TRAINIUM: transparenter und besser weiterbilden


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Wie die Hamburger Gründerinnen Susanne Harnisch und Franziska Luh den beruflichen Weiterbildungsmarkt demokratisieren wollen.

Berufliche Weiterbildung ist einer der wichtigsten Motoren unserer Zeit: 98 Prozent der Unternehmen messen dem Thema große  Bedeutung für den Unternehmenserfolg zu. (Quelle: Trendmonitor Weiterbildung, 2018). Und 67 Prozent der Arbeitnehmer sehen lebenslanges Lernen als wichtige Verantwortung bei sich an. Die Tendenz steigt mit der beruflichen Verantwortung. (Quelle: HR Monitor 2020, Hays)

Intransparenz des Weiterbildungsmarktes

Demgegenüber steht eine große  Barriere: die Intransparenz des Weiterbildungsmarktes. Während tausende von Seminaren und Trainings für nahezu jedes Thema verfügbar sind, sind diese in ihrer jeweiligen Qualität unvorhersehbar. Die Zufriedenheit mit Weiterbildungen steigt zwar seit 2012 langsam an (Quelle: Trendmonitor Weiterbildung, 2018), ist aber noch lange entfernt von durchgängig gut. Das Resultat: Oft werden Weiterbildungen aus Unsicherheit über die Qualität bei gleichzeitig hohen Kosten unternehmensseitig einfach nicht angeboten.

Schluss mit schwankender Trainingsqualität und teuren Seminaren

Die Unternehmensberaterinnen Susanne Harnisch und Franziska Luh wurden im Rahmen ihrer Arbeit häufig nach Empfehlungen für Weiterbildung gefragt. Leider musste sie oft passen. Ihre gesammelten Erfahrungen erzählen eine Geschichte von schwankender Trainingsqualität und teuren Seminaren, die Mitarbeiter nicht spezifisch genug weiterbringen. Die beiden begannen daraufhin individuelle, praxisorientierte Weiterbildungen in ihren Themenbereichen selbst zu erschaffen, um den Teams ihrer Kunden und Kollegen die Lerneffekte  zu bieten, die sie sich wünschten. Aber der Ehrgeiz war auch geweckt, das Problem grundlegend zu lösen.

Harnisch und Luh sind durch ihren Arbeitsschwerpunkt Innovation, ein zuvor aufgebautes Start-up und ein passendes kleines Team gut ausgestattet für die Entwicklung und Implementierung eigener digitaler Produkte. So entstand zuerst die Idee und dann das Produkt TRAINIUM - ein unabhängiger Marktplatz für Weiterbildungen. "TRAINIUM ist an und für sich ganz einfach”, sagt die Technische Leiterin Susanne Harnisch, "wir kombinieren die Erfolgsfaktoren einer einfachen Suchmaschine mit dem individuellen Bewertungssystem, dem wir schon bei booking.com oder AirBnB vertrauen."

Der Startschuss in die Launchphase ist erfolgt

TRAINIUM ist im September 2020 mit ca. 100 Trainern in den Soft Launch gestartet. Dabei handelt es sich um Experten der Bereiche Digital- und Kreativwirtschaft, Produktmanagement, agiles Arbeiten und New Work, Führung  und Unternehmertum, die schon  praktische Erfahrung in der Anleitung von Seminaren und beruflichen Trainings haben, aber bisher einfach nicht so einfach sichtbar wurden. "Der Weiterbildungsmarkt wird aktuell von großen Trainingsmarken regiert, die durch ihren guten Namen und die daraus resultierende Reichweite erfolgreich sind”, sagt Franziska Luh, Leitung für Marketing und Wachstum. "Aber es gibt so viele tolle Business Trainer da draußen, die selbstständig bleiben wollen. Wir möchten ihnen eine Plattform bieten – und Weiterbildungs-Interessenten das ganze Spektrum der Optionen zeigen – wirklich neutral vergleichbar durch echte Nutzerbewertungen."

Jetzt geht es um Wachstum und Sichtbarkeit

Noch bezeichnen die Gründerinnen TRAINIUM als MVP (Minimal Viable Product). Aber der Startschuss in die Launchphase ist erfolgt. Jetzt geht es um Wachstum. "Ein Marktplatz ist dann attraktiv, wenn es eine breite, relevante Auswahl gibt", sagt  Luh. "Wir listen jede Woche neue Angebote. Je mehr unabhängige Anbieter von Weiterbildungen wir für TRAINIUM begeistern und je mehr Suchende uns entdecken, desto besser wird es!"

TRAINIUM basiert auf einem Provisionsmodell. "Unser Marktplatz nimmt erst eine sog. Standgebühr, wenn auch ein Produkt verkauft wurde. Und wir versprechen, es braucht keine extra Werbeausgaben, um bei uns oben in der Ergebnisliste aufzutauchen", ergänzen die Gründerinnen zum Abschluss gern als kleinen Seitenhieb auf bestehende Eventplattformen und Marktplätze.

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Ende einer Vision: Warum die creätr-Gründerinnen den Stecker ziehen

Es sollte der nachhaltige Gegenentwurf zu Fast Fashion in der Umstandsmode werden. Doch das Frankfurter Label creätr der Gründerinnen Verena Seipp und Viktoria Ibbett zieht nach fünf Jahren den Stecker. Wir haben uns mit den beiden Gründerinnen über das Aus unterhalten: Ein lehrreiches Fallbeispiel über die Tücken hoher Produktionsstandards, falsche Pricing-Strategien und die harte Realität in einem preissensiblen Nischenmarkt.

Der Markt für Umstandsmode ist kein leichter: Die Tragedauer der Kleidung ist naturgemäß begrenzt, weshalb viele werdende Mütter aus Kostengründen zu günstiger Fast Fashion greifen. Genau hier wollten die Frankfurter Schwestern Verena Seipp und Viktoria Ibbett vor fünf Jahren ansetzen. Mit der Gründung ihres Labels creätr traten sie an, um eine hochwertige und funktionale Alternative zu schaffen. Ihre Vision: Kleidung für Schwangerschaft und Stillzeit, die Mütter dank durchdachter Funktionen und modernem Design auch lange nach der Mutterschaft noch begleitet.

Doch die Schere zwischen der Vision einer „erreichbaren Marke“ und der tatsächlichen Marktrealität ging schnell auf. „Das haben wir tatsächlich schon relativ früh gemerkt“, räumt Verena ein. Spätestens in der Produktion sei das Dilemma offensichtlich geworden: „Wenn wir all unsere Ansprüche an faire Herstellung, Nachhaltigkeit und hochwertige, langlebige Materialien erfüllen wollen, landen wir automatisch bei einem Preisniveau, das nicht mehr für alle erreichbar ist.“

Die rote Linie bei der Produktion

Die Fertigung sollte von Beginn an kompromisslos verantwortungsvoll sein und fand daher in Europa – konkret in Deutschland, Portugal und Italien – statt. Dieser ethische und qualitative Anspruch erwies sich rückblickend jedoch als enorme wirtschaftliche Herausforderung.

Hätte man nicht einfach in günstigere, nicht-europäische Länder ausweichen können, um die Preise zu senken? „Am Anfang war das für uns ganz klar eine rote Linie“, betont Viktoria. Man habe ihnen schlichtweg vermittelt, dass faire Arbeitsbedingungen und Qualität nur in Europa wirklich sicherzustellen seien. Heute sieht sie das differenzierter: „Mit zunehmender Erfahrung und einem größeren Netzwerk haben wir gelernt, dass es durchaus auch außerhalb Europas verantwortungsvolle Produktionsmöglichkeiten gibt. Diese Perspektive hatten wir zu Beginn so noch nicht.“

Die Pricing-Falle: Wenn externe Beratung am Markt vorbeigeht

Die hohen europäischen Produktionskosten erzwangen Margen, die das Start-up schnell in eine Sackgasse führten. In der kritischen frühen Aufbauphase verließ sich das Gründerduo auf externe Beratung – und positionierte creätr auf deren Anraten stark im Luxussegment. Ein Blick in das Archiv des Webshops verdeutlicht die harte Dimension: Ein Umstands-Sweatshirt schlug regulär mit 289 Euro zu Buche, ein Hoodie kostete 239 Euro, für ein einfaches Still-T-Shirt wurden 169 Euro aufgerufen.

Warum vertrauten die Schwestern der Beratung mehr als ihrem eigenen Gespür für die Zielgruppe? „Diese Frage trifft den Kern unseres größten Learnings – und wir haben sie uns selbst oft gestellt“, reflektiert Viktoria offen. Als unerfahrene Gründerinnen seien sie davon ausgegangen, dass ein Berater mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung den Markt schlicht besser einschätzen könne. Ein fataler Irrtum, wie Verena ergänzt: „Rückblickend war genau das einer unserer größten Fehler.“ Ihr dringender Rat an andere lautet daher: „Vertraue deinem eigenen Bauchgefühl – vor allem, wenn du das Problem und deine Zielgruppe wirklich verstehst.“

Für ein Label, das angetreten war, um eine greifbare Alternative für möglichst viele Mütter zu sein, war dies ein gefährlicher strategischer Schwenk. „In diesem Segment authentisch zu verkaufen, fühlte sich für uns zunehmend nicht richtig an“, resümieren die Gründerinnen heute kritisch. Die tiefe Diskrepanz zwischen dem eigenen moralischen Kompass, dem massiven Preis und der Lebensrealität der Mütter ließ sich auf Dauer nicht überbrücken.

Starke Konkurrenz und psychologische Schwellen

Hinzu kam ein hartes Wettbewerbsumfeld, das verdeutlichte, warum das Luxus-Modell in dieser Nische so schwer durchzusetzen ist. Zwar gibt es einen wachsenden Markt für nachhaltige Maternity Wear, doch selbst etablierte Premium-Wettbewerber wie Boob Design, Mara Mea oder Seraphine rufen für vergleichbare Stücke deutlich niedrigere Preise auf – oft zwischen 60 und 130 Euro.

Auf Babymessen und Pop-up-Events bekamen die Schwestern diese Marktrealität unmittelbar zu spüren. Zwar lobten die Kundinnen die Spürbarkeit der hohen Qualität, doch die Kauflaune blieb aus. „Viele haben offen gesagt, dass sie während der Schwangerschaft ohnehin schon viel fürs Baby ausgeben und deshalb bei sich selbst sparen“, fasst Viktoria die Ernüchterung zusammen. Verena bestätigt das: „Die psychologische Grenze kam immer wieder auf. Viele haben klar gesagt, dass sie – abgesehen vielleicht von einer Winterjacke – nicht bereit sind, über 200 Euro für ein einzelnes Kleidungsstück auszugeben.“ Gegen diese psychologische Hürde bei einer temporären Lebensphase half letztlich auch der Ansatz auf langlebiges Design nicht.

Fazit: Authentizität schlägt Berater-Theorie

Das Ende von creätr ist eine klassische Lektion für die Start-up-Szene. Die mathematisch korrekte Preiskalkulation für eine faire, europäische Produktion muss zwingend mit der Zahlungsbereitschaft des Marktes einhergehen. Wenn externe Strategen ein Unternehmen in ein Segment drängen, das nicht zur Grundidee passt, geht nicht nur die Authentizität verloren, sondern auch das Geschäftsmodell.

Mittlerweile haben die Schwestern die creätr GmbH in Liquidation geschickt und das Ende der Marke angekündigt. Aktuell läuft ein radikaler Schlussverkauf, bei dem sämtliche Teile der Kollektion für nur noch 29 Euro angeboten werden, um die Läger zu leeren und die Kleidung zumindest noch ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen. Ein harter Schlussstrich unter ein ambitioniertes Projekt.

Was würden sie anderen Gründerinnen und Gründern in der Sustainable Fashion mit auf den Weg geben? „Sei dir wirklich klar darüber, wofür dein Produkt steht und was du erreichen willst“, rät Verena Seipp eindringlich. „Dieses Ziel sollte dein Nordstern sein – und die Basis für jede Entscheidung.“

Zudem warnt Viktoria Ibbett vor zu großen Ambitionen am Anfang: „Starte klein. Wirklich klein. Konzentriere dich am Anfang auf ein Produkt, teste es, optimiere es und baue darauf auf.“ Dass ihnen damals geraten wurde, direkt mit einer gesamten Kollektion zu starten, sei ein Fehler gewesen. Es war nicht nur teuer, sondern verwässerte auch die Botschaft: „Mit einem klaren Hero-Produkt ist vieles einfacher: Marketing, Kommunikation und vor allem das Verständnis bei den Kundinnen, wofür deine Marke eigentlich steht.“

NBH-Systems: Zwischen Schaltschrank und Skalierbarkeit

Wie Dorian Tobollik und Timo Hartig mit ihrem Hardware-Start-up NBH-Systems eine Industrie-Nische knacken wollen.

Laptops, die prekär auf Maschinengehäusen balancieren, oder kniende Instandhalter*innen, die notgedrungen mit einer Hand tippen – der Arbeitsplatz im technischen Service ist selten ergonomisch. Aus genau diesem alltäglichen „Pain Point“ heraus ist das Start-up NBH-Systems entstanden. Wie Dorian Tobollik und Timo Hartig mit ihrem Hardware-Unternehmen eine Industrie-Nische knacken wollen, haben wir analytisch unter die Lupe genommen.

Vom Pain Point zum Produkt

Die Entstehungsgeschichte des hessischen Start-ups ist ein klassisches Lehrstück für anwendergetriebene Innovation. Dorian Tobollik, selbst langjähriger Systemtechniker, erlebte das Fehlen eines stabilen Arbeitsplatzes an Maschinen und Anlagen immer wieder als echten Effizienz- und Sicherheitskiller. Anstatt den Status quo hinzunehmen, ging er ans Reißbrett und entwickelte eigene Prototypen.

Doch der Weg zur Serienfertigung „Made in Germany“ barg Tücken. „Der Weg vom ersten Prototyp bis zur Serienfertigung war deutlich aufwendiger, als ich am Anfang gedacht habe“, räumt Tobollik rückblickend ein. Der große Vorteil lag jedoch in seiner eigenen Berufspraxis: „Die Idee kam direkt aus meinem Arbeitsalltag als Servicetechniker. Ich habe das Produkt selbst täglich im Einsatz gehabt, konnte es direkt testen und immer wieder anpassen.“

Die Teufel steckten bei der Umsetzung im Detail – von Gewicht und Größe über die Kompatibilität der Notebook-Formate bis hin zur exakten Stärke der Magnete. „Das sind Dinge, die man nicht am Schreibtisch löst, sondern nur im Alltag“, betont das technische Gehirn des Duos. Aus purer Überzeugung ließ er den vielversprechenden Ansatz direkt patentieren.

Um aus der funktionalen Erfindung ein marktfähiges Unternehmen zu formen, stieß Timo Hartig dazu. Er verantwortet als Geschäftsführer den Vertrieb und das Marketing, während Tobollik sich auf die Produktentwicklung fokussiert. Ende 2025 mündete dies in der Gründung der NBH-Systems UG im hessischen Seligenstadt.

