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Diese 5 FinTechs behalten wir 2021 im Auge
FinTechs sind echte Wachstumstreiber. Wir stellen fünf erfolgreiche FinTechs vor und zeigen, was diese noch junge Branche zu leisten vermag.
Immer mehr Geschäfte werden, auch bedingt durch die Corona-Krise bzw. die zunehmende Digitalisierung, über das Internet abgewickelt. Aus diesem Grund gewinnen sogenannte FinTechs immer mehr an Bedeutung. Unter einem FinTech versteht man ein Unternehmen, das digitale bzw. technologische Innovationen im Bereich Finanzen oder einem verwandten Geschäftsfeld anbietet. Sie stellen online Dienstleistungen und Produkte zur Verfügung, die dem Kunden die Abwicklung von Finanz- oder Finanzierungsgeschäften erleichtern. Dabei hat jedes FinTech bestimmte Alleinstellungsmerkmale, etwa spezielle Funktionen, eine bestimmte Zielrichtung oder besonders günstige Konditionen. Verlief der Start der FinTech-Branche im deutschsprachigen Raum (DACH, für Deutschland, A = Österreich und die Schweiz) zunächst verhalten, so hat er sich inzwischen zu einem Wachstumsantreiber für ganz Europa entwickelt. Wir stellen exemplarisch fünf erfolgreiche FinTechs vor, um zu zeigen, welche Nischen es gibt und was diese noch junge Branche zu leisten vermag.
nextmarkets – gebührenfreies Trading & Lernen von Experten
Beim Thema gebührenfreies Trading kann nextmarkets als exemplarisches Beispiel dienen. Die eigentliche Geschäftsidee besteht darin, Einsteigern durch die Unterstützung ausgewiesener Experten den Börsenhandel zu erleichtern. Bei nextmarkets handelt es sich um einen Neo- bzw. Online-Broker dessen Plattform für alle Depotgrößen geeignet ist. Gebührenfrei gehandelt werden kann mit über 7.000 Aktien und mehr als 1.000 ETFs.
Ein Alleinstellungsmerkmal von nextmarkets ist, dass der Handel gebührenfrei angeboten wird. Es fallen bei nextmarkets keinerlei Gebühren an, es gibt also keine Order- oder Depotgebühren. Auch Nebenkosten durch Dividenden oder den Handel mit Bezugsrechten muss der Kunde nicht zahlen.
Durch Funktionen wie fractional Trading haben Nutzer die Möglichkeit, auch Teile von Aktien zu erwerben oder zu verkaufen. Dadurch können Anleger mit geringerem Kapitaleinsatz an der Wertentwicklungen von hochdotierten Aktien wie Amazon oder Tesla profitieren. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der von nextmarkets angebotene Spar CFD. Bei ihm profitieren die Nutzer vom Unterschied zwischen einem niedrigen deutschen und einem hohen US-amerikanischen Leitzins. Die Rendite liegt bei etwa 1,25 Prozent.
Bullfinch – Chance für grüne Infrastrukturprojekte & CleanTech-Unternehmen
Das Start-up Bullfinch AG hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Welt zu erschaffen, die ausschließlich von sauberen Energien angetrieben wird. Im Fokus stehen CleanTech-Unternehmen mit ihrem Wachstumspotenzial sowie Investoren, die ihr Geld in diesem Bereich anlegen möchten. Das 2019 als Finanzierungshaus gegründete Unternehmen füllt mit seinen Dienstleistungen eine wichtige Lücke auf. In gesamt Zentraleuropa gab es keinen Anbieter für zuverlässige Finanzierungen von Infrastrukturprojekten für saubere Energie.
Auf der Plattform von Bullfinch können Unternehmen ihre Produkte, Projekte oder Dienstleistungen anbieten, von der Batterie über Ladesäulen und Solarzellen bis hin zur Wärmepumpe. Die Besonderheit besteht in den möglichen Investitionsformen, denn es gibt Miet-, Leasing- und Kreditprodukte. Auf diese Weise haben Kleinanleger die Möglichkeit, in Großprojekte zu investieren und institutionellen Großinvestoren bietet sich die Gelegenheit, in kleine Projekte zu investieren.
Für Gründer Robin Haack sind Dezentralisierung, Intelligenz sowie eine innovative Verknüpfung von Finanzen, Energieerzeugung und Energieverbrauch grundlegende Säulen eines dringend notwendigen, klimaneutralen Energiesystems. Der Klimawandel betrifft alle Bereiche der Wirtschaft und würde sich auch auf die Finanzbranche auswirken. Daraus erwächst laut Haack Verantwortung.
YouSign – Start-up für rechtskonforme digitale Unterschrift
Damit ein Vertrag rechtskräftig abgeschlossen wird, muss er von den beteiligten Parteien unterschrieben werden. Im Zuge der Globalisierung und den daraus resultierenden Geschäftsverbindungen rund um den Erdball dauerte es vor dem Start des digitalen Zeitalters oft eine Ewigkeit, bis etwa ein Vertrag zwischen einem deutschen und einem australischen Unternehmen verbindlich abgeschlossen werden konnte.
Mit YouSign wurde eine Möglichkeit geschaffen, diesen Prozess abzukürzen. Das französische FinTech-Start-up hat eine Software entwickelt, durch die eine sichere, rechtverbindliche digitale Signatur möglich ist. Um die Sicherheit zu gewährleisten, muss sich der Nutzer mittels einer Authentifizierung identifizieren, erst dann kann er seine Signatur „setzen“.
Zielgruppen von YouSign sind vor allem Unternehmen, die regelmäßig zahlreiche Verträge zu unterzeichnen haben, etwa Unternehmen im Bereich Human Ressources, Versicherungen, Immobilienunternehmen sowie Vertriebsunternehmen. Aber auch für kleinere Unternehmen, Start-ups bzw. für Personalabteilungen stellt die Dienstleistung von YouSign eine sinnvolle Vereinfachung der Geschäftsprozesse dar.
Auto1 FT – digitalisierte Finanzprozesse & automatisches Risikomanagement
Zwischen dem Ankauf eines Fahrzeugs und dem erneuten Verkauf entsteht für den Autohändler eine Finanzierungslücke. In diese Lücke bzw. Nische springt das FinTech-Unternehmen Auto1 FT GmbH mit seiner Web-App „My Fin-tech Portal“. Sie ist technologisches Herzstück und verbindet das Unternehmen in seiner Rolle als Kreditgeber digital mit potenziellen Kreditnehmern.
Geschäftsführer Taimur Rashid versteht sein Unternehmen als 360-Grad-Dienstleister im Bereich Zwischenfinanzierung. Er bietet seinen Kunden eine Plattform an, über die sie Finanzierungs- und Versicherungsleistungen abrufen können. Als Kernzielgruppe versteht das Unternehmen den Bereich B2B, also Autohändler. Aufgrund der schnellen End-to-End-Prozesse sieht sich Auto1 FT in der Lage, in andere Nischen vorzustoßen. So könnten etwa auch Branchen bedient werden, die von Banken vernachlässigt oder gar nicht beachtet werden. Dazu zählt etwa die Baumaschinenbranche. Auto1 FT ist offen für neue Wege und plant einen B2B2C-Prozess. Er ermöglicht es auch Endkunden wie Kleingewebetreibenden oder Freelancern eine risikogerechte, digital durchgeführte Finanzierung.
Anträge für Fahrzeugkredite oder Leasingverträge sowie das früher aufwendige Identifizierungsverfahren können heute digital durchgeführt bzw. ausgefertigt werden. Zudem ermöglicht es die Plattform den Nutzern, sich hinsichtlich laufender Finanzierungen oder vorhandener Verfügbarkeiten zu informieren. Darüber hinaus gibt es eine Übersicht zu aktiven Ankäufen, abgeschlossenen Vorgängen oder möglichen Liquiditätsengpässen. Für das Scoring sowie das Risikomanagement setzt Auto1 FT auf KI (künstliche Intelligenz) und Blockchain. Mithilfe dieser beiden Technologien wird zukünftig wohl die ganze Mobility-Branche finanziert, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
Yokoy – intuitive Plattform für automatisiertes Ausgabenmanagement
Das sogenannte Spend Management bindet in mittleren und großen Unternehmen viele Ressourcen. Um den Aufwand zu reduzieren, hat das 2019 als Expense Robot GmbH gegründete, heute unter dem Namen Yokoy Group AG firmierende FinTech-Unternehmen sich der künstlichen Intelligenz verschrieben. Das Ergebnis ist eine All-In-One-Spend Management Lösung für Unternehmen. YoKoy hat eine Software inklusive App entwickelt, mit der das Ausgabenmanagement von Unternehmen automatisiert und vereinfacht werden kann.
Yokoy automatisiert die Spesenabrechnung inklusive Reisekosten, die Lieferantenrechnungen und auch alle Firmenkartenprozesse. Das Unternehmen ist im gesamten deutschsprachigen Raum aktiv.
Die von Yokoy entwickelte App ermöglicht es den Nutzern, stationär wie auch mobil auf das System zuzugreifen und mit diesem zu arbeiten. Zudem lässt sich Yokoy mit Hilfe der End-to-End-Automationin relevante externe Drittanbieter aus den Bereichen Buchhaltung, Personalverwaltung und Abrechnungssysteme integrieren. Mithilfe einer Standard CSV-Datei, oder einer kundenspezifischen CSV-Datei oder API-Integrationen lassen sich alle wichtigen Daten (z. B. Kostenträgerstammdaten) importieren.
Yokoy weiß um die Bedeutung integrierter Ökosysteme und bietet daher eine ständig aktualisierte Best-of-Breed-Tool-Landschaft an, in der sich Tools wie Cashback oder Uber finden. Kunden von Yokoy haben auch die Möglichkeit, sich eine Yokoy Karte (Mastercard oder Visa) ausstellen zu lassen. Bei ihrer Verwendung fallen weder Karten- noch Fremdwährungsgebühren an.
Fazit: FinTechs leisten wichtige Beiträge innerhalb und außerhalb der Finanzbranche
Die Welt ist inzwischen eine zunehmend digitale, gerade im unternehmerischen Bereich. Die hier vorgestellten FinTechs und auch andere haben einzigartige, innovative Lösungen entwickelt, um Geschäftsprozesse weniger aufwendig zu machen. Finanzierungen, Börsenhandel, Vertragsabwicklung oder Ausgabenmanagement, die FinTechs sind so erfolgreich, weil sie bisher unbesetzte bzw. unentdeckte Nischen finden, in denen sie spezielle, noch nicht vorhandene, digitale Dienstleistungen oder Produkte anbieten.
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ODONATAs Sprung zur Multi-Mission-Drohne
Vom scheiternden Lufttaxi-Traum zum taktischen Technologieträger: Das Münchner Start-up ODONATA hat mit dem PANTALA-Hovertest einen entscheidenden Pivot eingeleitet. Am 10. April 2026 erreichte das Unternehmen auf dem Militärflughafen der Bundeswehr im fränkischen Roth einen Meilenstein und absolvierte den ersten Schwebeflug des 1:1-Prototyps seiner Langstreckendrohne. Doch hinter der Erfolgsmeldung steckt eine tiefgreifende strategische Neuausrichtung des 2021 von Dennis Furchheim, Tobias Nickel und Dominik Weigl gegründeten Unternehmens. Wir haben uns mit Co-Founder Dennis Furchheim darüber ausgetauscht.
Gegründet im Jahr 2021 im Rahmen des ESA-Business-Incubation-Programms, verfolgten die ODONATA-Gründer Dennis Furchheim, Tobias Nickel und Dominik Weigl ursprünglich eine weitaus kapitalintensivere Vision: ein bemanntes, wasserstoffbasiertes Flugtaxi (eVTOL). Doch die Realität der Finanzmärkte zwang das Team zum Umdenken. „Die Finanzierung eines solchen Vorhabens ist grundsätzlich schon nicht einfach“, erinnert sich CEO Dennis Furchheim an die kritischen Phasen der letzten fünf Jahre.
Besonders die Probleme anderer Branchengrößen belasteten das junge Unternehmen: „Wenn aber die Entwicklungen, wie beispielsweise bei Lilium, einen in Sippenhaft nehmen, weil nicht unterschieden wird zwischen verschiedenen Konzepten, dann wird es noch härter.“ In dieser Situation habe der „Zeitenwechsel“ und der neue Fokus auf Dual-Use den nötigen Befreiungsschlag ermöglicht.
Mitte 2024 folgte der scharfe Kurswechsel weg vom zertifizierungsrechtlich komplexen Passagiermarkt. Furchheim räumt offen ein, dass dies auch eine Reaktion auf den Standort Deutschland war: „Wir haben ursprünglich mit dem Ziel gestartet, ein eVTOL für Passagiere zu entwickeln und zu produzieren. Wir haben allerdings lernen müssen, dass Investoren in Deutschland nicht in so langfristig angelegte Projekte investieren.“
Der Schwenk zur autonomen Drohne PANTALA sei zwar „hart“ gewesen, doch das Team konnte wertvolle Erfahrungen und Technologien aus der ersten Phase transferieren.
PANTALA: Technik mit Schwerpunkt-Trick
Die nun getestete PANTALA-Drohne ist als Multi-Mission-Plattform konzipiert, die Logistik, Lagebildgewinnung und Drohnenabwehr vereint. Mit einer Spannweite von 7,9 Metern und einem maximalen Startgewicht von 280 Kilogramm kann sie bis zu 80 Kilogramm Nutzlast transportieren. Dank einer hybriden Antriebsarchitektur – batterieelektrisch für Start und Landung, ein Kraftstoffsystem für den Reiseflug – soll sie über zehn Stunden in der Luft bleiben und eine Reichweite von mehr als 1.100 Kilometern erzielen.
Ein technologisches Highlight ist der zum Patent angemeldete verschiebbare Antriebsstrang, der die Schwerpunktsanpassung im Flug bei variierenden Lasten ermöglicht. Angesprochen auf die Zukunftsfähigkeit des Antriebs gibt sich der Gründer pragmatisch. „Wir haben uns bewusst technologieoffen aufgestellt“, betont Furchheim im Hinblick auf die noch fehlende Wasserstoff-Infrastruktur. Er verspricht: „So können wir mit klassischen Treibstoffen, elektrisch und künftig auch mit Wasserstoff fliegen, je nachdem, wie die Infrastruktur sich entwickelt.“
Der Marktdruck und die Konkurrenz
Obwohl ODONATA durch Partner wie die ESA und die TUM Venture Labs Aerospace unterstützt wird, bleibt der Kapitalbedarf massiv. Im Wettbewerb mit bereits etablierten Playern wie Quantum Systems muss sich das Start-up behaupten. Furchheim sieht sein Unternehmen jedoch technologisch im Vorteil.
„Wir haben zwei zentrale Vorteile“, erklärt der CEO selbstbewusst: „Zum einen haben wir eine höhere Payload mit bis zu achtzig Kilogramm, was uns ermöglicht, ganz neue Use-Cases zu bedienen.“ Zudem ermögliche die enorme Reichweite eine Überwachung von Frontabschnitten oder kritischer Infrastruktur über viele Stunden hinweg. Laut Furchheim gibt es bereits konkrete Gespräche mit Interessenten, „die genau auf so etwas warten“.
Zwischen Ethik und Skalierung
Die Ausrichtung auf den Sicherheitssektor bringt neben internationalem Interesse aus den USA, Indien oder der Ukraine auch strikte Rüstungsexportkontrollen mit sich. Auf die Frage nach den regulatorischen Hürden beim Export von Dual-Use-Gütern reagiert der Gründer zurückhaltend, deutet aber eine enge Abstimmung mit nationalen Stellen an. „Ohne zu viel zu verraten, wir sind im Gespräch mit der Bundeswehr, damit wir unser System auf diese Anforderungen hin optimieren“, erklärt Furchheim, räumt jedoch ein: „Aber es ist natürlich eine Hürde, die es nicht leichter macht.“
Der erfolgreiche Hovering-Test markiert den bisher wichtigsten Fortschritt. Der nächste entscheidende Lackmustest für ODONATA wird nun der aerodynamisch anspruchsvolle Übergang in den Reiseflug sein. Nur wenn dieser nahtlos gelingt, wird das System die wachsende internationale Nachfrage tatsächlich bedienen können.
PetTech-Start-up-Report 2026
Wie DeepTech und KI den aktuellen PetTech-Markt prägen und welche Start-ups das Segment hierzulande dominieren. Plus: Die exklusive Start-up-Watch-List.
