Plastikobergrenze diskutiert, die weitreichende Folgen für die Plastikindustrie und künftige Investitionsentscheidungen hätte. Insgesamt sind fünf Verhandlungsabrunden für das Abkommen angesetzt, wobei Ende 2024 ein erster Entwurf vorliegen soll und 2025 das Abkommen beschlossen werden könnte. Ob eine derartige Obergrenze eingeführt wird, steht jedoch noch zur Disposition und wird Teil weiterer Verhandlungsrunden sein. So stehen Staaten wie die USA, China oder die Golfstaaten einem strengen Abkommen kritisch gegenüber.

Business Coalition for a Global Plastics Treaty

Mittlerweile hat aber auch die Wirtschaft die Dringlichkeit des Themas erkannt, wobei 2022 die sogenannte Business Coalition for a Global Plastics Treaty gegründet wurde. Dabei handelt es sich um eine weltweite Koalition aus Unternehmen, NGOs und Finanzinstituten, die sich dazu verpflichten, ein derartiges UN-Plastikabkommen zu unterstützen. Zudem verfolgen die Teilnehmenden laut Eigendefinition die Vision, dass „Kunststoff dank Kreislaufwirtschaft künftig nicht mehr zu Abfall wird“.

Teil der Koalition ist beispielsweise die österreichische Greiner AG, die im Bereich Kunststoff- und Schaumstofflösungen zu den Weltmarktführern gehört. Unter anderem zählt das Unternehmen mit seiner Sparte Greiner Packaging zu den weltweit führenden Herstellern von Joghurtbechern und produziert für das Münchner Start-up Air up die bekannten Trinkflaschen für die sogenannte Geruchslimonande. Die Greiner AG hat sich dabei zum Ziel gesetzt, bis 2030 ein „umfassend zirkuläres Unternehmen“ zu werden. Dabei setzt das Unternehmen unter anderem auf Innovationen, die sich durch ein neues Produktdesign auszeichnen. Eine noch recht junge Entwicklung ist beispielsweise ein sich selbsttrennender Karton­Kunststoff-Becher, der sich durch eine besonders hohe Recyclingfähigkeit auszeichnet.

Circular Economy Start-ups im Aufwind

Neben großen Unternehmen erkennen aber auch immer mehr Start-ups das Feld Kreislaufwirtschaft für sich und haben in den letzten Jahren zahlreiche Innovationen hervorgebracht. Erst Anfang April 2023 veröffentlichte die Initiative Circular Republic des Innovations- und Gründungszentrums UnternehmerTUM ihre erste Start-up-Landkarte für den Bereich Kreislaufwirtschaft. Aktuell gibt es in Deutschland 171 Start-ups, die laut Circular Republic die notwendigen Kriterien erfüllen, um als Circular Economy Start-up zu gelten.

Dazu zählen beispielsweise Start-ups, die Produkte aus erneuerbaren oder recycelten Materialien herstellen. Eines von ihnen ist das 2020 gegründete Hamburger Bioökonomie-­Start-up traceless rund um die beiden Gründerinnen Johanna Baare und Anne Lamp. Das Unternehmen entwickelt Verpackungen und Folien aus Naturfasern, die eine Alternative zu konventionellen Kunststoffen darstellen. Erst im Mai dieses Jahres hat das Unternehmen vom Bundesumweltministerium eine Förderung in Höhe von fünf Millionen Euro für den geplanten Bau einer Demonstrations-Produktionsanlage erhalten.

Die Landschaft listet aber auch Start-ups, die sich beispielsweise im Bereich der Sharing Economy bereits am Markt etabliert haben. Dazu zählen beispielsweise bekannte Unternehmen wie das Kölner Start-up Vytal, das in Zusammenarbeit mit Restaurants ein pfandfreies Mehrwegsystem auf den Markt gebracht hat und damit bereits erfolgreich ins Nachbarland Österreich expandierte, oder der Berliner E-Scooter­Anbieter Tier.

Ein weiterer Bereich umfasst die Rückgewinnung von Materialien am Ende ihrer Lebenszeit. An dieser Stelle lässt sich das Münchner Start-up Tozero nennen. Das Unternehmen möchte ein neuartiges Verfahren zur Rückgewinnung kritischer Materialien wie Lithium, Nickel und Kobalt aus Lithium-Ionen-Batterien einführen und plant dafür, eine Pilot-Recyclinganlage in München zu errichten. 2022 konnte das Start-up rund um das rein weibliche Gründungsduo Sarah Fleischer und Ksenija Milicevic zudem eine Finanzierungsrunde in Höhe von 3,5 Millionen Euro abschließen. Aufgrund der großen Nachfrage nach Lithium ergeben sich im Bereich des Batterie-Recyclings künftig große Wachstumschancen. Einer neuen Studie der Unternehmensberatung McKinsey zufolge wächst der Recycling-Markt für E-Auto-Batterien jährlich um 25 Prozent.

Kreislaufwirtschaft ist weit mehr als nur das Einhalten von Vorschriften

Recycling ist jedoch nur ein Teil der Kreislaufwirtschaft, wie Experte Harald Friedl kritisch anmerkt: „Das Thema kommt in letzter Zeit aber zum Glück immer mehr aus der ,Recycling-Ecke‘ heraus und wird stärker designgetrieben gedacht.“ Dies umfasst beispielsweise das Produktdesign, das sich im Idealfall am Cradle­to-Cradle-Prinzip orientiert, und reicht bis hin zur Langlebigkeit von Produkten und deren Materialien. Zudem sollte sich Kreislaufwirtschaft nicht nur auf das Einhalten von Vorschriften beschränken. Das Konzept umfasst nämlich auch ein weitreichendes Wertesystem, das unsere Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr linear, sondern eben zirkulär denkt.

Ohne Vorschriften wird es aber schlussendlich doch nicht gehen. Dies betrifft auch die Problematik des Greenwashings. Mit der Green-Claims-Verordnung auf europäischer Ebene könnte Unternehmen hier künftig ein Riegel vorgeschoben werden. Zudem stimmten die EU-Staaten erst im Mai 2023 für einen digitalen Produktpass, der Verbraucher*innen künftig mehr Informationen über gekaufte Textilien und Co. liefern soll. Inwiefern die praktische Umsetzung erfolgt, ist noch nicht final geklärt.

Der Autor Martin Pacher ist Journalist und Chefredakteur brutkasten Earth beim brutkasten, dem Medium für die Gestalter*innen der Zukunft.

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Über den Wolken, aber digital

Wie das 2020 von Heinz Koop gegründete Aviation Hero den verstaubten Markt der Flugausbildung aufmischt.

Die Ausbildung zum/zur Privatpilot*in galt jahrzehntelang als zeitaufwendig, wenig flexibel und extrem papierlastig. Wer fliegen lernen wollte, musste sich den rigiden Zeitplänen traditioneller Flugschulen unterordnen oder am Wochenende im Aeroclub Arbeitsstunden ableisten. Das Monheimer Start-up Aviation Hero tritt an, um genau diesen Schmerzpunkt zu lösen. Mit dem Claim, „Deutschlands erste volldigitale Flugschule“ zu sein, hat das Unternehmen eine stark regulierte Nische digitalisiert. Wir werfen einen genaueren Blick auf das gebootstrappte Geschäftsmodell, das EdTech mit Luftfahrtrecht verbindet.

Das geht besser!

Hinter Aviation Hero steht der Gründer Heinz Koop. Als er 2018 selbst enthusiastisch seine Ausbildung zum Privatpiloten (PPL) begann, stieß er schnell auf die harte Realität der Branche: trockener Theorieunterricht, unflexible Strukturen und eine hohe Abbruchquote bei den Flugschüler*innen. Aus diesem Negativerlebnis heraus entstand die Geschäftsidee. Im Jahr 2020, mit gerade einmal 22 Jahren, brach Koop sein Studium ab und gründete die Aviation Hero GmbH.

Bemerkenswert in der heutigen Start-up-Landschaft: Das Unternehmen ist zu 100 Prozent gebootstrappt. Anstatt auf Risikokapitalgeber*innen zu setzen, finanzierte Koop das Projekt aus eigenen Mitteln und baute das Angebot organisch auf. Ein massiver Wachstumstreiber war dabei Social Media. Mit einem YouTube-Kanal, der mittlerweile über 14.000 abonnierende Luftfahrt-Enthusiast*innen zählt, schuf sich Koop eine eigene Vertriebs-Pipeline und wurde zum Gesicht der modernen Pilotenausbildung in Deutschland.

„Ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie“

Dass der Aufbau eines Unternehmens in einem extrem kapitalintensiven Markt ohne externes Geld kein Spaziergang ist, musste Koop schnell feststellen. „Es gab nicht den einen Tiefpunkt, sondern mehrere Phasen, in denen ich kurz davor war aufzuhören“, erinnert sich der Gründer. Ein besonders kritischer Moment ereignete sich kurz vor dem Launch des ersten Theoriekurses. Die Teilnehmer*innen hatten bereits bezahlt, als der fest eingeplante Fluglehrer plötzlich per Telefon absagte – ausgerechnet, als Koop sich wegen gesundheitlicher Probleme auf einer Ayurveda-Kur in Indien befand.

„Ich stand irgendwo am Strand in Indien, hatte Kunden, die sich auf den Kurs freuten, und keinen Fluglehrer mehr“, beschreibt er die absurde Situation. „Kein Investor, kein Sicherheitsnetz, kein Team das auffängt – alles hing an mir.“ Den Kurs abzusagen, kam für ihn jedoch nicht infrage. Nach unzähligen Telefonaten aus Indien fand er schließlich einen Ersatz, der den Kurs letztlich sogar noch besser betreute. Was ihn in diesen harten Momenten antrieb? „Was mich in solchen Momenten immer zum Weitermachen motiviert hat, waren die Nachrichten von Flugschülern“, betont Koop. Wenn Zweifel aufkamen, las er Nachrichten wie: „Heinz, ohne euch hätte ich meinen Traum nie verwirklicht.“ Seine wichtigste Lektion für andere Gründer*innen lautet daher: „Du brauchst nicht den perfekten Businessplan – du brauchst direktes Kundenfeedback, das dir zeigt, dass das, was du baust, einen echten Unterschied macht. Das ist dein Treibstoff, wenn alles andere wegbricht.“

EdTech im Cockpit

Heute ist Aviation Hero vom Luftfahrt-Bundesamt bzw. der Bezirksregierung als Declared Training Organization offiziell zertifiziert. Das Kerngeschäft ist der Verkauf von digitalen Ausbildungspaketen für angehende Privatpilot*innen, allen voran das Sprechfunkzeugnis („BZF Mastery“) sowie Theorie-Crashkurse für die Lizenzen LAPL und PPL.

Die methodische Umsetzung erinnert dabei an moderne EdTech-Plattformen und kombiniert hochwertig animierte Videolektionen, die Netflix-ähnlich konsumiert werden können, mit interaktiven Live-Q&A-Sessions via Zoom und einer Community-Plattform namens Skool für den direkten Austausch.

Dass die konservativen Luftfahrtbehörden diesen digitalen Ansatz absegneten, war laut Koop weniger ein Kampf als oft vermutet. „Ehrlicherweise war der Ansatz gar nicht so radikal, wie er von außen wirkt“, wiegelt er ab. Zugelassene Fernlehrgänge gab es bereits, doch bestanden diese oft aus endlosen Textwüsten ohne Support. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Vorteile aus beiden Modellen kombinieren? Herausgekommen ist der Aviation Hero Ansatz“, erklärt Koop.

Die eigentliche Herausforderung sei nicht die Behördenüberzeugung gewesen, sondern die Produktion von Hunderten Videolektionen und der Aufbau der eigenen Methodik. Als das Konzept stand, erkannte die Bezirksregierung in Düsseldorf schnell den Mehrwert. „Die Zusammenarbeit ist seitdem konstruktiv und vertrauensvoll“, versichert der Gründer.

Digitale Disruption gegen E-Learning-Dinosaurier

Der Markt für Flugausbildungen im DACH-Raum ist extrem stark fragmentiert. Neben Hunderten lokalen Flugvereinen gibt es etablierte Branchenriesen wie CAT oder Cranfield Aviation. Doch diese Platzhirsche dominieren primär als B2B-Zulieferer und bieten den Schüler*innen oft textlastiges E-Learning der alten Schule. Aviation Hero fischt hier in einem „Blue Ocean“, indem das Start-up die Endkund*innen (B2C) direkt und professionell über Performance Marketing anspricht.

Wird das Start-up in der traditionellen Branche als feindlicher Disruptor oder als dringend benötigter Modernisierer wahrgenommen? „Beides – und es hängt davon ab, wen du fragst“, räumt Koop ein. Zwar höre er regelmäßig skeptische Stimmen, die auf reinen Präsenzunterricht pochen, doch viele Flugschulen sähen Aviation Hero längst als wertvolle Ergänzung. „Unsere Teilnehmer kommen mit bestandenem BZF und bestandener Theorie zu ihnen – und können vom ersten Tag an das Wetterbriefing lesen, den Funk machen und die Lufträume verstehen“, erklärt er den Vorteil für die Praxis-Schulen. Sein klares Credo: „Wir wollen nicht gegen die Branche arbeiten, sondern mit ihr – aber auf einem modernen Level.“

Wo sind die Turbulenzen?

Trotz über 2.000 begleiteter Schüler*innen gibt es auch Herausforderungen. Die Luftfahrt ist eine der am stärksten reglementierten Branchen der Welt. So verbieten EASA-Richtlinien ein reines Netflix-Modell und fordern einen Anteil an synchronem, betreutem Unterricht von etwa zehn Prozent. Auch Prüfungen müssen physisch bei der Bezirksregierung oder der Bundesnetzagentur abgelegt werden.

Zudem sorgt das Aviation-Hero-Preismodell im Premium-Segment gelegentlich für Diskussionsstoff. Die Kritik: Der reguläre Zugang ist auf vier Monate begrenzt; wer länger braucht, muss monatliche Verlängerungsgebühren zahlen. Auf den Vorwurf eines reinen „Penalty-Pricings“ zur Profitsteigerung reagiert Koop jedoch entschieden: „Die zeitliche Begrenzung ist ein bewusster Teil unseres Ausbildungskonzepts – und zwar im Interesse der Teilnehmer.“

Vor dem Start erarbeite man in kostenlosen Zoom-Gesprächen einen klaren Fahrplan, sodass volle Transparenz herrsche. „Warum überhaupt ein Zeitrahmen? Weil der gefährlichste Fehler in der Flugausbildung ein Projekt ohne Deadline ist“, warnt der junge Unternehmer eindringlich. Zu oft meldeten sich Flugschüler*innen motiviert an, verlören sich dann aber im Alltag. „Wer sich BZF und Theorie über viele Monate streckt, braucht exponentiell mehr Zeit, weil man sich jedes Mal wieder neu in die Themen reindenken muss“, analysiert Koop. Der Fokus auf einen kompakten Zeitraum sei schlichtweg pädagogisch sinnvoller.

Fazit & Ausblick

Letztlich verlagert eine digitale Theorie-Ausbildung den Flaschenhals auf die praktische Umsetzung im Cockpit, wo schlechtes Wetter oder fehlende Fluglehrerinnen drohen. Hier setzt Aviation Hero mit dem neuen „Praxis Sprint“ an. Gemeinsam mit einer Partnerflugschule in Hannover können Schüler*innen die komplette praktische Ausbildung in nur vier Wochen durchziehen. „BZF und Theorie online in drei Monaten, Praxis in einem Monat – die komplette Privatpilotenlizenz in zirka vier Monaten möglich. Das gibt es in Deutschland in dieser Form sonst nirgends“, verspricht Koop. Für die künftige Skalierung setzt er massiv auf den Ausbau dieses Partnernetzwerks. Flugschulen schicken ihre Schüler*innen für die Theorie zu Aviation Hero, und das Start-up vermittelt sie für die Praxis zurück.

Trotz des schnellen Wachstums bleibt der Gründer bodenständig: „Wir sind gebootstrappt und wachsen organisch. Das heißt: Wir machen den nächsten Schritt erst, wenn der aktuelle wirklich sitzt.“ Das Start-up beweist eindrucksvoll: Selbst in einer stark regulierten und verstaubten Branche kann der radikale Fokus auf digitale Nutzer*innenerfahrung Marktführer hervorbringen. Die spannendste Frage wird nun sein, wie reibungslos Aviation Hero in Zukunft die physischen Flugstunden für seine wachsende Schüler*innenschaft skalieren kann.

SilverTech-Start-up-Report 2026

Wie SilverTech-Start-ups 2026 den Pflegenotstand mit KI hacken. Der große Report inklusive unserer Top-Start-up-Watchlist.

Das Jahr 2026 markiert einen historischen Wendepunkt in der demografischen Realität Europas. Die stärksten Jahrgänge der Babyboomer verabschieden sich nun massenhaft in den Ruhestand. Was Soziolog*innen seit Jahrzehnten prophezeien, ist unerbittliche wirtschaftliche Realität geworden: Der Pflegenotstand ist kein dystopisches Zukunftsszenario mehr, sondern blockiert messbar das Wirtschaftswachstum, da Angehörige ihre Arbeitszeit drastisch reduzieren müssen, um klaffende Versorgungslücken zu schließen.

In diesem toxischen Cocktail aus Fachkräftemangel und Überalterung hat sich ein Sektor emanzipiert, der auf Pitch-Decks lange als völlig unsexy galt: SilverTech. Technologien für die alternde Weltbevölkerung, in der Start-up-Szene oft synonym als AgeTech bezeichnet, sind vom Nischenthema für wohlhabende Senior*innen zur systemrelevanten Überlebensstrategie unserer Gesellschaft mutiert. Wer heute den demografischen Wandel technologisch skaliert, baut nicht weniger als das Rückgrat der Gesundheitsversorgung von morgen.