Die Arbeitsteilung ist scharf getrennt, was unweigerlich die Frage nach internen Konflikten zwischen technischer Perfektion und straffen Vertriebszielen aufwirft. Hartig gibt sich hier pragmatisch: „Natürlich gibt es diesen klassischen Zielkonflikt zwischen technischer Perfektion und Marktdruck – aber wir lösen das sehr praxisnah. Für uns steht immer der reale Einsatz im Vordergrund.“ Die Entwicklungszyklen bleiben dabei extrem kund*innennah. Bis heute verzeichnet das Unternehmen laut dem Geschäftsführer keine einzige Retoure oder Reklamation. Neue Ansätze werden bewusst strukturiert angegangen und vorab mit ausgewählten Kund*innen getestet. „Am Ende entscheidet immer die Praxis. Wenn eine Lösung robust, einfach und zuverlässig funktioniert, ist sie marktfähig – und genau darauf liegt unser Fokus“, resümiert Hartig. Bootstrapping pur: Das Duo finanziert das Projekt vollständig selbst, produziert bewusst in Deutschland, arbeitet parallel in anderen Jobs und reinvestiert jeden verdienten Euro in die Firma.

Hardware-Fokus mit B2B-Preisschild

Das Kernprodukt nennt sich „MagFlex Pro“ – eine Notebook-Halterung, die werkzeuglos per Magnet oder industrieller Saugglocke an glatten Flächen oder Maschinen haftet. Mit einem Verkaufspreis von knapp 250 Euro und lokaler Fertigung platziert sich NBH-Systems selbstbewusst im B2B-Premium-Segment. Ein smarter Vertriebshebel: Ab zehn Stück gibt es Anpassungen im Corporate Design, was erfahrungsgemäß die Hemmschwelle für größere Flottenbestellungen senkt.

Doch das reine Hardware-Geschäft ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht tückisch. Es gibt im Vergleich zur Softwarebranche keine stetigen Abo-Umsätze, das bewusst langlebige Produkt limitiert das lukrative Ersatzgeschäft, und die Skalierung erfordert hohe Vorfinanzierungen. Auf den kontinuierlichen Neukund*innendruck angesprochen, bestätigt Hartig die strategische Herausforderung: „Uns ist bewusst, dass ein reines Hardware-Geschäft kontinuierlich neue Kunden erfordert. Genau deshalb liegt unser aktueller Fokus klar auf Sichtbarkeit, Markenaufbau und darauf, unsere Lösung am Markt zu etablieren.“

Die Strategie im zu 90 Prozent B2B-getriebenen Kund*innenstamm setzt primär auf klassische Kanäle wie Direktvertrieb und den Ausbau von Großhändler*innen. Ein modulares Ökosystem entsteht dabei behutsam und streng nach Kund*innenwunsch: „Darauf aufbauend entwickeln wir Zubehör und Erweiterungen gezielt aus dem tatsächlichen Bedarf heraus. Für uns steht nicht Cross-Selling im Vordergrund, sondern ein echter Mehrwert im Einsatz.“ Auf das modische Schlagwort „Hardware-as-a-Service“ für Großkund*innen reagiert der Geschäftsführer noch zurückhaltend. Perspektivisch seien solche Modelle denkbar, aktuell zähle aber der Ausbau einer soliden Marktbasis im B2B-Umfeld.

Markt & Wettbewerb: Die Macht der Gewohnheit

Der anvisierte Markt für Außendienst- und Instandhaltungstechniker ist spitz, aber tief – nicht zuletzt, weil der chronische Fachkräftemangel die Budgets für Arbeitssicherheit und Effizienz lockert. Der härteste Konkurrent ist oft jedoch paradoxerweise kein globales Konkurrenzprodukt, sondern die blanke Improvisation. Wie knackt man also das Mindset von B2B-Einkäufer*innen, die für etwas zahlen sollen, das früher eine kostenlose (wenn auch wackelige) Kiste oder Ablagefläche erledigte?

„Die größte Herausforderung im Vertrieb ist tatsächlich weniger der Wettbewerb durch andere Anbieter, sondern die bestehende Gewohnheit. Viele Unternehmen haben sich über Jahre mit improvisierten Lösungen arrangiert“, weiß Hartig. Der stärkste Vertriebskanal des Start-ups ist daher das Produkt selbst, passend zum Slogan „Work Hands Free“. „In der Praxis steht ein Techniker am Schaltschrank oder an der Maschine, arbeitet mit dem MagFlex Pro – und Kollegen oder andere Beteiligte sehen das direkt“, erklärt Hartig den viralen Effekt am Einsatzort. Ein QR-Code auf der Halterung führt direkt zur Unternehmenswebsite, wodurch der Bedarf beim Anwender geweckt und in der Folge intern an den Einkauf weitergegeben wird.

Den exakten „Return on Investment“ (ROI) durch eingesparte Rüstzeiten datenbasiert zu beziffern, fällt dem Start-up hingegen schwer. Hartig räumt ein, dass sich Effekte wie strukturiertes Arbeiten und reibungslosere Abläufe nicht immer exakt in Zahlen pressen lassen. Dennoch sehe man in der Praxis, dass die Firmen zunehmend bereit sind, in solche Arbeitsbedingungen zu investieren.

Gegenüber globalen Giganten wie RAM Mounts und asiatischen Billigimporten muss NBH-Systems seinen USP – die authentische Historie von Technikern für Techniker gepaart mit der lokalen Produktion – daher als zwingendes Differenzierungsmerkmal glasklar nach außen kommunizieren.

Fazit: Solider Hidden Champion statt VC-Unicorn

NBH-Systems ist ein reinrassiges „Painkiller“-Start-up. Es löst ein reales, akutes Problem am Arbeitsplatz, anstatt als bloßes „Nice-to-have“ zu glänzen. Da Software-Komponenten oder Abo-Modelle fehlen, fehlt auch der klassische Hebel für exponentielles Hyperwachstum, der Venture-Capitalisten anlockt.

Das scheint das Gründer-Duo jedoch keineswegs zu stören. Sie wollen sich langfristig als Standard-Ausrüster in den Werkzeugkoffern großer Service-Flotten verankern und ein bodenständiges, hochprofitables KMU aufbauen. „Unser Fokus liegt klar auf einem soliden, nachhaltig wachsenden Unternehmen im B2B-Bereich. Wir bauen bewusst ein praxisorientiertes Hardware-Business auf und sehen uns nicht als klassisches Venture-Capital-Start-up“, unterstreicht Hartig die eigenen Ambitionen.

Man verkaufe derzeit vor allem im DACH-Raum sowie in den Niederlanden und Frankreich, peile aber als großen nächsten Schritt die weitere Internationalisierung an. Digitale Zukunftsfantasien für den Weg zum Industrie-Schwergewicht schließt er für später dennoch nicht aus: „Das bedeutet nicht, dass wir Themen wie IoT oder digitale Erweiterungen grundsätzlich ausschließen. Aktuell liegt unser Fokus aber klar darauf, unser bestehendes Produkt weiterzuentwickeln und weitere Anwendungsbereiche zu erschließen.“

NeuroTech-Start-up-Report 2026

Das Betriebssystem des Gehirns: Wie NeuroTech die Grenze zwischen Mensch und Maschine auflöst und welche Start-ups dabei hierzulande federführend sind.

Der Moment, in dem eine gelähmte Person allein durch die Kraft ihrer Gedanken einen digitalen Cursor bewegt oder eine mechanische Prothese steuert, ist im Jahr 2026 längst kein Labor-Wunder mehr, sondern der Startpunkt einer industriellen Revolution. Wir befinden uns am Beginn des „Century of the Brain“. Pioniere wie das Münchner Scale-up munevo (gegründet 2018), das mit Smart-Glass-Steuerungen für Rollstühle Weltmarktführer wurde, oder die Freiburger Implantat-Spezialist*innen von CorTec (gegründet 2010), haben das technologische Fundament gegossen. Doch die neue Generation, die wir heute sehen, macht Neurotechnologie massentauglich und überführt sie aus der universitären Forschung in den klinischen und privaten Alltag.

Die Marktlage 2026

Der Markt hat 2026 eine neue Reifephase erreicht, maßgeblich getrieben durch Edge-AI. Bei dieser Technologie finden die komplexen KI-Berechnungen direkt auf dem Chip des Wearables statt, was Latenzzeiten eliminiert und die sensiblen neuronalen Daten lokal schützt. Branchenschätzungen auf Basis vergangener KfW-Innovationspanels deuten darauf hin, dass in den letzten 18 Monaten über 4,8 Milliarden Euro an Wagniskapital in europäische NeuroTech-Unternehmen geflossen sind. Zudem gehen Prognosen aus dem Umfeld von Branchenverbänden wie dem Bitkom davon aus, dass künftig jedes fünfte deutsche DeepTech-Start-up im Bereich Life Sciences neuronale Daten als Kernbestandteil seines Geschäftsmodells nutzen wird. Series-B-Runden unter 50 Millionen Euro sind bei technologischen Marktführer*innen mittlerweile die Ausnahme, da die regulatorischen Hürden der MDR (Medical Device Regulation) – der strengen EU-Verordnung für Medizinprodukte – enorme Kapitalpuffer für langwierige klinische Studien erfordern.

Jenseits von Neuralink: Die neuen Treiber der Branche

Drei technologische Sub-Sektoren dominieren das Jahr 2026. An vorderster Front steht die Closed-Loop-Neurostimulation, also „intelligente“ Hirnschrittmacher, die neuronale Biomarker in Echtzeit messen und Stimulationen (etwa bei Parkinson) nur dann auslösen, wenn das Gehirn sie wirklich benötigt. Ein weiterer Treiber sind Neuro-Wearables für die Arbeitssicherheit, die kognitive Überlastung messen, bevor menschliches Versagen zu Unfällen führt. Den dritten Block bildet das OPM-MEG (Optically Pumped Magnetometer-Magnetoencephalography). Diese neue Form der Hirnbildmessung nutzt Quantensensoren in leichten Helmen statt tonnenschwerer MRT-Geräte, um Demenz-Muster millimetergenau bei Raumtemperatur zu identifizieren.

Reality Check

Der Weg zum neuronalen Einhorn ist mit gescheiterten Hoffnungen gepflastert. Ein prominentes Mahnmal bleibt der Fall von Halo Neuroscience, die mit „Neuropriming“-Headsets für Sportler*innen einen Hype auslösten, aber letztlich an der mangelnden klinischen Evidenz scheiterten. Daraus hat die Branche vier fatale Fallstricke gelernt: Die Unterschätzung der klinischen Validierung, die Vernachlässigung der „Neuro-Ethics“ (Datensouveränität im Gehirn), das „Plattform-Paradoxon“ (Hardware ohne Software-Ökosystem) und der Versuch eines reinen B2C-Markteintritts ohne ärztliche Einbindung. Gründerinnen, die 2026 bestehen wollen, müssen den „Reimbursement-Weg“ über die Krankenkassen meistern.

Deutsche Brain-Hubs

Deutschland hat sich 2026 als globaler Forschungsanker etabliert. Freiburg bleibt durch das IMBIT das europäische Zentrum für Neuro-Implantate, während Berlin mit der Charité die klinische Validierung dominiert. München nutzt seine Stärke in der Robotik rund um die TU München für intelligente Prothesen, während in Karlsruhe am KIT ein Cluster für KI-basierte Diagnose-Algorithmen entstanden ist. Dresden fungiert derweil durch seine Mikroelektronik-Expertise als die „Werkbank“ für die hochspezialisierten Neuro-Chips der nächsten Generation.

Investor*innen-Radar

Die Finanzierungslandschaft ist 2026 hochgradig spezialisiert. Bei den VCs führen Fonds wie EQT Life Sciences (ehem. LSP) und Kurma Partners das Feld an, während Generalistinnen wie Lakestar oder HV Capital gezielt die Schnittstelle zwischen NeuroTech und generativer KI besetzen. Auf der Corporate-Ebene agieren die Investmentarme von Medtronic und Siemens Healthineers als strategische Anker. In der Frühphase sind es oft erfahrene Gründerinnen als Business Angels oder spezialisierte Syndikate wie die DeepTech Stars, die die ersten Millionen-Tickets lösen.

Diese NeuroTech-Start-ups solltest du 2026 auf dem Radar haben

Für die Auswahl der folgenden Start-ups wurden Unternehmen analysiert, die maximal sieben Jahre alt sind und mindestens TRL 6 (Technology Readiness Level 6) erreicht haben. Das bedeutet, die Technologie wurde bereits erfolgreich in einer klinisch relevanten Umgebung demonstriert. Weitere Kriterien waren die Patentdichte, die Validität des Geschäftsmodells sowie das Vertrauen führender MedTech-Investor*innen im Jahr 2025/26.

Black Semiconductor

Angeführt wird dieses Feld von Black Semiconductor aus Aachen, das 2020 von den Brüdern Dr. Daniel und Sebastian Schall gegründet wurde. Sie entwickeln Graphen-Chips – Halbleiter auf Basis von Kohlenstoff-Nanostrukturen, die Daten optisch übertragen und so künftig die enorme Rechenlast neuronaler KI bewältigen sollen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Deep-Tech-Hardware, gestützt durch eine Gesamtfinanzierung von über 254 Millionen Euro. Der Großteil davon (rund 229 Millionen Euro) stammt aus öffentlichen Förderprogrammen, ergänzt durch privates Kapital von Lead-Investor*innen wie Porsche Ventures und Project A. Gegenwärtig liegt der Fokus des Unternehmens auf der Validierung seiner neuen 300-mm-Wafer-Pilotfertigungslinie („FabONE“) in Aachen. Die Graphen-Technologie besitzt dabei das physikalische Potenzial, die Energieeffizienz und Übertragungsgeschwindigkeit gegenüber herkömmlichen Silizium-Chips massiv zu steigern.

CereGate

In München setzt CereGate, gegründet von Dr. Bálint Várkuti, neue Maßstäbe durch eine Software-Plattform, die Informationen direkt in das Gehirn „einschreibt“, um etwa sensorisches Feedback für Prothesen zu generieren. Ihr B2B-Software-Modell zielt auf Partnerschaften mit großen Implantat-Hersteller*innen ab und wird unter anderem von 468 Capital sowie re.Mind Capital unterstützt. Momentan bereitet das Team klinische Studien vor, um die strengen Anforderungen der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) zu erfüllen. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der zukünftigen Behandlung von Parkinson-Gangstörungen, für die das Unternehmen mittelfristig eine entsprechende Zertifizierung und den Marktzugang anstrebt.

MindAhead

Den Bereich der Demenz-Prävention besetzt MindAhead aus Berlin, das 2022 unter anderem von Nina Kiwit und Pasquale Fedele ins Leben gerufen wurde. Ihre KI-Plattform zur Früherkennung und Verlangsamung kognitiven Abbaus wird durch den Roche-Partner RoX Health validiert. In dieser Phase konzentriert sich das Start-up auf die klinischen Studien für die offizielle Listung als dauerhafte DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung). Ziel ist es, nach erfolgreicher Zulassung allen gesetzlich Versicherten in Deutschland einen direkten, auf Rezept erstattungsfähigen Zugriff auf die App zu ermöglichen.