In den vernetzten De-Novo-Kliniken Berlins und Münchens scannen KI-Algorithmen heute in Millisekunden die MRT-Bilder von Haustieren, während personalisierte Longevity-Supplemente vollautomatisch an das Smart-Home der Halter geliefert werden. Der Vierbeiner des Jahres 2026 ist ein Premium-Patient und voll integrierter digitaler Lifestyle-Avatar, der eine hochkomplexe Gesundheitsökonomie antreibt. Venture-Capital-Fonds analysieren mittlerweile die Auslastungsquoten tierärztlicher Computertomographen genauso akribisch wie die wiederkehrenden Software-Umsätze im B2B-Sektor.
Wir blicken auf eine knallhart professionalisierte Industrie, in der radikale Effizienz und DeepTech den Takt angeben. Es geht um Algorithmen-gestützte Frühdiagnostik, hochskalierbare Praxis-Infrastrukturen und biotechnologische Nahrung – eine Ära, in der pure Tierliebe direkt auf tiefgreifende wissenschaftliche Innovation trifft und Investitionen in Milliardenhöhe rechtfertigt.
Ein hochreifer Milliardenmarkt unter KI-Einfluss
Der deutsche Markt für Heimtiere hat einen beispiellosen Reifegrad erreicht. Mit weit über 34 Millionen Haustieren allein in der Bundesrepublik sprechen wir von einem adressierbaren Markt, der längst nicht mehr nur Premium-Futter, sondern zunehmend hochpreisige Gesundheits- und Tech-Dienstleistungen konsumiert. Der technologische Haupttreiber im Jahr 2026 ist zweifelsohne die künstliche Intelligenz, dicht gefolgt von tiefen Integrationen des Internets der Dinge im Alltag der Tiere.
Laut einer aktuellen Bitkom-Studie nutzen mittlerweile über 45 Prozent der Halter*innen in Deutschland smarte Wearables oder datengestützte Gesundheits-Apps für ihre Tiere. Das spiegelt sich auch in den Bilanzen wider: Der Branchenumsatz im DACH-Raum hat die 7-Milliarden-Euro-Marke signifikant überschritten. Dabei flossen laut jüngsten Auswertungen von KfW Research im vergangenen Jahr europaweit rund 850 Millionen Euro Venture Capital exklusiv in Pet- und VetTech-Modelle.
Die neuen Treiber: Kliniken, Longevity und SaaS-Infrastruktur
Aktuell dominieren im PetTech-Sektor drei hochspezifische Sub-Sektoren den Markt. Allen voran steht der Bereich der De-Novo Vet-Tech-Kliniken. Hier verschmelzen physische Tierarztpraxen mit einer proprietären, durchdigitalisierten Software-Infrastruktur, die von der Terminbuchung bis zur KI-gestützten Diagnostik reicht. Etablierte Pioniere wie das Berliner Start-up Rex haben den Weg für diese hybriden Modelle geebnet.
Ein weiterer massiver Treiber ist die Pet-Longevity in Kombination mit DeepTech-Nutrition. Hier geht es nicht mehr um getreidefreies Futter, sondern um mikrobiom-basierte Nahrungsergänzungen und Alternative Proteine aus dem Bioreaktor, die das Leben der Tiere nachweislich verlängern sollen.
Der dritte dominierende Sektor ist B2B-Vet-SaaS. Start-ups bauen spezialisierte Software für Tierärzte, die Bilderkennung für Scans automatisiert und dem chronischen Fachkräftemangel in den Praxen entgegenwirkt.
Die geplatzten Träume der Solo-Telemedizin
Doch der Weg in dieses reife Marktumfeld war gepflastert mit schmerzhaften Lektionen. Der prominenteste Crash der jüngeren Vergangenheit war die spektakuläre Insolvenzwelle im Bereich der reinen Pet-InsurTechs und Solo-Telemedizin-Plattformen um das Jahr 2023 und 2024. Ein Paradebeispiel war das Berliner Neo-Versicherungs-Start-up Coya, das sich stark auf Tierversicherungen fokussiert hatte, vom französischen Konkurrenten Luko geschluckt wurde und letztlich in einem Insolvenzverfahren endete. Gleichzeitig verbrannten reine Tele-Vet-Apps, die ohne eigene physische Kliniken operierten, Millionen an VC-Geldern.
Aus diesen Debakeln lassen sich vier konkrete, fatale Fallstricke für heutige Gründer ableiten. Erstens die tödliche B2C-Kund*innenakquisitions-Falle: Wer heute im Pet-Bereich rein auf Performance-Marketing in sozialen Netzwerken setzt, wird von den astronomischen Customer Acquisition Costs erdrückt. Zweitens die Ignoranz gegenüber der Regulatorik, insbesondere der Gebührenordnung für Tierärzte. Der Gebührenschock der vergangenen Jahre brach Geschäftsmodellen das Genick, die diese Preissteigerungen nicht einkalkuliert hatten. Drittens das Dogma, dass Technologie den persönlichen Kontakt ersetzen kann: Haustiere können nicht ausschließlich über einen Bildschirm behandelt werden; wer keine physischen Anlaufstellen hat, scheitert an der Realität der Tiermedizin. Viertens die Vernachlässigung der Unit Economics zugunsten eines ungesunden Wachstums, was in einem Markt mit starker lokaler Bindung unweigerlich zum Cashflow-Kollaps führt.
Das deutsche PetTech-Netzwerk
Die deutsche PetTech-Landschaft hat sich auf wenige, aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. München führt diese Liste unangefochten an. Mit der Ludwig-Maximilians-Universität, die eine der weltweit angesehensten tierärztlichen Fakultäten beheimatet, und dem InsurTech Hub Munich entsteht hier die perfekte Symbiose aus medizinischer Forschung und starkem B2B-Software-Fokus. Hannover verteidigt seinen Status als wissenschaftliches Epizentrum durch die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Aus dem Umfeld dieser Elite-Forschungseinrichtung entspringen derzeit die tiefgreifendsten DeepTech- und BioTech-Ausgründungen der Branche. Berlin hingegen bleibt die unangefochtene Hauptstadt für Skalierung, Wagniskapital und D2C-Brandbuilding. Hier sitzen die großen Geldgeber*innen und Marketing-Genies, gestützt durch lokale Netzwerke. Leipzig komplettiert das Quartett als aufstrebender Star: Die Kombination aus der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig und der BioCity, einem exzellenten Cluster für Biotechnologie, zieht zunehmend Start-ups an, die an der Schnittstelle von Tiergesundheit und Zellbiologie arbeiten.
Investor*innen-Radar
Das Kapital fließt heute intelligenter und zielgerichteter. Bei den spezialisierten VCs dominieren Fonds wie Five Seasons Ventures, die tiefes Verständnis für die Schnittstelle von FoodTech und Pet-Nutrition mitbringen, sowie global agierende Vehikel wie der Companion Fund. Im Bereich der Top-Tier Generalisten haben europäische Schwergewichte wie Cherry Ventures, Vorwerk Ventures und DN Capital den Sektor für sich entdeckt und pumpen beträchtliche Summen in hybride Klinik-Modelle und B2B-SaaS. Ein wesentlicher Machtfaktor sind mittlerweile die Corporate VCs der Industrie. Fressnapf dominiert mit seiner Beteiligungsgesellschaft die Früh- und Wachstumsphase strategisch, während Mars Petcare über seinen Arm Kinship massiv nach Europa drängt.
Der eigentliche Motor der Innovation liegt jedoch bei den Frühphasen-Motoren und Business Angels. Hier brillieren Köpfe wie Lukas Keindl, der als Gründer des US-Vorbilds Bond Vet nun aktiv sein Know-how und Kapital in die europäische Gründerszene pumpt, sowie spezialisierte Angel-Syndikate und Netzwerke wie der Auxxo Female Catalyst Fund, die gezielt diverse Gründungsteams in der Tiermedizin fördern.
Die Top-PetTech-Start-ups (Must-Watch)
Die nachfolgende Auswahl der Top Start-ups basiert auf einer strengen redaktionellen Analyse. Die zentralen Kriterien für die Aufnahme in dieses Ranking sind eine nachgewiesene Marktrelevanz durch messbares Praxis- oder Nutzerwachstum, ein hoher technologischer Reifegrad fernab reiner Konzeptphasen sowie das ausdrückliche Vertrauen namhafter Lead-Investoren. Um die aktuelle Innovationskraft des deutschen Ökosystems abzubilden, haben wir uns ausschließlich auf deutsche Start-ups konzentriert, deren Gründung im Jahr 2020 oder später erfolgte. Die Liste beleuchtet bewusst eine Diversität an Geschäftsmodellen, von B2B-Software über BioTech bis hin zu hybriden Versorgungskonzepten.
Rex
Das im Jahr 2021 von Julian Lechner und Jonathan Loesing gegründete Berliner Start-up Rex ist das aktuelle Paradebeispiel für moderne Tiermedizin. Rex kombiniert ein B2B/B2C-Hybrid-Modell und baut architektonisch anspruchsvolle, digital voll integrierte T Tierärzt*innenpraxen auf. Der USP liegt in der proprietären Praxismanagement-Software, die den Tierärzt*innen die Administration abnimmt, und der nahtlosen App-Experience für den Tierhalter. Das enorme Potenzial dieses Modells überzeugte Vorwerk Ventures, Picus Capital und weitere namhafte Investor*innen, die dem Unternehmen bereits zweistellige Millionenbeträge anvertrauten.
Filu
Ebenfalls angetreten, um den chronisch überlasteten Tierärzt*innenmarkt zu revolutionieren, ist das Münchner Start-up Filu. Gegründet 2022 von Anna Magdalena Naderer, Christian Köhler und Justus Buchen, positioniert sich das Unternehmen mit seinem Urgent-Care-Ansatz gekonnt zwischen klassischer Allgemeinpraxis und Notfallklinik. Die Kombination aus modernster Hardware vor Ort und smarten Tele-Triage-Prozessen im Hintergrund sorgt für eine extrem hohe Effizienz. Lead-Investoren wie DN Capital und YZR Capital haben das immense Skalierungspotenzial früh erkannt und die Expansionspläne befeuert.
mammaly
Im Bereich der D2C-Tiergesundheit setzt das 2020 in Köln von Stanislav Nazarenus und Alexander Thelen gegründete Start-up mammaly neue Standards. Das Geschäftsmodell basiert auf dem Direktvertrieb von hochwirksamen, mit Tierärzt*innen entwickelten Nahrungsergänzungsmitteln in Snackform. Der USP liegt in der tiefgreifenden Fokussierung auf das Mikrobiom von Hunden, um altersbedingte Beschwerden proaktiv zu lindern. Dieses datengetriebene und markenstarke Konzept sicherte mammaly unter anderem ein substanzielles Funding durch den spezialisierten VC Five Seasons Ventures.
PetLEO
Dieses 2020 in München von Karim Abdo und Bülent Hacioglu gegründete Unternehmen agiert als eine hochkomplexe B2B2C-Gesundheitsplattform. PetLEO verbindet Tierärzt*innen, Expert*innen und Haustierbesitzer*innen in einem geschlossenen, digitalen Ökosystem. Tierhalter*innen können Gesundheitsdaten verwalten, Giftköder-Warnungen erhalten und Termine buchen, während die Praxen selbst eine moderne Schnittstelle zur Kund*innenbindung erhalten. Das Start-up hat sich durch starke Partnerschaften mit Industrie und Versicherungen eine äußerst wehrhafte Marktposition als digitaler Alltagsbegleiter erarbeitet.
Hundeo
Dass man auch ohne massive externe Kapitalrunden im PetTech-Markt dominieren kann, beweist das 2020 von Enrico Bachmann in Berlin gegründete Start-up Hundeo. Das B2C-EdTech-Modell ist eine gamifizierte App für modernes Hundetraining. Der technologische USP ist die personalisierte, KI-gestützte Trainingsplanung, die sich dem Lernfortschritt des jeweiligen Tieres anpasst. Mit enormem organischem Wachstum und starker Nutzer*innenbindung gehört das gebootstrappte Hundeo zu den profitablen Vorzeige-Start-ups der App-Economy.
Nosh.bio
Obwohl nicht exklusiv für den Pet-Markt gegründet, rüttelt das 2022 von Tim Fronzek und Felipe Lino in Berlin ins Leben gerufene DeepTech-Start-up Nosh.bio die Tiernahrungsindustrie fundamental auf. Das B2B-Geschäftsmodell fokussiert sich auf die Herstellung von Alternativen Proteinen aus Pilzmyzel. Der technologische USP liegt in einem hocheffizienten Fermentationsprozess, der saubere, hochverdauliche und texturstarke Proteinquellen aus Pilzmyzel liefert. Als hochfunktionale „Clean-Label“-Zutat ermöglicht sie die Entwicklung erstklassiger, fleischfreier Tiernahrung – völlig ohne chemische Zusätze und ohne den massiven ökologischen Fußabdruck der konventionellen Fleischindustrie. Lead-Investor Earlybird unterstützt dieses zukunftsweisende BioTech-Modell.
TestBlu
Mit Gründung im Jahr 2022 in Potsdam bringt TestBlu echte Deep-Science in die tierärztliche Praxis. Das von Shahab Shoaei Matin geführte Geschäftsmodell ist ein KI-gestütztes B2B-SaaS-Produkt für Veterinärkliniken. Der USP des Unternehmens ist Deutschlands erster Bluttest zur Früherkennung von Krebs bei Hunden. Ein hochkomplexer Algorithmus analysiert Blutbilder auf Anomalien mit enormer Präzision. TestBlu positioniert sich als unverzichtbarer onkologischer Co-Pilot für Tierärzt*innen, um die diagnostische Sicherheit drastisch zu erhöhen.
AnimalChat
Die 2020 von Sebastian Wilkes und dem erfahrenen Tierarzt Dr. Heinrich Wilkes aus Borken gestartete B2B-Software AnimalChat hat das Problem der ineffizienten Kommunikation in Praxen radikal gelöst. Das Start-up bietet einen DSGVO-konformen, professionellen Messenger-Dienst speziell für Veterinär*innen und deren Klient*innen an. Der USP ist die nahtlose Integration von asynchroner Kommunikation und digitaler Wundverlaufskontrolle, ohne dass der Arzt bzw. die Tierärztin seine bestehende Praxissoftware austauschen muss. Dieses pragmatische, aber hochskalierbare Tool hat sich in hunderten Praxen als Standard etabliert.
Internationaler Ausblick & Fazit
Wer heute verstehen will, was morgen in Europa passiert, muss den Blick zwingend über den Tellerrand richten. Drei globale Makro-Trends werden den deutschen PetTech-Markt in Kürze massiv umwälzen. Aus den USA schwappt die Welle der Longevity-Pillen herüber, wo Start-ups bereits erste FDA-Zulassungen für Medikamente anstreben, die das biologische Altern von Hunden verlangsamen. Asien hingegen definiert den Standard für Hyper-Vernetzung neu: Hier sind smarte Katzentoiletten und vollautomatische, mit dem Smart-Home synchronisierte Futterautomaten, die Gesundheitsdaten in Echtzeit an den Tierarzt bzw. die -ärztin senden, bereits Massenmarkt. In Israel, dem weltweiten Hub für FoodTech, verschmilzt derweil AgriTech mit Tiernahrung. Kultiviertes Fleisch aus dem Labor für Premium-Tiernahrung steht dort nach der ersten regulatorischen Marktzulassung für Heimtierfutter in Großbritannien durch das Start-up Meatly endgültig vor dem globalen Durchbruch.
Das Fazit für 2026 ist eindeutig: Der Welpenschutz für Gründer*innen ist abgelaufen. PetTech ist ein knallhartes Business, das exzellente Unit Economics, tiefes regulatorisches Verständnis und echte technologische Alleinstellungsmerkmale verlangt. Investor*innen suchen heute nach Geschäftsmodellen, die reale Engpässe wie den Tierärzt*innenmangel lösen oder die Lebensspanne der Tiere durch harte Wissenschaft verlängern. Wer in diesem 20-Milliarden-Markt mitspielen will, muss beweisen, dass er/sie nicht nur Tiere liebt, sondern vor allem sein/ihr strategisches und technologisches Handwerk versteht.
Diingu: Kampf gegen den Fachkräftemangel im Sozialwesen
Das Diingu-Gründerteam aus Frankfurt will den eklatanten Fachkräftemangel im Sozialwesen mit einer digitalen Lern- und Jobplattform bekämpfen. Das Start-up hat namhafte Träger*innen an Bord und spricht nun mit internationalen Investor*innen. Doch wie tragfähig ist das Geschäftsmodell in einem chronisch unterfinanzierten Markt, und wie realistisch sind die europäischen Skalierungsträume? Wir haben nachgefragt.