Wenn KI den Pflegenotstand hackt

Der Markt für AgeTech hat seine experimentelle Phase endgültig hinter sich gelassen. Die globale „Silver Economy“ wird von Analyst*innen für das laufende Jahr auf ein gigantisches Volumen von rund 15 Billionen US-Dollar geschätzt. Allein der europäische Markt verzeichnete 2025 ein Rekord-Investitionsvolumen von knapp 2,8 Milliarden Euro für Start-ups in diesem Segment. Der absolute technologische Haupttreiber ist dabei künstliche Intelligenz, genauer gesagt die Konvergenz aus generativen Sprachmodellen und prädiktiver Analytik. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom belegt, dass bereits 42 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland KI-gestützte Systeme zur Entlastung des Personals testen oder flächendeckend einsetzen.

Auch die KfW-Research-Abteilung warnt in ihrem jüngsten Bericht eindringlich davor, dass ohne massive Investitionen in pflegeunterstützende Automatisierung die volkswirtschaftlichen Kosten der Überalterung untragbar werden. Wir sehen heute realistische Seed-Runden von 3 bis 5 Millionen Euro für Softwarelösungen, die nachweislich die sogenannte Time-to-Care – also die aktive Zeit am Menschen – signifikant erhöhen.

Innovationen jenseits des Notrufknopfs

Wer bei SilverTech immer noch an klobige rote Notruf-Armbänder denkt, verpasst die eigentliche Revolution. In diesem Jahr dominieren völlig neue Sub-Sektoren den Markt. An erster Stelle steht das Edge-AI-gestützte „Ambient Assisted Living 2.0“. Hierbei analysieren radargestützte Sensoren, die gänzlich ohne Kameras auskommen und somit die Privatsphäre wahren, das Sturzrisiko und die Mobilität in Echtzeit.

Ein weiterer dominanter Sektor ist die KI-gesteuerte Sprachdokumentation, die das Pflegepersonal von der erdrückenden Bürokratie befreit und Übergaben automatisiert.

Drittens sehen wir den enormen Aufstieg von digitalen Therapeutika für kognitive Langlebigkeit (Cognitive Longevity), die den Ausbruch von Demenz durch gamifizierte neurologische Stimulation und stimmbasierte Analysen verzögern. Pioniere, die diese Felder bereits vor Jahren besetzt haben und heute als etablierte Vorbilder gelten, sind etwa das belgische Scale-up Nobi mit seinen intelligenten Lampen zur Sturzerkennung oder das Berliner Unternehmen Lindera, das die Mobilitätsanalyse per regulärer Smartphone-Kamera revolutioniert hat.

Die B2C-Hardware-Falle und bittere Lektionen

Doch der Weg zur Marktreife war gepflastert mit verbrannten Millionen. Der größte Hype der frühen 2020er Jahre war die Vision des autarken, sozialen Begleitroboters für das heimische Wohnzimmer. Zahlreiche Start-ups versuchten, süße, sprechende Hardware-Kompagnons als Waffe gegen die Einsamkeit im Alter direkt an den Endkunden / die Endkundin zu verkaufen. Dieser Markt crashte krachend. Unternehmen scheiterten reihenweise an den horrenden Produktionskosten und einer eklatant mangelnden Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe.

Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste Fehler ist die tödliche Customer Acquisition Cost (CAC) im B2C-Geschäft. Senioren werden nicht über Instagram-Ads konvertiert, und die erwachsenen Kinder zahlen ungern dauerhaft aus eigener Tasche. Die zweite Lektion dreht sich exakt um die Regulatorik: Wer die Erstattungsfähigkeit über das System der Digitalen Pflegeanwendungen (DiPA) oder Gesundheitsanwendungen (DiGA) nicht von Tag eins an strategisch mitdenkt, skaliert niemals im strengen deutschen Kassen-System. Der dritte Stolperstein ist das verhängnisvolle Over-Engineering. Gründer*innen neigen oft dazu, maximale Feature-Vielfalt zu bauen, statt absolute Barrierefreiheit und Usability für eine Zielgruppe mit nachlassenden sensorischen Fähigkeiten in den Fokus zu rücken. Die vierte und finale Lektion lautet: Hardware is hard. Wer komplexe physische Produkte baut, statt sich auf margenstarke B2B-SaaS-Lösungen für Pflegeheime oder ambulante Dienste zu konzentrieren, benötigt einen extrem langen Atem, den kaum ein europäischer VC heute noch ohne weiteres finanziert.

Wo die Silver Economy geschmiedet wird

Deutschland hat sich in den letzten Jahren ein polyzentrisches, aber hochgradig spezialisiertes Ökosystem für AgeTech aufgebaut. Berlin bleibt unangefochten der Knotenpunkt für Digital Health und Regulatorik, angetrieben durch die Nähe zur Bundespolitik, Forschungskooperationen mit der Charité und spezialisierten Acceleratoren wie Flying Health. München hingegen dominiert den Deep-Tech- und Robotik-Sektor. Hier liefert das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der Technischen Universität München Weltklasse-Forschung, während das lokale InsurTech-Ökosystem um Konzerne wie die Allianz den direkten Weg zur Refinanzierung ebnet. Aachen hat sich durch die RWTH als das Powerhouse für Medizintechnik und Hardware-Software-Co-Design etabliert, ein essenzieller Hub für Wearables und komplexe IoT-Architekturen. Abgerundet wird dieses Netzwerk durch die Region Heidelberg/Mannheim, die mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und einer historisch gewachsenen Dichte an etablierten MedTech-Unternehmen den perfekten Nährboden für Start-ups im Bereich Longevity und zellulärer Alterung bietet. Das Ruhrgebiet rund um Bochum schließt als fünfter Hotspot die Brücke zur Praxis: Durch massive Gesundheits-Campusse und dichte Kliniknetze findet hier die direkte Erprobung von Pflegetechnologien im echten Arbeitsalltag der Pflegekräfte statt.

Investor*innen-Radar

Das Kapital fließt im Jahr 2026 gezielter denn je, aufgeteilt auf vier wesentliche Säulen. Den Ton geben spezialisierte HealthTech- und AgeTech-VCs wie Heal Capital, MTIP oder Peppermint Venture Partners an, die das regulatorische Minenfeld Europas blind beherrschen und tiefes Domänenwissen mitbringen. Inzwischen haben aber auch die Top-Tier Generalisten den Ernst der Lage erkannt. Fonds wie Earlybird mit ihrem dezidierten Health Track, HV Capital und Cherry Ventures schreiben signifikante Schecks für Start-ups, die bewiesen haben, dass AgeTech enorm skalierbare Venture-Cases hervorbringt. Die dritte Kraft sind die Corporate VCs der Industrie, die strategisch zukaufen oder sich früh in neuen Wertschöpfungsketten positionieren wollen. Hier agieren AllianzX, Robert Bosch Venture Capital und Philips Ventures extrem aggressiv, um ihre eigenen Geschäftsmodelle zukunftssicher zu machen. Der Motor der Innovation bleibt jedoch in der Frühphase. Spezialisierte Business Angel-Syndikate und sogenannte Founder-Angels – oft ehemalige Gründer der ersten Telemedizin-Welle, etwa Alumni von Kry oder TeleClinic – stellen das entscheidende Smart Money und Mentoring für die allerersten Schritte bereit.

Unsere Top-Start-ups (Must-Watch)

Um den bloßen Hype vom echten Fortschritt zu trennen, basiert die folgende Auswahl der Top Start-ups auf strengen Kriterien. Wir haben ausschließlich deutsche Start-ups betrachtet, die im Jahr 2020 oder später gegründet wurden. Die Auswahlkriterien umfassen die nachgewiesene Marktrelevanz (löst das Produkt ein akutes Schmerzproblem im Pflege-, Alterungs- oder HR-Sektor?), den technologischen Reifegrad jenseits der reinen Prototypen-Phase, eine bewusste Diversität in den Geschäftsmodellen (von B2B-SaaS über Marktplätze bis hin zu passiver AAL-Sensorik) sowie das belastbare Vertrauen namhafter Investor*innen in den jüngsten Finanzierungsrunden.

Marta

Das 2020 von Philipp Buhr und Jan Hoffmann gegründete Start-up betreibt einen B2B/B2C-Marktplatz, der Familien und Betreuungskräfte für die häusliche Pflege (24-Stunden-Betreuung) transparent und datengestützt zusammenbringt. Der USP von Marta liegt im algorithmischen Matching und der konsequenten Digitalisierung des oft stark fragmentierten und intransparenten Vermittlungsmarktes. Zu den frühen Lead-Investor*innen zählen Capnamic Ventures und Almaz Capital, in späteren Runden stießen zudem strategische Corporate VCs wie RTL Ventures und SwissHealth Ventures hinzu.

Voize

Voize, 2020 von den Brüdern Fabio und Marcel Schmidberger sowie dem CTO Erik Ziegler gegründet, modernisiert mit seinem B2B-SaaS-Modell die Pflegedokumentation durch eine hochspezialisierte Sprach-KI. Pflegekräfte sprechen ihre Notizen einfach in ein Smartphone, und die KI strukturiert die Daten nahtlos in die bestehenden Pflegesysteme ein. Die Zeitersparnis von anfänglich rund 45 Minuten pro Schicht drängt im Jahr 2026 auf eine faktische Halbierung der Bürokratiezeit. Investor*innen-Rückendeckung gibt es von renommierten Geldgebern wie dem Y Combinator, HV Capital und Balderton Capital.

Patronus Group

Gegründet wurde die Patronus Group im Jahr 2021 von Ben Staudt und Tim Wagner. Das Modell verbindet B2C-Hardware mit einer tiefgreifenden B2B2C-SaaS-Infrastruktur. Sie bieten eine modifizierte Smartwatch an, die als unaufdringlicher Notruf und Kommunikationszentrale für Senior*innen dient, gekoppelt mit einer App für Angehörige und direkten Schnittstellen zu Pflegeleitstellen. Dieser ganzheitliche Ansatz überzeugte in einer massiven 27-Millionen-Euro-Runde internationale Top-VCs wie Singular und Adjacent, flankiert von Burda Principal Investments, Cavalry Ventures und UVC Partners.

Memodio

2021 in Potsdam von den Ärzten Dr. Doron Stein und Felix Bicu sowie dem Software-Ingenieur Paul Zimmermann gegründet, positioniert sich das Start-up als B2C/B2B-Anbieter von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zur Prävention von Demenz. Der USP liegt in der klinisch validierten "Cognitive Longevity", die individualisierte Therapiepläne generiert. Den regulatorischen Ritterschlag erhielt Memodio Ende 2025 mit der offiziellen DiGA-Zulassung durch das BfArM. Zu den maßgeblichen frühen Finanziers gehören der HPI Seed Fund, Mosel Ventures und die FMW Stiftung.

Heycare

Gegründet 2021 von Julia Kahle und Anna Schneider, hat das Start-up jüngst ein Rebranding vom Ursprungsnamen heynanny vollzogen. Das Geschäftsmodell ist eine reine B2B-Plattform für Employee Assistance. Der USP ist der knallharte ROI für den Arbeitgeber: Unternehmen buchen heycare für ihre Belegschaft, um pflegende Angehörige durch Zugang zu Elder Care und Child Care direkt zu entlasten und so pflegebedingte Kündigungen zu stoppen. Getragen wird dieses Wachstum durch den HR-Tech Company Builder allygatr und eine kürzlich abgeschlossene Finanzierungsrunde über 4 Millionen Euro.

Clare&Me

Gegründet 2021 von Celina Messner und Emilia Theye, positioniert Clare&Me seine B2C/B2B Voice-AI als ein mächtiges Werkzeug gegen Angst, Stress, Panik und leichte depressive Verstimmungen. Der USP ist ein therapeutischer Konversations-Bot, der rein sprachbasiert über das Telefon funktioniert – völlig ohne Screen-Barrieren, was einen extrem niedrigschwelligen und stigmafreien Zugang für eine breite Zielgruppe ermöglicht. Nach der Frühphasenförderung durch Antler sowie öffentliche Mittel der IBB und des BMBF sammelte das Team unlängst 3,7 Millionen Euro Seed-Kapital unter der Führung von YZR Capital ein.

Eldertech

Das 2021 von Artur Janiszek, André Fiebig und David Fiebig in Aachen gegründete Eldertech fokussiert sich auf eine B2B2C-Plattform für die Quartierspflege und familiäre Pflegeorganisation. Die Technologie verbindet herstellerübergreifend Video-Kommunikation mit dem Management von Pflegeaufgaben und bindet Smart-Home-Anwendungen (AAL) nahtlos in eine zentrale App für Angehörige ein. Gedeckt wird das Wachstum durch das exist-Stipendium, den digitalHUB Aachen und ein privates Angel-Netzwerk.

Veli

Veli wurde 2023 als Spin-off der Universität Kassel von Dr. Jan-Peter Seevers, Maximilian Schnettler und Tim Weiß gegründet. Das B2B/B2C-Modell verlagert das klassische Hausnotrufsystem auf ein völlig neues Level der passiven Überwachung. Der USP: Veli wertet cloudbasiert die bestehenden Verbrauchsdaten von Smart Metern (Strom/Wasser) im Haushalt aus und schlägt bei gefährlichen Abweichungen im Tagesablauf Alarm – völlig ohne Wearables. Dieses Modell sicherte dem Team ein 800.000-Euro-Funding durch die BMH und Business Angels sowie tiefe Pilot-Integrationen beim Deutschen Roten Kreuz (DRK).

Internationaler Ausblick & Fazit

Der Blick über die europäischen Grenzen zeigt sehr klar die Makro-Trends, die den deutschen Markt in den kommenden 24 Monaten unweigerlich erfassen werden. Aus Japan, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, schwappt der Trend der humanoiden Assistenzrobotik in der stationären Pflege allmählich von teuren Pilotprojekten in eine bezahlbarere B2B-Skalierung über. Aus den USA importieren wir zunehmend den "Longevity-as-a-Service"-Ansatz: Hier verschmilzt SilverTech stark mit BioTech, indem Wearables und KI kontinuierlich Biomarker auswerten, um den körperlichen Verfall präventiv zu verlangsamen. Israel hingegen dominiert die Technologie der passiven Überwachung. Start-ups von dort exportieren Algorithmen, die bloße WiFi-Signale nutzen, um Atmung und Bewegungsmuster von Senior*innen kontaktlos und datenschutzkonform in Wohnräumen zu überwachen.

Das Fazit für Gründer*innen und Investor*innen ist eindeutig: SilverTech ist der ultimative Resilienz-Markt geworden. Demografie lässt sich nicht weghacken oder wegregulieren. Wer heute die Schnittstelle zwischen tiefgreifender Technologie, menschlicher Empathie und hart regulierten Gesundheitssystemen meistert, baut die vielleicht wertvollsten und krisensichersten Unternehmen dieses Jahrzehnts.

KI gegen Buchhaltungsriesen: Wie Bonster den Spesen-Markt aufmischen will

Pay-per-Use statt Abo-Falle: Das Oldenburger Start-up fast2work attackiert mit seiner App bonster komplexe Software-Giganten. Doch reicht das Versprechen maximaler Einfachheit im Haifischbecken der FinTechs? Wir haben nachgehakt.

Es ist eines der letzten großen Ärgernisse im Arbeitsalltag von Freelancer*innen und kleinen Agenturen: Der Freitagabend, der für das Sortieren verknitterter Tankbelege und das Abtippen von Bewirtungsbelegen in Excel-Listen draufgeht. Genau hier setzt die Oldenburger fast2work GmbH mit ihrer am 17. Februar 2026 gelaunchten App bonster an, um den Papierkram bei der Reisekostenabrechnung zu beenden. Das Versprechen von Gründer und CEO Ronald Bankowsky: Drei Minuten Aufwand, KI-Automatisierung und keine Einstiegshürden.

Das Versprechen: Simpel statt Systemintegration

Die Funktionsweise der App ist bewusst minimalistisch gehalten: Beleg fotografieren, woraufhin die KI relevante Werte wie Datum, Betrag und Mehrwertsteuer ausliest, auf Duplikate prüft und eine fertige Abrechnung erstellt. „Kein Onboarding-Projekt, kein Vertriebsgespräch, kein IT-Setup“, fasst Bankowsky den Ansatz der Standalone-Lösung zusammen.

Die Zielgruppe ist klar definiert: Selbständige, Freelancer*innen und Mini-Teams, denen Enterprise-Lösungen wie SAP Concur zu mächtig und Start-ups wie Circula oder Pleo oft noch zu prozesslastig sind. Mit einem Preismodell von 1,99 Euro für Einzelabrechnungen und 6,99 Euro (Stand Ende Febr. 2026) für eine Flatrate positioniert sich das Unternehmen im unteren Preissegment.

Im Haifischbecken der Neobanken und Buchhaltungsriesen

Laut fast2work gab es bislang „kaum eine Alternative zwischen Excel und Enterprise-Software“. Diese Aussage hält einem Realitätscheck im Jahr 2026 allerdings nur bedingt stand. Bonster betritt ein Haifischbecken, denn die vermeintliche Lücke wird längst geschlossen.

Zum einen integrieren Buchhaltungsriesen wie Lexoffice oder sevDesk Reisekosten-Features immer tiefer in ihre Standardpakete. Zum anderen wildern Neobanken wie Qonto, Finom oder Kontist im selben Revier: Wer dort ein Geschäftskonto hat, bekommt die Belegzuordnung oft als „Commodity“ gratis dazu. Mit knapp 7 Euro im Monat bewegt sich bonster in einer Preisregion, in der man fast schon eine komplette einfache Buchhaltungssoftware bekommt. Die App muss also einen enormen Mehrwert bieten, um gegen die „Eh-da-Lösungen“ (Software, die Kund*innen ohnehin bezahlen) zu bestehen.

Auf die Frage, warum Freelancer*innen für eine Insellösung extra zahlen sollten, entgegnet der Gründer, dass bonster bewusst früher ansetze als klassische Tools. Das Hauptproblem sei nicht die Buchhaltung, sondern das Erfassen von Belegen unterwegs. „Genau dort scheitert es oft, weil Mitarbeitende keine komplexen Systeme nutzen wollen oder gar keine Zugänge haben“, argumentiert Bankowsky. Der Mehrwert liege nicht in einer weiteren Buchhaltungssoftware, sondern darin, dass durch die Reduzierung auf ein Foto „überhaupt verwertbare Abrechnungsdaten/Belege entstehen“.