Metis Neurotec

Ebenfalls auf Diagnostik fokussiert ist Metis Neurotec aus Karlsruhe, eine Gründung von Dr. Simon Stock und Marius Gerdes, deren Ursprünge ins Jahr 2021 zurückgehen. Das Spin-off des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickelt eine KI-basierte Software-Plattform zur Demenzprävention. Statt auf EEG-Scans setzen sie auf die intelligente Analyse von individuellen Risikofaktoren und Alltagsdaten, um personalisierte Präventions- und Interventionspläne gegen kognitiven Abbau zu erstellen. Gegenwärtig steht die Weiterentwicklung und Validierung der Plattform im Vordergrund, um künftig als fundiertes digitales Werkzeug die präventive Versorgungskette – auch im ländlichen Raum – nachhaltig zu unterstützen.

Nuuron

Einen visionären Therapieansatz verfolgt das 2023 von Fabian Queisner und Dr. Markus Müschenich gegründete Berliner NeuroTech-Start-up Nuuron. Ihr digitaler „Memory Pacemaker“ zielt darauf ab, das Gedächtniszentrum über ultrahochfrequente visuelle Reize (VR/AR) zu aktivieren und soll künftig als digitale Therapie (DTx) zur Behandlung von Alzheimer-Demenz verschrieben werden. Mit dem kürzlich eingeworbenen Millionenkapital finanziert das Unternehmen nun groß angelegte Studien an der Berliner Charité sowie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), um die gezielte Reaktivierung gedächtnisrelevanter Hirnwellen klinisch zu belegen und den Markteintritt vorzubereiten.

DeepSpin

Parallel dazu arbeitet DeepSpin aus Berlin, das 2020 von Clemens Tepel und Pedro Freire Silva gegründet wurde, an der Revolutionierung der medizinischen Bildgebung durch tragbare KI-MRT-Systeme. Unterstützt durch Investorinnen wie APEX Ventures entwickelt das Team eine völlig neue Architektur, die auf vereinfachte, kostengünstige Magnete setzt und die fehlende Hardware-Präzision durch hochkomplexe KI-Algorithmen ausgleicht. Das langfristige Ziel ist es, MRT-Scans extrem kostengünstig und mobil direkt zu den Patient*innen (Point-of-Care) zu bringen. Derzeit forciert das Spin-off die technologische Entwicklung und Validierung seiner Systeme, um den Weg für zukünftige klinische Einsätze und behördliche Zulassungen zu ebnen.

BrainGrade

In der Hauptstadt ansässig ist auch BrainGrade, das 2019 von Peter Schlecht gegründet wurde und durch den renommierten kalifornischen Biotech-Accelerator IndieBio gefördert wird. Das Neurotech-Start-up arbeitet an intelligenten Gehirnimplantaten zur kognitiven Neurostimulation, um den Abbau bei Alzheimer-Patientinnen gezielt zu verlangsamen. Das hochkarätig besetzte Team konzentriert sich momentan intensiv auf die technologische Entwicklung und präklinische Validierung der Systeme. Das langfristige Ziel ist es, die Sicherheit und Wirksamkeit dieser Implantate in künftigen klinischen Studien am Menschen zu belegen und so die Unabhängigkeit von Patientinnen deutlich zu verlängern.

Internationaler Ausblick & Fazit

Global erleben wir 2026 eine Verschmelzung von NeuroTech und Generativer KI, wobei die USA bei „Brain-to-Text“-Anwendungen für den Massenmarkt führen, während Asien massiv in staatlich gefördertes Brain-Monitoring im Bildungssektor investiert. Europa hat jedoch die historische Chance, bei der ethisch fundierten, medizinisch zertifizierten Neurotechnologie Weltmarktführer zu bleiben. 2026 ist das Jahr, in dem Neurotechnologie den „Ivory Tower“ der Universitätskliniken endgültig verlässt und im heimischen Medizinschrank ankommt. Für Gründer*innen und Investor*innen bedeutet dies: Der Hype ist vorbei, die Ära der harten klinischen und ökonomischen Beweise hat begonnen.

Glitter Spritz: Popstar trifft Bootstrapping

Warum Bill Kaulitz nicht als Werbegesicht, sondern als Mitgründer beim Aperitif-Start-up Glitter Spritz der Gründer Lupo Porschen und Basti Fischer einsteigt – und was die Gründer*innenszene daraus lernen kann.

Wenn ein internationaler Popstar bei einem deutschen Getränke-Start-up einsteigt, klingeln in der Branche normalerweise die Alarmglocken: Ist das die nächste kurzlebige Influencer-Kampagne? Bei der Berliner Marke Glitter Spritz der Craft Circus GmbH wählt man einen anderen Weg. Tokio-Hotel-Frontmann Bill Kaulitz wird nicht nur Werbegesicht, sondern steigt aktiv als Mitgründer und Gesellschafter in die eigens dafür ausgegründete Glitter Spritz GmbH ein. Ab dem 9. März 2026 startet die begleitende nationale Handelskampagne. Ein Deal, der strategisch wertvoll ist – und auf einem Fundament ruht, das in der Start-up-Welt selten geworden ist.

Vom WG-Zimmer zur Brand-Maschine

Die Historie von Glitter Spritz ist keine klassische VC-finanzierte Start-up-Story. Die Marke entspringt der Craft Circus GmbH, die 2014 von den Studienfreunden Lupo Porschen und Basti Fischer gegründet wurde. Die beiden starteten ihr Unternehmen noch während des Studiums aus einer studentischen Wohngemeinschaft in der Hamburger Sternschanze heraus.

Die Manufaktur hat sich über zehn Jahre hinweg komplett ohne externes Investorenkapital (Bootstrapping) aufgebaut. Eine frühe strategische Entscheidung der Gründer war es, die eigentliche Destillation nicht selbst durchzuführen, sondern an eine Familienbrennerei in Rheinland-Pfalz auszulagern. So konnte sich das Team von Beginn an voll auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Produktentwicklung, Design, Marketing und den eigenständigen Vertrieb.

Erprobte Konzepte: "BIRDS" und "Flaschenpost" ebneten Weg

Für Bill Kaulitz ist das Investment kein Blindflug, denn Glitter Spritz ist keine unerprobte Neuentwicklung. Das Craft-Circus-Team hat in den vergangenen zehn Jahren mehrfach bewiesen, wie man Marken im Regal platziert und im Handel positioniert.

Den Anfang machte 2015 der BIRDS Dry Gin. Inspiriert von einer gemeinsamen Weltreise der Gründer, vereint der Gin 15 Botanicals aus fünf Kontinenten und bediente früh den Wunsch nach "Purpose": Mit jeder verkauften Flasche wird ein nachhaltiges oder soziales Projekt unterstützt.

2017 folgte der massentauglichere Flaschenpost Gin, der gezielt mit dem klassischen Image von Spirituosen brach. Abgefüllt in Apothekerflaschen, setzen die Gründer hier auf humorvolle Sprüche auf den Etiketten und fokussierten sich auf den lukrativen Geschenkemarkt. Bei diesem Produkt experimentierte Craft Circus auch erstmals mit visuellen USPs, die später bei Glitter Spritz weiterentwickelt wurden: Sondereditionen, die durch die Zugabe von Tonic Water ihre Farbe ändern oder bereits einen Glitzereffekt integriert haben.

Der Markt: Alkoholfrei boomt, klassischer Alkohol schwächelt

Mit Glitter Spritz agiert das Start-up in einem dynamischen Marktumfeld. Während der klassische Alkoholmarkt in Deutschland insgesamt rückläufig ist, wächst das Segment für Alternativen spürbar. Um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen, liefert die Marke zwei Varianten: eine Version mit 15 Prozent Alkohol und eine alkoholfreie Alternative.

Letztere trifft den aktuellen Zeitgeist: Laut Unternehmensangaben auf Basis von NielsenIQ-Daten belegte Glitter Spritz im Jahr 2025 Platz 2 der absatzstärksten alkoholfreien Aperitif-Marken im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Unternehmen erzielte in diesem Zeitraum einen mittleren sechsstelligen Absatz und verzeichnete ein zweistelliges Wachstum. Geschmacklich setzt das in Deutschland produzierte Getränk auf Bitterorange, Rhabarber und mediterrane Kräuter und positioniert sich fruchtiger und weniger bitter als herkömmliche Aperitifs.

Smartes Creator-Play oder kurzlebiger Hype?

Für Gründerinnen und Gründer bietet der Case "Glitter Spritz x Kaulitz" lehrreiche Ansatzpunkte, birgt aber auch branchenübliche Risiken. Der USP des Getränks ist primär visueller Natur: Ein essbarer Glitzer, basierend auf dem in der EU zugelassenen Lebensmittelfarbstoff Eisenoxid, sorgt im Glas für einen optischen Effekt. Solche "instagrammablen" Produkte generieren schnelle virale Aufmerksamkeit, bergen jedoch die Gefahr der Kurzlebigkeit. Wenn der Neuheitseffekt verfliegt, muss das Produkt zwingend über Geschmack und Markenidentifikation überzeugen, um dauerhafte Wiederkaufraten zu sichern.

Hier greift jedoch der strategische Schachzug: Dass Kaulitz nicht als reines Testimonial, sondern als echter Gesellschafter und Mitgründer einsteigt, ist ein starkes "Creator-Play". Während viele Creator-Brands an der operativen Umsetzung scheitern, trifft hier eine immense Reichweite auf ein krisenerprobtes Gründerteam, das Logistik, Produktion und den Vertrieb in über 5.000 Märkte und mehr als 15 Länder bereits etabliert hat. Die tiefe gesellschaftsrechtliche Bindung in einer gemeinsam gegründeten GmbH minimiert zudem das Risiko, dass der Prominente schnell das Interesse verliert.

Dennoch gleicht das Unterfangen im Einzelhandel einem Kampf David gegen Goliath. Der Aperitif-Markt wird von Konzernen mit massiven Marketingbudgets dominiert, und die Regalmeter im Supermarkt sind teuer und umkämpft. Auch wenn Glitter Spritz laut Daten zu den wachstumsstärksten Marken der Kategorie gehört, erfordert die geplante strategische Expansion im In- und Ausland enorme Ressourcen.

Letztlich zeigt der Fall eindrucksvoll, wie man ein bootstrapped Start-up durch gezieltes Design und iterativen Markenaufbau so weit skaliert, dass es für internationale Prominenz als Investment attraktiv wird. Wenn es dem Team um Fischer, Porschen und nun auch Kaulitz gelingt, den optischen Effekt zu einem festen Lifestyle-Attribut zu etablieren, hat das Unternehmen reales Potenzial, den Branchenriesen langfristig Marktanteile abzunehmen.

Aiconiq.io: Das KI-Gehirn für den Mittelstand – Brillante Vision oder teure Manufaktur?

Autonome Agenten, halbierte Prozesskosten und sicheres Daten-Hosting: Mit Aiconiq.io tritt ein Start-up an, um das KI-Gehirn für den Mittelstand zu bauen. Wir wollten wissen, wie das „Corporate Brain“ funktioniert und wo die Herausforderungen bei der Skalierung liegen.

Hinter der Aiconiq GmbH stehen zwei ausgewiesene Branchenexperten. Gegründet wurde das Start-up 2025 von Prof. Dr. Peter Gentsch, einem bekannten KI-Pionier und Seriengründer, sowie dem KI-DeepTech-Experten Dr. Michael Patrushev. Gemeinsam bringen sie jahrzehntelange Erfahrung aus der KI-Forschung, im internationalen Engineering und beim Skalieren technologiegetriebener Unternehmen in ihr neues Projekt ein.

Mehr als nur ein Chatbot

Dass hier DeepTech-Experten am Werk sind, zeigt sich am technologischen Anspruch: Während viele Firmen mit generischen Chatbots experimentieren, integriert Aiconiqs Corporate Brain laut Unternehmensangaben nicht nur explizites, sondern gezielt das implizite Wissen (Tacit Knowledge) der Belegschaft. Erfasst wird dies durch KI-gesteuerte Interviews. Um Halluzinationen und subjektiven Fehleinschätzungen vorzubeugen, setzt Co-Gründer Michael Patrushev auf harte Validierung: „Die KI stellt keine offenen, spekulativen Fragen, sondern kontextualisierte, prozessbezogene Fragen entlang realer Use Cases.“

Nach einem Abgleich mit ERP-Logs und Experten-Kreuzvergleichen speichere das System keine absoluten Wahrheiten, so Patrushev, sondern „gewichtete Wissenselemente mit Vertrauens-Score und Quellenreferenz“. Gerade dieses subjektive Erfahrungswissen sei im Unternehmensalltag entscheidend, müsse aber umsichtig geprüft werden.

David gegen die Tech-Goliaths

Im hart umkämpften Markt stellt sich die Frage, wie lange das Start-up gegen die Milliarden-Budgets von Microsoft oder OpenAI bestehen kann. Prof. Peter Gentsch gibt sich pragmatisch: „Wir kämpfen nicht gegen die Hyperscaler wie OpenAI, Google oder Anthropic – wir nutzen sie.“ Das eigene System setze horizontal auf den bekannten Modellen auf. Der Burggraben entstehe durch branchenspezifische Use Cases in einer sicheren, DSGVO-konformen Umgebung, wahlweise on-premises oder in einer europäischen Cloud.

Gentsch pointiert: „Wir wollen nicht das größte Gehirn bauen; wir bauen das relevanteste Brain für ein Unternehmen. Die Tech-Giganten optimieren Skalierung – wir optimieren den Unternehmens-Kontext.“

Skalierung: Softwareprodukt oder Manufaktur?

Die schnelle Entwicklung der eigenen Modelle sichert Aiconiq durch die interne „Aiconiq Factory“ ab, die auf radikale Automatisierung setzt. Kontrollverlust fürchtet Patrushev dabei nicht: „Geschwindigkeit ersetzt bei uns nicht Qualität – sie wird durch Qualitätssicherungssysteme ermöglicht.“ Jeder KI-generierte Code durchlaufe strenge Security-Checks und Test-Pipelines.

Doch lässt sich das aufwendige Einfangen von Unternehmenswissen beim Kunden ebenso reibungslos skalieren, oder droht Aiconiq in einem beratungsintensiven Manufaktur-Modell steckenzubleiben? Gentsch wehrt ab: Man nutze KI, um KI im Unternehmen aufzubauen. Algorithmen deckten Inkonsistenzen im Wissen automatisch auf und lösten sie teils selbständig. Ganz ohne menschliches Zutun gehe es aber nicht, räumt der Gründer ein: „Damit bleibt immer ein wenig Manufaktur bzw. ‚Human in the loop‘.“

Ausblick

Mit einer aktuellen Bewertung von 10 Millionen Euro und der Aufnahme ins „German Accelerator USA-Programm“ hat Aiconiq.io nach eigenen Angaben bereits namhafte DAX-Konzerne überzeugt. Gelingt es den Frankfurtern nun, die komplexe Wissensextraktion weiter zu standardisieren, könnte sich ihr „Corporate Brain“ als eine treibende Kraft der „industriellen KI-Revolution“ aus Deutschland etablieren.

Zwischen Hausaufgaben und Datenschutz: Der mutige B2C-Vorstoß von innoGPT

Die Inno KI GmbH aus Vechta öffnet ihre bisher auf Geschäftskunden ausgerichtete KI-Plattform nun für Familien. Mit einem neuen "Family Package" wollen die Gründer Mike Koene und Maurice Brumund das Problem des Datenschutzes bei der KI-Nutzung von Jugendlichen lösen. Ein cleverer Schachzug in eine unbesetzte Nische – oder ein schwieriges B2C-Geschäftsmodell mit hoher Preishürde?