Wer sich den Pitch von Sahm Shojai, Geschäftsführer der Frankfurter Diingu GmbH, durchliest, spürt schnell den typischen Start-up-Idealismus. Es geht um „konkrete Wirkung“, „soziale Teilhabe“ und die Vision einer „globalen sozialen Infrastruktur“, um weltweit die Lebensrealität von Kindern zu verbessern. Das klingt zweifellos gut im Pitch-Deck für potente VCs. Doch zieht man die schillernde Marketing-Ebene ab, bleibt ein konkretes und weitaus pragmatischeres Kerngeschäft. Diingu ist im Kern eine E-Learning- und Recruiting-Plattform für pädagogische Assistenzkräfte. Es handelt sich um ein klassisches B2B2C-Modell in einer Nische, die von der Digitalisierung bislang stiefmütterlich behandelt wurde.
Vom Bruder-„Frust“ zum Uni-Spin-off
Die Geschichte von Diingu – kurz für Digital Inclusion Guide – beginnt im echten Leben. Der Bruder von Mitgründer Sahm Shojai arbeitete als Schulbegleiter und berichtete von den massiven Herausforderungen in seinem Job. Das grundlegende Problem: Immer mehr ungelernte Quereinsteiger*innen strömen in die soziale Branche, denen es eklatant an fachlicher Einarbeitung, Fortbildungen und Qualitätsstandards mangelt.
Aus diesem Engpass formten Sahm Shojai und seine Mitgründer Felix Kolb und Florian Kranz eine digitale Lösung. Dabei gingen sie methodisch klug vor und holten sich von Beginn an wissenschaftliche Expertise ins Boot. Unter der Mentorenschaft von Prof. Dr. Wolfgang Dworschak vom Lehrstuhl für Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Universität Regensburg wurde das Start-up als Ausgründung der Hochschule etabliert. Das sicherte dem Team nicht nur ein exist-Gründerstipendium, sondern 2023 auch den Hochschulgründerpreis sowie den 2. Platz beim Frankfurter Gründerpreis. Die Plattform profitiert stark von diesem Fundament, denn die Inhalte sind keine bloßen Wikipedia-Zusammenfassungen, sondern wissenschaftlich fundierte, praxisnahe Kurse.
Doch wie stellt das Team sicher, dass das akademische Wissen der Uni Regensburg nicht zu theoretisch ist und an der rauen Realität einer überforderten Hilfskraft in einer Brennpunkt-Schule vorbeigeht? „Die Entwicklung der Kursinhalte findet mit sorgfältig ausgewählten Experten und Expertinnen statt“, versichert Shojai. Diese verfügten nicht nur über den nötigen akademischen Bezug, sondern brächten auch umfassende praktische Erfahrung mit. „Wir geben klare Richtlinien für die sprachliche Ausgestaltung der Kurse vor und legen großen Wert darauf, dass der Fokus auf praxisnahen Inhalten liegt“, betont der Gründer.
Um die Theorie-Praxis-Lücke zu schließen, fließen daher neben Fachliteratur vor allem persönliche Praxiserfahrungen in die Entwicklung ein. Zudem belässt es Diingu nicht bei der Uni Regensburg, die primär mit Forschungsarbeiten die Qualität sichert. Man kooperiert laut Shojai ebenfalls mit der LMU München, wo der Schwerpunkt auf formativer Diagnostik und Monitoring-Services liege. „Gemeinsam entwickeln wir beispielsweise aktuell ein KI-Tool, das Verhalten- und Risikoanalysen bei Kindern und Jugendlichen durchführen kann“, kündigt der Geschäftsführer an. Sozialarbeitende sollen dadurch befähigt werden, Kindeswohlgefährdungen besser zu erkennen. „Diese innovativen Services sollen den Arbeitsalltag professionalisieren“, resümiert er.
E-Learning trifft auf Jobbörse
Diingu fungiert als zweiseitiger Marktplatz. Auf der einen Seite stehen Privatpersonen wie Schulbegleitende, Kita-Kräfte oder Familienhelfer*innen. Sie können sich gegen eine monatliche Gebühr von aktuell 15 Euro flexibel über mehr als 70 Online-Kurse zu Themen wie Autismus oder ADHS weiterbilden. Bei Verständnisfragen hilft ein KI-Chatbot. Mit den erworbenen Zertifikaten bauen sich die Nutzer*innen dann ein digitales Profil auf. Auf der anderen Seite stehen die großen Träger wie das DRK, die Johanniter oder die Lebenshilfe. Sie zahlen für jährliche Lizenzen, um ihr bestehendes Personal digital zu schulen, Nachweise zentral zu verwalten und schlichtweg Verwaltungskosten zu sparen.
Hand aufs Herz: Wie viele der ohnehin meist schlecht bezahlten pädagogischen Hilfskräfte zahlen die 15 Euro im Monat wirklich selbst aus eigener Tasche? Und plant Diingu langfristig nicht doch einen kompletten Pivot zum lukrativeren, reinen B2B-Modell? Shojai holt bei dieser Frage etwas weiter aus: Man sei vor rund drei Jahren ursprünglich als reine Lernplattform im B2B-Bereich gestartet. Träger nutzten die Kurse zur Schulung des eigenen Personals. „Mit der Zeit erhielten wir jedoch auch zunehmend Anfragen von Privatpersonen, die sich mit unseren Inhalten weiterbilden möchten, um sich auf einen Job im sozialen Bereich zu bewerben“, blickt er zurück. Daraufhin habe man dasselbe Lernangebot über eine App auch für B2C-Kund*innen geöffnet, um die berufliche Vorqualifizierung zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde die Jobplattform gelauncht, um beide Kund*innengruppen zusammenzubringen.
Auf die Skepsis bezüglich der privaten Zahlungsbereitschaft kontert Shojai selbstbewusst: „Das sind Menschen, die einen Job im sozialen Bereich suchen und davon gibt es viele, weil der Fachkräftemangel eine sehr hohe Nachfrage nach beruflicher Weiterbildung erzeugt.“ Er spricht im gleichen Atemzug gar von einer handfesten Marktdisruption. Klassische Fortbildungen zur Schulbegleitung kosteten bei anderen Bildungsträgern schnell zwischen 800 und 1.200 Euro. Dies werde heute meist über Bildungsgutscheine finanziert.
Doch genau hier wittert Diingu seine strategische Chance: „Diese Finanzierung über Bildungsgutscheine wird sich mit der Grundsicherung ab Juli 2026 ebenfalls verändern“, prognostiziert Shojai. Aufgrund des Vermittlungsvorrangs würden die Gutscheine künftig nicht mehr so großzügig vergeben. Diingu hingegen biete Wissen für zahlreiche Berufe bereits ab 15 Euro an. „Mit anderen Worten: Wir haben diesen Markt demokratisiert und Wissen überhaupt erst auf Selbstzahlerbasis bezahlbar gemacht“, stellt er klar. Selbst ohne große Werbung könne man erste bezahlte Abonnements vorweisen. „In den kommenden Monaten planen wir, größere Kampagnen zu launchen und mittelfristig den B2B2C-Weiterbildungsmarkt für soziale Berufe mit unserem Selbstzahler-Konzept und unserem E-Learning-Ansatz zu übernehmen“, gibt sich der Geschäftsführer kämpferisch.
Der eigentliche Clou – und das potenzielle Schwungrad des Geschäftsmodells – ist jedoch die Verzahnung: Träger können über das Diingu-Jobportal direkt auf die vorqualifizierten Privatnutzer zugreifen und diese rekrutieren. Doch die großen Wohlfahrtsverbände gelten oft als extrem schwerfällig in der Digitalisierung. Wie hart war es, Traditionsverbände wie das DRK davon zu überzeugen, ihr Recruiting über ein noch unbekanntes Start-up abzuwickeln? Shojai räumt ein, dass die Anfangszeit kein Selbstläufer war. „Digitalisierung bedeutete für viele im sozialen Bereich vor allem Veränderung“, analysiert er. „Und Veränderungen vermeidet man gern, solange nichts anbrennt.“ Heute punkte man schlichtweg mit einem guten Service zum erschwinglichen Preis, weshalb immer mehr große Träger Diingu ausprobieren wollten. Die Einführung bei den Platzhirschen erfordere natürlich Prozessumstellungen, was aber branchenübergreifend bei Großunternehmen der Fall sei. Dennoch gibt der Gründer zu: „Aber ja, keine Frage: Sales war bisher die größte Herausforderung in diesem Unternehmen.“ Das Geschäftsmodell und die Verkaufsstrategien mussten mehrfach nachgeschärft werden. Heute, so Shojai, sei es aber „deutlich einfacher geworden als noch zu Beginn“.
Markt & Wettbewerb
Der Markt für soziale Dienstleistungen ist riesig, aber extrem komplex. Der Fachkräftemangel ist immens; Träger müssen notgedrungen auf ungelernte Hilfskräfte zurückgreifen, was unweigerlich die Qualität der Betreuung gefährdet. Hier trifft Diingu einen echten Pain Point. Der Wettbewerb besteht derzeit vor allem aus den analogen Akademien der Wohlfahrtsverbände, regionalen Fortbildungsanbietern und stark generalisierten E-Learning-Plattformen. Auch klassische Recruiting-Plattformen mischen mit. Diingu grenzt sich durch die spitze Zielgruppe rund um Inklusion und Schulbegleitung sowie durch die intelligente Kombination aus Qualifizierung und Recruiting ab.
Skalierungsträume vs. Marktrealität
So lobenswert der Ansatz ist, das Geschäftsmodell muss sich im Härtetest einigen kritischen Fragen stellen. Ein massives Problem ist der Markt als regulatorischer Flickenteppich. Diingu spricht aktuell mit Investor*innen, um europaweit zu skalieren, doch das Sozial- und Bildungswesen ist hochgradig lokalisiert. Da sich die Vorgaben für Inklusion in Deutschland bereits von Bundesland zu Bundesland massiv unterscheiden, bedeutet eine europäische Expansion zwingend, dass Fortbildungsinhalte an völlig andere gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst werden müssen. Das kostet enorm viel Zeit und verbrennt Kapital.
Wie will Diingu diese gewaltige regulatorische Wand durchbrechen, ohne sich finanziell und personell zu verheben? „Das ist eigentlich die entscheidendste Frage, und genau diese begleitet uns seit fast zwei Jahren“, gibt Shojai offen zu. Mit der Lösung stehe und falle der internationale Erfolg. Die Antwort des Start-ups lautet: Automatisierung. Man entwickle gerade eine zweigeteilte „Kursfabrik“. Eine Abteilung konzipiere kleinere Kurse mithilfe von Künstlicher Intelligenz, die am Ende lediglich von Expert*innen lektoriert und qualitätsgeprüft werden. Dafür habe man eigens eine von AWS geförderte Kooperation zur Entwicklung generativer KI-Anwendungen gestartet, um einen skalierbaren Workflow zu etablieren.
Große und wichtige Kurse bleiben jedoch Handarbeit nach strengen Richtlinien. „KI kommt da nicht hin, und ihr fehlt auch reales Praxiswissen, das nur ausgewählte Expertinnen und Experten mitbringen“, stellt Shojai klar. Diese Zweiteilung bedingt logischerweise extrem hohe Kosten bei der Lokalisierung der Inhalte. Auf die konkrete Frage nach der Finanzierbarkeit bleibt der Gründer allerdings unkonkret. Man habe zwar bereits eine „finanzstrategische Lösung“ erarbeitet, doch Details wolle er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten. Er gibt sich jedoch siegessicher: „Wir glauben, mit diesem hybriden KI-Mensch-Kursentwicklungsansatz einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu erlangen.“
Gleichzeitig stößt das Modell unweigerlich an die Grenzen der Digitalisierung. Das Start-up wirbt mit einem KI-Guide, in der sozialen Arbeit gilt jedoch unumstößlich das Credo: Beziehung vor Technik. Empathie, Deeskalation und der Umgang mit schwer beeinträchtigten Kindern lassen sich über Klick-Kurse und KI-Chats nur in der grauen Theorie erlernen. Eine reine Digitalisierung der Fortbildung ersetzt keine Praxisbegleitung im wahren Leben.
Abschließend wirft auch das avisierte „Big Picture“ rund um die Vision „Diingu Care“ Fragen auf. Die Ankündigung, künftig weltweit Bildungsprojekte zu unterstützen, wirkt aktuell noch wie ein sehr ambitioniertes PR-Versprechen für Impact-Investor*innen. Für ein Start-up in der vulnerablen Skalierungsphase birgt ein solcher Nebenschauplatz stets die Gefahr, den Fokus auf das stark erklärungsbedürftige DACH-Kerngeschäft zu verlieren.
Lenkt diese noble globale Vision das Team nicht gefährlich vom eigentlichen Überlebenskampf und der schwierigen Marktdurchdringung in Europa ab? „Absolut“, stimmt Shojai überraschend direkt zu. Genau aus diesem Grund bewerbe man das Projekt derzeit weder öffentlich noch bei Investor*innen. „Es steht weder auf der Website noch auf irgendeinem Pitch Deck“, versichert er. Der Fokus liege aktuell ausschließlich auf dem Aufbau eines funktionierenden und stark wachsenden Geschäfts. „Erst wenn wir damit Investoren und auch uns selbst geholfen haben, können wir anfangen, mit Diingu Care anderen zu helfen“, erklärt Shojai sein strategisches Prinzip. Dennoch ist es ihm spürbar ein Anliegen zu betonen, dass Diingu Care keine hohle PR-Phrase sei. Diese globale Infrastruktur für Länder ohne stabile soziale Systeme werde unweigerlich kommen. „Und an diesem Ziel wird sich auch nichts ändern, nur weil es ambitioniert ist“, bekräftigt der Geschäftsführer abschließend. „Denn genau das soll Diingu ausmachen: eine Organisation, die Verantwortung übernimmt.“
Fazit
Diingu ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie aus einem echten, greifbaren Alltagsproblem eine kluge SaaS-Lösung entstehen kann. Das Team hat durch die universitäre Anbindung seine Hausaufgaben gemacht und mit über 100 Trägern bereits beachtliche Traction im B2B-Markt erreicht. Der Weg zum europaweiten Skalierungserfolg oder gar zur „globalen sozialen Infrastruktur“ wird jedoch steinig. VCs werden künftig genau prüfen, ob die Margen im chronisch klammen Sozialsektor ausreichen und ob der stark regulierte Bildungsmarkt schnelle geografische Sprünge überhaupt zulässt. Diingu muss jetzt beweisen, dass es nicht nur ein nützliches Werkzeug für deutsche Wohlfahrtsverbände bietet, sondern das Zeug zu einem hochprofitablen, grenzüberschreitenden Plattformgeschäft hat.
Über den Wolken, aber digital
Wie das 2020 von Heinz Koop gegründete Aviation Hero den verstaubten Markt der Flugausbildung aufmischt.
Die Ausbildung zum/zur Privatpilot*in galt jahrzehntelang als zeitaufwendig, wenig flexibel und extrem papierlastig. Wer fliegen lernen wollte, musste sich den rigiden Zeitplänen traditioneller Flugschulen unterordnen oder am Wochenende im Aeroclub Arbeitsstunden ableisten. Das Monheimer Start-up Aviation Hero tritt an, um genau diesen Schmerzpunkt zu lösen. Mit dem Claim, „Deutschlands erste volldigitale Flugschule“ zu sein, hat das Unternehmen eine stark regulierte Nische digitalisiert. Wir werfen einen genaueren Blick auf das gebootstrappte Geschäftsmodell, das EdTech mit Luftfahrtrecht verbindet.
Das geht besser!
Hinter Aviation Hero steht der Gründer Heinz Koop. Als er 2018 selbst enthusiastisch seine Ausbildung zum Privatpiloten (PPL) begann, stieß er schnell auf die harte Realität der Branche: trockener Theorieunterricht, unflexible Strukturen und eine hohe Abbruchquote bei den Flugschüler*innen. Aus diesem Negativerlebnis heraus entstand die Geschäftsidee. Im Jahr 2020, mit gerade einmal 22 Jahren, brach Koop sein Studium ab und gründete die Aviation Hero GmbH.