Kritische Faktoren: GoBD und Datensicherheit

Neben der Marktpositionierung ist die Rechtssicherheit ein kritischer Faktor. „Fertige Abrechnung für die Buchhaltung“ ist ein mutiges Versprechen, da in Deutschland ein Foto allein oft nicht ausreicht; es muss GoBD-konform und revisionssicher archiviert werden. Zudem ist die KI-Nutzung datenschutzrechtlich sensibel. Wenn Bewirtungsbelege, die offenbaren, mit wem man gegessen hat, über US-Schnittstellen (z.B. OpenAI) fließen, ist das für deutsche Geschäftskund*innen und Steuerberater oft ein K.O.-Kriterium.

Auf die sensiblen Vorgaben der Finanzämter und den Serverstandort angesprochen, betont Bankowsky, dass die Verarbeitung „ausschließlich auf europäischen Servern“ erfolge. Zwar nutze man OpenAI-basierte Modelle, diese liefen jedoch über Azure-Rechenzentren im europäischen Raum. Datenschutz und regulatorische Anforderungen seien Grundvoraussetzung. Auch beim Export zum Steuerberater zeigt sich der Gründer zuversichtlich: Buchhaltungssysteme könnten die Daten direkt und „ohne manuelle Nacharbeit“ weiterverarbeiten.

Beta-Test als Exklusiv-Club

Zum Start setzt das Unternehmen auf eine Gamification des Rollouts. Die ersten 500 Nutzer*innen erhalten im „Club 500“ einen lebenslangen Rabatt von 50 Prozent. Was als Belohnung für Early Adopters verkauft wird, ist strategisch notwendig: Die KI muss lernen. Der Algorithmus braucht dringend „Real World Data“ – echte, verknitterte, schlecht beleuchtete Belege. Das bedeutet auch: Die ersten User*innen sind Teil des Entwicklungsprozesses.

Dass die App im Alltag noch dazulernen muss, räumt Bankowsky ein. Bei der reinen Datenerkennung sei man technisch auf dem aktuellen Stand. „Entscheidend ist jedoch die Qualität realer Belege im Alltag – etwa schlecht fotografierte oder handschriftliche Quittungen“, erklärt er den Bedarf an Praxis-Feedback. Durch schnelle Updates solle die Genauigkeit für alle Nutzer*innen laufend steigen.

Gegenmodell zur Ökosystem-Abhängigkeit

Wer ein Feature-Feuerwerk suche, werde bei bonster enttäuscht sein – was laut Unternehmen aus Überzeugung geschehe. Anbieter wie Rydoo verfolgten eine Strategie der maximalen Integration und langfristiger Verträge, was eine Abhängigkeit erzeuge, die ihr eigentliches Geschäftsmodell sei, so der Gründer. Wer einmal im Ökosystem stecke, wechsle nicht mehr, weil der Ausstieg zu teuer geworden sei.

Bonster positioniert sich als Gegenmodell für Unternehmen, die nicht für ungewollte Komplexität zahlen möchten: Kein Vertrag, keine Mindestnutzerzahl, Setup in unter fünf Minuten und ein Pay-per-Use-Modell. „Wer aufhören will, hört auf, ohne Konsequenzen“, beschreibt das Start-up den Ansatz der bewussten Entscheidung, Kund*innen freizulassen. Wer bleibe, tue dies, weil es funktioniere, was laut Bankowsky „die interessantere Innovation“ sei.

Fazit

Bonster ist ein innovativer Angriff auf die Zettelwirtschaft und wirkt durch den Verzicht auf starre Abo-Modelle bei der Einzelabrechnung fair. Doch die App steht und fällt mit der Schnittstellenkompetenz. Wenn der Export zu DATEV & Co. hakt, wird aus der Zeitersparnis schnell Mehrarbeit. Bonster muss beweisen, dass es die Brücke zwischen dem schnellen Foto und der strengen deutschen Buchhaltung schlagen kann – und zwar besser als die Banken, die das Feature bereits kostenlos anbieten.

Aiconiq.io: Das KI-Gehirn für den Mittelstand – Brillante Vision oder teure Manufaktur?

Autonome Agenten, halbierte Prozesskosten und sicheres Daten-Hosting: Mit Aiconiq.io tritt ein Start-up an, um das KI-Gehirn für den Mittelstand zu bauen. Wir wollten wissen, wie das „Corporate Brain“ funktioniert und wo die Herausforderungen bei der Skalierung liegen.

Hinter der Aiconiq GmbH stehen zwei ausgewiesene Branchenexperten. Gegründet wurde das Start-up 2025 von Prof. Dr. Peter Gentsch, einem bekannten KI-Pionier und Seriengründer, sowie dem KI-DeepTech-Experten Dr. Michael Patrushev. Gemeinsam bringen sie jahrzehntelange Erfahrung aus der KI-Forschung, im internationalen Engineering und beim Skalieren technologiegetriebener Unternehmen in ihr neues Projekt ein.

Mehr als nur ein Chatbot

Dass hier DeepTech-Experten am Werk sind, zeigt sich am technologischen Anspruch: Während viele Firmen mit generischen Chatbots experimentieren, integriert Aiconiqs Corporate Brain laut Unternehmensangaben nicht nur explizites, sondern gezielt das implizite Wissen (Tacit Knowledge) der Belegschaft. Erfasst wird dies durch KI-gesteuerte Interviews. Um Halluzinationen und subjektiven Fehleinschätzungen vorzubeugen, setzt Co-Gründer Michael Patrushev auf harte Validierung: „Die KI stellt keine offenen, spekulativen Fragen, sondern kontextualisierte, prozessbezogene Fragen entlang realer Use Cases.“

Nach einem Abgleich mit ERP-Logs und Experten-Kreuzvergleichen speichere das System keine absoluten Wahrheiten, so Patrushev, sondern „gewichtete Wissenselemente mit Vertrauens-Score und Quellenreferenz“. Gerade dieses subjektive Erfahrungswissen sei im Unternehmensalltag entscheidend, müsse aber umsichtig geprüft werden.

David gegen die Tech-Goliaths

Im hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie lange das Start-up gegen die Milliarden-Budgets von Microsoft oder OpenAI bestehen kann. Prof. Peter Gentsch gibt sich pragmatisch: „Wir kämpfen nicht gegen die Hyperscaler wie OpenAI, Google oder Anthropic – wir nutzen sie.“ Das eigene System setze horizontal auf den bekannten Modellen auf. Der Burggraben entstehe durch branchenspezifische Use Cases in einer sicheren, DSGVO-konformen Umgebung, wahlweise on-premises oder in einer europäischen Cloud.

Gentsch pointiert: „Wir wollen nicht das größte Gehirn bauen; wir bauen das relevanteste Brain für ein Unternehmen. Die Tech-Giganten optimieren Skalierung – wir optimieren den Unternehmens-Kontext.“

Skalierung: Softwareprodukt oder Manufaktur?

Die schnelle Entwicklung der eigenen Modelle sichert Aiconiq durch die interne „Aiconiq Factory“ ab, die auf radikale Automatisierung setzt. Kontrollverlust fürchtet Patrushev dabei nicht: „Geschwindigkeit ersetzt bei uns nicht Qualität – sie wird durch Qualitätssicherungssysteme ermöglicht.“ Jeder KI-generierte Code durchlaufe strenge Security-Checks und Test-Pipelines.

Doch lässt sich das aufwendige Einfangen von Unternehmenswissen beim Kunden ebenso reibungslos skalieren, oder droht Aiconiq in einem beratungsintensiven Manufaktur-Modell steckenzubleiben? Gentsch wehrt ab: Man nutze KI, um KI im Unternehmen aufzubauen. Algorithmen deckten Inkonsistenzen im Wissen automatisch auf und lösten sie teils selbständig. Ganz ohne menschliches Zutun gehe es aber nicht, räumt der Gründer ein: „Damit bleibt immer ein wenig Manufaktur bzw. ‚Human in the loop‘.“

Ausblick

Mit einer aktuellen Bewertung von 10 Millionen Euro und der Aufnahme ins „German Accelerator USA-Programm“ hat Aiconiq.io nach eigenen Angaben bereits namhafte DAX-Konzerne überzeugt. Gelingt es den Frankfurtern nun, die komplexe Wissensextraktion weiter zu standardisieren, könnte sich ihr „Corporate Brain“ als eine treibende Kraft der „industriellen KI-Revolution“ aus Deutschland etablieren.

Zwischen Hausaufgaben und Datenschutz: Der mutige B2C-Vorstoß von innoGPT

Die Inno KI GmbH aus Vechta öffnet ihre bisher auf Geschäftskunden ausgerichtete KI-Plattform nun für Familien. Mit einem neuen "Family Package" wollen die Gründer Mike Koene und Maurice Brumund das Problem des Datenschutzes bei der KI-Nutzung von Jugendlichen lösen. Ein cleverer Schachzug in eine unbesetzte Nische – oder ein schwieriges B2C-Geschäftsmodell mit hoher Preishürde?

Die Zahlen der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) sprechen eine deutliche Sprache: 70 Prozent der Jugendlichen nutzen Künstliche Intelligenz zur Informationssuche, 74 Prozent lassen sich bei den Hausaufgaben helfen. Die Kehrseite dieser rasanten Adaption: Die Nutzung erfolgt zumeist über die kostenlosen Web-Versionen von US-Giganten wie OpenAI oder Google. Sensible Daten – von persönlichen Fragen bis zu hochgeladenen Schuldokumenten – fließen oft ungefiltert in die globalen Trainingsdatenbanken der Anbieter, sofern nicht manuell widersprochen wird.

Während die Politik über Social-Media-Verbote für Minderjährige debattiert, bleibt der regulatorische blinde Fleck bei KI-Tools im Kinderzimmer bislang bestehen. Genau in diese Lücke stößt nun das niedersächsische Start-up Inno KI GmbH mit seiner Plattform innoGPT.

Von der Agentur zum KI-Aggregator

Hinter innoGPT steht kein klassisches, VC-finanziertes Silicon-Valley-Konstrukt, sondern mittelständischer Pragmatismus aus Vechta. Co-Founder Maurice Brumund und sein Team begannen bereits 2022 im Umfeld einer eigenen Digitalmarketing-Agentur, intensiv mit KI-Tools zu experimentieren.

Aus dem internen Pain Point – der Frage, wie Mitarbeitende rechtssicher und datenschutzkonform mit großen Sprachmodellen (LLMs) arbeiten können – entstand Ende 2024 die Plattform innoGPT. Bisher lag der Fokus des Startups strikt auf dem B2B-Segment: Mit rein europäischem Hosting, DSGVO-Konformität und einer Zero-Retention-Policy (keine Nutzung der API-Daten für das Modell-Training) positionierte sich innoGPT als Lösung gegen die „Schatten-IT“ in Unternehmen. Laut Unternehmensangaben nutzen bereits über 2.500 Privat- und Geschäftskund*innen den Service. Nun folgt die Ausweitung des Geschäftsmodells auf den B2C-Markt.

Das Produkt: Ein "Safe Space" für die Familie

Mit dem neuen „Family Package“ erhalten bis zu fünf Familienmitglieder für 34,90 Euro im Monat individuelle Logins zu einer zentralen Plattform. Über diese können sie gebündelt auf verschiedene führende KI-Modelle von OpenAI, Anthropic, Google, Meta, Mistral und Black Forest Labs zugreifen. Ein zusätzlich buchbares Add-on filtert persönliche Daten (Named Entity Recognition) wie Namen oder E-Mail-Adressen und ersetzt diese vor der Übermittlung an die Rechenzentren automatisch durch Platzhalter.

Das Geschäftsmodell und der Markt

Aus Start-up-Sicht ist der Vorstoß von B2B-SaaS in ein Family-Abo-Modell gleichermaßen spannend wie riskant. Eine kritische Analyse offenbart dabei mehrere Marktherausforderungen:

  • Der technologische Burggraben (Moat): Das Geschäftsmodell von innoGPT ist im Kern ein Aggregator- oder Wrapper-Modell. Das Start-up entwickelt keine eigenen Foundation-Modelle, sondern baut eine sichere, europäische Middleware-Schicht über die Schnittstellen (APIs) der Tech-Giganten. Der technologische Burggraben ist folglich eher niedrig. Der primäre Unternehmenswert liegt in der User Experience, der reibungslosen Modellanbindung und dem abstrakten Vertrauensfaktor „Datenschutz“.
  • Zahlungsbereitschaft: 34,90 Euro im Monat (knapp 420 Euro im Jahr) sind für ein klassisches Familienbudget eine erhebliche Summe. Der Preis entspricht fast den Kosten von anderthalb ChatGPT-Plus-Lizenzen. Die zentrale Herausforderung für das Marketing wird sein: Sind Eltern bereit, für den Schutz der Daten ihrer Kinder diesen Premium-Aufschlag zu zahlen, während der Nachwuchs die Basis-Tools de facto kostenlos und mit einem Klick auf dem Smartphone nutzen kann?
  • Token-Ökonomie in der Praxis: Das Modell sieht einen geteilten Token-Pool für die fünf Accounts vor. In der Praxis könnte dies zu Reibereien führen, wenn beispielsweise ein Familienmitglied rechenintensive Bildgenerierungen (etwa über Black Forest Labs) durchführt und das Kontingent für die Text-Prompts der restlichen Familie vorzeitig aufbraucht.
  • Wettbewerbslandschaft: InnoGPT bewegt sich in einem Sandwich-Markt. Von oben drohen die direkten B2C-Angebote der Tech-Riesen (es ist absehbar, dass OpenAI oder Google eigene „Family Plans“ ausrollen). Von der Seite drücken EdTech-Start-ups in den Markt, die KI DSGVO-konform direkt in die Lernplattformen der Schulen integrieren – was eine private Familienlizenz obsolet machen könnte.

Ein mutiger Testballon

Für das Start-up-Ökosystem ist die Inno KI GmbH dennoch ein Paradebeispiel für „bootstrapped“ Innovationskraft. Anstatt ein Produkt am Reißbrett zu entwerfen, hat das Team ein valides Angebot aus einem eigenen betrieblichen Schmerz heraus entwickelt.

Der Vorstoß in den B2C-Markt wirkt wie ein smarter, PR-wirksamer Testballon. Das Start-up greift eine hochaktuelle, emotionale gesellschaftliche Debatte auf (Jugendschutz bei KI) und besetzt rhetorisch geschickt die Rolle des Problemlösers. Ob sich das Family-Modell finanziell trägt, hängt letztlich davon ab, ob innoGPT den trockenen Begriff der „DSGVO-Konformität“ für Eltern emotional so aufladen kann, dass er als unverzichtbare Sicherheitsmaßnahme wahrgenommen wird. Gelingt dies nicht, ist das Risiko überschaubar: Das Start-up kann sich nahtlos wieder auf sein wachsendes B2B-Kerngeschäft konzentrieren.

Preeo: Healthspan Made in Hamburg

Das 2025 von Anneke Flechtner und Christopher Marx gegründete Hamburger Health-Start-up Preeo will mit einer App, die Ernährungsanalyse durch KI mit Wearable-Daten verschmilzt, eine ganzheitliche Plattform für präventive Gesundheit entstehen. Vor dem Hintergrund des globalen Longevity-Trends ein an sich vielversprechendes Vorhaben. Doch wie innovativ ist das Modell in einem ohnehin übersättigten Markt für Fitness-Apps wirklich? Wir haben nachgehakt.

Wer sich heutzutage mit gesunder Ernährung beschäftigt, verliert sich schnell in einem Dickicht aus Protein-Hypes, Mikro-Diäten und unzähligen Supplements. Gleichzeitig klafft im Markt eine strukturelle Lücke: Klassische Ernährungsberatung ist oft teuer, punktuell und richtet sich meist an Menschen, die bereits gesundheitliche Probleme haben. Digitale Ernährungs-Tracker hingegen sind zwar günstig und zugänglich, fokussieren sich aber fast ausschließlich auf rudimentäres Kalorienzählen und kurzfristigen Gewichtsverlust. Die langfristige Gesundheit – die sogenannte Healthspan – bleibt dabei oft auf der Strecke. Genau in diese Lücke stößt nun das 2025 gegründete Start-up Preeo. Das Gründungsteam um Anneke Flechtner (CEO) und Christopher Marx (CTO) positioniert sich mutig im aufstrebenden Longevity-Sektor und plant Ende März 2026 den offiziellen Launch seiner App.

Vom Marketing zur Gesundheitsmission

Die Idee zu Preeo reifte nicht über Nacht. CEO Anneke Flechtner, die ursprünglich aus dem Marketing kommt und bereits eine eigene Agentur aufbaute, widmete sich dem Thema angetrieben von der Frustration über oberflächliche Ernährungstrends und kurzsichtige Diät-Apps. Zusammen mit CTO Christopher Marx wurde aus der Ursprungsidee schließlich Preeo, das Prävention in den Alltag der breiten Masse bringen will.

Doch reicht Marketing-Erfahrung für einen Markt, der tiefe wissenschaftliche und teils medizinische Expertise erfordert? Flechtner kontert diesen Einwand selbstbewusst: „Mein beruflicher Fokus lag in den letzten Jahren zwar im Marketing, gleichzeitig bin ich aber auch lizenzierte Ernährungsberaterin.“ Sie betont, dass es zwar viel fundiertes Wissen über Ernährung gebe, dieses aber im Alltag kaum ankomme. „Oft fehlt die Übersetzung in etwas, das verständlich und wirklich umsetzbar ist“, so die Gründerin. Um das wissenschaftliche Fundament zu sichern, orientieren sich die Inhalte an etablierten Leitlinien und evidenzbasierter Präventionsforschung. Flankierend baut das Start-up ein Advisory Board mit Expertinnen und Experten aus Ernährungswissenschaft, Medizin und Präventionsforschung auf. Flechtners Hintergrund soll letztlich genau die Brücke schlagen, um diese Erkenntnisse für die Nutzer tatsächlich alltagstauglich aufzubereiten.