Die Zahlen der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) sprechen eine deutliche Sprache: 70 Prozent der Jugendlichen nutzen Künstliche Intelligenz zur Informationssuche, 74 Prozent lassen sich bei den Hausaufgaben helfen. Die Kehrseite dieser rasanten Adaption: Die Nutzung erfolgt zumeist über die kostenlosen Web-Versionen von US-Giganten wie OpenAI oder Google. Sensible Daten – von persönlichen Fragen bis zu hochgeladenen Schuldokumenten – fließen oft ungefiltert in die globalen Trainingsdatenbanken der Anbieter, sofern nicht manuell widersprochen wird.

Während die Politik über Social-Media-Verbote für Minderjährige debattiert, bleibt der regulatorische blinde Fleck bei KI-Tools im Kinderzimmer bislang bestehen. Genau in diese Lücke stößt nun das niedersächsische Start-up Inno KI GmbH mit seiner Plattform innoGPT.

Von der Agentur zum KI-Aggregator

Hinter innoGPT steht kein klassisches, VC-finanziertes Silicon-Valley-Konstrukt, sondern mittelständischer Pragmatismus aus Vechta. Co-Founder Maurice Brumund und sein Team begannen bereits 2022 im Umfeld einer eigenen Digitalmarketing-Agentur, intensiv mit KI-Tools zu experimentieren.

Aus dem internen Pain Point – der Frage, wie Mitarbeitende rechtssicher und datenschutzkonform mit großen Sprachmodellen (LLMs) arbeiten können – entstand Ende 2024 die Plattform innoGPT. Bisher lag der Fokus des Startups strikt auf dem B2B-Segment: Mit rein europäischem Hosting, DSGVO-Konformität und einer Zero-Retention-Policy (keine Nutzung der API-Daten für das Modell-Training) positionierte sich innoGPT als Lösung gegen die „Schatten-IT“ in Unternehmen. Laut Unternehmensangaben nutzen bereits über 2.500 Privat- und Geschäftskund*innen den Service. Nun folgt die Ausweitung des Geschäftsmodells auf den B2C-Markt.

Das Produkt: Ein "Safe Space" für die Familie

Mit dem neuen „Family Package“ erhalten bis zu fünf Familienmitglieder für 34,90 Euro im Monat individuelle Logins zu einer zentralen Plattform. Über diese können sie gebündelt auf verschiedene führende KI-Modelle von OpenAI, Anthropic, Google, Meta, Mistral und Black Forest Labs zugreifen. Ein zusätzlich buchbares Add-on filtert persönliche Daten (Named Entity Recognition) wie Namen oder E-Mail-Adressen und ersetzt diese vor der Übermittlung an die Rechenzentren automatisch durch Platzhalter.

Das Geschäftsmodell und der Markt

Aus Start-up-Sicht ist der Vorstoß von B2B-SaaS in ein Family-Abo-Modell gleichermaßen spannend wie riskant. Eine kritische Analyse offenbart dabei mehrere Marktherausforderungen:

  • Der technologische Burggraben (Moat): Das Geschäftsmodell von innoGPT ist im Kern ein Aggregator- oder Wrapper-Modell. Das Start-up entwickelt keine eigenen Foundation-Modelle, sondern baut eine sichere, europäische Middleware-Schicht über die Schnittstellen (APIs) der Tech-Giganten. Der technologische Burggraben ist folglich eher niedrig. Der primäre Unternehmenswert liegt in der User Experience, der reibungslosen Modellanbindung und dem abstrakten Vertrauensfaktor „Datenschutz“.
  • Zahlungsbereitschaft: 34,90 Euro im Monat (knapp 420 Euro im Jahr) sind für ein klassisches Familienbudget eine erhebliche Summe. Der Preis entspricht fast den Kosten von anderthalb ChatGPT-Plus-Lizenzen. Die zentrale Herausforderung für das Marketing wird sein: Sind Eltern bereit, für den Schutz der Daten ihrer Kinder diesen Premium-Aufschlag zu zahlen, während der Nachwuchs die Basis-Tools de facto kostenlos und mit einem Klick auf dem Smartphone nutzen kann?
  • Token-Ökonomie in der Praxis: Das Modell sieht einen geteilten Token-Pool für die fünf Accounts vor. In der Praxis könnte dies zu Reibereien führen, wenn beispielsweise ein Familienmitglied rechenintensive Bildgenerierungen (etwa über Black Forest Labs) durchführt und das Kontingent für die Text-Prompts der restlichen Familie vorzeitig aufbraucht.
  • Wettbewerbslandschaft: InnoGPT bewegt sich in einem Sandwich-Markt. Von oben drohen die direkten B2C-Angebote der Tech-Riesen (es ist absehbar, dass OpenAI oder Google eigene „Family Plans“ ausrollen). Von der Seite drücken EdTech-Start-ups in den Markt, die KI DSGVO-konform direkt in die Lernplattformen der Schulen integrieren – was eine private Familienlizenz obsolet machen könnte.

Ein mutiger Testballon

Für das Start-up-Ökosystem ist die Inno KI GmbH dennoch ein Paradebeispiel für „bootstrapped“ Innovationskraft. Anstatt ein Produkt am Reißbrett zu entwerfen, hat das Team ein valides Angebot aus einem eigenen betrieblichen Schmerz heraus entwickelt.

Der Vorstoß in den B2C-Markt wirkt wie ein smarter, PR-wirksamer Testballon. Das Start-up greift eine hochaktuelle, emotionale gesellschaftliche Debatte auf (Jugendschutz bei KI) und besetzt rhetorisch geschickt die Rolle des Problemlösers. Ob sich das Family-Modell finanziell trägt, hängt letztlich davon ab, ob innoGPT den trockenen Begriff der „DSGVO-Konformität“ für Eltern emotional so aufladen kann, dass er als unverzichtbare Sicherheitsmaßnahme wahrgenommen wird. Gelingt dies nicht, ist das Risiko überschaubar: Das Start-up kann sich nahtlos wieder auf sein wachsendes B2B-Kerngeschäft konzentrieren.

Schluss mit der Wegwerf-Ausrüstung: Outzips Masterplan für eine neue Outdoor-Ökonomie

Gekaufte Outdoor-Ausrüstung wird im Schnitt nur zehn Tage genutzt – eine gewaltige Ressourcenverschwendung. Das junge Berliner Start-up Outzip der Gründer Kai Meier und Eloy Padilla will diese Lücke mit einem digitalen Miet-Marktplatz schließen. Doch wie belastbar ist das „Asset-Light“-Modell der Gründer? Wir haben nachgehakt.

Das Konsumverhalten verändert sich: Gekaufte Outdoor-Artikel werden im Durchschnitt nur zehn Tage genutzt, während 73 Prozent der Millennials laut Marktdaten angeben, mehr Ausrüstung mieten zu wollen. In diese Lücke stößt das Berliner Start-up Outzip. Mit einer digitalen Plattform für die Vermietung von Outdoor- und Sportausrüstung wollen die Gründer den fragmentierten Markt digitalisieren und ein skalierbares „Gear-as-a-Service“-Modell etablieren. Doch wie belastbar ist das Marktplatz-Modell im realen operativen Betrieb, wenn längst auch etablierte Handelsriesen denselben Markt ins Visier nehmen?

Die Gründer und der operative Ursprung

Hinter der im Jahr 2024 in Berlin gegründeten Outzip UG stehen zwei Gründer. Als Co-Founder und CEO bringt Kai Meier berufliche Stationen als Projektmanager in der Bike-Sharing-Economy beim ADFC Berlin sowie im Sales- und Marketingbereich bei ONOMotion in das Vorhaben ein. Co-Founder und CPO Eloy Padilla sammelte zuvor bereits Erfahrungen mit dem D2C-Outdoor-Marktplatz thefaircottage.com.

Der Impuls zur Gründung leitet sich direkt aus der aktuellen Ressourcenverschwendung ab. Im Fachmagazin Suston adressierte Outzip beispielsweise das Problem der Müllberge auf Musikfestivals, die durch billig gekaufte und zurückgelassene Campingausrüstung entstehen, und skizzierte Mietlösungen direkt vor Ort als Gegenmaßnahme. Erste konzeptionelle Bestätigung erhielt das Start-up im Wintersemester 2023/24 im Rahmen einer Projektarbeit der HMKW – Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft sowie im Frühjahr 2025 im „Pitch Battle“ des Startup Insider Podcasts.

Margendruck durch Logistik?

Outzip agiert als B2B2C-Marktplatz, der lokale Miet-Shops, Reisende und Affiliate-Partner*innen zusammenbringt. In ersten Kooperationen binden der Reiseveranstalter Perlenfänger oder Vivido Outzip bereits für sogenannte Mikroabenteuer ein. Die Monetarisierung stützt sich auf eine 15-prozentige Provision pro Buchung. Auf Konsument*innen-Seite soll ein KI-Chatbot bei der Produktauswahl assistieren und so die Konversionsrate stützen.

Das Start-up fokussiert sich im Vertrieb zunächst darauf, Shops einen zusätzlichen digitalen Buchungskanal über das eigene Listing anzubieten. Perspektivisch, so Meier, wolle man das Onboarding eines eigenen Buchungssystems über den SaaS-Partner Sharefox ermöglichen und direkte API-Schnittstellen zu Shops mit existierendem System entwickeln.

Dabei verfolgt das Unternehmen prinzipiell einen „Asset Light“-Ansatz: Es besitzt die Ausrüstung nicht selbst, sondern aggregiert Bestände über API-Schnittstellen. Im Zeitraum 2024 bis 2025 verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben 800 Buchungen – davon 550 im Jahr 2025 – mit einem Gesamtumsatz (GMV) von 50.000 Euro.

Ein Blick auf die Unit Economics offenbart jedoch operative Risiken: Die geplante Integration eines umfassenden Kreislauf-Services inklusive externer Logistikpartner*innen ist im E-Commerce traditionell ein massiver Margenfresser. Auf die kritische Frage, wie das Start-up verhindern wolle, dass hohe Versand- und Aufbereitungskosten das Geschäftsmodell aushöhlen, verweist CEO Meier auf eine betont dezentrale Strategie. „Um insbesondere die Bereitstellungskosten so gering wie möglich zu halten, liegt der Expansionsfokus vor allem auf der Zusammenarbeit mit lokalen Verleih-Anbietern“, argumentiert der Gründer. Die Ware werde idealerweise direkt am „Point of Use“ ausgegeben und dort auch wieder aufbereitet. Das steigere nicht nur die Effizienz durch die Fachkenntnis der Partner, sondern ermögliche überhaupt erst ein breiteres Angebot. So gibt Meier zu bedenken, dass Produkte wie Kajaks „über den Versand kaum profitabel vermietbar wären“.

Kampf gegen Retail-Riesen und Plattformen mit identischem Modell

Der globale Markt für Outdoor-Vermietungen wird laut Branchenprognosen bis 2035 auf 32 Milliarden Euro anwachsen. Für Deutschland geht Outzip von einem adressierbaren Umsatzpotenzial von 700 Millionen Euro aus. Die Konkurrenzlandschaft ist jedoch dicht besiedelt und hochgradig kapitalisiert. Auf der einen Seite stehen etablierte Retailer wie Globetrotter, Decathlon und Intersport, die teils mit eigenen Verleihkonzepten experimentieren. Auf der anderen Seite positionieren sich spezialisierte Vermieter wie Cirkel Supply Co. oder EcoSki.

Die direkteste Gefahr droht Outzip jedoch durch Plattformen wie Lokki oder Rent & Send, die mit einem identischen Marktplatz-Ansatz um exakt dieselben B2B-Partner buhlen. Angesprochen auf den fehlenden technologischen „Burggraben“ des Unternehmens in diesem Umfeld, gibt sich Meier gelassen. Große Retailer sehe man aktuell nicht als Bedrohung, da diese sich „strategisch vor allem auf das Thema Second-Hand und Buy Back Programme fokussieren“. Gegenüber Plattformen mit nahezu identischem Modell wie Lokki führt der Mitgründer ein eher pragmatisches Argument ins Feld: Der strategische Vorteil liege „vor allem in der Positionierung als deutsches Unternehmen“. Dies solle im Vertrieb mit kleinen lokalen Geschäften in der Frühphase den Ausschlag geben. Um hier rasch Marktanteile zu sichern, verspricht Meier zudem schnellere Onboardings durch Kooperationen mit SaaS-Anbietern. Dadurch wolle man ein breites Partner*innen-Portfolio auf dem Marktplatz sichtbar machen, „ohne den individuellen Vertrieb mit jedem Partner einzeln“ stemmen zu müssen.

Einordnung und Fazit

Outzip positioniert sich in einem signifikant wachsenden Segment der Kreislaufwirtschaft. Für die aktuelle Pre-Seed-Runde sucht das Start-up 500.000 Euro, primär um die Software-Middleware zu finanzieren und 18 Monate Runway zu sichern. Flankiert werden soll dies durch eine angestrebte Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg in Höhe von 300.000 Euro. Erste Investitionstickets werden als Wandeldarlehen ab 10.000 Euro bei einem Cap von 2,5 Millionen Euro ausgegeben.

Die größte Hürde bleibt der zügige Aufbau der B2B-Angebotsseite. Die Roadmap sieht zunächst die Akquise lokaler Shops in Brandenburg vor, bevor bundesweit skaliert werden soll. Zudem fokussiert sich das Start-up nach eigenen Angaben im laufenden Jahr ausschließlich auf die Bereiche Camping und Trekking. Das birgt das klassische Henne-Ei-Problem: Wie lockt man Nutzer*innen an, wenn das lokale Angebot noch spärlich ist?

Um diese Phase zu überbrücken, verlässt sich Outzip nicht nur auf Kaltakquise. Man arbeite „an engen Partnerschaften mit relevanten Reiseveranstaltern und Campingplätzen, um die Nachfrage für die entsprechenden Produkte zu erhöhen“, skizziert Meier den Ausweg. Das so generierte Buchungsvolumen diene gleichzeitig als Marktforschung. Durch die zielgruppenspezifische Analyse wisse Outzip sehr genau, „welche lokalen Anbieter aktuell gut zu unserem Portfolio passen“.

Gelingt es dem Team, die Akquisitionskosten für neue Partner niedrig zu halten und die logistischen Herausforderungen effizient zu lösen, könnte Outzip im europäischen Outdoor-Markt eine relevante Rolle spielen. Scheitert jedoch die schnelle Skalierung der Angebotsseite, droht das Modell an den besser kapitalisierten Bestandsakteur*innen abzuprallen.

Sizeless: Schluss mit „Da wächst du noch rein!“

Zu kleine Schuhe schaden Kinderfüßen, ständiger Neukauf belastet den Geldbeutel und die Umwelt. Das Kölner Start-up Sizeless präsentiert nun die Lösung: Einen Premium-Sneaker, der mechanisch um eine ganze Größe mitwächst. Wir sprachen mit den Gründern über den steinigen Weg vom ersten Prototyp bis zur ersten Funding-Kampagne.

Kinderfüße wachsen in rasantem Tempo – oft so schnell, dass die teuren neuen Schuhe schon nach wenigen Monaten wieder drücken. Im Schnitt benötigt ein Kind alle vier Monate neue Schuhe. Das geht nicht nur ins Geld, sondern stellt auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt dar. Viele Eltern greifen auf eine pragmatische, aus orthopädischer Sicht jedoch problematische Lösung zurück und kaufen Schuhe schlichtweg zu groß, nach dem Motto: Da wächst du noch rein.