Bemerkenswert in der heutigen Start-up-Landschaft: Das Unternehmen ist zu 100 Prozent gebootstrappt. Anstatt auf Risikokapitalgeber*innen zu setzen, finanzierte Koop das Projekt aus eigenen Mitteln und baute das Angebot organisch auf. Ein massiver Wachstumstreiber war dabei Social Media. Mit einem YouTube-Kanal, der mittlerweile über 14.000 abonnierende Luftfahrt-Enthusiast*innen zählt, schuf sich Koop eine eigene Vertriebs-Pipeline und wurde zum Gesicht der modernen Pilotenausbildung in Deutschland.
„Ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie“
Dass der Aufbau eines Unternehmens in einem extrem kapitalintensiven Markt ohne externes Geld kein Spaziergang ist, musste Koop schnell feststellen. „Es gab nicht den einen Tiefpunkt, sondern mehrere Phasen, in denen ich kurz davor war aufzuhören“, erinnert sich der Gründer. Ein besonders kritischer Moment ereignete sich kurz vor dem Launch des ersten Theoriekurses. Die Teilnehmer*innen hatten bereits bezahlt, als der fest eingeplante Fluglehrer plötzlich per Telefon absagte – ausgerechnet, als Koop sich wegen gesundheitlicher Probleme auf einer Ayurveda-Kur in Indien befand.
„Ich stand irgendwo am Strand in Indien, hatte Kunden, die sich auf den Kurs freuten, und keinen Fluglehrer mehr“, beschreibt er die absurde Situation. „Kein Investor, kein Sicherheitsnetz, kein Team das auffängt – alles hing an mir.“ Den Kurs abzusagen, kam für ihn jedoch nicht infrage. Nach unzähligen Telefonaten aus Indien fand er schließlich einen Ersatz, der den Kurs letztlich sogar noch besser betreute. Was ihn in diesen harten Momenten antrieb? „Was mich in solchen Momenten immer zum Weitermachen motiviert hat, waren die Nachrichten von Flugschülern“, betont Koop. Wenn Zweifel aufkamen, las er Nachrichten wie: „Heinz, ohne euch hätte ich meinen Traum nie verwirklicht.“ Seine wichtigste Lektion für andere Gründer*innen lautet daher: „Du brauchst nicht den perfekten Businessplan – du brauchst direktes Kundenfeedback, das dir zeigt, dass das, was du baust, einen echten Unterschied macht. Das ist dein Treibstoff, wenn alles andere wegbricht.“
EdTech im Cockpit
Heute ist Aviation Hero vom Luftfahrt-Bundesamt bzw. der Bezirksregierung als Declared Training Organization offiziell zertifiziert. Das Kerngeschäft ist der Verkauf von digitalen Ausbildungspaketen für angehende Privatpilot*innen, allen voran das Sprechfunkzeugnis („BZF Mastery“) sowie Theorie-Crashkurse für die Lizenzen LAPL und PPL.
Die methodische Umsetzung erinnert dabei an moderne EdTech-Plattformen und kombiniert hochwertig animierte Videolektionen, die Netflix-ähnlich konsumiert werden können, mit interaktiven Live-Q&A-Sessions via Zoom und einer Community-Plattform namens Skool für den direkten Austausch.
Dass die konservativen Luftfahrtbehörden diesen digitalen Ansatz absegneten, war laut Koop weniger ein Kampf als oft vermutet. „Ehrlicherweise war der Ansatz gar nicht so radikal, wie er von außen wirkt“, wiegelt er ab. Zugelassene Fernlehrgänge gab es bereits, doch bestanden diese oft aus endlosen Textwüsten ohne Support. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Vorteile aus beiden Modellen kombinieren? Herausgekommen ist der Aviation Hero Ansatz“, erklärt Koop.
Die eigentliche Herausforderung sei nicht die Behördenüberzeugung gewesen, sondern die Produktion von Hunderten Videolektionen und der Aufbau der eigenen Methodik. Als das Konzept stand, erkannte die Bezirksregierung in Düsseldorf schnell den Mehrwert. „Die Zusammenarbeit ist seitdem konstruktiv und vertrauensvoll“, versichert der Gründer.
Digitale Disruption gegen E-Learning-Dinosaurier
Der Markt für Flugausbildungen im DACH-Raum ist extrem stark fragmentiert. Neben Hunderten lokalen Flugvereinen gibt es etablierte Branchenriesen wie CAT oder Cranfield Aviation. Doch diese Platzhirsche dominieren primär als B2B-Zulieferer und bieten den Schüler*innen oft textlastiges E-Learning der alten Schule. Aviation Hero fischt hier in einem „Blue Ocean“, indem das Start-up die Endkund*innen (B2C) direkt und professionell über Performance Marketing anspricht.
Wird das Start-up in der traditionellen Branche als feindlicher Disruptor oder als dringend benötigter Modernisierer wahrgenommen? „Beides – und es hängt davon ab, wen du fragst“, räumt Koop ein. Zwar höre er regelmäßig skeptische Stimmen, die auf reinen Präsenzunterricht pochen, doch viele Flugschulen sähen Aviation Hero längst als wertvolle Ergänzung. „Unsere Teilnehmer kommen mit bestandenem BZF und bestandener Theorie zu ihnen – und können vom ersten Tag an das Wetterbriefing lesen, den Funk machen und die Lufträume verstehen“, erklärt er den Vorteil für die Praxis-Schulen. Sein klares Credo: „Wir wollen nicht gegen die Branche arbeiten, sondern mit ihr – aber auf einem modernen Level.“
Wo sind die Turbulenzen?
Trotz über 2.000 begleiteter Schüler*innen gibt es auch Herausforderungen. Die Luftfahrt ist eine der am stärksten reglementierten Branchen der Welt. So verbieten EASA-Richtlinien ein reines Netflix-Modell und fordern einen Anteil an synchronem, betreutem Unterricht von etwa zehn Prozent. Auch Prüfungen müssen physisch bei der Bezirksregierung oder der Bundesnetzagentur abgelegt werden.
Zudem sorgt das Aviation-Hero-Preismodell im Premium-Segment gelegentlich für Diskussionsstoff. Die Kritik: Der reguläre Zugang ist auf vier Monate begrenzt; wer länger braucht, muss monatliche Verlängerungsgebühren zahlen. Auf den Vorwurf eines reinen „Penalty-Pricings“ zur Profitsteigerung reagiert Koop jedoch entschieden: „Die zeitliche Begrenzung ist ein bewusster Teil unseres Ausbildungskonzepts – und zwar im Interesse der Teilnehmer.“
Vor dem Start erarbeite man in kostenlosen Zoom-Gesprächen einen klaren Fahrplan, sodass volle Transparenz herrsche. „Warum überhaupt ein Zeitrahmen? Weil der gefährlichste Fehler in der Flugausbildung ein Projekt ohne Deadline ist“, warnt der junge Unternehmer eindringlich. Zu oft meldeten sich Flugschüler*innen motiviert an, verlören sich dann aber im Alltag. „Wer sich BZF und Theorie über viele Monate streckt, braucht exponentiell mehr Zeit, weil man sich jedes Mal wieder neu in die Themen reindenken muss“, analysiert Koop. Der Fokus auf einen kompakten Zeitraum sei schlichtweg pädagogisch sinnvoller.
Fazit & Ausblick
Letztlich verlagert eine digitale Theorie-Ausbildung den Flaschenhals auf die praktische Umsetzung im Cockpit, wo schlechtes Wetter oder fehlende Fluglehrerinnen drohen. Hier setzt Aviation Hero mit dem neuen „Praxis Sprint“ an. Gemeinsam mit einer Partnerflugschule in Hannover können Schüler*innen die komplette praktische Ausbildung in nur vier Wochen durchziehen. „BZF und Theorie online in drei Monaten, Praxis in einem Monat – die komplette Privatpilotenlizenz in zirka vier Monaten möglich. Das gibt es in Deutschland in dieser Form sonst nirgends“, verspricht Koop. Für die künftige Skalierung setzt er massiv auf den Ausbau dieses Partnernetzwerks. Flugschulen schicken ihre Schüler*innen für die Theorie zu Aviation Hero, und das Start-up vermittelt sie für die Praxis zurück.
Trotz des schnellen Wachstums bleibt der Gründer bodenständig: „Wir sind gebootstrappt und wachsen organisch. Das heißt: Wir machen den nächsten Schritt erst, wenn der aktuelle wirklich sitzt.“ Das Start-up beweist eindrucksvoll: Selbst in einer stark regulierten und verstaubten Branche kann der radikale Fokus auf digitale Nutzer*innenerfahrung Marktführer hervorbringen. Die spannendste Frage wird nun sein, wie reibungslos Aviation Hero in Zukunft die physischen Flugstunden für seine wachsende Schüler*innenschaft skalieren kann.
NeuroTech-Start-up-Report 2026
Das Betriebssystem des Gehirns: Wie NeuroTech die Grenze zwischen Mensch und Maschine auflöst und welche Start-ups dabei hierzulande federführend sind.
Der Moment, in dem eine gelähmte Person allein durch die Kraft ihrer Gedanken einen digitalen Cursor bewegt oder eine mechanische Prothese steuert, ist im Jahr 2026 längst kein Labor-Wunder mehr, sondern der Startpunkt einer industriellen Revolution. Wir befinden uns am Beginn des „Century of the Brain“. Pioniere wie das Münchner Scale-up munevo (gegründet 2018), das mit Smart-Glass-Steuerungen für Rollstühle Weltmarktführer wurde, oder die Freiburger Implantat-Spezialist*innen von CorTec (gegründet 2010), haben das technologische Fundament gegossen. Doch die neue Generation, die wir heute sehen, macht Neurotechnologie massentauglich und überführt sie aus der universitären Forschung in den klinischen und privaten Alltag.
Die Marktlage 2026
Der Markt hat 2026 eine neue Reifephase erreicht, maßgeblich getrieben durch Edge-AI. Bei dieser Technologie finden die komplexen KI-Berechnungen direkt auf dem Chip des Wearables statt, was Latenzzeiten eliminiert und die sensiblen neuronalen Daten lokal schützt. Branchenschätzungen auf Basis vergangener KfW-Innovationspanels deuten darauf hin, dass in den letzten 18 Monaten über 4,8 Milliarden Euro an Wagniskapital in europäische NeuroTech-Unternehmen geflossen sind. Zudem gehen Prognosen aus dem Umfeld von Branchenverbänden wie dem Bitkom davon aus, dass künftig jedes fünfte deutsche DeepTech-Start-up im Bereich Life Sciences neuronale Daten als Kernbestandteil seines Geschäftsmodells nutzen wird. Series-B-Runden unter 50 Millionen Euro sind bei technologischen Marktführer*innen mittlerweile die Ausnahme, da die regulatorischen Hürden der MDR (Medical Device Regulation) – der strengen EU-Verordnung für Medizinprodukte – enorme Kapitalpuffer für langwierige klinische Studien erfordern.
Jenseits von Neuralink: Die neuen Treiber der Branche
Drei technologische Sub-Sektoren dominieren das Jahr 2026. An vorderster Front steht die Closed-Loop-Neurostimulation, also „intelligente“ Hirnschrittmacher, die neuronale Biomarker in Echtzeit messen und Stimulationen (etwa bei Parkinson) nur dann auslösen, wenn das Gehirn sie wirklich benötigt. Ein weiterer Treiber sind Neuro-Wearables für die Arbeitssicherheit, die kognitive Überlastung messen, bevor menschliches Versagen zu Unfällen führt. Den dritten Block bildet das OPM-MEG (Optically Pumped Magnetometer-Magnetoencephalography). Diese neue Form der Hirnbildmessung nutzt Quantensensoren in leichten Helmen statt tonnenschwerer MRT-Geräte, um Demenz-Muster millimetergenau bei Raumtemperatur zu identifizieren.
Reality Check
Der Weg zum neuronalen Einhorn ist mit gescheiterten Hoffnungen gepflastert. Ein prominentes Mahnmal bleibt der Fall von Halo Neuroscience, die mit „Neuropriming“-Headsets für Sportler*innen einen Hype auslösten, aber letztlich an der mangelnden klinischen Evidenz scheiterten. Daraus hat die Branche vier fatale Fallstricke gelernt: Die Unterschätzung der klinischen Validierung, die Vernachlässigung der „Neuro-Ethics“ (Datensouveränität im Gehirn), das „Plattform-Paradoxon“ (Hardware ohne Software-Ökosystem) und der Versuch eines reinen B2C-Markteintritts ohne ärztliche Einbindung. Gründerinnen, die 2026 bestehen wollen, müssen den „Reimbursement-Weg“ über die Krankenkassen meistern.
Deutsche Brain-Hubs
Deutschland hat sich 2026 als globaler Forschungsanker etabliert. Freiburg bleibt durch das IMBIT das europäische Zentrum für Neuro-Implantate, während Berlin mit der Charité die klinische Validierung dominiert. München nutzt seine Stärke in der Robotik rund um die TU München für intelligente Prothesen, während in Karlsruhe am KIT ein Cluster für KI-basierte Diagnose-Algorithmen entstanden ist. Dresden fungiert derweil durch seine Mikroelektronik-Expertise als die „Werkbank“ für die hochspezialisierten Neuro-Chips der nächsten Generation.
Investor*innen-Radar
Die Finanzierungslandschaft ist 2026 hochgradig spezialisiert. Bei den VCs führen Fonds wie EQT Life Sciences (ehem. LSP) und Kurma Partners das Feld an, während Generalistinnen wie Lakestar oder HV Capital gezielt die Schnittstelle zwischen NeuroTech und generativer KI besetzen. Auf der Corporate-Ebene agieren die Investmentarme von Medtronic und Siemens Healthineers als strategische Anker. In der Frühphase sind es oft erfahrene Gründerinnen als Business Angels oder spezialisierte Syndikate wie die DeepTech Stars, die die ersten Millionen-Tickets lösen.
Diese NeuroTech-Start-ups solltest du 2026 auf dem Radar haben
Für die Auswahl der folgenden Start-ups wurden Unternehmen analysiert, die maximal sieben Jahre alt sind und mindestens TRL 6 (Technology Readiness Level 6) erreicht haben. Das bedeutet, die Technologie wurde bereits erfolgreich in einer klinisch relevanten Umgebung demonstriert. Weitere Kriterien waren die Patentdichte, die Validität des Geschäftsmodells sowie das Vertrauen führender MedTech-Investor*innen im Jahr 2025/26.
Black Semiconductor
Angeführt wird dieses Feld von Black Semiconductor aus Aachen, das 2020 von den Brüdern Dr. Daniel und Sebastian Schall gegründet wurde. Sie entwickeln Graphen-Chips – Halbleiter auf Basis von Kohlenstoff-Nanostrukturen, die Daten optisch übertragen und so künftig die enorme Rechenlast neuronaler KI bewältigen sollen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Deep-Tech-Hardware, gestützt durch eine Gesamtfinanzierung von über 254 Millionen Euro. Der Großteil davon (rund 229 Millionen Euro) stammt aus öffentlichen Förderprogrammen, ergänzt durch privates Kapital von Lead-Investor*innen wie Porsche Ventures und Project A. Gegenwärtig liegt der Fokus des Unternehmens auf der Validierung seiner neuen 300-mm-Wafer-Pilotfertigungslinie („FabONE“) in Aachen. Die Graphen-Technologie besitzt dabei das physikalische Potenzial, die Energieeffizienz und Übertragungsgeschwindigkeit gegenüber herkömmlichen Silizium-Chips massiv zu steigern.
CereGate
In München setzt CereGate, gegründet von Dr. Bálint Várkuti, neue Maßstäbe durch eine Software-Plattform, die Informationen direkt in das Gehirn „einschreibt“, um etwa sensorisches Feedback für Prothesen zu generieren. Ihr B2B-Software-Modell zielt auf Partnerschaften mit großen Implantat-Hersteller*innen ab und wird unter anderem von 468 Capital sowie re.Mind Capital unterstützt. Momentan bereitet das Team klinische Studien vor, um die strengen Anforderungen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) zu erfüllen. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der zukünftigen Behandlung von Parkinson-Gangstörungen, für die das Unternehmen mittelfristig eine entsprechende Zertifizierung und den Marktzugang anstrebt.
MindAhead
Den Bereich der Demenz-Prävention besetzt MindAhead aus Berlin, das 2022 unter anderem von Nina Kiwit und Pasquale Fedele ins Leben gerufen wurde. Ihre KI-Plattform zur Früherkennung und Verlangsamung kognitiven Abbaus wird durch den Roche-Partner RoX Health validiert. In dieser Phase konzentriert sich das Start-up auf die klinischen Studien für die offizielle Listung als dauerhafte DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung). Ziel ist es, nach erfolgreicher Zulassung allen gesetzlich Versicherten in Deutschland einen direkten, auf Rezept erstattungsfähigen Zugriff auf die App zu ermöglichen.