KI-Tracking trifft auf Wearable-Daten

Der Einstiegspunkt für die Nutzer*innen ist die Preeo-App, die deutlich mehr sein will als ein weiteres Food-Tagebuch. Um die bei Tracking-Apps gefürchtete „App Fatigue“ (die Ermüdung durch aufwendiges manuelles Eintragen) zu umgehen, setzt Preeo auf KI-Fotoerkennung sowie Sprach- und Texteingaben. Der eigentliche technologische Clou ist jedoch die Datenfusion: Preeo verknüpft die getrackte Ernährung mit biometrischen Daten aus Wearables wie Apple Health oder Garmin. Parameter wie Schlafqualität, Stresslevel und tägliche Bewegung fließen in die Algorithmen ein. So sollen Nährstoffdefizite proaktiv erkannt und kontextbezogene Empfehlungen ausgesprochen werden. Wer schlecht schläft oder hohem Stress ausgesetzt ist, bekommt entsprechende Anpassungen für seinen Speiseplan.

Angesichts der oft fehleranfälligen KI-Erkennung und variierender Hardware-Genauigkeit drängt sich jedoch die Frage nach der Zuverlässigkeit dieser Empfehlungen auf. CTO Christopher Marx räumt technische Unschärfen unumwunden ein: „Unser Ziel ist aktuell bewusst nicht, auf das Gramm genau zu sein.“ Das Kernproblem bestehender Apps sei nicht mangelnde Präzision, sondern dass Nutzer schnell kapitulieren. „Ein schnelles Foto vom Teller hat eine gewisse Unschärfe, aber es ist unendlich wertvoller als ein perfektes Protokoll, das am Ende nie ausgefüllt wird“, argumentiert Marx. Die App ziele nicht auf obsessiven Tracking-Stress ab, sondern basiere ihre kontextbezogenen Impulse auf längerfristig beobachteten Trends, wodurch sich Ausreißer über die Zeit ausgleichen würden. Wer es genauer brauche, könne zudem manuell nachjustieren.

Bei der Verschmelzung solch intimer Gesundheits- und Stressdaten schrillen aus Datenschutzsicht unweigerlich die Alarmglocken. Hier verspricht Marx strikte DSGVO-Konformität. „Preeo versteht sich als Verbindungsstück zwischen verschiedenen Datenquellen – nicht als Datentresor“, stellt der CTO klar. Sensible Gesundheitsdaten bleiben lokal auf dem Gerät oder in den Ökosystemen der Hersteller. Preeo ziehe diese nur anlassbezogen und kurzlebig heran, während Mahlzeiten-Daten lediglich anonymisiert zur Weiterentwicklung der Erkennung genutzt würden.

Bleibt das Problem der traditionell hohen Abwanderungsraten bei Fitness-Apps: Warum sollten Nutzer*innen jahrelang für ein Abo bezahlen, wenn sie ihre Defizite längst verstanden haben? Für Anneke Flechtner ist Gesundheit kein Projekt mit Enddatum. „Stress, Schlaf, Bewegung oder Trainingsziele verändern sich ständig und damit auch die Anforderungen an unsere Ernährung“, erklärt die CEO. Preeo solle als kontinuierlicher Gesundheitsbegleiter agieren, der mit der Zeit aus den Daten lernt und Empfehlungen dynamisch an die Lebensumstände anpasst.

Zwischen Megatrend und hartem Wettbewerb

Das Marktumfeld könnte spannender kaum sein: Longevity ist einer der Megatrends dieses Jahrzehnts. Während in den USA Start-ups wie Zoe oder InsideTracker dreistellige Millionenbeträge einsammeln, steht Europa noch am Anfang.

Bis zum Launch Ende März wurde Preeo vom Gründerduo komplett gebootstrapped. „Diese Phase war für uns sehr wertvoll, weil wir uns vollständig auf Produktqualität und Nutzererlebnis konzentrieren konnten“, resümiert Flechtner. Doch die Vision ist größer: Um Prävention in Deutschland und Europa stärker zu skalieren, peilt das Start-up noch 2026 eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde über rund eine Million Euro an. Voraussetzung dafür ist jedoch eine entsprechende Nutzer*innen-Traktion. CTO Marx ergänzt dazu pragmatisch: „Wir bauen momentan ein reines Digitalprodukt auf, was mit AI immer günstiger wird [...] Neue Start-ups erzielen Milliarden-Bewertungen mit sehr kleinen AI-nativen Teams.“

Gleichzeitig muss sich Preeo in einem stark umkämpften „Red Ocean“ gegen Giganten wie Yazio, MyFitnessPal, Oura oder Whoop behaupten. Preeo positioniert sich exakt an der Schnittstelle dieser Welten. Um Nutzer*innen angesichts kostenloser Konkurrenz zum Zahlen zu bewegen, setzt das Start-up auf ein Freemium-Modell. Während Basis-Tracker Nutzer*innen mit ihren Daten oft allein ließen, schließe Preeos Premium-Abo mit tieferen Analysen und einem KI-Coach die Lücke zwischen billigen Apps und teurer Einzelberatung.

Das Geschäftsmodell unter der Lupe

Bei aller Euphorie stellen sich für das Geschäftsmodell zentrale Herausforderungen. Ob sich Preeo das Trend-Label Longevity wirklich anheften kann, ist fraglich, da das Start-up bislang auf echte klinische Biomarker wie Blut- oder DNA-Tests verzichtet. Die Ansätze basieren stattdessen rein auf der Kreuzung von Software-Daten und Wearable-APIs.

Auf die direkte Frage nach der regulatorischen Grauzone und einer möglichen Einstufung als Medizinprodukt (MDR) oder der Abrechnung über Krankenkassen (DiGA) bleibt die Gründerin zurückhaltend und den konkreten Zukunftsplan schuldig. Sie betont stattdessen die aktuelle Positionierung: „In der aktuellen Phase versteht sich Preeo bewusst als Präventions- und Lifestyle-App. Wir diagnostizieren keine Krankheiten und ersetzen keine medizinische Beratung.“ Eine stärkere medizinische Validierung sei eher „eine Perspektive für die Zukunft“.

Zudem birgt die Verknüpfung von Wearable-Daten mit Ernährung im Alltag die Gefahr einer Datenüberflutung, die schnell zu Frustration führen kann. Die Handlungsempfehlungen müssen zwingend so simpel und granular aufbereitet sein, dass sie nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken.

Aus wirtschaftlicher Sicht plant Preeo langfristig den cleveren Sprung vom margenschwachen B2C-Abo zu margenstärkeren Telehealth-Dienstleistungen wie digitaler Beratung durch echte Experten. Dem naheliegenden Einstieg ins Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) erteilt Flechtner vorerst jedoch eine Absage. Auch wenn das Feld spannend sei, liege der Fokus aktuell „ganz bewusst darauf, Prävention für den einzelnen Nutzer greifbar und verständlich zu machen“. B2B2C-Modelle sehe sie erst langfristig als Potenzial.

Auch der geplante Telehealth-Ausbau liegt noch in der Ferne. Zunächst müsse die technologische Grundlage stehen. „Der Ausbau in Richtung digitaler Beratung ist deshalb perspektivisch geplant, aber nicht der erste Schritt nach dem Launch“, stellt Flechtner klar. Für die spätere Qualitätssicherung verspricht sie allerdings bereits klare Qualifikationsanforderungen und ein kuratiertes Netzwerk aus zertifizierten Berater*innen.

Einordnung & Fazit

Preeo surft auf einer massiven Welle. Die Fusion aus KI-Tracking und Gesundheitsdaten ist der logische nächste Schritt in der Evolution der Health-Apps. Isoliertes Kalorienzählen ist ein Relikt der Vergangenheit. Gelingt es Preeo nach dem Launch Ende März, eine loyale Nutzer*innenschaft aufzubauen und nahtlos in höherwertige Longevity-Services zu konvertieren, winkt dem jungen Hamburger Start-up die Rolle als relevanter europäischer Player. Zuvor muss das Gründungs-Duo jedoch beweisen, dass seine Algorithmen echten gesundheitlichen Mehrwert liefern, der den Wechsel von den etablierten Platzhirschen rechtfertigt.

Sizeless: Schluss mit „Da wächst du noch rein!“

Zu kleine Schuhe schaden Kinderfüßen, ständiger Neukauf belastet den Geldbeutel und die Umwelt. Das Kölner Start-up Sizeless präsentiert nun die Lösung: Einen Premium-Sneaker, der mechanisch um eine ganze Größe mitwächst. Wir sprachen mit den Gründern über den steinigen Weg vom ersten Prototyp bis zur ersten Funding-Kampagne.

Kinderfüße wachsen in rasantem Tempo – oft so schnell, dass die teuren neuen Schuhe schon nach wenigen Monaten wieder drücken. Im Schnitt benötigt ein Kind alle vier Monate neue Schuhe. Das geht nicht nur ins Geld, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt dar. Viele Eltern greifen auf eine pragmatische, aus orthopädischer Sicht jedoch problematische Lösung zurück und kaufen Schuhe schlichtweg zu groß, nach dem Motto: Da wächst du noch rein.

Die Folge sind nicht selten schlecht sitzende Schuhe, die das Gangbild beeinträchtigen und langfristig zu Fußfehlstellungen führen können. Drei Kölner Gründer wollen diesem Kreislauf aus ständigem Neukauf und Ressourcenverschwendung nun ein Ende setzen. Mit Sizeless hat das Start-up einen Kinderschuh entwickelt, der mechanisch mitwächst und das Problem an der Wurzel packen soll.

Vom Pitch zum Prototyp

Die Idee zu Sizeless entstand aus einer tiefen Kenntnis der Schuhindustrie. Die drei Gründer Alexander Schemel (CEO), Leander Peters (COO) und Louis Smith (CTO & Head Designer) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Sportartikelgiganten Adidas. Der Startschuss fiel im Frühjahr 2023 bei einer Open Innovation Challenge der Marke On-Running in Zürich, bei der Alexander und Leander ihr Konzept präsentierten und gewannen. Dieser Erfolg war der nötige Funke, um aus der Idee ein Unternehmen zu formen.

Die anschließende Hardware-Entwicklung erwies sich jedoch als massiver Härtetest. „Wir kamen aus Gesprächen mit Fabriken in Portugal zurück, denen das Projekt zu technisch, zu frühphasig und zu risikobehaftet war“, erinnert sich Leander an die anfängliche Frustration. Man konnte zwar die Idee validieren und Eltern dafür begeistern, den Schuh aber schlichtweg noch nicht physisch bauen.

Den entscheidenden Befreiungsschlag brachte schließlich das exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Für das Team war diese Zusage „absolut wegweisend“ – ein essenzieller Anschub, den das Trio aus eigener Kraft niemals hätte stemmen können, räumt der Gründer ein. Das staatliche Programm sicherte den Kölnern nicht nur zwölf Monate rettendes Vollzeit-Commitment, sondern deckte auch die Entwicklungs-, Gründungs- und Patentkosten weitestgehend ab. Vor allem aber lieferte es die nötigen finanziellen Ressourcen, um das fehlende Puzzleteil ins Team zu holen: den studierten Produktdesigner und Ingenieur Louis Smith. Das Stipendium finanzierte seinen Umzug von Glasgow nach Köln sowie seine laufenden Kosten. „In der Essenz: Ohne exist kein Louis, ohne Louis kein Schuh“, bringt es Leander pointiert auf den Punkt.

Doch auch die beste staatliche Förderung hat ihre strukturellen Grenzen. Wie Leander erklärt, enden die Möglichkeiten von exist exakt am kritischen Übergang von der Prototypen-Entwicklung zum Launch und der anschließenden Skalierungsphase. Um in Produktion zu gehen und die Marke aufzubauen, sei frisches Kapital zwingend notwendig. Während man sich für die Pre-Seed-Runde bereits mit starken Business Angels gut aufgestellt sieht, richtet sich der Blick der Gründer nun auf eine größere Seed-Runde gegen Ende 2026, um groß angelegte Launches vorzubereiten.

Gepaart wird diese finanzielle Herausforderung mit einem Kampf gegen die Mühlen der Behörden. Bürokratische Hürden seien bei Sizeless quasi das „inoffizielle vierte Teammitglied“. Durch den Brexit gilt Louis als Nicht-EU-Bürger; sein befristetes Arbeitsvisum lief bereits im September 2025 ab. Obwohl das Team zeitnah eine Verlängerung und einen Aufenthaltstitel beantragte, reagieren die zuständigen Sachbearbeiter kaum auf E-Mails oder Anrufe. Louis hangelt sich seither mit befristeten Fiktionsbescheinigungen von Monat zu Monat und darf das Land nach deren Ablauf vorerst nicht mehr verlassen. „Diese Absurditäten lähmen enorm“, kritisiert Leander das überlastete System, durch das jeden Tag reeller wirtschaftlicher Schaden entstehe – auch in ganz anderen Dimensionen als bei ihrem Start-up.

Der Härtetest im Kindergarten

Doch wie wächst ein Schuh mit, ohne an Stabilität einzubüßen? Sizeless geht einen technischen Weg, für den bereits eine Patentanmeldung läuft. Über zwei Laschen an der Außenseite lässt sich die Passform verstellen: Sie ziehen eine flexible Sohle nach oben oder geben sie nach unten frei, wodurch die Zehenbox gezielt vergrößert oder verkleinert wird. So lässt sich der Schuh stufenlos um acht Millimeter in der Länge anpassen – was etwas mehr als einer kompletten Schuhgröße (ca. 6,6 mm) entspricht.

Auf die Frage, ob eine solche Mechanik dem erbarmungslosen Kinder-Alltag standhält, räumt Leander ein, dass das Team hier massiv dazulernen musste. Nachdem CEO Alexander tagelang als „Praktikant“ das Bewegungsverhalten in Kindergärten analysiert und den Schuh einem „Tobetest“ unterzogen hatte, wurde das Design grundlegend überarbeitet. Der Schuh musste „kindergarten-approved“ werden. Das Resultat: eine abriebfeste Sohle mit ordentlichem Profil, ein für Bobbycar-Rennen geschützter Vorderfußbereich sowie wasserabweisende und waschmaschinentaugliche Materialien. „Auch den Sizeless-Schuh wird man kaputt bekommen, wenn man es darauf anlegt“, gibt Leander unumwunden zu. Es gelte künftig stets die Kunst zu beherrschen, Minimalismus und Flexibilität mit der nötigen Robustheit auszubalancieren.

Passform und orthopädische Grenzen

Da Kinderfüße bekanntermaßen nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen, kombiniert Sizeless die Mechanik mit einer von Natur aus breiten Zehenbox und einem flexiblen Obermaterial. Ein zusätzlicher Klettverschluss am Spann sorgt für Anpassungsfähigkeit bei hohen oder niedrigen Risten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Jan-Peter Goldmann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln, der sicherstellen soll, dass die Verstellmechanik die natürliche Fußentwicklung optimal fördert.

Trotz der Anpassungsfähigkeit zieht das Start-up eine klare Grenze. „Ganz wichtig: Wir sind kein Medizinprodukt!“, betont Leander. Der Leisten orientiere sich am durchschnittlichen Kinderfuß. Absolut außergewöhnliche Maße oder komplexe orthopädische Besonderheiten wolle man mit dem Launchmodell bewusst noch nicht abdecken.

Premium-Preise und ein neues Konsumverhalten

Mit dem Konzept greifen die Kölner das traditionelle Geschäftsmodell von branchenweiten Platzhirschen wie Superfit, Ricosta oder Elefanten an, das auf den ständigen Neukauf angewiesen ist. Sizeless hingegen macht dieses schnelle Wachstum zum Feature. Preislich positioniert sich der in Europa gefertigte Schuh mit einer UVP von rund 99 Euro klar im Premium-Barfuß-Segment. In diesem dominieren aktuell Marken wie Wildling Shoes oder Affenzahn.

Wird gesunde Fußentwicklung damit zum Luxusgut? Leander kontert diese Befürchtung vehement: Kinderfüße bräuchten vor allem Raum zur freien Entfaltung, ganz nach dem Prinzip „Beschützen statt beschränken“. Der Preis richte sich an eine Kernzielgruppe, die gezielt nach funktionalen, hochwertigen Schuhen sucht, und amortisiere sich ohnehin durch die deutlich längere Nutzungsdauer.

Gleichzeitig fordert der Ansatz ein Umdenken der Eltern, die traditionell auf das Ausmessen im stationären Fachhandel vertrauen. Leander sieht darin keinen Zwang, sondern eine Befreiung: Eltern „mussten“ bisher ins Geschäft, weil die Schuhe drückten. Mit Sizeless „können“ sie den Schuh bequem selbst anpassen. Den unter Personalmangel leidenden Fachhandel sehe man langfristig nicht als Konkurrenten, sondern als wichtigen Hebel – auch wenn der limitierte Launch bewusst der eigenen Community vorbehalten bleibt. Langfristig wolle man durch ein innovatives Konzept wieder Menschen in die Läden bewegen.

Marktreife und Skalierung: Eine neue Ära?

Nach monatelanger Entwicklung hat das Team einen verlässlichen Produktionspartner in Portugal gefunden, der europäische Qualitätsstandards garantiert. Aktuell geht Sizeless den nächsten Schritt: Am 16. März 2026 launchte eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um die erste Serienproduktion zu finanzieren. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten Schuhe im Sommer 2026 ausgeliefert werden.

Bleibt die große wirtschaftliche Frage: Kannibalisiert sich ein Geschäftsmodell nicht selbst, wenn Kund*innen seltener Schuhe kaufen müssen? „Kannibalisiert wird am Ende nur das, was sich dem neuen Standard nicht anpasst“, gibt sich Leander selbstbewusst. Die Skalierung soll einerseits über die Erweiterung des Sortiments um Modelle wie den ersten Winterschuh für 2026, Hausschuhe, Sandalen oder Gummistiefel erfolgen. Der eigentliche Hebel sei jedoch das Patent. Sobald dieses final erteilt ist, will das Start-up Lizenzen an andere Marken vergeben. Die Vision der Kölner ist grenzenlos: Jeder Schuh soll künftig ein Sizeless-Schuh werden können – völlig unabhängig davon, welches Logo am Ende auf dem Karton steht.