Die Folge sind nicht selten schlecht sitzende Schuhe, die das Gangbild beeinträchtigen und langfristig zu Fußfehlstellungen führen können. Drei Kölner Gründer wollen diesem Kreislauf aus ständigem Neukauf und Ressourcenverschwendung nun ein Ende setzen. Mit Sizeless hat das Start-up einen Kinderschuh entwickelt, der mechanisch mitwächst und das Problem an der Wurzel packen soll.

Vom Pitch zum Prototyp

Die Idee zu Sizeless entstand aus einer tiefen Kenntnis der Schuhindustrie. Die drei Gründer Alexander Schemel (CEO), Leander Peters (COO) und Louis Smith (CTO & Head Designer) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim Sportartikelgiganten Adidas. Der Startschuss fiel im Frühjahr 2023 bei einer Open Innovation Challenge der Marke On-Running in Zürich, bei der Alexander und Leander ihr Konzept präsentierten und gewannen. Dieser Erfolg war der nötige Funke, um aus der Idee ein Unternehmen zu formen.

Die anschließende Hardware-Entwicklung erwies sich jedoch als massiver Härtetest. „Wir kamen aus Gesprächen mit Fabriken in Portugal zurück, denen das Projekt zu technisch, zu frühphasig und zu risikobehaftet war“, erinnert sich Leander an die anfängliche Frustration. Man konnte zwar die Idee validieren und Eltern dafür begeistern, den Schuh aber schlichtweg noch nicht physisch bauen.

Den entscheidenden Befreiungsschlag brachte schließlich das exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Für das Team war diese Zusage „absolut wegweisend“ – ein essenzieller Anschub, den das Trio aus eigener Kraft niemals hätte stemmen können, räumt der Gründer ein. Das staatliche Programm sicherte den Kölnern nicht nur zwölf Monate rettendes Vollzeit-Commitment, sondern deckte auch die Entwicklungs-, Gründungs- und Patentkosten weitestgehend ab. Vor allem aber lieferte es die nötigen finanziellen Ressourcen, um das fehlende Puzzleteil ins Team zu holen: den studierten Produktdesigner und Ingenieur Louis Smith. Das Stipendium finanzierte seinen Umzug von Glasgow nach Köln sowie seine laufenden Kosten. „In der Essenz: Ohne exist kein Louis, ohne Louis kein Schuh“, bringt es Leander pointiert auf den Punkt.

Doch auch die beste staatliche Förderung hat ihre strukturellen Grenzen. Wie Leander erklärt, enden die Möglichkeiten von exist exakt am kritischen Übergang von der Prototypen-Entwicklung zum Launch und der anschließenden Skalierungsphase. Um in Produktion zu gehen und die Marke aufzubauen, sei frisches Kapital zwingend notwendig. Während man sich für die Pre-Seed-Runde bereits mit starken Business Angels gut aufgestellt sieht, richtet sich der Blick der Gründer nun auf eine größere Seed-Runde gegen Ende 2026, um groß angelegte Launches vorzubereiten.

Gepaart wird diese finanzielle Herausforderung mit einem Kampf gegen die Mühlen der Behörden. Bürokratische Hürden seien bei Sizeless quasi das „inoffizielle vierte Teammitglied“. Durch den Brexit gilt Louis als Nicht-EU-Bürger; sein befristetes Arbeitsvisum lief bereits im September 2025 ab. Obwohl das Team zeitnah eine Verlängerung und einen Aufenthaltstitel beantragte, reagieren die zuständigen Sachbearbeiter kaum auf E-Mails oder Anrufe. Louis hangelt sich seither mit befristeten Fiktionsbescheinigungen von Monat zu Monat und darf das Land nach deren Ablauf vorerst nicht mehr verlassen. „Diese Absurditäten lähmen enorm“, kritisiert Leander das überlastete System, durch das jeden Tag reeller wirtschaftlicher Schaden entstehe – auch in ganz anderen Dimensionen als bei ihrem Start-up.

Der Härtetest im Kindergarten

Doch wie wächst ein Schuh mit, ohne an Stabilität einzubüßen? Sizeless geht einen technischen Weg, für den bereits eine Patentanmeldung läuft. Über zwei Laschen an der Außenseite lässt sich die Passform verstellen: Sie ziehen eine flexible Sohle nach oben oder geben sie nach unten frei, wodurch die Zehenbox gezielt vergrößert oder verkleinert wird. So lässt sich der Schuh stufenlos um acht Millimeter in der Länge anpassen – was etwas mehr als einer kompletten Schuhgröße (ca. 6,6 mm) entspricht.

Auf die Frage, ob eine solche Mechanik dem erbarmungslosen Kinder-Alltag standhält, räumt Leander ein, dass das Team hier massiv dazulernen musste. Nachdem CEO Alexander tagelang als „Praktikant“ das Bewegungsverhalten in Kindergärten analysiert und den Schuh einem „Tobetest“ unterzogen hatte, wurde das Design grundlegend überarbeitet. Der Schuh musste „kindergarten-approved“ werden. Das Resultat: eine abriebfeste Sohle mit ordentlichem Profil, ein für Bobbycar-Rennen geschützter Vorderfußbereich sowie wasserabweisende und waschmaschinentaugliche Materialien. „Auch den Sizeless-Schuh wird man kaputt bekommen, wenn man es darauf anlegt“, gibt Leander unumwunden zu. Es gelte künftig stets die Kunst zu beherrschen, Minimalismus und Flexibilität mit der nötigen Robustheit auszubalancieren.

Passform und orthopädische Grenzen

Da Kinderfüße bekanntermaßen nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen, kombiniert Sizeless die Mechanik mit einer von Natur aus breiten Zehenbox und einem flexiblen Obermaterial. Ein zusätzlicher Klettverschluss am Spann sorgt für Anpassungsfähigkeit bei hohen oder niedrigen Risten. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Dr. Jan-Peter Goldmann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln, der sicherstellen soll, dass die Verstellmechanik die natürliche Fußentwicklung optimal fördert.

Trotz der Anpassungsfähigkeit zieht das Start-up eine klare Grenze. „Ganz wichtig: Wir sind kein Medizinprodukt!“, betont Leander. Der Leisten orientiere sich am durchschnittlichen Kinderfuß. Absolut außergewöhnliche Maße oder komplexe orthopädische Besonderheiten wolle man mit dem Launchmodell bewusst noch nicht abdecken.

Premium-Preise und ein neues Konsumverhalten

Mit dem Konzept greifen die Kölner das traditionelle Geschäftsmodell von branchenweiten Platzhirschen wie Superfit, Ricosta oder Elefanten an, das auf den ständigen Neukauf angewiesen ist. Sizeless hingegen macht dieses schnelle Wachstum zum Feature. Preislich positioniert sich der in Europa gefertigte Schuh mit einer UVP von rund 99 Euro klar im Premium-Barfuß-Segment. In diesem dominieren aktuell Marken wie Wildling Shoes oder Affenzahn.

Wird gesunde Fußentwicklung damit zum Luxusgut? Leander kontert diese Befürchtung vehement: Kinderfüße bräuchten vor allem Raum zur freien Entfaltung, ganz nach dem Prinzip „Beschützen statt beschränken“. Der Preis richte sich an eine Kernzielgruppe, die gezielt nach funktionalen, hochwertigen Schuhen sucht, und amortisiere sich ohnehin durch die deutlich längere Nutzungsdauer.

Gleichzeitig fordert der Ansatz ein Umdenken der Eltern, die traditionell auf das Ausmessen im stationären Fachhandel vertrauen. Leander sieht darin keinen Zwang, sondern eine Befreiung: Eltern „mussten“ bisher ins Geschäft, weil die Schuhe drückten. Mit Sizeless „können“ sie den Schuh bequem selbst anpassen. Den unter Personalmangel leidenden Fachhandel sehe man langfristig nicht als Konkurrenten, sondern als wichtigen Hebel – auch wenn der limitierte Launch bewusst der eigenen Community vorbehalten bleibt. Langfristig wolle man durch ein innovatives Konzept wieder Menschen in die Läden bewegen.

Marktreife und Skalierung: Eine neue Ära?

Nach monatelanger Entwicklung hat das Team einen verlässlichen Produktionspartner in Portugal gefunden, der europäische Qualitätsstandards garantiert. Aktuell geht Sizeless den nächsten Schritt: Am 16. März 2026 launchte eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um die erste Serienproduktion zu finanzieren. Verläuft alles nach Plan, sollen die ersten Schuhe im Sommer 2026 ausgeliefert werden.

Bleibt die große wirtschaftliche Frage: Kannibalisiert sich ein Geschäftsmodell nicht selbst, wenn Kund*innen seltener Schuhe kaufen müssen? „Kannibalisiert wird am Ende nur das, was sich dem neuen Standard nicht anpasst“, gibt sich Leander selbstbewusst. Die Skalierung soll einerseits über die Erweiterung des Sortiments um Modelle wie den ersten Winterschuh für 2026, Hausschuhe, Sandalen oder Gummistiefel erfolgen. Der eigentliche Hebel sei jedoch das Patent. Sobald dieses final erteilt ist, will das Start-up Lizenzen an andere Marken vergeben. Die Vision der Kölner ist grenzenlos: Jeder Schuh soll künftig ein Sizeless-Schuh werden können – völlig unabhängig davon, welches Logo am Ende auf dem Karton steht.

Clean Ocean Coatings: Grüne Revolution am Schiffsrumpf

Wie das 2021 von Patricia Griem und Dr. Christina Linke gegründete Hamburger Start-up Clean Ocean Coatings den Milliardenmarkt für Schiffsfarben aufmischen will.

Algen und Muscheln am Rumpf kosten die globale Handelsschifffahrt jährlich Milliarden an zusätzlichem Treibstoff und schaden den Ozeanen. Das Start-up Clean Ocean Coatings hat eine biozidfreie Alternative entwickelt, die in Feldversuchen überrascht. Doch kann sich ein DeepTech-„Zwerg“ gegen die globalen Chemie-Giganten behaupten? Eine Analyse.

Das Phänomen ist so alt wie die Seefahrt selbst: Sobald ein Schiffsrumpf ins Meerwasser taucht, siedeln sich Mikroorganismen, Algen und schließlich Seepocken an. Dieses sogenannte Biofouling macht Schiffe schwerer und erhöht den Wasserwiderstand enorm. Laut Angaben des Fraunhofer-Instituts kann starker Bewuchs den Kraftstoffverbrauch von Frachtschiffen um bis zu 40 Prozent in die Höhe treiben.

Die gängige Lösung der Industrie ist ebenso pragmatisch wie umstritten: Antifouling-Lacke, die oft auf Zinn- und Kupferbasis beruhen oder Mikrokunststoffe enthalten. Das Prinzip vieler dieser Beschichtungen ist es, sich im Wasser absichtlich abzuwaschen („self-polishing“), um den Bewuchs mitsamt der obersten Farbschicht abzustoßen. Dabei gelangen Schätzungen zufolge jährlich rund 100.000 Tonnen toxischer Substanzen in die Weltmeere – ein Vorgang, den Kritiker als die wohl größte unregulierte Umweltverschmutzung der maritimen Industrie bezeichnen.

Aus dem Labor vor dem Aus gerettet

Genau an diesem ökologischen wie ökonomischen Hebel setzt Clean Ocean Coatings an. Die Geschichte des Start-ups ist ein klassisches Beispiel für den Technologietransfer aus der Wissenschaft. Co-Gründerin und Materialwissenschaftlerin Patricia Griem begleitete die Basis der Beschichtung über acht Jahre lang in Forschungsprojekten an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Phi-Stone AG. Als Fördergelder ausliefen, drohte die Technologie in der Schublade zu verschwinden.Auf einer Konferenz Anfang 2020 hörte Dr. Christina Linke davon. Die promovierte Lebensmitteltechnologin (mit R&D-Stationen bei Unilever und Symrise) erkannte das immense Marktpotenzial. Die beiden Frauen schlossen sich zusammen und gründeten im Mai 2021 die Clean Ocean Coatings GmbH, um das Patent zur Marktreife zu führen.

Ökologie trifft auf harte Wirtschaftlichkeit

Das Ergebnis ist ein sogenanntes Ecoating“(basierend auf der Technologie Polyramik®), eine biozid- und lösungsmittelfreie Kombination aus nanostrukturierten Partikeln und einer Polymermatrix. Sie macht den Rumpf extrem glatt, wodurch sich Organismen schwerer ansiedeln und durch die Wasserströmung schlicht abwaschen lassen.

Dass das Konzept in der rauen Realität der Meere funktioniert, legen Branchendaten nahe: In einem achtmonatigen Feldversuch wies das Ecoating deutlich weniger Abrieb auf als konventionelle Vergleichsprodukte. Selbst siebeneinhalb Jahre alte Testflächen auf Frachtschiffen sollen laut Unternehmensangaben noch immer intakt sein.

Der eigentliche Treiber für die zutiefst konservative Schifffahrt ist jedoch ökonomischer Natur. Ein Werftaufenthalt im Trockendock kostet bei großen Handelsschiffen schnell mehrere Millionen US-Dollar. Hinzu kommen die „Off-Hire-Kosten“ – Einnahmeausfälle für jeden Tag, an dem das Schiff im Dock liegt. Die Hamburger Lackierung soll nicht nur den Treibstoffverbrauch senken, sondern vor allem deutlich länger halten als herkömmliche Lacke und mit weniger Schichten auskommen. Für Flottenbetreiber bedeutet das längere Wartungsintervalle und potenziell Einsparungen in Millionenhöhe.

Start-up vs. Chemie-Oligopol

Trotz der technologischen Brillanz der Idee steht das Start-up vor massiven Hürden. Die kommerzielle Schifffahrt ist extrem risikoavers; Reeder vertrauen seit Jahrzehnten auf etablierte Marken, denn ein misslungener Anstrich bei einem 200-Meter-Frachter ist ein logistischer Albtraum. Zudem wird der Markt von einem globalen Oligopol dominiert – Giganten wie Jotun, Hempel oder AkzoNobel verfügen über fest zementierte Netzwerke zu den asiatischen und europäischen Werften.

Wer hier Marktanteile erobern will, muss enorme industrielle Produktionskapazitäten aufbauen und hochsensible Spezialchemie just-in-time um die halbe Welt liefern. Der Kapitalbedarf für diesen Kraftakt ist immens. Neben staatlichen Förderungen wird das Start-up daher von Impact-Venture-Capital-Gebern wie dem Frühphasen-Investor capacura finanziert, die das nötige strategische und monetäre Fundament für die anstehende Skalierung legen.

Fazit

Die Marktchancen sind exzellent – nicht zuletzt, weil die EU und die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) alte Lacke zunehmend reglementieren. Gelingt es Linke und Griem, verlässliche globale Lieferketten aufzubauen, könnte Clean Ocean Coatings den Markt nachhaltig verändern – oder zu einem hochattraktiven Übernahmeziel für jene Branchenriesen werden, gegen die das Start-up heute mutig antritt.

Last Mile am Limit?