Metis Neurotec
Ebenfalls auf Diagnostik fokussiert ist Metis Neurotec aus Karlsruhe, eine Gründung von Dr. Simon Stock und Marius Gerdes, deren Ursprünge ins Jahr 2021 zurückgehen. Das Spin-off des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickelt eine KI-basierte Software-Plattform zur Demenzprävention. Statt auf EEG-Scans setzen sie auf die intelligente Analyse von individuellen Risikofaktoren und Alltagsdaten, um personalisierte Präventions- und Interventionspläne gegen kognitiven Abbau zu erstellen. Gegenwärtig steht die Weiterentwicklung und Validierung der Plattform im Vordergrund, um künftig als fundiertes digitales Werkzeug die präventive Versorgungskette – auch im ländlichen Raum – nachhaltig zu unterstützen.
Nuuron
Einen visionären Therapieansatz verfolgt das 2023 von Fabian Queisner und Dr. Markus Müschenich gegründete Berliner NeuroTech-Start-up Nuuron. Ihr digitaler „Memory Pacemaker“ zielt darauf ab, das Gedächtniszentrum über ultrahochfrequente visuelle Reize (VR/AR) zu aktivieren und soll künftig als digitale Therapie (DTx) zur Behandlung von Alzheimer-Demenz verschrieben werden. Mit dem kürzlich eingeworbenen Millionenkapital finanziert das Unternehmen nun groß angelegte Studien an der Berliner Charité sowie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), um die gezielte Reaktivierung gedächtnisrelevanter Hirnwellen klinisch zu belegen und den Markteintritt vorzubereiten.
DeepSpin
Parallel dazu arbeitet DeepSpin aus Berlin, das 2020 von Clemens Tepel und Pedro Freire Silva gegründet wurde, an der Revolutionierung der medizinischen Bildgebung durch tragbare KI-MRT-Systeme. Unterstützt durch Investorinnen wie APEX Ventures entwickelt das Team eine völlig neue Architektur, die auf vereinfachte, kostengünstige Magnete setzt und die fehlende Hardware-Präzision durch hochkomplexe KI-Algorithmen ausgleicht. Das langfristige Ziel ist es, MRT-Scans extrem kostengünstig und mobil direkt zu den Patient*innen (Point-of-Care) zu bringen. Derzeit forciert das Spin-off die technologische Entwicklung und Validierung seiner Systeme, um den Weg für zukünftige klinische Einsätze und behördliche Zulassungen zu ebnen.
BrainGrade
In der Hauptstadt ansässig ist auch BrainGrade, das 2019 von Peter Schlecht gegründet wurde und durch den renommierten kalifornischen Biotech-Accelerator IndieBio gefördert wird. Das Neurotech-Start-up arbeitet an intelligenten Gehirnimplantaten zur kognitiven Neurostimulation, um den Abbau bei Alzheimer-Patientinnen gezielt zu verlangsamen. Das hochkarätig besetzte Team konzentriert sich momentan intensiv auf die technologische Entwicklung und präklinische Validierung der Systeme. Das langfristige Ziel ist es, die Sicherheit und Wirksamkeit dieser Implantate in künftigen klinischen Studien am Menschen zu belegen und so die Unabhängigkeit von Patientinnen deutlich zu verlängern.
Internationaler Ausblick & Fazit
Global erleben wir 2026 eine Verschmelzung von NeuroTech und Generativer KI, wobei die USA bei „Brain-to-Text“-Anwendungen für den Massenmarkt führen, während Asien massiv in staatlich gefördertes Brain-Monitoring im Bildungssektor investiert. Europa hat jedoch die historische Chance, bei der ethisch fundierten, medizinisch zertifizierten Neurotechnologie Weltmarktführer zu bleiben. 2026 ist das Jahr, in dem Neurotechnologie den „Ivory Tower“ der Universitätskliniken endgültig verlässt und im heimischen Medizinschrank ankommt. Für Gründer*innen und Investor*innen bedeutet dies: Der Hype ist vorbei, die Ära der harten klinischen und ökonomischen Beweise hat begonnen.
Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping
Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.
Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.
Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine
Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.
Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.
Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg
Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.
Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.
2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.
Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt
Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.
Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.
Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?
Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.
Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.
Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.
Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.
Vivid: Runway verlängern mit US-Dollar
Das FinTech Vivid Money, 2019 von Alexander Emeshev und Artem Iamanov in Berlin gegründet, meldet 100.000 KMU-Kund*innen und lockt Start-ups mit bis zu 5 Prozent Zinsen auf Dollar- und Pfund-Guthaben. Für international finanzierte Gründungsteams ist das Angebot attraktiv, um die eigene Runway zu verlängern. Doch ein genauer Blick auf die Konditionen und den harten Wettbewerb im Business-Banking zeigt: Gründende müssen spitz kalkulieren.
Vivid Money positioniert sich im Geschäftskundensegment mit einem erweiterten Cash-Management-Angebot. Im Zentrum der Ankündigung stehen Verzinsungen, die speziell auf die Bedürfnisse international finanzierter Start-ups zugeschnitten sind. Geschäftskund*innen erhalten auf Guthaben in US-Dollar und britischen Pfund bis zu 5 Prozent Zinsen pro Jahr. Auf Euro-Guthaben zahlt das Unternehmen bis zu 4 Prozent.
Bei diesen Zahlen ist jedoch eine kritische Einordnung geboten: Es handelt sich um klassische, zeitlich befristete Lockangebote zur Neukund*innengewinnung. Der Spitzenzinssatz für Fremdwährungen gilt für fünf Monate. Der Zinssatz für Euro-Guthaben ist auf vier Monate begrenzt. Nach Ablauf dieser Aktionszeiträume fallen die Zinsen deutlich ab – auf bis zu 3 Prozent für Fremdwährungen und bis zu 2 Prozent für den Euro, was zudem an den jeweils gewählten Tarif des FinTechs gekoppelt ist. Darüber hinaus behält sich der Anbieter vor, die Zinssätze je nach Marktlage oder nach eigenem Ermessen anzupassen.
Jenseits der Marketing-Zahlen bietet die strukturelle Erweiterung der Plattform jedoch einen greifbaren administrativen Nutzen für Gründerinnen und Gründer. Da viele Start-ups ihr Kapital durch US-Investor*innen in Dollar erhalten, mussten diese Gelder bislang oft aufwendig und gebührenpflichtig umgeschichtet werden. Vivid ermöglicht es nun, internationale SWIFT-Zahlungen direkt aus den verzinsten USD- und GBP-Konten heraus zu tätigen. Zusätzliche Bankpartner, externe Treasury-Lösungen oder teure Währungsumrechnungen entfallen für diese Transaktionen. Zudem öffnet die Plattform, die nun vollständig über den Webbrowser bedienbar ist, den Zugang zu über 1850 Assets (Money Market Funds, ETFs, stocks, iBonds, crypto).
Für junge Unternehmen ohne eigene Finanzabteilung stellt dies eine niedrigschwellige Möglichkeit dar, Teile der Firmenrücklagen strukturiert anzulegen und brachliegendes Kapital zumindest als Inflationsausgleich arbeiten zu lassen.
Vom B2C-Hype zur pragmatischen B2B-Plattform
Vivid startete ursprünglich mit einer gänzlich anderen Vision in den Markt. In der Hochphase des Fintech-Booms positionierte sich das von namhaften Investoren wie Greenoaks Capital und DST Global Partners finanzierte Unternehmen als verbraucher*innenorientierte App mit einem starken Fokus auf Krypto-Trading und Cashback-Programme. Die harte Marktrealität im Privatkund*innengeschäft, dominiert von Playern wie N26 und Revolut, zwang das Management jedoch zu einem strategischen Kurswechsel.
Vivid vollzog einen weitreichenden Pivot weg vom reinen Endkonsument*innen und wandte sich dem Geschäftskund*innensegment zu. Dieser Strategiewechsel scheint aufzugehen, denn nach Unternehmensangaben konnte in weniger als zwei Jahren die Marke von 100.000 KMU-Kund*innen überschritten werden.
Das Treasury-Volumen spiegelt diese Neuausrichtung ebenfalls wider: Zwischen Februar 2025 und Februar 2026 wuchs die Zahl der Treasury-Nutzer*innen um das Zweieinhalbfache, während sich die verwalteten Einlagen im selben Zeitraum verdreifachten. Die von Mitgründer Alexander Emeshev und dem für das Treasury verantwortlichen Esmond Berkhout formulierte Strategie setzt nun vollends darauf, Start-ups eine kombinierte Infrastruktur aus alltäglichem Banking und anspruchsvolleren Anlageprodukten zu bieten. Für das Jahr 2026 hat das Management das ambitionierte Ziel ausgegeben, die Kund*innenzahl in diesem Segment abermals zu verdoppeln.
Ein hart umkämpftes Oligopol
Der aktuelle Vorstoß in das Zinsgeschäft für Fremdwährungen trifft einen wunden Punkt der europäischen Gründer*innenszene. Das allgemeine Finanzierungsumfeld hat sich merklich abgekühlt, Finanzierungsrunden dauern deutlich länger und Kapital wird von Investor*innen spürbar selektiver vergeben. Gleichzeitig stammen laut KfW-Daten rund 60 Prozent der Startup-Investitionen von internationalen Geldgeber*innen, wobei gut ein Viertel des Kapitals allein aus den USA fließt. Die Verlängerung der sogenannten Runway durch ein aktives Liquiditätsmanagement rückt daher gezwungenermaßen ins Zentrum der Finanzplanung vieler Gründungsteams. Dennoch bewegt sich Vivid bei dem Versuch, dieses Problem zu lösen, in einem hochkompetitiven Umfeld.
Im europäischen B2B-Banking dominieren stark finanzierte und etablierte Player wie der französische Marktführer Qonto, der finnische Pionier Holvi oder aufstrebende Herausforderer wie Finom. Auch Revolut Business ist mit aggressiven Preismodellen dauerpräsent. Die strategische Differenzierung von Vivid liegt im Versuch, sich nicht nur als reines Transaktionskonto, sondern als holistisches Betriebssystem für Finanzen zu etablieren, das operative Liquidität und strukturierten Anlageverkehr verschmilzt.
Für uns ergibt sich aus dieser Entwicklung ein klares pragmatisches Bild. Das temporäre Zinsangebot in Dollar und Pfund ist ein unbestreitbar attraktives Vehikel für frisch finanzierte Start-ups mit internationalen Investor*innen, um Währungsverluste durch Liegegelder zu minimieren und das aufgenommene Kapital sofort arbeiten zu lassen.
Gründungsteams müssen jedoch fernab des ersten Zinsversprechens nüchtern kalkulieren. Es gilt genau zu prüfen, ob die fixen Grundgebühren der verschiedenen Vivid-Tarife und die Konditionen nach Ablauf der viermonatigen respektive fünfmonatigen Lockzinsphase langfristig tatsächlich wirtschaftlicher sind als die etablierten Strukturen und Konditionen der direkten Wettbewerber*innen am Markt.
Amba: Der Schlüssel zum Digital Detox
Drei Stunden und 19 Minuten – so lange hängen junge Erwachsene täglich auf Social Media, oft völlig unbewusst. Das Kölner Start-up Amba will diesen Scroll-Automatismus nun mit einem simplen haptischen Trick durchbrechen: Ein NFC-Schlüsselanhänger erzwingt eine physische Hürde. Doch kann das Konzept im Alltag wirklich bestehen?
Das 2025 von Yves Maurice Clever und Bastian Fischer gegründete Kölner Start-up Amba positioniert sich mutig im umkämpften Digital-Wellbeing-Markt. Statt auf strenge App-Verbote zu setzen, wollen die beiden 27-Jährigen das unbewusste Dauer-Scrollen auf Social Media mit einem physischen Schlüsselanhänger stoppen. Angesichts einer durchschnittlichen Social-Media-Nutzungsdauer von drei Stunden und 19 Minuten bei jungen Erwachsenen – wovon viel Zeit für rein gewohnheitsmäßiges Scrollen draufgeht – zielt Amba darauf ab, dieses Muster durch eine haptische Hürde zu durchbrechen.
Yves, der in Neuss Marketing studierte, beschäftigt sich schon lange mit digitaler Achtsamkeit, während Bastian als Informatiker das technische Know-how aus der Softwareentwicklung mitbringt. Angetrieben aus dem eigenen Frust über gängige Software-Lösungen, die sich mit wenigen Klicks umgehen ließen, begannen sie im Sommer vergangenen Jahres mit der Produktentwicklung, bevor im Oktober 2025 die offizielle Gründung in Köln folgte.
Haptik schlägt Habit
Doch wie verhindert man, dass der Griff zum NFC-Chip nicht bald zur nächsten unbewussten Gewohnheit wird? „Unbewusstes Scrollen funktioniert so gut, weil alles in derselben Bewegung passiert: Man nimmt das Handy in die Hand und ist sofort in der App“, analysiert Mitgründer Bastian. Ein physisches Element unterbreche genau diesen Automatismus.
Der entscheidende Vorteil gegenüber klassischer Software liege im Timing, so Bastian weiter: „Bildschirmzeit-Limits erscheinen meist erst im Scroll-Moment, wenn viele schon im Autopilot sind und sie reflexartig wegklicken. Bei Amba fällt die Entscheidung vorher.“ Nach dem haptischen Entsperren legen die Nutzer*innen fest, wie viel Zeit sie in der App verbringen möchten. Bastian betont: „Dieser kleine mentale Rahmen macht Social Media wieder zu einer bewussten Entscheidung statt zu einer Gewohnheit.“ Erste Tests scheinen den Gründern recht zu geben: Eigenen Angaben zufolge sei die Social-Media-Nutzung der Tester auf durchschnittlich 49 Minuten pro Tag gesunken.
Das Hardware-Paradoxon und die Konkurrenz
Der Ansatz der „Intentional Friction“ ist clever, doch der Markt verzeiht keine Fehler. Mit dem niederländischen Start-up Unpluq existiert bereits ein etablierter Konkurrent mit einem fast identischen NFC-Konzept. Yves sieht den Unterschied seines Produkts vor allem in der Systematik. „Viele bestehende Lösungen [...] funktionieren nach dem Prinzip: Man hält den Tag ans Smartphone, um Apps zu sperren, und deaktiviert die Sperre später wieder. Wir haben die Logik umgedreht“, kontert Yves. Bei Amba seien die Apps standardmäßig gesperrt und würden erst durch den Schlüssel freigeschaltet.
Zudem wolle man sich über eine extrem niedrige Einstiegshürde abheben: „Deshalb kostet der physische Tag bei uns nur einen symbolischen Euro und Nutzer können Amba zwei Wochen lang testen“, erklärt Yves den aggressiven Markteinstieg.
Der Kampf gegen die Abo-Müdigkeit
Dennoch muss sich Amba langfristig beweisen, insbesondere da laut einer ExpressVPN-Umfrage 38 Prozent der Konsument*innen explizit unter „Abo-Müdigkeit“ leiden. Ob die Nutzerschaft dauerhaft bereit ist, knapp 20 Euro im Jahr für einen softwarebasierten Verzicht zu zahlen, bleibt abzuwarten.
Bastian räumt offen ein: „Mit den physischen Tags verdienen wir tatsächlich kein Geld, sie decken lediglich die Produktionskosten.“ Er ist jedoch überzeugt, dass die Abo-Investition für die Nutzer*innen unverzichtbar bleibt, da das Suchtpotenzial der Apps nicht verschwinde. „Social-Media-Plattformen sind bewusst so gestaltet, dass sie möglichst lange Aufmerksamkeit binden. Viele Nutzer berichten uns, dass sie nach kurzer Zeit wieder in alte Muster zurückfallen, sobald sie die Unterstützung entfernen“, warnt Bastian. Das Ziel sei daher keine einmalige „Detox“-Kur, sondern ein Rahmen, um die Nutzung „langfristig kontrollierter zu gestalten“.
Technischer Flaschenhals zum Start
Erschwerend kommt aktuell ein stark restriktives System hinzu: Durch die Begrenzung auf das Betriebssystem iOS 18 bleiben der gesamte Android-Markt sowie Besitzer*innen älterer Apple-Geräte vorerst kategorisch ausgeschlossen. „Die aktuelle Einschränkung auf neuere iOS-Versionen hat vor allem technische Gründe“, verteidigt Yves diesen harten Schnitt. Einige NFC-Funktionen liefen auf älteren Systemen schlichtweg noch nicht stabil genug. Eine Android-Version sei geplant, befinde sich aber noch nicht in der Entwicklung.