HofFloh: Von der analogen Nische zur digitalen Plattform

Flohmärkte im eigenen Hinterhof boomen. Das 2025 in Köln gegründete Start-up HofFloh will diesen analogen Trend bündeln und digitalisieren. Doch lässt sich ein hyperlokales Event skalieren, wenn das Geschäftsmodell auf Micro-Payments von 2,50 Euro basiert? Ein kritischer Blick auf eine Geschäftsidee zwischen Veedels-Romantik und Plattform-Ökonomie.

In zunehmend anonymisierten Großstädten wächst die Sehnsucht nach lokaler Vernetzung. Genau hier setzt HofFloh an. Das mittlerweile vierköpfige Team hat eine App- und Web-Plattform entwickelt, über die Privatpersonen Hofflohmärkte im eigenen Viertel organisieren können. Die klassische, oft chaotische Zettelwirtschaft an Straßenlaternen wird dabei durch eine interaktive, digitale Live-Karte ersetzt. Darauf können Nutzer*innen ihre Stände eintragen und Besucher*innen sich ihre Routen zusammenstellen.

Aus der Entwicklerstube in den Hinterhof

Die Gründungshistorie des Start-ups ist stark produktgetrieben: Die Gründer*innen Sebastian Schmitz (CEO), Martin Müller (CEO & CTO) und Andrea Schmitz (CMO) bündelten ihre technische und kommunikative Expertise. Die Idee entstand pragmatisch, als das Team selbst einen Hofflohmarkt ausrichten wollte und an der mangelnden digitalen Infrastruktur scheiterte.

„2025 haben wir in Köln zu dritt HofFloh gegründet“, blickt Andrea Schmitz zurück. Dabei habe man sich bewusst auf ein Thema gestürzt, das viele unterschätzen würden: lokale Geschäftsmodelle. Finanziert wird das Vorhaben bislang konsequent durch Bootstrapping – ganz ohne klassisches Venture Capital.

Auf die Frage, ob der Verzicht auf das große Geld angesichts drohender Copycats nicht irgendwann zur Wachstumsbremse wird, kontert die Gründerin selbstbewusst: „Unser bewusster Verzicht auf externes Kapital ist aktuell ein strategischer Vorteil, weil wir uns voll auf Produkt und Nutzer*innen konzentrieren können, statt auf schnelles, oft künstliches Wachstum.“ Bei einem hyperlokalen Ansatz ließen sich viele Dinge nicht am Reißbrett skalieren, sondern müssten vor Ort entstehen. Erst wenn funktionierende Strukturen und wiederholbare Mechaniken stehen, wolle man in die Breite gehen.

Vor finanzstarken Nachahmern scheint das Team keine Angst zu haben. Schmitz räumt zwar ein, dass sich ein Copycat mit viel Kapital schnell Sichtbarkeit einkaufen könne. Sie betont jedoch die eigene Verteidigungslinie: „Was sich aber nicht kurzfristig kopieren lässt, sind funktionierende lokale Communities.“ Genau darin sehe HofFloh seinen langfristigen Vorteil.

Sympathisch, aber langfristig tragfähig?

Die Plattform verzichtet komplett auf In-App-Werbung und den Verkauf von Nutzer*innendaten. Wer einen Stand auf der Karte eintragen will, zahlt faire 2,50 Euro als Frühbucher*in oder 5,00 Euro bei kurzfristigen Anmeldungen. Angesichts der laufenden Kosten für Server, Support und regionales Marketing drängt sich jedoch zwangsläufig die Frage der Profitabilität auf. Wie viele Stände müssen gebucht werden, um nicht ins Minus zu rutschen?

Schmitz verweist auf die schlanken Strukturen des Start-ups: „Wir haben keine hohen Fixkostenstrukturen und achten sehr genau darauf, dass unsere Kosten mit dem Wachstum skalieren.“ Die niedrigen Einstiegspreise seien aktuell ein bewusstes Werkzeug, um Nutzung und Akzeptanz für das noch recht neue Konzept aufzubauen. Das Modell lebe von der Bündelung, so die CMO weiter. An einem einzigen Wochenende könnten in einer Stadt mehrere hundert Stände zusammenkommen. „Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Transaktion, sondern die Wiederholung“, erklärt sie. Da viele Viertel regelmäßig Hofflohmärkte organisieren, denke HofFloh nicht in einzelnen Buchungen, sondern in aktiven Städten und wiederkehrenden Events.

Dennoch bleibt die Nutzer*innenakquise (CAC) bei Margen im Cent-Bereich eine Herausforderung. Teure Performance-Marketing-Kampagnen auf Meta oder Google sind bei diesen Summen schlicht nicht rentabel. Das Kölner Start-up setzt daher auf Growth-Hacks und Mundpropaganda. Das Wachstum sei bisher fast vollständig organisch verlaufen, berichtet die Mitgründerin. Jeder eingetragene Stand fungiere als Touchpoint im Viertel. „Menschen sehen die Stände, sprechen darüber und tragen die Idee weiter“, so Schmitz.

Um die Abhängigkeit von reinen Algorithmen zu durchbrechen, baue man zudem gezielt einen eigenen Newsletter sowie Community-Strukturen auf. Das Start-up unterstützt die lokale Verbreitung mit automatisch generierten Postern, Flyern sowie Vorlagen für WhatsApp und Social Media. Neuerdings setzt HofFloh auch auf kleine Upsells: „Teilnehmende können ergänzend Flyer-Briefe für die Verteilung im Viertel sowie HofFloh-Starterpakete kaufen, um die lokale Sichtbarkeit weiter zu erhöhen“, berichtet Schmitz. Diese Mischung aus Produktmechanik und Community-Aufbau habe geholfen, eine erste kritische Masse ohne riesige Marketingbudgets zu erreichen.

Die harte Hürde der Hyperlokalität

Der Wettbewerb ist indes nicht zu unterschätzen. Auf der Makro-Ebene kämpft HofFloh mit milliardenschweren Tech-Giganten wie Vinted oder Kleinanzeigen um all jene, die ihr „ausrangiertes Zeug“ loswerden wollen. Auf der Mikro-Ebene wildern kostenlose Facebook- und WhatsApp-Gruppen im Revier. Der USP von HofFloh ist daher die radikal einfache Sichtbarkeit und Planbarkeit.

Die Krux bleibt jedoch die Skalierbarkeit. Im Gegensatz zu reinen Software-as-a-Service-Produkten muss HofFloh für jeden neuen Markt den mühsamen Aufbau lokaler Netzwerkeffekte von vorn beginnen. Ein Event zündet nur, wenn eine kritische Masse an Haushalten im exakt selben Viertel zur exakt selben Zeit mitmacht.

Erschwerend kommt die absolute Wetterabhängigkeit hinzu, die den Kernumsatz auf die wenigen Frühlings- und Sommermonate limitiert. Wie also den Winter überstehen, wenn das Kerngeschäft de facto im Winterschlaf liegt? Auf diese essenzielle Frage reagiert Schmitz zunächst mit dem typischen Gründer*innen-Optimismus und verweist auf die technische Weiterentwicklung: „Die Wintermonate sind für uns keine reine Pause, sondern eine gezielte Entwicklungsphase, in der wir unsere Plattform weiter schärfen.“ Das habe man bereits im vergangenen Winter sehr intensiv getan. Was das drohende Umsatzloch betrifft, bleibt sie vage und flüchtet sich etwas ins Prinzipielle: Man beobachte, dass das Bedürfnis nach lokaler Vernetzung nicht saisonal sei. Konkrete Produkte nennt sie nicht, deutet aber an: „Wir denken aktuell in verschiedene Richtungen, wie sich die Plattform perspektivisch auch unabhängig von der Jahreszeit weiterentwickeln kann, ohne den Kern des Produkts zu verlieren.“

Einordnung & Fazit

HofFloh ist ein Paradebeispiel für den Trend der „Zebra“-Start-ups: Nicht das exponentielle Unicorn-Wachstum um jeden Preis steht im Fokus, sondern ein nutzengetriebenes, gemeinschaftsorientiertes Wirtschaften. Als Fallstudie beweist das junge Kölner Unternehmen, dass sich durch die smarte Digitalisierung eines analogen Alltagsproblems organische Traktion generieren lässt. Gleichzeitig zeigt das Modell ungeschönt die harten Skalierungsgrenzen von B2C-Plattformen auf, die stark auf Hyperlokalität angewiesen sind.

Ob HofFloh am Ende den Sprung in die überregionale Profitabilität schafft oder lediglich als idealistisches Veedels-Projekt eine Nische besetzt, wird davon abhängen, ob das Team in Zukunft neue Einnahmequellen erschließen kann.

Wie steht es etwa um B2B-Kooperationen? Hier tritt Schmitz merklich auf die Bremse. In der aktuellen Phase gehe es vor allem darum, Nutzung aufzubauen und die Preisstruktur zu verstehen. Potenzial für Kooperationen – etwa mit Städten oder lokalen Initiativen – sehe sie zwar. Doch sie zieht eine klare rote Linie: „Wichtig ist uns dabei, dass solche Ansätze immer einen echten Mehrwert für die Nachbarschaften bieten und die Nutzung nicht komplizierter machen.“ Der Anspruch bleibe es, wirtschaftlich tragfähig zu wachsen, ohne die Einfachheit und den Charakter der Plattform zu verwässern. Welche Bausteine dafür langfristig sinnvoll seien, werde man Schritt für Schritt aus der Nutzung heraus entwickeln.

Last Mile am Limit?

Über 3.000 Kurier*innen, mehr als 50 Städte und ein stetig wachsendes Logistiknetzwerk: Die Hamburger Fleetlery GmbH hat seit 2021 ein massives B2B-Geschäft hochgezogen – komplett gebootstrapped. Doch das Geschäftsmodell der Gründer Timo Kerzel und Micheal Kingreen offenbart die harten Strukturprobleme der Quick-Commerce-Branche. Ein Blick hinter die Kulissen eines Start-ups, das zwischen Skalierung, Tech-Versprechen und handfesten Arbeitskämpfen navigiert.

Es war das Jahr 2021, als die Quick-Commerce-Blase ihren Höhepunkt erreichte. Milliarden an Venture Capital flossen in Start-ups, die versprachen, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Inmitten dieses Hypes gründeten Timo Kerzel (zuvor Projektleiter bei TKE Elevators) und Micheal Kingreen in Hamburg die Fleetlery GmbH. Ihr Ansatz war jedoch ein anderer: Keine eigenen Dark Stores, keine Konsumenten-App, kein massives Cash-Burning. Fleetlery positionierte sich als reiner B2B-Infrastrukturanbieter. Das Versprechen: Delivery-as-a-Service.

Heute, gut vier Jahre später, zieht Fleetlery Bilanz. Während viele der hochfinanzierten Einhörner von damals verschwunden oder fusioniert sind, ist das gebootstrappte Hamburger Startup gewachsen. Über 3.000 Kuriere und Picker sind laut Unternehmensangaben für Fleetlery auf der Straße. Doch der Erfolg hat einen Preis – und offenbart, dass die letzte Meile längst kein rein technologisches Spielfeld mehr ist.

Bootstrapping im Logistik-Sektor: Flexibilität als Währung

Wer im kapitalintensiven Logistikmarkt ohne externes Risikokapital skaliert, muss Cashflows extrem präzise managen. Fleetlery löste dieses Problem, indem es sich als flexibler Puffer für große Player positionierte. Anstatt den Markt selbst aufzurollen, dockt das Start-up per API an bestehende Plattformen an. Der eigentliche strategische Schachzug folgte jedoch durch die Zulassung zur offiziellen Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit). Fleetlery verkauft seither nicht nur reine Lieferungen, sondern vermietet das Personal. Dieses Modell generiert verlässliche B2B-Umsätze, da saisonale Spitzen bei den Kund*innen abgefedert werden.

Last Mile ist kein Tech-Problem – sondern ein Strukturproblem

Fleetlery wirbt intensiv mit seinem KI-gestützten Dispatching-Algorithmus, automatisierten Routenoptimierungen und Geofencing. Doch die Realität der letzten Jahre hat eine schmerzhafte Lektion zutage gefördert: Die beste App der Welt liefert keine Pizza aus. Technologie ist in der Logistik längst zur Commodity geworden. Das eigentliche Bottleneck ist der Mensch. Händler*innen, die unter hohem Kostendruck stehen, können sich keine eigenen Flotten leisten. Fleetlery füllt diese Lücke und agiert als Schmiermittel der E-Commerce-Maschinerie – trägt damit aber auch das gesamte operative Risiko der Personalgewinnung in einem traditionellen Niedriglohnsektor.

Zwischen Zeitarbeits-Riesen und Subunternehmern

Betrachtet man das direkte Wettbewerbsumfeld, operiert Fleetlery in einer hochkomplexen Sandwich-Position. Auf der einen Seite diktieren die großen B2C-Plattformen als Auftraggebende die Preise. Auf der anderen Seite tummelt sich die direkte Konkurrenz. Da sind zum einen die klassischen Personaldienstleister*innen. Sie verfügen zwar über massive Pools an Arbeitskräften und die nötigen Lizenzen zur Arbeitnehmer*innenüberlassung, doch ihnen fehlt oft die tiefe technologische API-Anbindung an die Food-Plattformen sowie das operative Flottenmanagement.

Zum anderen gibt es internationale Delivery-as-a-Service-Player, die in Deutschland oft an der mangelnden Profitabilität gescheitert sind. Der wohl härteste Wettbewerb auf der Straße kommt jedoch von lokalen Subunternehmer*innen: hyperlokale Flottenbetreiber*innen, die mit Niedrigpreisen locken, aber bei den strenger werdenden Compliance-Prüfungen der Auftraggebenden zunehmend durchfallen. Hier sucht Fleetlery seinen USP: Durch die Arbeitnehmer*innenüberlassungs-Lizenz und die Tech-Integration positioniert sich das Start-up als haftungssicherer Partner für Großkund*innen, die das operative Risiko auslagern wollen. Sie versuchen, den oft unregulierten Markt der Subunternehmer*innen zu professionalisieren – müssen sich diesen Anspruch in einem preissensiblen Marktumfeld aber hart erkämpfen.

Die kritische Kehrseite: Skalierung in der Grauzone?

An der operativen Umsetzung auf der Straße entzündet sich massive Kritik. Der Marktführer Lieferando sorgte im Spätsommer 2025 für heftige Proteste, als bekannt wurde, dass rund 2.000 interne Fahrer*innenjobs abgebaut und unter anderem an Fleetlery ausgelagert werden sollten.

Gewerkschaften wie die NGG und Initiativen wie arbeitsunrecht.de werfen den Auftraggeber*innen vor, Subunternehmer*innen gezielt für Union Busting (die Aushebelung von Betriebsräten) zu nutzen. Zwar betont Fleetlery auf seiner Website die Festanstellung der Kuriere, doch Berichte von Arbeitnehmer*innenvertretern zeichnen ein anderes Bild: Kritisiert werden Stücklohn-Modelle nach Auslieferung und undurchsichtige Vermittlungskonstrukte. Fleetlery navigiert hier in einem juristisch hochkomplexen Umfeld, das zwar bei einigen internationalen Wettbewerber*innen Branchenstandard ist, für ein deutsches Start-up jedoch ein permanentes Reputationsrisiko darstellt.

Vier Jahre Last Mile: Learning by Scaling

Aus der Retrospektive lassen sich für Gründer*innen drei zentrale Learnings aus der Fleetlery-Historie ableiten:

  • Die Unterschätzung des operativen Supports: Eine Flotte steuert sich nicht allein durch KI. Ohne den Aufbau eines massiven Live-Supports implodiert die Wirtschaftlichkeit durch Fehllieferungen.
  • Die regulatorische Falle: Der reine Vermittlungs-Ansatz ist in Deutschland juristisch riskant. Die strategische Entscheidung zur Arbeitnehmer*innenüberlassung war essenziell für das B2B-Geschäft.
  • Die Erweiterung der Wertschöpfungskette: Wer nur liefert, verbrennt Geld. Fleetlery überlebte das Bootstrapping nur durch zusätzliche Services (Zeitarbeit, IT-Integration, BPO-Dienstleistungen).

Fazit

Timo Kerzel und Michael Kingreen haben bewiesen, dass man einen Logistik-Player ohne fremdes Kapital bauen kann. Fleetlery ist heute ein wichtiger Puffer für den deutschen Delivery-Markt. Doch das Geschäftsmodell balanciert auf einem schmalen Grat zwischen unternehmerischer Flexibilität, massivem Margendruck und harten arbeitsrechtlichen Diskursen.

Der Code des Lebens: Wie die Longevity-Branche 2026 den Health-Markt erobert

Vom Milliardärs-Hobby zum systemrelevanten Gesundheitsmarkt: Wie deutsche Start-ups das Altern als behandelbare Krankheit neu definieren.

Vor wenigen Jahren galt das Streben nach einem radikal verlängerten Leben noch als exzentrisches Hobby von Silicon-Valley-Milliardären. Heute ist Longevity – die Wissenschaft der Langlebigkeit – im Zentrum der europäischen Gesundheitsökonomie angekommen. Angesichts einer massiv überalternden Gesellschaft und kollabierender Gesundheitssysteme hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Altern wird nicht mehr als unvermeidliches Schicksal hingenommen, sondern als die zugrundeliegende Ursache der meisten chronischen Krankheiten verstanden.

Start-ups in diesem Bereich sind längst keine Alchemisten mehr. Sie sind datengetriebene BioTech- und Software-Pioniere, die den Fokus von der bloßen Lebensverlängerung auf die Verlängerung der gesunden Lebensjahre verschoben haben und damit einen der vielleicht lukrativsten Zukunftsmärkte der Medizin erschließen.