Über 3.000 Kurier*innen, mehr als 50 Städte und ein stetig wachsendes Logistiknetzwerk: Die Hamburger Fleetlery GmbH hat seit 2021 ein massives B2B-Geschäft hochgezogen – komplett gebootstrapped. Doch das Geschäftsmodell der Gründer Timo Kerzel und Micheal Kingreen offenbart die harten Strukturprobleme der Quick-Commerce-Branche. Ein Blick hinter die Kulissen eines Start-ups, das zwischen Skalierung, Tech-Versprechen und handfesten Arbeitskämpfen navigiert.

Es war das Jahr 2021, als die Quick-Commerce-Blase ihren Höhepunkt erreichte. Milliarden an Venture Capital flossen in Start-ups, die versprachen, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Inmitten dieses Hypes gründeten Timo Kerzel (zuvor Projektleiter bei TKE Elevators) und Micheal Kingreen in Hamburg die Fleetlery GmbH. Ihr Ansatz war jedoch ein anderer: Keine eigenen Dark Stores, keine Konsumenten-App, kein massives Cash-Burning. Fleetlery positionierte sich als reiner B2B-Infrastrukturanbieter. Das Versprechen: Delivery-as-a-Service.

Heute, gut vier Jahre später, zieht Fleetlery Bilanz. Während viele der hochfinanzierten Einhörner von damals verschwunden oder fusioniert sind, ist das gebootstrappte Hamburger Startup gewachsen. Über 3.000 Kuriere und Picker sind laut Unternehmensangaben für Fleetlery auf der Straße. Doch der Erfolg hat einen Preis – und offenbart, dass die letzte Meile längst kein rein technologisches Spielfeld mehr ist.

Bootstrapping im Logistik-Sektor: Flexibilität als Währung

Wer im kapitalintensiven Logistikmarkt ohne externes Risikokapital skaliert, muss Cashflows extrem präzise managen. Fleetlery löste dieses Problem, indem es sich als flexibler Puffer für große Player positionierte. Anstatt den Markt selbst aufzurollen, dockt das Start-up per API an bestehende Plattformen an. Der eigentliche strategische Schachzug folgte jedoch durch die Zulassung zur offiziellen Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit). Fleetlery verkauft seither nicht nur reine Lieferungen, sondern vermietet das Personal. Dieses Modell generiert verlässliche B2B-Umsätze, da saisonale Spitzen bei den Kund*innen abgefedert werden.

Last Mile ist kein Tech-Problem – sondern ein Strukturproblem

Fleetlery wirbt intensiv mit seinem KI-gestützten Dispatching-Algorithmus, automatisierten Routenoptimierungen und Geofencing. Doch die Realität der letzten Jahre hat eine schmerzhafte Lektion zutage gefördert: Die beste App der Welt liefert keine Pizza aus. Technologie ist in der Logistik längst zur Commodity geworden. Das eigentliche Bottleneck ist der Mensch. Händler*innen, die unter hohem Kostendruck stehen, können sich keine eigenen Flotten leisten. Fleetlery füllt diese Lücke und agiert als Schmiermittel der E-Commerce-Maschinerie – trägt damit aber auch das gesamte operative Risiko der Personalgewinnung in einem traditionellen Niedriglohnsektor.

Zwischen Zeitarbeits-Riesen und Subunternehmern

Betrachtet man das direkte Wettbewerbsumfeld, operiert Fleetlery in einer hochkomplexen Sandwich-Position. Auf der einen Seite diktieren die großen B2C-Plattformen als Auftraggebende die Preise. Auf der anderen Seite tummelt sich die direkte Konkurrenz. Da sind zum einen die klassischen Personaldienstleister*innen. Sie verfügen zwar über massive Pools an Arbeitskräften und die nötigen Lizenzen zur Arbeitnehmer*innenüberlassung, doch ihnen fehlt oft die tiefe technologische API-Anbindung an die Food-Plattformen sowie das operative Flottenmanagement.

Zum anderen gibt es internationale Delivery-as-a-Service-Player, die in Deutschland oft an der mangelnden Profitabilität gescheitert sind. Der wohl härteste Wettbewerb auf der Straße kommt jedoch von lokalen Subunternehmer*innen: hyperlokale Flottenbetreiber*innen, die mit Niedrigpreisen locken, aber bei den strenger werdenden Compliance-Prüfungen der Auftraggebenden zunehmend durchfallen. Hier sucht Fleetlery seinen USP: Durch die Arbeitnehmer*innenüberlassungs-Lizenz und die Tech-Integration positioniert sich das Start-up als haftungssicherer Partner für Großkund*innen, die das operative Risiko auslagern wollen. Sie versuchen, den oft unregulierten Markt der Subunternehmer*innen zu professionalisieren – müssen sich diesen Anspruch in einem preissensiblen Marktumfeld aber hart erkämpfen.

Die kritische Kehrseite: Skalierung in der Grauzone?

An der operativen Umsetzung auf der Straße entzündet sich massive Kritik. Der Marktführer Lieferando sorgte im Spätsommer 2025 für heftige Proteste, als bekannt wurde, dass rund 2.000 interne Fahrer*innenjobs abgebaut und unter anderem an Fleetlery ausgelagert werden sollten.

Gewerkschaften wie die NGG und Initiativen wie arbeitsunrecht.de werfen den Auftraggeber*innen vor, Subunternehmer*innen gezielt für Union Busting (die Aushebelung von Betriebsräten) zu nutzen. Zwar betont Fleetlery auf seiner Website die Festanstellung der Kuriere, doch Berichte von Arbeitnehmer*innenvertretern zeichnen ein anderes Bild: Kritisiert werden Stücklohn-Modelle nach Auslieferung und undurchsichtige Vermittlungskonstrukte. Fleetlery navigiert hier in einem juristisch hochkomplexen Umfeld, das zwar bei einigen internationalen Wettbewerber*innen Branchenstandard ist, für ein deutsches Start-up jedoch ein permanentes Reputationsrisiko darstellt.

Vier Jahre Last Mile: Learning by Scaling

Aus der Retrospektive lassen sich für Gründer*innen drei zentrale Learnings aus der Fleetlery-Historie ableiten:

  • Die Unterschätzung des operativen Supports: Eine Flotte steuert sich nicht allein durch KI. Ohne den Aufbau eines massiven Live-Supports implodiert die Wirtschaftlichkeit durch Fehllieferungen.
  • Die regulatorische Falle: Der reine Vermittlungs-Ansatz ist in Deutschland juristisch riskant. Die strategische Entscheidung zur Arbeitnehmer*innenüberlassung war essenziell für das B2B-Geschäft.
  • Die Erweiterung der Wertschöpfungskette: Wer nur liefert, verbrennt Geld. Fleetlery überlebte das Bootstrapping nur durch zusätzliche Services (Zeitarbeit, IT-Integration, BPO-Dienstleistungen).

Fazit

Timo Kerzel und Michael Kingreen haben bewiesen, dass man einen Logistik-Player ohne fremdes Kapital bauen kann. Fleetlery ist heute ein wichtiger Puffer für den deutschen Delivery-Markt. Doch das Geschäftsmodell balanciert auf einem schmalen Grat zwischen unternehmerischer Flexibilität, massivem Margendruck und harten arbeitsrechtlichen Diskursen.

Der Code des Lebens: Wie die Longevity-Branche 2026 den Health-Markt erobert

Vom Milliardärs-Hobby zum systemrelevanten Gesundheitsmarkt: Wie deutsche Start-ups das Altern als behandelbare Krankheit neu definieren.

Vor wenigen Jahren galt das Streben nach einem radikal verlängerten Leben noch als exzentrisches Hobby von Silicon-Valley-Milliardären. Heute ist Longevity – die Wissenschaft der Langlebigkeit – im Zentrum der europäischen Gesundheitsökonomie angekommen. Angesichts einer massiv überalternden Gesellschaft und kollabierender Gesundheitssysteme hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Altern wird nicht mehr als unvermeidliches Schicksal hingenommen, sondern als die zugrundeliegende Ursache der meisten chronischen Krankheiten verstanden.

Start-ups in diesem Bereich sind längst keine Alchemisten mehr. Sie sind datengetriebene BioTech- und Software-Pioniere, die den Fokus von der bloßen Lebensverlängerung auf die Verlängerung der gesunden Lebensjahre verschoben haben und damit einen der vielleicht lukrativsten Zukunftsmärkte der Medizin erschließen.

Die Marktlage: künstliche Intelligenz als Schlüssel zur Zelle

Der deutsche Longevity-Markt hat seine wilde Goldgräberstimmung hinter sich gelassen und eine beeindruckende technologische Reife erreicht. Der alles dominierende Treiber ist dabei die Künstliche Intelligenz. Während die biomedizinische Forschung früher Jahrzehnte brauchte, um zelluläre Alterungsprozesse zu verstehen, entschlüsseln KI-Modelle heute epigenetische Muster in Rekordzeit. Einer aktuellen Branchenanalyse von Roland Berger zufolge betrachten 68 Prozent der institutionellen Gesundheitsinvestoren Longevity mittlerweile als festen Bestandteil ihres Portfolios. Diese Relevanz spiegelt sich in harten Zahlen wider: Laut dem jüngsten Start-up-Report der KfW flossen allein im vergangenen Jahr rund 850 Millionen Euro an Wagniskapital in deutsche Unternehmen an der Schnittstelle von BioTech, Präventivmedizin und AgeTech. Das Marktvolumen wächst rasant, getrieben von einer kaufkräftigen Boomer-Generation, die massiv in den Erhalt ihrer biologischen Jugend investiert.

Die neuen Treiber: Jenseits von Vitaminen und Kapseln

Die Branche hat sich meilenweit von simplen Nahrungsergänzungsmitteln entfernt. Den Markt dominieren 2026 hochkomplexe Sub-Sektoren, die direkt in den molekularen Alterungsprozess eingreifen. Einer der stärksten Trends sind die sogenannten Senolytika – Wirkstoffe, die gezielt gealterte, toxische „Zombie-Zellen“ im Körper aufspüren und zerstören. Ein weiterer massiver Treiber ist das Epigenetic Reprogramming, bei dem Zellen durch Eingriffe buchstäblich verjüngt werden. Zudem explodiert der Markt für präventive Biomarker-Diagnostik: Blut- und DNA-Tests für Zuhause, die das biologische Alter messen und durch KI-Auswertung exakte Lebensstilempfehlungen geben. Etablierte Pionier*innen wie der spezialisierte Fonds Apollo Health Ventures haben diese DeepTech-Entwicklungen früh erkannt und finanzieren Start-ups, die den Alterungsprozess nicht nur verlangsamen, sondern messbar umkehren wollen.

Reality Check: Die geplatzten Blasen der Langlebigkeit

Wer den heutigen Boom verstehen will, muss auf die spektakulären Rückschläge der ersten Longevity-Ära blicken. Das prominenteste Mahnmal bleibt der Fall von Sirtris Pharmaceuticals in den USA, einem Start-up, das den Anti-Aging-Wirkstoff Resveratrol erforschte. Nach einer Übernahme für über 700 Millionen Dollar durch GlaxoSmithKline musste das Projekt später wegen mangelnder Wirksamkeit in klinischen Studien komplett eingestampft werden. Auch der Hype um das Wundermolekül NMN (Nicotinamid-Mononukleotid) endete für viele Start-ups in einem Desaster, als amerikanische und europäische Behörden plötzlich den Status als Nahrungsergänzungsmittel kippten.

Aus diesen Abstürzen lassen sich klare Fallstricke für heutige Gründer ableiten. Erstens die Regulatorik: Altern ist von der FDA und EMA offiziell nicht als Krankheit anerkannt, was die Zulassung von reinen „Anti-Aging-Medikamenten“ extrem komplex macht. Zweitens die Snake-Oil-Falle: Im B2C-Geschäft mit Supplements verlieren Marken ohne knallharte klinische Evidenz sofort das Vertrauen der informierten Konsumenten. Drittens die klinische Zeitleiste: Den Beweis zu erbringen, dass ein Medikament das Leben verlängert, dauert Jahrzehnte – ein Zeitraum, den klassische VCs oft nicht finanzieren wollen. Viertens die Margen-Illusion: Wer im Diagnostik-Bereich teure Tests verkauft, scheitert oft an horrenden Kundenakquisitionskosten, wenn das Geschäftsmodell keinen kontinuierlichen medizinischen Mehrwert bietet.

Das deutsche Netzwerk: Die Hotspots der Verjüngung

In Deutschland hat sich eine hochspezialisierte Forschungs- und Gründungslandschaft gebildet, die weltweit Beachtung findet. München und das Umland bilden das absolute Epizentrum für molekulare Altersforschung. Die Nähe zum Max-Planck-Institut für Biochemie und der TU München verschafft Gründer*innen hier direkten Zugang zu biotechnologischer Spitzenforschung. Berlin hingegen hat sich als unangefochtener Hub für Longevity-SaaS, B2C-Diagnostik und Plattform-Modelle etabliert, stark befeuert durch die klinische Nähe zur Charité und dem Berlin Institute of Health. Heidelberg und die Rhein-Neckar-Region dominieren den Bereich der altersbedingten Onkologie, angetrieben vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Eine völlig neue Dynamik erlebt Mainz: Im Schatten des BioNTech-Erfolgs entsteht hier ein rasant wachsender Cluster, der die mRNA-Technologie gezielt zur zellulären Verjüngung nutzt.

Investor*innen-Radar: Wer finanziert das Business rund ums lange Leben?

Das Kapital für den Traum von der Unsterblichkeit stammt 2026 aus einer hochprofessionellen Allianz. An vorderster Front agieren spezialisierte VCs wie Apollo Health Ventures, der größte europäische Fonds mit exklusivem Fokus auf altersbedingte Krankheiten, oder Kizoo Technology Capital. Top-Tier Generalisten wie Cherry Ventures, HV Capital und Earlybird sind mittlerweile massiv im Markt vertreten, fokussieren sich jedoch bevorzugt auf skalierbare SaaS-Modelle, Biomarker-Plattformen und Kliniken. Auch die Industrie schläft nicht: Corporate VCs wie M Ventures oder der Boehringer Ingelheim Venture Fund investieren strategisch in DeepTech, um zukünftige Pharma-Pipelines zu sichern. Das eigentliche Schmiermittel der Szene sind jedoch erfahrene Business Angels. Prominente Köpfe wie Michael Greve oder Christian Angermayer pumpen massiv privates Kapital in visionäre Start-ups und nehmen dabei in der extrem riskanten Frühphase Forschungszyklen in Kauf, die traditionelle Banken längst abschrecken würden.

Diese Longevity-Start-ups sollte man auf dem Radar haben

Um die relevantesten Player der deutschen Longevity-Szene 2026 zu identifizieren, haben wir den Markt anhand von vier Kernkriterien analysiert. Entscheidend waren die Marktrelevanz der Technologie, der wissenschaftliche Reifegrad, die Diversität der Geschäftsmodelle sowie das explizite Vertrauen renommierter Investor*innen.

Aware (Berlin)

Dieses 2021 von Florian Meissner, Ramzi Rizk und Ferdinand Schmidt-Thomé gegründete Start-up steht an der Spitze der präventiven Bewegung in Deutschland. Aware operiert mit einem B2C- und B2B-Abo-Modell, bei dem Nutzer*innen regelmäßige, hochpräzise Bluttests durchführen lassen und die Biomarker-Daten in einer App auswerten. Der USP ist die Demokratisierung der Präventivmedizin durch nahtlose UX und den direkten Zugang zu Laborwerten, um das biologische Alter aktiv zu managen. Finanziert wurde Aware mit Millionenbeträgen von renommierten Investoren wie Cherry Ventures und Lakestar sowie prominenten Angels wie Katharina Jünger und Christian Reber.