Und was passiert, wenn man den rettenden Chip zu Hause vergisst und komplett blockiert ist? Yves beschwichtigt: Für solche Fälle gebe es eine Notfallfunktion in der App, die eine temporäre Entsperrung erlaube. Er verspricht: „Amba soll eine bewusste Hürde schaffen, aber keine Situation, in der Nutzer komplett von ihrem Smartphone abgeschnitten sind.“
Letztlich wandert das Kölner Start-up auf dem schmalen Grat zwischen Achtsamkeit und Deinstallation. Der Erfolg steht und fällt mit dem Hardware-Paradoxon: Nur wenn die Community den Schlüsselanhänger langfristig als befreiendes Werkzeug und nicht als frustrierende Barriere wahrnimmt, wird sich das subventionierte Abo-Modell gegen die Platzhirsche rentieren.
Angriff auf die Portal-Giganten: PropTech Mietz steigt in den Immo-Verkauf ein
Pünktlich zum bevorstehenden fünfjährigen Jubiläum wagt das Berliner Start-up Mietz den nächsten großen Schritt. Die PropTech-Plattform von Gründerin Lena Tuckermann erweitert ihr Geschäftsmodell und bietet ab sofort neben der digitalen Vermietung auch den Immobilienverkauf über eine End-to-End-Plattform an.
Damit positioniert sich das Unternehmen künftig als umfassende digitale Lösung für Vermietung und Verkauf von Wohnimmobilien in Deutschland. Was als nutzerinnenfreundliche App-Alternative für die Wohnungssuche begann, soll sich nun zu einer umfassenden Infrastruktur entwickeln, die nahezu den gesamten Verkaufsprozess digital organisieren soll.
Das Bemerkenswerte daran: Laut Gründerin Lena Tuckermann hat ein dreiköpfiges Kernteam das neue Segment in nur 14 Tagen mithilfe von KI aus dem Boden gestampft – eine klare Kampfansage an die etablierten Marktgiganten.
Vom eigenen Wohnungs-Frust zum PropTech-Challenger
Die Mietz GmbH ist eine 2021 gegründete SaaS-Plattform für digitale Immobilienvermarktung mit Sitz in Berlin. Entstanden aus der eigenen Frustration bei der Wohnungssuche, startete Tuckermann mit der Mission, Vermietende und Mietende von Mailfluten zu befreien und den gesamten Prozess der Wohnraumvermietung zu digitalisieren. Das reicht von der Inseratserstellung über das Bewerbermanagement bis hin zur rechtssicheren Vertragsunterzeichnung.
+++ Tipp der Redaktion: 2023 was Lena Tuckermann bereits unsere „Gründerin der Woche“ – hier das Interview zum Nachlesen. +++
Das Konzept ging auf: Inzwischen wird die Plattform nach Unternehmensangaben deutschlandweit von über 150.000 Nutzerinnen verwendet. Flankiert wird das aktuelle Wachstum durch strategische Verstärkung im Management: Der Münchner Unternehmer Lukas Schwaiger ist als neuer Partner an Bord. Er schließe laut Tuckermann vor allem eine inhaltliche Lücke im Team. „Lukas teilt unsere Vision und Ambition und ist damit eine große Bereicherung für Mietz“, freut sich die Gründerin. Und schiebt den strategischen Mehrwert gleich hinterher: „Zudem bringt er viel operative Expertise aus dem Verkaufssegment ein – dieses Wissen ist wertvoll für die Weiterentwicklung unserer Software Prozesse.“
KI-Tempo vs. Konzernstrukturen
Besonders aufsehenerregend ist die Geschwindigkeit der Produktentwicklung. Dass das neue Marktsegment des Immobilienverkaufs dank des massiven Einsatzes künstlicher Intelligenz von nur drei Personen innerhalb von zwei Wochen aufgebaut wurde, ist eine Kampfansage. Mietz positioniert sich bewusst als schnelle, technologiegetriebene Alternative zu einem Monopol mit 1049 Mitarbeitenden – ein unverhohlener Seitenhieb auf die dominierenden Immobilienportale. In einer traditionell stark von Männern dominierten Immobilienbranche setzt Tuckermann als Female Founder damit ein echtes Ausrufezeichen für agile Softwareentwicklung.
Doch wie viel an den 14 Tagen Entwicklungszeit ist reines KI-Prompting und wie viel echte Programmierarbeit? „Das war ein ambitionierter Plan, aber ich war mir sicher, mit dem aktuellen Tech-Setup schaffen wir das“, blickt Tuckermann zurück. Sie ordnet die Euphorie jedoch realistisch ein: „Der Großteil ist nach wie vor klassisches Coding, die Einzelprozesse werden jedoch durch K-Produkte in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit abgewickelt, als vorher.“ Dennoch sei der Sprung gewaltig: „Vor einem Jahr beispielsweise hätten wir mit Coding allein noch viel länger für so ein Produkt gebraucht. Das ist eine riesige Chance für Start-ups in der aktuellen Zeit.“
Diese neuen technischen Möglichkeiten will Mietz nutzen, um gezielt die Schwächen des großen Goliaths anzugreifen. Dieser habe laut der Gründerin in den letzten Jahren durch eine sehr aggressive Preispolitik im Markt viele Teilnehmer verärgert. Zudem liefen viele Prozesse immer noch arbeitsintensiv, intransparent und vor allem ineffizient ab. „Kein Mensch braucht 1.000+ E-Mails pro Vermietung“, kontert Tuckermann scharf. Ihre Kampfansage lautet daher: „Wir sehen die Chance darin, diese Probleme zu lösen und einen Prozess zur Verfügung zu stellen, der fair, kosteneffizient und schnell funktioniert. Ohne eine einzige E-Mail.“
Tinder-Prinzip trifft auf KI und B2B-Effizienz
Der Verkaufsbereich richtet sich wie auch die Vermietung sowohl an Privatpersonen als auch an professionelle Anbieter*innen. Die Plattform digitalisiert sämtliche Schritte der Immobilienvermarktung und soll dadurch Kosten und administrativen Aufwand erheblich reduzieren. Das System basiert auf mehreren technologischen Säulen, die nun auch den Verkauf skalierbar machen sollen.
Um das zu erreichen, setzt Mietz auf eine radikale Vereinfachung der User Experience: Für Suchende adaptiert die Plattform das gelernte Tinder-Prinzip. Nach der einmaligen Anlage einer digitalen Bewerbungsmappe reicht ein simpler Swipe nach rechts, um sich auf passende Objekte zu bewerben. Auf Anbieterseite verspricht die Software dank KI-gestützter Automatisierung eine massive Arbeitserleichterung. So soll die Künstliche Intelligenz selbständig Exposé-Texte basierend auf hochgeladenen Bildern verfassen und diese eigenständig um Mikro- sowie Makrolage-Daten ergänzen.
Flankiert wird dies vom sogenannten Mietz Score: Ein eigens entwickelter Algorithmus wertet Bewerberinnendokumente vollautomatisch aus und zeigt den Anbieterinnen sofort die Passgenauigkeit und Bonität der Interessenten an. Doch Mietz zielt nicht nur auf private Eigentümerinnen ab: Mit einem klaren B2B-Fokus unterstützt die Plattform auch Massenimporte sowie Schnittstellen zu ERP-Systemen, wodurch sich die Lösung ebenso nahtlos für Wohnungsunternehmen, Projektentwicklerinnen und Maklerinnen eignet.
Laut Tuckermann reduziert die digitale End-to-End-Lösung die Kosten um bis zu 80 Prozent und wickelt den Vermietungsprozess im Schnitt doppelt so schnell ab wie übliche Immobilienplattformen.
Zwischen Convenience und Notariat
Der Kauf einer Immobilie ist jedoch eine hochvolumige, oft lebensverändernde Entscheidung. Ob eine schnelle, auf Bequemlichkeit getrimmte UX dem enormen Informations- und Sicherheitsbedürfnis beim Immobilienkauf gerecht wird, muss sich erst noch zeigen. Auf die Nachfrage, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wolle, betont die Gründerin: „Gerade bei einer solchen Kauf-Entscheidung geht es um Verlässlichkeit, Sicherheit und Transparenz.“ Man verstehe sich nicht nur als Plattform, sondern als Unterstützer für die Nutzer*innen. Das setze man um, indem nur geprüfte Angebote von seriösen Anbieter*innen gelistet und auch Informationen rund um den Prozess zur Verfügung gestellt werden.
Ein weiteres Nadelöhr ist der in Deutschland zwingend erforderliche Gang zum Notariat. Tuckermann räumt ein, dass die Software in diesem streng regulierten analogen Schritt aktuell noch an juristische Grenzen stößt. „Im Verkauf ist das Vertrauen in der Anbahnung und die Verbindung der richtigen Vertragsparteien ein sehr wesentlicher Prozess. Hierauf konzentrieren wir uns für den Start in diesem Jahr“, erklärt sie die aktuelle Roadmap. Langfristig wolle man die Grenzen aber verschieben: „Im Anschluss geht es darum, den Prozess möglichst weit für den Notar vorzubereiten – etwa durch Features, die den Datenraum automatisch aufbereiten.“
Wo Mietz angreift – und was zum Überleben nötig ist
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt, dass Mietz sich auf ein hart umkämpftes Schlachtfeld begibt. Das von Lena Tuckermann erwähnte Monopol mit 1049 Mitarbeitenden ist ein kaum verhüllter Fingerzeig auf den Branchenriesen ImmoScout24. Flankiert von Playern wie Immowelt dominiert dieser das klassische Classifieds-Geschäft. Gleichzeitig tummeln sich im PropTech-Sektor bereits etablierte Start-ups wie McMakler, die den Verkaufsprozess als hybride Makler digitalisieren wollen.
Wie kann und muss sich Mietz in diesem Sandwich aus Milliardenkonzernen und Unicorn-Hoffnungen absetzen? Die Strategie der Berliner ruht dabei auf drei tragenden Säulen. Anstatt wie klassische Immobilienportale überwiegend auf kostenintensive Anzeigenmodelle zu setzen – und damit viel Frustration im Markt zu verursachen –, verfolgt Mietz einen technologiegetriebenen Ansatz. Das Ziel ist es, Immobilientransaktionen und das gesamte Ökosystem rund um die Immobilie als digitales Home Ecosystem völlig neu zu denken.
Um sich zudem die KI-gestützte Preisführerschaft zu sichern, greift das Start-up die teuren Verkaufs-Inserate der klassischen Portale sowie die kostenintensiven Vertriebsteams der Hybrid-Makler an. Mietz setzt als SaaS-Modell stattdessen voll auf KI und Automatisierung, um die Kosten für Anbieter*innen drastisch zu senken. Der dritte entscheidende Hebel gegen die großen Portale ist ein gezielter B2B-Lock-in-Effekt: Durch eine tiefe Integration in die Arbeitsabläufe der Immobilienprofis mittels ERP-Schnittstellen will Mietz für Wohnungsunternehmen langfristig unverzichtbar werden.
Bei der Monetarisierung des Verkaufssegments weicht Tuckermann von reinen Abo-Modellen ab: „Es wird eine Kombination geben“, verspricht sie. „Wir überlassen unseren Nutzern die Wahl, ob sie Mietz in einem pay-per-use Modell nutzen möchten oder als SaaS Abo.“
Der Lackmustest
Lukas Schwaiger ist überzeugt, dass klassische Plattformmodelle in den kommenden Jahren durch technologische Entwicklungen und KI zunehmend an Bedeutung verlieren werden. Dennoch bleibt der Immobilienmarkt ein „Winner-takes-all-Spielfeld“. Platzhirsche verfügen über gewaltige Netzwerkeffekte und Millionen von Seitenbesucher*innen. Eine End-to-End-Lösung muss zwingend genügend Käuferinnen und Verkäuferinnen vereinen, um echte Liquidität im Markt zu schaffen.
Wie will Mietz ohne gigantisches Marketingbudget diese Netzwerkeffekte erzielen? Tuckermann gibt sich hier überaus selbstbewusst: „Beide Parteien sind schon da und kommen aktuell aus dem Markt proaktiv auf uns zu.“ Sie verweist auf die Vorarbeit der letzten Jahre: „Wir haben in den vergangenen Jahren ein starkes Immobiliennetzwerk aufgebaut. Die Produktwünsche hat der Markt klar formuliert.“ Für ihr agiles Team sei die Mission nun simpel: „Für uns geht es jetzt vor allem um deren Umsetzung in hoher, technischer Geschwindigkeit.“
Dass ein 3-Personen-Team nach eigenen Angaben in 14 Tagen ein Verkaufs-Tool baut, beweist beispiellose Agilität. Ob das ausreicht, um hochvolumige Transaktionen von den etablierten Playern abzuziehen, wird die Zukunft zeigen.
TRONITY: Daten statt Dongles
Das 2020 von Torsten Born, Sebastian Netuschil und Nils Machner gegründete Start-up TRONITY baut seine Kooperation mit Mercedes-Benz weiter aus und bringt seine Software für die Abrechnung von Heimladekosten nun auch für deutsche Geschäftskund*innen des Stuttgarter Autobauers auf den Markt. Für das Gründerteam aus ehemaligen SAP-Mitarbeitern ist der Deal ein Meilenstein. Doch wie nachhaltig ist das rein datengetriebene Geschäftsmodell in einem komplexen regulatorischen Umfeld? Eine Einordnung.
Hinter TRONITY stehen Torsten Born, Sebastian Netuschil und Nils Machner, die das Unternehmen 2020 in Mannheim gründeten. Die berufliche Herkunft der drei Gründer ist unverkennbar: Alle drei kommen aus dem SAP-Umfeld. Dieses tiefe Verständnis für komplexe IT-Systeme und Enterprise-Lösungen prägt die Entwicklung des Start-ups spürbar. Entstanden aus dem Ziel, die Blackbox "Elektromobilität" transparenter zu machen, hat sich der Fokus mittlerweile erfolgreich auf das lukrative B2B-Flottengeschäft erweitert.
Virtuelle Zwillinge statt Hardware-Wildwuchs
Der Kern des TRONITY-Modells ist so simpel wie effektiv: Anstatt Fuhrparks mit teurer Hardware wie OBD-Dongles oder spezifischen Smart-Wallboxen auszustatten, greift die Software rein datenbasiert auf die Fahrzeuge zu. Das Start-up baut digitale Zwillinge von Elektro- und Plug-in-Hybridfahrzeugen und nutzt dafür direkte Datenzugriffsvereinbarungen (APIs) mit über 20 Automobilherstellern – darunter Tesla, VW, BMW, Ford und Mercedes-Benz.
Mit der B2B-Lösung TRONITY Fleet adressiert das junge Unternehmen eine der größten organisatorischen Hürden der betrieblichen E-Mobilität: die Abrechnung des Ladestroms, wenn Mitarbeitende den Firmenwagen zu Hause laden. Die Software erfasst Ladevorgänge auf Basis der Fahrzeugdaten und automatisiert die Rückerstattung. Dank der SAP-Vergangenheit der Gründer lässt sich das System nahtlos in bestehende ERP-Strukturen integrieren. Nachdem die Lösung bereits 2025 in den Benelux-Ländern als Ladelösung für Mercedes-Benz-Geschäftskund*innen etabliert wurde, folgt am 24. März 2026 nun der strategisch wichtige Rollout in Deutschland.
Skalierbarkeit vs. Bürokratie
Aus Start-up- und Investor*innenperspektive ist TRONITY ein hochspannendes B2B-SaaS-Modell. Es löst ein konkretes Problem und ist durch den Verzicht auf zusätzliche Hardware extrem gut skalierbar. Dennoch birgt der Ansatz strategische Herausforderungen, die kritisch beobachtet werden müssen:
- Die API-Abhängigkeit: Das Geschäftsmodell steht und fällt mit der Bereitschaft der Automobilhersteller, ihre Telematikdaten über Schnittstellen zugänglich zu machen. Sollten große Player künftig den Datenzugriff restriktiv handhaben, um eigene, geschlossene Software-Ökosysteme zu forcieren, wäre TRONITYs Kernversprechen der Herstellerunabhängigkeit massiv bedroht.
- Die Eichrecht-Falle beim Finanzamt: TRONITY automatisiert die Abrechnung elegant. Allerdings schwelt in Deutschland ein bürokratischer Konflikt: Die Arbeitsgemeinschaft Mess- und Eichwesen (AGME) und das Finanzministerium ringen aktuell darum, wie lückenlos Ladekosten nachgewiesen werden müssen. Eine gesetzlich striktere Auslegung, die zwingend mess- und eichrechtskonforme Hardware-Zähler für steuerfreie Rückerstattungen vorschreibt, könnte dem rein softwarebasierten, ungeeichten Ansatz steuerrechtlich Steine in den Weg legen.