Die Marktlage: künstliche Intelligenz als Schlüssel zur Zelle

Der deutsche Longevity-Markt hat seine wilde Goldgräberstimmung hinter sich gelassen und eine beeindruckende technologische Reife erreicht. Der alles dominierende Treiber ist dabei die Künstliche Intelligenz. Während die biomedizinische Forschung früher Jahrzehnte brauchte, um zelluläre Alterungsprozesse zu verstehen, entschlüsseln KI-Modelle heute epigenetische Muster in Rekordzeit. Einer aktuellen Branchenanalyse von Roland Berger zufolge betrachten 68 Prozent der institutionellen Gesundheitsinvestoren Longevity mittlerweile als festen Bestandteil ihres Portfolios. Diese Relevanz spiegelt sich in harten Zahlen wider: Laut dem jüngsten Start-up-Report der KfW flossen allein im vergangenen Jahr rund 850 Millionen Euro an Wagniskapital in deutsche Unternehmen an der Schnittstelle von BioTech, Präventivmedizin und AgeTech. Das Marktvolumen wächst rasant, getrieben von einer kaufkräftigen Boomer-Generation, die massiv in den Erhalt ihrer biologischen Jugend investiert.

Die neuen Treiber: Jenseits von Vitaminen und Kapseln

Die Branche hat sich meilenweit von simplen Nahrungsergänzungsmitteln entfernt. Den Markt dominieren 2026 hochkomplexe Sub-Sektoren, die direkt in den molekularen Alterungsprozess eingreifen. Einer der stärksten Trends sind die sogenannten Senolytika – Wirkstoffe, die gezielt gealterte, toxische „Zombie-Zellen“ im Körper aufspüren und zerstören. Ein weiterer massiver Treiber ist das Epigenetic Reprogramming, bei dem Zellen durch Eingriffe buchstäblich verjüngt werden. Zudem explodiert der Markt für präventive Biomarker-Diagnostik: Blut- und DNA-Tests für Zuhause, die das biologische Alter messen und durch KI-Auswertung exakte Lebensstilempfehlungen geben. Etablierte Pionier*innen wie der spezialisierte Fonds Apollo Health Ventures haben diese DeepTech-Entwicklungen früh erkannt und finanzieren Start-ups, die den Alterungsprozess nicht nur verlangsamen, sondern messbar umkehren wollen.

Reality Check: Die geplatzten Blasen der Langlebigkeit

Wer den heutigen Boom verstehen will, muss auf die spektakulären Rückschläge der ersten Longevity-Ära blicken. Das prominenteste Mahnmal bleibt der Fall von Sirtris Pharmaceuticals in den USA, einem Start-up, das den Anti-Aging-Wirkstoff Resveratrol erforschte. Nach einer Übernahme für über 700 Millionen Dollar durch GlaxoSmithKline musste das Projekt später wegen mangelnder Wirksamkeit in klinischen Studien komplett eingestampft werden. Auch der Hype um das Wundermolekül NMN (Nicotinamid-Mononukleotid) endete für viele Start-ups in einem Desaster, als amerikanische und europäische Behörden plötzlich den Status als Nahrungsergänzungsmittel kippten.

Aus diesen Abstürzen lassen sich klare Fallstricke für heutige Gründer ableiten. Erstens die Regulatorik: Altern ist von der FDA und EMA offiziell nicht als Krankheit anerkannt, was die Zulassung von reinen „Anti-Aging-Medikamenten“ extrem komplex macht. Zweitens die Snake-Oil-Falle: Im B2C-Geschäft mit Supplements verlieren Marken ohne knallharte klinische Evidenz sofort das Vertrauen der informierten Konsumenten. Drittens die klinische Zeitleiste: Den Beweis zu erbringen, dass ein Medikament das Leben verlängert, dauert Jahrzehnte – ein Zeitraum, den klassische VCs oft nicht finanzieren wollen. Viertens die Margen-Illusion: Wer im Diagnostik-Bereich teure Tests verkauft, scheitert oft an horrenden Kundenakquisitionskosten, wenn das Geschäftsmodell keinen kontinuierlichen medizinischen Mehrwert bietet.

Das deutsche Netzwerk: Die Hotspots der Verjüngung

In Deutschland hat sich eine hochspezialisierte Forschungs- und Gründungslandschaft gebildet, die weltweit Beachtung findet. München und das Umland bilden das absolute Epizentrum für molekulare Altersforschung. Die Nähe zum Max-Planck-Institut für Biochemie und der TU München verschafft Gründer*innen hier direkten Zugang zu biotechnologischer Spitzenforschung. Berlin hingegen hat sich als unangefochtener Hub für Longevity-SaaS, B2C-Diagnostik und Plattform-Modelle etabliert, stark befeuert durch die klinische Nähe zur Charité und dem Berlin Institute of Health. Heidelberg und die Rhein-Neckar-Region dominieren den Bereich der altersbedingten Onkologie, angetrieben vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Eine völlig neue Dynamik erlebt Mainz: Im Schatten des BioNTech-Erfolgs entsteht hier ein rasant wachsender Cluster, der die mRNA-Technologie gezielt zur zellulären Verjüngung nutzt.

Investor*innen-Radar: Wer finanziert das Business rund ums lange Leben?

Das Kapital für den Traum von der Unsterblichkeit stammt 2026 aus einer hochprofessionellen Allianz. An vorderster Front agieren spezialisierte VCs wie Apollo Health Ventures, der größte europäische Fonds mit exklusivem Fokus auf altersbedingte Krankheiten, oder Kizoo Technology Capital. Top-Tier Generalisten wie Cherry Ventures, HV Capital und Earlybird sind mittlerweile massiv im Markt vertreten, fokussieren sich jedoch bevorzugt auf skalierbare SaaS-Modelle, Biomarker-Plattformen und Kliniken. Auch die Industrie schläft nicht: Corporate VCs wie M Ventures oder der Boehringer Ingelheim Venture Fund investieren strategisch in DeepTech, um zukünftige Pharma-Pipelines zu sichern. Das eigentliche Schmiermittel der Szene sind jedoch erfahrene Business Angels. Prominente Köpfe wie Michael Greve oder Christian Angermayer pumpen massiv privates Kapital in visionäre Start-ups und nehmen dabei in der extrem riskanten Frühphase Forschungszyklen in Kauf, die traditionelle Banken längst abschrecken würden.

Diese Longevity-Start-ups sollte man auf dem Radar haben

Um die relevantesten Player der deutschen Longevity-Szene 2026 zu identifizieren, haben wir den Markt anhand von vier Kernkriterien analysiert. Entscheidend waren die Marktrelevanz der Technologie, der wissenschaftliche Reifegrad, die Diversität der Geschäftsmodelle sowie das explizite Vertrauen renommierter Investor*innen.

Aware (Berlin)

Dieses 2021 von Florian Meissner, Ramzi Rizk und Ferdinand Schmidt-Thomé gegründete Start-up steht an der Spitze der präventiven Bewegung in Deutschland. Aware operiert mit einem B2C- und B2B-Abo-Modell, bei dem Nutzer*innen regelmäßige, hochpräzise Bluttests durchführen lassen und die Biomarker-Daten in einer App auswerten. Der USP ist die Demokratisierung der Präventivmedizin durch nahtlose UX und den direkten Zugang zu Laborwerten, um das biologische Alter aktiv zu managen. Finanziert wurde Aware mit Millionenbeträgen von renommierten Investoren wie Cherry Ventures und Lakestar sowie prominenten Angels wie Katharina Jünger und Christian Reber.

Una Health (Berlin)

Das 2021 von Dr. Matthew Fenech, Pascal Grimm und Dominic Steele gegründete Start-up rückt die metabolische Gesundheit ins Zentrum der Langlebigkeit. Über ein B2B2C-SaaS-Modell kombiniert Una Health kontinuierliche Glukosemessgeräte mit einer KI-gesteuerten App, die in Deutschland mittlerweile als offizielle DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung) auf Kassenrezept verschrieben werden kann. Der USP liegt in der hochpräzisen Echtzeit-Analyse des Blutzuckerspiegels, um den Stoffwechsel zu optimieren und Insulinresistenz präventiv entgegenzuwirken. Das Berliner Team sammelte unter anderem eine Millionen-Seed-Runde von FoodLabs ein, um seine digitale Präventivlösung europäisch zu skalieren.

Moleqlar (München/Berlin)

Dieses von den drei Medizinern Dr. Maximilian Griessinger, Dr. Mario Gietl und Dr. Clemens Klingler im Jahr 2020 gegründete Start-up Moleqlar hat den Sprung vom Nischenanbieter zum Marktführer für evidenzbasierte Longevity-Supplements in der DACH-Region geschafft. Das B2C-E-Commerce-Modell verkauft wissenschaftlich fundierte Moleküle und epigenetische Alterstests. Der USP liegt im extremen Fokus auf Aufklärung und klinische Evidenz, um sich vom klassischen Pseudomedizin-Markt abzuheben. Das Unternehmen wächst äußerst erfolgreich und sammelte unter anderem eine Seed-Finanzierung vom VC Rheingau Founders ein, mit deren Hilfe die eigene Expertise für epigenetische Tests durch eine strategische Übernahme weiter ausgebaut wurde.

Probatix (Berlin)

Das 2019 von Dr. Daniel Werner und Philipp Noack gegründete Start-up operiert als essenzieller Infrastruktur-Anbieter für die gesamte Branche. Das B2B-SaaS-Modell liefert anderen Longevity-Start-ups und Kliniken eine Plug-and-Play-Software für die schnelle Abwicklung von Blut- und Biomarkertests. Der USP ist die nahtlose API-Integration von Laborergebnissen direkt in die Apps der Endkunden. Probatix ermöglicht es dadurch zahlreichen anderen Gründern, überhaupt erst skalierbare Longevity-Geschäftsmodelle aufzubauen. Eine Besonderheit im Markt: Das Unternehmen agiert unabhängig von externen Investoren und ist komplett eigenfinanziert (gebootstrappt).

MoleQlar Analytics (ehem. EpiQMAx) (München)

Dr. Moritz Völker-Albert, Dr. Victor Solis und Prof. Dr. Axel Imhof haben EpiQMAx 2018 als Spin-off der LMU München ins Leben gerufen. Das B2B-Geschäftsmodell bot Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen hochpräzise epigenetische Analysen als Dienstleistung an. Der USP basierte auf einem patentierten Verfahren zur Analyse von Histon-Modifikationen mittels Massenspektrometrie, das es ermöglicht, die Auswirkungen von Medikamenten oder Lebensstil-Interventionen auf das biologische Alter exakt zu messen. Nach einer anfänglichen Finanzierung durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und einer zwischenzeitlichen Insolvenz Ende 2023, wurde das DeepTech-Unternehmen von dem Berliner Start-up Moleqlar übernommen. Heute operiert es als MoleQlar Analytics GmbH und treibt die Entwicklung von Endkund*innen-Alterstests voran.

Tomorrow Biostasis (Berlin)

Die 2019 von Dr. Emil Kendziorra und Fernando Azevedo Pinheiro gegründete Firma geht an die Grenzen des heute Vorstellbaren. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf Mitgliedschaften für die Kryokonservierung nach dem rechtlichen Tod. Der USP ist der Aufbau der ersten und einzigen professionellen Kryo-Infrastruktur und Standby-Flotte in Europa, in der Hoffnung auf eine zukünftige medizinische Wiederbelebung. Während Tomorrow Biostasis die medizinische Erstversorgung und Logistik übernimmt, erfolgt die eigentliche Langzeitlagerung bei der eng kooperierenden Non-Profit-Organisation „European Biostasis Foundation“ in der Schweiz. Getragen wird die langfristige Vision von Seed-Runden spezialisierter Stiftungen und weitsichtigen Tech-Investor*innen.

Liv Longevity Labs (Berlin)

Als einer der spannendsten Newcomer startete Liv Longevity Labs unter der Führung von Gründer Amer Hamzeh im Jahr 2024. Das B2C-Modell kombiniert den Verkauf von DNA-Methylierungstests zur Bestimmung des biologischen Alters mit einer datengetriebenen Abo-App. Der USP ist ein "AI Longevity Advisor", der die Testergebnisse sofort in hochpersonalisierte Empfehlungen für Ernährung und Lifestyle übersetzt. Das junge Start-up, das unter anderem aus dem Berliner Founder Institute Accelerator hervorgegangen ist, konzentriert sich aktuell auf den Markteintritt und den Aufbau einer starken Early-Adopter-Community.

Recover Society (Frankfurt)

Dieses von Marcus Naumann und Nicolai Gropper im Jahr 2025 gegründete Start-up bringt die Langlebigkeit aus dem Labor in die Luxushotellerie. Das B2B2C-Modell integriert medizinische Hightech-Routinen, Drip-Bars und Biohacking-Technologien als exklusive Hubs in Partner-Hotels (wie den Roomers Hotels). Der USP der Recover Society ist die physische Verschmelzung von Longevity-Medizin und High-End-Hospitality für eine extrem zahlungskräftige, gesundheitsbewusste Zielgruppe. Expansion und Ausbau der Standorte werden von finanzstarken strategischen Partnern aus dem Real-Estate- (Gekko Group) und Kliniksektor (unter medizinischer Leitung von Dr. Dr. Dominik Duscher) getragen.

ASPRIVA (Heidelberg)

Antonio S. Brissa und Christoph Wild gründeten ASPRIVA 2021 als ganzheitliche Longevity-Brand. Das B2C-Modell verbindet den Verkauf hochreiner Premium-Nahrungsergänzungsmittel mit umfassenden digitalen Coaching-Strategien. Der USP ist die radikale Abkehr vom Hype hin zu verhaltensbasierten Longevity-Konzepten, bei denen Supplements nur ein Puzzleteil einer umfassenden Lebensstiländerung sind. Um sich vom unregulierten Markt abzuheben, lässt das Start-up seine Pulver auf bis zu 861 Sicherheitsparameter laborprüfen. Finanziert wird das profitable Wachstum primär durch private Investor*innen.

Years (Berlin)

Das 2021 von einem Team um die Mediziner Dr. Christian Schlatzer und Dr. Jan K. Hennigs gegründete Start-up Years schließt die Lücke zwischen präventiver App und klassischer Arztpraxis und hat kürzlich seine erste Flagship-Klinik am Berliner Kurfürstendamm eröffnet. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf physischen Longevity-Kliniken in Metropolen, in denen zahlende Mitglieder regelmäßige (oft proprietäre) Ganzkörper-MRTs, Biomarker-Screenings und ärztliche Präventiv-Beratung erhalten. Der USP ist die Bündelung der modernsten Diagnostik-Hardware unter einem Dach, um altersbedingte Krankheiten im frühestmöglichen Stadium abzufangen. Anstatt von klassischem Top-Tier-Venture-Capital wird das wachstumsstarke Modell vor allem durch die hochpreisigen Premium-Pakete für Selbstzahler*innen und strategische Health-Investor*innen getragen.

Internationaler Ausblick & Fazit

Während Europa bei Präventiv-Diagnostik und KI stark aufgestellt ist, werden die fundamentalen Durchbrüche der DeepTech-Biologie maßgeblich im Ausland vorangetrieben. Aus den USA schwappt mit Unternehmen wie Altos Labs – ausgestattet mit Milliarden von Jeff Bezos – die Welle der zellulären Reprogrammierung nach Europa. Asien forciert mit massiven staatlichen Förderungen die Stammzellenforschung, während Israel seine Vormachtstellung im Bereich der KI-gesteuerten Vorhersagemodelle für altersbedingte Krankheiten ausbaut. Diese globalen Makro-Trends werden den europäischen Markt in den kommenden Jahren zwingen, regulatorische Hürden schneller abzubauen, um international anschlussfähig zu bleiben.

Für Gründer*innen und Investor*innen in Deutschland bedeutet das aktuell: Der Longevity-Markt verzeiht keine leeren Heilsversprechen mehr. Die Zukunft gehört denen, die harte wissenschaftliche Evidenz mit brillanten, nutzer*innenfreundlichen Software- und Diagnostik-Lösungen verbinden. Wer den Menschen nicht nur mehr Lebensjahre, sondern mehr Lebensqualität verspricht – und das medizinisch beweisen kann –, dem steht in dieser Branche das Tor zu einem der vielleicht größten kommenden Wirtschaftswunder offen.

Das Ende der gläsernen Gesellschaft: Top 10 Social Cooling Start-ups 2026

Angst vor Überwachung erstickt den Datenfluss. Diese zehn Start-ups machen aus digitaler Souveränität den vielleicht lukrativsten B2B-Gegentrend des Jahrzehnts.

Das Phänomen des Social Cooling, also das Gefühl der massenhaften, algorithmischen Überwachung durch omnipräsente KI-Systeme führte in den frühen 2020er Jahren zu einer spürbaren Verhaltensstarre bei Konsument*innen und Unternehmen. Man wollte nicht mehr frei interagieren, Daten teilen oder unbeschwert kommunizieren, aus Angst vor Reputationsverlust, Scoring-Abstrafungen oder Cyber-Gefahren.

Inzwischen hat dieser Vertrauensverlust eine neue, hochprofitable Industrie hervorgebracht. Was einst als reine PrivacyTech belächelt wurde, ist nun systemrelevant. Die Start-ups der Social-Cooling-Abwehrarchitektur bauen die digitalen Schutzräume von morgen, entkoppeln Identität von Überwachung und verwandeln den grassierenden Kontrollverlust in digitale Souveränität – ein starker, lukrativer Gegentrend des Jahrzehnts.

Die Marktlage: Vom Compliance-Zwang zum Innovationsmotor

Der Markt für Privacy Enhancing Technologies und Data Sovereignty hat seine Pubertät endgültig hinter sich gelassen. Galt es vor wenigen Jahren noch, lediglich lästige DSGVO-Vorgaben abzuhaken, ist der proaktive Schutz vor Social Cooling heute ein zentraler Wettbewerbsvorteil. Laut einer aktuellen Bitkom-Prognose für das laufende Jahr durchbricht der europäische Markt für digitale Vertrauenstechnologien erstmals die Marke von 8,5 Milliarden Euro – ein massives, nachhaltiges Wachstum im Vergleich zu 2023. Der technologische Haupttreiber ist die Symbiose aus generativer künstlicher Intelligenz und Zero-Knowledge-Proofs. KI wird nicht mehr nur als Überwachungstool gefürchtet, sondern ironischerweise von einer neuen Start-up-Generation als skalierbare Waffe gegen das Tracking eingesetzt. Gleichzeitig meldet das Research-Institut der KfW, dass deutsche DeepTech-Fonds allein in den letzten zwölf Monaten über 950 Millionen Euro in Gründungsteams gepumpt haben, die sich der algorithmischen Fairness, Datenobfuskation (Datenverschleierung) und der automatisierten Compliance widmen. Der Markt ist spürbar reif, die Budgets der Enterprise-Kund*innen sind freigegeben.