Una Health (Berlin)

Das 2021 von Dr. Matthew Fenech, Pascal Grimm und Dominic Steele gegründete Start-up rückt die metabolische Gesundheit ins Zentrum der Langlebigkeit. Über ein B2B2C-SaaS-Modell kombiniert Una Health kontinuierliche Glukosemessgeräte mit einer KI-gesteuerten App, die in Deutschland mittlerweile als offizielle DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung) auf Kassenrezept verschrieben werden kann. Der USP liegt in der hochpräzisen Echtzeit-Analyse des Blutzuckerspiegels, um den Stoffwechsel zu optimieren und Insulinresistenz präventiv entgegenzuwirken. Das Berliner Team sammelte unter anderem eine Millionen-Seed-Runde von FoodLabs ein, um seine digitale Präventivlösung europäisch zu skalieren.

Moleqlar (München/Berlin)

Dieses von den drei Medizinern Dr. Maximilian Griessinger, Dr. Mario Gietl und Dr. Clemens Klingler im Jahr 2020 gegründete Start-up Moleqlar hat den Sprung vom Nischenanbieter zum Marktführer für evidenzbasierte Longevity-Supplements in der DACH-Region geschafft. Das B2C-E-Commerce-Modell verkauft wissenschaftlich fundierte Moleküle und epigenetische Alterstests. Der USP liegt im extremen Fokus auf Aufklärung und klinische Evidenz, um sich vom klassischen Pseudomedizin-Markt abzuheben. Das Unternehmen wächst äußerst erfolgreich und sammelte unter anderem eine Seed-Finanzierung vom VC Rheingau Founders ein, mit deren Hilfe die eigene Expertise für epigenetische Tests durch eine strategische Übernahme weiter ausgebaut wurde.

Probatix (Berlin)

Das 2019 von Dr. Daniel Werner und Philipp Noack gegründete Start-up operiert als essenzieller Infrastruktur-Anbieter für die gesamte Branche. Das B2B-SaaS-Modell liefert anderen Longevity-Start-ups und Kliniken eine Plug-and-Play-Software für die schnelle Abwicklung von Blut- und Biomarkertests. Der USP ist die nahtlose API-Integration von Laborergebnissen direkt in die Apps der Endkunden. Probatix ermöglicht es dadurch zahlreichen anderen Gründern, überhaupt erst skalierbare Longevity-Geschäftsmodelle aufzubauen. Eine Besonderheit im Markt: Das Unternehmen agiert unabhängig von externen Investoren und ist komplett eigenfinanziert (gebootstrappt).

MoleQlar Analytics (ehem. EpiQMAx) (München)

Dr. Moritz Völker-Albert, Dr. Victor Solis und Prof. Dr. Axel Imhof haben EpiQMAx 2018 als Spin-off der LMU München ins Leben gerufen. Das B2B-Geschäftsmodell bot Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen hochpräzise epigenetische Analysen als Dienstleistung an. Der USP basierte auf einem patentierten Verfahren zur Analyse von Histon-Modifikationen mittels Massenspektrometrie, das es ermöglicht, die Auswirkungen von Medikamenten oder Lebensstil-Interventionen auf das biologische Alter exakt zu messen. Nach einer anfänglichen Finanzierung durch den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und einer zwischenzeitlichen Insolvenz Ende 2023, wurde das DeepTech-Unternehmen von dem Berliner Start-up Moleqlar übernommen. Heute operiert es als MoleQlar Analytics GmbH und treibt die Entwicklung von Endkund*innen-Alterstests voran.

Tomorrow Biostasis (Berlin)

Die 2019 von Dr. Emil Kendziorra und Fernando Azevedo Pinheiro gegründete Firma geht an die Grenzen des heute Vorstellbaren. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf Mitgliedschaften für die Kryokonservierung nach dem rechtlichen Tod. Der USP ist der Aufbau der ersten und einzigen professionellen Kryo-Infrastruktur und Standby-Flotte in Europa, in der Hoffnung auf eine zukünftige medizinische Wiederbelebung. Während Tomorrow Biostasis die medizinische Erstversorgung und Logistik übernimmt, erfolgt die eigentliche Langzeitlagerung bei der eng kooperierenden Non-Profit-Organisation „European Biostasis Foundation“ in der Schweiz. Getragen wird die langfristige Vision von Seed-Runden spezialisierter Stiftungen und weitsichtigen Tech-Investor*innen.

Liv Longevity Labs (Berlin)

Als einer der spannendsten Newcomer startete Liv Longevity Labs unter der Führung von Gründer Amer Hamzeh im Jahr 2024. Das B2C-Modell kombiniert den Verkauf von DNA-Methylierungstests zur Bestimmung des biologischen Alters mit einer datengetriebenen Abo-App. Der USP ist ein "AI Longevity Advisor", der die Testergebnisse sofort in hochpersonalisierte Empfehlungen für Ernährung und Lifestyle übersetzt. Das junge Start-up, das unter anderem aus dem Berliner Founder Institute Accelerator hervorgegangen ist, konzentriert sich aktuell auf den Markteintritt und den Aufbau einer starken Early-Adopter-Community.

Recover Society (Frankfurt)

Dieses von Marcus Naumann und Nicolai Gropper im Jahr 2025 gegründete Start-up bringt die Langlebigkeit aus dem Labor in die Luxushotellerie. Das B2B2C-Modell integriert medizinische Hightech-Routinen, Drip-Bars und Biohacking-Technologien als exklusive Hubs in Partner-Hotels (wie den Roomers Hotels). Der USP der Recover Society ist die physische Verschmelzung von Longevity-Medizin und High-End-Hospitality für eine extrem zahlungskräftige, gesundheitsbewusste Zielgruppe. Expansion und Ausbau der Standorte werden von finanzstarken strategischen Partnern aus dem Real-Estate- (Gekko Group) und Kliniksektor (unter medizinischer Leitung von Dr. Dr. Dominik Duscher) getragen.

ASPRIVA (Heidelberg)

Antonio S. Brissa und Christoph Wild gründeten ASPRIVA 2021 als ganzheitliche Longevity-Brand. Das B2C-Modell verbindet den Verkauf hochreiner Premium-Nahrungsergänzungsmittel mit umfassenden digitalen Coaching-Strategien. Der USP ist die radikale Abkehr vom Hype hin zu verhaltensbasierten Longevity-Konzepten, bei denen Supplements nur ein Puzzleteil einer umfassenden Lebensstiländerung sind. Um sich vom unregulierten Markt abzuheben, lässt das Start-up seine Pulver auf bis zu 861 Sicherheitsparameter laborprüfen. Finanziert wird das profitable Wachstum primär durch private Investor*innen.

Years (Berlin)

Das 2021 von einem Team um die Mediziner Dr. Christian Schlatzer und Dr. Jan K. Hennigs gegründete Start-up Years schließt die Lücke zwischen präventiver App und klassischer Arztpraxis und hat kürzlich seine erste Flagship-Klinik am Berliner Kurfürstendamm eröffnet. Das B2C-Geschäftsmodell basiert auf physischen Longevity-Kliniken in Metropolen, in denen zahlende Mitglieder regelmäßige (oft proprietäre) Ganzkörper-MRTs, Biomarker-Screenings und ärztliche Präventiv-Beratung erhalten. Der USP ist die Bündelung der modernsten Diagnostik-Hardware unter einem Dach, um altersbedingte Krankheiten im frühestmöglichen Stadium abzufangen. Anstatt von klassischem Top-Tier-Venture-Capital wird das wachstumsstarke Modell vor allem durch die hochpreisigen Premium-Pakete für Selbstzahler*innen und strategische Health-Investor*innen getragen.

Internationaler Ausblick & Fazit

Während Europa bei Präventiv-Diagnostik und KI stark aufgestellt ist, werden die fundamentalen Durchbrüche der DeepTech-Biologie maßgeblich im Ausland vorangetrieben. Aus den USA schwappt mit Unternehmen wie Altos Labs – ausgestattet mit Milliarden von Jeff Bezos – die Welle der zellulären Reprogrammierung nach Europa. Asien forciert mit massiven staatlichen Förderungen die Stammzellenforschung, während Israel seine Vormachtstellung im Bereich der KI-gesteuerten Vorhersagemodelle für altersbedingte Krankheiten ausbaut. Diese globalen Makro-Trends werden den europäischen Markt in den kommenden Jahren zwingen, regulatorische Hürden schneller abzubauen, um international anschlussfähig zu bleiben.

Für Gründer*innen und Investor*innen in Deutschland bedeutet das aktuell: Der Longevity-Markt verzeiht keine leeren Heilsversprechen mehr. Die Zukunft gehört denen, die harte wissenschaftliche Evidenz mit brillanten, nutzer*innenfreundlichen Software- und Diagnostik-Lösungen verbinden. Wer den Menschen nicht nur mehr Lebensjahre, sondern mehr Lebensqualität verspricht – und das medizinisch beweisen kann –, dem steht in dieser Branche das Tor zu einem der vielleicht größten kommenden Wirtschaftswunder offen.

Alpine Eagle baut das weltweit erste luftgestützte Anti-Drohnen-System

Der Krieg in der Ukraine und Konflikte im Nahen Osten offenbaren eine gefährliche Asymmetrie der modernen Kriegsführung: Die Systeme zur Abwehr feindlicher Drohnen sind oft drastisch teurer als die angreifenden Drohnen selbst. Das Münchner DefenseTech-Start-up Alpine Eagle will dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht mit einem völlig neuen Ansatz lösen. Nun wagt das Unternehmen den nächsten großen Schritt – und steht vor der klassischen Start-up-Herausforderung: der Hardware-Skalierung.

 

Es sind Zahlen, die westlichen Verteidigungsministerien Kopfzerbrechen bereiten: Bei jüngsten Angriffen im Nahen Osten mussten Verteidiger laut Analysten schätzungsweise über 1,5 Milliarden US-Dollar aufwenden, um Drohnen abzufangen, deren Start die Angreifer lediglich rund 250 Millionen US-Dollar kostete. Dieses immense Ungleichgewicht befeuert die Nachfrage nach neuen, kosteneffizienten Systemen, die massive Drohnenangriffe bewältigen können.

Genau in diese Lücke stößt Alpine Eagle. Das 2023 gegründete Start-up vereint Luftfahrtingenieure und Machine-Learning-Experten und baut das weltweit erste luftgestützte Anti-Drohnen-System.

Hinter dem schnellen Aufstieg von Alpine Eagle steht ein Gründer-Duo, das zwei für DefenseTech entscheidende Disziplinen vereint: Jan-Hendrik Boelens (CEO) und Timo Breuer. Boelens bringt als ehemaliger Chief Engineer bei Airbus sowie als Ex-CTO der Drohnen-Pioniere Volocopter und Quantum-Systems tiefe Industrie- und Hardware-Erfahrung mit. Breuer hingegen liefert als ehemaliger Wissenschaftler bei Microsoft Research und der Fraunhofer-Gesellschaft die technologische Software-Tiefe. Diese Kombination überzeugte auch Investor*innen: Namhafte VCs wie IQ Capital, General Catalyst und HCVC investierten bereits über 10 Mio. Euro in die Münchner.

Der Ansatz, nicht Jahre im Labor zu verbringen, sondern schnell in den Markt zu gehen, zahlt sich aus: Bereits 2024 wurde die deutsche Bundeswehr als Erstkundin gewonnen. Das Personalwachstum spiegelt dieses Momentum wider: Von 12 Mitarbeitenden im Jahr 2024 wuchs das Team auf aktuell 50 Personen an; bis Jahresende sollen es 100 sein.

Deep Dive: Sentinel-OS und das fliegende Sensornetzwerk

Anstatt sich auf statische, bodengestützte Abwehrsysteme zu verlassen, verlagert das Unternehmen die Abwehr in die Luft. Das Herzstück bildet die Softwareplattform Sentinel-OS, die sich in verschiedenste Hardware integrieren lässt. Die Plattform arbeitet hardware-agnostisch und nutzt maschinelles Lernen, um kleine, feindliche Drohnen zu erkennen und zu klassifizieren.

Konkret kombiniert das Sentinel-System ein luftgestütztes Radar- und Sensornetzwerk mit einer softwaredefinierten Verteidigungsarchitektur. Das System erfasst feindliche Drohnen über weite Gebiete aus der Luft und schaltet sie schließlich mit eigenen, luftgestützten Abfangdrohnen (Interceptors) aus.

Das Geschäftsmodell: Software-Brain trifft externe Muskeln

Um klassische Entwicklungsengpässe beim Bau von Trägersystemen zu umgehen, wählt Alpine Eagle einen pragmatischen Integrationsansatz. Für eine skalierbare Produktion verknüpft das Start-up seine Technologie mit der DeltaQuad Evo, einer Trägerdrohne des niederländischen Herstellers DeltaQuad. Durch diese Partnerschaft sichert sich Alpine Eagle den Zugang zu industriellen Produktionskapazitäten und stärkt eine widerstandsfähige europäische Lieferkette. Durch die Kombination aus bewährter Hardware und eigener Erkennungs- und Abwehrsoftware können die Systeme deutlich schneller geliefert werden als in klassischen Rüstungsprogrammen.

Für die finale Abfang-Komponente steht jedoch ein operativer Sprung bevor: Alpine Eagle plant aktuell nahe München den Bau einer 2.000 Quadratmeter großen Fabrik, um einen eigens entwickelten Interceptor im großen Maßstab selbst zu fertigen.

Die direkten Wettbewerber im DefenseTech-Valley

Die Standortwahl München ist strategisch. Die bayerische Landeshauptstadt hat sich zum Epizentrum für europäische Verteidigungstechnologie entwickelt. Alpine Eagle agiert hier in einem hochkompetitiven Ökosystem, das intensiv um Budgets und Top-Talente kämpft:

  • TYTAN Technologies: Ein weiteres stark wachsendes Münchner Start-up, das sich auf kosteneffiziente Counter-UAS-Lösungen spezialisiert hat und jüngst ein Millionen-Funding abschließen konnte.
  • Quantum-Systems: Das Unternehmen, bei dem Alpine-Eagle-CEO Boelens früher selbst als CTO tätig war, baut primär Aufklärungsdrohnen (ISR) und prägt den europäischen Markt entscheidend mit.
  • Helsing: Das europäische KI-Aushängeschild der Rüstungsbranche baut zwar keine Drohnen, dominiert aber den Bereich der softwaredefinierten Sensordatenverarbeitung (Electronic Warfare).

Die Hürden der Skalierung

Alpine Eagle profitiert aktuell von massivem Momentum.

  • Das Start-up liefert wichtige Praxis-Validierungen durch Härtetests unter extremen Bedingungen in der Ukraine.
  • Dort sind Counter-Drohnen-Systeme ständigen Massenangriffen ausgesetzt.
  • Zudem müssen die Systeme in der Ukraine auch bei gestörten GPS-Bedingungen zuverlässig funktionieren.
  • Weitere Validierung erfolgte durch die Teilnahme am US/UK-Militärmanöver Project Vanaheim.
  • Zudem ist Alpine Eagle in ein Verteidigungsinnovationsprogramm der Niederlande eingebunden.
  • Neben der Bundeswehr konnte das Unternehmen bereits Kund*innen in UK und den Niederlanden gewinnen.