- Gegenwind im E-Automarkt: Das Start-up agiert in einem Sektor, der aktuell unter erheblichem Transformationsdruck steht. Eine Verzögerung bei der Umstellung von Unternehmensflotten auf E-Autos könnte das erhoffte Hyperwachstum des Unternehmens bremsen.
Fazit
TRONITY beweist eindrucksvoll, dass sich agile Software-Start-ups als Innovations-Bindeglied für etablierte Automobilkonzerne positionieren können. Die tiefe Integration in das Flottenportfolio von Mercedes-Benz ist ein massiver Proof of Concept und Ritterschlag für die Mannheimer. Um den Erfolg langfristig abzusichern, muss das Team nicht nur seinen technologischen Vorsprung verteidigen, sondern auch hoffen, dass die deutsche Steuerbürokratie der pragmatischen Digitalisierung nicht den Stecker zieht.
HofFloh: Von der analogen Nische zur digitalen Plattform
Flohmärkte im eigenen Hinterhof boomen. Das 2025 in Köln gegründete Start-up HofFloh will diesen analogen Trend bündeln und digitalisieren. Doch lässt sich ein hyperlokales Event skalieren, wenn das Geschäftsmodell auf Micro-Payments von 2,50 Euro basiert? Ein kritischer Blick auf eine Geschäftsidee zwischen Veedels-Romantik und Plattform-Ökonomie.
In zunehmend anonymisierten Großstädten wächst die Sehnsucht nach lokaler Vernetzung. Genau hier setzt HofFloh an. Das mittlerweile vierköpfige Team hat eine App- und Web-Plattform entwickelt, über die Privatpersonen Hofflohmärkte im eigenen Viertel organisieren können. Die klassische, oft chaotische Zettelwirtschaft an Straßenlaternen wird dabei durch eine interaktive, digitale Live-Karte ersetzt. Darauf können Nutzer*innen ihre Stände eintragen und Besucher*innen sich ihre Routen zusammenstellen.
Aus der Entwicklerstube in den Hinterhof
Die Gründungshistorie des Start-ups ist stark produktgetrieben: Die Gründer*innen Sebastian Schmitz (CEO), Martin Müller (CEO & CTO) und Andrea Schmitz (CMO) bündelten ihre technische und kommunikative Expertise. Die Idee entstand pragmatisch, als das Team selbst einen Hofflohmarkt ausrichten wollte und an der mangelnden digitalen Infrastruktur scheiterte.
„2025 haben wir in Köln zu dritt HofFloh gegründet“, blickt Andrea Schmitz zurück. Dabei habe man sich bewusst auf ein Thema gestürzt, das viele unterschätzen würden: lokale Geschäftsmodelle. Finanziert wird das Vorhaben bislang konsequent durch Bootstrapping – ganz ohne klassisches Venture Capital.
Auf die Frage, ob der Verzicht auf das große Geld angesichts drohender Copycats nicht irgendwann zur Wachstumsbremse wird, kontert die Gründerin selbstbewusst: „Unser bewusster Verzicht auf externes Kapital ist aktuell ein strategischer Vorteil, weil wir uns voll auf Produkt und Nutzer*innen konzentrieren können, statt auf schnelles, oft künstliches Wachstum.“ Bei einem hyperlokalen Ansatz ließen sich viele Dinge nicht am Reißbrett skalieren, sondern müssten vor Ort entstehen. Erst wenn funktionierende Strukturen und wiederholbare Mechaniken stehen, wolle man in die Breite gehen.
Vor finanzstarken Nachahmern scheint das Team keine Angst zu haben. Schmitz räumt zwar ein, dass sich ein Copycat mit viel Kapital schnell Sichtbarkeit einkaufen könne. Sie betont jedoch die eigene Verteidigungslinie: „Was sich aber nicht kurzfristig kopieren lässt, sind funktionierende lokale Communities.“ Genau darin sehe HofFloh seinen langfristigen Vorteil.
Sympathisch, aber langfristig tragfähig?
Die Plattform verzichtet komplett auf In-App-Werbung und den Verkauf von Nutzer*innendaten. Wer einen Stand auf der Karte eintragen will, zahlt faire 2,50 Euro als Frühbucher*in oder 5,00 Euro bei kurzfristigen Anmeldungen. Angesichts der laufenden Kosten für Server, Support und regionales Marketing drängt sich jedoch zwangsläufig die Frage der Profitabilität auf. Wie viele Stände müssen gebucht werden, um nicht ins Minus zu rutschen?
Schmitz verweist auf die schlanken Strukturen des Start-ups: „Wir haben keine hohen Fixkostenstrukturen und achten sehr genau darauf, dass unsere Kosten mit dem Wachstum skalieren.“ Die niedrigen Einstiegspreise seien aktuell ein bewusstes Werkzeug, um Nutzung und Akzeptanz für das noch recht neue Konzept aufzubauen. Das Modell lebe von der Bündelung, so die CMO weiter. An einem einzigen Wochenende könnten in einer Stadt mehrere hundert Stände zusammenkommen. „Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Transaktion, sondern die Wiederholung“, erklärt sie. Da viele Viertel regelmäßig Hofflohmärkte organisieren, denke HofFloh nicht in einzelnen Buchungen, sondern in aktiven Städten und wiederkehrenden Events.
Dennoch bleibt die Nutzer*innenakquise (CAC) bei Margen im Cent-Bereich eine Herausforderung. Teure Performance-Marketing-Kampagnen auf Meta oder Google sind bei diesen Summen schlicht nicht rentabel. Das Kölner Start-up setzt daher auf Growth-Hacks und Mundpropaganda. Das Wachstum sei bisher fast vollständig organisch verlaufen, berichtet die Mitgründerin. Jeder eingetragene Stand fungiere als Touchpoint im Viertel. „Menschen sehen die Stände, sprechen darüber und tragen die Idee weiter“, so Schmitz.
Um die Abhängigkeit von reinen Algorithmen zu durchbrechen, baue man zudem gezielt einen eigenen Newsletter sowie Community-Strukturen auf. Das Start-up unterstützt die lokale Verbreitung mit automatisch generierten Postern, Flyern sowie Vorlagen für WhatsApp und Social Media. Neuerdings setzt HofFloh auch auf kleine Upsells: „Teilnehmende können ergänzend Flyer-Briefe für die Verteilung im Viertel sowie HofFloh-Starterpakete kaufen, um die lokale Sichtbarkeit weiter zu erhöhen“, berichtet Schmitz. Diese Mischung aus Produktmechanik und Community-Aufbau habe geholfen, eine erste kritische Masse ohne riesige Marketingbudgets zu erreichen.
Die harte Hürde der Hyperlokalität
Der Wettbewerb ist indes nicht zu unterschätzen. Auf der Makro-Ebene kämpft HofFloh mit milliardenschweren Tech-Giganten wie Vinted oder Kleinanzeigen um all jene, die ihr „ausrangiertes Zeug“ loswerden wollen. Auf der Mikro-Ebene wildern kostenlose Facebook- und WhatsApp-Gruppen im Revier. Der USP von HofFloh ist daher die radikal einfache Sichtbarkeit und Planbarkeit.
Die Krux bleibt jedoch die Skalierbarkeit. Im Gegensatz zu reinen Software-as-a-Service-Produkten muss HofFloh für jeden neuen Markt den mühsamen Aufbau lokaler Netzwerkeffekte von vorn beginnen. Ein Event zündet nur, wenn eine kritische Masse an Haushalten im exakt selben Viertel zur exakt selben Zeit mitmacht.
Erschwerend kommt die absolute Wetterabhängigkeit hinzu, die den Kernumsatz auf die wenigen Frühlings- und Sommermonate limitiert. Wie also den Winter überstehen, wenn das Kerngeschäft de facto im Winterschlaf liegt? Auf diese essenzielle Frage reagiert Schmitz zunächst mit dem typischen Gründer*innen-Optimismus und verweist auf die technische Weiterentwicklung: „Die Wintermonate sind für uns keine reine Pause, sondern eine gezielte Entwicklungsphase, in der wir unsere Plattform weiter schärfen.“ Das habe man bereits im vergangenen Winter sehr intensiv getan. Was das drohende Umsatzloch betrifft, bleibt sie vage und flüchtet sich etwas ins Prinzipielle: Man beobachte, dass das Bedürfnis nach lokaler Vernetzung nicht saisonal sei. Konkrete Produkte nennt sie nicht, deutet aber an: „Wir denken aktuell in verschiedene Richtungen, wie sich die Plattform perspektivisch auch unabhängig von der Jahreszeit weiterentwickeln kann, ohne den Kern des Produkts zu verlieren.“
Einordnung & Fazit
HofFloh ist ein Paradebeispiel für den Trend der „Zebra“-Start-ups: Nicht das exponentielle Unicorn-Wachstum um jeden Preis steht im Fokus, sondern ein nutzengetriebenes, gemeinschaftsorientiertes Wirtschaften. Als Fallstudie beweist das junge Kölner Unternehmen, dass sich durch die smarte Digitalisierung eines analogen Alltagsproblems organische Traktion generieren lässt. Gleichzeitig zeigt das Modell ungeschönt die harten Skalierungsgrenzen von B2C-Plattformen auf, die stark auf Hyperlokalität angewiesen sind.
Ob HofFloh am Ende den Sprung in die überregionale Profitabilität schafft oder lediglich als idealistisches Veedels-Projekt eine Nische besetzt, wird davon abhängen, ob das Team in Zukunft neue Einnahmequellen erschließen kann.
Wie steht es etwa um B2B-Kooperationen? Hier tritt Schmitz merklich auf die Bremse. In der aktuellen Phase gehe es vor allem darum, Nutzung aufzubauen und die Preisstruktur zu verstehen. Potenzial für Kooperationen – etwa mit Städten oder lokalen Initiativen – sehe sie zwar. Doch sie zieht eine klare rote Linie: „Wichtig ist uns dabei, dass solche Ansätze immer einen echten Mehrwert für die Nachbarschaften bieten und die Nutzung nicht komplizierter machen.“ Der Anspruch bleibe es, wirtschaftlich tragfähig zu wachsen, ohne die Einfachheit und den Charakter der Plattform zu verwässern. Welche Bausteine dafür langfristig sinnvoll seien, werde man Schritt für Schritt aus der Nutzung heraus entwickeln.
Last Mile am Limit?
Über 3.000 Kurier*innen, mehr als 50 Städte und ein stetig wachsendes Logistiknetzwerk: Die Hamburger Fleetlery GmbH hat seit 2021 ein massives B2B-Geschäft hochgezogen – komplett gebootstrapped. Doch das Geschäftsmodell der Gründer Timo Kerzel und Micheal Kingreen offenbart die harten Strukturprobleme der Quick-Commerce-Branche. Ein Blick hinter die Kulissen eines Start-ups, das zwischen Skalierung, Tech-Versprechen und handfesten Arbeitskämpfen navigiert.
Es war das Jahr 2021, als die Quick-Commerce-Blase ihren Höhepunkt erreichte. Milliarden an Venture Capital flossen in Start-ups, die versprachen, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Inmitten dieses Hypes gründeten Timo Kerzel (zuvor Projektleiter bei TKE Elevators) und Micheal Kingreen in Hamburg die Fleetlery GmbH. Ihr Ansatz war jedoch ein anderer: Keine eigenen Dark Stores, keine Konsumenten-App, kein massives Cash-Burning. Fleetlery positionierte sich als reiner B2B-Infrastrukturanbieter. Das Versprechen: Delivery-as-a-Service.
Heute, gut vier Jahre später, zieht Fleetlery Bilanz. Während viele der hochfinanzierten Einhörner von damals verschwunden oder fusioniert sind, ist das gebootstrappte Hamburger Startup gewachsen. Über 3.000 Kuriere und Picker sind laut Unternehmensangaben für Fleetlery auf der Straße. Doch der Erfolg hat einen Preis – und offenbart, dass die letzte Meile längst kein rein technologisches Spielfeld mehr ist.
Bootstrapping im Logistik-Sektor: Flexibilität als Währung
Wer im kapitalintensiven Logistikmarkt ohne externes Risikokapital skaliert, muss Cashflows extrem präzise managen. Fleetlery löste dieses Problem, indem es sich als flexibler Puffer für große Player positionierte. Anstatt den Markt selbst aufzurollen, dockt das Start-up per API an bestehende Plattformen an. Der eigentliche strategische Schachzug folgte jedoch durch die Zulassung zur offiziellen Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit). Fleetlery verkauft seither nicht nur reine Lieferungen, sondern vermietet das Personal. Dieses Modell generiert verlässliche B2B-Umsätze, da saisonale Spitzen bei den Kund*innen abgefedert werden.
Last Mile ist kein Tech-Problem – sondern ein Strukturproblem
Fleetlery wirbt intensiv mit seinem KI-gestützten Dispatching-Algorithmus, automatisierten Routenoptimierungen und Geofencing. Doch die Realität der letzten Jahre hat eine schmerzhafte Lektion zutage gefördert: Die beste App der Welt liefert keine Pizza aus. Technologie ist in der Logistik längst zur Commodity geworden. Das eigentliche Bottleneck ist der Mensch. Händler*innen, die unter hohem Kostendruck stehen, können sich keine eigenen Flotten leisten. Fleetlery füllt diese Lücke und agiert als Schmiermittel der E-Commerce-Maschinerie – trägt damit aber auch das gesamte operative Risiko der Personalgewinnung in einem traditionellen Niedriglohnsektor.
Zwischen Zeitarbeits-Riesen und Subunternehmern
Betrachtet man das direkte Wettbewerbsumfeld, operiert Fleetlery in einer hochkomplexen Sandwich-Position. Auf der einen Seite diktieren die großen B2C-Plattformen als Auftraggebende die Preise. Auf der anderen Seite tummelt sich die direkte Konkurrenz. Da sind zum einen die klassischen Personaldienstleister*innen. Sie verfügen zwar über massive Pools an Arbeitskräften und die nötigen Lizenzen zur Arbeitnehmer*innenüberlassung, doch ihnen fehlt oft die tiefe technologische API-Anbindung an die Food-Plattformen sowie das operative Flottenmanagement.
Zum anderen gibt es internationale Delivery-as-a-Service-Player, die in Deutschland oft an der mangelnden Profitabilität gescheitert sind. Der wohl härteste Wettbewerb auf der Straße kommt jedoch von lokalen Subunternehmer*innen: hyperlokale Flottenbetreiber*innen, die mit Niedrigpreisen locken, aber bei den strenger werdenden Compliance-Prüfungen der Auftraggebenden zunehmend durchfallen. Hier sucht Fleetlery seinen USP: Durch die Arbeitnehmer*innenüberlassungs-Lizenz und die Tech-Integration positioniert sich das Start-up als haftungssicherer Partner für Großkund*innen, die das operative Risiko auslagern wollen. Sie versuchen, den oft unregulierten Markt der Subunternehmer*innen zu professionalisieren – müssen sich diesen Anspruch in einem preissensiblen Marktumfeld aber hart erkämpfen.
Die kritische Kehrseite: Skalierung in der Grauzone?
An der operativen Umsetzung auf der Straße entzündet sich massive Kritik. Der Marktführer Lieferando sorgte im Spätsommer 2025 für heftige Proteste, als bekannt wurde, dass rund 2.000 interne Fahrer*innenjobs abgebaut und unter anderem an Fleetlery ausgelagert werden sollten.
Gewerkschaften wie die NGG und Initiativen wie arbeitsunrecht.de werfen den Auftraggeber*innen vor, Subunternehmer*innen gezielt für Union Busting (die Aushebelung von Betriebsräten) zu nutzen. Zwar betont Fleetlery auf seiner Website die Festanstellung der Kuriere, doch Berichte von Arbeitnehmer*innenvertretern zeichnen ein anderes Bild: Kritisiert werden Stücklohn-Modelle nach Auslieferung und undurchsichtige Vermittlungskonstrukte. Fleetlery navigiert hier in einem juristisch hochkomplexen Umfeld, das zwar bei einigen internationalen Wettbewerber*innen Branchenstandard ist, für ein deutsches Start-up jedoch ein permanentes Reputationsrisiko darstellt.