Die neuen Treiber: Beobachtbarkeit, Automatisierung und Cloud-Tresore

Wer 2026 auf dem Radar der großen VC-Fonds landen will, muss weit über den klassischen Cookie-Blocker hinausdenken. Drei spezifische Sub-Sektoren dominieren aktuell die Investitionsströme. Der erste große Treiber ist die Observability und Governance von Large Language Models (LLMs). Unternehmen wollen KI nutzen, müssen aber jede Eingabe auf Datenschutzkonformität überwachen, ohne die Systemleistung zu drosseln. Der zweite Wachstumsmarkt ist die tiefgreifende Automatisierung von Compliance-Workflows. Etablierte Pioniere wie das Münchner Unternehmen DataGuard haben hier bereits vor Jahren den Weg für Privacy-as-a-Service geebnet. Heute geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter: Statt manuelle Audits durchzuführen, vernetzen moderne B2B-SaaS-Tools die gesamte Firmen-Infrastruktur und prüfen den Datenfluss in Echtzeit auf rechtliche Verstöße. Der dritte, hochaktuelle Sub-Sektor ist das Confidential Computing in der Cloud. Hierbei geht es um Architekturen, die Daten selbst während der Verarbeitung im Prozessor hardwareseitig verschlüsseln. Während ältere DeepTech-Pioniere wie Apheris dieses vertrauensvolle Rechnen auf kooperatives KI-Training fokussierten, machen neue Start-ups diese sogenannten Cloud-Tresore nun als Plug-and-Play-Lösung für den breiten B2B-Mittelstand zugänglich, sodass weder Provider noch staatliche Akteur*innen mitlesen können.

Reality Check: Gescheiterte Krypto-Hoffnungen und teure Lektionen

Doch der Weg in das boomende Jahr 2026 war auch mit prominenten Ruinen gepflastert. Die Branche erinnert sich nur allzu gut an den Hype um dezentrale, rein konsumentenorientierte Daten-Marktplätze und "Pay-for-your-Data"-Plattformen der vergangenen Jahre. Hochfinanzierte Start-ups wie das Schweizer ICO-Projekt Datum oder das US-Pendant Wibson versprachen Nutzer*innen Krypto-Token, wenn sie ihre Daten souverän selbst vermarkteten – und erlitten reihenweise Bruchlandungen. Die Token-Ökonomie kollabierte, die zahlenden B2B-Käufer*innen blieben aus. Aus diesen teuren Fehlern lassen sich für heutige Gründer*innen vier fatale Fallstricke ableiten. Der erste und tödlichste Irrtum ist die Fixierung auf den B2C-Markt. Konsument*innen beklagen zwar in Umfragen lautstark den Verlust ihrer Privatsphäre, sind aber in der Praxis fast nie bereit, für den Schutz zu bezahlen oder komplexe Krypto-Wallets zu bedienen.

Der zweite Fallstrick betrifft die Unit Economics. Wer heute komplexe kryptografische Verschlüsselungen – etwa Zero-Knowledge-Proofs – anbietet, sieht sich mit gigantischen Rechenkosten konfrontiert. Diese pulverisieren die Margen, wenn das Pricing nicht von Tag eins auf Premium-B2B-Kund*innen ausgerichtet ist.

Die dritte Lektion ist die Gefahr der regulatorischen Abhängigkeit. Wer sein Geschäftsmodell lediglich als temporären Patch für eine aktuelle Schwachstelle in der EU-Gesetzgebung baut, verschwindet vom Markt, sobald die Regulierung angepasst wird. Technologie muss einen intrinsischen Wert bieten.

Der vierte und oft unterschätzte Fallstrick ist die User Experience. Auch das kryptografisch stärkste Tool stirbt, wenn es im Arbeitsalltag Reibung erzeugt. Cybersecurity und Privacy müssen im Jahr 2026 absolut unsichtbar im Hintergrund operieren, statt den Nutzer mit Warnhinweisen zu gängeln.

Das deutsche Netzwerk: Die Schmieden der Abwehrarchitektur

Deutschland hat sich in diesem Sektor eine strukturelle Vorreiterrolle in Europa hart erarbeitet, die sich auf fünf hochspezialisierte Hotspots verteilt. München fungiert dabei als die Deep-Tech-Hauptstadt der Bewegung. Die enge Verzahnung der TU München und ihres Inkubators UnternehmerTUM mit dem Fraunhofer AIsec sowie den zahlungskräftigen B2B-Kunden aus der lokalen Automobil- und Versicherungsbranche schafft ein extrem fruchtbares Ökosystem für skalierende Start-ups. Weiter nordwestlich bilden Karlsruhe und Darmstadt gemeinsam den wehrhaften Zwillings-Hub für angewandte Kryptografie. Befeuert durch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das ATHENE-Forschungszentrum entstehen hier die mathematischen Grundlagen für vertrauenswürdige KI und Zero-Knowledge-Protokolle. Berlin hingegen ist der unangefochtene Hub für die schnelle Kommerzialisierung und B2B-SaaS-Skalierung. Nirgendwo sonst in der Republik ist die Dichte an internationalen Tech-Talent*innen und Wagniskapital höher, flankiert von einer kritischen Zivilgesellschaft, die das Thema Social Cooling politisch überhaupt erst auf die Agenda gesetzt hat. Bochum komplettiert das Netzwerk als heimliche Hauptstadt der IT-Sicherheit. Das renommierte Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit (HGI) und der lokale Inkubator Cube 5 liefern hier kontinuierlich das intellektuelle Rüstzeug und die essenziellen Spin-offs für die nächste Generation der Daten-Souveränität.

Der Investor*innen-Radar

Das Ökosystem der Geldgeber*innen ist im Jahr 2026 hochgradig professionalisiert und lässt sich in vier klar abgrenzbare strategische Kohorten unterteilen. Zunächst sind da die hochspezialisierten VCs, die den DeepTech-Charakter der Branche nicht nur finanzieren, sondern technologisch durchdringen. Namen wie eCAPITAL aus Münster oder UVC Partners haben das strukturelle Potenzial frühzeitig erkannt und orchestrieren heute die komplexen Runden.

Auf der zweiten Ebene agieren die Top-Tier Generalisten. Fonds wie Cherry Ventures, Earlybird und Point Nine Capital allozieren mittlerweile signifikante Volumina in Privacy-as-a-Service-Modelle, da sie realisieren, dass jedes Enterprise-Software-Budget der Zukunft zwingend einen substanziellen Posten für digitale Souveränität enthalten wird.

Die dritte, extrem kaufkräftige Gruppe sind die Corporate VCs der Industrie. Porsche Ventures und Bosch Ventures sichern sich durch ihre strategischen Investments frühzeitig den exklusiven Zugang zu Datenraum-Technologien, die für das autonome Fahren und das industrielle IoT schlicht essenziell sind.

An der Basis dieses Pyramiden-Radars wirken schließlich die Frühphasen-Motoren und Angel-Syndikate. Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) fungiert hier weiterhin als zentraler Katalysator für universitäre Spin-offs, während Founder-Angels aus dem direkten Umfeld etablierter Unicorns wie Celonis gezielt in jene B2B-Modelle investieren, die sie in ihren eigenen Wachstumsphasen schmerzlich vermisst haben.

Diese Social-Cooling-Start-ups sollten wir 2026 auf dem Radar haben

Die Kuration der folgenden zehn Must-Watch-Start-ups basiert auf einem transparenten, mehrstufigen Analyseverfahren. Im Fokus der Redaktion standen vier Kernkriterien: die akute Marktrelevanz im Kampf gegen Social Cooling, der technologische Reifegrad echter B2B-Anwendungen, die Diversität der Lösungsansätze sowie das messbare Investor*innen-Vertrauen durch signifikante Finanzierungsrunden innerhalb der vergangenen 18 Monate.

Eine unverrückbare rote Linie für diese Liste ist zudem das Gründungsjahr: Wir betrachten ausschließlich die "New Wave" der Tech-Szene ab dem Jahr 2020. Der analytische Grund dafür ist pragmatisch. Diese junge Generation von Unternehmen ist durchweg AI-native herangewachsen. Sie schleppt keine veralteten Legacy-Architekturen oder reinen DSGVO-Compliance-Feigenblätter aus dem vergangenen Jahrzehnt mit sich herum. Stattdessen haben diese Gründungsteams ihre Produkte von Tag eins an auf eine Welt maximaler Vernetzung bei gleichzeitigem algorithmischem Kontrollverlust ausgerichtet.

NENNA.AI

Dieses 2023 in Berlin gegründete Start-up NENNA.AI liefert die technologische Antwort auf die wachsende Angst vor Datenabfluss beim unternehmensweiten Einsatz von Sprachmodellen. Das Team um Co-Founder Ulrich Meier hat eine B2B-Plattform für "AI Privacy" entwickelt. Ihr Geschäftsmodell ermöglicht es Unternehmen, sensible interne Daten vor der Verarbeitung durch externe KIs gezielt zu maskieren und anschließend im eigenen System wieder zu demaskieren. Der USP ist die strikte Datensouveränität, wodurch die volle Leistung globaler KI-Modelle absolut datenschutzkonform und ohne Performance-Verlust genutzt werden kann. Zuletzt flossen signifikante Millionenbeträge in einer von IBB Ventures und dfv Venture geführten Finanzierungsrunde.

Kertos

Das Ende 2021 von Dr. Kilian Schmidt, Johannes Hussak und Alexander Prams in München gegründete Start-up Kertos revolutioniert die Art und Weise, wie Firmen mit regulatorischem Druck umgehen. Ihr B2B-SaaS-Modell vernetzt die gesamte IT-Infrastruktur eines Unternehmens und automatisiert Privacy- und Compliance-Workflows in Echtzeit. Der USP liegt im Einsatz spezialisierter KI-Agenten, die über eine "No-Code"-Integration komplexe Löschkonzepte, DSGVO-Auskunftsanfragen und die Vorbereitung auf ISO-Audits fehlerfrei und ohne manuelle Heerscharen abwickeln. Der globale Investor Portage führte hier zuletzt als Lead-Investor eine stark beachtete Series-A-Finanzierungsrunde an, flankiert von Pi Labs und 10x Founders.

Langfuse

Im Jahr 2022 von Marc Klingen, Max Deichmann und Clemens Rawert in Berlin gegründet, liefert dieses Open-Source-Start-up die Antwort auf das Blackbox-Problem von Sprachmodellen. Ihr B2B-Modell bietet "LLM Observability". Das Tool ermöglicht es Entwicklerteams, in Echtzeit und absolut transparent nachzuvollziehen, welche sensiblen Daten in Prompts fließen, wie die KI-Modelle antworten und wo Kosten oder Latenzen explodieren – ein essenzieller Baustein für den Schutz vor Datenabfluss und Halluzinationen. Der USP von Langfuse ist die transparente Open-Source-Architektur, die sich auch in strikt abgeriegelten On-Premise-Umgebungen hosten lässt. Lightspeed Venture Partners und La Famiglia führten hier die frühen Runden an, zudem durchlief das Team den renommierten US-Accelerator Y Combinator.

Trail

Das 2023 von Anna Spitznagel, Nikolaus Pinger und Sven Hölzel aus dem Umfeld der TU München (CDTM) heraus gegründete Start-up Trail fokussiert sich auf die Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und regulatorischem Vertrauen. Ihr B2B-SaaS-Produkt agiert als intelligenter Copilot für AI-Governance. Das Tool richtet sich primär an Entwickler-Teams und ermöglicht es ihnen, KI-Modelle konform mit dem europäischen AI Act sowie der ISO 42001 zu skalieren, ohne in manueller Dokumentation zu ersticken. Der USP liegt in der nahtlosen Integration in bestehende Entwickler-Workflows, wodurch Governance automatisiert und revisionssicher wird. Der Early-Stage-Fonds CapitalT führte hier die jüngsten Finanzierungsrunden an, strategisch flankiert von NP-Hard Ventures und Mozilla Ventures.

Kodex AI

Thomas Kaiser und Claus Lang starteten im Jahr 2022 in Berlin, um den hochregulierten Finanzsektor mit sicherer, künstlicher Intelligenz auszustatten. Ihr Geschäftsmodell ist ein B2B-SaaS-Copilot, der speziell für Banken entwickelt wurde, um interne Dokumente und komplexe Regularien durch sogenannte AI Agents zu analysieren, ohne dass sensible Kund*innendaten jemals die sichere Umgebung verlassen. Der USP liegt in der branchenspezifischen Feinabstimmung der Modelle auf strikte Financial-Compliance. Nach frühen Investments durch Signals VC und die Deutsche Bank bewies das Start-up die enorme Lukrativität dieses Markts: Ende 2025 wurde Kodex AI in einem hochkarätigen Exit vom globalen Compliance-Riesen CUBE übernommen und fungiert nun als dessen europäischer KI-Motor.

HeyData

Mit der Gründung im Jahr 2020 in Berlin durch Miloš Djurdjević, Daniel Deutsch und Martin Bastius hat sich dieses Start-up massiv weiterentwickelt. Was einst als ausgelagerter digitaler Datenschutzbeauftragter begann, ist heute eine holistische B2B-SaaS-Plattform für umfassende Compliance und IT-Sicherheit. Das Geschäftsmodell übersetzt hochkomplexe europäische Regularien – von der DSGVO über NIS2 bis hin zum AI Act – in eine modulare Softwarelösung. Der USP ist die tiefe Automatisierung von Risikoanalysen und Audits, die sich nahtlos in die bestehenden Arbeitsabläufe des Mittelstands integriert und teure manuelle Beratung obsolet macht. Das enorme Potenzial dieses Ansatzes bewies HeyData erst Anfang 2026: Aufgrund des rasanten Wachstums zog das Team eine Series-A-Finanzierung vor und sammelte auf einen Schlag 16,5 Millionen US-Dollar ein, angeführt vom US-Investor Riverside Acceleration Capital.

Certivity

Dieses 2021 in München von Nico Waegerle, Bogdan Bereczki, Jörg Ulmer und Sami Vaaraniemi gegründete Certivity löst einen der größten Schmerzpunkte der modernen Produktentwicklung: die Brücke zwischen Regulierung und Engineering. Ihr B2B-SaaS-Modell integriert komplexe rechtliche Compliance-Anforderungen – etwa den Cyber Resilience Act – direkt in die Software-Entwicklungsprozesse von Hardware-Herstellern. Der USP ist die nahtlose Übersetzung von maschinenlesbaren, juristischen Texten in die technische Implementierung, was vor allem im hochregulierten Automotive-Sektor die Entwicklungszyklen massiv beschleunigt. Die letzte Finanzierungsrunde wurde gemeinsam von Almaz Capital und UVC Partners angeführt, flankiert von den Bestandsinvestoren Earlybird X, High-Tech Gründerfonds und Plug and Play.

Mitigant

Nils Karn, Kennedy Torkura, Dr. Thomas Fricke und Muhammad Ihsan Sukmana brachten dieses hochspezialisierte Cloud-Security-Start-up 2021 als Spin-off des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) in Potsdam an den Start. Mit ihrem B2B-SaaS-Ansatz verfolgen sie das Konzept der "Security Resilience" durch automatisierte Cloud-Angriffssimulationen. Das Geschäftsmodell von Mitigant ermöglicht es Unternehmen, kontinuierlich zu überprüfen, ob ihre sensiblen Daten in großen Public Clouds wirklich sicher vor heimlichem Abfluss und unautorisierter Überwachung sind. Der USP liegt in der innovativen Übertragung von Chaos-Engineering-Prinzipien auf die Cybersecurity: Die Cloud-Infrastruktur wird vom System proaktiv und kontrolliert angegriffen, um Schwachstellen aufzudecken, noch bevor es echte Hacker*innen tun. Der HTGF agierte hier gemeinsam mit Brandenburg Kapital und Saber als essenzieller Frühphasen-Investor.

Identeco

Matthias Wübbeling, Christian Dietrich, Johannes E. M. Müller und Nils Vossebein gründeten 2020 aus der Universität Bonn heraus dieses hochspezialisierte Cybersecurity-Start-up. Ihr B2B-SaaS-Modell schützt die Accounts von Firmen- und Endkunden vor verheerenden Takeovers, die durch die schiere Masse an KI-generierten Phishing-Angriffen massiv zugenommen haben. Das System identifiziert gestohlene Zugangsdaten im Darknet und warnt Unternehmen in Echtzeit. Der USP ist das sogenannte Privacy-Preserving Credential Screening: Ein kryptografisches Abgleichverfahren stellt sicher, dass Identeco selbst die Passwörter der Kund*innen zu keinem Zeitpunkt im Klartext kennen oder speichern muss – ein Glanzstück der Datensouveränität. Der HTGF steht hier gemeinsam mit der NRW.BANK und spezialisierten Cybersecurity-Angels als verlässlicher Investor hinter der starken technologischen Basis.

Enclaive

Prof. Dr. Sebastian Gajek, Florian Forster und Patrick Plagwitz haben im Jahr 2021 in Berlin dieses Deep-Tech-Unternehmen gegründet, das Confidential Computing endlich für den breiten B2B-Mittelstand zugänglich macht. Das Modell ermöglicht es Unternehmen, containerisierte Anwendungen über einen automatisierten Lift-and-Shift-Ansatz in Public Clouds zu migrieren. Der entscheidende USP von Enclaive: Die Daten bleiben durch sogenannte Enklaven selbst während der aktiven Verarbeitung im Prozessor (Data-in-Use) hardwareseitig verschlüsselt. Weder der Cloud-Provider noch staatliche Akteur*innen oder Hacker*innen können mitlesen. Der TechVision Fonds (TVF) finanzierte als Lead-Investor gemeinsam mit einem Konsortium aus europäischen Cybersecurity-Angels dieses extrem kritische Infrastruktur-Tool.