„Verteidigungsministerien suchen zunehmend nach Systemen, die schnell geliefert und skaliert werden können, wenn der operative Bedarf wächst“, erklärt CEO Jan-Hendrik Boelens. Durch den Aufbau bestehender industrieller Kapazitäten und die Integration in die eigene Architektur kann das Unternehmen skalierbare Abwehrfähigkeiten bereitstellen.

Doch die Skalierung birgt Risiken: Der Aufbau echter Fertigungslinien bindet enorm viel Kapital und bringt klassische Supply-Chain-Risiken mit sich, die im starken Kontrast zur Skalierbarkeit reiner Software-Start-ups stehen.

Fazit

Alpine Eagle beweist eindrucksvoll, dass schnelles Start-up-Tempo in der europäischen Rüstungslandschaft möglich ist. Die Symbiose aus starkem Software-Kern und pragmatischer Hardware-Integration ist klug gewählt. Der eigentliche Reifetest beginnt jedoch genau jetzt: Im direkten Wettbewerb mit hochfinanzierten Playern und etablierten Giganten wird sich zeigen, ob die Transformation zum verlässlichen, massenproduzierenden Hardware-Lieferanten gelingt.

„Keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen“

Im Interview: Alberto Zamora, Mitgründer von osapiens. Seine Tipps und Erfahrungen für Gründer*innen. Das 2018 gegründete Mannheinmer Tech-Unternehmen hat zum Jahresbeginn Unicorn-Status erreicht.

Sie haben kürzlich im Rahmen einer Series C-Finanzierung 100 Mio. USD eingesammelt und damit Unicorn-Status erlangt. Welche Pläne und Ziele haben Sie sich mit dem frischen Kapital gesetzt?

Zamora: In erster Linie war unser Ziel, den neuen Investor Decarbonization Partners, das Joint Venture zwischen BlackRock und Temasek, als strategischen Partner zu gewinnen. Zusammen verfügen die beiden Investmentgesellschaften über ein riesiges Netzwerk, von dem wir in der nächsten Stufe unseres Wachstums stark profitieren können. Der Einstieg von Decarbonization Partners ergänzt die bestehenden Investoren Goldman Sachs Alternatives und Armira Growth hervorragend und ist nicht nur eine Anerkennung unserer bisherigen Erfolge, sondern vor allem ein Vertrauensbeweis in unseren Weg, Nachhaltigkeit und Effizienz zusammen zu denken. Das Investment selbst dient uns als Kapitalrücklage und hilft uns, die bestehende Wachstumsstrategie zu stärken. Unser Ziel ist es, weiter international zu expandieren, insbesondere in den nordischen Ländern und in den USA, und unsere Cloudplattform osapiens Hub als weltweit führende Lösung für nachhaltiges Wachstum zu etablieren. Die neu geschlossene Partnerschaft stärkt langfristig diese Strategie und hilft uns, noch flexibler zu agieren.

Als Sustainability-Software-Start-up bündelt osapiens mehr als 25 Tools und erreicht damit über 2.500 Kunden. Mit welchem Alleinstellungsmerkmal können Sie die Kunden am meisten überzeugen?

Zamora: Unser USP im Vergleich zur Konkurrenz ist unser ganzheitlicher Plattformansatz. Statt Einzellösungen anzubieten, etwa für bestimmte Regulierungen, integriert unser osapiens Hub Lösungen für zahlreiche Anforderungen: Wir vereinen Transparenz-, Compliance- und Effizienzlösungen in einem System, das unseren Kunden klare operative Mehrwerte bietet. Der osapiens Hub funktioniert automatisiert, KI-gestützt und datenbasiert. Dabei bietet er Echtzeitanalysen, strategische Steuerung und Prozessoptimierung. Zudem garantieren unsere Softwarelösungen Rechtssicherheit und können nahtlos in bestehende Systemlandschaften integriert werden. Der große Vorteil unserer Plattform ist also, dass sie regulatorische Anforderungen und operative Prozesse ganzheitlich auf einer zentralen Datenbasis adressiert.

Sie beschäftigen mehr als 550 Mitarbeitende. Welche Herausforderungen kamen auf, als das Team immer größer wurde, und wie haben Sie diese gemeistert?

Zamora: Tatsächlich ist unser Team in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Mittlerweile beschäftigen wir an neun Standorten in Europa und den USA Mitarbeitende mit über 40 Nationalitäten. Die größte Herausforderung war bisher, unserer hohen Wachstumsgeschwindigkeit entsprechend die richtigen Mitarbeitenden zu finden. Gemeistert haben wir das, indem wir von Anfang an klare Werte etabliert haben, die unser tägliches Arbeiten prägen: Speed, Commitment und Team. Das bedeutet im Kern: schnelle Entscheidungen und Umsetzung, hohe Eigenverantwortung und eine enge, standortübergreifende Zusammenarbeit. Diese Werte geben Orientierung und helfen uns, auch bei zunehmender Größe effizient und fokussiert zu bleiben. Unsere Entwicklerteams sind in Mannheim und Madrid konzentriert, was eine enge Zusammenarbeit und Schnelligkeit stark begünstigt.

Welche Rolle spielte künstliche Intelligenz bei der aktuellen Finanzierungsrunde, wie wichtig war Ihren Investoren dieses Thema?

Zamora: Als bedeutendste Zukunftstechnologie war Künstliche Intelligenz sowohl unserem neuen Investor Decarbonization Partners als auch unseren bisherigen Investoren sehr wichtig. Bei uns ist KI wesentlicher Bestandteil unseres Kernprodukts. Selbstlernende Systeme sind eine zentrale Komponente unserer Plattform. Im osapiens Hub bildet KI-gestützte Automatisierung die Grundlage für die Datenverarbeitung, weshalb alle unsere Softwarelösungen auf KI-gesteuerten Prozessen basieren. KI ist also eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Einsatz unserer Lösungen und garantiert effizientes Operieren.

Was ist Ihnen bei der Auswahl Ihrer Finanzierungspartner besonders wichtig?

Zamora: Wir achten vor allem darauf, dass unsere Investoren über ein großes Netzwerk verfügen, das uns bei unserem internationalen Wachstum unterstützt. Mit Decarbonization Partners sowie Goldman Sachs und Armira Growth als Investoren sind wir dafür optimal aufgestellt. Alle unsere Investoren sind dafür bekannt, mit schnell wachsenden jungen Unternehmen zusammenzuarbeiten und diese auf ihrem Weg an die Spitze zu unterstützen.

Sie sind mehr als sieben Jahre am Markt. Was war in der Gründungszeit Ihre größte Lesson Learned?

Zamora: Aus vorherigen Gründungen haben wir vor allem eines mitgenommen: keine Shortcuts bei der Entwicklung des Produkts nehmen. Natürlich spart man zu Beginn Geld und Ressourcen, wenn man seine Software auf externen Hyperscalern aufbaut. Langfristig begibt man sich aber nicht nur in eine gewisse Abhängigkeit, sondern wird aufgrund des eingeschlagenen Entwicklungspfads auch unflexibel. Diese Beschränkung wollten wir bei osapiens unbedingt vermeiden. Deshalb haben wir drei Jahre in den konsequenten Aufbau einer eigenen Plattform gesteckt. Das hat zunächst viele Ressourcen gebunden, gibt uns jetzt aber die Möglichkeit, maximal flexibel auf Veränderungen zu reagieren, und sichert langfristig unsere Unabhängigkeit.

Welchen Rat geben Sie Gründern und Grtünderinnen, die ein B2B-Produkt auf den Markt bringen wollen?

Zamora: Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, um euer Produkt vollständig zu entwickeln. Im Nachhinein fragt keiner mehr danach, ob ihr nach einem oder nach vier Jahren an den Markt gegangen seid. Euer Produkt sollte stets an erster Stelle stehen, und nur dessen Qualität sichert euch langfristigen Erfolg. Vergesst dabei aber nicht, vertrauensvolle Partner zu gewinnen und schon früh den Rat erfahrener Verbündeter einzuholen. Diese strategischen Partnerschaften sichern euch gerade im späteren Stadium die Möglichkeit, erfolgreich zu expandieren. Früh geschlossene Kontakte zahlen sich später aus. Und ganz wichtig: Bleibt optimistisch! Die Rahmenbedingungen können sich in kürzester Zeit ändern, aber wenn ihr an euer Produkt glaubt und flexibel agiert, wird es immer Wege geben, euer Produkt erfolgreich zu vermarkten und dadurch mit eurem Unternehmen zu wachsen.

Alberto Zamora, vielen Dank für das Gespräch

Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen!

Primogene: Muttermilch als Vorbild

Primogene ist ein 2023 gegründetes BioTech-Start-up mit Sitz in Leipzig, das sich auf die Entwicklung biotechnologischer Herstellungsverfahren für bioidentische Inhaltsstoffe spezialisiert hat. Ein Schwerpunkt liegt auf Verbindungen, die der Muttermilch nachempfunden sind und die Gesundheit in allen Lebensphasen fördern können.

Auch wenn das Produkt als weißes Pulver eher unscheinbar aussieht, markiert seine Existenz einen wissenschaftlichen Meilenstein. „Wir haben eine spezielle Technologie entwickelt, dank der wir komplexe bioidentische humane Milchzucker skalierbar herstellen können“, erzählt Linda Karger, einst Managementstudentin an der Technischen Universität in München, heute COO der 2023 in Leipzig gegründeten Primogene GmbH. Die chemischen Verbindungen entsprechen also den im menschlichen Körper vorkommenden Molekülen bis ins kleinste biochemische Detail. Und sie übernehmen – obwohl industriell hergestellt – die gleichen Funktionen, die bisher nur Muttermilch garantierte.

Zum Verständnis: Die komplexen Zuckerstrukturen sind nach Fett und Laktose der drittgrößte feste Bestandteil menschlicher Milch. Sie bieten einzigartige gesundheitliche Vorteile, unterstützen beispielsweise das Immunsystem sowie die kognitive Entwicklung wie kein anderer Stoff. „Nach zahllosen Gesprächen mit Ärzten und Kliniken begann unsere Geschichte mit der Idee, nährstoffreiche Inhaltsstoffe als Zusatz für die Ernährung von Frühgeborenen herzustellen. Weitergedacht können bioaktive Bestandteile der Muttermilch ebenso zur Krankheitsprävention bei Erwachsenen sinnvoll eingesetzt werden“, erklärt Karger. „Um das Wirkungspotenzial unserer Human Milk Oligosaccharides (HMO) weiter zu erforschen, testen wir diese aktuell in enger Zusammenarbeit mit dem Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie.“

Produktsortiment in der Breite offen

Gleichzeitig wird die von Dr.-Ing. Reza Mahour (CEO, Experte für Bioverfahrenstechnologie) und Valerian Grote (CTO, Molekularbiologe/Experte für Analytische Biochemie) entwickelte enzymatische Technologie genutzt, um bioidentische Moleküle für andere Märkte zu erzeugen, beispielsweise Inhaltsstoffe für Produkte der Körperpflege oder Rohmaterialien für die Pharmaindustrie. „Wir produzieren selbst. Dabei lässt sich jedes unserer Produkte auf die spezielle Technologie zurückführen. Unseren Kunden bieten wir Komplettlösungen – das reicht von der Suche nach der richtigen Produktionsplattform bis hin zu Entwicklung und Produktion“, bestätigt Karger. Erste Umsätze wurden nach ihren Angaben bereits früh erzielt. Inhaltsstoffe für den Kosmetikbereich sollen noch in diesem Jahr mithilfe bestehender Partnerschaften am Markt eingeführt werden. Im Pharmabereich wird ebenfalls mit ersten Kunden zusammengearbeitet.

Karger ergänzt: „Wir haben früh auf Partnerschaften und Vorbestellungen gesetzt, um den Markt besser zu verstehen.“ Um die bereits verabredeten hochwertigen Roh- und Inhaltsstoffe bald in größeren Mengen liefern zu können, ist das aktuell elfköpfige Team von Primogene gerade innerhalb Leipzigs umgezogen. Für die anstehende Skalierung war der Wechsel auf eine Betriebsstätte mit mehr Laborfläche und größerem Produktionsbereich wichtig. Große Mitspieler auf dem Feld der HMOs wie die niederländische DSM-Firmenich oder der dänische Konzern Chr. Hansen schrecken Karger nicht: „Bekannt sind mehr als 200 verschiedene HMOs, davon sind bisher sieben strukturell einfacher industriell herstellbar und auf dem Markt. Sie werden mit einer Fermentationstechnologie produziert. Unser enzymatisches Verfahren kann deutlich mehr und komplexere Zuckerstrukturen hervorbringen. Außerdem reicht unsere Produktpalette weit über HMOs hinaus.“

Sichtbarkeit durch Innovationsplattform futureSax erleichtert Investorensuche

Das bisher benötigte Kapital stammt unter anderem von Business Angels aus dem Bereich der Biotechnologie, darunter auch Climate Founders, bei deren Accelerator-Programm Mahour Grote und Karger einst zusammenfanden. Für Primogene als forschungs- und deshalb kapitalintensives Biotech-Unternehmen sind daneben die Mittel aus Förderprogrammen des Landes Sachsen und der Stadt Leipzig von wesentlicher Bedeutung. Darüber hinaus profitiert das Start-up noch heute von der Sichtbarkeit, die es durch den Gewinn des dritten Platzes beim Sächsischen Gründerpreis 2024 erhielt. Zunächst sorgten der professionelle Nominiertenfilm und die begleitende Öffentlichkeitsarbeit von futureSax für Aufmerksamkeit sowohl in den Medien als auch innerhalb des Netzwerks.

Dann bot die Preisübergabe auf der Sächsischen Innovationskonferenz vor über 1.000 Gästen Primogene eine wichtige Gelegenheit zur Präsentation. „Sachsen ist ein Innovationsstandort mit besonderer Dichte: Exzellente Forschung, starke Industrie- und Mittelstandsstrukturen und eine wachsende Start-up-Szene greifen ineinander. Hier entstehen Lösungen, die international wettbewerbsfähig sind. Entscheidend ist der Schulterschluss im Ökosystem – von Hochschulen über Unternehmen bis zu Kapitalgebern. futureSax schafft dafür die Bühne und die Verbindungen, damit aus Ideen schneller Produkte, Partnerschaften und Gründungen werden“, erklärt Susanne Stump, Geschäftsführerin der Innovationsplattform des Freistaats Sachsen. Das Interesse großer Investoren bestätigt, dass Primogene auf dem richtigen Weg ist. Im Jahr 2025 schloss das innovative Start-up eine Seed-Finanzierungsrunde mit namhaften Investoren wie HTGF, TGFS, der Sächsischen Beteiligungsgesellschaft und better ventures ab. Das geplante Personalwachstum sowie die Produktionsaktivitäten der nächsten zwei Jahre sind damit gesichert.

Dies ist ein Beitrag aus der StartingUp 01/26 – hier kannst du die gesamt Ausgabe kostenfrei lesen: https://t1p.de/p8gop