Vier Jahre Last Mile: Learning by Scaling
Aus der Retrospektive lassen sich für Gründer*innen drei zentrale Learnings aus der Fleetlery-Historie ableiten:
- Die Unterschätzung des operativen Supports: Eine Flotte steuert sich nicht allein durch KI. Ohne den Aufbau eines massiven Live-Supports implodiert die Wirtschaftlichkeit durch Fehllieferungen.
- Die regulatorische Falle: Der reine Vermittlungs-Ansatz ist in Deutschland juristisch riskant. Die strategische Entscheidung zur Arbeitnehmer*innenüberlassung war essenziell für das B2B-Geschäft.
- Die Erweiterung der Wertschöpfungskette: Wer nur liefert, verbrennt Geld. Fleetlery überlebte das Bootstrapping nur durch zusätzliche Services (Zeitarbeit, IT-Integration, BPO-Dienstleistungen).
Fazit
Timo Kerzel und Michael Kingreen haben bewiesen, dass man einen Logistik-Player ohne fremdes Kapital bauen kann. Fleetlery ist heute ein wichtiger Puffer für den deutschen Delivery-Markt. Doch das Geschäftsmodell balanciert auf einem schmalen Grat zwischen unternehmerischer Flexibilität, massivem Margendruck und harten arbeitsrechtlichen Diskursen.
Vom Tabu zum Tech-Boom: Wie DeathTech den letzten Weg neu codiert
Der Tod war lange Zeit der blinde Fleck der Digitalisierung. Während Start-ups in den vergangenen zwei Jahrzehnten unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lieben mit Algorithmen und Wagniskapital optimierten, blieb das Lebensende fest in den Händen analoger Traditionen. Heute blicken wir auf eine Branche, die ihre morbide Nischenexistenz endgültig abgestreift hat.
DeathTech und GriefTech sind systemrelevant geworden. Getrieben von der massiven Vermögensübertragung der Babyboomer-Generation – laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden in Deutschland aktuell jährlich bis zu 400 Milliarden Euro vererbt – und einem fundamentalen Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler End-of-Life-Lösungen, transformieren Gründer*innen heute einen historisch fragmentierten Markt aus rund 4.000 oft sehr traditionellen Kleinbetrieben.
Es geht längst nicht mehr nur um Preisvergleiche für Särge, sondern um die nahtlose Orchestrierung des Unvermeidlichen – von KI-gestützter Trauerbewältigung bis hin zum automatisierten Management des digitalen Nachlasses.
Wenn Demografie auf DeepTech trifft
Der Markt für Bestattungen und Nachlassverwaltung hat im Jahr 2026 eine neue, datengetriebene Reifestufe erreicht. Allein in Deutschland sprechen wir laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) von einem jährlichen Branchenumsatz im klassischen Bestattungswesen, der sich stabil der Marke von drei Milliarden Euro nähert. Flankiert wird dies von einem rasant wachsenden, digitalen Vorsorgemarkt. Der makroökonomische Hebel dahinter ist historisch einmalig: Ein immer größerer Teil der gewaltigen Erbmasse liegt dabei nicht mehr in Aktenordnern, sondern existiert ausschließlich virtuell, von Krypto-Wallets bis zu SaaS-Unternehmensanteilen.
Der Digitalverband Bitkom untermauerte diese Dringlichkeit bereits in seinen Erhebungen zum digitalen Nachlass, die zeigen, dass knapp ein Drittel der Internetnutzer*innen das Thema aktiv regeln möchte, die praktische Umsetzung aber oft an fehlenden Tools scheitert. Diese gewaltige Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot lockt institutionelles Geld an. Wir sehen keine utopischen Krypto-Bewertungen mehr, sondern sehr gesunde Series-A- und Series-B-Tickets für Unternehmen, die bewiesene Unit Economics aufweisen.
Jenseits von Sarg und Urne
Wer heute im DeathTech reüssieren will, muss über das Offensichtliche hinausdenken. Möglich ist das aktuelle Marktwachstum jedoch nur durch die Vorarbeit der Wegbereiter*innen der ersten Stunde, die den Markt überhaupt erst für institutionelles Kapital geöffnet haben. Unternehmen wie Mymoria sind dem Start-up-Status längst entwachsen; angetrieben von einer 15-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde im Jahr 2021 durch namhafte VCs wie b2venture, agiert das Unternehmen heute als etablierter Omnichannel-Gigant mit bundesweiten Boutiquen.
Auch das Scale-up November hat mit einer zweistelligen Millionenrunde durch HV Capital die Bestattungsvorsorge digitalisiert. Im lukrativen Markt der rechtlichen Vorsorge dominiert Afilio, das bereits 2022 eine 13-Millionen-Dollar-Series-A unter Führung von Cherry Ventures abschloss. Im B2B-Hintergrund hat sich Columba als unsichtbares technisches Rückgrat in den Legacy-Systemen der Bestattungsbranche verankert und übernimmt vollautomatisiert die Vertragsabmeldungen. Auf der Infrastruktur dieser Pionier*innen baut nun eine neue Generation von Gründer*innen auf, die psychologische Tiefe und radikale Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt.
Die Friedhofs-Illusion und ihre Lektionen
Trotz der Goldgräberstimmung ist der Pfad der Branche mit den Überresten gescheiterter Hypes gepflastert. Ein prominentes Beispiel der jüngeren Vergangenheit war der Versuch, reine B2C-Vergleichsportale für Bestattungen nach dem Vorbild von Check24 aufzubauen. Frühe Aggregatoren-Modelle verbrannten Millionen in der Annahme, Kund*innen würden den Tod wie eine Kfz-Versicherung vergleichen. Die Realität war ein harter Crash der Profitabilität, da die Customer Acquisition Costs (CAC) via Suchmaschinenmarketing in diesem emotionalen Ausnahmezustand astronomisch hoch waren.
Aus diesen gescheiterten Hoffnungen lassen sich harte Lektionen ableiten. Der erste Fehler ist die Ignoranz gegenüber den Unit Economics: Da der Customer Lifetime Value (LTV) beim Tod naturgemäß auf eine Transaktion beschränkt ist, müssen Geschäftsmodelle zwingend auf margenstarken B2B2C-Vertrieb oder Lebzeiten-Vorsorge-Abos ausweichen. Ein zweites Risiko lauert in der Unterschätzung der B2B-Gatekeeper; wer die traditionellen Bestatter*innen als Feinde statt als Vertriebspartner*innen betrachtet, verliert den Kund*innenzugang. Drittens bricht vielen Gründer*innen die regulatorische Tiefe das Genick, denn wer sensible Nachlassdaten verarbeitet, operiert im Hochrisikobereich der DSGVO. Der subtilste Fehler ist ein Mangel an Branding-Sensibilität; wer mit aggressiver Growth-Hacking-Mentalität an trauernde Angehörige herantritt, wird vom Markt gnadenlos abgestraft.
Wo die DeathTech-Exzellenz in Deutschland liegt
Die geografische Verteilung der DeathTech-Exzellenz in Deutschland hat sich auf wenige, aber extrem leistungsstarke Hubs konzentriert. Berlin bleibt der unangefochtene Motor für Plattformen und Venture Capital, profitierend von einem dichten Ökosystem rund um Hubs wie den Inkubator Mitte von Science & Startups der Berliner Universitäten. München und der bayerische Raum haben sich hingegen als das Epizentrum für DeepTech, InsurTech-Schnittstellen und anspruchsvolle KI-Modelle etabliert. Die physische Nähe zu Rückversicherungs-Giganten wie Munich Re sowie exzellente Fakultäten der LMU machen München zum Nährboden für versicherungsgekoppelte Vorsorgemodelle. Leipzig hat sich dank Ausgründungen im Umfeld der Handelshochschule (HHL) zu einem Hub für LegalTech und rechtssicheres Datenmanagement entwickelt. Die Metropolregion Rhein-Ruhr und das Rheinland fungieren als essenzieller Testmarkt für psychologisch fundierte Ansätze – stark getrieben durch das Exzellenz Start-up Center Köln (Gateway), das gezielt hochschulnahe Gründungen im HealthTech- und GriefTech-Bereich fördert.
Investor*innen-Radar
Das Kapital, das in diese Branche fließt, ist klüger, geduldiger und diverser geworden. Spezialisierte VCs für den Tod gibt es in Europa zwar noch nicht in Reinform, aber wir beobachten eine klare strategische Erweiterung von HealthTech-Spezialisten wie Heal Capital, die Trauerbewältigung zunehmend als Teilaspekt der mentalen Gesundheit begreifen und kapitalisieren. Die richtig großen Schecks schreiben die Top-Tier Generalisten: Player wie b2venture, HV Capital und Cherry Ventures haben die massiven TAM-Zahlen (Total Addressable Market) längst in ihren Investmentthesen verankert.
Auf der anderen Seite positionieren sich Corporate VCs, allen voran der Berliner Wagniskapitalgeber IBB Ventures, der strategisch früh in Plattformen wie Emmora investierte. Den entscheidenden Treibstoff für Frühphasen-Start-ups liefern jedoch Business Angels und geförderte Exzellenz-Programme wie die exist-Gründerstipendien, die den Teams den nötigen Runway geben, um hochsensible Produkte in der Seed-Phase ohne sofortigen Profitdruck zu iterieren.
Unsere DeathTech- und GriefTech-Start-up-Watch List 2026
Für unsere finale Selektion im Jahr 2026 haben wir bewusst eine strenge Definition des Start-up-Begriffs angelegt. Die durch große Series-A- oder Series-B-Runden bereits skalierten Pionier*innen wurden als Wegbereiter*innen klassifiziert und aus der engeren Auswahl exkludiert. Die resultierende Watchlist besteht aus acht agilen Unternehmen. Kohorte eins umfasst reifere Start-ups der Gründungsjahre ab 2019, die bereits solides Investor*innen-Vertrauen und validierte Umsätze aufweisen. Kohorte zwei integriert junge Early-Stage-Start-ups aus dem Jahr 2024, die als hochspannende universitäre Spin-offs die nächste disruptive Innovationswelle abbilden.
Meine Erde
Im Jahr 2021 von Pablo Metz und Max Hüsch ins Leben gerufen, innoviert Meine Erde den Green-Death-Markt in Deutschland massiv. Das Unternehmen bringt die Reerdigung als natürliche Kompostierung in 40 Tagen aus der regulatorischen Grauzone in den legalen Markt. Der USP ist ein patentiertes Verfahren im Kokon, das pro Bestattung laut Unternehmensangaben rund eine Tonne CO2 im Vergleich zur Feuerbestattung einspart und traditionellen Methoden ökologisch messbar überlegen ist. Dieses Impact-Potenzial überzeugte namhafte VCs: Project A Ventures führte bereits 2022 eine 5,8-Millionen-Euro-Seed-Runde an, flankiert von Vorwerk Ventures.
Emmora
Victoria Dietrich und Evgeniya Polo gründeten Emmora 2019 mit dem Ziel, Bestattungsplanung und Trauerbegleitung weiblicher und empathischer zu gestalten. Das B2C-Plattform-Modell begleitet Angehörige von der Organisation der Beisetzung bis hin zur psychologischen Unterstützung. Der klare USP liegt in der kuratierten Auswahl von Dienstleistern und einem Marktauftritt, der sich wohltuend von der drückenden Schwere traditioneller Bestatter abhebt. Das Modell überzeugte früh den Accelerator APX und führte 2021 zu einer siebenstelligen Seed-Runde unter Führung von IBB Ventures.
Memoresa
Das 2019 von Jörg Schädlich und Steffen Stundzig gegründete Leipziger Start-up hat sich der Ordnung des digitalen Chaos verschrieben. Ihr hybrides B2B2C-Modell bietet eine Plattform zur Verwaltung des digitalen Nachlasses. Der USP von Memoresa ist die tiefe API-Anbindung, wodurch im Todesfall Verträge vollautomatisiert gekündigt oder umgeschrieben werden können – ein Service, der für Banken und Versicherungen wie die Signal Iduna extrem wertvoll ist. Finanziert wurde das Start-up unter anderem durch Business-Angel-Netzwerke und den Inkubator cetup.INNOLAB der TU Dortmund.
TrostHelden
Das von Hendrik Lind und der ausgebildeten Sterbe-Amme Jennifer Lind 2019 ins Leben gerufene Start-up adressiert die isolierende Einsamkeit, die dem Tod folgt. Das B2C-Subscription-Modell basiert auf einem Smart-Matching-Algorithmus, der Trauernde mit exakt passenden Schicksalsschlägen und der gleichen Trauersprache verbindet. Der USP ist diese hochpräzise Logik, die echte, kuratierte Begegnungen schafft. TrostHelden wächst primär gebootstrappt, getragen von Impact-fokussierten Netzwerken, und wurde vom BMWK als herausragendes Social-Entrepreneurship-Modell ausgezeichnet.
Grievy
Dr. Nele Stadtbäumer, Daniel Bachmann und Aenis Chebil brachten 2021 eine technologisch skalierbare, psychologische Perspektive in den Markt. Grievy ist eine auf kognitiver Verhaltenstherapie fundierte App, die Nutzern therapeutische Impulse ausspielt. Der USP liegt in der klinischen Fundierung und der Skalierbarkeit der Trauerbegleitung. Das Team durchlief erfolgreich die Inkubation am Gateway Exzellenz Start-up Center Köln, sicherte sich das exist-Gründerstipendium und belegte 2022 den dritten Platz als Digitales Start-up des Jahres des Bundeswirtschaftsministeriums.
anfang.
Dieses reinrassige GriefTech-Start-up entstand im Wintersemester 2023/24 und wurde 2024 von den Studierenden Luisa Otto, Janek Voss und Pia Mauermann auf den Weg gebracht. Das B2C-Modell dreht sich um eine App als holistischen, digitalen Trauerbegleiter. Der USP ist die Kombination aus Reflexionsmodulen und einer geschützten Community. Eng begleitet wird das Team durch HIKE, den Hochschulinkubator für Entrepreneurship der Hochschule Nordhausen, wo aktuell die Strukturierung der Skalierungsphase im geschützten universitären Umfeld vorangetrieben wird.
Kreis & Raum
Im Jahr 2024 von der Architektin Eva Hartmann und der Projektmanagerin Miriam Becker in Berlin gegründet, schlägt dieses Start-up die Brücke zwischen physischer Bestattung und moderner Trauerbegleitung. Das hybride B2C-Modell bricht mit der starren Trennung von Beerdigungsinstitut und psychologischer Betreuung. Der USP ist ein radikal individueller Ansatz, der den Trauerprozess architektonisch neu designt. Begleitet von Science & Startups im Inkubator Mitte der Humboldt-Universität zu Berlin, validiert Kreis & Raum dieses hoch-emotionale Modell aktuell im städtischen Raum.
Lebewohl App
Als Ausgründung aus dem Umfeld der Lokalpioniere in Ostwestfalen-Lippe im Jahr 2024 attackiert dieses Team die überbordende Nachlass-Bürokratie. Die App fungiert als digitaler Assistent, der Hinterbliebene mit strukturierten Checklisten durch den Behörden-Dschungel manövriert. Der USP liegt in der enormen Kosteneffizienz für den Endnutzer, da automatisierte Dokumentenbeschaffung teure Rechtsberatungen flankiert oder ersetzt. Mit starkem organischen Wachstum im OWL-Netzwerk beweist Lebewohl App zugleich, dass Innovation im DeathTech nicht zwingend aus den Metropolen kommen muss
Internationaler Ausblick & Fazit
Blicken wir über den deutschen Tellerrand, zeigen sich globale Makro-Trends, die den europäischen Markt unweigerlich erfassen werden. Aus den USA schwappt die Welle der hyperpersonalisierten Generativen KI zu uns herüber; Start-ups trainieren dort bereits Large Language Models mit den digitalen Fußabdrücken von Verstorbenen, um interaktive Legacy-Avatare zu erschaffen. Asien, insbesondere Südkorea und Japan, forciert derweil die Verschmelzung von Trauer und dem Metaverse, wo physischer Platzmangel auf Friedhöfen durch immersive, digitale Gedenkstätten kompensiert wird. Israel wiederum bringt massive Impulse im Bereich der Cybersecurity in den DeathTech-Sektor ein, um posthumen Identitätsdiebstahl zu bekämpfen.
Für Gründer*innen und Investor*innen lautet das aktuelle Fazit: Der Tod ist kein Nischenthema mehr, sondern die ultimative Customer Journey. Wer in diesem drei Milliarden Euro schweren Markt bestehen will, benötigt nicht nur brillantes Tech-Know-how und wasserdichte Unit Economics, sondern vor allem eines: tiefgreifende, authentische Empathie, die im Code ebenso verankert ist wie in der Unternehmenskultur.