Internationaler Ausblick, Trends & Fazit

Wer den deutschen Markt für Social-Cooling-Abwehr verstehen will, muss den Blick zwingend über den Tellerrand richten, denn drei globale Makro-Trends diktieren die europäischen Spielregeln bis zum Ende dieses Jahrzehnts. Aus den USA schwappt aktuell eine massive Regulierungswelle zur verpflichtenden kryptografischen Wasserzeichen-Markierung von KI-Inhalten herüber, begleitet von strategischen Kapitalflüssen in dezentrale physische Infrastrukturnetzwerke (DePIN), die eine zensurresistente Alternative zu den großen Hyperscalern aufbauen.

In Asien wiederum treibt die staatlich orchestrierte Totalüberwachung eine beispiellose Untergrund-Innovation im Bereich radikaler Obfuskations-Technologien und Dark-Net-Routing voran, deren Codebasen zunehmend in europäische Open-Source-Projekte einfließen. Aus Israel sehen wir derweil den beschleunigten Transfer von militärischer Kryptografie – wie etwa der homomorphen Verschlüsselung – direkt in zivile europäische B2B-SaaS-Produkte.

Social Cooling ist längst kein weiches soziologisches Phänomen mehr, sondern eine reale Bedrohung für datengetriebene Geschäftsmodelle – denn eine Tech-Ökonomie, deren Algorithmen auf unzensierten menschlichen Signalen basieren, erstickt unweigerlich, sobald ihre Nutzer aus Angst vor Überwachung in digitale Schockstarre verfallen. Die neue Generation von Start-ups ab dem Jahr 2020 baut exakt jene Werkzeuge, um dieses Vertrauen auf struktureller Ebene zurückzugewinnen. Sie sind die Architekt*innen einer neuen, resilienten Datenökonomie.

„Keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen“

Im Interview: Alberto Zamora, Mitgründer von osapiens. Seine Tipps und Erfahrungen für Gründer*innen. Das 2018 gegründete Mannheinmer Tech-Unternehmen hat zum Jahresbeginn Unicorn-Status erreicht.

Sie haben kürzlich im Rahmen einer Series C-Finanzierung 100 Mio. USD eingesammelt und damit Unicorn-Status erlangt. Welche Pläne und Ziele haben Sie sich mit dem frischen Kapital gesetzt?

Zamora: In erster Linie war unser Ziel, den neuen Investor Decarbonization Partners, das Joint Venture zwischen BlackRock und Temasek, als strategischen Partner zu gewinnen. Zusammen verfügen die beiden Investmentgesellschaften über ein riesiges Netzwerk, von dem wir in der nächsten Stufe unseres Wachstums stark profitieren können. Der Einstieg von Decarbonization Partners ergänzt die bestehenden Investoren Goldman Sachs Alternatives und Armira Growth hervorragend und ist nicht nur eine Anerkennung unserer bisherigen Erfolge, sondern vor allem ein Vertrauensbeweis in unseren Weg, Nachhaltigkeit und Effizienz zusammen zu denken. Das Investment selbst dient uns als Kapitalrücklage und hilft uns, die bestehende Wachstumsstrategie zu stärken. Unser Ziel ist es, weiter international zu expandieren, insbesondere in den nordischen Ländern und in den USA, und unsere Cloudplattform osapiens Hub als weltweit führende Lösung für nachhaltiges Wachstum zu etablieren. Die neu geschlossene Partnerschaft stärkt langfristig diese Strategie und hilft uns, noch flexibler zu agieren.

Als Sustainability-Software-Start-up bündelt osapiens mehr als 25 Tools und erreicht damit über 2.500 Kunden. Mit welchem Alleinstellungsmerkmal können Sie die Kunden am meisten überzeugen?

Zamora: Unser USP im Vergleich zur Konkurrenz ist unser ganzheitlicher Plattformansatz. Statt Einzellösungen anzubieten, etwa für bestimmte Regulierungen, integriert unser osapiens Hub Lösungen für zahlreiche Anforderungen: Wir vereinen Transparenz-, Compliance- und Effizienzlösungen in einem System, das unseren Kunden klare operative Mehrwerte bietet. Der osapiens Hub funktioniert automatisiert, KI-gestützt und datenbasiert. Dabei bietet er Echtzeitanalysen, strategische Steuerung und Prozessoptimierung. Zudem garantieren unsere Softwarelösungen Rechtssicherheit und können nahtlos in bestehende Systemlandschaften integriert werden. Der große Vorteil unserer Plattform ist also, dass sie regulatorische Anforderungen und operative Prozesse ganzheitlich auf einer zentralen Datenbasis adressiert.

Sie beschäftigen mehr als 550 Mitarbeitende. Welche Herausforderungen kamen auf, als das Team immer größer wurde, und wie haben Sie diese gemeistert?

Zamora: Tatsächlich ist unser Team in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Mittlerweile beschäftigen wir an neun Standorten in Europa und den USA Mitarbeitende mit über 40 Nationalitäten. Die größte Herausforderung war bisher, unserer hohen Wachstumsgeschwindigkeit entsprechend die richtigen Mitarbeitenden zu finden. Gemeistert haben wir das, indem wir von Anfang an klare Werte etabliert haben, die unser tägliches Arbeiten prägen: Speed, Commitment und Team. Das bedeutet im Kern: schnelle Entscheidungen und Umsetzung, hohe Eigenverantwortung und eine enge, standortübergreifende Zusammenarbeit. Diese Werte geben Orientierung und helfen uns, auch bei zunehmender Größe effizient und fokussiert zu bleiben. Unsere Entwicklerteams sind in Mannheim und Madrid konzentriert, was eine enge Zusammenarbeit und Schnelligkeit stark begünstigt.

Welche Rolle spielte künstliche Intelligenz bei der aktuellen Finanzierungsrunde, wie wichtig war Ihren Investoren dieses Thema?

Zamora: Als bedeutendste Zukunftstechnologie war Künstliche Intelligenz sowohl unserem neuen Investor Decarbonization Partners als auch unseren bisherigen Investoren sehr wichtig. Bei uns ist KI wesentlicher Bestandteil unseres Kernprodukts. Selbstlernende Systeme sind eine zentrale Komponente unserer Plattform. Im osapiens Hub bildet KI-gestützte Automatisierung die Grundlage für die Datenverarbeitung, weshalb alle unsere Softwarelösungen auf KI-gesteuerten Prozessen basieren. KI ist also eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Einsatz unserer Lösungen und garantiert effizientes Operieren.

Was ist Ihnen bei der Auswahl Ihrer Finanzierungspartner besonders wichtig?

Zamora: Wir achten vor allem darauf, dass unsere Investoren über ein großes Netzwerk verfügen, das uns bei unserem internationalen Wachstum unterstützt. Mit Decarbonization Partners sowie Goldman Sachs und Armira Growth als Investoren sind wir dafür optimal aufgestellt. Alle unsere Investoren sind dafür bekannt, mit schnell wachsenden jungen Unternehmen zusammenzuarbeiten und diese auf ihrem Weg an die Spitze zu unterstützen.

Sie sind mehr als sieben Jahre am Markt. Was war in der Gründungszeit Ihre größte Lesson Learned?

Zamora: Aus vorherigen Gründungen haben wir vor allem eines mitgenommen: keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen. Natürlich spart man zu Beginn Geld und Ressourcen, wenn man seine Software auf externen Hyperscalern aufbaut. Langfristig begibt man sich aber nicht nur in eine gewisse Abhängigkeit, sondern wird aufgrund des eingeschlagenen Entwicklungspfads auch unflexibel. Diese Beschränkung wollten wir bei osapiens unbedingt vermeiden. Deshalb haben wir drei Jahre in den konsequenten Aufbau einer eigenen Plattform gesteckt. Das hat zunächst viele Ressourcen gebunden, gibt uns jetzt aber die Möglichkeit, maximal flexibel auf Veränderungen zu reagieren, und sichert langfristig unsere Unabhängigkeit.

Welchen Rat geben Sie Gründern und Grtünderinnen, die ein B2B-Produkt auf den Markt bringen wollen?

Zamora: Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, um euer Produkt vollständig zu entwickeln. Im Nachhinein fragt keiner mehr danach, ob ihr nach einem oder nach vier Jahren an den Markt gegangen seid. Euer Produkt sollte stets an erster Stelle stehen, und nur dessen Qualität sichert euch langfristigen Erfolg. Vergesst dabei aber nicht, vertrauensvolle Partner zu gewinnen und schon früh den Rat erfahrener Verbündeter einzuholen. Diese strategischen Partnerschaften sichern euch gerade im späteren Stadium die Möglichkeit, erfolgreich zu expandieren. Früh geschlossene Kontakte zahlen sich später aus. Und ganz wichtig: Bleibt optimistisch! Die Rahmenbedingungen können sich in kürzester Zeit ändern, aber wenn ihr an euer Produkt glaubt und flexibel agiert, wird es immer Wege geben, euer Produkt erfolgreich zu vermarkten und dadurch mit eurem Unternehmen zu wachsen.

Alberto Zamora, vielen Dank für das Gespräch

Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen!

eeden: Die Alchemie der Altkleider

Das Münsteraner Unternehmen eeden verwandelt Textilmüll in hochwertige Rohstoffe. Mit Millioneninvestments baut das Team um Steffen Gerlach und Tobias Börnhorst nun die erste Demonstrationsanlage auf.

Steffen Gerlach saß entspannt mit seinem Schulfreund Reiner Mantsch auf einer Couch in einer Kölner Wohngemeinschaft. Mantsch hatte zuvor an der Universität in Mönchengladbach Textiltechnik studiert. Er berichtete leidenschaftlich von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen zur Kreislaufwirtschaft. Dieses Gespräch veränderte Gerlachs gesamte berufliche Planung radikal. Mantsch suchte jemanden für die Marktseite seiner technischen Vision. Gerlach war sofort fasziniert von dem ökonomischen Potenzial. Er wollte wissen, ob man daraus ein echtes Unternehmen formen kann. „Das war der eigentliche Startpunkt für eeden. Wir entschieden uns für einen vollen Fokus auf das Projekt. Und wir wollten das Recyclingproblem der Branche grundlegend lösen“, erinnert sich Gerlach.

Der langsame Weg zum technologischen Durchbruch

Es gab keinen plötzlichen Heureka-Moment in einem winzigen und improvisierten Labor. Die Entwicklung war eher eine gezielte Suche nach einer Problemlösung. Mantsch war früher Leistungssportler und brachte den nötigen Fokus mit. Er sah den Frust seiner Kommilitonen nach Praktika in der Industrie. Die Branche wirkte starr und wenig dynamisch für junge Talente. Das Duo suchte stattdessen nach den Megatrends der Zukunft. „Die Kreislaufwirtschaft kristallisierte sich schnell als das zentrale Thema heraus. Ich habe die Marktseite intensiv analysiert und viele Gespräche geführt“, so Gerlach. Er erkannte die Verknüpfungen zwischen technischer Machbarkeit und ökonomischen Anforderungen. Die Suche nach dem technologischen Sweetspot dauerte Monate. Am Anfang stand lediglich die reine Faszination für das Recycling. Es war ein schleichender Prozess mit vielen Etappenentscheidungen.

Die wachsende Last der globalen Fast Fashion

Das Umweltproblem der globalen Textilindustrie ist mittlerweile gewaltig. Die Branche verdoppelt ihren Durchsatz alle 20 bis 30 Jahre. Jährlich werden mittlerweile mehr als 120 Mio. Tonnen Textilien produziert. Nach Angaben der Ellen MacArthur Foundation werden weltweit ungefähr zwei Drittel dieser Mengen praktisch direkt nach der Nutzung entsorgt; sie landen auf riesigen Deponien oder werden ungenutzt verbrannt. In Deutschland steht das klassische Rücknahmesystem laut Experten vor dem Kollaps. Es gibt nach seiner Aussage derzeit eine gestiegene Anzahl an Insolvenzen bei Sammel- und Sortierbetrieben. Die Qualität der Kleidung sinkt durch den Trend zur Fast Fashion massiv. Der Wiederverkauf der gebrauchten Ware lohnt sich oft nicht mehr. Neuware aus Asien ist meistens günstiger als Second Hand-Stücke aus Europa. In Deutschland verursacht die Entsorgung einer Tonne Altkleider zudem Kosten – das Material wird somit zur finanziellen Belastung für die Sammel- und Sortierbetriebe.

Chemische Trennung als industrieller Schlüssel

Das Unternehmen aus Münster setzt genau an diesem Punkt an. Die Technologie ermöglicht die Trennung von Baumwolle und Polyester und macht beide Materialien wieder nutzbar. Das ist entscheidend für den Erfolg der Kreislaufwirtschaft. Die meisten Textilien bestehen heute aus komplexen Mischgeweben. Gerlach erklärt, dass das Unternehmen aus dem Abfall eine hochwertige Cellulose und chemische Bausteine für neues Polyester gewinnt. Die Cellulose dient als sauberes Vorprodukt für die neue Faserherstellung. Das Polyester wird in seine Grundbausteine zerlegt, die für die Herstellung von neuem Polyester verwendet werden können. „Wir stellen aus Baumwolle eine hochwertige Cellulose her und gewinnen aus dem Polyester die chemischen Bausteine zurück“, sagt Gerlach. Beide Materialströme können direkt wieder in der Textilproduktion eingesetzt werden. Damit wird der Kreislauf zwischen Abfall und Kleidung geschlossen. Seit Anfang 2025 hilft zudem eine neue gesetzliche Regelung. Die EU-weite Getrenntsammlungspflicht für Textilabfälle ist in Kraft getreten: Unternehmen dürfen Textilien nun nicht mehr über den Restmüll entsorgen. Das sichert den Zugang zu großen Mengen an Rohstoffen.

Harte Verhandlungen in der Welt des Wagniskapitals

Der Weg von der ersten Idee zur fertig gebauten Industrieanlage ist lang. Deeptech-Unternehmen brauchen oft viel Geduld und Zeit für die Entwicklung. Das erfordert Investoren mit einem sehr langen Atem. In einer frühen Phase kam der High-Tech Gründerfonds an Bord. Auch die NRW.Bank und der TechVision Fonds unterstützen das Vorhaben. Später stiegen Forbion und der Chemiekonzern Henkel als Investor ein. Gerlach erinnert sich im Gespräch an einen intensiven Lernprozess bei den ersten Finanzierungsrunden. Man müsse technische Begeisterung mit harten Umsatzprognosen anreichern. Auch D11Z.Ventures, das Family Office von Dieter Schwarz (Lidl/Kaufland), investierte in das Unternehmen. Die Investoren verstehen laut Gerlach die Entwicklungszyklen und Skalierung von Deeptech-Unternehmen. Mittlerweile flossen über 20 Mio. EUR an Kapital in die Firma. Dieses Geld ermöglicht nun den nächsten großen Schritt.

Ein neues Team für die industrielle Skalierung

Das Start-up ist mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen. In Münster entsteht derzeit eine industrielle Demonstrationsanlage. Gerlach erinnert sich an den Moment der Schlüsselübergabe: Zuerst wirkte die leere Halle riesig auf das Team. Inzwischen planen die Ingenieure bereits jeden Zentimeter der Fläche. Das Team ist auf über 25 Köpfe gewachsen. Es ist eine Mischung aus jungen Talenten und erfahrenen Kräften. Viele Mitarbeitende wechselten von großen Konzernen wie BASF nach Münster. Gerlach beobachtet eine große Lust auf die Arbeit an innovativen Prozessen. Die flachen Hierarchien im Unternehmen ziehen Experten an. Er schätzt das Know-how dieser Fachkräfte für den Anlagenbau. Erfahrene Chemiker bringen eine neue Qualität in die Prozesse. Die Zusammenarbeit zwischen Alt und Jung funktioniert hervorragend.

Führung zwischen Agilität und unternehmerischer Verantwortung

Die Unternehmenskultur hat sich mit der Größe weiterentwickelt. Gerlach betont, dass viele Impulse direkt aus der Belegschaft kommen. So wurde die Regelung für die Präsenz im Büro gemeinsam erarbeitet. Die Mitarbeitenden wünschten sich feste Tage für den Austausch. „Die schönsten Tage sind jene mit viel Begegnung“, berichtet Gerlach. Die bürokratischen Pflichten eines Geschäftsführers gehören einfach dazu. Trotzdem bleibt die Mission der Firma der wichtigste Treiber. Die Motivation im gesamten Team sei extrem hoch. Jeder packt an und treibt das Unternehmen voran. Der Spagat zwischen Entwicklung und Business ist fordernd. Gerlach jedoch genießt diese tägliche Herausforderung sehr.

Der Standort Deutschland als Zentrum für Innovation

Viele Fachleute kritisieren die Bedingungen für die Chemieindustrie. Hohe Energiekosten belasten die traditionsreichen Unternehmen stark. Gerlach sieht das differenzierter aus der Perspektive von innovativen Start-ups: „Für die Entwicklung neuer Technologien ist der Standort Deutschland weiter exzellent. Und die Qualifikation der Technologen ist hervorragend. Die aktuelle Krise führt bei uns auch zu Bewerbungen von erfahrenen Talenten aus der chemischen Industrie – die hätte es vor einigen Jahren in der Menge nicht gegeben.“ Die vorhandene Infrastruktur sei ein klarer Vorteil. Auch Konzerne beobachten solche Innovationen genau. Die Nähe zum Mittelstand fördert zudem die Skalierung. Für die beiden Gründer ist die aktuelle Produktionsanlage nur ein Anfang. Langfristig soll die Technologie weltweit lizenziert werden; überall auf der Welt fällt schließlich Textilmüll an. Die Kombination aus Ingenieurskunst und Skalierung ist das Ziel. Auch die aktuellen Investoren von eeden sehen dieses globale Potenzial. Das Unternehmen will beweisen, dass sich Kreislaufwirtschaft lohnt. Deutschland bleibt dafür ein wichtiger Ankerpunkt.